Zumpfwarther

ist angekommen

 

Eine spielerische Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2016)

Seine Mutter, eine Frau aus Ulm,

nannte ihn, auf Tantes Vorschlag: Kulm.

Und fürwahr, ein Gipfel, ein Extrem

tritt mit ihm ans Licht, höchst unbequem …

Christian Morgenstern, Der Neffe (Fragment)

*

Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem

Freunde Lothar schrieb, dass des widerwärtigen

Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht

feindlich in sein Leben getreten sei.

E. T. A. Hoffmann, Der Sandmann

*

1

Gleichsam im Hochgebirge gestrandet zu sein, das schien ihm – sah er von einigen immer noch zu erwartenden Schwierigkeiten einmal ab – eigentlich gar nicht so unangenehm, wie er solches vor kurzer Zeit eventuell noch empfunden hätte. Und bedachte Georg Franz Zumpfwarther den Umstand, dass er eben erst aus einem Düsenjet gefallen war, recht, so konnte er seinem jetzigen (neuen) Status immerhin einiges an Komfort nicht absprechen.

Oder, anders ausgedrückt: Da hätte manches durchaus schlimmer kommen können.

Viel schlimmer.

Es musste wohl (oder übel) eine Explosion im Jet stattgefunden haben, dort oben, in gut und gern 9.000 oder 10.000 Metern Höhe. Doch daran fehlte ihm jegliche Erinnerung; wahrscheinlich hatte er tatsächlich keine, warum auch immer (Höhenrausch? Höhenkoller?). Zudem war Technik ohnedies nie so ganz sein Ding gewesen. Zeit und Raum interessierten ihn, den recht erfolgreichen Spiele-Erfinder und Schöpfer verzwickter Kreuzworträtsel, prinzipiell eher peripher und bloß im Rahmen dessen, was man früher einmal vielleicht als Allgemeinbildung bezeichnet hätte; und was man heutzutage, wenn es schon sein musste, meist und ohne viel Ambition googelte. (Doch: Eventuell hin und wieder für ein Rätsel.)

Überhaupt: Die Gesellschaft – zumindest die des hochindustrialisierten, von Börsen- und Banken abhängigen Westens: eine Art Wohlstands-, Warenanhäufungs- und Wahnvorstellungswelt – hatte sich Georg Franz Zumpfwarthers Meinung nach längst sukzessive von einer bildungsfrohen und lesefreundlichen zu einer anti-literarischen, ja: zu einer analphabetischen hin entwickelt. Eine traurige Tatsache.

Aber: Das war nun einmal so.

Ach ja – in welcher Felsspalte er da gelandet sein könnte? Auch das entzog sich seiner Kenntnis. Kein Geograph, dieser Zumpfwarther. (Einmal würde es sich rächen, so wenig Empathie aufgebracht zu haben, damals, in der Schule, für die diversen Nebenflüsse der Rhône und für die mannigfaltigen Gebirgszüge der Ardennen; ganz zu schweigen von Dnjestr & Dnjepr, Tibet und vom Leibnitzer Feld und dem ach so erhabenen Dachstein-Massiv …)

Er war da, glaubte er (irgendwann …), von Wien-Schwechat abgeflogen, in Richtung – – -? Ja, wohin denn nur?! Berlin? München? Zürich? Paris? Lissabon? Peking? Moskau? Hamburg? Madrid? London? Prag? Warschau?

Jedenfalls – fünf Buchstaben, senkrecht: Sturz.

Wie aus Watte, glaubte er, sei ihm die komfortable Felsspalte vorgekommen; zunächst. Nach einem Flug (eigentlich auch so eine Art von Sturz …), der ihm erst einmal den Atem genommen hatte; vielleicht auch – den Verstand … Ja, vermutlich hatte ihm der Flug/Sturz den Verstand geraubt! (Also doch: Höhenrausch und Höhenkoller?! Schock, immerhin. Ohnmacht.)

Jetzt saß (oder lag oder hockte?) er, Georg F. Zumpfwarther, quasi im Berg. Ob es nun Gebirge des Alpenvorlands waren, die da seinen Sturz über einige tausend Meter freundlicherweise gebremst hatten mittels Weichschnees (oder Alpenblumen und zarter Moose …), ob nun die Hohe Tatra (vier plus fünf Buchstaben, senkrecht), der Ural (vier), die Pyrenäen (acht beziehungsweise neun, wenn ä als ae notiert wurde, waagrecht) oder der Sonnblick (neun Buchstaben; aber um den Sonnblick handelte es wohl eher nicht …), egal: Hauptsache: Er war einigermaßen wohlauf! (Sah man einmal von der Möglichkeit ab, dass alles ohnedies bloß ein skurriler Traum war; oder dass er schon längst zu den Verstorbenen zählte …)

Gleichsam im Hochgebirge gestrandet.

No, das war schon was; eine Geschichte (oder besser: der Beginn einer Geschichte) allemal.

Geschichte, zehn Buchstaben, senkrecht. (Oder doch – waagrecht?!)

*

Mollschauers kehlig-krächzige Stimme hatte ihn immer schon, seit Zumpfwarther die Spiele-Agentur mit seinen Ideen belieferte, von Grund auf abgestoßen. Zwar war Erwin Axel Mollschauer nicht so direkt sein Vorgesetzter (oder gar Chef) – als freier Kreativer gedachte Zumpfwarther überhaupt nur eine übergeordnete Instanz anzuerkennen, nämlich seine Schöpferkraft! -, aber leider verfügten Wort und Meinung dieses Geistesgnoms über einiges an Gewicht bei LudenSpross GesmbH & KOKG. Und: Zwei, drei Spiele im Jahr und ein paar raffinierte Kreuzworträtsel pro Monat in diesem renommierten europa-, ja: weltweit agierenden Ideenkonzern unterzubringen, das war Georg F. Zumpfwarther immerhin den vergleichsweise vernachlässigbaren Anflug von Ärger hin und wieder mit dem gleich fliehkinnigen wie flachhirnigen Mollschauer wert. Sogar ein paar persönliche Treffen, wenn es sich schon partout nicht vermeiden ließ, mussten da drinnen sein. Quasi als geistiger Kollateralschaden.

Dass dieser tumbe Sprach-Tor seltsamerweise auch in der Abteilung, die sich mit der Entwicklung von Kreuzworträtseln, Sudokus und anderen linguistischen, semantischen sowie numerischen Knobelspielen (beziehungsweise deren Vermarktung) beschäftigte, seine dreckigen Finger im Spiel hatte, verwunderte Zumpfwarther zwar; ja, da vermochte er sich keinen Reim drauf zu machen. Doch war die Philosophie (wenn es da überhaupt eine gab), nach der das eher undurchschaubare, international agierende Firmenkonstrukt LudenSpross funktionierte, letztlich nicht sein Kaffee. (Getränk, meist heiß, sechs Buchstaben senk- wie waagrecht.)

Ja, wenn er es recht überlegte, so hatte Georg sich seit Jahren schon mit der Existenz dieses widerwärtigen Afterparts weitgehend abgefunden, der sich bei persönlichen Zusammentreffen, wie es für Charakterlurche seiner Art nicht untypisch ist, ein ums andere Mal in Zuvorkommenheiten und diversen ausgesuchten Höflichkeitsfloskeln schier selbst zu überbieten trachtete. Da fragte Mollschauer verbindlichst nach dem gesundheitlichen Befinden des lieben Freundes Georg, zollte überschwänglich Lob und versicherte den anderen seiner immerwährenden Unterstützung. „Selbstverständlich und jederzeit, altes Haus!“

Dass dieser giftige Frosch hinter Zumpfwarthers Rücken gegen ihn wie wild intrigierte, immer wieder von des Spiele-Machers angeblichem Alkohol-Abusus (just Mollschauer!) faselte und nicht minder aus der Luft gegriffene Sex-Affären (typisch für Mollschauer!) breittrat, konnte ihm schließlich egal sein, da man allem Anschein nach an den Stellen, wo die Entscheidungen getroffen wurden, nämlich im Vorstand von LudenSpross, von Zumpfwarthers Integrität und Können restlos überzeugt war. Nur – ärgerlich schien ihm allein das Vorhandensein einer solchen giftigen Kröte allemal, wie Mollschauer nun einmal eine war!

Doch Zumpfwarther nahm den lurchischen Idioten als (warum auch immer) notwendiges Schicksalsanhängsel (neunzehn oder zwanzig Buchstaben) zur Kenntnis; ohne etwa wie E. T. A. Hoffmanns Nathanel in der Erzählung „Der Sandmann“ durch den Unheil kündenden Fabrikanten von Wettergläsern, diesen Fiesling Coppola, Mollschauers literarischer Entsprechung also, ernstlich seelisch Schaden zu nehmen. Nein. Längst nicht. Dazu erschien ihm der blöde Grottenolm (zehn Buchstaben, geschlängelt) nun wirklich als zu inferior! Aber ärgerlich waren er und allein schon der bloße Gedanke an ihn immerhin. Ärgerlich und störend.

Zudem fiel Zumpfwarther, besonders jetzt und hier, in alpiner, hochgebirgiger, schier Höhlen-dominierter Umgebung, auf, dass er den Intimfeind, diesen dummen Querzahnmolch (oder Axolotl, ambystoma mexicanum) mit merkbaren Anklängen an ein Krokodil oder einen Alligator, vorzugsweise mit unfreundlichen Epitheta aus dem umfänglichen Bereich der wechselwarmen Amphibien, der Lurche also, belegte. Oder dass ihm, wahlweise auch Gräuliches aus den Bezirken der Kriechtiere oder Reptilien einfallen würde, ginge es darum, diesen penetranten geistigen Abglanz sonst wie zu umschreiben. Vielleicht träfe ja überhaupt der älplerisch-touristische Ausdruck bayerischer Deszendenz, nämlich: „Du saublöder Wolpertinger!“, für diesen üblen Zellularverschnitt aus großteils organischem Abfall verschiedener Mischwesen und Chimären ohnedies optimal das Mollschauerische an Mollschauer?! Seltsam …

Seltsam. Zumpfwarther erinnerte sich – warum just jetzt? Egal -, er erinnerte sich an den familienintern belächelten Ausspruch seines Vaters, Ernst Zumpfwarther, den der zu allen sich bietenden, zu passenden wie zu unpassenden Gelegenheiten, stets und auf der Stelle abzusondern bereit war: „Macht euch um mich bloß keine Sorgen! Mir passiert schon nichts …“

Dann, anno 1972, Ernst war nicht nachhause gekommen, fand man den toten Vater nach einigen Tagen. In einer Art Kellerverließ eines übel-beleumundeten Innenstadt-Nachtlokals, das zeitgleich abgefackelt worden war. So weit sich das noch angesichts der angebrannten Reste des alten Zumpfwarther feststellen ließ, gefesselt und so … Gedemütigt. Misshandelt. Erschlagen. Seine immer wieder und in aller Zuversicht geäußerte Überzeugung, dass ihm schon nichts passieren werde, hatte offensichtlich nicht ausgereicht; geschweige denn, dass sie den an sich völlig unbescholtenen und maßvollen Normalbürger tatsächlich vor Unglück bewahrt hätte.

Zumpfwarther senior hatte noch vorgehabt, seine Frau Mathilde anzurufen, um ihr Bescheid zu geben, dass es etwas später werden könnte. Doch Mobiltelefone gab es damals längst noch nicht; und nur zu oft nützte die Schwiegermutter die Nähe zum Telefonapparat aus, der im ersten Stock der gemeinsamen Villa an der Wand hing (die eigentlich Georgs Großeltern, also Hofrat Adalbert und Leonie Woukonig, Mathildes Eltern, gehörte). Sie, die Oma, vermieste Georgs Vater nicht selten mittels ärgerlicher Vorhaltungen den letzten Rest an Lust zum Heimgehen, und so ließ er das Telefonieren letztlich oft und oft bleiben.

Hätte es damals, in den 1970er Jahren schon fälschlicher Weise Anrufbeantworter genannte Apparate zur Speicherung von Mitteilungen gegeben, der letzte verbale Eintrag auf diesem Entgegennahme-Gerät des Festnetz-Anschlusses hätte wohl gelautet: „Ich komme etwas später, aber macht euch um mich bloß keine Sorgen! Mir passiert schon nichts …“

*

Nun denn, er hatte sich in den vergangenen drei Jahrzehnten – jetzt war Georg F. Zumpfwarther Mitte sechzig – durch eine beachtliche Reihe echter Spiele-Klassiker unbestreitbar einen Namen in der doch einigermaßen exquisiten Branche gemacht; doch, man weiß es ja, sogar der Ruhm verblasst; wie alle Schwindelware (um an den genialen Wilhelm Busch zu erinnern!), meist ziemlich rasch und hält zumindest selten über tausend Jahre. (Zumeist vergeht schon etwas eh’r / Die Haltbarkeit und die Kulör.)

Das war nun einmal so. Und hörte man einige Zeit nichts Neues von einem, so war derjenige schnell, sozusagen, weg vom Fenster …

Ja, das waren noch Zeiten gewesen, als Georg zum Beispiel sein rasch überaus populäres „Fang den Fisch!“ kreiert hatte! Das wurde im Jahr 1983 sogar zum „Spiel der Saison“ erkoren! (Leider gemeinsam mit Willibald Schnurzschenkels ausgesprochen dummem Würfel- und Kegel-Kombinations-Unsinn „Brate mir einen Lachs!“ … Oder, auch ein wahrer Zumpfwarther-Schlager: „Wer ist unter der Perücke?“ (1987). Auch das amüsante Brettspiel über die Französische Revolution mit dem hübsch-ironischen Namen „Im Schatten der Guillotine“ (1989) fand rasch seine begeisterten Anhänger und Abnehmer.

Auf dem Sektor Kreuzworträtsel durfte man, fand Zumpfwarther (jetzt, im Nachhinein), damals immerhin noch und ohne weiters nach weniger bekannten Operntiteln von Händel, Gluck, Monteverdi und Weber fragen; auch nach dem Fälscher des Ossian-Epos oder nach den linken (oder rechten) Nebenflüssen der Seine, der Themse oder des Rhein … Und dass der französische Expressionist Henri Rousseau und der Schweizer Philosoph Jean-Jacques Rousseau nicht identisch seien, war den Rätsel-Liebhabern ebenfalls eingängig.

Ja, das waren noch Zeiten gewesen.

Gut, er, Zumpfwarther, hatte brav die Einführung des Computerwesens und der Digitalisierung mitgemacht. Und gemeinsam mit einer Handvoll junger und tougher Programmierer war ihm sogar das recht populäre Computerspiel „Der Untergang des Weströmischen Reiches“ gelungen. (Dafür hatte die smarte Crew im Jahr 2001 sogar den Intelligence Award für herausragende interdisziplinäre Kreativität auf ihrem Spezialgebiet abgeräumt. Sega, Nitendo und Super Mario waren jedoch eindeutig beliebter, bekannter und erfolgreicher. Und simpler. Pech.)

Wenn Georg, sonst beileibe kein rührseliger Nostalgiker, so nachdachte, kam er leicht ins Schwärmen. Waren das doch noch Zeiten gewesen, damals! Die Ideen sprühten nur so, und man konnte sie auch – sozusagen spielend – umsetzen! „Es geht um deinen Kopf, Holophernes!“, hieß da ein weiterer von Zumpfwarthers Geniestreichen, mit der lockeren Variante „Rübe ab, Holo!“ (1999). Oder das semi-virtuelle Brettspiel „Black City, die geheimnisvolle Westernstadt“ (2007), das in Anlehnung an Monopoly konstruiert war; aber wesentlich gefinkelter. Teufel auch! Da konnten die Spielteilnehmer zum Exempel Aktien oder Vermögensanteile der Bank, des Saloons, der baptistischen Kirche, der annähernd hotelähnlichen Absteige oder der florierenden Sargtischlerei erwerben und sogar mit Getreide, Pferden, Frauen und Whiskey an die Börse gehen … Freilich, da hatte der bestechliche einäugige Bürgermeister Henry McCoy immer eine große Klappe, und der unterwürfige Saufbruder Doc Shlitz, ein gewesener Mediziner, zog, trotz seines Dauerrausches, an den diversen Fäden. Nur vor dem aufrechten (blonden) Sheriff Ben Goorkey sollte man besser auf der Hut sein; der sah nämlich so gut wie alles, was jemand in Form von irgendwelchem Dreck am Stecken haben konnte.

Doch stellte sich einem durchschlagenden Erfolg des hübschen Spiels die reale Wirtschaftskrise ab 2008 gewichtig in den Weg.

Ja, in gewisser Weise fürchtete auch Zumpfwarther selbst, dass seine besten Jahre als Spiele-Erfinder schon vorüber seien … Im Berg, hier, jetzt sein Ende zu finden – wäre das tatsächlich so schlimm gewesen? (Langsam machten sich nämlich unüberhörbar Hunger und Durst in ihm breit; seine ausgedörrte Zunge klebte ihm am Gaumen, und in seinen Eingeweiden rumorte und grollte es unüberhörbar.) Ich meine, dachte Zumpfwarther, im Prinzip wäre das gar kein so schlechter Abgang; gemessen an dem, was vorher alles gewesen war – auch Unerfreuliches, durchaus. Tod im Gebirge. Verschollen in den Alpen (oder wo auch immer). Gefangen in einer Spalte. (Er musste, zugegeben, etwas schmutzig lächeln.)

Doch dann stellte sich erneut wieder das Hunger- und Durstgefühl ein. Mahnend, drängend, auch schon etwas bohrend. Gribbelig.

O er sah es förmlich kommen: Er würde bald ein Fall für die FAO, für die Food and Agriculture Organization of the United Nations, mit Sitz in Rom sein. (Er erinnerte sich daran, diese UN-Abteilung einmal in einem recht flotten und informativen Spiel mit Würfeln, Karten und verschiedenfarbigen Kegeln, das (eine Auflage) in Kooperation mit Lego entwickelt worden war, ins rechte Licht gerückt zu haben. Da wurden überhaupt auf spielerisch-unterhaltsame Weise diverse Einrichtungen der Vereinten Nationen behandelt. (Im Jahr 1945 war die FAO, international zuständig für Ernährung sowie Land- und Forstwirtschaft et cetera, in Quebec gegründet worden und hatte ihren Sitz, wie schon erwähnt, in Rom. Doch – wo war Rom … Sein Kohldampf jedenfalls war – hier! Kohldampf: neun Buchstaben.)

Tod im Gebirge. Tod und verschollen. Abgelegt im Irgendwo der Zeit … Und ohne sich mit ihm vergleichen zu wollen, aber der populäre deutsche Kaiser Friedrich I., Barbarossa, saß – der schönen Sage nach – doch auch in einem Berg und schlief so zur Erholung vor sich hin, während sein roter Bart einen steinernen Tisch mehrfach schon umwachsen hatte; im imposanten Kyffhäuser-Gebirge, dort, südöstlich des Harzes, im Thüringischen … Da werde er dereinst, wenn der, wie alle hundert Jahre einmal, ausgesandte Zwerg draußen keine Raben mehr kreisen sehen würde – seltsam, die Raben brauchen die Germanen und die alten Deutschen immer wieder zwischendurch, siehe nur Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“! -, also, da werde sich Friedrich dann erheben mit dem mächtigen roten Bart und seine hehren Heere in den allerletzten Kampf zwischen Gut und Böse führen. Und da würden sie hoffentlich auch gewinnen. (Die hübsche Mär, in der wahlweise auch Karl der Große oder Friedrich II. bei ihrem den Bartwuchs fördernden Langzeitschläfchen als Helden herhalten durften, war im 19. Jahrhundert mit ein bisschen Nationalstaatlichkeit aufgepeppt worden, um wieder einmal irgendeiner just geforderten deutschen Einheit dienlich zu sein.)

Touristen aus aller Welt können den rotbärtigen Macht-Topos allerdings – wenn auch nur schemenhaft und verschwommen – jedenfalls immer noch bei fachkundigen Führungen durch den Kyffhäuser besichtigen und bestaunen. Gegen entsprechendes Entgelt, versteht sich.

Ihn hingegen, Georg Franz Zumpfwather, ihn würde wohl kaum jemand besichtigen und schon gar nicht bestaunen; wusste doch niemand – er eingeschlossen (sic!) – von seinem Aufenthaltsort!

Und Mobiltelefon? Notizbuch? Kugelschreiber?

Alles pfutsch!

Nicht einmal seine Notration an Medikamenten hatte er bei sich. Egal, er würde ohnedies bald verhungert und verdurstet sein. Er hatte sich mit seinem Schicksal abzufinden.

Und er dachte an seinen Vater Ernst, an vermutlich stümperhafte und schließlich missglückte Sado-Maso-Spiele; einen schmählichen Tot; misshandelt, gedemütigt und schließlich erschlagen in einem schmuddeligen Sex-Verließ im Keller eines letztklassigen Innenstadt-Puffs.

Übrigens: Auch in Salzbergwerken soll es immer wieder einmal Eingeschlossene und somit Aus-der-Zeit-Gefallene gegeben haben und geben. Der deutsche Romantiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann schreibt davon einfühlsam in seiner Erzählung „Die Bergwerke zu Falun“, und der US-amerikanische Satiriker Steve Stern thematisiert die Sache köstlich-böse in seinem Roman „Der gefrorene Rabbi“. Doch auch andere Literaten nahmen und nehmen das Motiv des in Salz (wie auch in Eis oder im Moor) Eingeschlossenen immer wieder dankbar auf; bietet es doch immerhin eine weitgehend plausible Erklärung für Handlungen und Geschehnisse, die sogar Zeitläufe sprengen und beispielsweise ein Menschenleben als chronologisches Gerüst bei Weitem überragen – und zudem in die Vergangenheit und gleichzeitig in die subjektive Zukunft weisen, indem sie sogar ganze Generationen klittern … Immerhin zeigen sie Schicksale, die vom umgebenden Zeit-Geschehen ausgenommen sind, die sich quasi außerhalb des üblichen Zeitenflusses abspielen, um sich letztlich dann doch mit ihm zu kreuzen. Spannend war da auch die Frage, ob am Ende der durch Wasser (oder Eis, Salz, Torf oder wodurch auch immer) Konservierte oder die anderen, übrigen die Glücklicheren seien? Wem da tatsächlich ein Mehr an Massel geschenkt oder aber just dieses Glück entscheidend gemindert, vielleicht sogar zur Gänze genommen worden sei?! War der um sein Schicksal zu beneiden, der vor langer Zeit im Torf versunken und, Jahrhunderte später dann als Pumpernickel wiedererstanden war, der dann am Ende, mit Nutella bestrichen, im Magen seiner Urururenkel landete und womöglich noch für manche Blähungen sorgte?! Geschichtsblähungen?!

Damit in Zusammenhang (und weil er die Pumpernickel-Überlegung seinem Hungergefühl gegenüber als kontraproduktiv empfand) fiel Zumpfwarther das beliebte Märchen vom „Dornröschen“ ein, wie es uns die verdienstvollen Gelehrtenbrüder Jacob und Wilhelm Grimm übermittelt haben. Und der Umstand, dass der junge Prinz da – immerhin hatte die Prinzessin samt Hofstaat hundert Jahre hinter der dichten Dornenhecke verschlafen! – eine sage und schreibe knackige 115-Jährige wachküsste, gab ihm wieder einmal zu denken …

(Vielleicht aber phantasierte Georg F. Zumpfwarther auch schon? Womöglich hatten der Hunger und der Durst – jetzt spürte er eigentlich schon gar kein Bedürfnis nach fester Nahrung oder nach einem Getränk mehr, seltsam! – eine Art Delirium bei ihm ausgelöst? Ja, er musste wohl tatsächlich übergeschnappt sein. Zumindest.)

Fortsetzung folgt!

 

2

Und überhaupt, in Zeiten, in denen man ernsthaft daran denken darf, etwa aus Hitlers ,Mein Kampf‘, ein Musical zu machen“, warf Nicholas Feurfuchs, mit hochroter Glatze und der multiplen Auflösung schon gefährlich nahe, erregt ein, „oder eine beschissene TV-Soap aus Machiavellis ,Il Principe‘, da -“, er griff zum Whiskey-Glas und leerte es auf einen Zug, „verdammt, aber da lässt sich – – -“

Sie sehen schon wieder einmal den Untergang des Abendlands quasi als Menetekel an die Zimmerwand gemalt, lieber Nicholas!“, versuchte Dr. Traugott Krontoifel, den leicht erregbaren Ästheten und universitären Fachmann für Alltagskultur kollegial zu beschwichtigen. Der andere Kollege, der aus der Schweiz nämlich, Urs Nonnenklow, der den schon länger andauernden Disput eher gelangweilt an sich vorbeigleiten hatte lassen, steuerte immerhin ein indifferentes „Hm“ bei. (Das gehörte sich doch, oder?!) Er nippte außerdem am Selterswasser.

Die blonde, schwarzkostümierte Kanzleischönheit umschlich wildkatzenartig, mit verheißungsvollem Breitlächeln, entsprechendem Augenaufschlag und zwei Karaffen in den Händen mit den grelllackierten Fingernägeln die offensichtlich durstigen Vorstandsmitglieder von LudenSpross. Doch mit Ausnahme von Feurfuchs bekannte sich jetzt, am späten Vormittag, noch keiner der Herren, die sonst allesamt als ziemlich abhängige Schnapsdrosseln beleumundet waren, zu seinem Laster. Ach ja, auch George Underwood, ominöser Mag. iur. rer. oec., Berater halbbritischer Abstammung und undurchschaubarer Guru in Vermögens- und Finanzfragen, der Steinerne Gast bei LudenSpross sozusagen, hatte sich einen Whiskey (Lagavulin, in Zimmertemperatur) aushändigen lassen, an dem er nun immerhin kräftig nuckelte.

Auch Erwin Axel Mollschauer galt als gewiegter Trinker, verlegte sein Laster indes lieber in schummrige Bars miesen Rufs und in die Nachtzeiten. Auch daheim, bei seiner wenig attraktiven Frau Labergunde, genannt Gundi, und umgeben von den zwei wenig ersprießlichen Töchtern, den Endzwanzigerinnen Lotte und Lilian, spielte er gern den seriösen Teetrinker, Wässerer und Saftler sowie den weitgehend abstinenten Körnl-Freak und Grünzeug-Apostel; auch wenn ihm in Wahrheit ein blutiges Steak, dazu Pommes frites und ein paar Liter klesch-kalten Bieres allemal lieber waren als das gräuliche Müsli und die laktosefreie Hamstermilch (oder was weiß ich) … Ja, unter seinen Kumpels, im Halbdunkel der abgefuckten Bar der nicht minder abgefuckten Rosy, im „Déjà-vu“, da ließ er sich nicht lumpen, der Lump. Da flossen die Whiskeys, Wodkas und Gins. Und erst die fragwürdigen Cocktails, die allein schon ihrer scheußlichen Farben wegen Gefahr pur signalisierten … Ja, da soff er sich die Rübe leer und die letzten Ganglien weg, der feine Herr Konsulent bei LudenSpross! Und wenn ihn Zumpfwarther (bei sich und insgeheim) einmal nicht Grottenolm, sondern Axolotl oder Querzahnmolch nannte, so lag der Spiele-Erfinder damit gar nicht so falsch: Die höchst kuriosen, in den Xochimilco-Seen in der Nähe von Mexico City lebenden Wassertiere verfügen gleichsam über eine Art ewiger Jugend, da sie als Dauerlarven – sie pflanzen sich in diesem Stadium sogar fort! – verlorene Gliedmaßen, Organe und sogar Teile des Gehirns zu regenerieren imstande sind. (Gut, den letzten Punkt, die auch nur partielle Gehirnwiederherstellung, würde Zumpfwarther im Fall Mollschauers allerdings energisch abstreiten!)

Ja, der Herr Konsulent Erwin Axel Mollschauer wusste, wie er sich Freunde machte, in Ärsche kroch und kleine Erfolge verbuchte. Da durfte man sich nicht zu schade sein für eine Spitzbüberei! Daher auch saufen – ja, immer und überall, wenn es gerade opportun war!

Doch im Vorstand, hier? Da wollte er sich, der selbst längst die personifizierte Blöße war, keine solche geben. Klar doch. Sprudelwasser. Schon der weitgehenden (echten) Alkohl-Abstinenz des Vorsitzenden wegen, des greisen Präsidenten Prof. DDDr. Pluto Krach-Gnosis.

Also, meine Herren“, setzte Krach-Gnosis zu einer gewichtigen Frage an, befürchtend, dass sonst womöglich Über-Pessimist Nicholas Feurfuchs, dieser langatmige Epigone Oswald Spenglers, erneut in seine fruchtlose Kulturschelte verfallen könnte. Und Dr. Traugott Krontoifl, sonst ja ein wackerer Diskussionsleiter und Manipulator, schien ihm heute auch nicht durchschlagskräftig genug zu sein. „Meine Herren, wie man mir sagte, haben Sie, Mollschauer, veranlasst, dass uns ausgerechnet der vielseitige und anerkanntermaßen gewiefte Spiele-Erfinder Georg F. Zumpfwarther bei diesem Spielekongress in Paris vertreten sollte? No, und jetzt ist das Flugzeug abgestürzt, und der Zumpfwarther ist unauffindbar …“

Mollschauer, angespannt wie immer, wenn Gott selbst das Wort an ihn richtete, begann zu stottern: „Ich – wir – also, das war – Kollege Zumpfwarther ist, wie Sie ja selbst gesagt haben, ein vielseitiger und gewiefter Mann – da -“

Traugott Krontoifl sprang denn, wenn auch energisch den von exakt gescheitelten grauen Haaren bekrönten Kopf schüttelnd und die niedrige Stirn runzelnd, wieder einmal dem unfähigen Mollschauer zur Seite, war der doch immerhin sein Protegé (warum eigentlich? Er wusste es selbst nicht mehr …). „Pardon, aber wir haben deshalb an Zumpfwarther gedacht, weil er sich so einen Kongress einfach wieder einmal verdient hatte, der Gute! ,Pflege dein Vieh, es lohnt dir die Müh!‘, Herr Präsident … Sie wissen doch …“

,Weil er sich einen Kongress einfach wieder einmal verdient hatte!‘ Wenn ich so einen Schmarren schon höre!“ Der weiß-ondulierte Prof. Krach-Gnosis mit den Goldbrillen war fuchsteufelswild. „In Paris sollte es doch um ganz andere Dinge gehen! Spitzendinge! Umschwung und Neuerung! Asien und Afrika! Unbedingte Geheimhaltung! Spiele-Kongress – ja, natürlich nach außen hin, natürlich ein normaler Spiele-Kongress! Aber in der Sache, da -“

*

Hier muss endlich (sowie kurz und bündig!) erklärt werden, worum es sich bei diesem seltsamen Weltkonzern LudenSpross et cetera tatsächlich handelt. Nun wäre es äußerst unwahrscheinlich, dass sich der als überaus honorig geltende Senior-Präsident Pluto Krach-Gnosis, die weitgehend alerten und weltgewandten Vorstandmitglieder Nicholas Feurfuchs und Traugott Krontoifel, dazu der elegante George Underwood, der an einen asketischen (wie auch sonst?!) Calvinisten gemahnende Urs Nonnenklow und auch unser fliehkinniges und flachhirniges Anhängsel, der unsägliche Grottenolm Erwin Axel Mollschauer, da jetzt wortreich über die Problematik hermachten, um sie quasi über Umwege uns und den Leserinnen und Leseren dieser Geschichte zu erläutern. Wie etwa die orientalischen Räubersgesellen in Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Kalif Storch“, nicht ahnend, dass ihnen die in Vögel Verwandelten – Kalif und Großwesir – lauschen und so manches über die jüngst gehabten Abenteuer mitbekommen und erfahren könnten sowie über die nächsten dunklen Pläne! Oder wie ein paar Nebenfuzzis, meist in Dienstbotenrollen, in einer billigen Telenovela. Oder sonstige Chargen, egal ob in Roman, Novelle, Posse oder Vaudeville. Oder wie auch so mancher Bote und Abgesandter quer durch die Literaturgeschichte, vor allem auf dem Theater, von dem erzählt, was man partout nicht sehen kann (und nicht zeigen will); was das Publikum indes wissen muss, um den weiteren Verlauf der Handlung zu verstehen.

Also fertigen wir in bewährter Weise einen Exkurs an, den wir Lust halber kursiv setzen:

. Es gibt nur mehr sechs, sieben Weltkonzerne à la Nestlé (wenn der nicht inzwischen schon zu Coca Cola gehört oder beide von Procter & Gamble geschluckt worden sind). Und wenn in Ihrem Badezimmer auch auf jeder der Chrom-glänzenden Armaturen ein anderer Firmenname steht und an Ihrem Auto hundert Zulieferer-Firmen beteiligt sind (allein halb Südkorea und West-Taiwan an den Blättern der Scheibenwischer!), insgesamt gehört das ganze Geld, Aufkommen, Image et cetera letztlich nur den paar wenigen globalen Shareholdern. Wenn früher eine Sense zum Exempel (sogar samt Holzstiel und Kuhhorn für den Wetzstein) aus einem Handwerksbetrieb (beispielsweise: im obersteirischen Paltental) stammte, so würde dahinter heute vermutlich ein weitverzweigtes Firmengeflecht stehen; nur das Kuhhorn wäre wahrscheinlich aus Plastik – und die restliche Kuh längst dem einschlägigen Verwertungsbetrieb anheimgefallen. Außerdem gibt es kaum mehr echte Sensen; höchstens im Fernsehfilm, wenn der Tod kommt. Oder der Hansi Hinterseer.

. Da Information das Um und Auf der heutigen globalen Wirtschaft ist, werden wohl auch Milliarden an (größtenteils vermutlich nicht nur harmlosen, sondern zudem völlig uninteressanten) E-Mails und Telefonaten von der National Security Agency (NSA) in den USA (etwa per Prism) und ähnlichen international agierenden Geheimdiensten, Nachrichtenämtern und anderen Verbrechersyndikaten ausspioniert, gebündelt, gehortet und gegebenenfalls ausgewertet; und, mit etwas Glück, sogar entsprechend zugeordnet. Einerseits, um der so wichtigen Werbung zu dienen, zum anderen zur allgemeinen Observanz der Untertanen. Zudem gilt es, immer neue Methoden zu kreieren, um des unübersehbar wachsenden Datenmülls möglichst optimal habhaft zu werden. Dazu geht es um das Eruieren demoskopischer Fakten genauso wie um das Splitting nach Berufen und den diesbezüglichen Überschneidungen vieler User, also um die quasi gesellschaftlich relevante Frage „Wer treibt’s mit Wem?“ (Eine untergeordnete Rolle spielt dabei die angebliche Terrorbekämpfung; obgleich sie in diesem weitgehend rechtsfreien Raum der geheimdienstlicher Praxis als Alibi dient.)

. Und wie man etwa technische Geräte (egal ob analog oder digital) schon von Haus aus auf ihre Obsoleszenz hin anlegt, ihre – in der Regel vorzeitige – Alterung also vorweg aus markttechnischen Überlegungen heraus manipuliert, um so Bedürfnisse nicht erst aufkommen zu lassen, sondern sie gleich von sich aus zu steuern und nötigenfalls zu wecken, bringt eine möglichst lückenlose Kenntnis von Kaufverhalten (in Relation etwa zu Kaufkraft, Interesse, Allgemeinbildung, Alterszugehörigkeit, sexueller Ausrichtung et cetera), Gusto und Wunschtendenz potenzieller Konsumenten einer Firma den entscheidenden Vorteil vor den Mitbietern, wenn es um das spezielle Kunden-Würstchen und seine Umgarnung geht. Egal, um welches Verkaufsprodukt es sich in weiterer Folge dann auch immer drehen mag, übrigens.

. Wichtig sind, neben den weitgehend anonym agierenden Werbezentralen, die querbeet bei jedem potentiellen Kunden andocken können, jedoch (besonders im Fall hochpreisiger, prestigeträchtiger und weitgehend mit besonderem Käufervertrauen zusammenhängender Produkte) Angebote, die sich leichter oder sogar ausschließlich mittels sogenannter Premium-Katalysatoren verkaufen lassen: über Anpreisung durch einen Angehörigen, Freund, einen Kollegen, einen Klienten et cetera. Und gerade diese besonderen Werber – die von ihrem Glück am besten gar nichts wissen, wie der ahnungslose Tourist, der den Teddybären mit den großen Ohren und dem Rauschgift im Bauch für das liebe, schüchterne Mädchen durch den Zoll mitnimmt – tauschen sich, ums in schönem Psychologen-Deutsch zu sagen, dann mit anderen aus, um den Kuhhandel (ohne Kuh, ohne Sense und ohne Holzstiel) perfekt zu machen.

. Und als je naiver und weltfremder diese Premium-Katalysatoren von ihrer Umgebung wahrgenommen werden (oder, im Optimalfall: gar nicht …), um so effizienter ist ihre Arbeit; ob sie selbst was davon mitbekommen oder nicht, spielt, wie gesagt, keine Rolle. Nicht zuletzt deshalb eignen sich eben zerstreute Intellektuelle, irgendwelche versponnen wirkende Kreative, aber auch schusselige Ärzte, eitle Juristen, stark sehbeeinträchtigte Sprachforscher und entrückte Spiele-Erfinder so gut für diese kuriosen Aufgaben; vor allem aber: Leute, Frauen wie Männer, die immer wieder gern auf internationalen Kongressen zu finden sind, in exotischen Ländern, in komfortablen Hotels und teuren Absteigen, die ihnen ihre Firmen bezahlen und die sie sich selbst vermutlich niemals leisten würden können (oder wollen) …

. Das Thema, um das es bei diesen (meist internationalen) Treffen, Zusammenkünften oder Meetings auch immer geht, es ist egal. Nur – zusammenkommen müssen die Menschen. Immer wieder die bekannten Alten, aber auch ein paar Neue: zwecks Erweiterung der Kreise im Fischteich, in den einmal das erste Steinchen geworfen worden ist …

. Das Wie ist zwar wichtig, aber trotzdem sekundär. Hauptsache, es funktioniert. Da kann es um Small Talk gehen, auch um ausgefeilte,womöglich druckreife Referate mit entsprechender verbaler Sub- oder Metaebene, um Codes und Anti-Codes; oder um reines Blabla. Aber sogar substanziell ist das Spielfeld reich bestückt. Da dreht es sich zum Beispiel um die passenden Kongress-Accessoires: Was ist tatsächlich in der Mine des hübschen Kugelschreibers? Womit ist das Papier aufbereitet und imprägniert, aus dem der Schreibblock und die Notiz-Mappen gemacht sind? Ist womöglich (Rausch-)Gift im Spiel? Wird man – süchtig? Ja, und was ist denn wirklich in den Getränken drinnen, die so verdammt gut schmecken? Ähnliches gilt natürlich für die putzigen Fläschchen und Flakons im Hygienebereich: Badeöl, Shampoo oder Duschgel; die hübschen Nagelfeilen, Duschhäubchen und Wattetupfer …?! Denn wer ließe den hübschen Kleinkram, auch wenn man sich das alles spielend selber leisten könnte, so achtlos liegen? Im Gegenteil – es sind ja zudem quasi Souvenirs, wie womöglich auch ein paar Fläschchen aus der Minibar, die vom Veranstalter besonders in Portugal (früher) gern und voller Nationalstolz auf ein edles Produkt des schönen Landes am Nachtkästchen postierte Bottle mit Portwein? (Auch St. Petersburg, Denver oder New York, Budapest und Moskau, Davos, Bilbao und Melbourne, auch Arkansas, München, Malaga oder St. Pölten, Zürich und Bad Tölz warten selbstredend mit einer solchen freundlichen Erinnerung auf.) Gefüllt – ja, womit denn?! Die chemisch-biologische Kettenreaktion jedenfalls läuft längst auf Hochtouren. Und die Kongressteilnehmer sowie alle, die zukünftig mit ihnen in Kontakt treten? Sie sind fast alle bloß naive Tröpfe. Harmlos und unwissend. Handlanger, unschuldig (vielleicht ein bisschen habgierig und zu Luxus-affin) sowie ahnungslos.

. Die sogenannten Social Transmitters – Schriftsteller, Romanciers, Übersetzer, Poeten, auch Filmemacher, Fotografen und TV-Redakteure, Musiker, Fachjournalisten und Musikproduzenten (herkömmliche oder solche, die unter der Marke Musik ausschließlich das Web klanglich anmüllen), Bildhauer, Zeichner und Skulpteure – mutieren quasi zu Zellkernen neuer Gebilde, die, ähnlich den guten alten Fraktalen, sofort von noch ahnungsloseren Newcomers umgeben werden; in der Darstellungsform mal krebsig und schon merkbar gefährlich, mal flockig locker und ohne irgendeine intime, womöglich sich sogar nach außen hin – rundlich, barock, familiär – abzeichnende, einer Schwangerschaft nicht unähnlichen Ausdehnung oder Ausstülpung gleichend, mal regelrecht mit mentalem Drumherum. So infiltrieren sie auch mit Leichtigkeit und systematisch das ahnungslose Volk. Das ist dann zwar verkaufs- und werbetechnisch immens wichtig, aber (und das ist ja noch wesentlicher!) auch in höchstem Grad politisch-indoktrinär. (Und somit ansteckend, epidemische Auswirkungen inklusive!)

. Zunutze macht sich das erstaunliche, ineinander verzahnte globale System dabei außerdem noch den Umstand, dass der Einzelne, durch die (von diversen Lobbys gesteuerten) Abhängigkeiten von Banken und Börsen abgelenkt, kaum je zu durchschauen in der Lage ist, wo Teile der Gesamtmenge des – real wie des bloß virtuell vorhandenen – Geldes gerade präsent sein könnten. (Wenn es sie überhaupt gäbe …) Er wird nämlich ständig zwischen krankhafter Kaufsehnsucht und nicht minder hysterischer Angst vor Armut zum Oszillieren gebracht!

. Die Religionen und Glaubensgemeinschaften helfen überdies als zusätzlicher Kitt, das unheilige System schön fest zusammenzuhalten. Armut wie Reichtum werden solcherart von oben gesteuert, wobei das alles durchaus bedenkliche Anklänge an die Vorstellung vom Pakt mit dem Teufel und ähnlichem Geistesunfug aufkommen lässt …Und dass die Weltreligionen – zumindest die sogenannten großen Glaubensgemeinschaften – und die säkularen Mächte (egal welcher ideologischer Ausrichtung auch immer) schon über jede Menge Erfahrung bei diesem Paktieren verfügen, müsste eigentlich gar nicht ausdrücklich erwähnt werden!

. Die Politik. Natürlich! Früher einmal, in der Spätzeit der römischen Republik, zu Ciceros Zeiten zum Beispiel, da trugen die Männer, die sich um ein hohes politisches Amt, etwa alljährlich neu um den Posten des Konsuls, bewarben, Monate schon vor der Wahl die sogenannte toga candida, einen weißen Umhang also; und die Bezeichnung lebt im Deutschen im Wort Kandidat bis heute weiter. In unserer Zeit reicht bei den meisten Politikern der Stoff der Unschuld nicht einmal für eine weiße Weste … Nein, sie sitzen, warzengleich und wie fette, gierarmige Polypen, auf allem drauf, was von Wert sein könnte. Und sollten sie – wegen erwiesener Unfähigkeit, eklatanter Blödheit oder staatsschädigender Korrumpierbarkeit – einmal tatsächlich gehen müssen, harren ihrer wohl-ausgestattete Pfründe und höchst-dotierte Aufsichtsratsposten, schmucke Präsidentenämter und bestbezahlte andere Scheinfunktionen. Einmal im System verankert, haben selbst die unbegabtesten und widerlichsten Polit-Repräsentanten im wahrsten Wortsinn ausgesorgt. Gesorgt, etwa um das vielzitierte Gemeinwohl, haben sie sich ohnedies nie. Aber – wer weiß, wie schlecht es dem Volk dann erst ginge?!

. Verkauft wird die Scheiße – nicht zuletzt der aparten Drogenwirkungen wegen – dann tatsächlich als das individuell optimal ermöglichte Ausmaß an Glück. In Hochglanz und unter Orgelgebraus. Oder hübsch intim: so ähnlich wie bei den lustigen Tupperware-Partys in den 1970ern oder später bei den Dessous-Rendezvous oder sonstigen Tauschbörsen; ob mit oder ohne Internet-Beteiligung. Vielleicht auch in der Wirkung noch gesteigert dadurch, dass sich besonders die vom Prosecco schon etwas angeschickerten Damen (in geilen Slips und BHs!) dann gemeinsam von Amazon Unterwäsche-technisch bescheißen ließen – und lassen! Ihre tumben Eheschwänze konnten sie damals solcherart mit pastell-färbigem Eisschrankgeschirr, später mit mehr oder weniger geschmackvollen Dessous oder vielleicht gar mit smarten SM-Utensilien und vor allem mit entsprechend überzogenen Kreditkarten-Konten überraschen.

. Ach ja, ein paar scheußliche Kriege, Hungersnöte, einige blutige Revolten, der gefährlich erhöhte Ausstoß von Kohlenwasserstoff und die systematischen Abholzungen sensibler Teile des Regenwaldes, dann eine Handvoll radioaktiver Superunfälle im Bereich der veralteten oder schlampig gebauten Atommeiler, die konsequente Überfischung der diesbezüglich längst schon eingeschränkten Meeres-Ressourcen, zudem noch Smog und Abgas-Irrsinn et cetera – alle diese höchst gravierenden und zu tiefst traurigen Tatsachen und Problem-Abbildungen werden paradoxerweise just argumentativ gegen die verwendet (und ihnen gleichsam als unübersehbare Rute ins Fenster gestellt), die sich ohnedies als unermüdliche Mahner betätigen! Die sich als Häuflein aufrecht Widerstrebiger, als engagierte NGOs und auch mal aufmüpfige Friedens- wie Tierschutz- oder Umwelt-Vereinigungen hervortun! Die unmissverständliche Botschaft an sie lautet: Brüder und Schwestern, wir haben euch gehört! Danke! Aber jetzt haltet besser das Maul und macht brav mit! Sonst stülpen wir euch eines Tages das Fell – schwupp die wupp! – über eure plüschigen Ohren und ziehen euch die Hammelbeine lang!

. Übrigens: Um welche Spuren könnte es sich eigentlich im längst infizierten Personal-Computer oder Laptop handeln? Auch da ist das Spektrum ein ziemlich weites. Nicht nur bei den Inhaltsstoffen der Kugelschreiber-Minen und beim Duschgel.

. Fazit: „Fraudis atque insidiarum et perfidiae plena sunt omnia“ („Alles ist voller Betrug, Intrigen und Verrat.“ Q.Tullius Cicero, Commmentarium petitionis consulatus, 39.)

Fortsetzung folgt!

 

3

Ach, das Alter (fünf Buchstaben, Richtung: grabwärts).

Er hatte es immer gefürchtet, nicht bemerkend, dass es ihn längst schon fest im Griff hatte. Doch da waren die – später so gern als goldene Zeit missverstandenen – Dekaden von Kindheit (in Wahrheit einer Spanne voller Ängste) und Jugend (voller Missverständnisse), die Zeit als Jüngling (eine Ära voller Wünsche, die beinahe allesamt zu schmerzlichen Illusionen mutierten, letztlich sinnlos und hohl) und dann die als aufstrebender Erwerbstätiger (mit meist verkehrter Karriere-Geilheit und zäh-träger Teil-Verwirklichung gar mancher hochfahrender, jedoch grosso modo sinnloser Pläne). Daran, dass die meisten der Wünsche weiterhin wie die Seifenblasen zerplatzten, hatte man sich, einmal erwachsen geworden, fast schon gewöhnt; wie sich die gescheiterten Zweitehen ja auch in absehbarer Zeit in ebenfalls schon schier unhaltbare Drittehen weiterzuentwickeln versprachen. Und wie dieses ständige Bäumchen-wechsle-dich-Spiel der Jugend, dieses – vielleicht am ehesten noch turnerisch belangvolle und den Körpersäften sowie ihrem notwendigen Austausch geschuldete – Bettgehopse mit allen den zu absolvierenden Positionen von einer amourösen Walstatt zur nächsten, nur periphär mit Liebe zu tun gehabt hatte (Gefühl, sechs Buchstaben, waagrecht), so entpuppten sich bald auch die sogenannten Positionen im Berufsleben weitestgehend als Vorspiegelungen falsch interpretierter Wünsche; auch aus – mittels Leichtgläubigkeit oder Dummheit – vertanen Chancen, nicht erfüllbaren Erwartungen und nicht eingehaltenen Versprechungen.

Den meist leider äußerst mageren Vorspielen fehlten die (eigentlich zu erwartenden) dramatischen Höhepunkte in den nachfolgenden Handlungen, die eigentlich schier elektrisierend und die Nerven aufs äußerste anspannend zelebriert hätten werden müssen! Und die beschämend dürr konstruierten, irgendwie hingerotzten Nachspiele standen nicht selten gleich für die ganzen, als glutvoll und vital angekündigten Liebes- und Lebens-Festivals selbst! Surrogate!

Doch sie waren fad und klebrig wie zu früh abgesondertes Knaben-Ejakulat.

Ach ja – da fing parallel freilich doch auch schon, anfangs allerdings noch kaum merkbar, dann, sukzessive, freilich unübersehbar und unleugbar, der körperliche Abbau an. Und es wäre eigentlich an der Zeit gewesen für einen mehr oder weniger würdigen Abgang.

Doch statt – wie gesagt: einigermaßen elegant – den Tod zu wählen, griff der Mensch zur Prothetik. Zweithüften und dritte Zähne (oder sündteure Edel-Implantate), Hautstraffungen, dann aufgepeppte Brüste und der möglichst umfassende Einsatz von Botox und Laser, ach ja, verschiedener Potenzmittel und sonstiger Versteifer und Aufheller: Alles das sollte (wenn auch bloß vermeintliche) Vitalität sowie (möglichst täuschend echte) Eleganz vorgaukeln; eine Qualität, mit der man übrigens ohnedies nie hätte aufwarten können, auch als Junger nicht! Und dies alles vermittelte zudem einen Vorgeschmack auf das, was die Werbung auf medizinischem, plastisch-chirurgischem und pharmazeutischem Gebiet unter der Zauberformel Ewige Jugend in penetranter Dauerberieselung noch alles in petto hatte und lautstark anpries: Anti-Aging als praktizierte Lebenseinstellung für ohnedies schon Beinahe-Tote

Da glitten sie denn auch, gesund und braungebrannt, Kukident-lächelnd und Nivea-gegelt, von Supradyne und sonstiger Geriatrie-Prosperität nur so strotzend, vor allem aber dumm-glücklich glotzend, die Stöcke fürs Nordic Walking kampfbereit in den pharmazeutisch entgichteten Händen erhoben, durchs Gefilde; okkupierten winters die Pisten, sommers die Strände und legten bei jedem weiteren Lifting und jeder zusätzlichen Fettabsaugung neben Resten irrtümlich noch verbliebener Natürlichkeit auch scheibchenweise ihren Verstand ab.

Apropos Verstand: Seine Frau, Edeltraud, war ein leider nur zu passendes Exempel für das hier Beanstandete. Nach einigen Jahrzehnten eher sinn- und ziellosen Herumsuchens (Ausprobierens) hatte er Traudy endlich gefunden. Nun, die Bezeichnung klingt besser als der Auswahlprozess und das Objekt seiner (teilweisen) Begierde zusammen … Immerhin, Edeltraud hatte vor Jahren mit ihm gemeinsam studiert (Germanistik, Geschichte und Philosophie), dann jedoch einen Lodenfabrikanten aus der Gegend um das schöne Schladming (Schimeisterschaften, Ort unterm Dachstein, zehn Buchstaben) geehelicht und war so sang- und klanglos aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. Jahre später dann, längst geschiedene und wohlbestallte Alleinerziehende einer inzwischen auch fast zwanzig-jährigen Tochter mit Namen Charlotte und leider ohne weitere nennenswerte Ambitionen, außer dass sie sich gern (mit Vorliebe scheußliche) Tattoots stechen ließ und – es war auch wieder einige Zeit her – nur mit großer Mühe und unter dem heiligen Versprechen, nach endlich doch noch absolvierter Matura einen Sportflitzer geschenkt zu bekommen, von einem Arschgeweih abzuhalten gewesen war, jetzt also war ihm Edeltraud (um gut dreißig Kilo draller geworden, doch recht charmant) bei einer Fete erneut aufgefallen.

Angenehm. Rund. Wasserstoffblond. Schmolllippig.

Man traf einander. Theater. Essen. Irgendwann auch Bett.

Und er, der einsame Wolf und Junggeselle aus Lust und Gewohnheit, der bis dato durchaus erfolgreich, wie es ihm schien, so vielen trickreichen Weiber-Fallen entgangen war (Hagestolz, neun Buchstaben, senk- und aufrecht), war tatsächlich eingeknickt.

Jetzt hatte er es.

Zumpfwarthers Frau hatte übrigens, vermutlich als verständliche Reaktion auf das fruchtlose Germanistikstudium und nach dessen als Befreiung empfundenem Abbruch einen eher bizarren literarischen Geschmack entwickelt. Sie las mit Vorliebe ziemlich abwegige Erzeugnisse diffuser Romanciers und Lyrik-Einfaltspinsel, wobei Eugen Ernstwahls „Die Xenien des Ferry Bruckmüller“ oder Agatha Fraeulin-Marsberghs „Unbefleckt. Lieb Hasenschart“, dann „Freiligraths Murren“ von Franz Xavier Feuchtraum und Jenny Uebleis-Plankirchen-Schramms „Süße Schelte“ eher noch zum – im weitesten Wortsinn – Lesbaren gehörten.

Gut, Edeltraud war eine Zeit lang seine treue und engagierte Mitstreiterin gegen die Auswüchse diverser sogenannter Rechtschreib-Reformen gewesen; Reformen, die sich allerdings vor wirklich Entscheidendem und Rigorosem – etwa dem durchgehenden Ersatz des eigentlich immer schon irgendwie unheimlichen scharfen ß durch ss oder eine grundsätzliche Kleinschreibung im Deutschen – zu drücken verstanden; und statt dessen im Allgemeinen statt im allgemeinen postulierten sowie Delfin, Majonäse und ähnliche Ungeheuerlichkeiten zuließen, ja sogar förderten. Aber Edeltrauds diesbezügliches Interesse wich im Zug allgemeiner und mit den Jahren immer stärker zunehmender Matronenhaftigkeit schließlich einer weitestgehenden Abstumpfung. Wie auch ihr ganzes Wesen, reziprok proportional zu ihrer körperlichen Unförmigkeit, einer merkbaren Eindimensionalität entgegenzustreben schien …

Und so sah es auch längst schon im ehelichen Bett aus bei den beiden. Traurig, ja. Während Spät-Teenager Charlotte, auch längst über 35, die zickige Lodenmachers-Tochter, immerhin (wenn auch etwas Entscheidungs-unsicher) hin- und hersprang zwischen Karol, dem schmucken polnischen Tätowierer mit den goldenen Zähnen und dem Brustkorb eines gewohnheitsmäßig mit optimalem Doping versorgten Bodybuilders, und Soon-Hvan, ihrem Piercing-Maestro aus Südkorea, notabene Träger irgendeines fünften Dan, in schwarz gehalten – oder so.

Ja, auch seine familiäre Baustelle war zwischenzeitlich mehr und mehr zur Belastung für Georg Franz Zumpfwarther geworden. Ein zusätzlicher Grund, sich in die kreative Arbeit zu vertiefen, neue Spiele zu erfinden und auch das gute alte Kreuzworträtsel entsprechend zu pflegen. (Wenn aus keinem anderen Grund, so aus dem heraus, sich mit Edeltraud, Charlotte, Karol und/oder Soon-Hvan und der ganzen beschissenen Malaise nicht beschäftigen zu müssen.

Nun, ja, die alten Leute. (Und jetzt war er immerhin selbst auch schon einer von ihnen …) Immer noch während all der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wäre wohl Zeit gewesen für einen Abgang, wenn der vielleicht auch nicht mehr ganz so elegant von statten gegangen wäre wie noch früher; jaja, die frühen Leichen sind nun einmal die schönsten … Aber die vermeintliche Lebenslust, die längst nichts mehr mit dem gesunden Willen zum Überleben als naturgegebenem Gegenpol zu Thanatos‘ Todestrieb zu tun hatte, wuchs proportional zu den diversen Vital-Einschränkungen, die sich nun einmal mit fortschreitendem Alter unweigerlich einstellen mussten (mit der Zeit)!

Dann war noch – das betraf in erster Linie die Männer – die Sache mit der Weisheit. Bekanntlich flicht die Nachwelt (nicht nur den Mimen) keine Kränze; doch die Mitwelt hält jedes dumme Gestammel aus Greisenmund nun einmal für den Ausdruck von Altersklugheit und Lebensweisheit. Pur. Jeder noch so mickrige Kalauer wird zum Apercu hochgelobt, jeder mäßige Wortwitz oder gar ein nullwertiges, grindiges Bonmot erfährt spielend die Metamorphose zum Aphorismus, zur Wort-Preziose, ja, wird zu der Weisheit letztem Schluss hochstilisiert; das mag an das Lob erinnern, mit dem die Eltern stets das ach so wohlgeratene Kleinkind stante pede zu überhäufen trachten, hat es das erste Mal schön in die Windeln geschissen.

Ja, sogar jeder peinliche und abgedroschene Altherrenwitz, bar eben dieses, des Witzes, wird herumgereicht, als handle es sich bei ihm um das vielkarätige, entsprechend glitzernde und funkelnde Hauptstück irgendwelcher altehrwürdiger Kronjuwelen. Paradoxer Weise scheint mit der merkbaren Vital-Einschränkung und der allmählichen von Mal zu Mal weiter wegrückenden Gehirn-Brillanz Opas läppischste Verbalinjurie noch an Originalität zuzulegen; und das verbale Niveau entspricht ohnehin schon weitgehend der sonstigen Inkontinenz. (Die Noblesse sinkt merkbar mit den Ansprüchen.)

Der Furz gar wird zur durchaus und gerne diskutierten Meinungsäußerung. Und die Frage lässt sich ernsthaft und mit Hingabe erörtern, ob er sich wohl auch, zumindest teilweise, materialisiere. (Am liebsten würde man die etruskischen Haruspices oder die römischen Augures herbei- und dazuholen, dass sie auch noch aus den Altenwindeln, sozusagen mit Argusaugen, ihre tiefschürfenden Orakelschlüsse zögen. Windige Gesellen, von alters her.)

Das alles freilich nur, wenn sich der faltige Restschwanz überhaupt einmal, willens, sich ziemlich umständlich aus dem nicht minder faltigen Hodensack herauszumäandern, zu vernünftiger urologischer Mitsprache bereiterklärt und nicht, wie gewöhnlich, dem Zufallsprinzip verpflichtet, ziemlich profan die Seniorenbinde benetzt.

*

Die Temperatur war inzwischen, wie Zumpfwarther aus einem seiner Delirien aufschreckend zu bemerken glaubte, fast unerträglich tief gesunken. Schüttelfrost packte ihn (dreizehn, beziehungsweise vierzehn Buchstaben, zickgezackt). Und kalter Schweiß brach aus ihm heraus. Ja, es musste einige Minusgrade haben. Er kam sich vor wie Iglo-Balkangemüse, tiefgefroren; obwohl er eigentlich nicht wusste, wie es sich anfühlen würde, Iglo-Balkangemüse, tiefgefroren, zu sein … Sein Körper, durch den permanenten Hunger und den Durst zusätzlich geschwächt, machte hauptsächlich durch physiologische Aussetzer auf sich aufmerksam. Und sein Geist (oder dessen kümmerlicher Rest) nicht anders.

Georg Franz Zumpfwarther stand knapp vorm Phantasieren – oder schon danach?!

Da spürte er plötzlich doch noch den Kugelschreiber, seinen Lieblingskugelschreiber!, in einer Außentasche der zerfetzten Jeans-Hosen. Dort jedenfalls, wo er ihn nicht vermutet und daher auch nicht gesucht hatte nach dem Absturz oder Fall (sieben beziehungsweise vier Buchstaben, jedenfalls senkrecht). Es war ein schönes, in Silber gehaltenes schweres Stück von Graf von Faber-Castell mit schwarzer Mine, wie man solches vor Jahren hin und wieder noch bei großen Kongressen offeriert bekam, neben durchaus annehmbarem Papier, dargeboten als ansprechende Mappe oder als handlichen Block in Leder. Geschenkt allemal.

Zumpfwarther folgte seinem Instinkt. Er schraubte die Mine aus dem edlen Schreibgerät und trank den Inhalt in kleinen, saugenden Zügen. Es war nur wenig, doch die Wirkung war erstaunlich.

Das Rauschgift hatte es immer noch in sich.

Es tat das Seine.

E n d e

Literatur, Quellen (Auswahl):

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild: Taschenlexikon in zehn Bänden. Mannheim 2006.

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Ders., Totem und Tabu. Das Unbehagen in der Kultur. Köln 2010.

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Ders., Die Bergwerke zu Falum. Der Artushof. Stuttgart 2013.

Internet.

Kai Kilian (Hg.), Thomas Hobbes: Der Leviathan. Köln 2009.

Lothar Kreimendahl, Hauptwerke der Philosophie: Rationalismus und Empirismus.

Stefan Link, Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens. Stuttgart 2002.

Margareta Morgenstern (Hg.), Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band. 16. Aufl. München 1985.

Max Oberbreyer (Hg.), Niccolò Machiavelli: Der Fürst. Köln 2012.

Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm. (Artemis Einführungen Band 18.) München und Zürich 1985.

Ders.(Hg.), Grimms Märchen. Text und Kommentar. Frankfurt am Main 1998.

Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des politischen Rechts. Köln 2012.

Rüdiger Safranski (Hg.), Schiller als Philosoph. Eine Anthologie. Berlin 2005.

Ders., Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus. Frankfurt am Main 2016.

Walter Schweidler, Der gute Staat. Politische Ethik von Platon bis zur Gegenwart. Stuttgart 2004.

Steve Stern, Der gefrorene Rabbi. München 2011.

Alexander Ulfig (Hg.), Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 2. Aufl. Köln 2001.

Max Wendheim (Hg.), W. Hauffs Werke. 4. Bde. Leipzig und Wien o. J. (1891)

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