Zum Abschiednehmen

just das rechte Wetter

Drei „Nachtgedanken“, in eine kurze

prosaische Form gebracht von

Bernd Schmidt

 

© by Bernd Schmidt

Graz, im Juni 2004/Fassung von März 2005.

Eigner Sang erfreut den Biedern,

Denn die Kunst gieng längst in´s Breite,

Seinen Hausbedarf an Liedern

Schafft ein Jeder selbst sich heute.

J. V. v. Scheffel, „Der Trompeter von Säkkingen …“
(„Lieder des Katers Hiddigeigei“, I.)
*

Das Schicksal nimmt seinen Lauf in den Mund

Es ist Samstag, 5:20 Uhr. Draußen schüttet es immer noch. Wie schon seit Stunden, eigentlich die ganze Nacht hindurch.

Der ehemalige Gemischtwarenhändler Anton K., 67, füllt die Fressschale für seinen Berner Sennenhund „Bello“, 9, mit „Pedrigree senior“ (in Premium-Qualität) randvoll.

Ein treuer Hund soll sich stets eines treuen Herrn sicher sein können.

Dann holt K. das alte doppelläufige Jagdgewehr seines vor kurzem verstorbenen Cousins Theodor und erschießt, während der brave Hund die letzten Bissen Hundefutter nicht ohne Genuss hinunterschlingt, seinen „Bello“ aus kurzer Entfernung (und ohne dass der treue Gefährte überhaupt erst gewahr wird, was sein Herrl da tut).

Dann schiebt sich K. den Lauf der Waffe in den Mund und drückt erneut ab. Die nach dem zu so früher Stunde als unziemlich empfundenen Lärm von den Nachbarn alarmierten Polizisten werden später (unter sich) von einer „ziemlichen Sauerei“ sprechen, obwohl K., alleinstehend und Briefmarkensammler sowie Tarockspieler, stets fast penibel auf Ordnung geachtet hat. Jetzt pickt halt doch sein Hirn an der Wand. Und das viele Blut von Hund und Herrl —

Es ist genug.“

Das steht, man muss zugeben: recht lapidar, auf ein Stück weißes Papier vermerkt, das im Arbeitszimmer auf dem – wie üblich – aufgeräumten Tisch liegt. Im Schein der Schreibtischlampe. Denn als K. diesen kurzen, aufs Wesentlichste verknappten Abschied formuliert, ist es noch dunkel – 4:30 Uhr morgens, und, wie gesagt, draußen schüttet es.

Sonderbar!“ – „Wie so etwas nur möglich war …“ – „Wir? Also, wir verstehen das überhaupt nicht!“ – „… und den ,Bello’, dass er seinen über alles geliebten Hund …“

So oder so ähnlich reagierten Nachbarn und Bekannte auf die schreckliche Tat des gewesenen Gemischtwarenhändlers.

Mit dem Abschiedsbrief – „Es ist genug.“ – konnten alle, denen er vorgelegt wurde auf der komplizierten Suche nach einer Erklärung für das unfassbare Geschehen, noch weniger anfangen als mit der vermeintlich sinnlosen Tat selbst. Was sollte das bedeuten: „Es ist genug.“? Mit „.“ noch dazu? – „Er hat doch eigentlich alles gehabt, was er gebraucht hat“, fasste ein Tarockpartner zusammen, was vermutlich alle dachten. „Eigenartig so etwas …“

Draußen schüttete es immer noch. Oder – schon wieder.

Liebe und Trompetenblasen …

Ausgerechnet Scheffel. Joseph Viktor von Scheffel (1826 – 1886) aus Karlsruhe und sein Dauerbrenner „Der Trompeter von Säkkingen (heute übliche Schreibung: Säckingen, Anm. d. Autors). Ein Sang vom Oberrhein“. Und das IHM, der er doch neben dem Schreiben auch erwiesener Maßen leidlich gut Saxophon blies … Verdammt noch mal! Ja, doch! Scheffel, der freiheitlich-nationale Burschenschafter, der Verehrer und Verklärer aller Burschenherrlichkeit („Gaudeamus!“,1868), Doktor der Rechte (1849) und Lobsänger Heidelbergs („Alt Heidelberg, du feine, / Du Stadt an Ehren reich …“), ausdauernder Zechkumpan des unsterblichen Hofzwergs Perkeo, der angeblich bis heute im Daueröl das Riesenfass im Heidelberger Schloss bewacht. Scheffel, geadelt gar (ab 1876: „von“), schließlich sächsischer Hofrat, stets indes Butzenscheibenpoet und als solcher ausgesprochenes Liebkind des (deutschnational zumindest „angehauchten“) gehobenen Bürgertums des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, ausgerechnet Scheffel musste es sein. Geburtstagsmäßig. Den „Trompeter von Säkkingen“ hatte ihm seine Freundin Heidi, 28, geburtstagsmäßig geschenkt. Geschenkt …! Noch dazu eine schon abgegriffene, gleichsam irgendwie „alt-ehrwürdige“ Ausgabe mit Goldschnitt; womöglich ein Erbstück vom Ururgroßpapa … „Stuttgart. Verlag von Adolf Bonz & Comp. 1891.“ Und jetzt kommt die Infamie: „Hundertfünfundneunzigste Auflage“! Das IHM, der auf den gerade mal tausend Stück der Erstauflage seines herzblutmäßig geschriebenen Romans „Schlot. Rauchs erster Teil“ beinahe schon im Wortsinn und aus Mangel an anderem Sitzmobiliar – saß. Eduard griff sich die Spritze mit dem so verführerischen „Serum“ im schlanken Rohr, mit dem himmlischen Gemisch, das Alpha und Omega zugleich war, und holte aus zum Goldenen Schuss. Zuvor freilich – er kannte „seinen“ Scheffel aus ererbten Büchern der seligen Altvorderen, auch wenn er ihn als epigonalen Dichter der Nachromantik und als gedanklichen Vorläufer der Nazis abtat (für die Nazis, das wusste auch Eduard, konnte Scheffel nichts. Klar doch …) -, zuvor freilich schrieb er auf ein Stück weißen Papiers Scheffel-mäßig: „Behüet dich Gott! Es wär’ zu schön gewesen, / Behüet dich Gott! Es hat nicht sollen sein!“

Als man Eduard, 37, fand, roch es schon ziemlich „streng“ im Raum, wie es der Anführer des Polizeitrupps, Richard F., 32, ein hobbymäßiger Waidmann, recht treffend ausdrückte. Anscheinend war der Tote weder seinen Nachbarn noch sonst jemandem abgegangen. (In der Tat, Heidi, die unglückselige Buchspenderin, war schon Tage hindurch high; und selbst daher irgendwie „abgängig“.)

Jö, Richard! Albin! Schnöll! Schaut’s her do! Schnöll, sag’ i! A Gedicht!“, rief Einsternwachmann Emil N., 23, aufgeregt.

A Gedicht?“ Und Zweistern-Albin, 28, buchstabierte laut. Dann ernüchtert: „Oba, des reimt si do gor net …! A so a Schas!“, entfuhr es dem wackeren Beamten.

„’s is’ oba in da Mitt’n von dera Seiten g’schrieb’n …!“, bockte der ehrliche Gedicht-Finder. „Und daher is’ es a Gedicht! Sowieso! Herst, i waß do, wos i waß …“

Ruaft’s endlich die Spurensicherung und lasst’s alles liegen und stehen, Burschen!“, befahl Richard F., der besagte hobbymäßig waidmännliche Truppführer. Dann knipste er mit der behandschuhten Rechten die Lampe aus, die neben dem Tisch stand.

Wie die spätere pathologische Untersuchung ergab, hatte sich der Abschiedsbriefschreiber knapp drei Tage zu vor auf seinen letzten Weg gemacht. Wen es interessiert, um 6:30 Uhr morgens. Und draußen schüttete es. Wie auch jetzt noch immer.

Es scheint, nicht aufhören zu wollen …

In Summe

Wenn er jetzt nochmals die Loewe-Ballade „Tom der Reimer“ auflegt, dachte sie, also pünktlich das dreizehnte Mal en suite, dann hänge ich mich auf.

Und tatsächlich, der pensionierte Oberstudienrat Reginald O., 73, war nun einmal vernarrt in diese Aufnahme, auf der übrigens der noch immer und allenthalben unvergessene Leo Slezak das rare Werk auf seine unnachahmliche Art und Weise – sieht man von eher böswilligen, kabarettistischen Parodien einmal ab – zu interpretieren verstand.

Ja, doch, ja. Diese „Reimer“-Platte … Prof. O. hatte sich von ihr, als die Schellack vor vielen Jahren schon bedenklich zu kratzen anfing, erst eine Tonband-, dann eine Kassettenaufnahme anfertigen, später sogar eine von Nebengeräuschen technisch „gereinigte“ Compact-Disc brennen lassen. So hatte ihm zumindest sein aufgeweckter Großneffe Erwin, 12, bewandert in allen technischen Angelegenheiten von Computer, Laptop, Notebook und Mobiltelefon bis VHS- und DVD-Player sowie –Recorder und natürlich „Digicam“, den Vorgang dieses digitialen Überspielens (oder wie es auch immer heißen möchte) zu erklären versucht. Und jetzt war „Tom der Reimer“ mehr oder weniger unsterblich – was die Lebensdauer der Scheibe betraf. Zur Sicherheit gab es, er hatte darauf bestanden, sechs Abzüge (oder so ähnlich …).

Sie, Margaretha, 52, dermalen Chefsekretärin, hatte an sich überhaupt nichts gegen Loewe, nein. An Carl Loewe, dem 1796 bei Halle geborenen und 1869 in Kiel gestorbenen Komponisten und Begründer der Gesangsballade, gefiel ihr indes weniger sein musikalisches Oeuvre, zu dem unter anderem „Die Uhr“, „Der Nöck“ und „Der Zauberlehrling“ gehörten (da waren ihr, zugegeben, schon Johann Strauß Sohn, die Beatles und ABBA um einiges lieber). Vielmehr schätzte sie an Carl Loewe den Umstand, dass er seinen Vornamen mit „c“ und seinen Nachnamen mit „oe“ schrieb – wie Johann Wolfgang von Goethe (meist).

Und hätte Oberstudienrat Reginald O., der pensionierte Gymnasialprofessor für Musik, das Werk seines Fachkollegen Loewe aus dem 19. Jahrhundert nicht quasi in Permanenz abgespielt, ihr wäre auch „Tom der Reimer“ weiter nicht negativ aufgefallen. So allerdings …

Sie war seit fast zehn Jahren kränklich, seit gut fünf Jahren schwer krank. Auch diverse Therapien hatten zuletzt kaum mehr geholfen, und so vegetierte Margaretha dahin; von einer unwirschen Zugehfrau, die einmal am Tag, im wahrsten Sinn des Wortes: „vorbei schaute“, mehr schlecht als recht umsorgt … Und harrte der Dinge, die da nicht mehr kommen würden. Bis auf das e i n e …

Ja, doch, ja. Jetzt hatte ihr Nachbar also zum dreizehnten Mal en suite Loewes Ballade „Tom der Reimer“ in Gang gesetzt. Und zu gleich das Schicksal. Genauer: I h r Schicksal.

Wollte sie es nicht als Omen nehmen? Eben noch? – Na eben, das Orakel hatte gesprochen. Dreizehn Mal „Tom der Reimer“ mit traumverlor’nem Gesitze am Bächlein, mit Elfenkönigin, mit Wassergemurmel und Schimmelgewieher – o Gott! Und das um knapp nach 4:15 Uhr morgens. Noch dazu an einem Samstag.

Mit letzter Kraft, doch erstaunlich zügig für ihren desolaten Allgemeinzustand, erklomm sie den lederbezogenen Sessel, den Henkerstrick mit dem nützlichen Seemannsknoten, wie ihn ihr Onkel Matthias in der Kindheit beigebracht hatte, in der Rechten. Sie warf das kräftige Seil um den eisernen Haken, an dem der schöne „Art deco“-Luster befestigt war. (Abgestaubt gehörte der wieder einmal …)

Ein Ruck, und mit dem nackten linken Fuß warf sie den Stuhl nach hinten um. Sie baumelte, zuckte, tat alles, was es physiologisch und überhaupt in diesem Fall zu tun galt, und – aus.

Schräg links, auf dem kleinen Sekretär, lag der kurze Abschiedsbrief. Der Luster warf sein Licht, das nunmehr von einem sacht baumelnden Schatten gemustert wurde, über das strahlende Weiß des Blattes. Da stand in ihrer feinen Handschrift geschrieben: „In Summe bin ich ganz gut gefahren. / Bin nicht gleich verreckt, sondern erst nach Jahren.“

Die Standuhr in altdeutschem Stil zeigte 4:30 Uhr, und draußen regnete es immer noch.

Und daran sollte sich so bald auch nichts ändern.

E N D E

Anmerkung:

Gegen meine sonstigen Gewohnheiten sei es hier ausnahmsweise vermerkt: Als mir am Samstag, dem 19. Juni 2004, gegen 7:00 Uhr die erste noch nebulöse Idee zu dieser Prosa gekommen war – eigentlich als eine Art „Coda“ oder „Schwänzchen“ eines der letzten Träume der vorangegangenen Nacht -, suchte ich einen Titel (oder auch bloß ein Motto) mit „Abschied“ als Stichwort. Da stieß ich im guten alten Büchmann („Geflügelte Worte“, Hrsg. Winfried Hofmann, Berlin/Frankfurt a. M. 40. Aufl. 1995) und in „Reclams Zitaten-Lexikon“ (Hrsg. Johannes John, Stuttgart 1992) auf die Verse „Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter, / Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt. (…)“ Aus Scheffels „Trompeter von Säckingen“ (Stuttgart, 1854). Genau, das war´s! Da erinnerte ich mich, den „Trompeter“ in meiner Bibliothek zu haben, und ich fand das schöne alte Bändchen (mit Goldschnitt!); es ist tatsächlich ein Exemplar der in der zweiten kurzen Geschichte erwähnten Ausgabe von 1891; das Buch ziert zudem eine Widmung meines Urgroßvaters an seine Gattin:

Meiner theuren Ludmilla

zum 16/9 92.

Czernowitz. Raimund.

Raimund Friedrich Kaindl (1864 – 1930) war Historiker, Schriftsteller und Lehrer: Universitätsprofessor (Ordinarius und auch Rektor) an der Universität Czernowitz, später Professor an der in Graz. Meine Großmutter mütterlicherseits war eigentlich seine Nichte, die er und seine Frau jedoch – da ihre Ehe bis dato kinderlos gebliebenen war – adoptierten. Dass freilich auf den Tag genau dreiundfünfzig Jahre und zwei Monate nach dem Widmungsdatum, nämlich am 16. Dezember 1945, meine Eltern, Ernst (1910 – 1969) und Roswitha Schmidt (1922 – 1997), eine geborene Klein und Ludmilla wie Raimund Friedrich Kaindls Enkeltochter, geheiratet haben, wirkt für mich leicht merkwürdig … Dass der 16. September der Namenstag meiner Mutter war, rundet die Geschichte zudem ab.

Der genaue Titel des Buches, kalligraphisch eingefügt in eine lustige Federzeichnung mit Trompeter, Kater Hiddigeigei und Schloss in der Ferne, lautet: „Der Trompeter von Säkkingen. ein Sang vom Oberrhein (das „e“ von „ein“ ist klein geschrieben!) von J. V. Scheffel. Stuttgart(,) Adolf Bonz & Cie.“ Der korrekte Buchtitel: „Der Trompeter von Säkkingen. Ein Sang vom Oberrhein von Joseph Viktor von Scheffel. Hundertfünfundneunzigste Auflage. Stuttgart. Verlag von Adolf Bonz & Comp. 1891.“

Das titelgebende Zitat, „Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter“, findet sich auf Seite 221 („Lieder jung Werners“, XII.). Auch die Auflagenzahl ist korrekt. Der Titel der zweiten Geschichte, „Liebe und Trompetenblasen“, basiert auf den identischen Versen „Liebe und Trompetenblasen / Nützen zu viel guten Dingen“, Seite 280 (16. Stück, „Lösung und Ende“). Auch das vermeintliche Abschiedsgedicht Eduards, „Behüet dich Gott …“, stammt aus oben zitiertem Bestseller Scheffels, Seite 221. Gleiches gilt für das Motto, „Eigner Sang …“, (Beginn der „Lieder des Katers Hiddigeigei“, I, Seite 222). In diesem Gedicht folgt auch der Hinweis:

Drum der Dichtung leichte Schwingen

Strebt’ auch ich mir anzueignen;

Wer wagt’s, den Beruf zum Singen

Einem Kater abzuleugnen?

Und es kommt mich minder theuer,

Als zur Buchhandlung zu laufen

Und der Andern matt Geleier

Fein in Goldschnitt einzukaufen.“

Sieht man vom einigermaßen holprigen Lauf zur „Búchhandlúng“ einmal ab, sind dies doch eigentlich ganz reizende Verse, die – zumindest den Katzenliebhaber – zu erfreuen vermögen.

Nicht zu verachten ist – abschließend sei es gesagt – auch Hiddigeigeis letzter Ratschlag (XIII, Seite 232):

Rettet Euch, unsel’ge Thoren,

Vor der Nüchternheit Umgarnung!“

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