Zu zweit

Eine Film- oder

TV-Geschichte

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015/2016.

Das Leben wäre langweilig ohne Gewissensbisse. Man

muss ab und zu etwas Böses tun, um es richtig zu bereuen.

Tomi Ungerer, Besser nie als spät

*

Und die Verschmähte verbirgt sich im Walde: das Antlitz versteckt sie

Schamübergossen im Laub und haust nun in einsamen Grotten.

Aber es haftet die Liebe; die Kränkung lässt sie noch wachsen (…)

Publius Ovidius Naso, Metamorphosen

*

DIE SYNOPSIS.

SIE SOLL DIESMAL

(VORHER UND ÜBERHAUPT)

GELESEN WERDEN …

A) Festliche Musik, Tele(!)mann. Das Ganze hebt an wie eine kitschige Tele(!)novela. Mit eher schwachen Schauspielern aus der Tele(!)vision (vielleicht mit denen aus „Sturm der Liebe“, „Vanessa – Irrwege zum Glück“ oder sogar der „Lindenstraße“). Und wie gesagt, nicht zu vergessen, bitte!, es beginnt, preziös und barock-gestimmt, mit Tele(!)mann-Musik.

Wäre das hier tatsächlich eine Fernsehproduktion, so brächte die Kamera (von oben, Drohnen oder Galgen?) jetzt eine größere, eine durchaus muntere, vielleicht sogar leicht overdressed anmutende Sommergesellschaft, mit vorwiegend schönen jungen Leuten, aber auch mit adretten älteren, ins Bild. Auch ein Rollstuhlfahrer und eine hübsche Blinde, sind – wegen der Behinderten-Quote – dabei. Ein junges Paar, Bernadette und Stephan, steht im Zentrum dieser Art Party. Wie in einem – in Maßen sympathischen, doch zugleich unfreiwillig komischen – dilettantischen Home-Video (oder: Hand-Kamera à la „Eumig“ der 1960er; wie ein wahrer Wackelpudding wirkt da alles!), so sieht man die beiden zuerst nur von hinten. Dann ein pompöser Schwenk, und sie selbst sind nun unbestritten die Hauptakteure. Nur zwischendurch blitzen diverse skurrile Typen auf, und die Kamera weidet sich in Gegenschüssen an bizarren Gestalten an der Grenze sozialer Zumutbarkeit, als da sind: die üblichen, vom Alkohol gezeichneten Fest- und Gratis-Säufer, die kurz einmal aufpolierten Underdogs, die Pseudo-Anarchisten mit den schlecht-zündenden Bomben im Handgepäck und die saudummen Nörgler; dann verschiedene Neider, Besserwisser und Unglücksbringer … Kurz: Gesindel aller Klassen. Zwischendurch springt ein aufgeweckter weiß-braun-gefleckter Spaniel umher, der (um alles zusätzlich zu verkomplizieren) auf den Namen Telemann hört.

Rascher, nicht unbedingt dramaturgisch-logischer Wechsel von Großaufnahmen und Totalen: Als hätte der „Regisseur“ oder „Kameramann“ zu viel am Champagner genippt … Die Hauptdarsteller stehen, sitzen, hüpfen und liegen lachend mitten im Festtrubel – zum Teil sogar auf der Wiese mit Blumen, im Hintergrund ein kitschiger Pavillon, der sogar den Einsatz einer gewagten Helikopter-Fahrt rechtfertigen würde … (Nein, Drohnen reichen. Anm.)

Die Champagner-Gläser klingen, die Korken knallen. Zu Georg Philipp Telemanns angenehmer Musik (aus „Pimpinone“ oder aus „Emma und Eginhard“ et cetera), die unter der Leitung des barocken Maestro selbst (am Spinett oder frühen Cembalo) exekutiert wird. Das alles in Pastelltönen. Weichgezeichnet. Kitsch pur!

Und doch, die beiden Hauptakteure scheinen einander sehr zu lieben … Aber man spürt es beinahe als ein Sichtbarwerden des Problems der „Widerliebe“: Die eine, Bernadette, liebt zu sehr; da kommt der andere, Stephan, nicht ganz mit. Ihr Entflammtsein ist für ihn mitunter zu offensichtlich, fast schon aggressiv: Da fühlt er sich im Wortsinn von ihr und ihrer Zuneigung überwältigt … (Vielleicht ist daran aber auch bloß der Regisseur schuld, der zwischendurch ein paar Mal – wie in einer Fehleinstellung [oder eines Schnittfehlers wegen] – mit der Crew im Bild erscheint: Olaf Hildebrandt. [Oder er hat das just so beabsichtigt, raffiniert, wie er angeblich ist?! {Oder auch bloß maßlos überschätzt?!} Egal.])

Kurz: Sie sind eines jener Paare, bei denen sich danach alle wundern, warum einer den anderen nach 30 – letztlich dann ja doch: – faden Ehejahren umgebracht hat; oder warum nicht schon viel früher… Außerdem (das weiß man doch): Zu viel der Liebe ist erdrückend. Besonders für den, der zu viel geliebt wird [und seinerseits zu wenig widerliebt …] Und auch Affen reagieren mitunter über. (Stephans spätere Absenzen [und Absencen] sind vielleicht darin begründet, dass er sich mitunter erdrückt fühlt und ohne Luft, von so viel Liebe förmlich zerquetscht. Dadurch ist alles in dieser skurrilen Beziehung vielleicht ein wenig leichter zu begreifen; wenn auch – besonders für seine Partnerin – nicht leichter zu verzeihen. [Wenn es denn etwas zu verzeihen gäbe …] Zudem ist sie von zu Hause schon einiges an Absonderlichkeiten gewohnt.)

B) Plötzlich: Ein Schuss zerreißt den Telemann in tausend akustische Stücke. Stehbild. Ton: Aus der Ferne kontinuierlich lauter werdende Geräusche und Stimmen wie bei einer Treibjagd. Fetzig-verwaschene Bildfolgen: Eine Hundemeute stiebt unter heiserem Gebell auf, flüchtendes Wild, angstvoll hochfliegende Vögel und wieder pompöse Musik … Stimmfetzen, Lachen, erneut gegenseitiges Zuprosten. Dann: noch ein Schuss/Stille. Alles wirkt wie eine Schlusseinstellung, bevor sie zum finalen Stehbild erstarrt. Dann jedoch eindeutig kein Ende, vielmehr: eine Verlängerung, eingeleitet durch einen musikalischen Umschwung zu Reggae und karibischen Klangfarben hin. Dazu durchaus fetzige Bildfolgen à la Tourismus-Reklame und, entsprechend der üblichen TV-Werbung, die gewohnten Urlaubsimpressionen.

Der Film geht nämlich weiter, als wen er sein eigenes Sequel wäre: Stephan befindet sich auf Cuba, und zwar: im staubig-bewegten Havanna mit seinen Klischee-affinen alten Ami-Schlitten, den so telegenen verschiedenen Farbschattierungen bei der durchwegs sympathischen Bevölkerung (besonders bei den ausnehmend schönen Frauen!) und mit Unmengen von Mojito und Cuba Libre … Hier hat ihn schon Concepción erwartet. Aber auch die Mafia ist auf seiner Spur! Große Begrüßung Stephan/Concepción, mit „Carmen“-Anklängen im musikalischen Hintergrund: „Carmen“-Reggae. Nächste Einstellungen: Hotel-Fassade/Hotel-Empfangshalle/Hotelzimmer. Dann: Erotisches geht schnell schon in Sexuelles über. Ein bunter Papagei kreischt wenig melodiös … Krasser Schnitt auf die Empfangshalle: Gustave Flaubert tritt (im Zeitgewand von circa 1875) auf. Im Gefolge: seine Romanfiguren Bouvard und Pécuchet in passendem Outfit. Reggae jetzt auf halbes Tempo gedrosselt, bis er aus-fadet.

Zeitgleich (gesplittete Szene, zweigeteiltes Bild): Die Mafiosi (zeitlos gekleidet, aber eher wie aus dem Havanna der Ernest-Hemingsway-Zeit stammend) treten auf und machen Stephan, Flaubert und seinen beiden Romanhelden in der Empfangshalle des Hotels im Nu den Gar aus. Ringsum, auf der Straße draußen, herrscht wieder Jetzt-Zeit. Laute Musik. Filmblut à la 2016 sickert langsam aus der Schwingtür … Der – allem Anschein nach doch nicht getroffene – Stephan kommt groß ins Bild und grinst. Er überquert sodann die Straße und bittet einen Passanten um „Feuer“. Der scheint ihn misszuverstehen, und schießt mit seinem Revolver – in Richtung Kamera. Kurz ist alles schwarz.

C) Das Bild erholt sich erstaunlich rasch. Zudem erklingt eine andere Musik, nämlich wieder etwas Festliches von Georg Philipp Telemann … Signal zur Fortsetzung der Party, wobei der Anfangsfilm nun ad hoc nahtlos weitergeht. Plötzlich jedoch fehlt Stephan im Bild. / Bernadettes große erstaunte Augen im Gegenschuss. (Ist er – tot?! Oder wird sie sterben?!) Kurz erscheint Stephan noch einmal, jetzt als Traumbild des Einhorns samt einer erstaunlichen Metamorphose des Märchen-Geschöpfs in einen Schach-Springer (siehe die spätere – zugegeben auch nicht eben erhellende – Bemerkung dazu!). Dann: Mit einem Mal gibt es keinen Stephan mehr – weder als Einhorn noch als Springer. Dafür steigen reichlich verschwommen, wie aquarelliert wirkende Vögel am unruhig wolkig gewordenen Himmel auf …

D) Der Film geht indes abermals weiter: Es erfolgt jetzt ein harter Schnitt, und gravierende Veränderung setzen in den Farben ein, die nunmehr sukzessive merkbar kälter werden. Nach einiger Zeit scheinen sie außerdem zusehends auszubleichen. Schnee fällt wie in einem Stück von Anton Tschechow (der jedoch nicht auftritt). Der Film wirkt jetzt überhaupt irgendwie russisch – und: rissig, nicht nur grobkörnig, sondern endgültig: defekt. Eben ein Scheißfilm. (Oder ein 1-A-Fake? Hoch lebe Olaf Hindebrandt!)

E) Neue Farben, sehr heutig. Entsprechende kühle Musik (Philip Glass?Auch er erscheint nicht selbst …) et cetera. Schnitt/Innen: Früher Morgen/Schlafzimmer: Einsamkeit eines Bettes, eines Zimmers, eines Hauses. Leicht klaustrophobisch anmutende Atmosphäre …

Bernadette liegt allein im Bett. Sie schläft unruhig. Die Digitaluhr zeigt 4:30 Uhr. Plötzlich verwandelt sich der Designer-Wecker in eine riesige Ankunftstafel im Inneren eines ebenso riesigen Flughafens, etwa: Frankfurt am Main oder London-Heathrow. Hier gibt es wahre Menschenmassen, die Stimmen sind jedoch gedämpft, die Lautstärke ist allgemein gedrosselt. Fetzen von der Tondurchsage. Langsame Kamerafahrt auf die Riesentafel zu: Ankunft. Beim „Flug OM-4711 3812 aus Havanna“ erscheint das Wort gecancelt.

F) Finale. Innen/Schlafzimmer/Großaufnahme: Bernadettes Gesicht – nun total leer. Traurig. Einsam. Tot. Keine Musik mehr: Stille. Die Farben schwinden sukzessive auf mittelgraues Schwarz-Weiß. Plötzlich erneuter (letzter) Wechsel: Laute Musik und erneuter Farbenrausch. Partystimmung von früher, indes noch greller! Ab jetzt wechselt es in Zeitlupe hinüber.

Schlusssequenz: Bernadette hopst langsam (weil überhaupt alles in Watte gehüllt zu sein scheint) auf Stephan zu, der – o Wunder! – auch wieder da ist … Doch plötzlich, ein roter Luftballon erhebt sich, wird bildfüllend, und Stephan ist endgültig und unwiderruflich weg. Nun folgt nur mehr ein irrer Farbwirbel. Musikfetzen. Handkamera: Eindruck eines Sturzes zu Boden. Dann: Standbild in trauriger Schräglage (ferne Baumreihe, Gebüsch, der kleine Pavillon et cetera). Die Musik bricht ab, zuvor noch kakophonisch geworden. Schwarz.

Sonore Stimme des Kommentators (aus dem Off): Und dann war er plötzlich weg.

*

Alle, sie alle

Und dann war er plötzlich weg. Ich meine, das war ja weiter nichts Außergewöhnliches. Das konnte schon einmal vorkommen. Er blieb eben mitunter einen Tag weg oder auch zwei, drei Tage. Da sei nichts Aufregendes dabei; er zumindest sagte das. „Und schon gar nichts Schlimmes, Liebes!“

Er war auch immer wieder zurückgekommen. Bisher. Und zwar – nicht einmal reumütig. Nein, ganz locker. So, als wäre wirklich gar nichts gewesen. Locker. Ganz locker.

Locker, wie Stephan nun einmal war.

Deshalb liebte sie ihn so. (Und so liebte sie ihn …) Ja, Bernadette liebte ihren Mann.

Auch wenn er sich zwischendurch davonmachte und – fast – aus dem Staub …

Der Traum. Jetzt kam er immer wieder, dieser Traum. Nur die Abstände zwischen den einzelnen Traumteilen (die zusammen einen Traum ergaben) wurden von Mal zu Mal kürzer, nach denen er wieder und wieder erschien und durch ihr gemartertes Nachthirn wetterleuchtete. Wetterleuchtete. Donnerwetterleuchtete. Übrigens: ein Traum wie ein Film. In Film-Sequenzen. Der Traum von der Verlobungsfeier (oder war es bloß eine Sommerparty gewesen? Damals. – Wann? Auch das war ohne Bedeutung … Ja, ohne Belang).

Jedenfalls: Alle waren noch dabei gewesen: ihr einigermaßen strenger Vater Edgar, der angesehener Professor am Christian-Morgenstern-Gymnasium; natürlich ihre Mutter Sabine, die früher einmal ebenfalls Lehrerin gewesen war, später dann selbstverständlich treusorgende Hausfrau; aber auch Stephans Eltern, Dagobert und Wilhelmine; ein paar Onkels und Tanten und andere familiäre Anhängsel. Auch Mitschülerinnen und Mitschüler. (Seltsamerweise fehlten auch Cathérine Deneuve, Michel Piccoli und Marcello Mastroianni nicht …, die zeitweise ihre Lieblings-Filmstars gewesen waren.) Yvonne, Bernadettes ehemalige Schulfreundin noch aus der Zeit am Gymnasium; und die Tanzschulbekanntschaften: die dicke Berthie; der Hugo, damals schon ein ziemlicher Säufer; und der wilde Hellmuth … Die Turnographin Felizitas Zierl; und Bernadettes meist so verbissen wirkende Deutschprofessorin, die hagestolze Oberstudienrätin Dr. Charlotte Schörnagel; nicht zu vergessen: der dicke Gymnasialdirektor Hofrat Dr. Wolfgang Habermas, der Vorgesetzte von Papa Edgar … Natürlich auch Bernadettes Hund, der weiß-braun-gefleckte ausgelassene Spaniel namens Telemann.

Im Hintergrund musizierte ein Orchester in Kurkapellen-Besetzung. Einer, der aussah wie Georg Friedrich Telemann, leitete die Musici vom Cembalo aus. Und die Streicher und Bläser sowie ein dicker Paukist waren ebenfalls gewandet wie Domestiken aus der Barockzeit – oder wie heutige Komparsen, die solche dazustellen hatten. (Sind das nun Barockmusiker oder Statisten, die Barockmusiker darzustellen haben [warum auch immer]?, fragte sich Bernadette. Oder träume ich das alles?!)

Man spielte Telemanns Musik, Piecen aus dem beliebten Intermezzo „Pimpinone“ und aus der Oper „Emma und Eginhard“ mit einigermaßen eigenartig wirkenden Gesangssolisten. (So träume ich doch sonst nicht?!, dachte sich Bernadette und musste lächeln.)

Nein. Das da war Bild und Ab-Bild in einem. Zeitgleich. Die Menschen waren somit sie selbst und die, deren Abbilder sie darzustellen versuchten …

Ist die Zeit tatsächlich ein Fixum oder bloß ein Continuum des Unbestimmten? Und: Wie verhält sich das alles im Traum?!

Also doch – ein Traum …

Dann, ab irgend einem bestimmten oder unbestimmten Zeitpunkt – als ob die Zeit in den Träumen überhaupt eine Rolle spielte! -, dann war Stephan plötzlich weg. Weg gewesen. Als hätte es ihn zuvor überhaupt nie gegeben … Weg. Wie vom Erdboden (exakt: vom Traum-Erdboden) verschluckt. Weg. Verschwunden. Weg. Weg.

Als hätte sich da eine Grube oder Falle im Dschungel-Erdboden aufgetan. Und die hatte ihren Liebsten verschluckt; wie der Hugo seine Schnäpse in den Tanzschulpausen …

Dschungel Dschungelduschgel Duschdschungelgel …

Dschungelgel, Dschingelbell …

Backe backe Kuchen (Euripides: Die Bakchen. Die Bache, jägersprachlich: weibliches Wildschwein … Bacchus = Dionysos …) der Bäcker hat gerufen wer will guten Kuchen backen der muss haben sieben Sachen Eier und Schmalz Butter und Salz Milch und Mehl Safran macht den Kuchen gehl (=gelb).

Georg Philipp Telemanns festliche Musik, eine seiner vielen festlichen Musiken oder eben etwas aus „Pimpinone“ respektive „Emma und Eginhard“, erklingt dezent im Traumhintergrund. (Man könnte auch zu Georg Friedrich Händel greifen; sogar Johann Sebastian Bach oder einer seiner Söhne darf es sein … Ja, auch Jacques Loussier, Keith Jarrett oder Dave Brubeck …)

Telemanns Festmusik! Telemanns Festklang!! Telemann!!!

Doch – Stephan ist weg.

Während sie ihm gerade noch, in Slow Motion, entgegengehüpft ist, zugegeben: ein wenig trampelhaft. Aber verliebt (sowie ein wenig übergewichtig [letzte Reste vom Baby-Speck!] … So was von verliebt! Verliebt – wie nur!! Verliebt!!!) …

Kein Stephan irgendwo.

Ein pastellfarben-impressionistisches Bild: Eine flirrend-flaumige Sommerwiese (ja, gibt es denn so etwas?!) … Eine Sommerwiese … Doch – ohne Stephan. (Mit Sicherheit: ein Impressionist – Monet, Manet, Renoir …?)

Kommt dann der Schuss (samt Hundegebell)? Oder war der schon vorher zu hören gewesen? Oder springt sie, jungmädchenhaft und ein bisschen dämlich, trampelhaft eben (und [wie gesagt:] rest-baby-bespeckt), während des Schusses, der Schüsse (ja, was denn nun?!) hier auf und ab, hin und her …?!

Sie weiß es nicht.

Doch sie weiß überhaupt nicht allzu viel.

Daher folgt hier

Das kleine Lied vom dummen Mädchen

Von vielen wurde uns schon viel gesungen.

Von schönen Frauen, alten und auch jungen.

Von prominenten und von Durchschnittsdamen.

Von solchen mit und ohne große Namen.

Von mancher weisen Frau weiß die Geschichte.

Die kochten manche zaub’rischen Gerichte

und buken dunkles Brot aus bunten Träumen.

Allein, die Dummen tat man meist versäumen.

Die Dummen standen anonym im Chor. –

Wir stellen so ein Kind Euch gern jetzt vor!

(Zwischenspiel)

Sie hieß nicht Inge und nicht Gretchen,

das Ding, von dem dies Lied erzählt.

Sie hieß bloß Hilde. War ein Mädchen

und blond und längst noch nicht vermählt.

Sie war so dumm. Und dennoch stark umworben.

Und dieser Umstand hat sie dann verdorben.

*

Schon in der Schule fiel sie auf

der Schönheit und der Dummheit wegen.

Dass dumm sie war, nahm man in Kauf;

die Schönheit hielt man gar für Segen …

Sie war so dumm. Und deshalb stark umworben.

Zu guter Letzt ist freilich sie gestorben.

*

Doch daran war die Schönheit nicht

und nicht die Dummheit schuld gewesen:

Es mordet‘ sie ein Bösewicht,

ganz ohne jedes Federlesen.

Sie war so dumm. Und fiel in seine Hände.

Sie war dahin. – Und das war auch das Ende.

Naturgemäß tut man sich mit einem Gedicht, mitten drinnen in Prosa, nicht leicht. Einerseits. Zum anderen: Hat nicht gerade das etwas Eigentümliche seinen besonderen Reiz? Das Sonderliche und die Sonderbaren – sie machen doch die Würze im Leben aus … (Zumindest der anderen. Für sie selbst freilich stellt ihre Andersartigkeit und Besonderheit meist eher ein Hindernis da. Da wehrt sich etwas gegen die allgemeine Anpassung. Da sträubt sich etwas gegen den Hobel der Gleichmacherei, bietet Widerstand jeglicher gewaltsamer Anpassung gegenüber, jeglicher Assimilation oder Integration. Und das missfällt der Allgemeinheit; die längst vergessen hat, auch bloß ein Durchschnitt aus diversen Verschiedenheiten zu sein.)

Also: Lyrik … Auch mitten in einem Film macht sich Lyrik nicht eben besonders gut. (Wahrscheinlich werden wir das kleine Lied doch besser wieder eliminieren …)

Doppelgänger, I

Jetzt ist es aber an der Zeit, um sich endlich auch mit ihm zu beschäftigen, mit Stephan. Nicht so sehr, obwohl er zwischendurch angeblich immer wieder einmal abhaut und ausbüchst, sondern, weil er dies tut. Es muss nämlich für dieses sein Verhalten – außer der oft als äußerst störend empfundenen Total-Umklammerung in Liebe durch Bernadette – noch andere Gründe geben. Etwa irgendwelche innerfamiliäre frühkindliche Schädigungen. (Sigmund Freud müsste hier, streng genommen, konsultiert werden; oder zumindest seine berühmten Schüler, die sich später meist von Freuds Lehre [und vom Vater der Psychoanalyse selbst] grollend abgewandt haben. Ja, der in den Ödipus-Komplex mündenden allzu großen Liebe zur Mutter oder dem heiß ersehnten Vatermord hätten wir hier zwangsläufig zu folgen mit ganzer Aufmerksamkeit.)

Wir beschränken uns indes darauf, meteorologische Angaben und Fragen der Erderwärmung zu behandeln, von der Weltwirtschaft, dem Flüchtlingsproblem oder der fatalen Haltung von EU und UNO zu faseln … (Oder nicht einmal das.)

Wir müssen uns also Stephan zuwenden; ob wir wollen oder nicht. Denn – wo kämen wir denn sonst hin? Wir können schließlich sein Bild nicht bloß als eine Dauer-Spiegelung in Bernadette auffassen; obwohl auch das einigen Reiz aufwiese … Man denke bloß an Nárkissos und die spiegelnde Wasseroberfläche! Raffinierte Antike! (Der schöne Jüngling Nárkissos, Sohn des Flussgottes Kephissos [auch: Cephisus] und der Nymphe Liriope, verschmähte die Liebe der Bergnymphe Echó, die sich vor Gram nach ihm verzehrte. Schließlich wurde ihr Gebein zu Felsen; und sie selbst auf ihre körperlose Stimme reduziert. Die ob des Frevels beleidigte Liebesgöttin Aphrodite bestrafte den kecken Jüngling dafür mit unstillbarer Selbstliebe. Und so verliebte sich der von allen schier angebetete hübsche Narziss in sein – auf ewig unerreichbares – Spiegelbild, das er im Quellwasser erblickt hatte … So wurde ihm sein Vergehen zum Todesurteil; und er in eine weiße Blume – Symbol kalter, herzloser Schönheit – verwandelt. Mehr dazu u. a. bei Ovid, in den Metamorphosen [3, 345 ff.].)

Kurz und schmerzlos: Stephan ist der Sohn eines Fahrrad- und Kleinkraftfahrzeughändlers. Stephans Vater, Anton Braumann, war ein sogenanntes Findelkind gewesen und als solches bei einer ursprünglich sudetendeutschen Familie in der Südoststeiermark aufgewachsen, eben den Braumanns. Dann, nach der abgeschlossenen Lehre zum Kraftfahrzeug-Mechaniker, hatte er in Graz seine spätere Frau Isolde (eine geborene Fasching) kennengelernt. Isolde war damals eine junge, in Maßen attraktive Sekretärin in einer Import-Export-Firma für Südfrüchte gewesen und – es hatte da ein eigenartiges Geschmacks-Ritartando stattgehabt – auch später immer noch total in die Musik von King Elvis Presley vernarrt … Über Jahrzehnte mit Petticoat und Transistorradio. (Gut, das fiel auf, schmälerte jedoch ihre sonstigen Positiva, etwa in der Haushaltsführung oder in der Aufzucht der Kinder, nicht weiter. Neben Stephan gab es noch zwei Schwestern, Marion und Iris, sowie den Nachzügler Wolfgang.)

Das war in den späten 1970ern. Bald darauf konnte Anton Braumann, gemeinsam mit seinem Kollegen Raimund Halmtrieb, das insolvent gewordene Geschäft für Fahrräder und Kleinkraftfahrzeuge eines gewissen Ivo Břočić erwerben. (Der gebürtige Kroate war bei einem Verkehrsunfall umgekommen; sinnigerweise überrollt von einem Transporter, der Fahrräder geladen hatte … Und seine Witwe, Jowanka, musste die Firma verkaufen.)

Anton Braumann und Raimund Halmtrieb wandelten die früher ziemlich desolate Werkstatt rasch in eine bekannte und beliebte Adresse für Fahrrad-Fans; der Boom zum Radeln kam just so richtig auf. Allerdings: Halmtrieb, der in erster Linie sein erhebliches Erbe in die Firma eingebracht hatte, selbst jedoch wenig Lust zum Beruf des Fahrradhändlers und Mechanikers in sich verspürte, machte sich bald danach auf zu einer Weltreise per Riesendampfer. Auf dieser auf mindestens ein Jahr anberaumten Vergnügungsfahrt – nach der Passage des Panama-Kanal wollte Halmtrieb seine ursprünglich gewählte Seeroute eventuell noch in Richtung Karibik mit Jamaika und (wenn möglich, nach:) Kuba erweitern – segnete der Junggeselle ohne familiären Anhang leider plötzlich das Zeitliche. Der Grund war angeblich ein Herzinfarkt, der den noch nicht einmal 40jährigen dahinraffte. Doch da er seinen Kompagnon samt Familie zu Erben eingesetzt hatte, waren die Braumanns nun endgültig aus dem Schneider.

Da spielte es dann auch kaum eine Rolle, dass sich Stephan, geboren in den mittleren 1980ern, bald schon anderwärts beruflich interessierte: Er wollte weder in den Handel noch in die Kfz-Branche, sondern lieber Chemie und Pharmazie studieren.

Die Eltern waren zufrieden, zumal Isoldes Sippe just auch einen Apotheker, den alten Onkel Edi, aufzuweisen hatte und demzufolge Verständnis für den Berufswunsch des kleinen Stephan aufbrachte. Nach Onkel Eduards Tod konnte es sich der Großneffe aussuchen, entweder später dann die Apotheke zu übernehmen oder aus den Pachteinkünften sein Studium – eventuell auch einen ganz anderen, vielleicht sogar einen künstlerischen Zweig oder eines der hübschen, weitestgehend überflüssigen Orchideenfächer – zu finanzieren. Man entschied sich für die zweite Variante. Und so kam die florierende Landapotheke an einen gewissen Mag. pharm. Egon Hildebrandt, der aus Deutschland zugereist war. Hildebrandt war – erraten – der Vater von Olaf Hildebrandt, dem späteren miesen Filmregisseur, der im Allgemeinen gern überschätzt wurde; und sich selbst noch lieber überschätzte. (Aber lassen wir das hier lieber. Wir werden ihm vermutlich noch einige Male kurz zu begegnen haben. Und das genügt.)

Glück …,

Um sich später in einander und zuletzt gegenseitig gänzlich zu verlieren, mussten Stephan und Bernadette freilich zunächst einmal zusammenfinden. Um aus jeweils solistischen Einzelmenschen zum Paar zu werden, bedurfte es eines Anlasses oder zumindest einer Gelegenheit. Und eines Ortes. Letzterer war „Fabricios Schwemme“, ein eher mittelklassiger Italiener mit meist laschen Spaghetti, einer zweitklassigen Lasagne und nicht immer zu empfehlenden Fisch-Spezialitäten. (Das Spezielle an diesen aquarischen Angeboten war ihr permanentes Überschreiten der herkömmlichen Ablaufdaten, somit ihre nur bedingte Bekömmlichkeit.)

Also fanden sich Stephan und Bernadette, nach einem – zufällig – gleichzeitig vollzogenen Besuch in Fabricios Kaschemme, im Spital wieder. Auch hier, wie im Lokal: an verschiedenen Tischen, nunmehr: in verschiedenen Zimmern (und natürlich in getrennten Betten); aber immerhin. Und unter dem Schutzmantel des Roten Kreuzes funkte es schließlich.

Wieder genesen, traf man einander nun regelmäßig. Und die Liebe trug das Ihre dazu bei. (Wie schon erwähnt: bei Bernadette allem Anschein mehr als bei Stephan …)

Man zog also gemeinsam um die Häuser, um schließlich, der Liebe und der Einfachheit wegen, alsbald überhaupt zusammenzuziehen; und man feierte schließlich Verlobung. (Siehe: Film-Exposee [Synopsis]!) Es herrschte also weitgehend Harmonie.

Doch da setzten auch schon Stephans Aussetzer ein. Seine Absenzen. Sein Fortbleiben.

Und wenn sich Bernardette auch nicht gerade die Augen ausweinte (übrigens, die waren, wie es sich für eine zünftige Blondine gehörte, in Blau gehalten), so störte sie diese Angewohnheit ihres Partners doch.

Während sie also daheim dünstete und sich blöde Telenovelas ansah, pflegte ihr Gespons den (durchaus auch intimen) Umgang mit anderen weiblichen Wesen, der ihn bis ins ferne Kuba führen sollte [wie sich noch zeigen wird].)

Hätte sich Bernardette nicht schon ein paar Jahre vor der Fischvergiftung den lustigen Spaniel Telemann zugelegt, sie wäre in der Tat nicht selten allein gewesen; bis zur Vereinsamung. Daheim, in den pseudo-gemeinsamen vier Wänden, erst recht wieder zurückgeworfen in die Zeit der verblassenden Jungmädchenträume. Und während außerdem ihre Lust am vor einigen Jahren begonnenen Studium der Romanistik langsam nachließ. (Denn ihre Traum-Cathérine-Deneuve, deretwegen sie es, strenggenommen, ja eigentlich angegangen war, hatte aus verständlichen Gründen auch nicht immer Zeit, sich mit ihr abzugeben …) Was ihr blieb, war die innerfamiliär stark ausgebildete schizothyme Neigung. Kurz – sie steuerte sukzessive dem Wahnsinn entgegen. Und wenn schon nicht im Sinne Ophelias, so immerhin à la Johanna von Orleans. (Wenn schon, denn schon.)

Außerdem widmete sich Bernadette weiterhin ihrer Naivität, von der andere immer einmal wieder als von ausgesprochener Dummheit sprachen. (Was indes übertrieben war. So dumm war sie gar nicht. Mitunter mochte zwar die Phantasie mit der jungen blonden Frau mit den blauen Augen durchgehen; aber dumm war sie nicht. Punkt.)

Ja, sie oblag der Naivität wie andere eben einem anderen gern geübten Hobby. Aquarellieren, Mundharmonika-Blasen oder Klöppeln. Sie hatte nun einmal ihre Barbie-Träume. Darin spielte ein vorweggenommener – gleichsam: ein vorweg-gesehener Stephan – eine tragende Rolle. Kein Ken, unter welchem Namen der kämpferisch-alerte Naturbursche US-amerikanischer Deszendenz aus dem Hause Mattel firmierte, dieser Rambo unter allen den langbeinigen und bulimischen Puppen-Herzchen, der indes sogar im Smoking ganz gute Figur machte (so jemand überhaupt im Smoking gute Figur zu machen imstande ist).

Nein, ihr Idol war ein Einhorn, ein pinkes Einhorn mit weißen Tupfen am Arsch.

Es war, genauer gesagt, eine Art Einhorn-Zentaur, der sich zwischendurch erstaunlicherweise immer wieder und vorübergehend in einen Springer aus einem handlichen, leicht minimierten Schachspiel aus Badeschwämmen verwandelte; gespielt werden würde, wenn gespielt werden würde, selbstverständlich auf dunkelbraun- und gelb-gewürfeltem Fliesenboden …

Nicht wie auf dem bedrohlichen schwarz-weißen Riesenbrett von Onkel Nepomuk, das mit großen Figuren aus Elfenbein beziehungsweise aus Ebenholz ein aggressives Zeugnis spielerischer Strategie lieferte. Das Schachspiel, dessen Brett auf abgeschrägten Tischbeinen lag und schlachtschiffartig ins halb-düstere Zimmer hineinwies, hatte sie immer schon erschreckt; mit der Phalanx der stets wie in einer laufenden Partie aufgestellten Figuren, auf denen so etwas wie tödlicher Glanz lag [der sich als bloß spielerische Entschlossenheit tarnte] … (Komisch, manche [durchaus auch bloß mittelmäßigen] Schachspieler lassen immer eine hübsch arrangierte halbgespielte Partie stehen; wie manche schlechte Pianisten meist ein paar Notenblätter mit Klassischem [besonders beliebt: Ludwig van Beethovens berühmtes Albumblatt „Für Elise“, diese berüchtigte Elegie in a-Moll von 1810] auf dem geöffneten Klavier, egal ob Flügel oder Pianino, vergessen …)

Die Gangart des Springers ist ein Sprung, der etwa so beschrieben werden kann: er setzt über jedes in gerader Richtung seinen Platz berührende Feld hinweg auf jedes schräg anstoßende, das nicht neben ihm selbst sich befindet.“ (Jean Dufresne, Kleines Lehrbuch des Schachspiels. 6. Aufl. Leipzig o. J. [1892]. Übrigens, auf Friedrich Schillers Spieltheorie mag hier verzichtet werden [Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, 1795.])

Nein, das war dem einfach gestrickten Ken, der übrigens seit dem Jahr 1961 für Mattel Inc. als Barbies boyfriend mit den dunkelbraunen, aufgeflockten Haaren als Ranger wie als Party-Partner posieren durfte, trotz bitterer Vietnam-Erfahrung dann doch um einiges zu kompliziert. (Er war eher an den geräuschlosen Einsatz von Napalm gewöhnt …)

Doch zurück zum Einhorn. Ihm wuchs sein namensgebendes Merkmal allerdings nicht immer aus der Stirn heraus. Nein. Besonders, wenn es als lebensgroßer, dem Schach entsprungener Springer auftrat und Reithosen an hatte, entschälte sich denen dann das kuriose Horn. (Oder das Pferdchen endete in einem Sockel mit Hosentor.)

Das musste für Bernadette, die unaufgeklärte Naive, die so oft fälschlich für dumm gehalten wurde, als Ersatz für Erotik und Sexualität – zumindest: vorerst noch – genügen. Mehr würde es später dann geben. Und da sollte ohnedies schon Stephan in ihr verschwommenes Leben getreten sein wie ein Naturereignis, etwa ein Tornado oder ein Hurrikan der Gefühle. Ohne Schach, Ken und Einhorn; dafür mit purem Sex …

Dass Bernadette allerdings die sich ständig wiederholende Abwesenheit ihres Stephan so frauenhaft ertrug, wie sie es tat, hingt in der Tat mit ihrer geistigen Disposition zusammen, die den Grad gewöhnlicher Naivität dann doch überschritt. Sie trieb den Altruismus mitunter, erinnernd an mittelalterliche Mystikerinnen, gewaltig in die Höhe und vermochte sich, während sie sich nach dem Geliebten verzehrte, sogar in seine diversen Geliebten hineinzudenken, die sie ihm ohne weiters unterstellte; und in ekstatischen Momenten sogar zubilligte!

Es lag, wie schon angedeutet, bei Bernadette in der Tat und ohne Zweifel eine Art schizothymer Disposition vor, die im Übrigen die Generationen hindurch in ihrer Familie immer wieder entweder zu Mord und Totschlag mit anschließenden fluchtartigen Übersiedlungen oder aber zumindest zu argen verwandtschaftlichen Verstimmungen geführt hatte. Mitunter jedoch auch zu stillem Verzicht oder gar zu resignativem Suizid …

Kurz: Stephans potenzielle Bettgenossinnen hatte etwas sehr Blondes an sich.

Glas …

Kein Wunder also, dass sich die später und im Verlauf der Geschehnisse (des Films wie der vorliegenden Prosa) so oft hintergangene Bernadette schließlich dem Suff zu ergeben begann. Das Glas wurde ihr wichtigstes Requisit. Oder besser: dessen meist hochprozentiger alkoholischer Inhalt.

Kurz: Die junge Frau hing sukzessive mehr und mehr an der Flasche. Hochprozentiges, wie gesagt, musste bald schon als Ersatz für den immer wieder ausbleibenden Lebensgefährten herhalten. Hochprozentiges.

Das Saufen zeitigte indes auch einige interessante Neben-Erscheinungen. Denn wenn Bernadette trank (und sie trank im Falle von Stephans Aus- und Wegbleiben so gut wie permanent), vermochte sie verschiedene Bilder und Phantasmagorien um sich her zu evozieren. Dann besuchten sie zum Beispiel berühmte – aber, zugegeben, auch weniger berühmte – Musiker, Bildhauer, Tänzerinnen oder Literaten … (Nur Stephan war klarerweise auch nach stundenlanger Trink-Therapie obwohl sie fast ausschließlich leuchtenden dunkelgelben Jamaika-Rum, Bernstein-farbigen Whiskey, dunkelbraunen Cognac oder so manchen Klaren in sich hinein schüttete – nicht dabei; und auch nicht Clara Schumann.)

Sie soff. Bernadette soff gewaltig. Auch wenn man es ihr – noch nicht – allzu sehr ansah. (Ein wenig immerhin schon. O ja. Und sogar der treue Spaniel Telemann blickte mitunter irritiert zu ihr auf und rümpfte dabei merkbar seine Hundenase.) Noch etwas, erinnern wir uns kurz an Schluckspecht Hugo: Wenn sie noch mit ihm Kontakt gepflegt hätte, wäre ihr vielleicht sogar aufgefallen, dass sie inzwischen schon wesentlich mehr in sich hineingoss als ihr – weiter oben kurz erwähnter – ehemalige Kollege aus der Tanzschule. Über den hatte es damals, in den halbwegs seligen Gymnasialzeiten, schon recht süffisant geheißen, es sei zu befürchten, dass er beim Saufen bald einmal auch noch die Gläser mittrinke …

War Bernadette zwischendurch einmal ganz zugedröhnt, dann sprach sie zum Beispiel auch mit Georg Philipp Telemann (1681 – 1767). Mal zwei. Also: mit ihrem Spaniel und mit dem anderen Telemann, der dann mitunter auftauchte; als hochmusikalischer Geist aus der Flasche, sozusagen. Denn beiden gegenüber, dem trotz diverser Altersleiden immer noch possierlichen Hündchen und ihm, dem aus Magdeburg stammenden, später in Leipzig, Frankfurt und vor allem in Hamburg tätigen, angesehenen und vielseitigen Komponisten, getraute sie sich, ihr Herz zu öffnen. Jener war, wie gesagt, ein Tier, und dieser war ja immerhin schon einige Jahrhunderte lang tot. Und als Gast bloß eine Erscheinung.

Was sie so mit ihnen besprach? – Das würde hier denn doch den Rahmen sprengen. Wahren wir also ein wenig Diskretion. Danke.

Wenn Frauen im Alkohol versumpfen (oder durch den Alkohol versumpfen), so dürfte das zwar in physiologischer und medizinischer Hinsicht kaum wesentlich anders sein als bei männlichen Säufern; rein von der gesellschaftlichen Akzeptanz her gestaltet sich für weibliche Alkoholkranke ihre Situation jedoch noch um einiges schwieriger, als das bei männlichen Kollegen der Fall ist. Die betrunkene Frau – vor allem die in der Öffentlichkeit – hat mit wesentlich mehr Ablehnung zu rechnen als der betrunkene Mann, der noch über weite Strecken eher als flotter Hecht beurteilt wird, wenn er einen in der Krone hat.

So entfremdete sich auch Bernadette sukzessive von ihren Eltern sowie von den Freundinnen. Und Freunden. Allerdings blieben ihr ja immer noch Telemann I und II. Und so fiel ihr das mitunter gar nicht richtig auf. Doch Telemann I, wir sagten es schon, war ein Hund, Telemann II nun einmal bloß eine Schnaps-Chimäre. Ein Traum. Ein Schatten. Ein Klangschatten.

Chimäre und Traum und Schatten (mit oder ohne Klang). Ist das nicht irgendwie dasselbe?

Nun, nehmen wir zunächst einmal Stephan her: Der war doch für Bernadette nicht selten bloß ein Schatten. Gewesen. Oder war er ein Traum, eine Chimäre? Der Traum eines Schattens oder der Schatten eines Traums? Traumklang? Traumklangschatten? Schattenklang?

Es ist doch, dachte sich Bernadette mitunter (oder ließ sich das von Telemann I oder Telemann II denken), es ist doch bloß ein Problem des Zustands. Und das löst sich irgendwie immer … Wenn sich der Zustand verändert … Oder wenn man glaubt, der Zustand verändere sich … Ja. Das Problem wäre leicht lösbar, träte etwas ein, was den Zustand veränderte.

Oder war das alles ein Irrglaube? Und in Wahrheit gab es gar keine Probleme? Keine Zustände? Keine Chimären, Träume, Klänge und Schatten? Gab es sie selbst, Bernadette, nicht?

Dann versuchte sie sich umzubringen. Mit diversen Tabletten.

Doch immer wieder klappte es nicht mit der Dosis.

Oder sie wurde durch Zufall rechtzeitig gefunden.

Oder Telemann, der Hund, leckte ihr den Mund, bis sie erwachte; und er, der alte Spaniel, dabei eine mittlere Alkohol- oder Medikamentenvergiftung davontrug …

und Scheiße!

dereinst freilich dereinst reicht auch dein verstand o mädchen …

und du fällst fällst stürzt ganz tief unendlich tief

hinweg auf immer weg und weit

und aus

.

O! Schon wieder – Lyrik …

Gut. Nochmals – Dummheit.

Da bietet es sich jetzt an, kurz über die diversen Qualitäten der Dummheit zu referieren.

Zum Beispiel: über die naive Dummheit etwa Bernadettes. Dabei handelt es sich um eine Dummheit, die als vergleichsweise harmlos zu bezeichnet ist – bedenkt man andere Ausformungen des Übels. Denn Im Grund genommen tut sie niemand anderem etwas Böses. Wie auch Volksfrömmigkeit im Allgemeinen, bevor sie in Fanatismus umschlägt, oder gar das harmlose Vertrauen auf Engel. Ob es sie nun gibt oder nicht.

Ein vergleichsweise harter Brocken ist da schon die egoistische Dummheit, wie sie zum Beispiel Stephan praktiziert (hat). Durch sie erfahren andere Leid, wird anderen durchaus Böses angetan. (Nur zuletzt heißt es dann, halb sarkastisch: „Dumm gelaufen!“)

Doch am ärgsten ist wohl die Dummheit, die aus Unbildung heraus entsteht. Wohlgemerkt: aus einer selbstverschuldeten Ungebildetheit; einer Unbildung gleichsam, die ganze lernfaule Bevölkerungsschichten umfasst und querbeet durch alle Klassen reicht, was Einkommen, Beruf, Funktion und Lebens-Chancen betrifft. (Keine erzwungene also!)

Die selbstverschuldete Dummheit führt nämlich über die Stadien der Selbstgefälligkeit und Blasiertheit zu geistiger Genügsamkeit und zuletzt bis hin zu intellektueller Abstinenz.

Und diese Dummheit, die immer stärker wird und unaufhörlich zunimmt, endet in Aggression und Gewalttätigkeit.

Denn Aggression und Gewalttätigkeit setzen ein, wo die Stimme des Arguments schweigt.

Freilich, die oben erwähnte Naivität, soll auch nicht für alles und jedes als Entschuldigung herhalten. Wenn etwa, wie der zwischenzeitlich – und nicht zuletzt durch die Interpretation der Marlene Dietrich – zum Volkslied gewordene Soldaten-Song es beweist, der Zauber der Montur bagatellisiert wird. Da heißt es: „Wenn die Soldaten / durch die Stadt marschieren, / öffnen die Mädchen / die Fenster und die Türen. / //: Ei, warum? Ei, darum! :// Ei, bloß wegen dem / Schlingerassa / Bumderassasa …“ (Das Lied, das laut de.plusmedia.org sogar in Fritz von Unruhs Drama „Offiziere“ [1911] vorkommt und in Alexander Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ [1929] einmontiert wurde, basiert auf der Posse „Die Seeräuber“ der Alvine Luise Antonie von Cosmar [1806 – 1870], einer fruchtbaren Autorin, Modejournalistin und Verlegerin, die unter dem Pseudonym A. Cosmar geschrieben hat. Sie übersetzte übrigens auch die vielgespielte Komödie „Das Glas Wasser“ aus der Schreibwerkstatt Eugene Scribes.)

Da es beim oben zitierten Schinterassa und Bumderassasa indes mit Sicherheit um etwas anderes als um Kanonendonner und Geschützfeuer geht, ist die – bezweckte – (Schein-)Naivität hier, wo sie den eigentlich gefährlichen Kern der pro-militärischen Aussage umnebelt, entschieden in ihre Grenzen zu weisen. Ließen wir sie als Halb-Pornographie und infantil-flotte Obszönität immerhin gelten; nicht aber zum Zweck der Kriegsverherrlichung! Oder?!

Denn sonst darf nicht verwundern, dass sich die Naivität über diesen Schleichweg des leicht Erotischen, ja: Schlüpfrigen, eben weil es ein bisschen zotig eingefärbt ist, bei uns besonders bequem einnistet. Und in der Folge quasi spielerisch und charmant zur Dummheit, noch später zur Aggression und Gewalt mutiert.

Großer Roman, großer Film.

Doppelgänger, II

Von Olaf Hildebrandt war schon kurz die Rede. Und viel mehr soll über ihn besser auch gar nicht gesagt werden. Seine Wirkung im europäischen Film ist zwar (wenn auch eher marginal) grosso modo unbestritten; sein Charakter freilich (und das mit Sicherheit), wie man so schön sagt, unterm Hund. Zudem gilt er nicht nur als möglicherweise grenzgenial; manche halten ihn schlicht und ergreifend für weit überschätzt. (Doch damit haben auch andere, vergleichsweise unbestritten Gewichtigere auf den diversen Regie-Thronen von Hollywood bis Bollywood zu kämpfen; man denke nur an Quentin Tarantino oder Til Schweiger.)

Wenden wir uns daher getrost vom meist ignoranten Hildebrandt ab und kurz dem französischen Meisterautor Gustav Flaubert (1821 – 1880) zu, von dem doch schließlich die weiter oben erwähnten Figuren Bouvard und Pécuchet stammen. Sie sind bekanntlich die Titelhelden seines satirischen Roman-Fragments, das posthum 1881 erstmals erschien und dessen Ziel es – wieder einmal – war, die Blöd- und Blasiertheit sowie die Charakterlosigkeit der (in diesem Fall: französischen) Gesellschaft seiner Zeit zu entlarven und dem allgemeinen Spott preiszugeben. Doch „Bouvard et Pécuchet“ blieb, wie gesagt, unvollendet.

Egon Friedell schreibt in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1927 ff.) über Flaubert, dessen dichterische Methode er auf der des Philosophen und Sprachzauberers Hippolyte Taine (und in direkter Linie auf dem Darwinismus) fußen sah: „Sein (Flauberts, Anm.) finsteres Grundthema ist die menschliche Dummheit und sein Oeuvre ein riesiges Glossarium, Herbarium, Bestiarium, eine umfassende Morphologie, Biologie, Ökologie aller irdischen Beschränktheiten.“ Die Intention des Schriftstellers, „indem er nämlich auf jede Stilisierung, Verklärung, Appretur der Wirklichkeit (…) verzichtet und den Menschen in seiner Winzigkeit, Kleinlichkeit, Gewöhnlichkeit, ja Verächtlichkeit zeigt“, gehe nur nicht ganz auf: Sein Wunsch, „wie Gott im Weltall: überall gegenwärtig und nirgends sichtbar“ zu sein, erfülle sich nämlich nicht. Zu sehr sei ihm „die verstehende Liebe das schöpferische Prinzip“ gewesen; auch in der Behandlung seiner literarischen Personage. Trotz strenger Abkehr von jeglicher Romantik sei also „seine zarte Poetenseele“ stets unleugbar anwesend …

Immerhin parodiert und karikiert Gustave Flaubert konsequent und geistreich-bissig die berühmten französischen Enzyklopädisten. (Die Herausgeber der „Encyclopédie“ rund um Denis Diderot und Jean de Rond d’Alembert, denen Egon Friedell [Kulturgeschichte der Neuzeit] in ihrer verbissenen Forderung, die Kunst solle die Natur lediglich nachahmen und wiederholen, allerdings viele Jahre später „naive[n] Dogmatismus“ attestieren wird, machen sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ans Katalogisieren und Auflisten [im Optimalfall:] aller menschlichen Lebensäußerungen, möglichst aller Erfindungen, Gerätschaften und Kunsthervorbringungen; kurz, sie legen – nach antikem und mittelalterlichem Vorbild – den Grundstein zu den meisten nachfolgenden sogenannten Konversationslexika, zu nützlichen Sachwörterbücher, aber auch zu manchem skurrilen Sammelsurium – und sogar zu Wikipedia.)

Flauberts bissige Systematisierung des schier bodenlos Blöden, auch des Charakterlosen, des quasi Wölfischen und Schweinischen im Menschen, sollte übrigens die „Copie“ ausmachen, jenen zweiten Band von „Bouvard und Pécuchet“, der, begründet durch das Ableben des Autors, bloß Plan bleiben musste; nichts desto weniger indes ein von Geist (aber auch von Nonsens) sprühendes Beispiel für angewandte Ironie und ätzende Satire … „Es sollte“, fasst Julian Barnes in seinem Nachwort zum „Wörterbuch der Gemeinplätze“ zusammen, „eine gewaltige Materialsammlung sonderbarer und beispielhafter Dummheiten werden, welche die beiden Schreiber (Bouvard und Pécuchet, die Antihelden des Romans, Anm.) sich herauskopieren, nachdem sie den Versuch, die Welt zu verstehen, aufgegeben haben.“ (Gustave Flaubert, Das Wörterbuch der Gemeinplätze. Zürich 1998.)

Also ging es um ein geplantes Kompendium von parodistischen Entlarvungen („Erfinder – sterben alle im Armenhaus“), um durchaus genussvoll an Nonsens streifende Klischees („Alle alten Vasen sind etruskisch“) und aberwitziges Lexikon-Wissen („Romane – verderben die Massen. – Als Fortsetzung sind sie weniger unmoralisch als in Buchform“), zu dem die „Gemeinplätze“ das vorweggenommene Modell waren. Alles mit dem Ziel, gegen die Dummheit aufzutreten; selbst wenn das dem bekannten Kampf des Don Quijote mit den Windmühlen gleichen mochte und der Ausgang ein ähnlich beschämender sein würde …

Warum wir das hier so groß herausstellen? Nun, weil wir davon überzeugt sind, dass – neben der Schlechtigkeit – es vor allem die Dummheit des Menschen ist, die unserer Welt und unserer Kultur am Ende den Garaus machen wird.

Noch etwas, etwas anderes: Eine erstaunliche literarische Parallele fällt bei den „Gemeinplätzen“ auf – allerdings eine, die beiden daran beteiligten Literaten durchaus schmeichelt: nämlich die zum höchst unterhaltsamen Nachschlagewerk „Des Teufels Wörterbuch“ des Amerikaners Ambrose Bierce (1842 – 1814). Weiß sich doch wie dieser gewiefte Autor auch Flaubert, auf eine für den Leser immer wieder amüsante Weise über Gott und die Welt dort, wo sie fehlerhaft zu sein scheinen (also fast überall), gehörig ungehörig zu echauffieren.

Gustave Flaubert, der es nicht zuletzt durch seinen Sittenroman „Madame Bovary“ spielend geschafft hatte, auch unter die Obszönen eingereiht zu werden, besticht freilich nicht nur durch bitterste Ironie, saftigste Satire, durch gedankliche Brillanz und stilistisches Können; er wirkt außerdem als glaubhafter Moralist und kritischer Chronist weiter. Und was das hier angesprochene Obszöne betrifft, mag es nachgerade eine Ehre sein, von irgendwelchen aufgebrachten Spießern und dummen Philistern in einer Reihe tadelnd vermerkt zu werden mit Charles Baudelaire („Die Blumen des Bösen“), später dann mit Arthur Schnitzler („Der Reigen“), David Herbert Lawrence („Lady Chatterley“) oder Henry Miller („Wendekreis des Krebses“ et cetera) …

Gustave Flaubert. Wenn er in der Lobby des einigermaßen schäbigen Hotels in Havanna, gemeinsam mit seinen ebenfalls kurzfristig wiedererstandenen skurrilen Helden Bouvard und Pécuchet in seinem Blut niedergestreckt daliegt und verröchelt im Kugelhagel der nichtsnutzigen Mafiosi, so ist ihm indes nicht mehr an Schlimmem geschehen als jedem anderen Autor auch, der tragischerweise in der Schrift eines Kollegen vorkommt. So etwas ist nun einmal immer gefährlich. (Und der ständig überschätzte Filmregisseur Olaf Hildebrandt konnte allein schon deshalb nicht von den Heckenschützen der Mafia getroffen werden, da er hinter der Kamera stand, die all das Grauenhafte aufnehmen musste.)

Es bleibt daher nur ein kurzes Gastspiel, das Flaubert und seine Freunde uns da gaben.

Doch auch, wie es Stephan und die kecke Concepción inzwischen im Bett treiben, erscheint uns im Grunde nicht weiter abendfüllend. Geil – ja; aber wirklich mehr? – Nein!

Schade, hätte sich Concepción doch als geborene Doppelgängerin der daheimgebliebenen und still vor sich hin darbenden Bernadette angeboten. Schade, wirklich. (Sollen wir sie vielleicht doch auch hinmeucheln lassen?! – Hm.)

Ach ja, das Doppelgängertum. Wie Concepción und Bernadette ließe sich naturgemäß auch aus Stephan und Olaf Hildebrandt so ein Gespann konstruieren. Vielleicht sollte das Netz der romantischen Wiedergänger noch auf andere Figuren und Personen ausgedehnt werden … Vielleicht müsste überhaupt die ganze Welt am Geschehen aktiv teilhaben … Kurz: Vielleicht sollten wir ein Universum aus den zwei Personen schaffen, wie das ja ohnedies in gewisser Weise ständig passiert, da alles irgendwie zusammengehört und in eines führt am Ende?!

Auch die Verstorben hätten wir hineinzubröseln (wie Suppenwürfel) in unser Schicksalsragout, da jedes Leben bekanntlich von vielen Toten – und vielen Toden! – gesäumt ist. Und zu den schon vorhandenen sollten wir am besten noch andere Tote – und Tode – aufhäufen.

Ach, was wir nicht alles noch tun sollten! Indes, würde das zwangsläufig einen großen Roman ergeben? Und müsste der in der Folge dann zum großen Film werden?

Na, also. Nichts ins zwangsläufig, merken wir uns das!

Noch dazu: Wie sollte etwas ein einigermaßen tauglicher Streifen werden, woran Olaf Hildebrandt als Regisseur beteiligt ist? (Man merkt es, dieser Olaf ist uns nicht so recht sympathisch … [Nun, wir haben unsere Gründe für diese Beurteilung.])

Außerdem, wie sagt schon Gustave Flaubert? „Alle Eismänner sind Neapolitaner.“

Stephan ist endgültig weg

Es war eigentlich zu erwarten gewesen, dass es so kommt.

Eines Tages blieb Stephan dann tatsächlich ganz aus. Endgültig. Und über kurz oder lang würde Bernadette auch gar nicht mehr wissen, ob es ihren Geliebten, ihren Verlobten, ihren Ehemann (was auch immer) in der Realität überhaupt jemals gegeben hatte.

Doch was bedeutete ihr schon die Realität?

So lange sie ihren Schnaps hatte. Und Telemann I (und II). So lange war alles so weit im Lot. Einmal mehr, einmal weniger. Je nach Lot und Lage der Dinge; und entsprechend der Marke, die der Alkoholpegel anzeigte.

Alles paletti. – Alles paletti?! Sogar ihr kamen da mitunter ziemliche Zweifel.

War es wirklich in Ordnung? Konnte es wirklich in Ordnung sein?!

Und sie fragte Telemann I und II.

Natürlich nicht!“ So lauteten die Antworten, mehr oder minder umwunden und klar.

Bernadette war krank. Seelisch krank. Und körperlich auf dem Weg, unaufhaltsam zum Wrack zu werden. (Und was, bitte, hätte sie auch aufhalten sollen?!)

Egal, wie gut oder schlecht es ihrem Stephan auch immer gehen mochte – oder ob er nicht vielleicht doch in Havanna (der Hemmingway-Zeit) sein Leben ausgehaucht hatte (mit oder ohne Concepción, durch Mafiosi-Hände oder sonst irgendwie, etwa per uraltem Ami-Schlitten) auf dem dreckigen Asphalt vor dem billigen Hotel … -, seine Situation wäre allemal die wesentlich bessere gewesen. Fand sie. Selbst wenn er es bloß schon überstanden hätte. Denn dann hätte er es eben – überstanden!

Und so kam es also, wie wir es bereits weiter oben angekündigt haben: Stephan blieb eines Tages ganz aus. Von den Malediven (oder waren es diesmal die Seychellen? – Letztlich: egal eigentlich …) drang noch einmal ein Lebenszeichen zu Bernadette, eine Meldung per Mobiltelefon. Ein immerhin längeres, doch weitestgehend dilettantisches Video sogar. Es zeigte eine festliche Gesellschaft auf einer sommerlichen Wiese. Champagner-Gläser und Korkenknallen. Hundegebell. Festliche Musik von Georg PhilippTelemann. Jagdgetöse mit Schüssen.

Ja, richtig gehört, es gab sogar einen schlechten Ton zu den fürchterlichen Wackelbildern. Und diese Bilder bewiesen zudem, dass dies alles eindeutig von Olaf Hildebrandt inszeniert worden war: So grottenschlecht konnte keiner filmisch arbeiten seit der Erfindung der Autochromplatte der Brüder Louis Jean und Auguste Lumière (beziehungsweise seit Aufkommen der legendären Eumig-Kamera um die Mitte des 20. Jahrhunderts).

Bernadette warf ihr Handy neben sich aufs Bett und goss sich einen circa Fünffachen Henessy in das hohe Wasserglas, das neben der Flasche auf dem kleinen Nachttisch stand. Da schaute sogar der Spaniel Telemann ein wenig indigniert. Doch rollte er sich sogleich wieder gemütlich zur Kugel zusammen. Und freute sich, hier, auf dem Bett bei Frauchen, liegen zu dürfen. (Telemann II schien kurz den Raum verlassen zu haben.)

Doch Bernadette drehte den Fernsehapparat an, worauf sich erstaunlicherweise das eben gesehene Wackel-Video Stephans (Olafs) vom Smartphone jetzt auf dem Flatscreen figurierte.

Sie trank. Trank. Trank. Und schenkte sich nach, bis ihr die Sinne zu schwinden begannen. Zuvor aber drehte sie das TV-Gerät noch etwas lauter und – lachte unbändig. Ja, sie lachte, dass die Gläser in der Vitrine klirrten und eine gerahmte Fotografie zu Boden fiel.

Auch Telemann II – er war wieder hinzugetreten – und Telemann I waren belustigt, bevor sie sich wie alles andere auch aufzulösen begannen. Sukzessive.

Aber Morgen“, dachte sie quasi als Letztes bei sich und zitierte eine Zeile aus dem genialen Text der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, „da fängt ein neues Leben an.“

Ja, morgen.

E N D E

Literatur & Quellen (Auswahl):

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

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Jean Dufresne, Kleines Lehrbuch des Schachspiels. 6. Aufl. Leipzig o. J.

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Ders., Das Wörterbuch der Gemeinplätze. Zürich 1998.

Sigmund Freud, Gesammelte Werke. Köln 2014.

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele. Von der Schwarzen Pest bis zum Großen Krieg. München 1927 ff.

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Gitta Grundmann, Handbuch Puppen. Köln o. J.

Gisbert Haefs (Hg.), Ambrose Bierce: Werke in vier Bänden. Bd. 1: Des Teufels Wörterbuch. Zürich 1986.

Internet.

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Uwe Henrik Peters, Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. 5. Aufl. München – Jena 2000.

Traudi Reich/Rudolf Angerer, Ich und Du. Kinderreime. O. O. O. J.

Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre. 5. Aufl. Frankfurt am Main 2013.

Elisabeth Schmierer, Komponisten-Porträts. 2. Aufl. Stuttgart 2010.

Thomas Spitzer, Morgen. In: Erste Allgemeine Verunsicherung, Geld oder Leben. (EMI/Columbia.) Wien 1985.

Tomi Ungerer, Besser als nie. Neue Gedanken und Notizen. Zürich 2015.

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