Zu viert,

m e i s t

Zwölf durchwegs scharfe

Beobachtungen von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

Ein literarisches Werk ist ein ästhetisches

Objekt, weil es, zusammen mit anderen

kommunikativen Funktionen [] Leser

dazu bringt, das Verhältnis von Form

und Inhalt zu betrachten.

Jonathan Culler, Literaturtheorie

*

Die Hände ihrer Mutter fuchtelten

spastisch um ihren Kopf herum, als

machten sie sich darauf gefasst,

dessen Stücke aufzufangen, wenn

er explodierte.

Jonathan Franzen, Unschuld

*

I

Nicht immer hatte ich Gelegenheit, die Männer, in aller Regel waren es vier, selbst zu beobachten. Doch verfügte ich, quasi: sicherheitshalber, über einen sehr verlässlichen Gewährsmann, der die Wirtshausrunde, sollte ich einmal verhindert gewesen sein, in meiner Abwesenheit mindestens genau so aufmerksam beobachtet hat, wie ich es sonst zu tun pflegte.

Deshalb scheint es mir zulässig, im Folgenden alles immer so zu beschreiben, als hätte ich selbst es gesehen. Denn mein Augenzeuge war und ist über jeden Zweifel erhaben, was ich in meinem Fall, zugegeben, nur hoffen kann.

Sie waren also meist zu viert. Zwar stand ich mit keinem von ihnen in persönlichem Kontakt, der über mehr oder weniger freundliches Grüßen hinausgegangen wäre, wusste indes, dass sie Bachmann, Eisenbarth, Knöbl und Ritter hießen. Im Allgemeinen kamen sie – am Dienstag und am Donnerstag, immer nachmittags – hier, im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“, zusammen, um Karten zu spielen, zu diskutieren und zu trinken. Meist spielten sie Bridge, nur wenn einer fehlte (was jedoch selten der Fall war), dann Dreier-Schnapsen. Ebenso eher selten tarockierten sie. Und auch Preference stand nicht oft auf ihrem Spielplan. Auch Mau-Mau oder Skat wurde von den vier Gästen kaum je gespielt. Hier, im Wirtshaus „Zum Roten Muschelkranz“.

Übrigens, um den ein wenig skurril klingenden Namen der Kneipe gleich am Anfang dieser Geschichte zu erläutern: Der (auch schon in die Jahre gekommene) Wirt, ein gewisser Anton Wiboral, hatte die – zugegeben: reichlich abgenützte, fast schon schäbige – Gaststätte bereits von seinem Vater, Anton Wiboral senior, übernommen, einem passionierten Fischer, Taucher und Freund südlicher Meere. Vater Wiboral hatte über mindestens eine romantische Ader verfügt. Daher also „Zum Roten Muschelkranz“. (Nein, das Beisel war kein Puff.)

Anton Wiboral junior glich, auch schon angegraut, noch – zumindest im weitesten Sinn – dem Idealbild des legendären Wiener Beiselwirts. Doch sind wir nicht in Wien, und so ganz entspricht das Wirtshaus „Zum Roten Muschelkranz“ auch nicht diesem speziellen Typ von Restaurant, wie man ihn nun einmal fast ausschließlich an der Donau finden kann. (Freilich auch dort nur mehr in quasi geschützten Grätzel-Biotopen …)

Mitte sechzig, nicht gerade schlank, so stellte Wiboral durchaus etwas dar: einen gestandenen Wirt eben. Keinen dynamisch-innovativen Inhaber eines Fresstempels, Haubenlokals oder In-Schuppens, aber auch keinen abgewirtschafteten Kneipier. Da hätte sich allein schon seine Gattin Edeltraud etwas einfallen lassen, um gehörig dagegenzusteuern. Und Edeltraud hatte all die Jahre, in denen sie offiziell in der – übrigens: recht ordentlichen – Küche stand, in der Tat gegen so manches gesteuert. Immerhin hielt sie das kulinarische Niveau und erfreute Stammgäste wie Laufkundschaft vor allem durch gediegene Hausmannskost. (Während Anton Wiboral über den – man kann sagen: wohl-sortierten – Keller herrschte und aus seinem Hobby, nämlich gute österreichische Weine aufzuspüren, eine Leidenschaft entwickelt hatte durch die Zeit, von der auch besonders die Stammgäste profitierten.)

Er wirkte weder behäbig noch langsam, doch auch nicht übereifrig und schon gar nicht dienstbeflissen, wenn er, meist in braunen Schnürsamt-Hosen und ebensolchen Halbschuhen, in aller Regel ein rotes Halstuch aus dem Kragen des weißen Hemdes lugen lassend, durch das Areal des Gasthauses „Zum Roten Muschelkranz“ schritt. Die zwei Gasträume sind durch eine in aller Regel offene Tür verbunden, die im oberen Drittel mit dunkelgrünen Pseudo-Butzenscheiben versehen ist. Außerdem gibt es ein kleines Extrazimmer. Sein Reich hatte Anton Wiboral stets im Blick. So war er durchaus und immer Herr der Lage. Und er schien dies seinen Gästen auch durch seine korrekte, allerdings leicht distanzierte Art mitteilen zu wollen.

Erst wenn er sich hin und wieder, ausschließlich zu besonderen Anlässen (und nach Genuss einiger Gläser guten Weines), ein wenig gehen ließ, schien er zu einer gewissen Geselligkeit bereit zu sein. Doch auch das nur ausgewählten Stammgästen gegenüber.

Ich gehörte dazu.

Da ich, wie gesagt, längst schon Stammgast bin, hier, im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“, beinahe jeden Tag hereinschaue, um zumindest ein gutes Viertel österreichischen Weins zu konsumieren, und ich außerdem noch den alten, leider lange schon toten Vater Wiboral gut gekannt habe, sind mir die vier Kartenspieler natürlich auch bald schon aufgefallen, die da – nunmehr, man kann ruhig sagen: seit Jahren – zweimal pro Woche ihren (immer noch) zuvor recht akkurat reservierten Tisch einnahmen.

Mit der Zeit, ohne sie (wie weiter oben schon erwähnt) persönlich näher kennenzulernen, erfuhr ich dann auch die Namen der mittelalterlichen Herren: Diplomingenieur Josef Bachmann, Egon Eisenbarth, Dr. Eberhard Knöbl und Prof. Georg Ritter.

Bachmann hatte längere Zeit hindurch recht erfolgreich sein eigenes Architekturbüro (Bachmann, Seeger-Lohs & Partner) betrieben. Nach ein paar gravierenden Fehlschlägen, die er als Geschäftsführer freilich selbst zu verantworten hatte, und einer der allgemeinen Finanzsituation geschuldeten Flaute wegen schlitterte das Unternehmen allerdings vor drei, vier Jahren in die Insolvenz. Doch war genug Geld vorhanden, ergänzt durch eine üppige Erbschaft nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner Frau Elvira, sodass Bachmann nunmehr als wohlbestallter Rentier leben konnte. (Was er auch durchaus tat. Aus einem später noch zu erläuternden Grund hätte man ihn vielleicht sogar als Lustgreis in spe bezeichnen können. Doch – gemach.)

Der Zweite im Bunde: Egon Eisenbarth war seit kurzer Zeit in Pension und hatte zuvor viele Jahre in gehobener Position in einer großen Bank gearbeitet. Da sein Mobiltelefon – sehr zum Unmut der Kartenrunde – des öfteren klingelte und allem Anschein nach meist seine Frau dran war, war ich mir bald schon darin sicher, er müsse ziemlich schwer verheiratet sein. (Das stimmte, wie sich später herausstellte. Die Gattin hieß übrigens Geraldine, und das Ehepaar verfügte über zwei verheiratete Töchter, Chantal und Monique, sowie über bis dato drei Enkelkinder. Und zwei Katzen.)

Dr. Eberhard Knöbl war Arzt, konnte sich allerdings den Luxus leisten, ausschließlich privat zu ordinieren. Er schien ebenfalls finanziell nicht gerade abhängig von seiner Arbeit im Zeichen des Äskulap zu sein. Einer Arbeit, die ich selbst, da ich nie seine ärztliche Hilfe in Anspruch genommen habe, nicht beurteilen kann und will.

Porsche-Fahrer Knöbl, der geschieden war (von Marianne, einer als kapriziös geltenden, ein wenig aufgetakelten Charity-Lady) und außerdem noch den gehobenen Sportarten Golf und Tennis frönte, pflegte übrigens nie beim Kartenspielen, beim Diskutieren und Trinken zu telefonieren. Und er zog Eisenbarth daher auch immer wegen seines Erreichbarkeitsfimmels auf. („Du wirst es wohl nie lernen, Egon: Entschleunigen und sich der hektischen Welt entziehen, so lauten die Zauberworte gesunder Lebensführung …“)

Oberstudienrat Georg Ritter war Gymnasiallehrer und stand kurz vor der Pensionierung. Auch er schien weitgehend unabhängig zu sein – finanziell wie in seiner privaten Lebensführung. Prof. Ritter galt als eiserner Junggeselle. Ach ja, einmal, vor Wochen, da suchte ihn eine relativ junge Frau im Gasthaus heim. Eine attraktive junge Frau. Aber – warum auch nicht? (Erst sukzessive erfuhr ich Näheres über den feinen Herrn Professor: Ritter war demnach ein übler Päderast, der allem Anschein nach seinen Verbleib im Schuldienst durch die Jahrzehnte bloß irgendwelchen guten Freunden in entsprechenden Positionen zu verdanken hatte. Oder für ihn günstigen politischen Verbindungen. Wie auch immer. Man sollte ihn später dann sogar Kinder-Pornographie im Netz nachweisen …)

Sie waren, insgesamt oberflächlich besehen, nicht außergewöhnlich, die vier Kartenspieler, die sich da jeden Dienstag und Donnerstag, immer am Nachmittag ab 15 Uhr, im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“ des Anton Wiboral zusammenfanden. Und sie wirkten durchaus honorig. Ja, das kann man so sagen: honorig.

Nein, sie waren in der Tat nicht extravagant. (Auch dem Päderasten Ritter sah man das verbrecherische Tun mit und an seinen kleinen Schutzbefohlenen keineswegs an. Auch er glich durchaus einem ehrenwerten Bürger, war sogar ein wenig auf Saubermann getrimmt; und wirkte quasi seriös bis aseptisch.)

Und doch stellten sie eine ziemlich obskure Gemengelage dar. Ja, doch: Sie waren tatsächlich, wie sich bald noch zeigen sollte, durchaus obskure Gesellen.

Denn die vier Herren sahen bloß so aus, als wären sie nicht in der Lage, irgendein Wässerchen zu trüben, ein Unrecht zu begehen oder jemanden auch nur im Geringsten zu verletzen. Die vier Männer vermittelten durchaus den Eindruck, als führten sie – um Gottes Willen! – nichts Böses im Schild, planten keinerlei Untaten oder irgendwelche Vergehen. Kurz, sie wirkten so, als wären sie mindestens Ehrenmänner, keines Unterschleifs und keines kriminellen Delikts fähig.

Um Gottes Willen! Die?! Nein, die tun kein Unrecht! So hätte man denken können. (Freilich, nur: beim bloßen Hinsehen.)

Nein, die doch nicht …! (Und wie falsch wäre man gelegen mit dieser Meinung! Welche Unmenge an vergeudeten Vorschusslorbeeren hätte das bedeutet! Eine Schande!)

Nein? Kein Unrecht? Oder doch …? (Na, und ob!)

Jedenfalls passten sie recht gut zu diesem Lokal und zu diesem Wirt. Anton Wiboral – auch wenn der (besonders für einen, der ein Gasthaus führt) cum grano salis durchaus noch zu den Ehrenmännern zählen durfte, ehrlich! -, so war Wiboral nun einmal ein schräger Vogel. Und sein Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“ war eine Herberge ähnlich leicht verdrehter Vögel, um es einmal salopp zu formulieren.

Da galt nicht selten – wie bei manchem Kartenspiel – mehr Schein als Sein …

Da gab es etwa einen Stammgast, der so um die Mitte der Vierzig war. Den geleitete jedes Mal ein – vermutlich gut – Bekannter hierher. Denn er selbst schien blind zu sein und einer gewissen Unterstützung zu bedürfen, wenn er so mit seinem weißen, zusammenlegbaren Stab das Wirtshaus betrat und vorsichtig zwischen den Tischen und Sesseln zu seinem Stammplatz geleitet wurde. Dann freilich verabschiedete sich der Freund (oder Betreuer) immer, und der Blinde aß und trank allein an seinem Platz. Er tat dies unauffällig und ruhig.

Nachdem er sein Mahl eingenommen und meist ein Glas Bier getrunken hatte – jetzt kommt das Erstaunliche –, griff er, das glich einem Ritual, in die Innentasche seines Mantels oder Jacketts und holte eine zusammengefaltete Zeitung hervor. Er, der Blinde, schlug sie auf und schien sich nunmehr der aufmerksamen Lektüre zu widmen.

Nach einiger Zeit, doch stets lange, bevor sein Begleiter wiederkam, um ihn abzuholen, faltete er das Blatt wieder sorgfältig zusammen und steckte es ein. Dann griff er zur Uhr, die ihm allem Anschein nach durch entsprechendes Ertasten erhabener Ziffern die Zeit vermittelte, und wartete geduldig, bis er abgeholt wurde.

Gemeinsam machten sich die beiden Männer, der mit dem weißen Stock und der Begleiter, sodann auf den Heimweg.

Ich dachte: War der nun blind und machte uns, den anderen Gästen, bloß vor, er läse? Oder konnte er sehr wohl sehen und imitierte nur vor dem Freund, warum auch immer, den optisch Behinderten?

Das Rätsel ließ sich wohl nicht lösen. (Man hätte, um hinter das Geheimnis zu gelangen, dem Blinden schon ein Bein stellen oder zu ähnlich brutalen Methoden greifen müssen. Und das hätte sich natürlich nicht gehört …)

Wie wir wissen, kann sich, im Grunde genommen, letztlich alles rasch den Nimbus des Extraordinären erwerben und ihn dann um sich herum schichten und schlichten wie eine exklusive Aura. Der stinknormale Passant, der aus diversen Rassen zusammengemischte Hund oder das eher desolat wirkende Gebäude: Sie alle entpuppen sich dann unter bestimmten Umständen als das Außergewöhnliche schlechthin! Gruselig oder besonders attraktiv, bezaubernd oder betörend, abstoßend und furchteinflößend – wie auch immer. Außergewöhnlich eben.

Im Gegenzug können eine Zeit lang als exotisch wirkende Dinge auf einen Schlag entzaubert sein. Uninteressant, ja beschämend, was die früher innegehabte Extravaganz betrifft.

Freilich, das menschliche Urmeter oder Urkilogramm fehlt. Ein Maß und ein Wesen in einem, das quasi von Amtswegen, geeicht und vermessen, das Mittelmaß verkörpert, es ist nämlich nicht vorhanden. Es fehlt. Das Durchschnittsmodell des homo sapiens fehlt uns. Diesen Prototyp, nach dem dann die verschiedenen Tendenzen errechnet werden könnten, gibt es nicht. Ein Indikator diverser Ausformungs- oder Ausgestaltungsmöglichkeiten fehlt.

Für Beobachter wäre er ein wichtiger Schlüssel gewesen zum Rätsel Mensch.

Holzauge, sei wachsam!“, denkt da der einigermaßen gewiefte Observant. (Auch wenn die genaue Bedeutung und Herleitung der gern verwendeten Redensart [aus dem Festungsbau, aus der Soldatensprache oder aus dem Milieu der Tischler? Was denn nun und wie?] nicht geklärt ist. [Nicht einmal der betreffende Duden, nämlich der mit den Redewendungen, gibt da eine Antwort!)

Egal. Dem Beobachter geht es nicht einmal um Recht oder Unrecht.

Und wo Menschen sind, ist quasi automatisch auch Unrecht. Sind Verbrechen. Mord und Totschlag. Denn: Alles ist denkbar, wo der Mensch wirkt und webt (um es einmal schön antiquiert zu sagen).

Das Menschenrecht umfasst quasi, so traurig das immer klingen mag, auch die Fähigkeit, Unrechtes zu tun. Und schon Wilhelm Buschs Onkel Nolte (aus der „Frommen Helene“, 1872) schließt am Ende der genialen Bildgeschichte selbstgefällig, doch messerscharf: „Das Gute – dieser Satz steht fest – / Ist stets das Böse, was man lässt!“

Außerdem: Wo alles denkbar ist, kann auch jederzeit das Gegenteil des eigentlich zu Erwartenden eintreten. (Sollen doch, bitte, für die diversen Möglichkeiten der Zukunft und des Ablaufs der Dinge und Geschehnisse ganz Schlaue ihre womöglich noch schlaueren Computer ach so hübsche Algorithmen errechnen lassen – an der menschlichen Grundstruktur der Tendenzen, des Oszillierens zwischen Gut und Böse, ändert das rein gar nichts. Egal, übrigens, ob wir hier auch noch den sogenannten freien Willen einbeziehen. Und ob mit oder ohne Theodizee, Baruch de Spinoza und Gottfried Wilhelm Leibniz, ob mit oder ohne Immanuel Kant und Konsorten …)

Also, Holzauge –

Doch, Spaß beiseite. Die meisten Mörder sehen nicht so aus, wie man sich einen Mörder vorstellt. (Wenn man sich überhaupt einen Mörder vorstellt …)

Zudem: Die meisten Mörder wirken vielleicht – zumindest aufs erste Hinsehen – eher wie Postboten in Zivil, als dass sie physiognomisch gleich Schwerverbrechern glichen. (Obschon vermutlich auch nur vergleichsweise wenige Briefträger in ihrer Freizeit, ehrenamtlich oder Hobby-mäßig, der Profession des Abschlachtens nachgehen.)

Oder: Hochdekorierte Generäle sehen, nackt in der Badewanne, weit weniger martialisch aus als in Uniform. Im Gegenteil, sie gleichen dann meist durchaus alten, körperlich wenig attraktiven Männern mit Schmerbäuchen und faltigem Geschlecht.

Doch potenzielle Mörder bleiben sie immer noch.

Wie viele Tausende, Millionen andere.

Mörder. Briefträger. Generäle. Straßenköter. Alte Häuser. Stinknormale Passanten.

Mörder eben.

Oder zumindest: Unrecht-Tuer.

II

Hermes ist unbeständig, vieldeutig, Vater aller Künstler, aber auch Gott der Diebe, iuvenis et senex zugleich.“ So merkt Umberto Eco in „Die Grenzen der Interpretation“ (München – Wien 1992) an. Und weiter führt er aus: „Im Hermes-Mythos werden die Prinzipien der Identität, des Nichtwiderspruchs, des ausgeschlossenen Dritten verneint, die Kausalketten winden sich spiralförmig um sich selbst, das Nachher kommt vor dem Vorher, der Gott kennt keine räumlichen Grenzen und kann, in unterschiedlichen Formen, an mehreren Orten gleichzeitig sein.“

Nun, einen Hermes gab es auch im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“. Da fungierte Herr Hermes (mit Vornamen Fritz) allerdings bloß als Kellner. Die Hermetik des „Roten Muschelkranzes“ war somit in erster Linie die des Kellners Hermes. Sie trat indes, zumindest zwischendurch, auch als die des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts auf. Ob sie uns dabei auf der Suche nach der Wahrheit hätte helfen können, ist im Nachhinein schwer zu sagen.

Jetzt, nachdem das Wirtshaus in Schutt und Asche liegt und die vier Spieler (womöglich sogar in alle vier Windrichtungen) entschwunden sind. Verweht, sozusagen, vom Winde verweht. Ja, jetzt ist das alles wirklich kaum mehr zu eruieren.

Freilich, momentan noch, da hier das zu beschreibende Geschehen erst anhebt, geht alles seinen gewohnten Gang.

Es ist an einem Dienstag, um 15:45 Uhr, und ich sitze an meinem Platz, in guter Beobachtungsposition, was den Tisch der vier Herren anlangt, und habe meinen schwarzen Notizblock vor mir, aufgeschlagen, den Kugelschreiber in Bereitschaft. Sozusagen im Schatten des Viertelgefäßes durchaus trinkbaren Weißweins (Grüner Veltliner aus Niederösterreich) und des dazugehörigen Glases.

Bachmann mischt gerade. Heute wird Vierer-gschnapst.

Hermes kommt mit zwei neuen Krügeln, mit je einem für Eisenbarth und Knöbl. Ritter hat noch einen Rest von Wein in seinem Glas (rot, vermutlich Blaufränkischer aus dem burgenländischen Gols), und Bachmann hält sich zur Zeit noch bei seinem großen Braunen auf, den er gleich nach seinem Kommen bestellt hat.

Knöbl spielt aus.

Herr Hermes schreitet gleichmütig von dannen. (Soweit man die Art der Fortbewegung im Fall von Herrn Hermes tatsächlich schreiten nennen möchte. Beflügelt sind seine Füße [Flügelschuhe] jedenfalls nicht, wie uns das allenfalls aus der Antike überliefert wäre. Und auch einen angeblich übergroßen Phallus, das Fruchtbarkeitssymbol schlechthin, bemerken wir an ihm ebenso wenig.

(Doch stünde da immerhin noch der andere, zweite Hermes, zur Auswahl: Hermes Trismegistos, der Dreimalgrößte. Die Entsprechung des ägyptischen Thot, des Gottes der Schrift und der Gelehrsamkeit. Er gilt als Begründer der Philosophie und Mystik [auch: Hermes Logios]. Suchen Sie sich’s am besten aus! – Siehe dazu: Manfred Lurker, „Lexikon der Götter und Dämonen“, Stuttgart ²1989.)

Ach, ja, übrigens: Die Sprachwissenschaft hat den guten Hermes zum Apostel einer ihrer Lieblingsgebiete erkoren, der Hermeneutik. Sie beginnt – im Unterschied zu ihrer Kontrahentin, der Poetik, die „bei offensichtlichen Bedeutungen oder Wirkungen“ ansetzt – „bei den Texten und fragt, was sie bedeuten, und sie ist dabei immer auf der Suche nach neuen und besseren Deutungen“. (Jonathan Culler, „Literaturtheorie“, Stuttgart 2002.)

III

Herr Hermes ist ein durchschnittlicher Kellner. Sagen wir: gehobener Durchschnitt. Ja, doch. Er ist umsichtig, soweit man beim Kellner in einem Beisel von Reputation und Aussehen des „Roten Muschelkranzes“ überhaupt von Umsicht als Voraussetzung für die Erfüllung der üblichen Berufsansprüche reden kann. (Soweit man bei einem Gasthaus, das so aussieht wie das „Zum roten Muschelkranz“, überhaupt ein Wort wie Reputation ins Spiel bringen möchte.) Also, gemeint ist: Herr Hermes hat nichts von einem Ober an sich. Er gehört jedoch auch längst nicht zur inferioren Sorte Bedienung oder Personal. Seines Quasi-Titels Herr vor dem Namen hat sich Herr Hermes bis jetzt immer noch durchaus würdig gezeigt. Ja.

Freilich, erinnert man sich an die römische Variante, an den auf Geschwindigkeit bedachten, daher, sinnigerweise, auch flügelbeschuhten Gott der Kaufleute und Diebe, dann trägt unser Freund allerdings den vollkommen falschen Namen. (Nein, nein, es wird dann wohl doch der philosophische Hermetiker gemeint sein. Ja.)

Und doch ist an Hermes noch etwas dran. Nicht nur, sozusagen: Vornehmes … Immerhin klebt, um es ein wenig pathetisch auszudrücken, Blut an seinen Händen.

Ja, Fritz Hermes hat vor gut 25 Jahren einen Menschen erschlagen.

Nicht mit bloßen Händen, sondern mit Handschuhen ( a u c h mit Handschuhen, also, wie sich sogleich noch zeigen wird). Und, ich glaube: mittels einer Axt. Einer sehr schweren Axt.

Das mit dem Töten eines anderen ist so eine Sache. Und abgesehen davon, welches besondere Vorkommnis Herrn Hermes auch immer zu seiner Tat motiviert (oder ob er gegebenenfalls bloß im Affekt zugeschlagen oder geschossen, gestochen oder was auch immer) haben mag: Es ist gruselig, sich ihn, den Herrn Hermes von damals also, vorzustellen, wie er das tut, was er nun einmal getan hat, und ihn quasi gleichzeitig jetzt sieht, wie er der etwa 45jährigen brünetten Frau mit der dunkel-gerahmten Brille und der wenig geschmackvollen pink-farbenen Bluse am Nachbartisch, auch einem Stammgast übrigens, das dampfende kleine Gulasch und das knusprige Gebäck bringt. Mit denselben Händen, mit dem Blick aus denselben Augen …

Der aufmüpfige Andreas Wolf, Sohn eines privilegierten DDR-Prominentenpaares, später dann Hacker, selbsternannter Internet-Guru und Pseudo-Weltenretter in Jonathan Franzens umfänglichem Roman „Unschuld“ (Reinbek bei Hamburg 2015), schlägt dem Vergewaltiger seiner Freundin Annagret mit einer Schaufel (und mit Handschuhen) den Schädel ein. Aus Empathie heraus. Zu ihr, nicht zum vergewaltigenden Stiefvater des Mädchens, wohlgemerkt.

Jahre später wird er einer Jüngerin von der Tat erzählen: „,Ich habe einen Menschen getötet‘, sagte er. ,Mit siebenundzwanzig. Ich habe einen Menschen mit einem Spaten getötet. Ich habe die Tat sorgfältig geplant und kaltblütig ausgeführt.‘ () Auf seinem Gesicht zeigte sich Schmerz. ,Damit habe ich jetzt ein halbes Leben lang gelebt‘, sagte er. ,Es geht nicht weg.’“

Ergo: Auch der Mörder ist der Empathie fähig. Durchaus. (Vielleicht – nach der Tat sogar dem Opfer gegenüber?) Er kann mit-leiden. Vor der Tat wie nach der Tat, die einem anderen Menschenleben (in all seiner physiologischen Feingliedrigkeit und möglichen geistigen Grobschlachtigkeit, in Würde und Banalität et cetera) ein gewaltsames Ende setzt. (Hier, in unserem zitierten Beispiel, freilich nur in der literarischen Fiktion.)

Oder: Die erste gemeldete Hinrichtung auf dem sogenannten Elektrischem Stuhl, als, wie Bernd Schmidt in seiner Geschichte „Hunde, die bellen …“ schreibt, „William Kammler, wegen Mordes rechtskräftig verurteilt, () am 6. August 1890 – ,auf Strom’“ ging. (Also inhaltlich keine Fiktion!)

Nein, Kammler kocht nicht – er brät“, heißt es in Schmidts toskanischer Erzählung (ediert in Graz, 2000) weiter. Und der „Gestank, den sein fast eine Stunde lang röstender Körper von sich gibt, wird von Augen- und Nasenzeugen als ,bestialisch‘ bezeichnet. – Nein, Kammler ist – auch als erster Hingerichteter auf dem Elektrischen Stuhl – wohl kein Glückspilz. „Erster zu sein ist nicht immer ein Glück …“

Also war die Entwicklung dieses im Wortsinn heißen Stuhls dann doch keine so ganz humane. Immerhin ging es bei dem nicht minder heißen Bestreben darum, mittels dieser Erfindung – neben anderen Technikpionieren hatte natürlich auch Thomas Alva Edison mitgemischt – entsprechend viel Geld zu lukrieren. Und dieses Bestreben war in den USA damals ein gewaltiges. Gewaltiger zumindest als die Vorsichtsmaßnahmen.

Ja, und die Konkurrenz war groß.

Nun, Herr Hermes – das erzählte mir in einer schwachen Stunde (und sogar sonst sehr besonnene Wirte, wie Anton Wiboral, der Inhaber des Gasthauses „Zum Roten Muschelkranz“, ohne Zweifel einer ist, erleben solche Stunden [etwa nach Ende einer Weihnachts- oder Sparvereinsfeier, zu Silvester respektive bei ähnlichen Anlässen]) unter dem Siegel der Verschwiegenheit -, nun der noch sehr junge Herr Hermes hatte sich eines Nebenbuhlers mittels Messers entledigt. Auf immer. Herr Hermes hatte daraufhin ohne Umschweife gestanden. Es hatte einen entsprechenden Prozess gegeben, und der schuldig-gesprochene Kellner war eingesessen für seine blutige Tat. Und Herr Hermes war, wegen guter Führung, später dann vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Vor vielen Jahren. Des Wirtes Vater, Anton Wiboral senior, hatte den Gestrauchelten dann aufgenommen.

Und das war wohl auch gut so.

Herr Hermes war – nicht nur grosso modo – ein vorbildlicher Kellner. Diskret und in Maßen sogar witzig. Herr Hermes war als Kellner eine Perle. Zuvorkommend, doch grundsätzlich in allem – dezent. Keiner, der sich anbiederte, kein Mitläufer und Mitsäufer. Keiner, der mit betrunkenen Nachtschwärmern und Tippelbrüdern das Du-Wort tauschte.

Herr Hermes war – ein Kellner von Format.

Nein, mit Sandlern und Dauertrinkern gab er sich nicht ab. Mit solchen Subjekten machte er sich erst gar nicht gemein.

Anders gesagt: Er hatte dann, in seinem weiteren Leben, überhaupt viel gegen vertane und vergebene Chancen. Auch seiner Frau hatte Herr Hermes damals, nach dem Mord am Nebenbuhler, nicht vergeben. Und auch sie ihm nicht.

Doch Frau Hermes, die längst (nach einem anderen Bettgenossen) Přihoda hieß, war nach Wien gezogen. Zu ihrem neuen Lebensgefährten, der nun, inzwischen, freilich auch schon zu einem eher altgedienten Lebensgefährten geworden sein mag. (Geworden, nicht gereift. Gereift ist hingegen unser Herr Hermes. Durchaus gereift.)

Ja, unser Herr Hermes ist längst ein überaus seriöses Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Auch der Empathie ist er längst wieder – zumindest: halbwegs – fähig.

Woraus wir schießen können, dass Herr Hermes ohnedies nur einmal in seinem Leben, und zwar dem verhassten Nebenbuhler gegenüber, sein Gefühl der Humantitas ausgeschaltet hat. Diesem primitiven nebenbuhlerischen Arsch gegenüber, der seine Kreise zuvor so empfindlich gestört hatte. Und wohl auch der zuvor so heißgeliebten Gattin gegenüber.)

IV

Der äußere Schein hält mitunter ziemlich lange an. Und einiges aus. O ja. Manches scheint über lange Strecken in Ordnung zu sein. Freundschaften, Liebesbeziehungen, Geschäftsverbindungen und Ehen – vieles macht da einen durchaus validen Eindruck. Börsenzahlen, Bankkonten, Bilanzen und Zu- wie Abwanderung. Als herrsche überall Balance.

Und alle scheinen so weit zufrieden.

Doch der Schein trügt nicht selten.

So war, zum Exempel, Elvira, die Ehefrau des Architekten Josef Bachmann, bis zu ihrem Tod, der erst vor einigen Wochen erfolgt ist, über Jahre schon die Geliebte des Bankers Egon Eisenbarth. Und es schien – zumindest den beiden Hauptbeteiligten an dieser Liaison (in Wahrheit sind an solchen, ein wenig schmuddeligen Sachen natürlich meist [wenn auch bloß indirekt] noch mehr Leute [immerhin peripher] beteiligt) –, kurz: Es schien ihnen, als ob dieses letztlich ja doch ein wenig fragwürdige Glück ewig währen könnte.

Immerhin verstanden sie es, ihr Liebes-Spiel (das für sie selbst natürlich alles andere als ein Spiel bedeutete!) recht schlau vor der Außenwelt zu verbergen und alles so einzufädeln, dass ihnen so schnell niemand auf die Schliche hätte kommen können.

Sogar ihre nicht ganz simple Scharade den Ehepartnern gegenüber war weitgehend delikat durchdacht und konsequent realisiert. Sie glaubten zudem, genügend Witz aufzubringen an Tarnung und Sorgfalt.

Dass sie auf Dauer von der Außenwelt unbemerkt ihrer Lust nachgehen würden können, auch wenn sie es nach einiger Zeit mit den diversen Vorsichtsmaßnahmen sukzessive weniger genau nahmen, war indes ein Irrglaube.

Kurz: Man kam ihnen ja doch auf die Schliche. Beide Ehe, die der Bachmanns wie auch die der Eisenbarths, schienen somit ernstlich in Gefahr.

Doch da trat eine gute Bekannte, die Ex-Frau des Mediziners und Kartenfreundes Dr. Eberhard Knöbl, Marianne, in Aktion. Und aufs Gas. Exakter: Sie drehte den Scheinwerfer ihres himmelblauen BMW voll auf, blendete die ihr (auch nicht gerade langsam) in ihrem Kernöl-farbenen Škoda entgegenkommende Elvira Bachmann und brachte es so zustande, dass die untreue Architektengattin im Straßengraben landete. Exitus.

Naturgemäß hatte Knöbls ehemalige Gattin diesen Unfall, der immerhin auch für sie einiges an Gefahr bedeutete, nicht wissentlich oder gar mit Absicht herbeigeführt. Warum auch? Marianne kannte Elvira zwar, hatte indes keinerlei Grund, ihr nach dem Leben zu trachten.

Nein, es war ein dummer Zu- wie Unfall gewesen.

Seltsamerweise stellte sich Eberhard Knöbl danach, als Polizei und Behörden sich eingeschaltet hatten, ganz hinter seine geschiedene Frau Marianne. (Nun, so seltsamerweise auch wieder nicht: Der Mediziner hatte kürzlich erst vom so gut gehüteten Geheimnis der Liebesbeziehung zwischen Egon Eisenbarth und Elvira Bachmann erfahren. Jener Elvira Bachmann, von der er geglaubt hatte, dass sie doch, bitte sehr, seit mehreren Monaten schon seine Elvira Bachmann sei. Ja, denn auch Dr. Knöbl unterhielt ein – wie er glaubte: von beiden Seiten her von größter Leidenschaft durchdrungenes – Verhältnis mit der Frau des Kartenkollegen DI Bachmann …)

Somit war in Knöbls Augen seine Ex lediglich zum Racheengel an der doppelt ungetreuen Elvira Bachmann geworden. Und das glaubte er, seiner gewesenen Frau immerhin hoch anrechnen zu müssen.

So verquer können Liebe und Treue, Besitzgier und Empathie daherkommen. Betrunkenen Gästen auf der Party des Lebens nicht unähnlich, wenn man es denn ausnahmsweise einmal derartig platt ausdrücken möchte.

V

Erpressung gilt nicht von ungefähr als eines der verachtenswertesten Verbrechen. Und dann erst eine – sozusagen – zweifache oder doppelte, ineinander verschlungene Erpressung! Das ist dann schon so ziemlich das Letzte.

Dass indes gerade so etwas auch in den sogenannten guten Kreisen durchaus vorkommt, darf uns trotzdem nicht weiter verwundern.

Immerhin geht es auch (oder gerade) dort, wo eigentlich ein Mehr des Geldes, die eine oder andere zusätzliche Portion etwas feinerer Lebensart und zumindest ein Hauch gehobener Denkweise zu vermuten wären (verwendet man in diesen Kreisen doch immerhin sogar mitunter noch den genitivus partitivus!), meist um ganz einfach-gestrickte Verhältnisse zwischen meist ganz einfach-gestrickten Menschen.

Nun, ja.

Und doch: Vorstandsmitglied Direktor Egon Eisenbarth wurde von Prof. Georg Ritter über Jahre erpresst. Und zwar mit dem Wissen des Pädagogen über das sexuelle Verhältnis des Bankiers mit Elvira, der Gattin des Architekten Josef Bachmann, der, wir wissen es längst, ein Partner beim gemeinsamen Kartenspiel war, jeweils am Dienstag und Donnerstag im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“.

Der angeblich so ehrenwerte Gymnasiallehrer Oberstudienrat Dr. Georg Ritter wiederum stand – sozusagen und wenn ich es einmal im Mafia-Jargon sagen darf – auf der Gehaltsliste des recht raffgierigen Arztes Dr. Eberhard Knöbl. Der wusste nämlich schon seit Dezennien Bescheid über Ritters fies-schäbigen, geschlechtlichen Umgang mit Schutzbefohlenen, mit allesamt Minderjährigen.

Anders gesagt: Knöbl hatte in seiner Praxis mehr als nur einmal, quasi hautnah, an bedauernswerten menschlichen Beispielen, meist kleinen Buben, Schülern des widerlichen Georg Ritter, mehr als bloß Wind davon bekommen, dass sich der offiziell so geschätzte Pädagoge und angesehene Lehrer am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Permanenz und durch viele Jahre an einer auch numerisch beachtlichen Reihe von männlichen Schülern vergangen hatte. (Ohne, dass ihm jemals die zu tiefst abzulehnende Lust daran vergangen wäre, um hier einen – zugegeben: etwas gewagten – Kalauer anzubringen.)

Und Knöbl schlug gehörig Kapital aus seinem Wissen über Ritters weitestgehend ungehörige Vorliebe. Und er machte sein Wissen zu Geld. Zu viel Geld.

Nun, was die weiter oben bereits angesprochene Erpressung Direktor Eisenbarths durch Prof. Ritter betraf, so hatte der seinerseits kriminelle Lehrer vom Schmuddel-Verhältnis des nach außen so blendenden Bankdirektors mit Frau Elvira Bachmann durch eine der seltenen Indiskretionen des Wirtes Anton Wiboral erfahren. Und in der Folge richtig kombiniert.

Der Tod Elviras im Zuge eines Autounfalls, den die Ex-Frau des Spielpartners Dr. Knöbl, Marianne, (mit-)verursacht hatte, brachte Prof. Ritter um nicht unbedeutende finanzielle Nebeneinnahmen. Und auch sonst noch einige Steine ins Rollen …

Seltsam das alles. Wahrlich seltsam.

Ach ja, zum Unfall der beiden Frauen: Bei der Polizei gab Marianne Knöbl später an, der Wagen ihrer Kontrahentin sei „um Wesentliches zu schnell unterwegs“ gewesen. Sie habe mit knapper Not ausweichen können. Und die Uniformierten erwiesen sich – wie nicht selten – als eher Uninformierte. Nämlich, was das betreffende Straßenstück, die fast schon nächtlichen Lichtverhältnisse und vor allem, was die Fahrgewohnheiten der beiden Frauen betraf.

Jedenfalls wurde Bachmann solcherart zum Witwer.

Egon Eisenbarth hatte seine geliebte Elvira verloren. Und die Einsicht gewonnen, dass er für solche Eskapaden ohnedies schon zu alt sei.

Dem pädophilen Prof. Ritter verschüttete der Tod Elvira Bachmanns, wie gesagt, eine hübsche, dauernde Einnahmequelle, was seine monatlich anstehenden Zahlungen an Dr. Knöbl nicht eben erleichterte: Für ein Verhältnis, das aufgrund des Todes Elviras nicht mehr bestand, weigerte sich Banker Eisenbarth aus einleuchtenden Gründen weiter zu zahlen. (Für ihn hätte übrigens auch ein später Skandal kaum allzu Negatives bewirkt. Da die Dinge so geartet waren, wie sie nun eben einmal geartet waren …)

Und so sann Ritter auf Veränderung. Am besten wäre es wohl gewesen, wenn er den geldgierigen Kartenspielpartner Knöbl eliminierte … Doch ließ sich das leichter sagten als tun.

Der Mediziner Eberhard Knöbl kam, ich erwähnte auch das schon kurz, wenig später seiner Ex-Frau Marianne wieder näher. Doch hatte das nunmehr weniger mit dem Unfalltod Elvira Bachmanns und mit den übrigen Mitgliedern der Spielrunde zu tun. Knöbl fühlte bloß eine Art Sentimentalität durch seine alten Knochen ziehen – wie akutes Rheuma.

Ihm tat nun der zum Witwer gewordene Kollege Josef Bachmann leid. Und überhaupt merkte er, der immer wieder, auch während seiner Ehe, da und dort etwas laufen gehabt hatte mit anderen (meist wesentlich jüngeren) Frauen, dass es womöglich schwer sein würde, im Alter, so mehr oder minder allein vor sich hin zu vegetieren … (Mit Recht weist die altersgeile Marthe Schwerdtlein den bindungsunwilligen Goetheschen Mephistopheles darauf hin: „Doch kömmt die böse Zeit heran, / Und sich als Hagestolz allein zum Grab zu schleifen, / Das hat noch keinem wohlgetan.“ Worauf der schlaue Teufel und Faust-Verführer scheinheilig einlenkt: „Mit Grausen seh‘ ich das von weiten.“ [Darauf Marthe, hoffnungsfroh: „Drum, werter Herr, beratet Euch in Zeiten.“])

Dass DI Josef Bachmann seit mehreren Monaten schon ein einigermaßen valides Verhältnis mit der älteren der beiden Töchter Egon Eisenbarths, mit Chantal, unterhielt, konnte niemand außer den beiden – und natürlich außer Anton Wiboral, Herrn Hermes und mir – auch nur im Entferntesten ahnen. Wie denn auch?! (Sogar Dr. Knöbl und Prof. Ritter waren a priori keine allzu guten Beobachter und mussten auf manche Dinge erst quasi mit der Nase gestoßen werden, bevor sie dieselben zur Kenntnis nahmen. [Von wegen: Holzauge!])

Übrigens war Chantal um fast vier Jahrzehnte jünger als ihr angejahrter Galan.

Im „Roten Muschelkranz“ ging das Karten-Spiel indes weiter, jeden Dienstag und Donnerstag nachmittags. Bridge. Oder Schnapsen. Tarock. Preference. Manchmal Poker.

So, als sei mehr oder weniger nichts passiert.

VI

Da mag etwa der Autor Joachim Fernau noch so sehr versuchen, Verständnis für die antike Knabenliebe in uns zu wecken, wir bleiben dabei, diesen Gusto als das zu sehen, was er ist: ein (in unserer Zeit durchaus zu Recht kriminalisierter und daher verbotener) Eingriff in die – an sich so schon genug sensible – seelische und körperliche Entwicklung junger Menschen.

Da kann uns dieser Fernau noch so eindringlich vorschwärmen vom „Körpergefühl der Griechen, vor allem“ vom „Strotz-Gefühl des eigenen Körpers“, das „uns kaum noch vorstellbar“ sei: Wir bleiben dabei, der Päderastie unsere Duldung ausdrücklich zu verwehren.

Wussten doch die Knaben, die hier von Männern in die Erwachsenenwelt eingeführt wurden, längst nicht Bescheid darüber, was und wie ihnen dabei geschah.

Nein, nein! Kindesschutz hat für uns hier eindeutig über Männervergnügen zu gehen. (Was Erwachsene einvernehmlich miteinander treiben, ist selbstverständlich ihre Sache, und die sexuelle Ausrichtung jedes einzelnen Menschen soll ihm natürlich unbenommen bleiben.)

Der griechische Knabe trat“, heißt es bei Fernau, „sobald er dem Kindesalter und dem Elementarunterricht entwachsen war, sofort und endgültig in die Männerwelt ein“ („Rosen für Apoll“, 1961). „Vom Spielzeug weg wird er Knappe zwischen Helden und mit dem nächsten Sprung selbst Held.“ So beruft sich Fernau auch gleich kühn auf Homer (am Beispiel des Achill), obwohl der die Paiderastía – als (Un-)Sitte – noch gar nicht gekannt hatte. Und Fernau ergänzt in Hinblick auf das Fehlen höherer Schulen und Universitäten im alten Griechenland in der ihm eigenen Vereinfachung: „Es war also geradezu unerlässlich, dass er einen Führer fand.“

Fernau selbst fand übrigens auch bald schon seinen Führer und wurde – wie Gero von Wilpert in seinem „Deutschen Dichterlexikon“ (1988) über den „Aufbereiter der Historie in saloppem, schnoddrigem, witzig-sein-sollendem Feuilletonstil mit schalen Witzeleien, geschmacklosen Anachronismen und billigen Simplifizierungen“ schreibt – „Soldat und SS-Kriegsberichterstatter“. Kein Wunder also, dass ihm diese Vorwegnahme späterer Wehrsportaktivitäten durch die alten Griechen durchaus imponieren mochte. (Siehe dazu auch: Stefan Link, „Wörterbuch der Antike“, 2002.)

Dieser Joachim Fernau war grosso modo auch einer, der die alten Griechen zu kennen und zu verstehen vorgab. Wie vor ihm schon der Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann, der immerhin als Begründer der Archäologie gilt („Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“, 1755; „Geschichte der Kunst des Altertums“, 1764) und dem wir die immer noch gern gebrauchte Definition der Haltung des antiken Menschen als durch edle Einfalt und stille Größe geprägt verdanken. Winckelmann, der uns (vermutlich selber guten Glaubens) glauben machen wollte, die Tempel der Akropolis seien in schlichtem Weiß gehalten gewesen, die (in aller Regel männlichen) Marmorstatuen ungekünstelt und die griechische Philosophie unbefleckt gewesen …

Doch lassen wir Fernau, seine angewärmten „Rosen für Apoll“ und den armen Prof. Winckelmann, der, tragischer Weise, anno 1768 durch ordinäre Strichjungen in Triest zu Tode kam.

Nehmen wir lieber den miesen Pädagogen und Päderasten Prof. Georg Ritter zur Kenntnis. Und seinen auch nicht besonders ehrenwerten Erpresser Dr. Eberhard Knöbl.

VII

Ach, ja, wir haben es schon kurz angedeutet: Josef Bachmann, Architekt und Pleitier, nunmehr freilich, nach dem Unfalltod seiner Frau Elvira, zum bestens versorgten späten Alleinerben geworden, hatte seinerseits, seit einem Dreivierteljahr etwa, ein – den Umständen angepasst – recht heftiges sexuelles Verhältnis mit Chantal, der älteren Eisenbarth-Tochter. Diese Chantal war eigentlich (und ansonsten) verheiratet mit einem unguten, äußerst schnöselhaften Börsenmenschen namens Mag. Henry M. Eisenflor. Und sie war zudem Mutter eines kleinen, fünf- oder sechsjährigen Sohnes, der, wenn er Lust hatte, auf den Namen Kelvin hörte.

Chantal war außerdem knappe 26 Jahre alt, und Bachmann hätte somit beinahe ihr Opa sein können. (Man durfte indes noch vom Glück sagen, dass er nicht Kelvins Vater war.)

Egal. Sollen sie alle das tun, was sie wollen. (Für einen Beobachter ist das Bild zudem umso bunter, je mehr Absonderlichkeiten es beleben.)

Dass der alte Architekt eine intensive sexuell-sinnliche Beziehung zu der um fast 40 Jahre Jüngeren unterhielt, war zwar weder strafbar – wie etwa die Schweinereien des Prof. Ritter –, noch so ganz unverständlich; bedachte man den mehr als zweifelhaften Ruf von Chantals Gatten Henry, den dieser als windiger Makler genoss, spezialisiert auf hochriskante Hedge-Fonds und ähnliche dubiose Bank- und Börsen-Geschäfte, vielleicht sogar verzeihbar …

Ziemlich beknackt freilich war die Liaison des alten Bachmann mit der jungen Eisenflor allemal. Ja, doch. Und auch der Erziehung des kleinen Kelvin nicht besonders förderlich. (Allerdings konnte man in seinem Fall noch von einem Glück reden, dass er nicht [einige Jahre später dann] dem Prof. Ritter in die Hände fallen würde. Doch davor schützten ihn weitere Wendungen eines – zumindest für ihn gütigen – Geschicks.

Es war unsinnig. Völlig blöd. Der alte Knacker und die junge Frau. (Wie schlimm musste das Zusammenleben mit dem nicht minder beknackten Henry M. Eisenflor sein, dass da jemand freiwillig zu Bachmann wechselte?! Gut, Chantal war allein schon durch ihre halbverrückte Mutter – Geraldine war als geborene Hebenstreit [(ja, genau, aus der eher zweifelhaften Künstler-Dynastie] ziemlich vorbelastet in puncto geistiger Grenzwertigkeit -, also, Chantal war gleichsam weitestgehend prädestiniert, was diese Form von Dummheit betrifft, die man in angeblich besseren Kreisen, wo gern eine gewisse Beschränkung auf sich selbst praktiziert wird, nicht selten für originell hält.

Und den beiden Eisenbarth-Schwestern, Chantal und Monique, war ohnehin durch Jahre schon der fragwürdige Ruf vorausgeeilt, ganz besondere Schnepfen zu sein. Dass sich diese schließlich doch noch einen jungen, relativ gut aussehenden Juristen Mag. Karl-Heinz Zirbler, jene den oben erwähnten Henry M. Eisenflor zu krallen gewusst hatten, verwunderte in der Szene im Grund genommen ohnedies. (Dass Eisenflor so ähnlich hieß wie Eisenbarth wurde von ganz Schlauen sogar als eigentlicher Grund dafür angenommen, dass sich Chantal und Henry überhaupt jemals gefunden hatten. Nämlich quasi aus Simplizität heraus!)

Freilich, dieser Henry Eisenflor war zwar ein mieser kleiner Gauner und Betrüger, aber auch wiederum nicht ganz dumm. Und auch nicht unaufmerksam. Im Umgang mit Hasen durchaus versiert, dämmerte ihm bald, wie sein eigener Hase lief – und dabei, allem Anschein nach, recht merkwürdige außereheliche Haken schlug … Kurz: Henry war auf der Hut.

Doch nutzte ihm das auch nicht allzu viel.

Denn alle Karren schienen mit einem Mal in für sie zu viel schmalen, zudem auch noch total zugefahrenen Hohlwegen festzustecken.

Die Strecken, viel zulange schon von ausgemachten Betrügern und fadenscheinigen Glücksrittern frequentiert, waren daher ebenso lange Zeit schon hoffnungslos verstopft. Und alles steckte in dem Dreck fest, in dem sich die sogenannten Macher zuletzt selbst bis zum Hals eingebuddelt hatten – beim Suchen nach diversen obskuren Aus- und Umwegen …

Es war ein Jammer.

VIII

Die Situation war in der Tat eine weitestgehend beschissene.

Und die sogenannte Gesellschaft?

Die sogenannte bessere Gesellschaft hatte sich da irgendwie in etwas verrannt.

Da waren einerseits die ewigen Charity-Events, diese längst schon und ausschließlich enervierenden Zusammenkünfte zum Zwecke irgendwelcher halb-privater Schnorrereien für – was weiß ich – syrische Flüchtlingskinder, für sündteure chinesische Dissidenten-Künstler oder für bedauernswerte afrikanische Ebola-Opfer. Nicht zu vergessen: für heimische Spastikerinnen und Spastiker, für die bedauernswerten Schmetterlingskinder, natürlich für HIV-Positive (prominenter wie weniger prominenter Provenienz), für bemitleidenswerte fibrös Fehlgebildete und genetisch Geschädigte. Auch für arme elternlose und verwahrloste Kinder wie auch für die armen Kinder verwahrloster reicher Eltern und und und …

Ach, lasst mich doch in Ruhe mit Eurem Multi-Kulti-Scheiß!“ So hatte ich bei einer der raren Anlässe, da unser sonst so zurückhaltender Wirt Anton Wiboral wieder einmal ganz offen Flagge zeigte im Halb-Suff und durch den Schnaps zu ungewohnter Ehrlichkeit und Direktheit gelangt. „Und lasst mich mit Eurer falschen, zuckersüßen Sozial-Romantik! Seht doch endlich einmal die Realität, Leute!“

Er mochte sie nicht, er verachtete sie, sie alle, die sie die Augen bewusst (oder aus Dummheit) verschlossen vor der Wirklichkeit. Sie, die nicht wahrhaben wollten, dass uns bestenfalls die Wahlmöglichkeit blieb zwischen Pest und Cholera, wir uns diesen Umstand indes immer noch ganz gern schönreden ließen als Win-Win-Situation

Unterstützen und wieder unterstützen sollen wir sie: die Gestrandeten, die Unbedarften und die Faulen! Denn: Wo sind die Fleißigen? – Warum sollten die denn überhaupt zu uns kommen? – Ja, vielleicht, weil sie sich hier bessere Chancen erwarteten …“, so räsonierte Wiboral hinter seinem Stamperl-Glas, die Flasche in Griffnähe. (Diejenigen, die in der Tat vor den Gräueln des Kriegs, vor unmenschlicher politischer Verfolgung oder vor Repressalien aus ideologischen oder religiösen Gründen fliehen mussten, sparte er selbstredend bei seiner Kritik aus. Die galt es seiner Meinung nach, natürlich nach Möglichkeit zu unterstützen …)

Ja, doch! Er hatte, da musste ich ihm in vielen Belangen zustimmen, nicht so ganz Unrecht.

Was man schon alles unterstützen sollte! Und wem alles man eigentlich zu helfen verpflichtet sei! (Dazu angetrieben übrigens nicht zuletzt von denen, die solche Malaisen erst ausgelöst hatten, mit denen die Welt nunmehr konfrontiert war.)

Das trieb zum Teil kuriose Blüten …

Neuerdings hätte man am besten für alles ein Herz haben sollen. Ein Herz zum Beispiel auch für die aufgespritzten wasserstoffblonden russischen Weiber, die von ihren oligarchischen Plutokraten-Männern, die sich, ihrer überdrüssig, an ihrer meist faden Fassaden-Schönheit längst sattgesehen hatten und sie nunmehr, langsam aber sicher, stehen zu lassen und auszurangieren fest entschlossen waren. (Je nach dem, ob sich die [noch] dazugehörenden Männer gerade in Gnade oder schon in Ungnade bei Wladimir Putin befanden.)

Die Kaufmannschaft von früher gab es nicht mehr.

Das Entrepreneur-Ship hatte großteils Konkurs angemeldet, viele, vor Kurzem noch namhafte Vertreter des dereinst blühenden Standes saßen in Untersuchungshaft, oder hatten sich ohnedies selbst bei noch gutem Wind längst schon auf die Finanz-Flucht in globale Spähren, mindestens jedoch in die Karibik oder nach Südamerika, entrückt.

Die Zeiten, da einerseits die Fugger und Höchstetter, die Herbrot und Grander, die Manlich und Welser selbst Millionen Gulden zu stemmen gewohnt waren und sogar die Herrscherhäuser und Kaiserwahlen finanzierten, da sich anderseits noch die Geschäfts-Ideale dieser durchaus gewinnorientierten Kaufleute zumal in Integritas, Teciturnitas und Libertas, also in Redlichkeit, Verschwiegenheit und Freiheit, manifestierten, sie waren eindeutig vorbei.

Gut, auch damals, in den merkantilen Urzeiten, war mancher auf die Schnauze gefallen. Aber einmal geschossene Übereinkünfte und Verträge galten etwas, und die Ehrbegriffe fühlten sich innerlich noch nicht so hohl an wie später dann. Zu scheitern mochte sogar von gewissem Reiz sein, aber eben ohne doppelten Finanz-Boden und staatliche Netze zum gefälligen Auffangen unfähiger Defraudanten.

Und noch etwas: Jetzt, da sich alles merkbar in einer Sackgasse erster Klasse befand, ohne Ausweg und Rettung, jetzt wollte, wie es schien, nach wie vor kaum jemand von wirklichem Einfluss und von realer Macht tatsächlich eine Veränderung oder gar eine Verbesserung herbeiführen, sondern es gierten alle am Rand des Abgrunds nach zusätzlichem Reiz.

Was zählte, waren der Reiz im Spiel und die Lust an der Gefahr.

Und, genau, die besonders hübschen sogenannten – oben schon erwähnten – Win-Win-Situationen. (Außer den gepeinigten kleinen Buben, die unter dem Unhold Georg Ritter zu leiden hatten, und deren mögliche Rettung ausschließlich durch grundlegende Veränderung und Verbesserung der gesamten moralischen Positionen zu erreichen gewesen wäre.)

Wie harmlos wirkten dagegen die beinahe kindischen Spielnachmittage unserer kleinen Sünder im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“.

Fast schon putzig.

IX

Ach, ja! Die hübsche junge Frau, die Prof. Georg Ritter vor Wochen kurz während einer Tarock-Partie aufgesucht hatte (sehr zu des Pädagogen Unmut, wie es schien), kam eines Tages wieder. Und wie es sich fügte, war Ritter bei ihrem Erscheinen der erste aus der Runde., der schon anwesend war. Und folglich noch allein am Tisch. (Ich hatte also Gelegenheit, mich ganz auf ihn zu konzentrieren. Und auf die junge Dame.)

Wenn Feindseligkeit eine Person benötigte, um körperlich – quasi als konturierter Kontrast – in Erscheinung zu treten, hier hätte sich dieser Auftritt in aller Plastizität vollzogen. Die junge hübsche Brünette kam, und Ritter schien sogleich jeglicher, aber wirklich jeglicher Contenance verlustig zu gehen. Im Gegenteil: Er fiel förmlich in sich zusammen. Wurde spürbar zum Häufchen Elend. Geriet aus jeglichem Format. Und wenn irgendwo in der Nähe ein Rahmen gewesen wäre, so hätte er auch diesen verlassen, zuvor zu Zwergengröße geschrumpft und irgendwie alchemistisch eingedampft.

Der schwitzende Oberstudienrat schien tatsächlich Höllenqualen zu erleiden.

Die junge Frau genoss es sichtlich, bevor sie anhob: „Sie glauben doch nicht, dass Sie sich wieder einmal herausreden werden können wie üblich? Und dass Ihnen Ihre feinen Freunde, diese Widerlinge, die sie da an hohen und höchsten Stellen sitzen haben, wieder helfen werden?! Ich habe Beweise -“

Setzten Sie sich doch, bitte, Frau -“

Die Frau ignorierte Ritters Aufforderung. Vor Zorn bebend, doch in der Stimme gleich leise wie sicher: „Sie haben meinen Bruder Clemens auf dem Gewissen.“

Prof. Ritter sah verdutzt drein. Hinter seiner Stirn schien, erfreulicherweise weitestgehend unhörbar, sein müder, schon leicht altersschwacher, entsprechend für Fehler anfälliger Denkapparat zu rattern. (Die Obsoleszenz hatte bei Ritter zudem vermutlich shcon voll eingesetzt.)

Und ich werde Sie zermalmen!“, fuhr die junge Frau fort. Mehr zischend als laut artikulierend. Doch wütend, doch, ja, wütend. Und mit allem Nachdruck, dessen sie fähig war. (Und das war nicht wenig.)

Dann drehte sie sich um und verließ das Lokal. (In ihrem Abgang lag etwas Heroisches.)

Nervös blickte ihr der gestrauchelte Lehrer hinterher. Dann sah er, in einer fast lächerlich wirkenden Mischung aus flehentlichem Hundeblick und scheuer Bitte um ein bisschen Kumpelhaftigkeit, zu mir her.

Doch ich tat, über mein schwarzes Büchlein gebeugt, als ob ich mir etwas notierte. So, als hätte ich von der peinlichen Episode überhaupt nichts mitbekommen.

Dann kamen auch schon, gemeinsam, Architekt Bachmann und Direktor Eisenbarth, die anscheinend schon vor dem Eingang des Gasthauses aufeinander getroffen waren.

Wenig später erschien noch Doktor Knöbl, etwas außer Atem und mit einer Tennistasche.

Die Runde war wieder einmal komplett.

X

Robert Musils „Törleß“ (1906) wendet sich, durch die eben vergangene Mathematikstunde inspiriert, in der es um imaginäre Zahlen gegangen ist, an seinen Mitzögling Beineberg: „Du, hast du das vorhin ganz verstanden?“

Ja, das ist doch gar nicht so schwer“, erklärt dieser nach einigem Hin und Her. „Man muss nur festhalten, dass die Quadratwurzel aus negativ Eins die Rechnungseinheit ist.“

Das ist es aber gerade“, entgegnet Törleß. „Die gibt es doch gar nicht. Jede Zahl, ob sie nun positiv ist oder negativ, gibt zum Quadrat erhoben etwas Positives. Es kann daher gar keine wirkliche Zahl geben, welche die Quadratwurzel von etwas Negativem wäre.“

Ich möchte hier ganz kurz auch noch auf eine, wie ich glaube: hübsche Passage aus Heinrich Steinfests großartigem Roman „Das grüne Rollo“ (München 2015) hinweisen, dessen Lektüre (wie natürlich, selbstverständlich, auch die Musils!) sehr zu empfehlen ist. In Sachen Mathematik schreibt Steinfest keck: „Ich fragte mich schon damals, wie ein so dummer Mensch wie er (gemeint ist der Bruder des Helden Theo, Herbert, Anm.)ständig zu ausgezeichneten Noten in Mathematik brachte. Oder war es vielleicht so, dass eine gewisse Dummheit, eine bösartige Einfalt nötig waren, um in diesem Fach zu brillieren? Nirgends sonst schien der Begriff des Fachidioten derart angebracht.“ Und: „Dass diese Disziplin den höchsten Stellenwert besaß, gleichermaßen geachtet wie gefürchtet, stellte eine unglaubliche Absurdität dar. Indem nämlich ausgerechnet die für die Schönheiten des Lebens blinden Spezialisten den Rest tyrannisieren durften.“

Weiters lässt Heinrich Steinfels seinen (damals, zur Zeit der Überlegungen, noch) kleinen Romanhelden, den zehnjährigen Gymnasiasten Theo, überlegen: „Kunst war unwichtig, Religion war unwichtig, Naturkunde war unwichtig, sogar Sport, der doch im Fernsehen häufig triumphierte, alles Essentielle schien unwichtig. Und so waren Deutsch und Englisch und die anderen Sprachen nur insofern von Bedeutung, als sie der Tyrannei der Mathematik nahekamen.“

Ohne hier noch näher in die Mathematik eingehen zu wollen (dazu fühle ich mich selbstverständlich auch gar nicht berufen), hat die ein wenig ängstliche, zumindest ahnungsvolle Überlegung des anderen jungen Mannes – wir sind wieder bei Törleß – etwas für sich. Und wenn ich aus seinen Gedanken allein nur das Positive beziehungsweise Negative zu extrahieren versuche (im Unterschied dazu: Der junge Steinfels-Held Theo mag die Mathematik schlicht und ergreifend eben nicht!), kann mir das weiterhelfen in meinen Folgerungen, betreffend die Herrenrunde und ihre vielschichtigen sexuellen und gesellschaftlichen Verstrickungen und Querverbindungen, Durchkreuzungen und Parallelverschiebungen et cetera. („Und was kannst du dir darunter denken, dass sich parallele Linien im Unendlichen schneiden sollen?“, fragt, nur rein rhetorisch natürlich, Beineberg, um [sich selbst] zu antworten: „Ich glaube, wenn man allzu gewissenhaft wäre, so gäbe es keine Mathematik.“ [Man könnte, zugegeben, wenn es schon einmal um die sich im Unendlichen treffenden Parallelen geht, auch noch Christian Morgenstern hinzu ziehen. Oder gleich Albert Einstein. Aber lassen wir das hier lieber …])

Die Herrenrunde im Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“ gibt sich zwar – fast ausschließlich, immerhin in der Mehrzahl der Fälle – einem der beliebten Kartenspiele hin, doch möchte ich hier dennoch kurz Ihre Aufmerksamkeit auf einen Begriff aus dem Schach lenken. Der Profi-Schachspieler, Journalist und namhafte Sachbuchautor auf diesem Gebiet, Jean Dufresne (1829 – 1893) aus Berlin schreibt in seinem „Kleinen Lehrbuch des Schachspiels“ unter anderem: „Der Bauer geht in gerader Richtung einen Schritt, jedoch nur vorwärts. (…) Er schlägt anders als er geht, nämlich ein Feld vorwärts in schräger Richtung nach rechts und links.“

Jaja, der schlaue Bauer. Er ist es doch auch, der sich beim Schach – einmal unverletzt ans Ende des Brettes gelangt, das zugleich ein Schlachtfeld ist – sodann in die Königin verwandeln kann! Er allein ist beim königlichen Spiel zu einer solchen Metamorphose fähig …

Retour zu Dufresnes Schachbuch, dessen Erläuterungen so weit einleuchtend erscheinen – auch für einen Nicht-Spieler wie mich. Doch dann kommt der Schachbuchautor quasi en passant kurz auf das Recht zu sprechen, im Vorübergehen (also: en passant) zu schlagen“. Diese Sonderregelung stehe dem Bauern – und nur ihm! – und auch diesem bloß „im nächsten Zuge nach dem Vorrücken des andern“ zu, „später nicht mehr“.

Ich bin kein Schachspieler, und deshalb halte ich mich da in meiner Kritik zurück. Aber für den Fortgang dieser Geschichte ist auch das sogenannte königliche Spiel von einer gewissen Bedeutung.

Und nicht nur en passant.

Also geschieht es, wie sich bald zeigen wird: zuletzt mit Dr. Knöbl und Prof. Ritter.

Und so mischen sich verschiedene Kartenspiele – und sogar das altehrwürdige Schach – zum großen finalen Bluff. (Domino, Dame, Mühle und Mikado sind diesmal [noch] nicht dabei: Wir wollen die Demokratisierung lieber nicht auf die Spitze treiben!)

Sie merken es: Ich wende jetzt meinerseits – erzähltechnisch – eine kleinen Trick an: Ich besehe mir nämlich unsere erstaunliche Spielerrunde im Gasthaus „Zum Roten Muschenkranz“ nicht nur wie üblich äußerich (wenn auch sehr genau!), sondern ich schaue gleichsam in die Gehirne der vier Herren.

Ich beschreibe also und halte nicht nur fest, was sie tun – sie spielen Karten, das ist (zumindest für uns Außenstehende) weiter nicht aufregend –, sowie mindestens Teile ihrer Konversation, nein, ich referiere auch einige ihrer Gedanken selbst.

Ein wenig mag das, was ich Ihnen, den Lesern, hier nun vorlege, zumindest Schrift-technisch an ein Theatermanuskript erinnern, bei dem bekanntlich Regieanweisungen und andere Angaben kursiv, g e s p e r r t oder (in [Klammern]) gesetzt erscheinen.

Wir werden nun also die Gedanken, meist sind es sogenannte Hintergedanken, wie Figura zeigt: schräg stellen (es sind ja auch meist recht schräge Gedanken!), also kursiv und auch in ([Klammern]). So.

Wie? – Ob ich das darf? Also, da frage ich nicht lange.

Gut. DI Bachmann spielt aus. (Diesmal schnapsen die Herren zunächst, wechseln indes rasch zwischendurch zu Poker [jaja, das gibt es!], um alsbald mit Bridge weiterzumachen. Dann kommt gleich noch ein Durchgang Canasta [ja, in der Tat!], darauf zwei Runden Tarock und ein bisschen Preference …)

Bachmann: „So!“ (Na, du alter Schurke, Eisenbarth, wie gefällt dir das? Aber meine Frau hast du gevögelt …, volle drei Jahre hindurch! [Natürlich nicht ununterbrochen! Wie auch, du Würstl?!] Und, jetzt kommt der Clou!, du Trottel hast geglaubt, dass ich nichts bemerke davon?!) „Das steche ich! – Und zwanzig!“ Er weist korrekt seine betreffende Karte vor, den Karokönig.

Eisenbarth: „Tst! So was auch! (Idiot!) Hier -“ Er wirft erbost einen Zehner dazu. (Dieser hundsföttische Trottel! Gut, dass er nicht weiß, dass ich seine Frau gefickt habe! Ganze drei Jahre hindurch … Und wie!)

Knöbl: „Hm …“ (Ja, ja, hast immer brav bezahlt, Eisenbarth, du grenzdebiler Grottenolm …) „Hier: Unser Stich! – Außerdem: ,Straight‘ in ,Spades‘, Freunde!“

Ritter: „Aha … (Schau, schau, der Arsch Knöbl! O du idiotischer Einfaltspinsel! Wenn d u wüsstest!) Halt! ,Buch‘ und zwei ,Tricks‘! – Gelt, da schaut Ihr?!“ (Idioten! Allesamt Idioten!)

Die jeweils anderen, die just die Verlierer sind, also, sie murren leicht.

Doch man trinkt, schüttelt Köpfe et cetera.

Ach – was soll es?!“ – „Eben!“ – „Ist doch bloß ein Spiel!“

Man ruft Herrn Hermes und ordert Getränke-Nachschub.

Bachmann: „Ich gebe.“

Er teilt aus, jetzt sollte eigentlich geschnapst werden.

Doch Dr. Knöbl glaubt sich in einer Poker-Partie und nimmt wohl an, mit seinem „Full House“, sozusagen: spielend zu gewinnen! Mit dem Königs-„Drilling“ noch dazu …!

Eisenbarth (Knöbl, Du alter Trottel! S o doch nicht!): „Da kann ich mithalten! Aufdecken!“

Bachmann: „Ja, deckt nur alles auf, Freunde! Mir doch egal … (Gauner, alte Gauner! Alle zusammen! Alte, stinkende Verbrecher!) Ich passe ohnedies …“

Auch Ritter wirft unwillig sein Blatt hin: „Ich passe auch!“ (Nebochanten, saumäßige!)

Eisenbarth: „,Full House‘! Und mein Drilling ist einer mit Herz -“ (Ihr Pfeifen!)

Ein ziemlich aufgebrachter Bachmann erwidert sarkastisch: „Was schert uns dein Herz?!“ (Ob du es in Heidelberg verloren hast oder sonst wo, du beschissener Vogel!)

Ritter nickt nur stumm. Und irgendwie abwesend.

Esenbarth: „- aber egal: Es sind drei Assen!“ Zu Knöbl: „Bitte, auflegen!“(Trottel!)

Knöbl tut, wie ihm befohlen. (Er denkt in Richtung Eisenbarth: Arschgesichtige Arschgeige! Du blöde After-Stradivari!)

Und Eisenbarth, mit dem Tremolo des Triumpfs in der brüchigen Stimme: „Ha! Ha! (Du krummer Hund! Selten dummes Stück!) Also, Deine schwindligen Könige kannst du wieder einstecken! (Steck sie dir am besten gleich in den Arsch!) Auch den in Herz gehaltenen …“

So geht es dahin. Und das Kartenglück ist, je nach Spielvariante, einmal bei dem einen, dann bei einem anderen zu finden. Dabei zeigt sich wieder einmal, dass zum Beispiel Architekt Bachmann der wesentlich Gewiegtere beim Bridge ist (Stichwort: Hochbau!); Dr. Knöbl hat es dagegen mit den Vierzigern und Zwanzigern beim Schnapsen; Prof. Ritter gewinnt in aller Regel, wenn zwischendurch Tarock gespielt wird: Sein zur rechten Zeit abgeworfener Sküs hat es nachgerade in sich! Doch der gefinkelte Direktor Eisenbarth schnalzt die anderen grundsätzlich zwischendurch immer und immer wieder – egal, in welcher Disziplin. Das scheint wohl Banker-Glück zu sein …

Besonders krass ist es aber, wenn sie unvermittelt zu pokern beginnen: Da komme sogar ich mir – obwohl nur als Beobachter – vor wie zur Zeit, da das französische Kartenspiel Poque am Beginn des 19. Jahrhunderts, bald nach der Gründung von La Nouvelle Orléans (New Orleans), in den damals noch ganz jungen USA sich erst zum Poker wandelte. Ja, wie auf einem der gerade in Mode kommenden Mississippi-Dampfer, während in den frühen Western-Saloons noch eine Abart des Pharao üblich ist, ein ausgesprochenes Glücksspiel …

Dann, mit einem Mal, sagt Knöbl (in Richtung Ritter): „Schach (du alter Gauner)!“

Stille. Totenstille.

Dann schaut Ritter perplex vom Spiel auf: „- ? -“ (Himmel! Himmel! Eine schöne Scheiße das! Verdammt! Jetzt ist alles aus …!)

Und Knöbl fügt, triumphierend, noch zwei Worte an: „- und Matt!“

XI

Das Lesebändchen hatte sich, erst zaghaft, dann bestimmter und mitunter fast schon forsch, seinen alten Platz wiedererobert in den jüngst erscheinenden Bänden, also in Neuerscheinungen. Aber auch in neuaufgelegten, sonst freilich längst überkommenen (und zum Teil ziemlich antiquiert wirkenden) Büchern war es bald wieder zu finden. Sozusagen: Als Zeichen besonderen Komforts. Fast als etwas Luxuriöses auf dem Gebiet des Buches …

Doch fiel das ohnedies bloß denen auf, die überhaupt noch zum herkömmlichen Buch als Lektüre griffen.

Wer sich, der Zeit und ihrem Trend folgend, der digitalen Lesefreude hingab (oder gar der [meiner Meinung nach: reichlich fragwürdigen] Bequemlichkeit des Hörbuchs frönte), der entriet dieses in der Zwischenzeit vielleicht noch als Erinnerungsschimmer hie und da im Halbdunkel der übrigen Reminiszenzen jäh auffunkelnden Reliktes aus der Zeit, als noch ein gewisser Bildungsluxus geherrscht haben mochte … (Wäre man doch sonst, was wenig vornehm gewirkt hätte, nicht umhingekommen, per Eselsohr die Stelle letzthin unterbrochener Lektüre zu kennzeichnen.)

Das Lesebändchen musste im Zeitalter des Mausklicks doch wohl als Anachronismus gelten.

Das Leseband, so erläutert „Reclams Sachlexikon des Buches“, buchbinderisch auch Zeichenband genannt, ist ein „Stoffband, früher aus Seide, heute meist aus Rayon gefertigt, das am oberen Kapital (Abschlusskante) des Buches befestigt wird und so lang ist, dass es über die untere Stehkante hinausragt.“ Zweck ist die individuell variable Kennzeichnung einer Textstelle. Im Gegensatz zum Leseband bezeichnet der Ausdruck Lesezeichen ein „nicht fest mit dem Buch verbundenes Merkzeichen zur variablen Markierung einer bestimmten Textstelle“. (Ursula Rautenberg [Hg.], „Reclams Sachlexikon des Buches“, Stuttgart 2003; siehe auch: Olaf Irlemkäuser/Rainer Vollmar, „Buch der Bücher“, Hamburg 2006.)

Es käme nun freilich einer argen Vermessenheit gleich, bezeichnete ich (beispielsweise) Elvira Bachmann als Lesebändchen (oder gar als Lesezeichen), wahlweise eingeklemmt zwischen den Seiten Josef Bachmann und Eberhard Knöbl o d e r Egon Eisenbarth. Ebenso unpassend wäre es wohl, wenn ich Chantal Eisenflor als eingequetschtes Leseband zwischen ihrem windigen Börsen-Gatten Henry und dem schon ziemlich senilen Architekten Josef Bachmann apostrophierte. (Wäre sie nicht vielleicht, wegen ihrer allgemeinen Flüchtigkeit, sogar besser als ein flatterhaftes Lesezeichen zu sehen? Oder könnte gar sie das ordinäre Eselsohr sein?!

Ziemlich sicher scheint jedenfalls: Für Ehefrauen, selbst wenn es sich dabei nur um Geliebte handelt, schickt sich die Bezeichnung Lesebändchen ganz einfach nicht.

Oder nur, wenn man beleidigend sein möchte.

Außerdem: Wir wollen Beispiele aus der Lektüre und aus dem Bildungsbürgertum in diesem Zusammenhang besser erst gar nicht über Gebühr strapazieren.

Nein, wir wollen lieber –

XII

  • nach alle den geschilderten Querelen und Malaisen zu einem E N D E gelangen.

Bachmann ist blamiert. O. K. Die Liaison mit der Eisenbarth-Tochter Chantal hat sich à la longe eben nicht geheim halten lassen. (Noch dazu trafen, durch einen verflixten Zufall bedingt, die vier außerehelich Streunenden – Josef Bachmann, seine Geliebte Chantal, deren Mann Henry und dessen aktuelles Verhältnis, nämlich seine neue Sekretärin Manuela Flurtsch – just in einer als Liebeslaube einschlägig beleumundeten Edel-Absteige namens „Waldschenke“, die in der Nähe einer Autobahn-Auffahrt gelegen war, zusammen. Man war, wie wir uns alle denken können, über diese Überschneidung sehr erstaunt …)

Blamiert ist letzten Endes indes auch Eisenbarth, der bekanntlich lange Zeit der Geliebte der verunglückten Bachmann-Gattin Elvira gewesen ist. Dazu vermag der eher glücklose Banker, jetzt sogar glaubhaft den Eindruck zu vermitteln, grosso modo ziemlich ruiniert zu sein.

Und Ritter, dieser Unhold?

Nun Prof. Ritter geht diesmal in der Tat nicht bloß ramponiert aus dem Gefecht hervor. Der alsbald überführte Kinderschänder und pädophile Pädagoge wird vielmehr – nach Anzeige durch die junge Frau, von der weiter oben die Rede war – sofort vom Schuldienst suspendiert. Außerdem droht ihm ein peinliches Disziplinarverfahren.

Ja, und ihm wird endlich sogar der lang verdiente Prozess gemacht.

Und Dr. Knöbl?

Der triumphiert. Aber auch nur kurz.

Dann heiratet er seine Ex-Frau Marianne – noch einmal. (Was bekanntermaßen nur sehr selten gut geht.)

Und so bereut er diesen Schritt auch tatsächlich schon bald danach zutiefst.

So ist schließlich auch er frustriert.

Unser Wirt, Anton Wiboral, sperrt wenig später sein Gasthaus „Zum Roten Muschelkranz“ zu und zieht mit seiner Frau zu deren Verwandtschaft nach St. Marain am Flitzbach.

Ex-Ober Fritz Hermes genießt seine wohlverdiente Pension. Er liest viel und arbeitet in seinem kleinen Schrebergarten. Aber nur, wenn er Lust dazu hat.

Sonst hängt er seinen (durchaus philosophischen) Gedanken nach …

Manchmal treffen wir einander zu einem Kaffee oder zu einem Glas Wein und plauschen über die angeblich so guten alten Zeiten.

Nur gespielt, also, gespielt wird dabei nie.

Irgendwann gibt Herr Hermes den – auch rhythmisch, wie ich finde, hübschen – Zweizeiler von sich:

So sitzt du da und wartest auf die nächste Katastrophe.

So lang sie ausbleibt, nennst du diesen Zustand – Glück.

E N D E

Quellen und Literatur (Auswahl):

Gerhard J. Bellinger, Knaurs Lexikon der Mythologie. Über 3000 Stichwörter zu den Mythen aller Völker.Augsburg 2000.

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Friedrich Bohne (Hg.), Wilhelm Busch: Gesamtausgabe in vier Bänden. Bd. II. Wiesbaden o. J.

Jean-Claude Carrière, Relativität zum Tee. Ein Besuch bei Einstein. München 2009.

Jonathan Culler, Literaturtheorie. Eine kurze Einführung. Stuttgart 2002.

Jean Dufresne, Kleines Lehrbuch des Schachspiels. Stuttgart o. J (1892).

Dudenredaktion (Hg.), Duden: Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. Duden Band 11. 2. Aufl. Mannheim 2002.

Umberto Eco, Die Grenzen der Interpretation. München – Wien 1992.

Hans Magnus Enzensberger (Hg.), Michel de Montaigne: Essais. (Die andere Bibliothek. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett.) Frankfurt am Main 1998.

Joachim Fernau, Rosen für Apoll. Die Geschichte der Griechen. 12. Aufl. München – Berlin 2010.

Jonathan Franzen, Unschuld. Reinbek bei Hamburg 2015.

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele (…). München o. J.

Ders., Kulturgeschichte Griechenlands. Leben und Legende der vorchristlichen Seele. München 1966.

Claus D. Grupp, Poker. Spielen – denken – lernen. Köln 2005.

Karl Heinemann (Hg.), Goethes Werke. 15 Bde. Leipzig und Wien o. J.

Winfried Hofmann (Hg.), Büchmann: Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. 40. Aufl. Frankfurt am Main – Berlin 1995.

Internet.

Olaf Irlenkäuser/Rainer Vollmar, Das Buch der Bücher. Hamburg 2006.

Tilmann Köppe/Tom Kindt, Erzähltheorie. Eine Einführung. Stuttgart 2014.

Stefan Link, Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens. 11. Aufl. Stuttgart 2002.

Manfred Lurker, Lexikon der Götter und Dömonen. Namen, Funktionen, Symbole/Attribute. 2. Aufl. Stuttgart1989.

Margareta Morgenstern (Hg.), Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band. München 1965.

Reiner F. Müller, Die schönsten Kartenspiele. (Spiel & Spaß.) Rastatt 1990.

Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Köln 2013.

N. N., Das Buch der 555 Spiele. Der kreative Freizeitspaß für zuhause und unterwegs. Köln o. J.

Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung. 12. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1960.

Heinrich Pleticha (Hg.), Weltgeschichte. Entdecker und Reformatoren. Die Welt im 17. Jahrhundert. (In: Weltgeschichte in 12 Bänden, Bd. 7.) Gütersloh 1996.

Ursula Rautenberg, Reclams Sachlexikon des Buches. Stuttgart 2003.

Bernd Schmidt, Hunde die bellen … In: Achterbahn. Erzählungen. Graz 2000.

Heinrich Steinfest, Das grüne Rollo. München 2015.

Erich Trunz (Hg.), Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. München 1999.

Gero von Wilpert, Deutsches Dichterlexikon. Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch zur deutschen Literaturgeschichte. 3. Aufl. Stuttgart 1988.

Peter V. Zima, Moderne/Postmoderne. 3. Aufl. Tübingen 2014.

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