Zu flache Schale,

zu hohe Flasche

Eine kleine, seltsame

Angelegenheit von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2014)

Gleichmütig gilt’s, das Beispiel, das

man gab, an sich erdulden!

Äsop, Der Fuchs und der Storch

*

Jammerschade!

Zugegeben, bisher hatte dieser Juni kaum akzeptables oder gar gutes Wetter gebracht. Aber der Mittwoch jetzt war schon durchaus angenehm aufgefallen, nämlich mit einem erstaunlich wolkenfreien Himmel ganz in der Früh, und der Tag ließ solcherart sogar belebende Temperaturen und insgesamt eine angenehme klimatische Performance erhoffen. Eine wahre Wohltat – nach all den miesen Regen- und Sturmtagen der letzten Wochen!

Da war es immerhin zu Überschwemmungen gekommen und zu Vermurungen.

Sogar die weitgehend verzwickte Weltwirtschaftslage, die Krisenherde im Nahen Osten, in der Ukraine und sonstige globale Unbill, auch beängstigende Entwicklungen an den Börsen und schauerliche Bank- und Konzernpleiten sowie die neuesten Schnitzer der (wie gewohnt) durchwegs unfähigen Regierung waren bei den Nachrichten in den Massenmedien etwas nach hinten gerückt. Auch das Star-Geflüster und die Meldungen aus dem Dunstkreis der gekrönten Häupter und ihrer heirats- (oder scheidungs-)willigen, schwangeren oder moribunden Umgebung hatte man für kurze Zeit erfreulicher Weise nur minder laut vernommen; und, man fasst es kaum, selbst König Fußball stand einmal nicht im Zentrum der allgemeinen Erregung.

Tatsächlich: Zeit zum Durchatmen. Vielleicht sogar zum Cola-Trinken. (Nein, doch nicht.)

Allerdings, mit dem Aufatmen in der Natur ging auch eine merkbare Erleichterung im Allgemeinbefinden der Leute einher. Und die zeitigte alsbald auch sogleich wieder ihre negativen Folgen. Die durchwegs trübtassigen Herrschaften wandten sich nämlich erneut ihrem alltäglichen Kleinkram zu und trachteten alsbald und wie üblich danach, ihre Mitmenschen, wo immer es nur ging, gehörig übers Ohr zu hauen. Oder ungehörig.

Im Großen wie im Kleinen.

Hugo putzte sich die Zähne, duschte und rasierte sich, während er Teilchen aus einer hübschen Bach-Partita, einen Satz aus einer Brahms-Symphonie und einen Ausschnitt aus einem Klavierwerk eines ihm nicht näher bekannten Franzosen des frühen 19. Jahrhunderts als Untermalung an sich hinunterrieseln ließ wie das laue Wasser. Er nahm das Gehörte als musikalisches Tonikum wahr, dessen Geruchsrichtung wohl vom Geschmack des jeweiligen Verantwortlichen im Frühmorgenprogramm des Klassiksenders Ö1 abhing, den er zur Unterstützung seiner hygienischen Gepflogenheiten einzuschalten gewohnt war. (Vom Radioapparat in der Küche führten Kabel zu zwei Lautsprechern, die er sinnigerweise dort montieren hatte lassen, ins Badezimmer.) Und diesmal hatte es ja wieder irgendwie gepasst.

Er war beim Frühstückskaffee angelangt und den vier Scheiben Ölz-Mehrkorn-Toast, zum Teil schon bestrichen respektive belegt mit Butter, Schinken und Käsescheiben, alternativ mit Aufstrich und Dreieckkäse, mit dem Vier-Minuten-Ei im Becher und dem Glas Darbo-Marmelade, besagter Sender bei Johann Strauß Sohn und einem Ausschnitt aus der „Fledermaus“-Quadrille mit den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst, als das Telefon schrillte (und sich irgendwie unanständig und ruckartig über die hellblaue Tischdecke bewegte).

Wer, zum Teufel – und um 7:23 Uhr?!

In seinem Ärger über die Störung und nicht zuletzt bedingt durch die Eile, in die er sich – nach durchaus angenehmer morgendlicher Ruhewaltung – durch das unangenehme Schrillen des Mobiltelefons versetzt empfand, stieß er die volle Kaffeetasse vom Tisch, die prompt auf den Boden fiel und in die berühmten Tausend Stücke zersprang. Nicht anders reagierten Ei und Becher. Außerdem spritzte ihm heißer Cappuccino auf den nackten großen Zeh des linken Fußes. Und jetzt fiel auch noch zu allem Überfluss der Teller mit den goldbraunen Toast-Scheiben, belegt und bestrichen schon mit Butter, Schinken, Aufstrich und Schmelzkäse, hinterdrein; und auch das Marmeladenglas und der kleine Löffel sowie das Tellerchen, worauf sich beide befunden hatten, folgten dem Gesetz der Schwerkraft.

Jetzt erst sah er aufs Display des Mobiltelefons. Petra?!

Das auch noch – auch das noch!

Der schöne Morgen war somit dahin.

Jammerschade!

Sie hatte, stotterte sie, zugegeben, nur so herumgespielt mit ihrem neuen Smartphone. Und da hatte sich der Schuss – nein, der Anruf, natürlich! – eben ungewollt gelöst.

Zum Teufel – was willst du, Petra?!“, schrie Hugo in sein Handy. „Es ist aus zwischen uns! Hörst du? Aus! Himmelherrgott! Wann geht das endlich in deinen dummen Kopf hinein?! Und außerdem, weißt du, wie spät es ist? 7:25 Uhr! Ich sitze beim Frühstück und höre die „Fledermaus“-Quadrille von Johann Strauß Sohn und will – – -“

Entschuldige, Hugo! Ein Versehen!“ Sie klang verschnupft. „Aber ich habe mein neues Handy noch nicht so gut … im Griff -“

Unsere alte, unsere gewesene Beziehung auch nicht“, knurrte er böse, während er versuchte, die unappetitlichen Reste des früher so vielversprechenden Frühstücks irgendwie (mit Küchenrolle, Tischbesen, Kleinstaubsauger und mehreren Servietten) aufzusammeln und zu beseitigen; was mit nur einer Hand, die andere hielt ja das Telefon und presste es ihm, quasi unerbittlich, ans Ohr, gar nicht so leicht war. „Also, was willst du, Petra?!“

Gar nichts … eigentlich …“, klang es zaghaft aus dem Gerät. „Ich wollte doch bloß ausprobieren, ob alle Nummern vom alten Apparat auf den neuen -“

Hugo überspielte seinen Groll. Er stellte (mit der freien Hand) erneut Wasser auf, holte eine neue Tasse aus dem Schrank, füllte die vorgesehene Menge löslichen Kaffees (plus einen Kaffeelöffel extra!) hinein, sodann die zwei Zuckerstücke. Dann füllte er den chromblitzenden Toaster von Neuem und holte darauf hin (immer noch alles mit einer Hand!) die Frühstücks-Utensilien aus dem Kühlschrank; Butter, Schinken, Aufstrich et cetera.

Also, tschüssli!“, sagte die verschnupfte Petra. „Und nichts für ungut …“

Sie legte auf.

Endlich konnte er frühstückten. (Im Gedanken: Was braucht sie überhaupt noch meine Nummer? Es ist doch aus zwischen uns, verdammt! Dumme Ziege!)

Aus dem Radio drang irgendetwas Russisches an sein Ohr. Glasunow? Rimski-Korsakow? Tschaikowsky jedenfalls war es nicht. Nein, später vielleicht … Oder doch Tschaikowsky? (Irgendwie ist alles von Tschaikowsky, dachte Hugo, ein bisschen belustigt. Oder?!)

Dieses Weib raubte ihm noch den letzten Nerv … Blöd wie die Nacht. Aber, zugegeben, hübsch! Ja, bildhübsch sogar! Petra war eine Zierde für jeden blöden älteren Herren, der nicht merkte, dass er von ihr bloß ausgenommen wurde … Gut, er war ja erst sechsundvierzig … Hm. Aber geschröpft hatte ihn das Luder in den paar Monaten ihres Zusammenseins …, frage nicht! – Egal. Das war vorbei. („Soso, hübsch und gut im Bett? Aha. Fazit: Einige sündteure Ficks, mein Lieber! Sündteuer! Aber was soll’s , du hast es ja … Prost!“ Das hätte Poldl, ein alter Freund aus Jugendtagen gesagt. „Einige sündteure Ficks.“ Aber Poldl hatte sich zu Tode gesoffen. Vor einem Jahr. Oder waren es schon wieder zwei?! Aus. Ende. Kein Poldl mehr.)

Letzter etwas versonnener Blick in den Spiegel im Vorzimmer, Griff zur Krawatte. Zurück in die Küche: Stopp-Taste des Radioapparats. Da würgte er gerade Paul Lincke ab („Schlösser, die im Monde liegen“ aus der Operette „Frau Luna“). Und während er fast tänzelnd die paar Schritte zu den Stiegen hin machte, musste er wie automatisch einen anderen Lincke-Gassenhauer vor sich hinsummen: „Glühwürmchen, Glühwürmchen, flimm’re …“ aus der Operette „Lysistrata“ … Warum wohl ausgerechnet Lysistrata?! (Man müsste, wenn das möglich wäre, wohl Sigmund Freud fragen! Sex-Entzug als Mittel zur Subordination … Egal.)

Ja (nochmals: egal), der Tag würde trotz Petras telefonischer Störung ein schöner werden.

Dann: Irrsinnslärm!

Aha, der Briefträger, ein noch recht junger Mann namens Engelbert Draumilch, war, sein schwerbepacktes Post-Moped schiebend, mit einem Radfahrer kollidiert. Und jetzt saß der Postbote schimpfend auf seinem Arsch (und auf dem Trottoir), und sein junger Kontrahent, der Manuel Stirnfrantz hieß (ja, der Neffe von Dr. Lothar Stirnfrantz), versuchte, ebenfalls fuchsteufelswild, ein altes Gestell zurechtzubiegen, das seiner Aussage nach bis vor kurzer Zeit noch ein Fahrrad gewesen sei. Passiert war beiden rasenden Kampf-Rolands zwar nichts, aber das hallige Stiegenhaus hatte wieder einmal gehörig übertrieben …

Irrsinnslärm eben!

Gratulation!

Nanu?! – Richtig! Der Alte hatte ja Geburtstag! Deshalb also der kulinarische Bahnhof. Nun, da war heute an Arbeit wohl kaum zu denken … Hm, wir wollen einmal sehen …

Wie alt wurde Eiselböck? Sechzig? Oder gar fünfundsechzig? Hugo würde es spätestens wissen, wenn er die Zahlen auf der Torte entzifferte. Und Frau Kleinhappl würde sicherlich alles bestens vorbereitet haben, die altgediente Sekretärin (die noch immer mindestens ein Auge auf den längst abgetragenen Chef geworfen hatte).

Streubrand kicherte dumm, als er Hugos ansichtig wurde; hatte wohl schon ein wenig vom Sekt probiert?! Blöder Depp, das … Und auch Rauchbein, der alte Prokurist, war schon beim Geschichtenerzählen: „Also, wie damals der -“

Wann steigt denn die Fete für unseren lieben Chef?“, fragte Hugo scheinheilig.

Gleich, wenn er eingeritten ist“, verriet Emil Streubrand dem Kollegen im Flüsterton, als wenn es sich um ein lange wohlgehütetes Geheimnis, zumindest kosmischen Ausmaßes, oder um den tatsächlichen Aufenthalt des Grals handle. „Dann knacken wir ein paar Flaschen …“ Er grinste grenzdebil vor sich hin und schnalzte unschön, aber gierig mit der Zunge.

Der Chef! Der Chef ist da!“, rief Frl. Bunzweisel (Chantal mit Vornamen), die junge, etwas unsicher wirkende Schreibkraft mit den schlecht gefärbten karottengelben Haaren und der unreinen Haut.

Na, endlich“, kommentierte Adolf Stiftinger, der altersgraue, hinter seinem schwarz-drahtigen Brillengestell ziemlich stark schielende Bote, das geburtstägliche Brimborium. (Auch er schien schon merkbar vom Durst gezeichnet. Oder vom Restalkohol.)

Morgen!“, rief Kurt Eiselböck munter und direkt jovial aus und versuchte, möglichst überrascht zu tun. Doch da trötete ihm auch schon der vielstimmige, weitestgehend atonale Chor der Gratulanten in Form von zu akustischem Müll gewordenen Klängen das obligate „Happy Birthday To You …“ in die malträtierten Lauscher. (Doch Eiselböck verfügte, hör-immun wie ein altes Sofa, ohnedies über Schweinsohren.)

Aha, die Torte wurde hereingeschoben wie ein malader Patient zur Operation.

65 prangte auf der Schokoladenglasur. Fünfundsechzig war er also alt geworden, per Datum, der alte Eiselböck, dieses Mensch gewordene Umzugs-Ekel, dieser schlitzohrige Geschäftemacher und so-ziemlich-alle-anderen-Über-den-Tisch-Zieher … Die Transport-Qualle, wie man ihn schon vor langer Zeit hinter vorgehaltener Hand in der ganzen Branche genannt hatte, als das Unternehmen noch so richtig florierte. Auch grenzüberschreitend.

Dann waren da plötzlich diese ziemlich windigen Geschäfte gewesen, und es wurden Niederlassungen in den Nachfolgestaaten des Warschauer Pakts im Zuge der merkantilen Osterweiterung gegründet, alles nach dem Fall der Berliner Mauer und des Kommunismus … Krakau, Budapest, Tirana, Sofia … Und dann die Rückschläge ab 2008. Jaja,wie man sich bettet …

Und erst die Weibergeschichten und Affären! Drei Ehen, ein Haufen unehelicher Kinder zum Drüberstreuen, dann noch diverse Außenstände (aus besseren Zeiten, noch vor den guten) … Obschon – also, arm war Kommerzialrat Eiselböck mit Sicherheit auch gerade nicht.

Büro und Belegschaft hatten ihrem Boss übrigens einen großfoamtigen Öl-Schinken, eine nicht einmal so schlechte Arbeit des aufstrebenden lokalen Malgenies Romuald Stampffuss, geschenkt: die zeitkritische Neuinterpretation des Gemäldes von Pieter Bruegel dem Älteren „Der große Brand im Dorfe oder Aus der Welt der Topoi“.

Danke! Danke! Meine lieben Freunde! Ich danke Euch!“ Eiselböck wirkte wie ein gebauchpinselter alter Gutsherr in einer Geschichte von Nikolai Gogol (oder Anton Cechov), und sprach dann das erlösende „Öffnet denn die Flaschen!“ Was auch sogleich geschah!

Ach, ja. Man trank, ja, man soff! Und auch die von der Uta Kleinhappl fürsorglich bestellten und rechtzeitig abgeholten Spezialbrötchen der diesbezüglich bestens renommierten Firma „Frankowitsch“ mundeten durchwegs, was alsbald auf dem Teppich seine Spuren hinterließ.

Jaja, der Zusammenhalt!

Zwar arbeitete bei Eiselböck & Fürnschuss, Speditionen international nicht selten einer gegen den anderen (was sich in letzter Zeit auch schon in eigentlich beängstigenden Bilanzen auszudrücken begann), doch wenn es ums Feiern ging, sog man an einem Halm, sozusagen. Und dass längst Gespräche mit einem international agierenden US-amerikanischen Logistik-Konzern liefen, der sich für die marode Firma zur Komplettierung seines diesbezüglichen Europa-Segments interessierte, war noch streng geheim. (Oder war es doch ein argentinischer Multi? Egal. Nicht einmal seinen Intimus, den Prokuristen Gerfried Rauchbein, immerhin durch Jahrzehnte nebenbei auch Teilhaber und Mitbetreiber einiger sexueller Schlüpfrigkeiten, hatte Eiselböck bis jetzt in die hochnotpeinliche Sache mit ungewissem Ausgang eingeweiht …)

Das Geburtstagskind erzählte – abwechselnd mit dem schon ziemlich senilen (einem möglichst schlüpfrigen Altherrenwitz indes nie abholden) Rauchbein, dem einzigen übrigens, mit dem der Chef per Du war – von den guten alten Zeiten. Als auch noch Ing. Eberhard Fürnschuss gelebt hatte, der (zugegeben: legendäre) Kompagnon … Und wie überhaupt alles erst begonnen hatte damals – – -. Und der Wohlstand allenthalben erst über uns – – -. Und wie die Sicherheit, zudem als eine für immer – – -. Und niemand etwas von einer Wirtschaftskrise – – -.

Da wurde es kurz ein bisschen besinnlich.

Doch als der zu feiernde Kurt Eiselböck dann schon einen in der Krone hatte, wurde es sogar wieder lustig wie in den legendären alten Zeiten. Ein bisschen frivol vielleicht sogar …

Hugos Mobiltelephon läutete (und hopste quasi in seiner Jacketttasche).

Es war – Petra.

Er drückte sie weg.

Sagen Sie, Hugo, wie geht es denn eigentlich Ihrer Flamme, dieser flotten – Petra?!“, fragte der angeheiterte Spediteur plötzlich und wie aus heiterem Himmel.

Weiß nicht“, erwiderte Hugo kurz. „Sie ist im Übrigen nicht mehr meine Flamme, Herr Eiselböck …“

Oh, wie schade …“, stellte der Chef gedehnt fest. „So ein steiler Zahn das …, wenn Sie verstehen, was ich meine …“

Ja, ich glaube schon …“, wandte sich Hugo zum Gehen, indem er für sein leeres Sektglas eine passende Ablage suchte. (Die er dann auch auf dem Kopiergerät, neben ein paar Tellern mit Mayonnaise-Resten, schmutzigem Besteck, ein paar angenagten sauren Gurken, einem halben Schinkenröllchen und einem Stück heruntergefallenem Lachs fand.)

Sollten Sie die Petra trotzdem sehen oder was von ihr hören, sagen Sie ihr doch, dass sie mich bei Gelegenheit anrufen soll, ja?!“ Und Eiselböck wandte sich wieder der jungen hautunreinen Chantal Bunzweisel mit den Karottenhaaren zu, die schon vor geraumer Zeit auch den zweiten Knopf ihrer um die immerhin merkbar knospenden Brüste beachtlich spannenden, ansonsten freilich weitgehend geschmacklosen Bluse geöffnet hatte.

Ich werde daran denken, Herr Kommerzialrat! Und nochmals – Gratulation!“, sagte Hugo in Richtung Chef, verbeugte sich und machte endlich seinen Abgang.

Der Abend verlangte förmlich nach einem Absacker.

Zwar war Hugo eigentlich gar kein sonderlicher Freund von Cocktails; und manche dieser undefinierbaren Gesöffe, die nicht selten zudem in den scheußlichsten Farben serviert wurden, widerten ihn sogar richtiggehend an. (Da war ihm ein guter schottischer Malt-Whisky, ja, ein Bier oder ein solider Wein allemal lieber.) Doch hin und wieder machte er eine Ausnahme und lenkte seine Schritte zu Manfred, in die wohl-bestückte Bar eines der besseren Hotels der Stadt. Denn Manfred war in der Tat und unbestritten – auch von den wenigen ernst zu nehmenden Konkurrenten in dieser (wenn’s sein muss: wirklich hohen) Kunst – ein Meister des Mischens, Mixens und appetitlichen Arrangierens von Alkohol & Drumherum. Ein Priester des Hochprozentigen, fürwahr! Er wusste zudem über so gut wie alle Sorten von Schnäpsen, Whisk(e)ys, Wodkas, Brandys et cetera, aber auch über Weine, Champagner und sogar exquisite Biere Bescheid; und ganz allgemein über die Mengbarkeit all dieser delikaten Ingredienzen. Manfred achtete darüber hinaus auf den Frischegrad des verwendeten Obstes und der zu pressenden Säfte; er züchtete zum Beispiel selbst Minze für den (tatsächlich großartigen) Mojito oder verstand es, eine hinreißende Margarita zu zelebrieren … Internationale Auszeichnungen einerseits, die Treue seines Stammpublikums anderseits bewiesen indes die Position dieses außergewöhnlichen Barmannes durchaus eindrucksvoll.

Sie kannten einander seit vielen Jahren. Und so wie Hugo nicht selten (in Maßen) Seelenballast abgelegt hatte, hier am Tresen, war er seinerseits schon mal pietätvoller und stiller Zeuge gewesen, wenn der gute Manfred innerlich stöhnte; sollte sich da etwa die Hotel-eigene Laufkundschaft – zum Exempel: wenig bis gar nicht stilfeste Reisende aus der Kosmetikbranche oder überhebliche Ärzte, die zu einem der zahlreichen Kongresse (betreffend Bandscheibenleiden, Früh-Demenz oder Karies-Verhütung in der Schwangerschaft) in der Stadt weilten – zuletzt noch in der Bar tummeln. (Wobei tummeln das falsche Wort ist für den Benehmensmix aus Blasiertheit, fortgeschrittener Besoffenheit und genetisch bedingter Blödheit, der hier auf die überzeugendste Weise und penetrant offenkundig zur Schau gestellt wurde.)

Zwar hatte Hugo recht wacker beim Eiselböckschen Geburtstagssekt mitgehalten, auch ein paar Biere zu den ausgezeichneten Brötchen und danach etwas vom vorzüglichen südsteirischen Weißwein konsumiert, jedoch war immerhin auch einiges an Arbeit dazwischen zu erledigen gewesen. Und so war er grosso modo nüchtern, als er in Manfreds Bar anlangte.

Gut, er verfügte über genug Manieren, also rastete er auch nicht aus, als er da – na, wen schon? richtig: Petra! – in einer ziemlich proletenhaften, pseudo-maskulinen Männerrunde erblicken musste. Allein, was die allem Anschein nach geistig total belanglosen Jungspunde da an Haargel zur Schau stellten, dazu ihr gleich auffälliges wie geschmackloses Outfit, das alles hätte auf eine ausgewogene Mischung aus aufrissigen Kosmetik-Vertretern und leicht blasierten Ärztekongress-Teilnehmern schließen lassen. (Aber vielleicht waren es ja auch Bodybuilder oder Betriebswirte, wer weiß?!) Doch, um Gottes Willen, es konnte ihm doch schließlich völlig egal sein, mit wem Petra da herum-machte! Und wenn es gleich eine halbe Kohorte hirnloser Tattoo-Stecher oder gestörter Aufschwatzer in Sachen Mobiltelefonie gewesen wäre; oder schlicht eine Handvoll unvermittelbarer Ex-Söldner aus dem Kosovo …

Ehe er es sich versah, hing sie an seinen Schultern und überzog sein Gesicht mit Küssen. Erst das dezent-mannhafte Dazwischentreten Manfreds, der fragte: „Herr Hugo, Eine Margarita, wie üblich?“, rettete ihn aus der ziemlich peinlichen Situation.

Das sind übrigens Freunde von mir“, wies die echauffierte Ex-Geliebte auf die bodygebuildeten Betriebswirte aus dem Kosovo. „Der Muschky, der Olaf, der Seppl, dann der Japsy -“

So lange habe ich nicht vor zu bleiben“, kürzte Hugo das verfahrene Verfahren wenig höflich ab. „Außerdem“ – er hatte einen alten Bekannten, den Kulturjournalisten Benno Grauschatten vom „Abendblatt“ entdeckt, der sich in nächster Nähe und in ziemlich intensivem Gespräch mit irgendeinem alten Sack (anscheinend aus der Kunstszene) befand.

Petra, nachdem sie diesen Affront, den sogar sie als solchen mitbekommen hatte, abperlen hatte lassen wie ein guter Regenmantel einen kurzen Guss, wandte sich wieder ihren Gel-Jünglingen zu. Und da man allem Anschein nach schon gezahlt hatte, machte sich die Kohorte samt weiblichem Aufputz auf den weiteren Weg durch die angebrochene Nacht.

Ich melde mich!“, hauchte Petra, die Nicht-Verstehende, Hugo im Abgang zu. „Tshüssli, Manfred!“ Die Bruderschaft der Gegelten stapfte, geistig, wie es schien, weitgehend regungslos, brav ihrer Jeanne d’Arc hinterher. (Vielleicht waren es auch Jung-Juristen.)

Entschuldigen Sie, Herr Redakteur!“, sprach Hugo, obwohl die höchste Petra-Gefahr nun ja gebannt zu sein schien, den Zeitungsmenschen namens Grauschatten dennoch an. „Sie kommen wohl aus dem Konzert im Stephaniensaal?“

Ja, und das ist Herr Prof. Theobald Thorn-Thieffenthal, ein bekannter Dirigent aus Deutschland. Er befand sich ebenfalls gerade vorhin noch im Auditorium …“

Hugo nahm die lasche Hand des offensichtlich senilen Maestro, der mit wässrigen Augen irgendwie durch ihn hindurchzusehen schien. Vermutlich war er nur mehr – Ohr, der Gute.

Ja, ganz interessant, interessant, besonders der Smetana … Interessant, ja … Sie waren auch im Konzert, Herr -?“

Nein“, beeilte sich Hugo zu antworten, „aber ich bin ebenfalls durchaus ein Freund der klassischen Musik …“ (Er gedachte mit Freude und einem gewissen Stolz seiner täglichen Dusch- und Rasier-Intermezzi zu den früh-morgendlichen Klängen von Ö 1.)

Ja, Bedrich Smetana ist ja eigentlich mehr Romantiker“, besserte ihn der Altdirigent wenig charmant aus.Allerdings …, im gängigen Sprachgebrauch wollen wir das mit der klassischen Musik gelten lassen, lieber junger Musikfreund. – Sie waren auch im Konzert?“

Hugo verneinte (wieder), unisono mit Benno Grauschatten, konnte dem um gut vierzig Jahre Älteren jedoch auch nicht böse sein; no, der hatte eben schon seinen Tritt abgekriegt, geistig. Der Dirigent war auch erneut in sein Gespräch von vorhin mit dem Kulturredakteur zurückverfallen, und so widmete sich Hugo hauptsächlich seiner (dritten) Margarita.

Ich …, also ich“, erläuterte (vermutlich auch schon zum zweiten oder dritten Mal) der senile Dirigent fistelstimmig, „ich hätte die Tempi und Ausdrucksformen beim Smetana ja wie folgt genommen: Nun, der erste Satz – allegro ma non troppo! Schön und gut, aber sicherlich auch piu lentu cantabile! Ja, sogar ein bisschen generoso e gentile und ganz bestimmt in statu plumpsi! Jaja, beinahe schon keck, nasophin, ja, fast igroglyph!“

Das reichte, um Hugo alles Weitere als verdorbene Kacke empfinden zu lassen. Besonders dieses total idiotische, sich beinahe schon keck nasophin, ja, fast igroglyph gebende verbale Sauschwänzchen des Herrn Professor Theobald Thorn-Thieffenthal hätte man guten Gewissens gegen eine gnädige Generalpause eintauschen können! Für wahr! Scheiß drauf!

Hugo trank noch sehr viele bunte Getränke und quatschte mit Manfred. Jedes Getränk für sich war großartig. Alle zusammen jedoch um einige zu viel. Nun, ja…

Manfred hatte ihn gewarnt, der treue Eckehard.

Dann ging Hugo. Vielleicht keck nasophin, aber noch nicht ganz igroglyph.

Gratulation, Petra!

Himmel, Arsch & Zwirn!

Könntest du dir vielleicht vorstellen, mich endlich in Ruhe zu lassen, Petra?!“ Beim dritten Anruf ihrerseits quasi in Serie war Hugo schon fast am Explodieren. „Es gibt nichts mehr zu sagen, verdammt! So glaub‘ das doch endlich!“

Außerdem plagte ihn enormes Kopfweh.

Ich würde dich gern zum Essen einladen, zu mir …“, sagte sie und es klang zaghaft (und nicht berechnend oder sonst irgendwie gefährlich).

Du kannst doch, so weit ich mich erinnere, gar nicht kochen …“, erwiderte Hugo, um Zeit zu gewinnen. (War das doch eine Finte?!) „Außerdem: Warum spielst du nicht lieber die Gulaschkanone für deine nächtliche Gel-Kohorte?!“

Oh, ein bisschen kann ich schon …“, zwitscherte sie, auf kleines Mädchen machend. (Naiv. Diese blöde Schlampe!) „Außerdem – wer oder was ist eine Gel-Kohorte?!“

Vergiss es!“, kürzte Hugo, unausgeschlafen und verkatert, wie er war – vom furchtbaren Kopfschmerz einmal abgesehen -, das unangenehme (morgendliche) Gespräch ab, und während er mit einigem Aufwand rekapitulierte, was sie so alles ein bisschen konnte, war sie schon beim Datum. „Was hältst du von morgen, am Abend? So gegen acht bei mir?“

(Kleine Pause) „Die Adresse weißt du doch noch?!“

Er wusste die Adresse noch. Oh, ja.

Morgen, Donnerstag, um 20:00 Uhr bei Petra.

Er war ein Idiot.

Und er wusste das auch.

Himmel, Arsch und Zwirn.

Dreizehn Stockwerke, aber immerhin: ein Lift. Da musste man wenigstens nicht hautnah erleben, wie scheußlich dieser (mit Landesfördermitteln) auf quasi Sozialstandard getunte Plattenbau sich auch innen gab. Dass er von außen eine Zumutung war, hatte man ohnedies in Kauf zu nehmen. Freilich: Was war heutzutage keine Zumutung?! Außerdem: In Zeiten, in denen sogenannte Städteplaner, zumeist irgendwelche obskure, am Rande des Baugeschehens großgewordene Beamte, den in aller Regel an sich schon verbrecherischen Architekten und Baumeistern von den korrupten, verlotterten und auf die unverschämteste Weise mitkassierenden Lokalpolitikern fürsorglich zur Seite gestellt wurden, um nach dem Rechten zu sehen (haha!), musste man sich um Bau-Qualität erst gar keine Sorgen machen. Sie rangierte unter Garantie an allerletzter Stelle … Wenn alle Beteiligten erst mal ausgesorgt hatten (und die Scheußlichkeiten auf der ehemals grünen Wiese standen), war die Zukunft im wahrsten Sinn des Wortes einbetoniert. Und zubetoniert. Sauber, sauber!

Er verließ die bloß ansatzweise saubere Kabine des ziemlich klapprigen Aufzugs, nicht ohne sein Äußeres im vergilbenden Spiegel noch einmal (gewohnheitsmäßig, rein gewohnheitsmäßig, bitte sehr!) einer kurzen, aber genauen Kontrolle unterzogen zu haben. Sein Inneres musste er erst gar nicht überprüfen; da war rein gar nichts, was noch irgendwie für Petra hätte aktiviert werden können. Wirklich nichts. Nein – da hatte er abgeschlossen. (Wie übrigens auch mit Esther, seiner geschiedenen Frau. Aber das war, wie es so schön heißt, wieder eine andere Geschichte …)

Er läutete, den teuren Whisky im hübschen Papier (Mordillo-Giraffen) in der Rechten.

Petra musste wohl schon hinter der Wohnungstür gelauert haben, denn sie riss sie förmlich zeitgleich mit seinem Druck auf den Klingelknopf auf und fiel dem Ex-Freund überschwänglich um den Hals. Das Sommerfetzchen, das ihren hübschen Körper umspielte, offenbarte in der Tat weit mehr, als es verschwieg … Und, rein körperlich gesehen, hatte sei einiges zu offerieren und zu präsentieren. Zudem war, das muss man zugeben, was sie da auffahren ließ, durchaus echt, unverfälscht und ohne irgendwelche plastisch-chirurgische Aromastoffe, also à la nature. (Gut, für irgendwelche vermeintlich verschönernde Eingriffe wäre sie wohl auch noch zu jung gewesen; obwohl der Wahnsinn bekanntlich in diesem Bereich längst auch vor der Jugend nicht Halt macht.)

Dann, die eingewickelte Flasche auf das Telefon-Tischchen nahe der Eingangstür stellend, drückte sie ihm ein hohes Glas, gefüllt mit einer gefährlich wirkenden Flüssigkeit, in die Hand, versorgte ihn mit einem ordentlichen Joint und bat ihn auch schon weiter. Wie gesagt, er kannte sowohl die Adresse als auch die wenig geschmackvoll eingerichtete Kleinwohnung, in der ihm – das war vermutlich psychologisch bedingt – gegen Ende ihrer insgesamt wenig ersprießlichen Beziehung hin sogar schon der aufrechte Gang aufgrund der niedrigen Räume et cetera fast unmöglich erschienen war. Des Umstands, dass die Räumlichkeiten keineswegs hoch waren, wurde er erneut gewahr; beengend wirkte das, äußerst beengend sogar. Besonders jedoch machte ihm anfangs der intensive Geruch von Marihuana zu schaffen, das er längst nicht mehr gewohnt war. (Hugo war zwar gerade noch ein 1968er – aber bloß vom Geburtsjahrgang her … Und die Dope-Phase? Nun, die war bei ihm irgendwann in den 1990er Jahren gewesen …)

Im Wohnzimmer registrierte er allerdings eine gravierende Änderung: Statt in der ihm noch von früher her gewohnten scheußlichen Minze-Farbe erstrahlte der verquere Raum (Grundriss: Trapez) jetzt ganz in Pink; welche Stimmung sich auch, durch die halb geöffnete Tür konnte man es nur zu gut sehen, ins Mini-Schlaf-Kabuff hinein fortsetzte); in diesem engen und beengenden Salon also angelangt, sah sich Hugo, der inzwischen – und ganz gegen seine Art – allem Anschein nach schon bei Glas drei (?!) angelangt war, einer Horde ähnlich aufgemachter Burschen gegenüber, wie sie vor wenigen Tagen in Manfreds Bar Petra zur Entourage gedient hatten: ihre Kohorte der maskulinen Geschmacklosigkeit eben.

Nein, es waren ohnedies die selben Bengels, nur noch ein paar mehr. Nämlich der Güsi, der Laurent, der Akki – egal; Hugo hatte nicht vor, sich auch nur einen der idiotischen Namen aus der – zugegeben: bizarren – Flatterschar dieser schrägen Jungvögel zu merken, die ihm da mit ihren Schmalzlocken, bodygebuildert, tätowiert sowie gepierct und vermutlich weitestgehend hirnlos gegenüberstanden, -saßen oder lümmelten. Alle waren sie Gläser- und Zigaretten-bewährt und verfügten augenscheinlich über jenen unsäglichen Hüftschwung, der Hugo, bemerkte er ihn irgendwo, immer wieder verunsicherte; dahingehend nämlich, ob die ihn an den Tag legenden jungen Männer nun schwul, bi- oder metrosexuell oder vielleicht irgendwie mönchisch (nach einem skurrilen asiatischen Ritus) unterwegs seien. Nur bloß hetero zu sein, schied vermutlich aus; vielleicht jedoch war das inzwischen überhaupt verboten?! Aber das war ja nicht seine Sache und ging ihn folglich auch nichts an. Jeder, wie er wollte.

Der kleine Raum war, wie nicht anders zu erwarten, längst schon und erfolgreich mittels schrottiger Techno-Klänge und wertloser Musik-Synthetik zur Deponie für akustischen Sondermüll umfunktioniert worden. Zur Haschisch-Berieselung gesellte sich also – quasi als Kontrapunkt fürs Sensorium – eine Hirn-abtötende Akustik-Attacke nach der anderen.

Doch wäre, dachte Hugo, mit diesen gegelten Hohlköpfen auch sonst (hätte man also von dem, was das Gegenüber vielleicht sagte, etwas gehört) ohnedies kaum ein Gespräch möglich gewesen. Oder?! Außerdem schienen die Buben ohnedies schon ziemlich bekifft und besoffen zu sein, wenn er ihr diesbezügliches dummes Lächeln richtig interpretierte. (Oder war er es?!)

Umso mehr erstaunte es ihn, als die hauptsächlich schwarz angezogene Runde sich sodann sukzessive zu einer (immerhin leicht aggressiv wirkenden) Phalanx zu formieren begann. Gut, man hatte gehörig getrunken, und Petra hatte einige ihrer Boys auf Teufel komm ‚raus angeschmust und erotisch entsprechend angeturnt; doch wie auf ein unausgesprochenes Kommando hin wandten sich die späten Knaben mit einem Mal, indem sie sich aufreizend langsam ihrer Kleider entledigten, ihm zu, dem mit Abstand Ältesten in der Runde. Sie umringten Hugo, und auch die Musik wurde noch aggressiver. (Glaubte er zumindest.) Dann – wer hätte mit so einer Wendung gerechnet? – nahm ihn einer nach dem anderen von hinten und vergewaltigte ihn; wobei immer zwei, drei andere Hugo, das Opfer in diesem abartigen Ritus, hielten und den Sexualgenossen mittels obszöner Rufe anfeuerten, der gerade am Werk war.

Und Petra? Sie war zunächst unauffindbar.

Doch Hugo suchte auch nicht nach ihr.

Denn für den in solchen homoerotischen Angelegenheiten weitestgehend unerfahrenen Mitvierziger, dem schon die (von mancher Seite immer wieder ein wenig verklärte) Päderastie in der Antike sowohl unverständlich als auch verwerflich erschien und dem es nie in seinem bisherigen Leben in den Sinn gekommen wäre, mit einem Mann zu bumsen – egal, ob aktiv oder passiv -, geschweige denn mit einer ganzen Kohorte!, für ihn war das eben Erlebte nur aus dem Zuviel an Alkohol und dem Genuss der paar (in der Tat: nicht üblen) Joints erklärbar.

Die jungen Wölfe freilich lagerten in seltsam unschuldiger Verschlingung und wieder einigermaßen bekleidet und arrangiert auf den verschiedenen Sesseln, der Wohnzimmer-Couch, auf dem Teppich und dem zerwühlten Bett im fürchterlichen Schlafzimmer.

Man rauchte, kiffte, soff und delektierte sich weiterhin an der scheußlichen Geräuschkulisse. (Oder man tat zumindest so.)

Dann erschien Petra. Eingehüllt in ein Nichts aus schwarzer Spitze. Geil … Und so bot sie sich an und feil. (Nicht bloß irgendeines Reimes wegen!) Sie bot sich an, ganz wie einer der vorhin angesprochenen Joints; und sie machte die Runde.

Da hatte sich Hugo indes schon längst (mühsam genug) erhoben. Den letzten Schluck Whisky noch im Mund, seine Klamotten zusammensammelnd, machte er sich aus dem Staub.

Ich bin zu alt, um nur zu spielen, / Zu jung, um ohne Wunsch zu sein“, hätte er vielleicht aus Goethes „Faust I“ zitiert (oder zumindest aus dem Büchmann; oder gegoogelt), wenn ihm die Verse just eingefallen wären. So machte er sich unliterarisch vom Acker.

Himmel, Arsch & Zwirn!

Er hatte auf jeden Fall ein paar gehörige Filmrisse. Oder waren das Zusammenbrüche, Wegtreter, Aussetzer gewesen? Hatte er sich die Fickerei (oder besser: das Gefickt-Werden) bloß eingebildet? Hatte er am Ende den Wunsch nach so etwas?!

Hugo erschrak. Kurz. Dann gewann sein Optimismus wieder die Oberhand.

Immerhin, sein Arsch tat ihm nicht ein bisschen weh.

Himmel, Arsch & Zwirn!

Sicherheitshalber suchte er trotzdem einen Freund aus Volksschultagen auf, mit dem er sporadisch den Carambol-Queue bei der einen oder anderen ruhigen Billard-Partie kreuzte und der seit Jahren als anerkannter Facharzt für Haut & Vergnügen ordinierte.

Dr. Gustl Kreutzbrandt sah sich intensiv und genau Hugos Arsch an, drückte nachher indes seine ernsthaften Zweifel daran aus, ob es an diesem Objekt tatsächlich zu irgendwelchen sexuellen Tätigkeiten gekommen sein könnte. Spuren einer Vergewaltigung (oder gar mehrerer) konnte er zumindest definitiv ausschließen.

Verletzt, das kann ich dir bestätigen, verletzt ist nichts an deinem teuren Rektum, lieber Freund … Und sieht man von den paar kleinen Hämorrhoiden einmal ab: ein wahrer Babypopo! Direkt süß! Zum anknabbern!“

Nun, Kreutzbrandt war dreifacher Familienvater, betrog seine Ehefrau Hertha von Zeit zu Zeit in Maßen und frönte mancher Leidenschaft – etwa dem Fahren schmucker und teurer Sportwagen sowie dem Trinken guten Cognacs; und dem Billardspiel. Nur – mit kleinen Kindern hatte er es partout nicht; und auch nicht mit Männern.

Vielleicht wart ihr bekifft und besoffen?!“, sagte er mehr feststellend als fragend. „Denk daran, Hugo, du bist auch nicht mehr der Jüngste!“

Dann gab Gustl seinem Freund – neben einem halbvollen Schwenker Hennessy – den, wie zumindest er meinte, guten Rat, sich doch zu einem seiner Spezln aus Studientagen überweisen zu lassen: „Du, der Primarius Gerald Pfluscher ist ein renommierter Neurologe und auch als Psychiater eins A … Geh zu ihm und red‘ mit ihm. Vielleicht spielen bei dir da irgendwelche verschüttete Wunschvorstellungen hinein, verstehst du mich … Aber: Bin ich Freud?! – Nein, ohne Spaß: Das wäre gar nichts so Ungewöhnliches. Und schon gar nichts Absonderliches, hörst du?! Immerhin – wir sind bipolare Wesen, wir Männer und wir Frauen …“, schloss Gustl Kreutzbrandt ein wenig kryptisch.

Egal. Dann hatte er sich die Vergewaltigungszene eben eingebildet. Voll, wie er war, bekifft, high und überhaupt … Hauptsache, dass ihm und seinem Allerwertesten (anscheinend) sonst nichts passiert war. Gutes Stück, das.

Doch – Rache ist süß! Das wusste bekanntlich schon der antike Fabeldichter Äsop.

Der lässt den schlauen Fuchs den Storch einladen; aber der Schlaumeier im Fell bietet ihm Essen und Getränke in weiten Schalen an, aus denen der wackere Wandervogel, durch seinen langen Schnabel behindert, aus verständlichem Grund nicht schnabulieren kann. Er bleibt somit auch hungrig und durstig; und wird zudem vom Fuchs verlacht.

Bei der Gegeneinladung jedoch schlägt der kluge Vogel den fintenreichen Pelzträger dann mit den eigenen Waffen: Er serviert ihm Essen und Trinken in hohen Flaschen, die zwar seinem eigenen Storchenschnabel konvenieren, sich beim kurzschnäuzigen Fuchs jedoch als ungeeignet zur Nahrungsaufnahme erweisen. So muss der Fuchs kleinlaut zugeben, auch einmal den Kürzeren gezogen zu haben. Und er geht niedergeschlagen, hungrig und mit eingezogenem Fuchsschwanz von dannen.

Gleichmütig gilt’s, das Beispiel, das man gab, an sich erdulden“, kommentiert der Dichter die des Nachdenkens werte Szene.

Immerhin, Hugo würde sich was einfallen lassen. Weiß Gott!

Er würde zumindest nicht den Fuchsschwanz einziehen!

Himmel – wozu gab es denn noch Lustgreise?!

Lust –

Zwei alte Säcke

Es war vorauszusehen gewesen, o ja! Es war vorauszusehen gewesen, dass Petra ihn ein paar Tage nach der leidigen Fete anrufen würde. O ja.

Immerhin war ihr da ein recht eindrückliches Stück Revanche gelungen. Revanche für alles, was sie sich einbildete, durch ihn, durch Hugo, erlitten zu haben. (Denn so sind manche Frauen eben: Nachher sind doch immer ausschließlich die Männer schuld! Egal, was vorher auch passiert ist und wie blöd sich die Damen dabei selbst benommen haben …)

Hatte er sie nicht monatelang ausgehalten – im Doppelsinn des Wortes, nämlich finanziell und überhaupt, also ihre Gegenwart?! Gut, sie war – wie hatte es der alte Eiselböck so treffend ausgedrückt: – ein steiler Zahn! Aber sonst …? Was gab es da wirklich hinter der Fassade? Anders gefragt: War da was hinter der Fassade? Hinter all der Camouflage und Schminke, hinter Rouge und Make-Up, falschen Wimpern und aufgeblondetem Haar?

Diese saudumme Person ersetzte doch glattweg ein ganzes potemkinsches Dorf! Alles Maskerade, alles Schein und Trug! Und: Vielleicht ein bisschen Bauernschläue, ansonsten geistige Leere hinter der hübschen Larve … Ja, und Geilheit, o. k. Aber das war’s dann auch schon.

Da war Hugo auch schon auf einen – wie er selbst meinte: teuflischen – Plan gekommen. (Nun, solchen Vorhaben, die der Planende selbst für großartig hält, sollte grundsätzlich misstraut werden. Doch es war zu spät. Die Idee hatte von Hugos Hirn Besitz ergriffen.)

Übrigens, ausgerechnet sein wenig geliebter Chef, dieser halbseidene Transportfachmann, der charakterlich grenzwertige Umzugs-Jongleur und waghalsige Äqulibrist diverser globaler Scheingeschäfte, Kurt Eiselböck, würde ihm – ohne es zu merken – dabei behilflich sein. Eiselböck, im Verbund mit dem senilen Prokuristen und Lustgreis numero zwei, mit Gerfried Rauchbein! Ja, sie sollten ihren Spaß haben! Und Hugo würde seinen Spaß haben! Nur Petra – die würde vermutlich weniger Spaß haben an der Sache. (Oder er irrte sich in ihr.)

Nun, sie konnte sich ohnedies die übrige Zeit mit ihrer bisexuellen Gel-Runde, diesen mehr als kuriosen Rauschkugeln, bekifft oder nicht bekifft, ergötzen. Nach Lust und Laune.

Er würde also, sehr charmant und in gebotener, quasi in gespielt subalterner Schleimerei, seinen hochverehrten Boss und den nicht minder geachteten Herrn Prokuristen endlich einmal zu sich einladen, um sie gebührend zu bekochen und zu bewirten. (Hugos diesbezügliche Qualitäten waren hinlänglich bekannt; sowohl was dabei seine Herdkünste betraf, als auch – besonders – die Raritäten seines kleinen, feinen Wein- und Whisky-Depots, aus dem er bei entsprechenden Anlässen freigiebig und mit Freuden delikate Proben ausschenkte.)

Kommerzialrat Kurt Eiselböck wunderte sich nicht einmal über die doch eher späte Einladung in die Wohnung des Mitarbeiters nach so langem zwar gutem, aber längst nicht sehr nahem Dienstverhältnis. Gerfried Rauchbein wunderte sich überhaupt über nichts mehr; das war einer der Vorteile seiner fortschreitenden Senilität, die langsam aber sicher in Demenz zu münden versprach. Lediglich seine Geilheit, eine Disposition, die er mit Eiselböck teilte, wollte allem Anschein nach auch trotz rapidem geistigen Abbau nicht erlahmen. Seltsam.

Dass Hugo die beiden alten Herren ohne Ehefrauen eingeladen hatte, war leicht erklärt: Der verblödete Rauchbein war schon seit Jahren Witwer und lebte ohne nennenswerten Anhang. Also hätte man ihn höchstens auffordern können, er möge doch eine seiner ständig wechselnden Edelhuren zum Abendessen mitbringen. Und gegenüber Eiselböck hatte der Gastgeber angedeutet, dass ohnedies noch ein – weiblicher – Gast Schmuck der Tafel sein werde …

Petra war sofort Feuer und Flamme, wieder einmal bei Hugo anzutanzen, um ausgiebig zu schmausen, was ihr Ex da so zusammenköchelte. (Und ob er ihr wohl den kleinen Scherz mit dem Haschisch und dem viel zu vielen Alkohol vom letzten Mal verziehen habe; ihr sei „das alles aus dem Ruder gelaufen, irgendwie“, flötete die hohlhirnige Schönheit. „Ja, gern, sehr gern! Am Samstag, um acht Uhr abends! – Natürlich weiß ich noch, wo du wohnst …“)

Das Mitbringsel Eiselböcks, ein sechzehn Jahre alter Exponent der Whisky-Destillerie Lagavulin – der Chef hatte Hugos diesbezügliche Vorlieben allem Anschein nach recherchieren lassen – war in der Tat mit Bedacht ausgesucht. Für den Malt-Freund vermittelte just dieses edle Destillat von der Südküste der berühmten Whisky-Insel Islay schlichtweg ein Trinkerlebnis pur! (Nein: das Trinkerlebnis pur!) Die Talsenke mit der Mühle, so die Bedeutung von Lagavulin, spürte man bei jedem Schluck förmlich noch heraus. Ja, wenn man wollte, sogar den kuriosen Streit mit der Nachbar-Brennerei Laphroaig, von dem Walter Schobert in seinem profunden „Whisky-Lexikon“ (Augsburg 1999) berichtet …

Nur, dass der geistig längst versumpfte Rauchbein als Gastgeschenk einen durchaus besonderen Sherry aus dem altehrwürdigen Hause Pedro Ximenez mitbrachte, war weniger seinem Gespür als vielmehr der peniblen Aufmerksamkeit von Frau Kleinhappl geschuldet, die – was bei der geringen Konkurrenz an einigermaßen brauchbaren Mannsbildern innerhalb der Belegschaft von Eiselböck & Fürnschuss weiter nicht verwundern konnte – dem stets höflichen und charmanten Kollegen Hugo durchaus wohlgesinnt war.

Man hielt sich dennoch nicht allzu lange an der Tür auf. Hugo nahm die Geschenke von Eiselböck und Rauchbein mit gebührender Dankbarkeit (und ehrlicher Überraschung über die Akkuratesse und qualitative Tauglichkeit) entgegen, ließ den beiden Alten die Wahl zwischen Champagner oder Hartgetränken und machte die Lustgreise mit der Attraktion des Abends bekannt: mit Petra. (Wobei Kurt Eiselböck, wie wir von früher schon wissen, die junge Frau – woher auch immer – bereits kannte. Zumindest flüchtig.)

Dann begab man sich ins Wohnzimmer, wo der Gäste schon ein gediegen gedeckter Tisch harrte.

Gut. Dass Hugo, unter Einsatz einigen Könnens und sehr guter Gerätschaft, zum Exempel: eines formidablen Elektroherds, der natürlich Computer-gesteuert und nach der Induktionsmethode arbeitete, exzellente Zutaten zu erstaunlichen Geschmackserlebnissen zu komponieren imstande sein würde, war vorherzusehen; doch er schien sich diesmal – mit Erfolg – sogar selbst noch zu übertreffen! Und nicht so sehr das Was sprach daher seine auf Genuss konditionierten (und den Genuss selbstverständlich auch mehr oder weniger gewohnten) Besucher so besonders an, sondern vielmehr das Wie.

Hugo hatte sich nämlich überlegt, just nicht irgendwelchen Zauberschmus oder Schnickschnack nachzukochen, den man jederzeit bei irgendeinem der international und global ihr Unwesen treibenden, mehr oder minder verrückten Küchen-Künstler finden konnte, sondern vielmehr eigenkreativ vorzugehen; und etwas aus alten Rezepten, noch von seiner Großmutter und von seiner Mutter her, zwei großartigen, wahren Küchenfeen, zu gestalten: Entsprechend neu interpretierte Hausmannskost auf gehobenster Stufe, so hätte man das, was Hugo hier zelebrierte, wahrscheinlich am besten genannt, wenn man es schon unbedingt irgendwie benennen wollte. Doch warum? Es sprach ja auch so schon für sich.

Da gab es kleinste, überaus appetitliche Vorspeisen-Portionen von Krautfleckerln, die vermutlich den legendären solchen der Tante Jolesch des Friedrich Torberg durchaus ebenbürtig waren; feinstes Tafelspitz-Sülzchen mit Mini-Gemüse, entfernt vielleicht erinnernd an die sonntägliche Tradition im Haus des Bezirkshauptmanns Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje in Jospeh Roths Roman „Radetzkymarsch“; auch farbenfrohen Salat mit diversen Dressings – zur Auswahl; eine sensationelle Bouillon mit superben Milzschnittchen und viel frischem Schnittlauch; dann (quasi im ehrenden Angedenken an seine Frau Mama) den Festbraten von dreierlei Fleisch – Rind, Kalb und Schwein – mit Erdäpfel-Püree und knackig-buntem Gemüse. Kleingebäck – sowohl pikant als auch süß -, das zwar nicht selbstgemacht, sondern vielmehr teuer eingekauft war, aber tatsächlich über Qualität verfügte, sollte die Zeit mit Cognac, Grappa, Sherry und Kaffee bis zum schon nach dem Braten angekündigten Käse (mit diversen Brotsorten, Bier und exquisiten Weinen) gleichsam niveauvoll überbrücken.

Auch bei der Auswahl der per Stereo-Anlage und CDs offerierten Tafelmusik kam Hugo den möglichen Vorlieben seiner beiden männlichen Gäste (Petra musste sich, nolens volens, in ihr Schicksal fügen) so weit entgegen, als er es unter Rücksichtnahme auf sich selbst und seinen Musikgeschmack vermochte. So sah er zwar von Vivaldi, Corelli und sogar von Bach und Händel, den diversen Sträußen, auch der Wiener Klassik oder der Romantik (mit Smetana und so …) ab, präsentierte im Hintergrund indes dezente Klänge volksmusikalischer Art; originäre Ländler, Walzer und Polkas, dann rare Piecen der Brüder Schrammel (in exzellenten Aufnahmen) und auch des sogenannten klassischen Wiener-Lieds. Zum Käse gab es dann sogar Verdi-Arien mit Maria Callas, Renata Tebaldi, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti. (Dass sowohl Eiselböck als auch sein Prokurist Rauchbein ein Faible für Hansi Hinterseer und DJ Ötzi pflegten, ignorierte der Gastgeber geflissentlich. Wie auch Petras insgesamt eher gruftigen Musikgeschmack, der da zwischen Techno und Garnichts angesiedelt war.)

Immerhin, niemand schien sich, durch die kulinarischen Genüsse beflügelt und beschwingt durch die exquisiten Alkoholika, an der Auswahl des umsichtigen Gastgebers auf dem Gebiet der Begleitmusik gestört oder gar irritiert zu fühlen. Ganz im Gegenteil.

Nach dem Gelage zog sich der Hausherr übrigens diskret zurück und überließ das Feld samt Petra seinen beiden Lustgreisen.

Möge die Übung den zwei alten Säcken gelingen!

Kurz würde ihn Petra vielleicht dafür hassen. Möglich … (So viel altes, dürres, faltiges Fleisch auf einem Haufen! O Gott! Und das just ihr! War sie in der Altenpflege gelandet?!)

Doch nach ein paar guten Gläsern könnte sie sicherlich wieder lachen darüber. Außerdem, so waren die Spielregeln; und so funktionierte nun einmal – Rache …

Nur: Er merkte – und das schon seit sie, etwa eine Stunde vor den senilen Idioten – angetanzt gekommen war, dass da, Petra betreffend, doch noch etwas in ihm glomm. Dass er tatsächlich immer noch erstaunlich viel für dieses nichtsnutzige, banale, schräge Luder zu empfinden schien, das a) viel zu jung und b) viel zu blöd für ihn war … Nein! Das durfte nicht sein!

Und jetzt, da er annehmen musste, dass sie sich wechselweise unter den faltigen Gichtkörpern dieser beiden Wracks hin- und herbewegte, schlangengleich und (zumindest: gespielt) geil, jetzt fühlte er sogar so was wie Eifersucht in sich aufkeimen! Himmel!

Ja! Er war eifersüchtig, eifersüchtig angesichts dieser zwei halbtoten Viagra-Maschinen! Eifersüchtig wegen dieser Testosteron-Scheintoten!

Nicht zu fassen!

Nicht zu fassen!

In der Tat – nicht zu fassen, eigentlich. Nämlich, dass man immer wieder dieselben Fehler begeht, in dieselben Fallen tappt und auf dieselben Finten hereinfällt.

Man benimmt sich dabei, so dachte Hugo immer wieder einmal, wenn ihm just solches passiert war oder gerade geschah, wie der leicht belämmerte Butler James (Freddie Frinton) im legendären (Fernseh-)Sketsch „Dinner For One“: Man wusste zwar längst, dass da am Boden das Tigerfell mit dem ausgestopften Raubtierschädel lauerte; man kollidierte dennoch immer wieder (fast) damit.

Nun ja, James muss alljährlich, so auch zum 90. Geburtstag seiner Dienstgeberin, Miss Sophie (May Walden), nicht nur die Speisen und Getränke auftragen, sondern für die vier längst schon verstorbenen Intimfreunde der alten Dame auch noch jeweils einen Trinkspruch ausbringen und das betreffende Gesöff leeren. Also für Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom. Und zuletzt obliegt es dem reichlich illuminierten James auch noch, bei der greisen Miss Sophie in Vertretung der vier ehemaligen Amanten entsprechend anzutreten … Unter dem Motto: „The Same Procedure As Every Year …!“

Gut. Das mag von der beachtlichen Größe der Aufgaben her womöglich an die antiken Anforderungen erinnern, die an den legendären Kraftlackel Herkules gestellt worden waren; und der war immerhin ein Halbgott. (Nun – im antiken Olymp, bei Zeus & Co., da war bald wer ein Halbgott, logisch …) Unter uns Menschen gesagt: Im Alltag konnte manche Hürde durchaus auch niedriger sein; um einen zum Straucheln zu bringen, taugten schon geringere Anforderungen. Allemal.

Und Fehler ließen sich nun mal auch immer wieder begehen.

Ehepaare, die sich, besserer Einsicht folgend, scheiden hatten lassen, schalteten ihren Hausverstand aus und heirateten wieder. Sogar: einander. Freundinnen und Freunde söhnten sich miteinander zum fünfzigsten Mal en suite aus, um gleich darauf dieselben Fehler zu begehen, die zur – angeblich: endgültigen – Entzweiung (aber diesmal:) für alle Zeiten geführt hatten.

Kurz, der Mensch schien in manchen Bereichen, besonders in beziehungstechnischen, über eine erstaunlich geringe Lernfähigkeit zu verfügen.

Da musste man nachgerade schon glücklich sein, ausnahmsweise neue Fehler zu begehen, um daraus vielleicht doch noch was Neues (Falsches) lernen zu können!

Und Staaten, Nationen, Rassen, Sippschaften? Ging es denen besser? Vermochte eine Nation etwa, endlich einmal aus früher gemachten politischen Fehlern zu lernen und sich fürderhin gewappnet zu zeigen gegenüber unverschämten Schaumschlägern, mittelmäßigen Maulartisten oder größenwahnsinnigen Afterdenkern?!

Hugo bekrittelte, überkamen ihn solche – ins Philosophische spielende – Gedanken, die oft genug geradezu larmoyanten Nabelbeschaungen und damit verbundenen reichlich naiven Beteuerungen, zu denen sich manche dieser speziellen diplomatischen oder (presudo-)real-politischen Kreise immer wieder verstiegen, ging es darum, den eigenen Standort als besonders benachteiligt und die eigene Gruppierung als nachgerade bemitleidenswert armselig darzustellen; dadurch Abhilfe, Unterstützung oder zumindest allgemeine Anteilnahme erheischend.

Dass sich zum Beispiel just die Juden (unter beinahe schon rührend unerbittlicher Berufung auf das Alte Testament, als handle es sich dabei um ein historisches Dokument!) so viel darauf zugute hielten, das (von Gott) auserwählte Volk zu sein, wollte ihm beim besten Willen partout nicht eingehen. (Nämlich: auserwählt womöglich zu all dieser Unbill?!)

Um das hier eindeutig klarzustellen: Weder wollte er das unermessliche, millionenfache Leid, dass unter anderem Adolf Hitlers unmenschliche und weitestgehend irrationale sogenannte Rassenpolitik über die Kinder Israels gebracht hatte, in Frage stellen; noch lag ihm auch nur im Entferntesten etwas daran, gerade den Juden das Wohn- und Siedlungsgebiet in der ursprünglichen Heimat (oder sonst irgendwo) abzusprechen! Mitnichten!

Aber Hugo dachte auch an Parallel-Beispiele: an Völker, Nationen, Länder und Rassen, die ebenfalls unter der Willkür, Inhumanität und Laune wiederum anderer, dominanter, intoleranter und brutaler Nachbarn bis in ihre Existenz hinein entehrt, verfolgt, dezimiert und nicht selten irgendwann einmal von der übrigen Welt schlicht und ergreifend vergessen wurden.

Hugo dachte etwa an Polen, das durch Jahrhunderte (und egal, wer gerade wo warum gesiegt hatte oder unterlegen war) wie zum Pläsier immer wieder neu geteilt wurde; das sich dann nach dem Ersten Weltkrieg ausgerechnet England als Schutzmacht für seine Souveränität erküren musste – und vom Vereinigten Königreich, in der Folge auch von dessen Verbündeten gegen Hitler, also von Stalin und den Vereinigten Staaten von Amerika, prompt verraten wurde. Wieder einmal. Und von Winston Churchill, dem das vermutlich so gar leid tat …

Er dachte jedoch auch an Nordirland, an das Baskenland, an die Palästinenser, auch an die Sudeten-Deutschen, an den Sudan, Mali, an Bergkarabach und das oftmals erlittene tausendfache Leid der Armenier, ob in Aserbaidschan oder durch die Türken im Genozid von 1915 …

Die Politik wischte durch die Epochen und Ären über Schicksale hinweg, als wären sie Brotbrösel auf der Tischdecke; da war es letztlich egal, um wie viele Leidtragende es sich numerisch drehen mochte. Mehr nicht. Und die Dummheit des Menschen tat ihren Teil dazu: Verhielt er sich doch willfährig und stets bereit, für irgendwelche fragwürdige Prinzipien (und noch fragwürdigere Parolen) sein Leben – und vor allem das anderer – hinzugeben …

Wie junge, unwissende Ratten folgten die durch hohle Phrasen begeisterten Massen immer wieder aufs Neu den politischen Schalmeien-Klängen charakterloser Ver-Führer und für das Fangen und Akquirieren prädestinierter Windbeutel! Und an denen herrschte nie Mangel …

Mit großen blöd-glänzenden Augen und mit fanatisierten, zu Fratzen der Begierde entstellten dummen Gesichtern trottelten sie hinterdrein; dorthin, wo Fahnen wehten und der metallisch-leer klirrende Schellenbaum sowie die dumpfe Todestrommel den Rhythmus diktierten. Willenlose Geschöpfe ohne Geist, ohne Kritikfähigkeit und ohne Instinkt; obwohl eigentlich zum Tierischen ja wieder mehr tendierend … Unschuldig schuldige Scharen von Mitläufern.

Als wäre es ihr Ziel, unter entsprechendem Trara zu einem globalen Rattenkönig zu verschmelzen und so zu schlechter Letzt (also quasi als Ersatz für eine flotte Abschiedsfeier, eben die gute Letzt) sich den nächstbesten Abgrund hinunterzustürzen wie ein Schneeball, der sich schließlich in die Lawine des eigenen Untergangs verwandelt. Dumme Zukunftszombies.

Ach, ja: Das womöglich noch zu allem Überfluss im Mit- und Gegeneinander zweier Staaten! Doch-doch, Arno Schmidt hatte recht: „Nichts grausiger und kläglicher : als zwei Völker, die nationalhymnend aufeinander losgehen.“ („Aus dem Leben eines Fauns“.)

Nein, verdammt! Der Mensch hatte sich nicht geändert! Da war er ganz bei Erich Kästner (auch einer von Hugos literarischen Lichtgestalten!). „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, / behaart und mit böser Visage“, beginnt sein Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ (aus „Gesang zwischen den Stühlen“, 1932) und bringt sodann eine Auflistung vermeintlicher Errungenschaften. Um bitter zu schließen:

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

Affen freilich, die sich und ihrer Affigkeit sogar noch Denkmäler setzten …

Und die Denkmäler, die sind das Ärgste!, so dachte sich Hugo mitunter (wenn er schon dabei war). Klobig, kolossal und fast immer extrem scheußlich, wie sie angelegt waren, verstellten sie bloß die Aussicht und verschandelten mit Leichtigkeit die schönsten innerstädtischen Plätze! Denkmäler – primitivster Hurra!-Patriotismus war in ihnen zu Stein oder Bronze geworden! Und waren sie aus Metalllegierungen gegossen, dann erschienen sie wenigstens ehrlicherweise als – hohl; somit als Symbol des Irrtums, dem sie, selbst ein solcher, ihr Vorhandensein überhaupt erst verdankten … Schein, wenn auch nicht selten: zentnerschwer.

Das einzig Erfreuliche daran (weil satirisch wirkend): Die Ärsche der Pferde bei Reiterstandbildern erwiesen sich immer wieder als der wahre Blickfang; nicht die lächerlichen Reiter in Feldherrenverkleidung auf ihnen. Bei den Dimensionen wohl weiter auch kein Wunder!

*

Immer brav und treu und in dicht geschlossenen Reihen dem Abgrund entgegen.

Nur der charmante Flötenspieler weiß meist, eben diesem Abgrund wieder einmal und im letzten Moment aufs Eleganteste auszuweichen. Dem Sturz zu entgehen. (Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen; und die Rattenfänger unter einigem Aufsehen sogar final noch ihren Untergang – quasi als letzten pompösen Auftritt – entsprechend bühnenwirksam zelebrieren.)

Doch wenn schon ganze Stämme, Staaten und Nationen, wenn sogar Staatengebilde und Vereinigungen – wie etwa die Europäische Union oder die Vereinten Nationen – geradezu bekannt sind für ihre hohe Fehlerquote, wie könnte da das einzelne Würstchen Mensch dem Irrtum gegenüber immun bleiben und makellos seine (womöglich: wenig ersprießliche) Ameisenbahn ziehen? Kehren wir mit unseren Ausführungen also besser zurück zum Menschen, zum Einzelschicksal. Und zu seinem Umgang mit Irrtümern und Fehlern.

Wenn schon die riesigen Staatsgebilde fehleranfällig sein dürfen und für jeden Irrtum zu haben, so darf doch wohl der Mensch, der Normalbürger, umso mehr Fehler begehen – oder?!

Dass auch Hugo als einigermaßen gebildetem Menschen – freilich stufte er sich diesbezüglich (zugegeben: ein wenig selbstgefällig) nicht allzu tief ein … – solches immer wieder widerfuhr, machte ihn nicht unbedingt glücklich. Im Gegenteil: In schlaflosen Nächten suchte er nach Auswegen aus dem Dilemma, in das die scheinbar für alle Zeiten weitestgehend fruchtlosen Versuche der Fehler-Umgehung immer wieder mündeten. Er las und philosophierte und träumte, und stand dann doch, ähnlich dem Ur-Zweifler Faust bei Goethe, zuletzt erst recht da als armer Tor. Ja, er war bloß so klug als wie zuvor; und litt richtiggehend darunter.

Vom originellen, ja: genialen Arno Schmidt ließ er sich da, er hatte ihn stets Nachttischchen-bereit, dann etwa noch belehren (bevor er doch entschlief …), dass Christoph Martin Wieland in Wahrheit, was die Prosa und ihre – auch experimentelle – Weiterentwicklung betraf, der weit bessere Handhaber gewesen sei als Johann Wolfgang von G., der allenthalben Angebetete, ja: Angehimmelte! Denn diesem warf Schmidt (in der genialen Aufzeichnung „Aus dem Leben eines Fauns“, 1953) mit Verve vor, zum Exempel ein eher miserabler Gestalter von Kapitelübergängen und ein genereller Formverschlamper gewesen zu sein. Hart aber wohl wahr.

Hugo folgte Schmidt nicht nur in dessen Ablehnung Goethescher Prosa (mit Ausnahme des Romans „Die Leiden des jungen Werther“), er ließ den dilettiernden Gelehrten und prominenten Hans Dampf in allen Gassen ebenso bereitwillig wie der kühne Sprach-Avantgardist, gewitzte Übersetzer und kühne Stilist selbstredend als Lyriker und Dramatiker von Rang gelten.

Hugo hatte zwar nur die Handelsakademie besucht und erfolgreich abgeschlossen; einen gleich fruchtlosen wie kurzen Abstecher in die Jurisprudenz verschwieg er geflissentlich. Er wusste warum; denn wenn er im Allgemeinen auch so gut wie jede geistige Beschäftigung – besonders die mit fachfremden Inhalten und Angelegenheiten – als nützlich und oft sogar als aufbauend und belebend einschätzte, diese angebliche Wissenschaft stieß ihn ab. Und abgesehen vielleicht vom Römischen oder vom Kirchen-Recht, die ihn beide wenigstens von ihrem historischen Wert her kurzzeitig zu fesseln vermochten, bereitete ihm das Fachgebiet beinahe schon körperliches Missbehagen. Dazu kamen eher schlechte Erfahrungen mit einem angeblich befreundeten Rechtsanwalt in mehreren Fällen, die Hugo in seiner Haltung nur noch bestärkten. Hatte nicht schon Goethe – immerhin selbst Jurist! – in seinem „Faust I“ den Teufel aufstöhnen lassen ob der verheerenden Diskrepanz zwischen Recht und Rechtsprechung: „Vom Rechte, das mit uns geboren ist, / Von dem ist leider! Nie die Frage.“

Übrigens auch mit der Germanistik hatte der bekennende Literaturfreund nichts am Hut. Hier war sein Abscheu einerseits instinktiver Art; zum anderen glaubte er, bestimmte Teile der Sprachwissenschaften als krankhaft-lustvolle Leichenfledderei durchschaut zu haben. (Ähnlich hatte doch auch lange Zeit in der Zoologie gegolten, erst müsse man die Tiere erschießen, dann erforschen … Und er sah da durchaus Parallelen!) Lesen freilich tat er, sozusagen, für zwei. Zumindest. (Wären diese metaphorischen Zwei etwa von der Art der dummen Pute Petra, so läse er, könnte man sagen, gar für vier oder fünf …)

Aber das nur so nebenbei. Und, übrigens: Sein Geschmack war von einer gewissen Ausgefallenheit; zu der er jedoch voll und ganz stand. (Und die war im Grund gar nicht so prätentiös.)

Doch, um möglichst elegant zum Thema Irrtum zurückzufinden, auch Hugos Gebildet-Sein feite ihn keineswegs (wie so viele andere Typen in ähnlich gelagerten Fällen auch nicht!) vor neuerlichen Reinfällen. Nein, es half ihm letzten Endes nichts. Gar nichts. Im Gegenteil: Sein einigermaßen wacher Geist musste quasi hilflos zusehen, wie sein schwaches Fleisch, durchaus Lenden-gesteuert, der nächstbesten Klippe entgegensegelte, zum Zerschellen bereit. Und die besagte Jammerklippe hieß nicht Skylla und auch nicht Charybdis, sondern Petra.

Auch dass er einmal schon gehörig gestrandet war bei ihr, finanziell wie mental, spielte keine Rolle: Ewig lockte da einerseits das Weib; zum anderen der Glamour des elementaren Irrtums, des ungebremsten Fehlerbegehens, des feuchten Endes. (Ja, ein solches musste es da in der Tat geben. Denn das Scheitern verfügte eben über einen gewissen Reiz …)

Würden sich denn sonst, normalerweise, recht vernünftige Menschen allem Anschein nach: freiwillig zum Clown oder zum Affen machen? Nähmen es im Allgemeinen durchaus gescheit agierende Männer so ohne weiters auf sich, wie die Idioten (egal, ob in aller Öffentlichkeit oder im stillen Kämmerlein) auf die verrückteste Weise herumzuhampeln? Und: War es den Aufwand überhaupt wert, was sich da dann im Allgemeinen, als Lohn für die Erniedrigung, zwischen irgendwelchen Kissen und Pfühlen abspielte – auf die Schnelle oder auch einigermaßen sachte? War das die Schlappe und Demütigung des Irrtums wert?

Schwer zu sagen, weil sich hier die Regeln von Handel und Wandel, Angebot und Nachfrage nur bedingt anwenden lassen. (Von Wert und Mehrwert überhaupt besser zu schweigen.)

So wie (angeblich) die Schönheit im Auge des Betrachters liegt, bestimmt den Wert – die Begierde. Und die ist nun in der Tat ein unsicherer Kantonist.

Hugo war also diesem blöden Prachtweib erneut auf den Leim gegangen. (Recht geschieht mir, dachte er bei sich nicht selten; immerhin ziemlich düster.)

Denn was würde verhindern, dass just er beim Aufwärmen der – reden wir nicht drum herum -: recht schalen Suppe die einmal gemachten Fehler prompt eins zu eins wiederholte?!

So war also dem akkuraten (Schmidt-)Leser, Mitdenker und Theorienentwickler (sowie frühmorgendlichen Ö1-Hörer) Hugo gar nicht so ganz wohl in seiner Haut, was das Wiederaufflammen der Gefühle für die Ex-Partnerin betraf – und summa summarum eine neuerliche Affäre mit Petra, seiner neuen Alten. Nein, gar nicht. Im Gegenteil. Er bangte.

Oder hatte auch sie tatsächlich aus den Fehlern von früher gelernt?! (Warum eigentlich, bitte schön?! Und von welcher Eingebung geleitet??!! Überhaupt: Petra und – Eingebung???!!!)

Ja: Waren sie beide jetzt vor neuerlichen Enttäuschungen gefeit? Waren sie – ganz allgemein – nunmehr weniger verschieden in ihrem Denken und Fühlen, als sie es zuvor gewesen waren? Und musste Letzteres, also das Weniger-Verschiedensein, nicht, träte es tatsächlich ein, automatisch einen Niveauverlust bedeuten; nämlich bei ihm?! (O das war jetzt, zugegeben, wirklich ein bisschen überheblich …! Doch – was soll’s?!)

Hm.

Sie versuchten es jedenfalls.

Petra allem Anschein nach: beglückt!

Hugo: als Realist denn doch sehr verhalten bloß in seinem Restoptimismus.

Und es missglückte, wie vorauszusehen gewesen war. Nach kürzester Zeit. Überzeugend.

Und dieser Bruch war endgültig. (Na, wenigstens was …)

*

Kommerzialrat Kurt Eiselböck freite übrigens, nach der endlich geglückten Fusion mit den Amerikanern (oder Argentiniern? Egal) und der jüngst erfolgten Scheidung von seiner dritten Frau, frohen Muts die kleine Chantal Bunzweisel – ja, die unsicher wirkende junge Schreibkraft mit den schlecht gefärbten karottengelben Haaren und der unreinen Haut. Worauf sein Kontostand zwar sukzessive abnahm (es traf indes keinen wirklich Armen!), der dermatologische Befund der glücklichen Braut jedoch erstaunlicherweise eine rapide Besserung erfuhr.

Der senile Prokurist Gerfried Rauchbein musste bald darauf in eine einschlägige Klinik verfrachtet werden, wo er in der Folge, wahlweise als Kaiser von China, Maria Theresia und Rasputin Hof zu halten sich einbildete; er verteilte dabei allerlei Symbol-Orden, warf bei (ihrer Originalität wegen beliebten) Audienzen mit guten Ratschlägen an seine Untergebenen um sich und ließ zu seinen Ehren literarische Hymnen verfassen, Symphonien komponieren und riesige Ölschinken malen. In einem bestens besuchten Privatissimum lehrte er außerdem angehende Politiker und Wirtschaftsmagnaten den Erfolg-versprechenden Umgang mit den Medien, der Weltökonomie sowie den Banken und fühlte sich insgesamt pudelwohl.

Petras pickig-penetrante Buberlpartie wandte sich – zumindest solange der Gel-Vorrat reichte – anderen Idolen zu. Dann, als Petra (nach dem endgültigen Bruch mit Hugo) auf den Freien Fleischmarkt zurückgekehrt war, stand sie freilich sogleich erneut im Mittelpunkt des Interesses bei der tätowierten und gepiercten Idiotenschar und bei ein paar Neuankömmlingen.

Der junge Briefträger, Engelbert Draumilch, der am Beginn dieser Geschichte mit einem Radfahrer – genau: mit dem Studenten Manuel Stirnfrantz (ja, dem Neffen von Dr. Lothar Stirnfrantz) – kollidiert und unsanft auf seinem Arsch gelandet war, hatte immer fleißig im Lotto gespielt. Jetzt adoptierte ihn die in die Jahre gekommene Trafikantin, eine gewisse Frau Irmgard Schießleder, bei der er sich immer die Scheine fürs Glücksspiel besorgt hatte.

So war schließlich auch er aller Sorgen enthoben. (Naja, der meisten zumindest.)

Und das ganz ohne Sechser oder Euro-Millionen.

Naja.

E N D E

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