Wenn Atlas den Stein der Weisen trüge

Eine Erzählung

von

Bernd Schmidt

© Cpoyright by Bernd Schmidt, Graz 2011/2012

(ENDFASSUNG: 2014)

Ich unglücksel’ger Atlas! eine Welt,

Die ganze Welt der Schmerzen, muss ich tragen,

Ich trage Unerträgliches, und brechen

Will mir das Herz im Leibe. (…)

Heinrich Heine, Lyrisches Intermezzo, XXIV

(aus dem Buch der Lieder).

*

Der alberne Tropf!

Er kennt nicht den Topf!

Er kennt nicht den Kessel! (…)

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I.

*

(…)

ben zi bena, bluot zi bluoda,

glid zi geliden, sose gelimida sin.

Zweiter Merseburger Zauberspruch.

*

E R S T E R  T E I L

Rapunzel hatte grade die Mauser und litt dem entsprechend. Für Merlin war das kaum ein Problem; gingen ihm in bestimmten Abständen die Federn aus, so steckte er das verhältnismäßig leicht weg. So unterschiedlich konnten Wellensittiche nun einmal sein. Auch wenn sie ständig beisammen lebten, sozusagen Käfiggenossen waren seit immer schon.

Atlas umsorgte seine beiden gefiederten Gefährten – Mauser hin, Mauser her – mit viel Liebe und Sorgfalt, dazu mit den weißen Sepia-Ovalen, an denen sie ihre hübschen Schnäbel reiben konnten, mit adäquatem Körndelfutter, wohlschmeckenden Apfelstückchen, mit Blättern grünen Salats und mit Frischwasser. Waren sie doch seine ausgesprochenen Lieblinge.

Nicht selten, wenn er die liebenswerten putzig-charmanten Vögel betrachtete, musste er unwillkürlich an die schier überkandidelten Tierfreunde denken, die sich die letzten Jahre hindurch immer lautstärker und hysterischer gegenseitig in den Haare lagen und in den Pelz bekamen, nämlich die, denen quasi ausnahmslos alles am Herzen lag, was da kreuchte und fleuchte, kroch und wuselte – für ihn waren sie die normalen -, und die anderen, die mit wortreich vorgebrachten Ressentiments gegen das sogenannte Invasive im Tierreich um sich schlugen, als wären es Keulen. Diese recht kurios argumentierende Gruppe wusste immerhin viele, auch namhafte Biologen und Entwicklungsforscher hinter sich; sowie, klarerweise (und dies schien verdächtig!), die großen, potenten Pharmakonzerne, ging es dann darum, sich irgendwelche Regulative auszudenken. Vorgeblich Regulative der Natur zwar, doch durch den Menschen eingesetzt, versteht sich. Und primär in Form hochbezahlter Pharmaka; seien es nun offen als solche deklarierte Pestizide oder heimtückisch als Schutzmittel getarnte andere chemische Gifte …

Eine erste, quasi ursprüngliche Unter-Gruppe mochte sich da, so überlegte Atlas, vielleicht noch aus den Naiveren rekrutiert haben. Dazu zählte er ganz allgemein Leute, denen einerseits das Schicksal etwa der durch die von den Engländern im Australien des 19. Jahrhunderts massenhaft zu Jagdzwecken (und aus Dummheit) ausgesetzten Kaninchen geschädigten einheimischen Rassen am Herzen lagen; denen indes auch, andererseits, die (invasiven) Fremd-Hasen selbst etwas bedeuteten, die schließlich ja auch nicht gewusst hatten, wie ihnen da nun wurde in den ungewohnten Weiten und Dimensionen eines für sie ungewohnten Kontinents. Und verfügten diese Tierfreunde nicht über ein gewisses Recht in ihrer Haltung, also im Beharren auf ihrem sozusagen humanen Standpunkt? Immerhin: Ging es nicht letztlich um die Liebe zu Geschöpfen? Und durfte (ja: musste) Liebe nicht immer auch ein bisschen naiv sein?!

Doch, und diese Überlegung schien ihm abseits so gefühlsverschwommener Begriffe wie Liebe und Zuneigung noch gewichtiger: Waren irgendwie nicht womöglich (fast) alle Spezies irgendwann einmal invasiv gewesen?! Jetzt, auf einmal und medial geräuschvoll, an den Gegebenheiten rütteln und die sogenannten Fehler von früher ausmerzen zu wollen, schien ihm daher höchst fragwürdig – ja abwegig. Und dort, wo dies, die Wiederherstellung eines früheren Zustands also, in erster Linie mittels Pharmazie, somit durch die Verabreichung von eigens zu diesem Zweck entwickelten Medikamenten, Giften und Pestiziden, passieren sollte, zudem mit höchst dubioser Geschäftemacherei verbunden zu sein …

Oh, Atlas wusste, wovon er hier dachte. Hatte der elterlichen Familie ein Großonkel, der überaus wohlhabende Apotheker Johannes Ferdinand Obermichl, ein Oheim von Atlas‘ Mutter Genia und als spleenig verschrien wie als merkwürdiger Hagestolz und ewig lediger Mädchenanbeter, nicht ein ansehnliches Vermögen vermacht, dereinst, in den 1930er Jahren? Und hatte sich daraus nicht schließlich erst die finanzielle Möglichkeit eröffnet, den Keim seiner, Georgs, (Al-)Chemie-Ambitionen entsprechend einzupflanzen, monitär zu hegen und pekuniär zu düngen?! Verdankte er folglich nicht sogar dem sein Leben lang als skurril verschrieenen Pillendreher den Grundstein seiner chemischen Ausrüstung? Und, was noch gruseliger war, am Ende gar die Ambition zur Chemie selbst?! War es – rein genetisch – dieser Skarabäus mit den dicken Brillengläsern und dem gepunkteten Propeller unterm weißstoppeligen Kinn (so beschrieben den Apotheker zumindest die Eltern), der den Grundstein zu Georgs nächtlichen Ausflügen ins Reich der Magie gelegt hatte?!

Nein, die Kaninchen waren nicht freiwillig nach Australien gekommen, die Braune Nachtbaumnatter nicht aus eigenem Antrieb über die Insel Guam hergefallen; und auch die Ratten hatten sich nicht aus Jux und Tollerei irgendwelche kleine, Kalifornien vorgelagerte Inseln zum Terrain gewählt. Entweder waren die Invasoren gezielt vom Menschen eingeschleppt worden, oder irgendein Zufall – in Form von Schiffbrüchen etwa – hatte sie wo anders hin verschlagen, wo sie jetzt das Ökosystem gravierend beeinflussten. Außerdem war Atlas überzeugt davon, das rigide Wiederherstellen-Wollen irgendwelcher sogenannter Urzustände beruhe überhaupt auf läppischen Scheinargumenten. Erfunden von blauäugigen Wissenschaftlern und hartherzigen Geschäftemachern, die diskret und unbemerkt in deren Hintergrund agierten. Zudem wurden indirekt Fauna und Flora wieder einmal in Nützlinge und Schädlinge unterteilt. Von wem? Klar doch – vom Menschen. Und der war nun einmal unbestritten der Schädling Nr. 1. Weltweit. Ob invasiv oder a priori schon stationär, spielte da keine Rolle.

Liebevoll schweifte sein Blick über Rapunzel und Merlin.

Woher Ihr auch immer eingefallen sein könnt, Ihr seid mir lieb, dachte er ein bisschen romantisch. (Denn auch die Wellensittiche lebten ursprünglich sicherlich nicht zwischen Mur, Mürz und Donau, Inn, Drau und Enns; nein diese Papageienvögel hatten ihre Heimat anderswo, nämlich in Australien. In unseren Breiten waren sie bloß beliebte Stubenvögel; das freilich seit Jahrhunderten schon.)

Hatte er erst einmal abends die Decke, sie bestand aus dichtem, rötlich-braunem Stoffgewebe orientalischen Aussehens und Zuschnitts, goldverbrämt und durchaus wertvoll wirkend, über ihren – zugegeben: ein bisschen antiquiert aussehenden (und tatsächlich ziemlich alten) – Käfig aus Messing gebreitet, ahnten wohl auch Rapunzel und Merlin, dass nun die Zeit des Experimentierens nahte. Für sie, die beiden gefiederten Musen, war freilich wieder einmal die Zeit zum Schlafen gekommen.

Sich selbst allerdings hatte Georg Anatol Atlas schon ein schönes Kristallglas mit gutem und wohltemperiertem Rotwein (einige Zeit zuvor mit der Vorfreude auf den späteren Genuss ausgesucht und sorgfältig dekantiert) eingeschenkt und mit Bedacht auf dem Tisch in der geräumigen Wohnküche bereitgestellt. Und wenn er dann selbst in aller Ruhe Platz genommen hatte, konnte die Nacht, die dunkle Nacht, ruhig kommen.

Dann erst erwachte der Alchemist in ihm.

Aus Atlas wurde … Atlas.

Obschon – nun, obschon er es ahnte, ahnte bei aller Freude an der Sache und Hingabe ans Werk: Mit der Alchemie konnte es sich womöglich so ähnlich verhalten wie mit diversen anderen gelobten Ländern, die sich sogar nach entsprechend aufwendiger und arbeitsintensiver Besiedelung als immer noch eher mediokre Gestade herausstellten und entpuppten. Als Stätten, die, im Nachhinein betrachtet, eine mühsame Wüstendurchquerung im Grund gar nicht wert waren. Doch Einsatz hatte geleistet werden müssen, Aufwand war entstanden und Herzblut war geflossen. Das fragwürdige Spiel, das in Wahrheit todernst war, hatte begonnen.

Doch – wie gesagt – aus Atlas wurde … Atlas.

*

Sie ist nun einmal ein nächtliches Geschäft, die so ganz besondere Kunst der Alchemie. Und besondere Kunst bedarf der besonderen Zeit.

Die rechte Zeit, in der es sich geziemt, jedweder Alchemie zu frönen, ist nicht der Morgen. Es ist auch nicht der Vor- oder der Nachmittag. Und auch der Abend nicht. Noch nicht.

Nein, die Zeit der Alchemie ist, daran gibt es nichts zu rütteln, die mehr oder weniger schwarze Nacht. Bis der wiederum die Morgenröte den Garaus macht.

So ist das eben einmal.

Die Nacht ist sozusagen die Zeitspanne der Hermetik. Dieses höchst energetische Spatium zwischen den magischen Uhrenschlägen; benannt nach dem griechisch-lateinischen Hermes Trismegistos, des dreimal größten Hermes, wie der vormals ägyptische Gott Thoth, durch das „Corpus Hermeticum“ spätestens im 1. Jahrhundert nach Christus eingeführt, in eingeweihten Kreisen genannt wurde. Er, zuständig für die Schrift, die Zahlen und die Bücher, gilt nämlich auch als geistiger Vater der Alchemie. Dies, weil er unter anderem die Kunst erfunden haben soll, eine Glasröhre mittels eines geheimnisvollen Siegels, des sigillum Hermetis, luftdicht (hermetice) zu verschließen.

Er, Atlas, hatte sie alle gelesen (so weit er ihrer hatte habhaft werden können), die Schriften der Großen der Alchemie. Und da fand sich manch in der Tat erlesener Band … Mit Hilfe des von Großonkel Magister Obermichl ererbten Vermögens richtete sich der Hobby-Gelehrte sukzessive eine entsprechend exquisite Fachbibliothek ein, die für sich schon manchen Internet-Alchemisten vor Neid erblassen gemacht hätte! Da fanden sie sich zum ideensprühenden Stelldichein die Größen der Zunft. Doch auch die nachgewiesenen und als solche längst schon überführten Scharlatane interessierten ihn brennend. Die Grenzen waren schließlich nebulös, und die Wege gewunden zwischen den Gebieten, wo Geist und wo Geschäft regierten, Ingenium und Scharlatanerie ineinander übergingen. Sich verschränkten … Früh schon hatten auch Giuseppe Balsamo, bekannter wohl als berühmt-berüchtigter Graf Cagliostro (der Johann Wolfgang von Goethe gar zum Prosa-Lustspiel „Der Groß-Cophta“ inspirierte), oder der nicht minder geschickte und geschäftstüchtige Graf von Saint-Germain, der angeblich bei seinem Auftauchen im 18. Jahrhundert schon viele hundert Jahre alt gewesen sein soll, sein lebhaftes Interesse entfacht. Auch der aus Malta stammende, durchaus gerissene Fälscher, Pseudo-Orientalist, Theologe und Nebenerwerbshistoriker Abate Vella und noch so manch anderer dieser buntschillernden Dreckkäfer aus der bizarren Schar halbseidener Abenteurer, Geschäftemacher, Beutelschneider, Aftergenies und tatsächlicher Wissenschaftler …

Natürlich hatte Atlas sich intensiv mit Isaac Newton beschäftigt, dem Physiker und Alchemisten, der tagsüber als angesehenes Mitglied des englischen Parlaments und als königlicher Münzmeister wirkte und es sogar zum honorigen Präsidenten der „Royal Society“ brachte, nachts indes regelmäßig zum Meistermagier und Träger okkulten Wissens mutierte. Auch mit dem Wegbereiter von Medizin und Homöopathie, dem großen Paracelsus, und seinem „Alphabet der Weisen“, hatte er sich auseinandergesetzt. Georg Anatol Atlas kannte natürlich auch die „Smaragdene Tafel“ und den in dieser Handschrift unbekannter Herkunft niedergelegten Grundsatz: „Die Dinge, die unten sind, entsprechen den Dingen, die oben sind, und jene, die oben sind, entsprechen den Dingen, die unten sind.“ Auch der (ihm reichlich skurril erscheinende) Spiritismus und sogar das (nicht minder schwankende) Gebiet der Nekromantie waren ihm längst nicht mehr fremd. Vielleicht half ihm auch der in seinem Naturell begründete Umstand, vieles – bei allem Interesse – letzten Endes nicht ganz so ernst zu nehmen, bei seinen Forschungen. (Das gleichsam spielerische Element in seiner Persönlichkeit ließ ihn auch unerwartete Schlappen und diverse Misserfolge leichter ertragen.)

Und das eine oder andere Glas guten Rotweins.

Die schwarze Nacht … Sie war also die Zeit der Alchemie. Und der Weltverschwörungen mitsamt aller noch so obskuren Verschwörungstheorien; egal, ob man hinter den diversen Umstürzen nun die Juden, die Freimaurer oder die Jesuiten (oder am besten: alle zusammen) vermutete, wie Umberto Eco, einer von Anatols ausgesprochenen Lieblingsautoren, es so brillant darzustellen und zu beschreiben vermochte.

Die schwarze Nacht … Zeitspanne von kaum exakt benennbarer Dimension, variabel in gewisser Weise und modifizierbar. Auch wohl – unfassbar; nicht abzuschätzen; ungesichert in den Ausdehnungen wie in der Dauer … Immerhin irgendwie unheimlich. Unheimlich allein schon durch ihre Fähigkeit, das Gewohnte anders sichtbar (oder unsichtbar) zu machen; und durch ihre in aller Regel adäquate nächtliche Stille (oder vergleichsweise durch ein Mehr an Ruhe, als es den Tag mit seinen mannigfaltigen Geräuschen auszeichnete). Ob die nun todesähnlich oder todesnah war oder nicht.

Er, Atlas, fürchtete den Tod nicht. Längst nicht mehr, zumindest. Wäre auch eine Schande gewesen, ein Alchemist, den Dunkelheit und fahle Todesfarbe ängstigen. Ihm würde solcherart gar noch der Stein der Weisen, fände er ihn tatsächlich, zum – Stolperstein.

Atlas musste ob des Gedankens lächeln: „Alchemist stolpert über Stein der Weisen“, so oder ähnlich titelten „Bild“, „Kronen Zeitung“ oder „Standard“ und „Profil“. „Georg Anatol A., Vasenfachmann und Hobby-Gelehrter, kam durch Zufall zu Fall“ … et cetera … p. p. …

Er nahm einen kräftigen Schluck vom exquisiten Roten.

Die schwarze Nacht …

Es lag – gewollt oder nicht – immer so etwas wie ein Schleier über dem, was man da (oberflächlich) mit Alchemie bezeichnete oder gar ernsthaft mit ihr in Zusammenhang brachte. Ein Schleier der vagen Vermutung, des Nichtwissens, des Nebulösen … Zu sehr konnte oder wollte man wohl auch das Tun, um das es hier ging, mit irgendwie Geheimbündischem, mit mehr oder minder obskuren Ritualen der Freimaurer und Rosenkreutzer, Templer und Illuminaten et cetera (auch das naturgemäß zu Recht oder nicht) in Zusammenhang sehen. Und wirklich brenzlig wurde es erst, ging es um die Bemühungen, Gold und Silber aus minderwertigem Material zu scheiden oder gar mittels Chemie die Schwelle der Sterblichkeit in Richtung Unsterblichkeit hin zu überschreiten …

Ja, er entfaltete schon ein besonderes Fluidum, der Stein der Weisen, dieser lapis philosophorum. „Universalmedizin“ und „Schatz der Schätze“, „Heiltrank“ und „Lebenselixier“, wie Gerhard Henschel ihn unter anderem nennt (Eckhard Henscheid/Gerhard Henschel/Brigitte Kronauer, „Kulturgeschichte der Missverständnisse“). Ein Faszinosum schlechthin: ein bisschen Gral, ein bisschen Kommunion, wohl auch ein Schuss Universalwaschmittel und eine Verschlusskappe voll Meister Propper. Droge überdies und Bewusstseinserweiterer, Kunstdünger und Hirnnahrung. Und übergestülpt allerlei chymische Denkart, damit es wohl auch eintrete, dessen Eintreten man sich erhoffte.

Da lohnte sich die Beschäftigung – auch und sogar mit teilweise bizarren, skurrilen und obskuren Auswüchsen und Nebenerscheinungen.

„Der Stein, hieß es, wachse aus Fleisch und Blut“, schreibt Henschel weiter, aus der reichhaltigen Literatur zitierend, „und bestehe aus Körper, Seele und Geist. Er verwandle unedle Metalle in Gold oder Silber, führe das Gift vom Herzen weg, befeuchte die Luftröhre, heile Geschwüre und habe verjüngende Wirkung.“ Jaja, die Medizin, diese Möchtegern-Wissenschaft, und ihre hinkende Schwester, die Apothekerkunde, dachte Atlas oft und nicht ohne Ironie (Prost, Onkel Obermichl!). Und wenn sie beide schon nichts Positives (für den Patienten) bewirkten, konnte man mit manchem Tränklein wenigstens sein Totenhemd neu färben …

Nicht von ungefähr hatte sich die Chemie aus der Alchemie entwickelt. Und es bestand kein Widerspruch darin, dass etwa Forschern durchaus ernstzunehmende Ergebnisse gelangen, wie beispielsweise Jan Baptista van Helmont vor der Mitte des 17. Jahrhunderts die Entdeckung des Kohlensäuregases (Gas Sylvestre), die gleichzeitig unerschütterlich an die Kraft des Steins der Weisen glaubten. Immer wieder schilderte van Helmont begeistert seinen Versuch mit einem safrangelben Pulver, das er von einem Fremden erhalten und das wie fein zerstoßenes Glas geschimmert hatte. Bei seiner Ehre: Mit Quecksilber vermengt und entsprechend erhitzt, war das Pulver zu Gold mutiert! Und was van Helmont in seinen „Aphorismi Chemici“ (Amsterdam, 1688) in klaren, einfachen Worten wieder- und weitergab, verfehlte seine Wirkung auf die anderen Alchemisten der Zeit nicht – etwa auf den gewieften Apothekerjungen Johann Friedrich Böttger, den Erfinder des Porzellans.

Grundsätzlich ging es um ein paar Punkte (zitiert nach Kurt W. Doberer, „Die Goldmacher“):

Laut Alchemistenlehre bestehen Metalle aus einem heißen und einem kalten Schwefel.

In den Minen schafft die Natur Gold und Silber aus rotem und weißem Arsenik.

Man zählt sechs Metalle; zwei vollkommene: Gold und Silber, vier unvollkommene: Zinn, Blei, Kupfer, Eisen.

Die Unvollkommenheit in den Metallen ist durch Schwefelüberschuss und ungenügende Mischung begründet, die wiederum durch zu kurzes heftiges Kochen hervorgerufen wird.

Unvollkommene Metalle sind dazu geeignet, sich in vollkommene zu verwandeln: Entweder in der Natur selbst (sowie in den Tiefen der Erde in langen Zeiträumen); oder durch künstliches Auftragen der Tinktur, die unvollkommene geschmolzene Metalle oder auch erhitztes Quecksilber im Augenblick umwandelt.

Fazit: „Da dieser Stein der Weisen, die Tinktur, die Eigenschaften des Goldes konzentriert enthalten muss und kein anderer Stoff alle Eigenschaften des Goldes enthält, so muss Gold die Grundlage abgeben.“ („Gemeines Gold hat aber nur soviel gute Eigenschaft, dass es gerade reicht, golden zu sein. Deshalb müssen die Eigenschaften des Goldes überhöht werden. Unter den Mineralien ist es allein das Antimon, welches Fluss und Farbe des Goldes verbessert. Darum ist es das Material, aus dem der Mercurius Philosophorus zur Verbesserung des Goldes erzeugt werden muss.“)

Doch unser Alchemist verließ sich nicht nur auf die gebräuchlichen abendländischen Quellen allein. Nein, Atlas nahm so ziemlich alles in seine Forschung auf, was ihm vielleicht später irgendeinmal und irgendwie nützlich werden könnte. Egal, aus welcher Wind- und Geistesrichtung es auch immer wehte, Hauptsache, er konnte es, gleichsam fadenweise in den bunten Teppich seiner immer umfangreicher werdenden Arbeit einweben; in seinen Lebensteppich.

Nun freilich, als mit den Jahren zu einem sogar recht gewieften Kenner der Kabbala sowie der jüdischen Religion (und Tradition) Gewordener, fügte er auch – wie sich bald herausstellte: durchaus wertvolle – Überlegungen seiner Forschung ein, die auf dem Esch m’saref beasierten, dem reinigenden Feuer, das es zu reproduzieren galt. Sollte das doch ebenfalls die Grundelemente in einen flüssigen Stein der Weisen verwandeln, „der Stärke, Gesundheit und ewige Jugend gewährte und den Tod auf unbestimmte Zeit hinausschob“, wie es der satirische US-Autor Steve Stern in seinem köstlichen Buch „Der gefrorene Rabbi“ formuliert. Übrigens – auch dabei sollten nebenbei gewöhnliche Metalle zu Gold verwandelt werden …

*

Es ging immerhin um den Aufschub von (ansonsten zähneknirschend als fix anerkannten) Ablaufdaten. Um eine Art Zeitkorrektur. Denn diesen sozusagen säkularen Terminen hatte sich, gab es auch andere alltägliche, nennen wir sie: profane Spatien und Zeit-Regelmentierungen, letztlich alles unterzuordnen. Der Tod – da halfen auch sämtliche ins glänzende Geschenkpapier der picksüßen Kindertage eingewickelten Super-Versprechungen nichts, die sich auf ein als noch so bunt geschildertes jenseitiges Weiterleben bezogen -, der Tod, dieser düstere Geselle, hatte nun einmal (sei’s fürs Erste) das letzte Wort.

Doch nicht nur um den Tod als gleichsam endgültige Marke ging es bei den meisten dieser (mehr oder minder halbherzigen, in jedem Fall final fehlschlagenden) menschlichen Unternehmungen, die auf eine spürbare Verlangsamung zumindest, wenn nicht auf ein gänzliches Aufhalten längst als unabdingbar zu akzeptierender Prozesse hinausliefen. Waren sie nicht zu allem Überfluss in Wahrheit nur unzulängliche, ja läppische und lächerliche Verkleidungen einer vor Zeiten schon zur traurigen Gewohnheit gewordenen Todesahnung wie Todesangst?

Die Jugend ging eben einmal dahin; ob man diesen Umstand nun in mehr oder minder larmoyanten Liedern besang, schwertönige Totenchoräle darüber intonierte und ihn in blässlich-blöden Gedichten bejammerte – oder, quasi den Spieß umdrehend, die ach so fesche Todessehnsucht (beispielsweise im Wienerlied) zum Bleiben bat, zum Platznehmen aufforderte und sie auf ein Vierterl vom herb-säuerlichen Heurigen einlud („Brüderlein fein …“).

Doch eines blieb unumstößlich bestehen, eines war Faktum: Dieses Dahinsterben und ein Leben lang andauernde Abschiednehmen – es enervierte gewaltig! Allein schon deshalb, weil man es für ungerecht halten musste. Und Ungerechtigkeit drängt nun einmal auf Ausgleich, auf Umformung; auf Veränderung sogar an sich unveränderbarer Tatbestände. (Denn angesichts der Ungerechtigkeit hört sich sogar die Kausalität langsam aber sicher auf.)

Auch Atlas litt, seit er zurückdachte und sich erinnern konnte, unter den bevorstehenden Verlusten. Erst unter dem, der ihm durch das Sterben der ihn unmittelbar umlebenden (mehr oder weniger) lieben Menschen, Tiere und Gegebenheiten erwuchs; dann in zunehmendem Maß unter dem erahnten Verlust seines eigenen Lebens, der sich gerade im Verfliegen, Verbleichen und Verschwinden seiner Jugend und der damit verbundenen Kraft manifestierte.

Klar, freilich, dass die meisten Verluste (oder Abnutzungserscheinungen) sich schleichend ereigneten, sich, wenn überhaupt, dann kaum merkbar ankündigten und in die Wege leiteten. Aus minimalen Unpässlichkeiten erwuchsen peu à peu echte Krankheiten; leicht hinzunehmende Blessuren gestalteten sich zu über kurz oder lang (lebens-)bedrohenden Beeinträchtigungen des Gesundheitszustands, der sukzessive zu einem Krankheitsbild mutierte.

Ein Grund mehr für Georg Anatol Atlas, sich – und sei es in gewissem Grad auch bloß spielerisch – der Alchemie und somit der Suche nach dem legendären Stein der Weisen und dem Streben nach Unsterblichkeit und Ewiger Jugend zu verschreiben.

*

Aber – wie dorthin gelangen an die so oft und so unterschiedlich beschriebenen Pforten? Wie endlich dann ins Allerheiligste vordringen, wenn denn, was wusste man schon so genau, überhaupt ein solches vorhanden war …?!

Die Nachschau nach vielen Jahrzehnten intensiven Experimentierens und Tuns bestätigte, was Atlas ohnedies längst geahnt hatte: Der Zugänge gab es beinahe unendlich viele. Und wenn sich auch die meisten der hier angebotenen Wege nach kürzerer oder längerer Zeit als Irrwege erwiesen und herausstellten, irgendwie fanden sich dann auch wieder taugliche Straßen und überschaubare Bahnen.

Kurz, wer den Überblick suchte, gelangte sogar zu Einsichten.

Auch wenn die nicht selten irritierend waren in ihrer obszönen Nacktheit.

Nicht selten barg nämlich das Wissen über die hehren Urprinzipien neben vorgeblich neutraler, ja: quasi keuscher Zielgerichtetheit beinahe so etwas wie schmuddelige Wollust in sich. Besonders dann, wenn Religion, Philosophie und Naturwissenschaft da – durchaus unverschämt und offensichtlich hemmungslos – miteinander kopulierten auf Teufel komm raus.

Und das wiederum erinnerte den gewiegten Forscher (der sich, wäre er zufällig danach gefragt worden, in seiner Bescheidenheit allerdings durchaus immer noch auf den Status eines Dilettanten oder Amateurs berufen hätte) an seinen in diesem Punkt, nämlich dem der Kopulationen, in spezieller Hinsicht und grosso modo eher unbefriedigenden Lebenswandel.

Was ihn, zugegeben, schmerzte.

Das war dann oft und oft der Punkt, an dem angelangt, Atlas sein rotweingefülltes Kristallglas erhob, um auf die Alchemie, die Alchemistenkollegen, das Gold und den Schein zu trinken. Wohl ahnend, dass diese seine heißgeliebte, weite Gebiete umfassende Beschäftigung mit Naturwissenschaft und Magie nicht zuletzt auch eine Art Surrogat für andere, von ihm kaum je so recht (und schon gar nicht auf Dauer) erreichte Ekstasen war.

Noch etwas: Die passende, zumindest ein wenig theatralische Stimmung tat, ohne Frage, bei der ganzen Alchemie immer gut. Ein bisschen Flair, ein paar Andeutungen von Exzentrik, leicht Obskures … Nun, übertreiben musste man es freilich auch nicht, was die bizarren Stimmungsmacher und Accessoires betraf. Nein, des heiseren Käuzchenrufs oder des fernen, durch den Nebel gedämpften Gebimmels einer Armesünderglocke bedurfte es nicht unbedingt, galt es, die schwierige Übung zu beginnen. Ein solches Brimborium war sicherlich nicht vonnöten; solche Pseudo-Theatralik konnte sich womöglich sogar als hinderlich herausstellen. Und den gruseligen Totenkopf musste item nicht jeder auf dem Schreibtisch stehen haben. Wie man übrigens auch des Krötenschleims und des Fledermausschisses entraten konnte … (Obwohl – wenn’s nicht nützt, so wirkt es doch immerhin recht charmant!)

Dunkelheit ist das Element, in dem der Alchemist in dem seinen ist.

Nicht zuletzt, weil sich – das wusste schon der große Paracelsus – der Alchemist nicht unbedingt allzu öffentlich umtun sollte mit seiner Kunst. War’s ja so schon schwierig genug, sich im Bereich des Alchemistischen zurechtzufinden. „Alle philosophische Schriften, die von der hohen hermetischen Medicin handeln“, zitiert Henschel („Kulturgeschichte der Missverständnisse“) Paracelsus (1522), „sind nichts anders, als ein Labyrinth, worin die Schueler der Kunst in tausend Verwirrung und Umwege gerathen, von denen bis auf diesen Tag keine, oder gar wenige den wahren Ausgang gefunden.“ Nicht verwunderlich also, dass die Kunst quasi ausschließlich im Verborgenen vollzogen werden konnte. Coram publico ging da, sozusagen, nichts.

Doch das ein wenig geplüscht Bauschige des samtenen Vorhangs, der sich im leichten Wind der Mitternacht bewegt, der die Kerze flackern macht … Lassen wir das!

Nein, Georg A. Atlas legt auf all zuviel Drumherum ohnedies keinen gesteigerten Wert. Bei aller Romantik eignet dem ernsthaften Gelehrten (Dilettant hin oder her!) ein denn doch zu starker Realitätssinn – auch (und besonders) in so diffizilen Bereichen, wie es nun einmal die angewandte Alchemie ist! -, um sich irgendwelche Verspieltheiten leisten zu wollen und bizarrer oder gar obskurer Attitüde Tür und Tor zu öffnen. Alles zu seiner Zeit!

Nein, bei allem Spaß an der erstaunlichen Geschichte, man sollte eine grundsätzliche Portion Ernst nicht außer Acht lassen. Allein schon, wenn man letzten Endes eine positive Entwicklung seiner Forschungstätigkeit zumindest nicht ganz ausschließen wollte. Und dazu war Georg A. Atlas allemal zu ernsthaft und strebsam, um – obschon er freilich genug Realist war und sehr wohl der elendslangen, traurigen Kette der Gescheiterten unter den Alchemisten (und Chemikern) eingedenk – nicht doch an eine (wenn auch geringe) Chance für den epochalen Durchbruch zu glauben. Sei sie noch so gering, noch so mickrig.

Eine Chance, immerhin. Wie andere ins Casino gehen. Oder im Lotto spielten.

Dafür lohnten sich der mannigfaltige Einsatz an Zeit und Mitteln sowie die nie (gänzlich) schwindende Hoffnung auf einen positiven Ausgang seines dunklen Unterfangens.

Kein Rückschlag konnte einen da ernstlich vom einmal eingeschlagenen Weg der Hoffnung abbringen, kein Missgeschick durfte berechtigterweise angsterregend hochgerechnet werden, um nicht doch, verglichen mit dem nächsten hoffnungsfrohen Neubeginn, der jeder peinlichen Malaise folgte, geradezu irrelevant zu wirken.

Atlas ähnelte da in gewisser Weise dem Alchemisten, den Italo Calvino in seiner Erzählung „Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen“ skizziert. (Darin erzählen einander durchreisende Zufallsbekanntschaften ihre Geschichten; jedoch nicht mündlich, sondern durch das Auflegen der Tarotkarten.) „Der weiße wohlgepflegte Professorenbart, der ernste Blick, der nur einen Hauch von Unruhe preisgibt, das sind einige der Merkmale, die er mit der Figur des Münzenkönigs gemein hat. Dieses sein Konterfei, zusammen mit den Pokal und Goldkarten, die ihn umgeben, könnten ihn als Alchemisten ausweisen, der sein Leben damit verbracht hat, die Zusammensetzung der Elemente und ihre Metamorphosen zu erforschen. In den Destillierkolben und Ampullen, die ihm der Pokalbube reicht, sein Famulus oder Assistent, beobachtet er das Aufwallen von Flüssigkeiten, dicht wie Urin und gefärbt von den Reagenzien, Wolken von Indigo oder Zinnober, von denen sich die Moleküle des Königs der Metalle ablösen sollen.“ Und Calvino vergleicht, nicht von Ungefähr, die ersehnte Materia, das reine, verwandelte, das aus Wertlosem gewonnene Gold, mit möglicherweise noch Höherem: dem Gral und der schier aufreibenden und dornigen Suche nach ihm.

Der Dichter sieht dabei genau die Gefahr des falschen Wegs und der unlauteren Methode: „Alchemist ist, wer die Umwandlung der Materie damit bewirken will, dass er sich bemüht, seine Seele unverderblich und lauter wie Gold werden zu lassen; doch da braucht nur ein Doktor Faust zu kommen, der die Alchemistenregel umkehrt, die Seele zum Tauschobjekt macht und hofft, dass solchermaßen die Natur unverderblich werde und man kein Gold mehr zu suchen brauche, weil alle Elemente gleich kostbar sein werden, die Welt aus Gold und Gold die Welt.“

Da dachte Atlas naturgemäß anders. Zudem war ihm das Faustische – wenn auch nicht gänzlich fremd -, so doch unheimlich (allein schon des Faust-Partners Mephisto wegen!). Und, wenn er es sich zwischendurch hin und wieder eingestand: Bei seinem Tun, vollbracht durchaus mit heißem Bemühen, ging es im Grund sehr stark ums Tun selbst. Die alchemistische Arbeit war ihm bis zu einem gewissen Grad sogar Selbstzweck. Nur so ließen sich freilich auch die vielen notgedrungen auftretenden Misserfolge und all die traurigen Rückschläge, die er immer wieder zu erleiden hatte, leichter ertragen. Denn schließlich war alles – bis zu einem gewissen Grad – ein Spiel.

Als dann. Spielen wir eben.

Atlas frönte der Ruhe vor dem alchemistischen Tun; fast wie der Tätigkeit selbst, die später dann einsetzen und ihn sozusagen geistig (und körperlich) auf Trab halten würde.

Anders, weil zeitlich eingeengt, hatte sich das alles abgespielt, als er, der promovierte Kunsthistoriker, noch im Pfandleihhaus „Brüder Lurch & Co.“ und später im öffentlich geführten „Dorotheum“ in seiner Profession aktiv gewesen war. Zuständig – in erster Linie – für Vasen. Besonders: Empire. Aber auch mittleres und ausgehendes 19. Jahrhundert. Und noch spätere Sachen: Jugendstil. Auch Art déco und so. Natürlich auch – China. (Ein weites Gebiet …)

Sie waren ihm buchstäblich schon zum Hals herausgehangen, die Vasen. Er war nämlich über Jahrzehnte zusätzlich mit der Inventarisierung des ganzen Plunders beschäftigt gewesen. Kein Wunder, dass seine – an sich gediegen eingerichtete Altbauwohnung, gelegen in einem Jugendstilbau an der Peripherie der Stadt – über keine einzige Vase verfügte. Vasen kamen ihm nicht in seine vier Wände. Vasen waren tabu. Da konnte der sonst so charmante Mittsechziger ungemütlich werden. (Doch hatte Georg Anatol Atlas ohnehin nur wenige gute Bekannte, also suchten den Einzelgänger, Hagestolz und eisernen Junggesellen, als welchen er sich selbst gern bezeichnete, nur selten Gäste auf und heim. Und von den paar alten Freundinnen und Freunden brachte ihm kaum wer Blumen mit. Geschweige denn eine Vase.)

Svetlana, seine Zugehfrau aus Bosnien, die auch für den vierzehntägigen Wohnungsputz sorgte und seine Hemden bügelte, hatte das Fehlen von Vasen vor vielen Jahren und am Anfang ihrer regelmäßigen Tätigkeit bei Dr. Atlas einmal moniert. (Zumindest formulierte sie zaghaft ihre Überraschung …) Da hatte ihr der sonst so freundlich wirkende Teilzeit-Dienstherr eher übellaunig geantwortet, sie solle sich doch darüber freuen, einige Staubfänger weniger pflegen zu müssen! Noch besser: „Putzen Sie eben das Übrige umso genauer, dann werden Sie schon genug zu tun haben …“ Seither hielt sich die einigermaßen kluge Frau mit Fragen und Kritik (besonders auf dem Vasensektor) vorsichtig zurück.

Doch wenige Jahre schon, nachdem er, durchaus noch hoffnungsfroh und animiert, seine Arbeit auf dem schier unüberschaubaren Gebiet der Vasen aufgenommen hatte, stellten für Atlas nicht nur die in ihrem (Un-)Wert zu schätzenden, entsprechend zu registrierenden und womöglich noch penibel zu katalogisierenden blöden Gefäße (wahlweise aus Porzellan, Ton, Bast, Metall oder anderen mehr oder minder obskuren Materialien) zugleich eine immer stärkerende Belastung dar, die sich nach kurzer Zeit sogar psychosomatisch niederzuschlagen begann. Dazu kamen die permanent gewichtiger werdenden Querelen mit Direktor Übelbein. Und besonders das disharmonische Verhältnis zu seinem Chef verleidete Georg Anatol Atlas schließlich den grosso modo bisher recht gern ausgeübten Beruf von Tag zu Tag mehr.

Er brauchte in der Früh nicht einmal des Objekts seiner Trübsal in persona ansichtig zu werden: Es genügte vielmehr schon der Anblick der protzig-dicken (geleasten) dunkelblauen Limousine des geschmacklosen Blenders, und die Magennerven des Vasenfachmanns gingen in gefährliche Vibrationen über.

Ja, hinspeiben hätte er können zum Automobil des mediokren Vorgesetzten!

Als es schließlich zum endgültigen Zerwürfnis mit dem Chef kam, eben mit Gerry Übelbein, diesem ausgemachten Hohlkopf und wissenschaftlichen Zwerg, glich der rasche Übertritt in den Vorruhestand förmlich einer Erlösung für Atlas. Dem ständig blöd grinsenden Idioten im Schnürlsamtanzug und mit der durch nichts gerechtfertigten schwarz-seidenen Künstlermasche ein kerniges „Leckmich, du inferiorer Grottenolm!“ an den unschönen Kopf geworfen zu haben, erfüllte Atlas zudem mit nicht geringem Stolz. (Rühmte sich der solcherart Titulierte, ein passionierter Gesellschaftstiger und Weiberaufreißer par excellence, Intrigant und Arschkriecher, doch immerhin stets der besten Verbindungen zu Politik und Medien.)

Der blasierte Molch bastelte seinerseits umgehend einen Kündigungsgrund aus dem Auftritt des ihm geistig weit überlegenen, längst missliebig gewordenen Untergebenen. Und der Betriebsrat schwieg wie in den meisten solcher und ähnlicher Fälle vorsichtshalber.

Nun hatte Atlas noch mehr Zeit.

Zeit für Rapunzel und Merlin – und für sein exklusives Hobby.

*

Den Menschen (neu) zu schaffen!

Wem unter den Alchemisten wäre das nicht als einer seiner sehnlichsten Wünsche vorgeschwebt! Natürlich neben dem Aufspüren des lapis philosophorum, des Heiltranks und Super-Elixiers.

Aber von Bedeutung, von elementarer Wichtigkeit – von Gewicht!

Ein Traum!

Auch Atlas erging sich in diesbezüglichen tag- wie nachtträumerischen Überlegungen. Dabei hatte es ihm allerdings weniger der aus Lehm geschaffene Golem angetan, wie er vorwiegend durch das literarisch-romantische Prag von Clemens Brentano bis Walther Rathenau geisterte und die Freifrau Annette von Droste-Hülshoff genauso wie Detlev von Liliencron beflügelte. Und Mary Wollstonecraft Shelleys berühmt-berüchtigtes Leichenflickwerk „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ ließ ihn mehr oder minder ebenso kalt, wie ihn auch Julien Offray de la Mettries „Roboter“ nicht sonderlich interessierten. Erwärmen konnte sich Atlas jedoch sehr wohl für die Welt der beseelten (oder unbeseelten) Puppen des Ernst Theodor Amadeus Hoffmann; und ihn faszinierte das Zwielicht, gemischt aus bloß schattenhaftem Wissen und stärkster, urtümlich-traditioneller Vorstellungskraft, das die Passagen und Durchgänge zwischen fassbaren und unfassbaren Welten nur schemenhaft erhellte; der flackernde Widerschein, hingeworfen auf obskure Wandelwege zwischen den oft kaum klar umgrenzten Reichen der Toten und der Lebenden …

Das ließ ihn oft und oft nicht los.

Rauschhaft – auch ohne ein tatsächliches Zuviel an Rotwein. Denn mitunter übersah er – quasi in der Hitze des Gefechtes -, wie viele Gläser sein alchemistisches Tun bisher schon begleitet hatten und bemerkte dann, innehaltend und nicht selten einigermaßen überrascht, dass er einen in der Krone hatte!

Nein, das Rauschhafte war hier anders gemeint. Innerbürtig. Innerhirnig. Ja, es spielte sogar des öfteren leicht ins Angsthafte hinüber. Ins Gruselige. Jedoch, bitte sehr, ohne alles derb Rummelplatzhafte. Da griff nichts Raum von primitiven Horroreffekten einer in Wahrheit desolaten Geisterbahn. Da lebte nichts weiter von den dürftigen Taschenspielertricks einer halbseidenen Spiritistensitzung. Da gab es keine von der angerußten Pappmaschee-Decke herabhängenden dreckigen Fetzen, wie sie dem ängstlichen Kind über die glühenden Wangen hätten wischen können, wenn rotgeäderte Gespensteraugen aus der Dunkelheit stierten …

Kurz: Da spukte es nicht irgendwie trickhaft herum, und da entpuppte sich Ektoplasma nicht als Erbsensuppe. Da war ein Déjà-vu-Erlebnis noch ein solches.

Ja. Da vermochte die Seele mittels Vorstellungskraft, durchaus die Ängste eines Edgar Allen Poe aufzuspüren; oder den ironischen Zynismus eines Ambrose Bierce als Schutzschild hochzuhalten (und solcherart die ängstliche Dünnhäutigkeit eines unschuldigen Kindes mit der gewitzten Erfahrung des routinierten Giftmischers zu verbinden …).

Oh, wenn Rapunzel und Merlin vom Kampf gewusst hätten, der in ihres treusorgenden Herrn Brust da tobte!

Oder ahnten sie gar etwas von den dunklen Seiten ihres Körndelgebers?! Wer weiß …

*

Es ärgerte Georg Anatol Atlas zwar die merkbar zunehmende Dummheit und die – vermutlich mit ihr verbundene, ja, vielleicht sogar durch sie ausgelöste, immerhin jedoch verstärkte -, die nicht weniger galoppierend ansteigende Schlamperei, die da tagtäglich eine wahre Flut neuer Irrtümer, Verwechslungen und Missverständnisse begründete oder zumindest begünstigte.

Er stellte sich Dummheit und Schlamperei vor als zwei selbstgefällige Juniorchefs eines weltweit agierenden Unternehmens, das es allem Anschein nach möglichst rasch und radikal in den Sand zu setzen galt. Mit allen nur irgendwie zur Verfügung stehenden Mitteln. Und hätten die beiden unbedarften Jungtrottel den Karren endlich im Dreck, übergäbe man ihnen das nächste Unternehmen zur gefälligen Vernichtung.

Die schlampige Dummheit der hirnrissigen Un-Verantwortlichen, die da allem Anschein nach das alleinige Sagen hatten, korrespondierte dabei mit der erstaunlichen Vielfalt der reichlich zu Gebote stehenden Möglichkeiten für Fehler und Nachlässigkeiten. Hier wartete ein wahres Arsenal an Möglichkeiten zur Verschlechterung der allgemeinen Weltlage nur darauf, dass sich die Macher daraus bedienten. Je umfassender, umso besser; doch auch Teilerfolge im Untergang waren gefragt und wurden durch entsprechende Boni belohnt … Kein Wunder, dass sich die Destruktivisten mit Feuereifer ihrer Aufgaben annahmen. Was anderes hatten sie zudem nicht gelernt. So investierten sie eben ihre Negativenergie zielrichtig und Höllen-affin.

Hätte man sich früher irgendeinmal dem Positiven mit ähnlichem Schwung und Elan gewidmet, die man nun ohne Skrupel für das Schlechte verwandte, was wäre aus dieser Welt wohl noch geworden! (Aber das hätte vermutlich nicht die geforderten Dividenden oder die optimalen Platzierungen an den Börsen gebracht oder das Image entsprechend positiv beeinflusst!)

Atlas missbilligte die mit salopper Nonchalance an den Tag gelegte Oberflächlichkeit und auch den bedenklich fahrlässigen Umgang im Sprachlichen; etwa das Verwischen von an sich doch so konturierten Begriffen wie Verwerfung und Verworfenheit. Verwerfung und Verworfenheit, no, klingelt’s endlich?! (Zugegeben, die Wörter stehen wirklich ziemlich weit hinten im Duden …, bis dorthin liest sich nicht jeder durch; indes – – -)

In die Lebenspraxis umgesetzt, konnte sich die vorherrschende Tendenz zur Schlampigkeit übrigens sogar existentiell auswirken. Wenn jemand einen anderen über den Tisch zog, passierte sogar das nicht selten in unbefriedigender Weise. (Für den Über-den-Tisch-Gezogenen war der Casus wohl a priori ärgerlich, doch auch der aktive Verbrecher brachte sich nicht selten durch Fahrlässigkeit um einen Teil des Erfolgs seiner oft aufwändigen Bemühungen.)

Nun, Atlas glaubte, es sich wert zu sein, wenigstens sorgfältig beschissen zu werden! Ja, wenn ihn jemand unbedingt übervorteilen wollte, so sollte das doch bitte mit gebotener Sorgfalt und Präzision vor sich gehen. Ihm würde, wie hier bald schon gezeigt werden wird, im Zusammenhang mit seiner letzten Geliebten, der wesentlich jüngeren Nicole Pfundtsack, solches dann ohnedies am eigenen Leib geschehen. Aber eben auch irgendwie unausgegoren, schlampig, aus merkbarer Gier heraus und deshalb auch nicht – und das sollte noch sein Glück sein! – so ganz perfekt. Ach, ja, Nicole war letztlich auch zur Gaunerei zu blöd.

Es mochte – nolens volens – ja noch irgendwie angehen, dass die Bildungsproleten zum Exempel den guten alten Brentano mit dem nicht minder guten alten Schiller in deren romantischen Ansätzen mit einander verwechselten. (Wie auch Naivität mit Sentiment und Sentiment mit Sentimentalität …) Aber den verwaschenen, irgendwo aus den Niederungen der psycho-soziologischen Pseudo-Semantik – wohin er vermutlich über die Geologie gelangt war – hochgeschwabbelten Polit-Begriff der Verwerfungen, die man im Zuge irgendwelcher skurriler Sparbudgetpakete, diese angeblich punktuell entschärfend, zu berücksichtigen und in der Folge zu korrigieren vor habe, wollte und konnte er nicht tolerieren.

Verwerfung?! Was sollte das?!

Dann, bitte sehr, doch gleich: Verworfenheit!

Denn woraus resultierten sie letzten Endes, die sogenannte neue Armut (nämlich die der vormals noch einigermaßen Abgesicherten und vor ihr Gefeiten, des Mittelstands also)? Und die ebenfalls sogenannte neue Unbildung? Wenn nicht eben aus einer immer unverschämter auftretenden, sich kaum mehr irgendeiner Tarnung oder Camouflage (geschuldet dem Restgefühl für Schicklichkeit und Anstand) bedienenden Verworfenheit heraus, die zum prägenden Wesensmerkmal eines – wasweißich – End-, Post-, Neo-, Retro- oder Sonstwie-, jedenfalls eines Scheiß-Kapitalismus geworden war!

Doch manche Exponenten der Wirtschaft, des Finanz- und Bankwesens sowie der Politik schienen nicht einmal mehr über rudimentäre Ansätze von Un-Rechtsempfinden zu verfügen. Oder sie verbargen eben diese rudimentär noch vorhandenen Andeutungen von Seriosität überaus geschickt … Ganz schlaue Mitglieder der Polit-Gang mischten sich sogar unter die Lobbyisten, bizarre Vertreter eines Berufsstandes, den man vor Jahren eindeutig noch anders bezeichnet hätte – und eindeutiger.

Man (also auch Atlas) konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, der sich allmählich zum bösen Verdacht verdichtete, manche Geschäfte seien a priori schon so halbseiden und anrüchig, dass man sich zu deren Abwicklung zwar selber zu schade sei; nicht freilich zur nachmaligen Nutznießung der daraus resultierenden Erträge …

Teufelszeug! Da konnte Atlas ärgerlich werden! Da vermochte er sich noch ehrlich zu empören! Auch wenn er längst nicht einer der Jungen mehr war, an die sich die kluge, zum Buch gewordene Aufforderung des Stepháne Hessel (1917 – 2013) „Empört Euch!“ von 2011 ja in erster Linie richtete. Immerhin, der in Berlin geborene, dann mit den Eltern in Paris lebende Hessel, seit 1937 französischer Staatsbürger und später Aktivist der Résistance, ein Diplomat von Rang und Autor mit Verve sowie 1948 Mitverfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO, war ja auch alles andere denn ein Jüngling … Aber unbeugsam und korrekt – und widerständisch-aufrührerisch eintretend für das, was ihm das Richtige zu sein schien. Und das war nun einmal nicht der Kapitalismus (um jeden Preis), der da gerade wieder einmal den geschmack- und seelenlosen Tanz ums Goldene Kalb choreographierte, den die hohlköpfigen und charakterschwachen Emporkömmlinge einer fehlgeleiteten Wirtschafts- und Finanzgesellschaft dumpf vor sich hin stampften; assistiert von arschkriecherischen Lobbyisten und anderen Gaunern. Das Ballett ging vor sich – peinlich exakt nach den Partituren der alles dirigierenden Banker und Spekulanten; jedenfalls freilich auf den gequälten Leibern der ewig Entrechteten; die, zugegeben, nicht selten dumm genug waren anzunehmen, solcherart Teil des Programms zu sein; so als wären die im Kessel Siedenden Teil des Festmahls, wenn nicht gar Gäste …

Ein neuer, anderer, ein besserer Mensch gehöre her, dachte Atlas sich bitter. Aber – rasch!

Ein besserer Mensch, ja! So dachte er dann, wenn er so mixte und mantschte, mengte und quirlte – geistig wie wortwörtlich, also händisch (immerhin: Asbest-behandschuht) – in seinen brodelnden Eprouvetten und zischenden und dampfenden Reagenzgläsern.

Und Atlas fand sie schließlich, die Formel, die es ihm ermöglichte, aus Gold

Dreck zu machen!

Ja! Richtig! Aus … Gold … Dreck!

Dreck aus Gold!

Das war es nämlich. Das war der Clou.

Dreck aus Gold. Und nicht umgekehrt.

Nein.

Dreck … aus … Gold.

Fortsetzung folgt!

 

Z W E I T E R  T E I L

Es war schon des öfteren die Rede von Georg Anatol Atlas und seiner Affinität zu guten Alkoholika, zumal zu hervorragenden Rotweinen. Ohne den praktizierenden Alchemisten und gewesenen Fachmann für Vasen verschiedener Epochen als Alkoholiker denunzieren zu wollen, müssen wir indes immerhin zugeben, dass einem die Trinkgewohnheiten des passionierten Philosophen und hermetischen Arbeiters der Nacht immerhin als recht ausgeprägt erscheinen könnten. Ohne gleich von Alkohol-Abusus zu sprechen, sollte immerhin eingeräumt werden, dass Atlas sein tägliches Quantum, wenn man ihm ein solches schon zusprechen mochte, fast immer schön brav in sich hinein kippte. Mitunter sogar mehr. Und wenn auch kaum jemand von den Bekannten und Freunden sich seiner im Zustand eines Vollrausches erinnern konnte, so waren die Mengen, die der Hobbygelehrte tagtäglich (oder besser: allnächtlich) so im Schnitt in sich hineinschüttete, immerhin durchaus beträchtlich.

Zwar waren die Ärzte, an die sich Atlas – in einem gewissen Alter ist das wohl unumgänglich – mit diversen vermeintlichen Kleinigkeiten oder auch schon mal mit bedeutenderen physischen (oder psychischen) Verstimmungen wandte, mit seinem Allgemeinzustand weitgehend zufrieden. Und sogar eine – wie heißt es so schön: aus heiterem Himmel aufgetauchte – Krebserkrankung mit Mitte Fünfzig (die seine oben erwähnte Frühpensionierung vermutlich mitbedingt hatte) steckte er für sich und seine Umgebung erstaunlich gut weg; einschließlich diverser Therapien und der sich aus ihnen ergebenden Einschränkungen.

Die Mediziner waren, so sagten wir, im Allgemeinen mit Atlas und seinem Zustand also zufrieden. In aller Regel vermutlich auch, weil sie, waren sie ebenfalls Männer und in seinem Alter, unter ähnlichen Beschwerden und kleinen oder mittleren Behinderungen wie er zu leiden hatten; handelte es sich um weibliche Jünger Äskulaps, so rieten sie ihm zwar, besonders was das leidige Rauchen (das hatte Atlas vor einigen Jahren indes mehr oder minder konsequent aufgegeben) und das nicht weniger leidige Trinken betraf, naturgemäß zur Vorsicht. (Nur eine alte liebe Freundin, selbst einem gelegentlichen Blick ins Glas nicht abhold, lud ihn stante pede und bei vollem Wartezimmer auf eine Flasche Champagner ein, da sie eben per Telefon erfahren hatte, Großmutter geworden zu sein …)

Kurz: Das Saufen war streng genommen kein Thema.

Und doch, er, Atlas selbst, hatte mitunter das Gefühl, er setze den Genuss des Alkohols quasi als ein Surrogat ein. Ja: Gewissermaßen ein Ersatz sollte ihm der exzellente Rote im kristallenen Glas sein für entgangenes echtes Leben … Wie er, nicht selten von depressiven Stimmungen geplagt und selbstquälerisch, sogar in seinen geliebten alchemistischen Übungen einen (womöglich letztlich nur schalen) Ersatz für echte Ekstasen vermutete; wir erwähnten diesen Punkt früher schon kurz.

Glaubte er freilich dann wieder einmal, eine Etappe auf dem steinigen Weg zur Vollendung seiner Forschung geschafft zu haben, verflogen diese Dunkelgedanken in aller Regel.

Außerdem: Was bliebe ihm denn schon übrig, als weiterhin zu experimentieren? Und weiterhin zu trinken? Denn – bei aller Liebe -, seine beiden gefiederten Freunde zu betreuen und zu umsorgen allein, das war wohl auch zu wenig. So groß die ehrliche Wertschätzung auch war (und über normale Tierliebe weit hinausgehend), die er Rapunzel und Merlin, ob mit oder ohne Mauser!, entgegenbrachte.

Da griff er also zum hochstieligen Kristallglas mit der rubinfarbenen Flüssigkeit darin. Dem Elixier. Seinem Elixier.

*

Nicole. Ach, du liebe Güte!

Atlas hatte sie durch Zufall kennen gelernt; wenn es denn so was wie Zu-Fall überhaupt gab. Er war nämlich, zugegeben: gegen seine besseren Gewohnheiten, wieder einmal ins Stadttheater gegangen. Verleitet übrigens durch das befreundete Zahnärzteehepaar Gundi und Hermann Wackenmüller, das eine bestens gehende Gemeinschaftspraxis in einer Villa am Rand der Stadt unterhielt und mittels kunstgerechter Sanierung mehr oder minder verlotterter Reichen-Gebisse wesentlich mehr als bloß sein finanzielles Auslangen fand. Georg hatte eben seine zeitintensiven Krebstherapien abgeschlossen, und es ging ihm erstaunlich (auch für ihn selbst überraschend) gut, ja, sogar sehr gut. Atlas fühlte sich seit langer Zeit wieder fast ein wenig unternehmungslustig. Anfällig für Belustigungen oder Unterhaltungen sogar.

Freund Hermann Wackenmüller, der findige Überkroner und Implanteur, war ein Schulfreund aus fernen Gymnasialzeiten, und auch die um alle Kniffe der kiefer-orthopädischen Theorie wie Praxis wissende Gundi kannte Atlas schon eine halbe Ewigkeit; war sie es doch gewesen, die ihm vor weit über dreißig Jahren erfolgreich den ersten Weisheitszahn extrahiert hatte. Die beiden Dental-Kapazunder nahmen zudem – und im Unterschied zur gewesenen Vasen-Koryphäe und zum nunmehr ausschließlich in Sachen Alchemie praktizierenden Atlas – regen Anteil am städtischen Kulturgeschehen; so schmalbrüstig sich dasselbe auch meist gerierte. Ja, die Wackenmüllers fuhren sogar recht oft zu Aufführungen in die Staatsoper nach Wien und sogar nach München und zu den Salzburger Festspielen oder an den Bodensee, wenn sie etwas aus dem Programmangebot interessierte und ihnen als sehens- oder hörenswert erschien; nicht, um sich selbst zu zeigen und gesehen zu werden. Nein. Das hatten sie nicht nötig. Sie waren reich genug – und auch so schon wer.

Dass eine erkleckliche Anzahl von mehr oder weniger schönstimmigen Kammersängerinnen, darunter international bekannte Exponentinnen in den Fächern Sopran, Alt und Mezzo, aber auch tenorale wie baritonale Heroen oder meist übergewichtige Bässe zu ihrer dentalen Klientel gehörte, tat dabei weniger zur Sache. Wie gesagt, es ging ums Hören erlesenen Vokalglanzes und nicht so sehr ums Betrachten dereinst imponierend eingebauter Brücken und sonstiger höchst gelungener Exponate der Zahnprothetik.

Also hatten sie ihn mitgeschleift zu einer, wie sich in der Folge herausstellte, nicht übertrieben witzigen Pseudo-Revue, betitelt „Heiße Höschen, kühle Blicke“, einer Art Varieté für Schauspielerinnen und Schauspieler, die dabei auch ihre – leider großteils merkbar fehlenden – Fähigkeiten im Gesanglichen demonstrieren durften. Und da der Arrangeur und Regisseur des insgesamt nicht besonders geglückten Unterfangens aus Deutschlands Norden stammte, ging die zähe Sache auch weitestgehend humorfrei über die Bühne, die ihrerseits eine Art heruntergekommenes Kleinkunst-Etablissement darstellen sollte. (Und diesem Anspruch in mancherlei Hinsicht sogar gerecht wurde: Da löste sich der falsche Plüsch von den echt schäbigen Kulissen aus Sperrholz sowie von der zerschlissenen Leinwand, und es regierten allenthalben Staub und Spinnweben in diesem Pseudo-Varieté. Gerade dass es nicht nach Urin stank.)

Der Abend hatte sich also vom theatertechnischen wie vom bühnenästhetischen Standpunkt aus als eher bloß mittelprächtig erwiesen, doch weil die Wackenmüllers ein paar der Protagonisten und Hauptakteure sowie den musikalischen Leiter, einen recht begabten jungen Mann mit südländischem Einschlag und einnehmenden Manieren, persönlich kannten, gesellte man sich doch noch zur nachfolgenden Premierenfeier. Und dabei lernte Atlas, wie das Pech es eben so haben wollte, unter anderem eine Statistin mit Namen Nicole kennen. Sie hatte in der reichlich überflüssigen Verlegenheitsproduktion – eine eigentlich geplante große Shakespeare-Sache hatte Wochen zuvor unter einigem medialen Getöse abgesagt werden müssen, weil die als zickig bekannte Regisseuse der darob ziemlich ratlosen Theaterleitung aus nicht näher bekannten Gründen abhanden gekommen war -, Nicole hatte also als mediokrer Merilyn-Monroe-Verschnitt in cremefarben-flattrigem Luftzugkleid à la „Das verflixte siebte Jahr“ in „Heiße Höschen, kühle Blicke“ einen weiters kaum bemerkenswerten Miniauftritt zu absolvieren. Durch die Übernahme dieser (übrigens und erfreulicherweise stummen) Rolle fühlte sie sich allerdings fürderhin berechtigt, bei diversen Gelegenheiten als Berufsbezeichnung Schauspielerin auszugeben. (In Wahrheit arbeitete die angelernte Wäscheverkäuferin sporadisch als Radiosprecherin bei einem weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit sein Programm in den an sich schon überlasteten Äther blasenden Lokalsender.)

Nicole. Pfundtsack. Gut – dafür konnte sie nichts.

Pfundtsack war lediglich ein Name – wie Mayer, Maier, Meier oder Mayr auch. Von Schmidt, Schmied, Schmid und Schmytt ganz zu schweigen. Oder – von Müller, Miller, Mühler oder Mahler …

Und auch Nicole war im Grund nur ein Name, weiter nichts.

Nicole Pfundtsack. Also gut.

Den Namen des Marokkaners, mit dem sie in einer kurzen Scheinehe (für ein paar Euro-Tausender Gage) verheiratet gewesen war, wollte die kesse Endzwanzigerin nämlich eher nicht öffentlich tragen. Zudem klang er zu wenig einprägsam, war er zu schwer auszusprechen.

Also – Pfundtsack. Wie ihre Eltern.

Nicole Pfundtsack.

Aber immerhin, durch ein paar Gelegenheitsjobs dieser und ähnlicher Art, also als Statistin oder Komparsin, schaffte sie es, sich und ihren fünfjährigen Sohn Marcel Aurel Hieronymus, der eigentlich bloß ein hyperaktiver, vermutlich in Wahrheit hochgradig manisch-depressiver kleiner armer Teufel war und einer früheren Verbindung (aus der ihr sonst bloß eine angezahlte Eigentumswohnung geblieben war) entstammte, einigermaßen und mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Zu diesem an sich lieben Buben war es fast unmöglich, seelisch heranzukommen; auch wenn er zwischendurch Reaktionen zeigte und zu erkennen gab, dankbar für Zuwendung und Aufmerksamkeit zu sein. Doch heißen Sie einmal Marcel Aurel Hieronymus …

Atlas war von der um ein Gutes mehr als dreißig Jahre Jüngeren zwar gar nicht so besonders fasziniert, immerhin brachte den alten Alchemisten das junge Fleisch doch in einen erstaunlichen Aufruhr der Sinne; ja, in gewisser Weise: in Wallung, wie er das in einem solchen Ausmaß schon Jahre nicht mehr erlebt hatte.

Nicole verstand es grosso modo, ihn, der sich just in einer guten Phase befand, für kurze Zeit auf einem angenehmen Level zu halten.

Wie gesagt, Georg Anatol Atlas schwebte ja so schon quasi in einer Ausnahmesituation.

*

Für den obenerwähnten Ausnahmezustand gab es allerdings durchaus triftige Gründe: War Atlas doch vor einigen Wochen tatsächlich auf seinen Stein der Weisen gestoßen, auch wenn der sich (wie weiter oben schon angedeutet) als etwas ganz anderes herausgestellt hatte, als von ihm die ganze Zeit hindurch erwartet – und erhofft. Atlas vermochte nämlich zwar weiterhin kein Gold aus minderer Materie herzustellen; wie denn auch, um alles in der Welt?! Und mittels welcher obwaltenden Logik?! Nein, indes andersrum funktionierte die vom fleißigen Tüftler und hochbegabten Dilettanten der Alchemie entwickelte Methode ganz prächtig: Gold nämlich, das er mit dem Stein berührte, verwandelte sich in erdigen Dreck, und die lang ersehnte materia clarissima entpuppte sich sozusagen als ihr kontradiktorisches Gegenteil!

Ja, der Stein der Weisen, der Atlas nun mehr zur Verfügung stand, war einer, der Wertvolles in Wertloses verwandelte. Seine materia obscura, sozusagen.

Ein Ding, das zum Exempel, einige Zeit in Fort Knox hinterlegt, die Goldreserven der Vereinigten Staaten im Nu in x Tonnen wertloser Erdballen, Schmutzklumpen und Gülle verwandeln würde. Denn wie bekanntlich ein angefaulter Apfel alsbald einen ganzen Korb gesunder Früchte anstecken und ergo ungenießbar machen konnte, so ließ die Kraft des von Atlas enttarnten Weisensteins das vermeintlich Wertvolle zu Wertlosem, zu Müll, zu Dreck mutieren. Schade, dass nicht – wie zum Hohn – die bekannten farbschillernden Dreckkäfer über die entwerteten Barren und den entgoldeten Schmuck krabbelten; oder die nicht minder verdächtig wunderlich glänzenden Kompostfliegen und Leichenmücken darüber kreisten … Das Bild hätte diese Farben durchaus vertragen!

Ein Juwelierladen, in dem er sich kurz aufhielte, gliche einem Trümmerhaufen, das wusste Georg A. Atlas genau. Er hatte es außerdem bei einem stadtbekannten Gauner auf dem Gebiet des Gold- und Silber-An- wie Verkaufs ausprobiert. (Dem Mann, einem recht gewieften Hehler, den Atlas noch aus seiner Dorotheumszeit flüchtig kannte, blieb übrigens lediglich der Weg in den Konkurs – und nichts übrig, als sich in der Folge aufzuhängen; was indes weiter als kein nennenswertes Unglück angesehen werden musste.)

Kurz: Atlas war seit Wochen, Tagen und Nächten schon aufgewühlt.

Da kam ihm diese Talmi-Monroe namens Nicole Pfundtsack gerade recht.

Immerhin konnte die sich nicht mehr in Dreck verwandeln.

*

Natürlich war Georg Anatol Atlas zunächst überrascht. Denn mit vielem hatte man als Alchemist zu rechnen; dass zum Exempel ganze Versuchsreihen nichts brachten, daneben gingen und summa summarum für den Arsch waren; dass manchmal sogar Laboratorien (mitsamt den Gebäuden, in denen sie unvorsichtigerweise untergebracht waren) abbrannten oder durch lautstarke und zerstörerische Explosionen verwüstet wurden; dass man selbst zu Schaden kam durch giftige Dämpfe – und zu hochgeschraubte Hoffnungen. Auch dass einen der Konkurrenzneid der anderen Kollegen schließlich eines Tages umbrachte, war nicht so ganz auszuschließen und von der Hand zu weisen. Oder dass potente Auftragsgeber am Ende die Geduld an der verzwickten Sache verloren und unversehens die Geldhähne zudrehten.

Davon hatten schon die Herren Saint Germain, Vella und Cagliostro, diesbezügliche Stars des 18. Jahrhunderts, ihre Lieder trällern können, wenn sie in höherem Auftrag gesprungene Edelsteine klitterten und kitteten, Preziosen fälschten oder nebenbei neue und sogar nützliche Stofffarben erfanden. Gut, gerade die letztgenannten, an sich weniger attraktiven Aktivitäten der Färbekunst waren wenigstens etwas Vorzeigbares und konnten einen Wissenden zumindest eine Zeit lang über Wasser halten. (Wenn sie indes auch die Umwelt schädigten.)

Versagen sollten sie freilich letztlich alle, die zunächst so abgehoben wirkenden, von Geheimnissen umgebenen und von diffuser Exotik durchströmten Gestalten, die sich endlich doch bloß als matte Modeerscheinungen entpuppten. Für einige Zeit mit wohligem Schauder betrachtete Zentralpunkte mancher Gesellschaft – ob höfisch oder minder -, versanken sie nach meist kurzer Zeit allgemeiner Bewunderung rasch wieder im Dunkel der Geschichte, dem dann in aller Regel die neuerliche Anonymität folgte. Wobei sich (Cagliostro gab das typisches Beispiel dafür ab) an bestimmten Scheitelstellen der Karriere nicht selten sogar die angeblich Heilige Inquisition oder der in Dingen der Wunderwirkung auch recht akkurate Päpstliche Stuhl für sie zu interessieren begannen, was dann statt zu Reichtum und Ansehen leicht zu Prozess und Haft (wenn nicht gar zur Todesstrafe) führen konnte … Es war schlichtweg wenig opportun, seinen Lebensunterhalt als Alchemist, also auf eine zwar interessante, doch fraglos auch gefährliche Weise bestreiten zu wollen. Zwar verlockten unvergleichlicher Lohn sowie entsprechender Glamour und Ruhm, gleichzeitig gähnte indes mancher Abgrund.

So gesehen, waren diese schillernden Persönlichkeiten den bedauernswerten Missgeburten nicht unähnlich, den Deformierten und Degenerierten und der menschlichen Ausschussware, die das Volk in dreckigen Jahrmarktsbuden schaudernd, angewidert, fasziniert und erregt bestaunen konnte; nur dass ihre Arena eine vergleichsweise strahlendere war: der Hof von Versailles oder Wien oder Brandenburg – oder die freilich weitaus schmälere, inferiore Variante in einem deutschen Kleinfürstentum … Ihr Pech bestand jedenfalls in aller Regel darin, statt Gold aus Erde zu machen, fürstliche Reichtümer, die ihnen – weiß Gott! – nicht gehörten, in den Sand zu setzten. Und so was wurde nun einmal nicht gern gesehen.

So betrachtet und unter diesem Aspekt, lag in dem von Atlas nach jahrelangem durchaus heißem Bemühen erreichtem Ergebnis, der Gold-in-Dreck-Verwandlung also, sogar etwas Tröstliches – weil Folgerichtiges. Und das Endprodukt seines Strebens passte dann irgendwie sogar optimal in sein Denkschema: Warum nicht tatsächlich aus Gold Scheiße machen?! Angeblich Edles in nicht minder angeblich Unedles verwandeln?! Das hatte Charme – und dem Gedanken wohnte zudem in nicht geringem Maß Witz inne. Die ganze Ironie des Universums gar, wenn man so wollte!

Doch dann wurde er sich der – zugegeben: nicht unbedingt positiven – Möglichkeiten bewusst. So wie man unter Umständen und zumindest theoretisch mittels (wie auch immer hergestellten) Goldes zu erwerben imstand war, was man nur wollte, so konnte das Wissen um die Verwandlungsmöglichkeit vorhandenen Goldes in Dreck seinerseits klarerweise ebenfalls als überzeugendes Druckmittel eingesetzt werden! Die Methode war für jede nur denkbare Erpressung verwendbar, ließ sich somit im guten wie im schlechten Sinn einsetzen … Und zählte man sich nicht zur Schar der beinharten Anhänger Niccolò Machiavellis, so erschienen einem Erpressung und Verbrechen sowie Lug und Trug doch eher als unmoralisch. Davon sollte man lieber und besser die Hände lassen. Vorsichtshalber und auch prinzipiell. Oder?!

Aber wie musste er tatsächlich weiter vorgehen?

Hatte zum Beispiel ein Ultimatum Sinn? Sollte Atlas die Herrschenden – also die offizielle Diplomatie, die Politiker, diverse internationale Organisationen wie die Europäische Union und die Vereinten Nationen, Menschenrechtsvereinigungen, den Europäischen und den Internationalen Gerichtshof, aber auch Verbrechersyndikate, die Weltbank, Mafia und Al-Qaida – mittels seiner in der Tat epochalen Erfindung der Gold-in-Scheiße-Umwandlung zu Zugeständnissen zwingen? Zu Zugeständnissen im positiven Sinn, versteht sich?

Da gab es, zugegeben, einen ganzen Haufen zu tun!

Etwa: Endlich effektiv vorzugehen gegen den Hunger in der Welt; den Weltfrieden sukzessive herzustellen; sich um sozialen Ausgleich sowie um größtmögliche Toleranz zu bemühen und um ein möglichst gerechtes Dasein für alle Erdenbürger – egal welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, Ideologie, Religion oder sexueller Ausrichtung; ganz allgemein dem Unrecht entgegenzuwirken und langersehnte sozio-ökonomische wie ökologisch vertretbare Lösungen für die brennendsten Probleme der Welt zu realisieren …

Ach, ja: Das Grundrecht auf Arbeit endlich einmal durchzusetzen; dann natürlich die notwendigen Voraussetzungen für eine gute Schul- und Weiterbildung zu schaffen; die Familie wie auch das Individuum entsprechend zu fördern; eine möglichst weitgehende soziale Absicherung im Alter zu gewährleisten; für die kulturelle Entfaltung aller einzutreten …

Doch dieses hehre Unterfangen, das spürte sogar der Idealist in ihm, würde kentern wie ein seeuntauglicher Kahn. Die gute Sache musste allein schon seiner, des Erfinders, Blauäugigkeit und Realitätsferne wegen in die Binsen gehen. Atlas war nun einmal – Theoretiker, der an den Tatsachen, an der Praxis also, mit Sicherheit scheitern würde; ja: scheitern musste!

Was wusste er denn überhaupt von den Gegebenheiten in einer derart komplexen, globalen, und unnatürlich hochgezüchteten Welt? Wie sollte er sich orientieren in einem System, das determiniert wurde durch großteils auseinanderdriftenden Finanz-, Wirtschafts- und Banken-Interessen und beherrscht von einer weitestgehend verlotterten Politik, die ihrerseits korrumpiert war von gegenseitiger Abhängigkeit und dem angeblich notwendigen ständigen Interessenausgleich, der jegliche moralisch-ethische Kontur unweigerlich abhobelte?

Waren nicht schon ganz andere, tatsächlich politisch wie philosophisch kompetentere Geister, als er einer war, an diesem und ähnlichen Problemstellungen gescheitert? Verstaubten ihre hochgemuten Theorien nicht bestenfalls in den Bibliotheken oder im Internet? Platon, Aristoteles, Konfuzius, Augustinus, John Locke, Thomas Hobbes, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx … Erfüllten sie nicht, im Optimalfall, die Funktion, Anschauungsmaterial zu sein für fehlgeschlagene Menschheitstheorien? Standen sie nicht sogar als Exempel – für Naivität? Sollte man sie nicht pietätvoll in Ruhe weiterhin ihre Patina ansetzen lassen, die Brüder?

Und jetzt kam er. Georg Anatol Atlas, der gewesene Vasenexperte und praktizierende Gold-in-Scheiße-Transformator!

„Ich unglücksel’ger Atlas“, dachte Atlas, Heinrich Heines Gedicht erinnernd.

Und überhaupt und außerdem: Konnte, ja, durfte eine solche Welt überhaupt (noch) Platz bieten für positive Utopien?

*

Georg Anatol Atlas befand sich, nach dem eher kurzen Höhenflug, den er dank der alchemistischen Entdeckung erlebt hatte, nun in einem tiefen Dilemma. Sein Tun, entstanden aus ehrlichem Bemühen um eine – vermeintlich zumindest – gute Sache heraus, hatte in ein mittleres Schlamassel geführt. Mittleres? Das war noch untertrieben ausgedrückt, in der Tat.

Das wirkte jetzt alles sehr verworren.

Und dabei hatte er – das gehörte indes zu solchen Geschäften einmal dazu – auch von den logistischen Notwendigkeiten kaum Ahnung. Noch ein Fallstrick.

Sogar, wenn nach dezidiertem Hinweis auf durchaus überzeugende Druckmittel, die er in Händen (und im Kopf) hatte, eine Chance zu konstruktiven Gesprächen bestünde, wäre Atlas vermutlich auch gar nicht der richtige Mann gewesen, eben diese Unterredungen zum Vorteil für die so wichtige Sache zu führen. Denn dabei würde es wohl in nicht geringem Maß um die adäquate Taktik gehen. Nur ein paar (zugegeben: nicht zu unterschätzende!) Trümpfe in der Hand zu haben, dürfte da vermutlich nicht genügen. Sogar großartig damit zu drohen, den gesamten Goldvorrat der Welt in Scheiße umwandeln zu wollen, allein reichte vermutlich doch nicht aus,etwas zu bewirken. Obwohl – als Schreckensszenarium ließ sich das unter Umständen und in Anbetracht der unbestreitbaren Kapitalgläubigkeit und Güterabhängigkeit seiner potenziellen Gesprächs-Partner vielleicht doch erfolgversprechend einsetzen …

Nein! Er war zu schwach! Zu wenig gewieft für diese epochale Sache!

Allein, wenn Atlas sich vorstellte, wie sich diese gewiegten Machtmenschen – egal ob legal oder illegal agierend – gegenseitig über den Tisch zogen, kam ihm das Grausen!

Nun, vermutlich um einerseits diese Geschichte hier, wo wir uns langsam aber sicher ihrem Ende nähern, erzählerisch am Köcheln zu halten, zum anderen, weil eben doch ein wenig mehr an Unternehmungs- und auch an Unternehmergeist in Atlas schlummerte, als man (und vor allem: er selbst) angenommen hatte, muss vermeldet werden, dass unser Alchemist, nachdem sich seine Stimmung zwischendurch dann doch wieder aufgehellt hatte, tatsächlich Blut leckte. Und dass er so erst recht in die Bredouille zu rutschen anfing – immer mehr und immer tiefer. Zudem war Atlas keineswegs annähernd so begabt, wie der legendäre Lügenbaron von Münchhausen, als dass er imstand gewesen wäre, sich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf zu befreien, in den ihn sein Forscherdrang da peu à peu hineingebracht hatte. Allein schon mangelte es ihm zu solchem Unterfangen an einem geeigneten griffigen Haarteil.

Fassen wir also zusammen: Dass sein Entrepreneurship in der Praxis keineswegs ausreichen würde, seine hochtrabenden Pläne verwirklichen zu helfen, war an sich schon klar gewesen und hätte sogar einem weitgehenden wirtschaftlichen Un-Talent, wie es Atlas zugegebener Maßen nun einmal war, einleuchten müssen. Doch wie fast alle heißersehnten Wünsche, wenn sie in Erfüllung gegangen sind, gewisse Nachteile in sich bergen, so verhielt es sich auch im vorliegenden Fall. Zwar lag das Ergebnis der von Atlas derart zielstrebig betriebenen Forschungen – wenn auch, zugegeben, ein etwas anderes, als ursprünglich erwartet – nunmehr vor; das besagte Produkt harrte allerdings erst noch der Vermarktung. Und die sollte sich zum bei weitem größeren Problem auswachsen, als es die an sich schon langwierige Erfindung oder Entdeckung selbst gewesen war. Übrigens auch zu einem noch größeren Problem, als er es sich bisher irgendwann und irgendwie ausgemalt hatte. (Wenn Georg Anatol Atlas überhaupt so weit gedacht hatte, was wir allerdings für äußerst unwahrscheinlich halten.)

Es kam, wie solches schon in den antiken Tragödien immer wieder so wortreich und bildhaft beschrieben wird: Der Untergang zeichnete sich, verschwommen erst, dann immer rascher konturierter werdend, am Horizont ab.

Und: Erschwerend waren die Begleitumstände, nämlich die durch das Un-Wesen Nicole eben erst erfahrene weitere Schlappe, sozusagen: in der männlichen Hemisphäre seines Daseins. Wir wollen uns (und ihm) jedoch Näheres und die beschämenden Details gnädig ersparen, doch so viel sei gesagt: Die verhinderte Aktrice mäkelte immer intensiver an Atlas herum, hatte ständig etwas an ihm auszusetzen und benahm sich summa summarum zunehmend unverschämter. (Nur gut, dass sich die aus ihrer Unverschämtheit resultierenden Unstimmigkeiten wenigstens in zwei Wohnungen abspielten und Nicoles Söhnchen mehr oder minder unbehelligt davon blieb. Kaum auszudenken, sie wären, wie sie es immerhin kurz erwogen hatten, zu allem Überfluss tatsächlich zusammengezogen!)

Auch wenn Atlas keineswegs in Reichtümern schwelgte, so fand er mehr als leidlich sein Auskommen. Und war – abgesehen von den in der Zukunft eventuell aus seiner Erfindung noch zu lukrierenden Einkünften und Honoraren – das, was man gern wohlsituiert nennt. Für die weitgehend Talent-freie Neo-Schauspielerin Nicole erwuchs aus diesem Umstand nun freilich die von ihr auch entsprechend intensiv genutzte Chance, ihren in die Jahre gekommenen Liebhaber nach allen Regeln der Kunst zu rupfen … wie die legendäre Weihnachtsgans.

Dass Atlas seiner jungen Freundin eine sauteure Sprechausbildung bei einer bekannten Bühnengröße finanzierte, sie und ihren Sohn im Wochenrhythmus neu (und geschmackvoll) einkleidete, dass er die beiden zum Essen in durchaus gute Lokale ausführte und sie verwöhnte, wollen wir gar nicht erst besonders hervorstreichen. Dass Georg jedoch auch für die insgesamt nicht unbedeutenden finanziellen Außenstände aufkam, die sich bei dem kleinen Luder so angehäuft hatten, wog diesbezüglich schon mehr. Denn die offenen Rechnungen für mehrere Mobiltelefone, für exquisite iPhones, iPods, E-Books und für andere digitale Luxusgeräte, doch auch bodenständigere Ausgaben, etwa für Handwerker, Innenausstatter und Automechaniker, schlugen kräftig zu Buche, wie die (gar nicht mehr freundlichen) Mahnungen bewiesen. Auch das Kindergartengeld, das schon durch Monate nicht mehr an das relativ teure Institut bezahlt worden war, das der hyperaktive Marcel Aurel Hieronymus (ungern genug) besuchte, musste schließlich nachbezahlt werden, um den Weiterverbleib des verhaltensauffälligen Buben und seinen geplanten Übertritt in die ebenfalls teure Internatsschule zu sichern.

Das alles ging gewaltig ins Geld. Ein paar Zehntausend Euro waren flugs dahin. Und dass er die seiner Geliebten vorgestreckten Summen nie mehr würde wiedersehen, war Atlas ohnedies schon klar, während er noch die Überweisungen unterschrieb.

Doch darum ging es eigentlich auch gar nicht. Geld bedeutete dem Alchemisten im Grund nichts. Und dafür Liebe zu verlangen, quasi im Gegenzug, wäre ihm ohnedies nie eingefallen (und wäre auch nicht seine Art gewesen). Doch ein wenig Respekt, etwas Zuneigung, ein bisschen – Gefühl. Nicht Gefühl der Dankbarkeit, sondern ein merkbares Zeichen, dass seine Fürsorge auch angekommen sei bei ihr. Bei Nicole Pfundtsack.

Doch ihr Herz war leer wie ihr Blick.

Da half auch der durchaus verführerische Augenaufschlag nichts.

Atlas rang sich zu einer Entscheidung durch und strich die Talmi-Schönheit aus seinem Leben. Egal: Sollte das Geld dahin sein, das er, gleich wie bei einer riskanten Investition, in die junge undankbare Frau gesteckt hatte. Aber seine Ruhe wollte er – zumindest in dieser Sache, die sich ohnehin schon zur Affäre ausgewachsen hatte – wieder gewinnen.

Atlas machte also Schluss mit Nicole.

Denn gekoppelt mit den nun bald einsetzenden ebenfalls durchaus existentiell bedrohlichen Ereignissen rund um seine (für ihn selbst letztlich dann gar nicht so besonders segensreiche) Methode der Gold-in-Scheiße-Verwandlung, hatten das egoistische Verhalten und die nackte Schäbigkeit dieser Person – auch wenn er sich ständig einzureden versuchte, dass sie es eben nicht besser wisse und könne; und dass sie daher tat, wie sie tat und was sie tat – Georg Anatol Atlas derartig ins Schwanken gebracht, dass er sich kaum noch zu halten vermochte.

Das Folgende allerdings hätte wirklich auch stärkerer Exemplare der Spezies Mensch in gleicher Weise umgehauen (auch solche, die quasi mit allen Wassern gewaschen waren), wie es ihn entwurzelte. War es doch zu elementar, was sich da rund um ihn ereignete und abspielte. Elementar und unbekannt. Neuland für Atlas. Gefährliches Neuland.

Eine sonderbare Mauser sei das, wäre er vielleicht geneigt gewesen zu denken, wenn er dazu den Kopf genug frei gehabt hätte …

*

Zum Geschäft. Dass er endlich überhaupt vorgedrungen war zu denen, auf die es (angeblich) ankam, war schon schwierig und kompliziert genug gewesen. Denn so einfach und mir nichts, dir nichts, wie es uns diverse Polit-Thriller, Agentenfilme und James-Bondiaden glauben machen wollen, gelangt man nun einmal nicht in die finstersten Machtzentren. Und sollten die, will’s der Teufel, im Kanalsystem von Wien liegen, in einer Pariser Metro-Station oder auf dem jüdischen Friedhof in Prag. Oder, wie im vorliegenden Fall, in einem dunklen englischen Anwesen mit endlosem Park und knarrendem Eisentor. Und Kiesweg.

Er war also doch irgendwie hin gelangt – wie auch immer, man frage lieber nicht danach! Freilich, nun begann das eigentliche Martyrium ja erst.

Es war stockdunkle Nacht. Man (waren das nun die Guten oder die Bösen? Oder die Ganz-Bösen? Egal …), man gab ihm, wesentlich geübter in Kabalen und Mauscheleien und insgesamt begabter fürs Verbrecherische im Allgemeinen, unumwunden zu verstehen, dass man ihn auf irgendeine Weise ohnedies in der Hand habe. Hier und jetzt und ab nun überall, wohin er sich auch wenden würde. Ab nun überall. Klar?!

Absetzen? Verschanzen? Untertauchen?

Dafür hätte man allenfalls bestenfalls ein müdes Lächeln übrig.

Wie? Er habe doch das alles herausgefunden? Er sei der Entdecker? Der Ergründer?

Doch, ja, doch …, das wisse man schon zu schätzen! Durchaus. Durchaus. Ja, ja, immerhin sei er der Wissenschaftler, der also, klar doch!, der den Weiterbestand (oder eben die Verwandlung …) edler Metalle wesentlich – er möge gut zuhören: wesentlich! – beeinflussen konnte, weltweit; was man selbstverständlich auch gar nicht im Entferntesten leugnen oder in Frage stellen wolle. Man habe es sogar gesehen. Ja, er habe das alles in der Praxis, im chemischen Versuch, sozusagen …, ja, bewiesen. Nein, nein! Er sei, ohne jede falsche Bescheidenheit, bitte!, ein guter Mann … Der Fachmann und Experte … Ja: die Koryphäe …

Nur – wie, bitte, wenn das Leben des Einzelnen doch bekanntermaßen derart anfällig gegen alle nur erdenklichen sowie unvorhergesehenen Unfälle und auch gegen diverse gesundheitliche Unbilden war …; und gegen den Zufall überhaupt …, nicht wahr?! Da genüge doch, bitte sehr, nicht selten … gleichsam – ein Hauch, … und schon – – –

Die in mitternachtsblaues (allem Anschein nach: teures) Tuch Gekleideten grinsten oder versuchten sich zumindest in einigermaßen Mensch-konformem Grimassieren; wobei das Ergebnis allerdings bestenfalls vormenschliche Formen zeitigte, von herkömmlichem Lächeln indes meilenweit entfernt blieb. Unschön, ja. Und bedrohlich, immerhin. Fratzenhaft, durchaus.

Man werde ihn jetzt, nach glücklich erfolgter, freiwilliger und vollständiger Herausgabe und Aushändigung aller relevanten Formeln, wissenschaftlichen Ergebnisse und überhaupt aller Unterlagen, nichts desto trotz generös abfinden. Gewiss sollte seine ein Leben lang betriebene Forschung, seine Arbeit also, keineswegs unbelohnt bleiben. Dass er sich ab nun allerdings brav im Hintergrund zu halten habe (wissenschaftlich, publizistisch und natürlich auch gesellschaftlich), müsse man doch nicht ausdrücklich betonen?! Und dass es von jetzt an keine irgendwie gearteten Aufzeichnungen oder Geheimdokumente mehr in seinem Besitz geben dürfe, da der Deal glücklich über die Bühne gegangen wäre, verstehe sich wohl auch von selbst, nicht wahr?! Ansonsten – – –

Nein, nein! Klar, doch! Das verstehe sich alles von selbst, beeilte sich ein kräftig transpirierender Georg Anatol Atlas eilfertig zu beteuern.

Gut.

Und ein schwarzer lederner Geldkoffer umfänglichen Ausmaßes, was man sogar bei der eher schummrigen Beleuchtung ausmachen konnte, fand den Weg auf seine Seite des blankpolierten dunkelbraunen Tisches.

Draußen wenig später wieder die Nacht. Und ein dickes anthrazitfarbenes Auto mit dunkel getönten Scheiben rollte fast lautlos über den Kies. (Solche Autos müssen immer über den Kies rollen, das gehört sich so.)

Erst jetzt gingen die Scheinwerfer der Limousine an und tasteten sich mit ihren Lichtfingern vor zur nächsten Straßenkreuzung.

Er wurde aus dem Gefährt entlassen.

Das war also durchgestanden. Und hatte im weitesten Sinn einer argen Mauser Rapunzels geähnelt. Einer, die den kleinen Vogel wirklich hernahm und schier auslaugte.

Doch Atlas hatte alles überstanden, und schließlich schien er, rückblickend ließ sich das durchaus so sagen, insgesamt mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Und einem hübschen schwarzen Lederkoffer, prall gefüllt mit Geldscheinen der höheren Ränge. Und das war, sozusagen, symbolisch zu verstehen: Alle Monate würde wieder ein solches monitäres Behältnis folgen. Wenn –

Sollte er tatsächlich, wie das sprichwörtliche blinde Huhn endlich doch noch ein Korn gefunden haben? Immerhin –

Die WIC und die Q’AA, am Ende sogar die OOH und die sonst so rigorose RGSE hatten eingelenkt wie zuvor schon EU und UNO, CIA, NSA, NATO und Vatikan: Wenn auch er hundertprozentig Stillschweigen bewahrte, würde man, wie abgesprochen, nichts gegen ihn unternehmen.

Aus dem Geschäft heraushalten solle er sich freilich – völlig! (Nichts lieber als das!)

*

Er legt die orientalisch aussehende Decke über den ein wenig antiquiert wirkenden Vogelkäfig aus Messing, aus dem heraus ihm Rapunzel und Merlin zuvor noch verschwörerische, so scheint es ihm zumindest: verschwörerische Blicke aus klugen Vogelaugen zugeblinzelt haben. Dennoch: Es ist Schlafenszeit, Freunde. Und auch sein Kristallglas mit dem wohltemperierten Rotwein steht schon bereit. Die Nachtschicht kann beginnen. Zeit seiner höchst privaten Forschungen, die man ihm immerhin auch weiterhin nicht untersagen hat können.

Da gewahrt er den roten Fleck auf dem Tischtuch. Und merkt fast gleichzeitig, wie etwas aus seiner linken Körperseite sickert. Da gibt es bald einen erstaunlich intensiven Blutstrom.

Nicht so sehr der Umstand, dass er augenscheinlich (schwer?) verwundet ist, irritiert ihn; nein, vielmehr, wie er selbst auf diese vollkommen neue und unerwartete Situation reagiert, überrascht ihn. Es kommt ihm vor – wie durch einen schweren Vorhang hindurch, ja, das ist es wohl -, dass sich quasi parallel zum optischen Eindruck, also zum abrupten Gewahrwerden dieses Unfalls (oder was auch immer das ist), eine erstaunliche (ihn zumindest erstaunende) Objektivierung des sich hier manifestierenden Geschehens abspielt.

Er blutet. Ist verletzt. Schwer verletzt, vermutlich.

Doch es stellt sich keinerlei Emphase bei ihm ein. Bei ihm, der er doch sonst für alles und jedes empfunden hat, der er besonders auf dem Gebiet der Tierliebe zugänglich gewesen ist, aber auch zu manchem karitativen Schritt im Sinn bedürftiger Mitmenschen bereit und entschlossen. Er bring ganz im Gegenteil kein Gefühl für dieses Wesen auf, für dieses Wesen, hier, dem da ein durchaus erstaunlicher Blutstrom aus der linken Brustseite schießt.

Er beobachtet sozusagen etwas, das ihn möglicherweise (noch?) gar nicht betrifft; das allerdings und unausweichlich alsbald für ihn relevant werden und sein und bleiben würde …

Dann stellt sich mit einem Mal der brennende Schmerz ein, rasch noch an Intensität zunehmend. Und der rote Fleck wird größer, größer und überzeugender; breitet sich aus und nimmt an den Rändern – langsam, aber stetig (oder trügt ihn auch schon sein Zeitgefühl?) – eine hässliche, schmutzig-braune Farbe an. Alles um ihn und in ihm wird sukzessive dunkel. (Oder ist es schon eine unbestimmte Zeit vorher dunkel geworden?!)

Und der Fleck stammt eindeutig nicht vom Wein, der noch immer unberührt rechts neben ihm im hochstieligen Gefäß ruht.

Dann schlägt sein Kopf heftig auf die Tischplatte auf.

Jetzt schwappt sogar etwas vom Getränk aus dem kristallenen Glas über und mischt sich mit der anderen, ehedem roten Flüssigkeit.

E N D E

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Italo Calvino, Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen. 3. Aufl. München 1986.

Kurt K. Doberer, Die Goldmacher. Zehntausend Jahre Alchemie. 2. Aufl. München 2003.

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Marco Frenschkowski (Hg.), Karl Christoph Schmieder: Geschichte der Alchemie. Wiesbaden 2005.

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Christoph Gutknecht, Lauter blühender Unsinn. Erstaunliche Wortgeschichten von Aberwitz bis Wischiwaschi. München 2008.

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Uwe Henrik Peters, Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, medizinische Psychologie. 5. Aufl. München – Jena 2000.

Ferdinand Raimund, Sämtliche Werke. München 1960.

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Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre. 5. Aufl. Frankfurt am Main 2013.

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Erich Trunz (Hg.), Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. München 1999.

Klaus Völker (Hg.), Künstliche Menschen. Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und liebende Statuen. München 1971.

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