Was ich noch

alles gern

gemacht hätte

Eine immerhin einigermaßen

eigenwillige Geschichte von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2011 f.

(ENDFASSUNG: 2016.)

Nach diesen Ereignissen stellte Gott

den Abraham auf die Probe. Er rief ihn:

Abraham!” Dieser antwortete: “Hier bin ich!”

Und Gott sprach: “Nimm deinen einzigen Sohn,

den du lieb hast, den Isaak, und bringe ihn dort

auf einem der Berge, den ich dir noch zeigen

werde, zum Brandopfer dar!”

Genesis, 22, 1 – 2

*

Oh, Abraham, es is‘ all’s umsunst,

weil dir da Engel ins Zündpfand’l

brunzt.

Inschrift auf einem alten Bild

*

Klar.

Klar. Nicht alles erreicht man. Im Leben. Im Allgemeinen. Das ist so weit klar.

Nur – es bleibt dann meist ein bitterer Nachgeschmack zurück. (Übrigens: In welchem Mund?) Unzufriedenheit. Unmut. Grant.

Ums rundheraus zu sagen: Ein paar Dinge hätte ich schon noch gern gemacht. (Freilich: Unterlassen wohl auch – andere. Quasi im Gegenzug …)

Also: Eine Fahrt ins Blaue hätte ich noch gern unternommen. Zum Beispiel.

Oder: Das opus magnum verfasst. (Obwohl mir bekanntlich sogar kleinere literarische Sachen schon genug Verkaufsprobleme bereitet haben.)

Dann: Mit der Marilyn Monroe geschlafen – allerdings, wenn sie jünger gewesen wäre. (Oder ich älter.)

Übrigens auch: Den Martin Luther King vor seinen Attentätern beschützt.

Und: Mit einem sehr guten Schlagzeuger und einem hervorragenden Pianisten zusammen guten Jazz gespielt. Nicht bloß mit Dilettanten, wie ich selber einer bin.

Doch jetzt ist es zu spät.

Besonders, was die Monroe betrifft.

Doch die kenne ich ja nur von ihren Filmen her und von den Bildern. Da ist sie geil drauf.

Der Martin Luther King ist nicht geil drauf, aber der imponiert mir eben. So halt.

Wenn ich gekommen bin, ist die Partie immer schon groß im Gang gewesen.

All die Weil’, sozusagen.

Und das Blatt, das ich selber in den Pfoten halte? Nicht der Rede wert. Nie. Während andere schwanken zwischen Flash und Full House, zwillinge ich eher stupid vor mich hin. Aussichtslos. Ein Dreier? Das wär‘ Weihnachten und Ostern im Doppelpack! Ein Dreier!

Und – und bluffen?! No, wie, wenn’s einem nicht gegeben ist …

Jaja, das Leben und der Poker – beides verbotene Glücksspiele. Sozusagen.

*

Die Grete, die große rotblonde Grete, die – sie war etwa sechs, sieben Jahre älter als ich und ein Nachbarkind -, die gewann immer, wenn wir spielten. Egal was, Grete gewann. Ob bei Schwarzer Peter, Mühle oder beim Doktorspielen: Sie gewann. Immer.

Ob sie gezinkte Karten hatte oder selber gezinkt war? Ich weiß es nicht.

Oder lag es an der saubereren Unterwäsche?

Oder, sie hatte vielleicht bloß mehr – Glück?

Jaja, die Grete. Groß war sie und rotblond.

Freilich, nicht groß genug, um ein paar Jahre später die Avancen vom Ferdinand auszuschlagen. Dafür hat dann der Ferdinand, wieder ein paar Jahre später, der rotblonden Grete so manches blaue Aug‘ geschlagen. Und einen Zahn, den hat er ihr auch ausgeschlagen. Wahrscheinlich als Zeugnis seiner Liebe … (Aber das ist dann ja wohl eine anderer Geschichte. Obwohl – gibt es überhaupt mehr als eine Geschichte?! Ich meine -)

Überhaupt: Der Ferdinand war gute zehn Jahre älter als die Grete. Und für mich? Für mich war er beinah ein alter Mann. Damals.

Der Ferdl war sozusagen immer schon ein alter Mann. Und meistens angesoffen.

Ich habe die Grete lange Zeit bewundert. Erst wegen ihrer Anmut. Dann wegen ihrer Demut. Bis ich sie irgendwie zu verachten begonnen habe. Wegen ihrer Unterwürfigkeit ihrem fiesen Ferdl gegenüber. Dieser vierschrötige Säufer, brutale Weiberer und saumäßige Rustikal-Casanova. Der Don Juan vom Heuhaufen. Kurz: Ferdinand, dieser Arsch.

Und wie sie ihm dennoch (oder gerade deshalb) hinterher geglotzt haben, die Frauen im Dorf! Und das nicht nur, weil er Dachdecker war und somit hoch droben herumgeturnt ist. In schwindliger Höh‘. Über allen.

Nein, die Dachdeckerei allein war es nicht. (Und ich weiß, wovon ich spreche …)

„Er ist halt ein flotter Hecht, der Ferdl!“, hat es früher immer geheißen. Besonders unter den Frauen im Ort. Und so ein Markt wie Ortberg an der Zeder, mit seinen 1200 Einwohnern, wo jeder jeden kennt, so ein Marktflecken ist auch nicht so recht geeignet fürs Verstecken von Ostereiern. Kein Ort für Geheimnisse, die welche bleiben sollen. Am besten auf immer.

„Ja, der Ferdinand, das ist wohl ein strammes Mannsbild!“

„Ein Bild von einem Mann, der Ferdinand …, ein Bild …“

„Ach, ja, der Ferdl … Ist aber kein Guter, der …“

„No, der Ferdl, der hat schon was in den Hosen drin!“

„Jaja, der Ferry …“

„Oh, am Ferdl ist schon was dran …“

Aber, was war denn wirklich an ihm dran, am Ferdl?

Im Ernst: Er war weder besonders attraktiv, noch war er generös oder gar splendid. Eher schon ein Geizhals, dieser Ferdl. Ein Fiesling. Und ein Dreckskerl obendrein. No, und so besonders gescheit war er doch wohl auch nicht. (Nein! Verdammt! Eher schon ein Depp!)

Ein ungebildeter, brutaler Vergewaltiger, ja, das war er! (Die kleine Hannerl zumindest hat er auf dem Gewissen gehabt. Eindeutig. Das hat man zumindest so gesagt. Aber er hat ja gar kein Gewissen gehabt, der Ferdl. Also – was hätte ihn dann schon groß beißen sollen?!)

Ich bin ihm lieber ausgewichen, dem Ferdinand, diesem Ungustl. War aber schwer möglich.

Und weil es sich schon nicht vermeiden hat lassen, das Ausweichen, da hab‘ ich ihn halt hin und wieder auf ein Achtel eingeladen, beim Poldl, unserem schmuddeligen Wirten „Zum Goldenen Löffel“. Oder auf einen Slibowitz. Und hab‘ mir seine dreckigen Witze angehört. Und gelacht dazu. (Naja, was hätte ich denn sonst wohl auch tun sollen?! Er war immerhin der Stärkere von uns beiden … Und außerdem: Er war der Meister, ich nur der kleine ewige Dachdeckergeselle …)

Angst hab‘ ich gehabt vor jedem Tag, vor jeder Früh‘, dass ich ihn wieder sehen muss, meinen Herrn Meister. Noch dazu: auf nüchternen Magen. Nach zwei, drei Bieren – na ja … Aber nüchtern? Auf nüchternen Magen war der Ferdl eine Zumutung!

Ja: Hinspeiben! Hinspeiben hätt‘ ich können, gleich in der Früh, wenn ich ihn nur gesehen hab‘ von der Weiten, den Arsch!

Dann ist er eines Tages vom Dach gefallen, der Ferdinand.

Er war, wie gesagt, Dachdecker. Und das Dachdecken und das Saufen – diese zwei Sachen passen irgendwie nicht ganz zusammen. Sind nicht recht kompatibel. Unrund zumindest, unrund …, so wirkt diese Kombination, nicht wahr?! Ja, unrund …

„Vielleicht hat ihn ja auch jemand geschupft?!“, hat es gleich nachher geheißen. (Als hätte man direkt gewartet auf diese Möglichkeit im Ort. Gewartet, dass ihn einer vom Dach schupft. Den Arsch-Ferdl. Den Fiesling.)

Aber – wer?!

Der Bürgermeister Edelsbrunner? (Wegen seiner Frau Kathrin und der Sache mit dem Ferdinand vor drei, vier Jahren …, damals im Fasching?)

Der Schuldirektor Kemmetmüllner? – Am End‘ noch der Munzthaler, der Geschäftsführer vom Billa? – Krautgartner vielleicht, der Chef von der Kfz-Werkstätte, Reifenhändler und Feuerwehrhauptmann dazu? – Oder gar der Distriktsarzt, der Medizinalrat Piwonka? – Womöglich der krumme Mesner Stacherl? – Allesamt Träger hoher Würden – und gehörnter Häupter! (Und Letzteres alle durch den Ferdinand, diesen Filou!)

Nein, wegen irgendwelcher Weibersachen bringt kaum wer in Ortberg an der Zeder wen anderen aus der Gemeinde um. Nicht einmal den Ferdl Lurch, die Sau.

Außerdem: Von denen hätte sich wohl auch kaum einer aufs Dach getraut. Durchwegs Schwindler zwar, aber nicht schwindelfrei …

Ich hätte ihn, ohne Frage, ganz gern vom Dach geschupft, den Ferdinand Lurch. Und wenn es das Letzte gewesen wäre, was ich tun hätte können.

Aber – ich war’s nicht.

Und außerdem: Ich hab‘ ein Alibi.

Wie nämlich der Ferdinand vom Dach gefallen ist, war ich bei der rotblonden Grete.

Sie war ja immerhin meine Frau Meisterin.

Auch wenn ich sie wegen ihrer Unterwürfigkeit dem Ferdl gegenüber schon lang verachtet hab‘. So unterwürfig sein …, einem solchem Arsch gegenüber …

Wer es bezeugen hat können, dass ich bei ihr war?

Na – sie, die Frau Meisterin, die rotblonde Grete mit den grauen Strähnen dazwischen. (Aus lauter Kummer – die grauen Strähnen.)

Und auch die Emma und der kleine Fritzl, ihre Kinder also. Die haben ebenfalls alle bezeugen können, dass ich da war zu besagter Zeit, wie irgendwer den Ferdl-Arsch, ihren Vater, vom Dach geschupft hat. Ja. Die Kinder, die waren dabei, wie wir da um den Küchentisch gesessen sind im Haus vom Ferdl und von der Grete und geplaudert haben und Schnapstee getrunken.

Nur der Ferdinand, der älteste Sohn, der war nicht dabei.

Der wird doch seinen eigenen Vater nicht –

Nein! Wer schupft schon den eigenen Vater vom Dach?!

Tut doch niemand …

Oder doch?!

Also, was ich noch alles gern gemacht hätte …

Pfarrer Breitenauer.

Der Herr Pfarrer Breitenauer ist an sich ein gemütliches Haus. Mit seinem blond-weißen Haarkranz um die fleckige Glatze und den goldenen Brillengläsern über den flinken blau-grauen Augen. Besonders, wenn er beim Wein sitzt, abends, nach dem Samstag-Rosenkranz.

Die Sonntagspredigt hat er schon lang vorher zusammengefitzelt in seiner fast unleserlichen Handschrift. Den Computer will er dazu nicht benutzen. „Teufelszeug, das -!“, sagt er, der Herr Pfarrer Breitenauer. Dass man nämlich beim Computer alles so leicht wieder löschen kann und ausbessern, das schreckt ihn bis heute, den Herrn Pfarrer Breitenauer. „Teufelszeug, das -!“ Doch dann hat er doch einmal vor zwei, drei Jahren Lust gekriegt – aufs Internet nämlich. Und jetzt kann’s schon passieren, dass er oft nächtelang vor dem Kasten sitzt und googelt! Nur die Predigten, die fitzelt er weiterhin mit der Hand. („Das ist halt Tradition“, sagt der Herr Pfarrer Breitenauer, „meine Art von Tradition.“)

Da ist er also gesessen, vor sich das Papier, den Werbe-Kugelschreiber (von der ÖVP), Glas und eine Flasche vom guten Messwein. Direkt – romantisch … Und besonders jetzt, im Herbst, wenn die Nebel draußen oft ganz tief, fast schon auf dem Boden, dahinziehen wie dunkelgraue Vorhänge, und in der Stube bemerkst du dann nur einen matten Lichtschein (wenn überhaupt), der sich im bauchigen, glasierten Keramikkrug oder in der hohen grünen Weinflasche sowie im Glas widerspiegelt und die alten dunklen Bilder an den Wänden zum Leben erweckt. Das eine zum Beispiel, die drucktechnische Reproduktion von einem alten Stich, zeigend den greisen Stammvater Abraham, wie er just seinen geliebten Sohn Isaak opfern will nach Gottes Befehl. Aber da fährt ein Engel dazwischen und entwindet dem Alten das Schlachtmesser! Und ein Putto pinkelt auf die Feuerstelle, wo schon die Glut glost für das gottgefällige Opfer. Doch das Opfer ist ja jetzt nicht mehr gottgefällig und wird daher ausgesetzt … Aber -. Eine Banderole im unteren Bildteil verkündet: „Oh, Abraham, es is‘ all’s umsunst, weil dir da Engel ins Zündpfand’l brunzt.“

Der Herr Pfarrer Breitenauer nimmt bedächtig einen ziemlich großen Schluck. Prost. Amen.

Im Grund genommen, geht es doch immer ums Nämliche. Schuld und Sühne, Bestrafung und Gnade, denkt der Herr Pfarrer Breitenauer. Um das, was zu erwarten wäre, und das, was eintritt; weil sich wieder einmal die – für uns Menschenwesen so unbegreifliche – göttliche Liebe einmischt. Er, der Herr Pfarrer Breitenauer, hat ihn zwar nie ganz begriffen, den strafenden, den rächenden Gott. Noch mehr: Ihm ist dieses zürnende Überwesen immer fremd geblieben; weshalb er es auch nur ungern in seinen Predigten ausdrücklich erwähnt hat … (Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!) Manchmal freilich hat es sein müssen, und am Rächer und Bestrafer hat, sozusagen, kein Weg vorbeigeführt. Da hat man nichts machen können. Und auch der Herr Pfarrer Breitenauer hat nichts anderes manchen können, als drohen mit dem nun gar nicht so lieben Gott.

Aber wohlgefühlt hat sich der Herr Pfarrer Breitenauer nicht, wenn er den Rächergott im Mund geführt hat, der da die himmlischen Heerscharen in den letzten Kampf führt gegen den Teufel sowie seine ruchlosen Anhänger und Untergebenen; und der zu Gericht sitzt über die guten wie die schlechten Seelen. Dann hat ihn der Herr Pfarrer Breitenauer entsprechend angsteinflößend ausgestattet, den Allmächtigen in seinem Zorn. (Auch wenn er sich, wie schon angedeutet, über den Grund des Zornes nicht so ganz im Klaren war …) Dann hat er ihn denn also im Mund geführt. Donnernd, sozusagen. Und der Mund wurde ihm zu solchen Anlässen schmallippig; und war auch von keinem Lächeln (auch dem kleinsten nicht) weinselig gekräuselt. Nein.

Apropos Mund. Trocken. Er schenkt nach, hebt das Glas und trinkt. Prost. Hm.

Nicht so idyllisch freilich dieses Mal.

Die längst noch nicht fertige Predigt, im vorliegenden Fall nicht die vom Sonntag, sondern die Ansprache bei der Beerdigung vom Ferdinand Lurch am nächsten Nachmittag; die Predigt hat er vor sich auf der alten, rissigen, holzenen Tischplatte liegen, der Herr Pfarrer Anton Breitenauer. Die Kerben im alten Holz, die aussehen fast wie seine fitzelige Schrift, die inspirieren ihn ja eigentlich, die Kerben, den Herrn Pfarrer Breitenauer. (Die fehlen ihm beim Computer. Vielleicht schreibt er auch deshalb die Predigten nicht auf dem gescheiten Rechner?!) Ja, die Kerben inspirieren ihn sonst und im Allgemeinen.

Aber nicht immer.

Denn manchmal ist der Teufel drin in so einer Predigt, und sie will einfach nicht und nicht gelingen! Schöne oder unleserliche Handschrift, hin oder her.

„Wie ein Doktor …, oder wie ein Apotheker“, sagt die Zenzl oft, die Krezentia, die alte windschiefe Pfarrersköchin. „Dass Hochwürden da auch nur ein Wort lesen können!“, wundert sie sich, die Zenzl. Und das nicht nur ein Mal. Nein, auch nach Jahr und Tag mag sie sein Geschreibsel nicht und nicht entziffern. Nein, nein! Es nutzt nichts, was sie sich auch bemüht! (Obwohl sie so was von neugierig ist! Einmal die Predigt vor den anderen schon kennen … Ja, neugierig ist sie, die Zenzl – wie ein altes Weib, das alte Weib!)

Oh, er ist an sich ein gemütliches Haus, der Herr Pfarrer Breitenauer.

Aber jetzt muss er den Ferdl, diesen Lumpen, einsegnen, am nächsten Tag, der Herr Pfarrer Breitenauer. Und da hört sich sozusagen die Gemütlichkeit auf.

Nichts desto trotz – natürlich eine schöne Predigt muss er halten bei dem leidigen Begräbnis.

Worte I.

Der Welschriesling am Beginn wie mittendrin und überhaupt gehört zum Predigtfitzeln wie das abschließende Amen. Für den Fluss der Rede braucht der Herr Pfarrer Breitenauer (und vermutlich steht er damit nicht allein da!) sozusagen: unbedingt den passenden Wein. Den Messwein. Denn der ist unverfälscht, natürlich; sogar: biologisch. Und daher gleichzeitig auch – göttlich. (Denn wenn etwas göttlich ist, dann doch wohl das, wo bio- davor steht!)

Diese leichte Säure und das Wissen, dass er unverfälscht ist, geben dem Herrn Pfarrer Breitenauer die Sicherheit beim Formulieren, beim fitzligen. Denn gerade dort, wo es um Glauben geht, tut dazwischen ein bisschen Wissen immer wieder gut. Oh, ja! Sehr gut sogar! (Er wischt sich mit dem Ärmel der alten Soutane über die weinfeuchten Lippen.)

Und diesmal braucht er besonders viel Sicherheit und besonders viel Welschriesling. Denn einerseits gehört es sich, bei einer Verabschiedung was Gutes und was Schönes über den Dahingegangenen zu sagen, so schwer das einem auch fallen (und so wenig Gutes zu sagen sich auch anbieten) mag. Wie jetzt beispielsweise, wo es nun in der Tat kaum was Gutes und was Schönes zu erinnern gibt im Zusammenhang mit dem toten Ferdinand Lurch, diesem Arschloch, Gauner und brutalen Vergewaltiger. Gelobt sei Jesus Christus!

Deshalb tut er sich auch noch ein bisserl schwerer als sonst, der Herr Pfarrer Breitenauer beim Fitzeln auf dem blaulinierten weißen Papier im Format Din A 4. Jaja, der Casus ist ein diffiziler … (Gut, auch wenn man an die Möglichkeiten des Löschens und Korrigierens denkt, die ihm offen stünden, wenn er bloß am Computer schriebe, so täte er sich auch nicht leichter in diesem Punkt, der Herr Pfarrer Breitenauer. Am Computer, den er jedoch weiterhin nur zum Internet-Recherchieren benutzt, dickköpfig, wie er nun einmal ist, der Herr Pfarrer Breitenauer. Googeln – ja, Computer im Allgemeinennein.

Ja, auch der Casus ist nun einmal ein diffiziler.

Er ist auf keinem allzu freundschaftlich Fuß gestanden mit dem Latein, der Anton, damals im Gymnasium, beziehungsweise im Priesterseminar, auf das die eher ärmlichen Eltern, Kleinbauern mit sechs Kindern, ihn mit kirchlicher Vermittlung geschickt haben (schicken haben dürfen) ab 1957; und mit dem Altgriechischen schon gar nicht. Gebüffelt hat er diese teuflischen – weil’s wahr ist! – alten Sprachen, die ihren Atem, wie es ihm vorgekommen ist, längst schon ausgehaucht hatten. (Wenn er so hochtrabend gedacht und denkend formuliert hätte, was aber nicht der Fall gewesen ist. Die Fächer Latein und Griechisch haben ihn in Wahrheit bloß ordentlich angestunken. Teuflisch angestunken sogar! Und ein Jahr Verlängerung in der Schulausbildung haben sie ihm eingebracht, weil er sitzen geblieben ist in der 4. Klasse.)

Auch während des Theologiestudiums hat er Latein und Griechisch nie gemocht. Im Gegenteil. Und die hochtrabenden Formulierungen haben ihm außerdem und überhaupt (unter diesen Umständen) gar keine Freude bereitet. Ja, auch die ganze Studentenzeit hindurch hat sich für ihn, den jungen Priester in spe (?!) die lebhafte Vorstellung der Hölle nur allzu leicht mit der von Latein und Altgriechisch verbunden … Und, er schämt sich immer noch, wenn er dran denkt, später dann, in seinem Erprobungsjahr, da wäre er beinahe abgesprungen. Ja, abgesprungen. (Und nicht bloß wegen der hübschen Sonja, die er dort, in Innsbruck kennen und lieben gelernt hat …, auch prinzipiell und überhaupt!)

Aber – schließlich haben sich die Säfte wieder beruhigt, und auch die Zweifel sind zurück unter die Decke geschlüpft. Ein Mehr an Alkohol hat ihm (er kann es auch jetzt, Jahre später, nicht leugnen) allem Anschein nach dabei geholfen. Zumindest der sexuellen Triebhaftigkeit ist er solcherart leichter Herr geworden. Leber gegen Schwanz, wenn man so will.

Doch – zurück zu dieser verdammten Ansprache, die ihm, den Brüdern und Schwestern im Herrn und den Angehörigen des verunglückten Ferdinand Lurch sowie dem offenen, wie ein scheußlicher Schlund gähnenden Grab am nächsten Tag da bevorsteht. Ungefitzelt noch immer …, zumindest unvollendet in ihrer Fitzelhaftigkeit. Ja, dass dies hier ein diffiziler Casus sei, ist ihm dennoch klar. Er schenkt sich aus der halbvollen Flasche ins Glas nach. Prost!

Er hat, jetzt kommt’s ihm wieder einmal so recht zu Bewusstsein, sein theologisches Studium damals, im Jahr 1966 begonnen. Ein Jahr zuvor erst war das Zweite Vatikanische Konzil, das Papst Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli) anno 1962 einberufen hatte, unter dessen Nachfolger Paul VI. (Giovanni Battista Montini) zu Ende gegangen. Da ist es jedoch längst von der Basis her schon klar gewesen, dass man die heilige Messe – zumindest auch – in der Landessprache halten dürfe (ja: solle), künftig. Also: weniger Latein! Ein Segen! Das Sacrosanctum Concilium hatte diese Frage (neben anderen Fragen, etwa der Vergrößerung des Anteils an Bibeltexten in der Liturgie) recht pragmatisch gelöst. Und das, obwohl das Zweite Vatikanum an sich doch ausdrücklich den weiteren Gebrauch der lateinischen Sprache und des lateinischen Ritus gewollt hatte („… soweit nicht Sonderrecht entgehen steht“). Aber die Modernisierer, unten, hatten sich bald in überzeugender Weise nach oben hin durchgesetzt, und die „mit dem Volk gefeierten Messen“ wurden nun größtenteils in der Muttersprache zelebriert. Auch wenn das manchem gar nicht gefallen hat, etwa dem aufmüpfigen französischen Bischof Marcel Lefebvre, diesem später sogar exkommunizierten Traditionalisten, oder einem damaligen jungen deutschen theologischen Berater, nämlich: Joseph Ratzinger, der sich auch Jahrzehnte danach, anno 2007, also schon in seiner Funktion als Papst Benedikt XVI., erneut für die lateinische Sprache stark machen würde – mit seiner Empfehlung, die Gläubigen sollten gefälligst „die allgemeinsten Gebete in Latein“ kennen „und gewisse Teile der Liturgie im Gregorianischen Stil“ singen können müssen. Oh, das wurmt den Herrn Pfarrer Breitenauer noch bis heute! Wo er doch an sich auf den Joseph Ratzinger so große Stücke gehalten hat – anfänglich! Nur anfänglich, zugegeben … (Und singen?! Oh, Gott! Und noch dazu im Gregorianischen Stil?! Also, das mag er schon gar nicht …!)

Überhaupt, dieser Ratzinger!

Da ist der durch Jahrzehnte als Leiter der Glaubenskongregation quasi der Chefinquisitor gewesen. Dann, nach dem Tod von Johannes Paul II., 2005, selbst (und eher überraschend – oder auch nicht?! – egal) zum Papst geworden, tritt der doch glatt im Februar des Jahres 2013 zurück! Unerhört und ziemlich einmalig in der (an sich ja recht eigenartigen Geschichte des Papsttums). Anstatt brav und demütig, wie sein Vorgänger, den Tod im Amt zu erwarten!

Immerhin, auch seinen Rücktritt hat der Ratzinger in lateinischer Sprache bekannt gegeben. Konsequent, jaja, immer konsequent … Das imponiert dem Pfarrer Breitenauer dann fast wieder. Ein wenig zumindest. (Freilich, ein Einwand gegen Bendikt XVI. bleibt, Anton Breitenauers Meinung nach, ja doch bestehen: Warum wohl hatte er das Amt anno 2005 überhaupt angenommen?!)

Und dann wurde nach kurzem Konklave am 14. März 2013 Jorge Mario Bergoglio, der Erzbischof von Buenos Aires, ein argentinischer Jesuit, als Papst Franziskus zum Nachfolger Benedikts XVI. gewählt! Einer, der sich anschickte, einen neuen Wind in den verstaubten Vatikan zu blasen! Einer, der sich der Armen und Entrechteten anzunehmen versprach – und dem man das sogar glauben konnte! Und einer, der wie Johannes XXIII. auch stets ein sympathisches Lächeln um den Mund trug …

Aber – da muss also überhaupt gleich einer aus Latein-Amerika kommen!, hatte er sich da, innerlich erschaudernd, gedacht. Und: Dass er, der Pfarrer Anton Breitenauer, vorsichtshalber besser gleich einmal den guten alten Stowasser vom Dachboden des Pfarrhauses herunterholen sollte …

Aber: damals …

Jaja, damals, am Beginn der wilden 1960er Jahre! Dabei gewesen sind sie ja fast alle, damals in Rom, als man Religionsfreiheit und Dialog auf die katholischen Fahnen geheftet hat. Als alles im Zeichen der instauratio, der Erneuerung gestanden ist. Dabei gewesen sind sie, die Wichtigen und die weniger Wichtigen. Fast wie bei den Seitenblicken im abendlichen Fernsehen. Die tatsächlichen Reformer und die eher Konservativen. So wie eben der Ratzinger und der Lefebvre. Alle sind sie dabei gewesen … Klar, natürlich auch der junge Karol Wojtyla aus Polen, der spätere Papst Johannes Paul II. Dann der stets kränkelnde, aber sympathische Albino Luciani, der Patriarch von Venedig, dessen Pontifikat bloß dreiunddreißig Tage dauern würde und der als der stets lächelnde Papst Johannes Paul I. in die Annalen eingehen würde, eineinhalb Jahrzehnte danach, im Dreipäpste-Jahr 1978 … (Ja, da ist der Paul VI. gestorben, dann haben sie, wie gesagt, kurz darauf schon den Johannes Paul I. zu Grabe tragen müssen sowie den Johannes Paul II. wählen und installieren. Ziemlich viel Aufregung urbi et orbi, in Rom und in der ganzen katholischen Welt …)

Also, dabei auch immer viele rundherum, im Schatten der gerade im heiligen Zentrum Agierenden. Stets mitten drin auch der hochgeschätzte Franz König, der reformfreudige Kardinal aus Wien, der immer wieder einmal als papstwürdig gehandelt worden ist … Wie später, nach der Abdankung Benedikts XVI. ja auch der Christoph Schönborn. (Der Nachfolger des leider bei Weitem weniger großartigen Hans Hermann Groer, des angeblichen Kinderschänders im Kardinals-Rang. Da gilt die Unschuldsvermutung ausnahmsweise nur für die Kinder!)

Jaja, papabile … Prost, verehrte Eminenzen!

Warum er das alles geistig parat hat, der Herr Pfarrer Breitenauer? No, weil er im Internet nachgeschaut und versucht hat, sich ein wenig schlau zu machen über das große Konzil damals. Und da, beim Googeln, ist ihm aufgefallen, dass sich die Fernseh-Bilder von Peking, wo vor einigen Monaten erst, im Spätherbst, die Spitze der Kommunistischen Partei just zum angeblichen Generationenwechsel angesetzt hat, und die Bilder vom II. Vatikanum, damals Mitte der 1960er Jahre, so unähnlich eigentlich gar nicht sind. (Nur, was die vorherrschende Farbe betrifft vielleicht.) Und auch Erinnerungen an oft gesehene TV-Beiträge von prunkvollen Kreml-Sitzungen vor dem Fall der UdSSR und des Weltkommunismus (außerhalb von China, Nordkorea und Kuba, klar) und auch nachher, unter Wladimir Putin …, die haben sich aufgetan wie der Krater eines nie wirklich ganz erloschenen Vulkans … Der Herr Pfarrer Breitenauer hat’s eben nicht mit den Massen (und mit den englischen Heerscharen). Und sogar der Demokratie gegenüber ist er eher vorsichtig eingestellt.

Ja, doch: Ein gewisser Hang zum Hierarchischen ist ihm nicht abzusprechen, dem Herrn Pfarrer Breitenauer. Irgendwie schwebt ihm dann sogar (zumindest zwischendurch) die Illusion vom guten Führer vor. Also von einem etwas übersteigerten guten Hirten, nicht wahr?!

Ja. Das würde es wohl sein. Oder?! Hm. – Prost!

Aber gleich kommen ihm Bedenken. Wie kriegt man so einen guten Führer, bitte schön, dann wieder los, wenn er womöglich kein so guter Führer mehr ist? Wenn ihn seinerseits vielleicht die Macht korrumpiert hat (denn das kann sie, allemal)? Hm. – Nochmals: Prost!

Immerhin, der Papst Johannes XXIII. hat – nicht mit der dreistöckigen Tiara, sondern mit einer einfachen Mitra auf dem Kopf – den 2498 Konzilsvätern aus 133 Ländern und den vielen Beobachtern am 11. Oktober 1962 die Tore in den Petersdom aufgetan. Um eine pastorale sowie um eine ökumenische Erneuerung ist es ihm (und dem ganzen Konzil) gegangen. Und der sympathische pontifex maximus mit dem dauernd strahlend-verschmitzten Unschuldslächeln um den guten Greisen-Mund hat seine mutige Auftaktrede gehalten, die (wohl ehrlich gemeint) übertitelt war mit Gaudet Mater Ecclesia („Es freut sich die Mutter Kirche“).

Aber – hat sie sich gefreut? Wirklich gefreut?!

Und alles – in Latein! Oh, Gott! (Heiliger Stowasser, bitt‘ für uns!)

Gut, dann hat die instauratio (italienisch so hübsch aggiornamento genannt), die Erneuerung also, sogar zu einer Art inculturatio (zur Inkulturation, zumindest in einigen außereuropäischen Bistümern) geführt: Rom hat, mit anderen Worten, die Einwohner fremder Kulturkreise erstmals im Verlauf der Geschichte als Menschen wahrgenommen! Halleluja!

Und das sogar immer noch, nachdem der Nachfolger des 1963 verstorbenen Johannes XXIII., der um einiges strengere Paul VI., doch so ein Paar Zugeständnisse gemacht hat zwischen 1964 und 1971. Besonders, was das besagte Lesen der Messe in der jeweiligen Landessprache anbelangt. (Ausnahme: das weiterhin lateinische Ordinarium Missae, das bei besonders festlichen Anlässen angewendet wird. Da sollen sie von ihm aus ruhig in lateinischer Sprache herum-zelebrieren, denkt der Herr Pfarrer Breitenauer, der freilich im Allgemeinen erst gar nicht in Versuchung kommt, an einem ganz so hohen Hochamt mitzuwirken und mitzusingen!)

Gut. Die Vorstellung hat ihn schon irgendwie fasziniert, damals. Ja, da hat sein alter Katechet, der Franz Allbrecher, noch in Kogelhof, schon auch recht gehabt: Auf Lateinisch gelesen ist die Messe irgendwie feierlicher. Sie wirkt zumindest mysteriöser. So ein langes Hochamt, das erst dann aufhört, wenn man gar nicht mehr weiß, wann es angefangen hat, das hat schon seinen mystischen Reiz in lateinischer Sprache. Das Kirchenlatein und der Weihrauch. (Später, bei seinem ersten Joint, ist ihm der Geruch wieder so recht in die Erinnerungsnase gestiegen!) Latein. Ja. Ein bisschen verschwommen. Latein und Weihrauch. Von Anfang an, von dominus, vobiscum und et cum spiritu tuo bis zum erlösenden Ite, missa est am Ende.

Der gute alte Allbrecher war ja eigentlich auch schuld daran, dass er, der kleine Anton, überhaupt die Berufung in sich gespürt hat. Und vor allem: Sie, die Berufung, schon so früh in sich gespürt hat. Zum Priesteramt. Allerdings nicht so sehr für Latein und Altgriechisch. Aber: Liebt der Läufer die Hürden – oder den Lauf?! Na, eben.

Prost. Amen.

Eine Beerdigung soll etwas Versöhnliches an sich haben. Egal, was der Tote in Wahrheit auch für ein Arsch gewesen ist. Im Leben. Jetzt, als Toter, muss sich doch irgendwas suchen und auch finden lassen, was gut gewesen ist an ihm und was man daher in einer einigermaßen würdevollen (und nicht allzu scheinheilig wirkenden) Rede erwähnen kann. Ohne gleich schamrot werden zu sollen ob der aufgelegten Unwahrheit dieser Ansprache.

Ich kann mir schließlich nicht jeden Falotten schönreden, nur weil er jetzt tot ist. Ich kann aber auch schlecht sagen: „Brüder und Schwestern im Herrn, er war ein Lump, der Ferdinand Lurch!“ Auch wenn er natürlich einer gewesen ist! So denkt der Herr Pfarrer Breitenauer bei sich, im Innersten, während er zu Glas und Flasche greift.

Aber – soll ich der Gemeinde als Predigt folgendes geistliches Menü vorsetzen: „Vorspeise: Er war ein gottverdammter Weiberer! 1. Hauptgang: Ein Filou und ein Schürzenjäger! 2. Gang: Ein Gauner, meine Lieben! Beilage: Und ein Arschloch! Nachspeise: Ja, und die Hannerl hat er auch vergewaltigt, der schlitzohrige Schweinehund, der verschissene! Amen!“

Nein, denkt der Herr Pfarrer Breitenauer, ich muss was Gutes finden, was ich über den Ferdinand sagen kann. Zumindest was Neutrales. (Ohne dass alle innerlich lachen über mich.)

Dass er ein Familienmensch war? – Aber er hat doch seine Frau, die Grete, dauernd betrogen und geschlagen, außerdem! Und die Kinder, besonders die Emma auch und den kleinen Fritzl! (Nur den Ferdinand nicht mehr. Denn der hat ihm vor einem Jahr so eine getuscht, dass er drei Tage lang krank gewesen ist, der alte Lurch! Ja, vor dem ältesten Sohn, da hat er richtiggehend Spundus gehabt! Spundus hat er gehabt vor dem Ferdinand junior der Ferdinand senior! Ja, Schiss! Wie der Teufel vor dem Weihwasser! Nur – die Geschichte mit den Schlägen, die er vom jungen Ferdl bezogen hat, der alte Ferdl, die eignet sich aber schon so was von gar nicht zum Erzählen bei einem Begräbnis! Nein, rein gar nicht!)

Prost, der Herr Pfarrer Breitenauer will sich nachschenken, doch er merkt, dass die Flasche schon wieder leer ist (nein, exakter: dass die eben erst aus dem Keller geholte, zweite Flasche auch schon wieder leer ist). Also holt er eine neue aus dem Keller. Die Luft tut ihm gut. Er macht gern die paar Schritte. Er nimmt die Flasche schier väterlich in den Arm, und er trägt sie vorsichtig hinauf in sein Arbeitszimmer. Er öffnet die neue Flasche Welschriesling, den Messwein also, mit Bedacht und riecht mit leicht angespannten Nüstern am Korken. Aahhh! Gelobt sei Jesus Christus!

Dann endlich, nach Stunden des Hin und Her und vielen Welschrieslings, fällt es ihm ein: Er muss für seine Begräbnis-Ansprache einfach einen Weg finden zwischen Bestrafung und Gnade. Nur so kann es gehen! Ja! Halleluja!

Worte II.

Es ist ein sonniger, wenn auch kühler Herbsttag, der Tag, an dem der Friedhof schier überquillt vor lauter Ortbergerinnen und Ortbergern. Der Tag, an dem sie ihren Mitbürger, den vom Dach gefallenen Dachdeckermeister Ferdinand Lurch, ins Grab legen wollen. Dann müssen sie sich endgültig verabschieden vom Ferdl. Bis zum Jüngsten Tag – mindestens einmal.

Der schwarzgewandeten Witwe Grete mit der grauen Strähne im rotblonden Haar sieht man ihre 46 Jahre kaum an, wie auch die Trauer nicht um den Verlust des gewesenen Ehemanns (und unsensiblen Bettgenossen, des Schlägers und Wüstlings). Neben ihr die zwölfjährige Emma und der siebenjährige Fritz, die (oft genug geschlagenen und malträtierten) Kinder. Der 16jährige Ferdinand fehlt.

Neben und hinter Grete stehen Eltern und Schwiegereltern (so weit sie noch am Leben sind) und die nähere wie die weitere Verwandtschaft. Dann: Bürgermeister Horst Edelsbrunner mit seiner Gattin Kathrin, die, wie zu konstatieren ist – warum auch immer -, rotgeweinte Augen hat. Auch unter den Anwesenden: Leopold Untersteiner, der lang schon verwitwete Wirt vom Gasthaus „Zum Goldenen Löffel“ also, und die Kellnerin Sophie Herzberger, dann der halbwegs krumme Messner Isidor Stacherl, natürlich auch Schuldirektor Franz X. Kemmetmüllner mit seiner Ehefrau Maria-Theresia und den drei Töchtern – Felizitas, Veronika und Hildegunde. Ferner der andere Wirt, Willibald Raudaschl, der Chef von der „Grünen Gans“, mit seiner angetrauten Mathilde sowie mit dem Küchenchef Georg Hochgschwendtner und einer ganzen Kellner-Abordnung. Ebenso ist natürlich Distriktsarzt Medizinalrat Dr. Sigismund Pivonka anwesend, mit Gattin Gudrun; und auch der Billa-Geschäftsführer Dieter Munzthaler mit seiner Eva sowie mit der Tochter Soraya und dem Sohn Kevin. (Die Älteste, die 15jährige Angelika, fehlt seltsamer Weise beim Begräbnis.) Auch zu sehen ist, wie könnte es anders sein?, der stets umtriebige Kfz-Werkstätteninhaber, „Citroën“-Partner, Tankstellenpächter (BP) und Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr Ortberg an der Zeder, Gerald Krautgartner, mit seiner Frau Ursula und mit den Eltern sowie mit seiner verwitweten Schwiegermutter Ernestine Grambacher.

Und auch ich bin unter den vielen Trauergästen, deren Zahl, grob geschätzt, wohl in die Hunderte gehen dürfte. (Ich bin gekommen, obwohl ich überhaupt keine Trauer empfinden kann über den Tod dieses Arschlochs Ferdl! Im Gegenteil – irgendwie fühle ich mich sogar erleichtert. Vielleicht empfinden ja manche von den anderen ähnlich …?!)

Die Ortskapelle spielt eine dem Anlass entsprechende Musik, die jedoch in erster Linie verstimmt klingt. Man übt zu wenig, wie der Leiter des Ensembles, Volksschuldirektor Franz X. Kemmetmüllner auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit unumwunden zugibt. („Aber die sind ja alle so was von faul! Obwohl wir dreimal die Woche probieren …“)

Schließlich hebt der Herr Pfarrer Breitenauer mit seiner mühsam gefitzelten Ansprache an: „Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Es wird uns schwer ums Herz, geht es ans Abschied nehmen. Ans Abschiednehmen von einem Menschen, der uns nahegestanden ist. Und der Ferdinand Lurch ist uns doch allen in gewisser Weise nahe gestanden. Manchem von uns näher als anderen, aber immerhin: Nahe gestanden ist er uns allen. Irgendwie. Denn jeder, der ein Dach über dem Kopf hat, der hat es irgendwann auch mit dem Ferdinand Lurch zu tun bekommen. Immerhin war der Ferdinand ja unser aller Dachdecker. In gewisser Weise ist er also über uns gestanden …“ (Die Passage mit dem über uns gestanden hat dem Herrn Pfarrer Breitenauer selbst besonders zugesagt, obwohl sie ihm erst gegen Ende der dritten Flasche Messwein eingefallen ist. Oder vielleicht just deshalb …)

„Wenn ein Mensch, der uns besonders nah gewesen ist, nun nicht mehr unter uns weilt, dann müssen wir uns von ihm verabschieden. So ist es Brauch, und es ist wohl auch gut so. Verabschieden – für diese Welt freilich nur. Für diese Welt, nicht für die Ewigkeit. Und dazu heißt es, erst einmal nicht so sehr abzuwägen, was denn nun gut an ihm gewesen ist und was schlecht. Nein, meine liebe Pfarrgemeinde! Wichtig ist, was wir für uns und unser eigenes weiteres Leben lernen können und abschauen vom Beispiel, das uns durch ihn gegeben wird!

Ich bin mir dessen sicher, meine Lieben, der Ferdinand Lurch wird jedem von uns auf seine eigene Weise im Gedächtnis bleiben. Denn ein jeder hat andere Sachen erlebt mit dem Ferdinand. Wir haben ihn ja alle gut gekannt, den Ferdl. Und wenn er auch nicht selten aufbrausend war und oft ungestüm, so hat man sich doch auf ihn verlassen können!

Er hat auf seine Familie geschaut und für sie gesorgt. Und er war ein fleißiger Arbeiter. Da war er schon seiner Profession wegen ganz hoch oben!“ (Auf Profession und die Wendung mit ganz hoch oben war der Herr Pfarrer Breitenauer auch ein bisschen stolz, zugegeben. Profession kommt ja merkbar aus dem Lateinischen …)

„Er war ein Mann, der Ferdinand Lurch, und sein Wort hat gezählt.“

Dass ihn, den Herrn Pfarrer Anton Breitenauer, dann jedoch sozusagen der Hafer hatte stechen müssen bei seinem nächtlichen weinseligen Predigtfitzeln, hat jedoch all die bisherigen einigermaßen tauglichen Bemühungen, ein quasi neutralen Bild vom Dahingegangenen (oder besser: Hinuntergefallenen) zu zeichnen, ziemlich arg konterkariert. Denn nun kommt es: „Wie der Engel auf Befehl Gottes dem greisen Abraham in den Arm gefallen ist“, fährt der Herr Pfarrer Breitenauer nämlich fort, „so fällt er nicht immer und nicht jedem in den Arm, der bereit ist zu einem Opfer …“ (Jetzt merkt er: Oha! – Aber es ist mehr oder minder schon zu spät. Aus der Nummer da kommt er nicht mehr ‚raus …)

„… und da blitzt es auf, das Messer oder die Dachkante … Ja, und eh man’s sich versieht … Hie der gottergebene Vater, da der nicht minder gottergebene Sohn …“

Zugegeben, das Bild von Abraham und seinem Sohn Isaak (und dem von Gott im letzten Moment zurückgewiesenen Opfer dieses durch jenen) stellt nachgerade kein Ruhmesblatt in der persönlichen Ansprachen-Tradition des allseits beliebten Pfarrherrn dar. Will es doch, wie es scheint, so überhaupt nicht in den Zusammenhang passen. Doch die Art und Weise, in der er sich da schließlich herauszuwinden versucht, ist auch keine rhetorische Sonderleistung. Ganz im Gegenteil. Denn, bitte, was soll er jetzt mit dem Sohn anfangen? Wie den Isaak wieder aus der Erzählung hinaus-bugsieren ohne nennenswerte Schrammen?! Wie den Pontius wieder aus dem Credo eliminieren?!

Ohne, dass er ihn namentlich erwähnt hat – jetzt ist der Ferdinand junior nun einmal in der Ansprache drinnen. Dass er seit der Todesnacht des Vaters abgängig ist, weiß auch jeder in Ortberg an der Zeder. Und somit gibt es mit einem Mal wohl keinen mehr hier auf dem ganzen baumumstandenen Friedhof und darüber hinaus, der nicht an die Möglichkeit denken würde, dass der junge Ferdinand Lurch am Ende den alten Ferdinand Lurch –

Jaja, so denkt vermutlich mancher (ich zumindest tue es!), der junge Ferdinand Lurch hat sich nicht hindern lassen vom Lieben Gott, den ungeliebten Vater zu opfern! Im Gegenteil …

Hoffen wir, dass er’s doch nicht war, der den alten Ferdinand vom Dach geschupft hat, diesen Arsch! Hoffen wir’s! So mag der eine oder der andere insgeheim denken.

Als ob die Stelle aus der Genesis nicht so schon problematisch genug wäre! Immerhin ist die Forderung nach dem Menschenopfer, nach dem Opfer des geliebten Sohnes noch dazu (den der greise Abraham da gegen alle Wahrscheinlichkeit höchstbetagt gezeugt hat mit seinem nicht minder alten Eheweib Sarah), so schon ein harter Theologen-Brocken! Wie fügt sich nämlich das Erheischen des schauerlichen Tuns, auch wenn es bloß eine Glaubensprobe Gottes sein mag, überhaupt ins Bild vom liebenden und gnädigen höchsten Vaterwesen?! Schimmert da im Alten Testament nicht allzu deutlich, „polytheistisch und polydämonisch … die Religion Altisraels“ durch eine sozusagen halb-transparente Firnis-Schicht hindurch, die „der supranaturale Monotheismus der nachexilischen Zeit“ aufgetragen hat, wenn wir hier Karlheinz Deschner („Das Kreuz mit der Kirche“) zitieren wollen?

Ja, hätte der Herr Pfarrer Breitenauer nicht überhaupt daran denken müssen, dass just „die Geschichte der Opferung Isaaks … eine schreckliche Geschichte“ sei? „Einem Kind kann sie Albträume verursachen und selbst einen Theologen, der auf alles eine Antwort zu geben gewohnt ist, in Ratlosigkeit versetzen“, wie Uta Ranke-Heinemann („Nein und Amen“) es so treffend formuliert.

Also hieß es: Zurückrudern!

„Liebe Gemeinde! Glauben wir stets an die Liebe Gottes!

An die All-Liebe des Allmächtigen, auch wenn wir ihn in seiner All-Macht und in seinem All-Wissen nicht immer begreifen können!

Vertrauen wir darauf, dass gut getan ist, was Gott getan hat und noch immer tut!

Und bleiben wir stark im Glauben und im Gottvertrauen! Dann dürfen wir uns geborgen fühlen bei ihm und in seiner Obhut! Amen!“

Erleichtert, doch noch irgendein gleichsam rettendes Ufer gefunden zu haben, hechelte der Herr Pfarrer Breitenauer verbal dann noch durch Segen und Erdwurf („Asche zu Asche“ et cetera), um abschließend festzustellen, zwar einigermaßen echauffiert und mit ziemlich rotem Schädel, doch immerhin noch weitgehend unverletzt zu einem halbwegs katholisch-vernünftigen Ende gekommen zu sein. Na, servus!

Tatsache.

Wie sich nach ein paar Tagen herausstellt, ist jedoch alles ganz anders gewesen. (Und ich hätte ihn also ohnehin gar nie umbringen müssen, den Lurch! Auch gut so …)

Also, der Ferdl, der Arsch, ist wieder einmal bei der Eva Munzthaler gewesen, um mit ihr gemeinsam die Abwesenheit ihres Mannes (und dessen Cognac, Marke „Rémy Martin“) zu genießen. Im Schlafzimmer im ersten Stock. Doch der Billa-Geschäftsführer ist früher, als erwartet, nach Hause zurückgekommen. Und der schon beträchtlich alkoholisierte Ferdinand Lurch hat, unten im Haus sind schon bedrohlich die nahenden Schritte Dieter Munzthalers und sein Raucherhusten zu vernehmen gewesen, den Fluchtweg durch das Schlafzimmerfenster auf das Dach hinaus nehmen müssen. Neblig ist es gewesen und feucht … Dort, auf den Eternit-Platten, ist er abgerutscht, der Ferdinand Lurch. Und hinuntergefallen. In die Tiefe.

Direkt in den Tod.

Der Junior-Lurch? Der ist ein paar Tage nach dem Unfalltod des Vaters, pikanterweise gemeinsam mit der jungen Angelika Munzthaler, in Oberitalien, knapp hinter der Grenze bei Tarvis, aufgegriffen worden, als sie sich gerade auf dem Weg nach Venedig befunden hatten. Das junge Pärchen war schon einige Monate ein solches (und wohl auch – wie bei diesen Eltern kaum anders zu erwarten – entsprechend frühreif und sexuell aktiv), wovon jedoch weder ihre noch seine Familie etwas geahnt hatte.

Nichts ist es also gewesen mit dem umgekehrten Abrahams-Opfer. (Und überhaupt: Hätte es Gott diesmal befohlen und/oder zugelassen?!)

Nichts.

So oder so nicht.

E N D E

Hinweise und Literatur (Auswahl):

Für die erwähnte Bildinschrift („Oh, Abraham …“) verfüge ich über keine genaue Quellenangabe. Die Legende wurde zu meiner Kindheit gerne und zur allgemeinen Erheiterung (!) in der Familie erzählt; nicht zuletzt wohl wegen ihres leicht anrüchigen Gehalts (Urinieren in die Zündpfanne!) – in einer verbal diesbezüglich eher noch zurückhaltenden Zeit.

Jean-Claude Carrière, Relativität zum Tee. Ein Besuch bei Einstein. München 2009.

Karlheinz Deschner, Das Kreuz mit der Kirche. Eine Sexualgeschichte des Christentums. 11. Aufl. Düsseldorf – Wien 1974.

Evelyn Finger/Christiane Florin/Patrik Schwarz, Der frohe Botschafter. In: Dossier Glauben & Zweifel. Die Zeit, Nr. 50, 3. Dezember 2013.

Vinzenz Hamp/Meinrad Stenzel/Jsef Kürzinger (Hg.), Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Augsburg 1994.

Internet.

Uta Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität. 2., erw. Aufl. München 2003.

Dies., Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum. 9., erw. Aufl. München 2002.

Stowassers Lateinisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. Wien 1930.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*