V e t t e r n –

w i r t-

s c h a f t

Eine Erzählung

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2012 ff.

(ENDFASSUNG: 2016)

An einem frühen Junimorgen 1872 ermordete ich

meinen Vater – eine Tat, die mich damals tief

beeindruckte. (…) Mein Vater und ich waren in der

Bibliothek unseres Hauses und teilten eben die

Erträge eines Einbruches, den wir in dieser Nacht

begangen hatten.

Ambrose Bierce, Ein unvollständiger Brand

*

I: Haushalt Raumgreiff

Sogar der Umstand, sein scheinheiliges Getue erst gar nicht kaschieren zu wollen, sei Isidors grenzenloser Blasiertheit geschuldet, dachte Aurel oft, wenn er – naturgemäß bloß bei sich – wieder einmal besonders streng mit dem ungeliebten Cousin ins Gericht ging. Der Künstler hatte es nämlich längst bis da her: Ihm war, kurz gesagt, alles zuwider am Herrn Prälaten, was mit dessen Auftreten, der übertriebenen Lebensführung oder den selbstgefälligen Äußerungen Isidors zu tun hatte. Der Vetter, diese katholische Made im Speck, kotzte den linksliberalen (wenn es so etwas denn überhaupt gab?!) Kreativen und Freigeist schlicht und ergreifend an. Mitunter hätte er den klerikalen Heuchler erwürgen mögen; zermalmen zwischen den Fingern wie eine Wanze; ihn in die Luft schießen (oder zumindest dorthin, wo der sprichwörtliche Pfeffer wuchs).

Isidor gebärdete sich mitunter freilich auch wirklich zu arrogant. Und angesichts seiner erwiesenermaßen hohlen, gleichsam vorgespielten Priesterschaft wirkte die Aufgeblähtheit, die der Prälat an den Tag legte, in den Augen seines Vetters nur noch abstoßender.

Überhaupt, Isidors Spiritualität … Die hatte für den Cousin allenthalben etwas von einem Potemkinschen Dorf an sich. (Immerhin wusste Aurel, was bei seinem nach außen so glänzenden Verwandten tatsächlich dahinter steckte – nämlich wenig; wenn nicht gar nichts. Ja, Isidors pseudo-spirituelles Getue glich einem Präservativ, das der vorgebliche Asket seiner in Wirklichkeit ungehemmten Sinnenlust sicherheitshalber überstülpte.)

Anstatt ein einigermaßen heiligmäßiges Leben zu führen, waren Isidors Art und Verhalten zumindest als nur mäßig heilig zu bezeichnen. Für Aurel gab der selbstherrliche Prälat einen Klerikal-Arsch schlechthin ab, für den auf Grund seiner bloß neureichen Abstammung, der Primitivität und der erwiesenen Halbbildung weitaus besser die Bezeichnung Prolat gepasst hätte.

Da mochte Isidor hundertmal sein gönnerhafter Hausherr sein, der dem Aftermieter Aurel schon öfter auf die schäbigste Weise demonstriert hatte, was er von ihm, dem bildenden (ergo: weitgehend brotlosen) Künstler, und seinesgleichen in Wahrheit hielt. (Zugegeben, es lebte sich – auch für den Maler und Bildhauer Aurel, dessen Kunstausübung in Wahrheit gar nicht so ganz erfolglos vonstatten ging – recht angenehm im Palais Raumgreiff, wie der große Baukomplex nach den vormaligen Besitzern, der Familie der angeblich dereinst hochdekorierten Reichsgrafen Pütz von Raumgreiff, so durchaus passend und protzig hieß. Und besonders sein Atelier konnte sich ohne Frage sehen lassen. Auch war es ihm Arbeitsstätte, Quelle der Inspiration und Refugium in einem.)

Die einzige Erdung, und das war an sich immerhin positiv zu bewerten, erfuhr der blasierte Geistliche Isidor Hopfgartner übrigens durch seine Haushälterin (und heimliche Geliebte durch Jahrzehnte) Veronika Blaumichl. Ja, dieses gewesene dralle Landkind hatte auch jetzt – in ihren Vierzigern immer noch sauber und angenehm anzusehen, außerdem gescheit, überaus tüchtig und umgänglich bei allem angeborenen und dazugelernten resoluten Auftreten – das Herz (und auch sonst alles) durchaus am rechten Fleck.

Veronika und vor allem ihre (und des Prälaten illegitime) Tochter Maria machten dem kritisch-kantigen Künstler Aurel das Leben hier, im herrschaftlichen Palais Raumgreiff, eigentlich erst erträglich. Sonst hätte er wohl längst schon dem ungeliebten Verwandten sein Adieu! auf unmissverständliche Art zugerufen und wäre stante pede aus dem pseudo-vornehmen verwandtschaftlichen Umfeld geflüchtet. Aber besonders Maria, die im Glanz ihrer gerade einmal zwanzig Jahre erstrahlte, veranlasste ihn, den – zugegeben: sehr – verliebten Onkel, notgedrungen in der verhassten Nähe des grosso modo schon ziemlich flachhirnigen Cousins auszuharren, inmitten der Vetternwirtschaft, wie er den Haushalt bei sich gern und treffend nannte.

Dabei war sich Aurel nicht einmal so recht bewusst, was ihn am gut zwanzig Jahre älteren Cousin besonders ärgerte. War es die Überheblichkeit des selbstgefälligen Gottesmannes und sein apodiktisches Gehabe, die sich sowohl in grundsätzlichen Diskussionen äußerten als auch, wenn es bloß um Tageskleinkram ging? Oder war es sein geradezu enervierendes Getue in Fragen seiner geistlichen Deszendenz? Denn dass er just nach einem heiligen Isidor benannt war, wurde er nicht müde hervorzuheben, wollte es wer hören oder auch nicht. Ach ja, sein Vorname ging nicht etwa auf Isidor, den einfachen, indes glaubensstarken spanischen Bauern zurück, sondern – man wusste schließlich, was sich gehörte! – auf dessen Kollegen, Isidor, den Edelmann aus Sevilla. Selbstverständlich vergaß der Prälat nicht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit anzumerken, dass just dieser Isidor im Jahr 2001 vom damaligen Papst zum Schutzpatron der Internetsurfer und Programmierer ernannt worden sei. Fürwahr, welch ein kühner Neuerer – dieser Johannes Paul II.!

Doch Isidor war nicht der alleinige Grund für Aurels Verstimmung. Auch sonst durchkreuchte und durchfleuchte allerhand Geschmeiß und Gesindel die prunkvollen spätbarocken Hallen und Stiegenaufgänge; Gelichter der übelsten Sorte … Etwa ein äußerst unguter alter Spezi des Prälaten, ein Freund schon aus den Zeiten, als sie gemeinsam das Priesterseminar besuchten, der schleimige Emanuel Pfingstl; ein mehrmals bereits wegen diverser sexueller Übergriffe auf minderjährige Ministranten strafversetzter Träger der Soutane. Wie der Prälat war auch dieser missglückte Kleriker, „unser Un-Würdenträger“, nannte ihn Aurel hinter dem Rücken des Päderasten, ein Studienkollege des amtierenden Bischofs. Und da die feinen Herren – so vermutete es zumindest der Cousin – ein paar gemeinsame Leichen im Keller liegen hatten, versuchte man vom Ordinariat aus, für den pädophilen Bumser immer wieder irgendwelche entlegene Pfarreien ausfindig zu machen, wo er dann erneut sein menschenverachtendes Unwesen treiben konnte. Angeblich glitten seine Obsessionen sogar ins Tierische hinüber, und seine diesbezüglichen Aktivitäten betrafen auch Kühe, Kälber und Geißen. (Doch stellt bekanntlich der Tierschutz noch weniger ein Anliegen der katholischen Amtskirche dar, als es die Obsorge für menschliche Schutzbefohlene ist. Leider.)

Auch ein weiteres gleich unweigerlich wie störend immer wieder in Erscheinung tretendes Anhängsel, nämlich der asthmatische Dr. Rochus Bernbeuschl, gehörte nicht zu Aurels Freunden. Allein, dass der schon ziemlich senile und offensichtlich längst der Trunksucht verfallene Medizinalrat die ganze Zeit mit unverhohlener Lüsternheit sowohl Veronika als auch ihre Tochter Maria – zumindest mit den Augen – zu verschlingen schien, ärgerte den linken Artisten bis aufs Blut.

Und wie zur Vervollständigung dieses schauderhaften Szenariums schier pandämonischen Ausmaßes gab es noch den MMag. (theol. et iur.) Jonathan Rotz, seines Zeichens scheinheiliger Sekretär beim Prälaten. Dieser kuriose Hirnkrepierer und Geistes-Niemand, der in Aurels Augen spielend alle Anlagen zu einem zweiten Molièrschen Tartuffe mitbrachte, komplettierte das schauderhafte Gemälde aufs Eindrücklichste, als das sich das Palais Raumgreiff darstellte.

Aurel fand das, wie ganz oben schon angemerkt, nicht selten zum Kotzen.

*

Aurel Zinkwaerders Missmut wurde freilich sogleich hinweggefegt – etwa von einem einzigen lieblich-huldvollen Augenaufschlag seiner schönen Nichte Maria oder durch ein freundliches, ihn und seine prekäre interfamiliäre Position stärkendes, ein ihm beipflichtendes Wort von deren Mutter Veronika her. Oder durch deren unvergleichliche gefüllte Henne, ein überaus superbes Festtagsessen, bei dessen Zubereitung sich die exquisite Köchin in aller Regel schier selbst übertraf.

Zu besagtem delikaten Edel-Huhn muss ergänzend gesagt werden, dass die an sich vorzügliche Zubereiterin kulinarischer Spezialitäten und Kochkünstlerin ersten Ranges, Veronika also, dieses Gericht eigentlich speziell für Aurel zubereitete; basierte das (zwar im Grund recht einfache, indes schlichtweg großartige) Rezept immerhin auf den Aufzeichnungen seiner verstorbenen Mutter Roswitha, die diese, nicht minder des optimalen Kochens Kundige, ihrem Sohn überliefert hatte. Zur Information: Roswitha, die den aus Westfalen stammenden Physiker Ernest W. Zinkwaerder geheiratet hatte (und später mit ihrem Gatten gemeinsam auf grässliche Weise verunglückte), war eine geborene Hopfgartner und hatte zu recht als Lieblingsnichte von Isidors Mutter Thusnelda gegolten; die ihrerseits eine geborene Lehmbiegl gewesen war. (Familien sind so.)

Nun, in der Bewunderung von Veronikas Kochkünsten sahen sich sogar so unterschiedliche Typen einig, wie es der linksliberale Künstler Aurel, der üble Kirchen-Karrierist Isidor, der ungustiöse After-Priester Emanuel, der ständig alkoholisierte Mediziner Rochus und der philiströse Parasitär-Schleimer Jonathan nun einmal waren. Zu allem Überfluss hatte eine (für Aurel geradezu peinliche, mit Sicherheit aus einer diabolischen Idee Isidors entsprungene) Attitüde dazu geführt, dass die Herren dereinst zu vorgerückter Stunde und im Rahmen einer üppigen Silvesterfeier (gefüllte Roswitha-Henne et cetera!) auch noch das Du-Wort ausgetauscht hatten! Dermaßen fraternisiert, waren sie somit zu allem Überfluss verpflichtet – zumindest vorgeblich -, freundschaftlich mit einander umzugehen. Freilich, Aurels immer noch ziemlich heißspornigem Auftreten sei gedankt: Die Diskurse und Streitereien zwischen den Vettern mitsamt dem inferioren Anhang hatten es auch so durchaus in sich. Da flogen die verbalen Fetzen, und manche Beleidigung wurde, mal höflicher umschrieben, mal direkter formuliert, in die nicht selten äußerst hitzige Debatte geworfen.

Doch Veronika Blaumichls Kulinarik und der Liebreiz ihrer Tochter Maria glätteten in aller Regel die in wildem Seegang wogenden Wellen alsbald wieder. Und spätestens bei Mokka und Cognac fanden die Herren erneut zu höflichem Betragen zurück. Lediglich der alte besoffene Medicus fiel nicht selten aus dem Rahmen und vom Sessel. Doch auch darüber sah man gnädig hinweg.

*

Bei den Zusammenkünften im Prälaten-Palais, bei denen sich der klerikale Großkotz auch manches kulturelle Federchen an den Hut zauberte und sich gern als großzügiger und selbstloser Kunstmäzen feiern ließ, tauchte zwischendurch immer wieder ein recht origineller Journalist auf, Karl-Hans Kleinschurz, seines Zeichens Kulturchef einer der vier wichtigeren Tageszeitungen der Provinzhauptstadt. Er führte dem angeblich Kultur-affinen Priesterfreund außerdem die für solche Veranstaltungen notwendigen attraktiven Jungkünstlerinnen und theatralen wie musikalischen Nachwuchskräfte zu; aber auch arrivierte Kreative und beklatschte Ausübende, mehr oder minder prominente Mitglieder verschiedener (unter einander zumeist bis aufs Messer konkurrierender) Künstlervereinigungen sowie der besseren Theaterensembles der Stadt, des Opern- und des Schauspielhauses und der Kabarettszene; soweit gerade deren Repräsentanten überhaupt als Prälaten-konform angesehen werden konnten und sich nicht etwa zu kritisch äußerten.

Aurel Zinkwaerder mochte den Charly, wie der rundlich-rührige und schier omnipräsente Mann des flüchtigen Wortes von guten Bekannten genannt wurde. Denn der in Maßen gefürchtete Rezensent und Kunst-Kommentator wusste manche bizarre Insider-Story zu erzählen und wartete mit oft delikaten Anekdoten aus dem Kulturleben auf. Für Kleinschurz wiederum war Aurel einer der ganz wenigen wirklich ernstzunehmenden Kreativen allhier; er sah in ihm die Ausnahme im Fischteich des Mittelmaßes und zudem den bissigen Hecht zwischen träge dahingondelnden Fettkarpfen. Ja, für Charly stellte Aurel mehr als bloß eine Hoffnung dar: Er war, das sah der Fachjournalist mit Kennerblick, ein handwerklicher Könner, kritischer Künstler und überaus phantasievoller Erfinder. Summa summarum also eine rare Erscheinung, wie es der Kulturschreiber treffend ausdrückte.

Zudem war Charly seinerseits ein fesselnder, weil knochentrockener Schilderer der kulturellen Gegebenheiten, Auswüchse und Abnormitäten. Dabei satirisch bis zum satten Zynismus und einer, der beinahe druckreif parlieren konnte. Und: Auf Charly passte das für den großen Anton Kuh geprägte Wort vom Sprachsteller wie kaum auf jemanden sonst. (Um als Schriftsteller tatsächlich zu reüssieren, hinderte den Kulturjournalisten just seine zeitraubende skriptorale Haupttätigkeit. Deshalb erschienen zu Lebzeiten des auch sonst jeglichem Genuss in weiblicher, in irgendwie kulinarisch-fleischlicher und vor allem in alkoholischer Form gegenüber offenen Hedonikers lediglich zwei dünne Lyrikbände im Druck: „Krause Nachtgedanken“ und „Ins offene Messer“. )

Charly war also ein begnadeter Stegreif-Fabulierer. Und so erzählte er eines schönen Abends auch von einer recht erstaunlichen Pressekonferenz, die unlängst stattgefunden habe.

Vorausgeschickt sei, dass es immer noch am aussichtsreichsten ist, Journalisten mit Geld oder, meinetwegen, mit goldenen Uhren, vielleicht auch mit teuren Mobiltelefonen oder ähnlichem digitalen Schnickschnack zu bestechen. Besser nicht jedoch, wie die folgende kleine Geschichte zeigt, mittels Nutten. Nein, mit ein paar abgetakelten Huren gratis ist nämlich beim Durchschnittslohnschreiber heute zutage kaum mehr Eindruck zu schinden. Und der Schuss kann folglich durchaus nach hinten losgehen.

Um noch ein wenig ins Detail einzudringen: Eines der beiden alljährlich abgehaltenen Festivals, auf die besonders die Kulturpolitiker und sonstigen Geschickelenker unseres Gemeinwohls ((c) by Charly) vor Zeiten so stolz gewesen waren, nämlich jenes, das angeblich die Avantgarde-Kunst auf sein Banner geheftet hatte, war allmählich leider durchaus merkbar in die Jahre gekommen und stand daher längst nicht mehr unbestritten, zentral und up to date im Fokus des allgemeinen Interesses.

Um diesem Übelstand (zugegeben, um einen solchen handelte es sich hier tatsächlich!) abzuhelfen, hätten sich mehrere Möglichkeiten angeboten. So wäre zum Exempel von den Geldgebern, also von Bund, Land, Stadt und von den Haupt-Sponsoren, eine effizientere Festspielleitung zu beauftragen gewesen; oder man hätte das meist wenig belangvolle Programm wenigstens punktuell attraktiver gestalten müssen; vielleicht wäre auch eine Nachdenkpause angebracht gewesen, während der man auf die Abhaltung des zunehmend faulen Zaubers überhaupt verzichtete. Et cetera.

Doch der aktuelle, in erster Linie: windige Festival-Intendant setzte – auf diese Art war letzten Endes ja auch er selbst zu seinem, diesem Posten gekommen – weiterhin auf allgemein übliches Gemauschel und auf die Kraft der wie überreifer Camembert aus allen Käsefugen triefenden Protektion, auf ebenfalls zum Himmel stinkende Freunderlwirtschaft also und anderes, bestenfalls in Halbseide Gehaltenes. Was insgesamt bloß deshalb irgendwie funktionierte, weil nun einmal fast alle, auf die es ankam, daran beteiligt waren (oder darauf hofften, in Zukunft einmal ebenso davon profitieren zu können wie ihre von Fett schier triefenden Vorbilder, die zur Zeit gerade unverschämt flachhirnig, hohlköpfig und dickbäuchig am Melken der Subventionskuh waren).

Daher auch, wir kommen zum Punkt, die Verlegung der Programm-Medienkonferenz in ein Bordell und die hinter vorgehaltener Hand versprochenen Bums-Abos, Vögel-Nachlässe und Fick-Rabatte für die geilen Presseleute und die brünstigen TV- und Hörfunk-Heinis.

Doch die Sache ging gehörig in den (abzulegenden) Slip.

Charly erzählte: „Ein Manko, unter dem die (ohnehin bloß in Maßen) kühne Idee zu leiden hatte, war allein schon der Zeitpunkt der Medienkonferenz. Wer geht schon gern am späten Vormittag berufsbedingt in einen Puff?! Auch wenn es dann was umsonst gibt, törnt der Termin doch eher ab. Und so fühlten sich die Damen und Herren Journalisten a priori unwohl. Besonders die Kolleginnen fanden die Aktion zudem reichlich anti-feministisch; nota bene hatte man nicht daran gedacht, auch für sie entsprechende, wenigstens einigermaßen attraktive sexuelle Angebote bereitzustellen. Kurz, nicht einmal das gender mainstreaming funktionierte. Eierspeis und Sekt um elf Uhr früh konvenierten als Menüvorschlag zudem durchwegs nur bedingt. Und so verpuffte im Wortsinn der grundsätzlich gutgemeinte Gag mit den Freifahrten ins Glück mit Madame Yvonne und ihren Girls, die angeblich schon im Separee auf liebeshungrige Freier unter den Kollegen warteten …

Einen Höhepunkt erreichten die Peinlichkeiten freilich, als mitten in das mühsam dahinplätschernde Mediengespräch hinein ein älterer Sportjournalist (Ressortchef eines der bekannteren Blätter), sichtlich angetrunken, halbnackt und quasi absolviert, aus einem der Zimmer torkelte. Er hatte Stunden bei der schwarzhaarigen Nadja, alias Pupsi, verbracht, einer der jüngeren Liebesdienerinnen aus der Ukraine. Ein an sich freundlicher und umgänglicher Kollege, gerngesehen an allen einschlägigen Stammtischen, weil unter anderem des durchaus anmutigen Spiels auf der Mundharmonika (in unseren Breiten auch Fotzhobel genannt) mächtig und auch sonst für jeden Schabernack zu haben. Nun jedoch begann er aus wenig heiterem Himmel die Kollegenschaft aufs Gröbste zu beschimpfen und zu beleidigen. Schließlich musste Rudi H. durch die muskelbepackte Security des Hauses der Freuden verwiesen werden.

Jedenfalls endete alles eher tumultös. Und weit entfernt vom erhofften positiven Effekt.“

Soweit Charly, durchaus süffisant.

Fortsetzung folgt!

 

II: Das Geheimnis des Buches

Dass sich Aurel – besonders während vieler Nachtstunden, wenn er nicht schlafen konnte und (warum auch immer) nicht malen, zeichnen oder modellieren wollte – in der überaus geräumigen Bibliothek aufhielt, hatte schon Tradition. Und diese Vorliebe wurde sogar von seinem ungeliebten Vetter (wenn auch kopfschüttelnd) immerhin kommentarlos und ohne dumme Anspielungen akzeptiert. Schon mit etwas über zehn Jahren, als der spätere Künstler nach dem verhängnisvollen Autounfall seiner Eltern als Waise in die Obhut des um gut zwanzig Jahre älteren, damals also fünfunddreißigjährigen Cousins und der schon greisen Tante namens Alberta, die als ein gestrenger weiblicher maior domus über das Palais Raumgreiff mitsamt Gesinde, Mobiliar und Vergangenheit herrschte und gebot, aufgenommen wurde, galt ihm just die ausgedehnte Büchersammlung als adäquates Rückzugsgebiet. Ja, hier fand der allein schon durch den Verlust der unmittelbaren Familie Traumatisierte und Entwurzelte ein echtes Zuhause. Und sehr bald schon wurde ihm so die Bibliothek zum unschätzbaren Ort, wo er sich wirklich wohl fühlen konnte, zu seinem wahren Märchenreich der Phantasie! Daran sollte sich all die Jahrzehnte nichts ändern; außer dass inzwischen die (zuletzt ziemlich wunderliche) Tante Alberta längst gestorben war und der wenig geliebte, zum Prälaten avancierte Vetter das alleinige Sagen im Palais Raumgreiff hatte und hier mit seinen sinistren Freunden und Vertrauten ein nicht selten mehr als obskures Regiment führte.

Aurel liebte es, allein und ungestört die alten schönen Folianten zur Hand zu nehmen, in den bibliophilen Schätzen zu wühlen und sich an den mannigfaltigen Absonderlichkeiten der Buchkunst zu delektieren, die diese zum Teil tatsächlich an Raritäten keineswegs arme Sammlung aufwies. Wie es für einen Bibliomanen nun einmal üblich war, hielt sich die Lust am Lesen und Gustieren – am Suchen, Aufspüren und Entdecken bestimmter Stellen – in den alten (und auch in den neuen) Büchern mit dem puren Anschauen und lustvollen Be-Greifen der Exemplare dabei die Waage.

Die Bibliothek, die besonders einer der letzten Vorgänger im Haus, der mit Aurels und Isidors Familie weitschichtig verwandte und angeblich ziemlich spezielle Reichsgraf Ewald Pütz von Raumgreiff, in einigen Abteilungen umfassend ergänzt hatte, konnte durchaus als Gesamtkunstwerk gelten. Dabei war es nicht die Zahl der Bücher, die (auch Außenstehenden) so besonders imponierte; das Quantum von gut fünfzehntausend Werken war in der Tat nicht das so besonders Aufsehenerregende daran. Nein, es war die scheinbar bunte, im Wortsinn vielseitige Ausrichtung der Anlage; ja, das flapsig gesagt: ein wenig wie Kraut und Rüben wirkende Sammelsurium, das gerade den so ganz besonderen Charme dieser Bibliothek ausmachte. Und – ihr Eigenleben

Seinen Neigungen entsprechend, hatte Pütz die erstaunliche Büchersammlung der weitgefächerten Art, die auch mit mehreren durchaus wertvollen mittelalterlichen Inkunabeln und sogar mit ein paar Urkunden aus der karolingischen Ära sowie Beispielen frühen (typographischen) Buchdrucks mit beweglichen Lettern aus der Gutenberg-Zeit aufwartete, stets um besondere Stücke und ausgesprochene Raritäten erweitert. Da gab es eine ganze Reihe von beachtlichen Erstausgaben; dann eine formidable kleine Sammlung Erotica und auch sonst allerlei bibliophile Spezialitäten; daneben theologische und philosophische Streitschriften sowie politische Pamphlete; natürlich Beispiele aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen; aber auch kuriose Exemplare aus dem Gebiet der frühen Reiseschriftstellerei; dazu sogar kaum sonst wo auffindbare frühe Kriminalromane und Gothic Novels (etwa ein Exemplar der Erstauflage von Mary Wollstonecraft Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ von 1881 sowie eine rare Ausgabe von Bram Stokers Vampirroman „Dracula“) und dazu auch noch durchaus erstaunliche Beispiele esoterischer beziehungsweise okkultistischer Hervorbringungen. Nicht zu vergessen: manche wahre Rarität aus dem Bereich des Schrifttums über Alchemie und diverse Rand-Phänomene.

Kurz: die Raumgreiff-Bibliothek war ein Born des Vergnügens für jeden Büchernarren!

Dass sich in vielen der Werke Widmungen – entweder der Autoren, der Erstbesitzer oder prominenter Benutzer –, Anmerkungen und Randnotizen fanden, erhöhte die Exklusivität noch. Und auch die mit alten Ölbildern, Aquarellen und Arbeiten in Pastellfarben (meist waren dies Porträts derer von Raumgreiff in diversen Epochen sowie Stillleben und nicht selten skurrile Genre-Darstellungen), Gobelins und orientalischen Teppichen sowie überaus hübschen Kleinmöbeln ausgestatteten Räumlichkeiten, in denen das Reich der Bücher untergebracht war, strahlten einen beinahe schon unirdischen Reiz aus – zumindest für jemanden, der dafür empfänglich war.

Und genau so einer war Aurel.

*

Aurels, des oft ruhelosen Nachtlesers, besondere Wertschätzung fanden die gut sortierten Abteilungen der Deutschen Romantik, aber auch der englischen und US-amerikanischen Erzählkunst sowie deren Pendants in französischer und italienischer Sprache (in meist vorzüglichen Übersetzungen oder sogar in zweisprachigen Ausgaben). Und der ruhelose Lesegenießer vermochte sich, ausgestattet mit viel wachem Geist und viel gutem Rotwein, mit Sorgfalt, Genuss und Hingabe seiner durchaus unterschiedlichen und variantenreichen Lektüre zu widmen.

Da taten sich dem Neugierigen, um Wissen Bemühten nicht nur literarische Welten in ihrem außergewöhnlichen Reiz auf, sondern er fand wie spielerisch sogar Übergänge und Brücken zwischen den verschiedenen Gedankeninseln und narrativen Positionen. Ein Kosmos des vielfältigen Schreibens wie Empfindens eröffnete sich dem universellen, um so viele Dinge bemühten Künstler; ein Kosmos, den vorgeblich totes Papier zu tausendfachem Leben erweckte.

Wenn man bedachte, wie stark – zum Beispiel – einerseits die US-Amerikaner Edgar Allan Poe oder Ambrose Bierce auf die europäische Erzählkunst des 19. und 20. Jahrhunderts (zurück-)wirkten, die beide andererseits jedoch nicht weniger stark von Europa beeinflusst worden waren, erschlossen sich aus dieser Betrachtung allein schon viele Überlegungen und zum Teil sogar neue Sichtweisen auf das Phänomen der gegenseitigen Beeinflussung der Dichter und Schriftsteller generell; von Oscar Wilde und Stéphane Mallarmé bis zum Universalgenie unserer Tage, zu Umberto Eco.

Neben den Biographien der Autoren waren es dann vor allem die Erzählpositionen, die sich Aurel in ihrer erstaunlichen Vielfalt erschlossen und offenbarten; und die den auch selbst nicht selten und mit Bedacht und Lust das schreibende Gewerbe ausübenden Künstler (wenn darin auch, sozusagen, Fremdgänger und zurückhaltender Dilettant) von Mal zu Mal mehr faszinierten.

Übergänge und Brücken. Übersetzte nicht just Charles Boudelaire die meisterlichen Erzählungen des genialen Poe ins Französische, dessen Schaffen wiederum ohne die wichtigsten Romantiker Deutschlands, etwa E. T. A. Hoffmann, Wilhelm Hauff und Heinrich von Kleist, undenkbar gewesen wäre? Hatten einander Wilde und Mallarmé, der schillernde Literatur-Dandy von der Themse und der wohl kaum viel weniger schillernde Vertreter der Décadents an der Seine, immerhin schon in den 1880er Jahren in Paris kennengelernt, die beide circa zehn Jahre später den bewegenden Stoff rund um die Enthauptung Johannes‘ des Täufers (wieder-)aufnehmen sollten: dieser in seiner „Hérodiade“, jener in seiner (in Paris selbst und zunächst französisch abgefassten) „Salomé“? Alttestamentarisch-Erotisches, gebrochen durch den schwül-sinnlichen Blick und die verbotene Lust an der schwerduftenden Verderbtheit, wie sie das Fin de Siècle prägten …

Dass sich Hinweise auf den Stoff schon bei Heinrich Heine (im „Atta Troll“) finden, muss da gar nicht weiter verwundern …

Überhaupt: Wie ging man doch – gelinde gesagt – salopp mit den schon einmal veröffentlichten Ideen der werten Kollegenschaft um! An das anrüchige Wort Plagiat sollte da am besten gar nicht erst gerührt werden; auch wenn Entlehnungen, die den Umfang harmlosen Zitierens bei weitem überschritten, gang und gäbe waren. (Immerhin stammt plagiieren vom spätlateinischen Wort plagiare ab, was eigentlich „Menschenraub begehen“ heißt …) Man denke an den vom profunden Oscar-Wilde- (und James-Joyce-)Biographen Richard Ellmann angeführten Disput zwischen dem englischen Erfolgsliteraten irischer Abstammung und seinem Freund Robert Rosse zum leidigen Thema, worin Wilde sich folgendermaßen äußert: „Mein lieber Robbie, wenn ich in jemandes Garten eine Riesentulpe mit vier Blütenblättern sehe, bin ich gezwungen, eine Riesentulpe mit fünf wunderschönen Blütenblättern zu ziehen – was freilich nicht heißt, dass nun ein anderer eine Tulpe mit nur drei Blütenblättern ziehen soll.“

Und man erinnere sich auch an Bertolt Brechts ziemlich ruppigen Hinweis im Zusammenhang mit den Querelen in Sachen „Dreigroschenoper“, als ihm der prominente Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr vorgeworfen hatte, für einige Songs Texte von Francoise Villon verwendet – oder vielleicht gleich: entwendet – zu haben, ohne diesen beziehungsweise dessen Übersetzer Klaus Anton Ammer (K. L. Ammer) als Quelle zu nennen. Er nehme es nun einmal nicht so besonders genau mit der literarischen Urheberschaft, erwiderte Brecht. „Dies wiederum erkläre ich mit meiner grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“. (So zitiert bei Detlef Bluhm in seinem gescheiten und informativen Buch „Von Autoren, Büchern & Piraten“.)

Natürlich, die Sache hatte längst ihre unrühmliche Geschichte.

Das Plagiat dürfte nämlich beinahe so alt sein wie jegliche künstlerische Tätigkeit selbst. Und es trieb (und treibt) alldieweil die seltsamsten Blüten, wobei manches, um beim botanischen Bild zu verweilen, ärgstem Wildwuchs zuzurechnen ist.

Unvergesslich bleibt in literarischen Kreisen vermutlich der Coup des damals weitgehend unbekannten jungen Wilhelm Hauff, der anno 1825 mit „Der Mann im Mond oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme“ zwar eine überaus gelungene Imitation eines von Erotik knisternden Liebesromans vorlegte, dies indes unter dem Namen des Parodierten, also Heinrich Clauren (= Karl Gottlieb Samuel Heun) selbst, tat! Just der Trivialliterat und Vielschreiber Heun aus Berlin, rühriger Herausgeber, Redakteur, später politischer Spitzel beim Wiener Kongress, noch später dann Geheimer Hofrat und zuletzt im Brotberuf hoher Postbeamter, war allerdings einer der erfolgreichsten und meistgelesenen Autoren der Zeit. Sein Sujet, ausgebreitet in meist schlüpfrig-schwülen Liebesgeschichten, erfreute sich größter Beliebtheit beim Publikum. Er war sauer. Obwohl (oder: gerade weil) die Kritik das Werk als den bisher besten Clauren bezeichnete!

Es kam, wie vom Berliner Schriftsteller angestrebt, zum Plagiatsprozess, den Hauffs Verleger, Friedrich Franckh in Stuttgart, auch prompt verlor; doch war da gleichzeitig ein literarischer Stern aufgegangen! Da der Romantiker Hauff, dessen Märchen sich noch heute größter Beliebtheit erfreuen – man denke nur an „Zwerg Nase“, „Kalif Storch“ oder „Das kalte Herz“ – , schon anno 1827 (mit erst 25 Jahren) starb, hatte der überaus fruchtbare Autor allerdings nicht viel davon …

Aufsehen erregten indes auch die Fälschungen des schottisch-gälischen Nationalepos „Ossian“ durch den englischen Verleger James Macpherson um 1770 herum und die des finnischen Pendants dazu, der „Kalevala“-Dichtung, die der poetisch infizierte Arzt Elias Lönnrot circa siebzig Jahre später aus diversen alten Liedtexten und Versen klitterte. Auf den „Ossian“ lässt Goethe immerhin seinen Romanhelden Werther richtiggehend abfahren; und gemeinsam mit Johann Heinrich Merck gibt der spätere Dichterfürst im Jahr 1777 sogar die vierbändigen „Works of Ossian“ heraus. (Zitiert nach Walter Fuld, „Das Lexikon der Fälschungen“; siehe auch Rüdiger Safranski, „Goethe“.)

Gänzlich ins Kuriose (und vom Plagiat in die gewerbsmäßige Fälschung) kippt die Sache allerdings beim sogenannten welfischen Schwan Julie Schrader: Im Fall des wilhelminischen Fräuleins ist es der Großneffe, der Herausgeber Berndt W. Wessling, dem die meisten der leicht schlüpfrigen Verse mit ihrem auf unfreiwillig getrimmten Humor zur Lust gelegt werden. Dass hier eine längst verblichene, ziemlich romantisch bis einigermaßen naiv ausgerichtete Dame auch noch als männermordender Vamp und intime Freundin der virilen Prominenz ihrer Zeit (von Carl Sternheim und Frank Wedekind über Leo Fall und Paul Lincke bis Arno Holz und Börries von Münchhausen) herhalten muss, wirkt indes, zugegeben: zumindest geschmacklos.

Literarische und philosophische Brücken schlagen.

Oh, ja, darin war Aurel Zinkwaerder geübt.

So empfand er die Schreibart des von ihm hoch verehrten Amerikaners Ambrose Gwinnett Bierce in gewissem Sinn als Vorwegnahme der (europäischen) DADA-Bewegung. Und von der wiederum hätten, so kam es zumindest Aurel vor, die französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts (sogar einige Existentialisten!) wesentlich mehr zu übernehmen verstanden, als etwa die meist bierernsten und staubtrockenen deutschen (und österreichischen). Weshalb er im Zweifelsfall auch gern mal zu Jean Baudrillard, Alain Finkielkraut oder André Glucksmann griff und Peter Sloterdijk oder gar Konrad Paul Liessmann lektüretechnisch lieber bei Seite ließ.

Allerdings hielt sich Aurel, was seine Lesevorlieben betraf, überhaupt (und wohl mit Recht) für einen Freigeist. Einiges allerdings war, sozusagen, festgefügt, da blieb er quasi eisern. So war ihm etwa Ephraim Kishon immer noch lieber als Ernst Jünger, zog er den Theodor W. Adorno aus verständlichen Gründen dem Martin Heidegger meilenweit vor und gab sich lieber mit Arthur Schopenhauer denn mit Karl Marx ab. Auch Arno Schmidt las er mit Inbrunst – und Vergnügen; und dass er über seinen Karl Valentin nichts hätte kommen lassen, müsste eigentlich nicht extra erwähnt werden; auch nicht, dass er in den genialen Exponenten der Neuen Frankfurter Schule (F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K. Waechter) die folgerichtige Fortsetzung valentinesker Denkweise spürte.

Darin schon mag sich freilich zeigen, dass Aurel, wäre er nicht als Kreativer gleichsam mit Haut und Haar der Malerei und Bildhauerei verfallen und nur sporadisch im skriptoralen Bereich quasi und im besten Wortsinn als begabter Amant dilettantisch tätig gewesen, ohne weiteres auch an die Philologie, Philosophie und Germanistik hätte verloren gehen können … Ausflüge in schriftstellerische Gefilde gab es, wie gesagt, immer wieder. Und diese nicht selten etwas abenteuerlich verlaufenden Extra-Touren kamen ihm meist sogar ausgesprochen lohnend vor.

Doch zurück zu Bierce. An diesem superben US-amerikanischen Literaten der Extraklasse, dessen Aphorismen („Das Wörterbuch des Teufels“, ab 1881) nun tatsächlich ein Glücksfall an zynisch-satirischer Verknappung sind und die er ohne weiteres dem „Handorakel“ des Balthasar Gracian zur Seite stellte, das ihm in der Übersetzung von Arthur Schopenhauer zur Verfügung stand, gefiel ihm schon allein der Umstand, dass sein Lebensende im Dunkel lag: Der originelle Autor von bizarren Fabeln sowie Storys aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und exquisiten Horrorgeschichten blieb im Jahr 1914 auf einem mexikanischen Kriegsschauplatz verschollen, wohin sich der über siebzig Jahre alte Schriftsteller begeben hatte …

Besonders in den (in der Tat fabulösen) Fabeln des Ambrose Bierce spürte Aurel Zinkwaerder den Geist eines Kurt Schwitters, Daniil Charms‘ und des gesamten DADA vorweg schon wehen.

Und keineswegs als liebliches Äolsharfen-Gesäusel.

Nein. Das war nun in der Tat kein laues Lüfterl.

Da stürmte es dann schon eher und grummelte bedrohlich im Gebälk.

*

Bei einer seiner nächtlichen Exkursionen, da Aurel von innerer Unruhe gepackt war – seine sich immer deutlicher konturierende Zuneigung zum gerade erblühenden Mädchen Maria und die damit verbundene Seelenpein des Mittvierzigers machten sich von Mal zu Mal stärker bemerkbar! – und die Bibliothek aufgesucht hatte, um sich womöglich hier ein wenig abzulenken und an diesem im Allgemeinen auf ihn so beruhigend wirkenden Ort den geplagten Kopf freizubekommen, bei einer seiner nächtlichen Exkursionen also war er auf ein in Leder gebundene Buch gestoßen, das ihm zuvor wohl noch nie aufgefallen war. Auf dem Titelblatt stand (ziemlich lapidar) Das Buch. Als Untertitel war Vetternwirtschaft vermerkt. Seltsam, dachte er. Dann schenkte er sich aus der Flasche guten französischen Rotweins, die auf seinem speziellen Schreibtisch (neben Laptop, Drucker und Leselampe) thronte, einen kräftigen Schluck ins schöne Kristallglas und trank bedächtig. Seltsam.

Bei näherer Betrachtung entpuppte sich das Werk als eine Art Lebensbuch. Es war, anders gesagt, eine mehrere hundert Seiten lange Erzählung oder Novelle, vielleicht sogar ein Roman. Eine Erzählung, die es allerdings in sich hatte: Es war nämlich sein Leben, das hier nacherzählt wurde!

Weit über ein Tagebuch hinausgehend, auch was Stil und Ausdruck betraf, schilderte Das Buch sein, also Aurels bisheriges Dasein. Die Kapiteleinteilung, ordentlich in der Inhaltsangabe vermerkt, sowie die – einigermaßen satirisch übertitelten – Themen-Bündelungen in einer Art Vorwort, das erstaunlicherweise mit drei Punkten () endete, fielen ihm gleich am Beginn der Lektüre auf. Außerdem war das Werk mit einem ordentlichen Index versehen, der zudem rasche Übersicht und das Finden von wichtigen Namen, Orten und Sachbegriffen ermöglichte. Der auf den Seiten drei und vier angegebene Verlagsname sagte Aurel sonderbarer Weise zunächst gar nichts: Adtesolum. Doch, und das machte ihn stutzig, als Erscheinungsjahr war das seiner Geburt vermerkt, vervollständigt durch den irgendwie wissenschaftlich wirkenden Zusatz ff.

Adtesolum. Ad te solum. Jetzt dämmerte es ihm allmählich …

Ein rascher Blick auf die letzte Seite informierte Aurel, dass der Inhalt des Werks bis zum betreffenden Tag, an dem er es gefunden hatte (!), reichte und, was noch erstaunlicher war, mitten in einem Satz aufhörte ().

Nächte später, als er wieder nach dem Buch griff, war Wichtiges, das sich in der Zwischenzeit ereignet hatte, hinzugekommen, samt Hinweisen im Inhaltsverzeichnis und im Index. Wobei es völlig unklar blieb, wie das druck- und bindetechnisch überhaupt möglich sein konnte.

Oder hatte da am Ende der finstere Prälat Isidor seine unsauberen Hände im Spiel? Handelte es sich womöglich um einen bösartigen Klerikal-Jocus? – Nein, der Vetter war zu wenig erfinderisch für so was, schlichtweg zu dumm sogar! – Aber vielleicht der feine MMag. Rotz, dieser parasitäre Komiker, der aus der St. Gallener Gegend (recte: aus einem eidgenössischen Dorf zwischen Oberuzwil und Herisau) stammte? Doch – der Aufwand … Und die Intimkenntnisse?! – Hm.

Aurel fand ansonsten jedoch Stil und Ausdrucksweise des (noch) unbekannten Schreibers durchaus gelungen, und auch die Darstellung als solche gefiel ihm ganz außerordentlich, da der skriptorale Mr. Unknown allem Anschein nach die Ironie liebte und optimal einzusetzen verstand – wie er selbst. Ja, wäre es nicht zu abwegig, so hätte er mit dem Gedanken spielen mögen, tatsächlich selber der Autor des Werkes und auch der mysteriöse Verursacher der permanenten Buchveränderungen zu sein. Allerdings hätte dies vorausgesetzt, gleichzeitig den Verlust des eigenen Verstands zu akzeptieren. Und so weit war Aurel denn doch (noch) nicht.

Was den nächtlichen Leser allerdings, unabhängig von so überspitzten Spekulationen und immer aufs Neu irritierte, war der Umstand, dass das Buch, wie schon angedeutet, in der Zwischenzeit gewachsen war …, und dass es kontinuierlich weiter wuchs. Egal, durch wen oder was.

Nun wusste man in der Tat von den verschiedensten Arten, verrückt zu werden und den Verstand zu verlieren. Und die Bibliophilen (oder gar die Bibliomanen, zu denen sich Aurel nolens volens zu zählen bereit war) schienen längst nicht gefeit davor, sich gezwungenermaßen der Schar der potenziellen Irren – etwa durch ihre unverhältnismäßig intensive Zuneigung zur Sache des Buches – zuzurechnen. Sie warteten dabei übrigens mit keinerlei wesentlichen Unterschieden zu süchtigen Bildersammlern, krankhaften Porzellanliebhabern oder unbändigen Fans obskurer Pop-Künstler auf.

Denn jede zu ausschließliche Liebe (an welches Objekt auch immer verschenkt), jede außerhalb der Grenzen der Vernunft praktizierte Anbetung barg letztlich die Chance des Überschnappens in sich.

Und Aurel liebte nun einmal seine Bücher! (Abgesehen von seiner Nichte, die immerhin längst auch schon zu einer Obsession in seinem Dasein geworden war und ein Grund mehr zum Irre-Sein.)

Wirklich überrascht – nein: schockiert! – war Aurel indes, als mit einem Mal, da hatte er schon durch ein paar Wochen immer wieder in seinem Buch weitergelesen, die Eintragungen mit einem Mal über den Ist-Stand, also den betreffenden, jeweils realen Tag in seinem bisherigen Leben, hinausgingen; als sie somit in die Zukunft wiesen! Als das Hinzugefügte also nicht mehr Nach- und Eintrag war, sondern eindeutig über die Qualität der Prophetie verfügte!

Er wusste, nun würde es haarig werden. Denn was er da gedruckt und somit zu lesen vorfand, betraf das, was erst geschehen würde. Und: Er musste konsequenterweise irgendwann sogar gewärtigen, nicht nur diverse tatsächlich kommende Entwicklungen und Begebenheiten beschrieben und geschildert vorzufinden, sondern sogar sein Todesdatum schwarz auf weiß vor sich zu erblicken …!

Davor allerdings graute es Aurel Zinkwaerder.

Noch.

*

Die Angst vor dem gedruckten Wort. Sie lauert hinter allem Geschriebenen und Gebundenen, sogar alles digital Notierte hat sie längst schon fest in ihren Klauen. Das mag einerseits damit zusammen hängen, dass Ge- (und vor allem: Unter-)schriebenes im Allgemeinen als rechtsgültig angesehen wird; und solcherart dem, der ge- oder unterschrieben hat, quasi jederzeit als Bumerang ins Genick zurückschlagen kann. Zum anderen scheint sich das aufgeschriebene Wort, der Rechtssatz sozusagen, allein schon dadurch über viele Jahrhunderte eines fast mystischen Wertes erfreut zu haben, da die Fähigkeiten zur Formulierung und schlichtweg zur Schrift nicht zu allen Zeiten allen Menschen in der selben Weise und im selben Ausmaß (gleichsam demokratisch) gegeben waren.

Heute, da sich das Abendland im Zustand des zweiten Analphabetismus befindet, sind die Regeln wiederum etwas verrückt worden; diejenigen, die kaum ihre Unterschrift unter den Mobiltelefon-Kontrakt zu malen imstand sind, telefonieren, mailen und simsen, wie das Versenden einer Nachricht per SMS (Short Message Service) verharmlosend genannt wird, stundenlang vor sich hin; und was Konto und Hirn hergeben. Da werden munter Geschäfte getätigt, Bestellungen besiegelt und Abmachungen rechtsgültig fixiert. Und – Verbal-Schrott wird abgesondert und transportiert.

Wenn man bedenkt, dass etwa zur Zeit der Karolinger oder der Merowinger manche der glorreichen Herrscher, des Schreibens unkundig, lediglich mit einem Strich, den sie ihrer vorgefertigten Signatur noch hinzufügen mussten, mit weitestreichenden Rechtsfolgen urkundeten, scheint es naturgemäß wie eine Lappalie, dass da mancher heutige Simpel simpel per Mausklick oder Handy-Tastendruck noch weiter in den ohnehin schon längst munter begonnenen Ruin rutscht.

Allein, und damit zurück zum Buch, die Angst der herrschenden Schichten vor dem geschriebenen (und später dann: vor dem gedruckten) Wort ist verständlich, betrachtet man den enormen Einfluss, denn zum Exempel schon die gesprochene Rede, zumal am rechten Ort und zum rechten Zeitpunkt, auf das politische, religiöse, kulturelle oder gesellschaftliche Geschehen hatte. Cato des Älteren legendäre Dauerforderung, die er im Römischen Senat vortrug und die uns Plutarch überliefert hat, nämlich das rhetorisch donnernde Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, führte, gemeinsam mit anderen außen- und machtpolitischen Überlegungen, letztlich tatsächlich zum 3. Punischen Krieg und anno 146 vor unserer Zeitrechnung zur Zerstörung Karthagos; der Anschlag von Martin Luthers 95 Thesen an die Nordtür der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 löste die Reformation mit aus (allerdings schon im Zusammenwirken mit Gutenbergs neuer Druckvariante mittels beweglicher metallener Lettern und den sich daraus ergebenden ungeahnten Möglichkeiten der Vervielfältigung des geschrieben Wortes in Buch und Pamphlet); die Französische Revolution, Marx‘ politische Theorien, der Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus oder der von Parolen begleiteter Marsch Maos an die Spitze Chinas – um nur einige prägnante Beispiele im Schnelldurchlauf zu streifen –, sie wären ohne die Macht des Worts, besonders ohne die des vervielfältigten Worts, kaum möglich gewesen.

Hatten sie einmal die Macht im Staat fest in der Hand, so wandten sich die vormaligen Revolutionäre freilich umso kraftvoller (in Wahrheit: umso ängstlicher …) gegen es: Kein Wunder, mussten sie als die jeweiligen Führer von Reichen, Ländern und Nationen doch just dieses Wort, das ihnen kurz davor noch zur Machtergreifung so dienlich gewesen war, nunmehr fürchten wie der sprichwörtliche Teufel das nicht minder sprichwörtliche Weihwasser! Und nicht von ungefähr verschwinden wohl die Pressefreiheit und die Veröffentlichung der politischen (Anders-)Meinung, das Versammlungsrecht und in der Folge die Oppositionen als erstes nach erfolgreichen Umstürzen. (Man wird sich den Thesen der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu und James A. Robinson, wie sie dieselben in ihrem wichtigen Buch „Warum Nationen scheitern“ [deutsch: Frankfurt am Main, ²2014] dartun, dass nämlich in erster Linie der exorbitante Einfluss der extraktiven Institutionen sowie das Fehlen kreativer Zerstörung zum Untergang der Reiche und Staaten führen, gerne anschließen; man wird indes auch noch hinweisen wollen auf die nicht zu unterschätzende Bedeutung des Wortes in diesem Zusammenhang.)

Sie „möchte gern ein Zeugnis haben“, nämlich vom Tod ihres Mannes, fordert die raffinierte Marthe Schwerdtlein vom ebenfalls mit allen Wassern (außer vielleicht: dem sogenannten Weihwasser …) gewaschenen Mephistostopheles in Johann Wolfgang von Goethes „Faust I“: „Wo, wie und wann mein Schatz gestorben und begraben. / Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen, / Möcht‘ ihn auch tot im Wochenblättchen lesen.“

Von den antiken Aufzeichnungen auf Stein, Papyrus und Pergament bis zu Gutenbergs typographischem Druck, dieser unerhörten Medienrevolution im 15. Jahrhundert, dauerte es seine Zeit. Und die Etappen bedeuteten jeweils eine gewaltige Veränderung, ja, eine Umwälzung in der Menschheitsgeschichte. Das Spatium vom Buchdruck bis zu E-Book und Kindle wirkt dagegen, zugegebener Maßen, vergleichsweise kurz. Doch immerhin beschreibt dieser Schritt zugleich auch den von der analogen zur digitalen Technik.

Der Zugriff auf früher ausschließlich bibliothekarisch abruf-, überprüf- und erwerbbares Wissen über Internet und in der Folge über E-Book-Reader beziehungsweise Smartphones könnte daher einer interessierten User-Gemeinde womöglich ungeahnte zusätzliche Möglichkeiten für den Bildungszuwachs, für eine neue Nachschlagekultur und für zeitgemäße Wissensvermittlung wie auch für das Auffrischen von früher schon einmal Gelerntem eröffnen.

Nur wäre dazu erst einmal (wieder) waches, reges Interesse vonnöten; was freilich durch weitgehende Bildungsferne konterkariert wird.

Und eine neue Generation von tatsächlich smarten Netz-Benützern sollte dann bald einmal einen Status, der sich im Herunterladen von – im weitesten Sinn musikähnlichen – Geräuschen erschöpft, hinter sich lassen und vielmehr über den reinen Spaß an der Computer-unterstützten Freizeitvernichtung zu einer durchaus animierenden und nützlichen Beschäftigung mit den tausendfachen Chancen und den gigantischen zukunftsorientierten Ressourcen hin finden.

Egal freilich, was auch immer und wie es geschehen würde, nicht nur der Buchhandel selbst, sondern letztlich jeder Leser (oder User entsprechender digitaler Geräte) sollte sich – Aurel folgte hierin dem Sachbuchautor Detlef Bluhm („Von Autoren, Büchern & Piraten“, Düsseldorf 2009) – in Zukunft gefälligst auf einen bedeutenden Strukturwandel einstellen.

Dazu bedürfte es dann allerdings erst recht eines mehr als bloß rudimentären Beherrschens der Sprache. Und da sollten die zur Zeit leider üblichen SMS- oder Mail-Standards doch ein wenig angehoben werden, fand Aurel. (Ohne, metaphorisch gemeint, ein Smiley [oder sonst ein emotional icon] zu setzen …)

Aurel gehörte überhaupt zu denen, die sich eine Welt ohne Bücher erst einmal gar nicht vorstellen konnten – und wollten. Da mochte man Mobiltelefon, Computer und Laptop noch so sehr gelten lassen oder in ihren mannigfaltigen Anwendungsbereichen sogar durchaus benützen und schätzen; doch für ihn und seinesgleichen würde wohl auch weiterhin ein Zauber ausgehen vom geschriebenen, besonders vom gedruckten Wort. Und vom Duft des bedruckten Papiers …

Daher wollen wir hier nochmals aus Goethes „Faust I“ zitieren (aus der Studierzimmer-Szene):

Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,

Kann man getrost nach Hause tragen.

Fortsetzung folgt!

 

III: Maria oder Das Liebes-Paradoxon

Seine eigene (wenn auch: inoffizielle) Nichte, wenn die Verwandtschaftsbeziehung in Wahrheit auch noch um einiges komplizierter und, bedingt durch die berufliche Position von Marias Vater, dem Prälaten Isidor Hopfgartner, nach außen hin irgendwo in nebulöser Illegitimität lag, seine eigene Nichte zu lieben und womöglich sogar ehelichen zu wollen, stellte immerhin ein gewagtes Unterfangen dar. Dessen war sich der glühende, ja: liebestolle Onkel Aurel durchaus bewusst.

Wie sich Veronika, Marias Mutter (und Isidors Geliebte seit gut zwei Jahrzehnten), Aurels Plänen gegenüber verhalten würde, hätte sie erst einmal Wind davon bekommen, war nicht abzusehen.

Nicht einmal, dass Maria überhaupt ansatzweise seine, also die Gefühle eines über zwanzig Jahre Älteren, zu erwidern bereit wäre, hätte er hieb- und stichfest sagen können. (Beschwören? Ja. Aber darauf wetten? Nein!) Zudem hatte er bisher nicht einmal den Mut aufgebracht, ihr gegenüber auch nur in Andeutungen auf die delikate Causa hinzuweisen. Zu einem tatsächlich klärenden Gespräch fehlte es dem sonst so redegewandten und wortgewaltigen Künstler eindeutig an Mut.

Da darbte er lieber seelisch vor sich hin und empfand sich – in, zugegeben, etwas überspannten Momenten – als zweiter Giovanni Boccaccio; nicht, was sein poetisches Geschick, sondern vielmehr, was sein amouröses Missgeschick betraf. Hatte der Florentiner nicht als 25jähriger sein Herz an die schöne (aber verheiratete) Maria von Aquino verloren, als er ihrer anno 1338 (wie Klaus Thiele-Dohrmann in seinem Buch „Ruhm und Unsterblichkeit“ [Weimar 2000] eindringlich schildert) in der Kirche San Lorenzo zu Neapel ansichtig geworden war? Als Fiammetta geisterte die Dame, die sich alsbald einem anderen Liebhaber zuwandte, dann sogar durch mehrere Erzählungen und Gedichte des auch sonst auf dem Gebiet der Liebe wenig Glückhaften. Immerhin begründeten Fiammetta und andere unglückliche Lieben Boccaccios Vorhaben, ein umfangreiches Werk „Über berühmte Frauen“ zu verfassen. Allein, inwieweit entsprachen sie, die darin alle aufgeführt und registriert werden, von der Urmutter Eva bis Penelope und Lucrezia, sogar Medea und Semiramis, auch nur entfernt Aurels Maria? Nein, solche Vergleiche brachten de facto nichts.

Doch dass er Maria über alles liebte, spürte er in jeder Faser seines überreizten Wesens. Er litt einfach – vom Gefühl her. Und war sich dessen bewusst – was den Intellekt betraf. Ja, doch!

Er liebte sie! Nur sie! Und nicht nur, dass die Erinnerungen an seine gehabten Beziehungen (soweit er sich ihrer überhaupt zu entsinnen vermochte) angesichts des kaum zwanzigjährigen Mädchens im wahrsten Sinn des Wortes verblassten, hätte es seinem Dafürhalten nach ohnedies keine von denen auch nur im Entferntesten mit ihr, mit Maria, der Einzigartigen, Besten, Schönsten und Liebsten, aufnehmen können! (Keine Edith, Gerlinde, Pia, Irene und Christa, weder Ursula, Henriette, Marianne noch Elfriede, Lisa oder Gabriele – ach was! Teufel auch!)

Für Aurel nahm die Liebe zu seiner Maria – unsagbar und unsäglich zugleich!, wie sie sich ihm selbst darstellte – in zunehmendem Maß Züge des berühmten, dem Zenon von Elea zugeschriebenen Paradoxons vom Läufer Achilles und der Schildkröte an; zumindest insofern, als es ihm immer weniger als möglich erscheinen konnte, die Geliebte jemals tatsächlich einzuholen. Nicht etwa, weil er ihr den – mathematisch – verhängnisvollen Vorsprung zugesichert hatte, wie der menschliche Supersprinter dem gepanzerten Symbol der Langsamkeit in Zenons gefinkelter philosophischer Denkaufgabe, sondern weil sie, diese a priori schon enorm überhöhte Mariengestalt, quasi im metaphysischen Sinn unerreichbar für ihn geworden war.

Und, wohl gemerkt, nicht um Philosophie ging es dabei oder um Mathematik, um das Phänomen des Algorithmus und der Reihe oder um Analysis und Infinitesimalrechnung …, nein, das betraf eine seelische (und in der Folge naturgemäß auch körperliche) Unerreichbarkeit.

Da war es dann wohl auch irrelevant, ob die Zeit bloß eine Aneinanderreihung statischer Momente sei oder ob sie und ihr Pendant, der Raum, in immer kleinere Stücke zerlegt werden könnten. (Auch Albert Einsteins gekrümmte Raumzeit hätte da nicht geholfen …)

Um im sportlich angehauchten Bild dieses kuriosen Pardoxons zu bleiben: Aurel war schon aus dem Rennen, bevor es überhaupt begann!

Maria würde ihn womöglich zurückweisen. Vielleicht sogar auslachen!

So hatte es ihn, in durchwachten Nächten und in Angstschweiß gebadet, ein ums andere Mal durchzuckt. Das schöne Kind könnte allein schon des Ansinnens wegen mindestens schockiert sein!

Maria möchte sein Werben gar für einen dummen Witz halten, darob beleidigt reagieren und sich am Ende von ihm abwenden. Ja, bestimmt würde sie Aurel plötzlich Aurel sein lassen. Ihn verachten. Ja, verlachen! Als alten Trottel abtun, der nicht mehr wisse, was er da eigentlich wolle!

Ihn, den über vierzig Jahre alten Tollpatsch! Den verliebten Gockel! Ihn, den Hasenfuß, der nie und nimmer dem klerikal-intriganten Prälaten (dem übermächtigen Vater Mariens, zu allem Überfluss!) Paroli zu bieten imstand war. Nicht nur das: Sogar im Disput mit dem ohnedies in Permanenz besoffenen Medicus Bernbeuschl gab er doch augenscheinlich immer wieder nach! (Dass dies freilich aus Berechnung heraus geschah, nämlich um gröbere Schwierigkeiten im ohnedies so schon reichlich skurrilen Prälaten-Haushalt im Raumgreiff-Palais vermeiden zu helfen, vermochte sie schließlich nicht zu ahnen. Und sagen konnte er es ihr wohl auch schlecht …)

Doch damit noch nicht genug: Sogar dem inferioren Ladenschwengel Jonathan Rotz gegenüber übte Aurel sich allem Anschein nach in Höflichkeit! (Obwohl ihn just diese Übung dem gleich anmaßenden wie geistlosen Schleimscheißer gegenüber schwer genug ankam!)

Ach ja, der Kulturjournalist Charly Kleinschurz tat ihm, Aurel, ins Gesicht zwar stets besonders amikal; doch irgend etwas hinderte den hellhörig gewordenen Künstler quasi instinktiv daran, dem immerhin doch reichlich geltungssüchtigen Zeitungsfritzen wirklich über den Weg zu trauen. Wie er da posierte in seiner rundlichen Reputierlichkeit, mit Mascherl, Nickelbrille und bunt-seidener Anzugweste. Dieser Geck! War nicht womöglich auch dieser alte Lustmolch, stets um amouröse Trophäen bemüht, in seiner genießerischen Verruchtheit längst schon hinter Maria her?!

Außerdem empfand er alle diese mehr oder minder mit Testosteron vollgepumpten Typen – ja, eingeschlossen sogar seinen Arsch-Vetter Isidor, Marias eigenen Erzeuger also, wie auch den ungustiösen Knabenliebhaber Pfingstl, diesen perversen Kretin – als womöglich aussichtsreiche Konkurrenten im Wettstreit um das liebreizende Mädchen!

Oh, wie malte er sich die sexuellen Pandämonien aus, als wären es dunkel-schwüle Bilder des abgründigen Hieronymus Bosch! Blutrausch und Höllen-Firnis, abartige Farb-Szenerien des Bösen!

Und nach kürzester Zeit buhlte in seinen Albträumen der lüsterne Abschaum der Reihe nach und voll sportlicher Ausdauer um die Gunst der Schönen: Sogar der (vermutlich längst schon) impotente Medizinalrat wollte sie mit Sicherheit besteigen, von ihrem jungen Fleisch animalisch animiert; der spindeldürre Schweizer Doppel-Magister, dieser heuchlerische Parasit, versuchte, einem jungen Don Quijote nicht unähnlich, der just, zirzensisch gewagt, gegen einen Windmühlenflügel anritt, sie nach allen Regeln der Kunst zu erklimmen wie einen alpinen Gipfel; sogar der üble Kinderschänder und vazierende Provinzpfarrer Emanuel Pfingstl beschloss, sich ausnahmsweise einmal ernstlich im weiblichen Dunstkreis umzutun; nicht zuletzt Charly schien ständig bereit zu sein, die geübte Feder des Rezensenten mit einem anderen, originär phallischen Gerät zu vertauschen – zumindest glomm ein eigentümliches Feuer in den gierigen Augen des graumelierten Schreibschwätzers.

Und Isidor? Aurel erinnerte sich des Borgia-Papstes Alexander VI., jenes Ausbunds an Obszönität und sexueller Gewalt, der es (wenn er dem informativen Buch „Weltquell des gelebten Wahnsinns“ von Henry Glass glauben wollte) angeblich nicht nur allnächtlich mit den schönsten Huren Roms trieb, sondern auch noch seine Kindsbraut Giulia sowie seine eigene Tochter Lucrezia und überdies deren Mutter und Großmutter konkubierte. Oh, in solchem Un-Licht sah er längst auch schon den grosso modo schnöden Vetter, den er ohnedies nachgerade aller Schweinereien für fähig erachtete!

*

Wer konnte ihm helfen?

Sollte er sich da nicht am besten Marias Mutter, Veronika, eröffnen? Immerhin hatten sich er, der jüngere Cousin, und sie, die umsichtige Haushälterin im Palais Raumgreiff, die ihm wie eine Schwester war – ja, wie eine leibliche Schwester! -, bis dato immer ausgezeichnet verstanden. Notabene firmierte sie als überaus verlässliche Zubereiterin der legendären gefüllten (Mutter Roswitha-)Henne … Und außerdem waren sie beide Isidor-Geschädigte, in gewissem Sinn! Das sollte doch immerhin einen weitgehenden Gleichklang der Seelen begründen geholfen haben?!

Oder musste er sinnvollerweise nicht doch zuerst einmal herausfinden, wie es denn überhaupt um Marias Herz stand? Was sie – und ob sie etwas – für ihn empfand? Musste er sich nicht zumindest erst diesbezüglich Klarheit verschaffen? Ob sie womöglich in ihm bloß den lieben Onkel sah, den sie eben von klein auf so gut kannte? Den freundlichen und hilfsbereiten Spielkameraden? Den älteren Freund, zu dem sie mit mancher ihrer Sorgen kommen konnte? Vielleicht sogar mitunter den Verbündeten, den sie selbstverständlich um Rat fragen durfte, wenn es wo klemmte? Zu dem sie womöglich zu kommen und an den den sie sich zu wenden getraute, wenn sie mit einer Frage oder einem Problem nicht zur Mutter gehen wollte?

Und – gab es da überhaupt mehr von ihrer Seite her? Am Ende etwas, das über das reine Onkel-Nichte-Verhältnis hinausging? (Wobei familiäre Dinge ohnedies aus verständlichen Gründen kaum zur Sprache kamen. Ja, auch dass der feine Herr Prälat das Seine beigesteuert hatte zu Marias Dasein (als Lebensimpulsgeber, sozusagen), war irgendwann erst, vor noch gar nicht so langer Zeit also, zwischen den beiden Frauen, Mutter und Tochter, eher tränenreich und die Nerven zermürbend thematisiert worden. Wie es dem außenstehenden (und doch so sehr mitfühlenden) Aurel vorkam: eine – in der Aufhebung ihres Nimbus als geheime allerdings wenig ersprießliche Offenbarung

Ja: Hatte Aurel Zinkwaerder, der anerkannte Plastiker und Maler, der gewandte Diskutant und belesene Argumentierer (wenn es um intellektuelle Fragen ging), bei Maria überhaupt den Schimmer einer Aussicht auf eine andere Stelle in ihrem Herzen, in ihrem Sinn, als auf die des Vertrauten, des Freundes (soll sein: des Onkels)? Konnte er auf eine andere Qualität des Eingeschätzt-Werdens hoffen, als auf die Rolle des langsam in die Jahre kommenden, etwas kauzigen Hausgenossens, in der sie ihn vermutlich ohnehin längst schon zu sehen gewohnt war?

Gab es da nicht wenigstens die vage Hoffnung, dass er doch irgendwann einmal etwas anderes werden könnte als der mehr oder minder unbedeutende Verwandte des prächtigen (wenn auch verderbten) Hausherrn? Fügte er sich, zumindest in den Augen des Mädchens, nicht tatsächlich optimal ein in das skurrile Bild, das dieses bizarre Prälaten-Palais nun einmal bot? (Und: Wie viel konnte sie davon wissen, was wirklich vor sich ging – in ihm …)

Wie ein aus den Fugen geratenes Ringelspiel flogen die Gedanken in Aurels Gehirn hin und her. Es war ein infernalisches Satanskarussell, das sich da, noch dazu in teuflischer (sic!) Geschwindigkeit, mit allen erdenklichen gleißenden Höllenlichtern aufgemotzt und durch kakophonen, heiß-übersteuerten Drehorgelklang verstärkt (so als wären da zusätzlich noch Scharen irrer, wildgewordener, bösartiger und weitestgehend unberechenbarer Discjockeys an ihren Plattentellern zu Gange), in seinem Kopf bewegte bewegte bewegte … ohne Unterlass!

In der Tat, da war kein einziger Gedanke klar zu fassen …

Oder war Maria, ohne dass er das je gewollt hätte, womöglich längst ihrerseits schon zu einem bloßen Symbol geworden? Zum Code verschlüsselt? Da mochte er ihrer Körperlichkeit noch so verfallen sein, war es nicht vielmehr ein Ideal, dem er hinterherhechelte wie ein jagdtoller Hund einem Stöckchen, einem Ball oder einem alten, jüngst erst wieder ausgegrabenen grauen Knochen?

Mit ihrer – unter diesem Aspekt, zugegeben – ganz anderen und neuen Eigentümlichkeit eignete sie sich zwar weiterhin als Objekt der Anbetung; als Lustgegenstand, den man mit etwas Einsatz und Ausdauer doch noch irgendwann erringen konnte, schied sie indes sukzessive, mehr und mehr aus.

Aurel durchforstete seine diesbezüglichen meist eher geheimen (gedanklichen) Schatzkammern, halbwegs ehernen Tresore und einigermaßen obskuren Tabernakel; seine philosophischen Preziosen-Schreine und mehr oder minder idealistischen Denk-Verstecke. Indes, was er da so alles zu Tage beförderte, war zwar nicht unergiebig und auch nicht ausgesprochen unoriginell, doch erwies es sich für den speziellen Fall leider als wenig hilfreich.

Etwa die Onto-Toleranz, eine grundlegend auf Verzeihen ausgerichtete Denk-Theorie, die über einen philosophischen Lehrer namens Eustach Wald-Guldenstein, mit dessen Geistesgespinsten er sich kurze Zeit einmal beschäftigt hatte, auf ihn gekommen war. (Die im strikten Toleranzgebot gipfelnde Lehre schloss sogar Intoleranz gegenüber Intoleranz aus und war auch sonst, bei aller Sympathie der Sache und dem Professor gegenüber, als eher weltfremd zu bezeichnen.)

Aurel Zinkwaerder erinnerte sich einer sturmschweren und drangvollen Phase seiner Entwicklung, die von flammendem Pazifismus gekennzeichnet war. Oh, hatte er genussvoll und beinahe schon fanatisch gewettert voll des heiligen Zorns gegen das (zumindest seiner Überzeugung nach: dumme) Wort des Heraklit, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei! Sigmund Freud und Albert Einstein pflegte er damals gern und oft zu zitieren in ihrem diesbezüglich zuversichtlichen Briefwechsel, in dem sie einander, in jeder einzelnen Zeile den Frieden erhoffend (und sich gegenseitig vermutlich solcherart als Schutz vor immer wieder einsetzender Resignation selbst aufbauend), den Mut zusprachen, der der Allgemeinheit wohl schon abhanden gekommen war …

Dabei gab es durchaus zum Zweifel Anlass. Zum Zweifel nämlich daran, ob der Mensch tatsächlich zu bessern sei? Und was es für den homo sapiens außerdem bedeute, sich zu bessern …? Ob er je vom Gewohnheitskrieger zum Friedensfreund mutieren konnte? Ja, ob die ganze Evolution überhaupt über moralisch-ethische Qualitäten verfüge und folglich Besserung möglich wäre?

Die Zeit damals hatte ihn zu solchen Gedanken und zu solcher Lektüre gelenkt, als er selbst zwischen den Möglichkeiten des Grundwehrdienstes beim Bundesheer und des Zivildienstes wählen musste. Sein erfahrener Vetter, gar nicht mundfaul und auf Knopfdruck abrufbare Friedensparolen schwingend, war dem jungen Mann dabei, wie man sich leicht denken wird können, keine besondere Hilfe gewesen: In seinem grenzenlosen Opportunismus wäre Isidor vermutlich jederzeit dazu bereit gewesen, die Fronten (sic!) zu wechseln und hätte sogar glaubhaft die Position eines Militärseelsorgers eingenommen; vorausgesetzt, jemand hätte sie ihm nur angeboten (und sie wäre mit einer entsprechend verlockenden Besoldung verbunden gewesen)!

Er, Aurel, entschied sich für den Zivildienst.

Und Kriegsgegner blieb er klarerweise auch fürderhin.

Immerhin hatte die pazifistische Haltung, mit der sich Aurel – zugegeben: mal stärker, mal schwächer ausgeprägt – auseinandersetzte, in ihm nebenher auch bewirkt, dass er noch weniger, als es sonst vermutlich ohnehin der Fall gewesen wäre, an all zu starre Systematiken glaubte. So wie der Friedensliebende nämlich zumindest an die Möglichkeit des Fortschritts im Nicht-Aggressiven zwischen den Menschen, an ein sukzessive liebevoller werdendes Verhalten also, glauben muss, um nicht zu verzweifeln, so kommt es ihm auch recht gut an, insgesamt und ganz allgemein von einer ständig und immer noch vor sich gehenden Erneuerung (und Verbesserung) auszugehen; von einer dauernden Evolution also. Denn lediglich ein unumstößlich abgeschlossener Vorgang würde jedwede weitere Veredelung ausschließen und unmöglich erscheinen lassen. Wo sich noch Adaptionen ergaben und mit mehr oder weniger starker Anstrengung Verbesserungen anzubringen waren, schien noch nicht alles verloren … Folglich musste der Krieg nicht für alle Zeit (insgeheim oder gar offiziell) als das Allheilmittel in den diversen zwischenmenschlichen und zwischenstaatlichen Konflikten gelten! Im Gegenteil, die Hoffnung auf einen Frieden (und mochte der in noch so grauer Zukunft liegen!) sollte ins Zentrum aller unserer Bemühungen rücken!

Solche hoffnungsfrohe Überlegungen entthronten die Aggression außerdem als unabdingbare Voraussetzung allen Fortschritts; der Vaterstuhl des Herrschers Krieg war zumindest nicht mehr unbestritten. (Übrigens zeitgleich mit dem Autoritätsverlust der sogenannten Kirchenväter …)

Aurel vermochte sich, solcherart gestärkt, auch neuen, mutigen Überlegungen, was die Geistigkeit, die mentale Ausstattung und diesbezügliche Fragen der Wesenheit des Menschen betraf, zu stellen. Wenn er auf diesem Terrain – weit ab von billigem Wort-Geklingel diverser Sekten-Heinis sowie der teils grellbunten, teils pastellfarbenen Reklame für allerlei Zucker-übergossenen Esoterik-Schnickschnack – auch seine gesunde Skepsis pflegte (und weiterhin zu pflegen vor hatte), so ließ er sich auf neues Wissen zumindest in gleichsam homöopathischen Dosen sehr wohl ein.

Denn, egal ob das, was wir so flapsig Leben nannten, nun alles sein sollte oder bloß eine Vorstufe zu etwas Kommendem (wozu auch immer), es ging in Wahrheit um etwas anderes: Sich – und da spielte in der Tat das gute alte Naturgesetz hinein, nämlich „Was du nicht willst, dass man dir tu, / das füg‘ auch keinem andern zu!“ – einfach als Persönlichkeit zu empfinden und seinen Radius abzuschreiten. Nicht für jemand anderen (schon gar nicht in Hinblick auf irgendeine mehr oder minder obskure Gnade, die von einem höheren Wesen [?] zugeteilt wird) und ergo auch nicht ad maiorem Dei gloriam pur; sondern schlicht und ergreifend fürs eigene seelische Wohlbefinden.

Überhaupt: Liebe war nun mal egoistisch.

*

Aurel gedachte freilich auch der Zeit, als er sich – nicht zuletzt motiviert durch die dauernde Kontra-Haltung zu seinem ungeliebten Klerikal-Cousin – immer stärker und intensiver mit der Theologie auseinandersetzte; wozu die formidable Bibliothek im Palais Raumgreiff ja nachgerade einlud, die auch diesbezüglich bestens sortiert war. Die Wut packte ihn da nicht selten – speziell angesichts sogenannter Kirchenväter. Wenn er nämlich las, was diese Brüder mitunter zu Fragen der Sexualität und zu den Grundproblemen von Liebe, Verzeihen und Strafen sagen zu müssen glaubten! Es war im Grund genommen meist eine Zumutung, zu welch kranken Fragestellungen, Pseudo-Antworten und schiefen Folgerungen sich diese absonderlichen Gestalten da verstiegen.

Er sah sich darin, besonders, wenn es um die sogenannte Sexualmoral der katholischen Amtskirche ging, alsbald einer Meinung mit der kritischen Theologin und Kirchenhistorikerin von Rang, mit Uta Ranke-Heinemann („Eunuchen für das Himmelreich“), und einer Reihe ihrer Kollegen, die etwa in der gebetsmühlenartigen Verteidigung des reichlich antiquierten, in Wahrheit durch nichts begründeten, zumindest längst schon obsoleten Zölibats eben nicht das einzige Heil sahen. Auch das starre und engstirnige Verharren der katholischen Amtskirche und des Vatikans (besonders unter den Pontifices maximi Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI.), die in so elementaren Fragen wie der der Empfängnisverhütung hinter jeder Reformidee das leibhaftige Böse lauern sahen. Kein Wunder, dass die Päpste und die Machthaber im Vatikan (die waren nicht einmal immer identisch!) alles daransetzten, ohnedies längst einzementierte Ist-Zustände möglichst zu bestätigen und weiter zu prolongieren (per saecula saeculorum …); mussten sie doch in einem (noch so notwendigen, ja: überfälligen) Zugeständnis sowohl an die devoten, brav-gläubigen Schäfchen als auch womöglich an die aufmüpfig-mutigen österreichischen Pfarrer der „Ungehorsams-Iniative“ und deren Anliegen eine später vielleicht schwer wieder auszubügelnde Einschränkung ihrer Macht befürchten. Und solches hatte der Vatikan – schon aus historischer Sicht – aufs Entschiedenste abzulehnen.

Trotz allen diesbezüglichen Querelen – man denke bloß an den Investiturstreit im 11./12. Jahrhundert und seinen Höhepunkt (in der Auseinandersetzung zwischen Papst Gregor VII. und dem deutschen König Heinrich IV. mit dem Gang des weltlichen Herrschers nach Canossa von 1077)! – wusste man in Rom, wie gut und bequem es sich in Wahrheit im meist ohnedies bestens eingespielten dualen Machtgefüge leben ließ; in dieser zwar unheiligen, doch äußerst effektiven Balance nämlich zwischen Kirche und Staat. Ach ja: Angst und Schrecken waren, von kirchlicher wie von staatlicher Seite, immer für das Fußvolk reserviert.

Freilich, der Staat konnte sich in aller Regel auf die Kirche verlassen – und umgekehrt. Man hatte aus der Vergangenheit gelernt. Dass sich jedoch auch die Politik – quasi als Inbegriff und Symbol des Staates (falsch) verstanden – vorgeblich um die Glückseligkeit der Bürgerschaft bekümmerte, war schon den Aufklärern sauer aufgestoßen. Man denke nur an Georg Forsters geharnischtes „Fragment eines Briefes an einen deutschen Schriftstellers“ von 1789. In der Attacke gegen Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, der seinerseits Friedrich Schiller wegen der in der Elegie „Die Götter Griechenlands“ geäußerten Zivilisationskritik angegriffen hatte, argumentiert der deutsche Aufklärer, Forscher, prominente Weltreisende und Freund der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, gegen die vom Staat (im vorliegenden Fall: Preußen) eingesetzten Zwangsmittel in Bezug auf die Religionszugehörigkeit. Der Staat habe sich lediglich um den Schutz der Freiheit seiner Bürger zu bekümmern, alles andere jedoch deren Selbstbestimmung anheim zu stellen. (Genauer nachzulesen bei Manfred Geier, „Die Brüder Humboldt“, Reinbek bei Hamburg ²2009.)

Glückseligkeit?!

Ob sie, die Kirchenväter, Päpste und Vatikan-Diplomaten, das alles wohl selber glauben, was sie da predigen? So dachte Aurel in mancher bangen Stunde. Wie es ihm – und er stand dabei wahrlich nicht allein da – nicht selten im Herzen leid tat, nicht über diesen gleichsam kindlichen Glauben zu verfügen, von dem er mitunter schwärmen hörte. Doch um den hatten nachweislich auch schon andere denkende und sich mühsam durch mannigfaltige Hirnkonstrukte quälende Menschen vor ihm gerungen; wenn sie nicht ohnehin lediglich noch seinen Verlust bedauern konnten … Er dachte – ohne sich mit ihm auch nur entfernt vergleichen zu wollen – an Johann Wolfgang Goethe, der sich, wenn schon nicht den radikaleren Herrnhutern, so immerhin unter Susanna Katharina von Klettenbergs sanften Unterweisungen den Pietisten angenähert hatte; und der eine Weile auch den nicht minder um Wahrheit ringenden Durchgeistigern Ernst Theodor Langer und Johann Heinrich Jung(-Stilling) freundschaftlich verbunden war. Bevor er glücklich zu einem eher liberalen (und natürlichen) Gottesbegriff im Sinne Spinozas finden sollte …

Goethe eckte übrigens mit seiner geplanten (später verloren gegangenen) Jura-Dissertation über die Frage nach dem rechten Verhältnis zwischen Staat und Kirche besonders bei den Theologen in Straßburg denn auch gehörig an. Ja, man bezweifelte in diesen Kreisen gar halböffentlich seinen Geisteszustand, forderte er doch – auch wenn der Staat über die Religionszugehörigkeit bestimmen mochte – quasi Meinungs- und also Glaubensfreiheit für jeden in dessen Innerstem … Die Fakultät schloss eine Veröffentlichung der Dissertation durch die Universität aus, und der genialische Goethe beendete sein Jura-Studium ohne Doktortitel, mit dem Lizentiat vorliebnehmend. (Rüdiger Safranski referiert – auch – darüber in seiner „Goethe“-Biographie anschaulich.)

Der spätere Dichterfürst, nach dem zuletzt gar ein ganzes Zeitalter benannt werden sollte, hatte in allen diesen Belangen freilich vergleichsweise stets gut lachen – stand ihm doch sein Lebensthema Faust zum Abarbeiten nicht zuletzt kniffliger religiöser Fragen zur Verfügung. Sollte aber Aurel deshalb auch eine „Faust“-Tragödie verfassen, um so und auf womöglich elegante Weise Linderung seiner mannigfaltigen Seelenpein zu erlangen? Nein. Da sprach denn doch zu vieles dagegen …

Es blieb indes dabei: Aurel vermochte sie einfach nicht zu verstehen, diese kardinalsroten Klugscheißer und Exponenten der vatikanischen Sippschaft, wie sie da, arrogant und unflexibel, auf ihren unverrückbaren Positionen verharrten; die in jeglicher für die Glaubensgemeinschaft vermutlich sogar letztlich positiven, weil nämlich die Seelenpein ein wenig mindernden Weiter- und Fortentwicklung (weg vom permanenten Straf-Gefasel!) gar ein Werk des Teufels sahen.

Doch wenn sich eine Kirche auch in Zukunft ernsthaft – zum Exempel – in die Frage des Gnade-Verlusts durch Onanie verbeißt, beweist sie, ohnedies fast schon endgültig weg vom Fenster zu sein! So der wirklichen Welt entfremdet, muss sie freilich in der Tat auch keine Notwendigkeit mehr dafür verspüren, die wirklichen Probleme der Welt lösen zu helfen.

Armer Onan, da ist dein geistiger Same wohl für alle Zeit tatsächlich vergeblich verspritzt und zu Boden geschleudert!

*

Als besonders ärgerlich empfand Aurel Zinkwaerder, dass gerade der Katholizismus den Fokus seiner Aufmerksamkeit im Allgemeinen auf den strafenden Gott, richtete und ihm (und auch anderen durchaus Hoffnungsvollen) den Gott der Liebe so leidenschaftlich (!) gern vorenthielt! Warum, dachte er (in der Nachfolge Albert Einsteins), ließ die Kirche Gott, der angeblich doch all die irdische Pracht für seine Menschenwesen erschaffen hatte, als „fanatischen Züchtiger“ auftreten? „Warum sollte sich ein solches Genie“, fragte er sich gemeinsam mit Jean-Claude Carrières („Relativität zum Tee“) Physiker(-Geist), „das alles in einem kosmischen Traum von unerreichbaren Dimensionen einschließt, wie ein pingeliger Aufseher über unsere kleinen Sünden beugen?“ Und: „Warum sollte ein Gott jemanden für etwas bestrafen, das er nicht nicht tun konnte? Für eine Handlung, die Gott persönlich von Anfang an für ihn eingefädelt hat?“ Um schließlich zu folgern: „Zwischen der Herrlichkeit des Universums und der pedantischen Grausamkeit Gottes klafft ein zu breiter Raum. Dieser Gott ist beschaffen wie wir und des Universums nicht würdig.“

Ähnlich äußert sich die Molekularbiologin Renée Schroeder, wenn sie im „Profil“ (Nr. 30, Juli 2013) anmerkt: „Jedenfalls hat sich Gott als Instrument der Unterdrückung sehr bewährt. Das ist weder gut noch wünschenswert.“

Aurel stieß fast alles an den starr dogmatisch orientierten Welt-Religionen mit ihren Lohn- und Straf-Regulativen von Gnade und Verdammnis ab. Auch ihr (immerhin ziemlich penetranter) Anspruch auf die alleinige Wahrheit war da noch vergleichsweise harmlos und mochte nicht zuletzt merkantilen und im weitesten Sinn: finanziellen oder wirtschaftlichen Überlegungen geschuldet sein, die einer pseudo-spirituellen Maskierung bedurften. Was ihn abstieß daran, war ihr offensichtliches Streben nach Dominanz und Machtgewinn angesichts der wehrlosen Menschen und ihrer tatsächlichen Probleme. Analog zum Buch des niederländischen Volkswirts und Ökonomen Aaron Issac Greyffszaan, betitelt „Die nabellose Gesellschaft“ (deutsch: München 2010), neigte er auch der These zu, erst das Aufkommen einer Religion bedeute für die betreffende (und betroffene) Hochkultur den Untergang. Und im fast schon neurotischen Suchen nach einem Messias liege der Schlüssel zum finalen Abstieg, zum „Verhauchen des Geistes, der in einer lebendigen Kultur wirkt“.

Doch ganz allgemein: Was hätte er, bitte schön, überhaupt mit einem höheren Wesen anfangen können, dass sogar ein Menschenopfer forderte, wie in der berühmt-berüchtigten Stelle im Alten Testament, wo Abraham aufgefordert wird, den eigenen Sohn Isaak (noch dazu: bereitwillig!) für Gott zu töten (Genesis, 22, 1 ff.)? Was tun mit einem solchen Gott, der, allem Anschein nach ziemlich abwegig veranlagt, darauf aus ist, fremdes Glück zu zerstören, blinden Gehorsam einzufordern und barsch den Tod eines Unbeteiligten zu verlangen? (Egal, ob es letztlich zur Opferung kommt oder nicht – und somit alles bloß bitterböse Komödie war? Oder Erprobung grenzenloser Unterwerfung? Unfug, noch dazu mit vorausgesehenem Ausgang?)

Nicht wesentlich weniger empörend fand Aurel übrigens den Passus über den ersten Brudermord der biblischen Geschichte, also die Beseitigung des Abel durch Kain (Genesis, 4, 1 – 16.) Als Grund für Kains Zorn über den (zweitgeborenen) Bruder, der – anders als der Ackerbauer Kain – als Kleinviehhirt (doch ebenfalls im Schweiße seines Angesichts) sein Brot zu essen hatte, gibt das Alte Testament die Ablehnung des Opfers durch Jahwe an. Warum nun dieser Kains Opfergaben „von den Früchten des Bodens“ (vermutlich Gemüse, Obst et cetera) verweigerte, Abels Geschenke, „von den Erstlingen seiner Herde und ihrem Fett“, indes dankbar und mit Wohlgefallen entgegennahm, könnte man – es wäre, zugegeben, schon einigermaßen satirisch – damit begründen, dass Gott eben kein Vegetarier und eher an saftigen Koteletts interessiert gewesen sei als an Salat, Mangold und Bohnen; vielleicht standen der Wüsten-Gottheit die Viehzüchter und Hirten überhaupt näher als die ein bisschen wesensfremden Farmer. Faktum war: Der liebe Jahwe wies Kains Opfer zurück.

Und der Rest ist bekannt.

Zurück zu Abrahams Bereitschaft zum Opfer und Gottes gnädigem Verzicht auf dessen Realisierung. Denn Aurel wusste natürlich, dass der Gott der Heiligen Schrift das grausliche Unterfangen schließlich abblasen ließ. Doch was, so fragte sich der kritische Künstler und mental permanent Prälaten-Geschädigte, änderte das an der miesen Tendenz? Und außerdem: War nicht allein die Sache mit dem Baum der Erkenntnis (Genesis, 2, 17 ff.), für dessen Früchte das Verbot des Verzehrs bestand (begründet einzig in göttlichem Bestemm!), schon reichlich boshaft?!

Er, Aurel, meinte hier zumindest eine gewisse Pfennigfuchserei herausspüren zu müssen: Wenn Gott schon so ein glitzernd-gleißendes Disney-Land Eden aufzieht, das alle Stückerln spielt, warum dann das hochnotpeinliche, weitgehend kindisch wirkende Interdikt, sich unter keinen Umständen von diesem einen (anscheinend für IHN reservierten) Edelgewächs zu bedienen?! Oder war das ganze Getue gar nicht fürs lehmige Ebenbild gedacht gewesen, sondern als Spielwiese irgendeines göttlichen Sadismus? Oder göttlicher Langeweile geschuldet? Und was hatte man folglich von einer Erbsünde zu halten, die quasi eine ganze künftige Sippe in seelische Geiselhaft nahm?!

Noch etwas Empörendes gab es: War das besagte (letztlich dann glücklich doch nicht vollzogene) Abraham-Opfer nicht quasi die Vorwegnahme einer anderen, noch wesentlich gravierenderen Hingabe eines Sohnes durch seinen Vater? Genau, dass nämlich Gottvater seinen eigenen göttlichen Sohn, Jesus Christus, zur Erde schickte und Mensch werden ließ, damit dieser hier (eingeboren!) den Opfer-Tod stürbe. Zum Zweck einer reichlich obskuren Errettung der Menschheit … Ja, das lag augenscheinlich „auf derselben Linie eines menschenopfersüchtigen Gottes“, wie die streitbare Uta Ranke-Heinemann in ihrem Buch „Nein und Amen“ so durchaus konsequent und nachvollziehbar feststellt. Doch dort, wo der „Gott der Väter (…) nicht der Gott der Söhne“ ist, sollte man in der Tat nicht allzu viel Entgegenkommen erwarten.

Und wohl kaum Erbarmen.

Ach ja, überhaupt dieser ziemlich nebulöse Auftrag des Sohnes, nämlich durch den zu erleidenden Opfertod die Menschheit vor der Verdammnis zu retten! Er sah in Aurels Augen (und vom Standpunkt des betroffenen Sohnes) immerhin reichlich un-menschlich aus und war, wenn man es genauer betrachtete, auch nur über ziemlich gewagte und gewundene Umwege als irgendwie göttlich zu bezeichnen. Wobei bis dato unklar bleiben musste, wofür sowohl die angebliche Verdammnis als auch die in Aussicht gestellte Rettung vor ihr denn (um Gottes Willen!) gut sein sollten …! Herrschte im Himmel etwa Raumknappheit vor, sodass man die potenziellen Bewohner vorsichtshalber numerisch limitierte? War die diesbezügliche Bürokratie meschugge? Oder war man bloß höheren Orts so boshaft wie in einer k.u.k. Kommandantur?

Es hatte, summa summarum, überhaupt den Anschein, als müsse der Mensch in dauernder Furcht vor einem ausgesprochen egozentrischen, womöglich sogar neidischen Gott leben, dem, kleinlich und pingelig, um möglichst viel Ehrfurcht, um unumschränkten Gehorsam und umfassende Dankbarkeit sowie um die Früchte aus seinem Paradiesgärtlein bange ist. Ganz so, als wäre Gott ein grantiger Schrebergärtner, der in eifersüchtigem Stolz seinen Riesenkürbis bewacht!

Geiz und Neid. Auch wenn das mehr an die Schiller-Ballade vom „Ring des Polykrates“ erinnerte als an Heilsgeschichtliches; als was es von der Amtskirche indes immerhin verkauft wird.

Da passte es übrigens auch gut dazu, dass Gott später in den Briefen der Apostel Paulus und Jakobus „als die einzige Instanz für die Vergabe von Ruhm genannt“ wird (während die vier Evangelisten den Begriff weitgehend aussparen). Als wäre Ruhm eine seltsame Art Gottesnahrung, ohne die es nicht ginge. (Siehe: Klaus Thiele-Dohrmann, „Ruhm und Unsterblichkeit“.)

Naturgemäß ließ sich die Schuld- und Bußstimmung auch optimal ins Kirchenmusikalische übertragen, sozusagen: in Töne transponieren. Wunderschön klangen sie, die diversen Misereres auf den berühmten 51. aus dem Lehrbuch der Psalmen: „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner Huld; nach deiner großen Güte tilge meine Missetaten!“ Da winselte, klar doch!, nichts höllisch kakophon! Da klang es ganz im Gegenteil in herrlicher, ergriffen machender Bachscher Musikmathematik verzweiflungs-süß um Verzeihung heischend, um sich kurz danach schließlich zum Händelschen Hallelujah! die gotischen Kathedralpfeiler emporzuranken und unter einem barocken, schein-architektonisch so großartig geöffneten falschen Himmel zu verbrausen im finalen Orgelakkord! Alle Komponisten, die auf sich hielten, katholische wie protestantische, und irgendwann einmal etwas mit Kirchenmusik zu tun hatten – und fast alle, die etwas auf sich hielten hatten nun einmal irgendwann etwas mit Kirchenmusik zu tun -, schrieben sich ihr Miserere ins Werkverzeichnis. Von den Anfängen bis in die Moderne. Durch sämtliche Stile und Epochen.

Oh, ja! Da konnte die nächste Angst schon kommen, umso penetranter!

Und an Horror-Nachschub herrschte niemals Mangel.

Nein, er hatte für seinen Glauben schon in der Kindheit genug leiden müssen. Statt der ersehnten (weil versprochenen) Gnade der göttlichen Liebe wenigstens ansatzweise teilhaftig werden zu dürfen, war ihm durchwegs gräulich-grausige Kunde geworden von Fegefeuer, Hölle und diverser Seelenpein. Naturgemäß erst einmal in schaurig-märchenhaften Erzählungen, die vom äußerst schmerzhaften Zwicken und Zwacken mit feurigen Zangen handelten und ähnlichen Lustbarkeiten; wie er sie später dann auch (zum Beispiel) in Dante Alighieris „Divina Commedia“ wiederfinden sollte, ausgebreitet als beinahe schon abartig-schönfarbiger Teppich der ingeniösest ausgedachten Schmerz- und Leidszenarien sowie innerhalb einer beachtlichen Folter- und Qual-Architektur. Auch Hieronymus Bosch, Meister der anschaulichsten Unterwelt-Comics, stand ihm noch in seinen faszinierenden Bilderwelten bizarr-abstrusester Horrorperversitäten bevor; noch später wohl Goya und der Blick auf die Hölle in uns. Schließlich die Existentialisten selbst mit ihrer von Jean Paul Sartre wortwörtlich ausgesprochenen Überzeugung, jeder sei des anderen Hölle. Und dieser These vermochte er, derweilen schon ein wenig an Arthur Schopenhauer geschult, sogar etwas irgendwie Tröstliches abzugewinnen. Um sich den Unort Hölle vorzustellen, bedurfte es dann nämlich wenigstens nicht mehr des missmutigen und dauernd über irgendwas erzürnten alten Bartträgers, der da argusäugig auf einer womöglich gar nicht so bequemen Wolkenbank droben saß. Was soll’s, wenn gerade erst die Verdammnis selbst zur allein seligmachenden Gnade stilisiert worden ist?! (In Umkehr bekannter Werte zwar, aber immerhin denkbar.)

War es denn tatsächlich unmöglich, ohne diverse Feindbilder auszukommen – abgesehen von tatsächlichen Feinden und Feindschaften? Musste es Abneigung – und in der Folge Streit und Krieg – geben? Waren die wirklich Katalysatoren dieses an sich schon bizarren Sinnengetöses, das wir euphemistisch Leben zu nennen beliebten? (Dazu ließe sich bei Umberto Eco in seiner Sammlung „Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften“ [deutsch: München 2014], manch Bedenkenswertes finden.)

Aurel fragte sich mitunter selbst, worin er denn tatsächlich läge, der vielzitierte Sinn des Lebens. Doch halt, antwortete er sich ebenfalls selbst, so weit wollen wir doch gar nicht gehen. (Zumindest fürs Erste nicht. Sonst stellte sich womöglich der Lebenssinn noch als wahre Hölle heraus …)

In Zeiten satirischer Anwandlungen, die sich dann erfreulicherweise auch in seiner Kunst niederschlugen, vermochte er sogar, den alten Herrn in seiner göttlichen Isolation ansatzweise zu verstehen: Immerhin attestierte er dem Allschöpfer, wenn es ihn denn tatsächlich geben und er hinter irgendeinem undurchschaubaren, reichlich abstrusen Weltenplan stehen sollte, einige Berechtigung zum Unmut und zur Verärgerung. War da doch vieles schief und aus dem Ruder gelaufen! Kurz, das hochkomplexe Werk funktionierte da und dort keineswegs optimal, und als Patentinhaber stand einem nicht einmal das lautstarke Schimpfen und Fluchen über diverse Mängel wirklich zu.

Oder sollte sich der geforderte Ruhm zuletzt gegen den ihn Erheischenden wenden?

Kaum eine Rolle spielte dabei tatsächlich die Frage, ob nun ein Wesen als Schöpfer oder irgendein Urknall an der ganzen Malaise die Schuld trüge. (Oder beides.) Wie einem im Grund dann ja auch das Phänomen Zeit, die Relativität und sogar die angeblich erst weißen, dann allmählich schwarzen Zwerge, zu denen die Sterne allmählich mutierten (wie es hieß), ziemlich egal sein konnten. Ja, egal sein mussten; damit man nicht an der Unbegreiflichkeit der Ausdrücke wie Ewigkeit, Unendlichkeit und überhaupt am Begriff All schlechthin irre würde.

Dazu reichte ihm zumindest immerhin längst schon der Begriff Gott …

Und ob der dann zu allem Überfluss auch noch ein strafender und rächender sein würde oder nicht, machte das Kraut auch nicht mehr fett; als zusätzlichen Angstfaktor hatte er ihn ohnehin längst anerkannt. Da waren qualitative Kleinigkeiten drumherum durchaus zu vernachlässigen.

*

Sozusagen zum Drüberstreuen war ihm alsbald und sukzessive immer stärker die ganze Blasphemie im durchaus irdisch und weltlich ausgerichteten Prälaten-Palais aufgegangen. Wobei ihm das, was sich hier (etwa zwischen seinem Vetter und dessen Geliebter) abspielte, weitgehend egal sein konnte und auch war; hielt sich Aurel doch mit einiger Berechtigung für einen einigermaßen liberalen Menschen.

Doch was zu viel war, war zu viel!

Ja, das Palais Raumgreiff erwies sich im Innersten – und bei näherem Hinsehen offenbarte sich das zweifelsfrei – als eine zutiefst böse, eine verletzend verderbte Karikatur auf jeglichen positiv-häuslichen Kosmos. Einen solchen vorzutäuschen, das gelang nach außen hin freilich immer noch.

Dazu hatte der Prälat, dieser gewiegte Camoufleur, längst schon und immerhin mit Duldung und sogar mit Unterstützung durch Veronika, wie nach einem bewusst alles Gute ins Schlechte, ins Obszöne und Ekelige verzerrenden Prinzip einen grün-schleimigen Schein des Biedersinns, ja: der Heiligkeit, über die wahren Zuständen gebreitet. (Und was wäre denn die ach so fürchterliche Wahrheit gewesen? Dass es sexuell und beziehungstechnisch ordentlich menschelte! Na, und?!)

Aber wie eine schön gemusterte Decke, unter der sich allerdings längst schon Unrat, Müll, Dreck und Verwesung breitgemacht hatten, lag nun die Lüge über allem. Und dieses dezent scheinheilige Tarnzeug war, alle indiskreten Blicke abschirmend, über die wahren Gegebenheiten, über die nun einmal (vermutlich und hoffentlich genussvoll) zelebrierte körperliche Lust und ihre unübersehbaren Folgen zwischen Aurels klerikalem Vetter und seiner Geliebten, weitgehend faltenlos und untadelig zumindest für den oberflächlichen Blick, mit Sorgfalt gebreitet worden.

Doch, wie schon gesagt, nicht das im Himmelbett des geweihten und gesalbten Falotten Isidor Vollzogene und sich immer wieder Vollziehende stellte für Aurel das eigentlich Gemeine dar (da war er in der Tat zu liberal und auch zu sinnenfroh, um sich daran zu stoßen!), sondern vielmehr das – zugegeben: recht kunstvoll arrangierte – Lügengebilde drum herum. Bis hin zur Überschweinerei, nämlich Marias allzu lang währender Unwissenheit darüber, wer denn nun überhaupt ihr Vater sei! (Der heilige Geist konnte es, das war immerhin alsbald geklärt, wohl nicht sein.)

Wie weiter oben erwähnt, hielt sich der Prälat so viel auf seinen Namenspatron, den heiligen Isidor von Sevilla, zugute; was durch einen Umstand in ein recht bizarres Licht gerückt scheint: Trat doch just besagter Spanier als Vorsitzender der Synode von Toledo im Jahr 633 dafür ein, dass „die Bischöfe in ihren Zimmern Zeugen ihres Lebenswandels bei sich haben“ sollten. Begründung: So möge den Laien der (in der Vergangenheit durchaus begründete) „böse Argwohn genommen“ werden – betreffend das sexuelle Betragen der Kleriker. (Uta Ranke-Heinemann, „Eunuchen für das Himmelreich“; ähnlich auch bei Karlheinz Deschner, „Das Kreuz mit der Kirche“.) Also stand Isidors viel gerühmter Namensvetter in einer strammen antisexuellen, durchaus dem „Sexualpessimismus“ (Ranke-Heinemann) geweihten Kette wacker seinen Mann. War somit Glied in einer Art Rosenkranz der Gewissensbisse, der da vom heiligen Aurelius (hört, hört!) Augustinus bis zum Scholastiker Thomas von Aquin reicht und mit Johannes Paul II. und Benedikt XVI. auch ins 21. Jahrhundert hinein gedroht hat und noch weiter droht. (Über den Nachfolger des 2013 überraschend zurückgetretenen Benedikt, Papst Franziskus, hier zu urteilen, ist wohl noch verfrüht.)

Da bedurfte es nur mehr der selbstherrlichen Attitüde des Prälaten und Verführers, wenn er der völlig von ihm und seiner Position abhängigen geschwängerten Haushälterin charmant zuflüsterte, er werde ihnen allen schon ein guter Nährvater sein …!

Immerhin, ein mit noch mieserem Charakter ausgestatteter Kollege hätte die arme Frau angesichts ihrer nicht länger zu verbergenden Rundung, darin gebettet ihre Leibesfrucht, womöglich in die Wüste geschickt, sein wohltönendstes Miserere angestimmt und um die Rückerlangung von Gottes Wohlgefallen gebuhlt – nein, gebuhlt taugt hier als Ausdruck nicht; also, gebettelt. Ja, gebettelt.

Denn parallel zur Verteufelung der Sexualität (oder sie noch verstärkend) erfolgte ja die kirchliche Verteufelung der Frau insgesamt! Von der Erz-Verführerin Eva (in schäbigem Verbund mit der hinterlistigen Schlange, diesem femininen Biest!) bis zu den gottlosen Hexen, deren Ausrottung bekanntlich ein besonders heiliges Anliegen der Kirche darstellte: Immer wieder versicherte sich die priesterlich-ehrenwerte Männergesellschaft des ach so notwendigen Objekts der Verdammnis.

Und wenn es keine Frauen gegeben hätte, die Kirchenmänner wären wohl oder übel genial genug gewesen, sie zum Zweck ihrer Erniedrigung, Verteufelung und Verdammnis selbst zu erfinden!

Wie die Dinge indes lagen, gab es sie dank Gottes Einfallsreichtum ohnedies in Menge.

Also mussten die Kirchenväter und ihre Handlangerinnen und Handlanger lediglich in immer neuen (in Wahrheit: in den immer alten) Gestalten nach dem Bösen forschen, es zu Tage befördern, entsprechend appetitlich anrichten und sodann der genüsslichen Verdammnis überantworten.

Dieser Wahnsinn hatte fürwahr Methode.

Vor allem aber übertünchte die in so reichem Maß – egal ob als Nebenprodukt oder als Hauptergebnis – erzielte, sozusagen: lukrierte Angst ein allein schon gedanklich arg hinfälliges, a priori und bis dato wenig überzeugendes Gebäude göttlicher Präsenz, deren kärgliche Beweise sich allem Anschein nach im Rächen und im Strafen, im Drohen und Einschüchtern erschöpften.

Von Liebe – weit und breit nicht die Spur.

Also musste Aurel endlich einen Plan entwickeln und zudem das tun, was ihm eigentlich gänzlich widerstrebte: Er hatte Intrigen zu spinnen. (Also doch gut, dass wenigstens sein Vorname an den des Kirchenvaters Augustinus erinnerte: Aurelius!)

Aber – wie hatte er am besten vorzugehen? Und bestand überhaupt irgendeine Aussicht auf ein Gelingen dieser Unternehmung?

Dann entwickelte sich, Stufe für Stufe, sein letztlich doch ziemlich infamer Plan, zu dessen vollständige Durchführung es übrigens nicht kommen sollte.

Schritt eins erschien da noch relativ einfach durchzuführen: Isidor musste ausgeschaltet werden.

Ja, der Prälat musste weg.

Im Allgemeinen (und nicht nur um des lieben Friedens willen) vermied es Aurel, mit seinem Cousin über theologische Probleme zu diskutieren. Das Wenigste, was ihm der ältere Verwandte dabei – in seiner gewohnt überheblichen Art – an den Kopf warf, war, er sei ein theologischer Nebochant, ein minderwertiger geistiger Schnorrer also, und solle daher besser den Mund halten und nicht von Dingen reden, von denen er nichts verstünde.

Immerhin vermochte Aurel also, seinen Vetter mittels kirchenhistorischer Gegebenheiten und ähnlichem Gesprächszunder durchaus in Rage zu bringen. Und wenn Isidor einmal fuchtig war, verlor er ohnedies leicht die geistige Balance. (Wenn er überhaupt jemals über so etwas verfügt hatte … Allerdings: Den jüngeren Cousin als Nebochanten zu bezeichnen, war, nebbich, billig; und entsprach auch deshalb schon völlig der bekannt niedrigen Denkweise des Prälaten.)

So sprach ihn der jüngere Verwandte also durchaus hinterhältig auf sein, Aurels, Lieblings- (und Leidens-)gebiet, nämlich auf den immer wieder als rächend und strafend geschilderten Gott an und schlussfolgerte kühn, dass diese immer wiederkehrende Etikettierung des höheren Wesens sicherlich nicht zuletzt mit der politischen Dimension zusammenhänge, die das Judentum (als Basisreligion des Christentums, denn das wolle der priesterlich-gescheite und daher einschlägig belastete Cousin doch nicht leugnen, dass nämlich dieser Jesus Christus nun einmal Jude gewesen sei?!) so inbrünstig in seine andauernd repetierte Messias-Hoffnung gelegt habe. Immerhin müsse da doch etwas daran sein, wenn man eine Sache derart penetrant perpetuierte, gleich einer Gebetsmühle wiederhole (ja: dem braven, friedlichen Rindvieh gar nicht unähnlich, wiederkäue) oder wie einen schier unendlichen Rosenkranz in völliger Monotonie herunterbete, oder?!

Isidor prustete leicht, trank hastig (Chateau Mouton Rothschild, 1980er), schenkte sich (und Aurel) nach, grollte. Dann rollte er mit den Augen, machte indes ein Gesicht, als ob er ausdrücken wolle: Wie sage ich es nur meinem blöden Kind?!

Doch der jüngere Cousin ließ ihn diesmal nicht so schnell zu Wort kommen.

Da ging es, fuhr Aurel vielmehr fort, doch um das gewichtige Versprechen der Errettung aus der immer wieder einsetzenden beziehungsweise ohnedies fortwirkenden erniedrigenden feindlichen Unterdrückung! Da müsse nun einmal Abhilfe geschaffen werden – Abhilfe von ganz oben! Und wenn das – so nun das Fortspinnen des Gedankens im Christentum – schon nicht in diesem Leben möglich sei, na, dann eben in einem folgenden! Prost! So und nicht anders könne er, Aurel, sich vorstellen, sei das kuriose Surrogat des Ewigen Lebens mit Jenseits, Himmel, Hölle, Fegefeuer und Pipapo entstanden! Dieses unbeweisbare Ersatzkonstrukt, das es den hierorts, im – ach, ja! – Jammertal irdischen Siechtums (ein Prosit übrigens aufs dann unter Umständen doch irgendwie recht komfortable Jammertal!), den blöd vor sich hin Darbenden überhaupt erst möglich mache, bis zu ihrem Tod auszuharren; und nicht schon vor der Zeit unter der Last der Zustände und aus Ekel über all die Unzulänglichkeiten der Welt entseelt in sich zusammenzubrechen …

Jetzt war es dem Günstling der Götter, der selbsternannten Lichtgestalt Isidor, allerdings doch zu blöd. Er, Cousin Aurel, sei und bleibe ein Dilettant in Fragen der Religion, ein Depp obendrein, dem es auch ansatzweise an jeglicher Erkenntnis mangle, antwortete der schon mehr als bloß leicht angetrunkene Kleriker nach einem weiteren großen Schluck von sündteuren Rotwein; und er, Aurel, gehe ihm, Isidor, insgesamt und überhaupt aber schon so was auf den fast heiligmäßigen Sack!

Dass dein Sack ein heiligmäßiger ist, glaubst doch nicht einmal du selber!“, höhnte der nur vorgeblich ebenfalls angesoffene jüngere Vetter.

Dann gingen (oder besser: schwankten) die beiden in den Weinkeller, um Nachschub zu holen. Denn: „Auch dumme Gespräche müssen begossen werden!“, wie der Prälatenarsch sogar einigermaßen tiefschürfend anmerkte.

Und während Isidor – bedachte man seinen schon beachtlichen Alkoholspiegel! – rasch, zielstrebig und stets noch dürstend, also auch erfolgreich nach einer weiteren passenden Rothschild-Bouteille suchte, streifte sich Aurel (vom Vetter unbeachtet) die mitgebrachten Gummihandschuhe über.

Dann erschlug Aurel den ungeliebten Verwandten mit der bauchigen Flasche.

Wobei es ihm, ehrlich, um den vorzüglichen Tropfen in seinem Innersten leid tat. Gott sei Dank, dass die bestellte Sendung mit dem 2011er in den Magnumflaschen (zum beinahe schon sündigen Literpreis von 680 Euro!) noch nicht eingetroffen war. Außerdem erschwert eine Magnum, in jeglicher Handhabung bekanntlich eher unpraktisch, das exakte Erschlagen beträchtlich.

Dann arrangierte Aurel – der Künstler schien in ihm mit Wucht noch einmal erwacht zu sein! – die Leiche recht kunstvoll und dennoch natürlich wirkend … rund um die Scherben der Flasche und die dunkelrote Lache aus Blut und Wein zur blutigen Installation. (Aber, bitte auch nicht allzu künstlerisch – er wollte, und das war für ihn als Kreativer von Format naturgemäß schwer, nicht direkt auf sich als den Schaffenden des gelungenen Environments hinweisen! Also musste das in Wahrheit penibel geplante und exakt durchgeführte Kunst-Projekt immerhin auch das Zufällige des Unfalls ausdrücken. Alles in allem eine nicht zu unterschätzende Aufgabe!)

Es sah nun ganz so aus, als sei der – zugegeben: schon mittelschwer illuminierte – Prälat unglücklich auf die Bouteille (aus anno 1968, immerhin) gestürzt, die ihm vermutlich zuvor aus der Hand gerutscht, zu Boden gefallen und da in unzählige Scherben zersprungen war.

So ein Pech auch.

Dann ging Aurel leise die Treppe hinauf, wobei er die Handschuhe in seiner linken Hosentasche verstaute. Später würde er sie dann sorgfältig im Restmüll entsorgen.

Oben, am Ende der Stiegen, drehte er um und kam wieder herunter, um – o schrecklicher Anblick! – seinen hochgeschätzten Cousin tot vorzufinden!

Es glückte alles, da auch die von Aurel telefonisch verständigte und herbeigerufene Polizei dem verstörten und völlig gebrochenen Cousin die Geschichte ohne weiteres abnahm und glaubte.

Und Aurels Plan wäre auch in seinen anderen Teilen aufgegangen, hätten nicht gravierende Umstände eindeutig alles Weitere (und damit einen positiven Ausgang der Sache) verhindert.

Da war zunächst das Fehlen echter Liebe von Marias Seite her; einer Liebe also, die über das quasi platonische Gernhaben hinausging, das man einem nahen Verwandten zumindest – schuldete. Nein, sie könne seine Gefühle nicht erwidern, zuckte sie beinahe aus. („Überhaupt, was für Gefühle denn, bitte?!“ Und als sie begriffen hatte, worum es ging, war sie zu allem Überfluss empört.) Und: Sie liebe außerdem Harry. (Harry war ein eher unauffälliger Kommilitone der Jungstudentin der Betriebswirtschaftslehre. Er war zudem ein unbeschriebenes Blatt, auch für Mutter Veronika.)

Veronika gab sich alsbald als noch empörter zu erkennen, und sie erklärte klipp und klar, an Aurel als Schwiegersohn absolut gar nie gedacht gehabt zu haben. „Unmöglich! Du und meine kleine Maria?! Um Gottes Willen! Noch einer aus dieser Verwandtschaft in meiner Familie?! Niemals!“

Es schaudere sie davor, fügte sie, für ihn durchaus kränkend, nach einer kurzen Pause des Ekelns hinzu. Und: „Gesindel! Egal ob Hopfgartner oder Zinkwaerder! Gesindel! Oh, Gott!“

Mit dem Tod des Prälaten war dann ohnedies eine neue Konstellation eingetreten. Und von den Begleitumständen hatte er sich gehütet, Maria beziehungsweise ihrer Mutter etwas zu erzählen … Das sollte eine Sache zwischen ihm, Isidor und höchstens noch dem Baron Rothschild bleiben.

Nach einer symbolischen Schrecksekunde, die sich in Wahrheit über einige Tage hinzog, nahmen des seligen Prälaten Trabanten – Pfingstl, Bernbeuschl, Rotz und Kleinschurz – zum Teil wieder die Belagerung der Liebesfestungen Veronika respektive Maria auf. Doch wehte nun bald ein neuer Wind im Palais Raumgreif. Veronika mimte überzeugend die unlustige Witwe und umsichtige Hausfrau, und auch Maria war einsilbig bis zur Schweigsamkeit, indes emsig und arbeitsam.

Daher machten sich die ehemaligen Prälatenfreunde nach der pompösen Verabschiedung des klerikalen Würdenträgers, als den man, vom Bischof und den hochrangigen politischen Vertretern abwärts, den Dahingeschiedenen allenthalben zu ehren und hervorzuheben kein Ende fand, bald ausgesprochen rar und blieben über kurz oder lang sukzessive überhaupt aus.

Emanuel Pfingstl wurde wieder einmal strafversetzt, Jonathan Rotz avancierte innerhalb des Ordinariats, Medicus Rochus Bernbeuschl segnete wenig später gerechter Weise das Zeitliche. Nur Charly Kleinschurz vergrub sich in seine journalistische Arbeit und übte sich noch stärker als zuvor in den dunklen Machenschaften auf kulturpolitischem Gebiet; er legte geschickt (und mit harmloser Miene) seine Minen und trieb sein gewohnt destruktives Werk munter voran.

Veronika verbitterte zusehends. Hatte sie doch nicht einmal den blöden Prälaten mehr.

Maria merkte zwar ziemlich rasch, dass ihr Harry ein ausgemachter Hohlkopf war; doch an Aurel verwandte sie dennoch keinen Gedanken.

Wie und warum wohl auch?!

Coda

Das war es also gewesen.

So sah es aus.

Maria war für ihn dahin.

Mit Veronika hatte er es sich zudem für immer verscherzt. (Und doch – es war kein Scherz gewesen, nein es war Todernst.)

Der dreiste klerikale Vetter hatte obsiegt. Und das, obschon ihn fürderhin der kühle Rasen deckte.

Ein letzter Blick noch. Aurel hatte ihn zu wagen.

Einmal musste er noch in das Buch sehen. Nicht so sehr, um endlich das Datum seines Todes zu eruieren; das war ihm nicht (mehr) wichtig.

Nein, es ging, sozusagen, ums Prinzip.

Denn mit dem Verlust seiner Lebensliebe Maria war, so schien es ihm zumindest, sein Schicksal ohnedies mehr oder weniger besiegelt.

Was noch kommen – und somit: bleiben – würde, war allenfalls Routine.

Essen. Trinken. Bumsen mit irgendwelchen Weibern, wenn ihm überhaupt danach sein würde.

Und wenn das Essen auch vorzüglich sein sollte und das Trinken exquisit, wenn der Fick zufriedenstellend verliefe und auch sonst alles irgendwie o. k. wäre – der Sinn des Ganzen (wenn es denn überhaupt je einen solchen gegeben haben sollte) hatte sich für ihn verflüchtigt. Ja, der war schlicht und ergreifend – perdu.

Daher konnte er ruhigen Gemüts den Rest der Vetternwirtschaft auch noch lesen.

Und sollte ihm der dort vermutlich angegebene Termin seines Abgangs nicht konvenieren, weil er womöglich in zu weiter Ferne lag, so konnte er ohne weiters eine eigenhändige Korrektur anbringen und das Datum nach Belieben verändern. Nach vorne hin.

Wollen doch sehen, wie das Büchlein darauf reagiert, dachte Aurel belustigt.

Dann war er auch schon in der Bibliothek und stand vor dem nur zu gut bekannten Regal.

Doch dort, wo er das Buch zu finden erwartet hatte, klaffte eine Lücke.

Aurel zwängte sich nach einer kurzen Überlegung hinein und verschwand.

E N D E

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