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S e e l e n

Eine Erzählung

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2014)

Ein Wurm hängt am Angelhaken.

Ein Fisch beißt den Wurm.

Der Fisch beißt auch den Angelhaken.

Die Angel zieht den Fisch.

Nun hängt der Fisch an der Angel.

Die Angel zieht ihn an die Luft.

Der Fisch stirbt an der Luft.

Die Angel stirbt den Fisch.

Ein neuer Wurm hängt am Angelhaken.

Ein neuer Fisch beißt den neuen Wurm.

Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

Kurt Schwitters, Stumm

*

Jetzt wird sie schon zur Schule gehen,

die Sprotte der kleinen Sprotte.

Es blies der Sommerwind so schön,

so schön auf dem Fagotte.

Fritz Graßhoff, Die kleine Sprotte

*

SYNOPSIS (für Eilige):

Gymnasiallehrer Prof. Dr. Paul Kronsteiner (*1953), beruflich in der Zielgeraden mit guten Chancen, noch schnell vor der in wenigen Jahren anstehenden Pensionierung Direktor zu werden, hat vor circa 20 Jahren, also 1993, einen One-Night-Stand mit seiner Cousine Mariella Nordtstatt (*1966) gehabt, woraus die gemeinsame Tochter Verena (*1994) hervorgegangen ist; die man allerdings Mariellas Ehemann, dem erfolgreichen Rechtsanwalt Dr. Peter Nordtstatt (*1961), unterjubelt hat, mit dem die Mutter des gemeinsamen Sohnes Michael (*1988) seit 1988 verheiratet ist. Paul hat damals bei dieser außerehelichen Eskapade auf die Verwendung eines Kondoms verzichtet – „Ich kann doch meine leibliche Cousine nicht ficken wie eine Nutte!“. Nunmehr, also 20 Jahre später, verliebt sich Pauls und Gundulas (*1960) Nachzügler-Sohn Philipp (*1992), Student (3. Semester, Germanistik und Geschichte, wie dereinst der Herr Papa), in Verena, die gerade Romanistik zu studieren angefangen hat. Die beiden Verliebten – unwissentlich: Halbgeschwister von einem Vater – wollen stante pede heiraten; und müssten das, wie sie bald merken, geschuldet der familiären (Schein-)Moral, wohl auch, da „etwas unterwegs ist“ … Erst wird alles versucht, die Dinge möglichst im Dunklen zu belassen oder überhaupt unter den Teppich zu kehren. Doch da liegt schon zu viel – über Generationen – verborgen. Es kommt zum Eklat.

Nach dem Finale wird noch die Variante eines vorhergehenden Kapitels angeboten.

Prof. Paul Kronsteiner (*1953); seine Frau Gundula (Gundi, *1960), geborene Buschhold; die Kinder Gerda (*1985), Claudia (*1987) und Philipp (Phips, *1992).

Pauls Eltern: Vater DI August A. (Anatol) Kronsteiner (1920 – 1998) und Mutter Elvira (1932 – 2011), eine geborene Filzmoser aus St. Pankrazen an der Salm. Dazu: Der Großvater Pauls, Landesgerichtsrat i. R. Dr. Franz Xaver Kronsteiner (1897 – 1973).

Gundulas Eltern: Vater HR Dr. Franz Theodor Buschhold (1928 -2006) und Mutter Edda (*1937), eine geborene Rührl.

Mariella Nordtstatt, eine geborene Filzmoser (*1966); ihr Mann, Dr. Peter Nordtstatt (*1961); die Kinder Michael (*1988) und Verena (Veri, *1994).

Peter Nordtstatts Eltern: RA Dr. Egon M. (Maximilian) Nordtstatt (1934 – 1997) und Leonore, geb. Führinger (1937 – 2011).

Mariellas Eltern: Vater NR-Abg. a. D. Adolf Filzmoser (1931 – 1995), der Bruder Elviras, und Mutter Isabella (1938 – 2001), eine geborene Flatter.

Adolfs und Elviras Vater, Adam Filzmoser (1908 – 1982), verheiratet mit Ernestine Krautwaschl (1910 – 1990). Sie sind auch die Eltern eines „Nachzüglers“, nämlich des berüchtigten Fleischers und „Weiberers“ Emmeran Filzmoser (1950 – 2009) … Paul Kronsteiners Mutter, Elvira, geborene Filzmoser, ist also die ältere Schwester des Weiberhelden, Wurstfabrikanten und Wirts („Zum Goldenen Hahn“) zu St. Pankranzen, des ersten Opfers in der sogenannten „Melkfett“-Affäre (um 2009/10). Außerdem hat es noch den legendären (Ur-)Großvater Valentin Filzmoser (1878 – 1960) gegeben, auch er bekannt und berüchtigt als Schürzenjäger und Weiberheld durch Jahrzehnte …

Einige von Paul Kronsteiners Geliebten (meist jüngere Kolleginnen): Prof. Dr. Renate Pruhns-Beutler, MMag. Ramona Illich, Mag. Dr. Edeltraude Rülpsch, Gabriella Biermann, Vanessa Grünstein et cetera …

Diverse Freundinnen und Freunde, Hausärzte, Polizisten, Kolleginnen und Kollegen, Kellnerinnen und Kellner, Konzertbesucher, Sinesen und Touristen beim Palio, Politiker, Studenten et cetera.

*

Ein Resümee vorweg

Hätte Paul damals, 1993, also vor gut zwanzig Jahren, ein Kondom verwendet, manches wäre in der Folge wohl anders gelaufen. Und auch heute würde sich vieles in der Familie etwas weniger kompliziert darstellen. Aber so …

Andererseits –

Hier wurde zuvor kein Einerseits gesetzt! Woher soll dann also, bitte schön, das Andererseits kommen?“, hätte Prof. Dr. Paul Kronsteiner vermutlich, wie immer um Korrektheit bemüht, mittels Füllhalters mit roter Tinte angemerkt, wäre ihm das, was hier so salopp hingeworfen scheint, zur Korrektur vorgelegt worden; als Klassenarbeit, Aufsatz oder vielleicht als Test. Aber so müssen wir uns um den ziemlich mediokren Gymnasiallehrer, dem vermutlich gerade deshalb, nämlich wegen seiner Inferiorität, und weil er immer ein so braver Parteisoldat (auch Gewerkschaftsfunktionär und sogar in der Personalvertretung aktiv) gewesen ist, nunmehr, ein paar Jahre vor der anstehenden Pensionierung, gar noch ein durchaus attraktiver Direktorensessel winkt, in Sachen eines möglichst tauglichen Sprachausdrucks nicht weiter kümmern. Und das ist auch gut so.

Uns geht es nämlich mehr um Kronsteiners Integrität – beziehungsweise um deren Gegenteil – als um Einerseits und Andererseits und darum, ob der Konjunktiv und/oder der Indikativ wohl exakt gewählt, ob der Irrealis elegant genug gesetzt – oder vielmehr berechtigter Weise fälschlicherweise – und die Regeln von Syntax, Genus und Zeitenfolge brav eingehalten wurden. Für uns geht es im vorliegenden Fall auch nicht so sehr um die Unterscheidung zwischen transitiven und intransitiven Verben, und die modalen Hilfszeitwörter sind uns auch egal.

Und da kommen wir leider nicht umhin anzumerken: Mit dieser etwas anderen Form von Grammatik, einer gewissermaßen moralischen Art, also damit haperte es im Fall des Herrn Prof. Paul Kronsteiner all die Weil‘ ziemlich. Nein, da stimmten die Fälle hinten und vorn nicht. Einzahl und Mehrzahl gerieten ihm nicht selten durcheinander. Und bei den Zeiten herrschte nachgerade ein wahres Chaos!

Besonders aber mit den Geschlechtern hatte der Herr Deutsch-Professor, so wird immer deutlicher sicht- und spürbar, überhaupt seine liebe Not.

Exakt: Nicht mit den Geschlechtern, mit dem Geschlecht.

Mit dem weiblichen, nämlich.

Ja, Herr Professor Kronsteiner gilt von jeher (hinter vorgehaltener Hand) als Genießer, als Gourmet – besonders des meist reichhaltigen sexuellen Angebots, das sich da in seiner Umgebung immer wieder dartut. Ja, als Gourmand. Auch wenn es dabei meist unklar bleibt, was die Vertreterinnen des sogenannten schönen Geschlechts überhaupt an Kronsteiner finden. Doch wer schön ist, muss nicht automatisch auch gescheit sein. Und nachher sind sie dann ohnedies meist gescheiter, die Kurzzeit-Adorantinnen und in aller Regel im Handumdrehen auch schon wieder abgelegten Bettgenossinnen des im Grund wenig charaktervollen AHS-Lehrers.

Paul Kronsteiner ist ein Aufreißer. Ein Aufreißer und Flachleger. Ein Anbaggerer und Anbrater. Nicht uncharmant vielleicht und in Maßen mitunter sogar geistreich (für Anspruchslose). Doch eigentlich eher ausgesprochener Bewohner eines intellektuellen Flachgewässers und sicherheitshalber Trockentaucher dazu. Insgesamt ein Mensch, dessen Horizont aufhört, bevor er überhaupt so richtig begonnen hat, sich über irgendeiner Sache (etwa: Ambition, Engagement, Seele, Kultur, Bildung …) zu wölben.

Kronsteiner ähnelt in mancher Hinsicht mehr einer Amöbe oder einem ähnlich rudimentär beziehungsweise simpel angelegten und veranlagten Einzeller als der (vermutlich ohnedies zu Unrecht vielzitierten) Krönung der Schöpfung. Und sollte es besagte Schöpfungskrone überhaupt geben, dann scheint sie möglicherweise nicht selten recht ordinär ausgefallen zu sein … Und er, Kronsteiner, ist auch dafür ein durchaus taugliches Beispiel.

Fazit: Paul Kronsteiner, Prof. Dr. Paul Kronsteiner, ist ein wenig charaktervolles Arschloch.

*

Uns kommt in diesem Zusammenhang natürlich gleich die leidige „Melkfett“-Angelegnheit in den Sinn, die sich vor einigen Jahren in St. Pankrazen an der Salm zugetragen hat. Denn aus St. Pankrazen, einem erstaunlich düsteren Nest in der (zugegeben, an düsteren Nestern nicht eben armen) Oststeiermark stammte auch Kronsteiners Mutter Elvira, eine geborene Filzmoser (die allerdings im Jahr 2003 verstarb). Ihr wesentlich jüngerer Bruder, nämlich Emmeran, war Fleischhauer, Selcher, Wurstmacher und Wirt („Zum Goldenen Hahn“) in St. Pankrazen und galt als energiegeladener Weiberer (Frauenheld), erfolgreicher Schürzenjäger und ausgesprochener Geilist. Er wurde jedoch – und das verschaffte ihm posthum einige, zugegeben: fragwürdige Berühmtheit – zum ersten Opfer in der sogenannten „Melkfett“-Affäre von 2009 oder 2010, die dem eher düsteren Ort als Tatort eines Serienkillers (oder besser: einer Serienkillerin) für kurze Zeit zu einiger makabrer Bekanntheit verhalf …

Wer weiß, vielleicht hat der Volksmund (wieder einmal) recht und der Apfel fällt wirklich nicht allzu weit vom Stamm: Vielleicht trug Paul Kronsteiner, der nach außen hin ach so untadelige Gymnasiallehrer, der loyale Parteisoldat und treusorgende Familienmensch, einiges von der mit Sicherheit überbordenden Ladung an Testosteron-orientierten Genen seines gemeuchelten Onkels in sich? Und von Emmerans Witwe, der hübschen Hermine, ist immerhin der familieninterne Ausspruch überliefert: „Jaja! Im Paul spukt bestimmt noch der Schweine-Samen vom Valentin Filzmoser weiter, vom Urahn meines unseligen Mannes Emmeran!“

(Oder aber – wer weiß, wer weiß?! – die Veranlagung hatte gender-technisch einen Schwenk vollzogen; und es wäre somit zu einer Verlagerung gekommen, hin zum hübschen Bäsle Mariella? Denn immerhin war Emmeran ja auch ihr Oheim gewesen …)

Und weil uns Kronsteiners Schweinereien – insbesondere aber seine andauernden Affären und liederlichen Ausschweifungen im Umgang mit den Frauen – mehr interessieren als seine ohne Zweifel meist tadellose Handhabung von Nominativ, Genitiv und Imperativ, wollen wir uns doch anschauen, was da im Allgemeinen und durch die Jahre so alles gelaufen ist.

Oh, ja, Hinweise gibt es in Hülle und Fülle, denn der feine Schulmann und Herzeige-Pädagoge war in sexuellen Dingen stets äußerst umtriebig; auch wenn er es, man muss das neidlos anerkennen, meist recht schlau anstellte, seine Spuren zu verwischen. Doch, da war er recht penibel. Wie gesagt, meist gelang das weitgehend perfekte Beseitigen der diversen Reste amouröser Tätigkeiten auch. Meist – aber nicht immer.

Dass seine abgelegten Bettgefährtinnen, die, es ergab sich eben, nicht selten junge Kolleginnen (auch sogenannte Einzuführende) waren, einiges erzählen könnten, ist durchaus anzunehmen. Dass sie es meist nicht tun, spricht indes für die Damen; oder für ihre gekränkte Ehre. Außerdem: Wer stellt sich schon gern in die Auslage, ist als karger Lohn lediglich entweder späte Schande, allgemeine Schadenfreude oder dünnlippiges Mitleid zu erwarten.

Jaja, da ist schon was zusammengekommen an weiblichem Material in den Jahren seit Paul Kronsteiners Eintritt in den Schulbetrieb. Aber sogar vorher war seine, dem Sexualtrieb geschuldete Umtriebigkeit nicht von schlechten Eltern gewesen! Nein, in der Tat nicht.

Als der höfliche – wenn es sein musste: auch schon mal bis zur Schleimigkeit hin devote -, allerdings ziemlich humorlose, dafür jedoch umso pingeligere Magister und Doktor dann anno 1979 auf der schulischen Bildfläche erschien und – die (in diesem Fall: goldrichtige) Partei hatte es möglich gemacht – gleich am renommierten Carl-Rosenfeldt-Gymnasium in der Landeshauptstadt, damals noch einer wahren CV-Hochburg, zu unterrichten begann, ging es freilich erst so richtig los! Rein in die Betten, raus aus den Betten, rein in die Betten …

*

Naturgemäß – nämlich seiner Natur gemäß! – war Paul Kronsteiner, wie schon angedeutet, gar nicht uncharmant, wenn es darum ging, ein weibliches Wesen zu erobern. Und es ging so gut wie immer darum … Für einen Aufriss ließ er sich schon was einfallen, wenn es sein musste! Kronsteiner konnte, wenn es denn notwendig war, den Damen sogar recht ordentlich den Hof machen. Doch lag in seiner Vorgangsweise wiederum, optimal überschminkt und verdeckt freilich, derartig viel innere Arroganz und Menschenverachtung, dass er letztlich allmählich dann auch äußerlich zum widerlichen Typen mutieren musste. Indem er nämlich selbst einem weiblichen Idealbild hinterher hechelte wie ein dauernd leicht überforderter Jagdhund der Beute, deren Spur und Geruch er nun einmal aufgenommen hatte, entfernte er sich ideell gleichzeitig unweigerlich davon, je näher er besagtem Bild kam … Paul Kronsteiner reduzierte die jeweilige Sexualpartnerin nämlich zum reinen Objekt seines (in der Tat nun einmal) außergewöhnlich stark ausgeprägten Geschlechtstriebs. All die aufgewandte Höflichkeit war da lediglich Maskerade, die indes erstaunlich lang die darunter verborgene schäbige Fratze des Vielfraßes zu verbergen imstande war. Eines Gourmands, der sich, klar doch!, selbst, aufgeblasene Dumpfbacke, die er war, für einen Gourmet hielt …

Kronsteiner konnte sich mit der Zeit jedoch am Sex mit einer Frau kaum mehr erfreuen, weil sich das Weibliche mit jeder neuen Eroberung – oder Pseudo-Eroberung, denn definitiv warf sich immer noch manches weibliche Wesen ihm mehr an den Schwanz, als dass er sie hätte erringen müssen! -, Kronsteiner konnte sich also kaum mehr am Sex erfreuen, weil sich das Weibliche mit jedem neuen Abschuss vom aufregend Individuellen zum irgendwie fast abstrakten, ergo faden Topos hin reduzierte. Die Frauen wurden in ihrer Weiblichkeit dabei gleichsam eingedampft und lediglich auf ihre Aromen hin verdichtet. Ja: Die Erweiterung der Liste, auf der die erlegte Beute, zumindest bildlich gesprochen, notiert war, bedeutete somit in Wahrheit – oh, welches Paradoxon! – eine echte Einschränkung!

So kam es, dass, von ihm selbst zunächst unbemerkt, in seiner sexuellen Gier eine immer größer werdende Portion an Ekel mitschwang. Kronsteiner glich immer deutlicher einem Süchtigen, bei dem das rezipierte Mittel selbst längst im Begriff war, den angestrebten Lustgewinn zu ersetzen. Der Katalysator wurde zum Inhalt, das Mittel zum Zweck.

Fadesse und Überdruss, wenn er sensibel genug gewesen wäre, sie zu bemerken, schlichen sich peu à peu ein, wo er immer noch (und noch für lange Zeit) quasi himmlische Freuden imaginierte. (Nur haperte es dann auch in stärker werdendem Maß auf dem Gebiet der Einbildung dieser ach so großartigen sexuellen Erfolge, deren ursprünglich so wohltuender Nervenkitzel längst einer faden Funktionalität gewichen war.)

Jede schöne (oder auch weniger attraktive) Gespielin seines Triebs, die ihm da und aus welchen Gründen auch immer quasi wie überreifes Obst – fast möchte man sagen:- in den Schoß fiel, indem er in ihren Schoß eindrang, verstärkte gleichzeitig den schalen Nachgeschmack, der sich bei ihm längst schon (allerdings: uneingestandener Weise) eingestellt hatte in sexuellen Dingen; und der bestimmend bleiben sollte. Bestimmend und zugleich widersinniger Grund für das ständige Weiter-Jagen, Weiter-Erobern und Weiter-Erlegen.

Ja, Paul Kronsteiner musste – schon, um überhaupt den vermutlich längst krankhaft gewordenen, zumindest übersteigerten Drang nach immer neuem Fleisch zu befriedigen – parallel zur Vorstellung höchster körperlicher Lust gleichzeitig eine Art Abwertung eben dieses erjagten, eroberten und erlegten Fleisches vornehmen. Nur indem er, darin tatsächlich der numerischen Notation in Leporellos Arie entsprechend, wenigstens eine Unzahl von Geschlechtsakten zusammenbrachte und vollzog, vermochte er eine Art von Auftrag zu erfüllen; nämlich sich zumindest um die Sammlung möglichst vieler Fallbeispiele zu bemühen. (Wobei es sich freilich nicht bloß um gefallene Mädchen, sondern auch um – siehe oben – überreife Früchtchen handeln konnte.)

Bei all diesem schier zwang- und krankhaften amourösen Treiben längst schon kaum mehr etwas zu empfinden, das war gleichsam der Preis für dieses in gewisser Weise beinahe irgendwie wissenschaftlich abstrakte Geficke.

Paul Kronsteiner glich somit in seinen Anstrengungen (auch wenn ihm das Bumsen selbst immer noch durchaus leicht fiel), ähnlich wie das fiktive oder literarische Urbild Don Juan, wie der halbwegs reale Casanova oder vielleicht auch der mythologische Göttervater Zeus, einem Sammler von Schmetterlingen oder einem frühen Ornithologen: Bevor die (mitunter ach so herrlichen, angeblich einzigartigen) Exemplare, deren er da so spielerisch und unangestrengt wie nur hatte habhaft werden können, ihren Platz in den aparten Schaukästen hinter Glas, auf den hübschen Trophäenregalen und in den wertvoll wirkenden Kollektionen finden konnten, mussten sie, zumindest im übertragenen Sinn, tot sein. Erjagt, erobert und erlegt sowie von einer Nadel durchbohrt; vielleicht sogar kunstfertig präpariert und sorgfältig ausgestopft, als kurioses Taxidermie-Objekt. Außerdem: zur laufenden Nummer geworden.

Dies entschuldigt freilich alles nicht die Charakterlosigkeit und Kaltschnäuzigkeit Prof. Kronsteiners, des geilen Schürzenjägers und gewieften Weiberhelden, der, je mehr Frauen er gehabt hatte, umso weniger zum Verständnis des Weiblichen und zur Erkenntnis der Gefühlswelt der Frau gelangt war. Paul Kronsteiner blieb in Wahrheit für immer ein uninspirierter dröger Klotz, und die erwähnten Urbilder, also Don Juan, Casanova und Jupiter, kontrastierten zu ihm im weitesten Sinn als vergleichsweise seelenvolle Kavaliere.

Er war ein, zugegeben, starker Schwanz, doch menschlich kaum was dran.

Ein Getriebener zwar, doch letztlich einer ohne Richtung, ohne Sinn und Ziel.

Fazit: ein Niemand. Kaum der Rede wert. Belanglos. Eine Null.

Immerhin: ein leerer Spiegel, in dem sich manche nicht minder oberflächliche Frau, der es an eigener Persönlichkeit weitgehend mangelte, zu erblicken und wenigstens ein bisschen zu konturieren imstande war. Und wenn sie nur bereit war, ihre schwache Persönlichkeit an sein vorgeblich stärkeres Erscheinungsbild zu verschenken, sollte das auch gelingen …

Und die Damen verschenkten – en masse.

Denn Paul Kronsteiner hatte es nie nötig, irgendwelche Gewalt anzuwenden, um an sein Ziel zu gelangen. An ein Ziel, das in Wahrheit längst gar keines mehr war.

*

Klugerweise wusste Kronsteiner allerdings in einem Punkt, sich und seine Libido zu zähmen: Er begann nachweisbar nie etwas mit einer Schülerin. Da vögelte er lieber die hübscheren Mütter von der Sprechstunde weg, begann meist kurze Verhältnisse mit geneigten Kolleginnen oder den noch knusprigen Ehefrauen seiner meist schon vor sich hin welkenden Kollegen. Seine Schülerinnen waren Tabu. Da konnten diese hinterlistigen Gören anstellen, was sie wollten und sich ihm (von Outfit und Augenaufschlag her) noch so aufreizend offerieren: Da überwand Kronsteiners Kalkül die übliche Allmacht seines Schwanzes wie automatisch.

Doch sonst trieb er es bunt. Und, wie gesagt, auch schon zuvor, in der schönen Studienzeit, war des Bumsens kein Ende gewesen. Da gab es einmal – neben einigen anderen, nicht viel weniger attraktiven – eine seiner Kommilitoninnen, die glutrothaarige und gelbgrünäugige Renate Beutler (später Prof. Dr. Pruhs-Beutler), der er, wenn auch nicht ganz so wie sie ihm, verfallen zu sein schien mit Haut, Haar und Aug‘ wie Ohr („Du höllisch-rot brennendes Klatschmohnfeld, du!“ – „Ach du, du mein nimmermüder, starker Herkules!“)! Oder später, die sanftmütige MMag. Romana Illich mit dem Nonnen-affinen Augenaufschlag, bei der so ziemlich alles doppelt zu sein schien, dazu noch mit den reizenden, lockigen brünetten Haaren („Meine Donna Elvira, du keusche Frucht!“ – „Ach, du, du mein Don Giovanni!“). Oder der Goldengel Edeltraude Rülpsch, die später zur hochgelehrten Magistra und Dottoressa (gar in Padua!) werden sollte – und zuletzt eine alte verkniffen-frustrierte Jungfer („O mein dreieckiges Lustgärtlein, so wonniglich!“ – „Himmel! Du, du starker Gärtner, mein!“) … Ja, dann auch auch Gabriella Biermann (in der Folge mehr oder minder glücklich Dr. Biermann-Gleissner-Kranich), eine Fick-Orgel erster Güte, oder die ziemlich verrückte Dichterin und Vasen-Gestalterin Vanessa Grünstein mit der aparten Halbglatze …

Freilich, da kamen dann später auch noch Irmgards, Dorotheen, Idas und Alexandras sonder Zahl, eine Reihe von Reginas, Lottes, Beates und Hildegards, sogar eine Diotima sowie eine Mercedes, dazu Margaretes, Christas und Christinas (aller Schreibungen), Constanzen, Petras, Friederiken und Hildegunden … Doch hatten wir nicht vorgehabt, hier eine zweite Registerarie des Leporello anzustimmen. Uns liegt auch grundsätzlich weder daran, Pauls Virilität zu bezeugen, noch sein Beuteschema zu entschlüsseln. (Nebenbei bemerkt, er hatte keines; seine Pirsch war durchwegs Instinkt-gesteuert – nichts desto weniger indes meist erfolgreich.)

Nein, uns geht es mehr um die Darstellung seines geradezu exemplarisch miesen Charakters. Und um die Betonung des Umstands, dass er beispielsweise seine Frau Gundi von Anfang an schon betrogen hatte; und das nicht nur, wenn sie selber etwa gerade schwanger war (was immerhin schlimm genug gewesen wäre) und ihm daher nicht in dem von ihm erwünschten Ausmaß sexuell zur Verfügung zu stehen bereit; geschweige denn auf seine Sonderwünsche eingehen wollte oder konnte. Nein, Paul betrog zum Teil sogar bloß des Betrügens wegen.

Paul Kronsteiner glich in seiner sexuellen Abhängigkeit dem weitestgehend der Spielsucht Verfallenem. Er war gleichsam ein Womenizer, dessen Selbstreflexion so beschlagen war wie die Scheiben in einem Kleinwagen, indem kurz zuvor intensivst gevögelt worden war …

Obwohl er es sich selbst kaum je eingestanden hätte: Paul Kronsteiner war total sexualisiert. Der AHS-Lehrer war in der Tat von Kopf bis Schwanz auf Sex eingestellt, und beinahe alles musste sich seinem übermächtigen Trieb und Verlangen unterordnen. In Adaption des bekannten Spruchs von René Descartes hätte er wohl von sich behaupten können: Coeo ergo sum. Ja, Pauls Selbstgewissheit und geschlechtliche Selbstständigkeit trugen durchaus cartesische Züge an sich. (Was man von seinen philosophischen Talenten allerdings gar nicht behaupten konnte. Doch, wie heißt es so schön: Den Seinen gibt es Gott im Beischlaf.)

*

Dabei durfte man mitunter sogar an Pauls Geschmack zweifeln. Aber vielleicht ermöglichte just eine Art von nicht näher bestimmbarem Spiel der Natur – einem ganz besonderen Farbschlag, einer extremen Haarkräuselung oder einer exotischen Augenstellung bei Zuchtvorgängen im Klein- und Nutztierbereich nicht unähnlich – diesem erstaunlichen Banausen das nicht selten überraschende Vorhandensein unerwarteter Exklusivität in Geschmacksdingen: Zwar wären nach allem Dafürhalten bei Paul Kronsteiners jeweiliger Entourage eher ordinäre Auswahlkriterien (ja, sogar die Auswahl des Ordinären selbst!), wie etwa grelle Attraktivität oder aber, in krassem Gegensatz dazu, blässliche Mittelmäßigkeit in der Ästhetik, zu erwarten gewesen; dennoch setzte der Zufalls-Schöngeist dann und wann seine Umgebung durch völlig konträres, gleichsam gänzlich aus dem gewohnten Schema fallendes Auswahlverhalten in Erstaunen. Pauls Ranking konnte es zwischendurch durchaus mit der weitgehenden Unbegreifbarkeit US-amerikanischer Bewertungsagenturen in Wirtschaftsbelangen aufnehmen.

So wie also einerseits der, den man beinahe stets als von fragwürdigen Halbweltdamen umgeben kannte, durch den einmaligen Auftritt mit einem wahren Prachtweib an seiner Seite gewaltig zu irritieren vermochte, so konnte zum anderen einer, in dessen Schlepptau sich nicht selten die knapp erst Volljährigen befanden, plötzlich, in zärtlicher Umturtelung durch eine gleich aufgetakelte wie geliftete Botox-Greisin, die allgemeine Aufmerksamkeit punktuell wie von selbst auf sich ziehen. Zumindest Prof. Dr. Paul Kronsteiner konnte.

Doch ihm ging es allem Anschein nach überhaupt nicht darum, öffentlich sonderlich Furore zu machen (auch wenn es ihn nicht unbedingt störte, Aufsehen zu erregen); er versuchte vielmehr, das jeweils Bestmögliche aus Situationen wie aus Konstellationen oder in seinem Sinn leicht adaptierbaren Arrangements herauszuholen. Und mit jungen Mädchen herumzumachen, zumal mit den eigenen Schülerinnen, gehörte nun einmal mit Sicherheit nicht in sein übliches Verhaltensmuster.

Warum auch immer: Hier dämpften Kalkül und Instinkt (oder eine genetisch in ausgiebigem Maß vorhandene Bauernschläue?) das heiße Blut des stets bereiten Sexualartisten.

Kurz: Paul Kronsteiner, obwohl weder sonderlich attraktiv noch irgendwie geistreich oder gar charismatisch, ging gewohnheitsmäßig und andauernd fremd. Dennoch aber war er, bei allem von Leidenschaften getrieben Schwung, doch auch auf seinen zukünftigen Vorteil und in gewisser Weise sogar auf seinen guten Ruf bedacht.

Er fickte sich durch die Gesellschaft und durch das Leben. Ein Testosteron-geleiteter Lüstling, der allem Anschein nach seine Duftnoten so gezielt und passend zu setzen wusste, wie Hunde die ihren an den optimalen Orten in Parks und an Straßenlaternen platzieren. Und die daher in sehr eigenartiger Weise unverwechselbar sind und quasi heraus-pürbar unter den vielen anderen Exemplaren einer oft genug fragwürdigen Meute. Oder wie sich bei den Katzen eines Viertels die Qualität bestimmter Kater herumspricht, bis sich ihre sagenhafte Potenz zuletzt zur Legende unter den weiblichen Tieren verdichtet hat – als eine Art kätzischer Märchensammlung à la Tausendundeine Nacht. Da ging es allerdings nicht um Duft allein, da mussten dann wohl oder übel auch noch andere verborgenere Botenstoffe im Spiel sein.

Und bei Paul Kronsteiner? Da hätte sich den größten und begabtesten Parfumeuren vermutlich die Aufgabe ihres Lebens offeriert, wäre es doch immerhin um die Entschlüsselung des Odeurs dieses speziellen Moschus-Bullen gegangen …!

Wie der Jäger Paul Kronsteiner, dieser effektive Nimrod in weiblich-erotischen Bezirken, seine Aufrisse dabei bewerkstelligte, wusste wohl niemand so genau. (Wahrscheinlich nicht einmal er selbst, dieser weitgehend von seinem Instinkt gelenkte Hurenbock.) Und eine gewisse Mitschuld mag sicherlich auch bei der beachtlichen Strecke selbst zu suchen sein. Ja, die erlegten Weiber waren zu gutem Teil bestimmt selber schuld daran, ließen sie sich mit ihm ein.

*

Blendete er, der selbst Geblendete?

Ja, doch: Prof. Dr. Paul Kronsteiner war nämlich zu alledem auch gesellschaftlich (und politisch) ein beachtlicher Blender. Ein Fälscher, Blender und Betrüger. Und ein Wendehals und Windbeutel dazu. Ein Lügner zu allem Überfluss. Einer, der nur zu gern das, was er sich so zusammen log, zu allem Überfluss auch noch selbst glaubte! Pathologisch schon war das!

Freilich, auch das lag ihm wohl im Blut.

Was von väterlicher Seite hier Anlage-mäßig nicht ausreichte, wurde von Mutters Hemisphäre her auf das Kräftigste ergänzt: Elvira Kronsteiner war nun einmal eine geborene Filzmoser, aus dem düsteren Markt St. Pankranzen an der Salm stammend. Die Tochter des gewesenen NS-Ortsgruppenleiters Adam Filzmoser, der nach 1945 dann gar zum Groß-Katholen konvertierte; was ihm alsbald prompt den schwarzen Bürgermeistersessel einbrachte … Ja, und Mutter Elvira war außerdem die Schwester des langjährigen ÖVP-Abgeordneten zum Nationalrat Adolf Filzmoser (genau, Mariellas Vater) sowie die des familiären Nachzüglers, des um einige Jahre jüngeren Emmeran Filzmoser, des schon erwähnten Sexual-Protzes, Schürzenjägers, ortsbekannten Weiberers und ersten „Melkfett“-Opfers …

Doch – nein, wir wollen hier kein Hohelied der Bauern-Erotik anstimmen und auch nicht traurige politische Schlagseiten (wie sie zudem allenthalben und besonders in österreichischen Großfamilien vorkommen) beklagen. Nein, wir wollen bloß ein bisschen im Dreck wühlen. Und besonders interessiert uns – Spezifisches.

Was da zum Beispiel zwischen dem in Permanenz geilen AHS-Lehrer Prof. Kronsteiner und seiner attraktiven Cousine Mariella genau vorgefallen ist, damals vor gut zwanzig Jahren, im Anschluss an einen gelungenes Konzertabend im Grazer Stephaniensaal.

Es wird sich dann in der Folge zeigen, dass es ziemlich leichtsinnig war, unter dem (zugegeben, ein wenig hitzköpfigen) Hinweis, man könne doch mit seiner Base nicht ficken wie mit einer Hur‘, aufs Präservativ verzichtet zu haben. Damals, als vorher das Niederösterreichische Tonkünstler-Orchester unter Fabio Luisi (der für alles das natürlich überhaupt nichts kann!) Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Strauss und irgendetwas von einem wenig bekannten lebenden steirischen Komponisten gespielt hatte. Und nachdem man im gemütlichen „Landhauskeller“ gewesen war und dort superbes Rindfleisch (Kavaliersspitz beziehungsweise Tafelspitz) gegessen und guten Wein (Rheinriesling aus der Südsteiermark) getrunken hatte, nachher. Und schließlich dann in diesem nicht eben un-schmuddeligen Stundenhotel im Bett gelandet war. Ein Verwandtschaftsbumsen also. Ohne Präservativ.

Ich kann meine Lieblings-Base doch nicht ficken wie eine Hur‘ …, mit einem Gummi!“

Er war sich sogar noch gut dabei vorgekommen.

Doch vieles war in der Tat bloß Attitüde an diesem fast schon bizarren Blender.

So verbarg sich auch hinter seinen angeblich so stark ausgeprägten musischen Ambitionen, zumal seinem übergroßen musikalischen Verständnis, nicht viel mehr als heiße Luft. Zwar mag es weiter nicht wichtig sein, nur stand es in krassem Widerspruch zu seinem Getue und dem ganzen Gehabe, das er von seiner angeblich so überbordenden Liebe zur Musik machte, dass sein diesbezügliches Wissen und Verständnis in der Sache nur ziemlich rudimentär ausgebildet waren. Der Anspruch war ein rein äußerlicher, in seinem Inneren gab ihm Musik leider kaum etwas; weil ihm kaum etwas etwas gab … So wie er auch kein wahrer Genießer guten Essens oder Trinkens war, sondern höchstens ein Geschmacks-Mitläufer. Einer, der tat, als ob … Und in Sachen Musik vermittelte dieses merkbare Unvermögen Pauls seiner Umgebung, die vielleicht wirklich Gefallen an der Sache fand und sich an etwas akustisch (und mental!) zu erfreuen verstand, durchaus negative Schwingungen, wenn man so will.

Auch nach längerem, intensivem Zuhören etwa eines von Glenn Gould interpretierten Klavierstückes von Johann Sebastian Bach hätte er die eben vernommene Wiedergabe kaum essentiell unterscheiden können von einer – zum Exempel – durch Friedrich Gulda, Wladimir Horowitz oder Rudolf Buchbinder.

Wie gesagt, bei jedem anderen, weniger affektierten und nicht so unmäßig besserwisserischen Musikfreund wäre das kaum der Rede wert gewesen; nur bei ihm, der ständig etwas beitragen zu müssen oder sich über etwas äußern zu sollen glaubte, fiel es bald einmal auf, dass diese Nuss eine (im Wortsinn) taube war! Ja, dieser hochnäsige, arrogante Großkotz brachte sich immer wieder (und blöder Weise sogar dort, wo tatsächlich Leute waren, die von Musik eine Ahnung oder sogar mehr hatten) gehörig in Gefahr des Absturzes, wo er dachte, sich einbringen zu sollen. Ein Esel, der sich just das Eis zum Tanzen ausgesucht hatte, wieder einmal …

Und dabei galt, dass seine Schweinsohren sich nun einmal jedes X für ein U vormachen ließen. Das soll hier einfach erwähnt werden – zur Information.

Werke von Johann Sebastian Bach also, um nochmals kurz zu ihm zurückzukehren, klangen Kronsteiner nämlich – auch von sonstigen unwidersprochenen Größen, sogar solchen, die man in erster Linie aus anderen Genres her kannte und schätzte, vorgetragen (und hießen die Interpreten nun Dave Brubeck, Keith Jarrett oder Jacques Loussier) – , nicht anders, als wenn der mittelbegabte Neffe Fridolin ein Stückchen des Thomaners zum gar nicht Besten gab anlässlich eines der vielen faden, ja, zu Tode langweiligen Familienfeste.

*

Nicht zuletzt der Umstand, dass Paul Kronsteiner zeit seines Lebens ein ziemlich humorloser Idiot war (was übrigens auch die literarischen Vorlieben und Aversionen des Germanisten belegten), hätte eine Zeugungsverhinderung im Fall des post-konzertanten Gevögels mit der hübschen Cousine Mariella dringend nahegelegt. Doch auch rein prinzipiell wäre ein etwas vorsichtigerer Austausch der Intimsäfte (optimal: der Verzicht darauf!) zweifelsfrei vorzuziehen gewesen; grosso modo, sozusagen; und auf alle Fälle.

Apropos literarische Vorlieben und Aversionen: Prof. Konsteiner liebte (angeblich) Peter Handke. Zumindest ließ er solches vor seinen Schülerinnen und Schülern gerne verlauten. Es sollte durchaus papieren rascheln bei der Lektüre; und wenn man erst die nächste Schreibblockade so richtig schön mit-spüren konnte, war das Glücksgefühl kaum mehr zu steigern! Überhaupt – das Unwitzige, das Humorfreie und absolut Pointenferne, das imponierte Kronsteiner, wenn er las (oder vorgab zu lesen). Ausschließlich mit dem Ernsten in der Literatur wollte er gerne in Zusammenhang gebracht werden. Da war Handke naturgemäß wirklich erste Wahl. (Gewiss, manches, besonders aus dem Frühwerk, hatte noch – sozusagen: fast hinderlichen – Drive gehabt. Aber je gesetzter, je arrivierter der Autor aus Kärnten wurde, umso hinfälliger wälzten sich seine Wortbündel durch die traurig düsteren Ab-Orte einer literarischen Selbstspiegelung von allerdings oft erstaunlicher Konsequenz. Ja, hier war einer, dem die eigene Unlust allem Anschein nach Vergnügen zu bereiten imstande war.)

Doch Paul Kronsteiner selbst, dem – man ist geneigt zu sagen: naturgemäß – auch geringstes literarisches Talent fehlte, ekelte sich förmlich vor Witz, vor Sarkasmus, Satire, Ironie und sogar vor verbalem Zynismus. Ja, grundsätzlich: Überall dort, wo auch bloß ein wenig Witz aufkeimte – zum Beispiel bei Herzmanovsky-Orlando oder Roda-Roda, Altenberg, Friedell, Hammerschlag, Soyfer, Kuh oder Polgar -, witterte Kronsteiner Unfug. Und Karl Kraus ließ er gerade noch als beckmesserischen Sprachpfleger (und übergenauen Herausgeber) gelten, nicht indes als ernstzunehmenden Literaten.

Denn die Satiriker durfte man einfach nicht ernst nehmen!

Kronsteiner war ein Depp. Auch (oder vielleicht: just weil?) er gern von Aristophanes oder Molière, von Horaz oder Juvenal schwafelte.

Ach ja: Auch zeitgenössische Satire, sogar von der Qualität eines Georg Kreisler oder Werner Schneyder, eines Robert Gernhardt oder Loriot, lag ihm, was indes nach dem bisher Erörterten nicht mehr weiter verwundern wird können, überhaupt nicht.

Gut, ein gargantuarisch-pantagrueleskes Leben hätte sich der geistig weitgehend verhinderte Lüstling immerhin vorstellen können. (Aber Francois Rabelais war ja auch schon entsprechend lange Zeit tot, nämlich immerhin weit über vierhundert Jahre …)

Fortsetzung folgt!

 

Frau Musica im Stephaniensaal

Man hatte einander zu Weihnachten das letzte Mal gesehen.

Am Christtag, genauer, bei Pauls Eltern, Diplomingenieur August A. (Anatol) und Elvira Kronsteiner. Zur üblichen Familien-Weihnacht in der Jugendstil-Villa am Stadtrand.

Ja, der Heilige Abend gehörte den eigentlichen Kleinfamilien, der Christtag war für Omi und Opi Kronsteiner reserviert. Seit Jahren schon war das so. Ehernes Gesetz. Da tanzten dann – neben anderen Verwandten und Freunden – meist auch Mariella und ihre Familie sowie, nicht immer, aber des öfteren, ihre Eltern, Adolf und Isabella Filzmoser an. Natürlich auch die Verwandtschaft von Pauls Frau Gundula. Auch wenn sich die alten Kronsteiners mit Hofrat Dr. Franz Theodor Buschhold und Gattin Edda in der Tat nicht besonders gut verstanden, wie mancher überaus heftige und kaum festliche Wortwechsel, nicht selten in einen veritablen Streit ausartend, in all den Jahren gezeigt hatte und weiterhin zeigte; so lange alle Beteiligten (oder die Wichtigsten von ihnen) noch unter den Lebenden weilten.

Da stand sie also neben einer Marmorsäule im Musikverein und blätterte, versonnen, wie es schien, im Programmheft, sie, seine Cousine Mariella!

Sie, die bildhübsche, top-gepflegte, gerade mal dreißig Lenze alte Lieblings-Base, wie der arrivierte Gymnasiallehrer sie noch immer so gerne neckisch nannte.

Nein, siebenundzwanzig war sie! Und nur acht Tage drüber! (Sie hatte nämlich just eine Woche zuvor Geburtstag gehabt … Natürlich, Gundi hatte ihm sogar die Karte zum Unterschreiben gegeben! Samt Kugelschreiber, damit er es nur ja gleich tue …)

Und jetzt – sie. Wieder sie, hier, im Stephaniensaal!

Sie war allem Anschein nach allein zum Konzert des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich gekommen. Oder – wo war er, der Herr Gemahl? Der Herr Rechtsanwalt? Dr. Peter Nordtstatt hatte sich wohl wieder einmal mittels irgendeines gefinkelten Juristentricks gedrückt vor dem Kulturtermin! Dieser für die Schönheiten der Musik unempfängliche Banause …

Und das, obwohl der renommierte Fabio Luisi als Gastdirigent das Konzert leiten würde. Der aus Genua stammende Luisi, Jahrgang 1959, war zwar (noch) Chefdirigent der Grazer Symphoniker, jedoch (das hatte Paul Kronsteiner unlängst, vermutlich im Konferenzzimmer, aufgeschnappt) im Gespräch als Nachfolger Isaac Karabtchevskys als neuer Leiter der Niederösterreicher. (Er sollte tatsächlich zwei Jahre später, 1995, dann deren Chefdirigent werden und das auch bis 2000 bleiben.)

Mariella war also allem Anschein nach allein gekommen.

Hm. Gundi war auch daheim geblieben: Migräne. Tja. – Seltsam, jetzt, ein gutes Jahr nach der Geburt des Nachzüglers Philipp verschanzte sie sich auffallend oft hinter diesem medizinischen Bollwerk … Und leider nicht nur, wenn es sich um einen Konzertbesuch drehte … –

Und sonst hatte auf die Schnelle niemand mitkommen wollen. Was war ihm also übrig geblieben? Da hatte sich auch der Herr Gymnasialprofessor allein in die heiligen Hallen begeben.

Ja, Mariella! Meine Lieblings-Base!“ (Ein Ausfallschritt wie beim Tango.)

Paul! Cousin meiner Träume!“ (Ein leicht ironisches Lächeln auf den roten Lippen, doch sehr charmant.)

Die beiden umarmten einander, und verwandtschaftlich geziemende Küsse streiften die jeweils andere Wange.

Gratuliere nochmals zum Geburtstag!“, sagte Paul lächelnd. Du hast unsere Karte doch bekommen?!“

Natürlich! Wenn – wie ich annehme – Gundi etwas in die Hand nimmt, geht es wohl immer in Ordnung“, versicherte die angesprochene Schönheit in ihrem schlicht-eleganten schwarzen Cocktail-Kleid, dessen Ausschnitt (bei aller Dezenz) immerhin einiges an Wogendem offenbarte. (Zudem überlagerte die Optik die verbale Ironie.) Und mit einer jugendlichen Kopfbewegung warf Mariella eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte Paul aus ihren betörenden blauen Augen an, die so dezent wie ihr Gesicht insgesamt geschminkt waren. Dieser, ihr so besonderer Blick war es immer schon gewesen, der die Männer reihenweise umgeworfen hatte – bildlich gesprochen. Und: unter anderem.

Und – Peter? Der lässt sich den Auftritt unseres Beute-Grazers entgehen und brütet Akten aus?!“ Paul spielte in der Folge darauf an, dass der am Anfang einer internationalen Karriere stehende Dirigent auch hier studiert und die Grazer Symphoniker mitgegründet hatte. Außerdem: Ein bisschen Häme konnte und wollte sich der AHS-Professor (mit den Fächern Deutsch und Geschichte) nicht verkneifen, wenn es um den angeheirateten Juristen, um Peter, ging. (Juristen haben wir schließlich selber schon in der Familie gehabt, sagte sich Paul nicht selten, wobei er an seinen Großvater, den Anwalt Dr. Franz Xaver Kronsteiner, dachte.)

Nein, keine Akten. Aber unser Baby-Sitter hat ohne Vorwarnung abgesagt. Also darf der Herr Papa heute den Michael in den Schlaf singen … Und ich hab‘ die zweite Karte zurückgegeben …“

Jaja, die Baby-Sitter. Sie sagen immer ohne Vorwarnung ab!“, schloss sich Paul dem Gesagten an. Auch er hatte übrigens die überzählige Karte an der Kasse abgegeben. Vielleicht wollte sie ja jemand anderer. (Er hatte in ähnlichen Situationen übrigens schon manche erstaunliche weibliche Überraschung neben sich erlebt …)

No, Ihr habt es doch gut“, fuhr Mariella fort, „Eure Gerda ist ja schon acht – und ein ganz patentes Mädchen! Die schaut sicherlich brav auf Claudia und den kleinen Philipp, wenn es einmal sein muss?!“

Ja, aber -“

Die Glocke schrillte zum Konzertbeginn.

Bis bald – in der Pause dann!“, sagte Paul.

Ja! Auf ein Glas Sekt“, versprach Mariella mit entzückendem Lächeln.

Ein leichtes, angedeutetes Winken mit der schmalen Rechten.

Und alsbald umtönte sie Mendelssohn (Volinkonzert in e-Moll), dann würde Strauss folgen, sie gehörig zu umsäuseln und zu umrasseln (Till Eulenspiegels lustige Streiche). Für den steirischen Zeitgenosse sollte der zweite Teil reserviert sein. (Aber da wollte Paul seine Lieblings-Base eigentlich schon losgeeist haben und weggelotst aus dem Musikvereinskonzert und von Fabio Luisis beachtlicher Mühewaltung im Stabführen. Mal sehen, ob es gelänge …)

Fortsetzung folgt!

 

Ein Intermezzo: Peter

Jetzt, während in der Vergangenheit Fabio Luisi mit sicherer Hand das Niederösterreichische Tonkünstler-Orchester im Stephaniensaal durch ein anspruchsvolles Programm im Rahmen der Musikvereinskonzerte geleitet, jetzt, während in der Gegenwart sich alle nur erdenklichen tiefschwarzen Gewitterwolken über den Familien Kronsteiner-Nordtstatt-Filzmoser-Buschhold & Co. akkumulieren (und schon die ersten bedrohlichen Blitze zucken), jetzt wollen wir die Gelegenheit nutzen, um uns ein wenig mit der schönen Mariella und ihrem angeblich so langweiligen Mann Peter Nordtstatt zu beschäftigen. Wie sie zueinander gefunden haben und was sie aneinander bindet (oder von einander trennt). Kurz: Wir möchten, so weit so etwas überhaupt möglich ist, ergründen, wie das Verhältnis der beiden zueinander aussieht.

Klar, so penetrant Testosteron-gesteuert wie Paul Kronsteiner (oder gar der posthum als überpotentes „Melkfett“-Opfer beinahe schon legendär gewordene Emmeran Filzmoser) tritt der Jurist Peter Nordtstatt nicht in Erscheinung. Für einen – später dann noch dazu ziemlich erfolgreichen – Anwalt wirkt er auf uns überhaupt ein wenig zu zurückhaltend, ja, er scheint ein bisschen blass ausgefallen sogar. Der Sohn des bekannten Strafverteidigers mit bestens gehender Kanzlei, Dr. Egon Maximilian Nordtstatt, und dessen Frau Leonore, einer geborenen Führinger (genau, aus der Handschuh- und Taschen-Dynastie), war im Jahr 1961 zur Welt gekommen, und seit er sich erinnern konnte, war in ihm der Berufswunsch Rechtsanwalt forciert worden; ein wenig heimtückisch, zugegeben, getarnt durch die Floskel: „Du, weiß, Bub, du kannst alles werden, was dir Freude macht, doch bitte nicht …“

Doch sprach einiges dafür, dass Peter später dann tatsächlich Anwalt würde. Immerhin gab es da die väterliche Kanzlei; und der Teilhaber, ein alter, unverheirateter Zausel namens Dr. Irenäus Lurch-Wegenstein, ein väterlicher Freund der Familie, der übrigens so bald wie möglich in den verdienten Ruhestand zu wechseln vorhatte, war zudem Peters Taufpate gewesen. Die Karriere in der Juristerei konnte somit nicht nur Familien-intern als durchaus aussichtsreich klassifiziert werden, sie hatte grundsätzlich einiges für sich. Und da Klein-Peter mit Sicherheit nicht unter einem Zuviel an Phantasie litt, schien auch ihm sein späteres Dasein als Anwalt nach kurzer Zeit des Zweifelns eigentlich recht erstrebenswert.

Egon M. Nordtstatt, Verteidiger in Strafsachen, war ein Jurist von Schrot und Korn, alte Schule, sozusagen. Er schwelgte förmlich in der – wie er es feinsinnig nannte – freien Auslegung des Rechtsbegriffs. Meist zum eigenen und zum Vorteil seiner Klienten. Dabei hätte man ihm kaum tatsächlich etwas Rechtswidriges nachweisen können. Keine Malversationen, keine Bestechungen, keine Schwarzgelder. Wie es Dr. Nordtstatt anstellte, de jure nichts anzustellen, blieb allen Außenstehenden (vielleicht mit Ausnahme seines Anwaltspartners Dr. Irenäus Lurch-Wegenstein) schleierhaft … Dass der beste Weg in Rechtsangelegenheiten nicht der gerade sein müsse, stand für ihn außer jedem Zweifel. Doch, ja, seine Rechtsbögen verliefen immerhin interessant. Paragraphenmäander, sozusagen. Und um Gerechtigkeit ging es in dieser Welt ohnedies längst nicht mehr.

Nordtstatt senior stand für Johann Wolfgang von Goethes pointierte Definition von Recht, wie sie der Dichter und Jurist (sic!) in seinem „Faust“ in den Versen kulminieren lässt: „Vom Rechte, das mit uns geboren ist, / Von dem ist leider! nie die Frage.“ (I, Studierzimmer.)

In dieser Atmosphäre also wuchs Peter Nordtstatt auf. Und er war von Haus aus ein recht fleißiger Student und machte auf diese Weise durch Zielstrebigkeit wett, was ihm (unter Umständen, wenn man kritisch sein wollte) an Esprit mangelte. Er war auch bei den Damen einigermaßen beliebt; nicht so sehr, weil sein Charme so umwerfend oder seine Freigiebigkeit so exorbitant ausgebildet gewesen wären. Nein, aber man (also frau) konnte sich auf ihn verlassen. Im Kleinen wie im Großen.

Der Peter war ein patenter Bursch‘.

Als er Mitte der 1980er Jahre Mariella Filzmoser kennenlernte, hatte der junge Doktor der Rechte gerade sein Gerichtsjahr absolviert und war just in die Kanzlei Nordtstatt & Lurch-Wegenstein eingetreten. Und sie blendete ihn – wie so viele andere – schier, diese in ihr blondes Haar getauchte Gestalt aus Licht, wie es ein bei ihr kurz zuvor abgeblitzter Germanistik-Studiosus so sprachschwach, wie es eben nur Sprachwissenschaftler zu sein vermögen, leicht überkandidelt ausgedrückt hatte.

Immerhin: Mariella Filzmoser war eine Weib gewordene Wucht.

Man kann immer wieder von Liebe auf den ersten Blick reden. Auch wenn es die vermutlich gar nicht gibt. Vielleicht war es auch die auf den fünften Blick. Oder Liebe nach zwei-, dreimal Danebenschauen … Wer weiß?! Tatsache ist: Peter gefiel diese – in der Tat außergewöhnlich hübsche – Studentin der Archäologie, Alten Geschichte und Altphilologie ausnehmend gut, der er da anlässlich einer Party (wie diese nicht selten fragwürdigen gesellschaftlichen Vergnügungen damals meist noch genannt wurden) begegnet war. Und Mariella war der Jurist ebenfalls nicht unsympathisch; sie studierte, wie gesagt, alte Sachen, und da passte dieser Dr. Peter Nordtstatt irgendwie ganz gut dazu … (Denn selbst mit knapp fünfundzwanzig schien er schon ein wenig Patina angelegt zu haben. Irgendwie.)

Machen wir es kurz: Die beiden trafen einander einige Male, man wurde vertraut mit einander. Und, knapp bevor der gemeinsame Sohn Michael anno 1988 das Licht der Welt erblickte, da wurde mit einigem Prunk geheiratet.

*

Parallel zum familiären Start-Programm absolvierte Dr. Peter Nordtstatt freilich auch weiterhin und mit einiger Zielstrebigkeit die Stufen seiner beruflichen Karriere. Kurze Zeit, nachdem er in die Kanzlei Nordtstatt & Lurch-Wegenstein eingetreten war, machte Onkel Irenäus sein lange schon angekündigtes Vorhaben wahr und setzte sich in den – wie zumindest er meinte: wohlverdienten – Ruhestand ab. Noch mehr: Der alte Knacker begab sich doch tatsächlich auf eine ziemlich aufwendige (und ebenso kostenintensive) Weltumrundung per Riesendampfer, die einige Monate beanspruchen sollte. Fast ein Jahr, um genau zu sein.

Dass er an Bord des Edel-Liners die einigermaßen halbseidene Monique Wurmspat kennen und lieben lernte, verhalf dem schon leicht senilen Ex-Anwalt zwar zu einer Art vor-letztem Frühling, entband ihn in der Folge allerdings auch der meisten Sorgen, was sein durchaus erhebliches Vermögen betraf. Sei es wie es wolle – Dr. Irenäus Lurch-Wegenstein investierte Tausende an Euros in die blondgefärbte Schlampe, die vorgeblich zwar dem Schauspielberuf nachging (und gerade Engagement-frei gewesen sei), in Wahrheit jedoch eine nicht allzu bedeutende Rolle im horizontalen Gewerbe, und zwar im Rotlicht-Milieu von St. Pölten, spielte und sich in mehr oder weniger mäßig beleumundeten Etablissements, pendelnd zwischen Tresen und intimen Tischchen, eingehüllt in halbwegs gleißendes Scheinwerferlicht und dicke Rauchwaden, ihrer a priori geringfügigen Textilien zu entledigen hatte. Doch Monique, die vorgab 29 zu sein, in Wahrheit allerdings auch schon gute 35 Lenze zählte, verfügte just über die rechte Munition in Form von Vulgär-Erotik, um die es Dr. Lurch-Wegenstein allem Anschein nach ging, damit er sein Lebensglück vervollständige. Es war ein Kreuz mit dem Sex.

Kurz und gut: Nach Ende der Weltreise, die nun für den Altanwalt tatsächlich zu einer Art Kreuzfahrt geworden war, machte sich die schlaue Monika aus dem Staub und drehte dem alten Herrn hinter seinem gebeugten Rücken vermutlich eine lange Nase …

Irenäus aber ließ es sich bald nicht verdrießen, verscherbelte die Reste des Familiensilbers und heuerte erneut an, diesmal an Bord eines Mittelmeer-Kreuzers. Und siehe da, hier fand er tatsächlich eine mitfühlende Seele: Eine durchaus wohlhabende und äußerst gepflegt wirkende Mehrfachwitwe mit Namen Adelheid Rubinstein, die ihrerseits längst aus dem Zustand des Alterns heraus war, ergo tatsächlich alt (und damit gar nicht unzufrieden), nahm den seelisch Rekonvaleszenten an ihren immer noch Ehrfurcht gebietenden Busen und unter ihre schon ziemlich arthritischen Fittiche. Was soll man sagen? Adelheid und Irenäus fanden rasch zu einander, und, Höhepunkt maritimer Romantik, noch auf Schiff wurden die beiden reifen Turteltäubchen offiziell und vom überaus charmanten, schon etwas angegrauten Kapitän (er hieß Peer Aatzerzoom und stammte aus Antwerpen) zu Mann und Frau erklärt. Ihr Glück sollte auch nach der tadellos gelungenen Landung noch einige Jahre andauern; bis die beiden rüstigen Alten, übrigens erneut anlässlich einer Schiffsreise, anno 1992 zu allem stimmigen Ende ihr gemeinsames kühl-feuchtes Grab fanden, da der betreffende Riesen-Dampfer irgendwo in der Karibik kenterte und mehr als hundert Passagiere umkamen …

*

In einem der ersten Fälle, die Dr. Peter Nordtstatt selbständig als Anwalt zu führen hatte, ging es um die Vertretung eines gewissen Ehepaars Albertine und Georg August Holzapfel in der ziemlich bizarren Rechtssache gegen deren Nachbarn Stefan Sudy. An sich ein eher kurioser Kleinkrieg zwischen verbitterten Ex-Freunden, dessen Wurzeln irgendwo in grauer Vorzeit vergraben lagen und dessen eigentlicher Grund vermutlich in einer läppischen, alkoholträchtigen Wirtshaus-Streiterei zu suchen gewesen wäre. Doch da niemand suchen wollte, musste eben das Gericht entscheiden. Und weil das Gericht allein nicht teuer genug gewesen wäre, waren jetzt selbstverständlich auch mehrere Rechtsanwälte vonnöten.

Peter hatte den Fall von Onkel Irenäus sozusagen geerbt. Doch jung und dynamisch, wie er war, biss er sich hinein und durch wie eine Bisamratte.

Es ging um den angeblich zu hohen und zu dichten Baumbestand im Anwesen der Holzapfels, der dem Sudy, wie dieser sagte (und klagte), alle Sonne nahm; es monierten die ihrerseits sauren Holzapfels im Gegenzug nun, dass Sudys Hund Bello, ein ziemlich alter, halblahmer und fast schon blinder Mischlingsrüde, der in Wahrheit die Güte in Hundeperson war, nächtelang laut belle und ihren, also den Holzapfel-Katzen Minka und Klunka, heimtückisch nachstelle und sie sogar hetze. Sudy wiederum stieß sich an den angeblich viel zu lauten Radioklängen, die allenthalben aus dem Haus der Holzapfels in sein Terrain dringen würden. (Was da gespielt wurde, wusste er freilich nicht, da er meist sein Hörgerät ausgeschaltet hatte.)

Die Causa wogte hin und her. Und das Ganze war eigentlich nicht der Rede wert, schon gar nicht irgendeiner juristischen Behandlung. Doch es wurde be- und vor allem: verhandelt.

Und es wurde ein Fiasko – für Peter Nordtstatt. Und indirekt für seine ganze Familie, deren Ansehen (in gewisser Weise: bis in die Vergangenheit zurück) irgendwie ramponiert wirkte, mit einem Mal.

Nun war es nicht so sehr der Ausgang des inferioren Affentheaters an sich, bei dem schließlich, wie sich schon abgezeichnet hatte, der Holzapfel-Kontrahent Stefan Sudy halbwegs als Sieger hervorging, der für den Neoanwalt blamabel wirkte. Nein, Prozesse verliert man schon mal in diesem Metier, das kann passieren. Aber dass die bizarre Causa ausgerechnet in St. Pankrazen an der Salm und somit in der Heimatgemeinde von Mariellas Mischpoche angesiedelt war, sollte Peter Nordtstatt noch lange jede Menge Zores bereiten. Denn Georg August Holzapfel war Jahrzehnte vorher der Täufling des – seiner Dauer-Geilheit und Schürzenjägerei wegen legendären – Valentin Filzmoser gewesen, somit eines der Vorfahren Mariellas! Und die ergo mit den Holzapfels weitschichtig verwandte Filzmoser-Dynastie war mit einem Mal dementsprechend schlecht auf den angeheirateten Schmalspuranwalt zu sprechen.

Besonders Mariellas Vater, der ehemalige schwarze Abgeordnete zum Nationalrat Adolf Filzmoser, aber auch Mutter Isabella blieben lange eingeschnappt; und sogar Mariellas Tante Elvira (somit die Mutter Paul Kronsteiners) legte das eine oder andere Schäuferl nach, damit das Feuer des Zwists wohl auch ordentlich weiter lodere. Man ging in der (weitgehend national orientierten) Familie sogar so weit, wieder einmal auf die Herkunft der Nordtstatts anzuspielen, dass nämlich Peters Großmutter väterlicherseits Halbjüdin gewesen und nur knapp (und durch mancherlei Intervention in hohen NS-Parteikreisen) dem Konzentrationslager – wenn nicht gar dem Gastod – entgangen sei …

Es dauerte ziemlich lange, bis hier Normalität einkehrte und man Dr. Peter Nordtstatt überhaupt wieder einigermaßen zur Kenntnis nahm. Erst die heranwachsenden Enkelkinder wirkten, wie es in solchen Fällen oft zu sein pflegt, gleichsam als interfamiliärer Seelen-Kitt.

Die Ehe? Die Ehe Peter und Mariella Nordtstatts? Die hatte zwar einigen Winden erfolgreich getrotzt. Besonders in der leidigen Holzapfel-Geschichte war Mariella ganz hinter ihrem Mann gestanden und hatte ihrer Familie durchaus Paroli geboten. (Wirklich traute sie diesem ewiggestrigen Gesindel ohnedies nicht. Und sie hatte Recht mit ihrer Vorsicht …)

Freilich, zu behaupten, dass sich im Bett der beiden Eheleute Sagenhaftes abgespielt hätte, wäre wohl Euphemismus. Man war allerdings diesbezüglich von Anfang an mit nicht zu hohen Erwartungen an die Sache herangegangen. Dass Peter kein Don Juan sein würde, kein alle Kniffe beherrschender Casanova, war Mariella also klar gewesen; wie vice versa auch er sich nicht erhofft hatte, hinter der Person seiner schönen Frau verstecke sich in Wahrheit eine Messalina pur. (Im Gegenteil – das hätte ihn vermutlich abgeschreckt! Außerdem: War er Kaiser Claudius? – Nein, Peter stotterte nicht einmal …)

Doch – man hielt zusammen im Hause Nordtstatt.

Und unter Umständen hätte Mariella ihrem Mann sogar die verquere Bumserei mit Cousin Paul gestanden, damals, 1993. Und er hätte ihr vielleicht sogar verziehen. Wer weiß –

Doch: Sie hatte Angst, die Tragfähigkeit dieser, ihrer Beziehung womöglich zu überschätzen. Sie war sich über die Gegebenheiten ehelicher Statik instinktiv sicher. Lieber nichts riskieren!

Und würde Peter seiner Nicht-Tochter Verena ohnedies und nichts desto trotz ein guter Vater sein?! – Na, eben!

Mit Sohn Michael, Jahrgang 1988, der sich, dank ökonomischer Absolvierung der gängigen Kinderkrankheiten, schon recht gut entwickelt hatte, und später dann mit Michael und Verena hatten Mariella als Mutter und Peter als Vater weitgehend ihre Freude, da beide durchaus wohl gerieten. (Man hatte da in der Verwandtschaft und unter den Bekannten schon weit weniger herzeigbare Exemplare gesichtet …)

Dass sich später dann ausgerechnet Philipp Kronsteiner und Verena Nordtstatt in einander verschauen mussten? Die unwissenden Halbgeschwister?! Ja, wer hätte das wohl ahnen können …

Aber, selbst wenn ein solcher Fall vorhersehbar gewesen wäre: Was hätte man dagegen tun sollen? Die Geschichte war nun einmal nicht reversibel. Darin hatte sie einiges gemein mit der antiken Tragik, wie sie zum Exempel den Mythos von Ödipus reifen hatte lassen.

Und so reifte denn auch da, im vergleichsweise bescheidenen und überschaubaren Familienverband Nordtstatt-Kronsteiner-Buschhold-Filzmoser so allerhand heran. An diverser Unbill.

Fortsetzung folgt!

 

Universitäres Zufallstreffen

Und jetzt – also, im Jetzt: Das war doch Verena?! Klar! Philipp legte einen Spurt hin, dass er beinahe über seine – wie immer halboffenen – Schuhbänder gestolpert wäre. „Veri!“

Das blonde Mädchen drehte sich im Durchqueren des Eingangsbereichs der Universität abrupt um und schaute aus ihren leuchtenden blauen Augen in Richtung des Rufers, der eben heran keuchte. – Übrigens, wer Verenas Mutter auch nur entfernt kannte, hätte mit Sicherheit in die alte Leier eingestimmt, dass Verena nun einmal einzig die Tochter ihrer Mutter sein könne … Dieselben blauen Augen, dasselbe blonde Haar, ja, sogar dieselbe Art, wie sie eine widerspenstige Strähne mit einer energischen Kopfbewegung fürs Erste aus dem Blick zu befördern verstand – alles das war Mariella! (Natürlich nicht tatsächlich, aber wie -)

Hi! Phips!“ Die Blondine umarmte ihren – ja, was denn nun? Groß-Cousin …?

Veri!“ Er küsste sie auf die Wange, wie auch sie ihn küsste.

Vorlesung?“, fragte Philipp mehr rhetorisch.

Das hübsche Mädchen nickte, immer noch lächelnd; wenn sich jetzt auch eine kleine Falte auf der schönen Stirn zeigte. „Ja, ,Einführung in die Romanische Philologie II‘. – Und du?“

,Mittelhochdeutsch‘ …“ Philipps Antwort klang nicht gerade nach der Nibelungen Lust, nach mannhaftem Mut und Opferbereitschaft! Eher – im Gegenteil.

Vielleicht besser – Kaffee?!“ fragte Verena schalkhaft. Die Stirnfalte war wie weggewischt, und jetzt lag es an ihrer Frage, eine von rein rhetorischer Art zu sein.

Klar, doch!“, willigte Philipp nur zu gern ein. (Nein, diesmal keine Nibelungen-Treue!)

War sie tatsächlich noch schöner geworden …, seit Weihnachten, als er sie zuletzt im Haus seiner (Kronsteiner-)Großeltern gesehen hatte? Wurden Mädchen, die noch keine zwanzig waren, tatsächlich immer noch wöchentlich (oder monatlich) schöner? Er musste grinsen.

Und das stand ihm gut, fiel zumindest wiederum seiner Cousine sogleich auf, die den 22-jährigen von der Seite her und aus den Augenwinkeln heraus ansah.

Wie -“, setzte sie an.

Wie -“, hatte er kurz zuvor einen Satz beginnen wollen. „- nein, du zuerst!“

Nein, du warst früher! Also -“ Sie lachte ihn an, und ihre Augen sprühten nur so vor Bläue.

Nein, du! Bitte, Ladys first! Das würde zumindest mein Herr Vater sagen …“ Und er machte eine gespielt über-elegante Handbewegung, deren parodistische Ausführung sie nun vollends auflachen ließ, was wie ein Windstoß geklungen hätte, wenn Windstöße an sich akustische Phänomene wären.

Also gut. – Wie hast du’s zu Weihnachten dann noch überstanden?“, fragte sie ihn. „Wir sind ja recht bald gegangen. Ich finde diese Ansammlung an Mumien zwar ganz lieb – aber doch irgendwie krass …“

Da geb‘ ich dir recht“, stimmte Philipp seiner schönen Begleiterin vollinhaltlich zu. „Geschenktechnisch haben diese Pandämonien jedoch auch ihre Vorteile!“

Und beide lachten.

Es ist nur schwer zu entscheiden, wer peinlicher ist, die Zombies aus meiner Sippe oder die aus deiner“, warf das Mädchen übermütig ein.

Ich stimme freiwillig für Kronsteiner & Co.“, meinte Phips, erfolgreich um komische Theatralik bemüht.

Und ich glaube dennoch, den Nordtstatts gebührte der Lorbeer!“, trumpfte Veri lachend auf.

Ach – einigen wir uns auf die Filzmoserischen!“, bot der junge Mann ihr einen, wie es aussah, fairen Vergleich an.

Gut, die Filzmoserischen“, bestätigte sie. „Mit denen sind wir ja beide verwandt …!“

Genau“, sagte Philipp, „meine Großmutter, Elvira Kronsteiner, ist -“

-die Schwester meines Großvaters Adolf Filzmoser! Und somit …“ Die Stimmen wurden leiser, da sich das junge Paar vom Beobacher und Lauscher zusehens entfernte.

Aber: Wie sehr sie (darüber hinaus) tatsächlich verwandt waren – konnten sie es ahnen?! Mitnichten. Wie hätten sie auch …

Und so alberten die beiden jungen Leute munter weiter, während sie zu einem kleinen Café, einer Mischung aus Konditorei und Coffee-Shop, in Uni-Nähe trabten.

Sie lachten überhaupt viel. Und sie waren meist einer Meinung.

Kunststück – sie waren in einander verliebt.

Doch es war nicht bloß Verliebtheit, nein, sie waren beide bald darauf schon davon überzeugt, das hier sei die große Liebe! Die Lebensliebe! Ja, die ganz große Liebe!

Also war es eben die große Liebe!

Fortsetzung folgt!

 

Ja, die große Liebe!

Nun muss angemerkt werden, dass weder Verena (mit ihren knapp neunzehn Jahren) noch der gerade mal um eine Spur ältere Philipp (Baujahr 1992) so besonders erfahren in sexuellen Dingen waren. Er hatte nach der Matura den Zivildienst beim Roten Kreuz abgeleistet. Und da hatten sich nun auch nicht so besonders viele und attraktive Möglichkeiten zu erotischen Aktionen aufgetan. Sie hatte zunächst mit einem Matura-Herbsttermin zu kämpfen gehabt und dann, sozusagen, alle Hände voll zu tun, die einigermaßen lähmende AHS-Phase endlich hinter sich zu bringen.

Immerhin – die Studentenzeit lockte; auch wenn sie beide schon gehört hatten, dass sich die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung (auf allen denkbaren Gebieten, also auch auf dem erotischen Sektor) längst eingeschränkt hatten, verglich man das Leben als studiosa (oder studiosus) von heute mit dem, wovon etwa die Eltern noch mitunter (ein wenig in Erinnerungen schwelgend und wohl auch schönfärbend) schwärmten … Heutzutage schien es in erster Linie um Lernleistungen, um möglichst raschen, fristgerechten Studienabschluss und um Effizienz zu gehen. Das akademische Leben hatte sich merkbar dem allgemeinen marktwirtschaftlichen und spätkapitalistischen, angeblich neoliberalen Trend angeglichen.

Wie gesagt, was das studentische Drumherum von früher betraf – die Reminiszenzen auf die Ereignisse des (wie Verena und Philipp sehr bald und zu recht annahmen: ohnedies weitgehend überschätzten) Jahres 1968, aber auch auf ausgelassene Geselligkeit, ansatzweises Hippie-Wesen und zumindest lustvolles Biersaufen – sah es nunmehr dürr aus.

Und, liebe Eltern, wie hatte es sich früher mit dem Sex verhalten?

Nun, berührten die neugierigen Fragen der Kinder den Quasi-Tabubereich Sexualität und Erotik als Element studentischen Lebens, dann verhielten sich sowohl Gundi und Paul Kronsteiner als auch Mariella und Peter Nordtstatt allerdings ziemlich zurückhaltend. Nur am Rande kleinerer Familienfeiern und wenn der Alkohol etwas reichlicher als üblich geflossen war, konnten sie schon mal in dezentes Schwärmen geraten. Ansonsten wirkten ihre diesbezüglichen Berichte, wie gesagt, erstaunlich nüchtern; ja, da waren die Alten eher kurz angebunden. (Beim Schürzenjäger und Dauerficker Paul mag die Diskretion verständlich erscheinen; bei den drei anderen insofern auch, als es vermutlich nicht allzu viel zu erzählen gab.)

Kurz: Sowohl Verena als auch Philipp waren noch ziemlich frisch und unerfahren in sexuellen Dingen; ein wenig naive Neulinge noch auf dem ach so viel versprechenden, verlockenden Terrain der Erotik. Da gab es unter den Gleichaltrigen, also unter Kolleginnen und Kommilitonen, tatsächlich viele, die schon wesentlich weiter entwickelt waren, wohl auch reifer, auf alle Fälle abgebrühter. (Wenn bei den verschiedenen Gesprächen vielleicht auch einiges an Angabe dabei gewesen sein mochte.)

Wie hätten Verena und Philipp freilich auch schon so wahnsinnig viele Sex-Erfahrungen gesammelt haben sollen – und warum?! Musste, weil Paul Kronsteiner ein ausgesprochener Weiberheld und Schürzenjäger war, quasi automatisch auch sein Sohn Philipp dementsprechend veranlagt sein? Und: Wollte er nun tatsächlich in puncto Geilheit mit seinem Vater in Konkurrenz treten, hätte er allerdings früher aufstehen müssen, wie es so schön bildhaft heißt. Nein, der Weiberheld Paul war von seinem Sprössling nie und nimmer einzuholen!

Übrigens, dass Verena auch Pauls Tochter war, wusste in der Familie ja (außer ihrer Mutter Mariella und Paul Kronsteiner) niemand; auch sie nicht und schon gar nicht ihr offizieller Vater, Peter Nordtstatt! Zudem – wie und warum hätte sich der Umstand ihrer tatsächlichen Deszendenz auf ihr zukünftiges sexuelles Verhalten auswirken sollen?!

Ja, zugegeben, Veri hatte mit sechzehn ihr erstes Mal gehabt: Da war sie grade auf Urlaub mit den Eltern in der Toscana gewesen (Bruder Michael hatte erfolgreich verweigert und eine Reise mit der Clique vorgezogen), und da ließ sie eben einen jungen Italiener ‚ran. Mein Gott! Nach viel vino rosso und total beeindruckt vom Palio, Anfang Juli in Siena … Beziehungsweise von den bunten Aufmärschen der siebzehn Contraden, der konkurrierenden Stadtbezirke, mit ihren originalgetreu gekleideten Vertretern in den historischen, farbenfrohen Gewändern aus der Zeit, da Siena noch eine reiche und bedeutende mittelalterliche Republik gewesen war. Ein schmucker Stadtstaat eben.

Verena war sichtlich fasziniert vom atemberaubenden Ambiente; von den wohlgenährten Streitrössern, von den dünnen Trommlern und den feisten Trompetern. Nicht zu vergessen: von den schmucken Fahnenschwingern, den Alfieri! Und im Rausch der Farben!

Den ganzen Tag schon, bevor das eigentliche – von teuren Reitpferden, von Halbblütern, sogenannten Barberi, und nicht minder teuren Profi-Jockeys, den sogenannten Fantini, bestrittene – hochdotierte Rennen vor sich gehen würde, hatte der Rummel angedauert. Und Massen von Touristen waren wieder einmal siegreich gewesen, hatte es gegolten, den Einheimischen gegen gutes Geld die Sicht auf das Spektakel im Zentrum der Stadt streitig zu machen.

Der Palio wird zweimal jeden Sommer ausgetragen, am 2. Juli und am 16. August. Jeweils zehn der siebzehn Bezirke werden dafür ausgelost. Dann, als kämpferischer Höhepunkt, geht es dreimal um den Platz. Und, bizarr: Sogar ein Pferd ohne Reiter, Scosso genannt, kann gewinnen – vorausgesetzt, es trägt noch das Diadem der Contrade auf der Stirn …

Ja, zugegeben, sie hatte ihre Eltern für einige Zeit aus den Augen verloren. Mariella und Peter Nordtstatt waren anscheinend ebenfalls geblendet und überwältigt von den bunten Eindrücken, die hier die Sinesen Anfang Juli in der sengenden Hitze, pittoresk unterteilt in Wappenträger von Aquila (Adler), Tarturca (Schildkröte), Lupa (Wölfin), Sorrana dell’Istria (Stachelschwein), Nicchio (Muschel), Oca (Gans), Bruco (Raupe), Chiocciola (Schnecke), Drago (Drachen), Giraffa (Giraffe), Onda (Welle), Leocorno (Einhorn) et cetera in ihren vermutlich sauschweren und kaum atmungsaktiven Gewändern, wie in einem farbenprächtigen Geschichtsschmöker oder in einem opulenten Universum-Film im Fernsehen verbreiten. (Außerdem hatte man gut und üppig gegessen, einiges an Wein konsumiert zu Mittag und den einen oder anderen Grappa.)

Verena war jedenfalls plötzlich allein gewesen – in einer der vielen engen Gassen der Altstadt von Siena. Gedämpft nur drang der Lärm durch die Häuserschluchten und von der muschelförmigen Piazza del Campo her, wo bald vor dem imposanten Palazzo Pubblico und dem gewaltigen Torre del Mangia der legendenumwobene, jedoch kaum länger als 100 Sekunden dauernde eigentliche Kampf der Stadtviertel um das seidene Band (und die Ehre, versteht sich!) toben sollte, das, wie das erbarmungslose Pferderennen selbst, Palio genannt wird.

Sie hatte sich in der plötzlichen Stille schier unsagbar allein gefühlt. Allein und verloren.

Und der schwarzhaarige, ein wenig geschniegelte Angelo (wenn er denn wirklich so hieß) war nur zu gern bereit gewesen, das blonde Mädchen aufzulesen.

Wie gesagt: viel Rotwein und die in der flirrenden Hitze des frühen Nachmittags unwirklich glitzernde Stadt. Ein zu Stein und Architektur gewordenes südliches Märchen, irreal doch umso beeindruckender. Schön und grausam wie der bevorstehende Kampf, dieses kurioserweise der Heiligen Jungfrau Maria geweihte rasante Rennen der Contraden …

Da hatte Verena eben zugelassen, dass Angelo ihr behutsam über das Haar strich, sie in gebrochenem Deutsch (und etwas schlechtem Englisch) tröstete; ja, dass er es schließlich mit ihr trieb. In einem mehr als nur leicht dreckig wirkenden Hotel. (Freilich, sie hatte das kumpelhafte Augenzwinkern des ziemlich angetrunkenen mittelalterlichen Portiers nicht bemerkt, und auch das vielsagende Lächeln Angelos war ihr nicht weiter aufgefallen. Wie denn auch – durch den von Tränen benetzten Vorhang ihrer Wimpern über den niedergeschlagenen schönen blauen Augen?)

Nachher, bei einem kleinen Espresso, überlegte die junge Frau: Sie war zwar keine Lupa gewesen, jedoch gewiss auch keine Oca; er freilich ebenfalls längst kein Aquila. Aber für einen einigermaßen anständigen Erst-Fick hatte es immerhin gereicht. Und so war es auch keineswegs ein Fiasko geworden; doch die Romantik hatte sich durchaus in Grenzen gehalten.

Sie war diesem Angelo daher auch alles andere als böse, dass er sich, einen Termin vortäuschend, ziemlich rasch verdrückte.

Immerhin, sie war ihre lästige Jungfernschaft endlich los. (Als wäre die so was Störendes, total Antiquiertes gewesen und etwas, dessen sich ein Mädchen von Heute zu schämen habe!)

Zugegeben: Sie hatte schon in der Angst gelebt, wenn sie sich noch länger in diesem unerquicklichen Zustand der Unberührtheit befände, würde der erste Mann, der schließlich über sie käme, womöglich gar nicht mehr die Kraft aufbringen, ihr längst zum Panzer gewordenes Häutchen zu durchstoßen! Doch der schwarzlockige Angelo, gute vierzig, aber immer noch in Form, hatte gestoßen und vollzogen, was zu vollziehen gewesen war.

Alles o. k. also. Es hatte geklappt – aber irgendwie erschien ihr der windige Bursche dann doch als Arsch. Komisch. Erst diese Nähe, dann – diese Empfindung … Gut, dass er weg war.

Immerhin: Verenas Eltern waren froh, die verlorene Tochter wiederzufinden. Sie saßen ein paar Gassen weiter in einem Straßen-Café und hatten inzwischen den berühmten Palio im Fernsehen aus allernächster Nähe verfolgt. Welches Vieh gewonnen hatte, war für sie im allgemeinen Tumult und in der Sorge um Verena irgendwie untergegangen.

Gut. Danach, wieder zurückgekommen in die Heimat, hatte es dann vier, fünf Burschen gegeben. Aber nichts wirklich Bedeutendes. Nichts, was ihr moralisches Gefüge (hatte sie so etwas?) ernsthaft belasten hätte können. Moral?!

Moral – bedeutete diese Moral nicht bloß eine Art von Pseudo-Sicherheit?

Ja, aber: Entpuppte sich oft etwas, das zunächst wie ein Geländer ausgesehen hatte, alsbald nicht selten als gehöriger Fallstrick?! Und dann saß man, wie Mariechen weinend im Garten und wusste nicht, wie einem wurde … Moral?! Von Bertolt Brecht war ihr (aus dem Deutschunterricht) die gleich kühne wie wohl stimmige Behauptung über die Reihenfolge im Gedächtnis, dass nämlich zunächst das Fressen käme, und dann erst die Moral. Und war es nicht tatsächlich so? Waren die hehren Ansprüche nicht eher – Theorie?!

(So viel zum Thema Moral, dachte Verena.)

*

Und wie sah die Sache bei Philipp aus?

Nun, ihn hatte die Clique mit siebzehn – im Anschluss an eine mittelprächtige Fete bei einem stinkreichen Schulfreund – in eine angeblich verrufene Bar verschleppt. (Also, eigentlich war das Etablissement ja doch eher ein Bordell gewesen …) Und ein recht attraktives weibliches Wesen mit Namen Fiona, das sich da um ihn, den ziemlich Alkohol-Lädierten, sorgte (was die Dame – trotz aller Professionalität und Gewandtheit der mindestens Mitvierzigerin – gut und beinahe mit mütterlicher Attitüde erledigte), führte ihn, man könnte sagen: tadellos, in die Welt der körperlichen Liebe ein. (Nicht einmal ihre doch ziemlich gewaltigen Möpse vermochten ihn zu ängstigen. Ach ja, der Alk.)

Es gab da zwar keinen großartigen Palio, er musste jedoch auch nicht unbedingt als wilder Fantino auftreten. Doch hatte er sich angesichts ihres Nicchio mitnichten als Tarturca gebärdet; sein Bruco hatte auch keinerlei Ambition in Aquila-Höhen zu steigen. Was soll’s? Es glückte immerhin. Das Bums-Ergebnis war befriedigend. Durchaus. (Trotz der Größe ihrer in der Tat bombigen, beim Ficken dann doch etwas irritierenden Möpse.)

Nur das sexuelle Ergebnis zählt. Nur das.

Was will man auch mehr?! –

Was die Contraden Sienas gesagt hätten? Wen kümmert das?!

Fazit: Wenn Verena und Philipp miteinander schliefen, bedurfte es keiner Erinnerungen an andere Frauen oder Männer, keiner Stimulanzien zum Begeilen und auch sonst keiner Erektionshilfen, um in Fahrt zu kommen. Nein da musste nicht lange animiert werden und auf diverse Surrogate konnte man getrost verzichten.

Im Gegenteil: Wenn Philipp an seinen Vater und dessen amourösen Ruf dachte, der verständlicherweise auch vor des Sohnes Ohren nicht haltgemacht hatte, kam ihm regelmäßig das große Grausen. Einmal stellte er sich sogar (wie in einem Wach-Albtraum) vor, dass Paul Kronsteiner mit kolossal erigiertem Penis einem bedrohlich wirkenden weiblichen Leviathan gegenüberstand, der über und über aus lauter Muschis bestand! Nur dass dieser bizarre Volkskörper, an sich Inbegriff des anti-individuellen Gemeinschaftswesens, wie es der englische Sozial-Philosoph Thomas Hobbes um die Mitte des 17. Jahrhunderts kreiert hatte, hier zur unentrinnbaren Sex-Falle mutiert war; zur alles verschlingenden, zur unersättlichen Vagina, die zugleich gebärende Öffnung der Urmutter wie auch den Untergang besiegelnde Höllenfotze war. (Jaja, Philipp war nicht unbegabt im Erzeugen scheußlicher, schier phantasmagorischer Bilder! Von wem er das wohl hatte?!)

Verena und Philipp bumsten gern und ausdauernd miteinander. Er verzichtete durchwegs aufs früher oft und gern gepflegte Onanieren, und auch sie masturbierte weitaus weniger häufig als gewohnt. Sie schmusten mit Hingabe mit einander, und mitunter gelang es ihnen sogar, sich zu liebkosen, ohne dass sie gleich im Bett (oder sonst wo) landeten … Meist freilich hatten sie gar nicht erst vor, ihr erotisches Spiel solle nicht in den Federn enden!

Und doch umfasste ihre Kommunikation sehr wohl auch andere Formen des Miteinander. So fanden sie immer wieder – und das machte sie fast nicht weniger glücklich als ein guter Fick – zu wirklich schönen, zu liebevollen Gesprächen, die ihnen bewiesen, wie sehr sie in manchen Dingen übereinstimmten. (Dass sie immerhin einen gemeinsamen Vater hatten, war ihnen noch unbekannt. Und vermutlich war das auch besser so.)

Fortsetzung folgt!

 

Mariella ahnt etwas

Mütter sind die geborenen Detektive.

Mütter sind überhaupt alles Mögliche: Sie sorgen akkurat für die Beschleunigung der Dinge, können aber auch zum Sand im Getriebe werden. Sie sorgen für Dampf und hemmen als Bremsklötze die Fahrt oder machen sie gar unmöglich. Sie wirken als Dünger fürs Gefühl – und als Dämpfer bei zu hohen Erwartungen. Quell des Trosts können sie sein und über-streng (bei aller Liebe) in ihrer von den davon betroffenen Kindern unverstandenen oder vielleicht sogar als notwendig empfundenen, ergo akzeptierten Bestrafung. Und – Detektive. Ja, sie sind die geborenen Detektive.

Argusäugig, wie sie nun einmal sind, entgeht den rechten Müttern nämlich kaum etwas. Eigentlich entgeht ihnen überhaupt nichts. Aber schon gar nichts! Alles sehen sie.

Besonders natürlich das, was sie – zumindest nach Ansicht ihrer Sprösslinge – besser nicht sehen sollten. Oder auf gar keinen Fall bemerken dürften.

Just in diesen Fällen entwickeln sie ein ausgesprochenes Gespür, das an den Instinkt perfekter Jagdhunde erinnert. Bei Tag und Nacht bereit, Witterung aufzunehmen aus allen Richtungen. Ausgestattet mit einem schier unglaublichen Sensorium.

Da sind alle Sinne angespannt.

Jagdhunde, eben.

Dabei ausdauernd und zäh. Und besonders in ihrer Sorge, sollte die einmal geweckt sein, alle Hindernisse überwindend.

Begabt zudem im Fährtenlesen und richtigen Bewerten kleinster Hinweise. Einfach – genial.

Da machte Mariella Nordtstatt keine Ausnahme.

Und wenn ein 20jähriges Mädchen wie Verena noch in der elterlichen Wohnung lebte, ließ sich eine gewisse mütterliche Kontrolle nun einmal kaum vermeiden; auch wenn die Frau Mama ihre Observierung so diskret (und zum Teil vielleicht auch gar nicht gewollt) tätigte, wie dies in Mariellas Fall in der Tat geschah.

Zu deutlich war der knapp 48jährigen Frau nämlich die am eigenen Leib verspürte Einengung durch ihre Eltern noch in schlechtester Erinnerung. Denn Mutter Isabella, eine geborene Flatter, und Vater Adolf Filzmoser, der ehemalige Abgeordnete zum Nationalrat und zudem Bruder von Paul Kronsteiners Mutter Elvira, hatten es zeitlebens verstanden, ihr, Mariella, durch in der Regel unbegründete Eifersucht und jede Menge Misstrauens das Leben schwer zu machen. Und zudem – man lebte schließlich auf dem Land. In der Oststeiermark.

Nein, die Mutter Verenas spornte sich selbst immer wieder zur Liberalität an, was die Beurteilung der Lebensweise ihrer knapp 20jährigen Tochter betraf. Und sie verteidigte manche Freiheit, die sie Verena gewähren zu dürfen glaubte, sogar gegenüber ihrem Mann, dem (auch darin) ziemlich trockenen und weitgehend unflexiblen Anwalt Peter Nordtstatt. Ja, sogar Verenas um sechs Jahre ältere Bruder Michael maulte mitunter, wenn er und seine junge Frau, die übrigens Ilse hieß, zu Besuch kamen, über diese Freizügigkeit, wie sie allem Anschein nach im Hause Nordtstatt Einzug gehalten habe. „Aber leider erst, seit ich ausgezogen bin …“, wie der frisch-diplomierte Betriebswirt gespielt beleidigt verlauten ließ.

Du hast dich schon was zu beschweren!“, neckte ihn dann die hübsche Schwester, während beider schöne Mutter die Augen, gespielt theatralisch, zum Himmel hob.

Ilse, die ebenfalls Betriebswirtschaft studiert und abgeschlossen hatte und aus der Wiener Juweliersfamilie Dörrflügel stammte, vermochte angesichts so einer kuriosen Szene nur, irritiert von einem Nordtstatt-Familienmitglied zum anderen zu sehen. Bis schließlich Vater Peter zerstreut irgendetwas sagte, was in aller Regel wie: „Ist nicht ohnedies alles in bester Ordnung?!“ klang. (Und zumindest für ihn schien ja auch meist alles in bester Ordnung zu sein. So auch, dass seine Tochter streng genommen nicht seine Tochter war, sondern die des Kronsteiner-Cousins Paul, was der Herr Anwalt allerdings – zu diesem Zeitpunkt noch – nicht wusste …)

Mariella hatte also bald schon mitbekommen, dass sich da etwas anbahnte zwischen ihrer Tochter Verena und Philipp Kronsteiner (der doch gerade noch ein Kind gewesen war, ein Kind wie ihre Verena!). Aber dass der Zug längst abgefahren und zudem schon im Wortsinn Gravierendes geschehen war, konnte sie bei aller mütterlichen Sensibilität dann doch noch nicht ahnen. Nur, dass Veri irgendwie anders war, fiel ihr natürlich auf. Und so kam es, dass sie ihre Tochter eines Tages rund heraus fragte: „Du bist aber oft mit Philipp zusammen … Den magst du wohl?! Naja, wir sind immerhin verwandt …“

Da vertraute sich die Tochter der Mutter an. Und es schien, als hätte sie das ohnedies schon seit geraumer Zeit insgeheim nur zu gern getan … Und Verena öffnete ihr das ohnedies ziemlich belastete Herz weitestgehend schonungslos. „Ich liebe ihn! Hörst, du, Mama?! Ich liebe Phips – und ich werde ihn heiraten!“

Aber -“

Und außerdem – ich bin schwanger!“

– von Philipp?!“ Mariella befürchtete zu taumeln und setzte sich vorsichtshalber.

Natürlich von ihm!“, schmollte die Tochter. „Von wem denn sonst?!“

Du – bist – schwanger – von Philipp Kronsteiner?!“ Mariella schien es nicht fassen zu können. „Von – Philipp Kronsteiner?!“, wiederholte sie mit blutleeren Lippen und halb-irrem Blick. „Von – Phips -“

Ja, ja, natürlich! Aber, Mama -“ Verena war zu ihrer Mutter geeilt. „- was ist denn da so schrecklich daran?! Ich meine, Phips und ich, wir sind weitschichtig verwandt … Na, und?!“

Weitschichtig?! Weitschichtig?!“ Mariella schien konsterniert. „Bring mir bitte einen Cognac!“, bat sie mit schwacher Stimme ihre Tochter.

Dass Mariella Nordtstatt Alkohol trank, kam sehr selten vor. Alle heiligen Zeiten einmal, sozusagen. Und schon gar nicht außerhalb eines Festes oder unter dem Tag. Also musste sie fraglos ziemlich durcheinander sein, dachte Verena besorgt. Gut, ihre Mutter würde Großmutter werden – wieder einmal, denn auch Michael und Ilse hatten sie schon zweimal, vor wenigen Jahren, dazu gemacht. Und sie hatte sich tapfer geschlagen. Und sie schien ihre reizenden Enkelkinder, Rosalinde und Benjamin, auch tatsächlich sehr zu lieben. (Allem Anschein nach war Mariella recht gern Oma. Was, wie man weiß, nicht bei allen immer noch so attraktiven Frauen ihres Alters der Fall sein musste.) Also, warum jetzt diese Aufregung? Das fragte sich Verena, während sie ihrer Mutter das Gewünschte brachte.

Schau, Kind“, hob Mariella, anscheinend wieder gefasst und wohl auch ein wenig gestärkt durch die paar Schlucke Remy Martin, die sie ziemlich rasch in sich hinein gegossen hatte, nun zu einer Erklärung an. „Mein Kind, das Ganze ist nicht so unproblematisch, wie du jetzt wahrscheinlich noch glaubst …“

Aber – schwanger sein ist doch keine Krankheit!“, erwiderte Verena ein bisschen altklug und mit geröteten Wangen. Und sie hatte das unbestimmte Gefühl, aus dem Verhalten ihrer Mutter nichts Gutes erahnen zu sollen.

Darum geht es auch gar nicht“, fiel ihr Mariella ins Wort, das leere Glas auf das kleine Tischchen neben dem Sofa stellend. Und, indem sie ihre Rechte nahm: „Natürlich ist eine Schwangerschaft keine Krankheit! Aber – diese Schwangerschaft …, sie darf nicht sein!“

Darf – nicht – sein?!“ Verena war perplex. Zu perplex, um nicht sofort entschieden zu protestieren. „Aber – warum?! Warum darf -“

Nein. Diese Schwangerschaft darf nicht sein.“

Beide schwiegen einen Moment. Dann entfuhr es ihnen synchron: „Aber -“

Erneute kleine Pause.

Also, du weißt doch“, begann Mariella, so gefasst, wie sie nur konnte, „du weißt doch, dass die Familien Filzmoser und Kronsteiner miteinander verwandt sind … Paul Kronsteiner ist mein Cousin -“

Das weiß ich doch, Mama!“, unterbrach sie die Tochter.

Seine Mutter und mein Vater sind Geschwister, ja. Aber -“

– aber, bitte schön, was hat das mit uns, mit mir und mit meiner Schwangerschaft zu tun? Und was hat es mit Philipp zu tun?! Bitte, Mama, erklär‘ mir das!“ Das Mädchen war dem Weinen nahe, da sie da nicht mehr und nicht weniger als eine Katastrophe vom Ausmaß einer griechischen antiken Tragödie (nur in echt!) heraufkommen fühlte, die mit den nächsten Wörtern und Sätzen ihrer Mutter tatsächlich in Gang gesetzt wurde.

Du kannst, du darfst Philipp nicht heiraten!“

Ich darf Philipp nicht heiraten?! Ja, warum denn nicht?!“ Verena war außer sich.

Du darfst ihn nicht heiraten.“ Mariella machte eine kleine Pause. Dann: „Du und Philipp seid – Halbgeschwister! Ihr habt den selben Vater …!“

Jetzt war es gesagt, das Ungeheuerliche. Das Geheimnis war gelüftet. Die Katze war aus dem Sack. Die Katastrophe war eingetreten. Die griechische antike Tragödie vollzog sich.

Verena war zutiefst verstört und rannte aus dem Raum. Sie warf sich in ihrem Zimmer aufs Bett. Und wollte zunächst nur eines: Dass hier das Alles ein Riesenmissverständnis sei. Nein, ein schlechter Witz, den ihre Mutter sich mit ihr gemacht habe.

Dann wollte sie, als ihr zu Bewusstsein kam, dass es sich um kein Missverständnis handelte und sich ihre Mutter auch keinen schlechten Witz mit ihr gemacht habe, wiederum nur eines – nämlich tot sein. Ganz tot.

Ihre Mutter war dem Mädchen gefolgt und hatte sich an Verenas Bett gesetzt.

Schau, Veri! Was soll ich dir anderes sagen?! Ich weiß, es war ein Fehler, damals …“ Mariella schwieg. Dann fuhr sie fort: „Es hat sich halt so ergeben … Und der Onkel Paul -“ Sie hörte zu reden auf, weil ihr diese Bezeichnung nun doch zu beschissen vorkam.

Paps ist nicht mein Vater?! Ich meine, Peter -?!“ Verena hätte jetzt am liebsten – außer dass sie gerne gestorben (nein, noch besser: schon tot gewesen) wäre – losgeheult. Losgeheult, so richtig Schlosshund-mäßig!

Aber das ging auch nicht.

Irgendetwas sperrte sich da. In ihr.

Es wollten einfach keine Tränen kommen.

Ich bin Pauls Tochter?!“, fragte sie leise, und es klang … kleinmütig, verzweifelt und ungläubig. So ungläubig, wie etwas klingt, nicht weil es nicht so sein könnte, sondern weil man einfach nicht will, dass es so sei … Verdammt noch mal!

Pauls Tochter -“, hauchte Verena die zwei Wörter noch einmal. Sie hauchte mehr, als sie es hätte sagen und somit als Frage formulieren können. Dann, nach kurzer Besinnung, stieß sie es trocken hervor: „Ich bin also Paul Kronsteiners Tochter und Philipps Halbschwester?!“

Mariella nickte nur stumm.

Du darfst deinen Bruder – Halbbruder, ja, o.k., deinen Halbbruder – nicht heiraten! Hörst du?! Das geht einfach nicht …“, fuhr die Mutter nach kurzer Pause eindringlich fort.

Und – das Kind?!“ Allein schon Verenas Worte wirkten, ohne dass ihr so harmloser, unschuldiger Inhalt etwas dafür konnte, wie eine Bedrohung. Die Silben bestanden gleichsam aus Sprengstoff. Sie trugen praktisch alles in sich, was man brauchte für eine interfamiliäre Katastrophe von enormem, bis dato ungeahntem Zerstörungspotenzial.

Da war etwas, das sich anschickte, im Nu alle Mauern der sogenannten guten Sitten niederzureißen, die – ohnedies oft nur mit äußerster Mühe aufrechterhaltenen – Stützen der Konvention zu beseitigen und das, was von Moral (oder was man eben so zu nennen pflegte) noch übrig war, hinwegzufegen! In irgendeinen Orkus! Doppelt furchtbar übrigens für eine Großfamilie, der stets der Schein wichtiger war als die wahren Geschehnisse, der die Fassade mehr galt als die Realität und die nun einmal die sogenannte öffentliche Meinung immer wesentlich höher veranschlagt hatte als die realen Gegebenheiten und Vorkommnisse. Mehr Schein als Sein, hätte da ohne weiters als Parole gelten können.

Egal, ob es um die Filzmosers oder die Kronsteiners, um die Buschholds (also die Mischpoche von Pauls Ehefrau Gundula) oder die Nordtstatts ging und darum, ob sie alle Dreck am Stecken hatten – und sie hatten alle, gehörig noch dazu -, immer war nach Ausreden gesucht worden, nach Tünche und Abceckfolie. Und die Ausreden wurden gefunden. Und die winkeligen, krummen Wege, auf denen zu gehen man sich längst angewöhnt hatte, wurden inzwischen durchaus erfolgreich und schier mit nachtwandlerischer Sicherheit beschritten. Und die verschiedensten Schweinereien, seien es politische oder persönlich-private, große und kleine, hatte man optimal zu kaschieren und zu applanieren gelernt. Und die Westen waren zuletzt noch immer (mehr oder weniger) reingewaschen worden. Und die Hände ebenso.

Du und Philipp, Ihr könnt – und Ihr dürft – nicht heiraten! Es wäre – Inzest!“, sagte Mariella sehr leise. „Und das geht doch nicht.“

Aber – das Kind …?!“ Verenas Frage – – –

Fortsetzung folgt!

 

Paul und Mariella treffen einander – quasi final

Pardon, aber wir müssen just jetzt, wo es so traurig ist und sich dramatisch zuzuspitzen scheint, kurz die Zeit um rund zwanzig Jahre zurückdrehen; doch ist das, sozusagen, eine erzähltechnische Notwendigkeit. Wie gesagt: Pardon!

Ein paar Wochen nach dem besagten One-Night-Stand im schmuddeligen Stundenhotel nach dem Musikvereinskonzert anno 1993 hatte Prof. Dr. Paul Kronsteiner versucht, sich so elegant wie nur möglich wieder aus dem (nunmehr also auch sexuell relevanten) Verhältnis zu seiner Lieblings-Cousine zu lösen. Einerseits befürchtete er irgendwelche interfamiliäre Komplikationen, zum anderen ging ihm nun einmal seine Freiheit über alles. Da mochte Mariella noch so ein tolles Rasseweib sein … Und da Mariella nicht nur eine schöne, sondern auch eine gescheite Frau war, durchschaute sie sein Vorhaben alsbald. (Zudem lag ihr selbst ebenfalls daran, ihre an sich durchaus passable Ehe mit Peter Nordtstatt, ihre Kinder und ihren Haushalt nicht über Gebühr zu gefährden. Und, wenn sie es recht überdachte, so toll war dieser famose Vetter Paul im Bett ja auch wieder nicht gewesen …)

Also traf man einander an unverfänglichem Ort und zu unverfänglicher Stunde. Dass just ein Maturant, den Kronsteiner vor einem halben Jahr aus hieb- und stichfesten schulischen Gründen relegiert hatte, in seiner Funktion als Aushilfskellner im betreffenden Café Zeuge der doch einigermaßen emotionalen Aussprache wurde und danach erpresserisch irgendwelche obskuren Forderungen geltend machte, zeigte zwar wieder, wie schlecht die Welt war, konnte vom eloquenten Deutschlehrer indes mittels einmaliger Zahlung einer mittelhohen Summe umgehend applaniert werden. (Was freilich erneut die Richtigkeit der Relegation des Knaben bewies: Der Bursche war eben noch nicht reif; sonst hätte er zumindest mehr verlangt!)

Kurz und gut: Paul Kronsteiner unterstrich in wohlgesetzten Worten, dass Mariella sich „seiner ewigen Wertschätzung und Liebe“ sicher sein könne und auch dessen, in ihm „für immer einen wahren Freund zu besitzen“; man indes – „besonders in der Öffentlichkeit“ – zukünftig „größte Vorsicht würde walten lassen“. (Oder so ähnlich gewunden und verschlungen.) Also, man sollte künftig auf „Extratouren dann doch lieber verzichten“ – im gemeinsamen Interesse und im Sinn der Familien sowie des lieben Friedens willen et cetera.

Ihr, also: du und dein lieber Mann Peter, kommt doch bald wieder einmal zu uns nach Haus, nicht wahr?! Gundi wird sich freuen!“ Dann setzte er hinzu: „Den passenden Termin macht Ihr Frauen dann wohl am besten unter einander aus …“

Mariella nickte bloß, eisig lächelnd. Dann indes lachte sie – irgendwie befreit – hell auf und grinste ihn plötzlich entwaffnend offen an: „Aber, klar doch, Paul! Und grüß‘ Gundula, Gerda und Philipp schön von mir! – Oder …, doch besser nicht?!“

Im Aufstehen hielt sie nochmals inne und näherte ihren rotgeschminkten Mund seinem Ohr. Als sie ihm so ganz nahe war, flüsterte sie: „Übrigens, ich bin schwanger von dir. Aber das braucht dich nicht zu tangieren.“

Dann rauschte sie von dannen.

Nun, dieser Satz, ausgesprochen und ans Licht der Szene gesetzt in dieser großartigen und einmaligen dramaturgischen Verknappung, gleichsam eine Quintessenz von antiker Theatralik, aber unprätentiös und schier elementar, hallte auch zwanzig Jahre später noch in Pauls Schädel wider. (Ein Vorteil, wenn man ein Hohlkopf ist.)

Schwankend zwischen schlechtem Gewissen und Erleichterung – „das braucht dich nicht zu tangieren“ (alles, was ihn nicht zu tangieren brauchte, war Paul angenehm!) -, fühlte sich der Herr Professor doch etwas dumpf im Magen. Also bestellte er einen großen Cognac der Marke Remy Martin. Und gleich darauf noch einen.

*

Doch Mariella sollte Wort halten.

Alsbald wurde in der Familie verkündet, dass der fünfjährige Michael in ein paar Monaten ein Geschwisterchen bekommen werde. Der freute sich weit weniger als Peter, der stolze Herr Papa, als welcher er sich selbstredend fühlen durfte.

Und als Verena dann zur Welt kam, gab es eine Familienfeier.

Da lauerten sie denn alle auf einander – wie die Raubtiere vor der Fütterung: Mariellas Eltern, der Abgeordnete zum Nationalrat in Ruhe Adolf Filzmoser und seine Frau Isabella, eine geborene Flatter; auch die alten Nordtstatts, Rechtsanwalt Egon Maximilian und Leonore, wie schon einmal erwähnt: aus der Handschuh- und Taschen-Dynastie Führinger; dann Prof. Dr. Paul und Gundula Kronsteiner sowie Pauls Eltern, Diplomingenieur August Anatol Kronsteiner und Frau Elvira, eine geborene Filzmoser und eine Schwester Adolfs, beziehungsweise Gundis Vater und Mutter, also Hofrat Dr. Franz Theodor Buschhold und seine Gattin Edda.

Bis auf den kleinen Michael, der sich ein wenig verloren vorkam und instinktiv spürte, dass seine Position als allein umhegtes und umsorgtes Goldstück hier sukzessive hinweg schmolz wie eine Eiskugel im Hochsommer, waren sie allesamt guter Dinge, die Festgäste; und begierig auf den ersten Fehler, den bestimmt irgendwer anderer begehen würde … Freilich, auch der Rest des umfangreichen familiären Anhangs sowie die zahlreichen zum Tauffest der kleinen Verena geladenen Bekannten und Freunde waren durchwegs gutgelaunt. Noch. (Oder sollte es diesmal vielleicht am Ende so bleiben?!) Der Pfarrer trank einige Gläser Sekt zu viel, was seinen aparten Sprachfehler nur noch akzentuierter erscheinen ließ, und der bekannte Mezzosopran, ein fülliges Ensemblemitglied der Oper, nämlich Frau Cornelia Fürpass, sang ergreifend das „Ave Maria“ von Bach & Gounod.

Wie gesagt, die Familienstränge waren allesamt gut drauf und summa summarum bestens disponiert, sodass diesmal ein gröberer Streit, wie er sonst – zumal zwischen den Kronsteiners und den Buschholds – beinahe immer unausweichlich schien, sogar ausbleiben konnte.

Seltsam, was so ein neuer Erdenbürger – eine Erdenbürgerin, natürlich! – alles bewirken kann. Lediglich durch das Dasein.

*

Knapp zwanzig Jahre später gibt es dann wieder ein – außerordentliches – Familientreffen, das also nicht mit Weihnachten, Silvester oder mit einem runden Geburtstag zusammenhängt. Nein, ist mehreren anderen Gründen geschuldet. Es ist nämlich ruchbar geworden, dass Verena Nordtstatt von Philipp Kronsteiner schwanger ist. Irgendwann dringt so was klarerweise immer an die Öffentlichkeit. Ach an die verwandtschaftliche Öffentlichkeit. (Optisch und – naja, das übliche Getratsche …)

Außerdem ist gleichzeitig, und das hätte – unter anderen Umständen (haha!) – eigentlich tatsächlich weiterhin geheim bleiben können!, bekannt geworden, dass Prof. Dr. Paul Kronsteiner beider Vater ist. Ja, der Herr Gymnasialprofessor figuriert als Zeuger Philipps und Verenas. Und dass er letztere pikanterweise mit seiner Cousine Mariella fabriziert hat.

Jetzt wissen es also alle.

Die Kacke ist somit gewaltig am Dampfen.

Fortsetzung folgt!

 

Die „Gerichts“-Verhandlung

oder Der Familienrat tagt …

wobei diesmal auch einige schon verstorbene Mitglieder anwesend sind und ihre entsprechenden Funktionen auszuüben haben. Etwa Emmeran Filzmoser (1950 – 2009), der im Zuge der sogenannten „Melkfett“-Affäre von 2009/10 ermordete Selchermeister, Wurst- und Fleischfabrikant sowie Wirt „Zum Goldenen Hahn“ in St. Pankrazen an der Salm – quasi als Sachverständiger in rustikalen Sexualfragen.

Den Vorsitz führt der (auch nicht so besonders ehrenwerte) Adam Filzmoser (1908 – 1982), ehedem NS-Ortsgruppenleiter, später ÖVP-Bürgermeister und Chef des regionalen Raiffeisen-Maschinenrings, der Großvater Mariellas, abwechselnd mit Dr. Franz Xaver Kronsteiner (1897 – 1973), einem ehemaligen namhaften Austrofaschisten und geheimen Alkoholiker, der nach 1945 dann erst Staatsanwalt und später Richter am Oberlandesgericht war, Pauls Opa.

ADAM FILZMOSER: Wir sind zusammengetreten in der Sache –

FRANZ XAVER KRONSTEINER: R e c h t s s a c h e, bitte, Collega! Rechtssache! Das ist eine Rechtssache!

ADAM FILZMOSER: Also gut. Wir sind zusammengetreten in der Rechtssache Verena Nordtstatt/Philipp Kronsteiner respektive Mariella Nordtstatt/Paul Kronsteiner –

ELVIRA KRONSTEINER (Heftiger Zwischenruf): U n r e c h t s s a c h e ! In der Unrechtssache –

(Das Nicken im Auditorium signalisiert Zustimmung. Manche blicken auch nur scheu und verlegen zu Boden. Und der Boden möchte zwar zumindest schüchtern flüstern: „Was kann denn ich dafür?!“ Doch der Boden schweigt weiterhin betreten.)

FRANZ XAVER KRONSTEINER (An Elvira Kronsteiner gerichtet): Ruhe, bitte! Bitte, Elvira! Auch wenn es sich tatsächlich um Unrecht handeln sollte, unter gewissen Umständen, so heißt das nun einmal R e c h t s s a c h e ! – (Zurück zu Adam Filzmoser) Bitte, Collega!

ADAM FILZMOSER: Ach was! (Jetzt wird der alte Filzmoser aber ungehalten.) Rechtssache hin oder her! Wir werden die Schweinereien schon aufdecken! Die –

FRANZ XAVER KRONSTEINER: (Empört, aber auch verunsichert, weil er seinen Flachmann nicht dabei hat und jetzt unbedingt einen großen Schluck benötigen würde) Herr Kollege! Bitte! Bedenken Sie, Adam, der Rahmen! Die Würde des –

ADAM FILZMOSER: (Er hat, wie üblich, sein Fläschchen vom Hochprozentigen in der linken Jacketttasche bei sich. Jetzt zieht er es, Unverständliches brummelnd, hervor, macht einen großen Schluck und reicht den Flachmann an den alten Kronsteiner weiter.) Da! Sauf! Tut gut! Na, nimm’s schon …!

FRANZ XAVER KRONSTEINER: (Verschämt die Flasche entgegennehmend, macht er erst einen kleinen, dann einen ausgiebigen Schluck) Aahh! – Danke, Adam! Also –

ADAM FILZMOSER: – also, ich glaub‘, als Theaterstück lässt sich das doch nicht abhandeln, diese R e c h t s s a c h e oder wie auch immer! (Allgemeines Nicken. Rat Kronsteiner denkt angestrengt nach, die Hand an der Glocke. Nochmals wechselt die Schnapsflasche von Adam zu Franx Xaver und zurück. Dann nickt er zustimmend, fast befreit …)

FRANZ XAVER KRONSTEINER: Ja! Gut, lieber Adam, dann also Prosa und Imperfekt!

Recht hat er, dachte die verstorbene Ehefrau Adams, Ernestine, eine geborene Krautwaschl (1910 – 1990), und nickte kräftig mit dem Kopf, was ihre geflochtene weiße Gretel-Frisur fast schon in statisch bedenkliche Schwingungen versetzte. Sie wusste zwar nicht, was das sollte – von wegen Prosa und Imperfekt …, aber wenigstens, dass dieses blöde Theater aufhören würde, das war schon einmal gut! Ja! Außerdem: Soll sich nur nichts hineinsagen lassen, der Adam, von dem arroganten Stadtfrack!

Hm“, resümierte Rat Kronsteiner nochmals. „Gut, gehen wir also in Prosa über. Aber, bitte, mit möglichst viel direkter Rede, wenn ich bitten darf!“ (Er formulierte eben gerne selbst …)

In Gottes Namen! So sei es!“, sagte Adam Filzmoser. Und die ehemalige kommunale Nazi-Größe schien sich mit Gott allem Anschein nach selber zu meinen. Wie denn auch nicht?!

Ja, die beiden alten Herren hatten es wirklich in sich … Und auch die diversen Filzmoser- wie die Kronsteiner-Frauen warfen sich wissende Blicke zu. Man kannte seine Pappenheimer …

Dann kamen als Gerichtsdienerinnen und Gerichtsdiener verkleidete junge Frauen und Männer und brachten Bier, Wein und Sekt, dazu Salzgebäck und Mehlspeisen, auch Kaffee oder Tee und Mineralwasser, Brötchen und diverse Aufstriche. Das Ganze nahm, langsam aber sicher, schon Volksfestcharakter an.

Wir lieben einander doch!“, rief Philipp emphatisch aus, als wäre er der junge Werther.

Schrei da nicht herum wie im Sturm und Drang! Du bist nicht der junge Werther, mein Sohn!“, fiel ihm Prof. Paul Kronsteiner auch nicht gerade klassisch in die Parade, die ohnedies keine war, sondern gleich zu Beginn zu einem ziemlich larmoyanten Gewäsch hinabzusinken anfing.

Aber – wir -“. Philipp ließ es sein und ließ die Schultern herabfallen, was einen recht kümmerlichen Eindruck vermittelte. Besonders bei Verena. „Aber – wir lieben einander doch!“, beharrte der Jüngling und erinnerte kurz an den aufsässigen Galileo Galilei, als der vor seinem uninformierten klerikalen Richterkollegium stand. Und dann, in plötzlichem, beinahe finalem Aufbäumen, wiederum sehr theatralisch: „Doch! Ja, wir lieben einander!“ Worauf hin ihm seine Verena sogleich beisprang, indem sie ein immerhin vernehmliches „Ja!“ hauchte.

Ich bin zwar“, schaltete sich da Dr. Peter Nordstatt ein, „wie wir inzwischen (auch in amtlicherseits bestätigter Weise) wissen, nicht Verenas Vater, möchte dennoch und weil es der Sache, der Rechtssache, dienlich sein könnte, anführen -“

Also, du“, schnitt ihm seine schöne Frau Mariella die Suada mit einem eisigen Schnipp-Schnapp ab, „solltest am besten gar nichts dazu sagen, Peter! Nein, Du schweigst lieber!“ Und obwohl dicke Luft herrschte, lächelte sie – im weitesten Sinn: verbindlich.

Ausnahmsweise muss ich dir da recht geben, Mariella“, schlug sich nun kurz Pauls bessere Ehe-Hälfte, Gundi, auf die Seite der von ihr wenig geliebten Vielgeliebten. „Ja, Peter soll am besten den Mund halten! Denn hätte er sich mehr um dich gekümmert, wer weiß, was uns allen womöglich so alles erspart geblieben wäre …“

Also, ich muss schon -“ Der Jurist schwieg jedoch sogleich indigniert, dem sprichwörtlichen begossenen Pudel nicht ganz unähnlich. Dafür leerte er sein Weinglas in einem Zug und verlangte gestisch nach Mehr, welcher Wunsch ihm auch umgehend erfüllt wurde.

Ur-Opa Franz Xaver Kronsteiner (der verstorbene Herr Rat i. R.), der nun ganz offiziell ein Glas und eine Flasche Gin vor sich platziert hatte, nahm wieder das Wort auf und an sich und fuhr, mit einem kontrollierenden Blick zum alten Adam Filzmoser, fort, der sich an einer weißen Mischung labte: „Man weiß, dass familiäre Bande, wenn sie“, er wurde nachdrücklich wie in guten alten Gerichtszeiten, „einen gewissen Grad an Intimität erreichen oder gar überschreiten, uns in Gefahr bringen können, das rechte Maß zu übersehen!“

Schöner hätte ich es wohl auch nicht ausdrücken können, knirschte Peter Nordtstatt ironisch mit den Zähnen, eingedenk solch dümmlich-geschwollener Richter-Rede. (Denn mitunter geht sogar Juristen Juristengeschwätz auf die Nerven. Das anderer Juristen nämlich.)

Drum“, spann Kronsteiner senior-senior den Gedanken weiter, „frage ich jetzt – Adam, Sie gestatten?“ Und als der angesprochene Filzmoser gnädig genickt hatte, setzte er fort: „So frage ich jetzt sozusagen unseren Sachverständigen für außereheliche Umtriebigkeiten, den Herrn Wurstfabrikanten und Wirt Emmeran Filzmoser, was er vielleicht ganz allgemein als ausgewiesener Experte zur Causa Fremdgehen beitragen kann.“

Fortsetzung folgt!

 

Was „Der Goldene Hahn“ kräht

Emmeran, der ehemalige weithin bekannte Frauenliebhaber und stets schussbereite Schürzenjäger, der Metzgermeister und Wirt „Zum Goldenen Hahn“ in St. Pankrazen an der Salm, schien sich durchaus geehrt zu fühlen. Solch eine Bühne taugte ihm allemal, denn er war nicht nur (bis zu seinem gewaltsamen Tod) ein erfolgreicher Schürzenjäger gewesen, sondern allzeit auch ein ausdauernder und überzeugender Stammtischredner und Schwadroneur. Egal ob Welt-, Staats-, Landes- oder Lokalpolitik, ob Kirche oder Wirtschaft, Krieg und Frieden, Kunst, Kultur und Jagd – er sonderte zu jedem Würstel seinen Senf ab.

Emmeran Filzmoser hatte zwar eigentlich keine Meinung, aber er sagte sie umso lieber. Mehr oder minder – frei heraus. Egal, worum es gerade ging: um den Kanzler und seinen Vize, um den neuen Papst, um die USA, China, Nordkorea oder den Bierpreis …

Zudem war er eben Wirt und als solcher eine Art Konglomerat aus all den vorgenannten Professionen, Nationen und Begriffen. Irgendwie – zumindest fast – Kanzler, Vizekanzler, Papst und Bierpreis …

Also“, Emmeran machte einen tiefen Zug vom Bier, dann hob der vierschrötige Wurstfachmann, Genitalprotz und Sexualartist – übrigens (und erstaunlicherweise) nicht ohne Elan an, „wichtig ist im Grund genommen, dass die Sache möglichst leicht geheimgehalten werden kann. Und: Je weiter weg von der Familie, umso besser …“

Die Männer lauschten beinahe voller Andacht. Zugleich freilich sogar neidvoll. Auch nickte man – wissend oder Wissen imitierend …, ambivalent, immerhin. Und die Frauen sahen zwar einerseits missbilligend, doch, ja, zum anderen allerdings auch fast mit (zumindest ein wenig) Respekt, insgesamt jedenfalls nicht ohne Wohlgefallen, unter beinahe niedergeschlagenen Lidern und insgesamt um Unauffälligkeit bemüht, zum leicht fetten, ziemlich verlebt wirkenden gewesenen Fachmann für Fleisch, Wurst, Selchwaren und Ehebruch.

Manche Betroffene – Männer wie Frauen, aus verschiedenen Gründen betroffen – sahen indes durchaus unfreundlich auf den lendenstarken Ex-Wirt.

Ein Zwischen-Resümee drängte sich förmlich auf: Wenn Emmeran Filzmoser nicht ohnedies längst schon umgebracht worden wäre, es hätte sicherlich manchen Grund gegeben, ihn eben jetzt ins Jenseits zu befördern. Egal – ob eifersüchtige Frauen oder betrogene Männer, einer wie dieser Emmeran Filzmoser, Wurstexperte, Metzgermeister, Wirt „Zum Goldenen Hahn“ und Dauervögler, einer wie er liebte und lebte nun einmal gefährlich!

Folglich schwankte sein Bild auch zwischen dem des Heiligen (des Märtyrers gar!) und des personifizierten Teufels … (Hermine, Emmeran Filzmosers hübsche Witwe, sah denn auch schon seit geraumer Zeit einigermaßen indigniert in ihr Rotweinglas. Oder zu Boden.)

Ja, möglichst weit weg vom ehelichen Herd und Bett“, wiederholte Emmeran. „Und, um Himmels Willen und um alles in der Welt, nie ganz eng in der Familie – auch wenn es mitunter gerade da manche große Verlockungen gibt!“

Er trank sein Krügel aus und fuhr fort, indem er sozusagen zum Nachschlag ansetzte.

Ich meine, ich habe es ja niemals notwendig gehabt, eine Frau zu vergewaltigen … Und gegen Gewalt bin ich auch – eigentlich …“ Er machte eine kleine Pause. Eine dralle Maid – war es am Ende Barbara?, schoss es dem toten Wirt durch den maroden Kopf. Nein, just die, die hübsche Kellnerin Babsi, hatte ja vom anderen Ufer sein müssen! Sie hatte als einzige seine Avancen brüsk ausgeschlagen! -, ein dralle Maid also schaffte ein neues Krügel Bier herbei, von dem der gewesene Wirt und Dauer-Eber bereitwillig kostete.

Aber nicht nur ich hab‘ es wollen …, die Weiber, die haben ja auch dauernd Lust gehabt! Ja, diese Weiber …“, setzte er ziemlich larmoyant hinzu. „Am End‘ war dann freilich ich das Opfer! Jaja, jeder muss halt den Platz einnehmen und ausfüllen, der ihm zugewiesen ist …“

In neuem Tonfall fügte der (fast) immer so erfolgreiche Schürzenjäger dann an: „Ich denke, meine Frau, die Hermine, ist ja eine hübsche Gretl, nehmt alles nur in allem! …“ Er trank.

Aha, jetzt zitiert er Schiller, der ungeschlachte Metzger, schoss es Paul Kronsteiner durch den von all dem hier und um ihn herum ziemlich mitgenommenen Kopf. (Irrtum! Das vermutlich zugrundeliegende, von Emmeran Filzmoser entstellt wiedergegebene Zitat – „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, / Ich werde nimmer seinesgleichen sehn …“ – stammt aus Shakespeares „Hamlet“, I, 2. Aber der längst schon leicht angeschlagene Germanist und pingelige Deutschlehrer litt vermutlich unter ähnlichen Umnebelungen wie der gewesene Weiberer. Außerdem: Es muss eben nicht alles stimmen, was Germanisten sich so einbilden. Und so sattelfest war der Herr Professor halt dann doch auch nicht immer, gelt ja?!)

Wir waren eigentlich ein gutes, ein bestens auf einander eingespieltes Team, meine Frau und ich“, grub der tote Fleischhauer tief drinnen in seinen Erinnerungen weiter, wobei er durchaus fündig wurde und manche traurige Gewissheit zu Tage förderte. „Stimmt’s, Hermi?!“

Die Angesprochene fuhr hoch aus ihrer Halb-Abwesenheit und ließ den Fußboden beziehungsweise ihr Weinglas kurz unbestarrt. Dann wandte sie, fast hoheitsvoll und ohne jede Eile, den Blick ihrer schönen Augen erneut von ihrem liederlichen Ex-Mann. Sonst wäre es ihr nämlich speiübel geworden. Schlecht war ihr schon. Das genügte.

Die Hermi war einfach die perfekte Wirtin!“, fuhr der ermordete Emmeran picksüß fort. „Ich glaube, dass viele Gäste, vor allem natürlich die Männer, nicht so sehr zum Biertrinken zu uns ins Lokal gekommen sind – obwohl unser Gerstensaft stets vorzüglich gezapft war! Gelt ja?! -, oder weil ihnen der durchaus genießbare Wein so gut geschmeckt hat oder der Schnaps! Nein, nein! Die Herrschaften haben sich halt alle wohlgefühlt im ,Goldenen Hahn‘! Und das war in erster Linie so, weil die Hermi alle so freundlich bedient und für jeden ein gutes Wort übrig gehabt hat! Jaja …“ Er trank, schier badend in Selbstmitleid und Melancholie, senkte den vom Alkohol schon ein wenig umschleierten Blick und schwieg.

Inzwischen war erneut eine junge dralle Kellnerin vorbeigekommen. Und Emmeran tauschte brav sein ohnehin schon wieder fast leeres gegen ein volles Bierkrügel. „Danke, Chantal!“

Aber – ich bin doch die Manuela“, flötete die Dorfschöne mit den rehbraunen Augen unter dem dunklen Pony ein wenig schmollend.

Ach, ja …, genau, die Manuela …“

Er vernichtete mit einem Riesenschluck des Inhalt des halben Krügelglases. Dann setzte er erneut zum Sprechen an: „Gut, die Frauen, die sind zu mir in die Fleischhauerei gekommen. Gern sogar … Und wenn ich dann meinen Lungenbraten oder mein Beuscherl verkauft hab‘ und meine Nierndln, den Rostbraten oder das ausgelöste Schweins-Karee, die unechte ungarische Salami, die Pariser und die Polnische, fein, und den Ochsenschlepp, dann war allen klar, dass ich, sozusagen, auf dem fleischlichen Sektor für jede etwas übrig gehabt habe …“

Hermine gab einen kurzen, fast unhörbaren Klagelaut von sich, wie wenn ein defekter Fahrradschlauch Luft lässt. Dann sah sie erneut in Richtung Boden, um optisch alsbald wieder zum Weinglas zu wechseln. Schließlich nahm sie kopfschüttelnd einen Schluck.

Emmeran genehmigte sich jetzt einen großen Restschluck und wies die Kellnerin, Manuela, die just wieder in seiner Nähe herumscharwenzelte, stumm an, ihm Nachschub zu bringen. Was die auch mit einem breiten Grinsen um den grellrot geschminkten Mund tat.

Als die brünette Zwanzigjährige das Krügel vor dem einst so lendengewaltigen Selcher – man gestatte die Anleihe bei Anton Wildgans und seinem Hexameter-Epos „Kirbisch“ – niedersetzte, wollte Emmeran ihr schon gewohnheitsmäßig auf den aparten Arsch klopfen. Doch besann er sich des Orts und des Anlasses und pfiff nur leise durch die verbliebenen Zähne.

Stattdessen sagte er: „Ja, meine Frau …“ Und in einem anderen Tonfall: „Ich bereue eigentlich nichts, nein. Aber – heut‘ würde ich doch manches anders machen! Ja! Das könnt Ihr mir glauben!“ Dann, zur Kellnerin gewandt: „Danke, Silvia!“

Da trollte sich Manuela enttäuscht und missmutig. (Ab nun servierte an ihrer Stelle der sommersprossige Eduard, erheischte der tote Wurstfachmann wieder etwas Trinkbares.)

Danke, Emmeran“, sagte der tote Rat in aller dem Gerichtssaal entsprechenden und gebotenen Ruhe, zum ehedem so potenten Fleischhauer und Wirt gewandt, „wir wissen Ihre Aussage zu schätzen! Sie waren uns eine große, ja, sozusagen: eine elementare Hilfe …“

Emmeran Filzmoser, der sich kurz erhoben hatte, setzte sich wieder; jetzt auf einen anderen Sessel – etwas abseits von seiner missbilligend an ihm vorbeischauenden hübschen Witwe Hermine – und vertiefte sich in sein neues Bier. Das war wesentlich unverfänglicher.

Fortsetzung folgt!

 

Von Schönheit und Vergänglichkeit

Jaja, die großen Verlockungen. Und was so in einer Familie alles herumflatterte an hübschen Röcken. Und in den hübschen Röcken saß das noch hübschere Fleisch … Nicht selten zudem – verlockend locker … So locker, dass es schier eine Lust war! O man wusste um die Gefahr, die da gerade in der ach so vertrauten Nähe drohen konnte! Hinter manch schnuckeligem Gesichtchen, in manch biegsamem Mädchenkörper und hinter mancher heiligmäßig wirkenden glatten Stirn …

Schuld ist allemal die Schönheit, dachte Prof. Paul Kronsteiner.

Aber was ist Schönheit? Spielt sie sich tatsächlich, wie manche so treuherzig sagen, im Auge des Betrachters ab? Findet Schönheit de facto im Beobachter selbst statt? Und geht sie nicht doch viel eher vom Objekt aus, das dieser betrachtet?!

Sehen wir, dachte er weiter, einmal ab vom Schön-Saufen, das natürlich auch mitunter funktioniert … Schön – ich weiß nicht, drehte sich sein Gedanken-Karussell weiter, schön …, was ist wirklich schön?! Die klassische Schönheit? Oder wild tätowierte Insulaner, irgendwo in der Südsee? Vielleicht die Chinesinnen mit den ein Leben lang eng gefatschten zierlichen Füßchen, wie es früher Tradition war? Oder gar Weibergesichter in schier furchterregender Mimik-freier Alterslosigkeit und mit Botox aufgespritzten Lippen wie Pavianärsche?

Oder war das wirklich alles Geschmackssache? De gustibus non est disputandum

Aber – es musste doch auch was Objektiv-Schönes geben. Und etwas Objektiv-Unschönes!

So fand Paul Kronsteiner zum Beispiel viele alte Leute ziemlich scheußlich. Unschön. Hässlich. Und auch Babys – mit Ausnahme der eigenen Kinder, natürlich, als die so herzig und pummelig und rundlich waren und gigigagadudu -, auch Kleinkinder fand er zumeist unattraktiv, ja: fast schon gnomig, wichtelmäßig oder zwergenhaft. Sogar irgendwie missgebildet; auch wenn sie’s gar nicht waren. Um Gottes Willen! Nein! Und den Glanz erst, von dem andere gerne sprachen, ging es um die Beurteilung von tatsächlich Behinderten, den man da in den Augen dieser lieben Hascherln zu sehen vermeinte (wohl aus Mitleid heraus oder zum Selbstschutz?), also, den sah er mitnichten. Jaja, selig sind die Beklopften … (sie brauchen keinen Hammer mehr, hatte man früher so herrlich politisch unkorrekt den betreffenden Passus aus der „Bergpredigt“ über die Armen im Geist interpretiert).

Doch dann riss das weitere Geschehen Prof. Kronsteiner aus seinen internen Überlegungen: Der alte Adam Filzmoser hielt es nämlich für angebracht, wieder etwas zur Rechtssache beizusteuern, um quasi seinen Führungsanspruch von Beginn irgendwie aufs Neue einzufordern. Deshalb begann er, eigentlich eher außerplanmäßig, die leidige Sex-Geschichte zwischen Prof. Paul Kronsteiner und dessen Cousine, Mariella Nordtstatt, seiner, also Adams Enkelin, von 1993 anzuleiern. Denn immerhin, so viel war klar, ohne den Fehltritt Mariellas, somit: Verena, wäre auch der Inzest zwischen dieser und dem jungen Kronsteiner, Philipp, erst gar nicht möglich geworden.

Eigentlich waren sie ein hübsches Paar, diese Veri und der Phips, dachte sogar der alte Filzmoser und runzelte die Stirn. Neidisch könnte man werden …

Jaja, die Jugend!

Auch Franz Xaver Kronsteiner, der heimliche Alkoholiker und Oberlandesgerichtsrat i. R., sinnierte in ähnliche Richtung. War kein Kostverächter gewesen, der der Rat! Aber schon gar nicht! Ach Gott, was waren das früher für Zeiten gewesen! Ein gutes Weinderl und a dulli Drahrerei – damals, als er eine Zeit lang in Wien zu tun gehabt hatte, politisch – …, und die Maderln … „Jung samma, fesch samma …“ Und heute? Tot samma.

Prof. Paul Kronsteiner – ja, darin wusste er sich eines Gedankens mit den Männern hier im Raum (auch, vielleicht sogar: besonders mit den alten und toten!) – hätte nicht ungern ein Hohes Lied auf die Jugend angestimmt. (Vielleicht ausnahmsweise ohne Anleihen bei Peter Handke.) Oder ein ganz spezielles Gaudeamus igitur. Einen Sang auf die Virilität und die Kraft der Lenden und die Schönheit des frischen Fleisches und und und … Doch er besann sich der nicht so ganz undelikaten Position, in der er selbst sich da befand: Hatte die Liaison mit seiner schönen Lieblings-Base Mariella, ihre unvorsichtige und gummilose Bumserei im heruntergekommenen Stundenhotel anno 1993, aus der schließlich die nicht weniger schöne Verena hervorgegangen war, die spätere inzestiöse Verbindung zwischen Veri und seinem Sohn Philipp doch erst möglich gemacht!

Mussten einem die Weiber wirklich immer alles verderben, indem sie zu schlechter Letzt schwanger wurden?!

Doch gleich wieder dachte er, angesichts der Jugend, die da, quasi für die Schuld der Alten büßend (als handle es sich um etwas so Unverständliches und Widersinniges wie die biblische Erbsünde selbst), vor den Schranken stand, ziemlich hymnisches Zeug. O selige Jugendzeit!, kam es ihm da ziemlich romantisch-hohl. O selige Jugendzeit!, so dachte er in schierem Überschwang (und völlig deplatziert), wenn die Säfte fließen, die Härchen sprießen, und wenn überhaupt alles anschwillt und lebensvoll pulsiert, dass es eine wahre Freude ist! Jeder Morgen noch schöner und abenteuerlicher, als der Tag zuvor gewesen war!

O Ihr göttergeliebten Glückskinder! Genießt es, dass Ihr noch aus dem Vollem schöpfen dürft! Dass Euch ein vergleichsweise geneigtes Fatum einige Zeit hindurch wenigstens ein Quantum Lust und Freude, zumindest ein bescheidenes Quantum!, zumisst und zugesteht! Bevor, schleichend – bei dem einen und der anderen schneller oder langsamer – und schrittweise Krankheit und Mangel einsetzen und spürbar werden. Erst kleine Behinderungen signalisierend, die alsbald in gröbere Hinfälligkeiten münden können. Immerhin – Boten des schrecklichen Endes. Jetzt aber vielleicht doch noch nicht die echten Molesten, wie sie das Alter später dann für alle, also auch für Euch, parat halten wird – auch in mancher beschwerlichen Überdosis. Nein, erst Vorboten und halb verdeckte Hinweise, oft noch Codes und rätselhafte Symbole … Die man, wenn es geht, wohl auch noch übersehen und erst gar nicht entschlüsseln will. Freilich, jeder Tag, jede Nacht lässt das Ende näherkommen und verringert kontinuierlich den Abstand zum Tod. Zum unentrinnbaren Tod, der jegliches Leben hinwegnimmt. Und pfutsch sind sie, die apfelgleichen Wangen, die ungerunzelten Brüste und die sich gierig gegen Himmel aufbäumenden Schwänze! Aus ist es mit dem Spiel der jungen Muskel, mit dem so anmutigen Auf und Ab der Bewegungen. Und geschehen ist es um die Klarheit des Blicks, die faltenlose Weichheit des Antlitzes und die Schmiegsamkeit der Haut. Aus und vorbei.

Genießt darum, o Ihr göttergeliebten Glückskinder, alles das, was euch das Heute noch im Übermaß bietet! Genießt es, bevor die ersten kleineren Glücksstörungen einsetzen, die uns den Trunk des Lebens immerhin einigermaßen vergällen und, unvermutet auf- wie eintretend, jedes Vergnügen sogar schon empfindlich beeinträchtigen können – als vielleicht noch leise Warnung, als zaghafter Hinweis und geringfügige Vorwegnahme gleichsam echter Schmerzen und markanter Molesten, wie sie die Phase mit sich bringt (oder gar aus- und kennzeichnet), da wir als widerliche alte Säcke am Rand des Lebens dahinschleichen -, bevor also all diese Beeinträchtigungen mehr als bloß vernachlässigbare Abstriche vom noch fast makellosen Genuss darstellen, genießt in vollen Zügen! Genießt unmäßig und im Übermaß, da ihr den Bogen noch zu überspannen in der Lage seid! Die Zeit, da es dann gilt, den Gürtel enger zu schnallen, kommt ohnehin rascher, als Ihr denkt … Denn dann seid Ihr es, die überholt (und überrollt) werdet von der nächsten und übernächsten Generation göttergeliebter Glückskinder!

Und die Alten? Die Freunde scheinen dünner gesät mit einem Mal. Nein, nicht dass sie weggestorben wären mit der Zeit (ja, teilweise auch, wenn man nun einmal zu den länger Lebenden gehört), sondern weil es bei dir nichts mehr zu holen gibt! Sense! Aus!

Ja, mein Freund, dachte Kronsteiner bitter, du bist nichts mehr, hast kaum mehr Einfluss, bist in Wahrheit längst keiner von den wirklichen Machern mehr; viel mehr ein tatteriger Fliegenschiss! Ein hinfälliger Furz! Einer, um den man sich eigentlich sorgen müsste. Einer, der nichts mehr bringt … Da bleiben sie dann folgerichtig stumm, das Telefon und das Handy, diese früher so aufdringlichen Gefährten; und auch die E-Mails tröpfeln nur mehr hin und wieder aus dem Internet. Mehr vergleichbar unangenehmer Inkontinenz als sprudelnder Mitteilung … Wie aus dem lecken Hahn einer halbtoten Wasserleitung sickert das.

Ja, es lässt sich nicht länger verleugnen: Die Welt scheißt auf dich – nicht wie früher, da du ihr noch so manchen Haxen ausreißen konntest in deinem jugendlichen Übermut!

Ach, du holde Jugendzeit, du bist so weit, so weit …

Ja, Paul Kronsteiner konnte fast poetisch denken, manchmal, wenn er von verflossenen Glücksgefühlen (rein Erinnerungs-technisch) nochmals und erneut gepackt wurde – ihn in Wahrheit freilich längst der Lebens-Blues erfasst hatte! Gewaltig! Ja, da schwang er sich auf zu manchem, zugegeben: larmoyanten Gedanken-Konstrukt (als handle es sich um ein in schlechtem Öl frittiertes Wienerschnitzel), das sich da und nur innerlich in Maßen sogar ehrlich und nachvollziehbar zu äußern vermochte. Doch – immerhin, er dachte! Und angesichts der (mehr als) blühenden beiden jungen Menschen hier, angesichts von Verena und Philipp also, auf dieser fragwürdigen Anklagebank, Verena und Philipp, die zudem beide sein Fleisch & Blut waren, ja, das noch dazu!, hier also summierten sich die dunklen Überlegungen, die beinahe schon bedrohlich hoch aufgetürmten grauschwarzen Wolken glichen, wie man ihrer oft vor einem Gewitter (oder auf meist künstlerisch schwachen, indes riesenhaften Ölgemälden) gewahr wird, zu einem ausgewachsenen Lamento.

Außerdem war ihm zum Kotzen zumute.

Deshalb war es dann schließlich besser, diesen inneren Monolog wieder zu beenden. Und den Innenmund resignierend zu halten. (Schließlich liebte Kronsteiner auch Arthur Schnitzler nicht so besonders und wollte daher womöglich gar nicht erst in den Geruch kommen eines Ersatz-„Leutnant Gustl“ oder so …)

Zudem musste der Professor seinen Hymnus auf die Jugend – sollte er ihn überhaupt irgendwann wieder aufnehmen und weiterführen? Wer weiß … – vorderhand auch noch aus einem anderen Grund verschieben, da ziemlich zeitgleich die anwesenden Damen ihrerseits einen Chor der Beleidigten Leberwürste anstimmten, der irgendwo geortet und festgemacht werden hätte können zwischen antik-komödiantischem Lysistrata-Stoff des Aristophanes, nicht weniger antiker Antigone-Wehklage und moderner, sogar Musical-affiner Filmlaune à la François Ozons 8 Frauen … Und die Filzmoserinnen und Flatters, Nordtstatts und Kronsteiners, die Buschholds und wie sie nur alle hießen, schienen zusätzlich noch akustische (und natürlich auch mentale!) Unterstützung von diversen Verflossenen und Betrogenen zu erhalten, die sich wie ein barocker Antepost oder eine ähnliche klangmächtige Gesangsformation irgendwo, hinter der Bühne oder im Off, sozusagen, aufgestellt und postiert hatte.

Von hier erschollen zu allem Überfluss dann auch noch die grässlichen Zusatzstimmen der Paul-getäuschten Damen, unter anderen die von Ernestine Pruhs-Beutler, Romana Illich, Edeltraude Rülpsch et cetera, dann die der Irmgards, Dorotheas, Idas und Alexandras, Reginas und Hildegards, sogar die der einen Diotima sowie der solistischen Mercedes (…) und der diversen übrigen auf des Meeres und der Liebe Wellen Dahingeschwundenen.

Und auch die zahlreichen abgelegten Eroberungen des dauernd erregten Geilisten Emmeran Filzmoser sowie die üblichen geknickten Herzen und armen Seelchen all der von Generationen von Kronsteiners und Filzmosers (aber in Maßen auch von diversen männlichen Buschholds und sogar Nordtstatts) vor den Kopf oder sonst wohin gestoßenen Frauen stimmten schließlich in den infernalischen Chor der Unzufriedenheit und Rachelust ein, dass es bald alles andere denn ein Vergnügen bedeutete, dieses Gejammere anzuhören!

Fürwahr: Die Kakophonie, die da herrschte, war in kürzester Zeit eine solche.

Und Prof. Paul Kronsteiner gewahrte zudem, dass er – seinen Gewohnheiten gar nicht entsprechend – ziemlich angesoffen war. Na, wenn schon.

Doch was sollte das alles – in Wahrheit?

Und: Was konnte man schon machen?

Die Dinge waren nun einmal, wie sie eben geworden waren. Sukzessive. Man war da in etwas hineingerutscht, womöglich tatsächlich schon durch Generationen. Oder auch individuell. Wie auch immer: Jetzt hatte man den Scherben halt einmal auf, wie es volkstümlich so treffend hieß. (Der Volksmund trifft überhaupt meist. Wahrscheinlich, weil er im Allgemeinen so oft ansetzt und über reichlich Material verfügt; vom Zielwasser einmal ganz abgesehen.)

Ja, die Dinge waren nun in der Tat so, wie sie geworden waren. Und so durfte es eigentlich auch nicht weiter verwundern, dass die Alten lieber den Jungen die Schuld an dem ganzen Familien-Schlamassel gaben. Zwar nicht an der Entwicklung (wie auch?), aber immerhin in der Sache. Denn die Jungen, die hatten im vorliegenden Fall schließlich auch das Vergnügen gehabt. Sollte dann gefälligst auch der Schwarze Peter bei ihnen liegen! Punkt um. Rufzeichen!

Fortsetzung folgt!

 

Überhaupt – die Liebe!

Überhaupt – die Liebe!

Jaja, das machte sich alles so schön … Hörte sich alles so gut an und las sich so leicht! Schon im berühmten 1. Brief des Heiligen Paulus an die Korinther (1, 13) stand es doch: „Das Größte ist die Liebe …“ Ach ja! Was die nicht alles tat – zumindest nach Ansicht des Knechts Jesu Christi, wie sich Paulus schon am Beginn des 1. Briefs an die Römer (1, 1) in werbetechnisch geschickt eingesetztem Understatement nennt. Und der geniale Glaubens-Stratege und gewiefte PR-Fachmann in Sachen Christentum zählt in besagtem 1. Korinther-Brief Attribute der Liebe auf, die kaum ein verständiger und fühlender Mensch ablehnen oder negieren könnte. Sie übe Nachtsicht, die Liebe, und handle in Güte; sie eifere nicht, die Liebe, mache sich nicht groß oder blähe sich gar auf; sie benehme sich nicht ungehörig, die Liebe, oder suche womöglich das Ihre; sie lasse sich nicht erbittern und rechne das Böse nicht an. Ihr liege nichts am Unrecht, der Liebe; sie freue sich indes an der Wahrheit. Sie ertrage, hoffe und dulde alles. Und: „Die Liebe hört niemals auf.“

Die Kehrseite der Medaille verschweigt der Meister der frühchristlichen Corporate Identity, des Advertising, der Public Relations und der Werbung indes geflissentlich: Dass die Liebe, erst einmal mit dem Menschen in Berührung gekommen und nicht mehr bloß ätherisch, ganz schön egoistisch sein kann. Nein, das sagt er nicht, der hl. Reklame-Fuzzi des lieben Gottes. Und dass sie sich dann keinen Deut um den Unterschied zwischen Mein & Dein kümmert, die Liebe. Denn wohin die Liebe fällt, weiß zumindest der Volksmund, dort fällt sie eben hin. (Und sei es auf den Misthaufen oder in Nachbars Garten …)

Ja, sie überschreitet, selbst angeblich so grenzenlos, spielend eben diese Grenzen. Sie sorgt für Verwirrung, für manchen Pallawatsch und für den einen oder anderen Kollateralschaden!

Und, um die antike Mythologie zu bemühen, wohin Amors Pfeil fliegt und wen er trifft – ist nun mal Schicksal. (Misthaufen-Theorie und Nachbars-Garten-Hypothese …)

Überhaupt – die Liebe!

Ob die Angebetete oder der Auserwählte dann vielleicht schon zu jemand anderem gehört, spielt – Zehn Gebote hin oder her – mit einem Mal keine Rolle mehr.

Da umschlingt die Liebe das Opfer des Begehrens nach allen Regeln der hungrigen Boa Konstriktor. Und ist einmal auch das gegnerische Feuer entfacht, ist überhaupt kaum mehr ein Halten möglich. So ist das eben.

Da wächst allerdings der Zweifel an der gängigen Auslegung des Liebesbegriffs. Sollten sich die schönen Paulus-Worte, betreffend das weite Feld dessen, was und wie die Liebe sei oder nicht, womöglich nur auf die religiös-theologische Theorie beziehen, die ach so irdischen, niedrigen menschlichen Bereiche der Praxis jedoch bewusst aussparen?

Dann nützte der ganze wortklingelnde Sermon allerdings nicht allzu viel.

Fragen über Fragen …

Doch – wenn schon nichts anderes – allein ihre ständige Präsenz in den geistigen Niederungen des Schlagers sollte die Liebe eigentlich verdächtig machen. Nicht so sehr, dass wahrscheinlich das passendste Reimwort auf Liebe immer noch Triebe lautet, müsste stante pede abschreckend wirken. Und auch, dass Herz und Schmerz aufs erste Hinhören so gut harmonierten (sprachlich/metrisch), sollte uns immerhin stutzig machen.

Zusätzlich und vielmehr jedoch: Die alles zum Verkümmern bringende Zielgerichtetheit ins Banale, wie sie dem sogenannten volkstümlichen Schlager (und davor auch schon manchem Operettenlied, oft trotz noch so musikalisch großartiger, ja: genialer Melodie!) nicht selten anhaftet, korrumpiert doch das Gefühl aufs Ärgste!

Auch wenn Paul Kronsteiner – wie übrigens die meisten einfach strukturierten und möglichen Systemveränderungen gegenüber eher zaghaften Typen – eine ziemlich ausgewachsene Aversion gegenüber dem Rap und sogar dem Protestsong in sich spürte, waren ihm solche populärmusikalische Beispiele immer noch um Häuser lieber als das Rosazuckerl-Artige und das penetrant Süßliche des oben genannten Genres. Dann lieber doch ein bisschen Zynismus, ein wenig – unter Rücksichtnahme auf die zu erwartenden Tantiemen für die Künstler – ohnedies meist bloß laue und andeutungsweise eingesetzte Sozialkritik oder eine Spur Revolution als dieses Liebes-Hmtata mit Kuss-Schmus und Liebelei-Ewigtreu! Ja, er hasste es!

Für die pseudo-juristische Versammlung da stand allerdings – mit dem Heiligen Paulus oder ohne ihn – letztlich a priori ohnedies schon fest und außer jedem Zweifel: So leid es uns auch tut, liebe Leute, Verena und Philipp dürfen nicht heiraten. Tja.

Und ihr Kind – – – ?! Was soll mit dem armen Wurm werden? (Immerhin, Verena war im dritten Monat schwanger.)

Fortsetzung folgt!

 

Finale: „Und neues Leben blüht aus den Ruinen“

(Friedrich Schiller, „Wilhelm Tell“, IV, 2)

Sie würde es austragen. Warum das für Verena feststand, ist nicht eindeutig zu erklären. Und auch die junge Frau selber wusste nicht, warum sie überzeugt davon war, es tun zu sollen und auch zu wünschen. Es hatte jedenfalls weder etwas mit Anständigkeit zu tun (oder mit Charakter); noch mit Bestemm.

Sie würde es austragen, ihr Kind.

Sie wollte einfach.

Wie auch immer, jedenfalls korrespondierte Verenas Haltung kaum mit dem eigenartig zaghaften Zuspruch ihrer Mutter Mariella, zu dem sich diese schließlich durchgerungen hatte. Und auch Philipp war ihr entscheidungstechnisch merkbar keine all zu große Stütze, keine Hilfe in ihrer seelischen Not. (Doch wann sind Männer so etwas – überhaupt?!)

Oder empfand sie ihre Situation gar nicht als solche?! Vielleicht spiegelte sich da nur das verklemmt-unmoralische Außen der seelisch erstaunlich kaputten Verwandtschaft etwas wie ein Bild zusammen, das in Wahrheit ihm, also diesem gräulichen Gesindel selbst, entsprach und nicht der tatsächlich betroffenen jungen schwangeren Frau? Imstande dazu wäre sie immerhin gewesen, diese grauslich verhuschte und verrutschte Lemurengesellschaft, diese Sozietät von Halbverbrechern und Opportunisten, diese Anhäufung von Schleimern und Charakter-Ferkeln, kurz: diese schier phantasmagorische Ansammlung von Extremarschlöchern …

Doch schweigen wir lieber über diese verkorkste, stets auf Anschein und Fassade getrimmte Verwandtschaft. (Da brauchte man, sich bloß das Pandämonium der abstrusen Gerichtssaal-Szene ins Gedächtnis zurückzurufen; die bizarre Verhandlung und die noch obskureren Aussagen und Gedankengänge, grenzwertigen inneren Monologe und bizarren kreischenden Weiberchöre …, bis hin zum volkstümlichen Schlager in Paul Kronsteiners uninteressanten Gehirnwindungen!)

Man suchte allenthalben nach Auswegen, fand indes nicht einmal Mauslöcher, in die es geheißen hätte, sich zuvor entsprechend kleingemacht, zu kriechen. Zwar waren diese inferioren Famiilien-Kleingeister durch die Bank gemeine Arschlöcher und mickrige Kriecher; doch dazu, nämlich sich in der Tat noch kleiner zu machen, reichte es dann auch wieder nicht bei den Kronsteiners und Filzmosers, Buschholds und Nordtstatts.

Es bestätigt sich erneut: Wer sein Leben lang immer nur von seiner Umgebung jede Entäußerung fordert, ist selbst dann kaum dazu willens und in der Lage.

Und Demut wird da zum so gut wie nie verwendeten Fremdwort.

Zwischendurch machte man sogar Pauls Frau, Gundula, die ärgsten Vorwürfe – sie hatte kurze Zeit nach dem abgeschmackten Familienrat die Scheidung von ihrem untreuen Ehemann, diesem permanenten Schürzenjäger, Geilisten und Weiberer, eingereicht (übrigens: mit guten Aussichten, sich solcherart wenigstens finanziell einigermaßen aus der Affäre ziehen zu können) -, da sie, wie es hieß, maßgeblich an der Aufdeckung der ganzen Schweinerei mitgewirkt hatte. Warum sie nicht still geblieben sei, fragte man mehr oder minder unverhohlen. (Blöde Kuh, die!) Außerdem: Eine Frau, die dauernd hintergangen wird, kann schwerlich ganz unschuldig an ihrem Los sein. Man kennt das doch. (Da nickten die Frauen böse und verschwörerisch, während die Männer Paul immer noch seine Fortune in Weibersachen neideten.)

Philipps Position war eine ziemlich komplizierte. Er wusste nicht, wie ihm geschah, und er hatte niemanden, der ihn tatsächlich effizient unterstützen hätte können (und wollen). Jetzt, da das verwandtschaftliche Verhältnis einmal offenkundig war, hätte er Verena – obwohl er sie und auch das Kind, das da im Kommen war, liebte – natürlich nicht mehr heiraten dürfen. Im Gegenteil, ihm wäre nun ohnedies jede Nähe zur Geliebten und Mutter seines Kindes verwehrt worden. Sollte er versuchen, Verena zu vergessen? Das Kind zu verdrängen?

Konnte er dem Vater verzeihen und auch Mariella, der Tante, die da beide, so nebenbei beim Ficken, auch sein Leben zumindest über Strecken verbockt hatten …

Seltsamerweise vermochte ihm auch seine völlig gebrochene Mutter Gundi in ihrer Verhermtheit und ihrem verständllichen gekränkten Stolz keine echte Stütze zu sein. (Und auch er konnte vice versa ihr nicht helfen. Eigentlich war ihnen allen nicht zu helfen.)

Mit seinem Vater Paul zu sprechen, lehnte er aus wohl verständlichen Gründen kategorisch ab. Nein, da gab es außer Verachtung für nichts sonst Platz.

Philipp warf sich, nicht untypisch für sein Naturell, aufs Studium und umschiffte so andere mögliche – à la longe vermutlich schädliche – Alternativen, wie etwa übermäßiges Saufen oder den exzessiven Genuss andere Rauschmittel. Zu Ablenkungszwecken zum Hurenbock zu werden, kam ihm übrigens auch nicht in den Sinn. Hier schienen sich Pauls Gene nicht durchzusetzen. (Wir wollen es positiv sehen.)

Mariella galt zunächst einerseits als Familien-Nutte, andererseits wohl auch als bemitleidenswert. Denn dass es nicht eben leicht sei, sich den Fängen und Betörungen Pauls zu entziehen, stand immerhin fast für alle in der Verwandtschaft außer Frage. Sogar für ihren Mann Peter kam einiges an Verständnis auf. Und der Herr Rechtsanwalt schien überhaupt dem Gedanken nicht abhold, auf Zeit zu spielen und letztlich seiner Frau die Affäre gegebenenfalls sogar großzügig zu verzeihen; was für ihn den ideellen Vorteil mit sich bringen würde, Pauls und Mariellas gemeinsamen Fehltritt im Nachhinein als Ausrutscher banalisieren und somit als irrelevant abtun zu können. Das zog dem Rivalen, zumindest in seinen Augen, gleichsam den Giftzahn. (So denken vermutlich auch nur Juristen.)

*

Sie, Verena, würde es, ihr Kind, austragen und bekommen. Zur Welt bringen, wie es so schön hieß. Das war für Verena klar. Es sollte, laut Ultraschall, ein Bub werden. Sie würde ihn – ja wie denn? wie sollte sie ihn nennen? Wie?!

Parzival? – Nein. Erstens war sei keine Wagnerianerin. Und zweitens klang Parzival auch ohne Wagner schon antiquiert genug. Gralowsky vielleicht, als Steigerung?! Gralowsky gefiel ihr … Ja, der mit dem Gral tanzt. (Nein, Verena kannte Kevin Kosterns Indianer-Film-Epos vom Wolfsgetanze nicht. Oder besser: nur aus einer der vielen TV-Wiederholungen.)

Artus, vielleicht. Oder: Artur? Arthur? Arthur und Gralowsky, als zweiten Namen. Und: Parzival als Kosename …

Nein. Kein Parzival. (War sie denn Herzeloide?! – Ja, irgendwie doch … – Aber: War Philipp ein Gahmuret? – Gut, der hatte ja schon sterben müssen, vor der Zeit …, vor den Zeiten, also, in der besagten Dichtung des Wolfram von Eschenbach. Und Philipp – der schien jetzt doch auch so ähnlich wie tot zu sein?! – Aber: War da vielleicht irgendwo ein weiser Onkel Gurnemanz in Sicht? – Nein, weit und breit auch nicht …)

Nein.

Dann eben kein Parzival.

Da glomm mit einem Mal ein Teufelchen in der finsteren Waldnacht – wie ein Teilchen eines alten Baumschwamms: Parzival, Parzi-Phallus …, kleiner Parziphallus …

Verena musste lächeln.

Dann setzten die Wehen ein.

Fortsetzung folgt!

 

Variante ad „Frau Musica im Stephaniensaal“

(zugleich eine Art Zeitschleife)

Dem Autor ist bewusst, dass diese Variante des lange zurückliegenden Kapitels „Frau Musica im Stephaniensaal“ alles danach Erzählte de facto auslöscht und nichtig macht. Wer das, worüber danach des Langen und Breiten abgehandelt wurde, schon gelesen hat, dem ist allerdings genauso wenig zu helfen wie dem, der nunmehr krampfhaft versucht, womöglich sogar alles wieder zu vergessen … Nun, ja, so läuft das nun beim Erzählen mitunter, und ein Restrisiko ist nie auszuschließen. (Deshalb wohl hieß es früher meist am Ende eines Märchens: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute …“)

Die Studentin Ilse Haubenböck ging an besagtem Abend dann doch nicht mit ihrem Kommilitonen (und Lover) Hugo Brecher ins Kino (oder in die Disco), wie sie eigentlich vorgehabt und weshalb sie den Baby-Sitter-Job im Hause Nordtstatt diesmal abgesagt hatte. Denn besagtem Hugo hatte sich ein gröberes Besäufnis vom Vorabend auf den Magen geschlagen und er fiel schlicht und ergreifend aus. Also meldete sich Ilse schon kurz nach dem Mittagessen telefonisch bei Mariella Nordtstatt und teilte ihr mit, am Abend nun doch auf den fünfjährigen Michael aufpassen zu können. Mariella war darüber sehr erfreut, konnte sie nun mit ihrem Mann gemeinsam ins Konzert des Musikvereins gehen. (Der Anwalt Dr. Peter Nordtstatt war angesichts so viel zu erwartender musikalischer Berieselung weniger glücklich, ließ sich das jedoch vorsichtshalber nicht anmerken und mimte vielmehr den Erwartungsfrohen.)

Beide Nordtstatts also gingen ins Konzert, gemeinsam und in bester Laune, wie es schien. Bei einer der Marmorsäulen stehend, bemerkten sie von der Ferne Prof. Paul Kronsteiner.

Schau, doch! Der Paul!“, rief Mariella aus und lächelte über die Distanz hinweg dem Cousin charmant zu.

Lass doch, bitte, diesen Langweiler!“, zischte Peter Nordtstatt seiner Frau zwischen den Zähnen zu, während er Paul ein wenig gönnerhaft zuwinkte.

Paul grinste wenig vornehm zur Verwandtschaft hin und wollte seine Schritte schon in die Richtung seiner Lieblingsbase (und ihres Angetrauten, der ihm, zugegeben, weit weniger konvenierte) lenken, als ihn eine gleich mittelhübsche wie mittelalterliche Kollegin mit Energie abfing und unerbittlich in Beschlag nahm.


„Also, wie mir dein Cousin auf die Nerven geht“, raunte Peter seiner schönen Frau im Weitergehen zu.

Wieso?“, erwiderte Mariella und blickte ihren Mann von der Seite her lächelnd an. „So arg ist er doch gar nicht.“

 

E N D E

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