Vermischte

Verse

Lyrik und Chanson-Texte

aus Jahrzehnten von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Sonett

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Im Weinglas schwimmt der letzte schwache Schein,

du merkst, wie die Gedanken heimwärts gehn,

rufst jedem nach: Bis morgen, Wiedersehn!

Und bist sodann allein mit dir, allein.

Von draußen hörst du einen Uhu schrein,

gewahrst ganz schwach der fernen Winde Wehn,

vermagst dem Schlaf nicht mehr zu widerstehn,

fühlst innerlich die Schwere – und den Wein.

So ist es manchen Abends schon gekommen:

Du fühlst am Ende stets dich schlafbereit,

der Träume bunter Mantel wölbt sich breit;

und hat der Tag auch Vieles uns genommen:

Sind schön die Träume, gerne man verzeiht! –

Der nächste Tag mag, froher Stunden, kommen!

(1972)

*

Kein Gedicht

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Grau schlierig kotzt sich die Frühnacht

auf die klobigen Sporgassensteine: Pizza, du,

vermutlich ohnedies unverdaulicher Rest gemampften Selbstwertgefühls.

Und spanischer Roter. Nicht Bürgerkrieg, sondern Magenkrampf.

Kopfstein, das Pfaster …

An deinen bekotzten Mantel gekauert: die magere Ausbeute

einer durchrauchten Nacht: Fräulein Elend

mit handtellerkleinen Brüstchen.

Egal. Er steht dir längst nicht mehr – zu Gesicht, der Macho,

den du so gut vorgespiegelt hast,

damals, in der Färbergasse noch,

im Schatten des Bierkönigs Gambrinus.

Heben, ja, erheben wolltest du die Welt.

Geblieben ist ein Bruch, den du dir nicht leisten kannst.

Mädchen, such das Weite. Die Nähe bringt dir ohnedies nichts …

Doch sie klammert sich, zitternd, an deine Manteltasche.

Kein Schleich dich! schmälert diese Nähe.

Also lässt du alle Wehr.

Gemeinsam übergebt ihr euch der restlichen Welt.

Oder was davon noch übrig ist …

(1980er Jahre)

*

Die Priester

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Ob’s Eifer, Dummheit, Demut, Neid

ist, sie schaffen es, das Schöne zu vermiesen:

die Priester. Wenden Freude dir in Leid.

Und häufen ihren Kirchen Reichtum und Devisen.

Gäb’s einen Weg zu einem Gott – in allen Fällen:

Die Priester würden sicher ihn verstellen!

(2016)

Die Ärzte

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

So viel ist schon gesagt. Und viel verschwiegen.

Am Ende bleibt das Wort des Philosophen.

Die Natter half mit ihrem Giftzahn aus.

Aus Stehen wurde Sitzen und dann Liegen –

am besten irgendwo, dort hinterm Ofen.

Dann heißt es freilich endlich: Aus die Maus.

Es ordinierte nämlich nicht Hippokrates.

Wir ahnten es, er wusste nichts: Freund Sokrates.

(2016)

Die Juristen

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Schau, dass du ihrer nie bedürftig werdest:

der Damen und Herren von der Jurisprudenz!

Selbst mit der Kraft des Bullen oder Pferdes –

du schaffst den Wagen nie mehr aus dem Dreck

rechtskundlicher Impertinenz!

Selbst hinten drin, im dunklen Paragraphen-After

sitzt der Jurist. Und was tut er?

Er gafft da.

Im Recht zu sein, das nützt selbst keinem Puristen

im Angesicht eine Horde wild gewordener Juristen.

(2016)

Die Lehrer

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Ob Trojas Fall, ob Kurvenschnitt,

ob Schisma oder Konjunktiv,

Bauchaufschwung, Mozart, Hindemith,

die Türme, welche grad und schief …,

ob Mittelhand, ob Känguru:

Sie quälen dich. Und müll’n dich zu

und gönnen keine kurze Rast.

Sie nennen’s Bildung, die Idioten;

im Grund ist es meist Hirn-Ballast.

Das Züchtigen hat man verboten.

Gottlob.

Die Dummheit blieb als Waffe ihnen.

Die Lehrer und die Lehrerinnen …

können auf ein Reimwort warten, bis sie schwarz werden.

(2016)

Die Generäle

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Als Kinder schon an Zinnsoldaten,

sodann an schwäch’ren Kandidaten

erprobt‘ sich ihr Sadismus früh.

(Gott mag vergeben. Sie indessen nie!)

 

Bis endlich sie in Uniformen

die andern quälen und enormen

Druck auf Leib und Seele üben. –

Ansonsten fischen sie im Trüben.

 

Am End‘ steht nur der General.

Der Rest musst‘ fallen. Wie genial …

(2016)

Die Architekten

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2ß16.

Sie halten sich allesamt für große Künstler,

die Architekten. Allesamt. Und sonders.

Dunkelmänner indes sind sie meist und Afterartisten.

Bestrafung? Sie in den Häusern wohnen zu lassen,

die sie selbst (für andere) entworfen haben.

(2016)

Der Beamte

Eine kleine Schmähung

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Verschanzt an seinem Schreibtisch,

hinter Akten und Paragraphen,

residiert der Beamte in seiner Inferiorität.

Würde er sich seiner eigentlichen Ohnmacht bewusst,

er verwandelte sich auf der Stelle in einen Ärmelschoner.

So aber – so kann er leicht den Starken markieren.

Und als fleißiger Paragraphenreiter

erklimmt er die mittlere Karriereleiter.

(2016)

*

Wir hatten unsre Zeit …

Ein elegisches Chanson

© by Bernd Schmidt, Graz 2014

Du denkst an früher? Grollst und zürnst mir noch?

Siehst nur, was traurig war und dunkel?

Denkst nicht an manchen Kuss? Ich liebt‘ dich doch …

Im kleinen Garten blühte die Ranunkel.

Die Weihnachtsmänner tanzten Ringelreihn. –

Dann gab es wieder manchen Zoff;

dann freilich wieder manchen Stoff,

sich dennoch klar am Leben zu erfreun.

Und wieder einmal war es wohl so weit …

Indes, wir hatten unsre Zeit …

*

Das Glas ist leer, die Stunde ist vorüber.

Der Schritt wird schwer, viel schwerer als zuvor.

Was früher hell war, wird mit einmal trüber,

was weiß war – grau, weil es den Glanz verlor.

Die Feste klirrn nur mehr von fern her,

Erinnerungen fetzen vor sich hin. Und schal

wirkt vieles, das einst schön war. – Ach egal.

Der Pudel friert sogar in seinem Kern sehr.

Doch wieder einmal ist es wohl so weit:

Jaja, wir hatten unsre Zeit.

(2014)

*

Die Intellektuelle

Chanson-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Kennen Sie den neuen Grass schon?

Tun Sie sich am Walser freu’n?

Finden Sie den Handke klass‘?! Schon?!

Lieben Sie vor all’m die Neu’n?

Keinen Sie den Weibel länger?

War der Rainer beim Kaffee?

Sind S‘ am End‘ ein Fuchs-Anhänger?!

Die Phantasten sind passee …!

Ich misch‘ mit bei jeder Vernissage.

Wo’s was Neues gibt, da bin ich auch gleich.

Nicht-In-Sein, das wär‘ eine Blamage.

Darum übe ich den Kunst-Gunst-Brauch gleich!

Früher war’n wir nur bei „Donauland“.

Heute kauft mein Mann mir Unikate.

Bilio-Philistern schüttle ich die Hand.

Lad‘ sie ein!“, so flüstert er, mein Gatte.

Was, Sie schätzen Friedrich Cerha?!

Und Boulez, den mögen S‘ nicht?!

Ah, im Fernseh’n schau’n Sie „Vera“?!

Geh’n S‘ mir, bitte, aus dem G’sicht!

Ja, der Doktor Ostbahn-Kurti,

der hat einen tollen Schmäh!

Doch in Salzburg fuchtig wurd‘ i …!

Weil ich nicht auf Kušej steh‘!

Ich red stets bei jeder Party mit.

Welches Thema? Ganz egal, ich red‘ halt …

Wichtig nur, dass man uns recht oft sieht!

Dass was in der Zeitung drinnen steht halt!

Was ich wirklich gerne lesen möcht‘?

Simmel, Waggerl und den Felix Salten …

Nur, um Himmels Willen!, nie mehr Bertolt Brecht!

In der Malerei? Die bunten Alten …

Uns’re Wohnung? Ein Inferno!

Dada, Op- und Pop-Kultur …

Dabei hab‘ ich Spitzweg gern no‘;

doch mein Man Mann der ist zu stur:

Was glaubst du, in meiner Stellung

brauchen wir Modernes halt!“

Und schon folgt sie , die Bestellung:

Modern Art“ – nur nicht zu alt!

Freilich, insgeheim ist er mein Freund:

Emil, unser Gartenzwerg aus Gießen …

Bitt‘ schön, was soll ich tun, wenn mein Gatte meint:

Kunst ist heute nix mehr zum Genießen!“?

Soll ich also meine Wände anstarren allein?

Soll ich gegen diesen Strom ein Solo-Schwimmer sein?

Ich mach‘ lieber weiterhin auf intellektuell!

Denn dann sehe ich die eig’nen Wände – nicht so schnell!

Mein Alter hält so furchtbar auf Image!

Drum Tschüss! Und Ciao! Bis morgen – bei der Vernissage!

(1990er Jahre)

*

Zwei Gedichte

© by Bernd Schmidt, Graz 2016

I. chance & stil

herzlich eingeladen

bist du

brust und nabel

sehsuchtsvoll erwartet

scham und arsch

bestbewährte seitenansicht

rundung

blickpunkt

chance und stil

nein:

bleib aus

warum soll ich mir dich antun

II. stille chance

gratuliere:

wieder so ein invalider

sag kind findest du

keine anderen

als solche

helfersyndrom

ich bin dann einmal weg

baba

(2011)

*

Die Katze von Père-Lachaise

Chanson-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Zwischen den Stein gewordenen Geschichten

leicht sie auf leisen Pfoten:

Die Katze von Père-Lachaise,

die Freundin der großen Toten.

Ihre putzigen Barthaare sträuben sich;

ihr blaugraues Fell glänzt

in der untergehenden Sonne.

Nur ein leises Schnurren

lässt eine halbverwelkte Sonnenblume erzittern,

die das Bild ergänzt.

Hier! Es raschelt – eine Maus!

Ein kleiner Tod schlägt zu …

Sie schleckt sich über ihr hübsches Schnäuzchen,

die Katze von Père-Lachaise.

Irgendwo ruft ein Käuzchen.

(1990er Jahre)

*

Die Abgehärtete

Chanson-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Du starrst vor dich hin,

oder blickst in dein Glas.

Du bist nicht rasiert.

Doch was kümmert dich das?

Die Asche am Boden,

die Zeitung dazu.

Dich schert’s einen Dreck,

und den Dreck, den machst Du.

(Refrain)

Wo, mein Lieber,

ja, wo sind sie geblieben,

die guten Manieren von früher …?

Glaubst du, mein Lieber,

es hat sie wer vertrieben?

Oder sind sie am Ende – tot?!

Du merkst nichts, o nein.

Nur ich merk‘, was ist faul

im Staat Dänemark …

Doch ich halt‘ ja mein Maul!

Du schluderst und schlenderst.

Du blickst nicht zurück.

Dir ist es egal.

War ich einst nicht dein Glück?

(Refrain)

Dein Kuss ist so leer.

Und dein Arm drückt mich nicht.

Liebst du mich einmal,

na, dann ist’s wie auch Pflicht.

Du bist, wenn du da bist,

so weit fprt von mir …

Und doch: Bist du weg,

dann sehn‘ ich mich nach dir …!

(Refrain)

So kehr‘ endlich um!

Denk ein wenig an mich!

Du bist zwar ein Schwein –

trotzdem liebe ich dich!

Vielleicht ist’s Gewohnheit,

dass ich dir verzeih‘ …

Hörst Du mir noch zu …?!

Ah – dir ist’s einerlei …

Wo, mein Lieber,

ja, wo sind sie geblieben,

die zarten Gefühle von früher?

Glaubst du, mein Lieber –

Ach, geh‘ doch zum Teufel!

(1980er Jahre)

*

Die Mutter

Chanson-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Als er fortging, mein Sohn, war er beinah noch grün …

Sein Vater war ohnedies zwei Jahre rst tot …

Er sagte: Ich kämpfe. Denn der Kampf der hat Sinn!

Und das Blut, ja, das Blut ist immer ganz rot!

Ich strich ihm einmal noch ganz leicht durch sein Haar.

Und er sah durchs Fenster. Dort sah er den Tod.

Und dann ging er weg. Als ob gar nichts war …

Und das Blut, ja, das Blut ist immer ganz rot.

(Refrain)

Der Krieg geht ins dreißigste Jahr.

Die Kugel ist immer noch scharf.

Der Krieg geht ins dreißigste Jahr.

Er fragt nicht darum, ob er darf.

Ja mein Sohn, der starb damals bei den Thermopylen.

Und auch in Cannae war er wieder tot …

Wann hör‘ ich auf, noch etwas zu fühlen?

Und das Blut, ja, das Blut ist immer ganz rot.

Bei Austerlitz fiel er und lag stumm im Staub da.

Und am Ho Dschi Minh-Pfad – verreckt, tot im Kot …

Ich schreie. Doch sie sind alle taub da …

Und das Blut, ja, das Blut ist immer ganz rot.

(Refrain)

Sie holten ihn weg. Nach Karthago. Zum Sterben.

Denn die Zeit sei wieder einmal ganz aus dem Lot.

Karthago lag endlich zur Gänze in Scherben,

Und das Blut, ja, das Blut ist immer ganz rot.

Morgen rufen sie wieder. Neue Ziele werden es sein.

Er fragt: Mutter, soll ich? Ich fürcht‘ nicht den Tod. –

Niemand hört jemals auf aller Mütter Nein!

Und das Blut, ja, das Blut ist immer ganz rot.

(Refrain)

Der Krieg geht ins dreißigste Jahr.

Die Herzen sind immer noch scharf.

Der Krieg geht ins dreißigste Jahr.

Fragt er uns niemals, ob er darf?!

(1980er Jahre)

*

Da Revolva

Böser Wienerlied-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

I wünsch ma zum Geburtstog an Revolva.

Des Loch in‘ Schädl moch i sölbst dazua …

A so a Krochn hat mei Freind, der Wolf, a.

Den Wolfe kenn i scho als klana Bua.

Scho damals ham mir zwa de meistn Sochn,

de ollagreßte Gaude gmacht am Grund …

Und dabei – des is gor net so zan Lochn -:

am End wor imma i der blede Hund!

Als Klana hamma Äpfel gstohln beim Berger,

der hot an klanen Gartn ghobt, durt drübn.

Da Wolfe sogt: Des mocht gaunz gwiss kan Ärga!

Nur i bin dann im Zaun drinn hänga bliebn …

Und in der Schul, bei unserm oltn Lehra,

da hamma manche Schnackn ghobt! No, kloar!

Und mitgmocht ham der Wolfe und no mehra. –

Nur i hob dafua länga braucht zwa Joahr!

Na, wia i später siebzehn Joahr bin gewesn,

da sagt der Wolf: Du, mit deina Figua,

da kennen mir zwa uns bestimmt gsundstessen! –

Und s Nein-Sagn liegt net in meiner Natur …

So bin i also auf- und abgezogen.

Sei Rechnung, die ging auf bis auf den Strich.

Er frali hot mi d gaunze Zeit betrogen.

Und Göld war nia gnua do für ihn und mich.

In unserm Haus die reiche Witwe Lehmann,

de hätt, sogt er, im Bett vasteckt vül Göld.

Des kunntn mir mit Leichtigkeit uns nehman.

Und dabei rennert wirkli gor nix gfölt.

I hob de olte Lehmann dann vergiftet.

Des Göld hot er, wia könnts a aunders sein?!

Daraufhin hot er rechtzeitig gestiftet …

Nur i bin vier Joahr gsessn, i allein.

Und wia i daunn herauskomm, fragt er, ob i

et wieda fir ihn laufen möcht wia eh …?!

Und wia i darauf na! sog, pockt er grob mi.

Seither, da rennt a nimmer mehr, da Schmäh!

Ich wünsch ma drum nix aunders ols a Krochn.

Mei Lem is eh scho auhne Sinn und Zweck.

Doch möcht i wenigst etwas Gutes mochn:

Den Wolfe knoll i ab. Daunn is er – weg …!

(1970er Jahre)

*

Die Zeit, an der Zeit zu sein

Chanson-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Die Wucht der Tage wird sich eines Tages

nicht mehr wichtig nehmen.

Und auch, wo man nichts weiß, sind

nicht nur Dörfer, dort in Böhmen.

Die Portugiesen selbst, die kommen

sich dann langsam spanisch vor.

Und alte Lehrer schlagen sich mit

Spanisch-Rohr-

(Und riechen dabei streng nach Irish-Moos.)

Dann ist bestimmt gar nichts mehr, wirklich nichts mehr los.

+

Die Welt wird nicht mehr mit Elan

aus Angeln kühn gehoben.

Leer bleiben Plätze, Bühnen, Klos

und sogar Garderoben.

Die Henker stricken woll’ne Socken,

denn beim Seile-Knüpfen,

da könnte ihnen – Gott verhüt‘ es! –

mancher Furz entschlüpfen.

Und überdies weht draußen Wind, Nord-Nord, West-West …

Der alte Käpt’n säuft vom Rum

den alleraller-letzten Rest.

+

Wenn einmal dann alles

nur mehr Vergangenheit ist;

wenn selbst das Vergessen

auf das Vergessen vergisst …

Wenn keine Linie mehr

zwischen Gestern und Morgen verschwimmt,

wenn kein Gedanke eines Wunsches Höhe erklimmt:

Dann ist es so weit.

Dann ist es Zeit.

(2015)

*

Sachtes Dahingehen

Ein weiteres Sonett

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Die Zeit hat längst ihn schon mit ganzer Kraft

am Bein gepackt, zerrt ihn in Grabes Mitte.

Hier hilft nicht Fluch, nicht Witz, nicht süße Bitte:

Verlangsamt fließt nur mehr der Lebenssaft.

 

Kaum einer, der da steht, voll Neugier gafft,

wollt‘ ihn zurück noch holen, alter Sitte

wie altem Brauch entsprechend, in die Hütte;

sodass er alte Kräfte wieder schafft.

 

Die neue Wohnung ist ihm lägst gemacht.

Und ist sie dunkel auch, sie wird wohl taugen;

wer tot ist, der bedarf nicht mehr der Augen …

 

So dämmert weiter er. Es wär‘ gelacht,

würd‘ er da noch an Lebensresten saugen …

Nein, nein! Die Lust darauf verließ ihn sacht.

(2016)

*

Weihnachten

Kleiner Gedicht-Zyklus

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

I

Die Zeit, sie stapft durch das Gefild.

Vom Wegrand grüßt’s Marienbild …

Vom Schnee schon schwer der Schneeschuh wird –

und auch’s Mari’nbild irritiert -,

weil wir auf Weihnacht hin zentriert …

Den Weihnachtsmann im Schotten-Kilt

zieht’s Rentier durch das Schneegefild …

II

Die Zeit ist schnell.

Der Baum scheint hell

von Kerzen und von Funkensprüh‘.

Die Orgel quetscht die Melodie

von Stiller, heil’ger Nacht

Da ist das Kind erwacht –

vor Hunger und vor wundem Arsch.

Der Schritt im Schnee, er knirscht so harsch …

III

Die Zeit vergeht selbst – mit der Zeit …

Der Weihnachtselch knirscht schon von weit;

von weit, vom Wald, da kommt er her,

und seine Hufe sind nicht leer:

Vom Weihnachtsmann birgt einen Gruß

der Schuh an seinem linken Fuß!

Und rechts ruht das Marienbild.

Die Hinterbeinchen swingen wild,

doch später schwingen sie dann leis‘.

Ach ja, der Schnee, der rieselt weiß.

So schließt sich dann der Weihnachtskreis …

*

( 2013)

Freuet Euch!

Chanson-Text von

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Weiß drückt die Zweige der Schnee.

Schemenhaft: Taube und Kräh‘.

Klirrend schafft Kälte den Hauch.

Freuet Euch. Ich freu‘ mich auch.

Ich bin der Letzte am Zug.

Ich blut‘ für fremden Betrug.

Ich hab‘ die Scheiße am Bein.

Doch, ja, so soll es auch sein!

Grün ragt‘ die Tanne empor,

früher, jetzt aus Ofens Rohr .

Kind plärrt und rotzt vor sich hin.

Oh, da hat Weihnacht erst Sinn.

Geld kostet Milch und auch Brot.

Billig ist nicht mal der Tod.

Mich fragt man nicht, was ich brauch‘.

Freuet Euch. Ich freu‘ mich auch.

Esel und Ochs und auch Schaf

hüten dem Kind seinen Schlaf.

So merkt es nicht meine Last.

Freut sich. Ich bin der Kontrast.

Leise rieselt der Schnee.

(2009)

*

lyrisches inter-gemetzel

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

met-amorph

komm, o herr, und sei kein g’frast

iss und trink brav

was du uns da verwandelt hast

ein wenig leichter wär das leben

tät es nicht nur dich nicht

sondern auch uns nicht geben

*

furzfreie zonen

(am amazonas zu singen)

um die altgedienten amazonen

zu belohnen

schuf penthesilea

furzfreie zonen

dort war zwar nichts anders

als anderswo

doch roch man nichts

das stimmte sie froh …

*

beim stelldichein

zum stelldichein

zum stelldichein

bring kuchen mit

und süßen wein

dann stellt sich auch

die liebe ein

beim stelldichein

beim stelldichein

*

kehr um

kehr um

wer immer du auch seist

kehr um

wer sich den kehricht

hat erkoren

ist verloren

kehr aus

kehr um

kehr ein

schnabel

(2014)

*

Lyrisches Gewusel

und schon wieder ein Sonett

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Im Heu liegt, herb verborgen, Magd auf Knecht.

Im Wollust zirkulier’n die Körpersäfte.

Kein Windhauch stört die Waltung ihrer Kräfte.

Er ist ihr – und auch sie ist ihm – ganz recht.

 

Die Stimmung stimmt. Zudem auch das Geschlecht.

(Sogar, wenn draußen Försters „Bello“ kläffte,

der, klein von Wuchs, den Riesen gerne äffte,

nie führ‘ er ernsthaft einem ans Gemächt!)

 

So treiben es die beiden schon seit Tagen.

Und tun auch gut daran, so wie sie’s tun.

Ganz so wie Ente, Gans und Hahn und Huhn

 

ist ihnen doch allhier nur kurze Frist

beschieden. – Drum macht weiter, ohne fragen;

weil unser Ende nicht zu ändern ist …

(2000er Jahre)

*

Ja, und dazu spielt, trara und trari,

die philharmonische Blasphemie!

  1. Ein böser Chanson-Text

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Hier lebt doch der Opa, der steinalte Mann,

den jeder für gut hundert Jahr’ halten kann?!“

So fragt der Beamte, der – Sachlichkeit pur! –

ansonsten im Rathaus sitzt, unfreundlich, stur.

Ja, einen Alten, den haben wir wohl,

der hockt in der Stube und sauft Alkohol.

Dann furzt er und lasst es drauf alsbald sein,

dann schimpft er und trinkt und schlaft wieder ein.“

So sagen die Hausleut’ und geben es kund. –

Der Alte ist also noch leidlich gesund?

Der Magistrat möchte nämlich ihn ehren!“

(Und solcher Art `s eig’ne Anseh’n vermehren …)

Die Feier, die schafft er, die macht er mit links.

Da wär’ nur noch a Kleinigkeit, allerdings:

Schaut auch was dabei `raus für den Opa … und uns?!“ –

Ein Orden, ein Geschenkkorb, sogar eine Guns!

Der Landrat wird sprechen, der Mädchenchor singt!

Der Hauspoet dichtet und tragt’s vor, unbedingt …

Ja, und dazu spielt, trara und trari,

die phi-i-lharmonische Bla-a-sphemie!”

Nur: Dem Opapa solle man davon noch nichts sagen

(`s wäre so üblich bei solch’ Ehrentagen),

damit sich der Jubilar nicht errege

bei dieser Form der Altenpflege.

Wenn es so weit ist, wird er’s erfahren.“

(Oder auch nicht. Dann kann man’s sich sparen.)

Wichtig noch, dass er in Schwarz gehalten.“

(Falls ihn der Schlag trifft – zum Begräbnisgestalten …)

Dann ist es soweit, und die Glocke erschallt:

Der Opa ist in der Tat hundert Jahr alt!

Er trinkt seine Viertel und hat seinen Fetzen

und kann sich am Mädchenchor optisch ergötzen.

Dann legt er sich schlafen, geehrt und auch voll;

und träumt gar vom Himmel – und vom Alkohol.

Ja, und dazu spielt, trara und trari,

die phi-i-lharmonische Bla-a-sphemie!

(2008)

*

am weiher

ein gedicht

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

am weiher

ziehen

duftige fährten die flinken libellen

einsam

und weil sie es können

wären sie hubschrauber

sie stänken furchtbar

(1980er Jahre)

*

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