Verhältnis-

m ä ß i g

Eine Erzählung über

vorgebliche Liebe,

Sehnsucht, Egoismus

und manchen Irrtum

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin

voll Willens an die Arbeit gegangen,

habe geblutet darüber, und die Welt

um keinen Pfenning reicher gemacht.

Friedrich Hölderlin, Hyperion oder

Der Eremit in Griechenland

*

Woher, dachte er, während er mit unermüdlichem

Testosteronblick die halbleere Frauengalerie

absuchte, wusste er eigentlich so viel über

Männer und – vor allem – Frauen?

Maxim Biller, Biografie

*

Sophie. Schön dumm

Mein Gott, war das ein Prachtweib! Sophie! Sophie Edelmann!

Ihre Brüste und ihr – Augenaufschlag! Und dann erst – der Arsch!

Freilich, sie war eine Nutte. Aber was für eine: eine Edelnutte. Zu gut für jedes Bordell. Ein Fickstar, aber auch, sozusagen, mit menschlichen Qualitäten ausgestattet. Ja, ein wenig zumindest. Grundsätzlich aber berechnend. (Wie man sich das nur so vorstellen kann.)

Der unbestrittene Mittelpunkt zudem des hochpreisigen Eros-Center namens Der Tempel, der diesbezüglich eindeutig ersten Adresse in der Stadt.

Ja, wir sagten es schon: Sophie war ein Prachtweib! Dabei durchaus kameradschaftlich eingestellt und in Maßen beliebt sogar bei den anderen Weibern, die längst nicht so prächtig waren und sich nicht einmal ansatzweise ihrer Beliebtheit erfreuen konnten.

Grundsätzlich allerdings war sie freilich, wir wiesen schon darauf hin, berechnend.

Sonst eher ungebildet. Aber berechnend bis zum Geht-nicht-mehr.


Jetzt war Sophie auch schon an die zehn Jahre im Geschäft, und der 30er näherte sich ihr mit festem Schritt. (Wäre sie sensibel genug gewesen, so hätte sie sogar den Schatten, den dieses verflixte Jahrzehnt besonders auf ein weibliches Leben wirft, mahnend im Rücken gespürt …) Die schöne Sophie hatte außerdem bereits drei Zuhälter überlebt (zwei hatten sich gegenseitig ausgeschaltet; der letzte war, eher profan, Opfer eines Verkehrsunfalls geworden). Und die schöne Sophie dachte, im Grunde genommen, wohl auch längst schon ans Aufhören. Und: An Sicherheit. Ans Versorgt-Sein. Ans Anlehnen an eine männliche Brust. Freilich, an eine, die von einem entsprechend dicken Portemonnaie ausgepolstert war …

Nun, sogar dieser unsch-Typ schien ihr vor einigen Wochen gleichsam über den Weg gelaufen zu sein. Und er machte ihr ziemlich eindeutige Avancen, sie gern unter seine Fittiche – allerdings, wohlgemerkt: ausschließlich unter seine Fittiche – nehmen zu wollen. Ohne andere Bumsereien also und ähnliches. Da kannte der sonst so charmante und stinkreiche Gunhold Hyperion keinen Pardon. (So großzügig und splendid der Milliardär auch sonst im Allgemeinen auftreten mochte: Darin war er ein Mann der ganz alten Schule, und die Eifersucht konnte, sozusagen, als seine Zwillingsschwester gelten …)

Hyperion hatte mit Friedrich Hölderlins Helden zwar nichts am Hut, galt indes als durchaus gebildet; entstammte er doch immerhin einer alten Familie aus dem Baltikum. Der hoffnungsvolle Geschäftsmann war bald schon, nachdem der Kommunismus sich selbst den Garaus gemacht hatte und auch die (insgesamt wenig ruhmreiche) Sowjetunion Geschichte war, auf eine Weise zu seinem sagenhaften Vermögen gekommen, die wir lieber erst gar nicht zu durchleuchten versuchen sollten. (Es ging um recht komplexe Schweinereien, global, international, auch mit Waffen, Frauen und Drogen und unter Einbeziehung diverser Off-Shore-Firmen, der globalen Börsen et cetera. Ach ja, und einige von denen, die doch nachgeforscht hatten, was es mit Hyperions legendärem Reichtum tatsächlich auf sich haben könnte, waren einfach von der Bildfläche verschwunden. Also zähmen wir lieber unsere Neugier … Vielleicht erzählt er bei Gelegenheit einmal selbst etwas von sich. Wir werden sehen.)

Jetzt, wo er Mitte der Sechzig war, wollte sich Hyperion bald einmal aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Zwar nicht, um den Rest seines Lebens seine Hände in Unschuld zu waschen (wofür das anzunehmende Spatium ohne Zweifel nicht ausgereicht hätte), sondern vielmehr, um in Luxus, in Genuss und in schöner Umgebung – er dachte da an Tirol, an die Schweiz, vielleicht auch an die Côte d’Azur oder die Karibik – seinen Lebensabend zu genießen. Mit einem Prachtweib an seiner Seite, versteht sich. Und in Prunk und Protzerei.

Und da schien ihm die schöne, aber hochgradig oberflächliche und sogar ziemlich dumme Sophie nachgerade die Richtige zu sein, die Rolle der Frau an seiner Seite (und in seinem Bett, solange das noch von Bedeutung sein würde) zu spielen. (Er hatte nämlich bereits dort und da Ausschau gehalten nach einer einigermaßen passenden Partnerin, war jedoch fast immer sehr rasch enttäuscht worden: Die wirklich intelligenten oder gar intellektuellen Frauen strengten auf Dauer an – gescheit war er immerhin selbst. Und die ganz dummen konnten auch mühsam werden, mit der Zeit. Sophie passte da: Zwar war sie dumm, aber sehr schön, anspruchsvoll und unkompliziert, wenn sie alles bekam, was sie sich gerade wünschte. Das kam der besonderen Art von Empathie und Altruismus entgegen, die von Hyperion gepflegt wurde.)

Es ließ sich auch alles gut an. Bereitwillig unterschrieb (schreiben konnte sie zur Not ja) die junge Frau jede Erklärung des Einverständnisses und jeden Vertrag, kurz: jedes Schriftstück, das er ihr – vorsichtshalber – unter die hübsche Nase hielt. (Erstaunlich, womit manche Menschen sich einverstanden erklären, obwohl sie so gut wie nichts davon verstanden haben, worum es sich dabei handeln könnte …)

Jetzt stand die Feier von Sophies Geburtstag bevor, den Gundolf Hyperion als ein rauschendes Maskenfest auszurichten gedachte. Venezianisch, brasilianisch, afro-dingsda …, Hauptsache: exotisch, teuer, Alkohl-reich und aufregend! Und natürlich unter Einbeziehung der sogenannten High Society der Stadt; wobei seine diversen internationalen Geschäftspartner und Freunde aus den diversen halbseidenen Imperien, etwa aus der Waffen-, Drogen- und Börsen-Lobby, die hiesige (vergleichsweise lendenlahme) Gesellschaft nach Kräften verstärken würden. Kurz und gut: Hyperions Intimus, der Inhaber des Hauses, ein gewisser Alfred Lourdes, war schon seit Wochen beschäftigt, entsprechende Pläne für einen delikaten Event auszuarbeiten, für ein Fest, von dem die Leute noch Jahre danach sprechen sollten; egal, ob sie eingeladen waren oder nicht. (Geld spielte natürlich keine Rolle. Und je ausgefallener die Ideen, desto besser!)

Ein zusätzlicher Gedanke dahinter war – neben der Freude, die der in Maßen stilvolle Balte seiner Bettgenossin damit machen wollte -, von ein paar Coups abzulenken, die just zur selben Zeit über die Bühne gehen sollten. Während also der großzügige Hyperion die Honoratioren der Kommune (vom Bürgermeister abwärts) im Nobel-Bordell bewirtete, würden sich in den wichtigsten Banken der Stadt und des Landes, dazu auch der Bundeshauptstadt und noch einiger europäischer Geld-Hotspots erstaunliche Dinge tun. Da dies alles Computer-gesteuert war, vermöchte man die Aktionen erst an ihren Folgen abzulesen. Einen Zusammenhang herzustellen mit ihm, Gundolf Hyperion, wäre zudem so gut wie unmöglich. (Nun ja, unmöglich ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen …)

Aber: Was geschah in der Zwischenzeit mit Sophie, vor der die Vorbereitungen, so weit das möglich war, geheim gehalten wurden? Die in gewisser Weise total abgeschottet war und isoliert? Denn seit es ruchbar geworden war im Tempel, dass sie bald schon mit ihrem baltischen Goldstück das Weite würde suchen (und finden), waren die anderen Huren sukzessive etwas auf Distanz zu ihr gegangen. (Der Neid ist ein Teufel!)

Ansonsten führte Sophie ihr gewohntes Leben weiter – mit der entscheidenden Änderung, dass die vielen Besuche der verschiedenen männlichen Kunden, ihrer sexgeilen Klienten, ausblieben; war ihr der Umgang mit diesen Herren doch per Vertrag verboten worden. Das einzige Fick-Recht hatte, wie schon dargetan, Gunhold Hyperion erworben, der ihr eine entsprechend üppige Apanage zahlte und, wenn immer es dem Mittsechziger, Viagra-unterstützt und auch sonst noch entsprechend aufgeputscht, danach war, auf die Einhaltung der diesbezüglichen Paragraphen des ziemlich verklausulierten Vertragswerks pochte.

Grosso Modo ging es Sophie Edelmann gut, und sie hätte kaum klagen können. Nur bei den Bonbons und Pralinen, die sie sich (ansonsten eher zur Untätigkeit verdammt) mit entsprechenden Mengen Champagners zum Fernsehprogramm vergönnte, musste sie sich im eigenen Interesse bald schon ein wenig einbremsen: Die Waage zeigte unerbittlich einen immerhin leicht beängstigenden Anstieg an Kilos … (Wenngleich Gundolf Hyperion bei jeder sexuellen Gelegenheit betonte, ihre weiblichen Formen über alles zu schätzen. Dabei klang freilich durch, dass er naturgemäß an keinerlei allzu barockem Überschwang und an allzu auffälliger Üppigkeit interessiert sei.)

Freilich, auch wenn Sophie nicht eben zu den Gescheitesten gehörte, wurde selbst ihr bald einmal klar, sich in einem goldenen Käfig zu befinden. (Doch war ihr dieser Kerker allemal lieber als das andauernde Gevögel, Geblase und und Geschlecke, das Herumtun mit Hinz und Kunz, das – auch wenn der Tempel ein relativ edler Puff war – immerhin mitunter auch seine Beschwernisse zeitigte. Neigten manche Herren doch unleugbar zu diversen Ausschweifungen, wenn sie zu viel des Alkohols intus hatten – oder zu wenig. Und manche waren sogar mitunter gewalttätig geworden, worauf Sophie regelmäßig ihre Zuhälter, später den Chef des Hauses alarmiert hatte.)

Alles fieberte also dem Geburtstag der Nobelhure Sophie Edelmann entgegen. Außer dem Geburtstagskind, das vom Getuschel und Geraschel um sich herum ohnedies nichts wahrnahm. (Oder zumindest, um Hyperion die kindliche Freude nicht zu verderben, so tat, als ob …)

Das war auch zu Weihnachten immer so gewesen und auch sonst, als Klein-Sophie noch in der ärmlichen Wohnung ihrer alleinerziehenden Mutter hockte und die diversen Onkels kommen und gehen sah. Immerhin, der brutale Vater, ständig besoffen und insgesamt ein asoziales Individuum, saß die meiste Zeit im Gefängnis. Was Mutter, die jüngere Schwester Adelheid und sie durchaus als Wohltat empfanden.

Dass sie die Männer bald auch schon zu begrapschen begannen, war ihr in trauriger Erinnerung. Einer von Mutters Liebhabern, ein gewisser Sepp, vergewaltigte Sophie dann, als sie gerade mal dreizehn war. Dieses einschneidende Erlebnis würde sie nie mehr vergessen. Ob es nun ihre spätere Karriere auslöste und zumindest mitbestimmte oder nicht – darüber soll hier nicht debattiert werden.

Übrigens: Sepp erstach in der Folge dann die in vielerlei Hinsicht hilflose und unbedarfte Mutter, da sie den Vorfall, dessen Zeugin sie, spät heimkommend, gerade noch geworden war, der Polizei melden wollte. Sophie konnte noch rechtzeitig entfliehen, mit ihrem Schwesterchen Adelheid an der Hand. Der Vergewaltiger, der zum Mörder geworden war, wählte den Freitod mittels Sprunges aus dem Fenster im fünften Stock.

Alles das war scheußlich. Und es brannte sich, wie es so bildhaft heißt, in die kindliche Seele des Mädchens unauslöschlich ein. Unauslöschlich.

Aber sonst fühlte sich Sophie pudelwohl.

Gundolf. Mehrschichtig

Hyperion. Gundolf Hyperion. Redete er mit uns (etwa so, wie wir gerade miteinander parlieren …), oder hielte er uns einen seiner gefürchteten Monologe – darin sind sie sich nämlich einig, die kleinen und die großen Diktatoren, Chefs und Führer, im Monologisieren! Weshalb es vermutlich auch so wenige stumme Tyrannen gibt -, also, es klänge etwa so:

Jeder bastelt an seinem Mythos, meine geschätzten Herrschaften! Jeder, der ein wenig auf sich hält, macht das. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede! Wie alles gekommen ist, bis es so weit gekommen ist …, das passt besser in ein Heldenepos, in eine Saga oder in ein Lied als in stinknormale Prosa, wie – verzeihen Sie bitte! – Sie und Sie und Sie sie verzapfen.

Denn beinahe jeder Mensch lauscht gerne hübschen Geschichten und lässt vor sich skurrile Sagen und bizarre Anekdoten auftürmen zu mittel-obskuren Ereignispyramiden. Münchhausen mag sich da ruhig mit Pinocchio kreuzen, mit der nordkoreanischen Einheitszeitung. Und mit Donald Trump. (Wirklich: Die Botschaften mögen noch so erstunken und erlogen sein wie abgestandene Furze oder billiges Jägerlatein.)

Der Heranzucht von Anekdoten, Herrschaften, der Geschichten und Histörchen also, die eine halbwegs gelöste Stimmung fördern sollen, kommen naturgemäß Informationen (oder gut platzierte Lügen) zugute, die durchaus populär, nicht zu fein-gestrickt und vor allem: Massen-tauglich aufbereitet sind. (Seitenblick, kurzes Innehalten.) Ich habe da meine Erfahrungen …

Und: In diesen weitgehend harmlosen (indes mitunter sogar ein wenig anrüchigen, pikanten und pointierten) Schwafeleien dürfen auch kleine Missgeschicke nicht fehlen, echte und erfundene, die mich, Gundolf Hyperion, dieses – da sieht man es wieder einmal! – doch irgendwie durchaus menschliche Exemplar der ansonsten keinesfalls besonders raren Massen-Spezies ein wenig als einen wie du und du (oder Sie und Sie) präsentieren.

Das soll dem ganzen, ansonsten eher faden Teig alltäglicher Mitteilungen, die über mich in die Öffentlichkeit dringen, nun einmal das nötige Quäntchen Pseudo-Menschlichkeit verpassen, ohne das man das heraus-gebackene Endprodukt angeblich nicht genießen könnte. Weil zu breit, zu fett, zu geil, zu bröselig.

Da klingt dann, durchaus menschelnd, wie gesagt, immer wieder an, durch welche engen Hintertüren und Rattenlöcher ich, Gundolf Hyperion, der nachmalige großartige Herrscher (oder Geschäftsmann und Boss) sich aus obskuren Lokalen, schmutzigen Klosett-Anlagen und schmuddeligen Wäschekammern mich habe stehlen müssen am Beginn meiner Karriere!

Und dann ist der Koffer endlich halbwegs in Sicherheit, in dem sich die wegweisende wissenschaftliche Arbeit oder das epochale Theorem Zur Ausrottung der globalen Armut befindet, auf gut 1200 Seiten. Eine Sensation!

Doch ich schenke die eben erst ersteigerte, erpokerte oder sonst wie ergaunerte, summa summarum: so überaus wertvolle Erkenntnis einfach her (warum auch immer); noch dazu irgendeiner Frau Prof. Anastasia Romanow-Wringstjew, deren unter mysteriösen Umständen verschwundener Mann tatsächlich, wie sie recht glaubhaft (und unter Tränen) zu schildern weiß, in dieselbe Richtung, forschend und denkend, tätig gewesen sei durch viele Jahrzehnte; ähnlich also wie der Ghostwriter des besagten Referats (das der Einfachheit wegen in der Zwischenzeit bereits meinen Namen trägt). ,Ja, das wissen wirklich nur Gott, Marx und Engels – und vielleicht noch der Heilige Vater (irgendeiner)!“, seufzt die – mit Nachsicht aller Taxen – noch einigermaßen passabel erhaltene Anastasia, gehüllt lediglich ihn ihren (ein wenig brüchigen) slawischen Mezzo. ,Mein Mann Leo forschte doch unermüdlich, Tag und Nacht! Und er kehrte dabei das Unterste zu oberst … Bis ihn schließlich irgend ein Geheimdienst aus dem Verkehr gezogen hat. (Schluchz!)‘

Doch besagter Prof. Leo Wringstjew, davon sind alle überzeugt (außer seiner Witwe Anastasia Romanow-Wringstjew vielleicht), hatte das 1200-Seiten-Konvolut, wenn es sich dabei überhaupt um seines gehandelt hatte (denn die ominöse Sache verfügt über mehr als nur eine Ungereimtheit, ebenfalls geklaut.

Nun, die Frage: Wozu habe ich dann mit der alten Tante Anastasia geschlafen, mit der letztlich ja doch ziemlich runzeligen? Sie ist noch die am wenigstens drängende. (Na, egal. Kollateralschaden. So was kommt eben vor.) Es geht vielmehr darum, beschissen worden zu sein.

Und die Armen erscheinen einem, allein schon der gigantischen Spesen wegen, die da zusammengekommen sind, sofort wieder als weit weniger sympathisch als noch kurz zuvor. (Da liegt die eigentliche Tragik verborgen. (Ich höre direkt den tremolierenden Mezzosopran der Professorenwitwe Romanow-Wringstjew. Und das ist unangenehm genug.)

Endlich – ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, Blut und Schmiergeld sind geflossen en masse –, dann ist die ominöse Schrift Zur Ausrottung der globalen Armut wieder da: im Vatikan. Und der will sie, verständlicherweise auch nur widerwillig hergeben (und unter wüsten Verwünschungen und diversen Bannflüchen). Außerdem heißt sie nunmehr: Zur globalen Ausrottung der Armen

Doch retour zu den mich sonst noch betreffenden Anekdoten. Denn während die einen Kommentatoren meine – nicht selten überschießende – Generosität loben, wissen andere wiederum in erster Linie von geilen Weibergeschichten zu berichten und von ekeligen Dingen; von Mord und Totschlag. Oder von politischen Exzessen. Von Gemetzeln (angezettelt von irgendwelchen Minderheiten-Vertretern) sogar, die nun zwischen extremen Rechten und Linken toben, zwischen Idioten allemal (weil Extremisten immer Idioten sind – egal, ob Faschisten, Nationalisten, Monarchisten oder Demokraten …).

Oder man wärmt zum x-ten Mal die – zugegeben – halbwegs unsauberen Sachen in Zusammenhang mit meiner Spiel-, Alkohol- und Drogensucht auf. Aber: Nobody is perfect, Herrschaften. Und das Straucheln lässt einen doch erst die Errungenschaft des aufrechten Ganges so richtig schätzen und lieben, nicht wahr?!

Und, weil es so hübsch klingt, wieder Mord und Totschlag, nur diesmal aus etwas anderen (womöglich noch niedrigeren) Motiven heraus … Herrgott, noch mal!

Armut. Endlich, nach langwierigem Hin-und-Her sowie nach Absolvierung der nervtötenden Verhandlungen mit dem Vatikan hätte man nun tatsächlich an die Realisierung des Projekts gehen und sich an die Verwirklichung der ökonomischen Theorien zur Bannung der Weltarmut machen können! (Das ominöse Manuskript war nun mehr sicher in meinen Händen…)

Da stellt sich uns ein neues, schier unüberwindbares Hindernis in den Weg: Die sogenannten Großmächte (in Wahrheit: die Weltwirtschaft samt Waffenindustrie, der internationale Börsenverbund und die globale Immobilien-Hydra). Sie waren auf einmal an der Beseitigung der Armut in der Welt aber schon so was von nicht mehr interessiert!

Warum? Weil man, erstens, auch mit Hungerleidern immer noch florierenden Handel treiben und lukrative Geschäfte machen kann; weil man, zweitens, auch die vielzitierten Ärmsten der Armen finanztechnisch allemal noch über den Tisch zu ziehen in der Lage ist; und weil man, drittens, endlich überhaupt zwei Drittel Afrikas als billiges Bauland auszunützen beschloss.

Mein (gestohlenes, verschenktes, wie auch immer: abhanden gekommenes und wieder aufgetauchtes) Geheimkonzept zur Ausrottung der globalen Armut ist damit obsolet geworden – so oder so. Gestorben. Dahin. Pfutsch. Am Arsch.

Nur ich bin, quasi im Gegenzug dazu: reich! Reicher, reicher als reich! (Dafür haben diverse Freunde mit ihren nie versiegenden finanziellen Quellen gesorgt. Danke dafür!)

Ja, da machen sich dann die diversen, entsprechend auffrisierten Anekdötchen besonders gut, ohne Frage. Die Mutation des mittelbegabten Burschen zur Zeit der Kommunismus-Dämmerung, dieses Niemands aus einem Dorf hinter Vilnius (oder Riga), des baltischen Parzivals oder lettischen (wahlweise auch:) litauischen Peer Gynt … Ja, ja.

So etwas wirkt tausendmal besser (und überzeugender) als die Wahrheit: vom abgeschlossenen Wirtschaftsstudium in Oxford oder ähnlicher Bildungskram, der höchstens ein paar Neider hinter der bequemen Ofenbank hervorlockt. Wenn überhaupt.

Und die Armen? Die sind – wie es sich immer schon und immer wieder in der Menschheitsgeschichte abgespielt hat – einmal mehr die Beschissenen. Aber, das sind sie ja gewohnt.

Freilich: Theoretisch sähe unter bestimmten Umständen in der Tat alles ganz anders aus. (Doch hat der Alltag, wie ich ihn erlebe, auch seinen Reiz – zwischen Drogengeschäften, Waffen- und Mädchenhandel sowie Auftragsmorden, die ich so nebenbei erledigen lasse von meinen Spezialisten, und politischen Umschwüngen, mit ein wenig Industriespionage und Internet-Schweinereien … O ja! Und mit einem Imperium, das ausschließlich auf meine Befehle hört und sie widerspruchslos ausführt.)

Ich fühle mich dabei ganz o. k.! Danke der Nachfrage.“

Auf einen entsprechenden Locklaut Sophies reagierend und nach hinten rufend: „Ja, Sophie-Schatz, ich komme schon!“ (Der alerte Mittsechziger wirft sich seinen gewohnten Aufputsch-Cocktail ein und lächelt maliziös in den Spiegel des mit Carrara-Marmor verfliesten, riesigen Badezimmers.)

Bin ja schon da …“

Dann gab es allerdings auch noch den, nun, sagen wir: anderen Gundolf Hyperion, den privaten, den intimen, den verletzlichen. Dieser Gundolf bestand vorwiegend aus mittelschweren Phobien und Ängsten, war Hypochonder und Neurotiker erster Güte. Zum Exempel: Der gewiegte Frauenfreund und durchaus passable Liebhaber fürchtete sich (auch wenn er das stets, peinlichst bemüht, zu verbergen trachtete) vor enthaarten Mösen. Seine diesbezügliche Furcht verfügte vermutlich durchaus über Psychosen-Potenzial. Das hätte ihm wahrscheinlich sogar sein (im Übrigen leider nicht besonders bewanderter) Psychotherapeut attestiert; freilich nur, wenn er ihm davon zu berichten in der Lage gewesen wäre. Doch da sträubte sich an Hyperion quasi jedes Schamhaar.

Diese Enthaarte-Fotzen-Angst, wie er das Phänomen für und vor sich selbst wenig dezent zu benennen pflegte, hätte sensibleren Naturen, als er eine war, fraglos den ganzen Sex vermiesen können. Doch da half ihm wiederum seine Robustheit (ein innerfamiliäres Erbe, eine genetische, weitestgehende Unverwundbarkeit). So mutierte die Phobie vor enthaarten Vulven zumindest nicht in den Rang eines echten Traumas. (So ein Glück auch!)

Aber beschissen war die Sache dennoch.

Tatsache war, dass seine Sexualität solcherart nicht völlig konfliktfrei und friktionslos (sic!) funktionierte und ablief. Da mochte sich ihm sogar mancher Schoß wie ein wahre Urwald offerieren, üppigst angelegt zwischen den Schenkeln der zu Besteigenden.

Da war nämlich auch noch die Sache mit einem seiner Eier, das beim Vögeln in schöner Regelmäßigkeit plötzlich irgendwo in der Leistengegend (oder gar in den unergründlichen Weiten der Bauchhöhle?) verschwand. Dieses temporäre Abhandenkommen des einen seiner Hoden vermittelte ihm den schaurigen Eindruck, irgendwelche Kräfte, ja: irgendwelche Mächte hätten sich, total feindselig sowie einzig und allein auf die Vernichtung seiner sexuellen Lust abzielend, gegen ihn und sein Fick-Vergnügen verschworen …!

Seine Orgasmen obsiegten zwar schließlich jedes Mal, und auch die an der sexuellen Operation beteiligten Damen versicherten ihn ihrerseits (wenn man überhaupt darüber sprach) des gehabten Vergnügens. Doch irgendwie überschattete, ja: minderte der verflixte Wanderhoden letzten Endes doch sein Vergnügen am Sex immer wieder nicht unerheblich. Und Gundolf Hyperion sah darin, wenn er darüber nachdachte (was indes eher selten vorkam), erneut einen – zugegeben: nicht leicht zu erklärenden – Zusammenhang mit den enthaarten Mösen.

Vielleicht verbarg sich dahinter auch bloß die instinktive Aversion, mit einem Kind, mit einem Mädchen, zu vögeln? (Denn so etwas konnte – und wollte – er sich nun einmal einfach nicht vorstellen. Nein!)

Kelvin. Vergebens

Die Vorbereitungen des großen Geburtstagsfestes für die Edelhure Sophie (diesen bumstechnischen und überhaupt: sexuellen Fixstern am Firmament des Erotik-Himmels namens Der Tempel), die Präliminarien zur Riesen-Fete also, die ihr generöser Geliebter Gundolf Hyperion da aus Anlass just ihres 30ers auszurichten sich vorgenommen hatte in ganz großem Stil, sie tangierten so gut wie alle Mitarbeiter des Hauses. Vom Geschäftsführer, dem zwielichtigen Alfred Lourdes, abwärts über Hyperions Bodyguards und Chauffeure, über die Kellner, Köche sowie die Servierkräfte, die Garderobieren und Klofrauen bis zu den Hilfskräften wie Kartoffelschäler, Gemüseschnippler und Tellerwäscher.

Ja, die Tellerwäscher. Freilich, nicht jeder von ihnen wurde bei jedem Teller, den er – wohl oder übel – wusch, auch gleich eines Dé-jà-vu-Erlebnisses teilhaftig; oder fühlte sich bei seiner enervierenden Tätigkeit als reine (sic!) Reinkarnation eines weitestgehend biologisch abbaubaren Waschmittels. Wie sich auch nicht jeder Schuhputzer oder Stiefelknecht (als es sie noch gab) als siegreiche Sohle und als tapferer Schutzpanzer, gewölbt über eine zarte Achilles-Ferse, empfinden durfte. (Und nicht jede daher-gepustete Seifenblase sollte sich für das ganze All halten!)

Nein, solche Anmaßungshoffnungen führten, besonders im Tellerwäscherfall, in aller Regel zu nichts. Und mancher porzellanene Untersatz zerbarst weniger aus Ungeschicklichkeit der Hände als wegen der Hoffart und des unbändigen Wunsches nach Höherem. (Etwa – eine Sauciere zu sein …)

Ach ja, einer stand, während rundum ziemlich hektisch schon die Vorbereitungen getroffen wurden für die venezianische Maskennacht mit brasilianisch-exotischen Einsprengseln, für die Fete zu Ehren Sophies, für diesen geschmacklos-prunkvollen Mega-Event also der verschiedenartigsten Übertriebenheiten und Übertreibungen sowie des (hauptsächlich) teuren Sich-in-Szene-Setzens des sozialen Mittelmaßes mit dem überquellenden Portemonnaie …, ja, einer stand da eher unbemerkt am Rand: der blässliche Aushilfskellner Kelvin Lachsbraun.

Kelvin entsprach in allem, was man sich nur einfallen lassen möchte, dem Klischee des Kaum-Vorhandenen. Ein dauernd Übersehener. Ein Überflüssiger. Oder ein Staubkorn. Im flüssigen also wie im trockenen Zustand also uninteressant. Hätte er als ganz junger Mensch Zugang zu Medikamenten gehabt, wäre er mit 20 schon vermutlich als ein langsam und motorisch defektes Valium durchs indifferente Leben gestackst. Doch er verfügte über keinen solchen Zugang. Er kannte überhaupt keine Zugänge. Er hatte – niemanden.

Kelvin war eine arme vereinsamte Sau. (Sogar wenn er onanierte, schämte er sich darüber, mit sich selbst – und mit seiner Lust – allein zu sein … Drum ließ er es auch bald ganz bleiben. Und dann vereinsamte er noch mehr. Bis er sich dann just in die Edelnutte Sophie verliebte. Aber – war es denn tatsächlich unumgänglich notwendig, dass er ausgerechnet in einem Nobelpuff zu arbeiten hatte? – Ja!)

Ich weiß: Kelvin Lachsbraun muss, allein schon aus erzähltechnischen Gründen mickrig wirken; blass eben und womöglich sogar pickelig, am besten noch: rothaarig, unscheinbar, ein Nichts … Damit das in ihm lodernde Liebesfeuer für sie, für Sophie, umso kontrastreicher wirken möge! Ihm käme, das ist uns klar, – rein äußerlich und von seinem Erscheinungsbild her – auch weiters kaum besondere Bedeutung zu, sollte er für den weiteren Verlauf dieser unserer Geschichte dann nicht doch noch recht wichtig werden. (Doch das wissen wir noch nicht. Vielleicht bedürfen wir seiner dann auch gar nicht mehr?! Egal. Jetzt ist er – kurz oder lang – nun einmal hier.

Wenn auch nur quasi wie eine Sternschnuppe. (Aber nicht erst seit Andy Warhols diesbezüglichem Diktum gebühren nun einmal jedem Menschen seine fünfzehn Minuten des Ruhms; ob er sie tatsächlich verdient oder nicht …)

Kelvin also sieht dieses ganze Getue – und er freut sich auch, gelten die Präliminarien ja immerhin seiner Angebeteten! So trägt er denn auch Gläser und schlichtet Champagner-Flaschen, schleppt Accessoires für die Bar und Utensilien für die Küche, wie es seine Kolleginnen und Kollegen alle tun. (Mit einer gewissen Freude sogar, darf man sich anlässlich solcher Großereignisse immerhin neben der Mehrarbeit auch saftige Trinkgelder erwarten!)

Doch sein Herz will es schier zerreißen.

Aber – was soll er tun? Noch dazu, da ihn die Angebetete praktisch gar nicht zur Kenntnis nimmt? Von seinem Vorhandensein vermutlich gar nichts weiß? Soll er sich ihr unter diesen widrigen Umständen überhaupt offenbaren? Und welchen Sinn hätte das?

Sophie würde ihn, den Nemos, den Niemand, den Hilfskellner Kelvin Lachsbraun, den Hilfsniemand, vermutlich auslachen – wenn sie ihn überhaupt zum Lachen genug ernst nähme …

Was soll er tun? Soll er den alten Hyperion umbringen? Ja, aber – wie?! Und was wäre damit tatsächlich gewonnen? (Außerdem glaubt sich Kelvin nicht geboren für einen Mord. Auch wenn es, so viel ist sogar ihm klar, nicht gerade einen Unschuldigen träfe … Gundolf Hyperions halbwegs beschissener Ruf ist immerhin auch schon bis zum Hilfskellner Lachsbraun nach hinten gedrungen; wie auch das Wissen um seinen sagenhaften Reichtum und den damit verbundenen enormen Einfluss, den Hyperion allenthalben auszuüben imstande ist …)

Soll er, Kelvin, Sophie entführen? Nein. Dazu müsste wohl oder übel auch sie ihn lieben. Und davon kann leider keine Rede sein. Sie kennt ihn vermutlich gar nicht, hat bisher immer über ihn hinweg gesehen, wenn sie überhaupt mit ihm zusammengekommen sein sollte. (Denn die Edelnutten haben im Allgemeinen mit den Hilfskellnern nicht allzu viel zu tun.)

Oder – reichlich kühn wäre das allemal – soll er sie umbringen und damit das Problem radikal lösen und quasi aus der Welt schaffen? Nein. Kelvin Lachsbraun ist kein Revolutionär. Und zudem kein Tatmensch. Und Blut kann er überhaupt keines sehen …

Er könnte den Tempel niederbrennen und Sophie aus den Flammen retten! Das

wäre zutiefst romantisch … Nein. Dazu fehlt es ihm wiederum an technischer Gewandtheit – und an Schneid. Überhaupt – vor Feuer hat er fast so viel Angst wie vor Blut. Oder Wasser.

Ja, verdammt, Kelvin ist ein Hosenscheißer!

Was aber soll er tun? (Denn irgendetwas muss er tun!)

Zunächst bleibt ihm nichts anders übrig, als abzuwarten. Abzuwarten. (Wenigstens zu onanieren beginnt er wieder …)

Mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

Übrigens hat lägst schon die Security Gundolf Hyperions den linkischen Hilfskellner im Visier. Routinemäßig. So wie alle, die zum Puff gehören – vom angeblichen Geschäftsführer und Boss Alfred Lourdes (in Wahrheit ist er ohnedies bloß ein Strohmann Hyperions), bis zu den Huren, Gogo-Girls und Kellnern, den Garderobieren, Küchenhilfen und Köchen, den Bardamen und Keepern, den Portiers und Chauffeuren et cetera. Und die Crew rund um Sicherheitschef Jochen Krautschke weiß (zum Unterschied zu Kelvin Lachsbraun), was zu tun ist.

Das Fest. Die Armen

Der Tag kroch mühsam genug aus den Federn. Und die schöne Sophie machte es ihm durchaus stilvoll nach. Ihr hübscher nackter Fuß (rechts, doch der linke war ebenso hübsch!) stieß aus Versehen ein halbvolles Champagner-Glas um, was eine kleine Pfütze auf dem weißen Teppich hervorrief. (Das Glas war ein Relikt der mehr als bloß feuchtfröhlichen Nacht. Denn Hyperion hatte darauf bestanden, mit ihr noch – im gemeinsamen, extrem-dimensionierten Himmelbett – auf ihren bevorstehenden Geburtstag anzustoßen.)

Ganz früh jedoch war der prominente Geschäftsmann dann schon wieder aufgestanden, von der immer noch leicht umnebelten Schönen neben sich unbemerkt, um die letzten Vorbereitungen zu treffen für den glanzvollen Abend und die große Fete. Denn wenn sich Hyperion einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, drang er auf die unbedingte Durchführung der aufwändigen Pläne. (Im Fall der globalen Armut hatte er freilich die Waffen sehr bald gestreckt. Doch der Dreißiger seiner Fickmaschine, der war ihm in der Tat wichtig.)

Da musste er – selbst, bitte sehr! – Blumen besorgen, ganz bestimmte und den einen oder anderen zusätzlichen Brillantring et cetera. (Wir wollen hier vermeiden, etwaige Besitzgier oder Habsucht und Neid zu wecken …) Kurz, es gab zu tun. Und Charles, der persönliche Chauffeur Hyperions, verstieß so gut wie gegen alle Ge- und Verbote der Straßenverkehrsordnung, was Fahren, Stehenbleiben, Halten und Parken im innerstädtischen Bereich betraf. (Allerdings war der Rolls-Royce seines Chefs stadtbekannt, und auch den farbigen Lenker in der schmucken Uniform kannten Polizei wie Parkraumüberwachung längst schon gut.)

Dann hatte Gundolf Hyperion, der Charles und seine Bodyguards diesmal ziemlich auf Trab hielt, noch ein paar Termine in der Wirtschaftskammer zu erledigen, schaute danach kurz bei einem seiner Rechtsanwälte vorbei und suchte ein Steuerberatungsbüro auf, das er zwar inoffiziell ohnedies selbst betrieb, das aber auf einen gewissen Mag. oec. Felix Windbichler eingetragen war. Ja, und er fragte außerdem noch telefonisch beim Bürgermeister nach, ob der abends auch sicher kommen werde. („Mit den besten Grüßen an die Frau Gemahlin“, auf deren Bekanntschaft er sich schon „besonders freue“.)

Dann setzte sich Gundolf Hyperion, quasi zum Verschnaufen, in eines der besseren Cafés der Stadt, das einer seiner sogenannten Freunde (natürlich, inoffiziell ebenfalls für ihn) führte, und drei seiner Leibwächter nahmen, so unauffällig es angesichts der schwarz-gekleideten stiernackigen Muskelpakete mit Sonnenbrillen nur ging, einen Tisch gleich daneben ein. Im halbwegs noblen Lokal konsumierte Hyperion in aller Ruhe zwei Schälchen vom sündteuren Katzenscheiße-Kaffee (Kopi Luwak, aus Indonesien), während die Bewacher an ihrem Tonic-Water nuckelten. Gelangweilt (oder zumindest so wirkend).

Dann lässt er sich von Charles in den Tempel zurückbringen, um sich in der Fürstensuite, die er für sich und Sophie hier schon vor ein paar Monaten einzurichten geboten hat, etwas frisch zu machen. Dann wird er seine Geliebte zu einem kleinen, vorgezogenen Souper ausführen. Klein, wie gesagt, den am späteren Abend dann werden sich ohnedies die Tische biegen.

Planung ist das halbe Leben. So hat Gundolf Hyperion jede erdenkliche Vorsorge getroffen, dass die Erdbeeren aus Madagaskar, die Trüffeln aus dem Piemont, aber auch der feine Schinken aus Don Quijotes spanischer Mancha, die Schnecken aus der Provence, sogar die Austern aus dem fernen Maine und die Pilze aus den Urwäldern des Süd-Ural wie auch das resche Brot aus Südtirol (exakt: aus dem Grödener Tal, mit von Hand geschnitzter Kruste!) auch alle rechtzeitig einlangen. Das extra gebraute Geburtstagsbier, Sophies Hopfenperle brut, und der Champagner sowie das Wein-Angebot – das alles kann sich ebenfalls sehen lassen.

Ja, die Chancen stehen gut, dass es ein rauschendes Fest wird.

Doch alles kommt anders.

Am Abend stürmen nämlich dann die Armen die edle Fete, die Hyperion so glanzvoll als Maskenfest mit Flimmer, Glitter und Glamour arrangiert hat. Selbst – sinnigerweise – als zum Teil sogar vergoldeter Casanova auftretend, macht er seine (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin) in ein Körper-enges, an Marilyn Monroes berühmt-berüchtigte „Happy Birthday, Mr. President!“-Robe von 1963 erinnerndes Kostüm aus immens teuren Nerz-, Fuchs- und Leoparden-Fell-Imitaten, behängt mit vier echten Fabergé-Eiern (mit Wladimir Putins persönlichem Plazet entliehen aus der Eremitage in St. Petersburg!). Doch auch die übrigen Gratulanten sind angetan in Masken quer durch die Jahrhunderte, mal mehr, mal weniger geschmackvoll. Kurz: Es herrscht allenthalben Camouflage vor. (Sogar das Personal für die Bedienung, die Kellner und die Serviermädchen, die Bardamen und die Keeper, alle wirken sie fremd, kostümiert und maskiert; in aller Regel wie Sklaven auf einer altrömischen Galeere.)

Am späten Abend, wie gesagt, scheinen dann die Armen das Gburstagsfest Sophies zu stürmen. Ganz spontan, wie es aussieht. (Auch wenn das nicht so recht glaubhaft wirkt, gibt es doch reichlich Security-Personal, und auch Gundolf Hyperions Leibgarde ist personell sogar noch aufgestockt worden aus dem festlichen Anlass. Ob da nicht doch ein Masterplan dahinter steht?) Immerhin: strategisch durchaus gekonnt, und bei aller bunten Mischung aus Bescheidenheit, Zurückhaltung und Scheu dann doch ziemlich zielstrebig und zuletzt wohl auch, nach einer Zeit der Gewöhnung, recht energisch und durchaus an – sozusagen: normale – Vernissagen-Gäste erinnernd … Allerdings: Sie, die Armen und Ausgemergelten, sie verweigern Essen und Trinken. (Also doch keine normalen Vernissagen-Gäste …)

Doch die vereinigten Armen, die da in ihren bizarren Kleiderfetzen und mit ihren hungrigen Gesichtern, darin zentral die dunklen Augen, nicht stechend, sondern eher Mitleid heischend, die vereinigten Armen also, die längst schon die Aufmerksamkeit der anderen Festgäste auf sich gezogen haben, sie demolieren weder etwas, noch belästigen sie irgendjemanden. Auch wird weder gebettelt, noch werden irgendwelche Zeitschriften feilgeboten.

Sie essen und trinken weiterhin nicht. Sie tun quasi gar nichts. Sie stehen herum oder lagern ihre gebrechlichen Knochen pittoresk im Raum. Sie verteilen ihr Elend solcherart im Glanz der überflüssigen Luxus-Fete.

Sie sehen die anderen Gäste dabei bloß an aus ihren, wie schon erwähnt: großen, dunklen Augen. Nicht einmal abschätzig, nein: traurig. Und sie werden, das ist wohl das besonders Makabre an dieser Erscheinung, sie werden immer mehr. Sie nehmen zahlenmäßig zu. Immer mehr von den ausgemergelten Gestalten tauchen auf. Von überall her. Wie die Heuschrecken.

Alle Hautfarben sieht man und alle möglichen Gewänder. An den total abgemagerten Armen und Beinen sowie, besonders, bei den fast nackten Kindern fallen diverse unschöne Geschwulste auf; vermutlich die augenfälligen Folgen verschiedenartiger Mangelerscheinungen.

Sie umringen die Gäste, den Herrn Bürgermeister (samt Gattin), alle diese irgendwelche Geschäfte Treibenden, aber selbstverständlich auch Gundolf Hyperion und seine Edelnutte Sophie Edelmann.

Und der Kreis scheint immer enger zu werden.

So lernt die sogenannte Gesellschaft der Stadt, wenn auch auf einigermaßen bizarre Weise, den Hunger in der Welt hautnah kennen. Das verunsichert die – ansonsten wie Kompost oder Pferdedung – kompakt in sich ruhenden Hohlköpfe ganz außerordentlich.

Dann freilich klärt sich alles auf: Die vorgeblichen Armen sind allesamt Schauspieler, Balletttänzerinnen und Statisten vom Stadttheater und aus der Freien Szene. Und Hyperion hat sie als besonderen Gag für die bombastische Festivität engagiert.

Immerhin hatte er doch vorgehabt, ein rauschendes Maskenfest auszurichten. Mit Show-Elementen, Attraktionen und Magie, mit Wunderdingen, Sensationen und Pipapo! Nun, und jetzt hat es gegolten, dieses Versprechen auch einzuhalten! Und die Überraschung ist Hyperion auch wirklich gelungen, wie figura zeigt! Phänomenal!

Dann wird gegessen und getrunken, was das Zeug hält.

Kelvin? Der verschwindet bei der ersten sich bietenden Gelegenheit. Für immer. (Oder vorübergehend. Wer weiß.)

E N D E

Literatur & Quellen (Auswahl):

Darun Acemoglu/James A. Robinson, Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. 2. Aufl. Frankfurt am Main 2014.

Maxim Biller, Biografie. Köln 2016.

Pierre Dufour, Weltgeschichte der Prostitution (…). (Reprint.) 2 Bde. Frankfurt am Main 1995.

Internet.

Jochen Schmidt (Hg.), Friedrich Hölderlin: Sämtliche Gedichte und Hyperion. Frankfurt am Main und Leipzig 1999.

Otto Weininger, Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. München 1980.

 

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