V e r b o h r t 

Etwas Prosaisches

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, 2008

(Fassung 2011)

 

 

Handwerk ist ein Erwerbszweig, bei dem

die Handfertigkeit oder die Geschicklichkeit

in der Arbeit in Verbindung mit einem

gewissen Maße von Intelligenz und

körperlicher Kraft ausschlaggebend sind.

Der praktische Universalratgeber

*

Heimwerker (jmd., der handwerkliche

Arbeiten zu Hause selbst macht;

Bastler).

Duden, Die deutsche Rechtschreibung

*

Zugegeben, so ein Fehler hätte im Grund genommen jedem unterlaufen können. Selbst ihm. Möglicherweise sogar ihm, Heinz Maierhofer. Nun ja …, ihm wahrscheinlich doch nicht. Oder – nicht mehr. Bei seiner Erfahrung.

Und dass er, der Fehler, ihr, also seiner Frau, unterlaufen war, tat auch weiter nichts zur Sache. Noch dazu kannte sich Hanni im Allgemeinen mit diversem Werkzeug recht gut aus; musste sie in der Regel, seit die Überschwemmung vor ein paar Jahren seinen Heimwerkerraum im Keller ihres gemeinsamen Hauses praktisch unbenutzbar gemacht hatte, doch sein Werkzeug Tag für Tag wegräumen und verstauen, wenn der Herr Bastelmeister, des Bastelns überdrüssig, wieder einmal alles liegen und stehen gelassen hatte.

Also …, der Anlass war in der Tat ein geringfügiger.

Auch hätte man die Bestellung allenfalls rückgängig machen können und so den Grund des Grolls recht leicht beseitigt. Was soll’s, Hanni hatte statt des von ihm, Heinz, gewünschten Satzes von Feinzahn-Ratschen-Ringgabelschlüsseln eine einfache Ratschen-Steckschlüssel-Garnitur beim Werkzeugversand angefordert. Und jetzt, ein paar Tage vor den Feiertagen, war der Artikel mit allerlei Zubehör eingelangt. Der falsche Artikel.

Aber die Kehle hätte er ihr deshalb nicht gleich durchschneiden müssen.

Gut, es geschah nicht das erste Mal, dass Hanni in Werkzeugangelegenheiten ein Fehler unterlaufen war. Er erinnerte sich noch genau an die Sache mit dem zwölfteiligen Gabelschlüssel-Set vor zwei, drei Jahren. Und – hätte er nicht zufällig die Bestellung nochmals kontrolliert – die Sache mit der Einhand-Feinzahn-Umschaltknarre wäre damals, vor einem Jahr, wohl auch daneben gegangen: Hatte Hanni doch statt des von ihm gewünschten Geräts mit dem ¼ „-Antrieb das mit ½ „ angekreuzt.

Gut, das musste er zugeben, die Bestellung der Quergriff-Umschaltknarre, die von ihm selbst vor geraumer Zeit getätigt worden war, hatte auch in einem Versandt-Fiasko geendet. Seine Schuld. Eindeutig. Und als er den zehnteiligen Innen-Sechskant-Schraubendreher-Satz mit Quergriff orderte, hatte er allem Anschein nach doch tatsächlich total vergessen, das nämliche Set bereits längst in Besitz – und was dabei noch mehr zählte: in erfolgreichem Gebrauch – zu haben. Übrigens auch den sechsteiligen Spezial-Kraftsteckschlüsselsatz besaß er doppelt. Doch wie heißt es so schön: Doppelt hält besser.

Aber gleich die Gurgel –

*

Und ausschauen tut es hier!, dachte Hans. Er war wieder einmal der Polizeibeamte gewesen, der als erster am Ort des grausigen Geschehens eintraf. Warum bin ich nicht Computerfachmann geworden oder vielleicht Opernsänger, dachte er weiter. Gut, auf der Bühne sieht’s manchmal wohl auch scheußlich aus. Aber – das ganze Blut. Als Opernsänger hat man es doch mehr mit Musik zu tun als mit Blut; auch wenn die manchmal ebenfalls ganz schön scheußlich klingen kann; besonders die sogenannte zeitgenössische. Aber er würde, wäre er tatsächlich Opernsänger geworden, ohnedies die schönen Tenorpartien von Verdi und Puccini singen. Oder Operette: Land des Lächelns“ oder „Maske in Blau“ oder so, weniger „Wiener Blut“ … Wenn er –

Und als Computerfachmann hätte er überhaupt ideale Bedingungen: Kein Stäubchen in der Luft, keine moderne Musik und schon gar kein Blut. Ja, Informatiker oder Produktentwickler, das wäre es.

Davon konnte Hans, der Polizist, freilich nur träumen. Und sogar das leidige Blut gab es eher selten. Zumeist gab es gar nichts. Nur die „Millionenshow“ mit dem Ex-Kollegen Armin Assinger und seiner Alice – Hansens Alice, nicht Assingers – am Abend. Oder „CSI“ in Miami oder New York. Ja, die Fernsehkollegen, die hatten spannende Fälle zu lösen. Schon auch blutige, doch. Ziemlich … Und manchmal auch im Milieu der Computerfachleute oder der Opernsänger. Operetten gab es in Amerika nicht so viele. Jaja, Puccini.

Also, die Kehle durchgesäbelt. Mit einem japanischen Messer? – Ah, mit einem Sashimi, dreizehn Zentimeter, sagt der Kollege von der Spurensicherung, ein Hobby-Koch. – Und da kommt auch schon der Kommissar. Knilch ist sein Name, und der hat immer seinen Assistenten mit, der irgendwie ungelenk wirkt und nach einer bekannten Biermarke heißt. Nein, nicht Puntigamer, etwas aus Bayern ist es … – genau, Paulaner. Knilch und Paulaner. Und Polizeiarzt Anselmi. Das Trio infernal. Aber halbwegs effizient. Zumindest zu zwei Drittel.

Hans salutiert.

*

Vom Mörder fehlte jede Spur – gewiss, seine DNA hatte er allerdings hinterlassen. Reichlich sogar. Doch Heinz Maierhofer selbst war weder im schmucken Haus noch auf dem Grundstück zu finden, das recht idyllisch am Rand des Dorfes M*** lag und in all der umgebenden Ruhe so überhaupt nicht als Tatort taugen wollte.

Wie es so schön hieß, schien er, Maierhofer, gleichsam vom Erdboden verschluckt zu sein. (In Wahrheit hatte ihn der Erdboden natürlich nicht verschluckt. Denn das tut er, der Erdboden, im Allgemeinen kaum. Und was wäre auch schon am Heinz Maierhofer groß dran gewesen, dass ihn der Erdboden hätte verschlucken sollen …?!)

Kurz: Zwar gab es eine Leiche – die Hanni mit der durchschnittenen Kehle -, aber keinen Mörder. Und dass der Maierhofer die tödliche Kehlendurchtrennung durchgeführt hatte, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Sagte die DNA. Und auf die ist an sich Verlass.

*

Der Mairinger Forst heißt so, weil ein gewisser Franz Xaver Mairinger das ausgedehnte Waldstück anno 1875 erworben hat. Der Mairinger war der reichste Müller weit und breit, und seine fünf Mühlen, alle am Miesenbach gelegen, versorgten in einer fast schon monopolistischen Art und Weise einen ganzen Sprengel mit Mehl. Sein ganzer Stolz war angeblich die Doppelmühle gewesen, die da am rauschenden Bach klapperte, wie es im schönen Volkslied so schön heißt. Ansonsten geht uns der Mairinger nichts an, obwohl seine jüngste Tochter, die Veronika (genannt Vroni) eine sakrisch gut aussehende Dirn’ gewesen sein soll. Doch auch die Vroni hat mit unserer Geschichte nichts zu tun. Auch wenn sie von einem Maierhofer, dem Ururur- oder so, des nunmehrigen Gattenmörders Heinz, ein uneheliches Kind angehängt bekommen hatte, ein Umstand, der zwischen den Mairingers und den Maierhofers zu einer über Generationen reichenden Feindschaft Anlass geben sollte …

Jetzt duckte sich der Heinz Maierhofer ins Unterholz des Forstes, schrak bei jedem Geräusch auf, auch wenn es nur von einem aufsteigenden Bussard oder einem seinerseits aufgescheuchten Feldhasen stammte, und fühlte sich alles andere denn wohl in seiner Mörderhaut.

Hier, im Mairinger Forst, war er indes einigermaßen sicher. Die ersten Tage nach der verhängnisvollen Tat an seiner Frau Hanni, dieser dummen Affekthandlung (eines passionierten Heimwerkers) mit tödlichem Ausgang, war es ein paar Mal eng geworden; da hörte er die Hundemeute der Polizei und die Rufe der Suchmannschaften schon ganz in der Nähe. Die Männer vom Ort hatten sich nicht lang bitten lassen, die Einsatzkräfte nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen; auch wenn es darum ging, einen der ihren, Sparvereinsbruder, Feuerwehrkameraden und C-Trompeter in der örtlichen Blasmusik, zu stellen. Und seiner gerechten Strafe zuzuführen … Ja, und als der Bello, der Berner Sennenhund vom Wetzelberger Toni, von unten zu ihm, der er da halbwegs in der alten hohen Tanne hockte, heraufgeschaut hatte ganz kurz aus seinen schönen braunen Augen, da hätte sich der Maierhofer beinah in die Hosen gemacht.

*

Es war längst Nacht geworden. Der Schlag der Dorfuhr signalisierte drei. (Seine Armbanduhr war ihm bei der Flucht irgendwie abhanden gekommen.) Da erst wagte sich Heinz Maierhofer von der Tanne. Trotz aller Angespanntheit merkte er ein immer stärker werdendes Hungergefühl. Er hatte seit vielen Stunden – ja, eigentlich seit Tagen – nichts mehr gegessen und getrunken. Der Riegel vom Brotlaib, das Stück Geselchtes und die Flasche Most, die er sich vor seiner Flucht in aller Eile geschnappt hatte, waren längst leer und verzehrt.

Heinz war nie ein besonderer Schwammerlsucher (geschweige denn ein glücklicher Schwammerlfinder) gewesen. Und ihn als gewiegten Pilzkenner zu bezeichnen, hätte an gröbste Fahrlässigkeit gegrenzt. Die Schwammerlsaucen, die seine Frau Hanni hin und wieder gekocht hatte, waren zwar immer schmackhaft gewesen, und auch ihr Eierschwammerlgulasch hatte Heinz stets gemundet. Auch die Parasolpilze, gebraten in der großen gusseisernen Pfanne, die ansonsten der Eierspeis vorbehalten war, mundeten hervorragend und waren quasi immer ein Gedicht gewesen. Nur hatte Heinz Maierhofer wenig für Lyrik über, ihm war fleischliche Prosa bei weitem lieber … Also war es gut, dass Hanni auch auf dem Gebiet des Gesottenen, Gebratenen und Gebackenen eine gewiegte Jüngerin des Lucullus gewesen war. (Auch wenn weder er noch sie so genau hätten sagen können, was es denn mit diesem Herrn auf sich habe. Doch sind uns allemal die guten Köchinnen und Köche lieber als die blassen Gelehrten, die uns diese Frage zwar korrekt, indes wohl gänzlich unlukullisch zu beantworten sicherlich im Stand wären … Wen es interessiert: Lucius Licinius Lucullus wurde um 117 vor Christus geboren und starb um das Jahr 57. Er war ein römischer Politiker – Lucullus hatte im Jahr 74 sogar das Konsulat inne – und Feldherr, wurde jedoch nach wenig Kriegsglück anno 68 abberufen. Sein überaus luxuriöser Lebensstil wurde sprichwörtlich, sodass wir heute noch gern von einem lukullischen Mahl sprechen, wenn etwas besonders Köstliches aufgetischt wird.)

Heinzens Unkenntnis auf dem Gebiet der Pilzkunde wurde nur noch übertroffen von der den Beeren und anderen Früchten gegenüber, die da an Sträuchern und im Moos wuchsen. Und so kam es, wie es kommen musste: Der hungrige und durstige Gattenmörder grub alles an Pilzen, Wurzeln und Beeren aus dem Boden beziehungsweise pflückte es vom Gesträuch und den Bäumen, steckte es quasi im Blindflug in den Mund, kaute und schluckte. Wasser nahm er aus einer nicht besonders sauberen Abwassertonne, die er nahe dem Waldrand gefunden hatte. Kurz: Heinz vergiftete sich auf wunderbarste Weise.

Und Heinz halluzinierte binnen kurzer Zeit entsprechend seinen mannigfaltigen Vergiftungen durch Pilze, deren harmloseste Vertreter zumindest zu den ungenießbaren zählten, durch Beeren und Früchte wie die sogenannte Tollkirsche et cetera.

Und er sah plötzlich inmitten des Waldes einen anderen Wald, nämlich einen Wald voll dröhnender riesiger Bohrmaschinen, überdimensionierter Schraubstöcke und enormer Drehbänke (auf Rädern); er schrak zurück vor gigantischen Kettensägen, gepanzerten Breitmaul-Gripzangen, Ratschenschraubern und Schraubzwängen, vor äußerst bedrohlich wirkenden Schnarren, Bolzenschneidern, Klauenhämmern und Gewindefräsen, vor fürchterlichen Schaltschrank- und Schraubenschlüsseln, gruseligen, weil blutbefleckten Handratschen, gigantischen Quergriff-Umschaltknarren, vor Mammut-Ösenzwängen, hydraulischen Mutternsprengern, wuchtigen Brechscheren und Hobelmaschinen, vor übermannshohen Franzosen, Stoßpressen, Dübelfräsen und Kombinationszangen … Alle hatten sie Gesichter, ausdrucksleere zwar, doch immerhin Antlitze, die einem Angst einflößen konnten; und der grimmige Freddy mit den Scherenhänden schien sie zu kommandieren …

Plötzlich trat Stille ein. Dann formierten sich die Maschinen zu einer Phalanx. Freddy gab grinsend das Zeichen, und die Armada preschte auf Heinz Maierhofer los.

Doch der hatte weißen Schaum vorm Mund und war tot.

*

„Sind Sie auch so ein Heimwerker-Freak, Paulaner?“ Knilch konnte sich die schäbige Frage an seinen unnützen Assistenten nicht verkneifen.

„Ich?!“ Paulaner fuhr herum. „Aber, Chef! Ich doch nicht!“ Und der insgesamt schwächelnde Assistent dachte kurz an seine diesbezüglichen Blessuren beim kläglich gescheiterten Versuch, dermalen ein IKEA-Bett aufzustellen.

„Gut so“, meinte Knilch. „Wollen wir’s dabei belassen, nicht wahr?!“ – Dann zu Polizeiarzt Anselmi gewandt und auf Maierhofers Leiche weisend: „Robert, denkst du beim Schaum vorm Mund dieses Mannes auch, was ich denke?“

„Zwar weiß ich nicht genau, was du denkst, Gerd, aber – er dürfte unvorsichtig gewesen sein bei der Zusammenstellung seines letzten Menüs im Wald …“

Und so wurden schließlich die Akten geschlossen – der von Hanni Maierhofer, der unglücklichen Verwechslerin in Sachen Werkzeug, die laut DNA eindeutig durch ihren Ehemann Heinz aus dieser in eine hoffentlich bessere andere Welt befördert worden war, und der von Heinz, dem Bastelkönig und Pilz- wie Beeren-Banausen.

Man bettete nach genauesten Untersuchungen, die entsprechend allen Regeln der forensischen und pathologischen Kunst durchgeführt worden waren, beide Ehegatten, das weibliche Opfer und den männlichen Täter, der anschließend selbst zum Opfer seiner naturkundlichen Unkenntnis geworden war, schließlich im Familiengrab auf dem Ortsfriedhof zur letzten Ruhe. Die Musikkapelle spielte einige schöne und passende Stücke, vorwiegend trauriger Natur. Und der Leichenschmaus beim „Lindenwirt“ war angeblich recht passabel – wenn auch nicht gerade lukullisch.

Doch all zuviel sollte man sich ja ohnedies nicht erwarten im und vom Leben.

E N D E
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