Vampirgier

oder

Es ist nie zu spät

Eine eher krause als

bluttriefende Prosa

von

 

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2006 ff.

(ENDFASSUNG: 2015)

Wie die wilde Jagd tobten wir diese Nacht durch

alle Spelunken, um mein Gewissen niederzusaufen.

Der Bubenstreiche war kein Ende. (…) An der

Unschuld meiner Verlotterung kann ich leider

nicht zweifeln.

Hermann Bahr, Erinnere dich an Czernowitz!

*

Sei schwarz wie ein Kohlpechrabe!

Wirf dich wie eine Sperrangel so weit!

Hab keine Angst!

Hab Zeit!

Georg Kreisler, Allein wie eine Mutterseele

*

München, Heute.

Unlängst erinnerte er sich, eingedenk einiger bereits verlorener Zähne („Die Zähne sind ihm ausgegangen.“ – „Wohin?“), an Meldungen, die er vor vielen Jahren aus dem damals noch (oder zwischendurch) unendlich fernen Russland vernommen hatte: Einem uralten Bauern, irgendwo in der Tundra oder in der Taiga (oder im Ural?), seien die nützlichen Beißerchen zum dritten Mal gewachsen. Von selbst. Stellt Euch das einmal vor! Von selbst nachgewachsene Dritte! Hoch lebe Leonid Breschnew, Michail Gorbatschow oder Wladimir Putin! Oder Alexander Puschkin oder sonst wer … (Als sich dieser erstaunliche Vorgang als nicht staatskonform herausstellte – der greise Landwirt war kein deklarierter Anhänger des aktuellen Präsidenten, Premierministers oder Parteivorsitzenden, wie auch immer -, wurden ihm seine hübschen Zähnchen von behördlicher Seite heimlich, still und leise eingeschlagen.)

Während er, nicht der russische Neo-Zahnbesitzer, nein, er, sich nunmehr der Zahnsensation von einst entsann, von der heute allerdings längst niemand mehr sprach und an die sich auch kein Schwein mehr erinnerte in Russland und überhaupt (weil sie vermutlich ohnedies ein aufgelegter Schwindel gewesen war), und – immer noch während – er sich im Spiegel betrachtete, gewahrte er nach geraumer Zeit wieder eine Veränderung in seinem Mund: Zwar bildeten sich nicht etwa ausgegangene Backenzähne neu; immerhin jedoch wuchsen ihm die Eck-Hauer merkbar, wurden länger und spitzer. Das war schon seit einiger Zeit kaum mehr der Fall gewesen. Selten, ja, selten … Richtig, das war ihm eigentlich schon abgegangen …

Genau, dachte Maximilian Igor Breininger, genau! Das war es, was ihm abging: das Blutsaugen! Deshalb fühlte er sich in letzter Zeit unrund und irgendwie … unbefriedigt. Und er wurde sich mit einem Mal wieder seiner eigentlichen Aufgabe, seiner wahren Mission bewusst. Ja, er war doch Vampir!

Mit seinen knapp 45 Jahren ansonsten zwar noch bestens in Saft, doch durch längere Nichtbetätigung im Blutsaugen irgendwie – blutleer …

Ja, er war immer noch (und würde es ewig bleiben) Vampir …

Nun mangelte es ihm ganz allgemein nicht an Unternehmungsgeist. Nein, überhaupt nicht. Doch diese bedauerlicherweise schon länger anhaltende Abstinenz auf dem, man möchte sagen: Art-entsprechenden (nämlich seiner, der Vampir-Art entsprechenden) Sektor des früher so gern und häufig ausgeübten Beißens und Saugens, Tätigkeiten, die immerhin Teil seiner Selbst waren – sowohl seiner Physis als auch seiner Psyche -, diese Abstinenz also wirkte sich allmählich merkbar ungünstig auf Maximilian aus. Merkbar? Ja, sogar seine nähere und mittelbare Umgebung bekam seine Gemütsschwankungen längst schon mit und begann, in gewisser Weise auch darunter zu leiden. Man war zumindest allenthalben ein wenig irritiert.

Er blickte vom Spiegel weg zum Badezimmerfenster.

Hinweis 1: Dass Maximilian, ganz gegen frühere Art und lange geübten Brauch der Vampire, überhaupt über ein Spiegelbild verfügte, entsprach neueren Konventionen und war eindeutig ein Zugeständnis an Zeit, Stil und Mode. Mit Hilfe kleiner Adaptionen sollte, nach einer Reihe unliebsamer, trauriger Vorfälle und sogar blamabler Ereignisse, das immerhin zumeist nützliche Inkognito der Blutsauger im täglichen, im bürgerlichen Leben nämlich, so weit es nur möglich war, gewährleistet werden. Die Vertreter dieser raren Spezies sollten, anders ausgedrückt, nicht gleich wegen jeder Kleinigkeit auffallen. Und dazu gehörte nun mal – zum Exempel – eben auch das Fehlen eines Spiegelbildes (oder eines Schattens et cetera). Das war nun generell Schnee von Gestern.

Man war als Vampir à la mode im Allgemeinen übrigens auch nicht mehr dazu verpflichtet, in zugigen Grüften zu schlafen; obschon es gern gesehen und daher zumindest hin und wieder – im Sinn der Tradition – gepflegt wurde. Alles in allem machten sich Konzessionen an das aktuelle Heute breit; unerlässlich leider auch für Wesen aus einem Traum-verbrämten Gestern, die sich nunmehr eingezwängt fanden in ein (noch dazu: demokratisches) Korsett!

Hinweis 2: Auch den guten alten Teufel als unbestrittenen Herrscher über das Schattenreich anzuerkennen, dem die Blutsauger, zumindest angeblich, nun einmal angehörten, war vielen sukzessive lästig geworden und sogar irgendwann als obsolet erschienen. Und so hatte man den Satan quasi abgeschafft! (Wohl auch ein Nebenprodukt der sogenannten Aufklärung …)

Hinweis 3: Mit dem Knoblauch hatten die meisten Vampire allerdings immer noch ihre Probleme, wenngleich sogar hier schon neue Tendenzen spürbar wurden. Manche Blutsauger wollten sich nämlich den Segnungen und Genüssen einer eher zeitgemäßen und Trend-affinen Kochmethodik und der saftigen Kulinarik nicht länger verschließen; und diese – freilich bloß zum Teil – neuen Küchenerkenntnisse umfassten nun einmal auch den gezielten Einsatz nützlicher Gemüse, Kräuter und Gewürze. (Nützlich bisher eher unter Anführungszeichen …)

Hinweis 4: Auch in der leidigen Frage des optimalen Biss-Termins gab man sich seit einiger Zeit (sprich: ein paar Jahrhunderte schon) eher pragmatisch. Igor beispielsweise mochte just die Saug-Ausflüge bei Neumond, während viele Kolleginnen und Kollegen weiterhin dem Vollmond den Vorzug gaben. Das hatte wohl vor allem mit Tradition und vielleicht auch mit Charakter oder Temperament zu tun.

Igor tendierte, nebenbei, freilich auch nicht gerade zum Systematiker oder Ordnungsfanatiker; doch auch solche konservative Exemplare gab es weiterhin unter den Saugern. Nein, Igor fühlte sich, was seine Vampir-Berufung betraf, weit weniger von äußeren Umständen abhängig; ob Vollmondphase oder bleiche Neumondzeit, die in aller Regel mondlos und optisch an sich wenig erquickend verlief – ihm war das alles weitgehend einerlei. Ja, Igor verhielt sich auch darin durchaus eigenständig: Er war nun mal Individualist …

Er ließ sich auch keineswegs von devoter Idolatrie dem alten Grafen Darcula gegenüber bestimmen, diesem Mahnmal vampiresker Tradition und hehrem Symbol gleichsam des Ewig-Gültigen. Igor hielt sich (und wohl zu Recht) beim Beißen für flexibel, was Anlass und Ort, Zeit und Lust betraf. Bitte, nur keine übertriebene Bürokratie in Beiß-Angelegenheiten!

Igor blickte weg vom Spiegel zum Badezimmerfenster und öffnete es nunmehr ganz. Oh, jetzt fühlte er sich leichter ums Herze (wie er es, romantisch angehaucht, für sich formuliert hätte, wenn er just formulieren hätte wollen …)! Und bald würde es ihm noch besser gehen, das wusste er. Draußen, in der vom Frühling schon merkbar durchfluteten Luft in dieser, des Neumonds wegen eher verhangen-nebeligen Nacht.

Und noch etwas: Igor war ehrlich erleichtert, endlich einen tauglichen Anhaltspunkt für seine (nun hoffentlich überwundene) schlechte Laune gefunden zu haben; er hatte nämlich schon wieder an Depressionen im Zusammenhang mit dem Föhn und an Ähnliches gedacht. Also hob er die Schwingen seines schwarzen Nachtumhangs, der inwendig stilecht mit roter Seide gefüttert war, und entschwebte guter Dinge durch das offene Badezimmerfenster seines hübschen Einfamilien-Reihenhauses im schönen und vergleichsweise ruhigen Solln. Dem Haus, das er mit seiner nicht minder und immer noch hübschen, rundlichen und blonden Gattin Astrid nun auch schon seit fünf, sechs Jahren bewohnte, hinauf in die satt-schwarze Münchener Nacht. (Es herrschte, wie gesagt, zaghafte Neumond-Stimmung.)

*

Hier, im südlichsten und höchst-gelegenen Stadt-Unterteil Münchens, der seinen Namen angeblich von sole oder sule herleitete, was so viel wie Wildlache (oder Gebiet, wo das Wild sich suhlt) bedeutete – Max war immerhin (was etwas weiter unten noch genauer ausgeführt wird) Professor für Volkskunde -, hier ließe es sich schon recht gut leben. Tadellos sogar. Und ruhig, weitgehend ruhig. Kaum Verkehrslärm, aber optimale Anbindung an die öffentlichen Beförderungsmittel. Denn nicht jeder vermochte zu fliegen … Durchwegs nette Nachbarn, soweit man überhaupt Umgang mit ihnen pflegen wollte. Astrid wollte, er weniger. (Wen es interessiert: Der Ausländeranteil liegt hier aktuell bei knapp 22 Prozent.)

Nun, in der Jetztzeit, da ließ es sich hier, wie gesagt, schon recht gut leben … Auch wenn ihm die Karpaten zwischendurch immer wieder fehlten. Mein Gott – Gewohnheit! Die Gene. Tradition. Ach ja, hunderte von Jahren, ganze Geschlechter hindurch, in den geliebten Karpaten! Das waren freilich noch Zeiten gewesen! Transsylvanien … Einschneidende Ereignisse und kindlich-unschuldige Erinnerungen … Dann wieder: Wolfsgeheul und Bärenspuren! Verängstigte alte Bauern mit klobigen Knoblauchkränzen in ihren niedrigen ungesunden und völlig verrauchten Küchen. Ihre total verwanzten Betten mit den vergammelten Strohsäcken. Aber auch von Damast, Samt und halbblinden Spiegeln (sic!) strotzende, ehedem reich und luxuriös ausgestattete Schlösser, trutzige, uneinnehmbare Burgen – und (letzten Endes dann doch bloß) pittoreske Ruinen. Oh, ja, die alten guten Karpaten fehlten ihm wie die fahlen Nebelschwaden, die über die verschneiten Landschaften zogen … Der Geruch frisch-geschlagener Kleintiere und ausgebluteter alter, knorriger Bauersleute … Und erst die Vollmond-hellen Nächte! Aber auch die schier ohne jegliches Licht, außer vielleicht erfüllt von dunstigem Gewölk; doch ansonsten ohne Mond, ohne Sterne … Doch auch sie der frischen, noch von Blut dampfenden Beute voll …!

Ja, die Erinnerungen. Und während Maximilian Igor Breininger so dahinsegelte, segelten auch die Bilder von früher in seinem Inneren dahin. Seine und die Vergangenheit seiner Sippe, des Grafengeschlechts Kövösty-Kelemen, zeigte sich farbflächig, wenn auch abgedunkelt, in grobe und schwere Linien gebunden, wie buntes Glas in die umgebende Bleirahmung … Oh, ja, sie fehlten ihm, die Urformen dieser im Gedächtnis bloß ansatzweise und reichlich roh abgebildeten, eigentlich mehr angedeuteten als klar strukturierten Reminiszenzen.

Doch daran konnte man nun einmal nichts ändern; egal, ob in München, in Prag, in Czernowitz oder gar in Graz. (Doch das mit Graz, das war wohl eine ganz andere Geschichte. Schwamm drüber!)

Kaum zu glauben: Solln, dieser durchaus wohnliche, lebens- wie liebenswerte Teil des 19. Münchener Stadtbezirks (Thalkirchen – Obersendling – Forstenried – Fürstenried – Solln) mit seiner berühmten Gartenanlage des altehrwürdigen Klosters Warnberg und mit dem hübschen Frei-Bad Maria Einsiedl, das, besonders die heißen Sommermonate über, ein wahres Dorado für Wasserratten aller Altersklassen darstellte, war bis ins Jahr 1938 hinein noch ein ganz gewöhnliches Dorf mit gerade mal 4.600 Einwohnern gewesen. Doch jetzt konnte das Gebiet auf der Homepage der Münchener Touristiker mit Fug und Recht mit den Worten angepriesen werden: „In Solln dominiert die gehobene Mittelschicht mit einem überdurchschnittlich hohen Akademikeranteil.“ (Internet: Demographie/muenchen.de)

Astrid? Die schlief, wie üblich, längst schon tief und fest … Und bald würde er ja wieder zurück sein, zurück in diesem durchaus heimelig wirkenden, weil im weitesten Sinn villenartigen Gebäudekomplex mit hohen Räumen und dem Menschen als Maß aller Dinge entsprechenden Dimensionen. Die ganze Wohnanlage – im Vergleich zu üblichen kommunalen Bauten durchaus großzügig bemessen – bestand aus mehreren sauberen Ein- und Zweifamilienhäusern, allesamt einstöckig, mit (der Jahreszeit entsprechend) üppig blühenden Vorgärten, in denen sich sogar ein paar mittelhohe Bäume erhoben, und war in der Engelbert-Humperdinck-Gasse gelegen. Er würde also bald hierher zurückkehren. Neu gestärkt – nach einer kräftigen nächtlichen Blutauffrischung. Hoffentlich. (Ja, er hatte sie zumindest dringend nötig!)

Oh, gewiss: Max liebte München, den Münchener Himmel, die Münchener Friedhöfe, die Münchener Nächte. Nur Weißwürste mochte er nicht. Ganz und gar nicht. Der Grund seiner diesbezüglichen Ablehnung lag im Gewürzanteil … Womöglich war da sogar Knoblauch darin mit-ver-wurstet?! (Und hier war Maximilian doch noch durchaus Traditionalist. Spiegel behagten ihm zwar inzwischen sogar, und auch der Teufel ging ihm weiters nicht ab. Aber Allium? Nein, danke!)

Man konnte eben nie wissen, woran man war – mit München und mit den Würsten …

*

Als er so dahinflog, wurde er sich mit einem Mal seiner, zugegeben: etwas schwierigen Lage bewusst. Und dem Spross aus ältestem transsylvanischem Adel – ja, Max hätte sich, wenn er gewollt hätte, sogar der Verwandtschaft mit dem legendären Ur- und Übervampir rühmen dürfen, der familiären Nähe also zum sagenhaften Grafen Dracula –, kurz, ihm war sozusagen bang ums Herz. (Apropos Dracula: Er hatte den Alten auch schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen! Wie mochte es dem bissigen Knacker wohl gehen?! Ob er immer noch so geil auf junges Weiberblut war, der berüchtigte Infusions-Don Juan?!)

Univ.-Prof. Dr. Maximilian Igor Breininger, der nun schon seit einigen Jahren hier in München durchaus erfolgreich als geschätzter und anerkannter Wissenschaftler für Alltagskultur (mit den Spezialgebieten Bierflaschenetiketten-Forschung, Sammeln von Brezel-Rezepten und Revidieren von alten Gstanzl-Aufzeichnungen) als Nachfolger des weithin gerühmten Ignaz Xaver Hundsäugl in diesem Ordinariat an der Ludwig-Maximilians-Universität wirkte, auf einer anderen Zeit- und Raumebene in Czernowitz gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu Gange war – dort freilich als bestens beleumundeter Tierarzt und gewiefter Tarockspieler Dr. Alexander Igor Gels – sowie, aller komplizierten Dinge mussten anscheinend drei sein, in Prag, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und unter dem Namen Franz Igor Chronstätt, das ehrenwerte Gewerbe der Uhrmacherei durchaus erfolgreich betreibend, er, Igor Graf Kövösty-Kelemen, wie er korrekt hieß (außerdem noch Reichsritter zu Greifswald und Vorderfuß unter der Leytha), kam ein wenig außer Atem. Fliegen und Nachdenken zugleich, das überstieg mitunter seine überdies bloß rudimentär ausgebildete Fähigkeit des (erwiesenermaßen ohnedies höchst problematischen, weil ungesunden) Multitasting; zumal, wenn es außerdem noch galt, anderen nächtlichen Flug-Objekten und -Subjekten, von denen es an dem heute einigermaßen verhangenen Himmel über der pulsierenden Großstadt an der Isar mehr als genug gab, so geschickt, wie es nur ging, auszuweichen.

Außerdem hatte er mit Sorge bemerkt, dass ihn der schwarze Vogel allem Anschein nach erneut observierte, der ihm das letzte Mal in Prag und vorher schon mehrmals in Czernowitz aufgefallen war. (Wer wusste schon, was das wieder zu bedeuten haben könnte! Vermutlich kaum etwas Gutes …)

Er hatte sich da allem Anschein nach in der Tat zu viel aufgebürdet. Drei Existenzen, drei Frauen, drei Berufe. Und das in drei verschiedenen Zeitebenen (was allerdings noch das geringste Problem bedeutete). Und an drei separaten Orten (was indes ebenfalls nicht weiter ins Gewicht fiel). Nur – alles zusammen! Aus der Summe der kleinen Einzelprobleme erwuchsen ihm immerhin so manche Unbilden und Beschwernisse.

Außerdem fürchtete er, in letzter Zeit nicht mehr so recht in Biss zu sein; in Biss, so wie früher eben … Oder irrte er sich da? – Hoffentlich! – Gab es womöglich eine Art Mitt-Biss-Crisis bei Vampiren? (Das überlegte er sich in der Tat des öfteren. So was …)

Fazit: Er wusste mitunter nicht, wo ihm der Kopf stand.

Zudem war da die permanente Angst um seinen Ruf. Es ging in seinem Fall ja immerhin um die ureigenste Profession – als ein Vampir, der das Renommee eines durchaus klingenden Namens zu verteidigen hatte! Und das alles einzig und allein, um endlich, nach Jahrhunderte-langem fruchtlosem Bemühen, doch noch einen Erben zu zeugen! Denn dann erst würde es ihm beschieden sein, sich endgültig und guten Gewissens zur Ruhe zu legen. (Wie schon damals fast einmal, Ende des 16. Jahrhunderts war das gewesen; aber eben leider nur fast … Doch was sollte ihm diese Erinnerung, jetzt?!)

Jaja, das nervte alles.

Igor hatte pünktlich (wieder einmal) drei Ehefrauen auf drei Zeitebenen und an drei verschiedenen Orten. Das war icht ganz einfach zu handhaben, in der Tat. Also: Astrid, seine blonde, rundliche, sexuell stets bereite Astrid, hier in München, zur sogenannten Jetztzeit, 2013. Dann seine immer noch äußerst attraktive brünette Theresia, die mittelschlanke, durchaus appetitlich aussehende Spitzenköchin und umsichtige Hausfrau in Prag, anno 1919, also knapp nach Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie. Und, als Numero drei, Sylvia, die aparte, dunkelhaarige, schlanke Schönheit, die seiner in Czernowitz harrte, im Jahr 1875.

Drei überaus appetitliche Ehefrauen. Und immer noch kein Erbe in Sicht!

Was er auch anstellte, und wie er sich auch bemühte! Mit Zärtlichkeit umwarb er seine drei Gattinnen; wobei er sich ihnen mit allen nur erdenklichen Aufmerksamkeiten näherte und mit sämtlichen nur irgend möglichen Höflichkeiten!

Dann wieder mimte er – Igor war leider kein allzu heißblütiger Liebhaber (wie auch, als Untoter?!) – zumindest ansatzweise den Casanova; immerhin hatte er ihn, Giacomo Girolamo Casanova, den selbsternannten Chevalier de Seingalt, sogar leibhaftig kennen gelernt, damals bei einem Bankett anno 1761 in Paris! Und er, Igor, versuchte alle möglichen Tricks und Kunstkniffe, von denen er gelesen oder gehört hatte. Ja, sein Liebesleben war grosso modo zufriedenstellend (und auch die Damen schienen es zu genießen), doch die Erfüllung seines ach so brennenden Wunsches nach einem Erben war ihm bis dato versagt geblieben.

Weil wir hier schon ein wenig voyeuristisch, zugegeben, den Intimbereich Igors betrachten: Natürlich entspräche es keiner der diversen Vampir-Regeln und verstieße geradezu gegen diesbezügliche Konventionen, die (lebendige) Ehepartnerin zu beißen! Es wäre zudem unklug und wenig ökonomisch gedacht, erlangte sie danach immerhin auch den Status einer Untoten, wäre also quasi unsterblich … Und welcher Vampir wollte schon seinen privilegierten Status mit jemand anderem teilen (auch wenn es sich um die Ehefrau handelte)?!

Übrigens: Auch länger dauernde Verbindungen zwischen weiblichen und männlichen Blutsaugern galten als eher unüblich und wurden generell auch gar nicht gern gesehen. Wie auch die Frage der Homosexualität weitaus weniger brennend angesehen wurde, als man es mitunter kolportiert bekam. Zudem herrschte unter Vampiren durchaus Toleranz. (Wen es interessiert: Der Blutrache gegenüber verhielt sich die Branche durchwegs ablehnend. Immerhin hielt man den Saft des Lebens unter Untoten für beinahe sakrosankt! Deshalb lieferten sich Vampire auch im Allgemeinen keine Duelle; Igor wird es später indes mit einem gravierend aus der Reihe flatternden Exemplar zu tun bekommen, wie noch zu berichten sein wird …)

Es half nichts, Igor (ob als Maximilian wie eben jetzt, in München, oder als Franz um 1919 in Prag oder als Alexander anno 1875 in Czernowitz) musste sich – so befürchtete er nicht selten, gleichsam tot unglücklich – wohl damit abfinden, ohne Nachkommen zu bleiben!

Nein! Wenigstens ein krankes Kind müsste doch drinnen sein! Schicksal, du! So dachte er mitunter. Von einem kranken Kind hatte man eventuell sogar mehr als von einem sogenannten gesunden, überlegte er weiter. Auch wenn ein malades, schwieriges Junges oder überhaupt ein chronisch kranker oder gar moribunder Verwandter natürlich meist aufwendiger war in Umgang und Pflege als ein einigermaßen alertes, gesundes Exemplar. Kranke waren zumindest – zeitraubender. (Doch spielte das eine Rolle? – Nein! Vampire hatten Zeit …)

Aber eine bettlägrige Mutter, bei der womöglich in letzter Zeit auch Alzheimer eine immer größere Rolle zu spielen begann, oder ein Kind mit Down-Syndrom, das die ganze Aufmerksam erforderte – das musste einem doch bestimmt auch viel Befriedigung geben. Befriedigung, weil man merkbar gebraucht wurde … (Gut, auch ohne die Beschwernisse der Alzheimer-Krankheit oder des Down-Syndroms wäre es ganz nett … Einfach – ein Kind!)

Sicherlich, auch seine Arbeit, seine Lehrtätigkeit, sein grosso modo erfolgreiches Wirken im akademischen Beruf (wie natürlich auch als Tierarzt und Uhrmachermeister) und, nicht zu vergessen, sein Vampirtum bereiteten Igor viel Freude. Dazu das Umsorgen seiner drei Gattinnen und vor allem: das Umsorgtwerden durch sie, worin Sylvia, Theresia und Astrid sich gegenseitig (natürlich ohne von den Konkurrentinnen und Co-Frauen etwas zu ahnen!) schier zu übertreffen schienen, das hatte alles viel für sich … Aber ein Kind fehlte! Verdammt noch mal! Einen Erben wollte er nun einmal haben! Einen kleinen Igor Kövösty-Kelemen II.!

Dazu kamen gerade in letzter Zeit immer wieder neue Verordnungen für Vampire; Anweisungen, Soll- und Muss-Bestimmungen, spezielle Interdikte und ausdrückliche, allgemeine Verbote. Vampire mögen, hieß es beispielsweise, die Solarenergie nur unter Einhaltung ganz strenger Regeln und somit weitgehend vorbehaltlich nutzen … Auch die Ultraviolett-Strahlung tue ihnen gar nicht gut, verlautete da, weshalb von längerem Verweilen in Solarien dringendst abgeraten werde! Et cetera, et cetera.

So ein Blödsinn – tagsüber! Tagsüber, bei Sonnenschein, ging er doch einerseits seiner Schein-Arbeit nach, also quasi einer Sonnenscheinarbeit; andererseits lag er, zeitgleich, das war ein ganz besonderer Kniff …, brav im alten Sarkophag in einer der zur Verfügung stehenden und in Maßen sogar gemütlichen Familiengrüfte, wiederum wahlweise in Czernowitz, in Prag oder in München …

Also, bitte, was sollte das alles von wegen gefährlicher UV-Strahlung und gesunder Sonnenkraft?! Was interessierte ihn ein neuer Trend in der Energieversorgung?! Was ging ihn das Für und Wider bei den Methoden zur Erzeugung von elektrischem Strom durch die braven Varianten wie Wasserkraft, Wind und Biomasse oder durch die bösen, durch fossile Stoffe und Nuklearenergie, denn überhaupt an?! Und: Was – und seit wann – scherten ihn denn, bitte schön, Behörden, Erlässe und Vorschriften?! Pah! (Aber denen da drunten fiel immer wieder was Neues ein!)

Freilich, eine Resthoffnung in seinem (wenn ihn wieder einmal eine Depression in ihren unentrinnbaren Krallen hatte) nicht selten tristen Dasein war ihm geblieben, und die hielt ihn am Fliegen: Dass es immer wieder eine Nacht geben und dass dem scheußlichsten, sonnendurchflutetsten und übelsten, weil ach so hellen Tag mit Sicherheit das rabenschwarze Dunkel der alles besänftigenden Nacht folgen würde! Und auch der Wahlspruch (die Familienparole) des berühmten transsylvanischen Grafen Dracula, der, wie schon kurz angedeutet, immerhin ein Urahn Igors war, versprach sozusagen expressis verbis: „Hab Zeit! Es ist nie zu spät!“

*

Das war jetzt in der Tat knapp gewesen! Fast wäre Max, so gedankenschwer trudelte er über den angenehm geringfügig und diesmal nur von dunklen Wolken verhangenen, dadurch irgendwie dünnmilchig wirkenden, jedenfalls bloß zu erahnenden Neumond eher spärlich beschienenen Nachthimmel Münchens, auf dem inzwischen noch zusätzliche Nebelformationen aufgezogen waren, mit einem anderen unbekannten Flugobjekt zusammengestoßen. Oh, ja, diese Nacht trug beinah schon eine Augenklappe … Verdammt! Das war jetzt in der Tat knapp gewesen! Nein, er durfte sich keine Unachtsamkeiten mehr leisten, verdammt!

Maximilian Igor Breininger, wohlbestallter Professor – einer von 700 übrigens – an der ehrwürdigen Ludwig-Maximilians-Universität, die mehr als 50.000 Studierende aufwies, und ein in Maßen anerkannter Sonderling (in Maßen, sowohl, was das Attribut anerkannt als auch, was den Sonderling betrifft …), Maximilian also legte daher wieder mehr Eleganz und Sorgfalt in die Schwünge, die er mittels seines stilvollen schwarzen, rot-seiden gefütterten Samt-Capes da zu vollführen bestrebt war, hoch droben, über der Frauenkirche und dem Alten wie dem Neuen Rathaus und der St.-Peter-Kirche, über dem Viktualienmarkt samt Denkmal von Karl Valentin und Liesl Karlstadt, bis hin zu den Olympia-Anlagen und nach Schwabing hinaus. Unter sich zunächst also die Innenstadt mit ihren protzigen Gebäuden voll (meist, zugegeben: vergangener) Pracht. Und von fern nur wie glosend das übrige Lichtergewimmel, erinnernd an viele, viele kleine Grablichter, mehr zu ahnen heute als zu sehen …

Erst später, auf einer neuerlichen, weitgehend elliptischen Flugbahn, auf der er dann den Englischen Garten passierte, ließ er sich wieder ein bisschen gehen (wobei ein bisschen bei einem Vampir und gehen lassen während eines Fluges irgendwie unpassende Ausdrücke sind, gewiss). Bei all der Fluglust, die zumindest bei Maximilian ganz ohne Frage eine Vorstufe zur Biss- und Blutlust bedeutete, stets Obacht gebend auf etwaige Hindernisse, ungewöhnliche Erscheinungen – wie etwa den in Schwarz gehaltenen Beobachtungs-Vogel! – und mögliche Irritationen sonstiger Art.

Max sah vorsichtig hinter sich, ob besagtes schwarzes Flatterwesen von vorhin noch da sei, und wäre erneut fast mit einem anderen Flieger kollidiert. Wie sich herausstellte: mit einer hübschen, vermutlich erst vier-, höchstens fünfhundert Jahre zählenden Vampirin mit apartem, fahl-weißem Antlitz und geradezu verführerisch eingefallenen Toten-schwarzen Augen und rötlichen wirren, lässig und, wie es schien: etwas widerspenstig, unter dem Rand ihrer Kapuze hervorflatternden Haaren, die ihn stark an ein Wesen erinnerte, aus dem er einmal getrunken hatte …, vor Zeiten … Vielleicht sogar ein bisschen en famille?! Nun, ja …

„Du – hier?“, fragte die überraschte, ja: irritierte Irina.

„Irina!“, rief Max erfreut und doch auch perplex aus. „Meine Cousine! Meine Geliebte! Meine geliebte Cousine Irina! Irina Pawlowna Ratschkow von Bluwgow-Horlawetzky!“

„Pscht!“, gebot ihm die fliegende Gefährtin blutig-bissiger Stunden rasch Einhalt in seiner Suada und flüsterte erklärend: „Ich bin quasi in cognito unterwegs …“

Sie ließen sich auf einem Dachfirst in der Nähe nieder. Ein lockerer Ziegel fiel und traf beinahe eine darunter parkende schwarze Luxuslimousine. Sonst blieb alles ruhig.

„Dann weiß dein Danilo Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow also nichts von deinem nächtlichen Ausflug über München?“, fragte Max neugierig die ehemalige Blutsschwester und Gefährtin vieler dunkler Nächte, die Geliebte und Cousine, ja: die geliebte Cousine, mit Wärme in der – sicherheitshalber auf leise geschalteten -, immer noch angenehm timbrierenden Tenor-Stimme.

„Nein, Danilo, also mein früher so heißblütiger, seit ein paar Jahrhunderten indes so Grab-artig kalter und auch sonst eher Gruft-langweiliger Gemahl, dieser vampirische Dummkopf, weilt im 17. Jahrhundert und im heimatlichen Czernowitz. Und dieser unsterbliche Drecksack ahnt selbstverständlich nichts von meiner Kurzvisite heute und an der Isar …“, erzählte die hübsche Saugerin mit einem erotisierend toten Blick aus ihren Nacht-matten Augen unter der dazu pittoresk kontrastierenden Geist-weißen Alabaster-Stirn. „Und deine … Weiber?!“ In Irinas Frage lauerten tausend Schlangen und starrten spürbar sowie durch Mark und Bein gehend in der inzwischen noch stärker umwölkten Dunkelheit wie Heilige Inquisition, KGB, CIA und NSA zusammen auf den ohnedies über Gebühr schon Gestressten.

„Meine … Weiber? Die eine, Astrid, liegt in unserer Münchener Wohnung, gleich in der Nähe, in Sölln; und das in der Jetztzeit. Numero zwo, Theresia, befindet sich in Prag, und zwar im Jahr 1919. Und meine dritte Angetraute, Sylvia, wird sich meiner Anwesenheit morgen, wieder in Czernowitz und am Beginn des Fin de Siècle, anno 1875, erfreuen können …“, antwortete Igor, der Trigamist – nicht ohne einen gewissen Stolz auf seine Potenz und vor allem auf sein Organisationstalent. Denn wenn es, zugegeben, auch mit der Fortpflanzung bis dato (noch) gehapert hatte, ansonsten durfte er von sich behaupten, in Sachen Sexualität noch nie Grund zur Klage gehabt (oder gegeben) zu haben. Da passte alles! Und das wussten seine Frauen auch zu schätzen.

„Wie schön für dich“, seufzte Irina. „Man könnte direkt neidisch werden …“

„No, dein Danilo, dieser immer nach Frischblut gierende Tausendsassa, galt, wenn ich mich da recht entsinne, immerhin als blendende Partie unter uns Untoten – damals!“, erinnerte Igor die gewesene fahle Gefährtin von Blut und Lust an das eher abrupte Ende ihrer an sich so schönen und weitgehend erfüllten Beziehung, die doch auch einige Jahrzehnte (oder – ein ganzes Jahrhundert sogar?) gedauert hatte. Und Danilo war immer außerordentlich eifersüchtig gewesen! Rasend eifersüchtig sogar! Das Blut hätte einem gefrieren können, wenn –

Das waren noch Zeiten gewesen … Oh, ja! O tempora mutantur

„Ach, Danilo! Dieser Trottel ist ja total durch den Wind! Schwirrt angewidert durch die Nächte und durch Raum wie Zeit, pöbelt herum wie ein ordinärer stockbesoffener Landsknecht oder – noch besser: – ein nach allen Regeln der Kunst abgefüllter spätpubertärer Corps-Student, zetteln hauptsächlich Zwistigkeiten und Streitereien sowie, besonders in letzter Zeit, zu allem Überfluss auch noch mit Vorliebe dumme Duelle an!“ Irina schien in der Tat verärgert.

„Was?! Duelle?!“ Max schien indigniert. „Aber die sind doch -“

„Dann wird geschossen oder gesäbelt, auf jeden Fall – geblutet, wie nicht gescheit! Und anschließend wird gesoffen, wie nicht gescheit“, erzählte die verhärmte Base weiter. „Doch kaum ist eine dieser idiotischen Lustbarkeiten vorbei, na, so geht es bald darauf munter wieder los, von vorn, erneut ab vom Start – wie beim ,Mensch, ärgere dich nicht!‘-Spiel … Manchmal denke ich, das ist so was wie die prä-senile Phase bei ihm!“

„Dann wird er doch wohl auch wieder aufhören damit, oder?!“ (Duelle? Dieser Trottel! Jaja, die Noblesse sinkt mit den Ansprüchen …, dachte er.) Doch Maximilians halbherziger Einwand kam nicht so recht ‚rüber, und Irina tat ihn quasi mit einem Flügelschlag ihres eleganten Flugumhangs beiseite.

„Ach“, flötete sie, noch trauriger als zuvor, „es ist nicht zum Aushalten mit ihm … – Außerdem, liebster Igor, ich habe fürchterlichen Durst …, Blutdurst!“

Und so flogen sie einträchtig neben einander her, bis sie zu einem der kleineren Friedhöfe in einem Randbezirk (neben Solln) kamen und eines schmusenden Pärchens ansichtig wurden.

„Die sehen doch appetitlich aus, die beiden, oder?!“, fragte Irina und war auch schon im Landeanflug. In der Tat, das Mädchen und der junge Mann, allem Anschein nach: frisch verliebt, vermittelten einen durchaus appetitlichen Eindruck.

„Ja, du hast Recht, geliebte Cousine“, antworte Maximilian, dem ebenfalls schon das Wasser im Mund zusammen zu rinnen begann. „Ich komme!“

Fortsetzung folgt!

 

Czernowitz, im Winter 1875.

Ruhig fließt der Pruth dahin, wie er das eben so zu tun pflegt, und hebt nicht einmal – um hier, weil es notwendig erscheint, kurz Joseph Viktor Scheffel aus dessen Preisgedicht zur Eröffnung der deutschen Nationalitäten-Universität von Czernowitz, anno 1875, zu zitieren – verwundert (…) im Schilf sein Haupt, das flutumschwemmte. Kurz: Den Czernowitz durchfließenden Strom schert das, was sich ringsum in der von einem schwachen Mond kaum wirklich erhellter Nacht alles so tut, rein gar nichts. (Auch, gesetzt den Fall, der alte Vater Rhein würde ihn, den Pruth, rein gar nichts scheren, oder Tante Donau …)

Doch merket fein auf: Seit es das römische Lager Caenia gegeben hat, das viel später, dank Gregor von Rezzori und literarisch gefärbt zu Tschernopol werden sollte, seit Caenia also und dem habsburgischen Czernowitz, von den neuen Machthabern nach 1918, den Rumänen, in Chernovtsy umbenannt, seit es Czernowitz, wir bleiben dabei, gegeben hat und gibt, lassen ihn, den den guten alten Pruth, nämlich Vampire, karpatisches Wolfsgeheul und treudeutsche Butzenscheibenpoeterey à la Scheffel eher kalt. (Oh, welch ein Satz!)

Auch dass diese, von ihm, dem Pruth, treu und brav (ansonsten jedoch, wie gesagt, eher teilnahmslos) durchflossene Stadt lange Zeit hindurch die als durchaus blühend gelobte Kapitale des östlichsten der k.u.k.-Kronländer, der Bukowina (Buchenland) also, wie schon erwähnt, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zunächst rumänisch, später unter Stalin dann russisch, noch später ukrainisch geworden ist, stört den oben so hübsch besungenen Fluss allem Anschein nach kaum.

Oder – er hat sich damit abgefunden.

So wie sich die einzelnen Volksgruppen in der Zeit davor gegenseitig – zumindest während der Ära, die sie unter österreichischer (habsburgischer) Oberhoheit standen – nicht als sonderlich störend empfunden haben sollen, wie es heißt. Nein, man vertrug sich untereinander recht gut, sogar, wenn von gegenseitiger Liebe freilich aufgrund der divergierenden politisch-ideologischen Ausrichtungen auch nicht unbedingt die Rede sein konnte …

In der Bukowina verfügten – die Zahlen beziehen sich auf 1910, das Jahr der sogenannten nationalen Personalautonomie (einer Nachbildung des Mährischen Ausgleichs) – die Ruthenen, wie man damals üblicherweise die Ukrainer nannte, die den Norden der Bukowina bewohnten, mit 38,4 Prozent über den größten Bevölkerungsanteil. Auf die zweitstärkste Gruppe, die Rumänen im Süden des Landes, entfielen 34,4 Prozent. Nur neun Prozent machte der Anteil deutschsprachiger Österreicher aus, die sich seit der offiziellen Übernahme des Buchenlandes von den Osmanen durch das Haus Habsburg im Jahr 1775, aus der Pfalz, aus Schwaben und Hessen, aus dem Böhmerwald und der Zips (Slowakei), aber auch aus Bayern und den österreichischen Kernländern selbst kommend, hier angesiedelt hatten. Dazu gesellten sich außerdem einige zahlenmäßig noch kleinere Volksgruppen, wie zum Beispiel Polen und Juden.

*

Zwar bildeten die deutschsprachigen Bewohner eine zahlenmäßig nur schwache Gruppe, doch war das Deutsche immerhin Amtssprache. Und aus der Anerkennung der deutschen Wissenschaft und Bildung durch die anderen Völkerschaften heraus war überhaupt erst der Wunsch aller nach einer deutschen Universiät – freilich: unter stärkster Berücksichtigung der ruthenischen und rumänischen Ansprüche in den Fakultäten – erklärbar. Und so hatte die zu gründende Alma Mater Franciso Josephina (die Deutschsprachige Nationalitäten-Universität von Czernowitz) immerhin im rumänischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Constantin Tomaszczuk einen ihrer prominentesten Förderer gefunden, der auch Vertreter aller anderen Fraktionen für die Idee zu begeistern vermochte. (Siehe dazu: Anton Adalbert Klein, Leben und Werk Raimund Friedrich Kaindls. In: Rudolf Wagner [Hg.], Alma Mater Francisco Josephina. Die deutschsprachige Nationalitäten-Universität in Czernowitz. München 1975.)

Verschiedene Völkerschaften bewohnten also die Bukowina, das Buchenland, dessen Name übrigens auf das ruthenische/ukrainische Wort buk für Buche zurück geht. Und im Norden gab es tatsächlich ein kleines, mit Buchen bestandenes Wäldchen auf dem Gebiet eines gewissen Grafen Wassilko, dessen Ahnen – deshalb auch unser verhältnismäßig langes reminiszierendes Verweilen hier – mit denen Igor Kövösty-Kelemens (und gleichzeitig natürlich auch denen seiner Lieblingscousine Irina) verwandt waren … (Zur Geschichte der Bukowina siehe: Rudolf Wagner, Vorgeschichte. In: Ders. [Hg.], Alma Mater Francisco Josephina. A.a.O.)

Die Völkerschaften, aus der sich die Menschensuppe der Bukowina zusammensetzte, sie alle sollen, wie gesagt, weitgehend einträchtig neben- und gelegentlich sogar miteinander gelebt haben. Vielleicht handelte es sich, im übertragenen Sinn, bei besagter delikater Vorspeise um ein auch von den Vertretern anderer Nationalitäten gern konsumiertes ruthenisches/ukrainisches Gericht, nämlich um die berühmte Rote-Rüben-Suppe mit Namen Borschtsch …?! Und, man staune, sogar die Studenten in Czernowitz, die in aller Regel in konkurrierenden Burschenschaften organisiert waren, fanden – zumindest auf dem Boden der Universität – einen status vivendi mit- und zueinander. (Um Irritationen zu vermeiden, war es ihnen allerdings untersagt, die Universität selbst in den Farben ihrer Verbindungen zu betreten …)

1875. Die Alma Mater Francisco Josephina war also offiziell als deutschsprachige Nationalitäten-Universität auf Vorschlag des Reichsrats und mit gnädigem Einverständnis des Kaisers Franz Joseph I. als zusätzliche wissenschaftliche Zierde und zum Behufe höherer Bildung in der Doppelmonarchie eben erst gegründet und am 4. Oktober des Jahres feierlich eröffnet worden. Samt Joseph Viktor (seit 1886: dann von) Scheffels zuvor erwähntem Preisgedicht, diversen Festivitäten, Reden und Hektolitern von Bier, die sich nicht nur die vielerlei Farben tragenden Studiosi durch die vermutlich stets durstigen Kehlen rinnen ließen.

Doch neben dem Poeten Scheffel, diesem mehr als bloß schwärmerischen Schöpfer des lange Zeit hindurch überaus bekannten und beliebten Buches „Der Trompeter von Säckingen“ und diversen weitgehend (spät-)romantischen Studenten-Liedguts („Gaudeamus igitur“), der da also von außen, vom Rhein her, wortklingelnd sein – zugegeben: nicht selten ziemlich epigonales, allemal indes nach hinten gewandtes – Lob auf Czernowitz und seine neue Universität sang, hörte der eigensinnige Fluss vermutlich auch nicht auf den patenten Lustspielautor und politisch-ideologisch erstaunlich wandelbaren Schriftsteller Hermann Bahr, der am Beginn der 1880er Jahre eine Zeit lang sogar an besagter Francisco Josephina inskribiert gewesen war; bis man den Aufmüpfigen, verschiedener Umtriebe und unstandesgemäßen Verhaltens wegen, relegieren zu müssen glaubte.

Kuriose Reminiszenzen, die er dann, nach 1900, als spiritus rector der Literatengruppe „Jung-Wien“, in den wechselnden Künstlercafés der Donaumetropole an die schreibenden Freunde (und andere miteinander innigst verfeindete Zunftgenossen der von Tinte und Vorurteilen triefenden Feder) weitergegeben haben mag; so vielleicht an Hugo von Hofmannsthal, Peter Altenberg, Karl Kraus …

Ebenso wenig wird der Pruth übrigens später den Worten des auch schon kurz erwähnten, hochtalentierten und vielseitigen Gregor von Rezzori lauschen. Im Gegenteil, wieder mag sich das Gewässer als eher indifferent erweisen. Obschon: Just dieser weltgewandte Autor österreichischer wie halb-italienischer Abstammung, der mit Berechtigung als typischer Altösterreicher tituliert wird und der in seinem breiten und wehmütig-amüsanten Oeuvre („Maghrebinische Geschichten“, „Ödipus vor Stalingrad“, „Mir auf der Spur“ et cetera) eine verklungene wie versunkene Welt beschreibt, hat immerhin hier das Licht der Welt erblickt. Und das noch dazu im Schicksals-Jahr 1914. (Übrigens, wie Rezzori penibel erläutert, nicht in, sondern vor Czernowitz – nämlich noch in der Kutsche …)

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Kaum zu glauben, dass hier, knappe hundert Jahre früher, bevor am 6. Mai 1775 in der Konvention von Konstantinopel das Haus Österreich vom Osmanischen Reich die völkerrechtliche Abbrobation erhalten hatte, sich diesen (ein Jahr zuvor schon in Besitz genommenen) Gebietsstreifen von 10.442 Quadratkilometern offiziell einzuverleiben, einander noch marodierende Soldaten verschiedener Nationen auf einem verwilderten Waldgebiet ein wenig ersprießliches Stelldichein gegeben hatten, nun sogar eine Universität entstanden war!

Alsdann, 1875. Ruhig fließt der Pruth dahin. Von einer der vielen Kirchen (dem Klang nach: vermutlich einer katholischen) läutet es zweimal. Und von etwas weiter weg lässt sich – wie auch anders? – ein Käuzchen hören. „Schuhuh …, Schuhuh …“ Direkt romantisch.

Dr. vet. Alexander Igor Gels, der angesehene, allseits beliebte Tierarzt und gewiefte Tarockpartner, frönt seiner Leidenschaft: dem Blutsaugen. Gels ist nämlich nebenbei Vampir.

Kann man überhaupt Vampir sein – nebenbei? Ist die Sache für einen Nebenjob denn nicht zu ernst, ja: blutig ernst?!

Nun, unser Viehdoktor nimmt das Vampir-Dasein ja auch nicht auf die leichte Schulter. Keineswegs. Für Alexander ist die Blutsaugerei zumindest gleich wichtig – wie das Tarock. Und das will etwas heißen, denn das edle Spiel, selbst durchaus magisch verbrämt, denken wir nur an das nahe verwandte Tarot, bedeutet ihm in der Tat viel. Er spielt, sozusagen, mit Herzblut. Und beim Beißen ist es kaum anders.

Doch auch den Tieren, die er aufs Beste zu behandeln weiß, und seiner schönen schwarzhaarigen Frau Sylvia, mit der er nicht ganz so akkurat verfährt, gehört all sein Trachten und Handeln. Und getragen ist das Ganze von einer elementaren Sehnsucht: von Alexanders übergroßem Wunsch nach einem Kind! Endlich möge sich Nachwuchs einstellen!

Er hat sich, eingehüllt in ein schwarzes, innen mit roter Seide gefüttertes und durchaus flugtaugliches Cape, auf dem katholischen Friedhof niedergelassen. Gels ist zwar kein Antisemit, doch der jüdische Friedhof taugt ihm olfaktorisch nicht (obwohl just der von Czernowitz als sehr gepflegt gilt): zu viel Knoblauch … Gels geht es immerhin um Blut. Und da die jüdische Küche bekanntlich mit dem erwähnten Accessoire nicht allzu sparsam umgeht, hat er gegen Judenblut nun einmal eine gewisse Aversion. (Er würde es in diesem Punkt übrigens auch keinesfalls mit den zeitgeistigen Abweichlern halten, die seinem einen Alter Ego, nämlich Prof. Maximilian Igor Breininger, sogar über 120 Jahre später und zu München, gehörig auf den Sack gehen! Man muss das verstehen: Dr. vet. Gels ist – noch mehr als Breininger und das dritte Alter Ego, der Uhrmacher-Meister Franz Igor Chronstätt, 1919 zu Prag – irgendwie doch ein wenig …, nun ja: Traditionalist.)

Gels würde niemals Judenwitze reißen oder schlecht von seinen Mitbürgern mosaischen Glaubens denken oder reden. Nur ihr Blut bringt er einfach nicht ‚runter. Da spielt quasi die typische Knoblauch-Allergie der Vampire hinein, eine echte Unverträglichkeit also. (Von diesbezüglichen Problemen im Zusammenhang mit Laktose und Ähnlichem spricht noch niemand, wir befinden uns – daran sei sicherheitshalber erinnert – ja erst im Jahr 1875.)

Da schlägt er also einer leicht abgestandenen katholischen Jungfer, die eben dem Pfarrhaus neben der dunklen Kirche entgleitet – sollte es sich bei der Dame am Ende um die geheimnisvolle Geliebte des Pfarrherrn Tobias Rumsstätter handeln?! Oh, Gott! -, seine Hauer in die Halsschlagader und erfreut sich am saftigen Blut, das heftig aus der Wunde sprudelt. Später wird er die Ausgeblutete dann behutsam an einen der Grabsteine lehnen und darauf hin, durchaus gesättigt sowie guter Dinge, zurück nach Hause fliegen.

In der Früh erwacht, wird sie, die übrigens Hedwig Schmalhans heißt, alles für einen schlechten Traum (na, so schlecht war der dann ja doch nicht!), also …, für einen Traum halten. Erst wenn sie die typischen Spuren seines Bisses im Spiegel bemerkt und ein wenig argwöhnisch näher untersucht, dämmert ihr vielleicht etwas – und sie gehört ab nun dazu, zur umfangreichen Gruppe der Vampire und Untoten … (Bald dann vielleicht auch Monsignore Tobias Rumsstätter?! Oh -)

Wieder im ehelichen Schlafzimmer angelangt, an der Seite seiner Frau Sylvia liegend, deren Körperaromen weich und warm auf seine Seite herüberfließen wie ihr offenes, langes, schwarzes Haar, gedenkt er nochmals kurz seiner Situation und des traurigen Umstands, dass sie beide auch nach all den Jahren ihrer Ehe immer noch im Zustand der Kinderlosigkeit verharrten. Erst möchte er auf der Stelle einem starken Beischlafimpuls nachgeben; doch er weiß, nur jeden ersten Samstag im Monat ist Zeit für den mehr oder minder zärtlichen Säfteaustausch. Auf dieses Agreement zwischen Ritual und Pflichterfüllung haben sie sich nun einmal geeinigt. Dummer Weise, zugeben. Oder – so würde er als Münchener Volkskundler Max vielleicht sagen – „G’schnackselt wird nach Plan!“ Und nicht, wenn einer gerade Lust hat, mitten in der Nacht und unter der Woche. Und überhaupt …

Schade, denkt Alexander.

Gerunzelter Stirn schläft er schließlich ein.

Warum er just heute Nacht doch noch von Judenblut träumen wird, bleibt unklar.

Fortsetzung folgt!

 

Prag, im Sommer 1919.

Es mochte in gewisser Weise eine Ehre sein, im übertragenen Sinn in Reichweite des legendären Erfinders des „Braven Soldaten Schejk“, des tschechischen Schriftstellers und Satirikers Jaroslav Hašek, im „Krug“ die köstlichen Knedliky mit Sauerkraut, das Kalbsfaschierte oder das hervorragende Bierfleisch zu konsumieren, mit Genuss und Nachdruck.

Nun, der Uhrmachermeister Franz Igor Chronstätt schätzte gutes Essen durchaus. Und die Küche Böhmens, um die es ihm in erster Linie ging, war nachweisbar auch im Jahr 1919 immer noch eine ausgezeichnete; und sollte das auch durchaus bleiben, egal unter welchen politischen Machthabern immer. Und die wechselten an der Moldau bekanntlich ziemlich oft.

Natürlich, auch einem kühlen Bier hätte Vampir Igor kaum jemals seine Sympathie vrweigert. Nein, ganz im Gegenteil! Er stand offen zu seinem Genießertum – egal, ob er gerade außer Haus speiste (und trank), oder ob er sich von seiner hübschen Frau Theresia diesbezüglich verwöhnen ließ. Und auch sie beherrschte diese Kunst in überzeugender Weise!

Den Autor Hašek kannte Chronstätt zwar nicht persönlich, doch wusste er ein wenig über den subversiven Erfinder des nicht minder subversiven „Braven Soldaten Schwejk“ Bescheid, der prall-sympathischen Romanfigur, die indes erst ab dem Jahr 1921 an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Und insgeheim fühlte er sich, was eben die Subversivität betraf, ein bisschen wie ein Bruder im Geist der beiden: des Autors und seiner berühmten Figur, die beide das Ja-Sagen auf die destruktive Spitze zu treiben verstanden; und sich allein schon dadurch für die Rolle als Sand in jeglichem bürokratischen Getriebe hervorragend eigneten.

Nicht nur unter den zuletzt schon ziemlich marode dahin-flatternden Fahnen Altösterreichs mit dem nicht minder Schwingen-lahmen Doppeladler darauf, sondern auch unter der neuen, nun nicht mehr österreichisch-ungarischen Führung. Jetzt, da Böhmen also nicht mehr zu den Kronländern Habsburgs gehörte.

Schade eigentlich, dass sich Hašeks und Chronstätts Wege nicht tatsächlich kreuzten, was durchaus in eine (vermutlich nicht ganz friktionsfreie, doch interessante) Beziehung hätte münden können. Zumindest hätte Franz Igor Chronstätt dem genialen Satiriker bei Bedarf mit großer Freude und Sorgfalt die alte silberne Taschenuhr repariert …

Doch der an Tuberkulose erkrankte Dichter (und starke Trinker) Hašek suchte, gesundheitlich schon enorm geschwächt aus dem Weltkrieg zurückgekehrt, Prag und die hiesigen Lokalitäten kaum mehr auf. Er würde dann, 1923, nicht einmal ganz vierzigjährig, in Lipnice sterben.

Doch vor dem Großen Krieg hatte vermutlich jeder der beiden für sich im „Krug“ seine Wildente mit Weichseln, die gefüllten Tauben, das Gedämpfte Rinderfilet und die Kohlsprossen-Sauce sowie die finalen Liwanzen mit Powidl gegessen. Und seine paar Biere getrunken dazu.

Ob Jaroslav Hašek ihm, dem Uhrmachermeister (und Vampir) Franz Igor Chronstätt, aus seinem Dilemma der Kinderlosigkeit hätte helfen können – allein vielleicht, indem er ihm ein paar gute (literarische) Tipps offerierte -, sei dahingestellt. Wir wissen: Das Herstellen von Kindern gehört nun einmal nicht in erster Linie zu den gängigen skriptoralen Verfahren; und überhaupt, wer sagt denn, dass gute Autoren quasi automatisch auch Geber guter Ratschläge sein müssten?! Vielleicht hätte Hašek den Vampir auch bloß auf ein Bier mehr eingeladen … Oder sich, vice versa, von Chronstätt auf eines einladen lassen.

Die Zeiten waren alles andere als gut, und die politischen Umwälzungen waren radikal. Österreich und Ungarn wurden von den Siegermächten als Rechtsnachfolger der Donaumonarchie und somit als Anstifter des Krieges angesehen. Aus den ehemaligen Ländern der Krone bildete sich neue Staaten, hier war es die Tschechoslowakei; doch vieles war noch in politischer Auflösung, manches von Konsolidierung weit entfernt. Das aus dem Weltkrieg an Deutschlands Seite geschlagen hervorgegangene (nunmehr Deutsch-)Österreich, dieser traurige Rest der Habsburger Monarchie, war also Verlierer des unglücklichen Waffengangs. Und die Tschechen würden, nach dem in Kürze, nämlich am 10. September, zu unterzeichnenden Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye, zu den Siegerstaaten gezählt werden.

Für Chronstätt, einen eingefleischten Monarchisten, war das wohl ein ziemliches Desaster. Und für Jaroslav Hašek? Wir getrauen uns hier nicht zu beurteilen, ob überhaupt und wenn: wie sehr der Satiriker dem österreichisch-ungarischen Doppeladler nachweinte. Um ein paar in ihrer Komik treffende Bemerkungen zum Thema wäre er mit Sicherheit nicht verlegen gewesen. Und, wie gesagt, Bier hätten sie immerhin zusammen getrunken. Viel Bier.

Dass Franz nach den Ausflügen in die diversen Bierschenken und Restaurants – mal allein, mal in Gesellschaft – beinahe immer auf andere, eindeutige Fluggedanken (und Beißgelüste!) kam, um schließlich vollkommen in vampirische Blutgier zu verfallen, darf nicht verwundern. Denn wenn Blut auch ein ganz besonderer Saft sein mag, ein paar Biere, etwas Wein oder Schnaps lassen sich schon mit der Urgewalt des diesbezüglichen Triebs vereinbaren. Zumindest hoben sie, vorbereitend genossen, die Stimmung – und wenn auch nur eingebildet.

Doch in froher Zecherstunde fand sich (zumindest in Franzens Vorstellung, die vor keinem Anachronismus zurückschreckte) oft auch der skurrile Jean Paul zur Zecherrunde an ihrem virtuellen Tisch ein, um die pokulierfreudige Gesellschaft aufs Trefflichste zu ergänzen. Und bevor der stets bizarrer Gedankenkonstrukte fähige Johann Paul Friedrich Richter aus dem Fichtelgebirge dann ansetzte zum abschließenden und schon obligaten skurrilen Loblied auf den gebratenen Pürzel des lieben Federviehs – in Czernowitz nannte man den Hühnersteiß übrigens gern (warum auch immer) Bischof -, versetzte etwas Unbekanntes, Bedrohliches dem Uhrmacher-Meister Franz Igor Chronstätt nicht selten einen kleinen Stich ins Herz. Ja, er würde wohl weiterleben – ewig, untot; aber kinderlos.

Und dabei war er noch nicht mal Jean Pauls (zugegeben: ein wenig abwegiger) Idee der hölzernen Ehefrau nähergetreten. Doch konnte so ein Surrogat überhaupt zur Lösung seines wesentlich tiefergehenden Vitalproblems beitragen? Wohl doch eher – nicht …

Meine Frau ist so alt wie mein Kanapee, 49 Jahre; gerade so lange ist es auch, dass ich mit ihr im harten Stande der Ehe lebe“, heißt es bei Jean Paul. Kein Wunder schier, dass er – allen Unernstes – seiner Holzgattin unter anderem das Antlitz einer Moses-Statue aufschrauben (oder annageln) möchte; oder, noch wohlfeiler, einen Haubenkopf von der hiesigen Haubenmacherin zu erwerben beschließt, „der eine glückliche Physiognomie hätte und damit einigen Witz, ein wenig Nachdenken und andere Seelengaben verspräche: so wär’s gewiss am allerbesten.“

Später, in der lauen Nachtluft, verflogen die bizarren Gedankengänge des Jean Paul und auch die amüsanten Phantastereien des Jaroslav Hašek im Nu wieder. Und Franz zog, nachdem er das fürsorglich mitgebrachte Vampir-Gewand übergestreift hatte, seine Kreise über den dunklen und nebeligen, mondlosen Prager Nachthimmel.

Er hatte mit einem Mal zwar unbändige Lust – auf Blut; doch, nach guter Vampir-Art hatte er dennoch (und vor allem) – Zeit. Nichts überstürzen!

Und dann, kurz darauf: Da unten, genau! Ein allem Anschein nach blondes Mädchen lugte vorsichtig aus dem Fensterchen ihrer Kammer!

Also, nehmen wir es für einen Orakelspruch, eine Äußerung der nächtlichen Mächte, dachte Franz, wenn sie jetzt das Fenster offen lässt, dann – – –

– – –

Er wischte sich die letzten Bluttropfen vom Mund und lächelte dankbar. Dann erhob er vom Lager der nunmehr Ohnmächtigen und machte sich, vom (leider recht engen) Mansarden-Fenster aus, zum Abflug bereit. Beinahe hätte er den jungen Mann (nach dem die Hübsche eigentlich Ausschau gehalten und für den sie das Fenster geöffnet hatte) von der in der Zwischenzeit vom späten Amanten hier ans Haus gelehnten Leiter gestoßen! Doch der erfing sich gerade noch … Und Franz entglitt mit fliegenden Schößen seines wehenden schwarzen Umhangs in Richtung Hradschin.

Er wollte nun heim, heim ins Bett und an die Seite seiner braven, treusorgenden Theresia.

Fortsetzung folgt!

 

Von Gott & Teufel, Tag & Nacht, Biss & Krieg

Immer, wenn Igor Kövösty-Kelemen, egal ob er nun als Prof. Maximilian Igor Breininger hauptsächlich durch den Münchener Nachthimmel, vorbei an den Türmen der Frauenkirche und des Neuen Rathauses, über Hofbräuhaus und Residenztheater, über den Englischen Garten und Schwabing oder Solln in der Jetztzeit segelte; ob er anno 1919 als Franz Igor Chronstätt über den Sakralbauten, Palastanlagen, Hotels und Gasthöfen zwischen dem Hradschin mit dem Sankt-Veits-Dom und der die Moldau kraftvoll überspannenden Karlsbrücke schwebte; oder ob er als Dr. Alexander Igor Gels über der noch neuen Universität, über dem Ringplatz und dem Rathaus oder dem prächtigen Sitz des griechisch-orthodoxen Metropoliten von Czernowitz im Jahr 1875 herumruderte: Immer beschäftigten den bissfreudigen Vampir im weitesten Sinn philosophische, ja, nicht selten auch theologische Gedanken. Und nicht wenige davon hätten andere vermutlich als ketzerisch angesehen und abklassifiziert. Doch war er am Ende Baruch de Spinoza, den seine Zeitgenossen noch ob seines Rationalismus und Pantheismus verfolgen konnten?! Oder war er vielleicht Martin Luther, der sich durch seine radikalen Reform-Ideen im übertragenen Sinn beinah in Teufels Küche manövriert hatte?! – Nein. Er war zwar insgeheim und von seiner Umwelt im Allgemeinen unbemerkt Vampir, ansonsten jedoch galt er, egal wo und in welcher Zeitebene, als braver Normal-Bürger.

Insgeheim, wie gesagt, ging es ihm naturgemäß – nämlich seiner Natur gemäß – ums Blutsaugen; doch nicht allein darum. Eben auch ums Denken und ums Philosophieren und Spintisieren, wenn er seine solistischen Kreise über schlafende Städte, murmelde Flüsse und sanft vor sich hin dampfende Parkanlagen zog; wenn er über anmutigen Auen schwebte oder seine einsame Bahn über schwarz-grünem Tann beziehungsweise über Herbst-buntem Mischwald zog; alles das im satten Dunkel und in der wattigen Wolkenverhangenheit der Nacht … Nein, nicht nur ums Blutsaugen. Wenngleich diesem so wichtigen – im weitesten Sinn: lebenserhaltenden! – und durchaus genussreichen Tun nicht selten auch der Hauch einer sakralen, mindestens einer rituellen Handlung anhaftete, ging es dabei, ähnlich wie beim tagtäglichen Broterwerb und im Alltagsberuf, letztlich ja doch bloß um eine simple Existenzgrundlage …

Nein, sein Dasein als Vampir, das ihn nun schon durch viele Jahrhunderte so umtriebig hatte sein lassen und auch weiter sein ließ, ja: Jahrhundert für Jahrhundert, Tag für Tag und vor allem: Nacht für Nacht, dieses Da-und auch-wieder-Nicht-Da-Sein, bedachte man seine (quasi zweite) Wesensform als Untoter! -, es ließ ihm doch noch genug Freiräume zu so mancher Überlegung, zu (nicht selten auch) erstaunlichen Gedankenkonstrukten und sogar zu beachtlichem Gegen-Denken. Es war nicht selten so etwas wie geistige Onanie, was Igor da nächtens trieb bei seinen einsamen Flugabenteuern. Er, der seinen – sagen wir mal: eigentümlichen – Urgesetzen verpflichtete (und ihnen gehorsam folgende) Vampir, so blutleer noch zunächst und selbstverständlich immer auch auf Beute aus, möglichst knackig und frisch (optimal: weiblich!), er gab sich mit Leidenschaft und doch besonnen seinen Gedanken hin. Diskutierte, sozusagen, im Stillen mit sich selbst, bezog Stellung und argumentierte.

Ja, Igor war überhaupt ein Viel- und Querdenker, einer, der es sich nicht so leicht machte wie mancher seiner Mit-Vampire: nämlich oberflächlich, brutal und primitiv, bloß auf möglichst raschen Blutrausch aus; Blutsäufer, nicht Bluttrinker eben; ansonsten weitestgehend frei von tieferer Empfindung (oder gar Empathie!) und beim bissigen Tun zudem bloß ungehemmt; allerdings – zielgerichtet und effektiv; indes entsprechend uncharmant. Kurz: Sie waren zumeist keine Hämoglobin-Connaisseure oder Thrombozyten-Gourmets! Ganz im Gegenteil! Sie begnügen sich mit dem stillosen Saufen aus der Blutkonserve, diese nimmersatten Gourmands! Und schwoll da in ihrer Nähe auch nur eine Halsschlagader – schwupp, auf sie mit Enchanté!

Nein, Igor war da anders: Er zelebrierte sein Vampirtum. Alter Vampir-Adel verpflichtete.

*

Wie gesagt, Igor dachte.

Nachts, wenn er in luftiger Höhe seine Kreise zog zwischen den stattlichen Türmen der katholischen Kirchenbauten, im Angesicht der satt und behäbig wirkenden Kuppel der orthodoxen Residenz und wohl auch dem Bau der Synagoge oder über den Parkanlagen und Friedhöfen von Czernowitz, wenn der Pruth nur mehr gedämpft sein Lied sang, das leise zu ihm herauf drang durch Nebelschwaden, die ihm oft wie feine, unwirklich-durchscheinende Spinnweben erschienen. Dann verwandelte sich nicht selten alles um ihn herum in dieses eigenartige, an uralte Keller erinnernde, gruftige Ambiente … Schaurig-schön und unheimlich-heimelig.

Nachts auch, wenn sich ein Schleier über die Altstadt und das Judenviertel Prags legte und die Moldau unter dem einsamen Flieger Igor ruhig dahinfloss, wenn kein Bierdunst mehr und kein Knödelduft in die Luft aufstiegen (oder zumindest nur mehr wenig davon) und die ingeniöse astronomische Uhr am Rathaus ihre Faszination ein Mal ausschließlich für sich selbst – und eventuell: für ihn – verströmte.

Nachts auch im schönen, jetzt schon weitgehend trägen und dösenden München, im Anflug an ein spätes, indes blutvolles Menschenwesen, dem er zuletzt dann doch noch, zugegeben: ein wenig animalisch seine Hauer in den Hals graben würde – wenn auch, bitte schön, nicht ohne Behutsamkeit und Charme! -, da spürte er aus der Höhe die Isar-Metropole pochen wie ein schlafendes Herz; ein Kreislaufsystem des Bluts, eines freilich mit modernem, sozusagen: digital gemessenem Puls.

Und wieder durchpflügte er, neu gestärkt und verjüngt, den von einem schwachen Neumond mehr verdunkelten als erleuchteten architektonischen Prunk, bevor er sich – meist über dem Englischen Garten – Beruhigung holte. Denn der originelle Chinesische Turm war nachweislich kein in die Höhe strebender (phallischer oder auch nicht-phallischer) Kirchenauswuchs! Oder?!

Kirche. Kirchenauswuchs. Kirchenwildwuchs.

Zumindest ein Etappenziel der Religion (und die äußerte sich nun einmal in ihren Kirchenbauten und in den bedrohlichen Strukturen ihrer Glaubensgemeinschaft) war und würde immer sein: die Unterdrückung und zuletzt das Ende der menschlichen Selbstbestimmung.

Die Kirchen, also die Religionsgemeinschaften (wahrscheinlich: alle), hatten es vermutlich von Beginn an darauf abgesehen, den Menschen durch Vorspiegelung zum Teil hanebüchener Trugbilder gefügig zu machen, indem sie seine Ängste anregten und ihn religiös süchtig machten – durch Gewohnheit! Zumal die römisch-katholische Kirche gerierte sich dabei freilich als stolze Repräsentantin diesseitiger Macht, penible Eintreiberin diesseitiger Abgaben, eifersüchtig bedacht auf ihr (woher eigentlich stammendes?) durchaus diesseitiges Recht – und nicht minder auf ihren wirtschaftlichen wie politischen Vorteil. Sie spielte hinreißend virtuos auf der Orgel der Furcht, indem sie, die Register der Pein gekonnt ziehend, nach Bedarf, mit allen nur erdenklichen Schrecknissen drohte, die ihr prall gefüllter Bestrafungsfundus aufzubieten vermochte. Und besonders die Nächte sollten der Verunsicherung dienen!

Überhaupt, was das Christentum betraf, so emanzipierte es sich – Igor will hier gar nicht weiter eingehen auf die zeitliche Distanz zwischen dem Leben des Jesus aus Nazareth und den Aufzeichnungen der vier Evangelien, wie man sie heute kennt -, überhaupt emanzipierte es sich also bald schon vom Wort Christi (über die Liebe und so …) und von den eigentlichen Glaubensinhalten des Anfangs. Da sollte alsbald wenig bleiben von den hoffnungsfrohen Ausführungen – etwa in der mitreißenden Bergpredigt – oder von den zu großen Teilen bis heute durchaus nachvollziehbaren, weil klugen Sentenzen zur Ruhe des zufriedenen Herzens, der eindeutig der Vorzug zu geben sei gegenüber eitler (politischer) Macht … Da tönte es vielmehr von Strafdrohungen und Beschwörungen der Verdammnis!

Gleichzeitig blies sich das Christentum alsbald förmlich auf wie ein Gasballon, von der eigenen Bedeutung (welcher eigentlich, bitte?!) schier strotzend und voller durchaus weltlicher Machtgelüste. Wohl wissend – denn die frühen Anführer bis hin zu den sogenannten Kirchenvätern mit ihrer Greisenweisheit, die quasi das theoretische, das theologische Unterfutter für den Mantel der Qualen zu liefern hatten (übrigens, ohne dass jemals ihre Kompetenz hinterfragt worden wäre!), sie waren ja nicht blöd! -, wohl wissend also, dass man das christliche Fußvolk, ähnlich, wie sich das bei den weltlichen Machthabern (und auch anderen, früheren Glaubensgemeinschaften, Religionen und religiösen Strömungen) stets hervorragend bewährt hatte, optimal mit Zuckerbrot und Peitsche traktieren könnte! Denn nur so hatte man eine Chance, die tumbe Masse bei der angeblich heiligen Stange zu halten!

Nicht von ungefähr geht bis heute der falsch zitierte Satz des Karl Marx um von der Religion, die Opium für das Volk sei. (Marx in seinem Aufsatz „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosopie“ von 1843: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“ Er meinte jedoch damit, dass die Unterdrückten die Religion, im Selbstbetrug befangen, als Droge benutzten. – Zitiert nach Büchmann, „Gefügelte Worte“, wo übrigens auch auf Novalis als Erstbenutzer des Vergleichs von der Religion mit einem Opiat hingewiesen wird.)

Die Amtskirche? Ja, die Amtskirche! Und, egal wo auf dieser Welt und in welchem Kulturkreis auch, ihre ständige unerquickliche Verquickung mit den Machthabern, mit den Obrigkeiten der jeweiligen Staaten. Ob Stammesverband oder Europäische Union, Nomadengemeinde oder Vereinigte Staaten von Amerika, Großmacht oder kleiner Spezialverband. Egal, ob in gewohnt abendländlich-christlicher Machtentfaltung (und vermutlich immer noch schwelgend in den Reminiszenzen an blutige Kreuzzüge, an Inquisition und Hexenverbrennung) oder im Islam, der sich (bei und trotz aller Zerrissenheit in den sich aufs Ärgste befehdenden Glaubensuntergruppen wie den Schiiten und Sunniten, aktuell zudem angesichts der Terrormilizen des selbsternannten Islamischen Staates) nicht weniger Angst-einflößend immer wieder von seiner inhuman fundamentalistischen und waffenklirrenden Seite zeigt: Es geht um Macht.

Außerdem, dort wo kirchliches auf profanes, weltliches Machtstreben trifft, wird meist sehr rasch eine unheilige Allianz geschlossen. Leider ohne viel zu bewirken, haben sich dagegen schon die Aufklärer ausgesprochen, etwa, wenn es um religiöse Bevormundung geht. (So attackiert zum Beispiel der Forscher und Weltreisende Georg Forster in seinem „Fragment eines Briefes an einen deutschen Schriftsteller“ seinen Kontrahenten, Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, wegen dessen Kritik an Friedrich Schillers Elegie „Die Götter Griechenlands“ und der darin geäußerten Zivilisationszweifel. Forster, prominenter Denker und Freund der Brüder Alexander und Wilhelm Humboldt, empfiehlt dem Staat und der Politik, sich weniger um die Glückseligkeit der Bürger zu bekümmern und mehr auf den Schutz der Freiheit zu achten; das und die Achtung ihrer Selbstbestimmung wären zur allgemeinen Wohlfahrt nötig. [Genaueres dazu findet sich in Manfred Geiers profunder Biographie „Die Brüder Humboldt“, 2009.])

Überhaupt – diese Macht-Verhaberung! Die unappetitliche Grundlage für so manche üble Mauschelei und ehrlose Verbrüderung, die sich in der Folge für die Allgemeinheit zumeist auf Jahrhunderte hin negativ auswirken. Manch unsägliche Kräftebündelung entsteht solcherart, die sich in einem Netzwerk von Geboten oder Interdikten niederschlägt, die für die Allgemeinheit zudem meist sinn- und nutzlos sind. Mitunter letztlich auch bloß ein inhaltsloser Ausdruck von Macht. Wenn für nichts anderes gut, dann eben als Selbstzweck; freilich auch als überaus gefährliches Gewaltpotenzial.

Ja, diese Verquickung, die ausschließlich auf gegenseitigen Gewinn abzielt, diente schon früh als Voraussetzung für so manche Regelung, manches Konkordat, manche angeblich in Stein gemeißelte Menschenwidrigkeit. Und daran hat sich leider bis dato kaum etwas geändert.

Wer bei diesem ganzen schäbigen Ritual übrig bleibt und draußen vorgelassen wird, immer und immer wieder? Der Mensch, klar doch, nur der Mensch! Der Mensch in seinen Seelennöten. Deren größter Teil ihm womöglich erspart geblieben wäre, hätte man – Gott oder ein anderes, angeblich höheres Wesen – ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben … (Um hier einmal passenderweise Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ zu zitieren.) Oder – noch peinlicher: – Er, der kleine Gott der Welt, hätte sich am Ende diesen vermeintlichen Geistes-Schein, den er dann, überschwänglich, auch noch als Vernunft bezeichnet, selbst verliehen …

Da scheint ein nicht unbedeutender Einschub vonnöten. Nämlich die Frage betreffend, wie verschiedene Religionen – respektive ihre Priesterschaften und Interpreten – den Gott, den sie da, in mehr oder minder geglückter Form, allemal indes weitgehend synthetisch hergestellt haben, ihren Gläubigen (oder versuchsweise zu Überzeugenden) so präsentieren.

Hier haperte es schon, nicht nur Igors Meinung nach, besonders beim Judentum (und in der Folge naturgemäß auch beim Christentum) an der Über-Figur eines patriarchalisch, allmächtig, vorzugsweise strafend dargestellten Gottes. Man muss fast das altbekannte Beispiel vom sogenannten Stammvater Abraham aus dem Buch Genesis, 22, 1 ff. zur Illustration der Ungeheuerlichkeit bemühen, die – wie es etwa die Theologin und Historikerin Uta Ranke-Heinemann eindringlich schildert („Nein und Amen“) – dieser sonst doch angeblich so liebende Gott da von seinem braven Knecht, um dessen Loyalität zu erproben, in aller Deutlichkeit fordert; nämlich nichts Geringeres als die Opferung seines geliebten Sohnes Isaak!

Nun sollte man wissen, dass Menschenopfer zu dieser frühen Zeit (auch bei den Juden) nichts so Ungewöhnliches waren; und die rauen Sitten der Wüstenvölker mag man natürlich bei der Beurteilung der Causa ebenfalls bedenken; oder, dass die Schlachtung Isaaks letztlich dann gar nicht vollzogen, sondern durch ein Tieropfer ersetzt wurde. Doch es bleibt die Ungeheuerlichkeit des Ansinnens, noch dazu geäußert von Seiten eines Wesens, das ohnedies über Allmacht und Allwissen verfügt und daher den Ausgang des ganzen Unterfangens einschließlich des barmherzigen Finales längst vorher weiß, gewusst hat und gewusst haben wird!

Ranke-Heinemann vergleicht, sicherlich nicht zu Unrecht, den barschen Opferbefehl Gottes an Abraham mit dem noch wesentlich größeren Opfer, das der Dreifaltige selbst – warum auch immer, sei hier nicht Stoff der Erörterung – darzubringen bereit ist (angeblich fürs Heil der Menschheit), nämlich die Hingabe seines eigenen eingeborenen Sohnes, die Hingabe Jesu, also eines Wesensteils seiner göttlichen Selbst … Und sie, die Theologin, schließt nebenbei kaum widerlegbar auf die Gefahren, in denen sich biblische Söhne angesichts ihrer mächtigen Väter befinden. (Dass der Sohn, dessen vermenschlichtes Selbst dabei immerhin die ganze blutige Prozedur von Leiden, Schmerz und Kreuzestod zu ertragen hat, gar nicht gefragt wird, wie er grundsätzlich dazu stehe, nimmt dann gar nicht mehr sonderlich wunder …)

Ja, Gewalt (Bestrafung, Liebesentzug und sogar die endgültige, als ewig gedachte Verdammnis) und Liebe (Verzeihung, Erlösung und Gottesnähe) widerstreiten im Christentum bei der Schilderung des höchsten Wesens durch seine Verkünder also in einem fort; in den Aufzeichnungen der sogenannten Heiligen Schrift und in den Interpretationen durch die angeblich so weisen Kirchenväter. Die darf man sich als weitestgehend lustferne greise Männer vorstellen, meist längst jenseits von Gut und Böse – und das ganz ohne Friedrich Nietzsche -, die sich ungehindert etwa in Fragen der Sexualität (von Onanie und Zölibat bis Ehebruch, später sogar bis hin zu Geburtenregelung und Nicht-Verhütung) als kompetent wähnen dürfen.

Schon Heinrich Heine, der zum Protestantismus konvertierte Jude, geißelt den Katholizismus wegen seiner „Verdammnis alles Fleisches“. Denn er gestehe „dem Geist nicht bloß eine Obermacht über das Fleisch“ zu, sondern wolle es zudem „abtöten (…), um den Geist zu verherrlichen“. Durch die „unnatürliche Aufgabe“ dieser Religion sei „ganz eigentlich die Sünde und die Hypokrisie (die Heuchelei, Anm.) in die Welt gekommen“; erst „durch die Lehre von der Verwerflichkeit aller irdischen Güter“ und durch die auferlegte „Hundedemut und Engelsgeduld“ sei sie „die erprobteste Stütze des Despotismus geworden.“ (Heinrich Heine, „Die romantische Schule“, 1836.)

Auch die Frage, die sich den (in aller Regel ohnedies unmäßigen) Machtinstanzen, egal ob weltlicher oder kirchlicher Art, allenthalben stellt, gehört hier her, nämlich: „Woher nehmen wir möglichst passende, ergo primitive Feindbilder, die jeden Simpel überzeugen?“ Durchzieht sie doch die gesamte Historie. Und das, obschon sie, zugegebener Maßen, so nützlich wie ein Kropf ist. Ja, diese permanente Suche nach dem Feind gehörte in Wahrheit mit allen Mitteln bekämpft und ein für allemal ausgetilgt! Dafür sollte sich die Menschheit engagieren, wie sie sich krampfhaft für jeden angeblichen technischen Fortschritt einspannen lässt. Übrigens: Man sollte sich gegen die „Fabrikation des Feindes“ (um hier einen Buchtitel von Umberto Eco zu zitieren) nicht zuletzt aus Eigennutz einsetzen …

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Egal ob im Bereich des von Rom und seinen verfilzten Institutionen und Hierarchien befehligten Katholizismus, der ganzen übrigen, ähnlich systematisierten Christenheit oder des in seinen spezifischen Machtstrukturen (trotz allen Zerrissen-Seins) ebenfalls überaus rigorosen Islam, des auch nicht eben so besonders liberal-humanen Judentums oder anderer (sogar bloß sogenannter) dubioser Glaubensgemeinschaften: Das Prinzip funktionierte überall gleich gut, wurden die Systeme doch durchwegs schon so perfide wie effizient geplant. (Und was vielleicht nicht ursprünglich vorgesehen war, schlich sich später usuell und rituell ein.)

Die Exponenten der Kirchen und der Religionen vermochten zwar nie wirkliche Antworten auf die sogenannten letzten Fragen zu geben; sie waren indes nichts desto trotz die Hauptnutznießer der allgemeinen Gottessuche, dieses Goldgräber- und Raubrittertums in einem.

Die Theodizee – jetzt einmal nicht ausschließlich bezogen auf das gleichnamige Werk (1710) des Philosophen, Mathematikers und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz -, sondern gleichsam als Sammelbegriff diverser versuchter (wenn auch gescheiterter) Gottesbeweise angewendet -, die Theodizee, als der Weisheit letzter Schluss, benötigt den freien Willen zum Katalysator. Denn nur so kann sie Gottes (Mit-)Schuld am Vorhandensein des Bösen in der Welt kaschieren. (Immerhin, so der etwas bemühte Gedankengang, ist es letzten Endes die individuelle, die persönliche Sache jedes Menschen, wie er sich in seinem Leben entscheidet; auch wenn der Ausgang im Sinn des nun einmal proklamierten göttlichen Allwissens klarerweise vorweg und von Haus aus bekannt ist …)

Solcherart verschob (und verschiebt sich noch immer) sukzessive die Verantwortung etwa auf dem humanitären Sektor – sei es für die erschreckende Verrohung und die völlig unverständliche, weitestgehende Hinwendung zum Materialismus, aber auch ganz allgemein in globalen Angelegenheiten von Philosophie bis Wirtschaft – vom sogenannten höchsten Wesen hin zum Menschen. Vom Schöpfer also zum Geschöpf, das von den Kirchenoberen ansonsten und im Vergleich mit der alles überstrahlenden göttlichen Güte, Gnade, Allmacht und Weisheit als ziemlich mickrig und wurmartig geschildert und dargestellt wird …

Fazit: Indem man sowohl die Rolle des Täters als auch die des Opfers mit ihm besetzt hatte, war Gott streng genommen aus dem Spiel; ob er nun Allschöpfer, Allwisser und Alllenker oder selbst bloß ein vom Menschen nach dessen Ebenbild (sic!) Geschaffener war, ein Statist bestenfalls in einem dramaturgisch äußerst anfechtbaren Theaterstück ohne Autor …

Die Priesterkaste, dieses obskure Konglomerat aus Anmaßung, Selbstüberschätzung, übertriebenem Sendungsbewusstsein und schier unbändiger Gier, richtete es sich – längst schon auf dem Weg, zum Selbstzweck zu verkommen – recht bequem ein in dem Vakuum, das nach dem Wegfall einer fundierten Schöpfer-Vorstellung (und somit: Gottes-Idee) noch übriggeblieben war. Genährt und erhalten, durchgefüttert wurde die Bagage, klar doch, von der Allgemeinheit; aus der Ur-Angst der meisten Menschen heraus vor dem Nichts. Denn auch das Nichts vermag bekanntlich zu drohen! Und um ihm irgendwie zu entfliehen, lassen sich die Jenseitsgedanken, sogar einschließlich Hölle, bis heute noch immer so gut verkaufen.

Es stimmt schon, ganz so, wie der Mensch sich die dringendst ersehnten Schöpfergötter in Wahrheit einerseits nicht einmal vorstellen (geschweige denn ihre Existenz bestätigen oder definitiv verneinen) kann, so kommt er andererseits ohne sie auch nur schwer aus und zurecht. Der kluge (oder besser: geschickte) Schachzug der angeblichen Diener Gottes besteht nun darin, aus allen nur irgendwie möglichen düsteren Denkvarianten (und seien die noch so bizarr!) Kapital zu schlagen. Und das am besten in Form von – Angst.

Statt dem Menschen mittels eines liebenden Gottes effektive Hilfestellung anzubieten bei seinen, erwiesenermaßen, meist ungeschickten Versuchen, die diversen Probleme der Welt, des Seins und seiner Selbst zu lösen, vergrößern die vermeintlichen Gottesknechte die Schwierigkeiten und Belastungen noch. Sie entwickeln sich dabei sukzessive zu schlechten Not-Helfern; etwa Lastträgern vergleichbar, die zwar nicht mit anpacken, sondern, im Gegenteil, das zu tragende Gewicht noch vergrößern, indem sie sich – bildlich gesprochen – daraufsetzen und solcherart recht bequem mittragen lassen …

Scheinheilig und rhetorisch oft recht versiert, so legen die Priester dem Menschen mit Vorliebe nahe, gefälligst von den falschen (weil auf Finanzkraft, Geld und Geschäft basierenden) Werten endlich einmal abzurücken. Gut und schön. Dabei verschweigen und übersehen sie indes geflissentlich, ja selbst gerade Produkte eben dieser miesen Un-Werte zu sein oder ihnen zumindest zu ihrer Bedeutung verholfen zu haben. Als eloquente Kritiker des von ihnen selbst am Laufen gehaltenen Finanzsystems schüren sie somit nicht nur die diversen Ängste, sondern sichern ihre Macht sogar noch zusätzlich ab: durch die zumindest scheinbare Unfähigkeit, jedenfalls immerhin durch die vorhersagbare Endlichkeit eben dieses (von ihnen zudem vollmundig beschimpften) Systems. Welch ausgeklügelte Doppelstrategie!

Arme Menschheit.

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Freilich, die hier erwähnte Angst, das Kapital, mit dem die amtskirchlichen Behörden Wucher treiben konnten (und können), war kaum jemals für Wertminderungen oder Kursschwankungen anfällig. Nein, die Angst des Menschen stellt nun einmal ein quasi souveränes, jedenfalls ein ungeahntes Potenzial dar! Allein schon die Angst, nackt in diese unübersichtliche Welt mit ihren scheinbar unentwirrbaren Rätseln geworfen zu sein, belastet ihn sein Erden-Dasein lang enorm. Außerdem – und darin liegt vielleicht die eigentliche Infamie! -, sich in zusätzlichen Vorstellungswelten und ebenso zusätzlich oktroyierten Dunkelzonen erneut wieder nur eingesperrt zu fühlen, das enerviert und zermürbt.

Nein, dafür will der Mensch, so lautet sein frommer Selbstschutz-Gedanke, nicht geboren sein! Weil ihm das zu viel ist, weil es ihm über den Kopf wächst … Außerdem graut ihm davor, in sich dazu noch weitere unbekannte Rayons zu ahnen, die drohen, mit noch mehr schlimmen Überraschungen aufzuwarten. Diese ganz besondere Geisterbahn in den Menschenhirnen (und in den Anlagen des angeblichen homo sapiens), besonders nachts dann, wenn sich das Licht verstohlen verzogen hat wie ein wankelmütiger Verbündeter, der bloß ein paar Stunden Zeit der Anwesenheit hatte erübrigen können („Leider! Entschuldigung! Aber – dringende Termine! Sorry!“) und dann wieder geschwind weiter muss.

Ja. Das Transzendente bietet überhaupt eine ganze Reihe von angeblichen Bequemlichkeiten und vermeintlichen Erleichterungen. Man kann alles Mögliche (und Unmögliche) damit begründen oder widerlegen, kaschieren, verbrämen, auch verstärken oder aber abmildern … Und mit entsprechend glaub-würdigem Vertreter-Augenaufschlag geht das alles auch rein wie Butter – vergleichbar dem unnützen Staubsauger im Einpersonenhaushalt ohne Anschluss ans Stromnetz oder der idiotischen Melkmaschine beim geistig beschränkten Bauern (mit den nichts desto weniger kleinen Kartoffeln), der über keine Kuh verfügt.

Fürwahr, der gute Priesterschmäh nimmt es jederzeit mit dem des schmierigen Reisenden auf. Tartuffe hat zudem immer Saison. Und die Angst ist ein treuer Begleiter.

Die Angst, sie regiert also vornehmlich die Nacht. Na, und der lichte Tag? Was ist mit ihm? Wofür konnte und kann man ihn geschickter Weise von Seiten der kirchlichen wie weltlichen Obrigkeit aus optimal einsetzen und gebrauchen? (Früher etwa an Sonn-, Fest- und Feiertagen oder wenn man das Volk ausnahmsweise sonst einmal und warum auch immer nicht ausgebeutet und entsprechend zur Fron getrieben hat, ins Bergwerk, auf den Acker, in den Wald oder in sonst eine Vor-Hölle?)

Nun, den lichten Tag füllten dann die diversen Kirchenoberen und Macher gern mit prunkvollen Auftritten in und vor den sogenannten Gotteshäusern, die prächtig hergerichtet, beleuchtet und dekoriert worden waren aus diesem Anlass, wobei buchstäblich kaum eine Nichtigkeit zu geringfügig sein konnte, um aus ihr nicht doch noch eine üppige Festivität zu machen; zur Demonstration der Macht einer nimmersatten, gefräßigen Priestergilde und ihrer Ornat-geschmückten Anführer mit mächtigem Goldkreuz und ehrfurchtgebietendem Krummstab. Das alles natürlich mit viel Orgelgetöse und Trompeten-Geschmetter, mit Paukenschlag, Böllerschuss und anschließendem Freibier für alle.

Das vollführten sie kaum weniger geschickt als ihre genauso infamen Kollegen, die weltlichen Herrscher. Mit denen sahen sie sich zwar nicht selten über Kreuz (sic!), doch wurde man immer wieder schnell handelseins; war man sich doch elementar darin einig, das wichtigste gemeinsame Ziel musste weiterhin die Unterjochung der dummen Masse sein!

Oder man brillierte der Einfachheit halber a priori überhaupt gemeinsam und demonstrierte so seine Macht mit Glanz und Gloria. Die eitel herausgeputzten Talarträger der Amtskirche im Schulterschluss mit der nicht minder gefallsüchtigen Riege profaner Bonzen. Kurz: als Gesinnungsgemeinschaft der Gesinnungslosigkeit.

Ach, wie schön! Da gab es (und gibt es immer noch) etwas zu sehen, zu hören und zu riechen: von Gold und Geschmeide glänzende Krönungen, mit viel Aufwand inszenierte Inaugurationen, pompöse Beerdigungen, feierliche Inthronisationen, diverse prunkvoll aufgezwirbelte Feierlichkeiten und mit Stolz (und Blasen an den Füßen) gemeisterte Prozessionen; auch von Weihrauchdunst geschwängerte Hochämter und gleich wortreiche wie sinnleere Predigten, Ansprachen, sogenannte Reden an die Nation(en) und Segnungen, urbi et orbi oder auf kommunaler Ebene, dann halt mehr im Kleinen. Mit gebührendem Ernst absolvierte Kranzniederlegungen und solche der eigenen Überzeugung … Ja, das machte immer wieder was her!

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Ihm, Igor als Untoten, mochte das zwar weitgehend egal sein. Sogar, dass man ihn womöglich zur Anhängerschaft des Teufels (aber, hatte man den nicht ohnedies schon abgeschafft?! Na, eben!) zählen würde, machte ihm kaum etwas aus. Vampire galten all die Zeit hindurch, seit man auch in menschlichen Bezirken (verständlicherweise ziemlich überrascht) ihre Bekanntschaft machen durfte und von ihnen sukzessive immer etwas mehr wusste, zu Recht als hart im Nehmen! Überhaupt: Igor verfügte da durchaus über den nötigen Überblick. Über die coolness sogar. Jahrhunderte eigenartigen Seins zwischen den Welten, Zeiten und Zuständen hatten ihn fast automatisch – wenn schon nicht weise, so doch – abgeklärt werden lassen.

Er vermochte sich zwar weiterhin oft zu wundern über so manches, was ihm da als pure Ängstlichkeit an den Menschen auffiel, sich indes als – zugegeben: ziemlich armseliger – Glaube zu maskieren suchte. Und über einiges davon musste er sich zudem immer noch ärgern, obwohl er sich das längst schon abgewöhnt haben hätte sollen, eigentlich …

Doch strahlte allem Anschein nach just für die Erdenbewohner der ohnedies schon fragwürdigen Spezies Mensch immer noch und immer wieder das Widersinnige wesentlich mehr Attraktivität aus als das sogenannte Sinnvolle. Egal.

Wenn er sich so am Himmel dahintreiben ließ zwischen den römisch-katholischen Kirchtürmen der wuchtig-protzigen Kathedralen, den serbisch- oder griechisch-orthodoxen, mit allerlei Zwiebel-Zierat behüteten sakralen Prunkbauten, den breitkuppeligen Synagogen, den von spitzen, nicht selten kriegerisch wirkenden Minaretten flankierten Moscheen, den goldbekrönten Stupas, reichverzierten Pagoden und Tempelfriesen, dann schien ihm der jeweils durch bemerkenswerte Anstrengung einiger (angeblicher) Genies und die enorme Arbeitskraft meist anonymer Werktätigenheere erzielte architektonische oder landschaftsgestalterische Effekt zwar leidlich überzeugend; einen Sinn hinter all der ihm lediglich hohl erscheinenden Pracht und dem riesigen Aufwand konnte Igor indes kaum wo ausmachen.

Das, was mental eigentlich dahinter stehen sollte, nämlich vonseiten der Gründer, Erbauer und Stifter, der ursprünglichen Schenker, der späteren Benutzer sowie der pflichtgemäß weiterhin alles brav Erhaltenden her, schien ihm da jedenfalls zu fehlen. Ihm, der er ja immerhin einigermaßen Bescheid wusste über die tatsächlichen Zusammenhänge, ihm ging eindeutig etwas ab. Nämlich – die Begründung, warum sich die solcherart an Entstehung, Ausbau, Erhaltung und Verteidigung des Kultes und der Religion Beteiligten, die Gläubigen also, alles das antaten! Ja, das blieb ihm so zu erkennen und zu verstehen weitgehend versagt.

Nur dass in den Heiligen-Schreinen keine Heiligen, in den Kelchen keine Geister (außer vielleicht ein paar eingetrocknete Weintropfen) und im Weihrauch keine Götter – egal, ob nun barmherzige oder gar gnädige Schöpfer und Belohner oder jedoch ungnädige Bestrafer und Verdammer – lägen, schwebten oder sich gerade in irgend welchen anderen Aggregatzuständen manifestierten, das war ihm klar. Das wusste er. Mit aller Bestimmtheit, deren seine – zugegeben: der Art entsprechende – Flatterhaftigkeit fähig war.

Die Menschen allerdings tappten in der Tat weiterhin in dem Dunkeln, in dem sie von ihren Obrigkeiten, den Herrschern wie den Priestern, wohl auch nur zu gern belassen wurden …

Noch fragwürdiger – und hier versuchte sich Igor stärker als bisher in seinen Gedanken vom Vampir (und Untoten) gleichsam zum Menschen zurückzuverwandeln, wie gesagt: rein gedanklich! -, noch fragwürdiger kam ihm die dauernde Erwähnung des Begriffs der Barmherzigkeit durch Priester und andere angeblich Bevollmächtigte in Glaubensfragen vor. Warum durften sich die besagte Priesterschaft, die Schriftgelehrten und Dogmatiker, alle zusammen selbsternannte Heilsbringer und Vermittler im Status durchaus fragwürdiger Berufung, überhaupt erfrechen, dem Menschen bildstark und bunt auszumalen, was es mit der ominösen Barmherzigkeit Gottes auf sich habe? Ja, wer erlaubte sich da zu behaupten, dass dieses Wesen, vorausgesetzt, es existierte überhaupt – etwa in der Natur ( als Teil von ihr oder, von mir aus, sogar als allmächtiger Schöpfer …) -, für den Menschen Barmherzigkeit und Liebe aufzubringen bereit wäre? Liebe für den Menschen, obwohl dieser doch, zumindest den Schilderungen eben dieser Priester und Obrigkeiten nach, summa summarum ein ausgemachter Bösewicht und Schlingel sei; mit der Erbsünde behaftet (wofür eigentlich trug er nun wiederum dieses Stigma?!); just in seinem freien Willen (diesem Gottesgeschenk!) meistens ohnedies zum Schlechten hin neigend und sich für das Unrecht entscheidend; kurz: eine Missbildung, ein Göttlicher Fauxpas …?

Da versagte Igors Vampir-Logik ihm den Dienst, und auch das, was von seiner vormaligen Menschen-Logik noch übrig war, reichte nicht aus. Freier Wille?!

Kein Wunder, dachte er, dass sich so viele Menschen erst gar nicht mit dieser potenziellen Wesenheit einzulassen bereit waren, egal, ob man sie nun Gott nannte oder sonst irgendwie. (Und im übrigen: Bei diesem angeblichen freien Willen handelte es sich doch eher um ein Danaer-Geschenk?!)

Nein, der Mensch hätte sich einen partnerschaftlichen Gott verdient, den er lieben könnte ohne Wenn und Aber; den er nicht zu fürchten, sondern nur zu respektieren brauchte. Und wenn Gott schon unerreichbar wäre, dann sollten dem Menschen wenigstens seine angeblichen Stellvertreter auf Erden und Bevollmächtigten auf Augenhöhe begegnen. Doch just die hatten das wohl als Allerletztes zu tun vor. Denn dann wären mit einem Mal ihre Funktionen als die meist bloß aufgeblasener Popanze enttarnt; und sie selber – obsolet.

Fazit: Bei dem ganzen Komplex betreffend Schuld, Sünde, Sühne/Bestrafung oder Hoffnung und Verzeihung diente die immer wieder so besonders hervorgehobene Barmherzigkeit als eine Art Klebstoff, dachte Igor. Ja, sie leimte das ziemlich fragile und einsturzgefährdete Gefüge und hielt das äußerst fragwürdige System somit einigermaßen zusammen.

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Und auch, dass die sogenannten Gläubigen kaum je zu unterscheiden imstand waren zwischen Religion und Tradition, wie auch zwischen Ritus und Kult, konnte ihn immer noch in Rage versetzen. Gründete diese blind-gehorsame Gefolgschaft doch nicht zuletzt in unkritischer Fixiertheit auf diverse sogenannte Gesetze, die in Wahrheit je nach Anlassfall jedoch nur Sitten, Überlieferungen oder Gewohnheiten waren; vielleicht auch bloß ein Geschäft und seine ideelle Verbrämung und marktkonforme Ummantelung. Traditionen, vielleicht liebgewordene, weil altvertraut und in gewisser Weise sowie unter bestimmten Umständen ehrwürdig; aber eben nichts Denk-Zwingendes, in irgendeinem engeren oder weiteren Wortsinn Logisches.

Nicht selten (und nichts desto weniger keck), exemplarisch bei den Katholiken, wurden Traditionen oder Sitten sogar in den Rang sogenannter Dogmen erhoben; menschlich Vermutetes, Angenommenes (Eingegebenes!) oder schlicht Geglaubtes, also zur Glaubens-Wahrheit aufgeplustert, die dann hochnotpeinlich des Papstes als Person und des Heiligen Geistes als göttlichen Vermittlers der Dreieinigkeit, deren einer Teil er immerhin zu sein hatte, bedurfte, um sodann quasi hieb- und stichfest als unumstößlich bezeichnet werden zu können. Amen.

Und dann – das Machtstreben. Egal ob der Amtskirche(n) gemeinsam mit den profanen Machthabern oder auch mal gegen sie. Zuletzt lief doch immer alles auf dasselbe heraus: auf die (gemeinsame) Unterdrückung des tumben Volks. Vermeintlich zum Schutz des Guten und zur Bekämpfung des Bösen, zwei Begriffe, die man sicherheitshalber auch gleich von oben her definierte … Vielleicht hatte man sie ja auch dort oben erfunden?!

Igor kam das alles ziemlich ekelhaft vor. Egal, ob die Unterdrückung nun durch die Regierungsformen selbst, etwa durch diverse wertende Abstufungen innerhalb der Bevölkerung, ausgeübt wurde oder ob gar Sklaverei herrschte. Die war sogar in der griechischen Antike (ungeachtet des angeblich so hohen Wissensstandes) als Staats-notwendig erachtet und nie im mindesten hinterfragt worden; und auch in den meisten anderen alten Kulturen des Morgen- wie des Abendlands war sie gang und gäbe – bis hin zu Nord- und Südamerika, nachdem dort die spanischen und portugiesischen Eroberer gewütet hatten im Namen der Kirche und ihrer weltlichen Auftraggeber. Kolonialisierung. Missionierung. Imperialismus.

Aus Opportunität heraus übten sich die Machthaber sogar in der Negation der an sich berechtigten, vormals selbst aufgestellten, gebetsmühlenartig wiederholten, immer wieder bekräftigten und als allein seligmachend gepriesenen Konvention, nach der alle Menschen gleich(wertig) seien. Auch diplomatisches Lavieren zwischen den just Unrecht begehenden Mächten, um auch was – für die Amtskirche – herauszuschinden, ist Usus. Ekelhaft.

Warum hatte man es nicht bei den Naturgesetzen belassen können, wie sie, wurden sie eingehalten, nun einmal das Zusammenleben der Menschen einfacher und schöner zu gestalten halfen? Reichte es denn nicht, den Mit-Menschen annähernd so sehr zu mögen, wie man sich selber liebte? Ihn zumindest zu achten und zu respektieren? (Egal, ob man das nun Zehn Gebote nennen wollte oder bloß humane Konvention.)

Ja, das moralische System … War das ganze sogenannte moralische System denn nicht tatsächlich mehr als bloß fragwürdig? Waren Gut und Böse womöglich bloß willkürlich (und abhängig von der entsprechenden Denk-Höhe oder -Tiefe!) determiniert worden – und evolutionär beeinflusst? Mussten unter bestimmten Umständen und Voraussetzungen mal das Gute, mal das Böse gefragt sein, ja: notwendig?! Als Maxime anerkannt?!

Dann konnte freilich einerseits der Krieg für etwas moralisch Wertvolles erklärt und der Kampf sogar glorifiziert werden, während man andererseits Liebe, Zärtlichkeit und Behutsamkeit, Nachsicht und Verzeihen als feige und unrühmlich denunzieren durfte …

Igor war froh, ein Mythos unter anderen Mythen zu sein, kein Mensch mehr – höchsten ein Untoter von irgendwann …, doch unbehelligt von diesen gräulichen Konsequenzen.

Freilich, wenn er, einmal so im nächtlich-saloppen Denken, das, dem Fliegen und der Beobachtung gewisser nautischer Regeln zufolge, a priori kein kleinkariertes Grübeln mehr sein konnte, dann überhaupt doch noch und intensiver an Krieg, Waffensegnungen und Gott dachte, lief er Gefahr, erst recht wieder der Lächerlichkeit dieses ganzen Vorstellungsbündels und Pseudo-Ideenkonstrukts wegen womöglich abzustürzen …

Da wurden voller Zukunftsbangigkeit, die sich unverschämter Weise noch dazu als ach so tiefes Gottvertrauen maskierte, um ein möglichst üppiges Maß an göttlichem Segen gefleht – Blödsinn: Segen gab es immer im Überfluss! Darin lag mit ja das Prinzip der ganzen Verblödung begründet! -, da wurde also um Unterstützung von oben gebettelt, mittels derer dann der darum flehende Mensch den anderen Menschen besser, zielsicherer und erfolgreicher bekämpfen und schließlich, ad maiorem Dei gloriam!, auch besiegen, malträtieren, verletzten und töten konnte! Zum apotheotischen Finale grande, mit Trompeten, Posaunen (am besten mit denen aus Jericho!), Pauken und Tschinellen …

Noch etwas: Es ging schließlich immer um eines, sowohl dem Staat als auch der Kirche: um Räson. Sie allein garantierte den angeblich so notwendigen Respekt, das Ansehen und das Durchsetzungsvermögen; sie bürgte für Dauer und Intensität; und durch sie lief nach kurzer Zeit schon niemand von den selbsternannten Machthabern und Würdenträgern – oh, welches Wort: Würden-Träger! – mehr Gefahr, seine eigene Hohlheit könnte am Ende durchschaut und seine penetrante Inhaltslosigkeit womöglich enttarnt werden.

Ja, unter dem unsichtbaren, dafür umso stärker spürbaren Schutz der Staats- wie der Kirchenräson, abgeschirmt durch entsprechend üble, aber willfährig funktionierende Medienbüttel und eine bestens organisierte Industrie der Meinungsmache durften sich die weitestgehend unbegabten Polit-Schwadroneure, die inkompetenten Wissenschaftseunuchen, die einzig auf materiellen Profit zentrierten Finanzgierhälse und die gleich hinterhältigen wie feigen Militaristen in Sicherheit fühlen bei all ihren dunklen Taten (oder Unterlassungen) … Nein, ihnen, diesen Verbrechern an Menschheit, Welt und Universum, würde kein Leids geschehen! Da sei die Vernunft vor, als welche sich diese pervertierte Art von Räson immer noch wähnte!

Mit der Anerkennung staatlicher wie kirchlicher Obrigkeiten engstens verbunden war – zumindest in den Augen Igors – die mehr oder minder strikte Verneinung des Individualwerts und der Würde des Einzelwesens, also seine Einzigartigkeit.

Gott mochte (und das wäre sogar passend und gut) in Allem sein; in der Natur, in der Materie, in diesem Auf- und Ab der Lebenssäfte, in Geburt und Tod, Werden und Vergehen und Wiedererstehen. Das passte schon. Und egal wäre es auch, ob sich dieser Gott dann als wissender Erschaffer oder als wissender Teil des Ganzen interpretieren ließ. Egal wäre dann, welche Hierarchien aus seiner An-Wesenheit erwüchsen (oder eben nicht, was fraglos besser wäre); und nebensächlich erschiene dann, ob ein solches Naturteilwesen in seiner Wirkweise für alle durchschaubar sein sollte oder in irgendeiner Art geheimnisvoll. Auch ob sich nun jemand bemüßigt fühlte, diesen Gott, der sich – allem Anschein nach und einer gewissen, zugegeben: menschlichen Logik entsprechend – in (und aus) der Natur geformt hatte, nun anzubeten, oder ob er ihn als gleichberechtigten Anteilnehmer an allem Vorhandenen bloß zur Kenntnis zu nehmen bereit wäre (oder nicht einmal das), verfügte dann über keinerlei Relevanz mehr.

Woher denn dann die Natur käme?

Nun, irgendetwas als gegeben vorauszusetzen, dazu sind letzten Endes sogar Vampire bereit. Schon aus einer gewissen Geistesökonomie heraus, denn sonst wird es unersprießlich und man tritt quasi ewig auf der selben Stelle … Doch, ja, irgendetwas war auch Igor bereit vorauszusetzen. Eben: Unendlichkeit oder Rad der Natur ohne Anfang und Ende, ein ewiges Kommen und Gehen, Werden und Verwehen eben … (Da konnte er sogar in Maßen poetisch werden!) Wie er freilich auch die Alternative akzeptierte, nämlich, dass alles, was da auf Erden, in den Galaxien, mit anderen Worten: über-All bestehe (und wiederum egal, ob mit oder ohne Gott …), dass alles ohnedies bloß abstrakt sei. Mit mindestens den zwei, den Menschen freilich reichlich antipodisch und kontradiktorisch erscheinenden Positionen, nämlich Gut und Böse, als elementaren Kraftzentren. Auf die man sich dann nach Bedarf beziehen konnte.

*

Mit Vergeltung und Sühne, Strafe und Verdammnis freilich wollte er sich partout nicht gedanklich abgeben. Nein, darauf mochte er sich erst gar nicht einlassen. Viel zu sehr systemimmanent schienen ihm diese termini technici zu sein, zu stark missbraucht (und das durchaus in Permanenz) schon durch Katechismus und Bürgerliches Gesetzbuch.

Selbst wenn er einem potenziellen Schöpfergott die Rolle eines belohnenden und bestrafenden Über-Wesens zuerkennen hätte wollen, sich diesen Über-Alläugigen als pingelige Krämerseele vorzustellen, der also über den alltäglichen Kinkerlitzchen des menschlichen Daseins wachte und penibel Buch führte über Geringfügigkeiten, wäre ihm dennoch nicht in den Sinn gekommen. Und völlig unverständlich gewesen wäre für ihn, dass dieses Groß-Wesen, gäbe es denn die Super-Instanz tatsächlich, quasi im Gegenzug zur erwähnten Erbsenzählerei in Sachen Schuld (und Sühne) dann quasi die gigantischen Weltverbrechen, nämlich die unbeschreiblichen Schrecklichkeiten des Holocaust und anderer furchtbarer Genozide, die gleich systematische wie dumme Ausrottung von Lebewesen, die Vernichtung von Arten und Lebensgrundlagen (sozusagen: flächendeckend) sowie die grässlichsten Vergehen gegen Humanität, Natur und Geist, zuließ oder schlichtweg übersah; immerhin jedoch unbestraft ließ …

Nein, egal, wie man diesen Gott der Inkonsequenz auch immer nennen wollte – er existierte für ihn nicht.

Ach ja: Waffenweihe. Besonders pervers gestaltete sich eine solche Waffenweihe, ging es um den Kampf zwischen zwei Heeren, deren Völker oder Sippen oder Rassen, was weiß ich, beide dem selben Gott opferten und der selben Amtskirche Fron und Tribut zahlten!

Wäre eine beiderseitige Ausstattung mit der Hilfe Gottes allein etwa bei einem Kriegszug irgendwelcher sogenannter Christen gegen irgendwelche sogenannte Muslime schon kurios genug: Da säße dann also ein Allah/Christen-Gott irgendwo auf einer Wolkenbank und griff nach reiflichem Hin und Her (und entsprechender strategischer Beratung, mit wem auch immer) auf eben der Seite ins Geschehen ein, die – ja, was? Im Recht war? Mehr Weihwasser verspritzt oder mehr Votivgaben versprochen hatte? O Gott!

Nein, wenn da überhaupt ein Gott waltete, dann hieß der mit Sicherheit – Waffenindustrie! Und seine teuflischen Priester waren die Dividenden und Prozentsätze! Die scheinheiligen Vorbeter hörten auf die Namen Kommunikation, Information und Propaganda! Als Ministranten fungierten Kapital, Absatz, Umsatz und Gewinn!

Und nochmals Ach ja: Das Militär durfte für den theatralischen Rahmen mittels schmucker und möglichst farbenprächtiger Adjustierung (oder, wenn gewünscht: auch in schlichtem Feldgrau), mit oder ohne Fahnen, Kling-Klang-Musik und sonstigem Klimbim sorgen. Sichtbar: mit möglichst imponierendem Instrumentarium wie Panzern, Raketen und diversem Fluggerät. Und noch wirksamerer, weil unsichtbar: mit hochmoderner computerisierter Power …

Und wenn das Menschenmaterial jemals, was freilich kaum der Fall sein würde, ausgehen sollte oder man die Human-Ressourcen doch noch für etwas anderes, vielleicht Geistreicheres einzusetzen beschlossen hätte, würde man eben unbemannte Drohnen zu Hilfe holen, die zumindest für das Erzeugen von Kollateralschäden ebenso gut (wenn nicht sogar effizienter) einsetzbar wären als der traditionell fehleranfällige Mensch.

Er hasste das alles. Nicht nur, weil ihm seine Freiheit so wichtig erschien (wie sie doch wohl auch tatsächlich war …), sondern auch und vor allem aus innerster Überzeugung heraus. Und nicht selten beschlich Igor dabei eine gewisse Furcht. Ja, er hatte mitunter Angst, jemand könnte hinter seine Ideen kommen. Irgendwer vermöchte womöglich, seine, zugegeben: reichlich abweichlerischen Gedanken zu erraten, sein Gedachtes und insgeheim – Gehirn-geheim (!) – Formuliertes mit-lesen … (Ähnlich wie im Netz oder in der Telefonie …)

Vielleicht war das eine überflüssige, unsinnige Angst?

Immerhin – der schwarze Vogel, den er zwischendurch immer wieder bemerkte, wenn ihn der seinerseits beobachtete, dieser erstaunliche Agent gab ihm doch zu denken.

Igor war Vampir. Und gerade als solcher machte er sich eben Gedanken über sinnloses Blutvergießen. Über einen immer wieder geführten, allerdings auch immer wieder als unsinnig erkannten Kampf zwischen diversen Stämmen, Rassen oder Nationen (Gesellschaften, Regimen und Systemen …, wie auch immer). Nicht weil er sich als Blutsauger just zum geborenen Gutmenschen berufen fühlte. Mitnichten! Nein, er war und blieb ein eher hemmungslos genusssüchtiger Untoter!

Doch: Im Biss des Vampirs liege, so glaubte es zumindest Igor Graf Kövösty-Kelemen voller Aufrichtigkeit, letztlich ein Hauch von Zuwendung. Von Menschenliebe und Zuneigung. Und der aus dem mythischen Biss folgernde Tod – oder vielmehr der Untod – garantiere allemal mehr individuellen Seelenkomfort, als ihn das Hingemeuchelt-Werden per anonymer (oben schon kurz angesprochener) Kampfdrohne, per MG-Salve oder per Mittelstreckenrakete jemals bieten könnte; selbst wenn man ein leidenschaftlicher Todessuchender wäre oder bei optimaler Ausnutzung sämtlicher PR-Ressourcen, die den Vernichtungsingenieuren zur Verfügung stehen konnten – irgendeinmal und von wem auch immer finanziert.

Nein, dem feinen Biss, dieser sehr persönlichen Form der Annäherung (und Verschmelzung!), dem Biss, dem zudem das durchaus einzuhaltende Versprechen irgendeiner Form ewigen Lebens innewohne (und nicht grausam-sinnfreier Tod, wüste Atomisierung und penetrante Vermüllung), dem feinen Biss also hafte etwas von göttlicher Berührung an. Davon war Igor überzeugt. Felsenfest. Egal übrigens, ob es Gott als Person nun geben mochte oder ob er einfach in allen Teilen der Natur vorkäme (und sie solcherart beseelte); und auf diese Art, als ein Element des Lebens, das Universum am Köcheln halte.

Da musste Igor gar nicht erst Spinoza und Goethe bemühen, oder Fichte, Hegel und Marx. Doch wenn es sein sollte, war es auch nicht schlecht.

Denn Gewährsleute können nie schaden, befindet sich einer nun schon einmal dabei, erstaunliche Denkgebäude zu ersteigen. Kann er doch nie wissen, was ihn in Kellergewölben, Grotten, Bibliotheken und Laboratorien so alles erwartet.

All das noch dazu im Flug – über irgendwo. Über München, Prag oder Czernowitz.

*

Kein Wunder, dass Igor oft nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand.

Apropos: So mag es auch dem prominenten Herausgeber der wohl einzigartigen Zeitschrift „Die Fackel“ (1899 ff.), dem polemisch-provokanten Satiriker, Literaten und verdienten Neubeleber des Werks von Johann Nestroy und Jacques Offenbach ergangen sein, dem sprachgenialen und wortgewandten Karl Kraus, als ihn im Jahr 1928 just aus Czernowitz mehrere Schreiben erreichten. Dabei handelte es sich um Briefe aus dem dortigen Irrenhaus beziehungsweise aus dem näheren Umfeld, die ihn auf einen in der Anstalt untergebrachten angeblichen Meister-Poeten aufmerksam machten. Versehen waren die Poststücke auch gleich mit illustrativen Beispielen aus dem literarischen Schaffen des Geisteskranken, eines einfachen Schlossers namens Karl Piehowicz. Er hatte, wie sich später herausstellte, im Zustand geistiger Umnachtung zwei Mordtaten begangen, hatte vor Gericht getobt und war daher in die Anstalt eingeliefert worden. Nun sollte er – nicht zuletzt via Kraus und „Fackel“ – zu entsprechendem Literatenruhm gelangen. (Siehe: Karl Kraus, „Die Fackel“. Nr. 781 – 786, Anfang Juni 1928, XXX. Jahr.)

Eine Sensation! Und Kraus legte sich auch entsprechend ins Zeug, das hier, just in der Irrenanstalt von Czernowitz, entdeckte Werk dieses dichtenden Naturgenies gegen so manch mickriges zeitgenössisches Lyrik-Elaborat auszuspielen … Ruhm dem armen geisteskranken Dichter-Schlosser in Czernowitz!

Allerdings dauerte die Freude über das hier gefundene Literaturgenie nur kurze Zeit an. Bis sich nämlich herausstellte, dass sich besagter Karl Piehowicz wenige Jahre davor in Marokko zur Fremdenlegion gemeldet und die famose Lyrik von mehreren Kollegen en passant aufgeschnappt (aber sich immerhin gemerkt!) hatte. Die (aus Deutschland stammenden) Soldaten hatten sich anscheinend, wenn sie das Heimweh überkam, an Gedichte erinnert und sie sich nun gegenseitig aufgesagt …

Auch wenn also eine exakte Zuordnung an irgendwelche Klassiker nicht möglich schien, musste auch Kraus schließlich eingestehen, vom kranken Schlosser aus Czernowitz konnte das Versgut jedenfalls genuin nicht stammen; dazu schien allein schon dessen Orthographie bloß zu rudimentär ausgebildet. Und der „Fackel“-Monomane wies auf diese Wendung in der Causa auch hin; allerdings mit dem – zugegeben, nicht ganz ungefährlichen – Hinweis, wie insgesamt fragwürdig die partielle Autorenschaft zumal bei Lyrik sein mochte …

Doch willig widmete sich die Journaille der Sache, und in den Redaktionen wurden schon freudig die Federn gespitzt – auch und besonders wider den einen Karl, nämlich Kraus! Besonders, als es als geklärt gelten konnte, dass der andere, der Czernowitzer Schlosser Karl Piehowicz als Erzeuger der besagten Lyrik eindeutig ausscheiden musste; er vielmehr nur Wiedergeber der in Fez so oft gehörten literarischen Piecen war.

Da zumindest Teile (oder Varianten) der in Rede stehenden Gedichte nach und nach in früheren Jahrgängen diverser Zeitschriften (und sogar in einem humoristischen Blatt) gefunden wurden, sich die Nachforschungen wegen Divergenzen bei den verwendeten Pseudonymen der möglichen Poeten indes äußerst schwierig gestalteten, verlagerte sich das Augenmerk – medial gezielt, ohne Frage – letztlich auf Karl Kraus, der sich da angeblich unsterblich blamiert hatte und dem nun berechtigterweise das Hohngelächter der verhassten Zunft galt.

Kraus freilich, der sich unter anderem schon mit dem einflussreichen Hermann Bahr oder dem Kapazunder der deutschen Literatur-Kritik, Alfred Kerr (recte: A. Kempner), in sehr pointierter Art – sogar Prozess-anhängig – angelegt und sogar mit Wiens Polizeipräsidenten (respektive Bundeskanzler) Johann Schober sowie mit Bundespräsident Michael Hainisch seine Sträuße ausgefochten hatte, fand immerhin zumindest einen Grund mehr für pointiert bissige Schelte an der Journaille, die ihm ohnedies bloß nichtswürdig und ekelerregend erschien.

Dass Journalisten nicht schreiben können“, merkt er in der „Fackel“ (Nummer 800 – 805, von Anfang Februar 1929, XXX. Jahr) an, „ist keine Enthüllung mehr, die es an Sensation mit den Möglichkeiten ihres Handwerks aufnehmen könnte.“

Nun sei ihnen, die Czernowitzer Irrenhaus-Lyrik-Sache und die Folgen bewiesen es, indes auch die Fähigkeit des Lesens abzusprechen.

Von Qualitäten der Ethik überhaupt ganz zu schweigen.

Fortsetzung folgt!

 

Arge Irritationen im Zeit-Netz und in den Raum-Koordinaten.

Nein! Das nicht! Nein, das nun aber wirklich nicht! Nein, nein! Also, das sollte nun einmal wirklich nicht sein! (Nicht nur nicht nur nicht, sondern überhaupt nicht!)

Er war doch in München, am Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts? Oder narrte Herrn Prof. Dr. Maximilian Igor Breininger sein diesbezügliches Gefühl? Hatten dem gewieften Volkskundler womöglich seine – zugegeben: leicht bizarr wirkenden – Spezialgebiete, sagen wir: das Gehirn ein wenig in Mitleidenschaft gezogen? Nun, ja – die Bierflaschenetiketten-Forschung, dann das Sammeln von Brezel-Rezepten nach streng wissenschaftlichen Kriterien sowie das gewissenhafte Revidieren von alten Gstanzl-Aufzeichnungen .., nun, das alles konnte den stärksten Schwarzafrikaner umhauen auf Dauer …, aber: Sollte das dem Breininger Max tatsächlich den Geist vernebelt haben?!

Nichts da! Er blieb dabei: Und es war Donnerstag und 18:30 Uhr am Abend. (Es hatte ganz einfach Donnerstag, 18:30 Uhr zu sein, klar?!)

Sein Blick verdüsterte sich merklich.

Dort, auf der Couch im Wohnzimmer, das TV-Gerät mit dem Super-Flachbildschirm vor sich eingeschaltet, ein Glas Prosecco griffbereit, lümmelte doch seine attraktive blonde Frau Astrid durchaus appetitlich herum und rekelte sich sogar in Maßen verführerisch, oder?!

Nein. Es war zwar in München, 2013, Donnerstag, 18:30 Uhr, Couch, TV-Flachbildschirm. Nur, dass sich da ein anderes weibliches Wesen lasziv schlängelte; nämlich seine Frau Theresia, die, in Brünett gehalten, eigentlich zeitgleich in Prag im Jahr 1919, das formidable Abendessen im Ofen, das Bier schon eingeschenkt (keinen Prosecco, selbstverständlich!), seiner harren sollte! Und da öffnete sie auch schon ihren kleinen roten sinnlichen Mund, durchaus verlangend …

Was war da passiert?

Und wo war Astrid?

Und was war im übrigen mit Sylvia (der Dritten im Bunde)?

Da war was faul …!

Wenn Theresia statt in Prag in München weilte, hielt sich Sylvia vermutlich in Prag, anno 1919, auf … Und Astrid? Die rekelte sich dann möglicherweise auf dem rot-plüschenen Sofa in Czernowitz, im Jahr 1875, in Erwartung ihres Ehegesponses vorfreudig vor sich hin, lässig ein in rotes Leinen gebundenes Büchlein mit Goldschnitt in der kleinen rechten Hand haltend – nein, besser: links … (Rudolf Baumbach, „Samiel hilf!“ … von 1867 … Baumbach war indes eigentlich Sylvias Lieblingsautor … Baumbach, 1840 – 1905, einer der sogenannten Butzenscheibenlyriker in der Nachfolge von Joseph Viktor von Scheffel …)

Igor hatte sich stets, egal, ob als Maximilian, als Alexander oder als Franz, für einen, sozusagen, durchaus geerdeten Menschen – falsch: für einen durchaus geerdeten Untoten! – gehalten; deshalb irritierte ihn das jetzt sehr.

Doch es kam noch dicker. Denn während sich Astrid zu ihm umwandte, veränderte sich der Raum: Er betrat nun tatsächlich die Czernowitzer Wohnung, nur das die jetzt eingerichtet war wie die in Prag. Und Astrids Gesicht spielte elegant (und sukzessive) in das Sylvias hinüber, währen sich die Frau – sagen wir: totaliter – als Theresia offenbarte.

Maximilian/Franz/Alexander Igor Breininger/Chronstätt/Gels schwanden beinah die Sinne.

Erst im Schlafzimmer, es war jetzt eindeutig der nicht nur zweckmäßig, sondern durchaus auch hübsch eingerichtete Raum mit dem Kingsize-Bett in München des Jahres 2013, vermochte er sich – schwach, aber immerhin – zu orientieren. Jetzt freilich finster. Dunkel.

Vielleicht konnten ihm Liebe und Sex aus seiner überaus peinlichen Panne heraushelfen. Denn dass da was nicht stimmte, nämlich im diffizilen System all der Zeitebenen und Ortskoordinaten, das war wohl klar! Mond-klar zumindest …

Nur keine Namen nennen! Keine Vornamen! So schoss es ihm durch sein ziemlich ramponiertes, angeschlagenes Vampirhirn. Doch er hatte sich in den Zeiten seines Untot-Seins seit langem schon angewöhnt, die diversen Bettgenossinnen, vor allem, wenn die (was immer wieder vorkam) in nicht all zu großen Abständen wechselten, besser nicht mit ihren Vornamen anzusprechen. Und Bissopfer seiner womöglich plötzlich ausbrechenden Vampirhaftigkeit befanden sich meist ohnedies im Zustand absoluter Anonymität (und verharrten auch weiterhin in ihr). Auch das schien eine recht kluge Vorsichtsmaßnahme für alle Zeit- und Raumreisenden zu sein; aber darüber hinaus für alle Männer geeignet, die nicht über solche außergewöhnlichen Fähigkeiten verfügten. Ja, eine Gewohnheit, die grosso modo jedem potenziellen Seitenspringer ganz gut anstünde. Man konnte ja nie wissen …

Also: Wer war sie?! Es fühlte sich irgendwie nach …, ja, am ehesten, nach Sylvia an. Oder? Vielleicht doch Astrid …? Hm. Nein! Ganz klar: Theresia! Ja, auch ohne Licht wäre das hundertprozentig Theresia gewesen! Er hätte schwören können – zumindest als Franz Igor Chronstätt hätte er schwören können! Hundertprozentig Theresia! Klar doch, die hübsche, brünette, mittelschlanke Brünnerin aus dem Hause Svoboda, die er vor gut zehn Jahren zu sich nach Prag geholt hatte! Er, der Herr Uhrmachermeister Franz Igor Chronstätt … Doch – war es nicht vielmehr Sylvia? Die dunkle, fast schwarzhaarige, gertenschlanke Czernowitzerin? Er musste es doch wissen, auch im Dunkeln, aufs erste Hinlangen schon …! Außerdem: Wie lange waren sie jetzt verheiratet? Zwölf Jahre, oder sogar schon dreizehn …?! Das ehemalige Professoren-Töcherl, das schnippische, mit vollem Namen Sylvia Ludmilla Klahr, hatte sich ganz schön gemausert …, zur Dame, nicht wahr?! – Nein, nein, Astrid! Es war Astrid, die blonde wohlproportionierte Schönheit aus dem München so nahen Rosenheim! Kennengelernt hatten sie einander auf dem Boden der Universität … Ja, Studentin in München war sie gewesen, und er, der junge Assistent … Oh, so romantisch … mit Brezeln und zwei, drei Maß Bier im Paulaner Bräu … Volkskundler? Ein Bierflaschenettiketten-Experte sei er also? Sie hatte gelacht und sich halbherzig für ihr glockenhelles Lachen entschuldigt. Aber …, weil es doch zu komisch war! Bierflaschenetiketten! Ja! Und Brezel-Rezepte, das auch noch! Na, und … und Gstanzltexte – ah, die alten Noten auch?! „Ja, gibt’s denn da auch Noten dazu, zu den Gstanzln, meine ich …?!“ – Und sie hatten gelacht. – In Czernowitz hatten sie auch gelacht, und der Herr Papa, Raimund Friedrich Klar, der gestrenge Herr Professor für Latein, Griechisch und Deutsch am Gymnasium; gestreng, aber mit einer beachtlichen Witzesammlung … und beim Wein, einmal in Laune, eine wahre Stimmungskanone! Und sie, Sylvia, am Lyzeum bei den Ursulinen erzogen … Und Leonie, also die Frau Mama, schwere Scheffel-Verehrerin … Joseph Viktor Scheffel (ab 1876 würde er dann seinem Nachnamen ein von voranstellen dürfen) … Der Trompeter von Säkkingen. Ein Sang vom Oberrhein … Nein?! Theresia wieder?! Und die Eltern in Brünn, Svoboda …, ja, Jaromir und Aglaja Svoboda … Wie hatte Theresias Mutter mit Mädchennamen noch geheißen? Genau: Dubcek, Aglaja Ernestine Maria Dubcek … Sie war ursprünglich zur Pianistin ausgebildet worden. Und von ihr hatte Theresia wohl auch das musikalische Talent geerbt! Diese fein-tembrierte Stimme, einen schlanken Sopran, mit ein bisschen Tendenz zum Mezzo … Der Vater? Ach, der alte Svoboda, der war Baumeister gewesen. Grundehrlich und doch im Beruf, auch ohne besondere Gerissenheit, nicht erfolglos …, und dabei auch er außerdem mit merkbaren künstlerischen Infiltrationen ausgestattet und versehen. Er dann, der junge Ehemann Franz Igor Chronstätt und seine schöne singende Meisterköchin! Wenn er nicht so deprimiert gewesen wäre, hätte ihm, Franz Igor Chronstätt (aber auch Alexander Igor Gels und Maximilian Igor Breininger), das Wasser im Mund zusammenrinnen können! Ach ja! Ihn selber, Chronstätt, den angesehenen Uhrmachermeister im Prag nach dem Ersten Weltkrieg, hätte man war zwar nicht als ausgesprochen künstlerisch und so besonders kreativ bezeichnen mögen; er hatte dafür indes ein echtes Faible für altes mechanisches Spielzeug: bewegliche Figuren in Menschengröße wie der berühmte Schachspieler oder diese filigranen singenden Vogel-Imitate … Ja, das faszinierte Chronstätt. Auch Spieluhren mochte er sehr gern und renovierte sie leidenschaftlich. Ein ruheloser Tüftler eben. Ja, er galt überhaupt als begnadeter Spieluhr-Reparateur! Von weither kamen die Sammler und Liebhaber der diversen musikalischen und dementsprechend klingenden wie nicht-klingenden Apparaturen … und mit ihrem maladen, oft schon uralten mechanischen Innenleben zu ihm. Sie vertrauten sich und ihre Kostbarkeiten ihm an und bauten auf ihn; meist nicht grundlos. Oh, ja, er fand fast immer einen Ausweg für scheinbar total kaputte, tote Apparaturen; eine wirksame Methode, sie wieder zum Leben zu erwecken. Er hatte goldene Hände …! Während er als Dr. vet. Alexander Igor Gels in Czermowitz als wackerer Tierarzt sein Bestes gab – und oft sogar noch mehr! Auch ihm, dem Dr. Gels, attestierte man goldene Hände, deren es freilich auch immer wieder bedurfte, galt es, etwa komplizierte Geburten für Mutter-Kuh und Kälbchen zum erfolgreichen Abschluss zu bringen … Zudem war Alexander sogar vor ein paar Jahren mit der geradezu segensreichen Erfindung eines Furzapparats für Kühe (Flatulator vaccae) hervorgetreten, einem Gerät, das eine wesentliche Erleichterung sogar bei schwersten Fällen von Blähungen beim Rindvieh ermöglichte. Was wiederum ihm selbst zahlreiche Ehrungen einbrachte; unter anderem einen hohen kaiser-und-königlichen Hoforden, der nach dem – bekanntlich an diversen zoologisch-biologischen Fragen und der diesbezüglichen Forschung überaus interessierten – Kronprinzen Rudolf benannt war, der sich, wie man weiß, speziell auf dem Gebiet der Ornithologie große Meriten erworben hatte; bevor er schließlich in Mayerling bei Wien (und gemeinsam mit seiner blutjungen Geliebten, der Komtesse Mary Vetsera) ein so tragisches Ende suchte und fand … Und Astrid …, die schöne, blonde, so elementar rundlich-appetitlich-urbildhaft-weibliche Astrid, Prof. Dr. Maximilian Igor Breiningers treusorgendes Weib in München … Allein schon ihre kleinen, süßen Speckfältchen um die rundlichen Hüften (Alexander in Czernowitz hätte vielleicht kurz an rosige, junge Schweinchen gedacht, Franz in Prag an gute, gleich präzise wie widerstandsfähige eiförmige Taschenuhren …), allein schon diese Attribute weiblicher Zartheit konnten ihn, Maximilian, doch ansonsten fast zur Raserei bringen! Und sogar ihre Kingsize-Bettstatt lief Gefahr, sich womöglich als zu klein zu erweisen bei so viel Liebestemperament …!

Natürlich dachten das die drei-einigen Igore nicht in ein und demselben Moment – oder doch?! Und so oblagen Alexander mit seiner Sylvia, Franz mit seiner Theresia und Maximilian mit seiner Astrid dem gepflegten Geschlechtsverkehr, dort in Czernowitz/Prag/München mit aller gebotenen Zärtlichkeit und Zielstrebigkeit; obwohl der Vampir ganz schön daneben war, gedanklich, was sich naturgemäß ungünstig auf das bemühte Gevögle auswirkte … Ja, die andauernden (ihm von irgendwelchen dunklen Mächten vorgespiegelten?) Verwandlung seiner Gattinnen, die sich schließlich, was auch nicht gerade zu seiner Beruhigung beitrug, sogar partiell vollzogen, also bloß Teile des Körpers, Ausschnitte gleichsam, die Gesichter oder manche Gliedmaßen oder sogar die sonst so einladenden Geschlechtsorgane betreffend, sie zerrütteten sein Gemüt und ließen in tief eintauchen ihn bisher ungeahnte Möglichkeiten von gewaltigen Nervenzusammenbrüchen und geistigen Missstimmungen, denen die Bezeichnung Depression nicht einmal annähernd gerecht zu werden imstande war. Summa summarum gestaltete sich das da wohl zum miesesten Fick seiner ganzen männlichen Laufbahn!

Nein, nein, so sehr sich Maximilian/Franz/Alexander auch bemühte, sein geschlechtliches Tun in München/Prag/Czernowitz blieb diesmal ein in der Tat fruchtloses Unterfangen. Er stand ihm schlichtweg nicht einmal ordentlich.

Der bemitleidenswerte Vampir zog zumindest diesmal den Kürzeren.

Und das gleich dreimal.

Fortsetzung folgt!

 

Igor schwängert seine Lieblings-Cousine. Danilo tobt.

Als hätte er sie hierher (wohin eigentlich? In den Nachthimmel von -? Egal!) gezaubert, war sie plötzlich bei ihm: Irina Pawlowna Retschkow von Blugow-Horlawetzky! Und er, der sonst so umsichtige Tierarzt/Uhrmachermeister/Volkskundler und Vampir Alexander/Franz/Maximilian, also Igor Kövösty-Kelemen, er war mit einem Mal in ihr! Und das war wie vor drei, vierhundert Jahren, damals eben, als sie –

Weg waren sie mit einem Mal, alle anderen. Ja, sie waren weg; verschwunden; wie ausradiert und aus dem Gedächtnis der Welt gelöscht! (So maßlos kann die Liebe sein, wenn sie einmal so richtig zuschlägt! So maßlos und ungerecht vermag sie zu sein, die große Liebe, dass sie alles andere, rund um die beiden, von ihr betroffenen Liebenden, zur Kulisse degradiert (wenn sie überhaupt noch eine Ahnung davon zulässt), zur billigen, beinahe störenden, immerhin überflüssigen Staffage.

Vermeintlich (oder wirklich) wichtige Personen aus einem früheren, anderen Lebens verblassen dann zu Schemen und vollkommen unwichtigen Schatten. Zu Nebensächlichkeiten, nebulösen Randerscheinungen, zu verwelktem floralen Zierrat vielleicht; oder nicht einmal das.

Astrid, die bildhübsche blonde, rundliche Münchnerin, die eigentlich und wenn man pingelig sein wollte: merkbar aus Rosenheim stammte; Theresia, die geschmackige brünette, mittelschlanke Pragerin aus Brünn; Sylvia schließlich, die beinahe majestätische dunkelhaarige (fast schwarze), gertenschlanke Schönheit aus Czernowitz (mit einer Großmutter aus Sadagora, dem Ort, an dem ein Wunderrabbi, direkter Nachfahre des hochberühmten jüdischen Mystikers Baal Schem, gewirkt hat)! Und die Häuser erst und Wohnungen, die schmucken, in Maßen sogar eleganten, aber nichts desto weniger auch Gemütlichkeit und gastliches Flair ausstrahlenden Domizile in ihrer Gediegenheit. Weg die überdimensionierte Liebesliege im ruhigen Solln, weg auch die schöne alte, mühsam und ziemlich aufwendig renovierte und restaurierte Standuhr im Haus dort in Prag, die ihren Ehrenplatz neben dem überaus gepflegten braunen Kurzflügel aus der Piano-Forte-Manufaktur Ittypfel aus Wien gefunden hatte (und in der mehr als nur sieben Geißlein sich hätten quasi spielend verstecken können, wäre es darauf angekommen! Weg die herrliche, in Maßen sogar erotisch wirkende, mit rotem Samt überzogene Chaiselongue dort in Czernowitz …

Es schien wohl eine Gruft zu sein, dort, wo sie sich nunmehr aufhielten. Ja, eine animierend stickige, belebend modrige Gruft. Todesdunst und erdiger Geschmack überall, Gerippe im Dunkeln, geheimnisvolle Würmerbewegung und ein irritierend zappeliges Madenballett, unsichtbar, doch Haut-und-Knochen-nah zu erahnen … Passend zu ihm, dem plötzlich auch nur mehr aus Haut und Knochen bestehenden Grafen Igor Kövesty-Kelemen, und zu ihr, seiner nächtlichen Liebesgefährtin, der vom lange schon erlebten Tod aufs Herrlichste gezeichneten Gräfin Irina Pawlowna Ratschkow von Blugow-Horlawetzky.

Es schien also eine Gruft zu sein, worin ihnen das Liebeslager bereitet worden war von unbekannten dienstbaren Geistern. Eine Gruft, irgendwo in den Karpaten (vermutlich; doch es interessierte sie beide nicht wirklich). Und vor allem: Diese erdig-stickige Liebeslaube lag beruhigend abseits der direkten Einflussspähre von Irinas eifersüchtigem Ehemann, vom bösartigen Grafen Danilo Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow (und das interessierte die beiden Liebenden aus verständlichen Gründen schon eher …).

Die Bilder sortierten sich, wie sich auch der dreifache Möchtegern-Vater erfolgreich zu sortieren bemühte. Ja, doch: Alles in ihm glühte (wie der Draht in einem alten Kocher oder die Spirale eines Tauchsieders, wenn diese ziemlich profanen Vergleiche hier gestattet sind), glühte in aufrichtiger Lust, in Liebe und in Hingabe.

Doch auch Irina gab sich völlig hin, verausgabte sich förmlich mittels ihres so herrlich knochigen, weitgehend Sehnen- wie Muskel-losen Gruftkörpers. Die beiden Untoten wälzten sich in ekstatischen Verrenkungen, rutschten – soweit man das angesichts ihrer weitgehenden Gerippehaftigkeit überhaupt sagen konnte – über- und ineinander …, immer und immer wieder, trieben es in allen nur erdenklichen Stellungen (und sogar in ein paar mehr!) und ließen das geile Geklapper ihrer fleischlosen Fleischeslust zu einem mitreißenden Rhythmus anschwellen! Le-ben-spen-den! Auch-oh-ne-Len-den! Le-ben-spen-den! Auch-oh-ne-Len-den! So ging die Maschine, so atmete das unerbittliche, lustvolle, geile Schlagwerk! Le-ben-spen-den! Auch-oh-ne-Len-den! So stampften sie liegend, hockend, sitzend, stehend … ihren gar nicht mehr monotonen Lusttanz! Le-ben-spen-den! Auch-oh-ne-Len-den!

Ja, das nennt man dann wohl brünstig.

Fortsetzung folgt!

 

München, Prag, Czernowitz, immer.

Gut, Danilo war immer noch der bessere Pistolenschütze. Außerdem hatte er, Igor – im Unterschied zum späten Nachfahren von Zar Peter dem Großen –, es erst gar nicht darauf angelegt gehabt, den ohnedies durch den Gang der Dinge äußerst gekränkten Kontrahenten ernstlich zu verletzen. Das wäre unfair gewesen. Und bei den bekanntermaßen exorbitanten Schießkünsten Danilos auch weitgehend unmöglich. Zudem hätte es dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Igors gänzlich widersprochen. Nein, nur das nicht! Dann schon lieber drauf gehen, Graf Kövösty-Kelemen! Mit Würde krepieren! (Immerhin, da beide Duellanten nachweislich überdies zur Gruppe der Untoten gehörten, war die ganze Sache ohnedies mehr oder minder ein aufgelegter Humbuk.)

Nur, Duell war Duell, und als nach allen Regeln der Unvernunft Geforderter hatte er es wohl oder übel annehmen müssen; auch wenn dem werdenden Vater der Sinn nach ganz anderem stand, als gegebenenfalls einen Vampir-Kollegen über den Haufen zu schießen!

Nein – da würde nach allen Regeln der diesbezüglichen Kunst wohl er dran glauben müssen, er, Igor! Natürlich! Zudem galt der gekränkte Blutsauger Danilo Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow nicht von ungefähr als meisterlicher Schütze, gefinkelter Duellant und überhaupt als Mann mit scharfem Auge und sicherer Hand!

Er hingegen, der abgetakelte Vampir mit Flugirritationen, der endlich doch noch Vater zu werden Aussichten hätte, wenn da nicht zeitgleich dieses blöde Duell auf sein spätes Glück lauerte, es mit Sicherheit zerstörend, er war, was den Ausgang dieser saudummen Schießerei betraf, so gut wie keine Chance! Er, Igor, der früher so stolze Trigamist, stets gut beleumundete Sauger, der allseits respektierte Tierarzt zu Czernowitz, Uhrmacher zu Prag und Ethnologe zu München, war im Pistolenschießen eine Niete (wie bis vor kurzem im Kindermachen).

Ja, er würde Vater werden!

Aber – wenn er es nun am Ende nicht mehr erlebte?!

Irina hatte es ihm vor zwei Tagen mitgeteilt. Freudig? Schockiert? Verängstigt? Das konte man schwer beurteilen … Sie war schon die letzten Wochen hindurch von gewaltigen Schwankungen ihrer Stimmung, sozusagen. von diversen psychischen Schattierung bestimmt worden; und unberechenbarer noch, als sie es ohnehin schon gewesen war all die Jahrhunderte … Nein, sie musste sich einfach freuen an ihrer Mutterschaft! Ja, doch! Freuen! Freuen! Die ganze Welt musste sich freuen! Alle mussten sich freuen! Alle!

Alle? Nun, ja … Zum Exempel: Irinas Mann, Danilo, also der eher nicht … Und seine, Igors, Frauen? Astrid, Theresia und Sylvia? Hm … Ob die – – – ?!

Danilo hatte – für seine Verhältnisse – erstaunlich ruhig reagiert, als ihn seine Frau am Vortag schließlich (schonend, wie sie meinte) aufzuklären versucht hatte über die bevorstehenden Veränderungen, die sich nunmehr durch ihre Mutterschaft, die wiederum, zugegeben!, durch Cousin Igor verschuldet worden war, ergeben würden.

Also, wie gesagt, für seine, Danilos, Verhältnisse zumindest fiel seine Reaktion erstaunlich ruhig aus. Sieht man einmal davon ab, dass Danilo Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow den Salon im Familien-eigenen Schloss bei Czernowitz verwüstete, den Teppich zerbiss und die Diener (auch die alten) krankenhausreif schlug, schien er beinahe die Ruhe in persona zu sein.

Wen oder was hatte er schon zu fürchten? Nicht einmal – um hier nochmals Joseph Victor von Scheffel zu zitieren – „die Wölfe der Karpathen“ (aus dem Festlied zur Eröffnung der Franz-Josephs-Universität, 1875).

Außerdem soff er ein paar Flaschen Wodka leer und rollte bedrohlich mit den Augen. Dann sandte er an Igor Graf Kövösty-Kelemen den Fehdehandschuh (von welche Kleidungsstücken er ein schieres Arsenal besaß) in einem entsprechenden Kuvert, dass ein Feuerreiter aus der Eilposttruppe der Thurn und Taxis noch zur selben Stunde in München, Prag und Czernowitz zustellte. (Ja, doch! Ordnung muss sein, besonders bei Feindschaften!)

Neben je einem Handschuh beinhaltete das Poststück auch die detaillierte Auflistung und quasi hieb- und stichfeste Begründung der Duellforderung sowie wichtige Angaben zu Ort (Czernowitz, römisch-katholischer Friedhof) und Zeit (am nächsten frühen Morgen) und einige polnische und russische Verwünschungen persönlicher Art.

Außerdem kündigte der in seiner Vampirehre tief getroffene Danilo an, seinem Kontrahenten nach der erfolgten Tötung (die bei Vampiren, wie man weiß, ohnedies so eine Sache ist …) anschließend nach allen Regeln der Kunst auch noch einen Pfahl ins Herz rammen zu wollen.

(Nachsatz im hochnotpeinlichen Schreiben des vor Rache schäumenden Vampirs: Sämtliche möglichen Rechtsmittel sind ausgeschlossen.)

Was der fuchsteufelswilde Graf mit seiner Frau Irina und dem Ungeborenen vorhaben könnte, ging aus dem ansonsten durchaus penibel abgefassten Schreiben freilich nicht hervor. Doch galt Danilo Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow bekanntermaßen als Gentleman. Und Abtreibung war damals, zumindest in Vampirkreisen, ohnedies kein Thema. Also würde Cousine Irina, wenn es so weit sein würde, irgendwo hingeschafft werden, wo sie Igors langersehnten Sproß dann in aller Ruhe gebären könnte …

Da Vampire in aller Regel auf andere Art für ihr Weiterleben sorgen, nämlich indem sie wehrlose Menschen aussaugen (und solcherart ebenfalls zu Vampiren machen), kommen Zeugung und Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt in diesen Kreisen eher selten vor; auch wenn der Vampirkörper, sowohl der weibliche als auch der männliche, durchaus entsprechend ausgestattet ist und speziell Potenz und Geilheit dieser Spezies in einschlägigen Berichten immer wieder (und sicherlich nicht zu unrecht) hervorgehoben werden.

Kurz: Vermutlich würde Danilo sein Eheweib, nachdem er den Kontrahenten erschossen und gepfählt hatte, einfach verstoßen. Die erwiesene Untreue – hier würden DNA-Proben und ähnliche Tests als rechtliche Unterlagen dienen können – wäre als Grund mit Sicherheit ausreichend, davon konnte man ausgehen. (Und die Möglichkeit, dass Danilo, der blendete Schütze, nicht über den diesbezüglich eher ungeschickten Igor obsiegen würde, konnte man beruhigt ausschließen. Es war zudem nicht das erste Duell des Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow; und würde wohl auch längst noch nicht das letzte sein …)

Ergab sich nun noch eine technische Frage: War es grundsätzlich möglich (und zulässig), dass ein Vampir einen anderen Vampir pfählte? Konnte (und durfte) er das tun?

Eine in der Tat diffizile Frage an den Spezialisten, Prof. Gabriel van Helsing.

Hm … Ich meine, da fehlt es weitestgehend an Präzedenzfällen …“, sagte der alte Fuchs, bedächtig sein weißes Haupt hin- und her-wiegend. „Also, wenn ein Vampir es, sozusagen, übers Herz bringt, seinerseits einem anderen Vampir den Pfahl ins Herz zu treiben …?!“ Der greise Professor wiegte das Haupt immer noch bedächtig hin und her, bevor er sodann kryptisch schloss: „Alles ist möglich, irgendwie. Und: Probieren geht über Studieren!“

*

München/Prag/Czernowitz, Jetztzeit (und immer); nachts; gebündelt in einem Ort und in einer Zeit: auf dem römisch-katholischen Friedhof zu Czernowitz; knapp nach Mitternacht. (Irgendeine Glocke schwingt sogar noch bimmelnd nach; etwa so, wie wie ein Greis pinkelt.)

Nebelschwaden, Raben und Eulen; das Übliche.

Das Duell der Vampire war kein Zweikampf der Giganten. Nein, die Angelegenheiten, um die es dabei ging – die Untreue der besagten feschen Cousine Irina, das nicht zuletzt dadurch ermöglichte, nach Jahrhunderten wieder aufgewärmte Techtelmechtel mit Igor und natürlich die gekränkte Eitelkeit des Kontrahenten Danilo – gewannen zwar nicht an Sinnhaftigkeit; doch die Dramatik war immerhin groß. Rituale konnten glänzen. Rituale, so wichtig besonders in Zeiten, die als halbwegs aufgeklärt gelten wollten. Zudem durfte es an Aberglauben nicht fehlen, wo statt des obsolet gewordenen Glaubens längst schon berechtigterweise der Zweifel herrschte …

Die Rituale erschienen freilich nicht nur den Anhängern aller nur erdenklichen Traditionen als notwendig. Ganz allgemein hielt man auf sie große Stücke; glaubte man, ihnen doch immerhin den Schutz über so gut wie alles anvertrauen zu können – besonders die Abwehr des gefürchteten Chaos‘! Da nahm man sogar den leidigen Kontrollzwang in Kauf, und man akzeptierte, dass alles lange dauerte, weil Rituale nun einmal viel Zeit in Anspruch nehmen.

Schließlich freilich geht es – Rituale hin oder her, Aberglaube, Glaube oder Versicherungsunwesen – zur Sache. (Siehe dazu: Jörg Zirfas, „Vom Zauber der Rituale“!)

Doch dann kam’s dick: Denn kurioserweise löste sich nicht der sogleich unterlegene Vampir, also unser bemitleidenswerter Igor, in diverse Formen von Kot, Dreck und Staub, Asche und Kehricht et cetera auf, sondern – – –

Also, nachdem Graf Danilo Pawlow Drusowitsch-Tragotitsch zu Grienflut-Hauensteig und Gosslow, der weitschichtige Sprössling aus dem Haus des Zaren Peters des Großen, seinem von Haus aus unterlegenen Duellgegner, Igor Graf Kövösty-Kelemen, nicht nur eine Kugel in den Kopf gejagt, sondern auch einen geweihten (sic!) Holzpfahl ins Herz getrieben hatte, krümmte er sich, er, der siegreiche Vampir mit einem Mal auf! Wobei er außerdem ziemlich überrascht wirkte.

Dann begann er sich langsam aber sicher und im Tod scheußlich röchelnd in – siehe oben: – Dreck und Staub, Asche und Kehricht et cetera zu verwandeln! Er! Er also, der zuvor noch so alerte und durchaus stolze Betreiber des Pfahles, sonderte nunmehr, stinkende, rauchende, übel gefärbte und zu allem Überfluss und Übelfluss ätzende, vermutlich zudem hochgiftige Dämpfe freilassend, seine diversen ungesunden Grundstoffe ab; was irgendwie seltsam, ja, nachgerade bizarr wirkte. (Dem letztlich skurrilen Ort indes nicht inadäquat …)

Zuletzt sah man von Danilo – wenn hier korrekterweise überhaupt von Sehen die Rede sein kann, im Stockdunkel des römisch-katholischen Friedhofs zu Czernowitz – bloß ein Häuflein angesengten uralten Fleisches, einen scheußlichen Schädel sowie einige verbrannte und ebenso antike Knochen und Reste von verdorbenem, dereinst sicherlich teurem Anzugstoff … Sowie ein paar vorwitzige Rauchwölkchen, die sich – um die Beschreibung hier in einer gewissen Lockerheit abzuschließen – an einer weißen Marmorstatue (einen ziemlich unpassend, weil geil und ekstatisch vor sich hinstierenden [doch das sah man nicht so genau], jedenfalls übermannshohen zwittrigen Engel darstellend) empor-kringelten.

Die Sekundanten, alles brave, durch Jahrhunderte im Biss ergraute Vampirkollegen, begannen sich still zu trollen. Auch der mit der medizinischen Observanz beauftragte Vampir-Arzt, ein guter Bekannter Danilos, hatte mit seinen dürren Angaben ein paar entsprechende Formulare gefüllt und war sodann in den Frühnebel entglitten.

Wenige Meter weiter, und während Danilos Reste also noch etwas stanken und qualmten, lag Igor ebenfalls stumm, jedoch weitgehend geruchlos da.

Ein undefinierbares Lächeln spielte schattenhaft um seinen Mund, hier im tauigen Gras und im nackten, weißen Kies zwischen zwei Gräbern.

Irina, sie hatte mit Abscheu die ganze Szene von einem erhöhten, Punkt einige Gräber weiter hinten, beobachtet, erhob sich nunmehr in die Lüfte. Ihren Biss-gewohnten Mund kräuselte ein ebenso schwer deutbares Lächeln, wie das bei Igor der Fall war. Und die schwangere Vampirin wurde immer kleiner und kleiner …

Igor. Für den toten Untoten, dereinst bekannt als Igor Graf Kövösty-Kelemen (alias Tierarzt Dr. Alexander Igor Gels in Czernowitz; Uhrmachermeister Franz Igor Chronstätt in Prag; Univ.-Prof. Dr. Maximilian Igor Breininger in München), begann nunmehr irgendeine Apotheose. Wobei der jetzt in Fetzen von einem allmählich heller werdenden, milchigen Himmel herunterhängende Nebel den Eindruck der Unentschlossenheit noch unterstrich.

Kurz – was aus Igor werden würde, hatte sich allem Anschein noch nicht entschieden. (Und auch wo sich das entscheiden sollte, war wohl noch nicht klar … Oder war das Zeit-Netz schon wieder irgendwie gerissen oder das Zeit-Raum-Kontinuum gestört, wie auch immer …)

Jedenfalls, als dann doch die ersten, noch zaghaften Sonnenstrahlen eines schönen Maientages auf den gepflegten Friedhof fielen, war nunmehr tatsächlich etwas zu sehen: Von einem dicken Grabstein aus Granit, eingemeißelt und mit Buchstaben versehen, die handwerklich gediegen mit Blattgold ausgelegt waren, prangte der Name

IGOR.

Wann immer der Stein auch vorbereitet oder angefertigt worden war und warum Igors Überreste nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, in die Familiengruft transferiert worden waren? Wir wissen es nicht. Nur dieses Wort, IGOR (ohne weitere Daten!). Darunter allerdings die zugleich bedrohlich wie hoffnungsfroh wirkende Familienparole:

Hab Zeit! Es ist nie zu spät!

Seltsam, fürwahr.

Mitunter übrigens zog ein großer schwarzer Vogel seine Kreise über der stillen Stätte. Als wollte er irgendwelche Beobachtungen anstellen.

Wohl ein Agent im schwarzen Federkleid.

Vielleicht war er jedoch auch bloß auf der Suche nach einem ihm genehmen Kotplatz.

E N D E

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(Nicht explizit hingewiesen wird hier – aus material-technischen und ökonomischen Gründen – auf die in der Tat überreiche „Dracula“-, Thriller- und SF-Literatur.)

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