U n t e r

Ventri-

loquisten

Eine seltsame Geschichte

von

Bernd Schmidt

© Copyright by Bernd Schmidt, Graz 2011

(ENDFASSUNG: 2013)

Der Bauchredner oder Ventriloquist (zu:

Ventriloquismus) tritt im Zirkus, in Varietés

oder Nachtklubs auf. Sein Kollege, der

Engastrimant (zu: Engastrimantie), vermag

angeblich mit Hilfe des Bauchredens,

sogar wahrzusagen.

Quelle: DUDEN, Das große Fremdwörterbuch

*

Nicht immer ist es gut, sich blind an die Formulierungen und Inhalte altgedienter Sprichworte zu halten. Nein: Morgenstund’ hat nun einmal nicht automatisch Gold im Mund, und Spinne am Abend bringt nicht immer Glück und Gaben (was sich übrigens nicht einmal ordentlich reimt). So verhält es sich auch mit der oft verwendeten Sentenz Gleich und Gleich gesellt sich gern. Es mag ja zutreffen, dass Ähnlichkeiten auf ihre Träger anziehend wirken; doch ob die daraus eventuell resultierende Geselligkeit sich auch tatsächlich und in allen Fällen als eine angenehme und in ihren möglichen Folgen positive erweist, ist keineswegs von Haus aus gesagt und quasi in Stein gemeißelt. Da gibt es keine verbürgten Kausalitäten.

Obgleich Hugo und Francois beide Ventriloquisten waren, also der bemerkenswerten Zunft der Bauchredner angehörten, taten sich zwischen ihnen auf anderen, nicht berufsbezogenen Gebieten nicht selten wahre Gräben und Klüfte, summa summarum schier unüberwindbare Meinungsunterschiede auf. Ja, doch, da gab es mitunter unverrückbare Grenzbalken. Barrieren. Ideologischer weniger als vielmehr – im etwa weitesten Sinn – moralischer Art.

So oblag der Junggeselle Hugo, dessen Bauchrednerpuppe Igor schon eine beachtliche Tradition repräsentierte und bei Urgroßvater, Großvater und Vater Hugo (zugegeben: mit wechselndem Erfolg) in Gebrauch gestanden war, in seiner Freizeit der Tomatenzucht – oder wie er es, österreichisch, wie er war, auszudrücken pflegte: der biologischen Weiterentwicklung von Paradeisern. Und Hugo hatte darin schon einige durchaus nennenswerte Erfolge erzielen und Preise einheimsen können, die es beinahe mit seinen früheren Triumphen auf dem Gebiet des Ventriloquismus aufnehmen konnten.

Francois, der sich auf seine – leider nie so ganz eindeutig verifizierte – Abstammung von einem hugenottischen Adelsgeschlecht einiges einbildete, hatte es hingegen mit den Frauen. Sie waren, nach fünf Ehen, die allesamt mit dem Tod der betreffenden Damen geendet hatten, immer noch quasi der Lebensinhalt des ebenfalls überaus begabten Bauchredners, der alsbald vor Vollzug seiner sechsten – – – doch halt.

Zwar traten Hugo und Francois (aus verständlichen Gründen) nie gemeinsam in Varietés, auf Kleinkunstbühnen oder bei Kindernachmittagen auf, doch waren sie seit vielen Jahrzehnten enge Freunde und mehr als bloß Fachkollegen. Die beiden alten Bauchredner waren ein menschliches Gespann, das sich gegenseitig manchen Auftritt zuschanzte, dabei immer wieder einmal für einander einspringend; und die beiden Artisten saßen, gemeinsam mit ihren – kunstfertig und vor vielen Jahren schon mit viel Liebe und handwerklichem Können – aus Holz geschnitzten Puppen, also Igor und Charlie, gerne beim Wein zusammen, um über alte Zeiten zu plaudern und über mögliche Tricks und Pointen fachzusimpeln. Denn anders etwa als ihr gemeinsamer guter Bekannter, der Maler Konrad Matthias Immensack, ging es ihnen auch als alten Hasen immer noch um Innovationen, um das Noch-nicht-da-Gewesene, um die Überraschung! Um den Reiz des Ausprobierens! (Wohl auch – ums Risiko …)

Immensack hingegen ödete sie nicht selten an. Der arbeitete jetzt seit Dezennien ausschließlich an ein- und demselben Bild, das er allerdings viermal pro Jahr um- und übermalte. Der einen Quadratmeter große Ölschinken hieß „Die vier Jahreszeiten“ und wog inzwischen gut sechzig Kilo; so viel hätte die Leinwand mit den unzähligen Farbschichten mit Sicherheit auf die Waage gebracht – wollte sich jemand der Mühe unterzogen haben, das (besonders in den Stadien Sommer und Herbst) ziemlich missglückte Elaborat tatsächlich abzuwiegen.

In der Beurteilung der durchgehend missglückenden Kunstversuche Immensacks waren sich der eingefleischte Junggeselle Hugo und Francois, der dem Ewig-Weiblichen Verfallene, einig. (Hugos Beinahe-Abstinenz in sexuellen Belangen war übrigens eine nur halbwegs freiwillige und keinesfalls begründet etwa in Frauenfeindlichkeit oder irgendeiner psychischen Störung. Hugo galt schlicht und einfach als impotent nach einem Verkehrsunfall, der ihm in jungen Jahren zugestoßen war. Und der hatte sich tatsächlich auf der Straße abgespielt. Nein, da gibt es keinen Anlass, blöd zu grinsen!)

Paradeiser!

Es kling wie ein Jubelschrei!

Paradeiser! Wieder lugen ein paar neue rote Exemplare – nein, einige sind noch grünlich, haben erst rosa Bäckchen, sind im Stadium der Kindertomate, sozusagen – aus ihrer grünen stängeligen Umgebung. Die Lämpchen aus Russland, die eiförmigen, wohlschmeckenden Früchte, legen es erst gar nicht aufs Rotwerden an – sie bleiben gelb. Anders ihre Basen und Vettern, die saftigen Ribesoides, deren Leuchtrot einem schon beim ersten Hinsehen das Wasser im Mund zusammenfließen lässt! Oder die hochwüchsigen De Barao … Wahre Schönheiten! Nicht zu vergessen: die Bianca Sherry – klein, gelb und platzfest, aber umso fruchtiger! Das sind die Widerstandsfähigen unter Hugos Schützlingen. Daneben liebt er indes besonders seine geflammten Raritäten: die Stiped Roman, diese robusten, gelbroten Genossen oder gar die Black Zebra genannten Kumpel aus der verwandten Familie der Stabparadeiser mit schwarz-grünen Streifen! Oder die lustigen Kolleginnen und Kollegen aus der Familie Tigerette Cherry in ihrem wahlweise roten oder gelben Outfit, mit braungelblicher Flammung, sowie die schwergewichtigen Cox Orange, die wie Paprika geformt sind, rot mit gelben Streifen und hervorragend zum Gefüllt-Werden geeignet. Dann die Green Sausage mit ihren walzenförmigen Früchten, grün-ocker-gestreift. Und erst die Fuzzy Wuzzy! Herrlich! Gelb-rot, in herzförmiger Erscheinung, diese seltsamen Busch- und Ampelparadeiser!

Er kam aus dem Schwärmen selbst nicht mehr heraus. Und sogar Igor nahm ihn deshalb mitunter auf den Arm, was angesichts des üblichen Verhältnisses zwischen Bauchredner und Puppe als Bild, zugegeben, ein wenig seltsam wirken mag … Nein, Igor versuchte bloß, den Enthusiasmus seines ventriloquistischen Herren und Brotgebers ein bisschen einzubremsen; nicht zuletzt, um ihm unnötigen Kummer zu ersparen (oder solchen wenigstens zu mindern), wollte es wieder einmal mit einer von Hugos eigenen Neu- oder Weiterzüchtungen nicht auf Anhieb klappen. (So war etwa der Edelparadeiser Sputnik, ironischerweise damals fast zeitgleich mit dem sowjetischen Erdtrabanten, zu dessen Ehren ihn der tomatenkundige Bauchredner benannt hatte, nach wenigen Generationen sozusagen degenerierter Weise dahin gewesen; und auch, einige Jahrzehnte später, seine ziemlich schräge Züchtung Michael Jackson segnete nach kometenhaftem Auftritt alsbald das Zeitliche.)

Kurz und gut: In Paradeiserfragen konnte Hugo empfindlich reagieren. Da war mit ihm, sozusagen, nicht gut Kirschen essen; obwohl Tomaten (lycopersicones) nicht allzu viel mit Kirschen (cerasi) zu tun haben. Er reagierte empfindlich.

Zudem: Auf Leonie und die mit ihr verbundene traurige Episode in seinem Leben ließ sich Hugo überhaupt ungern ansprechen. Sie, die brünette, feingliedrige Leonie mit den hellbraunen, grüngesprenkelten Augen, war dereinst, in den 1960er Jahren, Jahre vor dem schon erwähnten unsäglichen Unfall, seine Freundin (nein: Verlobte!) gewesen. Und Tochter einer Großgärtnerei. Ja, doch, Leonie hatte sich gleich nach dem eierraubenden Bahnübersetzungsdebakel von Hugo abgewandt. Und war mit wehenden Fahnen zu Enrico, dem vierschrötigen Affenbändiger, übergelaufen.

Doch in der Zwischenzeit schien Hugos Herz groß, sein Verzeihen gleichsam mit seinen dicken, feist-roten (oder irgendwie farbgemaserten) Paradeisern gewachsen und seine Persönlichkeit eine durchaus ausgeglichene geworden zu sein. Und dieser Schein trog nicht.

Frauenmorde! Sie haben zwar durchaus etwas Faszinierendes an sich, zugegeben. Einerseits. Aber sie sind, andererseits, keine Kavaliersdelikte. Frauenmorde mögen dem, der sie verübt, schon mal eine gewisse Reputation einbringen; zunächst jedoch – viele Jahre Gefängnis oder die Einweisung in die geschlossene Abteilung spezieller Kliniken. Und so schlau manche Mörder sich über oft lange Zeit auch anstellen, irgendwann schlägt ihnen dann doch noch die Stunde; dann schnappt die Falle zu; oder Kommissar Zufall kriegt sie am Schlafittchen.

Da können sich sogar plötzlich und aus heiterem Nachhimmel Gewissensbissen beim bis dato Gewissenlosesten einstellen. Nicht nur, dass sich der sonst so gewiefte Frauenmörder womöglich, sukzessive zum Nervenbündel mutierend, am Tag noch so alert, nächtens dann fua de dodn weiwa fiacht, wie es uns H. C. Artmann in seinem Gedicht „blauboad 1“ so anschaulich schildert; nein, ganz allgemein: Auch beim Geschäft des Frauenmordens geht nun einmal der legendäre Krug immer nur so lang zum nicht minder legendäreren Brunnen, bis er beinahe folgerichtig bricht. Denn irgendwann ist das Maß voll. Und auch der bisher noch so vorsichtig agierende Unhold macht einen Fehler, verplappert sich, erregt Aufmerksamkeit und wird zu schlechter Letzt – geschnappt. Wie ein inferiorer Taschendieb.

Frauenmörder genießen nun im Allgemeinen zwar kein besonderes Ansehen, obschon – wie oben angedeutet – unleugbar eine gewisse Faszination von ihrer raren Profession auszugehen scheint. Zudem werden prominente Vertreter ihrer Zunft, wie etwa der französische Heiratsschwindler und Serienkiller Henri Désiré Landru (1869 – 1922), zugenannt der Blaubart von Paris, immer wieder gern als Meister des Täuschens und Tarnens dargestellt. Landru zum Exempel führte ein über die längste Zeit quasi perfektes Doppelleben: Er war verheiratet und hatte gemeinsam mit seiner Gattin (die er allerdings nach eigener Angabe im Lauf der Ehe 283 Mal betrog) vier Kinder. Ab dem Jahr 1914 gab er immer wieder Heiratsannoncen in Zeitungen auf, „durch die er“ – wie Norbert Borrmann in seinem informativen „Großen Lexikon des Verbrechens“ ausführt – „mit zahlreichen alleinstehenden Frauen in Kontakt kam. Seine Anzeigen waren so formuliert, dass sich vor allem Witwen und geschiedene Frauen angesprochen fühlten, die in gewissem Wohlstand lebten.“ Der alles andere denn attraktiv wirkende Landru schien „auch im direkten Umgang mit den Damen (…) stets den richtigen Ton“ zu finden und verfügte vermutlich über einige Ausstrahlung. So eroberte er die Herzen – und das Vermögen – seiner leichtgläubigen Opfer. Zehn Frauen sowie den Sohn einer von ihnen ermordete der findige Unhold, ihre Leichen verbrannte er allesamt in seinem Landhaus in Gambais. Lange blieb Landrus schlimmes Tun unaufgeklärt, bis sich indes die Vermisstenfälle doch häuften. Schließlich kam man dem schlauen Mörder auf die Spur, wobei ihm übrigens seine Sparsamkeit zum Verhängnis wurde; hatte er doch für seine Reisen zum Landhaus, wo sich dann auch noch „Überreste von Asche, versetzt mit Knochen, Zähnen sowie Haarspangen und Kleiderfetzen“ fanden, jeweils eine Fahrkarte mit Rückfahrt und eine für bloß eine Strecke erworben, woran sich aufmerksame Bahnbeamten erinnern konnten … Der penible Blaubart von Paris sammelte zudem Liebesbriefe, außerdem fand sich ein Aktenordner mit den Namen seiner Opfer sowie der Aufstellung der erbeuteten Geldbeträge. Henri Désiré Landru wurde zum Tod verurteilt und starb durch die Guillotine.

Veronique musste es sein! Ausgerechnet Veronique! Wenn schon Francois’ Hugenotten-Abstammung einigermaßen fragwürdig erschien, so war es in der Tat völlig unmöglich, dieses Weibsstück auch nur annähernd für eine Französin durchgehen zu lassen. Sie entstammte dem Bahnhofsviertel Villachs. Gut, insofern hatte sie vielleicht mit Fernweh zu tun. Und mit Französisch.

Dafür hatte Veronique sozusagen den Teufel im Leib. Um das festzustellen, hätte es keiner besonderen Begabung bedurft. Auch keiner im Sinn der Engastrimantie. Nein, da war nichts zu weissagen; sozusagen: aus dem Bauch heraus. Und dass Hugo, quasi vom Ventriloquisten zum Ventriloquisten, seinem Freund Francois zuredete wie dem berühmten eigensinnigen Gaul (oder dem störrischen Esel) beim Überqueren der schwankenden Brücke, nutzte nichts: Der Bauchredner angeblich französischer Abstammung war seiner jungen grellen Geliebten verfallen mit Haut und Haar.

Und doch – Francois hätte sie nicht zu seiner sechsten Frau nehmen sollen.

Nicht nur Freund Hugo hatte dem (beinahe schon greisen) Künstler von der Verbindung zu der um gut dreißig Jahre jüngeren Äquilibristin so heftig abgeraten. Ja, eine Affäre, ein Verhältnis, O. K., wenn es schon hatte sein müssen … Aber – heiraten?! Um alles in der Welt! „Nein! Nein!! Nein!!! Tu das nicht! Nur das nicht!“ Hugos Stimme fiel ins Flehentliche, bevor er auch noch sein überzeugendstes Bauchtremolo dazuschaltete, der Leslie-Vorrichtung bei einer Hammondorgel nicht unähnlich – an Wirkung und Klanggewicht.

Alle Bekannten waren entsetzt. Die einen rieten offen ab, anderer maulten hinter vorgehaltener Hand. Auch die paar Freunde der jungen – übrigens eher mittelmäßigen – Seiltänzerin sprachen sich gegen die Verbindung aus. Niemand wollte an einen positiven Ausgang oder gar an irgendwelche Chancen für eine erfreuliche gemeinsame Zukunft glauben …

Sogar Maler Immensack waren einige stichhaltige Argumente eingefallen, die eindeutig gegen die geplante Verehelichung sprachen; und das, obschon sich der Pinselartist gerade in einer elenden Herbst-Stimmung befand und sein Gemälde überhaupt langsam aber sicher in Auflösung überzugehen begann …

Wie Francois’ Ehefrauen den Tod fanden, hatte zwar irgendwie Methode, dennoch wäre lange Zeit kaum jemand darauf verfallen, Nachforschungen anzustellen. Immerhin waren alle sechs aus dem circensischen Milieu gekommen, wie man so schön sagt. Und da herrschten nun einmal eigene Gesetze. Zudem war die Arbeit der Artistinnen und Artisten nun einmal mitunter gefährlich; gerade Trapezkünstler, Seiltänzerinnen und Tierbändiger leben in ständigem Ringen mit der Erdanziehung, aber auch der Zentrifugalkraft oder schlicht mit der schlechten Laune ihrer Raubkatzen. Und sogar Pudel konnten bissig sein und Netze löchrig.

Kurz, dass nacheinander im Lauf der Zeit von Agathe, Francois erster Ehefrau, bis Veronique, der Nummer sechs, alle das Zeitliche segneten, war zwar nicht ganz dem Usus entsprechend; freilich, so außergewöhnlich dann doch auch wieder nicht. Das Leben in der Manege oder im Theatersaal der Varietés war immerhin ein besonderes, in dem ein eben so besonderes Klima vorherrschte. Gefahren lauerten da gleichsam auf Schritt und Tritt … (Sonst hätten wohl auch die Zuschauer den Weg dorthin erst gar nicht gesucht – und gefunden.)

Agathe war – das Unglück ereignete sich bereits in den 1960er Jahren – von einem nervösen Elefanten zertrampelt worden. Uschi war das ungefähre, beinahe zufällige Opfer eines gereizten Tigers, der es eigentlich auf seinen Dompteur, den schönen Rudolfo, aufgesehen hatte. Die blonde Erika landete statt in den Armen ihres Bruders Hermann, oben auf dem Trapez, unten in den Sägespänen der Manege. Wenig mit dem Artistenberuf zu tun hatte ein weiteres Hinscheiden: Beates Verhängnis war eine Suppe mit falschem Bärlauch. Leonore rutschte unglücklicherweise vom Rücksitz des Motorradtodesfahrers und Francois-Kumpels Eugen, weil das Kupplungsseil defekt war. Auch Eugen ging bei der Sache drauf. Leider.

Und Veronique? Sie fiel ebenfalls – allerdings aus dem Fenster im neunten Stock.

Übrigens und um das auch klarzustellen: Francois konnte mit dem Mörderkollegen Landru nur bedingt verglichen werden: Immerhin verzichtete er durchwegs auf ein Vorspiel als Heiratsschwindler. Ganz im Gegenteil – Francois heiratete seine späteren Opfer aus Liebe oder zumindest aus Zuneigung. Wenn es an der Zeit war freilich, schritt er, auf das aufwendige Entree quasi verzichtend, zügig zum Akt des Frauenmordes. Auch wenn zwischen Eheschließung und letalem Unfall der jeweiligen Gattin nicht selten mehrere Jahre lagen: Das Ziel war in jedem Fall klar. Auch wenn das Warum im Dunkel lag.

Wir können immerhin mutmaßen und nochmals an H. C. Artmanns Gedicht in Breitenseer Mundart, betitelt „blauboard 1“, erinnern: „so fafoa r e med ole maln / wäu ma d easchte en gschdis hod gem …“ („So gehe ich mit allen Mädchen um, weil mir die erste eine Abfuhr <den Sküs; eine Karte im Tarock> erteilt hat …“) Denn tatsächlich glaubte sich der engere Bekanntenkreis ganz gut daran erinnern zu können, dass damals die erste Flamme dem bei den Frauen an sich doch auch später so gut gelittenen Francois den Weisel gegeben habe.

Doch nachher sind eben alle klüger.

Die Beweggründe, warum Charlie schließlich seinen Herrn und Meister, Francois, dem er durch so viele Jahre treu und verlässlich gedient hatte, an die Polizei und die Behörden verpfiff, blieben ebenfalls lange Zeit im Unklaren. Auch wenn man in eingeweihten Kreisen, also in der Kollegenschaft von Francois und Hugo, Igor und Charlie, längst schon davon wusste, dass es manche Bauchrednerpuppen nach Jahrzehnten intimsten Umgangs mit ihren Herren mitunter zu einigem Eigenleben brachten. Ja, sogar Eifersüchteleien zwischen dem Ventriloquisten und seinem (meist) hölzernen Assistenten kamen gar nicht so selten vor. Das trug sogar alles eine gewisse Potenz des Gruseligen und Zauberischen in sich; oh, ja

Bis Puppe Charlie sich Hugo (respektive dessen Gehilfen Igor) anvertraute: „Er hat es nicht mehr ausgehalten! Verstehst du mich?! Mein Herr und Meister, Francois, war am Ende … Nach sechs Morden wurde er allmählich zur Gefahr für sich selbst! Er redete ihm Schlaf – und ganz ohne mein Zutun und meine Unterstützung! Nein, ich musste ihn befreien! Ich musste einfach diesen unsagbaren Druck von seiner Seele nehmen!“

Igor verstand zwar seinen Puppenkollegen, indes sein menschlicher Partner (und Herr), Hugo nämlich, tat sich da schon wesentlich schwerer. Um Himmelswillen! Sollte Freund Francois tatsächlich seine Ehefrauen umgebracht haben? Alle? 1, 2, 3, 4, 5 und 6? Und geschwiegen haben von dieser drückenden Schuld, all die Jahre? Geschwiegen – dem Kumpel gegenüber, mit dem er ansonsten so viele Geheimnisse teilte?!

Hugo wandte sich erneut und noch intensiver als bisher der Aufzucht seiner geliebten Tomaten (Paradeiser) zu. Und sein Fleiß wurde durch eine gelungene Kreuzung zwischen der alteingesessenen Sank Ignatius-Tomate und der ovalen, glänzendroten Chadwick’s Cherry belohnt, die er dem Freund zu Ehren Paradeiser Francois nannte. Und diese ungewöhnlich saftige und wohlschmeckende Exponentin der alten Spezies Lycopersicon esculentum (die spätere Bezeichnung Solanum lycopersicum gefiel dem Tomatentraditionalisten weniger gut) gewann auf Anhieb einige hohe und höchste Preise bei internationalen Fachtagungen!

Francois wurde in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

Charlie durfte ihn einmal pro Woche (gemeinsam mit Hugo und Igor) besuchen.

Immensack übermalte sein Bild endgültig. Monochrom. Schwarz.

Und erzielte damit endlich sogar ein respektables Honorar.

E N D E

Literatur (Auswahl):

H. C. Artmann, blauboad. In: med ana schwaozzn dintn. gedichta aus bradnsee. 9. Aufl. Salzburg 1958.

Lothar Bendel, Das große Früchte- und Gemüselexikon. Düsseldorf 2002.

Norbert Borrmann, Das große Lexikon des Verbrechens. Täter – Motive – Hintergründe. Berlin 2005.

DUDEN, Das große Fremdwörterbuch. Mannheim 2000.

Internet.

Ricky Jay, Sauschlau & Feuerfest. Menschen, Tiere, Sensationen des Showbusiness. München 1988.

Julie Landis-Sager, Tomaten. Die besten Rezepte. 2. Aufl. Aarau 2001.

Manufactum, Gartenkatalog Nr. 2, März 2011 – Februar 2012. Linz 2011.

Astrid Wintersberger (Hg.), Österreichisch-Deutsches Wörterbuch.Salzburg und Wien 1995.

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