Unter

falschen

Hasen

Ein nicht so sehr kulinarischer

als vielmehr erstaunlicher Vorfall

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

Man lebt nicht von dem, was man isst, sagt

ein altes Sprichwort, sondern von dem, was

man verdaut. Man muss also verdauen, um

zu leben – unter diese Nothwendigkeit beugt

sich Arm und Reich, Bettler und König.

Jean Anthelme Brillat-Savarin, Physiologie des Geschmacks

*

I

Er mochte seinen Nachbarn Emanuel Bisanner nicht.

Und die Ausländer. Die Asylanten. Das ganze Gesindel.

Am liebsten hätte er es gesehen, wäre die Schengen-Grenze mitten durch die Straße gegangen und durch den eigenen Kühlschrank. Denn auch die lauten, dumpfen Neo-Nazis mochte er eigentlich nicht. Und ein solcher war ausgerechnet sein eigener Sohn, Gregor.

Gregor, der, wenn es nach dem Wunsch vom Großvater Gustav gegangen wäre, Gernot geheißen hätte. So wurde er abwechselnd Gregor und (treu-germansich) Gernot genannt.

Nein, er mochte auch seinen krakeelenden und renitenten Sohn nicht. Den blöden Neo-Nazi.

Doch zu Bisanner hegte Horst Krönlurcher von Anbeginn ihrer Nachbarschaft eine besondere, eine, sozusagen, innige Abneigung. Obwohl ihm, Krönlurcher, der andere noch nie irgendeinen, auch nur entfernten Anlass zu einer Beschwerde gegeben hatte. Überhaupt nicht.

Anders als etwa sein eigener Sohn, Gregor, dieser Hohlkopf, der ständig lärmte und Radau machte, war Dr. Emanuel Bisanner nämlich ein durchwegs ruhiger und unauffälliger älterer Mann, alleinstehend und ohne irgendwelche störende Ambitionen.

Nicht einmal Besuch bekam der Nachbar. Auch da hätte sich Gregor an diesem Bisanner direkt ein Beispiel nehmen können. Sein missratener Sohn Gregor! Dieser blöde Kerl. 25 und nichts erreicht im bisherigen Leben. Keine Perspektiven. Keine Aussichten.

Immer noch bei den Eltern wohnen. Ja, das war natürlich billig und bequem.

Immer noch die längst überholten politischen Ideen vom Opa im Hirn, die Horsts alter Nazi-Vater in den Enkel eingepflanzt hatte. (Wahrscheinlich, weil er, Horst Krönlurcher, kein Ansprechpartner gewesen war dafür, als Junger.)

Immer noch verzärtelt von der schwachen, kranken Mutter Christina.

Und laute Musik gab es bei Bisanner auch nicht zu beanstanden. (Obwohl der angeblich sogar Musiker war.)

Bisanner galt tatsächlich als beispielhafter Mieter.

Das kotzte Krönlurcher an, das bereitete ihm schier körperliche Beschwerden. Und erst, wenn er das makellose Betragen seines alten Nachbarn mit dem Chaos verglich, dass sein missratener Sohn Gregor, in Gemeinschaft mit den fragwürdigen Neo-Nazi-Freunden, allenthalben in den eigenen vier Wänden (oder draußen, im Schrebergartenhäuschen) verursachte, schwoll der Groll des Cholerikers schier ins Unermessliche an.

Warum konnte ausgerechnet sein Sohn kein verlorener sein? Einer der, ausgezogen war, was-weiß-ich-was zu lernen, und nie mehr zurück kam?

Aber Gernot blieb eisern bei ihnen. Malträtierte sie und presste sie aus.

Krönlurcher und Bisanner: Angesichts der Lage, die eine aussichtslose war, hätte Krönlurcher sogar den vergleichsweise unschuldigen, ach so ordentlichen Mitbewohner umbringen mögen.

Doch dieser ordentliche Dr. Emanuel Bisanner bot so gut wie keine Angriffsfläche.

Man hörte im Allgemeinen nichts von ihm, sah ihn selten, und auch sonst gab es keinerlei Gründe für irgendwelche Beschwerden.

Auch schien sich Emanuel Bisanner (wenn man nicht in Erwägung zog, dass er – diesem van Beethoven ähnlich – ohnedies längst schon taub war), nicht einmal durch Gregors üble Heavy Metal– und Hard-Rock-Attacken aus der Reserve locken zu lassen. Radau-Bombardements, die sogar ihn, Krönlurcher (und trotz Ohropax) regelmäßig aus dem Bett hauten! Ja, doch: Er, Horst Krönlurcher, wäre an Stelle des Nachbarn mit Sicherheit schon des öfters wutentbrannt vor der Krönlurcher-Wohnung erschienen und hätte entsprechend lautstark gegen die penetrante Lärmbelästigung protestiert! Am besten die Polizei geholt! Und sich bei der Hausverwaltung beschwert!

Nicht so hingegen Bisanner, der sanfte.

Entweder hörte er tatsächlich nichts, oder der Trottel war die Toleranz in Person.

Dieser Blödmann.

Gegen Gregor freilich war kein Kraut gewachsen. Der jetzt 25jährige total missratene Sohn war ihm, Horst Krönlurcher, und auch seiner Frau, Gregors hilfloser Mutter Christina, eindeutig längst über den Kopf gewachsen. Nicht nur von der Größe her.

Dann noch die ewig gleichen blöden Nazi-Parolen von Horsts Vater her! Wie konnte man nur so verbohrt sein?!

Und dass er überhaupt noch da, unter dem gemeinsamen Dach mit seinen Eltern, hauste …

Und jetzt war Christina zu allem Überfluss ins Spital eingeliefert worden: Krebs im Endstadium. (Nicht, dass Krönlurcher so wahnsinnig an seiner Gattin gehangen wäre; aber immerhin war man fast 30 Jahre zusammen gewesen.)

Außerdem lag jetzt die ganze Last des Haushalts auf den Schultern des frühpensionierten Magazineurs eines Lagerhauses. (Seinen ursprünglichen Beruf als Fleischhauer hatte er eines Arbeitsunfalls wegen aufgeben müssen, vor langer Zeit schon.)

Ja, der ganze beschissene Haushalt. Und der Schrebergarten.

Denn von Gregor war auch jetzt keinerlei Hilfe zu erwarten. (Warum auch?!)

Im Gegenteil: Der aufgeschwemmte fette Taugenichts mit der Skinhead-Frisur und den Hakenkreuz-Tätovierungen auf den teigigen Oberarmen war noch aggressiver als zuvor. (Vermutlich war das Gernots Art, sich um seine todkranke Mutter zu sorgen?!)

Und: Er lud sich noch häufiger als vorher seine nichtsnutzigen Kumpane zum Saufen und Randalieren ein. Lauter Strolche wie er, widerliche Neo-Nazis, Hooligans und Randalierer.

Und er betrug sich immer häufiger auch dem eigenen Vater gegenüber alles andere als ehrerbietig oder wenigstens respektvoll.

Im Gegenteil: Einige Male hatte der kräftige Ausbund schon recht brutal den eigenen alten Herrn, sozusagen, in die Schranken gewiesen.

Und das in den eigenen vier Wänden! (Das traf Horst Krönlurcher besonders. Und er sann nach Abhilfe.)

Ein Freund aus Lagerhaus-Zeiten (einer der wenigen verbliebenen) riet Horst, seinen Sohn durch die Polizei aus der Wohnung weisen zu lassen. Gründe dazu fänden sich doch immerhin jederzeit und genügend viele.

Außerdem, so der Freund weiter, ergäbe sich doch allein schon aus der extremen politischen Ausrichtung Gernots und seiner Freunde jede Menge Zündstoff. Ja, er, Krönlurcher, hätte sogar die Pflicht, die mit Sicherheit staatsfeindlichen Aktivitäten seines Filius zu melden. Bevor er sich noch selber strafbar machte – als Mitwisser oder gar als Anstifter (obwohl er das, als politisch völlig desinteressierter Mensch, keineswegs gewesen sei!).

Es war schon ein Jammer.

Zwar war Krönlurchers Vater, Gustav, in der Tat ein strammer Nazi gewesen, doch der Funke aus dem alten reichlich ausgebrannten Schwamm namens Adolf Hitler & Co. war nun einmal nicht auf ihn übergesprungen. Außerdem waren, als er ein junger Mann gewesen war, Nazi-Zeit und Krieg schon längst uralte Geschichte. Ja, sogar der Staatsvertrag war schon halbwegs vergilbt in seinen weitgehend unpolitischen Augen.

Doch war es, aus welchen Gründen auch immer, dem braunen Opa gelungen, den unglücklichen Samen erneut, eben in den dummen dicken Enkel Gernot, einzupflanzen …

Weit über den Tod des alten Großvaters hinaus kujonierte der junge Krönlurcher somit seine Familie mit diesem politischen Sondermüll.

Und Horst Krönlurcher wusste nicht, was er tun sollte.

Dann kam der Anruf aus dem Spital: Seine Frau Christina hatte es überstanden. Ja, sie war in den frühen Abendstunden friedlich (weil entsprechend niedergespritzt) verschieden.

Und dann nahte sich der alles entscheidende Abend. Wieder hatten sich die grobschlächtigen Gefährten Gregors lautstark eingefunden. Dann wurde gegrölt, gesoffen und gekifft. Dann zog man sich scheußliche Musik in lautester Lautstärke hinein.

Schließlich gingen die Freunde wieder, einer nach dem anderen.

Zuletzt, es war weit nach Mitternacht, lag als einziger Gregor, halb-bewusstlos, total besoffen und immer noch high, auf dem beschmutzten Teppich im Wohnzimmer.

Da packte Horst den Vorschlaghammer, den er vor Wochen schon aus dem Schrebergartenhaus geholt hatte, wo er seit Jahren sein Werkzeug deponierte, und schlug dem missratenen Sohn damit den Kopf ein. (Da er den Tatort zuvor, vom Bewusstlosen unbemerkt, mit Kunststoffplanen entsprechend ausgelegt hatte, hielt sich die Sauerei sogar in Grenzen.)

Im Lauf des nächsten Tages tranchierte der Frührentner Krönlurcher mittels seiner praktischen Heimwerkergrätschaft den Koloss, der sein scheußlicher Sohn gewesen war, und verpackte ihn in handliche Portionen. Und in den Tagen darauf verstaute er die Reste Gregors sukzessive größtenteils in der Tiefkühltruhe im Gartenhaus.

Doch erst einmal galt es, das Begräbnis seiner Frau Christina hinter sich zu bringen.

Anschließend meldete Krönlurcher seinen Sohn bei der Polizei als abgängig. Ja, wahrscheinlich sei er wieder einmal zu einem dieser berüchtigten Treffen der Rechtsradikalen nach Deutschland (oder nach Holland) gefahren … Leider habe er ihm das alles nie ausreden können. Nein. Und immerhin sei sein Sohn doch längst volljährig. Ja, und seine, also Krönlurchers, Frau sei eben, zu allem Überfluss, gestorben. Hm, Krebs. Danke. Und da habe er nicht gleich reagieren können auf Gregors Abwesenheit. Jetzt aber …

Horst Krönlurcher hatte seine Pflicht erfüllt. Als Staatsbürger und als besorgter Vater.

Es verlief sich alles irgendwie in den nebulösen Labyrinthen sicherheitsdienstlicher Ermittlungen und diverser (zugegeben: eher halbherziger) Untersuchungen durch die Staatssicherheit (oder wie das Amt hieß).

Dann, eines schönen Abends, läutete Horst Krönlurcher an der Wohnungstür seines Nachbarn und lud den überraschten Bisanner zum Abendessen am nächsten Tag ein. Falscher Hase werde er ihm vorsetzen, wenn es beliebe.

II

Man wird nicht jeden Abend von seinem eher unfreundlichen und missliebigen Nachbarn zu Falschem Hasen eingeladen. Noch dazu, wenn just dieser Nachbar ansonsten so überhaupt keinerlei Wert auf nachbarschaftliche Beziehungen legt.

Daher war Dr. Emanuel Bisanner, Archivar i. R. und Komponist, zunächst einmal überrascht.

Doch sowenig ihm auch an einer intensiveren Bekanntschaft mit diesem eigenartigen Mitbewohner namens Horst Krönlurcher gelegen war, dessen unsympathischer Neo-Nazi-Sohn mit der lärmenden Musik ihm, Bisanner, schon so manchen Abend (beziehungsweise so manche Nacht) verdorben hatte, sowenig wollte er unhöflich erscheinen. Noch dazu, da er wusste, dass des Nachbarn Ehefrau kürzlich gestorben war.

Vielleicht, dachte der mitfühlende Bisanner, ist Horst Krönlurcher auch nur einsam. Wo doch, allem Anschein nach, just auch sein lauter Sohn ausgezogen ist. (Zumindest hat er einige Zeit nichts von Gernot und seinen schrägen, lauten Freunden gehört. Nicht, dass er ihm abging …)

Also machte sich Dr. Bisanner fertig für den abendlichen Besuch und griff sich die bereitgestellte, in geschmackvolles Seidenpapier eingewickelte Flasche guten Rotweins, die schon griffbereit auf dem Kästchen wartete, worauf das Festnetztelefon stand.

Den ursprünglichen Gedanken, nämlich seinem Nachbarn (von dem er kaum etwas wusste) eine CD mitzubringen mit zwei Symphonien aus seiner Feder oder eine andere, auf der Streichquartette und ein Bläseroktett aus der Fülle an Bisanner-Kompositionen digital festgehalten waren, hatte er verworfen; aus dem zu schließen, was er tagtäglich und allnächtlich an akustischem Müll aus der Nachbarwohnung zu hören bekommen hatte, würden seine, Bisanners, Werke wohl kaum auf der Linie Krönlurchers liegen … (Und dem Gastgeber eine Platte von Bisanners verstorbener Frau, Georgette Dumond, einer mittelbekannten Schlagersängerin der 1970er Jahre, zu schenken, hielt er ebenfalls für unpassend. Warum auch immer.)

Also, ein letzter prüfender Blick in den großen Spiegel mit Goldrahmen im Vorzimmer der Dreizimmerwohnung, dann schloss Dr. Emanuel Bisanner die Tür auf und wandte sich nach rechts, in Richtung Krönlurcher-Behausung.

Die Wohnungstür zog er zu und versperrte sie, allerdings nur einmal; immerhin hatte er vor, ohnedies nicht allzu lange Zeit beim Nachbarn zu verweilen.

Falscher Hase. Er hatte in einigen seiner Kochbücher nachgesehen. Als Selbstversorger durch Jahrzehnte verfügte Bisanner über eine Reihe tauglicher Zubereitungshilfen und Gastronomie-Lexika, auch wenn er es immer noch eher intuitiv liebte beim Zubereiten seines Essens. Mit vielen Kräutern und aufgeschlossen gegenüber neuen Geschmacksnuancen. Ja, Emanuel Bisanner war auch beim Erschaffen seines Mittagessens stets einer, der komponierte

Also, Falscher Hase. Dazu, so stand es weitgehend übereinstimmend in der zu Rate gezogenen Fachliteratur, bedurfte es zweierlei Sorten von faschiertem Fleisch (oder von Gehacktem), nämlich Rind und Schwein, jeweils gleich viel. Dann benötigte man natürlich noch Zwiebel, Eier, Brösel (oder eingeweichtes Weißbrot), Wasser, Gewürze, Petersilie und Öl, ein wenig Sauerrahm, etwas Bouillon; zudem mehrere harte Eier für die Fülle; Speck (hinein verarbeitet beziehungsweise darauf gelegt). Und: Ab damit ins Rohr!

Dass Falscher Hase ursprünglich eher so etwas wie ein Arme-Leute-Essen im alten Berlin war, woher der ironisch auf Wildbret hindeutende Ausdruck ja auch stammte, stimmte den Küchenforscher Bisanner heiter.

Aber: Da lud ein bis dato weitgehend unbekannter Nachbar den anderen ein, um ihm ein wenig prestigeträchtiges Festessen vorzusetzen …! Warum wohl?!

Überhaupt war Dr. Bisanner neugierig auf des Mitbewohners kulinarische Kunstfertigkeit, wusste er doch über Horst Krönlurcher kaum etwas; nicht einmal, dass der immerhin dereinst als Fleischhauer gearbeitet hatte und ihn somit zumindest eine gewisse Affinität zu den Grundprodukten auszeichnen dürfte …

Freilich – man musste sich wohl am besten überraschen lassen. (Und als Pessimist hatte man ohnedies auf so manches gefasst zu sein!)

Die Klingel schellte. Und Horst Krönlurcher öffnete.

Treten Sie doch ein“, sagte er und wies dem Gast nur den Unterarm zum Gruß vor. „Entschuldigen Sie, bitte! Aber ich bin noch mitten im Vorbereiten und habe feuchte Hände …“

Bisanner stellte die Falsche Wein ab und ging, wie ihm geheißen worden war, weiter.

Hier, bitte, ins Wohnzimmer, Herr Doktor!“, sagte Kronlurcher. Und übergangslos: „Sie sind ja sozusagen ein berühmter Mensch. Ich habe Sie gegoogelt …“

Nun war Emanuel Bisanner nicht gerade sonderlich eitel. Doch dass sich sein Nachbar die Zeit genommen hatte, etwas über ihn im Internet in Erfahrung zu bringen, schmeichelte ihm dann ja doch. (Er wusste nämlich, dass seine Webside nicht allzu häufig aufgesucht wurde. Sie war vor einiger Zeit von einem diesbezüglich begabten Bekannten [im Auftrag von Dr. Bisanners Arbeitgeber bis zur Pensionierung vor ein paar Jahren, der Musik-Abteilung des Archivs „Elisabethinum“] eingerichtet worden und enthielt neben Emanuels Vita vor allem ein ausführliches Werkverzeichnis sowie ein paar Querverweise zu YouTube-Ausschnitten aus Konzerten, Fotos, einige Zitate aus Rezensionen und ein paar Interviews.)

Was darf ich Ihnen anbieten?“, fragte Horst Krönlurcher, durchaus verbindlich, nachdem sich Bisanner an den Couchtisch gesetzt hatte. „Ein Glas Sekt? Einen Cognac? Ein Bier? Campari? Mineral?“

Sie tranken also eine Runde Prosecco. Und Bisanner hatte sich schon während der Vorbereitungen, die der Gastgeber traf, vorsichtig umgeschaut.

Die Wohnung war zwar alles andere als nach seinem, Bisanners, Geschmack eingerichtet, doch sauber und im weitesten Sinn sogar recht gemütlich. Ein neuer Teppich fiel ihm besonders auf, wie nun einmal in abgewohnter Umgebung Novitäten einen starken Kontrast bilden. (Auf dem Vorgänger war immerhin die Leiche des missratenen Sohnes Gernot Krönlurcher gelegen, bevor es ans Tranchieren gegangen war und der Vater die handlichen Reste daraufhin in die Schrebergarten-Hütte geschafft hatte.)

Wie Sie vielleicht wissen, ist meine Frau, Christina, kürzlich gestorben -“

Mein Beileid!“, unterbrach Bisanner den Nachbarn.

Danke. – Und jetzt ist zu allem Überfluss mein Sohn Gernot abgängig … Sie kennen ihn ja?“

Und ob, dachte Bisanner, aber mir geht er gar nicht ab … Doch Dr. Bisanner nickte bloß. Und ernst.

Ja, und da war es plötzlich sehr einsam …, hier …“ Krönlurcher schwieg, während er die Gläser nachfüllte.

Das kann ich gut verstehen. Ich bin ja schließlich selber Witwer … Wenn auch schon viele Jahrzehnte lang …“, sagte der Gast mitfühlend.

Doch keine dunklen Stimmungen!“ Krönlurcher stand rasch auf und wandte sich in Richtung Küche. „Der Falsche Hase ruft!“

Ja, genau! Der Falsche Hase“, wiederholte, sich ebenfalls erhebend, Bisanner.

III

Warum einer Menschenfleisch besser, der andere gar nicht verträgt? Wer kann das schon sagen. Sogar Ernährungsforscher und Diätfachfrauen sind da eher auf die Theorie angewiesen, da sich besagte Nahrung bei uns im Allgemeinen kaum auf dem Speiseplan findet. Offiziell. Kultur und Tradition, auch gewisse Tabus schon sprechen gegen den Verzehr von Menschenfleisch in unseren Breiten.

Zudem fällt die sogenannte Anthropophagie, das Verspeisen des menschlichen Fleisches durch den Menschen, unter entsprechende Paragraphen des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches.

Doch warum sollte es den Menschen – abgesehen von elementarer Hungersnot, nach Schiffskatastrophen oder Flugzeugabstürzen auf einsamen Inseln, im Hochgebirge oder in der Wüste – überhaupt nach dem Fleisch seiner Artgenossen gelüsten?

Die Problematik des Genusses von Menschenfleisch tangiert einerseits die Religionen und Riten; kommen Menschenfresserei und Menschenopfer immerhin in vielen Glaubensgemeinschaften vor, mal ausgesprochen, mal umschrieben; andererseits spielt die Frage in die Beurteilung hinein, was man als ekelig oder als wohlschmeckend ansieht. Pferdefleisch unterliegt ähnlichen Tabuvorstellungen, und dass der Mensch im Allgemeinen am Verzehr der ihm genetisch nahen Schweine nichts auszusetzen findet, ist zumindest erstaunlich.

Einleuchtend mag in diesem Zusammenhang noch am ehesten alles das erscheinen, was ins Religiöse spielt; denn hier gelten nun einmal nicht die Regeln der Rationalität. Das Wissen darüber, dass zum Beispiel die Azteken Menschenopfer darbrachten und den Göttern vorzugsweise die Herzen von Menschen offerierten, scheint immerhin gesichert. Und von manchen Missionaren wird – vermutlich zu Recht – angenommen, dass sie ihr Leben in einem großen Suppentopf ausgehaucht haben. Sozusagen: Berufsunfälle im Gefolge der Kolonialisation. Und schon seit den Zeiten von Christoph Columbus und James Cook sind seltsame und gruselige Geschichten über Kannibalen in der Karibik im Schwange.

Dass man einen toten oder getöteten Anverwandten post mortem auffrisst, um seine Wiederkehr zu verhindern, kommt uns ebenfalls irgendwie verständlich vor; sind die Reste des womöglich dereinst Gefürchteten durch den nunmehr vollzogenen Verzehr doch immerhin am denkbar sichersten Ort aufbewahrt …

Doch jetzt zum Menschenfleisch als solchem. Wie sieht es überhaupt mit den Proteinen und mit den Kalorien aus? Angeblich – laut Internet – könnte ein zum Gefressen-Werden freigegebener 60-Kilo-Mann circa 60 Erwachsene für einen Tag ernähren. Dass grundsätzlich freilich die Beschaffenheit des Nahrungsmittels Mensch eine große Rolle spielt, soll nicht unerwähnt bleiben. Wie gesund ist der Betreffende (gewesen), wie steht es um seine Lebenshaltung? Ist er vielleicht chronisch krank und unter starkem Tabletten-Einfluss gestanden?

Somit birgt die Antropophagie immerhin auch einige Gesundheitsrisiken in sich.

Nicht nur für das Opfer.

Aber – schmeckt Menschenfleisch tatsächlich ähnlich dem Kalbfleisch und leicht süßlich, so wie immer behauptet wird?

Auch dass die Herren Krönlurcher und Dr. Bisanner, die mit den merkbaren Symptomen einer schweren (Lebensmittel-)Vergiftung ins Spital eingeliefert wurden, just Menschenfleisch konsumiert hatten, musste erst mühsam genug herausgefunden werden. (Übrigens: Der gewesene Fleischhauer und langjährige Lagerhaus-Magazineur Horst Krönlurcher, der laut Dr. Bisanner kein so schlechter Koch gewesen sein soll, war ein mutiger Verwender diverser Gewürze. Und wie es sich beim Falschen Hasen nun einmal gehört, war die Mahlzeit auch entsprechend knusprig und appetitlich zubereitet.)

Zum Abend selbst konnten Krönlurcher und Bisanner zunächst einmal kaum Erhellendes aussagen. (Dieser konnte nicht, jener wollte vermutlich nicht.) Umso mehr freilich, wie in einem Mietshaus nicht anders zu erwarten, die Nachbarinnen und Nachbarn.

Erst habe man kaum störende, da bloß mittel-laute Musik aus der Kronlurcher-Wohnung gehört. (Seit der Sohn nicht mehr hier wohne, sei es überhaupt wesentlich leiser im Haus! Direkt angenehm!). Dann aber, nach Stunden erst, sei es doch kurze Zeit noch laut geworden: Da war dann das Umfallen von schweren Körpern oder Möbeln zu hören gewesen.

Schließlich hatte eine Nachbarin namens Renate Spitz die Polizei verständigt. („Beim Krönlurcher anläuten, das wollte ich nicht. Nein. Da habe ich Angst gehabt … Wissen Sie, Herr Inspektor, der ist oft so unfreundlich!“)

Schließlich hatten die Polizeibeamten die Wohnung aufgebrochen und die beiden Männer, bewusstlos am Boden liegend, im Wohnzimmer vorgefunden. Auf dem Couch-Tisch hatten sich noch Teller, Schüsseln und Besteck befunden sowie eine Reihe von Gläsern und Flaschen …

Dann verständigten die Polizisten sogleich die Rettung.

Kurz: Krönlurcher und Bisanner waren aus welchen Gründen auch immer ohne Bewusstsein. Doch war augenscheinlich einiges an alkoholischen Getränken konsumiert worden; die leeren Flaschen sprachen dafür.

Ob es womöglich auch eine handfeste Auseinandersetzung gegeben hatte, war nicht auszuschließen, wurde jedoch auch nicht sogleich evident.

Das Faschierte jedenfalls – ein sogenannter Falscher Hase, wie ein Sanitäter deutscher Abstammung gleich erkannt hatte – musste wohl oder übel die Quelle der Vergiftung sein, denn um eine solche handelte es sich zweifelsfrei; oder sie mit ausgelöst haben.

Die Reste des an sich recht appetitlichen Bratens wurden denn auch entsprechend untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass dieses Hasenimitat nicht etwa aus faschiertem Rinds- und Schweinefleisch, sondern vielmehr aus Muskelfleisch des angeblich abgängigen Sohnes Gernot Krönlurcher bestand.

Was auffiel: In der Küche Krönlurchers fanden sich unter anderem eine noch nicht angebrochene Großpackung Rattengift (wie es zum Beispiel in Schrebergärten leider immer noch eingesetzt wird) sowie ein Fläschchen Vitriol, ebenfalls ungeöffnet.

Hatte Horst Krönlurcher womöglich mit dem Gedanken gespielt, seinen Nachbarn, Dr. Emanuel Bisanner, zu vergiften? Oder – sich selber?

Der erstaunlich guten Konstitution des alten Bisanner und des um etwa zehn Jahre jüngeren Frühpensionisten Krönlurcher war es letztlich zu verdanken, dass sich beide Männer ziemlich rasch wieder erholten. (Vielleicht hatte sie tatsächlich gar nicht der Verzehr von faschierten und gebratenen Teilen Gernots als vielmehr der exorbitante Alkoholkonsum umgehauen? Wer weiß …)

Nach wenigen Tagen jedenfalls wurden beide aus dem Krankenhaus entlassen.

Krönlurcher allerdings in Handschellen.

Ein Stromausfall im Bezirk, in dem sich seine Schrebergarten-Hütte befand, hatte unter anderem auch zum Auftauen der diversen Lebensmittel in der Tiefkühltruhe geführt. Durch die Geruchsbelästigung alarmiert, hatten andere Schrebergärtner die Behörden informiert.

Mehr durch Zufall war man anschließend dann auf die Leichenteile des fachmännisch tranchierten Gernot Krönlurcher gestoßen.

Krönlurcher senior wurde wegen des vorsätzlichen Mordes an seinem Sohn Gregor verurteilt und wanderte ins Gefängnis.

Ob ihn sein betagter Nachbar, Dr. Bisanner, hin und wieder besucht hat, ist nicht belegt.

E N D E

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