Und dann?!

 

Sieben nicht zu Ende erzählte

Geschichten

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

 

 

 

Man schlage ihnen fünfzehn Rippen

mit schweren Schmiedehämmern ein,

mit Blei soll man sie mürbe strippen,

dann bitt ich sie, mir zu verzeihn!

Francois Villon, Ballade, in welcher

Villon alle Welt um Verzeihung bittet 

*

 

I: Laetitia agricolarum

Es handelte sich im Grund genommen bloß um eine Schatulle aus Holz. Gut, sie war ordentlich gefertigt und reich verziert – wenn auch ziemlich primitiv von der schnitztechnischen Machart her. Bäurisch eben. Aber mit einem gewissen Flair. Ja, solche Nichtigkeiten sind durchaus imstande, das Herz des verwöhnten Städters zumindest zwischendurch zu erfreuen. Außerdem, zugegeben, es sind heute schon beinah Raritäten, diese Holzschatullen.

So auch dieses gute Stück, das sich ansonsten in einem Geheimfach im Sockel neben dem hölzernen Stiegenaufgang befand, über den die alten, schon ziemlich desolaten Treppen in den ersten Stock des großen Bauernhauses aus dem späten 19. Jahrhundert führten. Die hübsche Roswitha, die Enkeltochter der alten Hinckel-Hansl-Besitzerin Genoveva Waldner, Roswitha also, die in der Hauptstadt an der Universität Kunstgeschichte studierte und zudem einen Kurs für Museums-Management (oder -Marketing?) belegt hatte – er, etwas abgelenkt durch ihr einladend ausladendes Dekolleté, war da wohl nicht so ganz aufmerksam gewesen beim Hinhören -, nochmals: Roswitha hatte ihn eingeladen, an diesem schönen Sommer-Sonntag mitzukommen nach Breitensaum an der Immer und sich das alte Bauernhaus der Oma anzusehen. Es sei interessant, hatte sie gesagt. Kunsthistorisch.

Das war es auch.

Dann hatte sie ihm das Kästchen gezeigt.

Er, Mag. Gregor Eibenschlier, relativ junger und nicht unansehnlicher Jurist im Landesdienst, der sich Hobby-mäßig und aus genetisch begründetem kunsthistorischem Interesse zu altem rustikalem Inventar sowie zu bäuerlichen Kuriosa hingezogen fühlte, war zu sehr mit den schönen, in Blau gehaltenen Augen der jungen blondgelockten Frau beschäftigt, die sie ihm allem Anschein nach machte, um die Geschichte mit der Holzschatulle aufs erste (Nicht-)Hinhören irgendwie richtig einordnen zu können. Außerdem lockte immer noch das üppige Dekolleté des appetitlichen Mädchens. Sehr sogar. O ja …

Sie hatten einander kürzlich bei einer der gewohnt faden Neureichen-Partys kennengelernt, wie sie Gregors (sagen wir:) Freund Heinz-Rudolf Leutzenbach-Sölk, genannt „Lord“, alle paar Wochen steigen ließ. Bloß, dass da kaum was Nennenswertes stieg – außer vielleicht der Alkoholspiegel … Es hatten sich die besseren Krethis und Plethis eingefunden, wie üblich, die Pseudo-Gesellschaft der Landeshauptstadt also, diese mediokren Schickimickis weitestgehend provinziellen Zuschnitts. Ein paar Damen und Herren jüngerer Jahrgänge, doch auch ziemlich viele angegraute Altspatzen, allen voran die berüchtigte Hermeline „Bunny“ Schreibtreu-Traungrün, der auch schon reichlich überständige Simon Hermes, seines Zeichens Alt-Journalist, und die ebenfalls schon reichlich bejahrte, aber immerhin originelle Theresia B. Schwingsschlögel, eine der letzten Salonieren.

Die hirnflachen Gespräche waren so öd wie die Erdbeer-Bowle, und die Brötchen so einfallslos wie die Roben der sogenannten Damen, auch wenn echter Beluga drauf war; auf den Brötchen.

Doch dann war ihm, mitten drin in der reichlich zusammengewürfelt wirkenden Gesellschaft, Roswitha aufgefallen. Sie hatte wohltuend hervorgestochen aus dem Wust der Simpeln und der allesamt zur Idiotie tendierenden Einfach-Gestrickten, der paar saudummen Aristo-Trampeln und dem männlichen Neureichen- und Börsianer-Schrott diverser Alterskategorien.

Ja, er war hin – und weg, der junge, recht fesche Jurist aus dem Amt der Landesregierung mit einem vom Großvater mütterlicher Seite her ererbten Hang zu Volkskunde und rustikaler Kunstgeschichte. (Der Opa war dereinst Kustos irgendeiner Klasse und maßgeblich beteiligt gewesen am Aufbau des sogenannten Heimatwerks. Wissenschaftler mit Haut und Haar und echter Freund des ländlichen Handwerks in seinen diversen Ausformungen. Und diesbezüglich ein unbestreitbarer Kenner und gefragter Sachverständiger.)

Jetzt also dieses Holzkästchen.

Es sei, so referierte, mit vor Leidenschaft schon leicht geröteten Wangen, die aller-hübscheste Roswitha (die er nach der Party partout nicht gleich hatte flachlegen können, wobei ihm ihre Standhaftigkeit sogar irgendwie imponierte!), es sei also das so schön gearbeitete Kästchen seit Jahrhunderten schon in Familienbesitz. Und außerdem verbinde sich (angeblich) ein Geheimnis damit, das jedenfalls mit den verstorbenen Eltern Roswithas zu tun hatte …

Dann unterbrach jedoch der etwas ruppige Auftritt der Großmutter, Genoveva Waldner, der Hinckl-Hans-Bäurin also, das Gespräch über das famose Kästchen.

„Die Jausen wär‘ jetzt angerichtet“, stieß die alte, weißhaarige Frau im schlichten Blaudruckkleid nicht besonders freundlich hervor, dabei jedoch mit schierem Stolz den (oststeirischen) Dialekt-Konjunktiv präsentierend. „Also, wenn’s kemmen wolltet’s …?!“, hängte sie auch noch ein hübsches, wenn auch apostrophiertes Es an: diese originelle, leider fast zur Gänze schon aus dem Gebrauch gekommene, früher in den Voralpen übliche Form für die 2. Person Pluralis des Personalpronomens; ein Sprachrelikt, das wie ein Mysterium klingt … Es

Doch weder der Waldner-Enkeltochter Roswitha – die solches gewohnt war – noch dem jungen Juristen stand just der Sinn nach antiquierten Dialektformen und deren bedauerlichem Schwund. Am späten Nachmittag wollte man immerhin in die Landeshauptstadt zurück. Vorher freilich galt es noch, einen Abstecher zum Bahnhof von Breitenflaum an der Immer zu machen, wo Gregor Eibenschlier vorhatte, die Schatulle in einem der Schließfächer zu deponieren. Dann zurück in die Landeshauptstadt in seinem immer noch schmucken Alfa Romeo, einem Geschenk der Eltern übrigens (zum Eintritt in den Landesdienst).

Ja, also …, Schließfach. Auf Roswithas Bitte hin. Sicherheitshalber. Denn man –

 

II: Die Saucier der La Fayettes

Wie war Simon nur hierhergekommen? Ach ja, die gute alte Hermeline „Bunny“ Schreibtreu-Traungrün war ihm vor einer guten Woche in der City über den Weg gelaufen. Und sie hatte ihn, wie es nun einmal so ihre (Un-)Art ist, gleich zwangsverpflichtet. Sie hätt‘ Pouvoir zum Einladen, wen immer sie mitbringen möcht‘ oder hinbestellen „zum monatlichen Fest’l beim ,Lord‘, du weißt schon, beim Heinz-Rudolf Leutzenbach-Sölk, kennst ihn eh …?!“

Ja, er kannte den „Lord“. Flüchtig. Das heißt: Wenn es sich machen ließ, flüchtete er immer, wenn dieser gealterte Schnösel mit dem gefärbten Haar und den auf jugendlich getrimmten Marken-Klamotten (einschließlich meist blutjunger weiblicher Begleitung) irgendwo auftauchte. Alter Kleinadel, beidlinig noch dazu, seniles Kleinhirn, aber stets guter Dinge – wie die meisten begüterten Idioten eben.

„Und bring‘ doch ein attraktives Frauenzimmerchen mit! Du kennst ja dem ,Lord‘ seinen Gusto …?! Wir alten Häsinnen und Hasen sind da nimmer so recht g’fragt, gelt ja?!“

Er simulierte Protest, besonders was die Kombination zwischen „Bunny“ und alt betraf. Doch – so blöd, ihm diesbezüglich was zu glauben, so blöd war nicht einmal die Schreibtreu-Traungrün. „Geh! Du Charmeur …“, lächelte ihn die gut 70-jährige Schabracke zwischen schlecht gelifteten Falten und echten Krähenfüßen triumphierend an. (Oder war es doch eher Resignation, was ihre Botox-gepflegten Lippen sich da so unheimlich kräuseln ließ?!)

Simon Hermes, 67, pensionierter Journalist, vor einigen Jahren sogar seiner vielfachen Verdienste wegen zum Professor ernannt, Träger eines hohen Landesordens aus ähnlichen Gründen, Simon Hermes erschrak (Kinder, wie die Zeit vergeht!), wie er fast immer zusammenfuhr, wenn er auf etwas etwa Gleichaltriges traf – sei es Greisin oder Greis. Sogar der unvermutete Anblick alter, schon leicht schlottriger Hunde, längst merkbar weiß geworden um die Schnauze, denen er auf der Straße begegnete (meist regnete es auch noch dazu!), versetzte ihn alsbald in solche elegische Stimmungen. Man wusste es, klar doch: Es war nun einmal längst nicht mehr Frühherbst. Nein, des Lebens Winter kündigte sich unerbittlich an. (Poch! Poch!) Naja … Und jetzt die – in Maßen sogar sympathische – „Bunny“ Schreibtreu-Traungrün sehend, gute Bekannte seit Tanzschulzeiten her und ersten Keller-Partys, somit seit fünfzig Jahren (o Gott!), durchfuhr ihn der Gedanke ans Sterben. Aus. Aus und vorbei … O ja, die Endlichkeit der Dinge holte einen überall und unvermutet ein! (Blablabla …)

Und jetzt also da. Beim reichlich bizarren Fest’l vom „Lord“ …

Zu seiner Rechten die Sabine Wurschitz, alias Daphne de La Fayette, angeblich nach einer Tante mütterlicherseits aus französischem Adel (zurückgehend auf den General und Politiker Marie Joseph Mortier, Marquis de La Fayette, der, wenn er nicht gerade im nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg mitmischte, auf seinem Schloss Chavaniac bei Clermont-Ferrand saß und an der Déclaration des droits de l’homme et du citoyen für die Französische Revolution bastelte), mit Sabine also, blond, aufgedonnert, so Mitte der Dreißig, recht ansehnlich, aber strohdumm (Pardon, liebes Stroh!). Mit ihr hatte er vor einem knappen Jahrzehnt einmal kurze Zeit was gehabt. Ja, sorry! (Einmal muss wohl jeder älterer Herr diesen Fehler begehen und in so eine jugendliche Duftfalle tappen. Wobei es ja nicht bloß das olfaktorische Moment ist, das hier wirkt: Auch das frische Fleisch und all das, woran man sich sonst nur mehr in mannhaft ertragener Trauer zu erinnern vermochte …)

Jetzt hat er sie zufällig auf der Straße wiedergetroffen. Beim Shopping – sie, angeblich; beim Spazierengehen – er, wirklich.

Sie sei – solo? (Bejahendes Nicken, ein wenig traurig, wie es ihm schien.)

Ob sie ihn nicht begleiten möchte zu einem Fest’l, denn böse sei man ja nicht miteinander. Oder?! (Nun ja, sie hatte ihn damals um gut 20.000 Euro erleichtert, aber – unter Freunden – ist doch kein Problem so was!)

„Ein Fest’l? Du meinst, Simon, eine Fete?!“, verbesserte das strohdumme Edelweib den alten Herrn umgehend, wobei ihr offensichtlich lüsternes Lächeln sogar den vom Lipgloss erzeugten und in Pink gehaltenen Film über ihrem Plappermund strapazierte.

„Von mir aus, nenn‘ es eben Fete! Also, Sabine -“

„- Daphne, bitte sag‘ Daphne zu mir!“

„Gut, Daphne! Magst‘ mich begleiten …?!“

So also war er hergekommen. Und passte nunmehr in erster Linie wie ein Haftelmacher auf, dass Sabine/Daphne nur ja nichts kaputt machte; was ein abendfüllendes Unterfangen darstellte. Er hatte zum Beispiel mindestens ein Argusauge darauf, dass sie möglichst keine böhmischen Kristallgläser umwarf, keine der hübschen alten Porzellanteller zu Boden beförderte oder dass sie nach Möglichkeit auch keine der gediegenen Servietten aus Damast, vielleicht gar die schweren brokatenen Vorhänge in Brand steckte …

Am besten wäre es wohl, sie griff erst gar nichts an. – Stahl sie übrigens auch? – Nein, keine Kleptomanin; Kleptomanin, das war doch die Lizzy gewesen – oder die Sermione? Egal, eben eine andere seiner diversen bizarren Verflossenen. Oder hatte die – Elvira geheißen?! (Mein Gedächtnis! Ach du meine Güte! – Alzheimer … Wie?! Nein – ja! – Sehr erfreut, … äh, … Hermes …)

Wie sie es geschafft hatte, würde sich Hermes wohl niemals erschließen. Tatsache war, dass Sabine/Daphne, nachdem sie beide das Fest verlassen hatten, mit einem Mal ein in dunkelroten Brokat gehülltes Paket mit sich führte. Und da sie beschlossen hatten, noch einen Absacker bei ihr zu nehmen, enthüllte sie alsbald das Wunderding, das sie da aus der weitläufigen Wohnung des undurchsichtigen „Lord“ vermutlich hatte mitgehen lassen. (Denn dass der geschniegelte Alt-Hengst ihr die Sache da so ganz ohne Gegenleistung geschenkt hatte, wie Sabine/Daphne behauptete, also das wollte Prof. Simon Hermes einfach nicht glauben!)

„Ist sie nicht schön, die Suppenschüssel?!“, rief die junge Frau beim billigen Rotwein ein ums andere Mal begeistert aus. „Herrlich! Schön! Himmlisch!“

In der Tat, das musste der Journalist in Ruhe und gewesene Redakteur zugeben, diese Sauciere – er schätzte sie, was ihren Stil betraf, auf mittleres Empire – hatte etwas Reizvolles an sich. Er drehte das vermutlich ziemlich teure Stück um und sah, auf der Rückseite des sich nach unten hin verbreiternden Sockels, neben dem ihm bekannten Zeichen einer alten sächsischen Porzellan-Manufaktur eine seltsame zweite Gravur, vermutlich aus viel späterer Zeit (da die Schrift ganz anders ausgeführt worden war): „Für Roswitha. In Liebe“. (Französisch.)

Was das wohl sollte?

„Ja, sie ist sehr hübsch …“, sagte Hermes beiläufig, „aber -“

 

III: Ein stilles Wasser!

Das war wohl ’n Schuss vorn Bug, oder?!, dachte der alte Kapitän. Isidor Graubrandt dachte immer so seemännisch und überhaupt martialisch. Und das durfte man durchaus als ziemlich affektiert bezeichnen. Ja, es war eigentlich eine unsinnige Attitüde; hatte er doch längst schon weder mit Krieg noch mit Wasser auch nur im Entferntesten irgendetwas zu tun. Sah man von seiner (ohnedies eher notdürftigen) Hygiene und von ein bisschen Mineralwasser, zum Essen getrunken, einmal ab. Und Kriege führte er ohnedies keine mehr. Seit der gleich langwierigen wie kostenintensiven Scheidung von seiner Frau Radegundis eigentlich gar keine.

Mit dem Wasser verband ihn zwar mental noch viel, real jedoch nur mehr wenig, seit sein Fahrzeug der elektrische Rollstuhl geworden war. Das mit der See war längst – passee (haha!). Und sollte er tatsächlich einmal eines wollen, dann war es ein stilles Wasser …

Es war 12:29 Uhr.

Und der Schuss vor den Bug? Als solchen hatte er zumindest die eben erhaltene SMS empfunden, die ihm von seinem Mobiltelefon der Marke Sony Ericsson geräuschvoll angezeigt worden war. „Mach dich auf was gefasst, du alter Trottel! Der Arsch möge dir gleich auf Grundeis gehen! Ein Freund aus vergangenen Zeiten …“

Wer war das, der ihm diese knappe Unverschämtheit zugesandt hatte? Wenn der Rosenkrieg mit seiner Ex nicht schon so lange vorüber gewesen wäre, hätte er glatt Radegundis hinter der blöden Attacke vermutet; aber so …? Außerdem: Ein Freund aus vergangenen Zeiten?! Graubrandt hatte nie nennenswerte und irgendwie der Erinnerung werte Freunde gehabt; auch in vergangenen Zeiten nicht, verdammt noch mal!

Graubrandt schüttelte missmutig den alten unschönen Kopf.

„Ein stilles Wasser!“ herrschte er nach einer kurzen Pause die pausbäckige Jungkellnerin denn auch gleich griesgrämig an, die sich, einigermaßen freundlich lächelnd und durchaus tapfer, nach seinen Wünschen erkundigte hatte. Hier im Restaurant „Seeblick“. Und er fügte noch bärbeißig hinzu: „Und denken Sie immer: Nicht zu kalt darf es sein, nicht aus dem Eiskasten! Ja nicht aus dem Eiskasten!“

Dabei hatte die 18-jährige Vanessa Kautz, der kaum jemals viel denkende, daher eher vorurteilslose Sprössling aus einem einschlägigen Landgasthaus – sie stammte vom Wirtsehepaar Alexander und Helga Kautz aus Breitenflaum an der Immer -, nicht einmal überlegt: Stille Wasser sind tief. (Was angesichts des hinfälligen Ex-Seefahrers immerhin recht drollig gewesen wäre!) Nein, in Wahrheit hatte zwischen Make-up, rotem Schmollmund und von dunkelblondem Haarschopf (mit ein paar gelben Einsprengseln) bedeckter Schädeldecke Vanessas überhaupt keinerlei Korrespondenz stattgefunden.

Aber was soll’s?! Das Mädchen trollte sich unbeeindruckt und holte das Gewünschte von der Theke, wo der rothaarige Benjamin seines Amtes zu walten versuchte. Er wirkte (und war in der Tat) leicht indisponiert, weil er am Vorabend zu lange gefeiert hatte mit seiner Clique. Noch dazu – in der „Tenne“, diesem berüchtigten Schuppen. Und da flossen dann die Rum-Colas wie nicht gescheit, auch die Runden mit Tequila Sunrise und manches Bierchen, meist in Tuborg gehalten. (O Gott, mein Schädel! Verflucht nochmal! Verflucht!)

Ja, Graubrandt, der, zugegeben, von Haus aus kein besonders freundlicher Zeitgenosse gewesen war, hatte sich sukzessive zu einem ziemlich unfreundlichen alten Arschloch gewandelt, zu einem misanthropischen Ekel, wenn man so wollte; und das – seit der unglücklichen Sache mit der Victoria Heloise vor gut zwanzig Jahren … Verdammt! Das ihm anvertraute Schiff samt seinen irrsinnig vielen Registertonnen, mit den reiselustigen 1.200 Passagieren und der gut 750 Mann starken Besatzung war aus nie wirklich eindeutig geklärter Ursache vor Sizilien gekentert. Und vor allem: Nur er selbst, Graubrandt, und der senile Schiffsarzt, der beinahe ständig sturzbetrunkene Dr. Anatol Smetana, hatten die Katastrophe überlebt. Damals, 1997.

Nun, überlebende Kapitäne kommen nach Schiffskatastrophen bei den Seebehörden (und überhaupt) kaum jemals besonders gut an. Man hält sie, wie auch nicht?, fast immer für verdächtig. Und so ganz unschuldig – na, ja.

Übrigens: Die Victoria Heloise kam aus der Reederei von Ingwar Hamelsson & Co. in Antwerpen und war dem recht prominenten, jedoch um einiges kleineren Motorschiff der Compagnie Générale Transatlantique mit Namen Lafayette aus dem Jahr 1930 nachempfunden, das immerhin schon 187 Meter in der Länge und 23,64 Meter in der Breite gemessen hatte und mit vier Motoren von MAN ausgestattet war (Verdrängung: 25178); nur wesentlich pompöser, also entsprechend größer, schneller und kräftiger in den Registertonnen, im Tiefgang und überhaupt. Doch alle die vorhin erwähnten Eigenschaften hatte die Vorgängerin, die bei Chantiers & Ateliers de St. Nazaire in Penhoet gebaute Lafayette, nicht davor bewahren können, anno 1938 im Hafen von Le Havre abzubrennen, worauf das einstmals so noble Schiff 1939 in Rotterdam abgewrackt werden musste. (Übrigens hatte Isidor Graubrandts reichsdeutscher Vater, Gunnar, 1933 auf der Lafayette als Mat angeheuert gehabt; der war auch eine völlige nautischen Null gewesen und hatte sein Nicht-Talent vermutlich eins zu eins an seinen unbegabten Sohn weitergegeben. Genetisches Lotto eben.)

Doch – Schwamm drüber!

Ach ja, die besagte Lafayette, die mit gut 17 Knoten den Kurs Le Havre – New York befahren hatte, verfügte über 472 Mann Besatzung und bot 388 Personen in der Kabinenklasse sowie 108 in der Touristenklasse Platz. Prominente Reisende waren im Jahr 1935 Katja und Thomas Mann, die wegen der bevorstehenden Verleihung des Ehrendoktorhutes der Universität Yale an den deutschen Dichter und Literaturnobelpreisträger von 1929 den Großen Teich überquerten. Gleichzeitig mit Mann wurde übrigens Albert Einstein diese universitäre Auszeichnung zuteil. Das Ehepaar Mann wurde anlässlich seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten von Amerika auch von Präsident Franklin Delano Roosevelt ins Weiße Haus eingeladen. Im Jahr 1939 emigrierten die Manns schließlich überhaupt in die USA und wurden 1944 amerikanische Staatsbürger.

Nochmals – Schwamm drüber.

Fest stand: Dieser alte Zausel Graubrandt da, der war ein unduldsamer dummer Schnösel. Allein mit seinen Vorurteilen hätte er Container füllen können, und mit seinem Dünkel erst recht! Wie beinahe alle weitgehend Unbegabten hielt er freilich Gott weiß was von seinen navigatorischen Qualitäten. Dabei war er nicht einmal ein tauglicher Trinker gewesen die ganze Zeit über. Da war sein langjähriger Schiffsarzt, Dr. Anatol Smetana, schon ein anderes Kaliber: Spiegeltrinker, schwer leberleidend, aber ausdauernd im Suff! Was diesem obskuren Äskulapjünger an diagnostischem Gespür und an therapeutischem Wissen fehlte, kompensierte Smetana allemal durch seine sagenhafte Standfestigkeit und Ausdauer in Sachen Alkohol …

Doch Graubrandt? Ein nautischer Niemand! Ein Nichts der sieben Weltmeere! Ach was … Dazu rasch aufgebracht (wie ein englisches Segelschulschiff des 18. Jahrhunderts; nein, nur ein kleiner Scherz unter Matrosen!) und uneins mit sich und der Welt.

Darum suchte er vermutlich auch mit jedem Streit – und fand ihn. Ein Arschloch, das niemanden mochte und das im Gegenzug folgerichtig von niemandem gemocht wurde. Deshalb wechselte er sogar seine Putz- und Zugehfrauen wie die Socken. Und weil er sie so schlecht behandelte, diese braven und zum Teil auch ziemlich naiven Schwarzarbeiterinnen aus Serbien, Bosnien oder Kroatien, rannten sie ihm alsbald davon, Spuren von Dreck hinterlassend und schlechte Nachrede über den alten Seebären verbreitend unter ihresgleichen.

Früher war er ebenso radikal und skrupellos mit seinen Matrosen umgesprungen; wie sein leuchtendes Vorbild, der karthagische Herrscher und Eroberer Hannibal, dessen starrsinniges Feldwebeltum sogar vor völlig See-ungewohnten afrikanischen Elefanten nicht zurückschreckte, die der Größenwahnsinnige zum Exempel per Schiff nach Spanien übersetzen ließ. Von dort ging die irre Kriegs-Tour dann weiter, über die dem Feldherrn völlig unbekannten Alpen, nach Italien und mitten ins Herz der römischen Weltbeherrscher und Erzfeinde!

Den bemitleidenswerten Dickhäutern, die ansonsten doch als weitgehend gemütlich gelten, musste (wie Roswin Finkenzeller in seinem Buch „Caesar schwimmt, und Bismarck meutert. 60 historische Miniaturen“, anschaulich schildert) sogar Erde und Gras auf die Schiffsbohlen geschüttet werden, damit sie sich überhaupt auf die schwankenden Planken getrauten, die, solcherart präpariert, von den sensiblen Tieren für den gewohnten Boden der Savanne gehalten wurden …

Neben den vielen Tausenden Karthagern, die aus diesem, dem Zweiten Punischen Krieg und allein schon aus dem Wahnsinn der knapp fünfzehntägigen Alpenüberquerung anno 218 vor unserer Zeitrechnung hervorgingen (oder besser: eben nicht …), kamen noch alle von Hannibals Elefanten um; bis auf einen, auf dem der gleich glorreiche wie ignorante Heerführer selbst in aller erdenklichen Herrlichkeit des omnipotenten Schlachtenlenkers saß und die völlig überraschten Gegner total irritierte.

Schon vor dem Kampf allerdings hatte er circa drei Fünftel seiner Armee eingebüßt …

Dennoch erstritt Hannibal Sieg für Sieg; bis am Ende dann doch alles nichts half und Rom, nicht zuletzt vom ewigen Insistieren Cato des Älteren im Senat (Ceterum censeo Carthaginem esse delendam!) genervt, dem aufmüpfigen Gegner aus Nordafrika den Garaus machte.

Für Käpt’n Graubrandt, diesen miesen Reserve-Hook des Mittelmeers, blieb der skurrile Afrikaner mit seiner dickhäutigen Armada indes lebenslang ein Vorbild.

Jetzt freilich schien Graubrandt, der mürrische Ex-Kapitän, wieder einmal unsicher zu sein, nämlich die Frage betreffend, was er nun zu Mittag essen solle (es war inzwischen 12:36 Uhr geworden). Und während er das ihm vorgesetzte Mineralwasser ziemlich rasch vernichtet hatte, ärgerte er sich weiterhin – über eben das Wasser, über die schnippische Kellnerin, über die gekenterte Victoria Heloise und über sich selbst.

Dabei durchblätterte er, zugegeben: wenig animiert, die sinnigerweise in Form eines (naturgemäß flachen) Fisches gestaltete Speisenkarte, die im „Seeblick“ sowohl eine erkleckliche Auswahl regionaler Spezialitäten anpries als auch Italienisches, Mexikanisches und Taiwanesisches. Dann würde es wohl auch diesmal wieder das gewohnte Wiener Schnitzel werden, natürlich vom Kalb. (Sonst wäre es ja ein gebackenes Schweineschnitzel gewesen.)

Also winkte er mit fahrigen Arm- und Handbewegungen die Kellnerin Vanessa zu sich.

Allem Anschein nach fielen die reichlich skurril wirkenden Bewegungen seiner noch bewegbaren Gliedmaßen nicht zuletzt deshalb so fahrig und irgendwie unkontrolliert aus, weil diese Körperteile ihm signalisieren wollten, dass sie noch dazu in der Lage seien, sich zu bewegen (und sich womöglich dereinst sogar gegen ihn selbst wenden würden).

Vanessa kam, wieder und wie gewohnt lächelnd, an seinen Tisch, wo sie der Bestellung harrte. Wetten hätte sie können, was sein Begehren sein würde …, wetten …?! Aber mit wem sollte sie wetten? Mit dem heute kaum einsatzfähigen (!) Benjamin? Bestimmt nicht! Der war sicherlich blank … Aber – wetten hätte sie können: Wiener Schnitzel!

Das Kalbswiener wurde im Restaurant „Seeblick“, das in erster Linie eigentlich für seine Spezialitäten aus frischem Fisch, für seine feinen Gerichte aus Meeresfrüchten, für Hummer und Langusten gerühmt wurde, für die der direkt aus Marseille importierte Chefkoch Jean-Paul zuständig war, von Mario aus Genua mit viel Umsicht und Sachverstand zubereitet; während Li Wen Tau aus Taipeh die mexikanischen Gerichte zelebrierte. O seine diversen gefüllten Fladenbrote oder das Chili-dominierte Schmorfleisch waren tatsächlich Gedichte! Hugo aus St. Pölten wäre eigentlich für das französische Element in dieser internationalen Küche zuständig gewesen; doch der laborierte an einer langwierigen Pollenallergie und war für einige Zeit krank geschrieben. Dann würde es erst mal zum Genesungsurlaub nach Breitenflaum an der Immer gehen; erraten, Hugo war schon seit einem halben Jahr mit Vanessa Kautz liiert. Und die dralle Kellnerin würde ihm Gesellschaft leisten in der schönen Oststeiermark.

Wer für die Frühlingsrollen, die chinesischen Suppen und das übrige angeblich asiatische Repertoire zuständig war? Das Alles war Sache vom Chef des Hauses, Anton Zawadil, der jahrelang als Schiffskoch (!) die Weltmeere befahren hatte und einst auch eine Zeit lang unter Graubrandt als gestrengem und unberechenbarem Kapitän zu brutzeln und zu schmoren gehabt hatte. Er verstand es jedoch, sich bald schon dem Horrorregime des unbegabten Nautikers durch Flucht von Bord zu entwinden. Beide Männer waren jedoch vor Zeiten schon darin übereingekommen, sich an diese Episoden ihrer zweier Leben besser nicht mehr erinnern zu wollen.

Schwamm –

Isidor Graubrandt konnte sich zunächst (wie gewohnt) nicht entscheiden; doch dann folgte die unfreundliche Order: „Das Wiener Schnitzel, aber vom Kalb! Dazu -“

„Unser Wiener ist immer kälbern“, warf die alerte Servierkraft, ebenfalls kühn wie immer ein. (Ihr Auftreten dem lädierten und abgewrackten Seemann gegenüber hatte etwas beinahe Amazonenhaftes an sich. Ja, Vanessa wuchs mit jedem Scharmützel, das sie sich mit dem alten Käpt’n lieferte, über sich hinaus, wobei in ihr längst schon etwas Freibeuterisches mitschwang. Ja, sie wäre vermutlich die geborene Seeräuberin gewesen! Eine Korsarin, die ihrem Berufsstand wohl alle Ehre gemacht hätte, wenn Ehre da als eine Qualität gegolten hätte.)

„Jajaja“, tat der unwirsche Ex-Schiffer den lästigen Einwand ab. „Und zum Schnitzel einen gemischten Salat mit -“

„- Kernöl!“, ergänzte die Kellnerin lächelnd.

„Außerdem noch ein stilles Wasser!“ schloss der alte Seebär seine Bestellung knurrend.

Kurz danach platzierte Vanessa die Viertelliter-Flasche Mineralwasser der Marke Vöslauer vor dem bärbeißigen Kapitänspensionisten und in Unehren aus seiner Lametta-umrüschten Position entlassenen nautischen Veteranen. Und siehe da, jetzt musste er aber tatsächlich staunen: Sie stellt die Bottle nicht senkrecht hin, sondern Vanessa deponierte das grüngläserne Gebinde waagrecht auf dem Tisch. Und die Flasche war leer – nein, in ihr befand sich ein Minimodell seiner damals unglücklicherweise gekenterten Victoria Heloise!

Dann brachte die Kellnerin das Kalbswiener und den gemischten Salat mit Kernöl.

Doch der Kapitän außer Dienst ließ das Mahl sozusagen links liegen. Er hatte nämlich nur noch Augen für seine Victoria Heloise im Schrumpfformat, wie sie sich ihm da auf dem Tisch mit der cremefarbenen Decke und den hübschen Stoffservietten offerierte. Und als der moribunde Seemann durch eine Luftblase im grünlichen Gefäß, die wie ein Vergrößerungsglas funktionierte, ins Innere des Schiffes sah, gewahrte er darin eine Miniaturausgabe des „Seeblick“-Wirtes Anton Zawadil, der gerade speziell für ihn, Graubrandt (ebenfalls in geschrumpften Dimensionen), ein (kleines) Entrecote briet! Da segelte das Restaurant auch schon mit gewaltigem Geknirsche und infernalischem Getöse sowie unter Erzeugung einer enormen Staubwolke auf den Fluss hinaus, an dem es so architektonisch kunstfertig angelegt und errichtet worden war! Ja, der „Seeblick“ und der Grund und Boden, worauf das Gebäude stand, lösten sich von der Landzunge, die hier etwas in den Fluss ragte! Übrigens, das geschah alles (zumindest kam es dem alten Ex-Kapitän, dem nun endgültig die Sinne schwanden, wie in Zeitlupe vor. Ja, es war wie eine Filmsequenz …)

Jetzt war allerdings sogar Vanessa baff, die sich wegen der Schwankungen des Bodens reflexartig an einer Sessellehne festgeklammert hatte, die jedoch kaum wirklich Halt zu bieten vermochte. (Auch Benjamin sowie die Küchenkräfte und die übrigen Angestellten, die es ob der hier plötzlich freiwerdenden Kräfte ebenfalls ganz schön durcheinander wirbelte, waren äußerst verwundert. Doch es wurde glücklicherweise niemand verletzt. Nur Graubrandt war, das sah man sogleich, tatsächlich hinüber …)

Ich weiß, ich weiß: Das klingt alles eher unglaubwürdig. Und solches Geschehen ist, zugegeben, auch alles andere als alltäglich.

Auch scheint die Geschichte damit noch nicht ausgestanden zu sein.

Sie ist vielmehr un-

IV: Prost, Most!

Hätte sich Pierre Sandkorn (24 Jahre alt, geborener Grazer, noch Student) selbst beschreiben müssen, er hätte, aufgrund seiner angeborenen Zurückhaltung, eher ein in dezenten Farben gehaltenes Bild von sich gestaltet: 182 Zentimeter groß, 78 Kilogramm schwer, dunkelblond mit grau-blauen, eher hellen Augen. Nase: ziemlich gerade, Ohren: anliegend. Mund: unschlüssig. Ach ja, Gang: eher bedachtsam. Die Hände: gut geeignet für Klavier, Orgel, Keyboard et cetera. Lieblingsspeise: Krautrouladen. Getränke: Wein oder Bier? Weder noch. Meist Leitungswasser, mitunter Most.

Es war ihm plötzlich, mit einem Mal und mitten in der Nacht, klar geworden: Nein, er würde nicht Priester werden! Und: Ja, der Musik würde er sich und sein Leben ab nun ganz und gar sowie mit Haut und Haar widmen und verschreiben! Ja, doch!

Zugegeben, die Redewendung ist in diesem Zusammenhang weitestgehend unsinnig, denn just die Haut und auch die Haare sind beim Musizieren von eher untergeordneter Bedeutung. Doch wollen wir die ehrwürdige, schon im Sachsenspiegel vermerkte stabreimende Zwillingsformel aus mittelalterlichem Rechtsbrauch und ebensolchem Bestrafungsritual hier dennoch gelten lassen; kann sich zu großes Talent, gepaart mit zu viel Ehrgeiz, doch in der Tat auch als gefährlich erweisen. (Siehe: Lutz Röhrich, „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“!)

Nein, nicht Priesteramt, sondern Musikerleben! Das stand für Pierre Sandkorn jetzt mit einem Mal unumstößlich fest. Es hatte nämlich eben, sozusagen, sein Damaskus stattgefunden. Genau so, als ob er nicht Pierre, sondern vielmehr Paulus (ehedem: Saulus) hieße … Er, der junge talentierte Organist, Pianist und Keyboarder, er wollte endlich – und mit aller Entschiedenheit – ein neues Register ziehen; eines, das sein Leben von Grund auf verändern würde!

Und jedenfalls wollte er nimmer mehr Pfaffe werden!

Da hätte jetzt selbst sein musikalischer Mentor, Prof. Erich Gundolf Schorn von der Kunst- und Musikuniversität, ganz schön blöd geschaut. Doch Erich, der sozusagen auf allen Sätteln fest war, sowohl auf dem Klassiksektor als auch im Bereich der alten Musik oder des Jazz, der hätte ihn verstanden. Bestimmt. Zudem war es für den längst arrivierten Musiker Schorn in seiner kecken grauen Lockenpracht ohnedies nie verständlich gewesen, wie sich der begabte Sandkorn ausgerechnet den Priesterberuf aussuchen hatte können! (Oder, anders gesagt, sich aussuchen hatte lassen dafür …) Außerdem: Kirchenmusik konnte man doch, wenn man schon unbedingt wollte, auch ohne irgendwelche fragwürdige Weihen zelebrieren.

Wobei ihm, Schorn, das weniger Kirchenmusikalische ohnedies mehr behagte. Immerhin trug er sich schon längere Zeit mit dem Gedanken, das Gesamtwerk Francois Villons zu vertonen. Und dieses Oeuvre war nachgerade nicht kirchennah angesidelt … Einige Teile daraus, etwa die Ballade, in der Villon alle Welt um Verzeihung bittet, hatte er schon in prächtige Töne gesetzt. Wuchtig, üppig, doch nichts desto weniger – ironisch. Ihm schwebte als Instrumentierung, für Vaganten-Gesänge eher untypisch, ein großes symphonisches Orchester vor, dazu ein riesiger gemischter Chor und einige Solistinnen und Solisten; außerdem, quasi als Kontrapunkt, eine Jazz-Bigband! Man schüttelte zwar in Fachkreisen beunruhigt mit den Köpfen, wenn man von diesem seltsamen Unterfangen hörte; doch Prof. Erich Gundolf Schorn stand immerhin in Verhandlung mit einigen einschlägigen Festivals, und die Chancen auf Realisierung seines kühnen Unterfangens standen zumindest nicht schlecht. (Seinem Schüler Sandkorn jedenfalls gefiel, was ihm sein Lehrer gezeigt und vorgespielt hatte, ausnehmend gut. Ja, diesen Villon-Vertonungen schien in gewisser Weise sogar so etwas wie ein Bachscher Stempel aufgedruckt, ein unsichtbares JSB …)

Geistlicher? Nein! Bitte, nicht mehr! Obwohl für Pierre die Job-Wahl, also der Wunsch, Geistlicher zu werden, von Anfang an durchaus einleuchtend gewesen war; hatte er doch früh schon so etwas wie Berufung in sich verspürt. (Was das auch immer sein mochte.) Und außerdem: Die ganze Familie Sandkorn – und auch die mütterliche Seite, nämlich die Rauchensteiners und zudem die Engels – hatte einiges an Patres und Nonnen gestellt in den letzten Jahrhunderten; und auch ein erkleckliches Kontingent an Weltpriestern, Pfarrherren und sogar einen Weihbischof! Ja, in einer Nebenlinie, bei den Kuhnehmers, irgendwelchen angeheirateten Cousinen und Cousins, gab es sogar einen echten Kardinal!

Egal, das war Vergangenheit! Alles Vergangenheit! Tempi passati …

Ab jetzt lautete Pierre Sandkorns Motto: Musik pur!

Ja, der beliebte wie beleibte Prof. Schorn, der weniger im Stil als mittels seiner Respekt gebietenden Mehrfachkinne und des unübersehbaren Schmerbauchs irgendwie an den legendären Jazz-Pianisten und Organisten Thomas Wright Fats Waller gemahnte, Schorn würde den radikalen Schritt seines Lieblingsstudenten total begrüßen – und vor allem verstehen. (Oder sagen wir besser: Er würde ihn verstanden haben. Denn -)

Also beschloss Pierre, im freudigen Vorgefühl, ab nun ausschließlich seiner Musik zu leben und das Studium der Theologie an den nächstbesten heiligen Nagel zu hängen, ein Fläschchen zu köpfen. Das passte schließlich zur Stimmung, in der er war, und zur Musik, fand er.

Übrigens: An sich wäre das Priesteramt seiner Musik gar nicht so schlecht angestanden, dachte er jetzt, quasi im Nachhinein; jetzt, da er für ihn klar war, der Schritt weg vom potenziellen Gottesknecht zum reinen Künstler. Denn immerhin, egal, ob er sich gerade mit Keith Jarrett oder mit Dave Brubeck, mit Jacques Loussier oder den Singers des Mr. Ward Lamar Swingle beschäftigte, irgendwie befand er sich – nicht zuletzt mit Hilfe eben dieser musikalischen Pfadfinder – doch immer wieder auf den Spuren seines großen Idols, des Thomaskantors und Musikmathematikers (so nannte er ihn zumindest bei sich) Johann Sebastian Bach.

Es waren einerseits die heitere Strenge, andererseits die unerbittliche Lässigkeit, die ihn an Bach und seiner herrlichen Musik so faszinierten. Da gab es nämlich einen theoretischen Gegensatz, der sich praktisch und im erst einmal erklingenden Werk des Thomaners so überaus tröstlich auflöste; der quasi eine Rundung erfuhr. Da fand etwas zusammen. Unirdisch vielleicht. Jedenfalls optimal auch ohne Priesterschaft.

Auch wenn er Bach im Klangkostüm Loussiers („Play Bach“) oder des Modern Jazz Quartets („Blues on Bach“) hörte oder nachspielte, bis hin zu Jarrett und Brubeck und ihren diesbezüglichen so animierenden Ausflügen, oder wenn er in die fast schon bizarre Wunderwelt der Swingle-Singers („Bach’s Greatest Hits“), dieses meist nur von Bass und Schlagzeug begleiteten A-cappella-Chors, eintauchte – für Pierre war es letztlich immer wieder sein Bach; der JSB des Musikalischen Opfers, von dem auch der US-amerikanische Physiker, Computer-Fachmann und populärwissenschaftliche Autor Douglas R. Hofstadter („Gödel, Escher, Bach“) voller Hochachtung sprach. Und den er, Pierre, da hörte, ganz intim. Und den er in seinem tiefsten Inneren empfand! Ja, hören und empfinden! Das war es …

Pierre Sandkorn malte sich insgeheim aus, wie er himself – als alter Johann Sebastian Bach also – da, im prunkvollen Schloss zu Potsdam, auf die vom Preußenkönig Friedrich dem Großen im Mai 1747 listig vorgegebenen musikalischen Themen spontan und kompositorisch bewundernswert (ja, schlichtweg: genial) in drei- beziehungsweise sogar in sechsstimmigen Fugen geantwortet hätte. (Bei Bach vollzog es sich jedenfalls in vollster Meisterschaft in der Kontrapunktik, in Eleganz und Ideenfülle. Und, wie das Begleitschreiben zum Noten-Druckwerk wenig später bewies, auch diplomatisch durchaus geschickt!)

Also, einem Fläschchen vom guten Most den dünnen Hals gebrochen!

Oh, es war nur noch ein Exemplar übrig vom reichlichen monatlichen Kontingent, das ein Mitbewohner, nämlich sein alter Freund Michael Waldner, wie immer einmal im Monat vom Hof der Großmutter in Breitenflaum an der Immer mitgebracht hatte. (Ja, Michael war der Bruder von Roswitha Waldner, genau.) Mike, wie Michael seit Urzeiten genannt wurde, und die beiden anderen Mitglieder der Wohngemeinschaft, das Pärchen Werner Haase und Edeltraud Pfirch, waren nämlich alle zu einer Fete eingeladen, die der dubiose, weitestgehend undurchsichtige „Lord“ – alias Heinz-Rudolf Leutzenbach-Sölk – veranstaltete.

Also war Pierre allein daheim.

Allein mit der Flasche Most.

Während er in der Küche die Most-Bottle, ein beachtliches Doppler-Gerät, öffnete und sich gleich einmal ordentlich was einschenkte daraus, musste er unwillkürlich daran denken, wie lange er doch den Mike schon kannte. Der Waldner Michael hätte nämlich ursprünglich, wie Pierre Sandkorn, auch Priester werden sollen (zumindest, wenn es nach dem Willen der gestrengen Großmutter und Geldgeberin Mikes, der alten Genoveva Waldner, gegangen wäre.) Die Eltern Michaels und seiner Schwester Roswitha waren, als die beiden Kinder noch ganz klein gewesen waren, nämlich bei einem Unfall auf einem der eigenen Kornfelder tragisch ums Leben gekommen; der Traktor war auf dem schiefen Acker, einer sogenannten Leit’n, umgekippt und hatte die beiden Bauersleute unter sich begraben … Der Vater, Eugen, ist damals sofort tot gewesen, und die Mutter, Sophie, sollte die Nacht im Spital nicht überleben. Ja. Und da war die alte Veverl, die Großmutter, eingesprungen. War ja sonst niemand da gewesen … Streng war sie halt, die rüstige Altbäuerin und Witwe, die nunmehr wieder zur alleinigen Herrscherin auf dem kleinen Hinckl-Hansl-Hof geworden war …

Im Seminar schon hatten Pierre und Mike einander damals kennengelernt. Zwischendurch, in einer Phase von Unschlüssigkeit und noch uneindeutiger Orientierung, sogar geglaubt, schwul zu sein; doch das klappte nicht wirklich. Wohl auch deshalb nicht, weil Mike ziemlich bald schon die einigermaßen geile und auch sehr hübsche Tanja kennen und lieben lernte. Und der Freund gab dem Vögeln mit dieser Schönheit gegenüber den ziemlich traurigen sexuellen Versuchen der beiden Doch-nicht-Homosexuellen sehr rasch den Vorzug … Immerhin blieben die jungen Männer Freunde, und so konnten sie auch später ohne weiters, gemeinsam mit der Medizinerin in spe Edeltraud und mit Werner, dem Informatiker, diese WG gründen. (Mike wandte sich nach Tanja einigen anderen Mädchen zu und ließ schließlich auch die Theologie fahren – zugunsten eines relativ faden Lehramtsstudiums.)

Da saß der glückliche Pierre – glücklich, weil endlich seiner vermeintlichen Pflicht, nämlich: der anzustrebenden Priesterschaft, enthoben! – und schüttete beachtliche Mengen vom süffigen Most der Hinckl-Hansl-Altbäurin Genoveva Waldner in sich hinein.

Pierre konnte ja nicht ahnen, dass irgendwer gerade diese Flasche vergiftet hatte.

Traurig aber wahr.

Das war jetzt zwar Pierre Sandkorns Ende; nicht jedoch das der ganzen Geschichte. Nein, denn die –

 

V: Das Intermezzo

Die alte Dame hatte etwas Zerbrechliches an sich. Und doch konnte sie dann auch durchaus energisch auftreten. Irgendwie erinnerte sie die an der Romantik und da vor allem an Ernst Theodor Amadeus Hoffmann Interessierten in ihrem Bekanntenkreis (und der umfasste fast ausschließlich an Romantik und an E. T. A.Hoffmann Interessierte) immer ein wenig an eine ganz besondere Figur aus dessen überreichem literarischen Inventar, nämlich an das Fräulein von Scuderi. Bekanntlich wendet der Dichter just zur Beschreibung der leicht skurril wirkenden alten Dame mit ihren in Wahrheit hellwachen Sinnen viel Sorgfalt auf. Wie ja überhaupt diese Geschichte, handelnd vom genialen Goldschmied Cardillac und seinen Verbrechen, die er vollführt aus übergroßer Liebe zu seinen meisterhaften Schöpfungen, von denen er sich nicht einfach so zu trennen vermag, eine der prächtigsten und auch psychologisch bestens komponierten Hoffmanns ist. Ja – aber lassen wir das.

Frau Theresia B. Schwingsschlögel, Hofratswitwe und eine der letzten Salonieren am Ort, sie war die prädestinierte Detektivin, eine Schnüfflerin erlesenster Sorte. Sie verband die Analytik des Briten Sherlock Holmes mit dem kriminalistischen Charme des Belgiers Hercule Poroit, die Ausdauer und Zähigkeit der Mrs. Marple mit der Skurrilität des Nick Knatterton, dieser deutschen Comics-Figur der späten 1950er Jahre. Das passte alles irgendwie zusammen; auch dass ihr zweiter Vorname Baucis lautete.

Jetzt spazierte sie, den rechten Arm nur leicht auf den hübschen schwarzen Spazierstock mit Silbergriff (ein wuschelköpfiges Löwenhaupt bleckte ironisch-furchterregend die Eckzähne) gestützt, einen der kleineren Plätze der Stadt, wo sich ein kleiner Markt befand, wo kleines, zum Teil recht originelles Kunsthandwerk feilgeboten wurde. Dazu ethnische Besonderheiten und recht rare rustikale Stücke, wie sie zum Beispiel auch das Interesse eines jungen Pärchens erregen hätten können: des Hobby-Kunstsammlers und Freizeit-Volkskundlers Dr. Gregor Eibenschlier und der Studentin der Kunstgeschichte Roswitha Waldner. (Doch die beiden hatten einander noch gar nicht kennengelernt und waren auch nicht solistisch anwesend.)

Dann kam da diese junge Frau, sie hieß Evelyne Eigenschrott, mit dem Kinderwagen und musste ihr Baby in diesem recht umfänglichen, dreirädrigen Gefährt durch eine kleinere Menschenansammlung schieben. Es waren eher eintönig dunkel gekleidete Inländerinnen und Inländer, die da, ziemlich geballt, zum Hindernis wurden, aber auch ziemlich grell-bunt angezogene Orientalen. Überhaupt, ja, das Bild hatte etwas Bazar-Artiges an sich …

Die Mutter blickte ein ums andere Mal auf ihre Armbanduhr; nervös, wie man unschwer sogleich bemerken konnte. (Wo er nur wieder blieb, ihr Mann? Peter, der ansonsten so penible Ziviltechniker, hielt es in der Freizeit anscheinend mit seinen Vorfahren aus der Oststeiermark: Dort, in Breitenflaum an der Immer, sah man nicht auf Uhren; da reichte wohl tagsüber die Sonne, deren Stand man abzulesen gelernt hatte, in der Nacht der Mond; aber da lag man ohnedies im Bett …)

Das Kleinkind, vermutlich ein Mädchen, da es rosa Sachen anzuhaben schien (zumindest jedoch lag ein Pink-färbiges Deckchen oben auf dem Wagen), war wohl noch zu jung, um schon sprechen zu können.

Das Baby schien überhaupt zu schlafen. Ja.

Doch – jetzt kommt das, was außer Theresia Baucis Schwingsschlögel vermutlich niemand anderem auffiel: Als die Mutter mit dem Kinderwagen die Menschenansammlung doch noch mit einigen Schwierigkeiten passiert hatte, war die Kleidung des Kindes – blau. Ja, das schlafende Baby im Wagen ruhte nun unter einer türkisfarbenen Wolldecke. (Oder: Lag da womöglich ein ganz anderes Kind in dem Wagen, den die Mutter so unbeirrbar weiterschob?)

Das war doch – erstaunlich.

Verwechslung? Entführung? Kindesraub?

Wir wissen es nicht …

Evelyne Eigenschrott, die Mutter, so viel stand fest, schien nichts bemerkt zu haben. (Oder wirkte das blaue Kind, da ja auch das rosa angezogene noch nicht sprechen hatte können, auf sie gleich wie zuvor? Ja, hatte sie vielleicht gar nicht bemerkt, dass sie nun ein anderes Kind, eben in Blau gehalten, im Wägelchen vor sich herschob …?! Hatte jemand vielleicht nur das Deckchen ausgetauscht, während das Kind ohnedies immer noch dasselbe war? Oder handelte es sich da um ein abgekartetes Spiel? Mafia? CIA? NSA? Geheime Staatspolizei? Oder sollte es sich bei dem neuen, hier frech untergeschobenen Kindlein gar um den längst schon avisierten Antichrist handeln?!)

Wie die Sache auch immer ausgehen würde – Frau Theresia Baucis Schwingsschlögel könnte beim nächsten Salon (am Mittwoch kommender Woche) immerhin eine hübsche Geschichte erzählen, und ihre Cousine Hermelinde „Bunny“ Schreibtreu-Traungrün und die anderen würden mit Sicherheit etwas zum Staunen haben …

Darauf freute sich die alte Dame schon diebisch und mit vor Eifer roten Bäckchen.

Ja! Das würde bestimmt –

 

VI: Tapetenwechsel

Fritz Kuhnehmer war in der Tat ein Idiot. Oder, ich versuche, es einmal etwas charmanter auszudrücken: Er war ein Idealist. Oder, noch exakter: Kuhnehmer brachte keine nennenswerten Verbesserungen bei an sich schon schwächelnden Zuständen zustande. Und just dieser verbesserungswürdigen Zustände nahm er sich immer wieder an. Um zu scheitern; zugegeben: meist ehrenvoll und erfüllt vopn Sendungsbewusstsein und den allerbesten Absichten. Die Aussichtslosigkeit war somit sein eigentliches Terrain, der Misserfolg sein ständiger Begleiter; und der Rückschlag quasi sein tägliches Brot …

Kuhnehmer war, wie gesagt, ein Idiot. Ein Idealist.

Und in dieser Funktion sehr wohl zum Fürchten.

Fritz Kuhnehmer, als in Maßen vermögender Privatier (Erbe) finanztechnisch dazu in der Lage, war Erfinder. So arbeitete er zum Beispiel an einer speziellen Innentapete für Weltraumkapseln. Rein beruflich, um seinem Tun zumindest weitgehend den Anschein der Seriosität zu geben, trat er als Konsolent eines multinationalen Herstellers von Elektro-Geschirr auf und war zwischendurch sogar tatsächlich (und mit mäßigem Erfolg) an der Weiterentwicklung eines bestimmten Toaster-Typs beteiligt.

Doch die Tapetengeschichte interessierte ihn weit mehr, da pulsierte gewissermaßen sein Herzblut drinnen. Denn schließlich war an Kuhnehmer ein Astronaut, ein Stratosphären-Schiffer und Universen-Durchsegler erster Güte verlorengegangen …

Wie gesagt: Man kennt diese Leute ja.

Idealisten eben. Idioten.

Als ob es nicht egal wäre, wie es im – auf höchste Funktionalität ausgerichteten – Inneren diverser Raumkapseln wirklich aussah! Schließlich waren sie doch nichts anderes als fliegende (oder besser: schwebende), auf höchste Effizienz ausgerichtete Kemenaten, vergleichbar mittelalterlichen Mönchszellen; nur mit wesentlich mehr superber Technik ausgestattet!

Es war eine kindliche, eine naive Vorstellung, dass in bessere Seniorenwindeln verpackte und in mehr oder minder elegante Trikots (aus Latex oder Löschpapier, was weiß ich) gesteckte Astronauten, die sich schwerelos und vielleicht sogar – ein wenig euphemistisch ausgedrückt – grazil, wie in einem LSD-Rausch oder dauer-high durch gutes Gras, kurz: in einem stratosphärischen Hochgefühl befanden und, quasi in Zeitlupe, durch das Innere ihrer Kapseln zuckelten, auch noch der Behübschung dieser ihrer Zwischendurch-Behausung bedürften. Durch Blümchentapeten oder Wandinnenanstrich mit Silberglanz à la 1950er Jahre. Oder überhaupt: Schöner wohnen im Weltall …

Dann hätte man ja ihre äußerst unförmigen und wenig attraktiven Weltraumanzüge, die sie vor ihren umständlichen Ausstiegen irgendwo im All in zeitraubender Art überzustreifen gezwungen waren, am besten auch gleich der jeweiligen Mode anpassen sollen, wie sie in der westlichen Konsumwelt auf der Erde gerade vorherrschen mochte! Dumme Attitüden das!

Gut, Fritz Kuhnehmer war ein ausgesprochener Romantiker; wobei nicht die literarische oder vielleicht die musikalische Romantik oder die Romantik in der bildenden Kunst, insbesondere deutschen Zuschnitts, gemeint ist; nein, nicht um Wilhelm Hauff, Achim von Arnim und Heinrich Heine geht es da oder um E. T. A. Hoffmann, um Richard Wagner oder Caspar David Friedrich. Es geht um Fritzens Seelen-Verplüschung, die nicht zuletzt vermutlich ein Resultat seiner ziemlich verkorksten Erziehung sein mochte. Deshalb – Romantiker.

Nun, vom Vater hatte er das nicht. Diplomingenieur Moritz Kuhnehmer, der mit seiner Forschung auf – nein, das ist immer noch geheim! -, also der seine Millionen beinhart und weitgehend skrupellos erwirtschaftet hatte, konnte unter Umständen noch für die technischen Ambitionen seines ansonsten ziemlich schwärmerischen und vertrugenen Sohnes genetisch verantwortlich gemacht werden. Doch den Hang zur Träumerei – ob von Robert Schumann oder allgemein – musste dem kleinen Fritz (eigentlich: Friedrich Eberhard Reinhold Christian) dann doch die frühverstorbene Mutter Célestine vererbt haben; war sie doch immerhin eine Stiefschwester (und zugleich die intimste Busenfreundin) der reichlich verhuschten Salonier Theresia B. Schwingsschlögel gewesen, die ihrerseits wiederum eine Cousine der fast schon legendären Hermeline „Bunny“ Schreibtreu-Traungrün war …

Kurz: Kuhnehmer junior – der Vater war, gemeinsam mit der Mutter relativ jung noch (und unter mysteriösen Umständen) verstorben – galt als ausgewachsener Sonderling. Als enorm reicher Dauer-Junggeselle, der früh schon alle Anlagen zum späteren Hagestolz mitzubringen schien. Und obwohl er, seines tatsächlich nicht unerheblichen Vermögens wegen lange Zeit sogar für eine gute Partie gehalten worden war, lebte er in Wahrheit ausschließlich seinen diversen Marotten. (Und ließ sich nebenher und zwischendurch von ein paar Flittchen ausnehmen, wenn es sich schon einmal ergab. Eine seiner Parasitinnen aus den letzten Jahren war – erraten, Sabine/Daphne. So klein ist die Welt. Und das sogar für Hobby-Astronauten.)

Bei seinen diversen Design-Experimenten für Raumkapsel-Innenräume hatte er vor einiger Zeit übrigens auch ein literarisch nicht uninteressantes Programm entwickelt. Dabei ging es um Zitate, Sprüche, Fragmente und Wortfetzen – und das von Homer, Ovid, Shakespeare, Villon, Goethe, von den Enzyklopädisten, Heine, Rosegger sowie von den Brüdern Mann und Arno Schmidt et cetera -, die, entsprechend an die Innenwände der Raumkapseln affichiert, daraufhin angelegt und ausgerichtet waren, von den Astronauten, diesen eingekapselten All-Erforschern in ihrem technisch-digitalen Eskapismus, wie er sie heimlich nannte, in schwerelosen Mußestunden ergänzt und fertiggestellt zu werden.

Die Zitatentapete war eine Zeit lang der ganze Stolz Kuhnehmers, bis sie von der Idee der Rezepttapete bei Weitem in den Schatten gestellt (und ergo abgelöst) wurde. Dazu schwebten (!) ihm fehlerhafte Backanleitungen von Torten, Mehlspeisen, Kuchen, diversen Schnittchen, Plätzchen und Teegebäck vor; wobei den Universen-Durchpflügern das Finden eben der fehlerhaften Angaben obliegen sollte. Ohne Zweifel, eine spannende Sache!

Daneben überlegte sich Kuhnehmer jedoch auch eine Tapete, die mit Notenzeilen und darauf gedruckten Motiven aus prominenten Partituren reizvoll ausgestaltet sein sollte. Hier hatten (besser: hätten) die Luftschiffer und Erdumkreiser, wenn ihnen danach zumute gewesen wäre, die zu den Notenzeilen und -köpfen gehörenden Operntitel herauszufinden gehabt – „Zauberflöte“, „Carmen“, „Hoffmanns Erzählungen“, „La Traviata“ oder „Jonny spielt auf“ und „Porgy and Bess“.

Aber auch den Einsatz von Düften, speziell entwickelt für die Ausgestaltung des Inneren der Raumkapseln, propagierte Kuhnehmer leidenschaftlich, wobei er sich – wohl fast naheliegend – vehement für leichte Sommergerüche, also Rosenduft oder Zitrone, stark machte und unbedingt gegen allzu deftige Gerüche eintrat, wie etwa Moschus!

Da Fritz Kuhnehmer selbst gesundheitlich nicht in der Lage war, sich astronautisch zu betätigen, musste er sich mit dem Aufenthalt im ausgesprochen komfortabel ausgestatteten Simulator begnügen. (Den konnte man ihm ja kaum verbieten, da er die sündteure Anlage immerhin selbst finanziert hatte!) Aber sein angeborenes Asthma bereitete ihm zusehends immer größere Schwierigkeiten beim Atmen. Das Stiegensteigen war unter solchen Umständen beinahe schon unmöglich; und an ein Fliegen im Weltraum wäre ohnedies nie und nimmer mehr zu denken gewesen! Allein das Wort luftleer löste Angstzustände bei Kuhnehmer aus, auch wenn er das All natürlich liebend gern selbst erkundet hätte!

Übrigens, zu seinem Lungenleiden und den arg lädierten Bronchien kam noch seine ausgeprägte Hammerzehe (links). Nun, die Krallenzehe (digitus malleus) lag gleichsam in der Familie; ein entfernter Cousin seines Vaters, der sogar Kardinal – – – aber lassen wir das lieber.

Das Asthma, das Kuhnehmer so sehr plagte und das die Lebensqualität des skurrilen Erfinders derart in Mitleidenschaft zog, war vermutlich dem penetranten Feinstaub geschuldet, der über der Stadt lag und sich nächtens (aber oft und womöglich noch stärker auch tagsüber) wie ein moderner Pesthauch nieder senkte. Die Stadtväter freilich ignorierten das abscheuliche Phänomen weitestgehend, verschlossen ihre Augen davor und stahlen sich aus der Verantwortung.

So erprobte Kuhnehmer, unterstützt von teuren Hologrammen und anderen Nachahmungen der Natur des Alls, quasi wie lebensecht die gefährlichen Weltraum-Situationen. Beinahe einem seligen Kind gleich fühlte er sich in seiner so gelungen imitierten Sternenwelt. Herrlich! Ja, er hatte es irgendwie gut, dieser idealistische Idiot. Mit Tapeten oder ohne solche.

Reicher Idiot. Idealistischer reicher Idiot.

Kein Wunder, dass es eines Tages dann eintrat, das zwar Unvorhergesehene, doch längst Erahnte: Die Simulationskapsel kollidierte mit einer plötzlich aus dem All auftauchenden riesigen Saucier, die ziemlich altmodisch wirkte und einer porzellanenen Schüssel von enormen, von schier gigantischen Ausmaßen glich!

„Die berühmte Saucier der La Fayettes!“, brüllte Kuhnehmer in höchster Erregung ins Mikrophon, während er in der simulierten Kommandozentrale vor dem gigantischen Bildschirm saß und mitfieberte. Dann folgte ein beinahe atemloses „Ch! Hhh!“ – Pause – Dann, wieder einigermaßen Herr seiner selbst, setzte er, merkbar schwer atmend, fort, irgendwie erschüttert und so, als wolle er sich bei dieser bizarren Erscheinung auf devoteste Weise entschuldigen: „Und …, Idiot, ich …, ich habe einfach nicht an Fliegende Suppenschüsseln, an oszillierende Saucieren oder an Mokka-Schalen, welche die Erde umkreisen, an Untertassen und ähnliche schwebende außerirdische Gerätschaften glauben wollen!“ Und gänzlich aus dem Häuschen, wie er nun einmal war, fügte er vor nie gekannter Glückseligkeit schier japsend an: „O dass ich das noch erleben durfte!“

„Ah, pappalapapp! Greifen S‘ doch einfach zu, lieber Freund Fritz!“, animierte ihn der „Lord“, Heinz-Rudolf Leutzenbach-Sölk, der immer wieder einmal die Versuchsstation besuchen durfte, wie eben jetzt auch. „So jung kommen wir nimmer mehr zusammen?!“ Und an den alten Prof. Hermes (warum war der eigentlich da? Keine Ahnung …) gewandt: „Nicht wahr, Simon?!“ Dann fügte er noch vertraulich an: „So was, da also ist sie, die Saucier … Sie ist mir schon abgegangen …“

Der angesprochene Ex-Journalist erwiderte indes nur, kurz angebunden: „Bedenken wir indes: Die Geschichte ist noch nicht vorbei! Nein, da -“

 

VII: Der brennende Bahnhof

„Also, bitte! So hören Sie doch! Natürlich habe ich das Feuer nicht gelegt! Oder glauben -“

„- die Bombe gezündet, wenn schon!“, unterbrach Oberinspektor Emil Rossmann, der die Untersuchungen von polizeilicher Seite her leitete, den zuständigen Beamten der Österreichischen Bundesbahnen. „Außerdem habe ich überhaupt nichts dergleichen in Erwägung gezogen, Herr Gurkler …“ Rossmann wusste nicht, ob ihm der hier zu vernehmende Harald Gurkler, zuständig vor allem für die Gepäckaufbewahrung (also -annahme wie -ausgabe) und die paar Schließfächer im Regionalbahnhof Breitenflaum an der Immer, irgendwie verdächtig vorkam, weil er so blöd auf ihn wirkte, oder obwohl. Immerhin –

„Ich bin doch kein Brandstifter …, und auch kein Bombenleger! Sie glauben doch nicht im Ernst, Herr Oberinspektor, dass ich mir meinen eigenen Arbeitsplatz unterm Arsch weg anzünde? In Zeiten wie -“

Das Argument des Bahnmenschen, der da also arbeitstechnisch für die Gepäckaufbewahrung zuständig war, klang weitgehend einleuchtend. Warum sollte dieser Gurkler gezündelt haben – noch dazu an seinem Arbeitsplatz, die Vernichtung desselben in Kauf nehmend? In Zeiten wie -! Rossmann nickte. Auch innerlich. (Obwohl ihm Harald Gurkler nicht geheuer war – siehe oben! Nein, wirklich nicht. Gurkler ist ein Gaukler, dachte er ein wenig aufgedreht; und dieser Brandkatastrophe mittleren Ausmaßes auch gar nicht adäquat. Ein Spinner …)

Immerhin, der oststeirische Provinzbahnhof lag in Schutt und Asche. Und da war es, sozusagen, ja noch ein großes Glück, dass „sowieso kaum eine Sau anwesend war, als es losging“, wie Rossmanns neuer, zugegeben: nicht allzu fähiger Assistent namens Kevin Schnurztaler, ungefragt, aber nicht ganz unrichtig, als quasi erste Expertise von sich gegeben hatte.

Emil Rossmann, der altgediente Exekutiv-Beamte, galt nicht von ungefähr als einer der erfahrensten Kollegen, ging es um Bomben und Höllenmaschinen, Feuer oder Überschwemmungen – so unterschiedlich diese Unglücke an sich auch sein mochten. Ja, Oberinspektor Rossmann stand im Ruf eines wahren Brand- und Wasserkenners bei der hiesigen Polizei. Darum wunderte er sich immer wieder, wie salopp diese jungen Leute heute ihre Urteile – noch dazu ungefragt – von sich gaben und aus dem Ärmel schüttelten. Aber, was soll es …, noch dazu, wo doch die Zeit der Ärmelschoner auch unter Beamten ein für alle Mal dahin war …

„Ja, wer auch immer gezündelt hat, er tat es nicht ohne Erfolg!“ Diese Bemerkung Rossmanns war nun eher für ihn selbst bestimmt. Doch dieser Gurkler bezog, ein wenig geschockt noch von der Explosion und vom nachfolgenden Brand, müde und angespannt zugleich, jetzt aber auch schon alles auf sich. (Das konnte, laut Rossmanns Erfahrung Gutes wie Schlechtes bedeuten … Überhaupt, dieser Gurkler …! Ach …, lassen wir’s, dachte Rossmann.)

Erfolg?! Erfolg nennen Sie diese Schweinerei, Herr Oberinspektor?! Also, ich jedenfalls -“

„Beruhigen Sie sich, bitte! Das sollte ja nicht gegen Sie persönlich gerichtet sein …“ Rossmann setzte sein verbindlichstes Lächeln auf. (Es sah, zugegeben, ein wenig dürr aus.)

„Also“, fuhr er in der Vernehmung fort, draußen vor der Ruine des ehemaligen Bahnhofs, im schon leicht angegrauten Polizeiautobus drinnen; wo es weder bequem war, noch eine einigermaßen entspannte Atmosphäre aufkommen konnte (was indes auch nicht angestrebt war), sondern lediglich miefig nach dem billigem Plastikinterieur roch und, soweit man dies beim spärlichen Licht ausmachen konnte, adäquat ungemütlich aussah. Draußen war es dunkel, etwa 20 Uhr abends, und es nieselte unwillig vor sich hin.

„Also, waren denn viele der Schließfächer belegt? Haben Sie sehr viel zu tun gehabt? Ich meine, das hier ist ja nicht gerade die Drehscheibe des internationalen Bahnverkehrs …“

Gurkler ging auf die Abwertung in Rossmanns Anmerkung, betreffend Größe und Bedeutung seines ehemaligen Arbeitsplatzes, wie sie in den Worten des Gegenübers unüberhörbar mitschwang, geflissentlich erst gar nicht ein.

„Ich weiß es nicht. Ich habe doch bloß die Schlüssel ausgegeben“, antwortete er genervt, „und Gepäckstücke entgegengenommen …“

„Also haben Sie immerhin Kontakt gehabt zu den Personen, die ein Schließfach eröffneten oder etwas zur Aufbewahrung abgaben?!“, beharrte der Polizeibeamte auf irgendwelchen Kenntnissen, die er dem anderen zumindest zutraute. Nur – wie diese Kenntnisse aussehen sollten, war sogar ihm selbst noch nicht klar; geschweige denn, wie man aus den Kenntnissen dann Erkenntnisse schöpfen könnte. (Ob sich eine Erkenntnis im Nahbereich dieses Gurkler überhaupt jemals zu manifestieren vermochte, diese Frage wollte Rossmann sich erst gar nicht stellen; und der möglichen Antwort ebenso wenig.)

„Außerdem war ich nicht die ganze Zeit am Gepäck-Service …, ich habe ja schließlich auch noch andere Aufgaben zu erfüllen, Herr Oberinspektor!“

„Und wenn Sie einmal nicht da sind, macht Ihren Dienst – wer?“, fragte Rossmann.

„Der Siggi …, also der Sigismund Blindt, mein Stellvertreter“, erläuterte Gurkler eifrig. Wohl in der Hoffnung, auf diese Art (und indem er einen neuen Namen ins Spiel brachte) von sich ablenken zu können. (Warum wohl? Hatte er tatsächlich Dreck am Stecken?, fragte sich der erfahrene Rossmann.)

„Ist Ihnen sonst irgend etwas Besonderes aufgefallen an diesem Sonntagnachmittag?“ Der Oberinspektor hielt die Einvernahme des wenig ergiebigen ÖBB-Manns ohnedies beinahe schon für abgeschlossen. Er würde jedenfalls diesen Siggi Blindt noch ausfindig machen und sich ansonsten dem Fahrdienstleiter, einem gewissen Dr. Sisyphos Seiberl, sowie dessen Stellvertreter zuwenden, einem Beamten namens Roman Triebel. (Übrigens: Darüber, warum Seiberl als absolvierter Philosoph und nach entsprechender Sonderausbildung gerade im gehobenen ÖBB-Fahrdienst arbeitete, machte sich Rossmann zunächst noch keine Gedanken; auch die Wahl des Vornamens Sisyphos, für die allerdings nicht Dr. Seiberl, sondern allenfalls seine Eltern verantwortlich zumachen wären, interessierte den Polizisten zur Zeit noch nicht.)

Gurkler besann sich kurz, dann sagte er: „Ich erinnere mich …, dunkel …, an ein Pärchen …, ja, an eine sehr hübsche junge Frau und an einen etwas älterer Mann, aber auch noch jung, keine dreißig …, und die -“

„Ja, was?!“, unterbrach ihn Rossmann in guter alter Polizisten-Manier. (Merke: Wenn einer redet, wird er bestimmt weiter reden! Also kannst du ihn durchaus auch unterbrechen, damit er sieht, wie da die Machtverteilung funktioniert …) „Was!“

„Die führten, glaube ich, ein Päckchen, ein kleines Paket mit sich …“, ließ Gurkler gleich einiges an Zweifel in seiner Rede mitschwingen. (Vorsichtshalber.)

„Und sonst -?“ Rossmann sah kurz vom Polizei-Laptop auf.

„Nichts – sonst“, schloss der erschöpfte Bahnbeamte seine Aussage.

„Ja, doch!“, fiel ihm etwas ein, „die Putzfrauen waren auch in der Nähe …“

„Putzfrauen?“ Rossmann wurde stutzig. „Wie heißen die Damen?“

„Ich hab‘ mich noch gewundert, dass sie beide, beide zusammen … und am Sonntag …“

„Die Namen, bitte Herr Gurkler!“ Rossmann drängte.

„Ja, also, die Svetlana Grćž und die Mijla Krüger, geborene Výz“, antwortete Gurkler und fügte (unaufgefordert) hinzu: „Beide nicht von da …“

„Ach, ja.“ Rossmann schrieb sich die Namen zum Zweck späterer Einvernahmen auf; nicht ohne sich die korrekte Notation von Gurkler angeben zu lassen. Letzterer wurde sodann mit einer kaum interpretierbaren Handbewegung entlassen.

Übrigens: Als der Bahnhof von Breitenflaum an der Immer in Schutt und Asche lag, wurde höheren Orts auch schon der Schlussstrich über die ganze ÖBB-Nebenlinie, an der er lag, vollzogen. Erstens war die Strecke längst schon unrentabel geworden, und zweitens würde die Einstellung der Regionalverbindung (nach Fehring und Fürstenfeld beziehungsweise nach Leibnitz und Feldbach hin) zwar wieder einige Arbeitsplätze bedeuten; aber die Kosten-Nutzen-Rechung sprach durchaus für den Schnitt; bei dem einige Manager zudem den ihren auch noch zu machen gedachten. Ein Bonus mehr, sozusagen … So ist das nun eben mal.

Mirko Grćž, stammend aus Serbien, wird übrigens seine bosnische Ehefrau Svetlana früher umbringen, als es sonst der Fall gewesen wäre – nämlich gleich. (Doch außerhalb des Zeitrahmens unserer siebenteiligen Story.)

Nur, warum Dr. Sisyphos Seiberls Stellvertreter, Roman Triebel, hinter seinem Rücken gern „die Arschgeige“ genannt wurde, wird hier nicht verraten. Noch nicht zumindest.

*

Übrigens: Das mit dem ominösen Päkchen und mit dem hübschen, dazugehörigen Pärchen, das der ziemlich eigenartige Harald Gurkler bei der Einvernahme durch Oberinspektor Emil Rossmann erwähnt hatte, wurde von seinem Untergebenen namens Sigismund Blindt bestätigt. Ja, auch ihm seien die beiden jungen Leute aufgefallen („ein hübsches Pärchen, durchaus …“); umso mehr, als am Sonntagnachmittag „wie gewöhnlich nicht gerade die Hölle los gewesen“ sei, hier, im Bahnhof von Breitenflaum an der Immer.

„Zu diesem Zeitpunkt noch nicht“, plapperte Rossmanns Assistent Kevin Schnurztaler munter drauf los, unaufgefordert wie immer; und sehr zum Missfallen seines Chefs.

Wie zuvor schon Harald Gurkler, wurde auch sein Kollege Siggi Blindt nach der Einvernahme gnädig entlassen.

Das Gespräch mit Dr. Sisyphos Seiberl ergab bloß in dürren Worten abgesonderte Bestätigungen dessen, was Rossmann ohnehin schon von Gurkler und Blindt gehört hatte. Und auch der Beitrag des einigermaßen kauzigen Roman Triebel erhellte nichts an der ganzen Sache, außer dass der Seiberl-Adlatus sich bemühte, ständig in Reimen zu sprechen (und hinter seinem Rücken ebenso ständig als „Arschgeige“ tituliert wurde; weshalb, soll – siehe oben! – tatsächlich ein Geheimnis bleiben).

Fest stand, dass hier ein Attentat gröberen Ausmaßes vonstatten gegangen war. Jemand (oder eine Gruppe? Eine Handvoll Terroristen?) war bombenlegend und/oder brandschatzend über das Areal hereingebrochen. Und die Verwüstung war ziemlich flächendeckend.

Doch die wichtigen kriminalistischen (und journalistischen) Fragen nachdem Wer, was, wann und warum blieben vorderhand unbeantwortet.

Nur das Wo war klar: das Ziel oder Motiv des Anschlags mochte noch so sehr im Dunkeln bleiben, der Bahnhof war ausradiert.

Aus streckentechnischen (und auch aus finanzpolitischen) Überlegungen heraus kam das den Bundesbahnen – wir wiesen weiter oben schon kurz darauf hin – jedoch gar nicht ungelegen, wie man, hinter vorgehaltener Insider-Hand geflüstert, erfahren konnte … Wenngleich man solche Unfälle längst nicht zur Regel werden lassen wollte.

„Wo kämen wir denn da hin?!“, argumentierte Diplomingenieur Rüdiger Leutzenbach-Sölk (übrigens ein Bruder des „Lord“ Heinz-Rudolf Leutzenbach-Sölk), seines Zeichens hoher Bahnmanager entrüstet, als eine Journalistenfrage ungefähr in eine solche Richtung gegangen war, nämlich, ob die ÖBB nicht vielleicht sogar froh wären über die unerwartete Wendung.

„Wir sind selbstverständlich nach wie vor ein Garant der Fern- wie der Nahversorgung und in allen technischen Belangen auf dem neuesten Stand! Schließlich gilt es, sogar dort, wo gar keine Züge mehr verkehren, unseren guten Ruf zu verteidigen!“

Der besagte Schreiber einer Lokalzeitung setzte nochmals an: „Aber -“

 

 

E N D E

 

 

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