Umstellungen

oder

„Antichristi

Höllenfahrt“

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG 2016)

Wir schätzen den Glauben mehr als die

Erkenntnis, und nichtigen Humbug ziehen

wir der Gewissheit vor. So ist das eben.

Jean-Claude Carrière, Relativität zum Tee.

*

Und je schwerer mir ums Herz wird, desto

mehr Töne möchte ich zum Septimenakkord

hinzufügen, dessen wahre Natur noch niemand

vor mir recht erkannt hat … Doch genug!

Wladimir Odojewski, Beethovens letztes Quartett.

*

INHALT:

Also, – Das Haus: Bloch – Adele, die Pudeldamen, Säling & Co. – Jasmin – Der Hohlraum –

Das Projekt „Antichristi Höllenfahrt“ – Lauras überaus beängstigende Mail –

Die finale Redoute – Coda:

 

Also,

es erwies sich nach einiger Zeit, dass Gregor durchaus keinen guten Griff damit getan hatte, seine neueste Geschichte unter dem Benutzernamen Änderungen abzulegen.

Denn als er sie beinahe fertig geschrieben hatte, löschte er sie gleich wieder; flugs wie versehentlich. (Gut, das hätte ihm auch passieren können, wenn er die Erzählung Glück oder Überraschung oder Ironie des Schicksals oder sonst irgendwie anders genannt hätte. Denn etwas zu löschen hing weniger mit dem Namen der Sache als mit seinem technischen Ungeschick zusammen. Ja, das war sogar ihm selbst klar.)

Er hatte die Geschichte also gelöscht. Versehentlich.

So wie ihn, Gregor, wiederum und ihrerseits seine Frau gelöscht hatte, aus ihrem Leben nämlich. Das allerdings nicht versehentlich, sondern mit voller Absicht.

Ja, Eva war mit den Kindern zu ihrer neuen Flamme, diesem norwegischen Hohlkopf Jens-Ole, nach Fredriksand (oder Fredrikstad, er wusste es nicht so genau …) ausgewandert. Wer wandert denn, bitte schön, mit einem mehr oder weniger unbekannten Geschäftspartner gleich aus? Ja: Wer verliebt sich schon in einen blonden Hünen aus dem Norden mit dem originellen Doppelnamen Jens-Ole? Und das quasi am nichts ahnenden Ehemann vorbei?

Fragen über Fragen.

Fragen wie auch die: Wie hatten seine Kinder, Laura (16) und Ingo (11), so ohne weiteres einwilligen können in diese hanebüchene Jens-Ole-Sache (und den Norwegen-Umzug)?

Sonst immer vehement auf irgendwelche Mitspracherechte pochend und alles andere als mundfaul, schien es ihnen diesmal buchstäblich die Sprache verschlagen zu haben.

Immerhin: Laura, das Geigengenie. Musikerin. Fast-Wunderkind. Schubert-Fan par excellence. Sich jetzt plötzlich – für Norwegen erwärmend?

Und: Ingo, der Sportler. Trainierer. Ausdauernd. Mit einem Mal wirklich so labil?

Klar: Er hatte als Vater versagt! Das war es.

Wie er als Bio-Landwirt versagt hatte. Und wie auch als Nebenerwerbs-Schriftsteller.

Einfach zu wenig Ertrag. Zu wenig Ernte. Keine Kohle. Kein Zaster. Keine Marie. Zu geringe EU-Förderung. Ein Versager eben. Hauptberuflich: Versager.

Gregor war sauer. (Auch auf sich selbst.) Aber schon so!

Jens-Ole? Der war vermutlich gestopft. Klar, doch! Blond, hünenhaft und gestopft.

Gregor, einige Cognacs intus, setzte sich wieder vor den Computer, den Zigarillo im Mundwinkel. Leicht genervt. Wegen der gelöschten Geschichte und wegen seiner Frau, die ihn verlassen hatte dieses hohlköpfigen Nordmanns mit der hünenhaften Gestalt wegen.

Gregor würde versuchen, die verlorengegangene Geschichte (Änderungen) zu rekapitulieren. Vielleicht ging das. Und es ließe sich auf diese Weise doch noch was davon retten.

Seine Frau? Die vergaß er fürs Erste wohl besser, so weit dies möglich war.

Aber – die Kinder gingen ihm ab. Immer noch, nach fast einem halben Jahr. Denn so lange lebte er wieder in der Landeshauptstadt. Und allein.

Ein Glück nur, dass sie ihm den semmelfarbenen Rüden „Scherzo“ gelassen hatten. Diese zutrauliche Seele. Ihr vormals gemeinsamer stattlicher Mischling (Dogge & Retriever) war anscheinend nicht Norwegen-kompatibel. Umso besser. Scherzo – als Name – war natürlich Lauras Idee gewesen.

Er, Gregor, hatte also die Biolandwirtschaft mit gröberem Verlust verkauft. Nun, ja: So ganz schien die Sache ohnedies nie die seine gewesen zu sein. Eva hatte da schon eher das Zeug zur Bäuerin gehabt. (Und das könnte sie jetzt immerhin im hohen Norden von Neuem erproben …) Außerdem tat sich diese Frau vermutlich überhaupt leichter mit Umstellungen – damals mit 25 wie heute mit 35. Umstellungen.

Eva war zudem ländlicher Abstammung. Er aber, jetzt immerhin 45, damals folglich 35, hatte als Partner in der, mit einem ehemaligen Studienkollegen gegründeten Agentur seit einiger Zeit ganz manierlich reüssiert gehabt. War recht gut eingeführt, das PR-Unternahmen; und verfügte in der lokalen Werbebranche schon über einiges Renommee.

Kurz: Er hatte sich als Biobauer ohnedies nie so wirklich wohl gefühlt. (Auch wenn die Freundschaft mit Egon, dem Co, verständlicherweise nach seinem Abgang ins Ländlich-Sittliche abrupt beendet war.)

*

Was sonst noch so alles zu erzählen gewesen wäre, hätte sich die Geschichte nicht irgendwo, für ihn (wohl auf immer) unerreichbar, im Computer, versteckt:

Fortsetzung folgt!

 

Das Haus: Bloch

Gregor hatte kürzlich – und nach erstaunlich wenig umständlichem Herumgesuche – eine Wohnung in einem durchaus vorzeigbaren Gründerzeitgebäude in bester Lage angemietet. Nicht zuletzt, weil sich bald nach der Rückkehr vom Land seine wichtigsten Klienten von früher bei ihm gemeldet hatten (anscheinend war sein Tun auch in der Zwischenzeit – zumindest peripher – beobachtet worden …); und er sich daher eine großzügige Lösung mit einer entsprechend komfortablen Büro-Wohnung leisten zu können glaubte.

Noch mehr: Ihm stand plötzlich ein noch umfangreicherer Auftrag von seinen (zugegeben: eher schwindligen und kaum durchschaubaren) Super-Auftraggebern her ins Haus, als es die Volumina früher gewesen waren.

Das Haus. Es war also gründerzeitlich.

Was Gregor wesentlich lieber war als etwa eines im Jugendstil. (Jugendstil, das wäre – man könnte fast sagen: klar, doch! – wohl eher Evas Sache gewesen … Aber lass endlich Eva!)

Kein Jugendstil! Er hatte mit dem ganzen floralen Plunder nichts am Hut und mochte diesen ornamentalen Firlefanz nun einmal ganz und gar nicht. Jugendstil war ihm zuwider. Den Wiener Jugendstil empfand er, gelinde gesagt, als weinselige Zumutung. Ja, der Münchener Jugendstil oder der schottische des Charles Rennie Mackintosh, die ließ er noch gelten.

Freilich (er hielt sich in Kunstfragen immerhin auch nicht für einen völligen Banausen): Die handwerkliche Gediegenheit wollte er niemandem absprechen, und auch Innendekor und Jugendstil-Graphik waren durchaus o. k. für Gregor. Aber im Bauwesen lag ihm die ehrlich imitatorische Attitüde des Historismus samt der meist augenscheinlichen Lust an Prunk und Übertreibung irgendwie doch näher. (Er war nun einmal in erster Linie ein PR-Mensch!)

Dieses Gebäude, Produkt der durchaus lohnenden Zusammenarbeit zweier Architekturbüros um 1890 herum (wen es interessiert: Leopold Theyer und Friedrich Sigmundt), prunkte ganz schön fett: Ein fast schon protziges Portal trennte den Garten – nein: eher den Park, der das Haus großzügig umgab – vom eigentlichen Architekturkomplex. Hatte man die kleine, gleichsam menschlichem Maß entsprechende Tür im riesigen Tor durchschritten, empfing den Eintretenden ein imposant geschwungener Stiegen-Aufgang; ein Treppenhaus also, das die geräumige hohe Diele dominierte. Obwohl hier alles blitzte und glänzte und sozusagen pickfein aussah, musste Gregor angesichts dieses unübersehbaren Blickfängers zunächst unwillkürlich an Edgar Allan Poes „Untergang des Hauses Usher“ denken. (Und mit Poe sollte er seine neue Umgebung auch weiterhin noch des öfteren in Verbindung bringen …)

Da würde er also ab nun wohnen. Vorausgesetzt, die Verhandlungen mit der Hausverwaltung führten zu einem positiven Abschluss. Was sie indes taten – dank der Eloquenz Gregors und trotz der unleugbaren Gerissenheit des Maklers. Und obschon ihm die Besitzverhältnisse des beinahe schon protzigen Bauwerks mit seinen diversen Nebengebäuden, dem erwähnten großzügigen Park und der gleich dichten wie hohen Hecke drumherum weitgehend unklar waren, vermochte er sich mit dem jungen Mann namens Mag. Benjamin Edelsbrunner, rasch auf einen entsprechenden Preis und ebensolche Konditionen zu einigen.

Ob sein neuer unmittelbarer Nachbar, ein gewisser Anselm Bloch, tatsächlich der Besitzer des umfänglichen Anwesens war (wie man munkelte), konnte ihm schließlich egal sein. Bloch galt als angeblich auf den Tod kranker alter Mann, der das ebenfalls sauber renovierte und behindertengerecht adaptierte Nebengebäude, den früheren Gesindetrakt, bewohnte. Hier wurde der Greis rund um die Uhr von kompetenten Pflegekräften versorgt. Der Blochsche Hilfskonvoi rekrutierte sich angeblich aus der Slowakei, Tschechien, der Ukraine oder Polen und/oder Ungarn. Da war einmal die schätzungsweise 50jährige Olga, eine recht resolute Person mit teilweise schwarzgefärbten Haaren und von geradezu imponierender Körperlichkeit. Alternierend zu ihr sah eine gewisse Ilonka, eine meist freundliche Brünette, auf Bloch und die ihn betreffenden pünktlich zu absolvierenden Obliegenheiten. Auch Ilonka wirkte sportlich-muskulös und erinnerte ihn an die strammen Leichtathletinnen in den verflossenen Sowjet-Tagen, wie sie im Fernsehen zu bestaunen gewesen waren.

István war der Dritte im Bunde, ein schnurrbärtiger Pfleger aus Ungarn, dem insbesondere von einigen Damen aus der näheren und weiteren Nachbarschaft ein gewisses Feuer attestiert wurde; zumindest seinen angeblich überaus sinnlich funkelnden Augen. Aber vielleicht bemühten die Schmachtenden und Schwärmenden hier (am Ende: wegen ihrer geringen Chancen bei diesem feschen Zigeuner?) auch bloß ein abgetragenes Klischee. Frau Terezie, genannt Resika, aus Brünn vervollständigte die Entourage des Kranken und war für die Küche verantwortlich. Sie sorgte sich mit viel kulinarischem Ideenreichtum um Blochs leibliches Wohl, soweit dies eine gerade noch vertretbar weite Auslegung der an sich rigiden Diätvorschriften, die ihm umständehalber leider aufgezwungen worden waren, überhaupt noch zuließ. Immerhin tischte Resika dem Wrack zur allgemeinen Freude mitunter ihre klassischen Speck-Linsen, einen gedämpften Karpfen, auch formidable böhmische Dalkerln (mit Powidl-Füllung!) oder spezielle Liwanzen auf.

Ach ja: Ein rundlicher, goldbebrillter, weitgehend glatzköpfiger und recht gemütlicher Hausarzt namens Dr. Benno Bruckmüller sah zudem regelmäßig nach seinem greisen Patienten. (Meist, wenn der vorzügliche Karpfen auf dem Speiseplan stand.)

Anselm Blochs selbst wurde die Nachbarschaft jedoch nur selten ansichtig. Eigentlich fast nie. (Kein Wunder, dass irgendwann die Fama aufkommen musste, es gäbe diesen Bloch überhaupt gar nicht!)

Sie seien indes legal im Land, die Pflegerinnen und der Pfleger, hieß es. Ein Umstand, der auf die am ständigen Transfer all dieser Interna beteiligten Mitbewohner allem Anschein nach besonders beruhigend wirkte. Und da von allen wiederum am meisten auf Gregors greise Nachbarin im zweiten Stock, die ziemlich verhuschte, bestimmt gut fünfundsiebzig Lenze zählende und, zugegeben, einigermaßen bizarre Witwe Adele Erbsschöller-Churlandt, die daselbst mit ihren zwei ausgesprochen putzigen Pudeldamen logierte.

Auf der linken Seite im 2. Stock des Gründerzeitbaus wohnte der ehemalige Philharmoniker und pensionierte Musikpädagoge Prof. Eduard August Säling. Der virtuose Geiger wirkte zudem als Primarius des bekannten Säling-Quartetts. In seinen Räumlichkeiten trafen sich daher der alte Musikus und seine nicht minder betagten Kollegen, meist einmal wöchentlich, zur Probe und zu geselligem Beisammensein.

Da spielten dann Eduard A. Säling und seine Kollegen auf, als da waren Eugen Eisentrieb als zweiter Geiger, der Bratscher Robert Theophil Hamerling und Dr. Jörg Gutschuh, der das Violoncello strich. Alles altgediente, nun schon seit Jahren pensionierte Philharmoniker und ehemalige Mitglieder des Opernorchesters sowie allesamt auch emeritierte Professoren, die früher verdienstvoll als Lehrer an der Musikuniversität gewirkt hatten. Indes: Immer noch musikalisch äußerst quick und zudem sogar an Grenzüberschreitungen interessiert (auch wenn sie den Ausdruck Cross-Over für ihre diesbezüglichen Ambitionen tunlichst mieden).

Gregor, der besonders klassische Musik mochte, empfand das, was er gedämpft durch die vertrauenerweckend dicken Mauern des Hauses mitbekam, sozusagen als bessere Live-Alternative zum wackeren Klassiksender, den er ansonsten im Radio zu hören pflegte. Ja, das waren angenehme Stunden für ihn, wenn das Säling-Quartett aufspielte. Außerdem taugte ihm die Probenatmosphäre und der Umstand, dass sogar echten und unbestrittenen Könnern manchmal ein Ton daneben ging … (Eva hätte vermutlich die meiste Zeit Ö 3 gehört; oder gar den Regionalsender vorgezogen. – Lass doch endlich einmal Eva aus dem Spiel!)

Im Parterre lebten, links von der Eingangstür, ein weibliches Pärchen, nämlich zwei Studentinnen irgendwelcher philosophischer und pädagogischer (oder philologischer?) Fächer, Lisa und Alex, im größeren Wohnbereich; sowie, von ihnen ideologisch und wohl auch generell von der sexuellen Ausrichtung her separiert, eine Reihe von männlichen WG-Kollegen. Sie hießen, wenn sich Gregor da nicht täuschte – doch sein Namensgedächtnis funktionierte im Allgemeinen gut -: Charly, Bruno, Ronnie und Wolfgang (genannt Pürzl).

Rechts vom Portal hielten sich, meist fluktuierend und daher in Zahl und der Herkunft nach oft wechselnd, Damen und Herren aus Nordafrika, Tschetschenien und aus dem Iran (oder aber aus Afghanistan, Sri Lanka, aus der Ukraine und aus Anatolien …) auf. Wie sie sich nannten, wusste niemand von den anderen Hausbewohnern auf Anhieb zu sagen; und wie sie tatsächlich hießen, wäre wohl auch kaum zu eruieren gewesen. Sie grüßten in der Regel alle recht freundlich. Und das war es dann auch schon.

Die Räumlichkeiten im Keller beaufsichtigte der ehemalige Hausmeister des Anwesens, ein gewisser Emil Fuscher, der hier auch seine kleine Wohnung hatte. (Angeblich ließ ihn der Hausbesitzer – wer immer auch das tatsächlich war – wohl aus sentimental-karitativer Einstellung heraus hier weiter wohnen.) Fuscher grüßte meist ebenfalls einigermaßen freundlich und ließ sich hin und wieder sogar zu kleineren Reparaturen und einfachen Ausbesserungsarbeiten bewegen und dazu quasi anwerben. Wenn er, der Alkoholiker, nicht just an seinem Quartal laborierte. Dann verhielt er sich nämlich nicht selten ziemlich abweisend.

*

Die Beletage, so konnte man den ersten Stock immer noch (und auch nach der gleich stilvollen wie umsichtigen Sanierung und Modernisierung des Gebäudes) guten Gewissens nennen, bewohnten nun also der Werbefachmann und PR-Experte sowie sein treuer Hund Scherzo. Gregor hatte die helle Wohnung mit den extrem hohen Räumen gesehen und gewusst: Ja, die muss es sein! Die und keine andere!

Munter ging es denn auch ans Einrichten.

Der zentrale Saal (mit einer elegant schwingenden Terrasse vor der attraktiven Fensterfront!) konnte optimal eingesetzt werden, wenn der Neo-Wohnungsinhaber zum Beispiel für seine verwöhnten Großkunden spezielle Präsentationen vorhatte. Da ließen sich – unter Einsatz von Videowalls, Bild- und Tonanlagen und dem übrigen Demonstrations-Equipment alle möglichen technischen Spielereien verwirklichen! Hier würde noch so mancher sein blaues Wunder erleben, wenn er, Gregor, erst einmal aus dem Vollen seiner Ideenwelt schöpfte!

Das neue, ebenfalls großzügig geschnittene Wohnzimmer, auf dessen Einrichtung er sich a priori besonders gefreut hatte, ging in einen weiteren Riesenraum über, den er optimal für seine langersehnte ausgedehnte, gediegen wirkende Bibliothek verwenden würde können. Endlich hätte er genug Platz, um seine vielen, teilweise ererbten und seit Jahren schon in einem Lager deponierten Bücher entsprechend unterzubringen! An diesen Hort der bibliophilen Neigungen, diesen Sakralraum von Leselust und intellektueller Vertiefung in einem, schloss sich sein eigentliches geräumiges Arbeitszimmer an, sein Büro.

Eine großzügige Wohnküche und zwei Schlafzimmer sowie zwei Bäder und zwei Räume, in denen die Klosettanlagen untergebracht waren, rundeten ein in der Tat formidables Platz-Angebot ab, das zwar aufs erste Hinsehen ein wenig viel und ein wenig groß zu sein schien für einen Menschen allein (sogar für einen mit ziemlich ausgewachsenem Hund!), doch – warum eigentlich nicht?!

Also war Gregor mit Elan ans Einrichten gegangen.

*

Wie das schon so kommt, wenn man (wieder einmal) übersiedelt, es fallen einem alle möglichen alten Sachen in die Hände, von deren Existenz man längst nichts mehr gewusst hat. Nötiges und Unnötiges, Dinge, über deren Wiederentdeckung man sich freut, und Plunder der durchaus entbehrlichen Sorte: All das wird plötzlich aus den dunklen Depots der persönlichen Vergangenheit ans Tageslicht befördert. Und Gregors Erfahrung auf diesem Gebiet konnte man als umfangreich bezeichnen – er hatte, aufwendig genug, schon einige Übersiedlungen durchgemacht und hinter sich gebracht. War Leid und Frust gewohnt.

So kam auch mancher Packen von Papieren, die aus dem (trotz der Jahre immer noch weitestgehend ungeordneten) Nachlass seines verstorbenen Bruders Stephan stammten, plötzlich wieder zum Vorschein. Stephan war um fünf Jahre älter gewesen als Gregor und, darüber hatte eigentlich nie ein Zweifel geherrscht, der bei weitem begabtere der Brüder. Stephan war musikalisch hochtalentiert gewesen und erlernte (erstaunlicherweise mit Begeisterung) schon von Kind auf das Klavierspiel. Dass sich die Musikalität Lauras, Gregors Tochter, in erster Linie vom Onkel herleitete, galt in der Familie als unumstößliche Tatsache. Zwar hatte es Lauras Großmutter Gisela immerhin auch bis zur diplomierten Opernsängerin gebracht; ihr Los war es indes gewesen, ihre Begabung ohne Wenn und Aber auf dem Altar der Liebe, wie sie es nicht ohne Pathos auszudrücken pflege, ihrem Mann, Opa Adalbert also, und den drei Kindern (neben Gregor und Stephan war da späterhin noch Helene gekommen), zu opfern. Wobei zu allem Überfluss eben dieser, ihr Mann, immerhin am Ende seiner Karriere als Gymnasialdirektor allenthalben respektiert und auch privatim stets um Kultur durchaus bemüht, nach eigenem Eingeständnis über totale Schweinsohren verfügte.

Der blondgelockte Stephan mit dem träumerischen Blick und der vermutlich hellblauen Seidenschleife unterm Kinn (so zeigte ihn eine hübsche frühe fotografische Aufnahme in Schwarz-Weiß) saß, durchaus an ein romantisches Wunderkind gemahnend, tagtäglich stundenlang vor dem Flügel aus dem Haus Ittypfel (Wien, um 1880 herum). Und stattete man gerade irgendwelchen Onkeln und Tanten oder sonstigen Familienmitgliedern einen der obligaten Besuche ab, so wütete er an Pianofortes (und Fortepianos) von Dörr, Bösendorfer, Blüthner und Schimmel – je nachdem, wo sich die Gesellschaft eben eingefunden hatte. Kein Wunder, dass ihn der Vater, Adalbert, neckend seinen „wohltemperierten Sohn“ nannte.

Solcherart war Stephan stets der gerngehörte und gerngesehene Mittelpunkt aller möglichen familiären Festivitäten. Ein Wunderkind eben, wenn auch zunächst mit nur innerfamiliärer Ausstrahlung.

Laut eigener Erinnerung bewunderte Gregor, obschon künstlerisch selbst auch nicht ganz unbedarft – er schrieb bald und viel und zeichnete mehr als nur leidlich gut -, den älteren Bruder, der diese Bekundung der Anerkennung durch diverse Hilfestellungen seinerseits vergalt. Lediglich Nesthäkchen Helene war, so schien es, weitgehend Talent-frei. Ja, sogar, dass Heli bald, als Studentin, ihren späteren Mann, damals noch einen aussichtsreichen Jung-Mediziner kennenlernte, wurde innerhalb der Familie insgesamt durchaus als Glücksfall gewertet. Als Gattin eines wenige Jahre später schon renommierten Spezialisten im Hals-, Nasen- und Ohrenbereich konnte sie sich ihre umfassende kreative Unbedarftheit weiterhin durchaus leisten. Reiten, Tennis und Golf lagen ihr übrigens gut.

Doch Stephan spielte schon früh (und nicht nur für den Hausgebrauch) sehr gut Klavier, er fing auch bald darauf mit Verve zu komponieren an und wollte eine Zeit lang dieses, sein Talent sogar zum Beruf machen. (Was die Eltern ohne Frage auch akzeptiert hätten.)

Doch dann übermannte ihn eine zweite Begabung, und er begann, in den mittleren Jahren auf dem Gymnasium war es, wie ein Besessener zu zeichnen und zu malen. Doch damit nicht genug, mit 16, 17 erfüllte ihn plötzlich die Gewissheit, nur als Schriftsteller (Dichter, Dramatiker oder Drehbuch-Autor) weiterleben zu können! Die Folge von dieser Überfülle an Talent war, dass er, an der Vielfalt seiner kreativen Ambitionen beinah schon verzweifelnd, buchstäblich nicht wusste, welche Richtung er am besten einschlagen sollte.

Kurz: Stephan spielte Klavier (daneben jedoch auch noch so ziemlich jedes andere Instrument, das ihm gerade gefiel und das sein Interesse erweckte) und schuf Tongemälde auf Notenpapier; er malte, zeichnete, fertigte Skulpturen an, töpferte; und er schrieb. Abwechselnd. Gleichzeitig. In Konkurrenz. In Koexistenz. Ein Getriebener der Künste.

Und dann entdeckte er auch noch seine Liebe zum Alpinismus.

Dass er, mit 28 Jahren, an einem ziemlich bewölkten Wochenende, bei dichtem Nebeltreiben und gegen alle Warnungen erfahrener Kolleginnen und Kollegen von einer Tiroler Alpenvereinshütte aus in eine Wand mittleren Schwierigkeitsgrads eingestiegen war, enthob ihn schließlich aller weiteren seine Berufswahl betreffenden Gedanken. Stephan stürzte nämlich über hundert Meter tief ab und war, wie gesagt wurde, sofort tot.

Und so nahm er hinfort die Position einer Art Familienlegende ein.

Jetzt, nach so vielen Jahren, fiel Gregor beim Herumräumen im Zuge der Wohnungseinrichtung im Gründerzeitgebäude ein vergilbter Zettel mit Stephans ein wenig krakeliger Künstlerschrift, die ihm immer so imponiert hatte, in die Hände. Ach, ja, davon hatte er ihm doch immer wieder erzählt voller Begeisterung: von seiner Idee eines, wie er es nannte, multi-sensitiven Kunstprojekts! Stephan hatte da Ideen entwickelt für ein Kunstwerk für die Augen und Ohren, für die Nase, für Mund (beziehungsweise: Zunge) und für die Hände … Optisch, akustisch, olfaktorisch, kulinarisch und haptisch sollte seine Kunst den Menschen erreichen. Ihn zum Betrachter, Zuhörer, Mitriecher, Genießer und Be-Greifer machen. Zuletzt wohl sogar – zum Mit-Künstler!

Nun war es Gregor, als umgebe ihn, der er sich just in einem der beiden zukünftigen Schlafzimmer befand, mit einem Mal Nebel. Dichter Nebel. Wie er vermutlich auch damals, in Tirol, im alpinen Gelände, geherrscht haben musste … Und Stephans Stimme: „Mach doch du es! Jetzt ist die Zeit reif!“

Er wandte sich um, wie vom Schlag gerührt.

Der Raum um ihn herum war – leer. Klar doch. Wie auch anders?!

Und die Nebelschwaden lichteten sich auch schon wieder –

Einige Schwenker Rémy Martin und einen Zigarillo der Marke Dannemann später wusste er, was er tun sollte.

Und als das nächste wichtige Brainstorming für neue Großprojekte seiner potentesten Klienten stattfand, brachte er gegenüber den Vertretern dieser stinkreichen, windigen Geschäftsleute und Geschäftemacher Bruder Stephans alte Kunstideen ins Spiel.

Und –

Fortsetzung folgt!

 

Adele, die Pudeldamen, Säling & Co.

Sie war nicht nur verhuscht. Nein, Gregors Nachbarin im 2. Stock, rechts oben also, die schon kurz erwähnte überkandidelte Adele Erbsschöller-Churlandt, hatte gewaltig einen in der Birne. Mindestens. An sich in die Richtung der Edeleigenschaft Herzensgut tendierend, glich die gepflegte Greisin mit den rosa gerougten Wängelchen, die irgendwie unwirklich auf das alte plissierte Antlitz gepappt zu sein schienen, eher einer Kunstfigur, als dass man ihr, sah man sie zum ersten Mal und unvorbereitet, so ohne weitere Einwendungen eine reale Existenz zubilligen hätte mögen. Eine hoffmanneske Mademoiselle von Scuderi vielleicht …

Im wohltuenden Gegensatz freilich zu vielen anderen alten Schachteln wirkte diese kuriose Erscheinung namens Erbsschöller-Churlandt irgendwie sympathisch zerbrechlich; nicht zuletzt, weil sie eben nicht über den berüchtigten – sonst unter ihren Geschlechtsgenossinnen, die in die Jahre gekommen waren, leider weitverbreiteten – Altershintern verfügte. Ja, diesbezüglich stach sie aus der uniformierten Menge derer hervor, die, wie Gregor es gerne (zugegeben: un-charmant und beinah despektierlich) bei sich nannte, mit ihren rückwärtigen Matronen-Balkonen durch die Gegend und durch ihr Restleben zu stapften hatten.

Gregor gingen sie nämlich allesamt auf den Geist, diese mit in (Web-)Pelze gehüllten, mit Brillantringen bewährten und ebensolchen Ketten behangenen sowie haarmäßig entsprechend bläulich-grau, laubgrün oder karottengelb kolorierten Greisinnen; besonders die, denen zweckdienlich agierende Vertreter der plastischen Schneidekunst (um den unpassenden Ausdruck Schönheits-Chirurgie in diesem Zusammenhang besser zu vermeiden!) zur gänzlichen Entfaltung verholfen hatten – jener von jeglicher Alterszuordnung, unter gleichzeitiger Einbuße auch des geringfügigsten Ansatzes von Mimik und Ausdruck. Starre Senilitätsmasken, auf prämortal einbalsamierten oder bandagierten Mumien …

Ganz anders also die Erbsschöller-Churlandt. Sie war, wie es hieß, dereinst beim Theater gewesen. Manche wollten es sogar noch genauer wissen: Als veritable Soubrette sei sie vor urdenklichen Zeiten rasch zum ausgesprochenen Publikumsliebling avanciert. Anderen wiederum wollte zu Ohren gekommen sein, dass sie, als Tänzerin ausgebildet, manches Engagement hinter sich gebracht habe; und manche amouröse Verbindung dazu. Nein, glaubten hingegen nochmals andere zu wissen, ihr zweiter Name, Churlandt, deute auf einen verflossenen gutsituierten, wenn nicht sogar reichen Gatten hin, den die Unterhaltungskünstlerin vor Jahrzehnten schon überlebt habe. Eine fünfte Gruppe hätte Stein und Bein darauf schwören können, dass Adele einst ein Stern am Varieté-Himmel gewesen sei; strahle sie doch sogar jetzt und permanent, noch im fortgeschrittenen Alter ihrer gut siebeneinhalb Lebensjahrzehnte, so etwas wie Bühnenpräsenz aus … Und was sie selbst diesbezüglich womöglich nicht mehr so überzeugend zu leisten imstand war, steuerten, das hatte Neonachbar Gregor gleich am Beginn der Bekanntschaft erfahren dürfen, ihre beiden putzigen Pudeldamen bei: die aufgeweckten rosafarbenen, herzigen und überaus gepflegten Hündinnen Salomé und Lulu.

Die beiden so überaus anmutigen Tiere schienen ihrem Frauchen überdies in Liebe und Treue ergeben zu sein. Und Gregor stellte sich mitunter (und in entsprechender Cognac-Stimmung) manch eine burleske Nocturne in der Wohnung der Adele Erbsschöller-Churlandt vor, wobei dann nicht die Pudeldamen ihre Kunststücke vollführten, sondern vielmehr die ehemalige Bühnenerscheinung ihrerseits nach Mitternacht tanzte für die Gefährtinnen, voller Greisinnen-Anmut. Und dafür wäre dann von Seiten der empathischen Tiere das eine oder andere Leckerli als Lohn zu erwarten … (Denn dass Tiere über die Fähigkeit der Empathie verfügten, hielt Gregor, nicht zuletzt aus der Erfahrung mit seinem Scherzo heraus, für gesichert. Da brauchte er bloß in des Hundes schöne, treue Augen zu schauen.)

Kein Wunder freilich auch, dass die beiden Pudelinnen, diese jederzeit zu kuriosen zirzensischen Einlagen und ulkigen Clownerien bereiten Tiere, es besonders Scherzo angetan hatten. Gregors großer semmelfarbener Freund auf vier Pfoten (und, zugegeben, in Kalbsgröße) hatte allerdings auch sogleich einen mächtigen Stein im Brett bei den wie ihr Frauchen total verhuschten Pudelchen. (Und umgekehrt hatte der Mischlingsrüde an den Kolleginnen einen solchen Narren gefressen, dass er sich nur zu gern zu ihrem ritterlichen Beschützer machen ließ. In allen Ehren, versteht sich.)

Es war in der Tat ein Bild für Götter, wenn der stattliche Scherzo und seine zwei Weibchen auf ihren kurzen Stummelbeinchen und mit vor Aufregung zitternden Schwänzchen in seinem Gefolge den Park durchstreiften auf der Suche nach so mancher selbstgelegten Fährte. Da mussten sogar die sonst doch eher ernst-emsigen Eichhörnchen lachen (und vergaßen darob, wo sie gerade ihre Nüsse als Wintervorrat zu vergaben vorgehabt hatten)!

Doch auch Gregor konnte bald als enger Vertrauter der herzensguten alten Schreckschraube gelten, die so ziemlich über alles, was sich im Haus, in der Straße und im Bezirk, in der Stadt, in der Nation und auf der Welt – kurz: im Universum – so tat und ereignete, bis in die verborgensten Tiefen des Seins hinein Bescheid zu wissen schien. Und ihn sogar in manchem, zugegeben, leicht esoterisch angehaucht wirkenden Gespräch Schritt für Schritt Anteil nehmen ließ an ihrer Sicht der geistigen, der, wie sie es nannte: feinstofflichen Zusammenhänge … Wusste sie immerhin sogar von selbst erlebten außerkörperlichen Erfahrungen zu berichten und von Reisen durch Raum und Zeit, die sie schon unternommen habe. Da sich dies keineswegs unseriös oder gar marktschreierisch anhörte (da kannte er sich immerhin aus!), lauschte er ihr bei aller Skepsis dennoch gern.

Adele Erbsschöller-Churlandt lotste Gregor jedoch nicht nur durchs transzendente Universum, ihr war auch die Baugeschichte der großzügigen gründerzeitlichen Anlage aufs Genaueste bekannt. Und dafür interessierte sich der Mieter und Werbemann besonders. Zudem hatte sie alle nur erdenklichen Histörchen über die Leute parat und auf Lager, die hier wohnten – und vor allem: gewohnt hatten. Was sich in diesem in der Tat ehrwürdigen Gemäuer abgespielt und zugetragen hatte, Erbsschöller-Churlandt machte es wieder präsent durch ihre farbenprächtigen Schilderungen. Ja, sie gestaltete, wenn sie einmal zu berichten und entsprechend weit auszuholen begonnen hatte, bei ausgezeichnetem Tee und exquisitem Kleingebäck gleichsam ein opulentes Historiengemälde nach dem anderen. Dies vollzog sich eindeutig mit Hang zu monumentaler Erzählweise. Und mal mit feinem Pinsel, mal im extra-dicken Auftrag der üppigen Materialien. Wie auch immer, weder Aufwand noch Verluste scheuend. Ob Skizze in Bleistift, Rötel oder Kohle, ob Fresko, Sgraffito oder Pastell, ob Acryl oder Öl: Das war alles weitgehend ohne Bedeutung. Hauptsache – möglichst dick aufgetragen. Und dennoch – letztlich feinstofflich …

Auch über ihren gemeinsamen alten Nachbarn, den gewesenen Philharmoniker Eduard A. Säling, wusste Adele manches hübsche Anekdötchen; noch aus der Zeit, als er Mitglied im Opernorchester, ja: gar Konzertmeister war. Aber auch sonst, was sich alles so getan hatte – gemeinsam mit seinem namhaften Quartett und überhaupt als glänzender Exponent im Musikleben der Stadt. Und von seiner unglücklichen Liebe zur bildschönen Mezzosopranistin Clarissa Eidam wusste die Nachbarin, detailreich zu berichten. Die Eidam-Fliederbusch, die man als Carmen noch gesehen haben musste, damals, am städtischen Opernhaus … Zeiten, Kinder!, Zeiten seien das gewesen! Die schöne, unglücklich mit dem um etliches älteren Industriellen Max Fliederbusch verheiratete Ausnahmesängerin und der junge, fesche Konzertmeister Säling … Beinahe wie Tristan & Isolde (nur ohne Wagner)! Und dann der jähe Tod der großen Stimme – samt Sängerin. Und Sälings Suizid-Versuch. Und das große Geheimnis rund um das behinderte Kind, das dieser so tragischen Liebe entsprossen war …

*

Gregor erfuhr von der ein wenig überdrehten Nachbarin jedoch auch einiges über die glänzenden Redouten, Bälle und Festivitäten, die vor vielen Jahrzehnten hier, im Haus, veranstaltet worden waren. Da hatte der fesche Edi, wie Säling von der ihn umwerbenden und anhimmelden Damenwelt zumindest insgeheim genannt wurde, bei manchem illustren Abend als attraktiver Stehgeiger, ganz in der Manier eines seiner Vorbilder, nämlich des großen Walzerkönigs Johann Strauß, so recht Furore gemacht. (Und später dann, ebenfalls in Strauß-Manier, manche der Damen flachgelegt – oder, wie sich Adele auszudrücken beliebte: „gar manche eben erst erblühte Rose mit Lust gebrochen“.)

Gewalzt wurde übrigens dort, wo Sie heute Ihren schönen Salon haben, lieber Gregor …“, senkte die alte Erbsschöller-Churlandt geheimnisvoll die Stimme und blickte dem Werbefachmann dabei tief in die Augen. Ganz so, als schwelge sie gerade selig in der Vergangenheit. (Im Hören oder im Gebrochen-Werden. Oder in beidem?!) Um dann ernster hinzuzufügen: „Zeiten, Kinder!, Zeiten waren das! Zeiten …“

Zeiten waren das, zugegeben, auch, als das Säling-Quartett am Zenit seines Ruhmes angelangt war. So manche Schallplatte, später dann auch die eine oder andere Compact-Disc, Auftritte im Inland und im Ausland, in Europa und auf den übrigen Kontinenten der Welt. Fernsehen. Rundfunk. Interviews. Mit den schmeichelhaftesten Schlagzeilen: Die Meister der Beethoven-Pflege …, Ein Spitzenquartett …, Ja! So soll Musik klingen! … Und, gleichsam in kühner Vorwegnahme späterer Cross-Over-Experimente: ein Konzert gemeinsam mit den nur unwesentlich jüngeren „Beatles“ in London …

Doch jetzt ging es ans Aufhören.

Einmal muss Schluss sein“, äußerte sich auch Eduard August Säling selbst dezidiert dazu. Und erinnerte, es zitierend, an das bekannte Wienerlied von Hans von Frankowski (Musik) und Franz Prager (Text): „East wauns aus wiad sei / mid ana Musi aund an Wei …“ („Erst, wann’s aus wird sein / mit aner Musi und mit’n Wein …“) …

Ja, nicht nur Quartett-Musik von Joseph Haydn, Franz Schubert und besonders Ludwig van Beethoven, auch das gehobene Wiederlied war beim Säling-Quartett in guten Händen. Ob die alten Melodien von Joseph Lanner und Johann Strauß Vater, ob, in leicht variierter Besetzung, nämlich mit zwei Geigen, Kontragitarre und wahlweise mit dem picksüßen Hölzl, also der Piccolo-Klarinette, oder mit der diatonischen Ziehharmonika, im Stil der Brüder Johann und Josef Schrammel – immer erkannte der eingeweihte Zuhörer sogleich den Säling-Klang wieder. Und der hatte allemal Klasse. (Ein Klasse-Sound eben …)

Es passte übrigens ganz vorzüglich, dass sich das Ensemble besonders um Ludwig van Beethovens letzte Quartette so verdient gemacht hatte. Diese zu ihrer Entstehungszeit weitgehend unverstandenen Werke, die ohne Zweifel über den damaligen Stand der musikalischen Theorie wie Praxis enorm hinausgingen (und auch später immer wieder Anlass zu mehr oder weniger tiefschürfenden Auseinandersetzungen bieten sollten), fanden bei Eduard August Säling und seinen Kollegen die adäquate Pflege und Interpretation.

Fortsetzung folgt!

 

Jasmin

Kennengelernt hatte Gregor Jasmin bei einer (ansonsten langweiligen) Abendgesellschaft vor zwei, drei Monaten. Worum es sich da drehte? Das hatte er längst wieder vergessen. Vermutlich um was Halbgeschäftliches. Und unter den zahlreichen ziemlich uninteressanten Leuten war sie ihm vermutlich als einzige einigermaßen ins Auge stechende Erscheinung sofort aufgefallen. Denn auffallend war sie, allemal. Und außergewöhnlich – gewöhnlich …

Gernot schätzte Jasmin auf Ende zwanzig, höchstens Anfang dreißig. Ihr Haar war blond – wie aus einem Herrenwitz. Wofür sie freilich absolut nichts konnte. Bekanntlich ist niemand für das Niveau der anderen verantwortlich. Mitverantwortlich vielleicht schon … Ihre ausdrucksstarken, wenngleich etwas zu stark geschminkten Augen spielten ins Grüne (wobei sie ihr raffiniert wirkendes Changieren mitunter und bei entsprechender Beleuchtung im Bernstein-Bereich begannen). Doch das fiel manchen Männern vermutlich kaum auf, da sie in erster Linie und sofort von ihrem formidablen Busen gefesselt wurden und folglich, beim Dekolleté erschöpft verweilend, nicht so hoch hinaufblickten. Was die Oberweite betraf, da hatte diese junge, außergewöhnlich hübsche Frau in der Tat einiges zu bieten. Und das vermochte, inhaltlich mehr als nur Herrenwitze zu füllen. Dass Jasmin über eine ausgewogene, proportionierte Figur verfügte, muss nach dem bisher Erwähnten kaum mehr betont werden. Sie entsprach also in Summe dem Bild einer überaus attraktiven Frau.

Kurz, man fand Gefallen an einander, obwohl vermutlich der eine oder andere der anwesenden Männer besser in Jasmins Beuteschema gepasst hätte als just Gregor. Doch so spielt das Leben. Eben.

Erstaunlich, immerhin. Denn wie er später ziemlich schnell feststellen musste, sorgte sich Jasmin um zwei Dinge besonders: um ihr Aussehen und um eher leicht zu verdienendes Geld. Anders gesagt: Sie war determiniert durch eine kaum zu stillende (und auch nicht zu kaschierende) Lust am Beschenkt-Werden. Ja, sie liebte kleine Gaben. Und große waren ihr noch lieber. Je teurer, desto lustiger … Kurz: Sie war ein ziemlich berechnendes Luder, konditioniert aufs Absahnen und Aussaugen rasch eruierter materieller Ressourcen.

Doch was scherte das Gregor? Die Wunde, die Evas abrupter Abgang in seine Seele geschlagen hatte, blutete zwar nicht mehr, doch so ganz vernarbt waren die Verletzungen im Zusammenhang mit dem Auftauchen dieses norwegischen Arschgesichts Jens-Ole, mit dem Verlust seiner Kinder Laura und Ingo und letztlich auch mit dem unerwarteten Ende der Biolandwirtschaft noch nicht. Und so war er ohnedies auf keine intensive Beziehung aus. Nein! Nur nichts Fixes! Im Gegenteil, eine lockere Bettgeschichte mit einem attraktiven jungen Geschöpf, das war es in mancherlei Hinsicht, wonach ihm der Sinn stand.

Ja, er empfand Jasmin in erster Linie als wohltuende Hormontherapie. Dass er sie darüber hinaus auch mochte, war schon in Ordnung. Aber von Liebe wollte er wirklich nicht reden.

Sie schien das ähnlich unverkrampft zu sehen. Und so lange die Zuwendungen seinerseits zur rechten Zeit eintrafen und es teure Einladungen zu abendlichen Essen und zu hübschen Konzerten oder Theateraufführungen gab, schien auch Jasmin ganz zufrieden zu sein. Zwischendurch war sie dann auch mal für einige Tage wie vom Erdboden verschluckt: verschwunden, weg, unerreichbar. Doch er kapierte bald, wenn es ihr danach war, kam sie schon wieder zu ihm. Dann rief sie an oder mailte. Stand alsbald wieder vor Gregors Wohnungstür, als wäre sie gar nicht weg gewesen.

Genau, das passte ihm, so wie es war. Durchaus. Und wenn es ihm einmal nicht mehr danach wäre, dann würde er sie ablegen – wie ein altes Kleidungsstück, wie ein Paar Socken, in das man künftig nicht mehr zu schlüpfen vor hatte, weil der Reiz nun eben dahin war.

Sie hätte sich vermutlich nicht unbedingt in der Rolle einer abgelegten Socke gesehen; aber was die Intensität der Beziehung betraf, hatten sich da allem Anschein nach zwei gefunden, die durchaus zusammenpassten. (Außerdem wollte Jasmin keine Biolandwirtschaft anfangen, und das war immerhin etwas Positives. – Denk nicht schon wieder an Eva!)

Doch dann war sie eines Tages tatsächlich weg. Ganz weg.

Der Hohlraum

Alte Häuser verfügen nicht selten über Geheimnisse. Die machen den Reiz und den Charakter des Gemäuers eigentlich erst aus. Und ihr Eigenleben. Doch, Gregor hatte für so was ein Gespür. Das hing vermutlich mit seinen Phobien zusammen, die ihn längst schon in mancher Hinsicht sensibler gemacht hatten, als man es dem Werbefachmann und PR-Experten ansonsten vielleicht zugetraut hätte. Dass diese Überempfindlichkeit wiederum ihren Preis hatte, müsste eigentlich nicht ausdrücklich erwähnt werden; so etwas ergibt sich quasi von selbst. Oder war es eher eine übersteigerte Empfindsamkeit, die Gregor da mitunter beschlich? Doch wer konnte das schon so genau sagen? Vermutlich nicht einmal Adele Erbsschöller-Churlandt wäre da in den feinstofflichen Bezirken genug firm gewesen; obschon sie wohl noch am ehesten Rat gewusst hätte, wie er sich da optimal verhalten sollte. Doch just ihr, der amüsanten nachbarlichen Schreckschraube mit den beiden lustigen Pudeldamen, gegenüber öffnete Gregor mitnichten seine Seele. Da schämte er sich, da war er, im Gegenteil, nicht nur um Diskretion bemüht; nein, da sorgte er sogar für Tarnung.

Doch was Ängste und (mindestens sich anbahnende) Neurosen betraf, darin war Gregor in der Tat firm. Wenngleich er auch nicht so sehr Therapeut war als vielmehr – Sammler und Anhäufer. Ein Phobien-Akkumulator, sozusagen. Allerdings – nur einerseits. Denn zum anderen war er, diametral dazu, innig und mit größtmöglicher Sorgfalt darum bemüht, seine Ängste und Ticks endlich wieder loszuwerden. Auch nach so vielen Jahren empfand er sie nämlich immer noch als störende Fremdkörper. Außerdem hatte er das Gefühl, sie würden ihn zwischendurch auslachen und verhöhnen; so als wären sie körperlich, als wären sie Wesen mit Eigenschaften … (Meist mit bösen Eigenschaften!) Es war in der Tat beängstigend.

Glaubte er, zwischendurch eine seiner Phobien endlich überwunden zu haben – was ohnedies nur sehr selten vorkam -, so stellte sich flugs eine neue, womöglich noch ärgere, ihn bei Weitem empfindlicher verstörende Beklemmung ein. Und obschon er sich sogar über sein diesbezügliches Handicap lustig zu machen imstande war, ärgerte es ihn doch, zum Beispiel statt des bedrohlichen Lifts wieder einmal die Stiegen in eines der höher gelegenen Stockwerke, egal wo gerade, nehmen zu sollen oder sich partout nicht auf einen Balkon oder eine Terrasse (womöglich: sogar seine Terrasse!) hinaus zu wagen …

Es war ein Graus.

Übrigens, nicht so sehr die Einschränkung, die mit diesen zum Teil bloß geringfügigen Anomalien verbunden war, irritierte ihn, sondern die Notwendigkeit, für seine Praxis im Umgang mit ihnen immer wieder eine möglichst unauffällige und glaubhafte Maske, eine neue Camouflage gleichsam, zu erfinden. Es mussten ja nicht alle Kunden und potenziellen Klienten a priori wissen, dass er unter einer Reihe von – na, sagen wir – Behinderungen litt. Das dauernde Verschleiern und Täuschen, das mochte ja für kurze Zeit einen gewissen Reiz haben; auf Dauer ging es ihm dann jedoch gewaltig auf die Nerven. (War das Überspielen der Ängste immerhin nicht selten aufwendiger, als die Ängste an sich schon unangenehm für ihn waren.) Und wenn er auch bald über ein entsprechendes Erfahrungsreservoire verfügte, bedeutete diese Verstellung in Permanenz für ihn durch die Jahre nicht selten tatsächlich eine große Belastung. Und empfand er es einmal nicht als ausgesprochene Mühsal, so reichte es allemal für Kopfzerbrechen. Von da war dann der Weg zum Kopfweh nicht weit. Und der Griff zur Schnapsflasche auch nicht. Ja, manchmal musste er sich einfach – betäuben. Auch wenn, wie eingangs erwähnt, Gregors Phobien insgesamt auf ein gesteigertes Sensorium hinzudeuten schienen, er sie daher nicht selten positiv, weil kreativ einzusetzen verstand.

Naja. Immerhin: Ein Prost auf das Sensorium!

*

Unmittelbar an seine sonstigen Phobien schlossen indes auch noch – quasi als Draufgabe – die religiösen Ängste an, die ihn, gleich heißen Horror-Attacken, nächtens des öfteren überfielen. Und das nicht nur in der Kindheit und Jugend, sondern bis ins Erwachsenenalter hinein. Darin sah er sich, also das Kind von damals, später als Opfer der zwar wohlmeinenden, jedoch grundfalschen katholischen Erziehung, die ihm zuteil geworden war. Nicht dass die so wahnsinnig fundamentalistisch gewesen wäre – man lebte schließlich in einem mehr oder minder liberalen Haushalt! -, doch reichte das, was im grenzdebilen Religionsunterricht der Volksschule schon, stillschweigend und aus Tradition heraus, gefordert (beziehungsweise im Wechselspiel von Seligkeitsverheißung und höllischer Strafandrohung angeboten) wurde, hinlänglich zur seelischen Verkrüppelung. Reichte?! Es war sogar um einiges zu viel!

Außerdem wurde es zu Hause doch kaum relativiert … Anders gesagt: Er war seinen braven Eltern, Gisela und Adalbert, im Nachhinein gram, dass sie ihn nicht schneller von echauffiert-restriktiven Religionslehrerinnen und verklemmten Katecheten fernhielten oder abschirmten; und von den elementar verschrobenen Thesen dieser frustrierten, blöden Grammeln und nicht minder gestörten Grottenolme, die den unschuldigen Kindern vom möglichen Verlust der an sich ja so unendlichen und umfassenden Gottesliebe, aber vor allem von Sünde, Himmel, Hölle und Fegefeuer vorschwadronierten, was das Zeug hielt. Denn just der von diesen hirnlosen Weibern und verkorksten Laffen oft zitierte rächende Gott war wohl das Letzte, was er brauchte! (Warum sich der überhaupt auf einem umfassenden und flächendeckende Sühnefeldzug befände, dieser Herr Gott, sollte ihm indes auch später, im Gymnasium, nicht eingehen. Egal, ob er der Erschaffer des Universums sein mochte oder bloß ein Hirngespinst des nach irgendwelchen obskuren Anbetungsobjekten und Idolen gierenden Menschen, der sich vor der alltäglichen Dunkelheit fürchtete und vorm Erlöschen des wärmenden Feuers …)

Ja, sein Bruder Stephan, der tat sich vergleichsweise leicht mit Gott & Co. Der sonst so feinfühlige und filigran-nervige Jung-Künstler schützte seine Seele (vermutlich instinktiv) vor dem Geschwafel der klerikalen Dumpfbacken und ließ den lieben Gott in der Tat in seinem Winkel links liegen; oder besser noch: hängen! Und Helene? Die hatte ohnedies ihre Puppen und ihre Stofftiere, mit denen sie kommunizierte: ein taugliches Universum, angefüllt mit Barbie-Schrott (aus dem immerhin überschaubaren Martell-Olymp) und Teddybären-Geflunker. Süß, doch vergleichsweise bei weitem weniger gefährlich für die kleine Seele …

Erst später dann und langsam sollte ihm das schon erwähnte Missverhältnis zwischen durchaus verkorkstem Anspruch und ausgesprochen mickriger Leistung in Glaubensfragen sowie in der sogenannten christlichen Lebensführung dämmern, das in ihm lange Zeit alles überschattet, alles eingedunkelt und solcherart gerade das Blühende verwelken hatte lassen, was vielleicht sogar positiv mit Gott, mit Moral und schließlich mit der angestrebten Seligkeit hätte verbunden werden können. Hätte

Das fing bei der obskuren, ihm ohnedies unverständlichen Urschuld von Adam und Eva im Paradies bei der unseligen Obstauswahl an und führte über die – besonders von den katholischen (Ge-)Wissensträgern und Machtausübern mit Vorliebe in den Dreck herabgewürdigte – Sexualität hin zu den bizarrsten Blüten wie Gnade oder Bestrafung. Ach ja, über alle dem noch der abartigste aller Auswüchse: die nicht selten schon regelrecht pervertiert anmutende Marienverehrung! Was musste da wohl den (ohnedies schon verhuschten) Geist der sogenannten heiligen Kirchenväter derartig verwirrt haben, dass sie sich so verbissen in den Dschungel der Beflecktheit und deren noch bizarrerer Ausnahmeerscheinung, nämlich der unbefleckten Empfängnis, hinein wagen hatten müssen?! (Als böte das Weibliche nicht so schon Stolpersteine genug! Nein, mussten die geilen Brüder ihre Triefnasen auch noch in dieses ausgesprochen diffizile Gebiet zwischen Anatomie und Psychologie stecken …!) Genügte ihnen das fragwürdige Konstrukt der Erbsünde denn nicht? Mussten sie die schlimme Sache unbedingt noch zu toppen versuchen?! Ärsche das!

Auch dass die Amtskirche allem Anschein nach keinerlei Schwierigkeiten mit den unbeschreiblichen Gräueln des Krieges und mit der auf Erden allgegenwärtigen Gewalt gegen Schwache und Wehrlose hatte, im Gegensatz dazu jedoch die Genüsse sexueller Natur und jeglicher Ekstase verteufelte – von der mittels Onanie oder masturbierend erreichten bis zur zweisamen -, stieß ihm immer wieder sauer auf. Dass man da Waffen segnete und die Selbstbefriedigung verbot, war nur eines der Kreuzworträtsel, die er nicht lösen konnte.

Doch als kleines Kind hatte er aus verständlichen Gründen noch längst nicht durchschaut, dass es den Religionen (beziehungsweise: den Religionsgemeinschaften und Amtskirchen) im Allgemeinen nicht um die Schaffung und Erhaltung des seelischen Gleichgewichts der bei ihnen Schutz und Zuspruch Suchenden geht, sondern beinhart und ausschließlich um äußerst irdischen Machterhalt! Egal, ob es sich um das von den Juden und ihren so gern zitierten Stämmen Israels bis zum Überdruss gepriesene gelobte Land (realiter wohl als Synonym für das Abschütteln irgendwelcher restriktiver Fremdherrschaften) drehte; oder um die, wenn es sein musste, durchaus von Waffen klirrende Missionierung, zu der sich namhafte Kräfte im Islam mehr oder minder offen bekannten; oder um die kaum je verschleierte, durchaus handfeste Macht- und Kapitallüsternheit des Katholizismus: Immer stand das Seelenwohl des scheinheilig als Gotteskind apostrophierten Individuums weit abgeschlagen auf der kirchlichen Agenda der Themen, die es hier galt abzuarbeiten. Der Mensch zog bei diesem Ranking stets die Arschkarte. Das war so sicher wie das Amen im Gebet

Er hatte – Angst. Ja, nächtliche Anfälle von irrsinniger Furcht. Mit voller Hose ist bekanntlich gut stinken; und er war munitioniert mit Angstgründen zuhauf. Tagsüber, wenn die Sonne schien, konnte man un-beklommenen Herzens trefflich streiten, doch schwer tat man sich, als Solist, ein paar Stunden später und angesichts der Geister der Dunkelheit, wenn dann die blutgierigen Nachtmare antanzten, vampirzähnig, glutäugig und geiferkrallig … Den Heiligenschein hatten sie sicherheitshalber an der Garderobe abgegeben.

*

Die Phobien hatten ihn also all die Jahre hindurch treu und brav begleitet, mal als dezente Weggefährten, mal wieder als ziemlich rüpelhafte und aufdringliche Gesellen. Doch blieben sie an seiner Seite, auch in Zeiten eines weitgehenden Wohlbefindens und finanzieller wie gesundheitlicher Konsolidierung. Etwa jetzt, wo der Ex-Biolandwirt und gewesene Agrarvermarkter mit einigem Elan an die Einrichtung seiner neuen geräumigen Wohnung im Gründerzeitgebäude ging und als Werbeonkel erneut erfolgreich im kapitalistischen Morast Fuß zu fassen anfing. (Und jetzt in noch größerem Stil als zuvor!)

Hierbei war Gregor beim Gestalten seiner weitläufigen Räumlichkeiten, also seines Privatbereichs wie der Bibliothek, des Saales und seines großen Büros, auf einen kuriosen Hohlraum gestoßen, den es zwischen den beiden weiter oben erwähnten Räumen geben musste, die ihm als Schlafzimmer beziehungsweise – für alle Fälle – als eine Möglichkeit, dienen sollten, Gäste unterzubringen. Die geräumigen Kemenaten schienen zwar, in der Außenbemessung gleich groß zu sein; nur innen ergab sich ein Unterschied, der darauf hindeutete, dass der eine Raum über eine gut um zwei Quadratmeter kleinere räumliche Bemessung verfügte. Ein Hohlraum, dazwischen, in der verbreiterten Wand – ja, das musste des Rätsels Lösung sein.

Gregor hatte von Mag. Benjamin Edelsbrunner Einsicht in die Originalpläne (Theyer & Sigmundt) erbeten und erstaunlich rasch eine ordentliche alte Mappe ausgehändigt bekommen. Und hier war, erraten, nichts von einem Hohlraum vermerkt. Die Pläne und Bauzeichnungen bestachen vielmehr durch Exaktheit und eine erstaunliche technische Ästhetik. Auch als Nichtfachmann konnte man diese Papiere mit Freude studieren. Denn sie wirkten schön und erfreuten das Auge, bei aller ihnen vermutlich eigenen Zweckmäßigkeit und Funktionalität.

Wahrscheinlich war da einmal ein Kamin vorgesehen, der dann jedoch nicht gebaut worden ist“, mutmaßte Edelsbrunner lächelnd. „Wäre doch eine Möglichkeit, oder?!“

Gregor nickte, in das Planwerk vertieft, ohne sich verbal zur Hypothese des Maklers äußern zu wollen. Und die Konzeption des ursprünglichen Heizungssystems widersprach der Hypothese des jungen Mannes entschieden. Auch waren einige Male im Laufe von zwischenzeitlichen Umbauten (zuletzt bei der Umstellung auf Fernwärme und den diesbezüglichen Anschlussarbeiten) die meisten alten Kaminschächte außer Funktion gesetzt worden, wie ja auch die formschönen und gediegen ausgeführten Kachelöfen nur mehr Staffage waren, doch immerhin optisch Gemütlichkeit verströmten … Man hatte also, dem Zug der Zeit folgend, überall im Gebäude moderne Heizkörper installiert.

Funktion, Sinn und Zweck des ominösen Hohlraums blieben jedoch weiterhin ein Rätsel.

Gregor wäre nicht Gregor gewesen, hätte er angesichts dieses Problems nicht sogleich an Edgar Allan Poe denken müssen. Wie war das doch mit der berühmten Gruselgeschichte „Der schwarze Kater“ (1843)? Eingemauerte Frauenleiche mit Katze … Gut – das war Literatur. Lediglich Literatur. Kühn Erdachtes. (Gewiss freilich war, er hatte, sollte sie sich, gesetzt den Fall, am Ende und tot in besagtem Hohlraum befinden, Jasmin nicht umgebracht und dort eingemauert! Zumindest nicht wissentlich! – Ja, seine Gedankengänge wirkten etwas wirr …)

Dennoch beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen und eine Untersuchung in die Wege zu leiten.

Mit Genehmigung des Hauseigners, wiederum vertreten durch Mag. Edelsbrunner, bohrte ein dazu herbeorderter Professionist also die Wand an der von Gregor angegebenen Stelle auf. Dann leuchtete man in die so entstandene und mittels Werkzeug entsprechend vergrößerte Öffnung hinein. Doch es kam keine eingemauerte Frau (mit schwarzer Katze auf dem Kopf) zum Vorschein. Nein, gar nichts kam zum Vorschein. Und eigentlich, wenn man es recht bedachte, hatte natürlich auch niemand was anderes erwartet. Nicht einmal Gregor selbst.

Der Hohlraum blieb, was er gewesen war: hohl. Und, wie es sich gehörte: leer.

Nachdem der Maurer das Loch wieder zugemauert und sich entfernt hatte, drückte Mag. Edelsbrunner dem neuen Mieter sein Bedauern aus, dass sich vermutlich das Rätsel um den ominösen Hohlraum doch nicht würde lösen lassen, und entschwand ebenfalls.

So war es nun an Gregor, sich weiter seinen Gedanken und Träumen hinzugeben. Immerhin, für Albträume war allem Anschein nach ab jetzt in der Tat kein Anlass mehr gegeben. (Zumindest in Zusammenhang mit dem kuriosen Hohlraum nicht. Poe sei Dank.)

Ja, er würde den größeren Raum, wie schon vorgesehen, zu seinem Schlafzimmer machen. Der ein wenig kleinere sollte fürderhin als Gästezimmer dienen. Für seine sporadischen Freundinnen, wenn er sie nicht mehr neben sich im Bett aushielt; oder vielleicht für Geschäftsfreunde, die einmal einen Schluck zu viel intus hatten. Wie auch immer.

Er musste plötzlich wieder an seinen toten Bruder Stephan denken. Nein, für einen Konzertflügel war der Raum definitiv zu klein bemessen (mit oder ohne Hohlraum). Und auch für ein weniger opulentes Musikzimmer, für eine Geige und einen Notenständer, falls seine Tochter Laura vielleicht doch noch zurückkommen würde …

Nein. Weder ein Steinway oder Bösendorfer für Stephan selig, noch eine Musikalienkammer für Laura. Es blieb bei der ziemlich profanen Verwendung als Übernachtungsmöglichkeit.

*

Mitten in die zum Teil albtraumhaften Überlegungen zur obskuren Causa Hohlraum war Gregor mit einem Mal aufgefallen, dass ihm Jasmin allmählich tatsächlich abzugehen anfing. Anders freilich als Eva. (Hör endlich auf, an Eva zu denken! Hörst du?! Norwegen!!!)

Jasmin? – Er hatte die junge Frau schon seit zwei (oder waren es drei) Wochen nicht mehr gesehen und auch nichts gehört von ihr, was nun doch irgendwie unüblich schien. So lange war sie zumindest bisher noch nicht ausgeblieben, ohne zu sagen, was sie gerade Wichtiges vorhabe. Ob ein Kurzurlaub anstand, ein kleiner Städteflug zum Shopping oder so …

Und auch seine Versuche, sie am Mobiltelefon zu erreichen, die er schließlich doch unternommen hatte, waren bis dato erfolglos verlaufen. Seine Anrufe blieben also unerwidert. Ja, nicht einmal ihre Mailbox war aktiviert.

Braucht das Mädchen plötzlich kein Geld mehr?, fragte sich Gregor ein wenig sarkastisch. Vielleicht aber hatte sie schon einen anderen Sponsor gefunden, dachte er nicht minder sarkastisch. Aber wenigstens melden hätte sie sich doch können, oder?!

Jasmin … Er musste zugeben, jetzt, im Gedanken an sie, dass es angenehm war, wenn sie, diesen unendlich unwissenden (und doch irgendwie listigen) Blick in ihren gelb-braun-grün changierenden Augen, nackt neben ihm im Bett lag, zu spärlichem Teil nur bedeckt durch ihr blondes Haar. Eine verführerische Naive, eine naive Verführerin. Und dennoch eine, die es faustdick hinter den zierlichen Ohren hatte … Ja, Jasmin war ein berechnendes, ausgekochtes Luder. Und ohne tatsächlich, also im herkömmlichen Sinn, eine Nutte zu sein, wusste sie doch sehr wohl, wie sie sich anstellen musste, um zu ihrem Gewinn zu kommen, einen Vorteil aus jeder Lage zu ziehen und entsprechenden Reibach zu machen. Ja, sie verstand es, die kleinen Chancen des Lebens zu nützen; wenngleich ihr, wie vielen der Damen und Herren Kleingaunern und Parvenüs das Talent für die tatsächlich großen Schweinereien mangelte. Sie dürfte – seinem Dafürhalten nach -, wenn sie so weitermachte wie bisher, zwar nie im Leben so ganz untergehen oder gar völlig mittellos irgendwo im Nirgendwo stranden; aber dass sie es zu echtem Reichtum und Wohlleben bringen würde, zwei Dingen, an denen ihr ihrer eher primitiven Denkweise entsprechend doch immerhin sehr viel gelegen sein musste, hielt Gregor (vermutlich zu recht) für ziemlich unwahrscheinlich. So mochte es ihr, dachte er bei sich (und ohne Bitterkeit; irgendwie war er wohl auch froh, sie bei gutem Wind allem Anschein nach los geworden zu sein), wohl eher bloß darum gehen, wie luxuriös der Trog beschaffen sein würde, in dem sich ab nun zu suhlen ihr beschieden sein würde. Und so pendelte Jasmin wohl weiterhin zwischen blond-lockiger Heiligenfigur aus der Renaissance und abgefeimter Hure, die es leider auch nicht so ganz zur Kurtisane schaffte … Nobody is perfect! St. Radgundis (oder Genoveva, Clara oder, was weiß ich: Katharina) und Lucrezia Borgia. Jaja, Jasmin, du kein Weihwässerchen trübendes Engelskind und abgeschmackter Teufelsbraten! Oh, Gernot liebte solche, sagen wir: süßsauren Geschmacks-Konglomerate! (Und das nicht nur in kulinarischem Zusammenhang.) Auf Dauer fand er sie indes – fad.

*

Da geh‘ ich zu Maxim, / Dort bin ich sehr intim“, singt der, vom nächtlichen Champagnisieren, meist leicht beschwipste Diplomat Danilo in der berühmten Operette „Die lustige Witwe“ (1905) von Franz Lehár (Libretto: Victor Léon und Leo Stein), dem „das teu’re Vaterland … bei Tag … schon genügend Müh‘ und Plag“ bereitet. Die Ortsangabe ist übrigens nicht ganz exakt, weil das besagte Pariser Lokal streng genommen „Che Maxim’s“ heißt. Aber was soll’s?!

Also nahm Gregor eine alte Angewohnheit aus Studententagen wieder auf und besuchte hin und wieder das (auch schon leicht angegraute) „Chez Babsí“. Und wenn dort auch nicht die Lehárschen Damen Lolo, Dodo, Joujou sowie Cloclo, Margot und Froufrou verkehrten und zum Verkehr luden, immerhin war es schummrig, plüschig und doch im weiteren Sinn – sogar irgendwie familiär. Außerdem bestand keine Notwendigkeit, ihn „das teure Vaterland … vergessen“ zu lassen. Ihm reichten ein bisschen Ablenkung, Atmosphäre und Alkohol. (Manchmal auch in anderer Reihenfolge.) Und die längst verwelkte, in die Jahre gekommene und in die Breite gegangene Chefin, Barbara also, die ihre Bauchwülste in teure Seide steckte und ihre Würstelfinger mit echten Brillanten bedeckte, hatte immer noch an ihm einen Narren gefressen; wie damals, als er, der hoffnungsfrohe Jungliterat, reimend hier gehockt war … Als junger Germanist (und Historiker) hatte es ihn nämlich mitunter her verschlagen. Bei einem Glas Sekt, Gin oder Wodka saß er meist irgendwo in einer dunklen Ecke, schrieb lyrische Texte (… vom plüsch fällt schon das letzte rot / gedanken sind lang schon verglüht …) von eher minderer Qualität, mitunter jedoch vielleicht auch was ganz Gutes … Und da er einmal sogar einen Song für die aus zwei älteren Herren bestehende Live-Band getextet hatte, fiel hin und wieder sogar das eine oder andere Gratis-Getränk für ihn ab. (Von ein bisschen beinah schon mütterlichem Sex der diversen Pseudo-Grisetten einmal abgesehen …)

Für einen Studienabbrecher in spe, den es bald darauf schon in die Werbebranche verschlagen würde, war dieser – vergleichsweise harmlose – Puff jedoch gar kein so schlechter Einstieg zum Aufstieg.

Jetzt also wieder im „Chez Babsí“.

Dass es in Wahrheit (und naturgemäß) nicht wie in den alten Zeiten war, muss doch nicht erst besonders erwähnt werden?

Nein, danke.

Fortsetzung folgt!

 

Das Projekt „Antichristi Höllenfahrt“

Es sollte, nach den Wünschen seiner Hauptklienten und wichtigsten Geld- wie Auftraggeber, ein multimediales Gesamtkunstwerk werden, das Projekt, das seit einiger Zeit – top secret – unter dem Arbeitstitel „Antichtisti Höllenfahrt“ in seinem Schreibtisch und Laptop ruhte. Und das er, dem sprichwörtlichen Haftelmacher gleich und mit Argusaugen bewachte; es förmlich innigst hegte und pflegte. Trotz aller Infamie, die es, zugegeben, in sich barg.

Es handelte sich um eine Innovation schlechthin. Eine Innovation alter Hüte nämlich. Umgemodeltes aus dem unermesslichen Fundus der Zeit und ihrer Dichtungen …

Etwas Einmaliges und sensationell Neues sollte hier geschehen und vor sich gehen, das nichts desto weniger die Vertrautheit von abgeschmackter Dutzend-Ware und längst bekannter Altbackenheit versprühte; was naturgemäß einen gewissen Wiedererkennungswert garantieren helfen würde!

Nun, bei „Antichristi Höllenfahrt“ – der Arbeitstitel müsste in der Folge natürlich durch einen prägnanteren, ja: womöglich reißerischen, durch einen besseren und einprägsamen, der wie ein Fanfarenstoß wirkte, ersetzt werden -, bei der großen Sache drehte es sich um ein Kunst-Unternehmen, das tatsächlich (so weit dies möglich sein könnte) alle Sinne ansprechen und möglichst viele kreative Formen miteinander verbinden würde. Gedacht also für Auge, Ohr, Mund, Nase sowie für die Hände (und Füße); in Literatur, Musik, bildender Kunst …

Ja, so war es ersonnen worden, dieses ideale Verbindungsglied der oft divergenten Künste!

Nicht zuletzt von Gregor gedacht und empfunden als späte Hommage an seinen gleich hochbegabten wie unglücklichen Bruder, den so früh dahingegangenen Stephan.

Nochmals: Sowohl literarische, optisch-maerlische und musikalisch-akustische, als auch kulinarische, olfaktorische und haptische Impulse hätten von diesem Projekt ausgehen sollen.

Wenn –

Konzipiert war „Antichristi Höllenfahrt“, vereinfacht ausgedrückt, als Riesen-Spektakel. Als Monster-Event. Dabei, zugegeben, vielleicht doch mehr pompös als geschmackssicher. Mithin nicht elitär, sondern durchaus auch massentauglich. (Doch das wäre ja nichts besonders Neues! Der Kunst gilt die Quote doch längst nicht mehr als Feind, oder?!)

Künstlerisch (und gleichsam werktechnisch) gesehen, ging es – so viel ließ sich nach Gregors Entwürfen, die schon recht weit gediehen waren, sagen – um eine in ihrer Skrupellosigkeit und Unverschämtheit beinahe schon wieder geniale Klitterung diverser überaus prominenter und sattsam bekannter (zugegeben: zugleich auch reichlich abgedroschener) Themen, Motive und Plots aus der gesamten Weltliteratur und Weltmusik. Es drehte sich nämlich um ein neuartiges, alle nur erdenklichen Sparten und Ausdrucksformen erfassendes, verschiedenste Genres und Aussageweisen verbindendes, quasi elementares Theaterspiel. Um nicht mehr – aber auch um nicht weniger. (Fragen nach dem Niveau ließ das Konzept erst gar nicht zu.)

Zudem handelte es sich auch noch um den – gleich gewagten wie reizvollen – Verschnitt von Oper und Musical, Tragödie, Komödie, Kabarett und Comedy sowie Ballett und Show. Das alles, als wäre das nicht schon genug der Zumutungen, wie Flickwerk zusammengefügt aus Versatzstücken, nicht selten divergenten Bausteinen und künstlerischen Abfallprodukten, die ohne jegliche Scheu entnommen waren so bekannten Werken wie der antiken Ilias und Odyssee Homers, Johann Wolfgang von Goethes Faust oder dem Jedermann von Hugo von Hofmannsthal sowie Wolfgang Amadé Mozarts (beziehungsweise seines Librettisten Lorenzo da Pontes) Oper Don Giovanni. Dazu, als knackige Beilage: Einsprengsel aus Prosper Mérimées Novelle Carmen, naturgemäß verbrämt mit Georges Bizets Opernmusikanklängen. Aber auch ein bisschen William Shakespeare sollte sich dazu gesellen – wahlweise durch die üppigen Klangtapeten von Felix Mendelssohn Bartholdy, Giuseppe Verdi oder Astor Piazzolla verstärkt. Und etwas aus Jean-Baptiste Poquelins (Molières) Tartuffe, musikalisch gleichsam untermalt von Jean-Baptiste Lully, durfte da folgerichtig ebenfalls nicht fehlen. Zudem musste die ganze geile Geschmacklosigkeit noch kalorienreich aufgepeppt werden mittels Piecen von Bertolt Brecht und Thomas Bernhard, Kurt Weill und Andrew Lloyd-Webber, Pedro Calderón de la Barca und Franz Grillparzer, den Mann-Brüdern Thomas und Heinrich, Quentin Tarantino, Michael Jackson sowie Felix Mitterer et cetera, et cetera.

*

Der als Daily Soap (beziehungsweise Telenovela, aufgeteilt in entsprechende Staffeln und unterteilt in Kapitel oder Folgen) konzipierte multimediale Scheiß war sogar unter dem Aspekt oder mit dem Hintergedanken kreiert worden, er sollte sich optimal jederzeit zu einer Kommunikations-Endlosschleife ausbauen und erweitern lassen.

Ein Bandwurm also, der zugleich eine unentrinnbare Schlinge des schlechten Geschmacks (oder aber des Zeitgeists, ganz so, wie man es halt sehen mochte) verkörperte und, einmal in den Kulturkörper eingedrungen, sich zum kaum mehr ausscheidbaren, gegen alle Kritik resistenten Parasiten weiterentwickeln würde. Zu einem Schmarotzer, der es sich auf Kosten des kulturgeschwächten Wirts-Körpers immerhin noch einigermaßen gutgehen ließ.

Schöne Aussichten, insgesamt – mit all den Schistosomen, Zerkarien und Trichinellen, mit Toxoplasmae gondii, Ommatocoita elongata und Leucochloridium paradoxum (theatrale).

Ach ja: Das Projekt sollte zuletzt werbetechnisch entsprechend grell angerichtet und Zielgruppen-affin serviert werden – als theatralisches, zirzensisches, dabei sowohl opernhaftes als auch dem Musical entsprechendes, zudem filmisches und tänzerisches Gesamtkunstwerk, eine allumfassende Brett’ljause also, originär angesiedelt in der wunderbaren Weingegend der Süd-, Ost- und Weststeiermark!

Ja, natürlich: simultan aufgeführt sowie in Szene gesetzt, und zwar in verschiedenen, mit einander kommunikationstechnisch verbundenen prominenten Gaststätten, Wirtshäusern und Buschenschenken! Einerseits live, zum anderen natürlich über ein Heer von Monitoren! Darüber hinaus weitestgehend digital verkabelt (oder verfunkt), auch zeitgleich auf diversen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter präsent – und synchron beeinflussbar nicht zuletzt von den angeschlossenen Usern selbst!

Mithin ein Konglomerat aus Faust, Don Juan, Jedermann & Co., getrimmt quasi auf den gläsernen Menschen hin. Ja, auf den transparenten Computer-Homunculus in seiner ganzen Vernetzlichkeit, Verletzlichkeit und Nacktheit! NSA-approbiert, sozusagen.

Mithin ein Stück Welttheater im Zeitalter der neuen und neuesten Kommunikationsmedien und Überwachungsinstanzen; durch sie und in ihnen selbst realisiert!

Unser Stichwort: Realisiert sollte das – zugegeben, wie die ersten Entwürfe der damit betrauten Autoren erahnen ließen: – letzten Endes und insgesamt dann doch eher üble Machwerk (zumindest, was den live-theatralischen Part betraf) von verdienstvollen Mitgliedern lokaler sowie regionaler Amateurtheatergruppen und Musikkapellen. Und naturgemäß hätten die Damen und Herren Laiendarsteller und Musiker ihre Anwesenheit sowie ihr spielerisches Vermögen, Können und ihr Herzblut (!) in gewohnter Weise und im Sinn der sich stets aufs Neu bewährenden Methode der Selbstausbeutung mehr oder minder gratis und honoris causa zur Verfügung zu stellen gehabt. Der Kostenfaktor wäre in diesem Punkt also ein durchaus überschaubarer geblieben.

Doch nicht genug damit, dass überall dort, wo die Bereitschaft zu freiwilligem und kostenlosem Mittun ausgenützt werden konnte (beim Theaterspiel und der Musik vermengten sich die Begriffe gratis, umsonst und vergeblich da allerdings zusätzlich noch miteinander), zapften Gregors Auftraggeber über ihre Mittelsleute und Lobbyisten auch noch pekuniäre Quellen der öffentlichen Hand in Form von Steuergeldern gehörig an – seien dies nun Subventionen der Kommunen, des Landes, des Bundes oder sogar der Europäischen Union. Ja, es handelte sich beim Projekt „Antichristi Höllenfahrt“ tatsächlich um einen ziemlich skandalösen Super-Nepp und um einen extraordinären Beschiss!

Gut, teurer sollten da dann schon das technische Equipment und überhaupt die endgültige Realisierung kommen. (Doch durfte Geld insgesamt, wenn überhaupt, dann nur eine eher untergeordnete Rolle spielen!) Außerdem standen Verhandlungen betreffend eine entsprechende, das Budget entlastende Beteiligung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kurz vor dem Abschluss. Und auch was die werbewirksame Einbindung einer Handvoll prominenter, von Film und TV her bekannter und beliebter Akteure betraf, die sonst vorwiegend an Wiener Nobel-Theatern beschäftigt waren, gab es erfreulicherweise schon einige Zusagen. Die Damen und Herren Mimen hatten, ein Kosten- und Spesenvorteil, zudem ohnehin so ziemlich alle Zweit- oder Drittwohnungen in der schönen steirischen Weingegend.

Der Clou an der Sache, für den Gregor seine Auftraggeber schier frenetisch beklatscht hatten, war jedoch folgender: Die Zuseher sollten aufgefordert werden, gleichsam zu Mitakteuren (also zu echten Usern) zu werden, indem sie ihre möglichst umfassenden persönlichen Daten in eine Art Pott oder Talon einbrächten. Wirklich möglichst umfassend: Das sollte, rechtsgültig basierend auf Reisepass und Personalausweis, ausgestattet zudem mit Fingerabdrücken und Unterschrift, mit Führerschein, Einverständniserklärung, Kreditkarten- und Kundennummern, diversen Fotos, aber auch mit e-Card und anderen vormals angeblich privaten Datenträgern der Sozialversicherungen und der Krankenkassen et cetera, gehandhabt werden. Völlig legal – so weit es ging. Und lediglich unter einer gewissen Krümmung des Datenschutzes, nicht aber durch seine völlige Ausschaltung. (Summa summarum also eine ziemliche Schweinerei, die schon an US-amerikanische Verhältnisse denken ließ …)

Noch etwas: Die Betreiber des ganzen – zugegeben, ein wenig bizarren – Unternehmens hätten auf diese Weise die Möglichkeit, die Personal-Computer, Notebooks und Laptops der solcherart neugewonnenen Klientel des „Antichristi Höllenfahrt“-Projekts künftig dann mit noch mehr saublöden Spams, unerwünschten Werbe-E-Mails und sonstigen idiotischen Internet-Reklamen zuzumüllen (beziehungsweise ihre Daten weiterzuverscherbeln)! Und das alles bei einer Rechtssicherheit, die etwa der von Mobiltelefon-Verträgen entspräche.

Faust, Don Juan, Jedermann … Der gläserne Mensch als Marionette der Werbewirtschaft, dem man obendrein noch einreden konnte, er sei als ein aktiver Mitspieler sozusagen – part of the game!

*

Dieser halb reale, halb digitale Traum hielt jedoch leider nicht allzu lange an.

Der Hauptsponsor, ein schon betagter, global agierender Industrieller, der selbst vor Zeiten als erfolgreicher Konzerngründer auf internationaler Ebene gewirkt hatte, blies die Sache knapp vor ihrer Realisierung wieder ab. Grund: Er war – wohl schon etwas senil und realitätsfremd – nunmehr Feuer und Flamme für die Idee, in die Politik einzusteigen und eine neue Partei zu gründen. Dem stets vollmundig für Wahrheit, Sauberkeit und Fairness Eintretenden schien dieser Schachzug – sowohl in Hinblick auf die mit Sicherheit zu erwartenden staatlichen Förderungen aus Steuermitteln in erklecklicher Höhe, als auch im Sinn einer tatsächlich umfassenden Abzocke – dann immerhin doch aussichtsreicher. Zudem versprach der Polit-Coup jedenfalls mehr Erfolg als ein doch ziemlich aufwendiges Theaterunternehmen.

Gregor tat es einerseits zwar um die genial-windschiefe Unternehmung leid (zugegeben, nicht zuletzt des vielen schönen Mammons wegen!). Doch freute er sich andererseits immerhin über die erhebliche Abfindung, die man ihm zeitgleich anbot; um nicht zu sagen: das üppige Schweigegeld. Handelte es sich dabei doch um einen Betrag, der ihm – wie üblich: ohne viele umständliche Unterschriften – prompt und in Cash ausgefolgt wurde.

(Genau, der kleine schwarze Lederkoffer trat dabei wieder einmal in Aktion …)

Fortsetzung folgt!

 

Lauras überaus beängstigende Mail

Einerseits hatte Gregor die Hoffnung, von seinen Kindern überhaupt jemals noch etwas zu hören, eigentlich schon aufgegeben. Und nur noch der Ingrimm seiner Exfrau gegenüber schwelte, einem schwächlichen Lagerfeuer gleich, zaghaft dahin. Auch wenn es zur Feuersbrunst längst nie mehr reichen würde, um ein paar üble Rauchwolken zu erzeugen, glomm die halbverwelkte Glut immer noch stark genug. (Moment: halbverwelkte Glut? Ein so schiefes Bild – das sollte er sich gleich notieren! So was konnte man vielleicht für eine Werbekampagne brauchen! Halbverwelkte Glut – das war gut, wirklich gut!)

Andererseits signalisierte ihm ein zumindest noch teilweise funktionierender Sektor seines Hirns, wo mitunter – so stellte er sich das vor – sogar eine Art Reservoire verhältnismäßig klaren Verstandes vorhanden sein musste, sie würden sich doch noch melden. Ja! Laura zumindest, vielleicht jedoch auch Ingo. Und … Eva …?! (Lass doch endlich Eva!) Ach, sie würden sich melden! Vielleicht, wenn es gröbere Probleme gab oder eine mittlere Katastrophe eingetreten wäre, dann, ja, dann … Plötzlich, würde sich Eva hilfesuchend, vertrauensvoll, unterwürfig und zerknirscht an ihn wenden! Weil weder sie noch ihr hohlköpfig-hünenhafter Nordmann Jens-Ole einen Ausweg aus irgendeiner sich just manifestierenden Malaise oder sonst einer Scheißsituation wussten!

Gregor schüttelte den Kopf. (Lass doch bitte endlich Eva aus dem Spiel!) Nein.

Aber … Besonders, nach langer Zeit einmal wieder etwas von Laura zu hören, hätte ihn doch so sehr gefreut! Auch ohne Malaisen oder Scheißsituationen, klar doch! Danach, von seiner Tochter, dem hochbegabten Geigenkind, zu hören, danach lechzte er förmlich. (Auch Ingos Wohl lag ihm am Herzen, aber Ingo war nicht Laura. Wie denn auch …)

Tatsächlich, als er es schon kaum mehr zu hoffen wagte, im Spätsommer, fand sich eine Mail in seiner elektronischen Post. Eine Mail von Laura auf seinem Computer! Und da stand in Lauras typischer, sich selbst überpurzelnder Schreibe zu lesen:

Hi, Dad! Es ist hier beschissen. Jens-Ole ist ein Arsch, & Mama dem Nervenzusammenbruch nahe. Sie sagt aber nix, weint nur heimlich aus sich heraus – oder in sich hinein? Egal. Dieses Norwegen ist ein Beschiss. Auch ohne EU. Außerdem: kein Schubert weit & breit. Nur kalt, Ibsen & Nordlicht. Eddie Grieg, der ist o. k. Aber immer Grieg?! Also, hier ödet mich sogar das Geigenspiel an! Hab schon daran gedacht, auf Hardanger-Fiedel umzusatteln. Ist eine Terz höher gestimmt als unsere Geigen & hat vier stählerne Resonanz-Untersaiten. Schrumm-schrumm. Ach ja, Saiten: Der Arsch Jens-Ole wird jetzt auch andere Saiten aufziehen, hat er gesagt. Mama merkt, glaub ich, langsam, was der in Wahrheit für ein norwegischer Alm-Jodel ist! Oder halt ein Fjord-Idiot! Aber gegen die Liebe kannst nix machen, gell Dad?! Ich wär so gern bei dir. Aber das geht leider nicht. Denn zumindest der Ingo braucht mich. Der fühlt sich nämlich auch total beschissen. Wenn er ein Mädchen wär, könnt er wenigstens die Bulimie kriegen. Aber so … Ich hab dich lieb. Grüß Scherzo, den alten Gauner! Laura.

Er hätte weinen können! Gregor las die Botschaft immer wieder. Besonders die & machten ihm gefühlsmäßig zu schaffen. Hatte doch er Laura diese von Arno Schmidt – ziemlich kapriziert – angewandte Form des Bindeworts und näher gebracht … & so weiter …

Dass sich der Sexual-Hüne bald als ein Trottel erweisen würde, wunderte ihn nicht weiter. Nur hoffte Gernot, dass seine Familie wenigstens keine körperliche Gewalt von diesem Rowdy zu erwarten hätte! Nein! Nur körperlich brutal soll er nicht werden, sonst reiß ich ihm den Arsch auf! So dachte der Werbeexperte bei sich. Aber wie?!

Gregor wurde sich dessen gewahr, wie wenig er eigentlich über Norwegen wusste. Über dieses Staatsgebilde, im hohen europäischen Norden, dessen Hauptstadt Oslo hieß und das seit 1814 eine parlamentarische Monarchie war, wie ihm der aktuelle „Weltalmanach von Fischer“ (für 2013) Auskunft gab. Gut, warum sollte er, Gregor, wesentlich mehr über König Harald V. und über Regierungschef Jens Stoltenberg wissen, als ihm die spärlichen Meldungen der Medien zutrugen? Außerdem: Die kannten ihn ja auch nicht. Und fuhren allem Anschein nach gut dabei und lebten angenehm vor sich hin – ohne ihn. (Wenn nicht gerade ein Psychopath wie dieser Anders Breivik Amok lief und in Oslo sowie auf der Insel Utoya ein grässliches Blutbad unter Unschuldigen anrichtete, wie im Sommer 2011 …)

Gregor hatte ein paar Stücke von Henrik Ibsen gesehen und gelesen, kannte die Musik von Edvard Grieg (oberflächlich), war beeindruckt von Edvard Munchs expressionistischer Bildsprache und fasziniert von den Karikaturen des norwegischen Wahl-Müncheners Olaf Gulbransson, die er von alten Ausgaben des „Simplicissimus“ her kannte. Er lehnte Knut Hamsun, den Träger des Nobelpreises für Literatur von 1920, nach kurzer Leseprobe („Hunger“) und vor allem wegen dessen ihm unverständlicher Bejubelung des Einmarschs von Adolf Hitlers Truppen in Norwegen anno 1941 entschieden ab. Und dass ihm durch Einwirken dieses blöden Jens-Ole zu allem Überfluss seine Frau Eva – lass jetzt doch endlich einmal Eva, verdammt! -, dass sie ihm also abhanden gekommen war, hatte Gregors Norwegen-Aversion einen abschließenden Glanzpunkt aufgesetzt! Da interessierte ihn dann auch die ziemlich bizarre Sprachverwirrung nicht mehr weiter, die im idiomatischen Dschungel von Bokmal (früher: Riksmal) und Nynorsk (Landsmal) zu herrschen schien …

Immerhin hatte Lauras E-Mail zur Folge, dass er mit ein bisschen Hoffnung daran denken konnte, sein geliebtes Geigenkind werde vielleicht doch noch einmal das Gästezimmer (mit Hohlraum, aber ohne Poe) bewohnen? Zumindest für kurze Zeit …

Gregor setzte sich vor den Bildschirm seines PC und schrieb Laura eine lange Mail zurück.

Dann arbeitete er an anderen wichtigen Konzepten weiter. Musste sich ablenken, um nicht in dumpfe Depressionen zu verfallen.

Er trank in dieser Nacht beinahe eine ganze Flasche Rémy Martin aus, verpaffte mehr als eine Blechschachtel von seinen Lieblings-Zigarillos der Marke Dannemann (Brazil) und zog sich dazu ein paar CDs von Norwegens Jazz-Musiker der Superklasse, dem Saxophonisten, Flötisten und Komponisten Jan Garbarek rein (wie Laura es wohl ausgedrückt hätte). Und als Scherzo ein paar Mal Nachschau hielt, was denn sein Herr in dieser langen Nacht so Wichtiges zu tun haben konnte, dass er gar nicht ans Schlafen zu denken schien, registrierte Gregor die Kurzbesuche seines vierbeinigen Freundes auf den leisen Pfoten kaum.

Erst gegen fünf Uhr, als draußen längst Vogelgezwitscher eingesetzt hatte, das die allgemeinen Streitigkeiten ums (ohnedies reichlich vorhandene) Futter begleitete, und als die Sonne schon mit einiger Überzeugungskraft einen schönen und warmen, ja: heißen Tag ankündigte, begab er sich in sein Schlafzimmer. Nicht, ohne zuvor einen Blick in die Kemenate daneben, ja, in die mit dem verborgenen Hohlraum, geworfen zu haben.

Dann ging er in die Küche, öffnet eine Dose mit Hundefutter für Scherzo und schaufelte das durchaus angenehm riechende Fleischzeug mit den appetitanregenden und zur Sucht animierenden Geschmacksverstärkern in die weiße Porzellanschüssel mit goldenem Rand, die er zuvor sorgfältig in der Spüle ausgewaschen hatte. Scherzo hatte sich von einem seiner Plätze (im Vorraum) erhoben und umwedelte nun dankbar Gernots Beine, bevor er seine umfängliche Nase in das zu erwartende Köstlichkeiten-Pasticcio steckte.

Dann verschwand Gregor im Bad.

Fortsetzung folgt!

 

Die finale Redoute

Der große Tag rückte langsam immer näher: die Redoute zu Ehren des letzten öffentlichen Auftritts des Säling-Quartetts. Einmal noch (und wieder) sollte das Haus in altem Glanz erstrahlen. (Wie final dieses Festivität tatsächlich werden sollte, konnte kaum jemand ahnen. Nur die Attentäter. Die freilich ahnten nicht – die wussten …)

Das ganze Viertel lag in fiebriger Erwartung. Denn Eduard A. Säling und seine klassische Formation galten natürlich in der gesamten Nachbarschaft als prominent! Zudem hatte man auch die Bewohner der umliegenden Straßenzüge und sogar die Leute vom eher neuen Leipziger Ring, der an die Siedlung angrenzte, eingeladen. Das Fest selbst sollte die Räumlichkeiten des ganzen Hauses, soweit sie ohne Schwierigkeiten zugänglich zu machen waren, daneben die einladend-ausladenden Stiegenaufgänge und natürlich den weiten Park mit einschließen. Dort, wo es möglich war, sogar die Zimmer in Blochs Bereich.

Zu Ehren des Säling-Quartetts, das für die musikalische Umrahmung verantwortlich zeichnete, hatte sich das Fest-Komitee für eine Masken-Redoute entschieden, wobei der Phantasie der Besucher keinerlei Grenzen gesetzt sein sollten – außer die des guten Geschmacks, natürlich. Ob venezianisch, altwienerisch oder rustikal.

Eröffnen würde Eduard August Säling mit seinen Herren (beziehungsweise in erweiterter Besetzung) mit Carl Michael Ziehrers berühmter „Fächer-Polonaise“. Dann würde das Quartett Beethoven geben – einige Sätze aus einem der späten Streichquartette -, sodann würde es mit den Sträußen (Vater und Sohn sowie Josef und Eduard), Josef Lanner und den Brüdern Schrammel weitergehen. Später war immerhin an Pop, Jazz und diverse Cross-Overs gedacht. Sogar ein stilistisch gewandter Disc Jockey war vorgesehen …

Gegen 20 Uhr trudelten die ersten Gäste ein.

Die Damen, wenn sie nicht maskiert waren, in langer Ballrobe mit Halbmasken, die Herren in Frack oder Smoking, meist allerdings originell vermummt. Da gewahrte man alsbald ein buntes Bild: So erschienen die Lesben Lisa und Alex kurioserweise als Mätressen Ludwigs des XIV. (als Françoise de Montespan beziehungsweise Françoise de Maintenon), und Adele Erbsschöller-Churland, von der zumindest Gregor angenommen hatte, sie würde – womöglich gar (verdoppelt?) als ihre beiden Pudeldamen angetan – hereinschweben, trat, gehüllt in ein Märchen aus Tüll, Seide und Spitzen, lediglich als König Ludwigs XV. Geliebte, die gleich geist- wie einflussreiche Madame Pompadour auf, quasi auf dem Zenit ihrer Macht. (Was auch so schon für genug Verwirrung sorgte!)

Die linken (oder rechten? Wer weiß …) Radikalen – Charly, Bruno, Ronnie und Pürzl – aus dem Parterre, die also die geographisch linke Abteilung bildeten, enterten, gefinkelter Weise als terroristisch wirkende Islamisten verkleidet, das Fest. Ihre orientalischen Mitbewohner von der rechten Seite, seltsam und erstaunlich genug, als alte Nazis angetan. Freilich nicht minder furchterregend. Der pensionierte Hausmeister und aktive Säufer Emil Fuscher wiederum hatte sich in einen ziemlich ordentlichen und weitgehend dezenten Steireranzug geworfen, mit rosa Krawatte, grüner Weste, älplerischem Hut (darauf ein wippender Gamsbart) auf dem Kopf und Fahne.

Einen besonders gelungenen Auftritt lieferte der todkranke Anselm Bloch mit seiner Pflege-Entourage: Versehen mit allerlei Schläuchen und Kabeln, einem außerirdischen Wesen nicht unähnlich, ließ er sich, angeschlossen an seine – echten und funktionierenden -, Sauerstoff-spendenden Geräte und verbunden mit verschiedenen anderen Apparaturen der Intensivmedizin, im umfänglichen Krankenbett durch das Spalier der Gaffer vom Nebengebäude zum Haupthaus schieben, woraufhin ihn ein eigens angemieteter Hebekran über die Freitreppe und die Terrasse in den festlich illuminierten Saal im ersten Stock hievte. Der für sich gesehen schon kleine, aber feine Bloch-Zug, den der Zigeuner István (mit gezwirbeltem Schnurrbart und feurigen Augen!) anführte, hätte, wäre an eine Prämierung der Masken gedacht gewesen, ohne Zweifel spielend einen der vordersten Plätze ergattert! Immerhin hatten sich auch die Damen des Bloch-Gefolges ordentlich herausgeputzt.

Der junge Magister Edelsbrunner, der immerhin die Hausverwaltung vertrat, kam als Clemens Lothar Wenzel Fürst von Metternich; was auch irgendwie erstaunlich war. (Die Hintergründe blieben indes im Dunkeln, da niemand als Sigmund Freud Maskierter anwesend war, den man vielleicht hätte danach fragen können.)

Doch auch die weniger bekannten Nachbarinnen und Nachbarn erschienen zum Teil durchaus originell maskiert. Und sogar die Herrschaften vom Leipziger Ring waren gleichsam über sich und ihr Niveau hinausgewachsen und hatten sich einiges einfallen lassen. Insgesamt war man sogar dezent – sieht man von einem geschmacksverwirrten Einfallspinsel einmal ab, der sich als Edgar Allan Poes roter Tod verkleidet hatte. Und das machte sich bekanntlich schon in der großartigen Schauergeschichte des Meisters des literarischen Grauens, eben in der „Maske des roten Todes“ (1842), nicht allzu gut …

Kurz: Haus und Nachbarschaft bewiesen Ideenreichtum und Originalität, und auch Gregor hatte gut gewählt; ja, er schoss in gewisser Weise den Vogel ab, indem er als Eduard August Säling geschminkt und maskiert auftrat – was sogar den souveränen Violinvirtuosen und erprobten Musiker kurz irritierte! (Das hätte sogar Eva gefallen! – Aber lass‘ endlich Eva!)

Champagner und Sekt flossen bald in Strömen, Wein und Mineralwasser nicht minder. Es gab jedoch auch Bier und sogar Hochprozentiges; dazu Säfte und diverses Salzgebäck sowie Blätterteig- beziehungsweise Plunderteig-Köstlichkeiten und ein Sortiment von verführerischen Törtchen; auch feine Frankfurter Würstel (von Sacher, mit Senf und Kren) sowie entsprechend aufgemotzte Gulaschsuppen; außerdem jede Menge an Kaviar-Brötchen, feinen Aufstrichen und Jour-Gebäck; zudem zwei, drei pralle Hummer-Terrinen, einfallsreich gefüllte italienische Teigwaren und Salzbäckereien; auch Austern, Aal-Pastetchen und Lachsröllchen et cetera. Sogar Emil Fuscher fand zu seinem geliebten Fusel …

So schritt man denn zur Polonaise. Dann rief der fesche Edi Säling aufgekratzt: „Alles Walzer!“ Und etwas später schließlich hob das Quartett an, Beethoven (Streichquartett in B-Dur, op. 130, Adagio ma non troppo/Allegro) zu spielen.

Doch dann –

Der russische Romantiker Wladimir Odojewski (1803 – 1869), übrigens ein

Bewunderer E. T. A. Hoffmanns, merkt in seiner Erzählung „Beethovens letztes

Quartett“ u. a. als fiktive Äußerung des tauben und auf den Tod kranken alten Komponisten an: „Meinst du, dass alle diese Herrschaften, die meine Musik

spielen, mich verstehen? Keine Spur! Kein einziger der Herren Kapellmeister

hier versteht sie auch nur zu dirigieren; wenn ihnen das Orchester nur richtig

im Takt spielt, aber was schert sie meine Musik! Sie denken, ich hätte

nachgelassen: ich habe sogar bemerkt, wie einige von ihnen offensichtlich

lächelten, als sie mein Quartett spielten – ein sicheres Zeichen,

dass sie mich nie verstanden haben; nein im Gegenteil, erst jetzt

bin ich ein wahrhaft großer Musiker geworden.“

Zitiert aus: Rudolf Marx (Hg.), Russische Meister-

Erzählungen. Von Puschkin bis Gorki. Köln 2012. S. 68.)

Nun ja, wie auch immer … Dankeswert erscheint es uns, den Lesern,

immerhin, dass unser Erzähler uns die Details des grausigen Terroranschlags

erspart, der die finale Redoute so abrupt beendet. Dass Gregor uns also die

unappetitlichen Einzelheiten vorenthält; und das in ihrer ganzen optischen,

akustischen, auch olfaktorischen, kulinarischen und haptischen Ungeheuerlichkeit,

wie wir sie aus den Fernsehnachrichten et cetera ohnedies gewohnt sind.

Dennoch wollen wir, dass da noch etwas nachgesetzt werde, nämlich die folgende

 

Coda:

Da mit großer Wahrscheinlichkeit so ziemlich alle tot oder schwer verletzt und somit nicht greifbar sind, also …, da sie jedenfalls, wie es aussieht, auf jeden Fall für die nächste Zeit ausfallen, darf nunmehr ich, Scherzo, mich (zumindest in Vertretung meines Herrn Gregor) zu Wort melden.

Die Wucht der Explosionen musste gigantisch gewesen sein, und der gewaltige Brand in Folge der heimtückischen Bombenanschläge erwies sich zudem als schwer zu löschen. Was da anlässlich der Redoute passiert war, die den Rahmen für den letzten Auftritt des Säling-Quartetts abgeben hätte sollen (es war nun tatsächlich unwiderruflich der letzte!), hatte das Gründerzeitgebäude und das gesamte Areal auf das Ärgste in Mitleidenschaft gezogen. Das Haus glich auch nunmehr noch, obwohl schon einige Zeit verstrichen sein musste, einer rauchenden Ruine, der Park einer staubigen Kraterlandschaft. Das ganze Areal, so glaube ich mich erinnern zu können (bevor mich die Sinne verließen), ähnelte zwischendurch einem Ausschnitt aus einer albtraumhaft gezeichneten Hölle oder einem Film-Inferno in 3 D.

Und doch: Trotz aller angezeigten Trauer um meinen Herrn bin ich irgendwie guter Dinge, während ich auf dem schwarz-weiß-gewürfelten Steinfußboden im Vorraum des ehemaligen Gesindehauses in der letzten Spätsommersonne daliege und etwas mitgenommen, schwach und müde durch die einen Spalt weit geöffnete Tür schaue.

Früher hätte mich das strenge Schachbrettmuster des Bodens vielleicht irritiert. Doch jetzt, da ich merke, wie sich meiner allmählich eine gewisse Feinstofflichkeit bemächtigt, zudem eine erstaunliche Ruhe und universelle Geborgenheit, fühle ich mich frei von allen Ängsten.

Es gibt einen leichten Wind. Ich merke sein leises Wehen, weil von der nur bruchstückhaft erhaltenen Fassade des Hauptgebäudes einige der hohen Fenster mit ihrem teilweise zerborstenen Glas in den weitgehend leeren Rahmen leise in ihren Angeln schwingen. Das großzügige Balkongeländer ist stellenweise durchbrochen und sieht bizarr und funktionslos aus. Auch das protzige Hauptportal ist zerbrochen; und durchschritte er es, gelangte ein potenzieller Eindringling lediglich zu einer riesigen Schutthalde. Die ehedem so prunkvoll-schön und elegant geschwungene Treppe, halb zumindest wenn nicht zur Gänze zerstört (in jedem Fall: niemals wieder herstellbar), führte ihn zudem ins Leere der oberen Stockwerke. Dorthin, wo es so gut wie gar nichts mehr gibt an Räumlichkeiten – und somit auch nichts an früherem Glanz und wohnlichem Ausdruck von Geschmack und Stil. (Oder seinem Gegenteil.) Lediglich ein paar Sparren weisen, beinahe drohend (vielleicht auch erfüllt von ein wenig Restaggression?!), in den blauen Himmel hinein. Dann noch Relikte des Dachstuhls und der Mansarden, die über das weggerissene zweite Stockwerk auf das erste und von dort, der Druckwelle des nächsten Einsturzes folgend, ins Bodenlose gefallen waren: Sie türmen sich nunmehr ebenfalls auf dem staubbedeckten und mit Unrat angefüllten Boden als riesige, traurige Erhebungen. Ziegel, Schutt, architektonischer Zierrat – alles abgebrochen oder zerbröckelt, hinweggefegt oder langsam, da auf die Wucht der ersten Explosion eine etwas schwächere zweite gefolgt war, zur Seite geschoben und willkürlich zu Haufen formiert.

Ein alter Kamin ragt, einem bizarr mahnenden Zeigefinger ähnlich und eher jämmerlich als imposant, vom Boden bis zum Dachfirst, der seinerseits auch nicht mehr existiert und nur erahnt werden kann. Die resistent rauchenden Haufen von Steinen und Ziegeln sowie ein paar unbesiegbare Glutnester, die immer noch entschlossen in den Schutthalden weiterglosen, zeugen von der gewaltigen Zerstörung, die hier vor einigen Stunden (oder schon Tagen?) vor sich gegangen ist.

Reste von Möbeln und Inventar liegen herum und durchbrechen stellenweise das skurril anmutende (oder besser: traurige?) Inferno. Zerfetzte Stoffe und an weidwunde Tiere erinnernde Teile der früheren Innenausstattung aus Seide, Damast oder Leinwand liegen umher, wobei sich jetzt kaum mehr erahnen lässt, welche Funktion (und schon gar nicht mehr, welche Ästhetik) ihnen früher einmal zugekommen sein mag …

Und dann, etwa zehn Meter von den Stufen zum ehemaligen Portal entfernt, wo früher die fast schon geschmacklos überdimensionierte, die protzig-prunkvolle Diele gewesen war (über die sich so elegant die imposante Doppel-Treppe geschwungen hatte), klaffen zwei ineinander übergehende Bombentrichter auf, die in ihrer Größe an solche auf Bildern vom Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Der Eindringling, wenn es denn einen geben sollte, würde vielleicht angesichts der so elementar sicht- wie spürbaren Zerstörung das Ausmaß des Attentats erahnen können, das sich hier vor gar nicht so langer Zeit ereignet hat.


Der Einsatz der Rettungsmannschaften, der Feuerwehren und freiwilligen Helfer musste in der Tat vorbildlich gewesen sein. Ich bekam nichts davon mit, da mich freundlicherweise nach dem ersten gewaltigen Knall allem Anschein nach meine Sinne verließen. Auch wie ich schließlich hierher, in Blochs Domizil also, gelangt sein könnte, ist mir nicht klar.

Doch spielt das alles jetzt keine Rolle mehr.

Ich spüre keine Schmerzen und warte ohne alle Eile auf die Umstellungen, die mir nun bevorstehen dürften. Auf die endgültigen Matamorphosen und Verwandlungen.

Ah, jetzt setzt leise ein Satz aus einem der ganz späten Streichquartette Ludwig van Beethovens ein, dass Eduard August Säling und seine Kollegen bei der Redoute zuletzt begonnen hatten, bevor –

Dabei (vielleicht phantasiere ich auch bloß leicht vor mich hin?) ist mir längst nicht mehr klar, ob ich nun tatsächlich der Mischlingsrüde Scherzo (Dogge & Retriever) bin oder nicht doch eher mein Herr, also der Werbe- und Phobienfachmann sowie Ex-Biolandwirt Gregor?

Oder bin ich am Ende der alte Bloch (für den sich, das glaube ich zumindest jetzt zu ahnen, auch Gregor selbst – immerhin mitunter – gehalten hat)?

Vielleicht bin ich aber auch der pensionierte und ständig betrunkene Hausmeister Emil Fluscher? Oder –

Jetzt hebt erneut ein leichter Windhauch zu wehen an, glaube ich. Außerdem wird es merkbar kühler. Ja, eindeutig kühler.

E N D E

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