Über das

G r a u e n

Drei seltsame Geschichten von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2006 ff.

(ENDFASSUNG: 2013)

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

wenn es wimmelt vom Heiderauche …

o schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor

*

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie

Und grün des Lebens goldner Baum.

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I

*

Das Ungeheuer war etwa 100 Fuß lang

und lächelte an beiden Enden.

Nikolaus Heidelbach, Ungeheuer/Moment!

*

Grauenvoll!

Grauenvoll. Einfach grauenvoll.

Und doch auch wieder nicht. Denn, wenn man es recht betrachtet, ist kaum etwas auf Dauer so grauenvoll, wie es zunächst vielleicht den Anschein hatte. Das nächtliche Grauen, das im Dunkeln wirkt, verfliegt meist mit den Morgenstrahlen der Sonne. Der Tag spült die düstere Suppe des Grauens hinweg. (Bis auf Reste dieser obskuren Bouillon, die abends, wenn’s dann dunkelt, wieder aufgewärmt werden kann …)

Nein, kaum etwas ist auf Dauer grauenvoll. Und außerdem könnte man annehmen, auch das Grauen sei im weitesten Sinn – relativ.

Gut, das Grauen kann einen unvermittelt erfassen – wie den hochmütigen König Belsazar einst zu Babylon, den machtgierigen Sohn des ähnlich gelagerten großen Nebukadnezar, nachdem er Gott gelästert hatte und sich sofort die gleich bedrohlichen wie zunächst undeutbaren Zeichen an der Wand bildeten: Mene mene tekel upharsin … gezählt, gewogen, geteilt (und für zu leicht befunden) … Ein scheußliches Mirakel, aus dem den bevorstehenden Untergang des Reiches herauszulesen indes dem eiligst herbeigerufenen Oberweisen, dem Propheten Daniel, keine gröberen Schwierigkeiten bereitete (Buch Daniel, 5,1 – 30). Und wie schon Heinrich Heine es nachempfunden haben musste; warum sonst hätte er wohl ein hübsch-düsteres Gedicht darüber abgesondert?! Da trug der machtgeile Kaldäer nun zwar „viel gülden Gerät auf dem Haupt“. Doch das half ihm rein gar nichts; „das war“ nämlich (und nicht nur des Reimes wegen) „aus dem Tempel Jehovas geraubt“. In Wahrheit hatte er also nicht mehr und nicht weniger als den berühmten Scherben auf!

Dem balladesken Frevel folgt die Strafe auf dem Fuß: „Belsazar ward aber in selbiger Nacht / von seinen Knechten umgebracht“.

Jaja, so geht’s eben, wenn eins zu sehr zum Golde drängt … (Richtig, Faust I, Goethe.)

Doch auch langsam kann es kommen, das Grauen, gleichsam in zögerlichen Schritten, mit schwankendem Gang; wie ein betrunkener Matrose. So merkt zum Beispiel der Reiter über den Bodensee erst nach Überquerung des zur Eisfläche gefrorenen Gewässers, in welcher Gefahr er sich in Wahrheit die längste Zeit schon befunden habe; und es graut ihm. „Da seufzt er, da sinkt er vom Ross herab, / da ward ihm am Ufer ein trocken Grab“, schließt Gustav Schwab – ebenfalls trocken – sein dramatisches Poem (Der Reiter und der Bodensee).

Freilich, auch Margarete graut es (siehe oben!); und zwar nicht nur vorm Gold, sondern auch vor ihrem Heinrich. Obwohl sie ihn da eigentlich schon ganz gut kennen sollte …

Dorian Gray graut es vor dem Bildnis, das sich, entsprechend dem von ihm gepflegten Lot­terlebenswandel und dem literarischen Willen Oscar Wildes gehorchend, zuletzt an seiner Statt und überaus frappant auf das Schrecklichste verändert hat – hin zum wenig attraktiven, dafür immerhin zum dokumentarischen Abbild seiner gräulichen Untaten nämlich.

Nur dem Dummen graut ganz allgemein nicht vor seiner schier grenzenlosen Dummheit.

Ist der Dumme nun zu beneiden?

Nicht immer; wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte.

Geradezu selten geschieht dies, wenn gar kein Dritter anwesend ist. Ja, würde sich ein nicht­anwesender Dritter freuen, könnte dies für die anderen möglicherweise einen Grund zum Grauen ergeben.

Freilich, auch dem Dritten könnte grauen, wenn sich die zwei anderen partout nicht streiten. Immerhin ermangelte ihm, grauenvoller Weise, derart der Grund zur Freude.

Es graute dem Morgen, heißt es irgendwo in literarischem Zusammenhang. Gemeint ist: So­gar der Morgen gerät in Panik angesichts einer Person, eines Zustands, eines Orts oder einer Gegebenheit. Oder seinerselbst.

Doch da der Morgen sich nicht abwenden kann wie der Gast des Polykrates bei Friedrich Schiller, muss er notgedrungen im Zentrum des Grauens verharren. Wie das blöde blickende Aug des Zyklons. Und das verdirbt ihm den ganzen Tag.

Alles Warten, so sagt man, hat ein Ende. Aber das Grauen …?

Und das ist erst der Anfang.

Grauenvoll. Einfach grauenvoll.

*

Gregor Zipfelmann, der nun schon seit über zwanzig Jahren mit seiner meist unglücklich aussehenden Frau Soraya in der Erich Hartberger vis à vis gelegenen Wohnung hauste, hatte dem Nachbarn gegenüber vor einigen Tagen angedeutet, ihm erscheine das Leben (als solches und seines besonders) nun auch eindeutig als immerfort schwieriger. Er läge, so Zipfelmann, da vermutlich im Trend; doch diese Einsicht helfe ihm auch nicht weiter, nicht einmal bedingt. Und übrigens auch seiner Frau Soraya nicht.

Als Hartberger sich gerade anschickte, so freundlich, wie es ihm bei seinem eher nüchternen Naturell nur möglich schien, nachzufragen, woraus sich denn nun Zipfelmanns Pessimismus überhaupt nähre, hatte den schwermütigen Nachbarn auch schon eben diese, seine Frau Soraya, ins Innere der Dreizimmerwohnung der Zipfelmanns zurück gezerrt. Und dann hörte Nachbar Hartberger laute Worte und Widerworte; und er war sich alsbald dessen sicher, dass ein veritabler Streit hier, in den zipfelmännischen vier Wänden, toben musste.

Hartberger wollte schon, immerhin kopfschüttelnd (Trend hin oder her), zu seinen eigenen mehr oder minder ebenfalls trübsinnigen oder zumindest nicht sonderlich aufbauenden Alltags-Verrichtungen übergehen, als zu allem Überfluss und ziemlich ungeniert in der Wohnung der Zipfelmanns auch noch ein Schuss krachte, auf den ein dumpfer Fall folgte.

Donnerwetter, dachte der Nachbar. Da hat’s aber geknallt!

Da riss auch schon Soraya Zipfelmann die – unversperrt gebliebene – Wohnungstür auf, fuchtelte mit einem alten 38er-Revolver und schrie: „Er ist tot! Tot! Ich habe ihn erschossen! Mein geliebter Mann ist tot!“ Dann richtete sie die Waffe gegen sich selbst (um sich durch den Mund zu schießen), doch ein metallisches Klicken signalisierte den Nichterfolg ihres Vorhabens. Ladehemmung.

Während sie den Trommelrevolver (Smith & Wesson) endgültig sinken ließ, beeilte sich der Nachbar, sogleich wieder auf den Gang geeilt, die völlig echauffierte Mörderin zu trösten: „Kommen Sie doch herein! Ich mache uns Tee …“

Dankbar trottete Soraya hinter Hartberger in dessen halbgeputzte Wohnung.

„Danke“, flüsterte die Ermattete. „Ich habe ihn -“

„Ja, ich weiß!“, sagte der hilfsbereite Wohnungsnachbar, indem er Soraya Zipfelmann die Waffe endlich aus der zittrigen Rechten nahm. „Kommen Sie!“

Dann schloss sich die Tür der Hartberger-Wohnung hinter den beiden Mietern.

In der Zipfelmann-Wohnung blutete inzwischen der tote Zipfelmann immer noch kräftig vor sich hin. Doch die von Hartberger alarmierte Polizei und auch die Rettung trafen alsbald auch schon im Stiegenhaus ein, um alles Weitere auf professionelle Art und Weise zu erledigen.

Beim folgenden Verhör, das der Einfachheit halber gleich in der Hartberger-Wohnung vor sich ging, gab Soraya Zipfelmann unumwunden zu, ihren Mann Gregor erschossen zu haben. Er habe ihre Nerven schon Jahre lang strapaziert. Nein, er sei nie grob oder gar handgreiflich gewesen; allein sein schier grenzenloser Pessimismus habe sie enerviert, wo sie doch selbst nicht die Glücklichste gewesen sei …, nicht wahr?! Und einmal sei es eben genug gewesen …

Dann dankte sie dem Nachbarn Erich Hartberger für den Pfefferminztee, der sie sehr erfrischt habe, und ließ sich widerstandslos abführen. (Die Polizisten verzichteten bei ihrer Amtshandlung sogar auf die obligatorischen Handschellen. So viel Einsicht musste schließlich belohnt werden.) Der aufmerksame Nachbar möge sich anderntags bitte im Polizeipräsidium melden. (Erich Hartberger nickte eifrig.)

Das sei es fürs Erste. Auf Wiedersehen.

Später sah Hartberger dann düster-sinnierend aus dem Fenster auf die Straße hinunter, wo Soraya Zipfelmann eben ins Polizeiauto stieg. Noch etwas später zogen dann auch die Spurensicherer, die rotblonde Rechtsmedizinerin und der junge Forensiker sowie die übrigen Beamten ab. Dann trugen die Bestatter den Metallsarg mit dem toten Zipfelmann zu ihrem schwarzen Lieferwagen mit der mattgläsernen Heckscheibe, in die zwei sich kreuzende Palmwedel eingraviert waren, und fuhren ebenfalls weg.

„Grauenvoll!“, entfuhr es der alten Neunteufl, der Putzfrau, die gewöhnlich einmal vier­zehntägig bei Zipfelmanns zum Zweck der Wohnungssäuberung zu Gange war, ob der blutigen Bescherung, von der sie freilich nur mehr den starren Rest gesehen hatte. Und sie sei, sagte sie, und wer würde daran zweifeln?, schon einiges an Schweinereien gewohnt und habe manches aushalten müssen in ihrem langen Putzfrauendasein. (Immerhin war einer ihrer Klienten, der pensionierte Mathematikprofessor und Darstellende Geometer Hans Jakob Feleisen, der jahrelang in der nahegelegenen Panigelgasse logiert hatte, auf die grauslichste Weise ermordet, just von ihr aufgefunden worden – vor kaum mehr als einem halben Jahr …)

„Grauenvoll!“, entfuhr es der alten Neunteufl.

Zu wem sie das sagte? Im Grund zu sich selbst. – Oder war da noch wer …?!

 

Zur Hälfte nur

Man stelle sich das einmal vor! Ein Mensch – zwei Teile! Ein Teil quasi vor und einer hinter der Tür! Ungewöhnlich, oder?! Und, sieht man von Italo Calvinos Roman Der geteilte Visconte (1952) oder vom geteilten Besen in Johann Wolfgang von Goethes Ballade Der Zauberlehrling (erster Druck: 1798) einmal ab, auch literarisch kein allzu häufiges Motiv.

Man wusste nicht viel von ihm, dem als ruhig beschriebenen etwa 75-jährigen Pensionisten mit dem weißen Haarschopf und der Nickelbrille. Hans Rutschinger. Außer vielleicht, dass er ein leidenschaftlicher Leserbriefschreiber war, einer, der nicht nur die Redaktionsstuben diverser Blätter, Zeitungen, Zeitschriften, Magazine (großer, kleiner, renommierter wie unbekannter) mit seinen Briefen, persönlichen Vorsprachen – die waren besonders gefürchtet! -, mit Anrufen, Faxen und seit einigen Jahren nun auch mittels E-Mail aufs Gröbste belästigte, ja, deren Betrieb mitunter sogar weitestgehend lahmlegte. Zudem einer, der darüber hinaus mit anderen Leserbriefschreiberinnen und -schreibern sogar über die Presse in Kontakt trat; der seine pingeligen Privatfehden, bei denen es sich zumeist außerdem um irgendwelchen inferioren Pipifax drehte, dergestalt – und seit einiger Zeit sogar per Facebook und ähnlichen angeblich sozialen Netzwerken absolvierte; ein Querulant eben, der sich als Retter meist irgendwelcher halbgarer Ambitionen (und ihrer Vertreter), als Mischung aus Robin Hood und Don Quixote mit seinen idiotischen Afterideen aufspielte und insgesamt den Luftraum zwischen den Menschen verpesten half, so sie Leser (User oder Blogger) waren. Ein Querulant, wie gesagt, der übelsten Sorte, halbgebildet, verstockt, besserwisserisch und prinzipiell uneinsichtig sowie keinem Argument zugänglich; zumindest keinem, das ihm via Printmedien und Internet zugänglich war. (Und auch sonst nicht; warum auch?!)

Seine Korrespondenz füllte durch die Jahrzehnte dieses seines schaurigen und grauenvollen Tuns schon ganze Ordner, die sich an den Wänden seines niedrigen Wohnzimmers hinzogen (wie eine graue Einheitsbibliothek mit weißen, korrekt und in blauer Tintenschrift beschriebe­nen Rückenschildern) und augenscheinlich von seiner Obsession zeugten, die ihn – man darf es wohl annehmen – längst in krankhafter Weise im Griff hatte. Und die ihm für nichts ande­res mehr Raum, Zeit, Luft und Lust ließ. Weder für innige Freundschaften oder zeitintensive Hobbys, noch für nennenswerte Liebesverhältnisse oder gar positives Wirken etwa für die und in der Gemeinschaft. Und sieht man von der etwas überstürzten Ehelichung seiner durchaus bemitleidenswerten späteren Frau Anna, deren er in erster Linie als Köchin und für den alltäg­lichen Putz bedurfte, einmal ab: Zur maßvoll durchdachten Gründung einer tatsächlich funk­tionierenden eigenen Familie hätte es Rutschinger ohnedies an Zeit gemangelt.

(Ja, um über den Verfall dieser ach so wichtigen Institution zu schreiben, dazu mochte ihn so­gar das Selbst-Erlebte inspiriert haben … Freilich, ganz allgemein machte sich der bedauerns­werte Narr, wie nicht anders zu erwarten, wiederum zum Anwalt eben der Familie als der Ur­zelle der Gesellschaft; wie er, im Handumdrehen, sogleich zu deren erbittertstem Feind mutie­ren konnte, zum Infragesteller aller Werte und bitterbösen Freigeist, der sich, wenn es sein sollte, sogar angeblich so besonders hehre moralische und sonstige Werte über Bord zu wer­fen jederzeit bereit erklärte …)

Ja, für einen feinen Leserbrief war er bereit, so ziemlich alles zu tun.

Man kann sagen, die Lust am Leserbrief hatte längst schon die Lust an seiner Ehefrau bei wei­tem überstiegen. Und nach dem Tod Annas schien sein Inneres ausschließlich von dieser sei­ner Liebe zur und an der (zugegeben: weitgehend sinnfreien) Mitteilungsform erfüllt.

Hans Rutschinger, gewesener Oberamtsrat bei der Post, war der personifizierte Aufschrei des kleines Mannes, dem wieder einmal übel mitgespielt worden war von Politik, von Ämtern und Behörden oder von missliebigen Nachbarn. Und er war lebendiges Beispiel des vulgus mobile, wankelmütig und wehleidig nach allen Seiten hin. Immer missverstanden. Ein larmoyanter Knülch, aufwieglerisch, aber feig, wenn es ans Einstecken der Watschen ging, zu denen sich durch ihn erboste andere Aufwiegler berechtigt oder herausgefordert fühlten.

Er fühlte sich stets ihm Recht, denn vox populi hatte einfach vox dei zu sein! Punkt. Um.

Rutschinger empfand sich selber sogar in gewisser Weise tatsächlich als einen Robin Hood für andere, denen es womöglich an Courage (oder an Zeit) zum Widerspruch fehlte. Und als Don Quixote, auch ohne Windmühlen … Einer, der die Feder hielt all denen, die des Schreibens noch weniger fähig waren als er selbst.

Ja, er war Wutbürger, als es diesen hübschen Begriff längst noch nicht gab, und hätte womög­lich sogar die Occupy Wallstreet!-Bewegung (zumindest mit-) begründet, wenn es ihm an Kenntnis der englischen Sprache nicht elementar gemangelt hätte.

Rutschinger, wie alle nicht-wissenden Besserwisser, war jedenfalls leicht zu erregen.

Diese Grundhaltung teilte er mit Werner Fischbach, Marcel Kolvenbach, Christa Hägermann, Stefan Schuster, Stefan Martin, Marianne Steiner, Rob Origer, Thomas Schöpel, A. Goletz-de Ruffray, Annegret Willens, Dr. Dietmar Heying, Friederike Höhndorf, Thomas Wartusch, Günther Riemer, Carlo Vernimb, Dr. R. Lambin (alle allein in der Rubrik Leserbriefe in: Die Zeit, Nr.19 vom 2. Mai 2013) und vielen anderen. Und auch mit Axel Preinsteiger aus Ober­schützen. Der indes meist als sein Opponent fungierte, ging es um Prinzipielles.

Im Vertrauen: Dieser Preinsteiger, Axel Preinsteiger, war ein antidemokratischer Haufen Dreck und ein Idiot dazu! Doch das getraute sich ihm nicht einmal der streitbare Hans Rut­schinger so direkt hineinzuschreiben; immerhin waren sie so etwas wie Zunftgenossen … Al­lerdings machte sich Halbidiot Rutschinger oft ein Vergnügen daraus, Leserbriefe des noch blöderen Konkurrenten aus dem Burgenland in der Mitte der Länge nach durchzuschneiden und Zeilen-verschoben wieder zusammenzukleben. Und siehe da: Nach dieser Bastel-Prozedur verfügten die Ergüsse Preinsteigers über noch weniger Logik, als es zuvor der Fall gewesen war … Doch Rutschinger lebte bei dieser Art von Voodoo irgendwie auf!

Es war eigentlich gar nicht vorgesehen, dieses jähe Treffen der beiden penetranten Leserbrief­schreiber, von denen jeder für sich der Schrecken vieler Redaktionen und Netzwerke war. Doch Preinsteiger, aus dem burgenländischen Oberschützen just in Rutschingers Heimatstadt auf Verwandtenbesuch, hatte offensichtlich nichts Dümmeres zu tun, als ausgerechnet in des Widerparts Stammlokal, das Gasthaus „Zum Füllhorn“, auf ein großes Gulasch und ein Glas Bier einzukehren. Und – die Wege des Schicksals, ach ja …! – auch der pensionierte Oberamtsrat saß, es war später Vormittag, an einem der Tische, um sich zu laben.

Natürlich hatten einander die beiden Kontrahenten noch niemals zuvor gesehen; auch der Klang der jeweils anderen Stimme (vermutlich sogar der eigenen) war ihnen unbekannt. Und doch, ihre Blicke, beim kurzen Aufsehen vom Gulasch, beim Hinlangen zum Bierglas, wie auch immer, sie trafen einander. Kurz. Für den Bruchteil einer Sekunde. Doch – man wusste.

Rutschinger!“, knurrte Preinsteiger zwischen den Zähnen hervor.

Preinsteiger!“, entfuhr es Rutschinger unwirsch. Dann erfing er sich wieder.

Wollen wir uns nicht zusammensetzen …?!“ Wie Honig sabberte es da plötzlich aus dem Burgenländer hervor. Und der immer noch schockstarre und total überraschte Angesprochene nickte, inzwischen ebenfalls zu einer schleimigen Zuckerlösung mutiert, und führte mit Arm und Hand eine weitestgehend als Einladung interpretierbare Bewegung aus.

Also erhob sich Preinsteiger und trat an den Tisch des Brieffeindes. „Preinsteiger, Axel Prein­steiger, Oberschützen im schönen Burgenland. Sehr angenehm!“ Er streckte dem ihm bis dato, wie gesagt, persönlich Unbekannten die Rechte entgegen.

Oberamtsrat in Ruhe Hans Rutschinger“, erwiderte dieser den Handschlag. „Aber setzen Sie sich doch, lieber Herr … Kollege!“

Bei einigen weiteren Bieren (und begleitenden Schnäpsen) kam man sich näher und merkte – erstaunlicherweise (oder auch nicht) proportional zum Alkoholkonsum immer mehr Übereinstimmungen zwischen den Lebensläufen, Haltungen, Charakteren, Geschmäckern, Vorlieben, Aversionen und überhaupt den Denkweisen (wenn hier von denken überhaupt gesprochen werden kann …).

Kurz: Man beschloss deshalb, was keineswegs abwegig zu sein schien, ab nun nicht mehr gegen einander Leserbriefe zu verfassen, sondern vielmehr die Kräfte zu bündeln für gemeinsame Kampagnen! Ja! Rutschinger & Preinsteiger würden, wenn es sein musste (und fürwahr – es würde sein müssen!), der ganzen Welt den Arsch aufreißen! Prost!

Doch die Glastür.

Niemand konnte sagen, auch der betrunkene und später lange noch geschockte Rutschinger vermochte es nicht, warum Axel Preinsteiger aus Oberschützen, den neuerworbenen Freund im Schlepptau, darauf bestanden hatte, dem protzig verglasten Autosalon circa fünfzig Meter entfernt vom Gasthaus „Zum Füllhorn“ einen Besuch abzustatten. Noch dazu angesoffen, wie sie waren. Und zu einer Zeit, da solche Geschäfte ohnedies längst schon geschlossen hatten.

War vielleicht zuvor von Autos, von Autopreisen, vom Abgasirrsinn, vom Abholzen des unschuldigen Regenwaldes, von Emissionen und Lungenkrebs sowie der auf völlig unverantwortliche Weise allerorten gleichsam heraufbeschworenen und mit allen nur erdenklichen Mitteln beschleunigten globalen Klimaerwärmung gesprochen worden, vorher, bei Bier und Schnaps? Hatte es sich um die, als wenn nicht alles andere schon schlimm genug gewesen wäre, ständig und unvermindert weiter zusammenschmelzenden Ressourcen an Brennstoffen gegangen? War die Rede von den viel zu wenig geförderten Alternativen zu Benzin und Bio-Sprit, etwa Wind oder Biomasse, gewesen? Hatte sich das Gespräch am Ende um Fotovoltaik gedreht? Um Elektro-Autos? Um den öffentlichen Verkehr?

Oder –

Jedenfalls gab es einen Ruck, und eine – offensichtlich vorher schon angeknackste – riesige Glastür spaltete den sonst so wackeren Leserbriefschreiber aus Oberschützen ziemlich exakt in der Mitte, von oben nach unten, in zwei Teile. Preinsteiger war auf der Stelle tot.

Da war nichts mehr zu machen.

Rutschinger, geschockt, wie gesagt, durch dieses grauenvolle Geschehen, dessen Augenzeuge er da ohne sein Zutun geworden war, musste psychologisch betreut werden und erfuhr für einige Zeit sogar eine entsprechende psychiatrische Behandlung.

Dann nahm er selbstverständlich seine eigentliche Profession wieder auf und schrieb gehar­nischte Leserbriefe. Noch böser waren sie als je zuvor. Und irgendwie in memoriam

 

Um Mitternacht im Spiegel

Es ist nicht schön, wenn sich einer im (eigenen) kalten Schweiß in seinem Bett hin- und her­wälzt. Keinen Schlaf findet. Stöhnt und ächzt, von Nachtmahren heimgesucht. Für Sünden büßen zu müssen glaubt, die er angeblich – und noch dazu: in seiner Kindheit – begangen habe, wie ihm übereifrige Religionslehrerinnen und Katecheten weiszumachen versucht hatten … Und während sie ihn, der jetzt und hier wieder das ängstliche Kind von damals ist, mit ihren schmierigen nackten Leibern bedrängen und sich ihm mit lüstern angeschwollenen Lippen nähern in schwülem Höllendunst (plus entsprechender musikalischer wie auch olfaktorischer Garnierung!), schiebt sich ein übergroßer Spiegel mit wuchtigem barock-verschnörkeltem Prunkrahmen ins Bild. Doch im Spiegel gewahrt er nicht sein Spiegelbild – sondern sich, gesehen von seinem Spiegelbild aus!

Das ist selbst ihm, der viel an Grusel kennt und dem kaum mehr etwas Grauenvolles neu ist, zu viel!

Er erwacht, dreht das Licht an. Und beginnt – zu lachen!

Das ist ja auch zu drollig: Ein Spiegelbild, das er selbst ist! Das Spiegelverkehrte wird spie­gelgerade oder –

Nein! Das muss er sich sogleich notieren.

Da merkt er: Er schreibt in Spiegelschrift

Oh, entfährt es ihm.

E N D E

Literatur/Quellen (Auswahl):

Italo Calvino, Der geteilte Visconte/Der Ritter, den es nicht gab. München und Wien 1985.

Vinzenz Hamp/Meinrad Stenzel/Josef Kürzinger (Hg.), Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Augsburg 1994.

Karl Heinemann (Hg.), Goethes Werke. 15 Bde. Leipzig und Wien o. J.

Clemens Heselhaus (Hg.), Annette von Droste-Hülshoff: Gesammelte Werke in einem Band. München 1966.

Internet.

Daniel Kampa (Hg.), Moment! Die allerschnellsten Geschichten der Welt. Zürich 2012.

Leserbriefe, in: Die Zeit. Nr. 19, vom 2. Mai 2013.

Konrad Nussbächer (Hg.) Deutsche Balladen. Stuttgart1977.

Erich Trunz (Hg.), Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. München 1999.

Oskar Walzel (Hg.), Heinrich Heines Sämtliche Werke in zehn Bänden. Leipzig 1911.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*