Tasches

Gram

Eine mittelkrasse

Chinoiserie von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Die Großnasen kennen keinen Kreislauf.

Die Großnasen glauben verbissen daran,

dass alles sich ständig ändern muss, und

selbst die Vernünftigeren sind nicht von

der Meinung abzubringen, dass, wenn

etwas sich ändert, es auch besser wird.

Herbert Rosendorfer, Briefe in die

chinesische Vergangenheit

*

Die Nähe ging verträumt umher …

Sie kam nie zu den Dingen selber.

Ihr Antlitz wurde gelb und gelber,

und ihren Leib ergriff die Zehr.

(…)

Christian Morgenstern, Die Nähe

*

Blechschaden

Angesichts des geringfügigen Anlasses (einer Lappalie, im Grunde genommen), nahm sich das Aufheben, das Michael Tasche letzten Endes davon machte, zumindest reichlich übertrieben aus. Mein Gott, da hatte ein anderer Autofahrer, vermutlich: beim Einparken vor seinem, Tasches, altem VW-Golf, am Wagen eine kleine Schramme (oder vielleicht eher: eine Delle) verursacht. So etwas konnte schon einmal passieren. Dummerweise hatte der ungeschickte Parkplatzsucher keinen Hinweise auf seine Identität zurückgelassen. Leider.

Nun, das konnte jemanden wie Tasche naturgemäß ärgern, wenngleich der Schaden an seinem alten Auto wirklich kaum der Rede wert war. Doch Michael Tasche befand sich, besonders seit seiner (ohnedies lang genug hinausgezögerten) Pensionierung vor einem knappen halben Jahr, in einem besonders grämlichen Gemütszustand. Grämlicher noch als üblich. Und zwischendurch immer wieder in fast schon depressive Phasen abgleitend … (Nicht einmal der Tod seiner Ehefrau, Margarethe, vor nun auch schon gut vier, fünf Jahren, hatte den – zugegeben: überhaupt – zur Übellaunigkeit neigenden Tasche derart aus der seelischen Bahn geworfen wie der [nun, mit gut 66 Jahren, einmal unvermeidliche] Übertritt in den dauernden Ruhestand.)

Ja, doch. Michael Tasche brachte nicht nur von Haus aus alle Voraussetzungen zum Griesgram mit, er war einer. Am ehesten verlor diese sonst so bestimmende Färbung seines Gemüts an Schärfe, wenn er der Lektüre oblag. Oder wenn es guten Wein gab. (Freilich, die Lektüre musste ihm tatsächlich konvenieren. Und der Wein? Na, der hatte ohnedies großartig zu sein …)

Aber zurück zur Delle an seinem Wagen. Wenn er, angenommen, zur Polizei ginge und den Schaden meldete, ja selbst, wenn er Anzeige gegen Unbekannt erstattete, das wusste der gewesene Finanzbeamte, würde ihn das alles höchstens eine halbe oder dreiviertel Stunde Zeit und einen kleinen Umweg kosten. Und Zeit hatte er eigentlich – neuerdings – im Überfluss. (Ein paar Minuten. Was sollte das?!) Aber –

– aber, bei Tasches Gram ging es meist um Prinzipielles.

Wie eben jetzt: Da war es auch nicht so sehr die (ohnedies kaum merkbare) Delle, von einem dummen Anonymus an seinen alten VW-Golf appliziert, die ihn so sehr aufregte. Nein. Tasche ärgerte weit weniger die Ungeschicklichkeit beim Einparken, die sein unbekannter Kontrahent da allem Anschein nach bewiesen hatte, als vielmehr die fehlende Schicklichkeit, nämlich zu keinem – am besten: schriftlichen – Hinweis auf seine Identität bereit gewesen zu sein. Denn das hätte im Verlauf der Versicherungsangelegenheit, die das hier ohne Frage darstellen würde, in der Folge immerhin hilfreich sein können.

Doch so war es immer. Tasche ärgerten nicht unbedingt große, bedeutende Ereignisse, quasi: weltbewegende Irrtümer oder gravierende Unterlassungen. Nein, es waren die minderen, weniger bedeutenden Dinge. Oft und oft sogar die Lappalien. Nichtigkeiten. Denn was nun eine Lappalie oder eine Nichtigkeit sei, etwas also, was man übersehen durfte, wollte dann schon eher er selbst entscheiden, bitte schön!

Es mangelte Tasche, so muss man es dann wohl ausdrücken, an Vertrauen in die Dinge, in den Lauf der Welt (um nicht Vorsehung zu sagen). Doch mit dem Vertrauen ist das nun einmal so eine Sache … Seine negative Grundhaltung ging in gewisser Weise auf einen Merksatz seines Taufpaten, eines Onkels mit Namen Alexander Strebensarm (sic!), zurück: So wie sich das Urvertrauen in aller Regel bei der Wurst aufhört.

Gut, Onkel Alexander war ein bekennender Zyniker, der zu diesem, seinen Standpunkt auch unbedingt stand. Allerdings: ausschließlich dazu. Sonst war auf ihn eher wenig Verlass. Aber das Bonmot des leicht verschlagen wirkenden Verwandten tat seine lebenslange Wirkung. Es hatte damals, in seinen Kindertragen schon, den jungen Michael Tasche überzeugt. Und später gesellte sich quasi Beweis zu Beweis für das Trügerische am Vertrauen. Bis eines Tages eine ziemlich hohe Mauer entstanden war; für ihn selbst zumindest war sie unüberwindbar.

Freilich, Michael Tasche, zuletzt dann Oberrevident der Steuerfahndung und oft belobigter Beamter und Mitglied (am Ende sogar: Einsatzleiter) eines grosso modo erfolgreichen Teams, hatte schon Ärgeres erlebt. Und auch überlebt. Zum Beispiel – seine Frau Margarethe.

Ja, doch! Seine Frau Margarethe, sie war in gewisser Weise furchtbar gewesen. Und das hatte ihm immerhin als Grund gedient, ihren Tod vor vier oder fünf Jahren noch leichter zu verschmerzen, als Tasche dies ansonsten getan hätte.

Wie (vermutlich) jede Frau fühlte sich auch Margarethe von der Aufgabe beseelt, ihren Partner unbedingt und auf alle Fälle zu verändern. Das gehörte, so nahm jedenfalls schon der junge Michael Tasche an, als ihm die Malaise dieser besonderen weiblichen Berufung langsam klar wurde, quasi zur Disposition, zur genetischen Grundausstattung, aller weiblichen Wesen. Das hatte (wieder: vermutlich) mit den später zu erfüllenden Aufgaben der die Kinder erziehenden Mutter zu tun; und stammte (noch einmal: vermutlich) als Vital-Relikt aus den vergleichsweise angenehmen Zeiten, da die Väter als Jäger ausschließlich für die nahrungstechnische Versorgung der ihrer in der Höhle harrenden Familien zu sorgen hatten, sich aus anderen Angelegenheiten jedoch elegant heraushalten konnten.

Wenn es – wie im Fall Michaels – jedoch mit der Umerziehung und Veränderung partout nicht hinhauen wollte, suchte sich der weibliche Antrieb diesbezüglicher Pädagogik eben ein anderes Ventil. Bei Margarethe war das die damals gerade um sich greifende Mitleidsbewegung, später Charity genannt.

Ja, Margarethe war in Kürze quasi totaliter vom Back-, Koch- und (dem allen noch übergeordnet:) vom Fimmel der Nächstenliebe erfüllt! Sie war schier besessen vom Charity-Wahn und seinen Auswüchsen.

Besonders die letzten Jahre ihres Lebens hindurch versuchte sie krampfhaft, es darin sogar Politiker-Gattinnen, bekannten Film- und Fernseh-Größen und sonstigen Prominenten (und anderen Lemuren) gleich zu tun in ihrem empathischen Bestreben, dem seit ihrem diesbezüglichen Anfängen bereits jegliches Maß abhandengekommen war. Ja, doch: Margarethe buk Unmengen von fürchterlich fettigen und über-süßen Torten, die zwischen den diversen Gutmenschen-Events, für die sie bestimmt waren, bedrohlich in der Drei-Zimmer-Wohnung aufgetürmt herumstanden oder weitgehend chaotisch in Schachteln und Packpapier lagerten.

Allein der Anblick der zuckrigen Ungetüme – Malakoff-Torten, Streuselkuchen, Schwarzwälder-Kirsch-Torten, der bunten Creme-, Obers-, Dobos– und sonstigen Schnitten sowie der Nuss- und Mohn-Beugerln, auch der Heidelbeer- und Zwetschgen-Flecke et cetera -, allein der Anblick ließ Michael Tasches Blutzuckerspiegel bereits gefährlich ansteigen! Und besonders um die Weihnachten herum meldete sich sein Diabetes regelmäßig mit aller Heftigkeit zurück; trotz aller Zurückhaltung, allein vom Anschauen der süßen Abscheulichkeiten.

O ja, Margarethe war unbeirrbar im Einsatz der Mittel, ging es darum, ihn oder andere zu quälen – mittels ihrer durchaus konsequent sich äußernden karitativen Einstellung.

Doch jetzt war Margarethe tot. Seit vier, fünf Jahren. Und höchstens (wenn überhaupt) die gute Nachrede erinnerte allenthalben an sie und ihr von Kalorien förmlich strotzendes Wirken. Ja, diese Ära war ansonsten mit Margarethes Tod eindeutig zu Ende gegangen. Und die Nachwelt dachte erst gar nicht daran, der Kuchenbäckerin irgendwelche Kränze zu flechten.

Innerfamiliär freilich erinnerte man sich an die wackere Tortenherstellerin. Besonders Sohn Klaus und seine Familie (Gattin Sylvia und die Teeanger-Töchter Renate und Aglaja), aber auch seine jüngere Schwester Natascha (mit ihrem Mann Herbert und dem Söhnchen Kevin) sprachen oft und gern, anerkennend und durchaus in Zuneigung von Mutter, Schwiegermutter und Großmutter. Und man sparte dabei in aller Regel nicht mit ehrenden Worten (die man, nebenbei, für den grämlichen Vater – wenn überhaupt, dann nur – selten fand).

Nur der nach Klaus und Natascha jüngste Spross aus der Verbindung von Michael und Margarethe Tasche (einer geborenen Krautberger), Georg, der nun auch schon auf die Dreißig zuging, schien ganz allgemein wenig gesellig und gewandt sowie immer noch kaum an weiblicher (und überhaupt an) Gesellschaft interessiert zu sein. Ja, er wirkte die meiste Zeit eher weltfremd und eigenbrötlerisch.

Dabei hatte er die Studien mehrerer Zweige der Informatik, teilweise sogar in Übersee, erfolgreich abgeschlossen. (Die Flüge nach und der vergleichsweise teure Aufenthalt in den Vereinigten Staaten hatten aus dem [übrigens: korrekt versteuerten] Erlös einer unverhofften Erbschaft Margarethes [ihre Lieblingstante Isolde hatte endlich doch noch das Zeitliche gesegnet] bestritten werden können.)

Ja, er war ein Einzelgänger. Umso mehr liebte Georg alles heiß, was mit Computer und mit Laptop, mit Tablet, Smartphone und ähnlichen aktuellen technisch-digitalen Kulturausformungen – so nannte er diese Dinge ein wenig verspielt-ehrfürchtig – zu tun hatte.

Fazit: Er schien wohl eher dem grämlichen Vater nachgeraten zu wollen …

Aber – die verstorbene Mutter vitalisierte gleichsam die seltenen Familienfesttage und lebte als Person bei solchen Anlässen besonders in Form von Kuchen- und Mehlspeisen-Reminiszenzen durchaus geschmacksintensiv wieder auf: Da zogen olfaktorische Schwaden durch die Räume, Staubzucker stob auf und Marmelade fand sich zu Rinnsalen zusammen, die von den Tischtüchern troffen. Alles freilich nur ansatzweise und in erster Linie erinnerungstechnisch, quasi: virtuell. Allein schon deshalb, weil die dafür verantwortliche Cousine Edeltraud eine eher miserable Kuchenbäckerin (und auch sonst eine schlechte Köchin) war.

Ein Hauch von Malakoff-Torte und Zwetschgen-Fleck, Topfenschnitte und Streuselkuchen durchwehte Michaels Wohnung in solchen Fällen und zu diesen Gedenkanlässen immerhin. Und erinnerte ihn nicht selten an noch weiter zurück liegende Geruchs- und Geräusch-, Farb- und Gefühls-Reminiszenzen. Als etwa –

– im Haus der Eltern, des Eisenbahnbeamten Theophil Immanuel Tasche und seiner Frau Gerda, Michael Tasches Eltern also, frühmorgens leises Tuten oder sogar mancher vom Nebel gedämpfte Pfiff von den letzten, noch mit Dampf betriebenen Eisenbahnzügen und der leise Geruch vom fernen Hauptbahnhof herwehten; wenn, besonders im Frühsommer die Würze des blühenden kleinen Gartens, später die Fruchtaromen der wenigen, aber ertragreichen Obstbäume (Birne, Apfel, Marille und Weichsel) sowie der Sträucher mit den Beeren (Stachel-, Him- und Brombeere wie auch Ribisel) durch die Jalousien der ständig halbgeöffneten, noch irgendwie schlaftrunkenen Fenster (oha!) stieg … Und erst das ferne Rufen des Kuckucks, wenn es noch nebelig und ein wenig nachtdunkel war; dann die Kohlmeisen, Finken und Amseln; ein emsiger Buntspecht; und das spätere Gewimmel der frechen Spatzen in den Forsythien oder im Flieder!

Ach ja! Da waren dann noch die ein wenig hochnäsigen Nachbarn gewesen: Akademiker, arrogant-katholische, bessere Leute eben … Und das alles in der durch Bekanntschaft erzeugten Enge und Nähe in der hübschen Siedlung mit den blumengeschmückten Fenstern zur Straße hin und den gepflegten kleinen Gärten nach hinten hinaus (Birne, Apfel, Aprikose und Weichsel). Und die Regenwürmer, die, wenn ein Gewitter im Anzug war, aus der Erde kamen. Die dann niedrig fliegenden Vögel auf der Jagd nach niedrig fliegenden Insekten …

Kindheitsgeruchs- und Geräuschpanoramen. Farbkaskaden. Sonnendurchflutende Versprechungen der unbekannten Zukunft …Wegzuwischen am besten. Und zu vergessen.

Ähnliche anekdotische Würdigung wie der verstorbenen Mutter Margarethe wurde höchstens den als irgendwie verschroben apostrophierten, freilich längst schon toten Großelten (den Eltern Michaels also) zuteil: Der oben kurz erwähnte Theophil Immanuel Tasche hatte sich früh schon mittels Motorrad ins Jenseits katapultiert. (Er war übrigens mit keiner Harley-Davidson zu Tode gekommen, die einer seiner Lebenswünsche gewesen war, sondern noch mit einer nicht allzu starken Puch-Maschine …) Michaels jüngerer Bruder, Arthur, würde dem leidenschaftlichen Einspurigen, Jahre später und ebenfalls per Motorrad, folgen; allerdings auf einer Honda). Und auch Theophils Witwe Gerda, Michaels stets treusorgende Mutter, war Jahrzehnte danach im Seniorenheim sukzessive vor sich dahingeschwunden. Solcherart war sie erst sich selbst, dann den anderen abhandengekommen … (Der ewige Kreislauf! Wobei die Frage erlaubt sein sollte: Musste man tatsächlich und unbedingt sterben? War das Altern nicht schon arg genug?!)

Der dahingegangenen Margarethe entsann sich die Familie also. Aber – wessen erinnerte man sich ansonsten länger? Vielleicht dachte der eine oder andere von den Alten noch an die ominösen Tante (oder: Großtante [vielleicht auchbloß: Halb-Cousine?]) namens Hilde, die angeblich als Wagner-Heroine auf mittleren deutschsprachigen Opernbühnen reüssiert hatte. Ja, auch über sie kursierten noch Gerüchte. Angeblich sollte diese Hildegard Roswitha Roubenbart-Härtling, längere Zeit als zweiter Mezzosopran am Stadttheater Ulm engagiert, sogar Chancen gehabt haben, in Bayreuth zu singen. Doch versagte ihr ab 1941 ihre anfangs recht füllige Stimme sukzessive den Dienst; und um die Zeit von Hitlers Desaster vor Stalingrad hatte ihr desolater Stimmapparat dann völlig ausgedient. Mit Kriegsende folgte die endgültige traurige Diagnose. Und Hildegard starb. Tonlos.

Arme Großtante (Großmutters Milch-Base?) Hilde.

Ansonsten entsann sich Michael Tasche, der griesgrämige Ex-Finanzer (besonders, wenn ihn die Dunkelstimmungen, diese nicht selten durchaus an Depressionen heranreichenden Seelenbedrückungen, wieder einmal besonders heftig beutelten) am ehesten noch der Defizite verschiedenster Art, wie sie sein Leben – schon als junger Mann in den 1970ern und auch später immer wieder – mitbestimmt hatten. Abgesehen vielleicht vom Beruf, dem er allerdings stets mit viel Engagement und durchaus erfolgreich nachgegangen war. (Das hatte ihm freilich die Pensionierung dann auch nicht erspart …)

Die Defizite, die sich in manchem Irrtum und Fauxpas äußersten. Und in mancher Verwechslung. Etwa in der von oberflächlichem Wollen (aus noch oberflächlicher Lust heraus) mit vermeintlich tiefem Begehren. Und das besonders, wenn es sich dabei um den Umgang mit Vertreterinnen des anderen Geschlechts handelte.

Freilich, noch heute saß er Irrtümern auf und verwechselte, einem vielseitig einsetzbaren Legastheniker gleich, dies mit dem und anderes mit anderem … So schrieb er zum Beispiel immer wieder, wenn er früh am Morgen, wie gewohnt, den Klassik-Sender Ö 1 hörte (und ein anderes Radioprogramm, etwa den dumpf-volksdümmelden regionalen oder den mit nicht selten zweifelhafter Pop-Musik angemüllten Hit-Sender Ö 3, hielt er nun einmal nicht aus!), so schrieb er also bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit und immer wieder dem verdienstvollen Johann Nepomuk Hummel – ja, dem mit dem bekannten Konzert für Anton Weidingers damals eben konstruierter organisierter Klappentrompete – das ebenso berühmte Hornkonzert zu, das in Wahrheit von Hummels und Joseph Haydns Kollegen Ignaz Pleyel stammte. So was auch! (Dabei hatte Pleyel doch in Frankreich reüssiert et cetera, pp.)

Apropos Ö 1: Natürlich hatte der griesgrämige Michael Tasche auch grundsätzlich an seinem Klassik-Sender, der ihn tagtäglich ab circa 05:30 Uhr berieselte, einiges auszusetzen. Die dauernden, merkbar auf die Schnelle von den Sprecherinnen und Sprechern (oder den übergeordneten Gestaltern der Klangteppiche) angelesenen oder an-gegoogelten Daten und dazu irgendwelche Naseweisheiten aus Leben und Werk der betreffenden Komponisten oder Interpreten, deren Tonbeispiele hier, in wenige Minuten lange Filets zerschnitzelt, angeboten wurden, gingen ihm oft gewaltig auf den Sack!

So da wären: Dass Antonin Dvořák in erster Linie so schöne Sachen komponiert habe (zumal in g-Moll [oder in der entsprechenden Dur-Tonart B], in der Neuen Welt und/oder überhaupt), weil wieder einmal eine seiner Töchter gestorben wäre.

Oder aber: Tasche solle sich gefälligst zum gefühlt 399. Mal an Amilcare Ponchiellis „Tanz der Stunden“ (der Balletteinlage aus dem 3. Akt seiner eher selten gespielten Oper „La Gioconda“ von 1876) erfreuen; oder an der was-weiß-ich-wievielten Fassung des „Hummelflugs“ von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (aus der ebenfalls nicht allzu häufig realisierten Oper „Das Märchen vom Zaren Saltan“ von 1899/1900; dieser delikate „Flight of the Bumble-Bee“, jedoch leider nicht von Spike Jones und seinen City Slikers in der [berühmt-berüchtigten] total verniesten Posaunen-Fassung dargeboten, sondern in einer für Bassmaultrommel und Triangel in As); oder der Hörer Tasche möge sich an einer Bearbeitung von Fritz Kreisler ergötzen, die sich anhörte wie ein Stück von Fritz Kreisler selbst; oder – – –

O Ö 1! O Sender, der du, zugegeben, freilich auch ein Refugium bist der raren Musiken, die quasi auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten verzeichnet stehen. Egal, ob vor Altersschwäche beinahe schon abgestorben, weitgehend Geschmacks-bedingt dezimiert, von den Nazis ehedem verboten (und somit in der Versenkung verschwunden) oder von der sogenannten Großen Koalition schon in den 1950er Jahren zu wenig gefördert …

O Ö 1! Aber –

– doch auch in der Malerei lauerte so manche Falle: Über Jahrzehnte verwechselte Michael Tasche in schöner Regelmäßigkeit beispielsweise den großen Henri Matisse mit dessen nicht minder illustren Kollegen René Magritte – nicht vom Werk her, nein, da hatte er die Bilder im Kopf, wohl getrennt von einander, verwahrt, aber vom Namen her …

Auch diverse termini technici gerieten Michael Tasche nicht selten und praktisch sein Leben lang durcheinander. Und das nicht etwa, weil seine Bildung so mangelhaft gewesen wäre (er hatte unfallfrei die Matura geschafft und sogar ein paar Semester hindurch die Rechtswissenschaften belegt [bis ihn traurige innerfamiliäre Gründe, nämlich der plötzliche Tod des Vaters Theophil Immanuel und eine dadurch ausgelöste Depression von Mutter Gerda, zum Abbruch des Studiums zwangen]).

Nein, er war einfach konsequent inkonsequent – auch und besonders im Denken. Daher die diversen Irrtümer …

So verwechselte er immer wieder etwas. Auch – und das schien ihm besonders peinlich zu sein – bei Dingen, die Frauen betrafen, mit denen er gerade zu tun hatte. O ja! Vor Jahrzehnten schon war es gewesen, dass er immer wieder sexuelle Überraschungen von oftmals frappierender Direktheit und Deutlichkeit zu überstehen gehabt hatte. Einschließlich eines Erwachens (nach einer feuchtfröhlicher Nacht, zu der ihn Freunde überredet hatten) neben einer jungen Frau, die sich – nunmehr ernüchternd und ernüchtert – eindeutig als junger Mann zu erkennen gab. („,Irrtum‘, sagte der Igel und sprang von der Bürste“, hieß damals ein zur peinlichen Situation passende Scherz. [In der Jugend verfügt man anscheinend überhaupt für fast jede Lage, in die man sich zuvor dummerweise hinein-manövriert hatte, über den adäquaten Scherz. Diese durchaus positive Anlage wird später anscheinend ersatzlos gestrichen – von wem auch immer …])

Aktuell erinnerte ihn seine Lektüre des satirischen, tief- wie hintergründigen Romans „Biografie“ von Maxim Biller (Köln 2016) an die damalige Blamage und auf ähnliche. (Obwohl es in dem schelmischen Buch nicht bloß um sexuelle, sondern auch um andere Peinlichkeiten geht; und um viel Familiäres.) Und man sollte – so der daraus und aus verwandten Pannen zu ziehende Schluss – natürlich auch nicht die Notwendigkeit zu urinieren mit dem sich womöglich früh am Morgen einstellenden Lustwunsch sexueller Art verwechseln. Dazu womöglich auch noch einen jungen, wohltemperierten Frauenkörper nahe bei sich im nächtlich wild durchwühlten Pfuhl wissend …

Doch, doch: So war es tatsächlich (zumindest: zwischendurch) auch bei ihm der Fall gewesen, auch wenn er sich deshalb lägst nicht als Weiberheld oder gar als Casanova gesehen hätte. Damals, als es noch Heidis, Gabis, Angelikas oder Gerlindes gab, Susannes und Petras, Irenes, Beates, Ulrikes und Martinas, Marias, Karins und Claudias.

Ja, verdammt! Auch Michael Tasche hatte seine diesbezüglich einigermaßen aktive Zeit gehabt.

Durchaus.

Damals benutzte man einander gegenseitig und im gegenseitigen Einverständnis, man probierte sich und den Partner, die Partnerin, aus. Genau. So einfach schien das zumindest zu sein. (Ganz so einfach freilich war es letzten Endes dann doch nicht. Aber, was soll es?! Die Zeiten sind ohnedies längst dahin …)

Fortsetzung folgt!

Dann blieb man kleben

Irgendwann freilich klebte man dann fest. Man blieb picken. Man bemerkte, dass man an etwas (und an jemandem) festhing. Man spürte, dass man gefangen war in irgendeinem Netz. In Tasches Fall: von Margarethe umgarnt.

Er, der von sich mit Fug und Recht behauptete, im Grunde kein Beziehungsmensch zu sein, war mit einem Mal umgarnt. Umsponnen, besser gesagt. Ausweglos. Gefangen. Wie in einem Spinnennetz. Michael Tasche fand sich, sozusagen, wieder: umsponnen von der ansehnlichen Spinne Margarethe. (Spinne am Morgen wie am Abend …)

Margarethe … Ach ja, seine seit nunmehr fünf Jahren schon verblichene Frau.

Ein gramvolles Kapitel. Ein Irrtum in mehreren Stufen. Anders als die vormaligen Liebschaften, diese ziemlich offenen (Zweier-)Beziehungen, die Techtelmechtels und Affären …, anders als das alles Vorherige war das hier nun ein sich kontinuierlich anbahnender, beinahe penibel vorbereitender Irrtum. Prahlerisch und angeberisch Lebensgemeinschaft oder Ehe genannt. Etikettiert. Und die Beteiligten? Sie waren punziert. Ja, geprägt. (Er zumindest fühlte sich geprägt, nachher und für immer …)

Sie waren aneinander-geschmiedet. Symbolisch: durch zwei goldene Eheringe (womöglich gar mit Inschrift, Prägung gewordener Lüge – von wegen Bestand und Ewigkeit.) De facto: durch die zu lebende Unfreiheit. Tagtäglich. Zweigeteilte Uneinigkeit eingeschlossen.

Denn –

– denn: Die Familien-Aufstellung im Hause Tasche war keine ganz einfach zu durchschauende. Hier herrschte zwar nicht gerade eine göttlich zu nennende Familien-Ordnung; aber auch von einer Familien-Unordnung zu sprechen, wäre falsch gewesen. O doch: Das hatte schon einiges von dem an sich, was wir überlieferterweise aus der Bibel gewohnt waren.

Allerdings saß da Sohn Klaus mitnichten zur Rechten des Gottes Michael Tasche, und auch Marias (= Margarethes) Rolle war eine andere als die der biblischen Gottesmutter. (Bevor Michael die berufliche Karriereleiter emporgeklettert war und es schließlich bis zum höheren Finanzbeamten gebracht hatte, musste sie sich freilich auch im Wohltätigkeitsbereich mit vergleichsweise inferioren Aktivitäten begnügen. So stattete Margarethe mehlspeistechnisch meist die Sitzungen des Pfarrgemeinderats [mit vergleichsweise wenig glamourösen Marmorkuchen und pickig-süßen Gugelhupfen] aus; diese nur in Maßen prächtigen Zuckrigkeiten standen freilich in keinem Vergleich zu ihren späteren Prachtkreationen, die sie in schöner Regelmäßigkeit für diverse halbwegs gehobene Charity-Events aus dem Backrohr zauberte.)

Außerdem fand sich niemand in der langsam wachsenden Familie bereit, die eher undankbare Rolle des Heiligen Geistes einzunehmen. (Doch ist diese Figur bekanntermaßen sogar in der christlichen Ikonographie keine so ganz eindeutig bestimmte.)

Im Großen und Ganzen glich der Tasche-Haushalt, man muss es der Ehrlichkeit halber so unumwunden sagen, einem wenig ersprießlichen Laienspiel. Und sogar die sogenannte Gewaltentrennung bildete da keine wesentliche Ausnahme: Michael Tasche hielt sich zwar für einen waschechten Patriarchen, doch die Kinder Klaus, Natascha und Georg beeindruckte das Gehabe ihres meist leicht depressiven, ihres zumindest: vergrämten Vaters kaum. Außerdem würden sie ohnedies alsbald ihrer eigenen Wege gehen.

Klaus heiratete bald seine außerordentlich anspruchsvolle Sylvia (eine geborene Bautzenbichler, aus der Bäckerei-Dynastie) und setzte in rascher Abfolge mit ihr die zwei Töchter Renate und Aglaja in die Welt. Tochter Natascha fand ihren Dr. Herbert Rumminger, einen strebsamen Jungarzt, der sie alsbald mit Sohn Kevin beglückte. Nur Georg (studentisch zwar zielstrebig und in kürzest möglicher Zeit [wie vor ihm schon sein Bruder Klaus] mit Betriebswirtschaftslehre fertig geworden) gab sich lange Zeit hindurch gesellschaftlich eher unentschlossen. So schienen intensivere Frauenbekanntschaften und damit verbunden: möglicher Nachwuchs – zumindest vorderhand bei ihm (noch) – kein Thema zu sein.

Vor wenigen Tagen nun hatte den vergrämten Michael Tasche sein ältester Sohn, Klaus, aufgesucht. Daheim, in der Wohnung des Alten also, das hatte Klaus sich ausdrücklich erbeten. Und allein schon, dass der weitgehend überarbeitete, ja: fahrig wirkende (im persönlichen Umgang wohl auch sonst eher eigenwillige) Spross einmal außerhalb von Weihnachten oder einem Familienfesttag anzutanzen sich angesagt hatte, ließ auf eine Katastrophe mindestens mittleren Ausmaßes als Grund für diese Form der Anhänglichkeit schließen.

Michael Tasche hatte sich nicht getäuscht, nur –

– dass diesmal freilich alles, so Klaus, „noch komplizierter“ sei als gewöhnlich. Und die besagte Katastrophe demnächst vermutlich existenz-, ja: lebensbedrohende Ausmaße annehmen würde. Unter dem Motto: Der Zorn des Ostens ist unerbittlich, wie das dort übliche Lächeln unergründlich ist …

Tasche senior hatte vorsorglich mehrere Flaschen guten Weißweins kalt gestellt. Nun entkorkte er den Grauburgunder aus dem Betrieb eines renommierten südsteirischen Winzers und goss den immer noch sonnendurchfluteten Inhalt in die bereitgestellten Gläser.

Michael Tasche kannte seinen zwar mathematisch hochbegabten, in allen Finanztheorien (und -praktiken!) äußerst versierten, ansonsten indes, besonders nervlich, einigermaßen instabilen Sohn nur zu gut. Gewiss, Klaus hatte nicht nur (hierin, wie schon angedeutet, ein kaum zu übertreffendes Vorbild für den jüngeren Bruder, Georg) in kürzester Zeit sein Studium abgeschlossen, sondern auch immer wieder seine vielseitigen praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Nur: Im einmal gewählten und ergriffenen Beruf, der universitären Laufbahn also, schien er seit geraumer Zeit irgendwie an einem toten Punkt angelangt zu sein.

Klaus diente nun schon seit Jahren brav und bieder, verlässlich und loyal als Assistent seinem ehemaligen Doktorvater, dem – auch über die Enge der Fächer hinaus bekannten – Ökonomen, Betriebs- wie Volkswirt und rührigen Konsulenten diverser Institutionen in Wirtschaft und Industrie, kurz: dem immer wieder gern zitierten und im Allgemeinen hochgelobten Univ.- Prof. MMag. DDr. rer. oec. Dr. h. c. mult. Gerfried Matthias Haberkorn.

Ja, Klaus war Haberkorns rechte Hand.

Leider half ihm das bei seiner Karriere mitnichten weiter. Während die diversen finanziellen Anforderungen – nicht zuletzt bedingt durch die Ansprüche seiner Frau – sukzessive stiegen.

So hatte Mag. Dr. oec. Klaus Tasche gewaltig zu tun, um den exquisiten Wünschen seiner leider – es wurde bereits erwähnt – auffallend aufwendig veranlagten Gattin Sylvia gerecht zu werden. Doch auch seine heranwachsenden Töchter Renate und Aglaja waren anscheinend aus demselben Holz geschnitzt wie die Frau Mama: Auch ihre Forderungen wuchsen kontinuierlich. Kurz: Dem war Klaus Tasche nicht gewachsen, und er hätte mit seinem eher bescheidenen Assistenten-Gehalt den hochtrabenden Ansprüchen seiner Frauen auch keineswegs entsprechen können; weshalb der immerhin findige Ökonom vor Zeiten schon begonnen hatte, mit recht exquisiten Nebengeschäften seine Finanzen aufzubessern. Mit Erfolg. (Freilich: nicht ganz legal …)

Immerhin, die praktisch überaus erfolgreiche Vermarktung seiner fachlichen Fähigkeiten war dazu angetan gewesen, ihm und den Seinen einen mehr als bloß bescheidenen Wohlstand zu sichern.

Wenn Klaus nun so hysterisch daherredete, musste in der Tat etwas ausgesprochen Bedrohliches passiert sein, dessen schlimme Folgen man nun zu gewärtigen hatte.

Auch wenn das Verhältnis zwischen Vater und Sohn Tasche von Beginn an ein eher gespanntes gewesen war – freilich, mit Lajos/Jokaste/Ödipus hatte das nichts zu tun gehabt; eher schon mit einem ausgewachsenen Tyrannen und einem potenziellen Tyrannenmörder; jedoch ohne Inzest et cetera -, also, auch trotz des angespannten Vater-Sohn-Verhältnisses machte sich Michael selbstverständlich Sorgen um das, was Klaus bedrückte. (Und wie sehr ihn etwas bedrückte, war schier greifbar!)

Also hatte Michael Tasche auch sogleich eine Vermutung: Die Unruhe (ja: Angst) seines Sprösslings hing wohl mit dessen Beruf, aber auch mit seinem Privatleben zusammen. Und: auch mit seinem, Michaels, früheren Beruf. Zumindest peripher. (So etwas haben Finanzer vermutlich im Urin.)

Außerdem: Wenn sich sein Sohn quasi als Bittsteller an ihn wandte, musste schon ziemlich viel auf dem Spiel stehen. (Wir erinnern uns an das halbwegs biblische Bild, ohne dezidierte Aufforderung an den göttlichen Stammhalter, zur Rechten des Herrn Platz zu nehmen …)

Somit musste man in Kürze mit einigen interessanten Enthüllungen finanztechnischer, familiärer und existenzieller Art zu rechnen. Und im Rechnen waren sowohl Michael als auch Klaus Tasche gut. Der alte Finanzbeamte war als solcher wie als Vater gespannt auf das Kommende.

Nun ja. Über seine (naturgemäß: schwarz bezahlte) Arbeit und seine (unversteuerten) Einkünfte als Ghostwriter hatte Klaus dem Vater aus verständlichen Gründen bis dato nichts erzählt, erzählte er ihm nunmehr einleitend. Denn jetzt müsse er, der um Unterstützung, familiären Beistand und väterliche Hilfe Bittende, nolens volens, Farbe bekennen.

Also: Der Mehrfach-Begabte schrieb seit geraumer Zeit für weniger Talentierte, die nun einmal (und vor allem: aktuell) das Gros der Studierenden bildeten, diverse Diplomarbeiten, Dissertationen et cetera, meist aus den Fachgebieten Wirtschafts- und Finanzwesen und allgemein aus dem Sektor Betriebswissenschaften. Dass er seine – natürlich – schwarz bezogenen Honorare just dem Finanzbeamten-Vater Michael Tasche (der jetzt ja endlich pensioniert sei!) bisher nicht auf die Nase gebunden habe, sollte bitte nicht weiter verwundern.

Tasche senior räusperte sich, bevor er vom exzellenten Weißwein nachgoss.

Wer seien eigentlich diejenigen, die da an Klaus heranträten und ihn um Unterstützung bei ihren akademischen Abschlussarbeiten bäten, wollte der Vater wissen. Nun, seine Klientel, so erläuterte der fleißige und loyale Assistent (allerdings: mit Scheiß-Vertrag!) von Prof. Haberkorn ausführlich, setze sich hauptsächlich aus reichen jungen russischen oder asiatischen Damen und Herren Studiosi (plus ein paar unterbelichteten US-Amerikanern) zusammen, antwortete der Sohn. Ja, es seien bisher durchwegs junge Leute, die, mit dem nötigen Kleingeld ihrer oligarchischen Väter und Onkels (Pardon: natürlich auch Mütter und Tanten) ausgestattet, bei ihm vorstellig geworden waren. Denn sein Renommee als zuverlässiger Fremdschreiber war in Insider-Kreisen längst schon ein ausgesprochen gutes.

Die Geschäfte hatten mithin durch Jahre floriert. Und Klaus meinte, sich dessen – bis auf den Schönheitsfehler der Steuerhinterziehung – auch nicht schämen zu sollen. Immerhin hatte er stets für gutes Geld gute Arbeit geliefert. (Innerlich stöhnte Finanz-Vater Tasche ob der nicht unerheblichen Steuerleistungen, die dem Staat hier entgangen sein mussten!)

Sich angesichts solcher Arbeit nicht zu genieren, sei im Gegenteil ein gewaltiger Irrtum, erwiderte der griesgrämige Vater empört. Nicht die Qualität der Leistung sei ausschlaggebend, sondern der Unterschleif, den er begangen habe! Drehe es hier doch eindeutig um ein Hintergehen akademisch-moralischer Prinzipien! Zudem sei dabei auch noch Geld geflossen, vermutlich: viel Geld! Und: Sich für eine Leistung, egal welcher Art auch immer, schwarz bezahlen zu lassen, sei nun einmal kein Schönheitsfehler, wie es sein Filius blumig zu bezeichnen beliebte! Das hier war ein Verbrechen! Verdammt noch einmal!

Ach?!

Ja, Sohn! Ja! Es drehe sich da zumindest um ein schweres Vergehen, wenn nicht sogar um ein Verbrechen (da er das, was er tue, [allem Anschein nach] ja gewerbsmäßig betreibe). Steuerhinterziehung sei außerdem eine Schweinerei.

Und in einem Fall wie dem seinen, da diese Schweinerei vom Sohn eines langjährigen und quasi untadeligen Finanzbeamten mit bis dato blütenweißer Weste begangen worden sei, handle es sich um ein noch gewichtigeres Verbrechen!

Das ganze sei zudem eine Schande.

Sie tranken (nicht gerade auf die Schande, doch immerhin: trotz der Schade, die nun einmal im Raum stand. Und das, ihr Trinken, schien irgendwie sogar verständlich zu sein.)

Aber – aber jetzt zur Katastrophe: Eine kleine – wie Klaus sagte: süße – Hongkong-Chinesin habe ihn verzaubert. Eine Hongkong-Chinesin. Einfach so! Ver-zau-bert.

Das war jetzt ein etwas unerwarteter Übergang. Oder besser gesagt: gar keiner.

Daher nochmals, quasi zum Mitschreiben. Jetzt also die Katastrophe: Eine kleine, süße Hongkong-Chinesin, sie hatte Klaus verzaubert. Einfach so! Verzaubert!

Und er würde, so bald es möglich sei, mit seiner ungeliebten Frau Sylvia Schluss machen und mit der kleinen, süßen Hongkong-Chinesin ein neues Leben beginnen!

So. Michael Tasches Reaktion war kurz. So.

Ja, sie habe ihn, Klaus, einfach begeistert –

– nein, nicht das Thema ihrer Master-Arbeit („Gezieltes Anheben des Mehrwerts durch noch geringere finanzielle Beteiligung der Arbeitnehmer nach Manchester II“), die er für die junge Frau verfassen sollte, war es, das ihn begeisterte; sondern die hübsche schwarzhaarige, mandeläugige (und so weiter, und so fort …), diese zierliche Asiatin selbst. Ihre gertenschlanke und filigrane Gestalt, die den durchtrainierten Körper bloß erahnen ließ … Auch ihr fast irgendwie ätherisches Wesen … Ihr Nichtauftreten beim Auftreten … Ihre – ach! (Er musste schlucken. Und trinken. Und auch der alte Tasche musste schlucken. Und trinken. Und erneut einschenken. Es folgte Flasche 2.)

Ach ja, Klaus war kenntnisreich auf dem Wirtschafts- wie auf dem Finanzsektor und intellektuell unterwegs (und auch als kleiner, ausgebeuteter Universitäts-Assistent durchaus in der Lage, zu erkennen, wo der Hase wie laufe), 38 Jahre alt, verheiratet; letzteres mit einer langsam verwelkenden Frau (ja, das müsse wohl auch einmal gesagt werden …, zumal Sylvia auch irgendwie nicht mehr soviel zu ihrer Instandhaltung beitrage, wie man hätte erwarten dürfen …) Und erst die Töchter, Renate und Aglaja: gekommen ganz nach der überspannten Mutter (ja auch das musste man …); anspruchsvolle Gören, nicht wissend, was sie noch alles aus dem geschundenen Vater herauspressen und -quetschen sollten. (Und dabei wollte er sich doch wenn überhaupt, dann nur mehr und ausschließlich von Tsi Jien-kee pressen und quetschen lassen; doch das verschwieg er dem Vater gegenüber quasi pietätvoll.)

Gewiss, er sei sich seiner verantwortungsvollen Rolle als Uni-Angestellter (mit Scheiß-Vertrag!) wie als Ehemann und Vater zweier heranwachsender Kinder durchaus bewusst; aber die Zeit blieb nun einmal nicht stehen …, auch seine nicht, verdammt! Könne der Vater das denn nicht verstehen?! (Nun, Vater Tasche konnte; er glaubte indes, sein Verstehen nicht allzu deutlich auszudrücken zu sollen … Zudem hatte er den Ruf des Griesgrams zu verteidigen [allein schon, um sich vor noch mehr intimen Herzausschüttungen wie diesen zu schützen]. Und Finanzer war er auch noch …!)

Der Alte bemühte sich um Contenance und eine gewisse Verbindlichkeit. Zudem hatten die beiden Männer schon eine beträchtliche Menge an Grauburgunder intus. Immerhin gelang es ihm, den stets sittenstrengen Grämling heraushägen zu lassen. Und Michael Tasche wusste jetzt zudem mit einem Mal, warum er dem Sohn den Platz zu seiner rechten Seite zu offerieren nicht leichten Herzens imstande gewesen war: Es hatte ihm an dem Wohlgefallen gemangelt, das Gottesvater an Gottessohn finden hätte müssen, wäre alles nach biblischem Plan abgelaufen.

Da hatten auch die Gugelhupfe, Creme-Schnitten und Malakow-Torten der Gottesmutter nichts zu ändern vermocht, die sie in ihrer karitativen Köchinnen-Denkweise hergestellt und verteilt hatte mit freigiebiger Hand … (Außerdem beneidete Michael Tasche seinen Sohn Klaus insgeheim um seine Konsequenz, für ein junges Weib alles andere aufzugeben.)

Aber –

Aber – er spüre halt noch einmal so richtig die Säfte in seinem ohnehin schon langsam vermorschenden Gestell steigen und die wilden Triebe pulsieren, versuchte sich Klaus, ebenfalls lägst vom südsteirischen Spitzenwein mehr als bloß beschwingt, immer wieder im Angesicht des alten Griesgram-Vaters zu verteidigen.

Nein! Schwarzarbeit, egal auf welch hohem, meinetwegen: akademischem Niveau auch immer, sei nun einmal eine Sauerei! Und seine Familie, die Frau und die Töchter (auch wenn er, Michael Tasche, sich weder aus Sylvia noch aus den beiden verzogenen Mädchen allzu viel machte [was er jedoch geflissentlich verschwieg]) womöglich im Stich zu lassen, stelle zwar weniger ein finanztechnisches, immerhin jedoch ein moralisches Vergehen dar! Auch so etwas gehöre sich ganz einfach nicht! Verdammt noch einmal!

Michael Tasche war nicht bloß vergrämt, sondern fuchsteufelswild. Trotz Grauburgunder-Wonne und Südsteiermark-Sonne im Glas.

Aber, klar doch, helfen werde er dem Sohn. Besonders steuerrechtlich würde er sich um Schadensbegrenzung bemühen. (Diskret freilich, diskret …)

Und wenn sich Klaus nicht doch noch von dieser asiatischen Schönheit losmachen könne, so werde er, Michael Tasche, auch hier nach Möglichkeiten sinnen. (Das gerade der alte grämliche Tasche den Ausdruck sinnen strapazierte, beweist, wie betrunken Vater und Sohn in der Tat bereits waren.)

Ja, und wie heiße die mandeläugige Schönheit mit dem Dissertations-Problem der „Mehrwertsteigerung“ denn nun, fragte der alte besoffene Tasche, der letzten Endes ja doch ein verkappter Romantiker war, seinen nun auch bereits ziemlich besoffenen Sohn Klaus?

Tsi Jien-kee, antwortete Klaus. Und er war vom Ausruf des Schreckens seines betrunkenen Vaters, der spontan auf die Nennung des Namens folgte, nicht nur überrascht. Er war alarmiert.

Und das zurecht.

Fortsetzung folgt!

Zufallsbekanntschaft

Während Michael Tasche einem der diensthabenden jungen Polizeibeamten auf der Wachstube den Fall seines beschädigten Pkw schilderte (was diesen allem Anschein wenig bis gar nicht zu interessieren schien), bemerkte er aus den Augenwinkeln heraus einen älteren Asiaten einen Tisch des Großraumbüros weiter im Gespräch mit einem anderen – anscheinend: höheren – Beamten. Doch nahm Tasche kaum Notiz davon. Er war griesgrämig wie gewöhnlich, depressiv wegen der Delle in seinem alten VW-Golf und überhaupt.

Wer es wissen möchte: Der Hongkong-Chinese hieß Huang Luo-uhn, war ein als äußerst gefährlich angesehener Mafiaboss (nun, welcher Mafiaboss, noch dazu ein angesehener, der ein wenig auf sich hielt, wäre wohl ungefährlich?!) und nebenbei auch noch – zumindest angeblich, doch was weiß man schon?! – der besorgte Großvater von Tsi Jien-kee, der Geliebten von Tasches Sohn Klaus (von deren Existenz der alte Tasche allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nichts wissen konnte, da der Besuch im Wachzimmer mit nachfolgendem Mittagstisch im Wirtshaus „Zur sonnigen Traube“ [wovon im Folgenden ausführlich die Rede sein wird] zeitlich wenige Tage vor dem Treffen mit Klaus und dem Grauburgunder stattgefunden hatte. – Ach ja, noch etwas zur Notiznahme des alten Chinesen durch Michael Tasche: Warum hätte sich der pensionierte Finanzbeamte mehr mit irgendeinem ihm unbekannten Chinesen, Japaner, Vietnamesen oder Koreaner beschäftigen sollen als aus den Augenwinkeln heraus? – Na, eben.)

Später dann, im nahen Wirtshaus „Zur sonnigen Traube“, wo Michael Tasche bevorzugter Weise sein gutbürgerliches Mittagessen einnahm – wenn er sich nicht ohnedies selbst ein mehr oder minder frugales Mahl zubereitet -, später in der „Traube“ also fiel ihm der alte (Augenwinkel-)Chinese allerdings erneut auf. (Gehen die nicht in chinesische, japanische, vietnamesische oder koreanische Lokale, die ihnen selbst gehören [oder der betreffenden Mafia, die sie vermutlich allesamt in irgendeiner Weise vertreten], dachte Michael Tasche. Und im ehemaligen Finanzbeamten stiegen wieder all die schlechten Erinnerungen hoch [wie Nebelschwaden über nächtlichen Gullys …:] an Geldwäsche im großen Stil, an Korruption sowie an Klein- und Großgaunereien et cetera, allesamt Relikte seiner Berufslaufbahn.)

Da jedoch gerade eine lärmende Gruppe junger Leute, lauter hiesige Pseudo-Punks übrigens, an den Tisch des zierlichen, weißhaarigen, bebrillten Chinesen drängte und der sich, einen lautlosen Hilferuf im Blick und einigermaßen gequält wirkend, an Tasche zu wenden schien, wies dieser einladend auf den freien Platz an seinem Tisch.

Und wäre der Asiate, der übrigens eine entfernte Ähnlichkeit mit dem UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon aufwies (besonders, was die geringe Größe betraf), etwa dem Roman Herbert Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ entstiegen, hätte er sich vermutlich folgendermaßen ausgedrückt, bevor es ans Setzen gegangen wäre: „Erlaubt der ehrwürdig-bärtige Mandarin in seiner selbst von fernen Urenkeln noch zu preisenden Gutmütigkeit sowie Langmut, dass ein nichtsnutziger Angehöriger eines fernen, zwergenwüchsigen Volkes die Luft um den herrlichen Tisch hier verschmutzt und sich hersetzt?“ (Somit hätten wir übrigens endlich auch etwas über Tasches Aussehen mitgeteilt; zwei Fliegen mit einer Klappe!)

Doch der angebliche Huang Luo-uhn verbeugte sich nur tief und setzte sich an Tasches Tisch. (Von Händeschütteln und anderen, allein schon aus hygienischen Gründen äußerst fragwürdigen abendländischen Ritualen wurde Abstand genommen. Man nannte lediglich die Namen.)

So schloss Michael Tasche, der meist griesgrämige Finanzbeamte in Ruhe, Bekanntschaft mit Huang Luo-uhn. Freilich ohne etwas von dessen nun tatsächlich mafiösen Verbindungen oder gar von seinem tatsächlichen Auftrag zu ahnen. Nur, dass der alte Chinese, angeblich ein erfolgreicher Autokonstrukteur in Ruhe aus Hongkong, über eine schöne Enkeltochter verfüge, der seine ganze Liebe gelte und die nun jedoch leider hier, in Graz, wohin sie als Studentin gereist war, arge persönliche Schwierigkeiten bekommen habe (weshalb er auch die Polizei aufgesucht habe [leider ohne Ergebnis, wie es aussah]), erzählte der Fremde ihm, dem plus minus Gleichaltrigen.

Ja, sie sei da in eine schlimme Sache geraten, seine Enkelin, sinnierte Huang Luo-uhn, währen er seine goldgefassten Brillengläser mittels seines hübschen Stecktuchs polierte, das in der Farbe mit der Krawatte korrespondierte, die der Alte zu seinem (zumindest für das Wirtshaus „Zur sonnigen Traube“) eine Spur fast schon zu eleganten dunkelgrauen Anzug ausgewählt hatte. (Der musste nach Maß gefertigt sein, dachte Tasche, indes ohne Neid. Die blankgeputzten schwarzen Schuhe hatte er noch gar nicht genauer betrachten können. [Sie stammten im Übrigen, wie der Anzug, aus London.])

Ja, seine Enkelin, die, wie gesagt, zu Studienzwecken hier weile, habe einen österreichischen Mann kennen gelernt. Um einiges älter als sie. Charmant. Aber – gefährlich. (Doch weniger der Umstand, dass von besagtem österreichischen Mann irgendeine Gefahr ausgehen könne, stimmte Michael Tasche nachdenklich, sondern vielmehr: Wie der Chinese das Wort gefährlich aussprach. Ja, das hörte sich gefährlich an …)

Dieser vermutlich wohlhabende Mensch, den die Enkeltochter da kennen gelernt habe, wolle ihr, so glaube das unschuldige (aber hochbegabte) Kind zumindest, bei ihren abschließenden Studien der Betriebswirtschaftslehre behilflich sein. Er, Huang Luo-uhn, befürchte jedoch vielmehr, dass der smarte Typ lediglich mit ihr schnackseln wolle. (Der Chinesen-Opa sagte tatsächlich schnackseln, und begründete dies damit, dass ihm dieses Wort schon vom Beginn seiner Bemühungen an, die deutsche [besser: die speziell österreichische] Sprache zu erlernen, besonders gefallen habe. Und das, seit er sich hier, quasi im Windschatten seiner schönen Enkeltochter, aufhalte. Es klinge so anmutig, und er grinste vielschichtig. [Ja, Chinesen können vielschichtig grinsen. Zumindest solche aus Hongkong!])

Michael Tasche wurde aus der Sache nicht so recht klug. Aber er empfand es als durchaus angenehm, vom alten Asiaten im Übrigen zu hören, wie sehr (unendlich!) dieser ihm dankbar sei für die so spontan geleistete Hilfe gegenüber der Horde lauter Pöbel-Jugendlicher (o ja, man kenne das Problem sehr wohl auch bei ihnen in China, besonders in Hongkong, wo er für gewöhnlich lebe). Und natürlich auch für den Platz an seinem ruhigen Tisch wolle er seinem österreichischen Retter (Huang Luo-uhn sagte: Retter, und nicht: Lettel!) in ganz besonderem Maße danken. Er stehe sozusagen für immer in des Fremden Schuld.

Noch etwas: Er, Tasche, möge es ihm nicht übel nehmen, aber im Allgemeinen gingen er, Huang Luo-uhn, und seine asiatischen Landsleute dem Kultur-Crash genauso gern aus dem Weg, wie es vermutlich auch die meisten Europäer hielten … Und Huang Luo-uhn lächelte vielverschweigend. (Zwischendurch erinnerte der alte Chinese Michael Tasche an ein Emoticon, ein Smiley. Zwar war er kein ausgesprochener Computer-Freak, doch hatte ihn seine Söhne, zu erst Klaus, dann sein jüngerer Sohn, Georg, vor Jahren schon mit den Segnungen des weltweiten Netzes bekanntgemacht. Wie Tasche auch im Amt die Umstellung, erst auf eine damals brandneue EDV, dann auf das Computerwesen insgesamt über sich hatte ergehen lassen müssen. Und im Zuge der Flut an Mails war er auch auf die [angeblich vom IT-Professor Scott E. Fahlman von der Universität Pittsburgh erfundene] eigenwillige Zeichensprache zum raschen Austausch von Emotionen in E-Mails gestoßen. Wenn er selbst es auch tunlichst vermied, diese komischen Zeichen zu verwenden, die ihm einerseits kindisch vorkamen, anderseits höchst suspekt waren …)

Zwar wunderte sich Michael Tasche ein wenig über die Redseligkeit des Chinesen (galten die Asiaten nicht eher als schweigsam und unergründlich?). Doch die Zeit, da er Herbert Rosendorfers, des kunst- und kultursinnigen deutschen Schriftstellers und Juristen, oben kurz erwähnten Roman „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ (München 1983) gelesen hatte, lag schon zu lange zurück, als dass er sich noch genauer an die Ausführungen, die spezifisch asiatische Art und Denkweise betreffend, hätte erinnern können. Lediglich an das permanente Missverständnis zwischen den Großnasen, wie die Asiaten angeblich Nicht-Asiaten nannten, und ihnen selbst, huschte noch, undeutlich oder verschwommen, durch sein Gedächtnis …

Der Leser Michael Tasche hatte damals überhaupt eine recht abrupte Abkehr vollzogen von manchen Lektüre-Gewohnheiten, erinnerte er sich – ebenso undeutlich oder verschwommen. (Zum Beispiel von Thomas Manns [auch syntaktisch anstrengender] Umständlichkeits- oder von Heinrich Bölls [irgendwann einmal als lähmend empfundener] Bekenntnis-Literatur zugunsten einer leichten Zuwendung hin etwa zu Günter Grass‘ launig-melancholischer Danzig-Nostalgie samt saftiger Nazi-Schelte; vor allem jedoch zum schier ehrfurchtgebietend allgemein-gebildeten, ja: universal-gelehrten Italiener Umberto Eco sowie zu den recht aufgezwirbelten US-Amerikanern John Irving und T C. Boyle. Da blieben dann bald darauf [fast notgedrungen] auch besagter Herbert Rosendorfer, aber auch Ingeborg Bachmann und Heimito von Doderer, Marlen Haushofer und Peter Handke – aus durchaus unterschiedlichen Gründen, von Desinteresse und Übersättigung bis purer Langeweile – auf der Lektüre-Strecke. Danach kamen überhaupt wieder neue Literatur-Impulse [etwa durch die amerikanischen Erzählerinnen und Erzähler Alice Munro, John Cheever und Raymond Carver, noch später durch Jonathan Franzen] hinzu; oder, besser: Sie lösten die bisherigen ab. Noch später, aktuell nämlich, vollzog sich gerade sogar überhaupt eine [erstaunlicherweise: recht erfrischend auf den alten Tasche wirkende] Rückkehr zu Goethe und Schiller. Und zur Romantik. China indes bildete weiterhin quasi einen weißen Fleck auf der Landkarte seiner Leseinteressen.)

Zwar wunderte sich Michael Tasche, wie wir oben schon andeuteten, ein wenig über die Redseligkeit des Chinesen (galten die Asiaten nicht eher als schweigsam und unergründlich?) Doch –

– nein, anders: Michael Tasche hätte, streng genommen, ja gar nicht sagen können, wie er sich das Verhalten eines Menschen, der aus Asien stammte, generell vorstellte. Auch wie Indianer oder Zentralafrikaner unter bestimmten Bedingungen oder in außergewöhnlichen Situationen reagierten, war ihm nicht bekannt. (Nicht einmal ihre Reaktion angesichts sogenannter gewöhnlicher, alltäglicher Gegebenheiten kannte er …)

Sogar mit den Vertretern slawischer Völker, auch solchen, die Österreich benachbart waren, hatte er nicht selten (allerdings: beruflich, als Finanzbeamter) Probleme gehabt, besonders – wenn es ans fiskalisch Eingemachte gegangen war … Von Armeniern, Türken und Afghanen ganz zu schweigen … Nun, und wie es um die bedauernswerten Syrer stand, die zu Hunderttausenden nach Europa strömten? Wer konnte das schon sagen?

Der alte schmaläugige Herr hier schien jedenfalls Vertrauen zu ihm gefasst zu haben (was besonders dem Finanzbeamten in Tasche schmeichelte). Auch wenn er sich statt für den Weißwein – der Sauvignon blanc des „sonnigen Trauben“-Wirts Erwin Seethaler war nicht zu verachten! – dann doch lieber für den Grünen Tee entschieden hatte. (Tasche war erstaunt, dass Seethaler so etwas wie Grüntee überhaupt im Sortiment hatte … Tasche würde sich indes noch über mancherlei wundern in dieser Geschichte …)

Zwar hatte die vermeintliche Zufallsbekanntschaft den Weißwein verweigert; das knusprige Schweineschnitzel (ein originales Kalbs-Wiener gab es hier freilich nicht …) und den pikant abgemachten gemischten grünen Salat mit Erdäpfeln und Käferbohnen (sogar mit Kernöl!) stießen indes durchaus auf die kulinarische Genussbereitschaft Huang Luo-uhns. Und Tasche erschien es immerhin positiv, auch im vermeintlichen Zufalls-Chinesen keinen Jünger des von ihm durchwegs angelehnten Convenience-Food fürchten zu müssen …

So gingen das angeregte Gespräch – der Gast aus Hongkong sprach ein erstaunlich pannenfreies Deutsch! – und die Stunden dahin. Es war interessant, obwohl es überhaupt nichts mit dem von Mark Twain (Samuel Langhorne Clemens) beschriebenen Disput von anno 1883 zwischen ihm, Twain, dem damaligen chinesischen Gesandten in Washington, einem gewissen Yung Wing, und dem gewesenen amerikanischen Präsidenten, dem ehemaligen Unions-General Ulysses Simpson Grant (einem Republikaner übrigens) zu tun hatte.

Das Gespräch mit Grant, das sich in Twains „Geheimer Autobiographie“ findet (und entsprechend dem Testament des geistreichen amerikanischen Schriftstellers und Satirikers erst hundert Jahre nach seinem Tod [somit: im Jahr 2010] hatte veröffentlicht werden dürfen) drehte sich um potenzielle Eisenbahn-Bauvorhaben der Amerikaner in China. Und hat, wie gesagt, mit der vorliegenden Geschichte nichts zu tun.

Egal. Jedenfalls: Als Tasche einmal kurz auf seine Armbanduhr sah, was ihm schon etwas weniger leicht fiel als noch vor einiger Zeit, zeigte die kurz nach 16:00 Uhr an. Allerhand, dachte der Ex-Finanzer. (Spät erst merkte Tasche, dass ihm sein Tischnachbar langsam aber sicher wie eines der lustigen gelben Emojis vorkam. Und die Wandlung vom alten Hongkong-Chinesen über das E-Mail-Smiley zum Computer-Bildchen war immerhin bedenklich. [Auch wenn Michael Tasche nichts Genaues davon bemerkte.])

Freilich, dass es sich bei all dem, was da im leicht abgesandelten Gasthaus „Zur sonnigen Traube“ heruntergespult wurde, um ein abgekartetes Spiel, schlichtweg um Fake, handelte – einschließlich der pöbelnden Jugendlichen und des Grünen Tees –, konnte Tasche nicht ahnen. Naturgemäß auch nicht, dass sein alter Bekannter, der meist leicht, mitunter durchaus auch schwer illuminierte Wirt Erwin Seethaler, darin voll involviert war. Samt Personal, Pseudo-Punk-Jugend et cetera. (Sie waren eben alle käuflich …)

Auch dass irgendeine chinesische Mafia ihn, Tasche, lange schon vor dem zufälligen Zusammentreffen auf der Polizei-Wache, observiert hatte, vermochte sich kein (noch so vorsichtiger und mit allen Wassern gewaschener) Ex-Finanzbeamter vorzustellen.

Außerdem: Wozu der ganze Zinnober? Wer war er – und wozu sollte man sich die Mühe antun? Nein – nein – – –

Immerhin, der freundliche Chinese machte sich erbötig, den neuen Freund, der merkbar nicht mehr auf sicheren Beinen mehr dahin-wankte, als das er geschritten wäre, nach Hause zu begleiten. Und so kam es, dass Tasche sich letzten Endes vornahm, sein Bild von Chinesen und anderen Ausländern, zumal von asiatischen, zu überdenken. (Das sollte er im Verlauf des weiteren Geschehens in dieser Geschichte übrigens noch einmal tun.)

Fortsetzung folgt!

Verstimmungen

Im Leben des gewieften Ghostwriters akademischer Abschlussarbeiten und universitären Finanzexperten (leider immer noch auf eher mickrigem Assistenten-Niveau) Mag. Dr. oec. rer. Klaus Tasche blieb bald nichts mehr, wie es einmal gewesen war. Und er selbst schrumpfte alsbald zum zittrigen Nervenbündel. Ja, er machte mehr den Eindruck einer knapp vor dem endgültigen Aus befindlichen Spinne (vielleicht auch eines [wodurch und wovon auch immer] letal betroffenen Weberknechts?!) oder einer schon um Stunden überständigen Eintagsfliege, um es biologisch-bildhaft zu beschreiben, als eines alerten Jungwissenschaftlers und Betriebswirts mit all den Chancen seiner ausbaufähigen Disziplin.

Nichts deutete mehr darauf hin, dass sich, wie noch vor wenigen Wochen, in und mit ihm (quasi im Kleinen) die globale merkantile Welt, das Finanz- und Börsenuniversum (im Großen) verwirklichen hätte können. Nein.

Klaus sah für sich selbst mit einem Mal kaum mehr einen Platz im wirtschaftlich durchsonnten Rhythmus eines gleich trügerisch wie glaubhaft als ewig angekündigten – und Evangelien-gleich offenbarten -, niemals mehr stockenden Wirtschaftskreislaufs. Eines Kreislaufs, der (nach glücklich überstandenen temporären Stockungen in den letzten, diesen [zugegeben] global ein wenig schwächelden Jahren) nun umso kräftiger anziehen und erneut in Schwung kommen würde wie ein gut geölter, mit optimalem Kraftstoff ausreichend versorgter Motor. Ein Ewigkeitsmotor des Fortschritts.

Der Aufschwung, jetzt also: der endgültige, der starke, ein Aufschwung, der seinen Namen endlich wieder verdiente, der die vormalige kleine Schwäche endgültig wettmachende also, er würde bald schon kommen. (Auch wenn die Anzeichen, zugegeben, dies vielleicht nicht ganz so überzeugend vermittelten. [Man müsse hier diverse, sozusagen: außerbürtige Parameter berücksichtigen, die man früher vielleicht – besonders in ihrer Börsen-Bedeutung – noch nicht genug exakt einzuschätzen in der Lage gewesen sei …, und überhaupt und außerdem …])

Klaus ging das eine um das andere Licht auf. War es nicht das, was sie alle, sich brav in die eigene Tasche lügend, stets gepredigt hatten [für gutes Honorar, versteht sich]? Sie alle, die Wirtschafts- und Finanz-Kapazitäten, zum Beispiel: sein konsulentisch international so überaktiver Chef, Prof. DDr. MMag. Haberkorn?!)

Nein. Klaus Tasche glich keinem wieder in Schwung kommenden Motor.

Klaus Tasche schien am Ende zu sein. Ja, er war mutiert zum berühmten Sand im Getriebe.

Und auf diesem Sand war er auch. Zumindest gefühlter Maßen.

Er versuchte Tsi Jien-kee zu erreichen. Doch nichts. Weder per Mobiltelefon, über Mail oder sonst wie. Es herrschte unkstille. Und das verunsicherte ihn nun doch noch mehr als alles andere. (Nicht dass er sich von ihrer Seite etwa Hilfe erhofft hätte, nein; aber immerhin mentale Unterstützung. Und zumindest wieder einmal schön vögeln hätten sie können …)

Aber – Funkstille.

Von wem auch immer seine Frau Sylvia etwas von seiner Affäre mit der schönen und jungen, mandeläugigen Hongkong-Chinesin Tsi Jien-kee erfahren haben mochte (von Vater Tasche doch wohl kaum?!), Sylvia gebärdete sich jedenfalls furiengleich. Und auch die Töchter Renate und Aglaja, zudem voll im Rausch ihrer hormonellen Entwicklung und vom Charakter her ohnedies völlig handelseins mit ihrer Mutter, fuhren unisono ihre Stacheln gegen ihn aus.

Plötzlich schien überhaupt die ganze Welt eingeweiht zu sein in die leidige Sache. (Wenn er manchmal und trotz aller sich rasch einstellender Larmoyanz einigermaßen klar dachte [was, zugegeben, nur selten vorkam], verwünschte er sich und seine Leidenschaft. Außerdem hatte er inzwischen einige andere Asiatinnen gesehen, die mindestens so mandeläugig, gertenschlank und schön waren war diese Tsi Jien-kee, und noch dazu noch jünger … Also, was sollte es? Musste er unbedingt sein Leben an sie, an Tsi, binden? Hieß sich binden nicht auch immer: sich verschwenden? – Ach, könnte er doch einfach verschwinden!)

Schwester Natascha, die sich sonst kaum innerfamiliär engagierte, und ihr Mediziner-Mann Herbert, aber auch Georg, der ein wenig absonderliche jüngste Bruder, quatschten plötzlich und aus scheinbar heiterem Himmel zusätzlich Unsinn. Georg übrigens, indem er das Gespräch auf eine hübsche Taiwanesin namens Xili Vaun-guu brachte, die just ihm, Georg, angeblich unlängst schöne Mandelaugen gemacht habe …

Ganz zu schweigen von seinem Vater, der nach ihrem Gespräch, gemeinsam mit dem Grauburgunder, nunmehr auch glaubte, Klaus von der Weiterführung des asiatischen Experiments, wie er es sinnigerweise nannte, abbringen zu sollen. (Auch wenn Michael Tasche sein Zusammentreffen mit Tsis besorgtem Großvater, mit Huang Luo-uhn also, nicht dezidiert erwähnte, es musste da irgend ein Ereignis gegeben haben, glaubte Klaus, das den sonst eher introvertierten, an Familiensachen weitestgehend uninteressierten griesgrämigen Vater nun zu soviel Empathie in dieser, seiner Angelegenheit veranlasste!)

Außerdem: Klaus Tasche erhielt (auf den Büro-Computer im Institut der Universität, auf den Laptop daheim und auf sein Smartphone) bösartige E-Mails en masse: Drohungen, Verwünschungen, Forderungen und Beschimpfungen. Auch schleimige Angebote. Und: Erstaunen über Erstaunen! Da trudelten auch Unterstützungserklärungen aus allerlei mehr als bloß diffusen Quellen ein:

Niemand ist allein, hieß es etwa i einer E-Mail, und auch diese neue Gelbe Gefahr wird zu überwinden sein! Kopf hoch! Mental und ideell und mit Gottes Hilfe schaffst du das, Bruder! Schick daher fürs erste einmal 10.000 Euro an die oben angegebene Adresse …

Wir glauben an den Sieg des Guten! So lautete eine andere der widerlichen, weil bloß vordergründig Hoffnung spendenden Botschaften. Mit 5.000 Euro, eingezahlt auf dem oben angegebenen Konto, bist du dabei – bei der Rettung der Welt und bei deiner eigenen!

Du hast Angst? Wir nicht, so lautete die Botschaft einer anderen Zuschrift, denn wir wissen, wie man Abhilfe schafft! 20.000 Euro, an obige Bankadresse überwiesen, und du bist alle deine Sorgen los!

Gleichzeitig füllten alle möglichen Erlagscheine und Zahlungsaufforderungen sein mit einem Mal beinahe überquellendes privates Brieffach. Die Ansuchen und Quasi-Befehle, Zahlungen zu leisten, kamen zwar von verschiedenen Adressen; aber der Tenor einte sie, nämlich Spenden einzuzahlen, und das möglichst rasch. Für (oder gegen) alles.

Am seltsamsten indes kam es ihm vor, dass immerhin auch einige Botschaften von der Polizei dabei waren, halbwegs verschlüsselt und inhaltlich eher irritierend.

Und, man höre und staune!, vom Verfassungsschutz gab es da ein paar unverständliche Aufforderungen (oder Unterlassungsvorschläge, Hilfsangebote …, wie auch immer).

Die ganze Welt schien sich mit einem Mal um ihn, um Klaus, zu sorgen. (Oder es auf ihn abgesehen zu haben … Wie auch immer.)

Nur von Tsi Jien-kee her gab es nichts außer Funkstille. Schon seit Wochen. Funkstille.

Die hübsche Hongkong-Chinesin war wie vom Erdboden verschluckt.

Und gerade die Stille, die Funkstille, hätte er sich viel mehr von Noch-Ehefrau Sylvia und den Gören Renate und Aglaja erhofft. Doch – nein! Es war klar: Sie ahnten etwas, sie merkten, dass da etwas im Busch war. Und sie führten gerade deshalb ihren Nervenkrieg unerbittlich und zielstrebig weiter. Kampfmaschinen à la Terminator würden in ihrem Angesicht rot werden vor Scham oder gänzlich verblassen, je nach Temperament und Baujahr.

In seiner Not steckte Klaus Tasche den USB-Stik mit seiner Habilitationsschrift in seinen Home-Computer. Erst las er, nicht ohne Wohlgefallen. Dann griff er zum Mobiltelefon und drückte ein paar wichtige Nummern.

Fortsetzung folgt!

Herzschaden

Ursprünglich sollte hier ein Kapitel über Georg, den angeblich so strebsamen, doch an lauter, lärmender und oberflächlicher Gesellschaft wenig bis gar nicht interessierten jüngsten Sohn Michael Tasches folgen. Nun ist es jedoch – ausgefallen. Der Autor hat nämlich nach einigem Hin und Her-Überlegen darauf verzichtet, es zu schreiben. Allerdings fand er den Kapitel-Titel Herzschaden für zu schade, gar nicht verwendet zu werden. Aber das Kapitel als solches ist, zugegeben, eher kurz ausgefallen. Eben – ausgefallen.

Fortsetzung folgt!

Der Tod eines Schlitzauges

Sogar für einen zurecht als zurückhaltend geltenden und in seinen Emotionen durchaus gezügelten Chinesen mag manche Überraschung denn doch eine gewaltige sein. Da betritt der alte, bis auf die Haarfarbe ein wenig an den in Maßen sogar verdienten UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erinnernde Huang Luo-uhn also die rechte Liftkabine im Hochhaus der Gloria-Versicherung in der Nähe des Hauptbahnhofs. (Die linke ist übrigens gesperrt, und ein Schild verkündet: Außer Betrieb!) Und da steht Huang Luo-uhn urplötzlich – sich selbst gegenüber! Zumindest ist da ein anderer alter Asiate, Hongkong-Chinese wie er (wenn er denn überhaupt ein solcher ist?!), ebenfalls im gut sitzenden, grauen Maßanzug und sogar mit ähnlicher Krawatte plus Stecktuch. (Nun, so etwas auch!)

Die schier zwillingshafte Ähnlichkeit ist frappant. Huang schaudert zurück. Doch starke Arme, auslaufend in ebensolche, schraubstockartige Hände, die seitlich an zwei schwarzgekleideten Body-Guards (denen schon eher etwas Kleiderschrank-Artiges eignet) angebracht sind, halten ihn zurück. (Keine Angst, es sind durchtrainierte junge Männer ohne merkbare Gefühlsregungen. Und mit Sicherheit gehören sie nicht zur Grabwächter-Armee aus dem berühmten Mausoleums des Qin Shi Huangdi aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert; denn dann wären sie ohne Zweifel auch nicht so gut in Form und in Schuss, wie sie nun einmal tatsächlich und nachprüfbar sind.)

Kurz: Jede Bewegung für den einen der beiden alten Herrn ist so ausgeschlossen.

Aha. So sehe man sich also wieder, eröffnet Huang Luo-uhn II das Gespräch.

Seine Stimme klingt scheppernd. („Meine Stimme kling scheppernd …“, sagt er zudem, Huangs I. Eindruck bestätigend. Seine Stimme kling scheppernd, denkt Huang I. nochmals, seine Überlegung und des anderen Aussage überdenkend. Und: Also muss wohl der da der Klon sein … Oder der Roboter, wie auch immer …- „Nein. Du bist es, du bist der geklonte Roboter!“, denkt Huang II. [Was indes falsch sein dürfte.])

Also – nicht … ich?! (Das denkt jetzt – wer?!)

Sie sehen, es wird hier allem Anschein nach überhaupt anders kommuniziert: Man bedient sich einer neuen, sozusagen interaktiven Semantik, die auf der Basis des Gehirnstromaustausches und einer Reihe von Phänomenen beruht, deren Entschlüsselung erst die (grundsätzlich noch auf das Äußerste geheimgehaltene) jüngste Quanten-Forschung ermöglicht hat. Und um die, nebenbei bemerkt, global gerade ein erbitterter Kampf zwischen diversen Geheimdiensten, divergierenden Richtungen innerhalb der internationalen Netz-Mafia und auch der offiziellen Politik in Ost und West tobt. Darin angeblich prominent involviert: Huangs vorgebliche Enkelin Tsi Jien-kee, die in Wahrheit eine hochrangige Spionin ist, direkt instruiert, autorisiert und hier her, nach Österreich, dienstverpflichtet direkt vom rot-chinesischen Zentralkomitee … [Wenn diese Information – oder wenigstens Teile davon – sozusagen wasserdicht ist; und das ist selbstredend längst noch nicht erwiesen …])

Dann sprechen die beiden Chinesen, der echte und der auf mehrfache Weise falsche, über die alten Zeiten. Nein, nicht von der Ming-Dynastie und von alten Kaiserreichen; dazu wäre das Hochhaus sogar für die neue, beinahe zeitunabhängige Kommunikationsmethode zu niedrig. Immerhin denkt man gemeinsam an die Abspaltung Taiwans unter Chaing Kai-shek und mit Hilfe der Reste seiner Guomindang-Regierung, natürlich an Mao Tsetung und dessen legendären Langen Marsch, aber auch an die Kulturrevolution und, leicht sentimental: an Maos Rotes Buch, die sogenannte Mao-Bibel

Kurz: Mindestens zwei Chinesen mit einem ganzen Reservoir an Erinnerungen; aber ohne Kontrabass. (Wie in der hebräischen Form des Kinderliedes, wo es auch zwei sind statt der bekannten drei.)

Doch keine Angst, wird machen jetzt nicht alle Vokale und Diphtonge durch: Dra Chanasan mat dam Kantrabass …, Dro Chonosen mot dom …, wie es in besagtem Kinderlied und -spiel des – laut Wikipedia – 20. Jahrhunderts so schön heißt.

So diskutieren sie, werfen stumm (sogar für die Bodyguards unhörbar und unverständlich), doch lächelnd, mit Zitaten von Mao Tsetung (auch: Mao Tse-tung, Mao Zedong) und solchen des Konfutse (Konfuzius) um sich, dass es eine Freude ist:

Von ferne noch schaue ich auf mein Land Lu …

Kannst du eine Frage nicht lösen?

Das Gue-Gebirge verbirgt es meinen Blicken.

Das Volk und nur das Volk ist die Triebkraft, die die Weltgeschichte macht.

Meine Hand ist nicht mit einer Streitaxt bewehrt.

Den Schöpfermassen wohnt eine unbegrenzte Schöpferkraft inne.

Et cetera, pp.

Doch dann, auf ein Handzeichen von Huang II. (oder doch I.?!) hin, eröffnen die Gorillas plötzlich das Feuer aus ihren schallgedämpften Revolvern der Marke Klock. Beim nächsten Lift-Halt zerren sie einen der alten Asiatenen, natürlich den toten, aus der Kabine. (Zuvor haben sie ihn in Windeseile in eine Plane gewickelt und das Blut aufgewischt.)

Der andere Chinese nickt befriedigt, während er noch allein drei Stockwerke nach oben fährt, den Aufzug dort halten lässt und aussteigt. In aller Seelenruhe, wie es scheint.

Dann wendet er sich nach links, also: einer der beiden Huang Luo-uhns – wenn man nur wüsste, welcher … – wendet sich nach links, hin zur Restauration.

Dort wartet schon Tsi Jien-kee auf ihren verehrten angeblichen Großpapa. Auch der besondere Grüne Tee ist schon in Auftrag gegeben.

Übrigens: Tsi Jien-kee (wie sie sich zurzeit nennt) bringt uns auf die Frage, ob man mit Modespionage – und besonders in China – denn gar so viel Geld machen könne. – Nun, man kann. Vor allem, wenn das angeblich Exklusive in zunehmendem Maß èn masse verhökert wird. Und wer, wenn nicht die Chinesen, böte die optimale demoskopische Voraussetzung dafür? (Anders mag es sich zum Beispiel in Indien verhalten, wo das Kastenwesen eine modische [oder auch nur pseudo-modische] Tendenz beinahe automatisch erschwert oder sogar ausschließt.)

Aber Millionen und Aber-Millionen Chinesen wandeln, in Millionen von grauen, blauen oder schwarzen Anzügen und Kostümen gehüllt, in den Millionenstädten einher nach einem strengen, von der Millionen-Partei festgelegten Programm: uniformiert uninformiert zumeist, doch längst nicht mehr gekleidet bloß: in Maos ideologisch zwar aufgeladene, ansonsten jedoch wenig elegante Billigstoffe im öden Einheitsschnitt.

Nein, auch für das Reich der Mitte gilt längst, was das abgespaltene Taiwan Jahrzehnte schon vorgemacht hat: westliche Eleganz. Wenn auch meist in aller spät-kommunistischen Dezenz.

Und – warum nicht? – gestohlen, ausspioniert und nachgeahmt?

Übrigens: Der Autor dieser Geschichte (wie auch der alte Tasche), ein eingefleischter Romantiker, hat – voll seliger Beklommenheit (sic!) – den Moment genossen, da es nicht eruierbar erschienen ist, welcher der augenscheinlich zwei Huang Luo-uhns denn nun tatsächlich hier seiner vorgeblichen Enkelin Tsi Jien-kee vis à vis sitzen wird an einem der kleinen geschmacklosen Tischchen im Gloria-Turm.

Dann freilich entzaubert eine Erkenntnis die (vielleicht an E. T. A. Hoffmann gemahnende) Szene: Ist die Mode-Spionin Tsi Jien-kee – denn als solche wird sie sich ohne Zweifel letzten Endes zu erkennen geben müssen, egal ob ihrem angeblichen Großvater Huang Luo-uhn gegenüber oder Klaus Tasche, dem alten Tasche oder wem auch immer (womöglich auch nur dem Autor und der Leserschaft) -, ist sie also tatsächlich mit überhaupt jemandem verwandt, den wir in dieser Geschichte bis dato kennen gelernt haben? Oder ist auch sie bloß ein Klon? (Wenn ja, dann: von wem?!) Oder – bloß eine quanten-kinetisch-semantische Vorstellung (zugegeben: von beinahe an die Herstellung von Identität schrammender Imitationskunst gestaltet und wirklich beachtenswert gut gelungen! Bravo!)? Und in welcher Sparte spioniert sie eigentlich, die vorgebliche BWL-Studentin, die nicht nur ihrem Ghostwriter und angeblichen Geliebten, de Assistenten Dr. Mag. Klaus Tasche, gegenüber, mindestens ein doppeltes Spiel gespielt hat, bisher?

Egal, ob es nun Huang Luo-uhn zwei-, dreimal oder darüber hinaus noch-mehrmals gibt, ob Tsi Jien-kee ein Unikat ist oder nur – nochmals zugegeben: großartig angefertigte – Dutzendware (also nicht Haute Couture, sondern beinahe täuschend perfekt hergestellte Konfektion): Alles das ändert im Grund genommen nichts daran, dass es hier insgesamt um ein Riesengeschäft gehen muss. (Womit, das scheint dann ohnedies weiter ohne Belang zu sein. [Waffen, Kommunikationsmittel, Daten, pharmazeutische Formeln der Kosmetik, Mode …]).

Und: Sogar der Umstand, allenfalls mehrmals vorhanden zu sein, ändert am Schicksal der Betreffenden (Huang Luo-uhn, Michael, Klaus sowie Georg Tasche, Tsi Jien-kee et cetera) kaum etwas. Sogar bereits öfter auf der Welt gewesen zu sein, wäre eine weitere Option. Denn: Wer schon öfter gelebt hat, verfügt auch quasi automatisch über die Chance, über eine Art Bonus, öfter zu sterben.

Und das Ende?

Nun, das Ende kann, muss aber nicht, Gram sein.

Tasches Gram. Oder sonst irgendjemandes.

Auch das ist letztlich ohne Bedeutung.

Fest steht nur, dass so gut wie jeder – auch der ansonsten kaum irgendwie besonders interessante, später, am Ende dieser Geschichte dann, einsam durch die herbstlich-nebelige Fahlmondnacht streifende Durchschnittschinese (mitsamt seinen, ihm mehr oder weniger unverständlich bleibenden Erlebnissen mit den wunderlichen Großnasen) seine Aufgabe zu erfüllen und seiner Funktion möglichst gerecht zu werden hatte. Vom uninteressierten Polizeibeamten auf der Wachstube bis zu den (bezahlter Weise) pöbelnden Jugendlichen im Gasthaus „Zur sonnigen Traube“ samt dem (ebenfalls gedungenen) Wirt Erwin Seethaler, bis zu den gefühlsneutralen, muskelbepackten Bodyguards des auch schon recht gut gelungenen Edel-Klons Huang Luo-uhn II … Ja, ein jeder musste, wie im Kapitalismus (aber auch in marxistisch beeinflussten Systemen) üblich, auf seinem zugewiesenen Posten verharren; respektive entsprechend der ihm zuvor zugewiesenen Rolle agieren.

Denn nur Verharren bürge für Fortschritt, glaubte man zumindest an ein quasi ehernes Gesetz. (So etwas braucht man ebenfalls überall.)

Also bitte: Weiter! Weitermachen mit dem Stehenbleiben! Weiter! Herrschaften! Immer weiter! Weiter! Weiter!

Pardon, aber auch das soll einmal gesagt sein.

Tsi Jien-kee, die ihrem angeblichen Großvater (besser gesagt: dessen semantisch-kinetischen Quanten-Klon) immer noch mit halbgesenktem Blick aus ihren herrlichen, dunkelbraunen, mandelförmigen Augen zulächelt, merkt bald, dass dieses spezielle gschmack- wie farblose Gift schon zu wirken beginnt, das sie dem Alten in den Grünen Tee zu applizieren befohlen hat. Denn dass der Alte hier nicht ihr Opa ist, das hat die modisch überaus affine junge Frau sofort erkannt: Immerhin ist sie international, noch dazu mit überaus großem und anhaltendem Erfolg, im Bereich der gehobenen Modespionage tätig. Und dieser Anzug da, den der Alte vor ihr hier trägt, ist eine gute, doch nicht überzeugende Imitation rotchinesischer Herkunft; keineswegs jedoch einer von Opas eleganten Maßanfertigungen aus London. Von den Schuhen ganz zu schweigen. (Zugegeben, auch der andere Huang Luo-uhn, den die Bodyguards im Lift kaltgemacht haben, ist in Wahrheit nicht Tsi Jien-kees Großvater. [Und sie heißt auch nicht Tsi Jien-kee, sondern – – – ach, egal.])

O ja, jetzt würde der Computer-gesteuerte falsche Opa (aber auch der angeblich echte, der – wie angedeutet – seinerseits wiederum ebenfalls ein falscher solcher ist, er wäre der Prozedur des stark giftigen Getränks nicht gewachsen!) bald in sich zusammensinken und kurz danach dahin sein. Blöde lächelnd. Wie echt eben.

Sie entschuldigt sich dezent und nickte der zukünftigen Leiche zu, entschwindet indes auf den leisen Sohlen ihrer sündteuren Modellschuhe aus Paris in Richtung Toiletten.

Fortsetzung folgt!

Schade!

Ja, so weit ist also die Geschichte rund um den Griesgram Michael Tasche gediehen. Doch einige Fragen scheinen immer noch offen zu sein. Warum, zum Beispiel, hat sich die junge, hübsche und mandeläugige Tsi Jien-kee überhaupt mit Klaus Tasche eingelassen? Denn wirklich geliebt scheint die berechnende Modespionin ihn, den Universitätsassistenten mit geringen Aufstiegschancen und taffen Schreiber fremder akademischer Abschlussarbeiten, doch eher nicht haben. Und was passiert mit ihr? Und was mit ihm?

Nun. Das Bestreben der vorgeblichen Tsi Jien-kee, dieser raffinierten jungen Hongkong-Chinesin (die in Wahrheit ohnedies aus Taiwan stammt), ging in erster Linie dahin, von ihrer Modespionage abzulenken. Zudem galt es auch, den aufdringlichen Huang Luo-uhn (der, wie bereits erwähnt, nicht ihr Großvater war) abzulenken beziehungsweise auszuschalten. Sie hatte den alten Knaben nämlich stark im Verdacht, in führender Position irgend einer der rivalisierenden chinesischen Mafias anzugehören. Und von denen trieben sich seit geraumer Zeit schon weltweit genug herum. (Zumindest hatten sie die Russen-Mafia zahlenmäßig längst bei weitem überholt.)

Ob sie nun den echten Huang Luo-uhn (wie hätte der in Wirklichkeit wohl geheißen?!) oder eine Kopie beseitigte, war ihr zudem ziemlich egal. Dass nun der Roboter-Huang den anderen erschießen (oder sonst irgendwie verschwinden) hatte lassen, passte zudem ganz gut in ihr Konzept. Und um den nunmehr ausgeschalteten Klon würde schon gar kein Hahn krähen.

Wie übrigens auch um ihren verliebten Uni-Assistenten und Ghostwriter. Denn Klaus abzuservieren, das hatte sie ohnedies als nächsten Schritt geplant.

Jetzt? Jetzt machte sie sich auf – nach Mailand.

Dort erwartete man die asiatische Schönheit aus der Modebranche schon heiß.

Nun etwas Erfreuliches. Klaus hatte schon lange seine auf Karl Marx basierende Habilitationsschrift – sinnigerweise betitelt: Neuer Blick auf die politische Ökonomie unter Berücksichtigung des Produktionsprozesses des Kapitals – fertig geschrieben. Und endlich war sie approbiert worden. Und auf Empfehlung seines Langzeit-Chefs, des Ordinarius MMag. DDr. oec. etc. Gerfried Matthias Haberkorn, der seinerseits eine überaus ehrende Berufung nach Cambridge erhielt, folgte Klaus Tasche nunmehr einer Einladung, einen gerade vakanten Lehrstuhl in Minnesota (oder Minneapolis? – Egal) zu übernehmen. Somit bedurfte er auch des Schwarzgeldes nicht mehr, das ihm seine akademische Schreibarbeit, das Erstellen fremder Dissertationen und Diplomabhandlungen, früher eingebracht hatte. (Und worunter zuletzt besonders sein alter Vater mental zu leiden gehabt hatte, als gewesener Finanzer …)

Ein Neustart!

Schwester Natascha wurde just zur gleichen Zeit von ihrem Arzt-Gatten Herbert schwanger, sodass der kleine Kevin endlich das (von seinen Eltern) schon so lange ersehnte Schwesterchen, Chantal, bekam.

Sylvia übersiedelte (kurz nach der rasch und erstaunlich unkompliziert erfolgten Scheidung von ihrem ungetreuen Ehemann Klaus und seinem überraschendem Abgang in die USA) ebenfalls. Bei ihr fiel die geographische Distanz allerdings nicht ganz so weit aus: Sie wechselte bloß zu ihrer Jugendliebe, dem inzwischen verwitweten Cousin Vinzenz Ahorner, einem erfolgreichen und wohlhabenden Pharmazeuten und Biologen, nach Hamburg-Blankenese. Warum? Weil der, über die erfolgte Scheidung seiner dereinst innigst verehrten und heißest geliebten Sylvia (durch irgendwelche Familienmitglieder) informiert, kurz entschlossen seine zweite Chance einforderte!

Vinzenz war vor Jahren nach Norddeutschland gezogen und hatte mit seiner ersten Frau, Corinna, auch gleich eine gutgehende, große Apotheke (in Familienbesitz der Rotzolls, wie seine Frau mit Mädchennamen geheißen hatte) in der Rissener Landstraße, zentral in Blankenese, übernommen. (Wen es interessiert: Die Rotzolls waren unter anderem auch mit der vor Jahren [nicht nur durch ihre eminente Mitwirkung an Edgar-Wallace-Krimis] sehr bekannten Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt verwandt.) Jetzt, nach dem Flugzeugabsturz, bei dem seine Gattin ums Leben gekommen war, schaltete und waltete Cousin Vinzenz nach Gutdünken in der prominenten Apotheke mit piekfeiner Klientel, die sich hauptsächlich aus dem vornehmen Stadtteil Hamburgs rekrutierte. (Ach ja, noch etwas Anekdotisches: Der Komponist Johannes Brahms hatte im Sommer 1861 gemeinsam mit Clara Schumann im Haus Brandts Weg Nr. 3 einen Tag zugebracht … [Das weiß zumindest Wikipedia.] Na?!)

Und dann noch etwas: Der begeisterte Tennis- und Golfspieler Dr. Vinzenz Ahorner war außerdem ein leidenschaftlicher Züchter von Molchen, Olmen, Fröschen und anderen Amphibien, darunter auch des originellen mexikanischen Axolotl. Von diesen interessanten Tieren besaß er eine erkleckliche Anzahl – sogar selbst nachgezüchteter – Exemplare, die seinen ganzen Biologen-Stolz ausmachten. (Außer, nunmehr: Sylvia und ihren Töchtern …)

Ja, der Axolotl. Da dieser erstaunliche Schwanzlurch (wissenschaftlich: Ambystoma mexicanum) sein ganzes Leben im Larvenstadium zubringe und folglich nicht metamorphisiere, müsse man, erklärte der Neue an Mutters Seite seiner Sylvia und den von den kuriosen Gesellen ebenfalls sofort faszinierten Töchtern Renate und Aglaja, bei der Zucht unter Laborbedingungen immerhin einige besondere Vorkehrungen treffen. Das sei nicht ganz so einfach wie bei – Salamandern oder Grottenolmen … Insgesamt erwies sich die Aufzucht der lustigen Querzahnmolche indes weniger als heikle denn vielmehr als interessante Angelegenheit.

Jedenfalls verschauten sich Sylvias Töchter aufs erste Hinsehen in die blassen, albinotischen, aber auch in die dunkelgrauen Gesellen, deren Stammterrain ein spezieller See in der Nähe von Mexico City ist. Und sie waren fasziniert davon, was diese Tiere alles konnten: So stellen sie zum Exempel verletzte oder abhandengekommene Gliedmaßen und Organe (sogar Teile des Hirns und des Herzens) wieder her und regenerieren sie ohne Probleme.

Ja, hier hatten die wenig geselligen Mädchen endlich eine adäquate Gesellschaft gefunden. Im ersten Sturm der Begeisterung beschlossen sie sogar, später Biologie studieren zu wollen. (Sie würden es indes wieder lassen, als die erste Überraschung vorüber war. Sie waren nun einmal obrflächliche junge Hühner. Und nicht von ungefähr bedeutet der aztekische Name Axolotl, den die leicht skurril wirkende Dauerlarve trägt, soviel wie Wassermonster. (Nur Sylvia würde es tatsächlich noch zur Ehrenvorsitzenden des Ersten Axolotl-Zuchtvereins von Hamburg [e. V.] bringen. Und sie liebte auch bald die teure Stadt, die ihr Mann Nr. 2 ihr da zu Füßen legte; trotz des oft scheußlichen Schmuddelweddas und der kulinarischen Perversität des doch eher gewöhnungsbedürftigen ehemaligen Seemannsessens, des berüchtigten Labkaus.)

Was aber geschah (und geschieht weiterhin) mit Michael Tasche? Was tat er, der alte Finanzbeamte in Ruhe? Nun: Er grübelte noch mehr als früher, wenn er, vor sich den guten Grauburgunder, in seiner halbdunklen Wohnung saß und trank. (Ins Gasthaus „Zur sonnigen Traube“ und zu seinem früheren Freund Erwin Seethaler mochte er nicht mehr gehen. Warum auch immer, er hätte es nicht zu sagen gewusst, aber er scheute davor wie ein alter Ackergaul zurück. Das mochte wohl eine Form von Instinkt sein.)

Tasche grübelte. Er grübelte einerseits über junge, schöne, aber angeblich: plötzlich verschwundene Chinesinnen. Und über alte redselige Asiaten, die ebenfalls, wie die jungen China-Schönheiten, mit einem Mal der Erdboden verschluckt hatte. (Denn die Leiche des alten, an den Folgen des [auf Anweisung der jungen Tsi Jien-kee] vergifteten Grüntees dahingegangenen Pseudo-Huang Luo-uhn, des Klons also, war genauso heimlich, still und leise beseitigt worden wie die Überreste des erschossenen [angeblich] echten Huang im Lift.)

Anderseits konnte er sich am Schluss der Geschichte, endlich weitgehend chinesenlos, wieder seiner Lektüre widmen. Goethe, Schiller, Biller …

Und er durfte sich darüber wundern, dass sich die Sprachwissenschaftler, besonders: die Germanisten, wohl um wieder einmal von der Fragwürdigkeit ihrer sogenannten Wissenschaft abzulenken, just auf Maxim Billers „Biografie“ (Köln 2016) verlegen konnten. (Wir haben weiter oben bereits kurz auf den durchaus deftigen Schelmenroman hingewiesen.)

Jaja, die Germanisten. Ihrer gewohnten Strategie folgend, schickten die Leute der Sprachwissenschaft zuerst die – in aller Regel: eitlen und selbstverliebten – Literatur-Kritiker des deutschen Groß-Feuilletons vor, damit sie ihre gewohnten Blend-Rezensionen abfeuerten.

Und dabei bewege sich, so dachte zumindest der einfache Nur-Leser Michael Tasche, Billers pointierte 900-Seiten-Farce, doch so elegant spielerisch – und dennoch voll böser Erinnerungen an Nazis und Kommunisten, ans Städtel, an Israel und den ganzen Globus – durch Hollywoods Filmhybris, aktuellen Terrorismus und nicht minder aktuelle Sex-Probleme sowie durch das Gebiet mehr oder weniger effizient überspielter Trauer. Und alles das durchaus holocaustisch (oder: holo-kaustisch) zu- und aufbereitet. Sozusagen: fast ein Scherzo zu Paul Celans „Todesfuge“ (1944/45), diesmal in Form einer ziemlich angeschwollenen Coda.

Das war doch alles einsichtig. Warum also musste man auch dieses Werk (wieder einmal) auf die Frage reduzieren: Ist das nun tatsächlich der große deutsche Judenroman? Oder bloß wieder ein großer jüdischer Deutschenroman?

Egal. Die über Billers permanente Onanie- und Kopulationsphantasien Erregten konnten sich immerhin bei der weit weniger aufpeitschenden Lektüre von Peter Handkes zeitgleich ediertem Quasi-Tagebuch „Vor der Baumschattenwand nachts“ (Salzburg und Wien 2016) wieder beruhigen. Das Notizzettel-Diarium – auf der Suche nach dem verlorenen Punkt – zeitige durchaus sedierende Effekte, konstatierte zumindest Michael Tasche. Leicht belustigt.

Aber ganz abgeschlossen war das chinesische Kapitel ja doch noch nicht. So ertappte sich der Ex-Finanzer zwischendurch sogar dabei, über Konfuzius und über Mao Tsetung zu grübeln. Sogar zu den berühmten Keramik-Grabwächtern aus dem Mausoleum des Qin Shi Huangdi aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert ließ er seine Gedanken schweifen. Unaufhörlich und in Schleifen. Unaufhörlich. Beim Grauburgunder.

Und er grübelte über sein eigenes Leben.

Nur ein ziemlich dünner, durchschnittlich (klein-)gewachsener Asiate (war es ein Chinese? – Wahrscheinlich, ja …) schlich mitunter, einen ziemlich einsamen Eindruck vermittelnd, durch die Straßen. Irgendwie: vergessen, übriggeblieben, zurückgelassen … (In der Tat war der Mann aus dem vielköpfigen Tross des mafiosen Huang-Klons [warum auch immer] den anderen irgendwie abhanden gekommen.)

Am weiterhin in der Nähe dauerparkenden uralten VW-Golf Michael Tasches (der alte Finanzbeamte in Ruhe fuhr kaum mehr, ja: er ging, wie etwas weiter oben schon erwähnt, kaum mehr aus dem Haus) blieb er hin und wieder versonnen stehen.

Allerdings: Delle fabrizierte er keine mehr in die Karosserie des fast schon antiken Stücks.

Dann schlenderte er, ein wenig verschämt grinsend, wieder weiter, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Denn es war Herbstwind aufgekommen, und die ersten bunten Blätter wirbelten hin und wieder im fahlen Nebellicht auf Straßen und Wegen auf. Herbstwind.

E N D E

Literatur und Quellen:

Daron Acemoglu/James A. Robinson, Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. 2. Aufl. Frankfurt am Main 2014.

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Maxim Biller, Biografie. Köln 2016.

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Attila Csampai/Dietmar Holland (Hg.), Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Reinbek bei Hamburg 1987.

Pierre Do-Dinh, Konfizius. Hamburg 1985.

Peter Handke, Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007 – 2015. Salzburg und Wien 2016.

Internet.

Mao Tsetung, Worte des Vorsitzenden. Paderborn o. J.

Angelika Marton, Wortlose Sprachverwirrer. In: tv-media, Nr. 18/30. April – 6. Mai 2016.

Christian Morgenstern: Die Nähe, in: Margareta Morgenstern (Hg.), Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band. 16. Aufl. München 1965.

Udo Pini, Das Gourmet Handbuch. 4. Aufl. Königswinter 2004.

Heinrich Pleticha (Hg.), Weltgeschichte in zwölf Bänden. (Bertelsmann Lexikon [].) Gütersloh 1996.

Ploetz (Hg.), Der große Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. 32. Aufl. Freiburg im Breisgau 1998.

Herbert Rosendorfer, Briefe in die chinesische Vergangenheit. 41. Aufl. München 2015.

Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre. 5. Aufl. Frankfurt am Main 2013.

Harriet Elinor Smith (u. a., Hg.), Mark Twain: Meine geheime Autobiographie. Köln 2016.

Thomas Steiert (Hg.), Knaurs Großer Opernführer. München 1999Elfriede Temm, St. Martiner Kochbuch- 30. Aufl. Graz-Stuttgart 1989.

Philipp Theisohn, Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Stuttgart 2009.

Alexander Ulfig (Hg.), Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Der Produktionsprozess des Kapitals. 2. Aufl. Köln 2001.

Günter Wöhe/Ulrich Döring (Hg.), Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 21. Aufl. München 2002.

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