Sitzung

bei Freud

oder Ein Tuss

kommt selten

allein

Einakter von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, 2005 ff.

(ENDFASSUNG: 2015)

Nein, Herr! ich find’ es dort, wie immer, herzlich schlecht.

Johann Wolfgang von Goethe, „Faust I“

*

Die Unnachgiebigkeit des Weibes ist also die nächste

Bedingung für die Ausbildung der Zote, allerdings

eine solche, die bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint

und weitere Bemühung nicht aussichtslos erscheinen lässt.

Sigmund Freud, „Der Witz und seine
Beziehung zum Unbewussten”

*

Und vögelt euch zu Tode.

Auf der Suche nach Liebe.

Literarisches Graffito

*

DIE PERSONEN:

ER, etwa 35 – 40

SIE, etwa 30 – 35

FREUD, tot

DER ORT:

… siehe Regieanweisungen!

Die Regieanweisungen werden übrigens (hoffentlich von einem Burgschauspieler,

der gerade unbesetzt ist) gelesen und per Tape eingespielt. Denn sonst wäre das

Stück womöglich zu kurz, um den ganzen Aufwand zu lohnen.

DIE ZEIT:

Immer. (Leider.)

Erste Szene

(„Also …, was soll ich sagen …?!“)

Die, wie es scheint, für das Kommende viel zu große Bühne liegt im HALBDUNKEL. Immerhin sieht man: ein mit einem orientalischen Teppich bedecktes Sofa à la Wien, Berggasse 19, einen Polstersessel und einen nicht dazu passenden Nierentisch à la 1950/55, darauf eine Weinbrandflasche(„Scharlachberg“) mit Schwenker und einen Aschenbecher nebst einer angerauchten Zigarre, die qualmt. Das tut sie – dahinter steckt ein technischer Trick – übrigens das gesamte Stück hindurch. Im Hintergrund ein – mit Extra-Scheinwerfer angestrahltes – „Pez“-(Zuckerl-)Plakat sowie eine „uralte“ Photographie von Prof. Dr. Sigmund Freud, den obligaten Trauerflor um eine Ecke des Rahmens geschlungen, und eine grüne Schultafel mit Kreideschale, Schwamm und Tuch. Die MUSIK (hauptsächlich Hammond-Orgel-Sound,vielleicht auch ein Klang à la „The Travellers“, also Akkordeon, Baß, Gitarre; jedenfalls irgendwie karibisch – vielleicht auch mittels ein paar schräger Klänge von Hawaii-Gitarren und Steel-Drums aufgemascherlt) wird kontinuierlich – und daher penetrant – lauter. LICHT schlagartig voll eingeschaltet. ER tritt auf: in 50-er-Jahre-Outfit, also mit dunklem, in sich kariertem Anzug, dünner Krawatte (im optimal geschmacklosen Fall: aus Rauleder!) über dem Nylonhemd, „das man nicht bügeln muss!. „Röhrlhosen“, ein Scheiß-Stecktuch et cetera. ER wirkt ein wenig nervös, raucht eine Zigarette – lässt also die qualmende Zigarre – pro forma – unbeachtet -, verstreut Asche, trinkt aus dem Schwenker, prostet der Freud-Photographie zu, bekleckert sich dabei und schenkt sich nach. ER wirkt fahrig und so, als ob er sich nur zögernd zu einer Äußerung entschließen könnte; so, als ob er sagen wollte: „Ja …, muss das denn sein? Hier …, vor all diesen Idiotinnen und Idioten da, die mit meinen Problemen zum Schluss Fußball spielen?!“ Springt indes ins kalte Wasser. Forsch, ja, durchaus forsch sogar; fast wie ein routinierter Entertainer, lange noch, bevor Peter Rapp erfunden wurde, der allerdings zur Zeit unter einer hartnäckigen Blasenentzündung leidet. (Der Entertainer, hoffentlich nicht der Peter Rapp.)

ER: Grinst á la „Tachchen auch, Ihr da unten!“ Neulich empfahl mir meine Ex-Frau, bevor sie sich ihrerseits aus meinem Leben empfahl, meine Lebens-Exfrau also, sie empfahl mir neulich: „Such dir doch so eine Tussi, die zu dir passt!“ Sie jedenfalls, meine Ex, sie fühle sich in Zukunft zu schade für mich, den „Seelenlosen“ …, für den „Total-Seelenlosen“ …, für den „Vom-lieben-Gott-diesbezüglich-gleichsam-Unbehauchten“ …, den „Verbrecher an der Frauenwelt“ …, ja, den quasi: „Hinter-Fotzigen“.

Ich bitte Sie! Weder bin ich vorder-, noch – …, aber schon gar nicht: hinterfotzig! Also —

Und sie, meine Ex, wolle daher auch nie und nimmer weiterhin den Kasperl abgeben für mich, diesen, wie gesagt, Seelenlosen, Gottverlassenen und Et-cetera-Typen, als den sie mich übrigens, jetzt kommt’s mir, auch zuvor schon und gar nicht selten bezeichnet hatte. Ja: seelenlos sei ich. Eine Zumutung für jeden Haushalt. Ein Falott sei ich außerdem; ja, ein psychischer Notständler … Nicht bloß ein sexueller Flachstarter, nein, nein, ja – der oder das ohnedies! Ach, ja, zu all dem sei ich auch noch ein ausgesprochenes Weichei, das sich zwecks Vermehrungs-Verhinderung und Kinder-Erzeugungs-Hintanhaltung zumindest immer einen seiner Hoden und zu allem Überfluss: kurz vor dem zu erwartenden Ejakulieren und Samenentströmenlassen in die Bauchhöhle beame … Oder vielleicht sogar: beide?!

Nein. Nein. Und, und überhaupt … Sie wolle sich zudem völlig neu ordnen, grundsätzlich neu orientieren und ihrem Tun endlich und – quasi total – einen anderen Sinn verleihen.

Einen neuen Sinn!

Ob ich das, solches also, überhaupt zu begreifen in der Lage sei mit meinem Klein-Hirn? Ich verkiffter Über-Dummy, ich?! In den Fünfzigern des vorigen Jahrtausends stehen gebliebener Abschlatz?!

Plötzlich fast groß, wie ein wirklich guter Late-Night-Showmaster Gut, das mit dem Ordnen verstehe ich irgendwie, und auch das Orientieren hört ja grundsätzlich nicht bei den Haftlinsen auf. Ja, und die leidige Eiersache, die ist leider nicht unbegründet. Veranlagung – aber nicht unbegründet. Schon vom Urgroßvater, aus der Be-Gründerzeit, sozusagen. Wir haben diese Wandereier …, genetisch. Ja. Besser als eine Wanderniere. Oder zumindest bequemer. Also, Tatsache: Da zieht es mir, wenn’s spannend wird beim Vögeln, tatsächlich einen Hoden hinauf in den Bauchraum. Mitunter sogar beide. Und dann erwärmien sich die Spermien halt. Und werden unfruchtbar, diese Biester. So hat mir der Schorsch, mein Arztkumpel, die Scheiße zumindest erklärt. Oder versucht hat er es. Denn mit dem Erklären ist es ja letzten Endes doch nicht so weit her – bei den Weißkitteln und Äskulapnattern. Und führt deshalb meistens auch nicht zum Ziel. – Doch was ist das Ziel …, letzten Endes?

Ah … Ja, … Wo war ich stehen geblieben …?

Genau: Ordnen. Ordnen und orientieren. Das will sie also, meine Ex: Sich neu ordnen und neu orientieren. O. K. Seufzt. Vom Late-Night-Krösus ist wenig geblieben

Insgesamt, also wohlgemerkt: einschließlich neuer Tendenzgebung, war den Vorsätzen – abgesehen vielleicht von der mich als Person fürderhin aus ihrem Lebensbereich ausschließenden Rigorosität – eine gewisse S i n n h a f t i g k e i t grundsätzlich nicht und nicht einmal aufs erste Hinhören und a priori — ja, abzusprechen.

Überlegt kurz Sinn … Sinn? Sinnhaft … Haftlinsen-Sinn?!

Anderer Ton Pardon. Fast sachlich Ob die Haftigkeit – nein, die Heftigkeit -, also, ob die Heftigkeit, diese immerhin erstaunliche, ja: absonderliche Heftigkeit, derer sie sich bediente, indes irgendeinen Sinn hatte, wage ich jetzt, im Nachhinein also, denn doch zu bezweifeln. Freilich, zugegeben, die meisten großen Thesen verfügen über einen Haken; sogar Albert Einsteins Relativitätstheorie hatte schließlich, wenn ich das als physikalischer Laie und mathematischer Vollkoffer richtig einordne, später nicht so ganz überhaupt nichts mit der Herstellung der Atombombe zu tun. Oder doch?!

Er notiert Einsteins berühmte Formel mit Kreide an die Tafel: E = m . r ², dazu erläuternd: Energie-ist-masse-mal-geschwindigkeit-zum-quadrat. Oder so.

Im Ton wie zuerst, bald jedoch unsicher werdend Zurück zu meiner Ex-Frau. Es wäre nun und bestimmt auch angesichts ihrer Bestrebungen um Ordnung, Orientierung und Sinn, somit um Neu-Ordnung, Neu-Orientierung und Neu-Sinn, ich gebe das auch unumwunden zu, ziemlich unverschämt und klänge nach uraltem Macho-Gehabe, wollte ich behaupten: „Solche Probleme gab es früher nicht!“

Lächelt – fast wieder souverän Damals wären die von uns Männern und unseren Männereskapaden frustrierten Damen nämlich schlicht und einfach zum Friseur geeilt; später dann wären sie eventuell shoppen gegangen und hätten einander anschließend im „Opernpavillon“ zu ein paar Runden guten Zeitgeist-Proseccos getroffen. Fast gescheit Jetzt dreht es sich indes, Zeitgeist hin, Prosecco her, in erster Linie darum, u n s zu treffen. U n s M ä n n e r. Wo Frauen einander treffen, trifft es in Wahrheit – uns Männer! Nämlich mitten ins Herz.

Nimmt den Schwenker, trinkt, schenkt nach. Er wirkt groß, „menscheitsumfassend“ Lassen Sie sich doch, Mitbrüder, abrupter Wechsel ins Zynische eine einschenken, eine Weisheit …, einschenken ins Glas des Hinnehmens …, eine Weisheit, eine nämlich folgenden Inhalts: Was du glaubst zu sein, Schatz, sind andere wirklich; was du kannst, können der Anton von Tirol, der DJ Ötzi und der Prolo-Rapper Sido viel besser; wie du mir vorkommst, geht auf keine Botanik … et cetera. No, wie reagieren Sie da? – Gekränkt. Ganz genau. Gekränkt. Ich item. Trottel, ich. Also, in hintergründiger Anspielung auf ihren Lieblingssatz: „Such dir doch so eine Tussi …“, kontere ich geistesgegenwärtig: „Such doch besser d u dir einen Tuss!“

Das saß. Und ihr Blick erkaltete. Vollends. Und wenn die Stadt nicht schon vereist gewesen wäre, Gothic City hätte trotz Arnold Schwarzenegger in kristallene Agonie fallen müssen im betreffenden Batman-Film, ich schwör‘ es!

Er trinkt aus dem Cognac-Schwenker, schenkt sich nach, trinkt, raucht sich eine Zigarette an

Der Auszug aus der gemeinsamen vierzimmerigen IKEA-Wohnumgebung geriet zum Volksfest im ganzen Block; mit Bier und mit Brezeln, sogar mit Debreczinern – die zwei kräftigen, schwarz behaarten Umzugsgehilfen kamen nämlich aus dieser schönen Stadt, die im östlichen Ungarischen Tiefland gelegen ist, seit 1360 das Stadtrecht besitzt, etwa 220.000 Einwohner zählt, über drei Universitäten, ein großes Museum, ein Theater und eine Sternwarte sowie über einen Zoo verfügt; außerdem gibt’s dort, also in Debrecen – oder Debriczin, wie man früher sagte – ein Thermalheilbad und einige Kirchen.

Habt Ihr’s?

Ja, also, dann servierten unsere Packer aus Debreczin echte Würstel, eben Debrecziner. Dazu tischten wir Unmengen von Mischungen und Spritzern auf und Massen von Bier und Schnaps. Insgesamt verlief das alles fürchterlich tränenreich. Gut, meine irgendwann früher einmal Angebetete bleibt der N a c h t m a r s c h a f t – zumindest zwischenzeitlich und bis auf weiteres vielleicht sogar solistisch – im Doppelbettgestell „Ingolf“ erhalten, umgeben von mehreren gemeinsam kräftig an- und eingerauchten, ergo gebeizten Bücherregalen namens „Billi“, zusammen mit der kommoden Kommode, die auf den Namen „Kwarz“ hört, und mit Pipsi, unserem geschlechtsumgewandelten Wellenunsittling, der gelb ist, seit Jahren im Dauerstimmbruch lebt und klangtechnisch als eine Katastrophe erster Güte zu bezeichnen wäre. Ein greller Vogel mit einem schon extrem gefährlich anmutendem Timbre, er … Zumindest zwischenzeitlich und bis auf weiteres erhalten, sage ich. Erhalten. Nur ich fehle. Aber, wie es scheint, fehle ich nicht sonderlich. Er prostet „im Geist“ der Nachbarschaft zu

Ja. Das ist der Ist-Zustand.

Nachdenklich Ich? Ja ich habe meinen Psychiater. – Danke der Nachfrage. – Mein Psychiater, der erzählt mir, Sitzung für Sitzung, von s e i n e n Problemen, und ich bezahle ihn gut und gern dafür. Denn nur in diesen gemeinsamen, durch keinen nennenswerten Lärm von draußen gestörten Stunden, kann ich mich so richtig entspannen. Außerdem bin ich, denke ich, ein recht guter Allein-Unterhalter … Allein-Unter- … Zum Allein-Erzieher hat es eben nicht gelangt, dank dem Wanderhoden und den über Gebühr erhitzen Spermien …

Gedankenpause

Neulich habe ich meine Ex-Frau, engumschlungen und kräftigst schmusend, mit einem um etliches jüngeren, b l e n d e n d aussehenden Tuss gesehenen. Vielleicht findet wenigstens sie auf diese Weise das von ihr so lang schon ersehnte Glück.

Er wendet sich zum Gehen, dreht indes – à la „Colombo“ quasi in der Tür – um und sagt:

Komisch. Die Frauen wollen einen Mann immer ändern. Was mich daran nur wundert, ist, warum sie sich dann nicht gleich einen anderen nehmen …?!

BACK OUT. Musik klingt aus.

Die Zigarre glimmt weiter.

*

Zweite Szene

(„Du kannst mich mal …“)

Dieselbe Einrichtung mit Sofa, Sessel, Nierentisch, mit „Pez“-Plakat, Freud-Fotografie samt Trauerflor und Schultafel. Auch die Ewig-Zigarre qualmt, wie gehabt. Wenn das LICHT

angeht, setzt auch die MUSIK wieder ein, diesmal Palastorchester & Max Raabe: „Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche …“. Später geht die Musik über in Dave Brubeck: „Unsquare Dance“ und schließt mit Jacques Loussier, „Toccata et Fugue“ („Play Bach“).

SIE, ebenfalls à la 50-er Jahre des 20. Jahrhunderts, mit Petticoat sowie geschmackloser grell- und groß-geblumter Trägerbluse bekleidet und mit Schuhen mit hohen Absätzen, sitzt rauchend, mit

überschlagenen Beinen (Nylons!) im Polstersessel, hat eine Ausgabe des Freudschen Werkes über „Witz + Humor“ in der Hand, legt sie zur Seite und macht sich Notizen in ein großformatiges Heft. Sie spricht zum – unsichtbaren – SIGMUND FREUD, der anscheinend auf dem Sofa liegt.

SIE: Noch ernst Wie? S i e haben sich wie Ödipus gefühlt, S i e, Herr Professor?! Doktorchen, Doktorchen! Donnerwetter! Wie Ödibums …, -pus?! Nur weil Ihre Frau Mama Ihnen so viel mehr bedeutet hat als Ihr Herr Papa?! Aber – ist das nicht durchaus üblich …? Ich meine, Sie, ja, Herr Professor, S i e , gerade Sie müssten das doch wissen … Ihnen – wie kaum jemandem andern – müsste das doch sonnenklar sein: Mädchen tendieren nun einmal zum Vater hin, und Buben bevorzugen die Mutter! Und wenn man vielleicht auch nicht weiß, warum das so ist, muss man es eben als gegeben hinnehmen. Aber Sie, verehrter Herr Professor Doktor Freud, Sie sind uns Gewöhnlich-Sterblichen ja um einiges voraus; nicht nur – kichert die Sterblichkeit; S i e wissen womöglich sogar, wieso das alles so ist, wie es – … Aber nein! Gerade Sie vermeinen, in diesem hochsensiblen Zusammenhang gleich etwas von … „Ödipus-Komplex“ faseln zu sollen! Das ist doch, verzeihen Sie mir, geliebter Herr Professor Doktor Freud, das ist doch – krank … Na, zumindest kindisch, in höchstem Grad kindisch ist das! Ja, was sag’ ich … Ein Witz ist das!

Besinnt sich, indem sie sich eine neue Zigarette anzündet

Witz, nun ja … Da begebe ich mich auf ein gefährliches Gebiet. Denn da schauen Sie ja abermals wieder wie der totale Fachmann aus! Ich meine, in Ihrer berühmten Abhandlung aus dem Jahr 1905, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, leugnen Sie doch aufs Entschiedenste den reinen Unterhaltungswert des Witzes. Und auch, dass der Witz zur Seelenhygiene dient, ist Ihnen natürlich zu wenig …, obwohl das doch fraglos schon sehr viel wäre! Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, Sie lassen, hochverehrter Herr Professor Doktor, Witz, Humor und Komik irgendwo in hochgeistigen Bewusstseinsbereichen pendeln … In Über-Augenhöhe, damit nur die Über-Uns-Stehenden und Über-Uns-Hinweg-Sehenden diese Begriffe wahrnehmen können, w i r jedoch nicht, wir kleinen, erdnahen, im Dreck umher wuselnden Würmer des Geistes …! Ja, Herr Professor Doktor F r e u d , Sie gehen soweit – besonders in Ihrer zweiten diesbezüglichen Abhandlung, „Der Humor“ von anno 1927, eben diesen Humor Sie schlägt das Buch auf, sucht die diesbezügliche Stelle als einen „Beitrag zur Komik“ zu bezeichnen, der – ich zitiere: – „durch Vermittlung des Über-Ichs“ zustande kommt! Was, also was soll denn das, ich bitte Sie?!

Ich k a n n , also maximal!, ich k a n n vielleicht über mich und über mein Ich lachen, ja … Aber dass ich erst mein Über-Ich um seine gnädige Erlaubnis bitten muss, damit ich das wohl auch d a r f ?! Pardon, aber das finde ich schon höchst seltsam, seltsamer Herr Professor Doktor Freud! Wirft das Buch quasi auf den auf seinem Sofa „liegenden Freud“ und tötet erregt ihre Zigarette ab. Sie raucht sich indes sogleich eine neue an

Pause

Langsam, dezidiert Meinen Mann hab’ ich aus unserer Wohnung geworfen, Freud. Vielleicht freut Sie das zu hören. Aus der gemeinsamen Wohnung geworfen, wie Sie es mir empfohlen hatten, Freud. Wurde auch schon Zeit. Freud.

Ihr „Freud“ wird von der ersten Erwähnung des Namens bis zur nächsten immer böser, kürzer, akzentuierter, gleichsam: zum Abschießen von Pistolenkugeln

Wer weiß, Freud, was ich mir auf diese Weise in Folge alles erspare. An Gefühlen, Freud, und so ähnlichen – Witzen. Doch sofort wieder sind S i e, Freud, da und funken dazwischen, indem Sie allen Ernstes behaupten, hebt das Buch wieder auf ich zitiere erneut: „Die Lust am Witz schien uns aus ,erspartem Hemmungsaufwand’ hervorzugehen, die der Komik aus ,erspartem Vorstellungs- oder Besetzungsaufwand’ und die des Humors aus ,erspartem Gefühlsaufwand’.“ Zitat Ende. Ja, fürwahr, Sie ersparen einem aber auch schon gar nichts, Freud! Wirft das Buch endgültig an die Wand

Freud, Herr Professor Doktor Freud: Ist das überhaupt noch Humor, hat das überhaupt noch mit Komik zu tun, vergeht einem da nicht überhaupt der Witz?! Übrigens so wirklich neu ist das für mich auch nicht, denn mir sind der Humor, die Komik und der Witz auch schon vergangen, als mein Ex so seine unwitzigen Marotten auszuleben begonnen hat. Und der …, also der …, ja nun, zugegeben, der verfügt nicht annähernd über ihre geistige Brillanz, liebster Herr Professor Doktor, sondern muss eher mit seiner billigen Brillantine vorlieb nehmen! Und doch hat er permanent über mich gewitzelt, dieser blöde Schwach-Arsch! So etwas ist unerträglich, mein angebeteter Herr Prof-Doc! Diese lästige Laus macht sich in einer Tour lustig über mich; und das zu meinen Lasten, Sigi! Keine List hilft da mehr, wenn er sich nichts sagen lässt, weil er – nicht zuhört! Nicht zuhören will – oder kann. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren! Tötet die Zigarette sehr impulsiv, ja: wütend ab, raucht sich indes erneut eine an, „genießt“ und schweigt – kurz

Klar, mein liebster Herr Sigi, Sie wissen plötzlich auch nicht weiter. Aber den Ödipus zitieren, das können Sie! Und überall eine Weggabelung sehen, wo es gar keine gibt! Weggabelung, ein gefundenes Fressen! Mehr als bloß ein Weg-Gabelbissen! Da kommt Vater Lajos, dort winkt Mutter Jokaste, Hallöhchen! Ha! Hippi-du!, und da trippelt auch schon unser vom blöd-sentimentalen Hirten gerettetes, eigentlich und zunächst zur Abwehr aller vorausgesagter Unbill bewusst aufs Sterben in der Wildnis hin und den Tod bezweckend ausgesetztes Schwellfüßchen daher; in seinen süßen, geblumten Spielhöschen. Rot-blau-gelb. Ödipus! Oh, Öder Pups! Hoho! Halloho! Und der öde Pups entpuppt sich alsbald als vatermörderischer Schwellkörper, der im Mutterleib umgräbt wie nicht gescheit! Ja, er tut, was niemand tun darf nach dem Willen der Götter und nach den Regeln der Natur: Er dringt genussvoll und voller inzestuösen Ergötzens ein in den verbotenen mütterlich Fleischpalast. Er wird dabei Besitzer dessen, was nach damaligem Brauch allein dem Vater Besitz, Recht und somit: Besitzrecht bedeutet hat. Er wird seinerseits Vater und Halbbruder in einem der angelegentlich und außerdem – sozusagen: als sündige Zugabe, als Dessert des Verderbens, als Süßspeise des Schreckens – solcherart und unter diesen wohl besonders wollüstig-dreisten Umständen G e z e u g t e n …!

Na, gute Nacht, Herr Professor Doktor Sigmund Freud! Holt merkbar Luft

Und, Freud, all das muss auf deinem beschissenen Über-Ich basieren …, geht ja, verdammt, gar nicht anders, oder, Freud?! Und D u regst dich darüber auf, dass dir deine Mami lieber war als dein Papi?! Haltest dich, Freud, am Ende gar noch für eine Reinkarnation des Schwellfüßleins, für einen ebensolchen Angstschleim und Übelausfluss der Kultur- und Menschheitsgeschichte, ein ähnlich verfehltes Symbol der höchsten Verworfenheit alles Irdischen …?! Also, da kann ich nur ausrufen: Toll, Herr Professor Doktor Sigmund Freud, wirklich toll! Sein wir doch froh, dass Du schon gestorben bist, du ekelhafter Schwanz.

Auf den – nicht vorhandenen – Professor Freud auf dem Sofa weisend, die Situation somit durchblickend Ach, der ist tot.

Hebt das Buch auf

BLACK OUT. MUSIK klingt aus.

Die Zigarre glimmt weiter.

*

Dritte Szene

(,,Du mich auch!”) LICHT voll an. Die Bühne ist nun zweigeteilt: Bühne eins (wie bisher), Bühne zwei ist identisch ausgestattet, nur spiegelverkehrt, jedoch ebenfalls mit Sofa, Sessel, Nierentisch, mit „Pez“- Plakat“, Freud-Foto und Tafel, die dazu passend auch spiegelverkehrt stehen bzw. hängen. Zwar handelt es sich um e i n e n Bühnenraum, dieser ist jedoch in zwei Räume aufgeteilt. Folgender Eindruck sollte vermittelt werden: Es könnte sich bei der Bühne auch um zwei quasi „idente“ Räume handeln – in einer bestimmten Entfernung zu einander, die man freilich nicht kennt: Wo sie sich befinden, weiß man nicht … Auch die MUSIK setzt erneut ein: Wieder hört man Jacques Loussier, „Play Bach“ … SIE und ER sind jeweils auf einer der hell erleuchteten Bühnenteile, die beiden sehen jedoch zunächst in entgegengesetzte Richtungen. Sie gehen beide – nervös – auf und ab, als ob sie auf etwas warteten. Sie rauchen und trinken. Beider (in diesem Fall höchst anachronistische) Mobiltelefone klingeln – und das zu allem Überfluss mit demselben TON – nämlich mit dem Peter-Kraus-Schlager „Baby, mach dich schön …“ – und zur selben Zeit. Die gesamte Szene hindurch telefonieren sie, ohne sich anzusehen. Ihre Sprechstimmen werden zusätzlich durch einen Sprach-Verzerrer solcherart verändert, dass der Dialog tatsächlich ähnlich klingt, wie durch Telefone gesprochen.

BEIDE zusammen: Ja? – Ach, du bist es …?!

SIE: Hör einmal! Hör einmal – auf!

ER: —

SIE: —

PAUSE

BEIDE zusammen: Ja? – Was gibt’s …?! Ach, du …?!

ER: Ja? Was gibt’s?

SIE: Ja? Was gibt’s?

ER: Also, hör’ einmal!

SIE: Hör’ doch selber!!

ER: Also, bitte!!!

SIE: —

ER: —

PAUSE

SIE: Ja???

ER: Wie?!

SIE: Hm?

ER: No, wie geht’s Dir denn so – mit Deinem … Tuss?!

SIE: Dank, der Nachfrage. Viel Freud’ damit …

ER lacht gequält: Haha. Viel Freud’ … Freud und der Tuss. Der Über-Ich-Freuden-Tuss-Schmus … Muss das denn sein? Ich meine, dass du mich bescheißt – o.k. Aber, verdammt noch mal!, mit s o e i n e m Über-Tuss?! Und anscheinend zu allem Überfluss auch noch mit – Freud’?! Der Freud’sche Überfluss-Tuss …

SIE: Freud ist tot. Falls du das vergessen haben solltest … Der Witz-Freud ist ein für alle Mal’ tot. Tot. Verstehst du: Papa Freud ist tot. Nochmals, langsam und zum Mitschreiben und auch für dich, Analphabrikant, der du bist, und Idiot: Sigmund Freud ist tot! Tot und hin! Freud gibt’s nicht mehr! Es hat sich ausgefreudet! Ja, und auch die Berggasse …, also, die berühmte Berggasse 19, die ist gleichsam ausgestorben. Die Couch schweigt still …, still … wie …, wie ein Grab. Wie sein Grab …, ja … Keine Psychoanalyse mehr, alles plötzlich ohne Witz – hahaha! -, ohne Komik, ohne Humor …

ER sarkastisch: Ja, so kann’s gehen …

SIE sehr bestimmt: Ja, so kann’s gehen. – Hast du dir schon eine Tussi aufgerissen?! Damit der Schmerz nicht zu sehr brennt rund ums Hosentürl …?!

ER: Du bist geschmacklos.

SIE: Ich w a r geschmacklos. Damals, als ich dich geheiratet habe, Sugarbaby …

ER: Du hast m i c h geheiratet?! Dass ich nicht lache! Na, wer hat denn da, bitte sehr, w e n geheiratet, ha …?! I c h, ja …, hör’ gut zu! I c h habe d i c h geheiratet, du –

SIE: D u …?! D u – mich?! D u – mich?! Jetzt muss ich gleich einmal kurz aber nichtsdestoweniger f r e u d v o l l lachen! Ha-ha-ha! D u – und mich geheiratet?! Du blöder Langweiler! Du plumper Schnösel! Du Depp! Was hast du denn schon in der Hose?! Soll ich’s dir flüstern, was du in der Hose hast? Brachland! Reinstes Brachland! Da herrscht gotterbärmliche Öde! Dürre Beschreibungen von Wüstendurchquerungen abseits jeglicher Oasen haben mehr Charme als der Sex mit dir! Brachland herrscht, wie gesagt, ohne jegliche Chance auf genetische Verbesserungen … Brach-

ER lacht überheblich: Ha! Ja, du musst was reden …, von wegen Brachland …! Schau dich doch an, du brustloses Versatzstück im wehenden Petticoat! Von den eigenen Winden verweht …! Iss mehr „Pez“, vielleicht wächst dir dann was … Einen Versuch wär’s doch wert! Oder aber – du lasst dir was implantieren. Aber bitte nicht zu schmal … Darf’s a bisserl mehr sein, gnä’ Frau?! Versuch’s einmal!

SIE: Versuchen? I c h soll -? Bleib’ doch bei deinen Selbstversuchen! Glaubst du, ich hab’ nicht gemerkt, dass du dauernd gewichst hast? In jeder freien Minute hast du dir einen `runtergeholt, ja wohl! Du Elendswichser! In jeder freien Minute! Mich wundert, dass du keinen Tennisarm bekommen hast – von der vielen Onaniererei! Klar doch, dass dann beim Ficken nichts mehr los war mit dir …! Totales Brachland! Verausgabt hat er sich, der Kleine! Wegen Geringfügigkeit geschlossen! Total verausgabt! Versiegt sind die paar Tröpfchen …

ER: Ich – einen Tennisarm vom Wichsen?! Geringfügigkeit?! Paar Tröpfchen?! Was?! Sag’ das noch einmal!

SIE: Blöder Wichser!

ER: Immer noch besser als Dein Tripper vom Fremdvögeln! Wer war das damals doch noch mal gleich? Der angeblich so fesche Oberarzt von deiner Station im Sanatorium? Oder der junge Rechtsverdreher aus der Kanzlei Deines feinen Herrn Papa? Oder – vielleicht beide?! Der Doktor und der – Doktor?! Akademisches Gepempere!

SIE: Du bist doch bloß neidig! Denn die beiden haben wenigstens was drauf gehabt …

ER: Also, der, von dem du den Tripper heimgebracht hast, ganz bestimmt!

SIE: Schwein!

ER: Nymphomanin!

SIE: Flachwichser!

ER: Nutte!

SIE: Ah! –

ER: -?-

SIE: Sonst noch was?! – Auch gut. – Weißt du was: –

BEIDE zusammen: Verpiss dich!

PAUSE

SIE: Hör’ einmal …, sollten wir es nicht doch –

ER: -?-

SIE: Ich meine, könnten wir nicht doch –

ER: – es noch ein Mal versuchen?! Du spinnst wohl! Bist übergeschnappt! Mit dir versuch’ ich überhaupt nichts mehr. Da ist jetzt ein für alle Mal der Zug drüber gefahren, verstehst du?! Da gibt’s nichts mehr zu reparieren … Da ist nix. Rein gar nix. Und: Da geht nix rein. Rein gar nix geht da rein. Verstehst du?! Ja …, und außerdem: Halt dich doch an deinen Tuss, du geilgewichste Schlampe! Klammer‘ dich doch gefälligst an diesem geschniegelten Schlappschwanz fest, an diesem ausgelutschten Fickautodrom!

SIE: O.K. Er ist ein ausgelutschter Schlappschwanz. Aber immer noch besser als du, du wichsender Arsch! Vögel’ dich doch selber, du –

ER kühn: Tja …, also, wenn d a s ginge …! O lalá … Das wär’ sicher um Klassen besser als mit dir im Bett, du Brett! Ach –

SIE: – leck’ mich doch!

ER: Ich denke nicht dran!

SIE: Bitte! Ich –

ER: Verdammt! – Als hätte er ein Geräusch vernommen Ja?

SIE: Bist du noch –

PAUSE

Beide schalten die Mobiltelefone, heftig gestikulierend, aus. Ab jetzt: Originalsprechton

SIE: Ratte!

ER abfällige Bewegung: Du kannst mich …

SIE: Und ob ich kann!!

ER beiseite: Sie muss immer das letzte Wort haben!

SIE beiseite: Genau.

BLACK OUT. MUSIK klingt aus. Die Zigarre glimmt weiter * Vierte Szene („Der Stusstuss“) Das DUNKEL bleibt, es wird erst nach fünf Sekunden langsam HELLER. Die selbe Möblierung wie in Szene drei. Die MUSIK setzt ein: Richard Strauss, „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, Beginn. Sie und er sitzen in ihrem jeweiligen Bühnenteil, rauchen, trinken. Der Dialog, der nun kommt, ist kein „echter“, also: Die Protagonisten reagieren nicht auf einander, sie agieren und sprechen jede/r für sich.

ER: Komisch. Es ist so leer hier, seit ich weg bin … So anders … Es war ja auch in der letzten Zeit alles so anders … Seit sie gesagt hat, ich möge mich schleichen …

SIE: Hm. So anders ist alles … So leer … Leer, seit er weg ist … Ja, gewiss, es war auch zuvor schon irgendwie leer … und auch irgendwie anders … Und auch er war schon irgendwie leer … und auch irgendwie anders … Aber als ich ihm dann gesagt habe: „Schleich’ dich doch!“ –

ER: „Schleich’ dich doch!“, hat sie gesagt. „Schleich’ dich doch!“ – So wie wenn man sagt: „Hallo, alles in Ordnung?!“ Oder: „Jö, schau …!“ – Kleine Pause „Schleich’ dich doch!“ … Hm …

SIE: Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen, das mit der Tussi, die er sich suchen soll … – Und mein „Neuer“? – Intim Gut, anfangs, die Zärtlichkeiten, die Komplimente, die Blumen, das Gevögel … Aber – zehn Tage hat es gedauert, bis ich gemerkt hab’: Was für ein T u s s ! Der hat in Wirklichkeit ja andauernd nur Stuss geredet! Ja, ein wahrer Stuss-Tuss, der! Hahaha! Ein Stusstuss! Ja, doch …

ER: Und sie?! Mit diesem Schnösel?! So ein Tuss! Ein Stuss-Tuss! Hahaha! Stusstuss, das ist es! Ein wahrer Stusstuss … À la Confèrencier Der Stusstuss, meine Damen und Herren, kann freilich noch mehr, viiieeel mehr kann deeer! Er kann hobeln, raspeln, schneiden und schaben! Macht aus jeder Rübe eine Rübe Julienne! Er kann Nüsse füsilieren und Karotten köpfen! Er filetiert Erdäpfel und viertelt Fenchel! Er vermag, harte Eier in stets gleich große und gleich dicke Scheiben zu zerteilen – Ein wenig verlegen Nunja, an den Enden sind sie natürlich nicht gleich …, und da verfügen sie auch über kein Eigelb. Belehrend Immer gleich dicke Eischeiben mit gleich viel Dotteranteil gibt es höchstens beim „Stangenei“, das ein englischer Geistesblitz erfunden hat und das nun seit vielen Jahren zur vollsten Zufriedenheit in der Großküche der deutschen „Lufthansa“ eingesetzt wird.

Ja und vögeln kann er natürlich auch, der Stusstuss! Wie ein Einser!

SIE Mein Stusstuss … Naja, sooo gut war er beim Vögeln dann ja doch auch wieder nicht … Dass manche Männer immer vorher den Mund so weit aufmachen und stundenlang davon schwafeln, w a s Gott sie da in der Unterhose haben …! Und dann?! Erst recht eine Niete! – Da war mein Mann, also, mein Ex, auch nicht viel schlechter … Überhaupt, wie das klingt: „Mein Mann“, „Mein Ex-Mann“ … „ M e i n – “ … Ganz nachdenklich Was er jetzt wohl tut? Ja, und – was ihn so … und überhaupt … Wo er … Ob ich ihn anrufen soll …?

ER: Manchmal denke ich mir, dass meine Ex eigentlich was Besseres verdient hätte als so einen fiesen, schnöseligen Stusstuss … – Wie es ihr wohl geht, meiner Frau …, m e i n e r … Ex-Frau …? „Meiner Ex-Frau“ …, wie das klingt … Was sie … am Ende tut? Und wo sie … Wie?! Ja, wie es ihr wohl geht? – Ob ich sie anrufe …?

SIE: Nein. Wer weiß, vielleicht versöhnen wir uns am Ende noch miteinander … Und dann, dann …, dann fängt alles wieder an wie zuvor … Und endet – wie zuvor … Nein! Eher vergifte ich ihn! Vergiften …

ER: Anrufen?! Nein …, anrufen ist schlecht, anrufen ist ganz schlecht … Dann glaubt sie noch, ich …, ich …, i c h hätte Sehnsucht nach i h r … Und außerdem: Womöglich fängt alles wieder an – wie zuvor … Und wenn erst einmal alles anfängt wie zuvor, dann hört es auch wieder auf wie zuvor … Nein! Nicht anrufen … Eher vergifte ich sie! Ja, vergiften …

BLACK OUT. MUSIK klingt aus.

Die Zigarre glimmt weiter.

*

Fünfte Szene

(,,Die Stadien der Liebe”) A: Die Verblendung IHRE Bühnenhälfte. Erst kaum Licht, dann abrupt an. MUSIK: Palastorchester & Max Raabe,„Heut’ tanzt Lulu …“ Wenn das LICHT (gedämpft) angeht, sitzen beide auf dem Sofa, trinken Sekt, rauchen, schäkern etc. Die MUSIK, die sehr akzentuiert (Pauken!) begonnen hat, wird kontinuierlich leiser.

ER: Du, du …, du … ich freu’ mich ja so! Du schaust wieder einmal sooo gut aus! Liebling, ich gratulier’ – mir dazu, wie gut d u ausschaust! Also, i waß net … Du … Fast dümmlich, immerhin verlegen Hahaha!

SIE: Du bist aber auch sehr gut bei’nander, Schatzi! – Noch ein Gläschen?

ER: Aber doch glatt! Wart, ich schenk’ ein! Er tut es, schenkt etwas über Oh, entschuldige meine Ungeschicklichkeit – aber du erregst mich halt immer noch so sehr, dass ich automatisch daneben tropfe!

SIE: Macht ja nix, Schatzl! Das bisserl Schampus auf’n Teppichboden! Soll doch der Boden auch was haben von unserer Liebe! Ich meine, es spritzt ja immer wieder mal was auf den Teppich – auch bei den anderen Leuten, nicht wahr?! Hahaha! – Prost, Du!

ER: Haha! – Mindestens tröpferlt es! Haha! Prost, Liebling! Sie trinken

SIE: Ah, das schmeckt!

ER: Ist er nicht etwas zu warm?

SIE: Nein! Gerade richtig! Alles ist richtig, wenn wir uns nur verstehen …

ER: Ja. Wir passen wirklich ganz einmalig zusammen – wie Steckdose und Stecker!

SIE: Ich hätt’s nicht poetischer ausdrücken können! Steckdose und Stecker! Lass’ mich auf immer deine Dose sein, Schatz!

ER: Ja! Ich steck dir mich `rein – für immer!

SIE: Und nie gibt’s einen Kurzen! Sie gluckst angesichts der Zote vor Vergnügen

ER lachend: Keinen Kurzen! Ich verspreche es, Liebling!

SIE: Lass’ uns tanzen, ja?

ER Ja, doch! Gespielt förmlich Darf ich bitten, gnädiges Fräulein?!

SIE: Gerne, mein Herr! Sie tanzen.

Black Out. MUSIK klingt aus.

Die Zigarre glimmt weiter.

B: Die Vernebelung SEINE Wohnung. MUSIK: Tom Waits/„Singapore“ (aus „Rain Dogs”) – LICHT gedämpft. Ganz andere Seelenstimmung als zuvor: depressiv und aggressiv.

ER: Es ist so, als ob — Nein. Es könnten dir die Augen aus dem Kopf faulen. Die Zähn’ verlierst ja ohnedies. Und die Ohren fallen dir ab. Du wirst, schlicht und einfach, blind, taub und stumm. Wie die berühmten drei Affen, der blinde, der taube, der stumme … „Ich wäre der geborene Beobachter“, sagt der blinde Affe zum tauben. – „Was hat er gesagt“, fragt der Taube den Stummen. Doch der schweigt. So kommt keine rechte Konversation zustande.

SIE: Fein, dass sich wenigstens einer von uns für gescheit hält …!

ER: Weil es doch so ist.

SIE: Das mit dem Für-Gescheit-Halten?

ER: Nein, das mit den drei Affen.

KURZE PAUSE

SIE: Aber irgendwas liebst doch sogar d u zuletzt noch. Wenn schon nicht mich. Oder?!

ER: Ja. Allerdings: Du liebst zuletzt nur dein eigenes Bild. Blöde Kuh.

SIE: Esel.

ER: Gans.

SIE: Rhinozeros.

ER: Merci.

SIE: Gern geschehen …

ER: Warum eigentlich der ganze zoologische Aufwand? Du bist und bleibst ja trotzdem – und kichert ob des Kalauers trotz Brehm – ein Untier.

SIE: Fein. Denn du bist nicht einmal das. Bei dir reicht es nicht mal dazu. Du bist – ein Hauch von einem Furz …

ER: Gottes.

SIE: Abwertend Ach.

PAUSE

SIE: Dafür faulen mir nicht gleich die Augen aus dem Kopf.

ER: Gibt es noch Debrecziner Würstel?

SIE: Gibt ihm, sichtlich belustigt, einen leichten Schlag Klar doch, Vielfraß. – Sich erhebend, um „in die Küche zu gehen“ Ein Bier?

ER: Nickt, während das Licht eingezogen wird.

BlLACK OUT. MUSIK endet abrupt. Zigarre glimmt weiter. C: Die Verirrung Offene Bühne (= zwischen den beiden Bildorten) MUSIK: Goran Bregovic/ „Kalasnikov“ (aus: „Underground“). LICHT heller als zuvor. SIE mit Taschenspiegel, sich schminkend. ER hinter ihr.

ER: Ich ertrage es nicht mehr! Du versuchst wieder einmal, dich zu verschönen … Mit dir selbst zu versöhnen … ach, ich ertrag –

SIE: No, und was tust du?

ER: Ich? Quatsch! – Was tust du dauernd? Dich bedauernd?! Was tust du?!

SIE: Du zuerst, Schatz! Also -?

ER: Du collagierst dir mit Hilfe eigener alter Hautfetzen ein neues Antlitz. Bist aber – quasi: dahinter – immer noch derselbe ausgeleierte Epidermis-Strumpf.

SIE: Na, hör’ einmal, du Schrecken aller Badezimmer! Schau doch DICH an, du faltig-werdendes Abzugbild aller meiner längst dahinschimmelnden Jugendfreuden! Du dermaliger Hoffnungsträger, der du dich jetzt sogar als dermatologischer Scharlatan entpuppst …

ER: Hört, hört: Hier lallt L’Oreal! Von wegen Schwindel –

SIE: Kremst neuerdings immer mit viel Gefühl das empfindliche Hauterl ein, nimmst schön brav dein „Gute-Nacht-Gel“, gelt?! Zupfst an dir `rum, sprühst und klopfst, grimassierst und muhst, damit auch das Stimmerl so schön sonoriert … Idioterl, du!

ER: Bist mir wohl die zeitgemäße und maskuline Hygiene neidig, du blöd-orangierende Schlampe?! Doch was ist das alles gegen deine – wenn auch, zugegeben, immer weniger wirkungsvollen – Verschönerungsversuche?! Da wird entschlackt und entschuppt, enthaart sowieso, was das Zeug hält …

SIE: Klar doch, das braucht frau eben! Übrigens: Als ob nicht auch du dir neuerdings deine läppischen paar Brusthaare auszupftest?! Und unten herum rodest du ja auch schon …

ER: Muss ja nicht jede potentielle Bläserin meine gesamten Schamhaare im Mund haben! Ich bin eben ein rücksichtsvoller Mensch, meine Bestie!

SIE: Als ob sich da jemand finden würde zum –

ER: Dich leckt ja auch niemand mehr freiwillig!

SIE: Du bist so was von gemein! Du impotentes Arschloch!

ER: Und was bist du?! Eine nymphomanische Schlampenfotze, eine blödsinnige! Du, …, du – ach was!

SIE: Geh’n dir womöglich die Argumente aus? Umso besser, du balzzwergiger Gnom, vom Testosteron im Stich gelassener!

ER: No, was willst du denn sehen?!

SIE: Dich jedenfalls nicht!

BLACK OUT. MUSIK endet abrupt. Die Zigarre glimmt weiter. D: Die Verstümmelung Bühne wie oben. MUSIK: Robert Stolz, „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“. LICHT gedämpft. Sie liegen nackt auf der Couch. ER versucht sich – vergeblich -, ein Präservativ über den herunterhängenden Pimmel zu ziehen, SIE sieht amüsiert zu.

SIE: Rührend … Du bemühst dich wenigstens – um ihn.

ER: Scheiße! Warum bemühst nicht du dich – um mich?!

SIE: Entrüstet Also, hör’ einmal, ich bin weder das Sozialamt noch die Heilsarmee. Überlegt Und …, übrigens: Hast du dich jemals um m i c h bemüht?! Du Arsch! Um MICH?! – Entflammt eine Zigarette Außerdem, wenn ich dich so wenig antörne … Selber schuld! Sie wendet sich angewidert ab, bläst ein paar schöne Ringe Da, schau her dämpft die Zigarette je aus: S o will sie behandelt sein, meine Muschi! Beginnt zielstrebig zu masturbieren Und – merk’s dir doch endlich einmal, verdammt! S o !

ER: Du – bist – undezent.

SIE: Nein, Schatz: Du – bist – impotent. Wer hat den diesen süßen Knopf in der Scheide drin? Ich doch, du Trottel! Niemand anders! Und wer dreht, verdammt noch mal!, nicht dran? – du, Freund Spatz, verblödeter!

ER: Du bist tief. Er erhebt sich, zupft eher resignierend an seinem hängenden Glied, zieht sich nach einiger Zeit an

SIE: recht kühl In welchem der Vorzimmer zur Frauenwelt belieben heute zu schlafen, Euer Gnaden?! – Greift in die Zigarettenpackung, zündet sich eine Zigarette an Verpiss dich, du Arsch! Wirft ihm die Packung hinterher.

ER: Ja … Ich geh’ ja schon. Lässt einen lauten Furz fahren

SIE: Sau.

Freezing bei IHR. MUSIK aus. ER allein beleuchtet (= LICHT halb)

ER: Fast wieder souverän (und in der Rolle des Conferenciers) Das war zu erwarten gewesen. Sie kann es nicht lassen, mich der Gefühlskälte zu zeihen. MUSIK wieder an: Teil aus Carl Orff, „Carmina burana“ Und dabei bestünde die auch ohne sie und ihre dauernd scheiternden Versuchen, mich zu bekehren – ich meine, rein objektiv. Doch mit dem Objektiv fängst du keine großen Fische … in der Liebe und so. Da bedürfte es schon der ganz guten, übergroßen und zugleich präzisen Angelruten. Aber über die verfüge ich nicht … annähernd. Annähernd … Ich nähere mich auch kaum mir selber an. Nein, beim besten Willen: Ich bin mir zu fern, um überhaupt … Annähernd?! Nein – und überhaupt … Ich, ich meine, ich …

Ins Publikum Was geht S i e das alles an?! Voyeurs-Gesindel, dreckiges! Schauen Sie doch einfach – weg! Nein: Geh’, holen Sie sich doch auch einen Tuss, eine Tussi, ja?! Oder noch besser: die Hühnerpest! Die Schweinekrankheit! Die Maul- und Keulenseuche! Lasagne mit Pferdefleisch! Den Scharlach! Alzheimer! Ja! Damit endlich was passiert! – Sie, ja, S i e , Sie wollten doch immer, dass unsereins – Er bricht zusammen, windet sich, scheint zu sterben Der Rest ist – Licht aus!

BLACK OUT. MUSIK endet abrupt. Nur die Zigarre glimmt. E: Die Verdummung Beide Räume offen. Wenn das LICHT langsam angeht, wieder MUSIK: Palastorchester und Max Raabe/ „Veronika“. ER putzt sich die Schuhe, sie streift sich die Bluse über. MUSIK wird leiser. STIMME AUS DEM OFF: „Himmel, ist das spät!“ STIMME AUS DEM HIMMEL: „Du sagst es, Bruder!“ MUSIK aus.

ER: Vielleicht war es früher leichter, leichter zu sein. Oder – Schatz?

SIE: O ja. Viel leichter.

ER: Oder – schwerer?

SIE: Genau. Schwerer.

ER: Ja … Ja …

SIE: Gelt ja.

ER: Hm.

SIE: Du sagst das so schön, Liebling …

ER: Ja? Und dabei hab’ ich es gar nicht so gemeint …

SIE: Schelm du, mein kleiner Schelm …

ER: Ja. Genau.

SIE: Hm.

ER: Ich könnte dir dauernd schöne Sachen sagen.

SIE: Und ich könnte dir zuhören. Ich höre sie nämlich so gerne, die schönen Sachen …

KURZE PAUSE

SIE: Du bist so ein Arsch, Schatz.

ER: Ja, und du erst …

MUSIK setzt wieder mit Orffs „Carmina burana“ voll ein, wird jedoch während des

BLACK OUTs rasch leiser.

SPOT auf die glimmende Zigarre.

* Sechste Szene („Hollywood by Eumig“) Beide Bühnen, wie zuvor in Szene fünf möbliert, im Halbdunkel. Keine MUSIK. Synchron schüttet SIE IHM beziehungsweise ER IHR sehr langsam – fast wie in „Zeitlupe“ – einige Tropfen aus einem braunen Fläschchen in den großen, zu einem Viertel gefüllten Cognac-Schwenker. Dann wechseln sie die Standorte: ER geht auf IHRE, SIE auf SEINE Bühnenseite. Dies geschieht, ohne dass sie einander berühren, ja: überhaupt, ohne dass sie einander zu sehen scheinen … Schreckliche MUSIK hebt an: Franz Liszt, „La Prelude“. SIE trinkt aus seinem, ER aus ihrem Schwenker – sie brechen synchron zusammen und fallen tot auf die Polstersessel, wo sie in manierierter Pose liegen bleiben. Die Lichtstärke wird noch geringer. Die Hinterwände – mit den beiden „Pez“-Plakaten, Sigmund-Freud-Fotografien mit den Trauerfloren und mit den Tafeln – brechen unter Getöse auf: Sichtbar wird eine große weiße Leinwand. MUSIK wird leiser, ändert ihren Charakter auf sehr kitschigen Fünfziger-Jahre-Duktus hin (etwa: Peter Alexander, „Jüngst hatt‘ ich eine Panne …“). Man hört außerdem, die Musik übertönend, das typische Geräusch eines sehr lauten Projektors für Acht-Millimeter-Filme („Eumig“). Ein ziemlich rissig und fleckig wirkender eher blässlicher Farbfilm zeigt die beiden Protagonisten, wie sie, Händchen haltend, durch eine „liebliche“ Landschaft mit Bergen im Hintergrund, einem Murmelbächlein et cetera gehen. Dann sind SIE und ER von hinten zu sehen (lange Kamerafahrt): Sie nähern sich einer schmucken, im letzten Abendlicht glitzernden „Isetta“. Man sieht sie lächeln (erst in Großaufnahmen, dann mit Gegenschüssen à la 50-Jahr-Werbefilm von BMW). Sie steigen in das Auto ein und fahren in einen kitschigen Sonnenuntergang. Darüber erscheint der Schriftzug

f i n

Ins Dunkelwerden hinein explodiert unter lautem Knall Freuds Zigarre.

Dann erlischt sie. BLACK OUT.

Anmerkung:

Das Buch, das SIE in der zweiten Szene zur Hand nimmt (und woraus sie zitiert): Sigmund Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Der Humor. 5. Aufl., Frankfurt am Main 1999. (Fischer, Psychologie, 10439).

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