Sigmund

Freud

und die

Nussknacker-

Suite

Eine immerhin einigermaßen

verstörende Geschichte von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

(ENDFASSUNG 2015)

 

Denn die Euphorie […] ist nichts anderes als

die Stimmung einer Lebenszeit, in welcher

wir unsere psychische Arbeit überhaupt mit

geringem Aufwand zu bestreiten pflegten, die

Stimmung unserer Kindheit, in der wir das

Komische nicht kannten, des Witzes nicht

fähig waren und den Humor nicht brauchten,

um uns im Leben glücklich zu fühlen.

Sigmund Freud, Der Witz und seine Beziehung

zum Unbewussten

*

Und endlich, wenn das Über-Ich durch den

Humor das Ich zu trösten und vor Leiden

zu bewahren strebt, hat es damit seiner

Abkunft von der Elterninstanz nicht

widersprochen.

Sigmund Freud, Der Humor.

*

Es

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz abendländischen Rundfunkwesens, dass der Hörer, schaltet er einen sogenannten Klassiksender ein, über kurz oder lang (meist über kurz) Ausschnitte aus Peter Iljitsch Tschaikowskys überaus beliebter „Nussknacker-Suite“ angeboten bekommt. Ja, man könnte sagen, dass vermutlich irgendwo – zumindest im Abendland – zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit Teile dieses so wohltönenden und einfallsreichen Konzertstücks (oder sogar, zumindest mitunter, vielleicht irgendwo in Ostalbanien oder in EU-affinen Gebieten Serbiens die gesamte Ballett-Musik) zu hören seien.

Ja, ohne Tschaikowskys „Nussknacker“ geht so gut wie gar nichts. Besonders rund um die Weihnachtszeit.

Ebenso oft – nun ja, vielleicht nicht ganz so häufig, aber immerhin – wird weltweit (zumindest im Westen) von einem Trojanischen Pferd gesprochen; unter Gebildeten auch gerne von einem Danaer-Geschenk (erinnern wir uns doch: Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes. [Nach Vergils „Aeneis“, 2, 49]).

Sigmund Freuds Einstellung zu Tschaikowsky (und überhaupt zur Musik) müsste man noch eruieren. Was indes – zumindest dank Google – kaum allzu schwierig sein sollte.

Und auch die Sache mit den Griechen wäre relativ leicht herauszufinden; vielleicht hülfe fürs Erste sogar erst wieder Google, der ja selbst so ein Danaer-Geschenk ist, nur eben ein modernes, zeitgemäßes, digitales.

Jetzt gälte es bloß noch Tschaikowsky, Freud, den Nussknacker (sowie seinen Widerpart, den Mausekönig!) und Google quasi auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, und fertig wäre die Geschichte von Theoderich Rührsam, dem wir uns dann ausführlicher zuzuwenden hätten: in seinen Funktionen als dem eigentlichen Hauptobjekt unserer Erzählung „Sigmund Freud und die ,Nussknacker-Suite’“.

Aber – wollen wir das überhaupt?

Sie merken, Leser, wir schlagen erzähltechnisch hier schon wieder einen Haken. (Schon wieder? – Ja, der Hinweis auf die beinahe permanente Verfügbarkeit des famosen Tschaikowsky-Destillats aus dem Jahr 1892 – die „Nussknacker“-Suite ist ja in gewisser Weise ein gelungener, hochprozentiger Auszug aus der wesentlich umfänglicheren gleichnamigen Ballettmusik – zumindest in der abendländischen Hemisphäre, die kecke Erwähnung der alten Griechen und ihres trügerischen Geschenks an die Trojaner [vor dessen leichtgläubiger Annahme der Priester Laokoon seine Landsleute vergeblich zu warnen versucht hat], dann die Sigmund Freuds und womöglich auch die des obskuren Rührsam selbst, all das sind wohl ebenfalls solche Haken, die der skriptorale Hase hier schlägt, quer feldein.)

Nicht erst seit dem genialen Cartoonisten, Satiriker und Filmemacher Loriot sind das Frühstücksei und seine optimale Kochdauer ein durchaus erwähnenswerter (und erwägenswerter) Knackpunkt abendländischer Familienkultur. Ein Nussknackpunkt im übertragenen Sinn, und nicht nur in alltagspsychologischer Hinsicht von Interesse. Wenn SIE, auf SEINE Frage, wie lange das Ei gekocht habe, repliziert: „Ich koche es […] jeden Morgen viereinhalb Minuten!“, umschreibt dieser Disput alsbald grosso modo einen dreißigjährigen Ehekrieg (SIE: „Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott!“ – „ER: „Nach der Uhr oder wie?“ – SIE: „Nach Gefühl … eine Hausfrau hat das im Gefühl …“).

Auch dass Ehen in unseren Breiten im Schnitt kaum länger als vier Jahre halten, ist eine traurige Tatsache, die womöglich gar nicht bloß peripher mit dem besagten Frühstücksei und dessen punktgenauer Zubereitung zusammenhängt.

Und mit Sigmund Freud und Peter Iljitsch Tschaikowskys populärer „Nussknacker-Suite“, die zumindest in Spurenelementen, nämlich zum Beispiel per Ö 1-Berieselung, zur Begleitung des (westlichen) Frühstückseis gehört wie die Laktose, die Gluten oder sonstige Allergene. Wobei zwischen denen und dem Trojanischen Pferd ohne Frage unschwer eine einigermaßen einleuchtende Querverbindung herzustellen wäre, wenn man nur wollte (Quidquid id est …).

Seine Schwägerin, Beate, Irenes um zwei Jahre jüngere Schwester also, seine Schwägerin, das wusste er (oder glaubte es wenigstens zu wissen), stand in gewissem Sinn immer noch auf ihn. Ein bisschen zumindest. Ja, da glomm ständig und stetig immer noch ein Feuerchen … Hatte er, der sich inzwischen auch selbst und zurecht eher schon für ein einigermaßen vergilbtes Karteiblatt hielt (Archivar der vierten Verwendungsgruppe und promovierter Historiker, der er war und Mitte 50), hatte er doch damals erst Beate den Hof gemacht, bevor er sich dann endlich für die um einiges weiblichere Irene entschied. (Dummerweise. Ja.)

Doch da glomm, wie gesagt, immer noch etwas.

Er musste bei solchen Reminiszenzen, kamen sie ihm in den Sinn, schmunzeln und an eine geliebte Katze seiner Kinder- oder Jugendtage denken. Diotima, so hatte die getigerte Spielgefährtin geheißen, und das Kräuseln ihrer Oberlippe fiel ihm wieder ein, wenn das hübsche Tier just nicht (oder insgeheim: doch?!) gestreichelt werden wollte …, so wie Beate; obschon er sie, Beate, bloß zwei, drei Mal berührt hatte …, etwas intensiver …, damals. Er wusste allerdings – trotz seiner Vergilbtheit (und er hatte dermalen sogar schon etwas weitgehend Abgelegtes, ja: Skartiertes [um hier die österreichische Amtssprache zu verwenden] an sich gehabt, genau!) und insgesamt trotz nur geringer Attraktivität -, dass er noch alle Chancen hätte bei Beate Mühlbacher.

Sie, einige graue Strähnen durchzogen zwar längst schon ihr streng nach hinten gekämmtes Haar, weit mehr als man solche in Irenes aufgeblondetem Lockenkopf vermutet hätte, sie, die knapp 50jährige Bibliothekarin an der Städtischen Leihbücherei, hatte sich immerhin zu einem kleinen Teil (und vermutlich: ohne es selbst so recht geplant zu haben und zu wissen) für solche Fälle wie für ihn, für Dr. phil. Theoderich Rührsam, ihren alternden Schwager, so einigermaßen frisch und in Schuss gehalten, um nicht zu sagen: Sie hatte sich konserviert.

Er besah sich im Spiegel des Badezimmers, das dankenswerterweise in kein grelles Licht getaucht war, und konstatierte nichts desto weniger weitgehend Ruinöses an seinen körperlichen Gegebenheiten. Das ließ sich nicht leugnen. Die hauptsächlich ins strikte Weiß strebenden Bartstoppeln, die an manchen Stellen rissige, wo anders wieder eher hässlich-ädrige, insgesamt freilich von tiefen Falten durchfurchte Haut, das schüttere, schmutzig-dunkelblond-graue Haupthaar, der unstete kurzsichtige Blick hinter den dicken Brillengläsern, alles dies bewies ihm stets und unaufgefordert aufs Neu den einmal gemachten, nun schon gewohnten Befund, wohl alles andere als eine männliche Schönheit zu sein. Nein, ganz gewiss nicht.

Doch – was sollte es? War die Welt so besonders schön? Sein Leben? Und alles?

Er fühlte sich dem Universum schon weitgehend verloren wie der Unglückliche aus Franz Schuberts so einfühl- wie einprägsamer und durchaus suggestiver „Winterreise“ (1827, auf die depressiv-abschattierte Dichtung Wilhelm Müllers von 1822/23). Gut, es gab da noch Rührsams zänkische Frau, und Irene beherrschte ihr Mundwerk in altvertrauter Weise! Freilich, was sollte es?! Die ohnedies wenig hilfreichen Kinder, Alarich und Isolde, hatte es gottlob schon seit geraumer Zeit aus dem Haus getrieben; die Schwiegereltern, der alte Hofrat Mühlbacher und seine Frau, die waren brav gestorben, wie es sich schließlich gehörte; und mit Schwägerin Beate, die immer noch die recht geschmackvoll ausgebaute Mansarde in der gepflegten gemeinsam Jugendstil-Villa bewohnte, die erbtechnisch an die beiden Schwestern gefallen war, gab es auch kaum Probleme. Na, also.

Nein, wenn überhaupt, dann war er schon selbst sein größtes Problem. Denn die Unzufriedenheit mit Gott und der Welt hatte ihn in der Zwischenzeit beinahe zum Misanthropen werden lassen, der fast ausschließlich seinen bescheidenen Steckenpferden frönte – wenn überhaupt.

Während er sich nass rasierte – eine alte Angewohnheit, die er auch jetzt nicht missen wollte, nach all der Zeit -, konnte er in Ruhe an seine schönen (aber zugegeben reichlich unaufregenden) Hobbys denken: an die in durchaus pingeliger Weise betriebene Forschung in Sachen „Kalevala“-Dichtung zum Beispiel oder an seine intensive Beschäftigung mit dem eher glücklosen Schriftsteller Aleksis Kivi und dem wesentlich erfolgreicheren Komponisten Johan Julius „Jean“ Sibelius. Ja, Finnland, dem weiten Land der vielen Seen, galt sein Interesse; obwohl sich ihm die finnische Sprache kaum erschließen wollte. (Gut, dass kivi Stein hieß, das wusste er; außerdem hatte er herausgefunden, dass yksi eins bedeutete. Um allerdings seit dieser späten Erkenntnis womöglich spaßeshalber von Yksikivi statt von Einstein zu sprechen, das kam ihm, dem weitestgehend Humorlosen, indes nicht in den Sinn. Wie auch?!)

Zum Rasieren hätte zwar Musik von Sibelius, die dieser etwa auf seinem riesigen Landgut in Järvenpää geschaffen hatte, möglicherweise gut gepasst; doch wäre, erklänge sie, womöglich der Suizid Theoderich Rührsams quasi in der Luft gehangen. (Diesbezügliche Tendenzen gab es ohnedies allemal und immer wieder welche …) So verbiss und verkniff er sich die Wiedergabe zum Beispiel der durch das „Kalevala“-Epos, das der Runenforscher und Arzt Elias Lönnrot rund um die tragische Figur des unglücklichen Kullervo geschaffen hatte, evozierten symphonischen Dichtung „En Saga“ (op. 9 aus dem Jahr 1892) dann doch lieber. (Lönnrot seinerseits war übrigens ein wenig auf den Spuren des berühmteren schottischen Kollegen James Macpherson gewandelt, dem mit seinem [was ihre Echtheit betrifft, durchaus umstrittenen] alt-gälischen „Ossian“, den er 1760 herausgab, ein wahrer literarischer Wurf gelungen war. Eindeutig ein schriftstellerisches Konstrukt des 19. Jahrhunderts, schaffte es die „Kalevala“-Dichtung dennoch zum Kompendium aus gleichsam überlieferten Liedern und Mythen von vergleichbarer Wirkung wie die isländische „Edda“.)

Immerhin, wie er, Rührsam, stets aufs Neu und allmorgendlich in und auf sein alt- und fremdgewordenes Gesicht starrte, um der Schärfe des Rasiermessers dann erst doch keine Handhabe für ernstliche Verletzungen (oder gar mehr) zu bieten, so hatte der arme Kullervo – sei er nun halbwegs überliefert oder doch größtenteils erfunden, egal – vermutlich immer wieder dem Schicksal ins böse Antlitz blicken müssen; wie es sich für einen rechten Nationalmythos nun einmal gehört.

Und wem die Fähigkeit dazu gegeben war, der schrieb, dadurch angespornt, schon mit einiger Freude seine traurigen symphonischen Dichtungen. Klar doch. Und in den vier Legenden der „Lemminkäinen“-Suite (op. 22, 1893 – 1895) wandte sich Jean Sibelius sogar nochmals dem „Kalevala“-Epos zu, nun eben fokussiert auf die Abenteuer des Lemminkäinen, dieses finnischen Siegfried.

Er freilich, Archivar Dr. phil. Theoderich Rührsam, ohne sonderliche musikalische Ambitionen und überhaupt nicht mit nennenswerten artifiziellen Begabungen ausgestattet, metzelte da schon lieber seinen Graubart.

Wozu sollte man sich also eher hinwenden – zu Sibelius mit seinen „Kalevala“-Klängen, die Theoderichs traurige Morgen-Blicke in den Spiegel innerlich begleiteten? Oder doch besser zu Tschaikowsky und dessen origineller Musik zum „Nussknacker“, dem am 18. Dezember 1892 am Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführten (und damals wenig begeistert aufgenommenen) Ballett, das seinerseits auf E. T. A. Hoffmanns bizarrer Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ (in der Fassung des Franzosen Alexandre Dumas) basierte?

Die Geschichte vom mutigen Nussknacker und seinem Kontrahenten, dem hinterlistigen Mausekönig, ist ein ziemlich skurril-gruseliges Kunstmärchen aus Hoffmanns Sammlung von Erzählungen „Die Serapionsbrüder“. Geschildert wird nicht nur der Kampf zwischen dem durch den Fluch der alten bösen Mausekönigin namens Mauserinks in einen Zahn-maroden Nussknacker verwandelten anmutigen Prinzen und dem streitbaren, siebenköpfigen Sohn eben dieser mit allerlei Zauberfähigkeiten ausgestatteten bösen Nagerin, sondern vor allem die Liebe des Mädchens Marie, das den zauberischerweise missgestalteten Nussschalenbrecher in den hübschen Königssohn zurückverwandelt, der er vordem gewesen war. Die Schlacht wogt indes nicht nur – sozusagen: vordergründig – zwischen Gut und Böse, sondern letztlich auch zwischen bunter Phantasie und grauer Wirklichkeit. Daher kommt den skurrilen Figuren, an deren Spitze dem kuriosen Patenonkel der Kinder, dem strengen Obergerichtsrat sowie findigen Uhrenbastler und Erfinder Droßelmeier, besondere Bedeutung zu.

Eingebettet als ein wichtiges Element in die Nussknacker-Story liegt das zweite Märchen, nämlich das von der ungestalten Prinzessin Pirlipat, auch sie ein Opfer der bösen Mauserinks. Pirlipat harrt der Rückwandlung mittels der unknackbaren Nuss Krakatuk, deren Kern allein, von der armen Missgestalteten geschluckt, die Rettung bringt. Aufbrechen kann die steinharte Schließfrucht zudem nur ein Jüngling, „der noch nie rasiert worden und der niemals Stiefeln getragen […]“ Es wird jedoch noch schwieriger, wie das eben so ist mit den Aufgaben im Märchen (oder in der Oper): Um die nunmehr wunderschön gewordene Prinzessin zu freien, muss der glückliche Nussknacker mit geschlossenen Augen seinen Gang tun: „Erst nachdem er sieben Schritte rückwärts gegangen, ohne zu stolpern, durfte der junge Mann wieder die Augen erschließen.“

Dass zuletzt das Gute siegt und die Liebe gewinnt, versteht sich von selbst. Doch an Theoderich Rührsams Dilemma änderte das freilich kaum etwas. Die Frage blieb bestehen: Sollte sich der trauriger Waschlappen eher am optimistischen Musikzauberer Tschaikowsky orientieren? Oder sollte er sich endgültig Jean Sibelius zuwenden?

Im Zweifel tendierte Rührsam, nicht unverständlich, dann doch eher zum meist von Trauer gezeichneten Schwedenfinnen Jean Sibelius; wenngleich ihm die von Ideen sprühende und funkelnde Musik des Russen – auch und besonders, wenn sie ins Schwüle hin rauschte und aufschäumte voller Ekstase – in mancher seiner düsteren Stimmungen wie ein letzter Anker vorkam, eine Faser, ein Strohhalm, der ihn (noch) im Hier und Jetzt zu halten vermochte …

Es war nicht leicht. Besonders, da Rührsam grosso modo und fast für alles zu blöd war, überhaupt; und, was Entscheidungen betraf, ausgesprochen schwach …, noch dazu.

*

Es steht hier indes auch für Sigmund Freud (aha, also doch! Kratzt er die Kurve endlich, denkt der Leser erleichtert); es pendelt somit zwischen Ich und Über-Ich, also dem Gewissen, und ist irgendwie in Couch-Nähe angesiedelt; ja, das allemal. Und ob wir hier die vom Psychoanalytiker so gern und viel zitierte Elterninstanz bemühen wollen oder nicht, ob wir zugleich auch den griffigen Ödipus-Komplex, den gerne ins Treffen geführten weiblichen Penisneid, die üppige Traumdeutung, das Feld der sagenumwobenen Hysterie und die zahlreichen nicht unoriginellen Eigen-Neurosen dieses übergroßen Ego namens Sigmund Schlomo Freud assoziieren wollen oder nicht, egal. Hier, zwischen Eros, Sexus und Thánatos, aber auch zwischen Witz und Humor, spielt des charismatischen Seelenfachmanns Musik. Mit viel Trara, Bumbum und orientalischem Tschinellenklang, versteht sich; auch das wie intensive Räucherstäbchen wirkende olfaktorisch Schwüle gibt es hier (ausgeborgt, wenn nötig, von Oscar Wildes homoerotischem Romaninventar [„Das Bildnis des Dorian Gray“, 1890]); dann hängen da noch die dunklen türkischen Tabake und ein wenig Koks zwischen den Tapeten, Teppichen und Figuren aus Nippes, Terracotta und Porzellan. Berggassen-(Anti-)Idyll eben.

Gedenkt man des (nie unbestrittenen) gemeinhin gerne als Vater der Psychoanalyse bezeichneten Gelehrten und Seelenarztes und besonders seiner – sagen wir – erstaunlichen Ehe und der eigenartigen Verwandtschaftsbeziehungen mit der unübersehbar engen Nähe zur Schwägerin Minna Bernays, die – welche Parallele! – just auch im selben Haushalt lebte durch Jahrzehnte, gleiten die Überlegungen ohne weiteres aus dem Ruderschlag üblicher bürgerlicher Konvention. Und, in der Tat, Minna Bernays, die Schwester von Freuds Gattin Martha, war und blieb (nach einer missglückten Verlobung mit Freuds Freund Ignaz Schönberg, einem Sanskrit-Forscher) in diesen vier Wänden. Stets bereit, verfügbar; Sigmunds Vertraute, dabei unverheiratet; abhängig, ihre Lebensgrundlage und -begründung schöpfend in erster Linie als vom rundum schwierigen Schwager mit Vorliebe eingesetzte geistreiche Reisebegleiterin.

Und vermutlich als seine Geliebte, gleich nachdem dessen Frau Martha allem Anschein nach (und nachdem sie immerhin sechs Kinder in die Welt gesetzt hatte) in sexuelle Unlust verfallen war, wovon zumindest Freud selbst einigen engeren Bekannten in Briefen andeutungsweise Auskunft gab. Et cetera.

Ja, Freud und Rührsam: Da kann man eine gewisse Ähnlichkeit der psychischen Parameter nur schwer leugnen. (Und warum sollte man überhaupt?!) Freud und Rührsam schienen – ohne hierin den Intellekt des Psychiaters auch nur in irgendeiner Art herabmindern zu wollen durch den womöglich unbilligen Vergleich mit einem mittelmäßigen Archivar, der von einer manischen Finnen-Vorliebe und elementaren Eheproblemen beherrscht war – dann ja doch irgendwie verwandte Seelen gewesen zu sein. (Und welcher Seele tut es schon gut mit einem Psychiater verwandt zu sein? Schon mancher Archivar entpuppt sich da als Zumutung …)

Freud, der rigorose Egomane. Der Getriebene seiner Süchte (in die ihn meist ohnedies sein Forscherdrang gestoßen hatte): Freud, der versuchte, sich des abusuell eingesetzten Morphiums durch Kokain zu entwöhnen, das allerdings in Intellektuellen- und Künstlerkreisen damals als eine Art Modedroge kursierte. Freud, der uneinsichtige Pascha und Patriarch, der die Rolle des Weibes prinzipiell im Dienen sah (wenn er die Frauen vielleicht auch nicht so ätzend kritisch und dumm-überheblich unterschätzte wie sein [freilich noch um einiges unglücklicherer] verrückter Jungkollege Otto Weininger [„Geschlecht und Charakter“, 1903]). Freud, der dem Weib immerhin im Unterschied zum Mann kein Über-Ich und somit kein Gewissen zugestand. Freud, der fabulierfreudige Wissenschaftler, Schriftsteller und quasi Sachbuchautor, der spät erst zu verdienten universitären Ehren gelangte Fachgelehrte und mutige Kämpfer gegen eine letztlich unbesiegbare Krankheit über Jahrzehnte: seinen Krebs. Freud, der Lehrer und Mentor, der in aller Regel über kurz oder lang zum eifersüchtigen Konkurrenten und schließlich zum unversöhnlichen Feind seiner begabtesten Lieblingsschüler und Freunde zu werden pflegte, von Wilhelm Fließ bis Carl Gustav Jung. Freud der begeisterte und begeisternde Witze-Sammler sowie -Forscher und Pionier zumal des jüdischen Humors: Dieser Freud war vermutlich über weite Strecken seines Lebens unglücklich. Und das, paradoxerweise, während er unter anderem der Lust und dem Lustigen auf der Spur war …

Die Sache mit Minna. Die Schwägerin ist im Jahr 1896, als die freundschaftliche Beziehung zu einer sexuellen geworden sein dürfte, circa 33 Jahre alt. Freud zählt knapp über 40 Lenze. Unausgebildet zwar, als Gouvernante kaum verwendbar, lebte Minna in zwei Räumen in der Berggasse 19, einer davon grenzte unmittelbar an das Schlafzimmer der Freuds an und ist durch eine Tapetentür damit verbunden. So schildert uns Eva Weissweiler penibel und detailreich das Zusammenleben in „Die Freuds. Biographie einer Familie“, Köln 2006.

Der Theorie einer Dreiecksgeschichte konnte die offizielle Freud-Forschung die längste Zeit freilich nichts abgewinnen. Ob man aus Pietät bemüht war, das Allzumenschliche lieber aus Freuds Vita zu eliminieren und den großen Arzt und Therapeuten auf ein möglichst hohes Podest zu setzen, oder ob alles, wenn es denn geschah, in höchster Diskretion vor sich ging – obgleich die Reisen mit Minna immerhin dokumentiert sind -, egal, man beschäftigte sich biographisch kaum damit. Und so leugnet etwa auch Hans-Martin Lohmann, Autor des nützlichen Buches „Freud für die Westentasche“, München 2006, das potenziell immerhin einigermaßen schlampige Verhältnis. Wenngleich auch er konzediert, dass Minna – anders als ihre Schwester Martha – sich tatsächlich für Freuds wissenschaftliche Arbeit interessierte und zumindest eine taugliche Diskutantin gewesen sein mochte.

Denken wir kurz an den Nussknacker und an den Mausekönig: Welch schöne Metapher, doch! Der kühn wirkende Nussknacker in seiner bunten, reich betressten Phantasie-Uniform hat bloß eine große Klappe, ist jedoch womöglich sogar impotent. Und der Mausekönig? Der – sogar siebenköpfige – Ausbund an Scheußlichkeit verfügt, so ist zumindest anzunehmen – über einen stattlichen Penis. Das Mädchen Klara (so nennt sie das Ballett, bei Hoffmann heißt sie Marie), der naturgemäß solch ein Gerät fehlt, muss sich womöglich zwischen den beiden Mannsbildern entscheiden.

Sie wird vermutlich anschließend hysterisch. (Im Jahr der Ballett-Uraufführung sitzt Freud übrigens schon seit einem Jahr, auf Patientinnen hoffend, in der Bergasse 19, in Wien …)

Sie

Ja, doch: Auch sie sind nämlich ein bizarres, reichlich antipodisches Paar, der Nussknacker und der Mausekönig. Und das schon in der literarischen Vorlage zu Tschaikowskys Ballettmusik, beim vielseitigen deutschen Romantiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Die Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ erschien im Jahr 1816, also in Hoffmannns Berliner Zeit, in der dieser Hochtalentierte und Mehrfach-Begabte (der übersensible Musiker, ideenreiche Literat und kühn-boshafte Zeichner) mit juristischem Brotberuf gemeinsam mit seinem Freund, dem Schauspieler Ludwig Devrient, einem berühmten Shylock- und Falstaff-Darsteller, das zum Trinken einladende Etablissement von Lutter und Wegner sowie manchen anderen Weinkeller der Stadt unsicher machte oder in seiner Wohnung am Gendarmenmarkt „die Runde der Serapionsbrüder […] versammelte“, wie Klaus Künzel („Die deutschen Romantiker“, 2008) schreibt.

Auch im Tschaikowsky-Ballett stürmen Nussknacker und Mausekönig im fiebrigen Traum des Mädchens Klara vehement gegen einander an, wobei der zunächst hölzerne Nüsse-Zermalmer, das hochwillkommene Weihnachtsgeschenk des freigiebigen Patenonkels Drosselmeyer in „Casse Noisette“ (er ist der spleenige Bastler und Obergerichtsrat Droßelmeier bei Hoffmann) auf das Libretto des großen Marius Petipa, zuletzt naturgemäß den Sieg davonträgt. Doch wie viel Kinderangst gilt es erst durchzustehen, wie viele Stoßgebete müssen hinaufgeschickt werden und wie viele Taschentücher harren der Tränen, bis alles gut ausgeht! Scheinen die Probleme doch immens … Immens wie der Bühnenaufwand bei diesem Meisterballett mit vielen Kindern – als Schneeflöckchen, Mäuschen, Bienchen et cetera!

Zwar schimmerten vor Klaras (Maries) geistigem Auge durchaus auch einige, wenn auch vage Auswege in all dem Dunkel der nächtlichen Darstellung der Zukunft und ihrer speziellen Traumkomponenten, doch welchen der Wege sollte man einschlagen? Welcher Richtung durfte man ohne wesentliche Bedenken trauen? Da war man selbst als Kind mit sich uneins. (Und kein Traum-deutender Sigmund Freud weit und breit …, wie auch?!)

Nicht minder uneins, was die jeweils einzuschlagende Richtung betrifft, standen sich mehr oder weniger die ganze Zeit ihrer durchaus problematischen Ehe allerdings auch Irene und Theoderich Rührsam gegenüber. Nun, und der Umstand, dass Irene durch Jahre ein intimes Verhältnis mit den beiden Edlinger-Zwillingen (ja, mit beiden, noch dazu: mehr oder weniger gleichzeitig!) betrieb, rundete das unangenehme Bild, das dieses mehr als seltsame Ehepaar, die Rührsams, seinen Bekannten und Freunden sowie den ob der diversen Eskapaden ebenfalls zu tiefst schockierten Familien im Umfeld ihrer grenzwertigen Aktivitäten zu bieten hatte, eigentlich nur mehr ab. (Wenngleich ab einem bestimmten Zeitpunkt einige meinten, jetzt könne sie ohnedies nichts mehr erschüttern, was aus dem Hause Rührsam zu ihnen dringe.)

Dass sich Irene angesichts ihres faden Ehemanns Theoderich etwas Attraktiveres und auch fürs Bett Aufregenderes gesucht hatte, mochte man vielleicht noch verstehen; doch – mussten es ausgerechnet die reichlich schmuddeligen Edlinger-Zwillinge sein?

Diese üblen Psychologen-Brüder Erasmus und Sigmund Edlinger, die intern, in der sogenannten Gesellschaft, stets unter dem Spitznamen Castor & Pollux, firmierten, waren zu allem Überfluss – auch wenn dieses wichtige Detail von Irene und allen anderen Beteiligten peinlich geheim und quasi unter Verschluss gehalten wurde alle die Zeit hindurch – die Väter der Rührsam-Kinder: Erasmus hatte den Alarich, Sigmund die Isolde gezeugt …

Das delikate Geheimnis wurde freilich erst nach dem unerwarteten Tod Irenes gelüftet. Und bis dahin verkehrten die Familien offiziell durchaus freundschaftlich miteinander – soweit jemand überhaupt mit Dr. Rührsam verkehren mochte; und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei es hier vermerkt, auch Irene galt als alles andere denn als unkompliziert. Im Gegenteil, diese Frau war eine hochgradige Zicke.

Also, nach außen hin war man quasi ein Herz und eine Seele; besonders Irene schien sich mit den Edlinger-Ehefrauen, mit Henriette, einer geborenen Wucher, der Gattin von Erasmus alias Castor, und mit Georgine, einer aus dem Hause Zirps, die, wie sie stets betonte, ihrem Sigmund/Pollux „immer den Rücken freizuhalten sich bemühe“, bestens zu verstehen.

Man gehörte, klar doch, auch den „Lions“ an und war sogar bei der „Simonstafel“ dabei, einer reichlich dubiosen, an Rudolf Steiner und seiner Anthroposophie orientierten und leicht Sekten-artigen Bewegung, benannt nach einem gewissen Isidor von Simon; außerdem waren die Damen allesamt – nach dem nunmehr schon merkbar abgenützten Feminismus- und dem auch nicht mehr ganz taufrischen Bio-Trip – nunmehr auf der Esoterik-Schiene unterwegs. Man (also frau) unternahm überhaupt viel miteinander, bis der wirtschaftliche Einbruch von 2008 die (summa summarum ohnedies wenig geistreichen) Aktivitäten ein wenig dämpfte.

In die Sinnkrise, was den Zusammenhalt paradoxer Weise indes wiederum etwas festigte, schlitterte diese zwar bunte, insgesamt jedoch wenig erbauliche Gesellschaft mit dem zunehmend erschreckenden Erstarken der islamistisch-fundamentalistischen Tendenzen, personifiziert im sogenannten Islamischen Staat und dem Bürgerkrieg in Syrien, im endgültigen Niedergang des Irak und den immer schlimmer werdenden Kämpfen zwischen Schiiten und Sunniten. Auch das stetig bedrohlicher anmutende Problem zwischen Israelis und Palästinensern irritierte allmählich die an sich doch eher oberflächliche, in erster Linie hedonistisch ausgerichtete Gesellschaft der angeblichen Gutmenschen. Und auch angesichts der von Wladimir Putin ausgelösten, weitgehend als brandgefährlich einzustufenden strategisch-politischen Aktionen in der und um die Ukraine, ausgehend von der Annexion der Halbinsel Krim im Frühjahr 2014, und den mehr oder minder offenen Versuchen einer Abspaltung der Ostukraine von Kiew schien mit einem Mal eine weitere sichere Bank im bisherigen Wohlleben gefährdet; wie es ja allgemein schlecht um die Banken bestellt war …

Die merkbare Richtungslosigkeit und Starre des Westens all diesen schädlichen Entwicklungen gegenüber schien langsam auch die Ahnungslosen und Desinteressierten wachzurütteln. Und auch ein Teil der bis dato so stolz und selbstgefällig deklarierten Toleranz bröckelte ab; sogar vormals glühende Vertreter des Multikulti-Gedankens distanzierten sich allmählich von ihrer früheren Blauäugigkeit. Ja, irgendwie schien das ganze Gerüst der Slogans und hohlen Phrasen an sich und in sich sukzessive an Tragkraft zu verlieren und merkbar einzubüßen.

Dazu kam die langsame Infiltration durch (vordem vielleicht noch belachte) ultrarechte Kreise und Gruppierungen, die sich nunmehr als Heilsbringer gegenüber der wenig erstrebenswerten Islamisierung gerierten und sich prompt eines stetig stärker werdenden Zulaufs erfreuen durften. (Schlagwort: Der rechte Rand rückt unaufhaltsam in die gesellschaftliche Mitte.)

Dann noch eine persönliche Katastrophe: Irene Rührsam kam bei einem Flugzeugabsturz, gemeinsam mit den Edlinger-Familien, ums Leben, obwohl man brav dem Rat eines befreundeten Vielfliegers gefolgt war und bei den sauteuren Emirats gebucht hatte.

Theoderich? Der hatte seine Beteiligung an diesem Kurzurlaub quasi in letzter Minute absagen müssen – wegen einer mittleren Lebensmittelvergiftung, die er sich knapp davor eingefangen hatte (überständige Austern oder nicht ganz frischer Hummer, wie auch immer …).

Das Begräbnis der fünf Weggenossen (beziehungsweise dessen, was sich da an Überresten gefunden hatte) verlief denn auch nach außen hin recht tränenreich. Innen zu kamen jedoch nicht nur die Abgehärteteren aus der Clique, sondern auch keineswegs besonders zynische Zeitgenossen nach eingehender Betrachtung des ganzen keineswegs alltäglichen Geschehens nicht umhin, der Malaise trotz ihrer Tragik auch einen durchaus elementaren Unterhaltungswert beimessen zu müssen. Besonders, als relativ rasch auch die delikaten amourösen Begleiterscheinungen zumindest ansatzweise offenbar geworden waren.

Ja, das hatte was.

Nicht etwa, dass es so epochal gewesen wäre, wie Sigmund Freuds Theorien in Bezug auf Ich, Über-Ich, Es und – ja, wenn gewünscht: auch noch auf die leidige – Elterninstanz; aber immerhin, man hatte für einige Zeit Gesprächsstoff.

Also stellte man sich (zumindest die etwas Gebildeteren und intellektuell Aufgeschlosseneren taten dies) einige recht profunde Fragen: Hatte man es hier lediglich mit Kapriolen zu tun, die den Beteiligten ihre Ichlibido bescherte? (Mal ganz abgesehen von den finalen Turbulenzen, nämlich von denen, in die der bestens gewartete und optimal ausgestattete Jet der Emirats geraten war …) Oder spukte da vielmehr die Objektlibido herum und umher? Zudem: Warum war just denen, die allzeit und meist mit Erfolg bestrebt gewesen waren, in erster Linie Unlust zu vermeiden – und sich folglich Lust zu verschaffen -, solch ein Malheur zugestoßen?

Und noch etwas: Warum waren da auch die Edlinger-Gattinnen, Henriette und Georgine, die im Grund kaum Ursächliches mit den (moralisch vielleicht bedenklichen) Aktivitäten ihrer Ehemänner zu tun hatten, und über zweihundertundfünfzig andere Passagiere zum Handkuss gekommen? Mussten sie – traurig, aber allem Anschein nach unvermeidbar – als Kollateralschaden gelten?! Mit der Frage nach einer Begründung des Geschehens kam man nicht weit.

Egal, weder der Lebens- noch der Todestrieb (wie Sigmund Freud in „Jenseits des Lustprinzips“ [1920] seine vormaligen Theorien, also weg von der Ausschließlichkeit von Ich- und Sexualtrieb, umleitete und entsprechend schärfte) schien hier anwendbar zu sein: Die unkonventionelle Dreierpartie war ohnehin und mit einem Mal – Geschichte.

Leser, Sie sehen, dem (bis dahin noch nicht vollzogenen und sich auch für die Zukunft allemal versagenden) Dreier Theoderich/Irene/Beate gesellt sich der zwischen Irene und den Edlinger-Brüdern zu; und alles sozusagen im Gedenken an Sigmund Freud, seine Frau Martha und seine Schwägerin Minna.

Eigenartig, allemal.

Doch fassen wir zusammen: Sigmund Freud (wir haben schon darauf hingewiesen, dass der Vergleich zwischen dem berühmten Psychoanalytiker und dem weitgehend unbedeutenden Archivar naturgemäß gewaltig hinkt!) hatte sich sukzessive von seinen Freunden und engsten Kollegen im Zorn getrennt; egal ob es sich dabei um Wilhelm Fließ, Alfred Adler oder seinen quasi als Ziehsohn und Erben des Seelenbehandlungs-Konzerns aufgebauten C. G. Jung handelte. (Seine Rolle musste später die treue Tochter Freuds, Anna, einnehmen.) Wunden waren davon geblieben, die kaum jemals vernarben sollten, und Ärger.

Zu solch aktivem Tun, wie es nun einmal auch die Trennung von Fachkollegen (im engeren wie weiteren Sinne) ist, sah sich der schwächliche Theoderich Rührsam erst gar nicht veranlasst: Ihm starben die Gründe seiner Unbill von selber weg, indem sie sich weitgehend wie buchstäblich in Luft auflösten. Ja, so war das.

Er

Doch auch er, Theoderich Rührsam, war dazu verdammt, zuletzt in irgendeiner Art und Weise unterzugehen. So viel stand nun einmal fest. Und das hatte weder etwas mit ausgleichender Gerechtigkeit zu tun, noch mit E. T. A. Hoffmann; nicht mit Jean Sibelius und mit Sigmund Freud; und auch nicht mit dem skurrilen „Kalevala“-Epos oder mit Tschaikowskys populärer „Nussknacker-Suite“ respektive ihrer Verbreitung im Klassiksender Ö 1.

Rührsams Tage (und Nächte) waren gezählt. Sie trugen, unsichtbar zwar, aber immerhin schon den Stempel für die (ebenfalls finale) Schlachtung aufs Fell gebrannt. Wobei den zumeist langweiligen Archivar den Schafen zuzuzählen, durchaus nicht als Wertung gemeint ist. Und schon gar nicht als Abwertung der Schafe, dieser braven, bescheidenen Wiederkäuer.

Beate Mühlbacher betrauerte, in Maßen sogar ehrlich bewegt, die verblichene Schwester. Auch wenn ihr Verhältnis zu Irene nie von besonderer Innigkeit gekennzeichnet gewesen war, so hatten sich die beiden Frauen immerhin leidlich gut verstanden. Und besonders die Kindheit und Jugend, geprägt durch das eigenwillige Regiment der Mutter und des meist nur am Rande an familiärem Kleinkram (wie er es nannte) interessierten hofrätlichen Vaters, hatten die beiden jungen Damen damals quasi Schulter an Schulter zu meistern versucht. Mir Erfolg und Anstand; mit einigem Erfolg und relativ wenig Anstand – besonders Irene … Und auch später dann, als Theoderich eingezogen und Irenes Ehemann geworden war …

Man hatte, wie gesagt, die ganze Zeit in größter Nähe zu einander in der hübsch am Stadtrand gelegenen Mühlbacher-Villa gelebt, Tür an Tür, beinahe. (Wenn da von Beates zwei Zimmern auch keine Tapetentür hin zum Schlafzimmer der Rührsams eingelassen war [und sie außerdem in der Mansarde droben lebte] …)

Am Ende kamen Theoderich und Beate indes ja doch noch zusammen; allerdings sollte ihrer späten Vereinigung kein besonderes Glück beschieden sein. Nein.

Das sei wohl, so äußerte sich zumindest ein – übrigens durchaus Romantik-affiner – Bekannter der Familie nicht ohne Ironie, die Rache des Mausekönigs (oder seiner bösen Mutter Mauserinks) aus E. T. A. Hoffmanns bizarrer Erzählung (oder aus Peter Iljitsch Tschaikowskys genialer Ballettmusik) gewesen. Ganz bestimmt. Jaja.

Zwar fühlten sich Beate und Theoderich, konservativ wie sie beide immerhin waren, bemüßigt, ihre Beziehung schon wenige Monate, nachdem es zu ersten zielführenden Zärtlichkeiten zwischen den beiden Altspatzen gekommen war, zu legalisieren. Und auch Theoderichs erwachsene Kinder, Alarich und Isolde, und ihr familiärer Anhang sahen keinen Grund, der seit so langer Zeit gut bekannten Tante eine Art spät-kindlicher Zuneigung zu versagen.

Doch im Verhältnis zwischen den Neo-Liebenden selbst war a priori der Wurm drin.

Und so suchte sich die noch immer recht rege Bibliothekarin mit ziemlich teuren Anschaffungen immer ausgefallener werdender Bücher (sic!) und überhaupt durch ihre schon sehr speziellen Leselüste – sie hatte ausgerechnet die bulgarischen Philosophen des 19. Jahrhunderts für sich entdeckt – ein entsprechendes Surrogat für die sexuellen Freuden sowie für den Austausch von Zärtlichkeiten und Säften, die ihr gerade durch das permanente Ausbleiben derselben, also der sexuellen Freuden sowie des Austausches von Zärtlichkeiten und Säften, durch den Neo-Ehemann immer schmerzlicher abzugehen begannen.

In der Tat: Mit ihrem vertrockneten Archivar war schier gar nichts mehr anzufangen.

Leser, gestatten Sie einen letzten skriptoralen Sidestep!

Auch die früher angeblich doch stets so sanfte Beate setzte zuletzt ihrem späten Ehemann (und vormaligen Schwager), Dr. phil. Theoderich Rührsam, nach relativ kurzer Zeit, man höre und staune: Hörner auf; und zwar mittels des ganz und gar uninteressanten alten Diplomingenieurs Wendelin Georg Klingsohr, des pensionierten Chefs des städtischen Eichamts. (Wieder so eine Doppelgänger-Sache, denkt der Hoffmann-Kenner sogleich …)

Doch da wäre ohnedies kaum mehr was zu kitten gewesen im Verhältnis Beates und Theoderichs. Nein. Kaum was.

Daher war wohl auch die Frage irrelevant, warum sie tat, was sie und wie sie es tat. (Vielleicht: Weil ein solcher Zug nun eben auch in ihrer Natur lag? Gut möglich …)

Theoderich seinerseits waren Jean Sibelius, die „Kalevala“-Dichtung und Finnland zwar weiterhin wichtig, von Platz 1 seiner Leidenschaften verdrängt wurden diese früher einmal so akkurat gehandhabten Hobbys indes eindeutig von einer neuen Obsession: nämlich von seinem unbändigen Drang zum Alkohol.

Ja, Dr. Theoderich Rührsam versoff sich zusehends.

Freilich, auch das half nicht viel.

Doch“ so merkte einer aus der radikalen Simon-Runde dazu ein wenig kryptisch an, „keiner soll sagen, dass wir jetzt aus dem Schneider sind, nur weil uns der Zwirn und die Nadeln ausgegangen zu sein scheinen.“

Wie wahr.

E N D E

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