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Eine seltsame Hommage

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz, 2009 ff.

(ENDFASSUNG: 2013)

Dann ging sie in ihr Zimmer hinauf,

setzte sich ans Fenster und arbeitete

verbissen an einer Strickerei für einen

Unterrock, während der Regen gegen die

Fensterscheiben schlug oder der Wind

an ihnen rüttelte.

Guy de Maupassant, Ein Leben.

*

Gerade zog er sich das T-Shirt über den

Kopf, als Ruth zu einer flachen

Rückhand ausholte und ihm den Schläger

in die Kniekehle schlug, so dass sein

rechtes Bein einknickte. Keine halbe

Sekunde nachdem er den Kopf durch den

Halsausschnitt gesteckt hatte, schlug ihm

Ruth eine weit ausschwingende Vorhand

mitten ins Gesicht.

John Irving, Witwe für ein Jahr.

*

Inhalt:

I

Die erblondete Emma erinnert sich

II

Edgar verflucht alles, was geschehen ist

III

Man sieht einander vielleicht wieder

I

Die erblondete Emma erinnert sich

Sie. Sie war so stolz.

Um eben diesen Stolz beneidete ich sie. Auch zu der Zeit schon, als ich dachte, sie um ihre Schönheit, um Anmut und Auftreten, um Durchsetzungsvermögen und Charme zu beneiden. Nein, in Wahrheit war es ihr Stolz, um den ich sie beneidete.

Die Art, wie sie ihr Haupt trug. Ihr Gesicht war zwar schon da, wenn sie eintrat, doch erst ihre Haltung vermittelte der ganzen Umgebung: Seht her – ich bin es! Und: Küsst gefälligst meine Fußabdrücke, leckt meine Spuren, sorgt dafür, dass mein Schatten keinen Schaden nimmt, wenn er mir, heiß von den Häuserfassaden abprallend, hinterher hechelt …

Sie kräuselte ihre Lippen (besonders bei der Häuserfassaden-Passage) und richtete die Segel ihrer Arroganz ganz nach dem Wind aus, der – oh, ein Wunder! – vormaliger Flaute just zum rechten Zeitpunkt gewichen war. Mit Überzeugung und windiger Wucht.

Da fielen meist auch schon die ersten schweren Tropfen, und sie erschien, gleich einer Königin im Märchen, erhobenen Hauptes, und gebot den Stürmen, den Blitzen und dem Donner sogleich wieder Einhalt. Da schienen sich der Sturm, auch Blitz und Donner, wie junge Jagdhunde um ihre, Dianas, Füße mit den schmalen Fesseln zu lagern, mit den Schwänzen wedelnd und die braunen Hundeaugen mit dem treuen Blick auf die gestrenge Herrin gerichtet.

Und während also erneut Ruhe in die Elemente einkehrte, hatte sich alles – in umfassender Konzentration – ihrer Erscheinung zu widmen.

Ohne Ausnahme – alles.

Sie war eine Symphonie aus lauter Farben, wenn alsbald züchtiges Hellrot (kaum jemals pink, nie indes rosa-pastelliges Lichtgepantsche!) aufleuchtete und sogleich wieder ins Preußisch-Blaue fiel oder ins stämmig Weiden-Grüne. An Gelb und Ocker bloß kurz anstreifend. Wenn sich kohlenfarbenes Anthrazit dann gegen Nacht-Schwarz hin wandte; zwei, drei Weißtupfen alles unwirklich erscheinen ließen wie nach einem Sommerregen; ein Film schließlich über alles gebreitet wurde, gleich einem optischen Schleier.

Dazu und in alles hinein mischte sich freilich auch eine Palette aus Tönen. Ein vielstimmiger Akkord stöhnte auf, umbrandet von Geräuschwogen und vibrierenden Klängen. Sphärisch mag hier wohl die richtige Bezeichnung sein. Aber auch – zwischendurch und gleichsam kontrapunktisch eingesetzt – infernalisch. Eine zusätzliche, himmlisch-höllische Vervielfachung an sich schon dunkeltraubiger Cluster; ein intensives Auf und Ab auf einer einmaligen, unwirklichen, erlösenden wie beängstigenden Skala. Ja: erlösend wie beängstigend

Und das den ganzen Quintenzirkel rauf und runter. Rauf und runter. Immerzu. Immerzu.

Es klang (und vibrierte) nicht selten wie im Inneren eines antiquierten Eisenbahnzugs, der über die uralten Holzschwellen rumpelt. Immerzu. Immerzu. Immerzu.

Dem – entfernt an Opern oder Naturkatastrophen erinnernd – Geräuschvollen, das ihren Auftritt einleitete und umgab sowie ihren Abgang, später dann, signalisierte und ausklingen ließ, entsprach die Opulenz in ihrer eigenen Optik: Ihr blondes Haar, das seine einmalige Färbung stets von Neuem und selbst, aus sich heraus, zu erschaffen schien, umwallte ihren engelsgleichen Körper, dem freilich nichts allzu Zierliches, ja: Transparentes, vielleicht sogar Blasses eignete, sondern von dem, ganz im Gegenteil, eine erstaunliche Kraft, Vitalität und Wendigkeit ausging. Etwas merkbar Muskulöses, eindeutig Gesundes, durchaus Strapazierfähiges.

Sie war eine Erscheinung von Prägnanz und Suggestion. Abseits jeglicher Androgynie.

Ich beneidete sie. Obwohl sie Isolde hieß, was ich als ziemlich katastrophal empfand. Der Name allein war schon eine Zumutung. Doch sie machte dieses Manko tausendmal wieder wett; glich diesen Makel ohne weiters aus; überspielte ihr Isolden-Dasein elegant. Und blond.

Auch das Olfaktorische ihrer Auftritte nötigte mir zum Neid hin tendierende Bewunderung ab: War doch ihr Kommen stets mit dem merkbaren Anschwellen einer spezifischen Geruchswolke verbunden, die bei aller Schwere und Intensität dennoch die Anmut des um keine Nuance zu viel an Essenz Eingesetzten vermittelte. Vergleichbar vielleicht einem dicken Putto, der die Backen bläht, oder einem rosigen Ferkelarsch, dem ein Parfumfurz entflieht …

Nein, falsch: Sie roch nicht, sie duftete! Auch wenn dieses, ihr Aroma noch einige Zeit nach ihrem Abgang dem Ort weiterhin seine Note gab und in den Räumen, die sie eben noch durchschritten hatte, gleichsam haften blieb …

Ja, ich beneidete sie.

Ich war mir, als ich sie erst ein paar Male gesehen hatte, sicher, meinen Neid (und meine Anerkennung, denn die war ohne Zweifel auch vorhanden; ich war ja nicht völlig verblödet …) kanalisieren zu müssen. So bloß hinnehmen konnte ich ihre überwältigende Anwesenheit sicherlich nicht. Es hätte mir das Herz gebrochen, mich irgendwann ruiniert, ja!

Doch – was wäre zu tun?

Zumindest sollte sich meine Haarfarbe von Grund auf ändern.

Zwar würde mich eine künstliche Erblondung meinerseits diesem unwirklich schönen Geschöpf längst noch nicht ähnlich erscheinen lassen; allein schon die Annahme einer solchen primitiven Annäherung hatte etwas Blasphemisches an sich! Doch ein zaghafter, tastender Anfang wäre damit immerhin getan.

Längst noch nicht gesagt war freilich, dass mit meiner Verblondung zugleich auch eine – quasi priesterliche – Inauguration in ihre Männer-mordende (wie es mir zumindest erschien), in ihre kastrierende, zumindest irritierende Rolle am Mann verbunden sein würde.

*

Nein, ob sich meine, zugegeben: bis dato eher bescheidene Wirkung auf das andere Geschlecht tatsächlich zu verstärken imstand sein würde, ja: zu vervielfältigen sogar!, das war, wie gesagt, längst noch nicht sicher. (Zu wünschen immerhin, aber keineswegs sicher.)

Von einem in solchem Ausmaß gekonnt Verderben – oder zumindest Bestrafung – bringenden Gestus, wie er ihr unleugbar und gleichsam in uneingeschränktem Maß und quasi mit Leichtigkeit und jeder Zeit zu Gebote stand, würde ich wohl auch nach einer mittleren Metamorphose noch meilenweit entfernt sein.

Und bleiben.

Sie liebte es, den Männern ein schmerzhaftes Ende (oder mindestens eine für immer erinnerbare Bestrafung) zu bereiten. Einen, so hieß es, habe sie gleich zu Beginn des (ohnedies durch und durch und allein von ihrem königinnenhaften Verhalten bestimmten) Verhältnisses bis in den Staub hinein oder gar noch weiter unterworfen; was diesem nicht einmal besonders bejammernswerten Dummkopf übrigens und zu allem entstandenen Flurschaden angeblich noch in gewisser Weise gefallen habe …

Ein anderer hatte angeblich zwar alsbald das Weite gesucht (und gefunden), sei indes immer noch zu nahe dran geblieben an ihr, um letztlich nicht doch auch noch ernstlich Schaden zu nehmen, wie es vorauszusehen gewesen war. (Man denke bloß an den dummen, verblendeten antiken Ikarus und die mit Wachs nun einmal nicht kompatible sengend heiße Sonne!) Ja, der Ausgang schien eine ihr klare Sache gewesen zu sein – ihm naturgemäß nicht; nämlich die Notwendigkeit seines Verglimmens an diesem alles rundum verheerenden Feuer Isolde; an dieser gewaltigen, zuletzt jegliches Dasein verzehrenden Flamme … Also blieb ihm nichts anderes übrig als der betäubende Sturz ins (Beinahe-)Bodenlose.

Ja, und für sie war ein weiterer und neuerlicher Triumph über das Männliche reserviert.

Zudem roch es wieder einmal exzellent, blieb sie doch zurück als der adorierte hochbarocke Putto oder der rosige Ferkelarsch, dem just ein Parfumfurz entströmt war …

Wiederum ein anderer, ebenfalls trunken vor Liebe zu ihr, der Unerreichbaren, sei (so sagte man) in dunkelsten Trübsinn, tiefste Depression und irreversible Melancholie verfallen sowie schließlich und endgültig an den Alkohol verloren gegangen …

Kurz: Sie war gigantisch! Und in der Weise gefährlich, wie es nun einmal das meiste ist, das wir mit dem Ausdruck gigantisch verbinden.

Dabei ging die (wohl kaum unberechtigte) Mär, dass ihre Zuneigung an sich schon eine Gefahr darstelle. Dass also unter Umständen ihre Liebe allein bereits Schaden bedeutete. Auch auf Distanz. Schaden und Verderben. Vielleicht sogar den Untergang.

Dieses böse Gerücht wurde zwar in erster Linie von gezielten Indiskretionen und obskuren Andeutungen genährt, die eindeutig aus der entsprechenden Ecke, nämlich von Frauen, kamen, die glaubten, sich mit ihr in irgendeiner Weise messen zu können. Doch war die Befürchtung, es sei – zumal für Männer – gefährlich, sich auf sie einzulassen, immerhin auch durch mehr oder minder erwiesene Fakten und traurige Beispiele belegbar. Und die Beispiele säumten gleichsam ihren Lebensweg und belegten ihre diesbezügliche Karriere.

Eines davon personifizierte Edgar.

Diese spezielle Motte, damals unversehens in ihren heißen Lichtkreis geraten, soll später sogar alles verflucht haben, was zwischen ihnen (und somit mit ihm) geschehen war.

Doch da lag, bildlich gesprochen, seine verkohlte Hülle, ein ärmliches, übelriechendes Häufchen Chitin, längst vor dem Mahagoni-farbenen Nachtisch neben ihrem Bett.

Da ich, Emma, besagten Edgar recht gut kannte, ja, eigentlich mit dem Burschen durch viele Jahre schon – lose, eher peripher zwar, doch immerhin – befreundet war, empfand ich zunächst Mitleid mit ihm. Doch schlug das sehr rasch in eine Art Schadenfreude um. Zu sehr befand ich mich längst schon und völlig im Bann dieser faszinierenden blonden Frau! Außerdem entpuppte sich Edgar ziemlich schnell als echtes Ekel, dem sein Los durchaus zu gönnen war.

Sollte der blöde Dolm doch schauen, wo er blieb! Dieser nunmehr ausgebrannte und hohl-rudimentäre Käferpanzer, der er jetzt und fürderhin war, dieser missliebige; so hilflos wie der vormalige Gregor Samsa in Franz Kafkas genial-beunruhigender Erzählung „Die Verwandlung“. Doch zu allem Übel noch gleichsam tot. (Oder zumindest scheintot.) Tot, obwohl er weiterhin existierte. Eben bloß existierte, aber nicht wirklich lebte …

Edgar war, zugegeben, weniger mitleiderregend als der verwandelte Kafka-Held. Und: nicht einmal ganz so eklig. Einfach hohl hingeworfen wie ein abgestorbenes Glied aus Horn oder eine überflüssige Hautschuppe. Zu nichts zu gebrauchen, weitestgehend nutzlos.

Dabei hatte Edgar vormals tatsächlich nach etwas ausgesehen, wenn er mit seinen schmalen Fingern der Tastatur des Klaviers nicht selten erstaunlich einnehmende Klänge entlockte. Dickbauchige Champagner-Flaschen entkorkte. Diverse Mädchen entkleidete. Appetitliche Jungfrauen deflorierte.

Kein Apoll (warum auch?!) oder Adonis (item), doch eine leidlich geistreiche, immerhin gutgewachsene Erscheinung. Ein Mannsbild. Und kernig bei aller Feingliedrigkeit.

Vorbei war es jedoch damit. Vorbei und geschehen.

Ein Käfer-Relikt, ein ausgebranntes. Vielleicht sogar eine Art Käfer-Reliquie.

*

Wobei sich – ziemlich drängend sogar – immer wieder die eine Frage stellte: Wie war es überhaupt möglich, dass jemand jemanden anderen so sehr liebte, dass er vor Sehnsucht zu vergehen glaubte, wenn der andere abwesend war; und dann wiederum derartig zum Hass befähigt schien, wenn sich das Blatt (aus welchen Gründen auch immer) gewendet hatte? Wenn aus dem Freund ein Feind, aus dem Vertrauten ein Fremder, ein Ablehnungswürdiger, gar ein Hassenswerter geworden war? Ja – wo war sie dann, die vielgepriesene Empathie?

Und noch grundsätzlicher: Wie konnten Krieg und Gräuel überhaupt entstehen? Wie waren die sukzessive Verrohung und Entmenschung vormals doch angeblich so zivilisierter, ja: human, vielleicht sogar humanistisch ausgerichteter Charaktere möglich? Wie hatte es zu all den Ausschreitungen in der grauen Vorzeit, in der Antike und in der Neu- wie Jetztzeit kommen können? Wo lagen die Gründe für die Zerstörung Trojas und Karthagos (um nur zwei prominente Beispiele zu nennen), also zweier Zentren hoher Menschheitsentwicklung durch kaum weniger hoch entwickelte andere Menschen? Für die minutiös – bis in bürokratische und logistische Details hinein – geplante und in großem Ausmaß auch tatsächlich vollzogene Judenausrottung und -vernichtung durch die Nazis sowie für so manchen anderen Genozid? Und: Gab und gibt es einen (außer vielleicht den numerischen) Unterschied zwischen der biblischen (Symbol-)Tat des Kain an seinem Bruder Abel und den späteren Massenmorden?

War es, zynisch gefragt, von Vorteil, seelisch Abstand zu schaffen zwischen sich und dem nunmehr zum Feind Erklärten? Half Anonymität bei der Ausübung des nun einmal (von einer entmenschten Obrigkeit oder vom eigenen entmenschten Ich) geforderten Sühneopfers? (Sühne, übrigens wofür?!)

Entsprach die gern zitierte Schattenseite am Menschen seinem wahren Gesicht und diente sie ihm bloß zur Ausrede? Oder bildete das sogenannte Böse nur die Ausnahme, in die sich der an sich Gute erst (und womöglich widerstrebend) eingewöhnen und einüben musste?

In diesem von Haus aus ziemlich zerbeulten und zerfledderten Gefühlsgefüge scheint es dann beinahe konsequent zu sein, dass sich der kleine Gott der Welt (wie Goethe den Menschen in „Faust I“ nennt) in seiner Hilflosigkeit und Angst adäquate höhere Wesenheiten geschaffen hat; einen Gott oder sicherheitshalber gleich mehrere Götter nach seinem Ebenbild. Die konnten mal bizarr und ziemlich menschlich ausgestattet erscheinen – wie etwa im antiken Athen und später in Rom; oder sie gerieten ihm zu eigenartigen Machtzentren, die zwischen rächendem und liebenden Allein-Gott changieren – wie im Judentum und bei den Christen.

Da er sich mit der Gegebenheit seines Todes (also seiner Endlichkeit) nicht abfinden will, greift der Mensch außerdem zum Strohhalm des Weiterlebens im Jenseits. Ein gefundenes Fressen für diverse Amtskirchen, ihr gleich engstirniges wie stringentes und zum Teil völlig abstruses Regelwerk auf- und einzurichten.

Denn just mit der Angst lässt sich trefflich operieren …

Dass diese als übergeordnet angenommenen Wesen dann nach möglichst blutigen Opfern und zumindest einem Teil der angehäuften Habe des Menschen dürsten (weil sie sonst neidisch auf das von ihm Erreichte und Errungene werden könnten!), dass sie ungefragt und strickt Anbetung und Unterwerfung verlangen sowie ausschließliche Verehrung, lässt sie zwar in ihrer Egozentrik als durchaus Menschen-ähnlich erscheinen; als sympathisch jedoch kaum.

Wenn wir schon ohne plausible Entschuldigung für all die ärgsten Formen der menschlichen (und der göttlichen) Barbarei auf der Welt auskommen müssen, wäre vielleicht wenigstens irgendeine Erklärung dafür möglich? (Und sollte sie noch so bizarr, skurril oder obskur sein!)

Entspricht die plötzlich (und warum auch immer) nicht mehr funktionierende Beziehung im Kleinen, die Verwandlung von vormals schier grenzenloser Liebe in blind-tödlichen Hass im persönlichen Einzelfall eines Paares, nicht ohnedies der oft genug diffusen, eben als gegeben angenommenen Ablehnung zwischen den Völkern und Nationen? Ist das Auslöschen der familiären Zuneigung nicht mehr oder weniger bloß ein Paradigma für die weltumspannende Feindschaft? Und weiter, daraus sich entwickelnd: für die globale Inhumanität?

Ist alles, was über die Probleme im Kleinen hinausgeht, letztlich nur eine Frage der Dimensionen – nicht jedoch eine der Gefühlsintensität?

Gut. Dann verliert Isoldens hochbarocke Puttohaftigkeit allerdings ihren Charme, und auch als rosiger Ferkelarsch ist die Gute vollkommen fehl am Platz. Mitsamt dem ihrem Schweineafter entströmenden, hübsch riechenden Parfumfurz.

II

Edgar verflucht alles, was geschehen ist

Naturgemäß ist man nachher immer schlauer als zuvor.

Und ebenso naturgemäß fällt es einem nachher auch ziemlich leicht, alles, was vorher war, zu verfluchen. Einschließlich der eigenen Einfalt.

Sie hat einen schließlich in die Situation gebracht, in der man dann letztlich die Zeiten des Unglücks verbringen muss. Darbend und verhärmt. Weggesperrt vom Gral des Glücks. Und vor allem abseits von jeglichem Wild. Abseits von dem, das es zu erlegen gälte, abseits allerdings auch von dem, das nunmehr für den Genuss aufs Beste zubereitet wäre … Doch greifen wir lieber nicht zu weit vor.

Dass sie, die blonde Isolde, eine Wucht gewesen war, steht übrigens fest. Da übertrieben diejenigen, die nicht müde wurden, eben das immer wieder zu behaupten, keineswegs. Und dieser Umstand war es denn auch, der zumindest in mit-entscheidender Weise dazu beitragen sollte, dass ich, Edgar, mich überhaupt dermaßen zum Idioten machen konnte.

Im Allgemeinen, so sagt man mir nach, verstünde ich es nämlich recht gut, mir die Weiber, wenn es darauf ankam, durchaus geschickt vom Leib zu halten. (Und nur in dem Maß an mich heranzulassen, in dem ich selbst es gerade für wünschenswert erachtetet: Bestimmt vom anzustrebenden Ausgleich der Körpersäfte oder sonstigem Verlangen nach Balance; weil mir eben gerade danach war; weil ich es zu brauchen glaubte; weil ich schlicht und ergreifend Lust danach empfand.)

Der Zeitpunkt, sie mir vom Leib zu halten, die Weiber, war im Allgemeinen immer dann gekommen, wenn ich sie gehabt hatte. Denn einmal genossene Freuden bedeuteten mir nachher so gut wie – nichts. Nichts. Nichts mehr. Im Gegenteil: Nachdem ich mit einer Frau im Bett gewesen war, ödete sie mich grosso modo auch schon an. (Manche leider bereits während dessen oder sogar vorher.)

Da konnte ich früher noch so scharf auf die Alte gewesen sein.

Einmal genießen; durchbumsen; nach allen uns zur Verfügung stehenden Regeln der Kunst ficken. Dann wollte ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Dann versuchte ich sie am besten und so rasch, wie das nur möglich und zu machen war, los zu werden – und zu vergessen.

Ich weiß, das hört sich alles nicht besonders charaktervoll und höflich an; und schon gar nicht ritterlich oder charmant. Aber – was soll es. Bin ich Minnesänger oder mittelalterlicher Knappe mit Drang nach Höherem?! Na, also.

Dann, wenn das geregelt war, begab ich mich wieder auf die Jagd. Und auf der Jagd und im Krieg gelten bekanntermaßen eben andere Regeln.

Alles in mir regte sich. Und in gewisser Weise tat es mir leid um die Zeit, die ich mit der einen im Bett vertrödelt hatte, war zeitgleich die nächste doch schon so nah gewesen. Ich, Edgar der Jäger, konnte ihren Schweiß (obwohl ich sie noch gar nicht angeschossen hatte!) förmlich riechen. Der Finger Nimrods am Abzug juckte und zuckte förmlich; der ganze Weidmann mutierte zum Zappel-Philipp; von Anstand war keine Rede mehr.

Aber sie –

Isolde freilich war quasi mit Widerhaken ausgestattet. Oder mit Klebstoff. Oder, noch besser: Sie glich einem Gecko, der kopfüber (oder zumindest vertikal) auf glatter Oberfläche haftete – mittels seiner nützlichen Saugnäpfe und Haftlamellen. (Nicht von Ungefähr heißen die Gekkonidae auch Haftzeher!)

Das ist für ihn gut so und nützlich angelegt, da der Gecko ja von selber weiterstrebt; wobei er dann ein Beinchen freistellt und, wenn er dafür eine neue, ihm genehme Stelle an der Wand gefunden hat, die anderen drei und den Schwanz sukzessive nachzieht. Er verändert also seine Position. Bewegt sich. Gibt den vormals inne gehabten Untergrund wieder frei. Wie ein Halma-Kegel (oder eine Schachfigur) die Position auf dem Spielfeld.

Isolde, die blonde Isolde, indes veränderte nicht.

Hatte sie einmal jemanden an sich gebunden, musste der notgedrungen seinen Eigenwillen aufgeben. Vergleichbar der von der Spinne mittels Netz umwobenen Fliege oder Wespe war er gefangen. Wobei Isolde es verstand, dem Geliebten – dem ohnedies ein Schicksal drohte, nicht unähnlich dem des Männchens der Gottesanbeterin – die Aussichtslosigkeit seiner Lage insoweit zu verschönern und zu versüßen, als er sein Verwelken durch systematisches Erdrücktwerden immerhin Leib an Leib mit ihr, der Großartigen, auszukosten und zu zelebrieren aufgefordert war … Wem nach solchem Tod der Sinn stand, der konnte vielleicht sogar vom Glück sagen, an Isolde geraten zu sein, die so Wohlgeratene.

Aber nicht ich, Edgar, dem die Freiheit gleich viel wie der höchste sexuelle Genuss bedeutete. Naja, … fast so viel zumindest …!

Und dann das.

Abhängigkeit, beinahe! Unterwürfigkeit, schier! Sklaventum …!

Mir, Edgar, würde dereinst ein Weib sagen: „Küss gefälligst meine Fußabdrücke, leck meine Spuren, sorg dafür, dass mein Schatten keinen Schaden nimmt, wenn er mir, heiß von den Häuserfassaden abprallend, hinterher hechelt!“

Mir, Edgar – das?!

Man kann nichts rückgängig machen im Leben. Das ist eben einmal so. Die Patrone, die den Lauf der Waffe passiert hat, kann nicht ins Magazin oder in die Trommel zurückgeholt werden. Pistole oder Revolver: Die Entwicklung ist nicht revolvierbar.

Aber man kann sich selbst, sein (Un-)Geschick, sein Los verfluchen, allemal. Kostet nichts. Ist aber auch für nichts.

Bringt nichts.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sogar – wenn man es vermöchte – besser wäre, solche Dinge zu vergessen oder zumindest ein für alle Mal abzuhaken. Denn gelingt das nicht, so trägt man sie die Restzeit des Lebens mit sich herum wie einen ungeliebten Müllsack. Und das Gehirn wird gar nie frei von der beschissenen Erinnerung.

Verdammt, Isolde!

Zugegeben, bestünde die Verpflichtung, nach entsprechend lange dauerndem Suchen und Gustieren endlich bei einer Frau bleiben zu müssen, wäre ein Weib wie die blonde Isolde immerhin irgendeiner wenig attraktiven Geschlechtsgenossin vorzuziehen gewesen. Indes – die Geckohaftigkeit! Nein, unmöglich! Lieber ein menschlicher Solist auf immerdar!

Ich, Edgar, passe nun eben einmal nicht in das Schema des (treu-)sorgenden Familienvaters. Mich schert weder Weib noch Kind, wenn ich ehrlich sein soll, und auch ich gehe mich bis zu einem gewissen Grad kaum was an. Es ist nämlich nicht so, dass mir an mir so wahnsinnig viel läge … Dazu ist meine Fähigkeit, mich für jemanden anderen zu interessieren viel zu wenig stark ausgebildet und ausgeprägt. Und auch ich selbst komme mir nicht selten eher wie ein anderer vor, als dass ich mich für einen Teil meiner selbst hielte … Das mag bei einem bekennenden Egomanen vielleicht etwas verwundern, ist aber nichts desto weniger so.

Ich habe auch keine Ambitionen, mir um mich besondere Gedanken zu machen.

Ich habe meinen Job und mein Auskommen.

Und ich habe die Jagd.

So lange es genügend weibliches Freiwild gibt und mein Zielfernrohr funktioniert, herrscht daher kein Mangel an Abenteuer. Anschleichen. Auflauern. Tarnen. Täuschen. Erlegen. Ausweiden. Genießen.

Und dereinst dann, wenn von den Abenteuern nur mehr die Reminiszenzen und die glanzvoll ausgeschmückten Erzählungen in geschliffenem Jägerlatein bleiben, ist genug Stoff da für manche frohe Anekdotenrunde in der gemütlichen Gaststube der Erinnerung.

*

Darunter, dass es so hatte kommen müssen, dass nämlich dieses Edelexemplar von weiblichem Wild sozusagen den Spieß umzudrehen imstande gewesen war, darunter leide ich heute noch. Dabei geht es nicht nur ums Prinzipielle, also darum, eine ungewohnte Niederlage einstecken zu müssen. Nein, sie hat mich zudem auch noch richtiggehend traumatisiert!

Ja, ich fühle mich immer noch weitgehend erdrückt – und vergiftet!

Ich wurde damals in einen ausgehöhlten Insektenpanzer verwandelt; zu einer leeren Chitin-Hülle degradiert; ich mutierte zu einem Un-Wesen, das man nicht einmal in einer einigermaßen ordentlichen naturkundlichen Sammlung, hinter Glas und auf einem Holzplättchen aufgespießt, akzeptieren möchte. Ich armes Geschöpf war mit einem Mal reduziert auf die eigene Vergangenheit.

Und, ich muss es zugeben, gewahrte und sah ein, dass die dann ja auch nicht so besonders großartig verlaufen war, wie ich es mir (in meiner Selbstgefälligkeit) bis dato immer ausgemalt hatte in den buntesten Farben. Von den dauernden Fischzügen und permanenten Jagdgängen waren im Großen und Ganzen nicht viel mehr als schemenhafte Erinnerungsfetzen übrig geblieben. Dazu noch ein paar weitgehend überflüssige hohle Ausschmückungen, vielleicht ein bisschen Gipsstuck und scheinbarockes Renommiergebälk … Und die unzähligen Falten im Gesicht, dann noch die geschlagenen Kerben im Hirn von so manchem Höllenrausch … Summa summarum die bange Frage, ob es denn das dann auch schon gewesen sei?!

Nichts von wegen Abenteuer-Reminiszenzen und ach so glanzvoller Vergangenheit, ausgebreitet in den farbenprächtigsten Anekdoten, in schier ziseliertem Jägerlatein und begleitet von schwerem, guten Rotwein; genossen in mancher frohen Erzählrunde in der oben erwähnten von Gemütlichkeit strotzenden Gaststube der Erinnerung …

Zugegeben, da kann sich schon zwischendurch die Frage stellen, ja, was, du Idiot, war denn wirklich so schlimm an dem hübschen Gecko?!

Es ist zum Die-Wand-hochgehen – wenn man nur könnte! Aber keine Chance – ohne Haftlamellen und Klebezehen!

III

Man sieht einander vielleicht wieder

Seltsam. Ich, Isolde, hätte, wäre es um die Wahrheit gegangen, mein Interesse an anderen weiblichen Wesen immer als eher gering bezeichnet. Zugegeben, da hatte es die eine oder andere Jungmädchen-Schwärmerei gegeben, damals, in der Unterstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schule; in der Hochpubertät, sozusagen. Einen Zustand, der zwar irgendwie an – wohl gemerkt: prä-sexuelles – Verliebtsein grenzen mochte, dessen Endlichkeit (zumindest: Kurzlebigkeit) jedoch sogleich und stets spürbar war. Vom Beginn an, da sich so ein Gefühl überhaupt regte und einstellte.

Bei ihr indes war es anders. Diese Emma hatte etwas an sich, was mich irritierte; faszinierte; erregte. Gleichsam materialisiert erschien das in ihren schweren schwarzen Haaren, die, wie in einem glatten Mantel gebauscht, von ihrem Kopf zu fallen schienen.

Schwer und schwarz.

Diese Alliteration allein schon, schwer und schwarz, verstörte mich, machte mich unsicher, ließ mich (vermutlich sogar) erröten.

Ihr Schwarzhaar glich in seiner Konsistenz einer wuchtigen Un-Materie (oder: einer Über-Materie?). Es hatte weitgehend etwas unwirklich Gedachtes, vielleicht auch etwas Gemaltes an sich. War jedenfalls – unirdisch. Wie ein nicht weiter definierbarer Klang.

Ihr Haar war Musik. In üppiger Orchestrierung gesetzt; in ziemlich bombastischen Partituren festgeschrieben und notiert; mit erregenden Tutti-Stellen. Irgendwie Richard – Wagner oder Strauss. Da bin ich nicht sattelfest. (Hätte man Knoten oder gar Zöpfe in die herrlichen schwarzen Strähnen gemacht, wäre vielleicht Bruckner daraus geworden. Nein, bitte nicht!)

Und dabei konnte Emma im Grund genommen gar nicht als ausgesprochen schönes Mädchen bezeichnet werden. Dazu war sie allein schon zu grobknochig und grobflächig; zu breit angelegt; zu weiblich; zu un-zierlich.

Doch ihr pechschwarzes Märchenhaar hob all diesen Makel (wenn’s denn überhaupt einer gewesen wäre …) gleichsam auf. Setzte die gängigen und herkömmlichen Schönheitsideale wie in einem Darüberwischen außer Kraft. Machte sich sogar irgendwie lustig über diese vormals als gültig anerkannten Reglements. Zerschlug die Spiegel; oder ließ sie bersten. Machte überhaupt alle Dogmen erzittern. War schlicht und ergreifend – elementar.

Emmas schwarzes Geflecht verfügte in seinem an eine schöne Schlange erinnernden trägen Gespanntsein mit Sicherheit über wesentlich mehr Tragekraft als alles blondes Rapunzel-Haar der Welt. Das da gleichsam Brüchigkeit und Hinfälligkeit signalisierte statt Transport-Bereitschaft und Stabilität. Dieses blond-fahle Gespinst, anfällig gegenüber jedem furzigen Windhauch … (Und als Blonde wusste ich naturgemäß auch über die alles andere denn geringe Magie des hellen Haares ziemlich früh schon gut Bescheid!)

Emmas Haar war Schild und Helm und Zeichen ihrer Selbstbestimmung und Integrität.

Emmas Haar wies seine Trägerin als Instanz aus.

Damals, als wir anderen erst zaghaft und verschreckt am Anfang unserer mühsamen Metamorphose standen und uns noch gehörig abzuplagen hatten damit. (Am Anfang einer allemal anstrengenden Verwandlung von der Kaulquappe zum Frosch, von der Larve zum Schmetterling oder vom infantilen Zweibeiner zum einigermaßen gewieften Geschöpf, von dem bald dann zumindest ein bisschen Ausstrahlung ausgehen mochte.)

Emmas schwarzes Indianerhaar strahlte eben den natürlichen Mut der Angehörigen eines Naturvolkes aus. Obschon sie alles andere als indianische Vorfahren hatten. Ihre Großeltern waren vielmehr bloß aus ein wenig östlicher liegenden Gefilden zugezogen, und im weitesten Sinn war sie ein bisschen slawisch; aber auch nicht mehr als ich nordisch war. Oder Edgar ein Spanier. (Auch wenn er das vermutlich nur allzu gern gewesen wäre, der Dummkopf!)

Emmas Haar versöhnte sogar mit ihrem doch ziemlich blöden Namen: Emma. Wer hieß denn sonst auch Emma, ohne allein deshalb schon für eine Volltussi gehalten zu werden?!

Emmas Haar korrigierte Emmas Namen indes spielend und voller Charme.

(Übrigens: Allzu glücklich war ich zeitlebens mit meinem Namen, mit Isolde, wohl auch nicht. Aber – was soll’s.)

Und so beschloss ich, mir mein blödes blondes Isolden-Haar schwarz zu färben.

Wohl wissend, dass es dennoch nie auch nur ansatzweise an das Format ihres Haares, an das Emmas also, heranreichen würde. Doch da ich Emma nun einmal beneidete, musste ich so handeln; allein schon, um ein Weniges aus eigenen Mitteln zu tun, nämlich meine unbändige Sehnsucht nach der schwarzen Kraft ihrer Haare zu stillen.

*

Ich, Edgar, ich hatte immer schon eher wenig für Kaffeehäuser übrig. Cafés (und besonders Konditoreien!) waren mir eigentlich ein Gräuel.

Die Schlichtheit eines Gasthauses durfte schon in Schäbigkeit hinüberspielen, in einen beinahe unhygienischen oder gar grindigen Zustand (dem finalen Zusammenbruch wesentlich näher als irgendeiner längst vergangenen Blüte), so war mir ein solches Lokal immer noch, sozusagen, von hinten lieber als ein gestyltes Espresso von vorn. Vielleicht hing das auch damit zusammen, dass ich alle die Jahre hindurch kein ausgesprochener Kaffeetrinker war, mir ein gepflegtes Bier, ein gutes Glas Wein oder ein ordentlicher Cognac grundsätzlich wesentlich mehr bedeuteten als die braune Brühe zweifelhafter Konsistenz. Nein, an diesem Gesöff lag mir, abgesehen vom Frühstückskaffee, den ich mir wenig ambitioniert zubereitete, einfach nichts. Kaffee ließ mich kalt. Sogar heißer Kaffee. Oder Schokolade. Nein. (Auch bei Tee hätte ich mich niemals als Kenner bezeichnet, auch wenn ich recht häufig daheim Tee trank.)

Gasthäuser hingegen, natürlich auch bessere, hatten zumeist zumindest Charme. Der erstaunlicherweise mit dem Grad ihres – irgendwann mit Sicherheit einsetzenden – Niedergangs nicht unbedingt geringer werden musste. Ganz im Gegenteil.

Warum dereinst gutgehende und durchaus beliebte Wirtshäuser irgendeinmal an Niveau und Qualität einbüßten, mag verschiedene Ursachen haben. Ich persönlich glaube, dass dabei das Phänomen der zu großen, der übermächtigen Väter (oder Mütter) eine entscheidende Rolle spielt. (Oder das Phänomen der inferioren Söhne und Töchter.) Denn hat sich ein Etablissement einmal durch die Persönlichkeit von Wirt und Wirtin einen gewissen Namen gemacht, so besteht deshalb längst noch keine Garantie quasi auf Ewigkeit. Schnell nämlich ist das Renommee verspielt, sind die Hoffnungen in den Sand gesetzt und schwindet die Gunst der Stammgäste dahin. Ja, gerade die Stammgäste überleben mit geradezu sturer Zielstrebigkeit den Tod (oder die Pensionierung oder den Konkurs) eines fabelhaften Patrons, um sich dann für die erwiesenen Wohltaten am Sohn oder an der Tochter (oder einem familienfremden Nachfolger) ausgiebigst zu rächen … Denn just diese Stammkröten werden dann unendlich alt, sitzen ständig (beschämend wenig konsumierend) herum, nörgeln andauernd sowie an allem und piesacken die jungen Nachfolger-Wirtsleute nach allen Regeln der Kunst; egal, ob die ihre Sache nun gut machen oder schlecht.

In der Tat: Man hat Probleme bei der Vorstellung, den alten Johann Wolfgang von Goethe als polternd-besserwisserischen, doch immerhin gewandten und klugen Wirt schätzend, sich bei seinem kaum begabten, weitgehend Genie-fernen Sohn August eine geröstete Leber oder Frankfurter mit Saft zu bestellen. Und auch, wer den charmant-pfiffigen Wolfgang Amadé Mozart als einfallsreichen Kaffeesieder geschätzt hatte, würde bei dessen vergleichsweise schmalbrüstigem Söhnchen Carl Thomas vorsichtshalber auch lediglich einen kleinen Braunen oder ein Mineralwasser ordern.

Nach einem einigermaßen formidablen Wirt ist es jedenfalls immens schwer, sein Geschäft überhaupt annähernd gut zu führen. Die Größe der unvergleichlichen Wiener Schnitzel, die Zartheit des fürs Rahmgulasch verwendeten Fleisches oder die Flaumigkeit der Semmelknödel adeln die meist einfachen Gerichte in der Erinnerung zu Schalet und Ambrosia. Naturgemäß waren überdies auch der Traminer, der Welschriesling oder der Grauburgunder besser gekühlt, der Portugieser oder der Zweigelt temperierter, war das Bier optimal gezapft und der Obstler ein Gedicht …

Da hat der Newcomer einfach keine Chance. Der Schatten des alten Wirts lehnt übermächtig, die dicken Arme schadenfroh in die Hüften gestemmt, im Raum, bedrohlich und jegliche ehrlich bemühte Annäherung an frühere Standards schon im Keim erstickend.

Da kann die neue Generation von Besitzern oder Pächtern noch so viel geborgtes Geld in zartgrüne Resopalplatten investieren, alte schäbige Vitrinen durch entsprechende modische Scheußlichkeiten ersetzen und recht urige, doch – zugegeben – unpraktische Schankräume von unbedarften sogenannten Innenarchitekten (oder gar Designern) in irgendwelche pflegeleichte Albtraum-Interieurs verwandeln lassen: Am Ende bleibt (neben dem unbezahlbaren Kredit) mit Sicherheit bloß eines: die schlechte Nachrede!

Fazit: Lieber sitze ich in einer schon leicht desolaten Kaschemme als in einem zum Luxusrestaurant umgewandelten Mehr-Sterne-Ess-Tempel oder einem Hauben-Haus.

Schon gar nicht jedoch in einem noch so aufgemotzten Café oder Espresso. Aber, bitte, Ausnahmen bestätigen nun einmal die Regel.

*

Man traf sich dennoch in einem Kaffeehaus.

Man? Isolde, Emma und Edgar. (Er war also doch noch irgendwie Gentleman, der alte Knabe …)

Von wem war die Idee dazu gekommen?

Eines Morgens fanden sich auf ihren Mobiltelefonen entsprechende SMS-Nachrichten. (Wer die Meldungen tatsächlich verschickt hatte, wäre sogar nicht zu eruieren gewesen, wenn sich wer darum bemüht hätte, es herauszufinden.) Und die drei leicht irritierten Menschen setzten sich daraufhin per Anruf mit einander in Verbindung.

Jetzt saßen sie also in einem Kaffeehaus in der City zusammen, das immerhin eine gewisse innenarchitektonische Gediegenheit auszeichnete. Ja, doch.

Spannung lag knisternd in der Luft über der dunklen Tischplatte.

Eigentlich ein erstaunliches Bild, das die drei Personen da einem Außenstehenden boten; vorausgesetzt, jemand hätte sich dafür interessiert. Doch die junge rothaarige Kellnerin beschäftigte sich gelangweilt mit ihren (falschen) Fingernägeln, und ein Damenkränzchen, das glaubte, irgendetwas feiern zu sollen, nuckelte am fast schon warmen Prosecco und gluckste zwischendurch aufgekratzt vor sich hin. Von den Wänden sahen halbabstrakte Aquarelle zweifelhafter Qualität aus dünnen Rahmen, die vorgaben aus Messing zu sein.

Da saßen sie also an einem der Tischchen, vor sich ihre Getränke.

Die etwas füllig gewordene Emma mit merkbar blondgefärbten, nicht besonders gepflegten Haaren. An ihrem Campari-Orange und an einer Zigarette ziehend.

Isolde, deren falsche schwarze Haare auch nicht eben besonders vorteilhaft zu ihrem hellen Teint passten; geschweige denn, dass sie mit ihrer schönen blauen Augenfarbe harmoniert hätten. Einen kleinen Braunen vor sich.

Und Edgar, der angesichts der falschen Haarpracht um ihn herum eigentlich recht froh war mit seiner beginnenden Glatze. Zudem war der offene Weißburgunder sogar genießbar.

Ich habe sooft an dich denken müssen. Dein herrliches blondes Haar, ich konnte es einfach nicht vergessen. Verzeih, dass ich mich dazu entschloss, es dir gleich zu tun. Gleich? Nein, nein, es war natürlich nur ein Versuch, der auf jeden Fall scheitern musste. Dein Schwarzhaar hatte es mir angetan. Da musste ich einfach mithalten, auch wenn ich nie und nimmer mithalten konnte. Es war eine verzeihliche Schlappe. Oder?! Ich halte mich für eine ausgelaugte Insektenschale, für leeres Chitin. Aber das macht nichts. Wer weiß, welche Probleme ich sonst gehabt hätte im Leben. Und an irgendetwas muss man schließlich scheitern. Jaja, Emma – Isolde – Edgar – Ich – Du – Er – Sie – Es – Wir – Ihr – Sie. Und sonst? Kinder …? Ehemänner? Frau oder – Frauen? Immer noch der Jäger? Immer noch ständig auf Aufriss? Ach, Krebs. Die halbe Lunge. Schrecklich! Gehirntumor? Tut mir leid. Was, schon tot. Oh. Was du nicht sagst! Na, so was! Schau einer einmal an! Aber – geh!

Sie hielten sich bedeckt. Ließen die oder den anderen nicht an sich heran.

Die vielleicht wichtigen Fragen wurden somit nicht gestellt. Und die vielleicht wichtigen Antworten nicht gegeben. Freilich ersparten sie sich solcherart auch einen Großteil der Lügen, die sonst vermutlich unausweichlich gewesen wären.

Und dann bestanden sie auf getrennter Rechnung, obwohl es doch kaum der Rede wert – – –

Es war überhaupt nicht der Rede wert gewesen, das ganze Treffen.

Ein Lächeln zuletzt. Ein Kuss auf die Wange mal zwei mal drei.

Später werden sie sterben.

Zuvor ist Isolde wieder blond geworden, und Emma hat sich das Schwarz-Mäntelige ihrer Indianerhaare für das letzte Stück des Weges zurückgeholt. Mit Silberfäden durchzogen. Edgar gehen auch die bisher noch übriggebliebenen Haare sukzessive aus. Aber das macht nichts, seit er kaum mehr auf der Pirsch ist, verläuft auch sein Leben in ruhigen Bahnen.

Man könnte sagen, sie seien bloß drei Gedanken.

Doch dazu hatte es ihnen allen eigentlich immer an Intellekt gefehlt.

So sind sie bestenfalls Erinnerungen.

Schwache Erinnerungen. Unklar schon an den Rändern und etwas zerfleddert.

Manchmal nur blitzt etwas auf.

Und ein leiser Schauer macht sich bemerkbar.

Ein ganz leiser.

E N D E

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