Senfsaat

&

Salzsäure

 

Ja, zum Teil auch durchaus

skurrile Überlegungen

von Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2015)

Saure Wochen, frohe Feste!

Sei den künftig Zauberwort!

J. W. v. Goethe, Der Schatzgräber

*

(…)

Jeder Charakter ist durch Zwei teilbar,

da Gut und Böse beisammen sind.

Doch die Bosheit ist unheilbar,

und die Güte stirbt als Kind.

Erich Kästner, Genesis der Niedertracht

*

 

 

I

„Notte! Perpetua notte“

Natürlich wird sauer meist als weniger angenehm empfunden als etwa süß. Und doch hat gezielt eingesetzte Säure auch ihre Vorteile. Außerdem ist Süßes wohl auch nicht immer besonders opportun. Und der Diabetes, volkstümlich Zuckerkrankheit genannt, soll sich angeblich in den westlichen Überflussländern überhaupt auf dem Vormarsch befinden … Insgesamt verfügt Saures hin und wieder über einigen Charme.

Fast immer freilich kommt es (wie fast überall, so auch hier) auf die Dosierung an.

Doch just daran hatte Joachim Siebenrohr allem Anschein nach nicht gedacht, als er mittels Senfsaat und Essigsäure, Zucker und noch einigen anderen, meist wohlriechenden Zutaten aus diversen Gewürzdöschen, hübschen Geschmacks-Gläsern und schlanken Essenz-Flakons, seinen Senf Marke Eigenbau mixte. (Bei sich nannte er das Zeug gern: seine Flavour-Power.)

Oder: Er hatte just daran sehr wohl gedacht, und ihm war folglich die Wirkung, die er damit erreichen würde, vollkommen klar?!

Immerhin hielt er, für alle Fälle, eine bauchige Flasche mit Salzsäure bereit, sollte seine Rezeptur nicht die gewünschte Wirkung zeitigen.

Es war eine Premiere.

Seine bisherigen (Verwandten-)Morde waren von ihm nämlich allesamt eher simpel, wie er selbst es war, und ohne besonderen Aufwand und großes Aufheben, etwa mittels Pistole oder Revolver (immerhin besaß er sowohl als auch) beziehungsweise Strick oder Hacke – merke: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann! – und Messer, vollführt worden. Joachim Siebenrohr verfügte nämlich auch diesbezüglich nicht über besonders viel Phantasie und hielt sich eher an den alten Spruch, dass der Zweck die Mittel heilige. Was übrigens – besonders im Zusammenhang mit der Ermordung, dem Ausweiden (sinnigerweise auch als Ausnehmen bezeichnet) und endlich dem Aus-der-Welt-Schaffen sozusagen eigenen Fleisches und Blutes (sic!) – einigermaßen befremdlich wirkte; ja, sogar irgendwie blasphemisch.

Doch auch sonst hatte es der ehemalige Studienabbrecher der klassischen Philologie – das war nämlich so ziemlich das Einzige, was Siebenrohr bisher (und auch schon vor entsprechend langer Zeit) tatsächlich auf die Reihe gebracht hatte, diesen Abbruch – und durch innerfamiliäre Protektion sowie durch sonstige Verbindungen zum Manager aufgestiegene Taugenichts nicht so besonders mit der Phantasie. (Gut, einige der von ihm verwendeten Kochrezepte durften immerhin als inspiriert gelten; doch die waren meist nicht von ihm selbst kreiert.)

Aber nun, warum auch immer, sollte es ja etwas ganz Spezielles sein.

Feierte er doch just seinen 65. Geburtstag!

Also etwas ganz Spezielles.

Denn auch Tante Georgine, sein verehrtes Tantchen Georgie, war, mit ihren nicht mehr ganz so flotten 87 Jahren, schließlich etwas ganz Spezielles.

Da muss man dem – letztlich, was nämlich die Vertuschung des Verbrechens betrifft: gescheiterten – Mord-Perfektionisten sogar beipflichten.

Doch davon hat er jetzt auch nichts mehr. (Oder am Ende doch -?)

Aber der Reihe nach –

Schon Jean-Anthelme Brillat Savarin wusste vermutlich die Wirkung des Senfs zu schätzen; auch wenn er ihn nicht explizit zum Thema in seinem Standardwerk „Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse“ (1826) machte; er setzte wohl eher voraus, dass er schlichtweg vorhanden sei.

Auguste Escoffier, der legendäre Koch der Könige (wie auch König der Köche) und Küchenreformer, weist allerdings in seinem „Kochkunstführer“ („Guide culinaire“, 1903) zum Exempel auf die Senfsoße (Sauce Moutarde) hin.

Udo Pini, findiger Autor des „Gourmet Handbuchs“ (2000), definiert Senf so: „Geruchlose, zum Brennen zu erkauende und erst durch Wasser zum Tränentreiben provozierte, weißgelbe (schwachpikant) bis schwarze (hochscharfe) Samenkügelchen von diversen Kreuzblütler- oder Kohlarten (Brassica) …“

Egal, ob jemand in Graz seine Käsekrainer verzehrt, ob er in München seine Weißwurst, in Frankfurt sein Wiener-Würstchen oder in Wien ein Paar Frankfurter einnimmt – in aller Regel begleitet den (noch so fragwürdigen) Fleisch-Genuss als notwendiges und beliebtes Accessoire eine der Senfvarianten; ob scharf (Estragon), süß-würzig (Kremser), mit typisch französischem Einschlag (etwa: Dijon) oder englisch, als bayerischer Süßer oder US-amerikanisch (mehr oder minder neutral schmeckend, auf jeden Fall: without cholesterol).

Ohne Senf geht es bei Wurst als fast food einfach nicht. Und mit Absonderlichkeiten wie der Curry-Wurst wollen wir uns hier nicht weiter auseinandersetzen. (Denn irgendwo muss doch wohl alles seine Grenzen haben.) Und auch bei der Bockwurst genügt uns, dass es sie gibt.

Zurück zu mustard, mountarde oder mostarda.

Den guten und verdauungsfördernden, bekömmlichen Mostrich, wie der Senf auch genannt wird, haben schon die alten Griechen und Römer gekannt und geliebt. Angebaut wird die Senfpflanze auf der ganzen Welt, wobei die drei wichtigsten Ursprungsländer England, Frankreich und Deutschland sind. Ob mild, ob würzig, ob scharf oder in diversen Mischformen, ob Champagner- oder Estragon-Senf, Moutarde au poivre vert, Tomato-Senf oder Moutarde de Grains und Moutarde de Meaux oder Münchener Hausmacher – Senf gibt so manchem Essen überhaupt erst den Pfiff, dessen die ganze blass, konturlos und farbleer schmeckende Kalorienanhäufung ohne ihn sonst für immer ermangeln würde.

Ja, der Senf ist nicht selten das berühmte Tüpfelchen auf dem I …

Und bei Joachim Siebenrohr sollte er nunmehr zudem ein Gericht zum letzten Gericht adeln.

Joachim Siebenrohr wusste wenig, das aber war ihm geläufig: Nicht nur als würzende, aparte Hinzufügung in der kulinarischen Gesamtkomposition können sich der Koch wie der Genießer und Vielfraß (Gourmet wie Gourmand) auf den Senf ganz verlassen; auch als Vermittler finaler kulinarischer Reize leistet das würzige Accessoire mit Sicherheit gute Dienste.

Der Volksmund weiß schon, warum er den treffenden Ausdruck geprägt hat vom Überall-seinen-Senf-Dazugeben …

Übrigens, mit Senf – wie überhaupt mittels Schärfe – lässt sich zudem so mancher Hautgout übertünchen. Und solche Anrüchigkeit (sic!) kann, besonders, wenn es darum geht, jemandem mittels Essens den Garaus zu machen, jemanden per Kalorienzufuhr aus dem Verkehr zu ziehen oder sonst irgendwie abzuservieren (sic!), leicht als störende Nebenerscheinung des zu diesem Zweck zubereiteten, präparierten und manipulierten Mahls auftreten. Eine Signal- und Warnwirkung oder ein verräterischer Hinweis sind solcherart immerhin nicht auszuschließen. (Womöglich zuletzt den ansonsten noch so guten, ja: genialen Plan durchkreuzend …)

Denn der Geschmack, den mache Gifte an sich haben, muss unbedingt überlagert und übertüncht werden durch entsprechend stärkere Aromen; könnte doch das Opfer noch misstrauisch werden und womöglich kurz vor dem ansonsten so wohlvorbereiteten Ende vom Verzehr der mit viel Aufwand hergestellten Todesspeise zurückschrecken und solcherart vom Genuss derselben Abstand nehmen … Also gilt es, auffällige, all zu stark riechende, ja: stinkende Gifte besser zu meiden oder aber zum Beispiel mittels Olmützer Quargel zu überdecken. (Daher greife man in solchen Fällen nicht zum ansonsten natürlich viel eleganteren Ossau-Iraty Brebis-Pyrénées aus dem französischen Baskenland!)

Doch vermöchten leider alle diese Überlegungen den Gestank nicht miteinzubeziehen (in Joachims Augen und Nase nämlich), den wesentlich gefährlicheren übrigens, der entstehen würde, wenn das durch Senf et cetera aufgepeppte mehrgängige Gourmet-Menü dann erst einmal tatsächlich zu seinem letalen Ziel geführt hätte; kurz, wenn Tante Georgine per Joachims Spezialitäten-Sammelsurium endlich in hoffentlich angenehmere Sphären katapultiert worden wäre, begänne erst ihr Anteil an der allgemeinen Luftverpestung … (Und der versprach – trotz der relativen Kleinwüchsigkeit der charmanten Greisin und der üblichen Schrumpfungsprozesse, die bei ihr längst schon prämortal eingesetzt hatten – immerhin ein erheblicher zu werden.) Dann, nach vollendeter Tat nämlich, würde es sich nicht länger verheimlichen lassen: Die alte Dame war hinüber. Und über kurz oder lang würde eben auch (oder: sogar) bei dem an sich durchaus gepflegten und hygienisch weitestgehend sauberen Tantchen das große Stinken im Zuge der nun beginnenden Verwesung einsetzen.

Wie auch immer: Noch dachte der Neffe gar nicht so sehr an diesen unangenehmen Neben-(oder besser: Nach-) Effekt und an etwaige Mittel, ihn später, wenn es so weit sein würde, zumindest irgendwie mildern zu müssen; an Möglichkeiten der Geruchs-Camouflage und Gestanks-Maskierung also. Auch ob hierfür erneut auf Senf zurückgegriffen werden könnte oder doch besser auf Parfum, schien jetzt noch außerhalb seiner Erwägungen zu liegen.

Angenehm duften statt verräterisch stinken, so lautete jedenfalls die Devise!

Zunächst drehte es sich indes darum, den Senf (und andere geruchsüberdeckende Mittel) beim Akt des Vergiftens selbst optimal einzusetzen. Zudem hatte das verwendete Gift mit den beizumengenden Accessoires möglichst umfassend zu harmonieren. Angenehme, leichte Gerüche sollten die profunde Schwere der todbringenden Substanzen verschleiern und vernebeln. Ja, am besten gliche das ganze Gericht, also die mehrgängige Todesfalle, einem optimal gemixten Parfum – mit den so wichtigen Duftnoten und Elementen Kopf, Herz und Basis.

Denn wenn die Tante auch auf olfaktorischem Gebiet als keineswegs übersensibel gelten durfte, irgendein Stink-X würde sie sich trotzdem nicht für ein Wohlgeruchs-U vormachen lassen.

Nein, bestimmt nicht!

Vorsicht war allemal geboten.

Und: Es ging um viel. Das wusste Joachim.

(Wir greifen vor: Wäre er nicht gerade bei der Zubereitung dieses für sein weiteres Leben – die paar verbleibenden Jahre, immerhin … – so wichtigen Abendessens und nachher, beim Servieren, so betrunken gewesen, hätte er zuletzt dann vermutlich die Tante auch nicht mit Salzsäure übergossen, solcherart seine Pläne grundlegend über den Haufen geworfen und knapp vor dem Ziel noch alles zunichte gemacht und regelrecht verhaut.)

 

II

„Pace, pace mio Dio“

Was die seit Jahrzehnten schon nach langer und (wie man allgemein sagte) glücklicher Ehe mit einem Süßwarenfabrikanten, dem Onkel Hugo, verwitwete und allmählich mindestens ein wenig sonderlich gewordene Tante – na, ein bisschen skurril war sie wohl immer schon gewesen, oder?! -, was also Tante Georgine Saumkönig lange schon mit ihrem Neffen Joachim Siebenrohr (in Maßen zumindest) verband, war beider Vorliebe für Giuseppe Verdi. Zwar sprach sich die, wie gesagt, inzwischen ziemlich vergreiste Schwester von Siebenrohrs vor Jahren schon verstorbener Mutter Jolanthe zum Exempel Richard Wagner gegenüber nie derart ablehnend aus wie der (in diesem Punkt sogar erstaunlich rechthaberisch auftretende) Neffe; und auch die Russen, zumal Sergej Rachmaninow und Dmitrij Schostakowitsch, fanden bei ihr und vor ihren Ohren, ganz im Gegensatz zu Joachims Auffassung, durchaus einiges an Gnade. Doch des Neffen beinahe ausschließliche Fixiertheit auf Verdi (nur eine Handvoll anderer Italiener, etwa Gioachino Rossini, Ottorino Resphigi und Amilcare Ponchielli, ließ er noch gelten) amüsierte die Musikfreundin mehr, als dass sie sich dadurch irritiert oder gar beeinflusst gefühlt hätte. Sollte er doch seine musikalische Italophilie oder Italianität ausleben; und Verdis großartige Musik lag der alten Dame ohnedies sehr am Herzen. (Dafür, hinter dieser beinahe schon krankhaften Ausschließlichkeit seines Musikgeschmacks womöglich ein Symptom für andere geistige oder seelische Defizite des Neffen zu vermuten, dafür war Tantchen Georgie, wie übrigens nur Joachim sie nennen durfte!, allerdings längst nicht firm genug. Nein, auf dem viel zu glatten Parkett der Psychoanalyse oder auch nur in der Psychologie fühlte sie sich keineswegs zu Hause; und auch andere populärwissenschaftliche Attitüden lagen ihr gänzlich fern. Sollte Joachim eben in Verdi sein Nonplusultra sehen! Basta.)

Der Rest der in künstlerischen Belangen eher stumpf-dumpfen Familie war über die diversen Sträuße – Johann (Vater), Johann (Sohn), Joseph und Eduard Strauß, dazu natürlich Richard Strauss und sogar Oscar Straus -, auch über Franz Lehár, Emmerich Kálmán, Paul Abraham, Franz von Suppé und Robert Stolz, ohnehin nicht hinausgekommen. Immerhin verfiel man nicht auf den bloß als (meist ohnedies simples) Klangarrangement getarnten Lärm, der sich unter dem vollkommen verwaschenen Begriff volkstümliche Musik subsumieren ließ. Und auch dem seichten Schlager gegenüber waren die meisten Familienmitglieder, was durchaus für sie spricht, weitestgehend resistent. Doch was sollte es …

Mit Joachim hingegen konnte Georgine trotz der über zwanzig Jahre Altersunterschied trefflich diskutieren – über Musik; aber auch über Politik und Wirtschaft, wovon, zugegeben, beide beinahe gleich wenig verstanden. Nun ja, gehörten die zwei Leutchen doch schon längst der Gruppe der sogenannten alten Hasen, vielleicht sogar schon der Abteilung der grauen Panther an, wenn man es partout tierisch ausdrücken wollte. Da durfte man sich mit einigem Recht zurücklehnen und musste nicht jede neue Strömung mitmachen oder gar analysieren.(Dass Joachim auch ganz anders konnte, wenn er zum Exempel seine jungen Huren ausführte oder in Gesellschaft sonst wie über die Stränge schlug, wusste Tante Georgie Saumkönig nicht; oder sie wollte diese Facette an dem alternden Lustmolch einfach nicht wahr haben …)

Ach ja, Verdi! Unter Verdiana verstanden die zwei in die Jahre gekommenen Musikfreunde klarerweise auch keine verqueren Potpourris oder gewagten Pasticcios aus dem reichhaltigen Oeuvre des italienischen Musik-Großmeisters, arrangiert etwa für Blasmusik- oder Zither-Ensembles, schräge A-cappella-Chöre oder Singende Sägen. Nein, ihre diesbezüglichen durchwegs ausgiebigen Streitgespräche, an deren Ende in aller Regel eine Wein- und Salzgebäck-reiche Versöhnung stand, verliefen durchaus und weitgehend profund.

Ja, die beiden glaubten, gemeinsam den musikalischen Schönheiten ihres Lieblingskomponisten lauschend, gleichsam manchen genialen Schöpfungs-Moment erneut evozieren zu können und so das eine oder andere Geräusch gewordene Wunder zumindest für sich zu entschlüsseln … Und das schon seit Jahrzehnten, wenn Joachim seine Lieblingstante besuchte (meist in Situationen, da ihm wieder einmal der endgültige Ruin zu drohen schien oder er sonst wie gröberen Mist gebaut hatte.) Wenn dann die alten Schellack-Stimmen in tenoraler Verzückung erbebten oder sopranesk vibrierten, wenn Enrico Caruso, Renata Tebaldi, Mario Lanza oder Maria Callas und Co. im Belcanto schwelgten, erzitterten Georgine und Joachim förmlich mit. Innerlich zumindest.

Und doch – Siebenrohr trachtete der verehrten Erbtante nach dem Leben. Und das – ohne in ihr seine Feindin zu sehen. Nein, ganz und gar nicht! Aber er brauchte nun einmal (fast in Permanenz und stets äußerst dringend) Geld.

Dazu kam, dass sich der in Geldfragen – auch als Alter – nicht im mindesten firme, überhaupt eher lebensunfähige Dummkopf zunächst, dadurch alles noch verschlimmernd, immer wieder und an nicht selten äußerst dubiose Geldverleiher halbwegs oder total sinistrer Art wandte und ihm dann das finanzielle Wasser dementsprechend doppelt bis zum Hals stand – was an sich eher ein Ding der Unmöglichkeit zu sein schien, bei ihm jedoch sozusagen spielend eintraf.

Und nun war, mit anderen Worten, die Kacke in der Tat am Dampfen …

Denn dass Joachim Siebenrohr jetzt, im Alter, finanziell so fürchterlich flach da stand, hing wiederum mit seiner neusten weiblichen Eroberung zusammen; mit Glucksi, einem knapp fünfundzwanzigjährigen Geschöpf zweifelhafter Herkunft, doch um so klarer umrissener Ausrichtung: nämlich mit der Intention, den alten, immer noch als leidlich vermögend geltenden Knacker möglichst rasch um seine restliche Habe zu bringen.

Doch, doch, die rothaarige Gucksi, die in Wahrheit Elvira Haberstössl hieß, verstand es, sogar noch männliche Ruinen und einstmals durchaus im Saft stehende Säcke, die nunmehr, meist bloß noch Schatten ihrer selbst, halbwegs dahin vegetierten zwischen Dialyse-Apparat, hochdosierter Hormonkur, Alkoholentzug oder Eiserner Lunge, aufs Erfolgreichste um ihren nicht ungraziösen kleinen Finger zu wickeln.

Siebenrohr, dem der längst schon (und zwar: mittels Hacke) dahingegangene Onkel Philipp in den frühen 1970ern noch, quasi pro forma, Unterschlupf in der Chefetage seiner renommierten Damenwäsche- und Trikotagen-Fabrik „Penthesilea“ gewährt hatte, war, auch nach seiner Pensionierung (wie schon sein ganzes bisheriges Leben) finanziell durchaus gut gestellt gewesen. Eben der geborene – Erbe. Auch früher schon, als sich Joachims Unfähigkeit als junger Sprachwissenschaftler langsam aber sicher herauskristallisiert hatte und auch ein kurzer, erfolgloser Ausflug in die Richtungen Kunstgeschichte und Geographie schließlich auf Geheiß der Familie abgebrochen worden war, hörten die Geldflüsse nie so ganz zu sprudeln auf. Ob sein Cousin Carl, ein Schneidermeister, Modemacher und Couturier von Rang, ihm wie selbstverständlich über weite Durststrecken aushalf (bis Carl per Strang endete) oder Tante Isolde, eine ebenfalls greise Schwester der Mutter (später per Pistole gemäuchelt): Alle halfen mit und taten das Ihre, um Joachim Siebenrohrs Durch- und Weiterkommen zu sichern.

Auch Tantchen Georgie war dem Neffen (und Verdi-Mitverehrer), wie schon angedeutet, immer wieder hilfreich und generös zur Seite gestanden.

Doch vermochte von Anfang an, damals in den 1970ern wie all die kommenden Jahrzehnte hindurch, der finanzielle Quell, so unversiegbar er nach außen hin auch immer scheinen mochte, mit Siebenrohrs Verschwendungssucht nie und nimmer Schritt zu halten. Nicht zuletzt, weil Joachim alles daransetzte, das Image des ausgesprochenen Weiberhelden zu kultivieren. Und das wurde à la longe aus verständlichen Gründen ziemlich teuer … Allein schon, weil die daran beteiligten Frauen nun einmal teuer waren. Anspruchsvoll und verschwenderisch – und das, klar doch, mit seinen Moneten. Meist zudem Löcher ohne Boden, sozusagen.

Dazu kam eine Menge miesen Gesocks, das sich vornehmlich von Joachim Siebenrohr aushalten ließ; mit Barem wie auch mit Speis und Trank. Und er galt nicht zu unrecht als einem guten Schluck gegenüber niemals abgeneigt; was eine weitestgehende Verniedlichung, ein klarer Euphemismus, war: Joachim neigte in Wahrheit dazu, sich, wann immer eine Gelegenheit dazu vorhanden war (und es fand sich stets alsbald eine!), volllaufen zu lassen nach allen Regeln der Kunst. Auf diese Weise verbrachte er ohnedies die meiste Zeit im Öl

Doch es war da noch eine andere Seite an Joachim Siebenrohr. Eine Seite, die aufs erste Hinsehen eigentlich überraschte, ja: befremdete. Eine Seite, die man dem Weiberhelden und Hedoniker im Grunde genommen gar nicht zugetraut hätte. Und Siebenrohr pflegte das – übrigens, ziemlich hochtrabend – als das Faustische in sich zu bezeichnen: Das Ewig-Weibliche möge ihn zwar hinan ziehen; doch auch an Wissen und Intellektualität solle sein Dasein unbedingt und, bitte sehr!, in großem Ausmaß angereichert werden!

Oh, ja! Das war in der Tat ein beinahe so wichtiger Aspekt wie das schier lebensnotwendige Frischfleisch, das er permanent forderte; denn Joachims Gespielinnen wurden – reziprok proportional zu seinen stetig zunehmenden Altersringen – immer jünger. (Doch griff er immerhin sogar hin und wieder zu verwöhnten, auch mal leicht angejahrten Exemplaren, erschienen sie ihm nur entsprechend glamourös; sogar, wenn der Glanz in Wahrheit auch meist nur von Talmiware ausging …)

Kurz und gut: Er lachte sich nicht nur weiterhin die eine oder andere kostspielige Kurtisane, Edelnutte oder Nobelhure an, er investierte vielmehr auch in falsche Freunde, die ihn einführen sollten in die Geheimnisse dessen, was unser Leben und Streben im Innersten zusammenhält. Ja, er hatte da den einen oder anderen Mephistopheles zur Hand, der ihm das Geld aus der Tasche zog und die Ohren voll blies mit Unsinnigkeiten, Pseudoweisheiten und Afterwissenschaften. Und er hechelte der saudummen Hoffnung hinterher, so an Intelligenz zu gewinnen, Bildung zu erlangen und an Wissen endlich reich zu werden. Ein armer Tor, allemal.

Da sammelte er gescheiterte Professoren, dubiose Dozenten, geschaßte Assistenten, abgekanzelte Privatgelehrte und sonstiges, in aller Regel übel beleumundetes, halb-intellektuelles Strandgut um sich (wie kleine wissbegierige Kinder Muscheln, Seesterne und glänzendes Schokoladenpapier), auf dass eben dieses falsche Glitterwerk ihm die Welt, den Kosmos, Gott oder Anti-Gott und das Universum als solches erläutern möge …

Und hier, im Aufbau eines Netzwerks (wir werden später nochmals kurz darauf zurückkommen), war Joachim Siebenrohr nicht selten sogar recht erfolgreich; fast schon den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt vergleichbar, diesen beiden außergewöhnlichen deutschen Aufklärern, die sich ebenfalls und lange vor Internet oder Computer-ermöglichten sozialen Netzwerken ihre eigenen überaus wichtigen persönlichen Verbindungen zur Intelligenz ihrer Zeit zu schaffen wussten. (Wie es Manfred Geier in seiner im Jahr 2009 erschienenen profunden Biographie „Die Brüder Humboldt“ durchaus lebendig schildert.)

Der sozusagen ständig verjüngte Faust erwartete sich vom jeweiligen Hirnteufel tatsächlich geistige Durchdringung! Das Fallen auch der letzten Hüllen, die ihm – noch (haha!) – das Mysterium des Wissens verschleierten und somit die letzte Erkenntnis vorenthielten, war für ihn unbedingt nötig und erstrebenswert! Denn just dieses Mysterium (oder besser: dessen Entschlüsselung) schien förmlich nach ihm, nach Joachim Siebenrohr, zu rufen …

Denn wie viele andere weitgehend mediokre Typen empfand auch er sich als etwas Außergewöhnliches. Ja, Joachim war in dem für ihn durchaus schmeichelhaften Irrtum befangen, quasi ein Auserwählter zu sein, ein in Wahrheit Ausgezeichneter; nur zur Zeit noch in seiner Bedeutung nicht entsprechend gewürdigt und anerkannt.

Darauf lief es letztlich hinaus – der Teufel (wie er immer aktuell auch heißen mochte: Gregor Dreikäs, Erich Maria Kuppelschwartz oder Fridolin Brandt-Unkenkeller, lauter zwielichtige Studienabbrecher, missverstandene und missverstehende Genies sowie sonstige Taugenichtse, Hochstapler und Scharlatane, je nach dem) musste ihn ständig aufs Neu verjüngen; nicht nur, damit er, quasi sich selbst perpetuierend, immer wieder und noch leichter am zuckerigen Klebeband des schon erwähnten Ewig-Weiblichen haften bleibe; in all seinen wollüstig-üppigen Formen und in der speziellen, schier lustvolle Angst einflößend barock-schwelgerischen Fleisch-Gewordenheit …! Nein, auch des Geistes und der Erkenntnis hoffte er in ständig neuer, offener, eben verjüngter Form leichter habhaft werden zu können, um so irgendwann seiner höchstpersönlichen Vollendung (in vielschichtiger Weise) entgegensehen zu dürfen!

Auch dafür war ihm nichts zu teuer. Und Geist habe, so meinte er, eben seinen Preis.

Neben Alkohol, Nikotin, Gras, Koks und ähnlichen Hilfsmitteln, die nun einmal ebenfalls saftig ins Geld gingen, versteht sich …

Um mit Immanuel Kant zusprechen: Joachim merkte (zumindest in den wenigen, sich zwischendurch einstellenden hellen Momenten) sehr wohl den dauernden Widerstreit, der da in ihm tobte, nämlich zwischen mundus sensibilis und mundus intelligibilis. Auch wenn ihm final beinahe immer ein schöner Fick lieber wahr als die (meist ohnehin fruchtlose) Bemühung um ein noch so kapitales und komplexes philosophisches Theorem … Außerdem: Weit mehr als die Ernüchterung nach einer ihm wieder einmal nur allzu leichtgemachten (und womöglich ganz offensichtlich Geld-unterstützten) erotischen Eroberung verdüsterte die merkbare Erfolglosigkeit im Aufstellen von noch so leichtfüßigen oder gar fragwürdigen Denksystemen mit jämmerlich hinkenden Vergleichen und schier frivolen Folgerungen – ja, sogar von einfachsten, kleinsten und flatterhaftesten, schier winzigen Schmetterlingen und Motten gleichenden Thesen – sein geschundenes Gemüt. Und vor allem sein kaputtes Hirn.

Um hier an die schon erwähnten Brüder Humboldt zu erinnern: Der bei aller Verlottertheit eigentlich immer noch reichlich naive Siebenrohr hätte etwas von der Beobachtungsqualität und Kritikfähigkeit eines Alexander Humboldt gebraucht (oder ein Weniges zumindest vom klar analysierenden Geist von dessen Bruder Wilhelm), um so, an Georg Christoph Lichtenberg geschult, manche Wissensklippe zu umschiffen. So indes, wie die Dinge bei ihm nun einmal lagen, türmten seine falschen Instruktoren bloß immer neue Klippen auf die alten …

Joachim Siebenrohr war freilich immerhin schlau (und auch selbstkritisch) genug, um – zumindest in hellen Momenten – die bloß geringe Fruchtbarkeit seiner Bemühungen um Bildung, Wissen und Erkenntnis zu erahnen. Dann wurmte ihn sein vergebliches Verlangen und allem Anschein nach erfolgloses Streben; was sich sogleich in einem Mehr an Geficke, Gesaufe und sonstiger teurer und ungesunder Ablenkung manifestierte.

In gewisser Weise ärgerte ihn die Verschwendung von Zeit und Moneten an irgendeine Finanz-affine Schlampe sogar weniger als sein stümperhaftes Abarbeiten an diversen philosophischen oder theologischen Problemen und Problemchen. Lieber ein paar Tausender verpudert, dachte Joachim dann, leicht verkatert, als schon wieder eine Mini-Theodizee verschissen! Gut, die rothaarige Gucksi, seine Favoritin, hätte hinter Theodizee vermutlich eine brandneue Duftnote auf dem Sektor der exklusiveren Deosprays von Joop!, Guerlain, Chanel oder Westwood et cetera vermutet. So tief unten sei er mit seinem Geist, so hoffte er, immerhin nicht angesiedelt.

Ach ja, die berühmte Theodizee: Betrachtete man das Betragen eben seiner Bettgenossinnen und Gespielinnen, etwa besagter Gucksi (recte: Elvira Haberstössl), dann musste, wenn es einen Gott gab, dieser bei der Erschaffung oder Zulassung solcher bloß entfernt hominiden Elemente (auch Zellbatzen oder Gefäßkonglomerate) wohl von sich selbst, also von Gott, verlassen gewesen sein …

Es war also nicht weit her mit Joachims gedanklichen Leistungen.

Freilich, wäre er auch nur ein bisschen klüger und von etwas praktischer Intelligenz angehaucht gewesen, so hätte er sich damit abgefunden; ja, vielleicht wäre ihm sogar eines schönen Tages aufgegangen, ohne großes Wissen um ach so weltbewegende Zusammenhänge und ohne exquisite philosophische Grundausstattung zumindest gleich gut zu fahren, als mit …; womöglich sogar besser (?!). An seinem Giuseppe Verdi hätte er auch ohne großes Geistes-Drumherum weiterhin seinen Gefallen gefunden. (Die Libretti waren oft genug unerheblich, und die Musik konnte wohl auch sonst niemand wirklich begreifen, wenn sie ihn nicht ergriffe!) Na, und das Kochen, Essen, Trinken, das Schlafen, Vögeln et cetera wären ihm ebenfalls ohne viel Hirn-Aufwand weiterhin leicht von der Hand (oder sonst wovon) gegangen.

Noch etwas: In Wahrheit hätten Joachim nicht einmal Kapazunder wie die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt wirklich helfen können. Dieser, der überwiegend treue Kantianer, Beamter, Jurist, Philosoph und bald schon Privatgelehrter mit durchaus saftig-erotischer, heterosexueller Seite nicht; jener, der homoerotisch ausgerichtete, weitgefächerte Naturforscher und Entdecker indes auch nicht. Und Immanuel Kant himself wohl schon gar nicht; egal, ob den kleinwüchsigen Meistergelehrten aus und in Königsberg nun seine peinigenden Dauer-Verstopfungen und Blähungen zur Philosophie oder eher von ihr weggetrieben haben mochten …, im Wechselspiel der Winde.

Freilich, auch der spitzfedrige Physiker, eloquente Denker und geistreiche Wortdrechsler Georg Christoph Lichtenberg wäre für Joachim Siebenrohr kaum der tauliche Helfer aus geistiger Verlegenheit gewesen. Oder gar die Allrounder Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe, die sich zu allem und jedem äußerten, egal, ob ihnen just etwas Passendes einfiel oder nicht. Oder der originelle Jean Paul Richter … Noch früher, noch aufklärerischer: Auch Baruch de Spinoza hätte ihm kaum zum tauglichen Cicerone gedient durch das Gestrüpp seiner zwar widerstrebenden, doch insgesamt unbedeutenden Gedankengänge. Und auch nicht Gottfried Wilhelm Leibniz; die beiden, die sonst doch so gut wie überall und immer heranzuziehen sind. An Joachims abstrusem Hirn-Labyrinth der weitgehend leeren Gänge und unerquicklichen Aussichtslosigkeiten wären wohl auch sie kläglich gescheitert …

Er, Joachim Siebenrohr, war schlichtweg zu blöd dazu, mehr aus sich und seinen geistigen Kellern, Speichern und Dachböden herauszukitzeln, als sich nun einmal darin befand. Und da sah es eben schlecht aus und insgesamt eher unterbelichtet. Da hätten sich, wie oben schon wortreich ausgeführt, sogar Spinoza und Leibniz, aber auch Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing, nicht minder Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot oder Jean Le Rond d’Alambert, die Enzyklopädisten und Aufklärer, schlechterdings die Zähne daran ausgebissen. Wollen wir hier vorsichtshalber den Begründer und bahnbrechenden Vertreter des Absoluten, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, oder Karl Marx, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Konsorten in ihrer potenziellen Verwendbarkeit für Joachim Siebenrohr lieber erst gar nicht näher ins Auge fassen. Und schon gar nicht, um Himmels Willen, Martin Haidegger und Jean-Paul Sartre. (Und, ins Heute geblickt, noch viel weniger, bitte, Peter Sloterdijk oder gar Konrad Paul Liessmann!)

Doch so untauglich die diversen Ansätze, so überfordert in Wahrheit die vorgeblichen Vermittler auch waren, so teuer und sinnlos war letztlich summa summarum alles Bemühen. Da half es zudem nicht, dass Siebenrohr sich mit allen Fasern seines Seins nach geistiger Erfüllung sehnte; denn in Wahrheit lüstete es den vermessenen Adepten und unbegabten Geistes-Eleven tatsächlich nach höchstem Wissen und vollstem Erkennen der Zusammenhänge.

Schließlich freilich zeigte es sich beinahe glasklar: Wie im Sex, der von Mal zu Mal schaler schmeckte, erging es Joachim auch in der sogenannten Wissenschaft: Vom Teufelsfuß heimtückisch getreten und quasi kernlos auf den Pudel gekommen, wollte sich partout der Augenblick nicht und nicht zeigen, der nun einmal so schön sein hätte müssen, so trefflich, so unübertrefflich schön …, dass erst das berühmte Zauberwort ihn wieder vertreiben hätte können und verscheuchen (was eigentlich ein dummer Effekt ist, aber immerhin): Verweile doch …!

Ergo blieb es bei Magenverstimmungen ersten Ranges.

Und: Aus dem Pudel war ein ausgewachsener Kater geworden.

 

III

„Di‘ tu se fidele“

Naturgemäß ist auch Salzsäure nicht zu verachten. Wenngleich allein schon die Manipulation mit diesem chemischen Zeug a) alles andere denn ungefährlich ist; b) die Folgen ihres Einsatzes verheerend sein können; und man c) mit einer ziemlichen Sauerei am Ende eines diesbezüglichen Anschlags rechnen muss.

Man darf also guten Gewissens behaupten: Das Arbeiten mit Salzsäure bleibt kaum lange geheim.

Warum Joachim Siebenrohr überhaupt zur Salzsäure griff? Diese Frage wird vermutlich für immer unbeantwortet bleiben. Das gefährliche Mittel könnte eine Art eiserne Reserve gewesen sein, eine Form der Rückversicherung, wenn also alle anderen Stricke rissen; denn die Ermordung seiner lieben Tante Georgie bereitete Joachim doch einige Probleme (die er in anderen, vorangegangenen Fällen nicht gehabt hatte). Zu nah stand ihm die Verdi-Liebhaberin und stets verständnisvolle Zuhörerin, schüttete er einmal tatsächlich zumindest Teile seines malträtierten Herzens aus. (Es kam selten genug vor.)

Und dass ihm die Beseitigung der Tante Kummer bereitete, hatte naturgemäß wiederum seinen Alkoholkonsum in letzter Zeit bedenklich ansteigen lassen. (Außer dem: So viel vertrug er, altersbedingt, auch nicht mehr …) Also war die dickbauchige Flasche mit dem gefährlichen Elixier sicherheitshalber in Reichweite deponiert geblieben, falls sich tatsächlich die Notwendigkeit zum Einsatz dieses nun wirklich letzten Mittels ergeben sollte …

Salzsäure, er hatte sich nicht nur eine entsprechend hochprozentige Lösung besorgt, sondern auch im Internet nachgeschaut, Salzsäure sei „eine wässrige Lösung von gasförmigem Chlorwasserstoff, der in Oxonium- und Chloridionen dissoziiert ist“, stand da zu lesen. „Sie ist eine starke anorganische Säure und zählt zu den Mineralsäuren. Ihre Salze heißen Chloride, das bekannteste ist das Natriumchlorid (NaCl, Kochsalz).“

Und: Diese farblose bis gelbliche Flüssigkeit roch zu allem Überfluss auch noch stechend!

Gut denn. Salzsäure, wenn er sie denn am Ende wirklich einsetzen würde müssen, löste bekanntlich die meisten Metalle – mit Ausnahme einiger Edelmetalle. Also würde sie auch Tantchen lösen. (Und zumindest einen Teil seiner Probleme …)

Spaßiger Weise war Salzsäure (oder Chlorwasserstoffsäure) sogar als Lebensmittelzusatz erlaubt und üblich. Da trug die alles andere als ungefährliche chemische Verbindung dann die verharmlosende Bezeichnung E 507.

Freilich, der Mensch und die anderen Wirbeltiere verfügten ohnehin auch selbst über Salzsäure – als einen wichtigen Bestandteil des Magensaftes, wo sie unter anderem die Denaturierung von Proteinen bewirkte, somit auch Mikroorganismen abtötete.

Im Fall der Tante ging es allerdings weniger um einen Mikroorganismus, den es abzutöten galt; immerhin jedoch um ein Makroproblem … Er benötigte unbedingt – und möglichst rasch! – sehr viel Geld! Da sollte die Beseitigung der Tante zumindest seine Finanzsorgen längerfristig überbrücken helfen! Ein saftiges Erbe, und das Leben sah schon wieder besser aus, nicht wahr?! (Trotz erotischem Über-Vampir Gucksi und seinen anderen, pseudo-philosophischen Blutegeln …)

Doch das half ihm jetzt alles nicht weiter. Und auch das berühmte Königswasser, diese ageblich sogar Gold auflösende Mischung aus Salz- und Salpetersäure (in hochkonzentrierter Form), das den Alchemisten schon bestens bekannt war, hätte seine Beklemmung nicht sonderlich gemildert. Nein. Und – wie auch?!

Übrigens: Mit Amoniak reagierte Salzsäure in Form intensiven weißen Nebels, hatte er gelesen. Doch nicht einmal der würde ihn genügend dicht umhüllen und solcherart unsichtbar machen – wie eine Tarnkappe, zum Exempel …

Und dabei – – – also, um möglichst viele Eventualitäten auszuschließen, hatte Joachim Siebenrohr ursprünglich ja eigentlich bloß auf entsprechend toxisch versetzte, dementsprechend imprägnierte Senfsaat, vielleicht auch (sicherheitshalber!) auf ein bisschen Arsen und andere, sagen wir: weniger akkurate Mittel vertraut, mit denen er, sie entsprechend unter die übrigen vorwiegend wohlschmeckenden Ingredienzen seines geplanten Festmahls mengend und mischend, das Tanten-Problem, das in Wahrheit und eingestandenermaßen eines seiner permanenten Finanzmisere war, lösen wollte.

Was dachte er, Tantchen Georgie eigentlich vorzusetzen? Es sollte ein quasi königliches, mehrgängiges und exquisites Menü sein; daran konnte kein Zweifel bestehen. Zunächst sollte es, selbstverständlich, die diversen Lieblingsspeisen der betagten Dame enthalten, freilich nicht ex denso und üppig zubereitet wie ausgebreitet, nein: Dezente Andeutungen mussten erst Auge, Nase und Gaumen der zu Ehrenden anregen, verzaubern und betören! Unbedingt sollten ein paar frische Erdbeeren her (und wenn er sie einfliegen lassen müsste!), die Georgine Saumkönig nun einmal so gern aß; mit einem Hauch von Pfeffer oder Chili leicht veredelt …, ja, das würde der alten Dörrpflaume konvenieren! Und sonst noch – (Bevor hier jetzt aber eine ausführliche Aufzählung all der Delikatessen, womöglich noch samt umständlicher Rezeptur, erfolgt, die sich Joachim Siebenrohr zum finalen Schmaus seiner Erbtante Georgie einfallen hatte lassen, raten wir der Einfachheit halber zum Menü, das ein gewisser Hugo, Held der Geschichte „Zu flache Schale, zu hohe Flasche“, seinen Gästen vorsetzt. BS)

In der Theorie, der bekanntlich grauen, war denn also auch alles soweit in Ordnung. Aber die Realität sollte anders aussehen. Ganz anders.

Denn Siebenrohrs in den vergangenen Jahren schon ziemlich bedenklicher Alkoholismus machte ihm letztlich einen dicken Strich durch die schöne Rechnung. Kurz, der potenzielle (und wohl auch ambitionierte) Mörder scheiterte aus naheliegenden, letzten Endes hauptsächlich seiner Trunksucht geschuldeten Gründen an der – zugegeben: großen – selbstgestellten Aufgabe. (Nur für die Tante änderte sich nicht viel. Sie hatte zuletzt tot zu sein. Wenngleich dieser Zustand auf äußerst unbequeme, ja: inhumane Weise herbeigeführt worden sein würde. Man hätte ihr ohne Frage einen wesentlich weniger schmerzhaften Abgang gewünscht!)

Beinahe so, wie er in philosophischen Fragen auf keinen nennenswerten grünen Zweig zu gelangen imstand war, ging dem als Koch wie als Mörder sonst so ambitionierten Joachim denn auch sein ach so toll ausgeklügelter Plan mit dem Todesmenü weitestgehend daneben.

Das Vorhaben endete somit in einem Fiasko ersten Ranges!

Entweder haperte es an der gewählten Dosierung, oder aber hielt die uralte Tante, gewürztes, ja sogar ziemlich scharfes Essen ein Leben lang gewohnt, einfach seinen massiven Angriffen auf ihre Geschmacks- und Magennerven immer noch wacker stand. Jedenfalls zeigten sie während des Essens und auch danach zunächst keinerlei Vergiftungserscheinungen, so genau der Neffe die Greisin auch beobachtete. (Im Gegenteil, während die Tante sich – nicht zuletzt des hervorragenden Rotweins aus dem Piemont wegen – allem Anschein nach bestens fühlte, verspürte das Geburtstagskind Joachim langsam aber sicher Magengrimmen …)

So griff der dumme Amateurkoch in seiner Verzweiflung dann also zur Riesenflasche mit der Salzsäure! Schöne Scheiße: Die Wirkung war zwar in der Tat überzeugend; doch das Vorgehen hatte kaum etwas Elegantes oder gar Charmantes mehr an sich. Und die Folgen für die arme Erbtante waren denn auch entsprechend radikal.

Es war furchtbar!

Selbst die alte Haushälterin, die zufällig ihren freien Tag nicht außerhalb des Hauses, also der gepflegten Villa aus der Gründerzeit am Stadtrand, verbracht hatte und durch das furchtbare Schreien, das erbärmliche Stöhnen und grässliche Ächzen ihrer zu Tode verletzten alten Dienstgeberin herbeigerufen worden war, versetzte das Bild des Grauens, das sich ihr hier bot, in höchstes Entsetzen. Und die betagte Frau Anna, diese treue Seele, zögerte keinen Moment, Rettung, Notarzt und Polizei zu alarmieren. Dann brach die gute alte Haut zusammen. Nein! Da machten ihre Nerven nicht mit.

Und Joachim Siebenrohr? Kreidebleich und zitternd hockte der besoffene Salzsäure-Attentäter inmitten eines Chaos aus zerborstenem Geschirr und Glas, aus Stofffetzen, halbverkohlten Lebensmitteln und diversen Kochrelikten! Und das alles neben den, man muss es sagen, ziemlich übel beschaffenen, in einer Lache zweifelhafter Konsistenz leise vor sich hin brodelnden Resten der Tante!

Bebenden Mundes flüsterte er ein ums andere Mal: „Tantchen! Liebte Tante Georgie! Das habe ich nicht gewollt! Nein! So habe ich das nicht gewollt!“

 

IV

„So fliehe denn eilig und fliehe allein“

Der Aufruhr war ein gewaltiger. Auch die Medien überschlugen sich in den tollsten Spekulationen. Vom alternden Lebemann (und gefährlichen Hobbykoch) war da die Rede; vom erstaunlichen Umstand auch, dass der Lieblingsneffe allem Anschein nach seinen 65. Geburtstag mit der greisen Tante allein gefeiert und dass der als Gourmet und begeisterter Kochartist bekannte Joachim S. hierbei höchstpersönlich für die Zubereitung des Essens gesorgt habe. Von Familien-internen Zwistigkeiten wurde viel Nebulöses angedeutet; von einem Anschlag mittels Senfsaat und Salzsäure et cetera war schließlich die verworrene Rede …

Joachim wurde selbstverständlich unverzüglich in Gewahrsam genommen.

Der alte Anwalt der Familie, Dr. Gregor Ulrich Ziegenteich, beriet sich alsbald mit mehreren Kollegen. Ja, es schien naturgemäß angezeigt, dass man Joachim Siebenrohr möglichst rasch aus der Schusslinie nahm; denn dass er sich so ohne weiteres aus dem Staub machte, schien unter den gegebenen Umständen eher ausgeschlossen. Jetzt, wo der schreckliche Unfall, der die bedauernswerte Tante Georgine dahingerafft hatte, im Wortsinn ruchbar geworden und der Verdacht sozusagen in Form der Gewissheit von Haus aus auf ihn, den kochenden Erben, gefallen war. Also – galt es auch für den eingefleischten Nicht-Wagnerianer, am besten die Flucht nach vorne anzutreten: „So fliehe denn eilig und fliehe allein“, wie es in der „Walküre“ so richtig heißt.

Aber wie?

Nun, da kam dem alten Fuchs sein Netzwerk von früher zugute.

Eine Handvoll medizinischer Spezialisten – vorwiegend handelte es sich um anerkannte Koryphäen auf den Gebieten der Neurologie und Psychiatrie -, mit denen er, neben vielen anderen auch, vormals die paar besseren Bars der Stadt (und auch viele schlechtere) unsicher gemacht hatte, erstellten Siebenrohr optimale Atteste und so gut wie wasserdichte Gutachten, die Joachim grosso modo als unzurechnungsfähig erscheinen ließen.

Mit der Erbschaft war es nun freilich nichts. Doch die übrige (noch verbliebene) Familie legte ordentlich zusammen. Schließlich ging es ja auch um den Ruf der Siebenrohrs, Gallitzers, Bruck-Nebenbräus, Aschbaurs, Nebelhorns und wie sie alle hießen … Und allein die Aussicht, dass man Joachim in Zukunft (bei gutem Wind und möglichst weit weg) unter – weitgehend kommodem – klinischem Verschluss hielte, ließ sie umso tiefer in Portemonnaie, Geldbörse und Brieftasche greifen! Gerne sogar …

Immerhin sollte Gras über die Sache wachsen. Endlich!

Außerdem, und das schien zudem mit keinem Geld der Welt bezahlbar zu sein: Dann wäre man den fürchterlichen, total skurrilen Verwandten, diese weitgehend unbegabte Niete, ein für alle Mal los. Endlich!!

Lieber möge ihn die Welt für gaga halten, als dass er die Sippschaft weiterhin in Atem hielte! Weg mit ihm! Endlich könnte die Mischpoche aufatmen! Endlich!!!

So machte sich Siebenrohr also auf in ein piekfeines Sanatorium in Nassau auf den Bahamas, nicht zuletzt in der Hoffnung, dort am ehesten niemanden von den hiesigen Bekannten anzutreffen.

Nun, ganz gelang es nicht. In der hübschen Medizin-Residenz traf er immerhin auf einen flüchtigen Bekannten, den er einige Male in der Zahnarztpraxis des Dr. Joachim Halmgurth gesehen hatte. Wie sich bald herausstellte, handelte es sich um den Finanz-flüchtigen Anlageberater Maximilian Cicero Borneo, einen zwar recht sympathischen, etwa gleichaltrigen Spinner, der indes in einer Tour etwas von einer nabellosen Gesellschaft faselte. Jaja, gaga

Ansonsten war dieser Max C. Borneo jedoch, wie gesagt, ein recht sympathisches Haus.

Überhaupt ließ es sich auf den Bahamas ganz gut leben.

Danke der Nachfrage.

 

E N D E

 

 

Die Kapitel-Untertitel verweisen auf die Verdi-Arien „Notte! Perpetua notte“ („I due Foscari“), „Pace, pace mio dio“ (La forza del destino“) sowie „Di‘ tu se fidele“ („Un ballo in maschera“) und auf Wagners „So fliehe denn eilig und fliehe allein“ („Die Walküre“ / „Der Ring des Nibelungen“).

  

Literatur & Quellen (Auswahl):

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bdn. Mannheim 2006.

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Manfred Geier, Die Brüder Humboldt. Eine Biographie. 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2009.

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Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. München 2013.

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