Schon

wieder

D u

Eine Geschichte

von Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt. Graz, Sommer 2009

(ENDFASSUNG 2016)

Er kam ganz plötzlich. Punkt elf Uhr

vormittags, von einer Sekunde zur

anderen, wusste in der Stadt niemand

mehr, was er fortan tun sollte. Der

Bürgermeister entdeckte als Erster

seinen veränderten Zustand und bewies

damit, dass man ihn zu Recht gewählt

hatte. Er erschrak, blickte den Rats-

schreiber verstört an und sprach:

,,Ich weiß beim besten Willen nicht,

was ich von nun an tun soll.“

Kurt Kusenberg, Ein fremder Vogel

*

Man darf nicht alles sondern. Es ist

alles überall. Es ist Tragisches in den

oberflächlichen Dingen und Albernes

in den tragischen. Es ist etwas würgend

Unheimliches in dem, was man

Vergnügen nennt.

Hugo von Hofmannsthal,
Sebastian Melmoth

*

I

Die Straße war irgendwie kleinwüchsig. Ich weiß, Straßen sind nicht groß- oder kleinwüchsig. Doch die, die, um die es hier geht, war kleinwüchsig. Es war eigentlich auch gar keine Straße, es war eher eine Gasse. Oder ein Weg. Sie wurde indes Straße genannt nach irgend einem prominenten Trottel, dem man einerseits keine grindige Gasse oder keinen abwegigen Weg zumuten konnte, der zum anderen indes wiederum zu wenig geleistet hatte im Leben, als dass man – guten Gewissens – gleich einen Platz nach ihm benennen hätte müssen. Jetzt war er zwar längst schon tot, der Namensgeber, aber die Straße, die nach ihm benannte Straße, sollte „fürderhin stets an ihn erinnern“, wie es so schön in der Rede des damaligen Bürgermeisters und im Stadtsenatsbeschluss geheißen hatte. (Sonst hätte sich das mit der Straßenbenennung ja auch kaum machen lassen. Und außerdem: Seine ehemaligen Parteigänger und Anhänger wären brüskiert gewesen, hätte man ihm bloß ein Schwänzlein im Straßennetz der Stadt gewidmet. Also dann doch die kleine Straße. Wenn auch sinn- und zwecklos.)

Anrainer erinnerten sich noch der Einweihungsfeierlichkeiten einiger schmaler, eher unansehnlicher Häuser und zweier gering bemessener Wohnblocks, die mit der Straßenbenennung einher gegangen waren. Da ragte die Festgemeinde, allen voran der damalige Bürgermeister (ein gewisser Viktor Emminger), Vertreter des Stadtsenats, der Kirchen, diverser Verbände und die Chefetage der betreibenden Wohnbaugesellschaft sowie die Feuerwehrkapelle (fünfunddreißig Mann stark, mit ihrem Dirigenten Alois Zierkappl, zwei Marketenderinnen und einem Bernhardiner namens Bello, der die große Trommel zog), da ragte also die Festgemeinde weit über Anfang und Ende der neuen Straße in die benachbarten Verkehrswege hinein. Das habe irgendwie kurios ausgesehen, lautete der Tenor der kritischeren Betrachter – trotz Freibier und Frankfurterwürstel mit Senf, Kren und Semmeln.

Die geringe Bemessung der Straße irritierte mitunter Aushilfskräfte der Post und Neulinge unter den Taxifahrerinnen und –fahrern, die nicht selten an der kleinen Straße vorbei-gondelten und erst nach einigem Hin und Her zu den angegebenen Adressen fanden. Sogar die Aufklärung eines (ansonsten kaum spektakulären) Mordfalls vor einigen Jahren verzögerte sich nicht zuletzt dadurch, dass die Einsatzwagen der Polizei das Sträßlein mehrmals verfehlten. Und ein Mann des Auges, nämlich Stefan Süßmann, war erstaunt gewesen, als er vor Zeiten – beruflich, Süßmann, jetzt ein rüstiger Endsiebziger, war damals noch aktiver Pressefotograf – einer Zeitungsgeschichte wegen Fotos in der Ministraße machen sollte, erstaunt darüber nämlich, wie mickrig sich diese Verkehrsfläche offerierte. „Dass ich zu spät wohin komme, ist mitunter möglich, aber dass ich den Ort so schwer finde, überrascht mich schon ziemlich“, soll Süßmann damals geäußert haben. (Auch auf dem Foto war nicht viel von besagter Straße zu sehen; es gab auch nicht viel von ihr.)

Kurz: Die Straße war klein.

Sie waren auch irgendwie klein geraten. Er und Sie. Filigran? Nein, klein. Wie die Straße, in der sie wohnten und die in Wahrheit eine Gasse, wenn nicht sogar bloß ein Weg war.

Sie arbeitete in der Strumpffabrik am anderen Ende der kleinen Stadt. (Schade, dass heute aber auch schon alles klein sein muss!) Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und hieß Evelyne. (Nicht die Strumpffabrik. Die hieß „Clarissa“, war über hundert und ging dem Ende zu.)

Er hieß Egon, arbeitete als Bankbeamter und zählte sechsundzwanzig Lenze, wie er in Freundesrunde als einen der wenigen Witze zu erzählen wusste. (Wer zählt schon seine Lenze?! Und wer erzählt davon??!!) Er war mäßiger Raucher („Flirt“, später dann „Camel“) und auch sonst kein großes Licht. Seit sie hier, in der kleinen Straße, wohnten, in Hauptmiete bei einem Baumeister namens Wendelbräu, freuten sie sich, dass sie hier wohnten und nicht drei Straßen weiter oder fünf. Und mit Zentralheizung und ohne Kohlenholen jede Früh. Und mit Einbauküche. Und Bad, sogar mit Bidet. Ach ja, sie hießen Zaubermann mit Nachnamen. Der war zu nicht geringem Teil Grund gewesen, dass die romantisch veranlagte Evelyne, eine geborene Selterberger, ihren Egon überhaupt geehelicht hatte.

Sie vögelten in der ersten Zeit täglich, dann meist dienstags, donnerstags und am Sonntag. Außer wenn sie die Regel hatte. Noch etwas später kaum mehr einmal in der Woche.

Später wollten sie dann zwei, drei Kinder. Nein, eher zwei.

Doch dann gab es kein Dann mehr.

Denn die Katastrophe war über sie und über alle anderen hereingebrochen. Von einer Sekunde zur nächsten. Und hatte alle Hoffnungen ausgelöscht. Und somit auch den ohnedies schon reduzierten Fickplan umgeworfen.

Schade.

Nicht dass ihre Liebe gänzlich abhanden gekommen wäre (wie in Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“ [1929]), aber sie hatte sich erheblich abgenützt. Sie war ramponiert. Und dieser Zustand war – anders als die Katastrophe – nicht plötzlich gekommen (und wahrgenommen worden); nein, es hatte längst schon eine gleichsam schleichende Reduktion ihrer vormals als so groß- und einzigartig wahrgenommenen Zuneigung und ihres gegenseitigen Verlangens eingesetzt. Und jetzt war die Liebe, was sie sich naturgemäß niemals eingestanden hätten, wären sie von außen mit der Tatsache konfrontiert worden, eben geschrumpft. Auf ein irgendwie lächerliches Maß. Ja, ihre Liebe stand nunmehr eher für einen Mangel als für etwas Großes.

Da hatte es sogar die kleine Straße prinzipiell besser getroffen.

II

Die Stadt lag da – wie in Purpur getaucht. Es stank nach Schwefel und Tod.

Ein paar verirrte und verwirrte Vögel umrundeten das Skelett des Turms, der vormals das scheußliche Seelsorgezentrum aus den 1960-er Jahren um ein paar Meter überragt hatte und nun sein schäbiges Stahl-Beton-Inneres zur Schau stellte. Das sah einigermaßen hurig aus. Und, wenn schon nichts anderes, dann überflüssig.

Das „Café Hagedorn“, etwa fünfzig Meter entfernt, schwang mit seiner Schwingtür, die, sperrangelweit aus sich gegrätscht, auch nicht eben unprostitutiv wirkte.

Alles Scheiße.

Egon kotzte Blut vor sich hin und wischte sich mit der schmutzigen Rechten das verbliebene Auge. Drei Meter hinter ihm, auf blutverschmierten Knien rutschend, die Hände wie betend erhoben, flehte Evelyne um den Gnadenschuss. Doch wie schießen ohne Colt?!

Stop! Diese Sequenz stammt (vermutlich) aus einer anderen Geschichte und gehört folglich gar nicht hier her. In Wahrheit ist das in der Fernsehwettervorschau prophezeite Tief diesmal nämlich ausgeblieben, danke, allen geht es gut, und sogar eine Taufe hat es am Samstagnachmittag gegeben. Vom Turm des Seelsorgezentrums wehte just die Papstfahne. – Warum dies? – Leider, ich weiß auch nicht, warum.

Dann war es Sonntag. Und die Sonne schien verheißungsvoll wie nur.

Der Pfarrer, mit Titel und Namen Mag. Anton Sauerbruch, freute sich auf die gefüllte Henne, die ihm die rundliche Pfarrersköchin Irmi Gratwohl zum sonntäglichen Mittagessen versprochen hatte, und auf den Erdäpfelsalat mit Kernöl; und natürlich auf den Messwein. Wen es interessiert: Pfarrer Sauerbruch war nicht mit dem berühmten deutschen Mediziner Ferdinand Sauerbruch (1875 – 1951) verwandt, der sich um die Brustkorb-Chirurgie verdient gemacht und unter anderem auch die Hand- und Unterarmprothetik vorangetrieben hat (Sauerbruch-Hand); er stammte vielmehr aus der Oststeiermark und war fünfundvierzig Jahre alt. Seine Pfarrersköchin, Irmtraud Gratwohl, fünfundfünfzig, stammte zwar aus demselben Dorf wie er, hatte indes kein Verhältnis mit dem Gottesmann. – Ja, der Messwein … Und der Kinderchor zerstieb nach dem Hochamt erst in alle Windrichtungen, um sich indes sogleich, wie ein Schwarm junger Vögel, die sich ihrer ersten Flugkünste erfreuen, wieder in manchen Kreisen und Knäueln zu treffen. Goldstimmchen! Die Eisdiele „Chez Danièle“ wurde wieder einmal zum Zentrum aller kleinen und doch so großen Sehnsüchte und zum Zufluchtsort kulinarischer Genüsse, die sich später, sehr viel später in Speckfältchen verwandeln würden. Die Spatzen (die echten Spatzen) naschten vom Krokant, der zu Boden gefallen war, und von den Krümeln der superben Nussbeugeln. Es lag, sozusagen, für jeden was in der Luft. Oder auf dem Boden.

Der Bürgermeister, ein Mittvierziger, der Wilfried Natter hieß, spazierte mit seiner Frau (Klaudia), die sich bei ihm untergehakt hatte, den drei Kindern (Waldemar, Werner und Walpurga) und dem schwarzen Spaniel Othello über den Hauptplatz. Von allen Seiten her erschollen die freundlichen, oft auch ein wenig devoten Grußworte gegen das Stadtoberhaupt hin. Und ein betrunkener Arbeitsloser verbat sich sogar selbst, den adretten Lokalpolitiker anzupöbeln.

Es war ein schöner, frühsommerlich heißer Sonntag.

Und sogar die Mörder machten Pause und unterbrachen ihr blutiges Handwerk, das ohnedies nur selten goldenen Boden hatte.

III

„Schon wieder du!“, rief der asthmatische und dieser seiner Krankheit wegen vor vielen Jahren schon frühpensionierte Bahnhofsvorstand Adalbert Isidor Kranach echauffiert aus, als er die alte, reichlich verwitterte, ja: irgendwie verwüstete Ilse Grünwand gewahrte, die, einer mythischen Furie gleich, um die Ecke des „Cafés Hagedorn“ wirbelte. Seit sie vor Jahrzehnten eine Zeit lang liiert gewesen waren, konnte er das zänkische Weib (so zumindest äußerte er sich in kleiner Runde angelegentlich über die Kontrahentin) nach ihrer Trennung, die ähnlich stürmisch wie ihre Affäre verlaufen war, auf den Tod nicht ausstehen.

„Was machst du hier?“

„Was geht’s dich an, alter Trottel?“, entgegnete die aggressive Vettel und bleckte geifernd den einzigen verbliebenen Zahn ihres Unterkiefers in seniler Wut gegen den ehemaligen Eisenbahner und Ex-Bettgenossen. „Wir leben in einem freien Staat …“

Da musste Adalbert an eine Szene am Ende ihrer gleich merkwürdigen wie – für beide Teile – (trotz mancher ausgesprochen schöner und sexuell anziehender Momente, die es ohne Frage auch gegeben hatte!) zu erheblichen Teilen enervierenden Beziehung denken, als er Ilse, einige, wie er meinte, typische Stellen aus Oscar Wildes „De Profundis“ vorlas und im übertragenen Sinn um die Ohren schlug. (Der später von Wilde-Freund Robert Ross „De Profundis“ betitelte Brief aus dem Gefängnis von Reading aus dem Jahr 1897, von Wilde selbst „Epistola: In Carcere et Vinculis“ genannt, ist die Sprache gewordene Abrechnung des einst glamourösen Autors mit seinem wesentlich jüngeren Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas, genannt „Bosie“, und ihrer beider zwischen Liebe, Hass, Verschwendung und Skandal pendelnden homoerotischen Beziehung, die schließlich zum gesellschaftlichen, finanziellen und existenziellen Untergang des Dandys, Schriftstellers und Dramatikers führte.)

Der eigenartige Dialog von damals brannte immer noch in Adalberts Herzkammern und Hirnwindungen, auch wenn er sich vermutlich aus mehreren Gesprächen zusammensetzte – so, wie er nun hier steht und wiedergegeben wird. Und außerdem gilt es, bei jedweder Beurteilung zu bedenken, dass Adalbert Isidor Kranach nicht nur Bahnhofsvorstand (gewesen) war, sondern auch ein – zugegeben: wenig bekannter – Schriftsteller und zudem Oscar-Wilde-Forscher aus Neigung. Als solcher pflegte er sogar eine recht umfangreiche Korrespondenz mit anderen Fachgelehrten und Kennern des englischen Erfolgsautors mit irischen Wurzeln.

Kranach warf Ilse Grünwand (wieder ein- und zum x-ten mal) vor, ihn von seiner literarischen Arbeit abzuhalten – allein schon durch ihre Ignoranz der und besonders seiner Kunst gegenüber -, anstatt ihn darin zu beflügeln. (Wie das beispielsweise Anastasia Prellinger bei seinem Dichterfreund Paul Rosenkranz zu tun schien. Von den beiden wird noch die Rede sein.)

„Unsere verhängnisvolle und unselige Freundschaft endete“, begann Kranach damals seinen Sermon und zitierte hier und im weiteren seinen Oscar Wilde (1854 – 1900), „und doch lässt mich die Erinnerung an unsere einstige Zuneigung nicht los, stimmt der Gedanke, dass Ekel, Bitterkeit und Verachtung in meinem Herzen für immer den Platz einnehmen sollten, den einst die Liebe inne hatte, mich traurig …“

„Aber -“, versuchte Ilse Grünwand dem (vormaligen) Geliebten ins Wort zu fallen.

„Still!“, gebot dieser indes fast ein wenig würdevoll, bevor er fortfuhr: „Nachdem Du mein Genie, meine Willenskraft und mein Vermögen in Beschlag genommen hattest, verlangtest Du in blinder, unersättlicher Gier meine ganze Existenz. Und nahmst sie.“

„Wie? Was?“, konterte Ilse entgeistert und gleichzeitig leicht illuminiert.

Doch er ließ sich nicht beirren: „Die Liebe nährt sich von der Phantasie, die uns weiser macht, als wir wissen, besser, als wir fühlen, edler, als wir sind: durch die wir das Leben als Einheit sehen können: durch die, und nur durch die allein, wir andere in ihren realen und ideellen Bindungen verstehen können. Nur Schönes und schön Erdachtes kann die Liebe nähren.“ Und Kranach hob eindringlich die Stimme: „Den Hass aber nährt alles. Kein Glas Champagner, das Du in all den Jahren trankest, kein üppiges Gericht, von dem Du aßest, das nicht Deinen Hass genährt und gemästet hätte. Um ihn zu sättigen, verspieltest Du mein Leben, wie Du mein Geld verspieltest, sorglos, achtlos, gleichgültig gegen die Folgen. In Dir war der Hass stets stärker als die Liebe. Er war so groß, dass er Deine Liebe zu mir weit übertraf, überwog, überragte.“

„Also, ich – “, versuchte Ilse ihren durch Alkoholeinfluss und Wut fast rasenden Gefährten zu unterbrechen.

Vergeblich. Denn Adalbert fuhr unbeeindruckt fort: „Es kam zwischen ihnen gar nicht oder kaum zum Kampf; so abgrundtief war Dein Hass und so riesengroß. Du machtest Dir nicht klar, dass eine Seele nicht Raum hat für beide Leidenschaften.“

„Jetzt hör’ aber endlich auf, du riesiges egozentrisches Arschloch!“, schrie Ilse. Sie trank ex. Und schenkte sich nach. Und trank.

Er, darauf erst gar nicht reagierend: „Glaubst Du wirklich, dass Du zu irgendeiner Zeit unserer Freundschaft der Liebe würdig warst, dir ich Dir zeigte, oder dass ich Dich auch nur einen Augenblick lang ihrer würdig gehalten hätte?“

Adalbert redete sich mittels Rotwein und Schnaps in zusätzliche Rage.

„Ich wusste, dass Du sie nicht verdientest. Doch die Liebe feilscht nicht auf dem Markte und rechnet nicht nach der Krämerwaage. Ihre Freude besteht wie die Freuden des Intellekts darin, dass sie sich lebendig weiß. Das Ziel der Liebe ist zu lieben: nicht mehr und nicht weniger.“ Adalbert machte eine Verschnaufpause, schnaufte denn also und trank sein Glas und sein Stamperl aus, bevor er beide erneut voll füllte.

Sie, Ilse Grünwand, hielt sich in theatralischer Pose die Ohren zu. Dann trank auch sie.

Doch der unerbittliche Kranach, auch schon ziemlich alkoholisiert, ließ sich nicht stoppen. Noch nicht. „Ich weiß, auf alles, was ich Dir sage, gibt es eine gemeinsame Antwort, nämlich, dass auch Du mich liebtest. Ja: ich weiß, dass Du mich liebtest. Wie immer Du Dich mir gegenüber benahmst, ich fühlte stets, dass Du mich im Grunde Deines Herzens liebtest. Du hast mich weit mehr geliebt als irgendeinen anderen Menschen.“

Das war zu viel. Ilse, plötzlich ernüchtert, wie es schien, stand wortlos auf und im Nu, ohne zu schwanken oder etwas zu sagen, ging sie und schlug die Tür hinter sich zu.

Hm. Das war es dann also, dachte Adalbert und wusste nicht, ob er nun zufrieden sein sollte oder unglücklicher als in der großteils tatsächlich unsäglichen Zeit mit der Geliebten.

Dieser Zustand der Ungewissheit hielt übrigens ziemlich lang an; bis sich, wenn schon nicht Hass, so doch echte Ablehnung gegenüber Ilse im Wilde-Spezialisten und wenig bekannten Autor breit machte. Und diese Ablehnung mauserte sich schließlich zu dem oben geschilderten Zustand: Er konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Traf er indes erst gar nicht mit ihr zusammen, war sie ihm beinahe egal.

„Wir leben in einem freien Staat“, wiederholte Ilse den Satz von vorhin, streckte dem ehemaligen Bettgenossen wenig damenhaft die Zunge entgegen und verschwand im Kaffeehaus, das zu betreten dem gewesenen Bahnhofsvorstand unter den obwaltenden Umständen für diesmal nicht ratsam schien.

IV

Der Bürgermeister – der dritte übrigens nach Viktor Emminger, dem Stadtoberhaupt, das damals die kleine Straße, von der weiter oben die Rede war, eingeweiht und eröffnet hatte – begrüßte auf seinem Sonntagsspaziergang (wie erwähnt: mit Gattin, Kindern und Hund) auch die Zaubermanns, die der fidel wirkenden Gruppe zufällig entgegenkamen, sehr freundlich, wie er sich überhaupt recht leutselig gab. Dass er Egons und Evelynes Namen sogleich wieder vergaß, darf als gesichert gelten. So war Natter eben.

Just als der Bürgermeister mit seiner Frau Klaudia über kulturelle Belanglosigkeiten redete – die Kinder rannten mit dem Hund um die Wette -, kreuzte auch Adalbert Isidor Kranach des Lokalpolitikers Weg. Der Autor und Wilde-Intimus nickte dem Stadtoberhaupt kurz und reserviert zu, ließ sich indes in kein Gespräch ein, das, soviel war ihm von vornherein klar, auch diesmal zu nichts führen würde. (Hatte Natter doch vor zwei Jahren die für ein von Kranach auszurichtendes „Oscar Wilde Symposion“ bereits zugesagten Subventionen quasi im letzten Moment storniert. Und so etwas wurmt einen Enthusiasten!)

Natter sah kopfschüttelnd und etwas versonnen dem enteilenden Asthmatiker und Poeten nach, bevor er den faden Faden von vorhin wieder aufnahm.

„Glaubst du wirklich, Schatz?“, fragte Klaudia und ließ eine Falte des Zweifels über ihrer Stupsnase entstehen.

„Bestimmt“, antwortete Wilfried Natter.

Dann schritten sie, kinder- und hundumwuselt, weiter auf ihrem sonntäglichen Spaziergang fürbass.

V

„Und dann verlangst du von mir, quasi aus heiterem Himmel, ich solle einen Roman verfassen, betitelt ,Schuld und Sinai’. Wie geistreich … Und doch ein Kalauer. Ein Kalauer als Titel!“ Rosenkranz, Paul Rosenkranz, der immerhin in Maßen bekannte fünfzigjährige Romancier, schilt seine blondsträhnige Muse mit der vormaligen Aphrodite-Figur, Anastasia Prellinger, mit süffisantem Grinsen um den Mund. Seine wässrig-blauen Augen schielen nach dem nächsten Viertel Rotweins.

„Hugo! Ein Viertel!“

„Kommt sofort“, erwidert der Kneipenwirt.

„,Schuld und Sinai’“, sinniert Rosenkranz, während sich sein Blick verdüstert.

„Ja, genau! ,Schuld und Sinai’! Der Roman sollte etwa folgenden Inhalts sein“, und die längst in die Breite gegangene Anastasia plappert wild drauf los, zwischendurch lediglich kleine Schluckpausen machend (sie trinkt geeisten Rumtee): „Also, ein blinder, ehemaliger israelischer Soldat diktiert einem palästinensischen alten Mann seine Erinnerungen. Er weiß jedoch nicht, dass sie beide dereinst gegen einander gekämpft haben und der Sekretär die Schuld an der Versehrtheit des Ex-Soldaten trägt. Ja, er weiß nicht einmal, dass sein Helfer kein Israeli ist, wie er behauptet … Der Palästinenser wiederum schreibt das, was ihm sein Gegenüber durch Wochen und Monate diktiert, stillschweigend nach seiner Facon um, wovon der blinde Autor freilich erst viel später erfährt … – Wie findest du das?!“

„Wird das Buch gedruckt?“, fragt Rosenkranz beiläufig und nicht ohne Sarkasmus.

„Klar doch!“, ruft die Prellinger in fast kindlicher Freude aus. „Doch dann bringt der jüdische Ex-Soldat seinen Sekretär klarerweise um.“

„Wie?“, fragt Rosenkranz und sagt „Danke!“ zu Hugo, der das nächste Viertel bringt.

„Wie?!“, repliziert die Muse. „Keine Ahnung … Du bist doch der Dichter!“

„Hm“, macht dieser. „Ich war doch nicht einmal in Israel … Da müsste ich mir zumindest den alten Peter Scholl-Latour ´reinziehen … oder gar den Ephraim Kishon …“

„Wär’ das denn so schlimm?“, will Anastasia wissen.

„Schlimm nicht gerade, aber – – – Und bei den palästinensischen Autoren kenne ich mich noch weniger aus …“

„Du weißt ja sonst auch nicht viel und schreibst trotzdem darüber“, schließt die Muse den Diskurs fürs Erste.

Paul Rosenkranz kratzt sich das schüttere Kopfhaar. („Schuld und Sinai“, denkt er missgelaunt.)

Da kommt Harry Bellowitsch zur Tür herein und steuert schnurstracks auf Rosenkranz und seine Muse Anastasia zu. Grußlos setzt er sich zu ihnen an den Tisch und ordert bei Hugo ein großes Bier.

„Habe bisher kaum was über diesen Julien Offray de La Mettrie gewusst“, beginnt Bellowitsch, der schwache Lyriker in Rilkes Nachfolge (der Meister in und um Duino vergebe die hier geschaffene Nähe zu dem nicht einmal in seinen Umgangsformen besonders originellen Afterpoeten!) einen seiner gefürchteten Monologe.

So grußlos wie er gekommen ist, wird er hoffentlich auch wieder gehen, denkt Rosenkranz, am Inhalt seines Glases ziehend und es leerend.

„Doch der Mann ist gut“, fährt Bellowitsch fort. „Ist angeblich an den Folgen des unkontrollierten Verzehrs einer riesigen Pastete gestorben …, die womöglich vergiftet war …“

Hugo stellt das gewünschte Bier vor den selbsternannten Dichter und nimmt per Augenkontakt auch die Rosenkranz-Bestellung auf – ein weiteres Viertel Blaufränkischen und einen geeisten Rumtee für Anastasia.

„Habe nur gewusst, dass La Mettrie sich mit dem Menschen in seinem Verhältnis zur Maschine beschäftigt hat – oder mit dem Menschen als Maschine … So genau sind da die Grenzen wahrscheinlich gar nicht zu ziehen. Ich sage nur: Robocop! Außerdem habe ich irgendwann einmal gehört, dass er, La Mettrie, der Empirist, wen es interessiert: 1709 bis 1751, wegen seiner Schriften aus Frankreich geflohen, Zuflucht genommen hat am Hof des Preußenkönigs Friedrich II. (des Großen) in Potsdam. Der ist auch so ein großer Aufklärer gewesen: enger Kontakt mit Voltaire und so … Im Kampf mit den Spiritualisten und der Kirche hat La Mettrie unermüdlich Kämpfe für seine Lehre der Einheit von Geist und Körper ausgetragen. Jetzt habe ich, ich tu, wie man weiß, solches selten, bei einem anderen Kollegen nachgelesen, nämlich bei Martin Walser. Und merke, dass der sich in seinem Roman „Der Augenblick der Liebe“ ausführlich mit La Mettrie beschäftigt. Da habe ich sofort –“

Der vom Präteritum dominierte Monolog Harry Bellowitschs dauert in der Tat geschlagene drei Stunden und 27 Minuten und wird nur durch ein paar große Biere kurz unterbrochen. Dann, den letzten Satz – etwa: „Und somit bleibt auch die Frage offen, wie es sich mit der finalen Pastete tatsächlich verhalten hat …“ – beendend, trinkt Bellowitsch aus, bezahlt und verlässt grußlos das Lokal.

„Na, gut, meine Beste“, sagt Paul Rosenkranz, nochmals Getränke ordernd, zu Anastasia Prellinger, „weil er heute nur dreieinhalb Stunden gequatscht hat, schreibe ich als Buße den vorgeschlagenen Roman ,Schuld und Sinai’. Und ich les’ auch den Scholl-Latour, den Karim El-Gawhary und den Kishon. No, und einen palästinensischen Autorenkollegen werde ich auch noch ausfindig machen – von wegen der Authentizität … Zufrieden?!“

„Ja, mein Genie!“, gurrt die Muse und küsst ihren Pauli.

„Eure Getränke“, sagt Hugo und lädt das Zeug vor ihnen ab.

VI

Kaum einen Tag später hatte sich das friedliche Bild in sein Gegenteil verwandelt. Es regnete stundenlang, das Wasser troff wie aus geöffneten Schleusen. Knietief erst, dann mannshoch schossen die Massen an Schlamm und Dreck durch das Geflecht der Straßen, Gassen und Wege der Stadt. Wer zu Hause war, blieb dort; wer nicht zu Hause war, sah die Seinen womöglich nie mehr – und sie ihn ebenso wenig.

So ging es tagelang.

Die Einsatzkräfte taten zwar, was sie konnten, nur glich ihr Wirken der Arbeit des Sisyphos. Auch die vielen freiwilligen Helfer versuchten zu retten, was zu retten war. Doch standen auch sie größtenteils auf verlorenem Posten.

Es gab die ersten Toten zu beklagen und viele Verletzte.

Nun war die Katastrophe wohl an ihrem Zenit angelangt, dachten die Überlebenden der schwersten Regenfälle und Überschwemmungen, die diese Stadt seit Menschengedenken heimgesucht hatten. Von Heimsuchung war auch in der (vermutlich) letzten Predigt des Pfarrers Mag. Sauerbruch die Rede, bevor ihn ein Wasserschwall von ungeahnter Stärke, der zuvor (wie spielerisch) die Kirchentür eingedrückt und aus den Angeln gehoben hatte, einem Tsunami gleich vom Rednerpult, das im neuen Pfarrzentrum die ehemalige Kanzel ersetzte, hinwegschwappte, wobei die dreckige Gischt bis zum Keyboard ausuferte, das anstelle einer Orgel aufgestellt worden war.

Das Inferno tobte indes nicht nur im hier gerade angesprochenen Viertel, dessen unscheinbarer Mittelpunkt das architektonisch missglückte Pfarrzentrum war. Zum Beispiel auch die Altstadt war bereits schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Durch die spätgotischen Laubengänge, die das schmucke Gebäude neben dem Rathaus zierten, gischtete die braungraue Brühe genauso wie durch den Innenhof des Rathauses selbst. Und dort wo sich ansonsten unter der Woche buntes Markttreiben abspielte, schossen nun die tobenden Wassermassen ungehemmt und ungebremst dahin, alles mit sich reißend, was nicht niet- und nagelfest war.

Tage später. Unvermindert peitschte der Regen die Bäume und Sträucher des nahen Stadtparks, die dem Sturm, der zwischendurch zum Orkan angeschwollen war, ohne wirkliche Aussicht auf Erfolg zu trotzen versuchten. Manche Baumrarität – eingepflanzt vor hundert Jahren und mehr – und mancher Buschexot war bereits dahingerafft; entwurzelt und entlaubt trieben die Gerippe aus Ästen und Zweigen durch die Kanäle, die auch hier eine blindwütende Naturgewalt sich aus Wegen und Stegen geschaffen hatte in der allgemeinen Vernichtung, die mit unsagbarer Gewalt über die Stadt hereingebrochen war.

Ganz besonders schlimm wüteten die Wasser- und Schlammmassen in einem Vorstadtbezirk, der unter anderem Standort einer großen Forellenzucht (gewesen) war. Nicht nur, dass die sensiblen Laichplätze der gleich wertvollen wie wohlschmeckenden Fische überflutet und die weitläufigen Gevierte für die ausgewachsenen Tiere in kürzester Zeit in ein Chaos von Schlamm und Geröll verwandelt wurden, entwichen die in mühsamer Fütterungsarbeit aufgepäppelten Flossenträger zu allem Überfluss im Nu durch die angrenzenden Straßen, Parks und Plätze in die städtische Kanalisation, wo sie auf die ersten Ratten trafen, die die sinkende Stadt verließen.

VII

So habe es also angefangen, glaubten sich manche Überlebende zu erinnern, an jenem sonnendurchfluteten Sonntag. Es sei schon später Nachmittag gewesen: Erst hätte es aus dem Erdinneren heraus unheimlich und bedrohlich gegrummelt; dann hätten auch schon immer wieder unheilkündend Blitze aufgezuckt, unmittelbar von lautem Donner gefolgt. Dass die Vögel zuvor schon so tief geflogen waren wie nie sonst und sich der Himmel um elf Uhr vormittags kurz einmal verdunkelt hatte, war einigen Hellsichtigen zwar aufgefallen; doch die Zeichen des Unheils zu deuten, war letztlich niemand imstande gewesen. Menetekel

Nur Hunde und Katzen verhielten sich äußerst irritiert; jene schlugen an und knurrten, diese machten großteils einen Buckel und fauchten. Die Kühe der Bauern in den stadtnahen Vororten gaben keine Milch mehr. Manche der Gänse in den Bauerngehöften rund um die Stadt standen plötzlich auf einem Bein, die Hühner ließen die Schwanzfedern hängen und die Regenwürmer kamen aus der Erde gekrochen. Es gab insgesamt auch mehrere Früh- und Fehlgeburten; und ein Dachdecker, der trotz Sonntagsruhe eine Lücke in seinem eigenen Dach auszubessern vorgehabt hatte, fiel von demselben.

Doch, wie gesagt, nur wenige nahmen die Vorzeichen ernst. Menetekel

Schade. Indes – was hätte es genützt?!

Da: Eine dunkelbraune, schillernde Mure ergoss sich wie in Zeitlupe durch die Hauptstraße, bevor dann alles ganz schnell ging. Wassermassen schossen plötzlich von überall heraus und überall hinein. Der Fluss trat in erschreckender Geschwindigkeit aus den Ufern und hatte alsbald die Hochwassermarke von 1873 erreicht, als immerhin Teile der Altstadt unter Wasser gestanden waren. Im Nu verwandelten sich Straßen in Kanäle, Wege in Morast. Auch das „Café Hagedorn“ stand sofort unter Wasser, und der Eissalon „Chez Danièle“ blieb ebenfalls von der alsbald einsetzenden Verwüstung nicht verschont.

Baumstämme schnellten auf den Wassermassen dahin wie Geschosse und zermalmten alles, was sich ihnen (vermeintlich) in den Weg stellte.

Überall waren die Keller längst schon überflutet, ein stadtnaher See war ebenfalls aus den Ufern getreten und hatte zur allgemeinen Verwüstung das Seine beigetragen. Die Felder und Wiesen auch am höher gelegenen südlichen Rand der Stadt sowie die dortigen urbanen Grünflächen hatten sich ihrerseits in schmutzige Seen verwandelt.

Die Versorgung mit elektrischem Strom war bald schon nach Beginn der Katastrophe ausgefallen, Gasrohre gingen zu Bruch. Brände waren die Folge. Das Telefonnetz war tot.

Die braune Brühe wälzte sich bereits drei Tage lang durch das Geflecht der Straßen und Gassen und Wege, denen man ihren vormaligen Verwendungszweck, ihre verkehrstechnische Bestimmung, längst nicht mehr ansah. In der Tat: Die Flut verschonte keine Verkehrsader, egal ob klein oder groß …

Die Bürgerinnen und Bürger wateten erst durch die Fluten, einige versanken schneller, andere hielten sich länger einigermaßen aufrecht. Alte, Kranke und Kinder kippten als erste in die dunkle Kloake, in diese kannibalische Todessauce, die anschwoll, als wolle sie sich ihrer reichlichen Nahrung an Mensch, Fauna und Flora brüsten und rühmen.

Und dann, wie zum Hohn: Bürgermeister Wilfried Natter schwamm in der grün-blau-schlierigen Brühe an ihnen, nämlich der Gruppe um Kranach, Rosenkranz und noch ein paar Dichtern, Musikern, Künstlern und Intellektuellen, die sich großteils an ihren Gläsern festgeklammert hatten, vorbei wie auf einer venezianischen Gondel. Er hatte sich auf den Deckel eines braunen Stutzflügels der Marke Blüthner (Leipzig) gerettet. Seine Frau Klaudia, die Kinder und der Hund paddelten (noch) nach Leibeskräften hinter Natters Barke in den von hübschen Schaumkrönchen pointierten schmutzigbraunen Fluten, zu denen der die Stadt ansonsten träge durchströmende Fluss sich erweitert hatte schon vor Tagen. Natter war dieser pseudokulturelle Untergrund, auf dem er da saß, durchaus recht, obwohl er des Klavierspiels nicht mächtig war. Dass Gemahlin und Nachwuchs bald schon absaufen würden, hatte man in Kauf zu nehmen; nach dem Ende dieser Sintflut, das doch immerhin einmal eintreten musste, würden wieder organisatorische Köpfe wie der seine gebraucht. Nicht so sehr verwöhnte Politikergattinnen und –kinder. Othello, der schwarze Bürgermeister-Spaniel, würde vermutlich durchhalten; hatte er doch seine Zähheit und Widerstandsfähigkeit im Umgang mit den verzogenen Bürgermeister-Kindern längst bewiesen.

VIII

Ausgerüstet mit Wander-Staffelei, Leinwänden, Pinseln in allen Größen und Farbtuben, so hatte sich einer der führenden Maler der Stadt, der vierundsechzigjährige Arnold Machenwein, genannt „Turner“, auf den Teufelskogel begeben, einen 732 Meter hohen Basalthügel ein paar Kilometer von der kleinen Metropole entfernt. Belegte Brote, Wein und auch Härteres im Proviant, hatte sich „Turner“ einiges vorgenommen: Er wollte – anders als der Doyen der Pressefotografen, Stefan Süßmann, der ihm vom vis `a vis, im Norden der Ansiedlung gelegenen Schauerberg aus Konkurrenz mit der Digitalkamera machte – das Inferno auf seine Leinwände bannen. „Turner“ wurde so genannt, erraten, weil seine Art der Kunstausübung an die des englischen Genies der atmosphärischen Farbmalerei William Turner (1775 – 1851), jenen Mittler zwischen Romantik und Impressionismus, gemahnte. (Manche Kunstkenner urteilten etwas härter, indem sie sagten, Machenwein sei ein seelenloser Turner-Kopist und Stil-Plagiator. Nun ja.)

Machenwein erinnerte sich an eine vor Zeiten gelesene satirische Erzählung – den Namen des Autors hatte er längst vergessen. Darin ging es, wenn er sich recht entsann, um einen Maler(kollegen) aus München, der bei Übellaunigkeit alle seine Bilder, auf denen Wasser dargestellt war, bepinkelte. Eine Obsession. Daraus, so die Erzählung, entstand wundersamer Weise eine Art zweiter Sintflut, die das Ende der Welt einleitete.

„Nein, ermutigend ist das nicht.“ So hieß es am Beginn der Geschichte, betitelt „Wasserfälle“. „Man sieht aus dem Fenster – und: Regen. So geht das jetzt schon seit gut einer Woche. Gut?! Kann das gut geh –“

„Na, dann Prost!“, sagte Machenwein (obwohl er quasi mutterseelenallein hier oben war) laut, das mit Schnaps vollgefüllte Wasserglas erhebend. Dann trank er ex, schüttelte sich in Folge der glasklaren Flüssigkeit, die sich ihren Weg durch seine Innereien brannte.

Da malte also Arnold „Turner“ Machenwein, da fotografierte Stefan Süßmann. Und da krepierte ein Gutteil der städtischen Bevölkerung, gingen Mann und Maus, Kind und Kegel in den dreckig-graubraunen Fluten unter, die indes munter drauf los stiegen. Das Schauspiel war durchaus eines, das schaudern machte.

Und doch glühten die Wangen des rothaarigen „Turner“, und auch der Blick des weißgelockten Süßmann war beinahe ekstatisch erstarrt bei dem Anblick, der sich ihm bot.

„Turner“ stürzte tragischer Weise nach einem deutlichen Zuviel an Schnaps von der Anhöhe und rutschte eine weitläufige Geröllhalde hinunter und von dort geradewegs in die schlammige Brühe, die von oben zuvor doch irgendwie pittoresk gewirkt hatte – und nicht lebensbeendend.

Süßmann trank mäßig und überlebte nicht zuletzt deshalb noch ein Weilchen. Seine Bilder wären zweifelsfrei später um die ganze Welt gegangen, wenn –

IX

Und die Brühe stieg und stieg und stieg … Das apokalyptische Spiel der Farben schwankte, je nach den gerade herrschenden Lichtverhältnissen, zwischen dreckigen Rottönen, grauer Aussichtslosigkeit und schlierigem Blau und Grün. Es wirkte, als hätte sich ein unendlicher Vorhang aus grell-bunten Mistkäfern und Schmeißfliegen über das an sich schon tranig- brakige Wasser gelegt, seine Penetranz multiplizierend – nein, potenzierend. Diese Sintflut war ein Farbinferno, eine Augenstrafe, ein im Wortsinn elementarer Verstoß gegen alle Ästhetik, eine Katastrophe in vielfacher Hinsicht.

Das alles erweckte denn auch Erinnerungen, Urerinnerungen, etwa an keltische Mythen zu kurzem Leben. An Beinaheweltuntergänge, an Fluten, Landplagen und Kriege.

Wen kann das wohl auch verwundern? War zum Exempel das „Café Hagedorn“ nicht am Ende nach dem sagenhaften Strauch gleichen Namens benannt, der in der Nähe von Glossy Castle stand, jenem legendären Glasschloss der Anderswelt, das auch als Gefängnis diente? (Nun, dem war in der Tat nicht so: Der Kaffeehausbetrieb mit Konditorei war nach seinem Gründer, Othmar Hagedorn, benannt und seit drei Generationen in Familienbesitz.)

An Camlan gemahnte die ganze Szene bald, an das Schlachtfeld, auf dem sich die schrecklichste und zugleich finale Auseinandersetzung zwischen König Artus und seinem unehelichen Sohn (der gleichzeitig sein Neffe war), an Mordred, vollzog – schicksalhaft und den Untergang besiegelnd: Mordred verletzt seinen Vater tödlich und wird von ihm getötet. Die meisten der Ritter der Tafelrunde fallen. Doch drei geheimnisvolle Königinnen führen Artus auf einem schwarzen Kahn nach Avalon, wo ihn Heilung erwartet …

Hier freilich stieg nur das Wasser.

Von Avalon und Heilung konnte weit und breit nicht die Rede sein.

Inzwischen war der Wasserstand kontinuierlich weiter angestiegen. Viele, die es noch rechtzeitig geschafft hatten, waren aus der Stadt geflohen; doch mussten sie bald merken, dass im Umland kaum bessere Zustände herrschten. Immerhin verteilten sich die Wassermassen in der Ebene etwas gerechter, verglichen mit der allgemeinen Zerstörung durch die wütenden Elemente, die sich im Zentrum der Kommune schmerzlich und überdeutlich manifestierte.

Die Intellektuellen und Künstler waren größtenteils schon untergegangen. Die ganze Poetenrunde zum Exempel hatte, diskutierend und bis zuletzt in sich wütend bekriegende Fraktionen geteilt, ihren allerletzte Treffpunkt in Morast und brauner Brühe gefunden.

Bevor Adalbert Isidor Kranach sein asthmatisches Leben ausröchelte, gewahrte er für ein paar Augenblicke in geringer Entfernung vor ihm Ilse Grünwand, die kurz aus dem Schlamm- und Wasserinferno auftauchte, einer total verschmutzten Meeresgöttin von übelster Gestalt gleichend. Stieren Blicks tauchte sie kurz auf aus den schlammigen Fluten und wirkte auf Kranach wie eine in Auflösung begriffene antike Furie; oder wie ein reichlich desolater Racheengel.

„Schon wieder Du?“, entfuhr es dem Krepierenden. Dann ging er unter. Ziemlich zeitgleich mit der ehemaligen Geliebten.

X

Hätte man das, was sich jetzt und hier in ganzer apokalyptischer Breite ereignete, begleitet noch dazu von Rauschen und Tosen in beängstigender Klangfülle, verhindern können? Etwa durch eine gezielter vorausschauende Stadtplanung? Durch eine besser koordinierte Bautätigkeit? Durch mehr Sorgfalt bei der Vergabe öffentlicher Bauaufträge? Ganz allgemein durch mehr Obsorge und Effizienz und weniger Korruption und Vetternwirtschaft? Traf die Behörden eine Mitschuld? Hatten am Ende gar die Stadtoberen versagt?

Bürgermeister Wilfried Natter zumindest war sich keiner wie auch immer gearteten Schuld bewusst. Er hatte bei all seinen Entscheidungen stets das Wohl der Kommune im Auge gehabt. Nur daran hatte er sich orientiert. Er konnte daher auch guten Gewissens jeglichen Fehler in seiner Amtsführung ausschließen.

Im Gegenteil: Bei vielen seiner Vorschläge waren ihm von oppositioneller Seite her Prügel vor die Füße geworfen worden. Oder hatten politische Mitbewerber (aus Neid, Verblendung oder Dummheit, wie auch immer …) dazwischen gefunkt, galt es, seine kühnen Ideen – ein urbanes Gebilde bedurfte kühner Ideen! – in die Tat umzusetzen. Und er hatte, nimmer müde, Vorschlag um Vorschlag formuliert. Wenn jemand Reformwillen und Mut, neue Wege zu beschreiten, bewiesen hatte, dann wohl er, Wilfried Natter! Doch im Stadtsenat und im Gemeinderat saßen eben auch die Laschen und Mutlosen, die Verhinderer und Bremser. Die Zauderer und die Übervorsichtigen. (Sogar in den eigenen Reihen schien manch einer und manch einem Natters Elan ein bisschen unheimlich. Doch lassen wir das …)

Nicht auf allgemeine Zustimmung waren übrigens auch Vorschläge des innovativen Bürgermeisters gestoßen, die das Stadtoberhaupt machte, als man – wieder einmal und quasi routinemäßig – über die Möglichkeit von Überschwemmungen, von denen die Stadt heimgesucht werden könnte (wie schon in der Vergangenheit), und über notwendige Gegenmaßnahmen debattierte. Natter schlug nämlich vor, sollte tatsächlich wieder einmal eine Überschwemmung ins Haus stehen, statt der üblichen Sandsäcke im Fall des Falles Asylwerber (besonders aus Schwarzafrika) und slowakische Bettler zum Schutz der Ufer einzusetzen. Zu praktischer Sackform verschnürt, hätten diese sauberen Herrschaften so immerhin auch endlich einmal, wenn der Stadt und ihrer Bürgerschaft große und außergewöhnliche Gefahren drohten, ihren ohnedies längst schon überfälligen Beitrag zum Wohl der Allgemeinheit leisten können.

Besonders die Neofaschisten im Gemeinderat waren zwar vehement dafür, doch von kirchlicher Seite, auch von Pfarrer Sauerbruch, regte sich – wenn auch bloß leiser – Widerstand. (Wie sähe das aus, was würden die anderen sagen, wie stünde man da …, et cetera.) Als uneinig zeigten sich wider einmal die Sozialdemokraten. Und auch Natters Plan, Homosexuelle und Lesben als lebende Hindernisse gegen die einströmenden Wassermassen zu verwenden, wurde von Teilen der liberalen Opposition abgewürgt. (Seine Idee, Sandler und Penner als Sandsack-Ersatz in Ufernähe zu installieren, hatte der findige Bürgermeister nach den bisherigen abschlägigen Antworten auf seine Vorschläge erst gar nicht mehr vorgetragen.)

Jetzt steuerte der alerte Lokalpolitiker mit zerzausten Haaren seinen Klavierdeckel mittels einer abgebrochenen Fahnenstange durch die Fluten; und er machte dabei, wie manche der Überlebenden meinten, gar keine so schlechte Figur.

Die Stadt freilich lag da – wie in Purpur getaucht. Es stank nach Schwefel und Tod.

Diesmal hatte es keine Wettervorschau im Fernsehen gegeben. Sie war wegen eines Unterliga-Fußballspieles ausgefallen.

Doch auch das Spiel musste knapp nach Beginn abgebrochen werden.

Da regnete es bereits wie aus Schleusen.

Doch das war erst der Anfang vom

E N D E.

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John und Caitlín Matthews, Lexikon der keltischen Mythologie. Mythen, Sagen und Legenden von A – Z.. Weyam 1997. S. 31 ff., 48, 135.

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Wissen Media Verlag (Hg.), Lexikon der Zauberwelten. Gandalf & Co. Gütersloh – München 2002.

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