Schön

Rosmarin,

finalisiert

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 1914.

In diesem Zustand bekam ich also

die Freiheit der Berufswahl. War ich

aber überhaupt noch fähig, eine

solche Freiheit zu gebrauchen?

Traute ich mir es denn noch zu,

einen wirklichen Beruf erreichen

zu können?

Franz Kafka, Brief an den Vater

*

BERONICE ABENDA FVTVERE

Graffito aus Pompeji

*

G-Dur

Er kommt sich klein vor. Kleiner noch, als er tatsächlich ist. Da, im großen abendlich halbdunklen Raum. Der Raum ist fast schon in Düsternis, jedenfalls in Halbdunkel getaucht. Und in Unwirklichkeit. Halbdunkel. Denn die elektrische Beleuchtung darf nicht vor siebzehn Uhr angedreht werden; nicht einmal jetzt, im lichtkargen Spätherbst.

Das habe noch sein verstorbener Vater angeordnet. Ja, ihr Ernst, Ernst Asternfloh, der Sparsame. Das sagt Mutter Beronice zumindest.

Beronice, eine geborene Löwenthal. Und ernsthaft äußert sie es. Alles, was sie über Ernst äußert, ist ernst (ohne dass wir hier Oscar Wilde und seine Komödie „The Importance of Being Earnest“ [1895] zitieren wollen – o. k., es ist so eben passiert …) Also: Was anderes bleibt Raoul da wohl übrig, als brav zu glauben, dass vor siebzehn Uhr sozusagen strengstes Licht-Anschaltverbot herrsche? Ist es doch noch vom Vater selber so befohlen worden? Vom Vater, von dem ihm (vermutlich: altersbedingt) allerdings so gut wie jede einigermaßen konturierte Erinnerung fehlt?

Ja, ein paar Onkel hat er schon kennengelernt. Zwischenzeitlich. In der Tat. Und obgleich diese Männer weder avunculi (also: Mutterbrüder) noch patrui (von Vaterseite) echte Verwandte gewesen sind, sondern schlicht und ergreifend Freier seiner Mutter Beronice, die sich nun einmal – neben ihrer musikalischen Tätigkeit – eben auch der Privatprostitution und Hurerei hingibt, muss Raoul sie als seine Quasi-Oheime akzeptieren und mit Onkel anreden. Fritz, Engelhard und Romuald oder Siegbert und Sigmund …, so heißen sie. Und wohl auch Thomas, Mustapha sowie Edgar, Iván, Geoffrey und Helfried … Die staunen immer, die Onkel, sollten sie zufällig dabei sein, wenn Raoul gerade Geige übt.

Aber sie besuchen ja nicht ihn, sondern seine Mama, Beronice. Und in der Regel tun sie das auch nicht um siebzehn Uhr. Nein. Meist erfolgen diese Visiten erst später. Oder vormittags. Oder überhaupt in der Nacht. (Aber das ahnt Raoul höchstens, er weiß es indes nicht …)

So betet er tagtäglich um diese Zeit, in dieser ihm unermesslich lang scheinenden Spanne, die in Wirklichkeit bloß einige Minuten ausmacht, in dieser bangen Frist also knapp vor siebzehn Uhr, den Lichtschalter an; jetzt, weil die diesigen Spätherbstabende gekommen sind. Und, weil er den Schalter weniger sehen kann, als dass er ihn vielmehr bloß ahnt, betet er die Richtung an, in der er sich eigentlich befinden müsste. Raoul folgt dann außerdem, zwischen beiden Zielen, zwischen dem Lichtschalter und der Uhr, hin- und herblickend (aber in höchster Anspannung), dem Vorwärtsrücken der goldfarbenen Zeiger auf dem weißen, schwarz mehrmals konzentrisch umzirkelten Zifferblatt der bedrohlichen großen, dunklen Wanduhr. Siebzehn Uhr … Siebzehn Uhr …

(Da kann es vorkommen, dass er für einige Zeit das andere Ungetüm, das im Dunkel lauert, das wuchtige schwarze Klavier nämlich, einen alten Ittypfel-Flügel, für kurze Zeit vergisst.)

Die dunkelbraune, hellgemaserte Dreiviertelgeige in enger Kinnnähe (wo die Kinnstütze meist unangenehm zwickt) an die linke Wange gepresst, den Bogen mit gespreizten und so kleinen Fingern haltend; den schweren Bogen, der, ein wenig unsicher noch, in seiner Rechten ruht; den linken Arm bis zur Erschöpfung schon gebeugt; die Finger der Linken auf das Griffbrett mit den Saiten gepresst. Und den Blick – wenn er nicht gerade die römischen Ziffern der Uhr fixiert oder Gebete in die Richtung sendet, in der er den Lichtschalter annimmt – starr aufs Notenblatt geheftet, von dem ihm die schwarzen Viertel und die geschwänzten Achtel, die dicken Sechzehntel-Verbindungsstriche und die eleganten Bögen entgegenlauern; die meist zusätzlich Kompliziertes verheißenden # und b; die, streng das Ganze hier überblickenden Augen gleich, speziell ihn anstarrenden Fermaten und die, wie er oft befürchtet, alles und jedes von Vornherein verschließenden Violinschlüssel. Die also wenig Gutes verheißenden Notenblätter liegen, optimal gewinkelt, auf dem schön und kunstvoll durchbrochenen, alten Notenständer aus dunklem Holz (mit den fein gedrechselten Füßen), der direkt vor Raoul aus dem Boden wächst.

Er ist überhaupt ängstlich. Jedes Geräusch vermag den Knaben in Unruhe zu versetzen, zu erschrecken oder sogar zu peinigen. (Und das hat der junge Musiker nicht nur seinem besonders feinen Gehör zu verdanken!) Raoul zuckt sogar schon bei jedem stärkeren Windhauch zusammen; und Dunkelheit kann ihn quasi lähmen. Deshalb verunsichert ihn doch auch das unverständliche Beleuchtungsverbot vor 17 Uhr so sehr! Ja, er leidet unter diesem Dunkel, das sogar Altbekanntes unheimlich und kaum richtig einschätzbar (in Dimension, Ausmaß und Qualität) macht … Und er hasst diese graue, nein: grauschwarze, unfassbare Düsternis!

Erst im Bett, später dann, wenn nach überstandener abendlicher Übungsstunde mit Beronice die matte Nachttischlampe ein wenig länger noch leuchten darf – bevor die strenge Mutter, glaubend, dass Raoul auch tatsächlich eingeschlafen sei – sie ausschaltet, erst im Bett dann findet der Bub seine Ruhe. Dann tastet er langsam mit den Augen die Wölbungen der Bettdecke ab, die sich an seinen kleinen Körper schmiegt; er erinnert sich dabei an Wolkenformationen oben, am sommerlichen Himmel, wenn sich leichte weiße Federgebilde zu kleinen Bollwerken fügen, die eher Zutrauen einflößen als dass sie abschrecken. Auch die Tuchent ist so ein Bollwerk (was immer das auch sei, denn er weiß natürlich noch gar nichts über Bollwerke und ihre strategische Funktion!), in dessen Falten und schattigen Kurven er Zuflucht sucht und findet. Darin lauern keine schwarzen Umrisse von dunklen Wanduhren und klotzigen Klavieren … Da gibt es keinen Anlass zur Furcht. Da herrscht Sicherheit vor. Bis schließlich, bald dann, der Schlaf seine Schwingen hernieder senkt. (Wie man es poetisch ausdrücken könnte, wenn jemand solches wollte …).

Doch – die Mutter ist – – – ja, wo ist sie? Wo?

Das Klavier, dieses schwarze Ungetüm in der womöglich noch dunkleren Ecke des salonartigen Raumes (so hat das Zimmer irgendeiner der Onkel genannt, die da immer wieder zu Besuch kommen, besser: seine Mutter Beronice besuchen), das Klavier also, es scheint verwaist zu sein. Verwaist. Auch dieses Wort hat der fünfjährige Bub schon irgendeinmal von jemandem gehört, oder?! Verwaist.

Fritz Kreisler. „Schön Rosmarin“, Altwiener Tanzweisen, Nr. 3, in G-Dur und im Dreiviertel-Takt. Elegant, verspielt, diffizil, ein bisschen schwärmerisch (doch davon versteht Raoul wohl kaum etwas, nein: noch nicht. Nicht wahr?!) Es hätte ohne Zweifel auch „Liebesfreud“ oder „Liebesleid“ sein können, gleichsam die Geschwister-Kompositionen zu „Schön Rosmarin“. Auch sie sind elegant, verspielt, diffizil und ein bisschen schwärmerisch …

Später dann würde er unter anderem auch mit Kreislers „Marche miniature viennoise“ reüssieren, im Trio mit Klavier und Violoncello.

Doch jetzt, gerade jetzt, an diesem Punkt seiner noch kurzen Karriere, jetzt, in dieser heiklen Phase seiner Entwicklung zum Violinisten, ist es nun einmal „Schön Rosmarin“.

Raoul soll immer wieder und immer noch Kreislers „Schön Rosmarin“ üben. Immer wieder und immer noch „Schön Rosmarin“. (Gracioso!)

Das Anfangsmotiv umspannt schon einen Kosmos (das Wort hat er noch nie gehört, und er denkt es auch nicht; jemand anderer denkt es für ihn), einen Kosmos, reichend vom tiefen h, über d‘ zu g‘ und h‘, weiter dann bis d“. Hernach, gleich nach dem Viertelwert d“, endlich eine Achtelpause; darauf sofort cis“, e“ und dann das Herabpurzeln in die hübsche Chromatik e, dis, d, cis, c, h hinein und wieder d

Schön Rosmarin“.

Und die Mutter? Beronice? Wo ist Beronice Asternfloh?

Der Verlust des Vaters Ernst, an den er sich – wenn überhaupt – ohnedies bloß schemenhaft zu erinnern vermag, hat Raoul kaum wirklich tangiert; das dürfen wir zumindest annehmen. (Wie sollten wir den Buben wohl auch fragen?!) Doch jetzt bleibt auch die Mutter aus …

Das Verschwinden von Verwandten oder Angehörigen, von engen Freunden und wichtigen Menschen aus dem Umfeld, es kann nun einmal überaus schmerzlich sein. Es kann vielleicht sogar einen Schock auslösen; ja: eine Katastrophe! Später einmal (so nehmen wir an) könnte der Verlust der Eltern, das Wegbleiben, die Absenz von Ernst und besonders von Beronice, auf Raoul ähnlich wirken wie (oder stärker noch als) zum Beispiel das literarische Verlöschen zweier wichtiger Personen; etwa in Thomas Manns Erzählung „Tonio Kröger“ (1903) oder in Heimito von Doderers Roman „Ein Mord den jeder begeht“ (1938): Freundespaare, dort Hans Hansen und Tonio, hier Günther Ligharts und Conrad „Kokosch“ Castiletz, bei denen ein Teil quasi verloren geht – warum auch immer und wie endgültig (oder aber, wenn der Verlust sogar gemildert wird durch späteres Wiedertreffen), wie schicksalhaft et cetera; oder auch bloß Freundschaften (oder gar nur Schwärmereien) von bloß vorübergehender Bedeutung -, Freundespaare, werden solcherart empfindlich reduziert; weitgehend als Paare funktionslos. Funktionsuntüchtig. Obsolet. Und das schmerzt.

Sehr sogar.

Theorie …, das alles? Graue Theorie…?

Nun, was den kleinen Raoul betrifft, so scheint ihm das alles noch völlig unbekannt.

Also sind es eben bloß zwei Beispiele aus Prosastücken, die (mal stärker, mal weniger stark) ein intensives Moment des Zueinander als Subtext in sich tragen; denn sowohl Manns anmutig-parlierende als auch Doderers versponnen-ionisierende Behandlung des Umstands einer Buben-Freundschaft, einer Zuneigung zwischen zwei anmutigen Knaben transportiert (so scheint es uns zumindest) eine – noch unausgesprochen zwar, doch immerhin schon merkbar – homoerotisch gefärbte Stimmung. Ein Phänomen, das im Fall – besser: Wegfall – von Raouls Vater und Mutter naturgemäß keine Rolle spielt. (So bedauernswert ihr Abgang oder Schwund auch immer sei.) Aber immerhin, die spätere Empfindungslage des Knaben wird durch den Verlust der Eltern ohne Frage weitgehend mit-bestimmt werden.

Egal, was immer auch noch geschehen sollte.

Jetzt, an diesem Punkt dieser Geschichte, jetzt jedenfalls kümmert sich zunächst einmal Azalea, Beronices um ein Weniges bloß ältere Schwester, somit Raouls Tante, um den begabten Buben und sein Geigenspiel. Immerhin ist auch Azalea ausgebildete Pianistin wie ihre von so vielen angebetete, nichts desto weniger verhurte und nunmehr verschwundene Schwester. Womöglich sei sie sogar von Anfang an die begabtere der beiden Löwenthal-Mädchen gewesen, glauben manche, mutmaßen zu sollen. (Dass man die beiden Frauen niemals gemeinsam sieht, scheint zudem niemandem aufzufallen. Freilich: Mein Gott, wer beobachtet denn seine Umgebung auch schon so genau; vielleicht unternehmen die beiden, warum auch immer, eben keine gemeinsamen Auftritte in die Gesellschaft? Am Ende sind sie einander auch nicht so recht grün? Das soll es ja in den besten Familien geben.)

Auch Azalea Löwenthal ist streng; nein, die kennt keinen Pardon! (Sie hält nichts von Wildes Proklamationen, etwa: „Fleiß ist die Wurzel aller Hässlichkeit“ oder „Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagens“ [aus: „Sätze und Weisheiten zum Gebrauch für die Jugend“, 1894].) Und auch am Übungsprogramm ändert sich vorläufig nichts: Fritz Kreislers Alwiener Tanzweise Nr. 3, „Schön Rosmarin“. In G-Dur.

Doch immerhin, Azalea ist vorhanden. Sie spielt. Ihre schmalen Finger berühren – anmutig (so würde Raoul vermutlich sagen, wenn er es schon so empfinden und überhaupt beurteilen könnte) – die Tasten des gar nicht mehr neuen Ittypfel-Flügels. Und der Bogen seiner Geige, dessen Haare er zuvor brav am Kolophonium-Stein (Pirastro „Gold“) eingerieben hat, streicht von Tag zu Tag eleganter über die Saiten. Die kleinen Finger der Linken treffen zudem langsam aber sicher die Töne schon recht zielstrebig, die zu greifen sind … Kurz: Was Mutter Beronice ein wenig übertrieben schon Monate zuvor entzückt geäußert hat („Ist er nicht ein kleiner Geigenvirtuose, mein kleiner Geigenvirtuose?“), wäre zwar auch jetzt noch reichlich übertrieben gewesen; doch um einiges mehr nähert sich Raoul immerhin dem von Seiten der Erwachsen angestrebten und erwarteten Ziel.

Tante Azalea Löwenthal begnügt sich freilich mit der burschikosen Bemerkung, dass bis dato nun einmal noch kein Meister vom Himmel gefallen sei.

Raoul nimmt das mit sieben, acht Jahren – und so wird es auch später dann bleiben -, übrigens weniger schicksalsergeben als vielmehr auf Grund seines Phlegmas, gelassen zur Kenntnis.

So bleibt das im Großen und Ganzen auch in den nächsten Jahren. Und, sich weniger für Sport, umso mehr jedoch für Musik und die anderen Künste interessierend, so erweitert Raoul sukzessive sein Repertoire auf der Violine, das schon bald ein durchaus beachtliches ist. Zuwächse gibt es da zu verzeichnen, nämlich mittelschwere Stücke von Niccolò Paganini, Ergänzungen auch um das eine oder andere Werk von Felix Mendelssohn Bartholdy oder um weitere virtuose Kompositionen Kreislers. Bald schon kann er auf ein durchaus beachtliches Kompendium verweisen. Und das bringt ihm sogar einiges an Renommee ein. Seine Mitschüler bewundern ihn (sogar, wenn er was aus der Kreisler-Operette „Sissy“ vorträgt). Ja,sie bewundern ihn fast so sehr wie die super-guten Fußballer, die exzellenten Kurzstreckenläufer oder die kleinen Meister an Reck, Barren und Stange.

Später sogar fast so sehr wie die Spezial-Onanisten.

Freundschaften entstehen. Wobei sich Raoul in der Tat leichter mit den Buben als mit den Mädchen tut. (Vielleicht eine späte Auswirkung der Onkeln-Wirtschaft im mütterlichen Haushalt?) Doch, man ist sich allgemein sicher, dass sich das alles legen werde …

Und: Es bleibt dabei, wie es Tante Azalea formuliert hat: Bisher ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

So spielt er zwar weiterhin sehr gern Geige. Doch legt er es gar nicht erst darauf an, vom Himmel zu fallen. Nein, überhaupt nicht. Und für nichts auf der Welt.

Vom Glück

Ein – vermutlich in dieser Geschichte: – letztes Mal noch schnell Oscar Wilde: „Vergnügen ist das einzige, wofür man leben sollte. Nichts altert so schnell wie das Glück.“ („Sätze und Weisheiten …“) Nun, nicht einmal Beronice hätte sich an die erste dieser zwei ohnehin ziemlich fragwürdigen Thesen gehalten. Immerhin war sie eine ehrgeizige Künstlerin und fleißige Pianistin; sie hatte ergo nicht bloß das Vögeln im Sinn (wenngleich diese Tätigkeit ihr Dasein weitgehend dominiert haben mochte). Und, Numero zwei, wie es ums Glück stand, wer wusste das schon so genau zu sagen …?!

Auch Beronices um einiges ernsthaftere Schwester Azalea machte sich, wenn auch aus anderen Beweggründen heraus, darum vermutlich kaum viele Gedanken. Sie hatte bis dato wenig Glück empfunden, nun indes eine Aufgabe übernommen, die sie schier umfassend beanspruchte: den kleinen Raoul möglichst zum Virtuosen heranzubilden und zum richtigen Zeitpunkt die entsprechenden optimalen Lehrer für ihn auszusuchen. (Geld war zum Glück vorhanden; das würde freilich nicht altern, sondern bald schon ausgegeben werden …)

Sei es wie es sei, Tante Azalea entwickelte sich alsbald zur gestrengen (doch weitgehend gerechten und fachkundigen) Unterweiserin ihres Neffen Raoul im Musikalischen. Ja, sie war eine umsichtige und genaue Instruktorin. Und das tat dem Burschen durchaus gut.

Bald schon zog sie eine Geigenkollegin, die sie noch aus gemeinsamen Studientagen kannte, hinzu, nämlich Prof. Griseldis Hahnbügel, eine ein wenig eingetrocknet wirkende, doch unter Musikeinfluss alsbald zu knuspern beginnende Person mit rötlichem Kurzhaarschnitt und einer vielleicht etwas zu langer Nase. Auf die resche Hahnbügel folgte bald schon der ziemlich verzopfte, aber pädagogisch bestens beleumundete und zudem als hochmusikalisch geltende Prof. Hans-Jürgen Pfeffer, ein leicht transpirierender junger Mensch mit starkem Silberblick, der es verstand, Raoul Asternfloh weiterhin für die Musik und für sein diffiziles Instrument – wenn schon nicht zu begeistern, so ihn doch immerhin – bei Laune zu halten.

Nach einigen Jahren besuchte Raoul Asternfloh dann, nach durchaus überzeugend absolvierter Aufnahmeprüfung, das Konservatorium und wenig später die Universität für Musik und darstellende Kunst. Ob ihm die Laufbahn als Orchestermusiker bevorstünde oder gar eine Karriere als Solist winken könnte, das freilich sollte sich erst noch herausstellen.

O er konnte es sich sehr gut vorstellen: Die Lichter, die zuvor noch so hell erstrahlt hatten in dem von vergoldetem Stuck glühenden Saal, werden langsam zurückgezogen, bevor sie zuletzt gänzlich erlöschen. Jetzt ist er allein. Trotz der vielen Leute um ihn herum … Allein. Er befindet sich nun im weitesten Sinn als Solist auf dem Podium.

Gut, im Hintergrund hat sich da ein großes symphonisches Orchester situiert. (Bestehend aus seinen Kolleginnen und Kollegen.) Und der Dirigent, wie alle – und auch er selber – im schwarzen Frack (die Damen im Abendkleid), blickt freundlich-konzentriert zu ihm, dem Star des Konzertabends; und hebt den Taktstock.

Doch der Blick zum Dirigenten – hatte er nicht ein wenig von diesem bangen Starren auf die dunkle Wanduhr mit dem weißem Ziffernblatt und den schwarzen konzentrischen Kreisen, den römischen Zahlzeichen (knapp vor V …) und den goldfarbenen Zeigern seiner Kindheit an sich? War da nicht kurz wieder die Angst seiner künstlerischen Anfangsphase, Fritz Kreislers „Schön Rosmarin“, Altwiener Tanzweise Nr. 3, in G-Dur?

Nein, nein. Es ist 19:30 Uhr, Konzertsaal, Abonnement B, Solistenkonzert des Musikvereins.

Er führt den Bogen sicher, und auch die Kinnstütze kneift nicht. Er ist locker, bei aller Konzentration. Und sollte er tatsächlich ein Meister sein (oder einmal einer werden, in der Zukunft), auch dann wird er nicht vom Himmel fallen. Sicher nicht.

Die Zeit, die er nicht spürt, in der er gleichsam nichts weiß und von nichts etwas bemerkt, sie vergeht. Ganz ohne Standuhr.

Applaus brandet auf. Trägt ihn. Umtost ihn wie eine Welle. Ein Tsunami des Beifalls, der alles wegspült.

Und hinter der Bühne: Azalea, die strenge Tante, ist eine der ersten Gratulantinnen.

Doch dann nehmen die Dinge eine beinahe dramatisch zu nennende Wendung. Und mancherlei Gefahren liegen in der Luft; die Vorzeichen widersprechen einander, und die Missverständnisse häufen sich.

Ähnlich, wie der Knabe Raoul die dunkle Wanduhr fixiert und auf den Eintritt des Zeitpunkts gewartet hat, an dem das elektrische Licht eingeschaltet werden darf (siebzehn Uhr!), so befindet sich der junge Mann Raoul auch nun wieder in der allerhöchsten Anspannung. Und das nicht wegen irgendwelcher Lichteinschaltverbote als vielmehr aus noch unerfreulicheren Gründen, gegen die freilich noch weniger auszurichten ist als damals gegen die obskuren Regelungen und Interdikte. Nein, es geschieht, dass sich die Schatten der Vergangenheit plötzlich beinahe körperhaft auf ihn und seine weitere Laufbahn senken.

Und der junge Geiger scheint mit einem Mal nicht nur der Musik verloren zu gehen.

Doch – wir wollen nicht allzu sehr vorgreifen. Nehmen wir daher wieder etwas Tempo zurück.

Raouls Vater

Und daher sehen wir uns dazu veranlasst, nochmals kurz auf Ernst Asternfloh einzugehen, den – zumindest, was den Stromverbrauch im salonartigen Wohnzimmer mit dem riesigen Flügel, mit der auf den kleinen Sohn so bedrohlich wirkenden Wanduhr und dem Notenständer et cetera betraf – angeblich so sparsamen Architekten. Angeblich sparsam; denn so ganz glauben wir diese Einstufung Ernst Asternflohs (durch die Mutter, Beronice) denn doch nicht. Und auch diesem Eberhard Hornsteiner, den Tante Azalea in der Folge dann mit der Aufklärung des Abhandenkommens von Raouls Eltern beauftragen würde, trauen wir nicht so ganz über den Weg. Nein, dem Burschen wirklich nicht …

Fest stand zunächst nur, dass nach dem Vater, der, sozusagen, schon vor Jahren endgültig ausgeblieben war, dem kleinen Geigenvirtuosen nun auch die Mutter abhanden gekommen zu sein schien. Das wirkte sich durchaus negativ auf ihn aus.

Doch zurück zum Vater. Also, Ernst Asternfloh war künstlerisch ausgesprochen begabt, und wurde außerdem, schon als junger Architekt, mit nicht nur ehrenvollen, sondern vor allem auch mit einträglichen Aufträgen versorgt. Zudem war er über einen Oheim väterlicherseits, der über beste Beziehungen in Kreise der Wirtschaft wie der Kommunalpolitik verfügte, kommunal, auf Landesebene und bundesweit optimal vernetzt; doch immerhin traf es (ausnahmsweise einmal) ja keinen Unwürdigen, sondern einen Tüchtigen und mit Talenten Gesegneten … Man betraute Ernst also mit Bauaufträgen und Entwicklungskonzepten, die immer wieder mit nicht zu unterschätzendem Prestigegewinn (und in der Folge mit noch einträglicheren Folgeprojekten) verbunden waren.

Asternfloh war übrigens auch ein überaus engagierter Tierfreund und war später stark im Tierschutz aktiv. So wuchs er – nacheinander – mit mehreren Bullis auf. Diese lustigen kurzbeinigen Gesellen mit der ständig heraushängenden Zunge wurden, erstens, auch so genannt: Bulli I, II und III; und sie erinnerten, zweitens, tatsächlich stark an das vom Grafiker und Karikaturisten Thomas Theodor Heine geschaffene Emblem der Münchener Satire-Zeitschrift „Simplicissimus“. Auch das an der Isar beheimatete Biercabaret „Simplicissimus“ bemächtigte sich dieses einprägsamen, quasi heraldischen Blickfangs. Im Jahr 1912 avancierte dann das Wiener Pendant, meist liebevoll „Simpl“ genannt und in der Wollzeile 34 situiert, zum Treffpunkt der Unterhaltung suchenden Gesellschaft, wobei der Heinesche Bulli ebenfalls nachempfunden wurde und als Cicerone diente. (Wenngleich sich die in München ursprünglich noch ziemlich martialisch die Zähne fletschende Bulldogge an der Donau zum durchaus streichelzahmen, samtpfötigen Bulli hin hatte domestizieren lassen …)

In Erinnerung an seine Jugend-Bullis hatte auch Ernst Alsterfloh für seinen Raoul später dann einen solchen Hund angeschafft. Obschon ein weißer Jack-Russel-Terrier wie Nipper, das ab 1899 im Logo für His Master’s Voice berühmt gewordene, so populäre und liebenswerte Maskottchen des britischen Plattenlabels „Grammophone Company“ (später: „Electric and Musical Industries Ltd.“, EMI), für ein aufstrebendes Musikgenie vielleicht passender gewesen wäre …

Doch Raoul liebte seinen Bulli (IV).

Als Architekt allerdings stand sich Ernst Asternfloh im weitesten Sinn selbst im Weg, ging es um die Realisation seiner durchaus originellen und vor allem ästhetisch oft außerordentlich interessanten Ideen. Da war er in gewisser Weise zu skrupulös und machte sich zu viele Gedanken; nicht nur die künstlerische Wirkung, das Ins-Auge-Springen seiner Bauwerke und Konstruktionen und somit sein Renommee als Baukünstler stand bei ihm im Vordergrund: Der Focus seines Wirkens war auf ökologische Fragen, auf städtebauliche Rücksichten und vor allem auch auf Nachhaltigkeit gerichtet; dieser, zuletzt erwähnte Punkt kam damals (in den 1970ern) erst so langsam, doch immer wichtiger werdend, allenthalben in der öffentlichen Diskussion auf. (In den internen Absprachen und Mauscheleien ohnedies nur nebenbei.)

So stand Ernst Asternfloh nicht selten mit sich selbst im Streit der Intentionen. Und da halfen auch die besten Beziehungen nicht weiter …

Nach außen sah man seine zunehmende Gereiztheit, seine Übersensibilität und sogar die auffällige Nervosität im Zusammenhang zu seiner Künstlerschaft. „Der Asternfloh spinnt halt“, sagte man lapidar. „Mein Gott! Ein Künstler eben …“

Doch am Ende ging es so weit, dass der kleine Raoul seinen Vater, wie es so blumig heißt, vor der Zeit verlor. Ja. (Als ob es für Verlust überhaupt einen passenden Zeitpunkt gäbe!)

Kurz: Ernst Asternfloh war seinem Söhnchen eines unschönen Tages abhanden gekommen, noch bevor sich irgendeine Notwendigkeit dafür angekündigt gehabt hätte. Hinfälligkeit oder Siechtum, zumindest die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die zuletzt damit zusammenhängenden sämtlichen nur möglichen Insuffizienzen und so weiter … All das war ausgeblieben, nichts davon hatte es im Fall des erfolgreichen Architekten DI Ernst Asternfloh gegeben.

Vater Ernst war nämlich – so musste es wohl gewesen sein, auch wenn der exakte Hergang des Unglücks nicht eruierbar und im Dunkel bleiben sollte -, Ernst war eines traurigen (auch wettertechnisch verhangenen) Tages auf die ganz oben liegende, hübsch mit Grünzeug und Wasserspielen ausgestattete Beton-Plattform eines seiner Hochhäuser gestiegen (sogar der Lift war vom Architekten verweigert worden; und das trotz der mehr als dreißig Stockwerke!), hatte, reichlich transpirierend und außer Atem vom beschwerlichen Aufstieg, noch einmal in alle Windrichtungen geblickt und sich das angesehen, was er und seine Kollegen so alles angerichtet hatten auf dem Bausektor in der ganzen Stadt und in den letzten Jahrzehnten. Was die sogenannte zeitgenössische Architektur am Ort verbrochen hatte (und es war in der Tat nicht wenig!), ließ er noch einmal auf sich wirken in aller schäbigen Wucht.

Dann war er gesprungen. (Zumindest fand sich kein Hinweis auf einen, der ihn womöglich geschubst oder der ihm das Fliegen sonst wie erleichtert hätte.)

Man trauerte allgemein.

Gut, einige der weniger freundlichen Mitbewerber, meist irgendwann und irgendwie unterlegene Konkurrenten sowie neidischen Baukünstler, meinten, das hätten dem so fürchterlich und übertrieben strebsamen und raffgierigen Ernst Alsterfloh, diesem Arsch. seine maßlosen Höhenflüge und sein Drängen nach schier ewigem Ruhm nun eben eingebracht. Ja, doch: So hatte es einfach einmal kommen müssen! Ja, ja. (Was freilich nichts daran änderte, dass die näheren Umstände dieses Suizids im Dunkel blieben.)

Keine Frage bestand indes darüber, dass da in der Tat ein Meister vom Himmel gefallen war.

Ja, so war Ernst also seinem kleinen Sohn Raoul ganz einfach abhanden gekommen.

Ganz einfach so.

Die beiden Schwestern

Nein, nicht drei Schwestern; zwei. Kein Tschechow, bitte. Diesmal zumindest kein Anton Tschechow. Zwei, zwei Schwestern genügen. Zur Not täte es auch eine. Eine allein.

Und in der Tat, hätte jemand den beiden Mädchen, Beronice und Azalea, da, beim trauten Spiel, zugesehen, auf dem durchaus gepflegten Sandplatz mit den paar hölzernen Aufbauten (Rutsche, Wippe und Schaukel …) und den vielen Blumen und Sträuchern sowie den fünf hohen Fichten und drei Birken in der parkähnlichen Gartenanlage hinter den Gründerzeithäusern, in deren einem (Laubgasse 24) die Familie Löwenthal wohnte, hätte jemand den beiden Mädchen zugesehen, wie sie so – beinahe synchron – ihre kindlichen Obliegenheiten erledigten, dieser Jemand wäre sich vielleicht sogar des Rhythmus bewusst geworden, der ihren Bewegungen innewohnte; und er hätte die Harmonie in der Ausführung ihrer kleinen Spiel-Aufgaben bemerkt. Ein Scherzo, ein Rondo vielleicht, nein: ein Intermezzo, ein Divertimento, aufgeführt zwischen Ball, Kegel und Sandburg …, auf Rutsche, Wippe und Schaukel …

Hätte dieser Jemand nicht gewusst, dass es sich bei den beiden Kindern um angehende Pianistinnen handle, ihm wäre wahrscheinlich trotzdem die musikalische Abgestimmtheit dieser Vorgänge aufgefallen. (Oder sie hätte ihn zumindest unbewusst angestreift, ungefähr wie ein leiser Windhauch …)

Der Beobachter dieses Idylls hätte indes vielleicht sogar, kurz seinen Augen gleichsam nicht so recht trauend, von einem Mädchen ausgehen können, das sich hier, auf dem gepflegten Spielplatz, zwischen Ball, Kegel und Sandburg auf Rutsche, Wippe und Schaukel bewege in anmutiger Versonnenheit und Versponnenheit …

Er wäre somit Zeuge eines raren Solos geworden.

So ging es auch in der Volksschule und später im Gymnasium, parallel auch am Konservatorium, das die jungen Klaviertalente bald schon mit offenen Armen aufgenommen hatte. War es Beronice oder Azalea? So fragten sich nicht selten (meist innerlich und in Angst, sich womöglich zu blamieren) die Lehrerinnen, Professoren und musikalischen Instruktoren.

Und bei den Elternsprechtagen, zu denen meist Mutter Marianne Löwenthal die in Rede stehenden Institute aufsuchte (und wo die elegante, hochgewachsene Dunkelblonde durchwegs positive Rückmeldungen, den Fortgang und das Betragen ihrer Mädchen betreffend, zu gewärtigen hatte), hielten sich die Pädagogen meist bedeckt, ging es um die Unterscheidung von Beronices und Azaleas Leistungen. Kunststück, waren sie sich doch in aller Regel selbst nicht so ganz sicher, welcher der beiden sie eine Aufgabe, deren Erfüllung und infolge dessen eine entsprechende Benotung zuzuschreiben hätten …

Ein Glück, dass die Löwenthal-Kinder so wohlerzogen, begabt und artig waren. Ihre schulische Beurteilung unterlag niemals auch nur geringstem Zweifel. Sie waren nun einmal wohlerzogen, begabt und artig. Nicht auszudenken, welche Unterscheidungshürden die geplagten Lehrer erst zu überspringen gehabt hätten, wären hier womöglich schlimme und tadelnswerte Geschöpfe am Werk gewesen!

Jaja, schon damals ging die Mär um, es handle sich bei den kleinen Schwestern Löwenthal, sozusagen: beinahe, nur um eine. (Diese sonderbare Idee wurde freilich meist rasch wieder verworfen. In einer Art von Überreaktion gedachte man sogar, in Zukunft von den vier Löwenthal-Schwestern zu sprechen[oder zu denken]; sicherheitshalber.)

Als sich das Geschwisterpaar später dann, sozusagen, aufspaltete – in die in ihrer erstaunlichen Promiskuität schon bald durchaus ans Nymphomanische schrammende Beronice und die quasi keusche, musikalisch jedoch fast noch zielstrebigere Azalea -, konnte man zufrieden sein, dass da zwei Geschöpfe am Werk waren. Nicht auszudenken, handelte es sich womöglich um nur eine diesbezüglich so radikal geteilte, ja: gespaltene Persönlichkeit.

Zwar trat nach der Hochzeit Beronices mit dem Architekten Ernst Asternfloh, Raouls späterem Vater, allem Anschein nach eine gewisse Beruhigung in das als spannungsvoll zu bezeichnende Verhältnis zwischen den Schwestern ein; eine Beruhigung, die nach der Geburt Raouls sogar noch weiter gesichert zu sein schien. Doch nicht lange darauf nahm Beronice, und das sogar noch als junge Mutter, ihren gewohnten Lebenswandel (sehr zum Missvergnügen des Architekten-Gatten) wieder auf: Sie hurte fast ungeniert herum nach Herzenslust.

Während Azalea sich mit einer unübersehbaren Verbissenheit der Musik widmete und Etüde für Etüde, anscheinend mühelos und sogar begeistert, hinter sich brachte, daneben brav unterrichtete, mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen probierte und sogar (und nicht ohne Erfolg) Konzerte bestritt. Sie wich, befragte sie jemand etwa dezent zur immerhin etwas extravaganten Lebensweise ihrer Schwester, eher kurz angebunden aus; sie hielte es mit ihrer Freizeit jedenfalls anders, gab sie in solchen Fällen, nicht ohne Ironie, kund und zu wissen. Und überhaupt nehme bei ihr die Musik eindeutig die wichtigste Position in ihrem Leben ein.

Das soll nun freilich nicht heißen, dass Azalea nicht auch zu amourösen Exkapaden fähig gewesen wäre und dazu inkliniert hätte, sogar originelle Seitenwege der Libido zu beschreiten. So sagte man ihr eine über Jahre andauernde Romanze mit dem blinden Organisten und Entfesselungsartisten Rinaldo (recte: Rudolf N. Maerschuber) nach, die jedoch ein abruptes Ende fand, als besagter Rinaldo als Schwindler enttarnt worden war. (Es soll sich bei ihm um einen zwar fehlsichtigen, aber keineswegs blinden Musiker gehandelt haben; und der Entfesselungskünstler gleichen Namens war in Wirklichkeit sein jüngerer Bruder Manfred gewesen.)

Auch mit dem Dirigenten Edgar Leander Seitenbluhm habe Azalea ein recht intensives sexuelles Verhältnis gepflegt, hieß es. Und zudem eine heftige, zum Teil sogar lautstark ausgetragene Liaison mit dem Harfenisten Barnabas Hartflueghel geisterte zumindest als Gerücht allenthalben umher … Doch es wird bekanntlich viel getratscht, wenn der Tag lang ist.

Der Detektiv

Raoul Asternfloh spielte, übte, trainierte.

Nicht gerade wie ein Besessener, doch immerhin mit viel Engagement und Ausdauer. Und stets zur Zufriedenheit der Lehrer, die sein überdurchschnittliches Talent allein schon dadurch bestätigt fanden, dass sie es sich gegenseitig andauernd bestätigten. Doch es stimmte: Da war ohne Zweifel ein hochbegabter junger Mensch am musikalischen Werk!

Als ihm von einem vermögenden Cousin (ja, dem Sohn des oben erwähnten Kommunalpolitikers) eine Guarneri-Geige, eine angeblich sogar von Giuseppe Antonio Guarneri del Gesù gebaute (die dereinst sogar Niccolò Paganini mit Vorliebe benützt haben soll), verschafft wurde, beflügelte das aus verständlichem Grund seine Spielfreude zusätzlich.

Es wäre nun übertrieben, würde man annehmen, Raoul – er ist inzwischen tatsächlich fast schon zu so etwas wie einem jungen Virtuosen auf seinem Instrument herangewachsen – wäre tatsächlich allzu viel daran gelegen gewesen, jetzt, nach gut zwanzig Jahren, herauszufinden (oder herausfinden zu lassen), was es damals mit dem plötzlichen Abhandenkommen seines Vaters Ernst in Wahrheit auf sich gehabt habe. (Konnte der tatsächlich so mir nichts, dir nichts weg sein? – Nun, er konnte, wie figura zeigte …)

Wie das Verschwinden seiner Mutter Beronice, wenig später, eventuell zu erklären wäre, das interessierte ihn da allerdings schon eher. O doch.

Deshalb nahm er das Angebot seiner tüchtigen Tante Azalea auch gerne an, ihn mit Eberhard Hornsteiner bekannt machen zu wollen. (Die Familie Eberhards und die Löwenthals waren seit vielen Jahren befreundet; und die Bekanntschaft rührte aus der Zeit her, als Azaleas und Beronices Eltern noch gelebt hatten.) Hornsteiner, der sich, wenn er in cognito forschte und observierte, gern von Herrnstein nannte, war etwa zehn Jahre älter als Raoul und hatte schon vor geraumer Zeit bei Azalea sein (eher wenig ambitioniert begonnenes) Studium des Klavierspiels aus der ehrlichen Einsicht von Mangel an Begabung nach wenigen Monaten wieder beendet; doch man war lose in Kontakt geblieben. Nun hatte die Pianistin, inzwischen auch schon gegen Ende der Vierzig, erfahren, dass der unbegabte Ex-Schüler eine gutgehende Detektei in der Stadt betreibe.

Dass dann alles so kam, wie es (angeblich) nun einmal kommen musste, sei hier nur am Rande vermerkt. Gut möglich, dass Raoul und Eberhard auch in anderem Zusammenhang zu einander gefunden hätten – irgendwann und irgendwo. Denn, wie sich immer wieder zeigt, es treten so oder so Menschen mit einander in Kontakt; ob sich das später dann als Vorteil erweisen sollte oder nicht. Gegen das Zusammen- und Aufeinander-Treffen scheint nun einmal einerseits kein Kraut gewachsen zu sein; anderseits: Was bleibt den Menschen wohl auch anderes übrig, als aufeinander zu treffen und einander kennenzulernen?!

Wenngleich mancher manche Bekanntschaft später bedauern oder sich ihrer gar schämen mag. Des Schicksals Wege sind (auch) diesbezüglich weitestgehend eigenartig; zumindest meist unaufhaltsam. (Nein, eigentlich: immer.)

Jaja.

Da war denn also (ähnlich, wie aus heiterem Himmel mitunter Blitze zucken) aus dem Geiger Raoul Asternfloh-Löwenthal, wie er sich jetzt gerne nannte, und dem Detektiv Eberhard Hornsteiner (oder von Herrnstein) ein schwules Paar geworden, das seine Verbindung alsbald sogar legalisieren ließ – in Form einer eingetragenen Lebensgemeinschaft. Raouls (und letztlich auch Eberhards) Einsicht der eigentlichen sexuellen Ausrichtung, die da erst etwas von einem Eingeständnis an sich gehabt hatte (das erst allmählich sogar einem gewissen Stolz, zumindest jedoch der Sicherheit gewichen war, auf dem rechten Weg angelangt zu sein), diese Einsicht hatte manchen Bekannten anfänglich irritiert. Was sich indes ziemlich rasch legte.

Außerdem: Die Leute wollten ohnedies und in erster Linie unterhalten werden.

Doch als sich schließlich die nebulösen Umstände erhellten, unter denen sich des jungen Violinvirtuosen Vater Ernst damals, als der kleine Raoul noch keine fünf Jahre alt gewesen war, auf ziemlich unappetitliche Weise selbst getötet hatte und als endlich – nicht zuletzt dank der ordentlichen Detektiv-Arbeit Eberhard Hornsteiners – aufgeklärt werden konnte, dass Beronice und Azalea in Wirklichkeit nicht Schwestern, sondern viel mehr ein und dieselbe Person waren, nämlich das Musikgenie Franz Maria Glimmerfels, verwunderte die Leute ohnedies kaum noch irgend etwas.

Höchstens: Warum Azalea/Beronice/Franz Maria selbst auch noch die eigene Enttarnung durch das emsig betriebene Engagement des Berufs-Nachforschers in die Wege geleitet hatte. Manche tippten auf eine besonders perfide Art von Auto-Aggression. Andere hielten es bloß für den Beweis einer formidablen Geisteskrankheit.

Azalea (oder Beronice oder Franz Maria) konnte das indes egal sein.

Die durchaus multiple Persönlichkeit fühlte sich in der geschlossenen Abteilung des Nervensanatoriums, das Prof. DDr. Friedrich Ringstätten – man kann durchaus sagen: in vorbildlicher Weise – da am südlichen Ausläufer des hübsch bewaldeten Rossbergs führte, sichtlich wohl. Dort, im „Rosengrund“, wie das bestens beleumundete Haus allgemein genannt wurde, das zudem über eine weithin gelobte, ein wenig exaltiert vielleicht sogar als edel zu rühmende Küche verfügte, nannte sich dieser erstaunliche Lieblings-Fall des Anstaltsleiters Ringstätten übrigens Undine. (Wer jetzt, angesichts von Undine, Ringstätten et cetera an den deutschen Romantiker Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué denkt, mag dies unbeschadet tun. Vielleicht hilft auch ein bisschen Nachlesen bei Arno Schmidt weiter.)

Man wunderte sich also über kaum etwas.

Doch: vielleicht darüber, dass in diesem Jahr der Spätherbst so besonders früh gekommen war und es an den meisten Nachmittagen schon gegen sechzehn Uhr stockdunkel wurde.

Freilich durfte die elektrische Beleuchtung jederzeit eingeschaltet werden. Egal, ob nun kleine, mit einer Dreiviertelgeige bewaffnete Buben, von ihren ehrgeizigen Müttern am Klavier begleitet, Fritz Kreislers dritte aus den Altwiener Tanzweisen, betitelt „Schön Rosmarin“, spielten; oder sich am Ende etwas ganz anderes zutrug.

E N D E

Verwendete Quellen & Literatur (Auswahl):

Joachim Bauer, Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. 3. Aufl. München 2011.

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Heimito von Doderer, Ein Mord den jeder begeht. 9. Aufl. München 1993.

Karen Duve/Thies Völker, Lexikon der berühmten Tiere. Von Alf und Donald Duck bis Pu der Bär und Ledas Schwan. München 1999.

Richard Ellmann, Oscar Wilde. München 1991.

Vincent Hunink (Hg.), Glücklich ist dieser Ort! 1000 Graffiti aus Pompeji. Lateinisch/Deutsch. Stuttgart 2013. (Die Übersetzung des zitierten Graffito lautet übrigens: „Beronice / [hier] verfügbar, / zum Ficken“.)

Internet.

Franz Kafka, Brief an den Vater. Köln 2008.

Norbert Kohl (Hg.), Oscar Wilde im Spiegel des Jahrhunderts. Erinnerungen, Kommentare, Deutungen. Frankfurt am Main und Leipzig 2000.

Fritz Kreisler, Schön Rosmarin. Altwiener Tanzweisen Nr. 3. Für Violine und Klavier. Mainz (etc.) 1910, 1938.

Thomas Mann, Tonio Kröger. In: Der Tod in Venedig und andere Erzählungen. 4. Aufl. Frankfurt am Main 2012.

Arno Schmidt, Das essayistische Werk zur deutschen Literatur in 4 Bänden. Sämtliche Nachtprogramme und Aufsätze. Band 3. Zürich 1988.

Stowassers Lateinisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. Wien 1930.

Hans Veigl, Lachen im Keller. Kabarett und Kleinkunst in Wien 1900 bis 1945. (Kulturgeschichte des österreichischen Kabaretts, Band 1.) Graz 2013.

Oscar Wilde, Gesammelte Werke. Köln 2013.

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