S c h i r m l o s

Eine Kurzgeschichte von

Bernd Schmidt

© by B. S. Graz, 1992

(Fassung 2003).

 

Endlich wieder einmal eine lineare Geschichte, dachte ich mir. Erfreut, ja erfreut. Eine lineare Geschichte. Leicht erzählbar – beinahe glaubhaft. Ohne Schnörkel, ohne Phantasmagorien etc. Endlich einfach. Einfach. Geschichte. Glaubte ich.

Also, ich stand in einem dieser Autobuswartehäuschen. Wartend und mich schützend: Regen war aufgekommen. Ansonsten war der Tag recht erfolgreich gewesen. Ich hatte nach Dienstschluss, weil sie mir im Schaufenster aufgefallen waren, braune Schuhe aus dem Saisonsuperausverkaufsangebot erstanden. Die blonde Verkäuferin, von mir darum gebeten, packte mir die alten Schuhe in die neue Schachtel. Die neuen, ich war – es hatte einer Erleichterung geglichen – in sie hinein geglitten!, die neuen trug ich an den Füßen.

Doch dann war Regen aufgekommen. Ich spannte – vielleicht war ich übervorsichtig gewesen? Immerhin hatte ich den Schirm mit … -, ich spannte also den Schirm auf. Doch der Regen ließ alsbald nach. Ich stand in einem dieser Autobuswartehäuschen. Ich wartete auf den Autobus.

„Könnte es eventuell sein, dass dieser Schirm meiner ist?“, fragte mich eine Gestalt neben mir. Erst jetzt wurde ich des Mannes gewahr, der mich aus meinen Gedanken – ich glaube, Bach und die Fugen des Lieben Gottes betreffend – geholt hatte. Unsanft.

„Wie, bitte?“, fragte ich zurück, „Ihr Schirm?!“

„Sie könnten ihn ja irrtümlich mitgenommen haben. Ich will nichts unterstellen …“ Mein Gegenüber musterte mich.

Zugegeben, der Schirm, den ich, mich eben jetzt auf ihn stützend, mit mir führte, dieser Schirm hat eine etwas ominöse Deszendenz: Ich war vor einiger Zeit in einem Café gewesen. Es war ein Regentag. Mein damaliger Schirm – einer aus dunklem Stoff, Sie kennen diese Parapluis ja: grau/schwarz/Karo etc. -, also, mein Schirm war von irgendeinem anderen Gast mitgenommen worden. Ich meinerseits griff letztlich zu einem ähnlichen Exemplar, das ich im Schirmständer fand. Besagter Schirm hatte allerdings – ich kam erst daheim drauf – einen feinen roten Streifen, zwischen Feldern, die aus jeweils sechzehn kleinen Quadraten gebildet wurden. Und ein rotes, in den Holzgriff graviertes Monogramm: A. M.

„Nein, Sie irren sich“, sagte ich (leicht errötend, immerhin). „Ich habe diesen Schirm schon seit gut zwei, drei Jahren …“

Ich log. Und dass ich log, musste man mir anmerken. Obwohl mich dieser unangenehme Mensch nichts anging: Ich wusste – er weiß. Er weiß alles. Dass ich recht froh gewesen war über den unvermuteten „Schirmtausch“ damals … Dass mir das unbekannte rote Monogramm (A. M.) keineswegs irgendwelche Schwierigkeiten bereitet hatte und auch weiterhin keine bereitete. Moralisch. Und so.

Vor und neben dem Wartehäuschen schüttete es seit ein paar Minuten wieder wie aus Kannen. Zu allem Überfluss schienen die Buslinien stark überlastet zu sein, wie es in solchen Fällen üblich ist. Und der Bus, auf den ich wartete, hatte allem Anschein nach große Verspätung. Er kam nicht.

Der fremde Mann, mein Gegenpart, starrte indes immer noch unverwandt auf meinen – „meinen“? – Schirm. Und sagte: „Sie sollten ihn mir einfach zurückgeben. Nebenbei, ich habe eine ganze Sammlung von Schirmen. Die Initialen auf dem Griff …, verstehen Sie doch!“ Er blinzelte mir jetzt, wie mir schien, ziemlich unverschämt zu. Ich merkte, dass sich die übrigen Wartenden langsam für den Mann, den Schirm und mich zu interessieren begannen.

„Aber, so hören Sie doch“, erwiderte ich, „es geht hier nicht um den Schirm! Es geht darum, dass Sie nicht so einfach herkommen können und von mir behaupten-“

„Ah …, das soll ich nicht können?“, fragte mein Gegenüber. Ein – ich möchte sagen: mephistophelisches – Lächeln kräuselte seine schmalen Lippen. „Nicht können …?!“, wiederholte er spöttisch.

„Ich …, ich … gebe zu, dass man mir meinen Schirm damals im Café – nebstbei: ein ebenfalls ausgesprochen schönes Exemplar! -, also, im Café vertauscht hat. Vielleicht“, ich wagte einen Ausfall, „waren ja Sie selbst es, der damals, damals im Kaffeehaus …?!“ Ich setzte noch eines drauf: „Aber – haben Sie meinen, ja: meinen Schirm von damals mit?!“ Na, wenn das nicht saß …!

Er verneinte flüchtig, blieb indes sichtlich ungerührt. Dann: „Der da ist jedenfalls meiner!“

Ich merkte, dass ich zu transpirieren begann.

„Aber, ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte er dann, nach kurzer Überlegung.

„Ja?“

„Ja! Ich nehme meinen – also „Ihren“ – Schirm, also den hier, gehe nach Hause und bringe Ihnen Ihren alten Schirm her.“

„Das wollen Sie wirklich tun“, fragte ich. Beinahe glücklich. (So würde die leidige Schirmsache ein passables Ende finden …)

„Mach` ich doch glatt!“, sagte er salopp. Entgegenkommend. Direkt munter. Dann ergriff er meinen (seinen?) Schirm und – ging.

Es schüttete. Das Wartehäuschen quoll seit geraumer Zeit vom Wasser schon über. Fünf Busse meiner Linie waren inzwischen bereits gefahren. Doch ich hatte – wie betäubt – keinen Schritt tun können. Ich musste ja warten.

Ich dachte nach über alles. Immerhin, hier war die Wartehäuschen-Sicherheit um mich. Doch war auch sie letztlich – die Ereignisse hatten es bewiesen! – eine trügerische.

Die Leute waren seit geraumer Zeit alle weg. Längst eingestiegen. Von ihren Bussen mitgenommen worden. Abgefahren.

Als der Regen schließlich in Nieseln übergegangen war, ein fahler Mond beschien die Szene, machte ich mich dennoch auf den nächtlichen Heimweg. Schirmlos. Mit den neuen, leicht aufgeweichten Schuhen an den Füßen. Naja.

Busse fuhren längst keine mehr.

Ich dachte noch lange über den grauschwarzen Schirm mit den roten Streifen und dem Monogramm (A. M.) nach. Und darüber: Wer da wohl wen beschissen haben konnte.

*

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*