Rumpelstilzchens

Nachtgesang

Ein bizarres

Nokturno

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

(ENDFASSUNG: 2015)

Der dreidimensionale Raum hat in Wirklichkeit

sechs Dimensionen, denn alles ändert sich

je nachdem, ob eine Dimension über oder unter

der anderen hindurchgeht, oder ob sie links

oder rechts an der anderen vorbeigeht, wie in

einem Knoten.

Italo Calvino, Sag’s durch Knoten

*

In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.

Denn alle Überflüsse, die ich sah,

sind Armut und armsäliger Ersatz

für deine Schönheit, die noch nie geschah.

Rainer Maria Rilke, Das Buch von der

Pilgerschaft (Stundenbuch, II)

*

Zwischen Schwarz und Preußisch-Blau

Der insgesamt wie ein schäbiger und zerschlissener Theaterprospekt wirkende Nachthimmel hatte sich zu einem abgewetzten Pseudo-Schwarz bequemt, das wenig hoffnungsvoll und durchaus unschön zwischen dreckigem Anthrazit und angesabbert-dunklem Preußischblau changierte. Die Luft des vorangegangenen überheißen (ja: schwülen) Mittsommertages, der bis spät in den Abend seine unnatürliche Hitze verströmt hatte, war immer noch stickig; besonders in der nur so von Pink und (Talmi-)Goldscheiß sprießenden Turmkammer der schon weitgehend überständigen Prinzessin Viviane Eigenfloh (welch seltsamer Name, für wahr!).

Die in der Mehrzahl geschmacklosen Poster, präsentierend unter anderem die noch jungen Beatles, die recht knackigen Rolling Stones in einer ihrer Anfangsphasen, daneben – seltsam genug – die ebenfalls frühe, in der Tat sogar erstaunlich taufrisch wirkende Madonna und eine der Lady Gaga ähnelnde, vermutlich bundesdeutsche Ulknudel aus der Dünnsuppen-Pop-Szene, stritten, von den spärlichen, in bestimmtem Rhythmus wiederkehrenden Lichtstreifen des nahen Leuchtturms tangiert, wett um die Gunst der gelangweilten hominiden Barbie-Puppe, deren mittels hochbrisanter Chemie aufgehelltes nordisch wirkendes Blondhaar jedem schottischen Pony mit geringen Ambitionen durchaus zur Ehre gereicht hätte.

Ja, die alte Viviane Eigenfloh scheute weder vor horrenden Ausgaben (aus dem ererbten, schier unerschöpflichen Vermögen ihres schwerindustriellen Vaters stammend) noch vor größten Gefahren für Leib und Leben zurück, um durch radikale Maßnahmen der sogenannten Schönheitschirurgie, die sie an sich vorzunehmen gebot, wie sie es nannte: up to date zu bleiben. So sehr verunsicherten sie das Wissen um die Endlichkeit von unser aller Dasein und die Gewissheit des Todes. (Ausnahmen bestätigten da doch bloß die Regel!)

Ihr Gesicht dankte es ihr durch eine in der Tat beinahe völlige Entfaltung, und sogar der Rest ihres Körperchens entzog sich mehr oder minder elegant jeder altersmäßigen Einschätzung. Hätte man nicht gewusst, dass diese blöde Zicke nun einmal eine entsprechend teuer aufgemotzte und mittels Tuning auffriesierte Endsechzigerin war, man hätte es angesichts dieses Mimik-losen und leer glotzenden Antlitzes wie auch des bizarr knabenhaft wirkenden Corpus delicti, beides beredte Zeugnisse dilettantischster Afterkunst im Umfeld medizinischen (genauer: plastisch-chirurgischen) Handwerks, nicht für möglich gehalten! Insgesamt vermochte Viviane Eigenfloh nämlich, eine gewisse androgyne Skelett-Ähnlichkeit keineswegs zu leugnen. Zudem kontrastierte das (fast schon wieder) Kindliche, schier Verpuppte ihrer Erscheinung überdeutlich zur Prallheit der unwirklich gerundeten Kunststoffbrüste. Ja, just diese unproportionierten Rundlinge deklarierten den alten Körper nämlich eindeutig zum Implantatort übelster medizinischer Scharlatanerie!

Viviane Eigenfloh konnte einem im Grund genommen leid tun. Anstatt mutig und womöglich sogar voller Selbstironie das populäre Paulus-Wort anzunehmen, das da lautet: Tod, wo ist dein Stachel? (1. Korinther Brief, 15, 55), barg sie ihr belangloses Selbst in der vagen Verheißung ewiger Jugend im Schatten des ständig aufs Neu drohenden Chirurgenmessers. Kein Wunder, dass sie folgerichtig bei jedem der vorgeblich ihre köstliche Konservierung absichernden Eingriffe ein weiteres Gutteil ihrer Menschenwürde verlor; abgesehen von der permanenten Abnahme an Gehirnsubstanz, die mit dem fortschreitenden Gesichtsverlust unweigerlich einherging. (In Wirklichkeit diente die obskure Übung lediglich der Vermögensvermehrung des windigen Prof. Dr. Albert Kernroth-Senkenbrunn, eines für seine fragwürdigen Erfolge wie für seine geschmalzenen Honorare bekannten Modemediziners.)

Schade, schade.

Und noch etwas: Schön sah entschieden anders aus. An Eigenflohs Gestell nützten der ganze Chanel- oder Westwood-Fummel nichts und der übrige Designer-Quark, der teure Schmuck und das gespreizte, ebenfalls auf ewige Jugend getrimmte Auftreten: Die Zeit hatte nun einmal ihre Schneise geschlagen, und die hieß – faltenlos hin oder her – Viviane Eigenfloh.

Ihrer Hammondorgel, einer feinen C 3 aus den 1950er Jahren, quengelnde Leslie-Töne peinlichsten Vibratos entlockend, gab sich die dergestalt merkbar wie sukzessive aus allen nur möglichen Zeitebenen Gefallene (oder: Getretene) einer – wie gewöhnlich – quasi halbdüsteren Stimmung hin, die durchaus mit dem missgelaunten Nachthimmel, wie er da die See hoch über Hamburg zu manchen üblen Zeiten nun einmal kennzeichnete, in seinem Hingekotztsein korrespondierte. Ja, man hätte sagen können, sogar den (an sich doch recht geduldigen) Himmel überkam angesichts dieses widerlichen Szenariums endlich das Speiben.

Damit noch nicht genug: Viviane Eigenfloh versuchte sich zudem an Harold Arlens bekanntem Jazz-Ohrwurm „Stormy Weather“; erfolglos, doch mit Ausdauer.

Dabei manchen Joint vernichtend und manche weiße Straße ziehend.

(Gut, warum auch nicht?!)

Hin und wieder zuckten Blitze, in Konkurrenz tretend mit den schweifenden Lichtkegeln des auch schon reichlich abgesandelten Leuchtturms, und durch das einen Spalt weit geöffnete Turmfenster war nahendes Donnergrollen zu vernehmen. (Oder war es ein Paukenwirbel? – Woher, bitte schön, jetzt und überhaupt ein Paukenwirbel?!) Doch die also längst schon alles andere als jugendfrische Frau, die vielmehr kosmetisch und vor allem hautchirurgisch aus der Epoche gekippte zickige Greisin, wirkte derart in ihr weitestgehend Talent-frei exekutiertes Orgelspiel vertieft, dass die Welt um sie herum versunken zu sein schien. (Vielleicht war sie, die Welt, es ja tatsächlich?! Wohl aus Gründen der Pietät, zumindest der Vorsicht und des Selbstschutzes; oder weil sie schlicht und ergreifend über Geschmack verfügte?!)

Mit einem Mal klatschte etwas Schwarzes gegen das Fenster, was wie ein nasser Stofffetzen aussah, sich jedoch alsbald als dunkelgewandeter Bassbariton Erwin Gottfried Einhorn entpuppte. War der furchtbare Testosteron-Junkie also wieder auf einem seiner möglichst vampirhaft zu zelebrierenden nächtlichen Trips?! Daher gelang aus unerfindlichen Gründen, daher geflogen aus dem fernen Graz, dort in Österreich? Dieser unersättliche Galgenstrick und permanente Mädchenschänder! Dieser dauergeile Rammler und unentwegte Vögler alles Weiblichen, das bloß zu langsam war, um seinen gierigen Nachstellungen zu entkommen! Rumpelstilzchen! O! Rumpelstilzchen! Das konnte auf Dauer nicht gut gehen …

Rumpelstilzchen, einmal schlägt auch dir die Stunde!

Doch jetzt?

Das würde noch heiter werden!

Oder bewölkt.

Wir würden es sehen, wenn wir wollten.

Denn da erklingt ja auch schon sein bassbaritonales Verführerlachen. Und die C 3 erstirbt kurz in falsettiertem Tremolo. „Stormy Weather“ hat für kurze Zeit ausgeächzt.

Von Mausgrau bis Kleegelbgrün

Kurz vor dieser Zeit, in anderer Kulisse: Prof. Gabriel van Helsing taumelte, obwohl er sich noch relativ aufrecht auf der abgewetzten Bank und am klobigen Tisch in Camillas Schenke „Zur schiefen Eule“ irgendwo in den von Urwald rings umsäumten Karpaten hielt. Dann befahl er einer der drei Schankmaiden (Gabi, oder den beiden Irmas? Egal -), ihm noch einen Humpen vom roten italienischen Wein zu bringen. Auch wenn die geizige Wirtin, die faltenreiche, zu allem Überfluss noch übel schielende Gräfin Camilla von Spor-Hindenreych, dieses Monstrum, das auch sonst kaum mehr als attraktiv bezeichnet werden konnte, die längste Zeit schon ziemlich abweisend dreinschaute; was der Professor indes weder sehen noch hören konnte, da sich die unschöne Gastronomin in seinem Rücken aufhielt, dabei ihre bösesten, hauptsächlich in Zischlauten gehaltenen Verwünschungen ausstoßend. Diese gleich furchterregende wie lächerliche alte Zirkusdirektorin der falschen Hoffnungen und Gebieterin über ein kleines Heer von halbmenschlichen Fledermäusen und knorrigen Waldschratten. (Und welch ein Prachtweib dereinst! Angebetet von ihren Verehrern – und verflucht von deren verlassenen Frauen … Ja, ein Augenschmaus und Bettvergnügen, schlechthin! O Camilla!)

Immerhin bekam van Helsing sein für heute finales Gesöff, bevor er sich auf der Bank zusammenrollte und daselbst alsbald schnarchend entschlummerte; trotz des Lärms, den die übrigen Säufer – allesamt irgendwelche schielende Holzknechte, halbinvalide marodierende Ex-Soldaten und ähnliches Gesindel, Raubritter der übelsten Sorte also, ihm jedoch im Allgemeinen recht wohl gesonnen – in der stinkend-stickigen, verrauchten Stube weiterhin verursachten.

Es war eine Schande. Seit er damals, sogar recht medienwirksam und ein ordentliches Rauschen im Blätterwald hervorrufend, den berüchtigten Grafen Dracula – wenn auch bloß fast für immer – ausgeschaltet hatte (vor nunmehr auch schon gut zwanzig Jahren), war sein Stern sukzessive im Sinken begriffen; bis sogar er, van Helsing selbst, begriff, dass dieses Sinken alsbald ein Verglühen mit sich bringen würde … Anders ausgedrückt: Er war am Arsch.

Ja, der merkantile Wind, sogar im Geschäft rund um die Vampir-Vorsorge und den diesbezüglichen Alarm (ein echtes Novum, dazumal!), war ganz allgemein ein rauerer geworden. Außerdem machte in der Zwischenzeit den echten und rechten Professionisten, also den Leuten vom Fach, wie van Helsing ohne Zweifel einer war, manch ein billiger Scharlatan Konkurrenz. Verfluchte Pfuscher das! (Schwarzarbeiter der schwarzen Magie …) Und so ging das Geschäft eher lau und mies. Und irgendwie merkten die alten Recken aus dem abenteuerlichen Gewerbe, dass sie langsam aber sicher ausschließlich nur mehr vom verblassten Ruhm der besseren Tage (und Nächte) zu zehren hatten …

Mancher sattelte um, wurde – was weiß ich – Autohändler, Zahnarzt oder Minister, je nach Grad der Schlitzohrigkeit. Und der Beste, als der er fraglos immer gegolten hatte, Gabriel van Helsing, der versoff sich zusehends. Oblag seinem Kummer. Wurde zur traurigen Figur.

Außerdem, und dies traf ihn besonders hart und verbitterte ihn vollends, hatte er noch ziemliche Außenständen, denen er seit Jahren schon hinterherhechelte. Unbezahlte Honorare, zum Beispiel beim Vatikan, einem seiner potentesten Auftraggeber von früher; und just diese Brüder wollten partout nicht zahlen, obwohl sie ihn immer wieder für sich arbeiten ließen. Man kennt das ja: In großem Rahmen Inquisitionen aufziehen, dann Unmengen von Geld in unsinnige Hexenprozesse samt obskurer Afterjuristerei investieren und ganze Flotten meist inkompetenter Geisterjäger zusammentrommeln und aussenden – das ja; aber zahlen? Mitnichten! Freilich, wenn es wo brannte, vampirtechnisch gesehen, wen holte man dann in letzter Sekunde aus der Versenkung, damit er – wieder einmal – die Welt vor dem Untergang rette? Richtig, ihn! Prof. Gabriel van Helsing! Man hielt ihn in Rom vermutlich nicht von ungefähr (nicht umsonst, doch weitgehend gratis also) für Gabriel, den wackeren Erzengel …

Dann noch, quasi zum Darüberstreuen, versagte ihm die alte fürchterliche Gräfin Camilla, diese aristokratische Pfennigfuchserin und Scheißwirtin, allen Ernstes, weiterhin bei ihr anschreiben zu lassen! (Und das – unter Freunden!) Also befand sich der ständig durstige Gelehrte, dieser ehedem so ruhmreiche Vampirjäger und geschickte Alchemist, in einem wahren Dilemma: ohne Geld und ohne Kredit, aber mitten drinnen in der allenthalben dampfenden Kacke! Zudem: alles das hier, am Arsch der Welt. In den Wäldern der Karpaten, wo einander die Werwölfe und die Untoten Gute Nacht! sagten! O Schande!

Wenn van Helsing nicht zu gut Bescheid gewusst hätte über die diesbezüglichen Zusammenhänge, er hätte nicht gezögert, mit seinem Leben, wie es sich ihm jetzt, in diesen trüben Tagen und Nächten, in dieser grauschwarzen Stimmung darstellte, Schluss zu machen. Schluss zu machen, ein für alle Mal. Doch so liefen die Dinge nun einmal nicht ab. Nein, so einfach war sie dann eben doch wieder nicht, diese Sache von wegen Leben & Tod

Und dann: Mitten im Grauschwarz lichtete sich seine Seelenlage zwischendurch doch immer wieder und hellte sich auf; erst in eine Art von Mausgrau, später noch deutlicher, fast schon Sonnen-glänzend, hin in eine kleegelbgrüne Phase, in der ihn nicht selten ein von früher noch, von der vergleichsweise seligen Jugendzeit her, bekanntes Glücksgefühl anstreifte so ganz en passant, wie der samten-weiche Mantel einer schönen Fee … Oder, wie später dann, der erste kleine Schwips, in Rosa gehalten; längst noch kein schwerer Vollrausch mit all seinen bösen braun-schlierigen Folgen! Nein, nein! Das kleine, feine Schwipserl (wie die Wiener sagten) eben, dieser Zustand des rosafarbenen Blicks auf alles, das In-Watte-Getaucht-Sein …

Es waren die (mitunter ohnedies recht ordentlich ausgedehnten) Momente sexueller Natur, die ihn aufrecht hielten; wenn ihn die jungen knackigen Cousinen seines Erzfeindes, des (damals fast besiegten) Grafen Dracula, in seinem mit Polstern und Seidenkissen ausgelegten Kemenaten im hinteren, versteckt in einen Berghang hineingebrochenen Trakt des heruntergekommenen Wirtshauses „Zur schiefen Eule“ heimsuchten und sein immer noch mit goldumsäumten Rüschen verziertes Riesenbett mit ihm teilten.

Auf ging es dann, mit der wilden, ekstatischen Jagd!

Seegrün, Blaugrau und Marmorrot

War wieder mal was los, da, in der Kanzlei Frankenstein, Golem & Partner, Rodingsmarkt, Hamburg-Altstadt, nahe der Binnen-Alster. Seegrüne Binnen-Alster. Blaugrauer Himmel mit angekündigter Sonne. Rot-marmornes Protz-Entreé. Danke schön! (Da wartet man gerne …)

Rodingsmarkt, Hamburg-Altstadt: Piekfeine Adresse.

Alles in Mahagoni und Messing, pipapo. Es warf den kleinen, zerknitterten Benno Leiterbruch schier zurück (mit seinem Sauerstoffschlauch in der Nase und dem dazugehörenden Apparat im Rücksack) angesichts so vielen Glanzes. Gut, auf ihn machte bald was Eindruck, denn immerhin war Leiterbruch von Natur aus ziemlich schüchtern und ein krankheitshalber – er hatte es auf dem linken Lungenflügel – frühpensionierter Versicherungsbeamter aus Gelsenkirchen. Und allein schon seine Heimatkommune, Gelsenkirchen eben, stank mit ihren 300.000 Einwohnern und der Lage im Ruhrpott ziemlich ab gegen die berühmte Hansestadt mit ihren gut und gern 1,7 Millionen Bürgern, da an Elbe, Alster und Nordsee.

Freilich, seine nicht eben karg bemessene Freizeit verbrachte Leiterbruch durchaus erfolgreich mit der Ergründung außer-und überirdischer Phänomene sowie mit esoterischen und para-psychologischen Untersuchungen; sogar mit ein wenig (zeitgemäß adaptierter) Alchemie; mit diversem Vampir-Kram, wie das seine Gattin Wilhelmine despektierlich bezeichnete.

Warum baust du nicht zum Beispiel Windmühlen aus Zündhölzern oder sammelst Briefmarken, Benno?! Ich verstehe dich nicht! Immer dieser Vampir-Kram! Immer Untote, Draculas, künstliche Menschen und ähnlicher Unsinn … Geh doch, um Gottes Willen, lieber ins Wirtshaus …, wie es die anderen Rentner auch tun!“

Doch Benno verzog sich mit einem schiefen Lächeln, geiferte sie so oder ähnlich, in seine Studierstube, wo er bis in die Nacht hinein las, grübelte und googelte beim schwachen Licht des Laptops und der alten Stehlampe; oder es zischen und brodeln ließ mit Freude, stets neuen Erkenntnissen auf der Spur, dem Urknall oder dem Endfurz. Irgendwie hätte er einen an den alten Faust erinnern können, immer bereit, ja: begierig darauf, die höheren Mächte bei sich zu empfangen; auch wenn dann doch vermutlich erst recht bloß wieder ein mickriger Erdgeist kommen würde – wie schon einmal, vor Jahren …, zu Ostern …

Doch die intensive Beschäftigung im Rahmen der Vampirologie benötigte eben seinen ständigen, seinen unermüdlichen Einsatz; aber daneben wohl auch viel innere Ruhe und Gelassenheit! Und just davon hatte Benno beinahe jede Menge; wenngleich er, sollte ihm danach sein, auch zur Ängstlichkeit neigen konnte; oder sagen wir besser: zur Vorsicht … Doch just die beiden vorher erwähnten Ingredienzen, nämlich Ruhe und Gelassenheit, die war Benno Leiterbruch stets aufs Neue bereit, für seine Berufung einzusetzen. Mit ganzem Herzen, ja: mit Herzblut und in völliger Hingabe. Für seine ihm so überaus wichtige Berufung. Ja.

Briefmarken? Windmühlen aus Zündhölzern? Auf solche Ideen konnte wohl auch nur seine Wilhelmine verfallen! Er grinste erneut schief, denn anders konnte er nicht. Dann ließ er seine Lunge (vor allem rechts) ordentlich rasseln, bevor er sich erneut vor den Computer setzte. Stichwort: Gabriel van Hesling.

Dann war er im Chatroom auf dieses ominöse Rumpelstilzchen gestoßen, und es hatte ihm förmlich einen Stich in die Brust versetzt! (Und diesmal nicht krankheitsbedingt!) Doch – allem Anschein ging es da nicht um irgendwelche Kinderpornos, wie er ursprünglich geargwöhnt hatte. Nein, da schien durchaus etwas Handfesteres dahinterzustehen: nämlich etwas ziemlich Erwachsenen-Erotisches, vermutlich in hardcore-Ausführung, noch dazu!

Oder sollte alles bloß ein Jux sein?! Ein Witz, ein blöder, zugegeben …

Interessant, immerhin: Denn Rumpelstilzchen bot sich da den Damen aller Altersklassen als „Beglücker, Entzücker und Entrücker“ an. Bevorzugter Weise: nachts. Und: „Guter Ton ist Ehrensache!“, hieß es außerdem. Sollte das am Ende ein Code sein?!

Ja, doch! Das hatte ihn, Benno Leiterbruch, den alten Hasen, alles stutzig gemacht. Einerseits der das Märchenhafte evozierende Deckname Rumpelstilzchen, dann die beinahe poetische Umschreibung zu erwartender Mühewaltung – Beglücker, Entzücker und Entrücker -, anderseits der Hinweis auf den guten Ton … Da schien, sozusagen, einiges zwischen den Zeilen durch, was für den Fachmann ziemlich eindeutig in Richtung Para-Psychologie, Vampirologie und Werwolf-Attitüde verwies; erweitert noch um die Qualitäten Gesang oder Musik!

Obwohl – oder gerade weil – es zunächst so bieder romantisch klang, für Benno schwang da durchaus etwas Dunkles, vielleicht sogar etwas Makabres und am Ende sogar etwas Verdächtiges mit … O ja, die deutsche Romantik, sie hatte es in sich! Nicht nur Heinrich Heines Ironie, die jedes noch so fein zusammengefügtes Idyll final wieder zerstörte, auch die knisternde Atmosphäre des Düster-Schaurigen, wie sie E. T. A. Hoffmann so unvergleichbar zu erzeugen wusste! Oder Wilhelm Hauffs Märchenstimmungen mit ihrer meist grausam pointierenden Brechung! Und die nicht minder hinreißenden Werke vieler anderer Dichter, Maler und Musiker dieser so aussagekräftigen und farbstarken Epoche kamen ihm immer wieder in ihrer starken Innenbezogenheit in den Sinn. Im nebelhaften Dunst des von Schluchten, Ruinen und knorrigen Baumrelikten bestimmten, schier unwirklichen, allemal gespenstischen Bildwerks eines Caspar David Friedrich: Gemälde gewordene Gefühlswelten … (Wir wollen es weiterhin Romantik nennen, wenn es auch der Ausdruck der Engländer, nämlich gothic, beinahe besser trifft, dachte er. Dabei mit Entzücken den inneren Schauer spürend.)

Da er bei seinen jahrzehntelangen Recherchen auf dem so weiten Gebiet einerseits der romanischen, anderseits der para-psychologischen Spuren in Kunst und Leben – denn diese Bipolarität war ihm wichtig! – immerhin einigermaßen weit gekommen war, fühlte er sich hierin durchaus zu Hause. Hier und auf verwandten Gefilden, ging es um Vampire, Werwölfe und Ähnliches, hatte Leiterbruch allerdings schon einmal mit DDr. Frankenstein zu tun gehabt. Deshalb schien es ihm auch diesmal das Beste, den in diesen Dingen überaus kompetenten und als unbestrittenen Könner anerkannten Doppel-Akademiker zu kontaktieren.

Also mailte Leiterbuch sogleich dem gewieften Arzt und Rechtsanwalt in Hamburg.

Und Frankenstein? Der bat ihn, den „nicht minder firmen Vampirkenner“, stante pede und gegen Zusage der Spesenvergütung sowie eines noch zu fixierenden Honorars zu sich nach Hamburg. (Denn nach all dem, was man da von NSA, Cyber-Spionage et cetera gehört hatte und ahnte, war es wohl sicherer, sich gleich persönlich und in der – überprüfterweise wanzenfreien – Kanzlei zu treffen, um die Causa entre nous zu erörtern.

Auch Dr. Frankenstein schien also – anzubeißen (sic!).

Herr Leiterbruch, gehen Sie bitte weiter! DDr. Frankenstein lässt bitten“, flötete Sarah und wischte sich ein paar Strähnen ihres tiefschwarzen Haares aus den nicht weniger schwarzen Augen. Die schlanke Rechte der einem Topmodel gleichenden Sekretärin wies zur dunklen, mit Messing beschlagenen imperialen Holztür, hinter der Frankensteins Büro lag. „Und: Achtung Stufen!“, beeilte sie sich, dem schon bedächtig in Richtung zum Allerheiligsten schlurfenden Lungenpatienten und Fachmanns für nächtlich-zauberisches Geschehen nachzurufen.

Richtig, erinnerte sich Benno Leiterbruch, der Doktor arbeitete ja in einer Art Laboratorium, in einem Verließ, wo sein braves Faktotum, der alte zusammengeflickte Erasmus, ihm die Instrumente reichte, für ihn das Feuer entfachte und drosselte, je nach dem, oder sonstige notwendige Assistenz leistete. Das Monster als gezähmtes Faktotum, sozusagen.

Der Doktor sah von seinen Eprouvetten, Bunsenbrennern, Petrischalen und anderen Geräten und Apparaturen auf, legte das Skalpell zur Seite und begrüßte seinen Gast. Erasmus gebot er, sich (es machte dies zumindest auf Benno den Eindruck) weitgehend hundegleich im hinteren Teil des riesigen Raums zu lagern, der einem Verlies nicht unähnlich zu sein schien.

Man nahm Platz, und DDr. Frankenstein eröffnete Leiterbruch an einem der Arbeitstische – zwischen Bakterienkulturen, Akten, Totenköpfen, alten Folianten der Jurisprudenz sowie in Formalin eingelegten Objekten und ähnlichen Elementen – den Stand der Dinge.

Des Anwalts Ermittlungen hatten nämlich ergeben, dass sich hinter diesem Rumpelstilzchen niemand anderer als der seit ein paar Jahren in Graz, in Österreich, engagierte Bassbariton Erwin Gottfried Einhorn verbarg; ein in eingeweihten Kreisen längst schon bekannter und übel beleumundeter Frauenschänder, Blutsauger und Schwerenöter. Ein Semi-Untoter.

Jetzt avisiert er sich also auch schon im Netz“, bemerkte Dr. Frankenstein bitter. „Jaja, auch die Mächte der Nacht gehen mit der Zeit …“

Doch wissen wir immerhin endlich, wo wir ansetzen müssen“, steuerte Leiterbruchs defekte Lunge schnaufend etwas zum Gespräch bei. „Aber – wer -“

Ja, wer war dieses ominöse Rumpelstilzchen tatsächlich? Wer oder was? Welches Wesen trieb da sein Un-Wesen?! Und Benno Leiterbruchs Gedanken schweiften wieder einmal …; sie schweiften ziemlich weit … und … ab …

Nun, einerseits, und anderseits. Zum einen also handelte es sich bei Rumpelstilzchen um den Sänger Erwin Gottfried Einhorn, Mitte der Vierzig, im Brotberuf etwas dicklich gewordener Bassbariton, zur Zeit am Opernhaus in Graz engagiert. Einhorn war, wie erwähnt, korpulent und von eher unterdurchschnittlicher Körpergröße; sein Sexualtrieb indes war gigantisch, und sein daraus resultierendes Verlangen musste als schier unstillbar eingestuft werden!

Nicht zuletzt deshalb schlug sich der (ansonsten durchaus taugliche) Sänger die Nachtstunden regelrecht um die Ohren. Ja, Einhorn vögelte sich beinahe buchstäblich durch die schwülen Nächte, denn er flog von Pfuhl zu Pfuhl, von Bettstatt zu Bettstatt! Dass er angeblich vampirisches Blut in seinen Adern pulsieren fühle und über damit verbundene Fähigkeiten zu rascher Ortsveränderung sowie zu entsprechender Raum- und Zeitüberwindung verfüge und sogar die Kunst der Multilokation beherrsche, ließ er gern als imponierende Fama um sich herum gelten und bestehen; oder er streute diesbezügliche Hinweise manchmal sicherheitshalber auch selbst aus. Kurz: Manches bei ihm war Blendung, manches sehr wohl ererbte Veranlagung.

Einhorn alias Rumpelstilzchen schien es überhaupt mit den legendären Alchemisten zu halten, mit den vermeintlichen Goldmachern und Edelsteinexperten, wie zum Exempel mit dem undurchsichtigen, polyglotten, angeblich unsterblichen Grafen von Saint-Germain oder dem aus ärmsten Verhältnissen stammenden sizilianischen Handwerkersohn Giuseppe Balsamo, der schließlich als Cagliostro eine glänzende Karriere hingelegt hat. Ja, sie und ihr bewegtes Leben beeindruckten den rundlichen Sänger nun einmal zutiefst: Dieser Saint-Germain – ob nun tatsächlich ein Bastard der spanischen Königin Maria Anna (von Pfalz-Neuburg, der 2. Gattin Karls II., der anno 1700 kinderlos starb) und eines jüdischen Bankiers aus Madrid namens Comte Adanero? Oder der Sohn des Jean Thomas Enriquez de Cabrera, Herzogs von Rioseco? Oder jedoch ein begabter englischer Komponist und Geiger? Oder eher der Spross des Habsburg-feindlichen transsilvanischen Fürsten Franz II. Rákóczi? Vielleicht ein Intrigen-affiner, klandestiner französischer Diplomat? Oder bloß ein geschickter Stofffärber aus dem Piemont? Jedenfalls tat er erwiesenermaßen im Jahr 1784 im Dienst seines letzten Herren, des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, in Eckernförder an der Ostsee seinen finalen Atemzug.

Und Cagliostro: Lange Zeit hindurch Liebkind und umschwärmter Mittelpunkt so ziemlich aller einigermaßen glänzenden europäischen Höfe, geriet er zuletzt, gemeinsam mit seiner ebenfalls überaus durchtriebenen Gattin Lorenza Feliciani in die gierigen Fänge der Heiligen Inquisition; um am Ende, anno 1795, in Festungshaft zu San Leo (in der Nähe von San Marino) zu sterben … Johann Wolfgang von Goethe schrieb einerseits, durch den stolzen, selbsternannten Logen-Oberbruder und Freimaurermeister inspiriert, sein bösartiges Lustspiel „Der Groß-Cophta“ (1791), unterstützte anderseits die arme Familie des Hochstaplers auf Sizilien finanziell und sogar durch eine öffentliche Kollekte.

Beiden, Saint-Germain wie Cagliostro, gemeinsam war freilich der Nimbus des raffinierten Goldmachers und Brillanten-Herstellers, des Alchemisten und des glänzenden Mannes der Gesellschaft mit nicht sicher bestimmbarem Alter … Saint-Germain wusste laut Zeitzeugen (wie etwa Giacomo Casanova), immer wieder Einzelheiten zu erzählen von längst vergangenen historischen Zusammentreffen mit prominenten Leuten (bis hin zu einem Abendessen bei Pontius Pilatus, samt Speisenfolge!), bei denen er dabei gewesen sei …

Aber gelebt hatten beide Koryphäen des Scheins in der hellstrahlenden Gloriole eines zu weitgehend unwirklichem Glanz geadelten Abenteurertums, wie es – neben seiner Hauptsache, nämlich dem Sex – auch Erwin Gottfried Einhorn als äußerst erstrebenswert erschien. Sei er nun Vampir oder nicht. Bühnenkasperl war er allemal! Und durchaus einsetzbarer Sänger.

Unleugbar.

Doch faszinierte den Bassbariton und Blutsauger auch noch ein anderer Aspekt seines Daseins: Er sah sich an der Schnittstelle von Gut und Böse. So konnte er sich billig für herausgehoben empfinden aus den überkommenen, pingelig und eng normierten Moralvorstellungen; die mochten gelten für wen immer – nur nicht für ihn!

Nicht zuletzt deshalb betete er sie insgeheim an, die frühen Pop-Idole à la Niccolò Paganini (den man doch auch für jemanden hielt, der mit dem Teufel im Bund stand!), Franz Liszt oder Frederic Chopin. Oder, ging man ein gutes Jahrhundert zurück, glänzten nicht auch die sogenannten Frei-Denker und liberalen Geister der Aufklärung gehörig? Auch wenn sie etwa, aus Paris vertrieben, sich sammelnd unter den Fittichen Friedrichs II. zu Potsdam, im Schloss von Sanssouci, glücklich am Esstisch des Großen Fritz herumlungerten und sich – wie der geniale Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie („L’homme maschine“, 1848) anno 1751 – final dann womöglich an einer zu üppigen Pastete zu Tode fraßen.

Ja, sich in Mädchen, Frauen und Pasteten verbeißen! Das entsprach der durchaus hedonistischen Veranlagung Erwin Gottfried Einhorns. Und so wird es uns auch nicht verwundern, dass Rumpelstilzchen (dieser äußerst unberechenbare Mr. Hyde als Partner und Alter Ego des piekfeinen Dr. Jekyll/Einhorn) nebenbei jede Menge Kinder gezeugt hat; man schätzte in eingeweihten Kreisen die Zahl seiner Nachkommen auf mindestens zwei, drei Fußball-Mann- (beziehungsweise Frauen-) schaften! (Scheiß Sprachgebot des Gender-Mainstreaming!)

Doch Einhorn/Rumpelstilzchen stellte in seiner Falstaff-Attitüde des maßlosen Vielfraßes, Säufers und Dauer-Rammlers gleichsam nicht mehr, aber auch nicht weniger als den Aus- (oder vielleicht besser:) Wild-Wuchs des Lebens dar; die halbwegs dunkle Seite des Seins also. Er konnte da immerhin als lebensfroher Fruchtbarkeitsgott, wenn auch eher als Nachtschatten- denn als Tagesgewächs, gelten. Und die geknickten Frauenherzen und demontierten Moralkodizes hatte man dabei (nolens, volens) als Kollateralschäden zu akzeptieren.

Ja, sollte das Leben als solches einer frisch geschlagenen Münze gleichen, so stellten Einhorn alias Rumpelstilzchen und seine untoten Kumpane quasi die andere Seite dieser Münze dar: den feisten Arsch der durchaus bona fide geprägten Medaille …

DDr. Frankenstein holte den pensionierten Versicherungsangestellten Benno Leiterbruch rasch in die Realität und ins Heute zurück. „Wenn es einen gibt, der hier Abhilfe schaffen kann, dann ist das mein alter Freund Prof. Gabriel van Helsing!“, erläuterte der (auch selbst im Kampf mit den Vampiren erprobte) Arzt und Rechtsanwalt. „Unser van Helsing bringt die nötige Erfahrung mit – und auch die Power, die man dazu braucht, damit die Übung gelinge!“

Zinnober, Feuerrot und Zungenrosa

Tatort Opernhaus, in Graz: Schluss der Premiere zu „Quurlburl oder Der starke Trank der Liebe“. Alles in Zinnober, Feuerrot und schmachtendem Pink (mit altrosa Umrüschung) …

Der Vorhang hinter der finalen Klosterszene, deren anfängliche gnädige Düsternis sich zuletzt in scheußliche Farbnuancen, von Zinnober- und Feuerrot bis Zungenrosa und Scharlach, aufgelöst hatte, war gefallen. Und die abschließenden, immer noch widerlichen Akkorde entströmten, vom ermatteten Auditorium dennoch als eine Art von Erlösung gewertet, dem Orchestergraben. Eher dünner Applaus flockte schließlich auf wie geronnene Milch. Dann gebot der Inspizient per Computer: Alle Scheinwerfer an und Vorhang wieder auf! Erwin Gottfried Einhorn und die anderen Sängerinnen und Sänger traten, erst gemeinsam, dann einzeln an den Bühnenrand vor, um im gleißenden Scheinwerferlicht ihren angeblich wahren Lohn, nämlich das – in diesem Fall, wie schon gesagt, eher mäßig – beifällige Klatschen des Publikums, entgegenzunehmen; in Demut und Dankbarkeit.

Auch das durchwegs schwarz gekleidete Leading-Team bequemte sich vor den samtenen Lappen, also Regisseur, Bühnenbildner und Kostümbildnerin, dann Dirigent, Chorleiterin, Chor, Kinderchor, Chor der Mönche, auch das Ballett und sogar die Statistinnen und Statisten … Für die Regie gab es, wie zu erwarten gewesen war, einige erregte Buhs. Die Gesangssolisten hingegen wurden großteils ihres bewundernswerten, sich selbst weitestgehend verleugnenden Einsatzes wegen beklatscht. Besonders Einhorn und seine zwei Kollegen – die Titelrolle war dreigeteilt: der junge Quurburl (Knabensopran), der mittlere (Spieltenor) und der reife (Bassbariton) – durften durchaus zufrieden sein.

Quurlburl oder Der starke Trank der Liebe“ war eine schwache Oper. Daran ließ sich nicht rütteln. „Quurlburl“ war schwach – nicht nur, weil der Komponist, Eugen Lorenz Augenzuber, ein bloß mittelmäßiger, weitestgehend uninspirierter Tonsetzer war, der hier (einmal mehr) vom vertrottelten Librettisten Maximilian Kalksweiler aufs Unsäglichste unterstützt wurde, sondern weil die Geschichte einfach niemandem so recht zu Herzen gehen mochte. Doch da schon der Plot einer Oper nichts aussagt, wie soll dann am Ende was daraus werden, wenn nicht wenigstens die Musik aufzurütteln vermag?! Und einigermaßen genial ist?!

Freilich, der windige Intendant des schon ziemlich heruntergekommenen Dreisparten-Hauses, der fette Prof. Dr. Dagobert Hirnfall, der (selbstredend) an der „Quurburl“-Produktion privatim wieder einmal kräftig verdiente (wie er auch bei anderen, ähnlichen Kulturschweinereien mitzuschneiden pflegte), stand „wie ein Mann“ hinter der brustschwachen Sache und hielt, so sehr ihm sonst sein Ruf als angeblich integerer Kulturmanager heilig war, seinem windigen Komponisten-Freund Augenzuber, dem an Ideen äußerst schwachen Textdichter Kalksweiler und dem ganzen obskuren Leading-Team daher auch „total die Stange“. (Er glich darin durchaus westlichen Politikern, die immer wieder aufs Neu den Spagat zwischen empörter Menschenrechtsverteidigung und dem Abschluss lukrativer Geschäfte mit fragwürdigen Semi-Diktaturen wie Russland und China oder mit anderen Schurkenstaaten schafften.)

Doch so recht wohl bei der insgesamt beschissenen Kunstaktion war Hirnfall dann freilich auch wieder nicht. Und dem Protagonisten Erwin Gottfried Einhorn traute er – weder stimmlich noch charakterlich – so ganz über den Weg … (Auch miese Typen verfügen, geht es um die gegenseitige Einschätzung, nicht selten über ein erstaunlich scharfes Sensorium!)

Gut, „Quurlburl“ war ein Auftragswerk gewesen für das frühherbstliche (eher bloß regional bedeutende) Festival moderne sprünge, das indes auch selbst schon durch die Jahre zu einer durchwegs ziemlich faden Angelegenheit verkommen war. Oder: zu einer bedauerlichen kulturellen Pflichtübung, wie ein kritischer Zeitungsschreiber kürzlich recht süffisant angemerkt hatte (bevor man ihn entsprechend günstig stimmte – und er sein Urteil öffentlich wieder entsprechend abschwächte). Nein, tatsächlich war längst nichts mehr spürbar vom Elan der frühen Jahre dieses einstmals durchaus renommierten Avantgarde-Festivals, von dem altgediente Kulturjournalisten und andere Kunst-Adabeis gerührt schwärmten, wenn sie, beinahe mit Tränen in den Augen und voller Wehmut, immer wieder einmal bei Wein, Bier oder Schnaps ihren goldenen Erinnerungen nachhingen …

Ja, Wehmut kam allenthalben auf, ging es um die modernen sprünge. Nur leider – kein frischer Wind. Der Geist war dahin, die Trottel waren geblieben.

Quurlburl“. Worum ging es bei diesem durch und durch inferioren Exempel zeitgenössischen Musiktheaters überhaupt? Nun, der Held, eben Quurlburl, ist ursprünglich ein hübscher Bauernknabe, der in einem oberitalienischen Kaff des 16. Jahrhunderts aufwächst; als musikalisch äußerst begabter Sohn eines rauen, ungeschlachten Vaters, der Giovanni heißt (Bariton), und einer zarten, schönen Mutter mit Namen Cloe (Alt). Dieser hoffnungsvolle Bub (Knaben-Sopran) soll jedoch, weil es sein geldgieriger Zeuger so will, durch Kastration später dann zu einem berühmten Sänger reifen, einem Farinelli nicht unähnlich! Doch bei der gefährlichen Prozedur, der ja tatsächlich (also in der traurigen Realität des Kastraten-Unwesens) eine enorme Zahl an Buben zum Opfer gefallen ist, entfernt der böse Arzt, Doktor Paranunculus (Bass-Buffo), die Genitalien des Knaben nicht, sondern ersetzt sie vielmehr durch Stierhoden! Der junge Quurlburl, dessen Stimme in der Folge immer dunkler und tiefer wird, während sich seine Hose vorne herum zu weiten beginnt, flieht bald, unter seiner dauernden Geilheit leidend, das Dorf und wird später Hauptmann einer gnadenlosen Räuberbande, die das ganze Gebiet unsicher macht. Einziger Pluspunkt: Das, was sie den Reichen wegnehmen, verteilen die karitativ fühlenden Schurken unter den Armen … Und Quurlburl wird populär!

Da lernt der junge Mann (jetzt schon als quäkender Spiel-Tenor) die schöne Genoveva (Sopran) kennen und lieben. Sie, die Tochter des alten Grafen Hieronymus (Bariton), ist allerdings dem adretten jungen Edelmann Bernardo (Tenor) so gut wie versprochen. Doch der greise Graf lässt sich von seiner in Liebesglut für Quurlburl entbrannten, äußerst hochtonig gurrenden Tochter umstimmen und stößt den Fast-Bräutigam Bernardo vor den Kopf, indem er die schon besiegelte Verbindung löst; worauf der junge Adelige frustriert ins Kloster geht und sich dort im Chor anderer frustrierter Abgewiesener wiederfindet.

Genoveva heiratet also ihren Quurlburl (ab jetzt Bass) und schenkt ihm in der Folge nicht nur eine Reihe wohlgestalteter Kälber, nein, sie führt ihn – gemeinsam mit der frommen Magd Mathilda (Alt), die immer wieder einen feurigen Trank der Liebe und des Lebens zu mischen weiß – auf den Weg der Tugend zurück, was unter anderem in eine verlogene Klosterszene mit windschiefer Gregorianik mündet.

Zuletzt endet alles so fürchterlich, wie es begonnen hat, nämlich in einer aufwändigen, doch schrecklich kitschigen Apotheose auf die Macht der Musik, der Liebe und der Hoden!

O ja, „Quurlburl oder Der starke Trank der Liebe“ war ein stümperhaftes Machwerk, ein Flickwerk geradezu; quasi ein Erasmus ohne Dr. Frankenstein! Ungelenk und unattraktiv, undramatisch und fad, akzentlos und ohne jeden Witz. Musikalisch ein Ärgernis. Alles in Ansätzen irgendwie schon einmal dagewesen … Nicht einmal schrill, eher wohl pompös, breiig und altbacken Zu allem Überfluss schien zudem das Irrlichternde und Nervöse, das Aufgeregte des Sujets, das man bei etwas gutem Willen aus dem Mist ja doch noch hätte destillieren mögen, merkbar sediert zu sein. Ja, die ganze Musik lag quasi im Koma.

Wenn schon nicht gänzlich ideenlos, so war dieser missglückte „Quurlburl“ zumindest als ideenkarg zu bezeichnen. Zudem als traurig und schlampig. Insgesamt – verstimmt.

Ach ja, verstimmt: Eugen Lorenz Augenzuber hatte naturgemäß auch gestohlen, was das Zeug hielt. Manches klang da nach John Cage (oder besser: nach dessen populärmusikalischem Kollegen Fritz Schulz-Reichel, dem Erfinder des Schrägen Ottos), wenn in einigen Passagen zwei präparierte, entsprechend verstimmte Klaviere den Orchesterklang verfremdend dominierten.

Doch sogar bei den (Spät-)Romantikern, aber nicht minder bei den Neutönern, auch bei Ernst Křenek, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti hatte sich Augenzuber reichlich und unverschämt bedient, und sogar aus den kompositorischen Vorräten der Seriellen bis hin zur Minimal Music des Philip Glass waren – sozusagen: wie von selbst – Piecen in das nichts desto weniger inferiore, abartige Werk eingeflossen. Zwischendurch schimmerte übrigens unvermutet Operettenhaftes à la Franz Lehár, Fred Raymond und Robert Stolz durch; und hörte man (was allerdings eine Tortur bedeutete!) genauer hin, konnten sogar Anleihen beim Sound des Hansi Hinterseer, Nick P. oder DJ Ötzi, der Amigos oder der Paldauer in der Augenzuberschen Afterkunst entdeckt werden. (Doch diese Spurensuche wollte sich verständlicherweise ohnedies niemand antun!)

Und doch: Trotz all der beschriebenen, weitestgehend vampirischen Verbissenheit blieb „Quurlburl oder Der starke Trank der Liebe“ seltsam blutleer, und das Ergebnis der fruchtlosen Übung war denn auch ein äußerst bescheidenes.

Da hatte sich, um im Bild zu bleiben, ein abgetakelter Werwolf am (an sich schon rachitischen und ausgezehrten) Mädchen Marie aus dem Parade-Rührstück des 19. Jahrhunderts von Ernst Raupach, „Der Müller und sein Kind“ (1830), festgesogen, um dem Stoff erfolgreich nun auch noch die letzte Lebenskraft zu rauben! Ja: Es war ein Graus, die dilettantische Hinmordung einer moribunden Idee mitansehen (und vor allem:) mitanhören zu müssen!

Der Part des Quurlburl, dieses heimtückischen Hoden-Zwergs, war für Erwin Gottfried Einhorn zwar sozusagen: charakterlich der durchaus passende; auch waren die stimmlichen Herausforderungen an den Bassbariton eher schon lohnend (soweit dies bei der schlechten Musik Augenzubers überhaupt möglich war); doch würde man fürderhin mit Sicherheit weder der Rolle noch dem ganzen Werk irgendeine musikhistorische Bedeutung beimessen. Wie überhaupt die meisten der musikalischen Ergießungen Augenzubers kaum irgendwo nachgespielt wurden; im Gegenteil, seine Opern, Oratorien, Symphonien und kammermusikalischen Machwerke verschwanden in aller Regel sogleich nach den Uraufführungen bei Festivals wie den modernen sprüngen in der Versenkung (wo sie allerdings auch hingehörten). Der Komponist erhielt im Allgemeinen einen der quasi obligaten Preise, gemeinsam mit dem (wenn das möglich gewesen wäre:) noch schwächeren Librettisten Max Kalksweiler das zuvor ausgemachte recht üppige Auftragshonorar und eine (entsprechend gelenkte) einigermaßen gute Presse.

Wirklich zu holen war freilich mit Opern à la „Quurlburl“ nichts.

Es war, nehmt alles nur in allem, ein scheußliches Unding für großen Orchesterapparat, Sängerinnen und Sänger, Chor, Kinder- und Extra-Chor, für Ballett und Statisterie. Technisch gleich aufwändig wie vergeblich. Ein Schaß also. Einer für sogenannte Bildungsbürger, die sich für liberal hielten – was sich darin erschöpfte, am Sonntag (schlechten Gewissens, aber forsch tuend) die Zeitung aus der Selbstbedienungstasche zu entwenden -, die womöglich ein paar läppische Zitate aus der Musikgeschichte erkannten und vielleicht Lust empfanden an ein bisschen Video- und digitaler Technikspielerei, Stichwort: Bühnenzauber.

Und just für das war wiederum der Regisseur dieser sündteuren Protz-Produktion, ein gewisser Geert-Hagen Unkel-Dünnkraut verantwortlich, angeworben oder besser: vermittelt aus Deutschlands Norden, dessen wahre Begabung (wenn er denn über eine solche verfügte) am ehesten noch auf filmischem Gebiet liegen mochte; weshalb er auch bei seinen Theaterarbeiten ständig in Rück- beziehungsweise Vorblenden schwelgte. Ja, Unkel-Dünnkraut setzte solche und ähnliche, weitgehend cineastische Mittel sogar dort ein, wo es noch gar nichts rück- beziehungsweise vorzublenden gab … Das hatte ihm auch den Spitznamen Geert-Hagen, der Blender, eingetragen.

Kurz: Auch seine Leistung war eine erstaunlich grauenvolle, wobei die Geschmacklosigkeit Unkel-Dünnkrauts höchstens ansatzweise noch vom gleich unschönen wie unpraktischen und wenig funktionstüchtigen Bühnenbild eines gewissen Giovanni Tito Trilogniani aus Bari überboten wurde. Er hatte sich unter anderem darauf versteift, einen Großteil dieses argen Musiktheaters in einem überdimensionalen Sautrog spielen zu lassen (was indes wiederum was für sich hatte …). Dazu passend jedenfalls: die in der Tat abstoßend hässlichen Kostümen der Estella Isidora Gauldurner aus Bozen, die das Betrachterauge in ihrer Geschmacklosigkeit schier erschlugen und bloß in der farblichen Überspitzung diesen Eindruck noch toppten. Kurz gesagt: Zinnober, Feuerrot und Zungenrosa fochten da ihre irren Gefechte gegen jeden Rest guten Geschmacks aus. Wobei Estella Isidora Gauldurner stets die Siegerin blieb.

Ach ja, nicht vergessen wollen wir auf den Dirigenten dieser Uraufführung, den blässlichen Cornelius „Bibi“ Felsenschleim, eine durchaus fiese Erscheinung mit miserabler Schlagtechnik. Angeblich war er in ganz jungen Jahren ein Günstling Herbert von Karajans gewesen; doch ist sehr daran zu zweifeln. Die Musikerinnen und Musiker, die das schwere Los getroffen hatte, unter ihm spielen zu müssen, wünschten sich jedenfalls sehnlichst, er würde ihnen und nicht dem Publikum beim Musizieren den Rücken zuwenden. Dann müssten sie nicht andauernd seine schäbige Visage sehen und die Leere in seinem unbeseelten Blick, in dem sich vermutlich das weitgehende Fehlen jeglichen Hirns widerspiegelte. Dieser Wunsch der Musici drückt wohl so ziemlich alles aus, was zu Felsenschleim zu sagen ist, oder?!

Wen es interessiert: Für das exzeptionell farbintensive Beleuchtungs-Chaos zeichnete der Schweizer Fanz Xavier Wuermli unverantwortlich, dem es bloß an Courage mangelte, den endgültigen Black Out – und den am besten schon am Beginn! – herbeizuführen.

Ins Grau gebettetes Goldgelbrotbraungrün

Gabriel van Helsing, zwar längst schon weit über dem Zenit seines Vampir-Jägertums stehend, genoss es dennoch, wenn die Nichten des alten Grafen Dracula zu hauptsächlich sexuellen Zwecken auf ihm herumturnten. Besonders Renata – ja, die mit dem tollen Busen, den drei grünen Augen und den wehenden roten Haaren – gelang es zwischendurch immer noch, ihn zu den höchsten Genussspitzen zu befördern. Wie ihm Flug geschah ihm da dann höchste Wonne …! Ach, des Stöhnens und Gurgelns wollte schier kein Ende werden. Und der Umstand, dass es just die Verwandtschaft des alten Dracula war, den er damals fast final erledigt hatte, die ihn da bediente, steigerte für den schon ziemlich abgehalfterten Professor die Genüsse jedes Mal schier ins Unermessliche!

O Renata!

Doch Chantal, Genevieve und Esther, die anderen Cousinchen der Nacht, hatten es ebenfalls in der Tat drauf, den schon ziemlich klapprig gewordenen Gelehrten immer wieder einigermaßen in Schuss zu kriegen. Diesen alten Teufel Helsing! Ja, da tat sich was!

Da, mitten hinein ins Gewoge der nackten Extremitäten und in die bizarre Verschlingung der Leiber und Verknotung der Lüste hinein, da schnurrte, klopfte und bumste sein Mobiltelefon. Am anderen Ende: Sarah, die hübsche schwarzhaarige Sekretärin aus der Kanzlei DDr. Georg Frankensteins in Hamburg.

Ja, mein Schatz?“, van Helsing war ganz Ohr (und innerlich Aug‘).

Du musst, so rasch es nur irgendwie geht, herkommen, Gabriel! Bei uns da ist die Hölle los!“, flötete Sarah von der Binnenalster her ins Telefon. „Blitz, Donner, Sturmflut …!“

Ihr habt doch ständig schlechtes Wetter“, scherzte der immer noch renommierte Vampirjäger, „ja, ihr Hamburger lasst euch vermutlich von den internationalen Touristikern für euer Schmuddelwedder auch noch teuer bezahlen! Und, zugegeben, in euren Edel-Kneipen sitzt es sich ja auch am besten, wenn draußen die Sintflut dräut …“ (Außerdem, so dachte er, wie könnte man den gleich unabdingbaren wie unappetitlichen Labskaus ‚runterkriegen, wenn nicht auch das Wetter beschissen wäre?!)

Du musst einfach kommen! Schnell! Rumpelstilzchen schlägt wieder zu! Hörst du: Rumpelstilzchen! Übrigens Georg – Dr. Frankenstein – schickt dir Erasmus als Lotsen!“

Das auch noch!, dachte van Helsing. Dieses zwar anhängliche, aber so fürchterlich denkfaule Konglomerat aus Fleisch, Flachsen, Venen, Arterien, Haaren, Muskelmasse, Knochen und ein bisschen Hirn! Musste das wirklich sein?!

Er wird dich auf seine Schwingen nehmen! – Ciao!“

Rumpelstilzchen? Das war in der Tat etwas anderes!

Van Helsing drehte sich im Riesenbett herum, wobei er Renata und die anderen Gespielinnen unsanft zu Boden schleuderte, wo die nackten Mädchen nun einigermaßen verdutzt auf ihren hübschen Popos saßen und blöd schauten.

Ich muss weg!“, sagte er, sich in Windes Eile anziehend. Und treuherzig fügte er hinzu: „Bitte, die Damen, die Karpaten-Party ist diesmal … vorläufig … zu Ende …“ Er nahm einen großen Schluck aus der Whisky-Flasche, die neben dem Bett am Boden stand.

Da rammte von draußen auch schon etwas die Tür zum Schlafzimmer in diesem erotisch-angenehmen Trakt der insgesamt wenig anziehend wirkenden Kaschemme „Zur schiefen Eule“ der Camilla Spohr-Hindenreych dort hinten, in den Karpaten.

Sind Sie da, Professor?“ Erasmus schob sich, gutwillig die paar vorhandenen Zähne fletschend und treuherzig glotzend aus seinen bizarren Triefaugen, in den Raum. Die Mädchen kreischten gespielt ängstlich – sie kannten das Monster längst schon und wussten um seine Gutmütigkeit. Außerdem hatte er meist belgische Schokolade für sie mit oder französisches Parfüm. Auch diesmal warf er ihnen eilig ein paar tiefgefrorene Hamburger von Feinfrost Henry aufs XXL- Bett. „Da! Für euch, Kinder!“

Danke, lieber Erasmus!“, gurrten die kichernden Girls.

Da waren die beiden Männer schon aus dem Haus.

Kackebraun und Blauschlierig

Im Opernhaus herrschte Aufruhr! Zwar war niemandem besonders viel daran gelegen, auf die mäßig erfolgreiche Premiere von „Quurlburl oder Der starke Trank der Liebe“ auch noch weitere Aufführungen folgen zu lassen – das Geld hatte es ja subventionstechnisch ohnedies schon längst in die Kassen gespült und auch die diversen Zuwendungen waren entsprechend geflossen -, doch warf die Absenz des Bassbaritons Erwin Gottfried Einhorn (quasi aus heiterem Himmel und ohne jeden Piep) doch immerhin einige elementare Fragen auf. Erstens: Was war mit Einhorn geschehen? Zweitens: Wie konnte solches sein? Und drittens: Wie vermochte man so rasch einen Ersatz zu engagieren – bei einem eben erst uraufgeführten Werk (denn wer sollte da den Part sonst noch drauf haben außer den original Besetzten)?

Fest stand bloß, dass sich der immerhin leidlich beliebte Sänger gleich nach der Premierenfeier mit unbekanntem Ziel auf und davon gemacht hatte.

Seitdem herrschte Funkstille.

Da erbot sich der mittlere Quurlburl, der kleingewachsene und auch stimmlich eher schwache Spiel-Tenor Ulf-René Rührberger-Eibegg, (gegen eine entsprechende Aufbesserung seiner Gage) auch noch die Rolle Einhorns einzustudieren, wenn ihm Eugen Lorenz Augenzuber nur statt der paar tiefen Passagen, die der weitgehend unoriginelle Part vorsah und die Rührberger-Eibegg aus verständlichem Grund nicht schaffte, halbwegs schöne tenorale Höhen in die Partitur schriebe! Wie zu erwarten, erklärte sich Augenzuber (gegen eine entsprechende Aufbesserung seines Honorars) durchaus dazu bereit. Und weil es schon quasi in einem Aufwaschen ginge, wurde Rührberger-Eibegg im Zuge der allgemeinen „Quurlburl“-Glättung gleich noch damit betraut, auch den Knaben Quurlburl zu singen, wobei sich der bisherige Rollenträger, Kevin Kratochwil, (gegen eine entsprechend generöse Ablösesumme) bereiterklärte, auf seine weitere Mitwirkung zu verzichten …

Somit war nach drei Tagen Pause an die Wiederaufnahme der idiotischen Oper zu denken. (Unter uns gesagt: Es wäre ohne Zweifel kein Verlust für die Geschichte des Musiktheaters gewesen, auf weitere Aufführungen von „Quurlburl oder Der starke Trank der Liebe“ gänzlich zu verzichten. Doch, wir wissen es ja, zumeist hat das Schlechte, Mittelmäßige Bestand, während sich das Qualitätsvolle kaum durchzusetzen vermag. Und just beim Herrn Intendanten Prof. Dr. Dagobert Hirnfall waren das Schwache, das theatralisch Unbedeutende und das musikalisch Inferiore immer gut aufgehoben. Ja, er verstand es, auch den größten Scheiß zu hegen und zu pflegen und die miesesten Afterkünstler um sich zu scharen. Angesichts von Regieversagern wie Geert-Hagen Unkel-Dünnkraut oder Dirigier-Ärschen wie Cornelius „Bibi“ Felsenschleim musste man sich um den weiteren Verfall von Kunst und Kultur erst gar nicht zu sorgen – der Untergang war längst vorbereitet, das Ende durchaus absehbar.

Kackebraun und blauschlierig rann das, was einem hier, an der Oper, allen Ernstes als Krönung der Kunstentfaltung und als Spitze der Kreativität (Innovation wie Genialität!) vorgegaukelt wurde, längst die ausgefransten roten Teppiche der pseudobarocken Stiegenaufgänge herunter; als penetrant stinkende Kultur-Gülle und dickflüssige üble Theater-Jauche.

Nur wollte das eben niemand sehen.

Gesehen wurde weiterhin – das Unsichtbare. Denn es galt immer wieder aufs Neu, der erzwungen zeitnah wirkenden, angeblich zum Abbild unserer Ära geschmolzenen Kunst möglichst frenetisch zu applaudieren. Da blieb einem nichts anderes übrig, als mitzutun, wollte man als Publikum dazugehören.

Des Kaisers neue Kleider waren indes nach wie vor substanzlos, und der Kaiser schritt, wie gehabt, nackt und bloß durch die Reihen der fanatischen Adoranten.

Doch das auszusprechen, getraute sich nach wie vor kaum jemand. (Und geschah es doch, so musste der mutige Schwimmer gegen den Strom mit entsprechenden Konsequenzen rechnen.)

Ja, die Kulturmacher konnten sich die Hände reiben, die vom gegenseitigen Waschen längst gefühllos geworden waren, und wieder einmal ans Registrieren des – wie üblich – schon in Geld verwandelten Erfolges gehen. Das Kapital war angewachsen wie die Dummheit.

Und die Kunst war arm und blieb auf der Strecke.

Selber schuld, hätten Hirnfall, Unkel-Dünnkraut, Felsenschleim & Co. gesagt, wenn es ihnen überhaupt als notwendig erschienen wäre, ihr Tun zu kommentieren.

Doch den Vampiren des Kunstbetriebs fiel nichts dergleichen auf, solange genug Blut floss …

Und noch floss es … Noch …

Nachtschwarz und Blitzgelb

Nordseehafen. Der einsame Eigenfloh-Turm. Alles schon baufällig. Nachtschwarz und Blitzgelb kontrastieren rhythmisch zum wandernden Lichtkegel des passend dazu ebenso abgetakelten alten Leuchtturms da draußen, in der Ferne. Donnergrollen. Sturmgefetz.

So musste es ja kommen. Alles hätte der hirnmarode, selbstverliebte und überhebliche Bassbariton Erwin Gottfried Einhorn tun sollen – von uns aus (denn wir sind da nicht so …) -, nur in ihren falschen Busen hätte er die alte Viviane Eigenfloh nie und nimmer beißen dürfen! Nie und nimmer! Nicht um die Burg! Egal, bei welchem Scheißwetter! Und Hamburg hin oder her! Jetzt hatte er den Salat! Und dazu – den Scherben auf!

Denn was sich da aus den beiden ballonartigen, in die lederne Leere der eignen alten Hängebrüste gestülpten Kunststofflappen, diesem zu allem Überfluss miesen Implantat des Prof. Dr. Albert Kernroth-Senkenbrunn, in den gierig nuckelnden Vampirmund des hitzigen Rumpelstilzchens ergoss, hätte einen Elefanten gemeuchelt! Als halbwegs tauglicher Vampir zwar ein für so ziemlich alle Blutgruppen geeichter Sauger, war dem bis zur Raserei nach Sex und Biss fiebernden Sänger diese Portion Chemie eindeutig zu viel gewesen!

Einhorn verdrehte die Augen, sank zu Boden, wobei ihm ein Zucken die Finger entlang lief, sodass sie sich zu scheußlichen Krallen zusammenknirschten, und hauchte sein Leben aus, das bis dato eigentlich recht angenehm verlaufen war.

Jetzt allerdings war Schluss mit lustig.

Doch auch Viviane Eigenfloh, die weitestgehend untalentierte Organistin, geschmacklose Erbin und zeitlos gewordene Hauthülle im Zeichen der plastischen Chirurgie, auch sie war hinüber. Ja, zweifelsfrei.

Wobei es uns egal sein kann, ob sie vielleicht nicht schon der Schreck hinweggerafft hatte, als der geile Bassbariton ihr wie ein nasser Fetzen um die Ohren geflogen kam, hier im stillosen Turmgemach ihrer längst von allen möglichen Lebenslügen überfrachteten Erinnerungen und pastellenen Reminiszenzen; oder ob der Exitus tatsächlich der gewaltsamen Öffnung ihres Busens durch den vampiristischen Unhold geschuldet war. Fest stand: Sie war dahin …

Wen überrascht es, dass die C 3 von sich aus (fragen Sie bitte nicht, wie das wieder gehen soll!) Harold Arlens formidables „Stormy Weather“ intonierte.

Oder sollte tatsächlich Prof. Gabriel van Helsing auf der Orgelbank (oder auf dem gekrümmten Rücken des weitgehend willfährigen, grenz-menschlichen Flickenknechts und Organhaufens Erasmus) gekauert sein? Van Helsing, der, von uns allen unbemerkt, schon längere Zeit hindurch Rumpelstilzchens Spur aufgenommen und, ausgestattet mit dem untrüglichen Instinkt des gewieften Vampirjägers, den bösen Bassbariton schließlich doch noch ausfindig gemacht und letztlich erledigt hatte?

Tja.

E N D E

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