Prokrustes

oder

Schiller, hilf!

Utopische Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

In demselben Maße wie die Gesellschaft im

Ganzen reicher und komplexer wird, lässt sie

den einzelnen in Hinsicht auf die Entfaltung

seiner Anlagen und Kräfte verarmen.

Rüdiger Safranski, Schiller oder Die Erfindung

des Deutschen Idealismus

*

Der Mensch spielt nur, wo er in voller

Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er

ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Friedrich Schiller, Über die ästhetische

Erziehung des Menschen in einer Reihe

von Briefen

*

Dienst am Staat

Das war es also, das Sommerlager. So wurde die Einrichtung zwar nur intern genannt; offiziell handelte es sich um ein staatliches Schulungszentrum für besondere Zwecke. Georg fühlte sich aufs erste Hinsehen zwar nicht gerade unwohl hier, nein, keineswegs; dazu gefiel ihm schon die ganze Gegend und die Umgebung rund um die fünf, sechs Gebäude zu gut. Auch die Bauwerke selbst, nicht zu hoch aufragend errichtet, strahlten, trotz aller Funktionalität, eine gewisse Gemütlichkeit aus. Ja, sie hatten – Flair. Wobei das Haupthaus und die Nebenbauten wie organisch eingebettet wirkten in einen gepflegten Park, der weiter oben dann in einen kleinen Mischwald überging. Dann waren da noch Hügel und Wiesen. Und das ganze Ambiente wurde sogar gleichsam pointiert durch einen kleinen See …

Einigermaßen irritierend wirkten lediglich der hohe, verstrebte Sendemast und die diversen Antennen und Empfangsschüsseln. (Aber so etwas gab es bald wo.)

Schön. Aber zugleich kam er sich doch ein wenig – deplatziert vor. Es erinnerte ihn das da nämlich nur allzu sehr an Schulferien, früher; oder, noch besser: an sogenannte Schullandwochen aus lang entschwundener Gymnasialzeit. (Nur der Zustand der Bauwerke war hier eindeutig ein besserer, als der seiner diesbezüglichen Erinnerungshäuser; es fehlte sogar jegliche Betonung irgendeiner Kasernenartigkeit. Keine Strenge also.)

Ja, doch – einigermaßen deplatziert kam er sich trotzdem vor. Auch wenn das da Dienst am Staat hieß. (Oder kam er sich, der Manager und ans Aufträge erteilen und Befehle ausgeben Gewohnte, indes weit weniger Befehle Entgegennehmende deshalb deplatziert vor?! Und: Dienst am Staat …, das roch förmlich nach Gelenktsein.)

Immerhin war Georg Mitte vierzig, absolvierter Betriebswirt, Jurist und stellvertretender Leiter der Rechtsabteilung eines staatsnahen Konzerns (der im weitesten Sinn der chemischen Industrie zugehörte). Außerdem bestanden für ihn die besten Aussichten, bald schon auf den unmittelbaren Chefsessel vorzurücken. Sogar ein Sitz im Aufsichtsrat der BRAVACHEM schien bereits in greifbare Nähe gerückt. (Er hatte doch die Signale richtig gedeutet?!)

Gut, er sollte es wohl einmal vom positiven Standpunkt des Stress-Abbaues aus betrachten. Einerseits war er für ein paar Wochen weg von der oft genug ziemlich enervierenden Arbeit im Betrieb; und er musste sich zumindest eine Zeit lang auch nicht mit Liane und den Kindern herumärgern. Die letzte Zeit war ziemlich aufreibend gewesen; besonders mit Tochter Chantal, 19, hatte es beinahe dauernd beträchtliche Schwierigkeiten gegeben; aber auch ihr Bruder Tom, 15, zeigte schon seine unübersehbaren Macken! („So wenig deine Kinder ausgewachsen sind, so sehr sind es die Probleme, die sie dir bereiten!“ Diesen Seufzer hatte schon Onkel Harald zu jeder noch so unpassenden Gelegenheit ausgestoßen. „Pflege dein Vieh, es lohnt dir die Müh‘!“ und „Spinnen am Morgen bringen Unglück und Sorgen“, so hatten weitere seiner allesamt durchaus entbehrlichen Weisheiten gelautet. Ja, der Onkel Harald, der Oberförster.)

Doch: Hier wehte so etwas wie Erholungs-Flair. Man konnte sich fast schon in SPA-Atmosphäre wähnen … Ja, alles fühlte sich irgendwie – ferienmäßig an! Und dass er, wie es aussah, zumindest bisher, wohl der Älteste von der – wie es schien: recht bunten – Partie war, störte ihn auch nicht weiter. Die anderen vermittelten zudem durchwegs einen angenehmen Eindruck. Ja. Ganz nett zumindest. Keine Problemfälle wenigstens.

Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch niemand ahnen (auch Georg nicht), dass die ganze Unternehmung Dienst am Staat in Wahrheit dem berüchtigten Bett des Prokrustes glich, jener grausigen Schlafstelle des bösen Riesen gleichen Namens also in der griechischen Mythologie, der müde Wanderer, vorgeblich um sie zu laben, in seine zwischen Athen und Korinth gelegene Behausung einlud.

Aber in der Nacht dann streckte der mythologische Unhold seine wehrlosen Opfer im Riesenbett, um sie auf seine Größe zu trimmen; eine Prozedur, die unweigerlich zu ihrem Tod führte. Erst Theseus musste kommen, um den wüsten Prokrustes mittels seines eigenen Hammers zu erschlagen …

Und das sogenannte Kursprogramm? Pseudo-politischer Unsinn (oder Pseudo-Sinn), wie er ihn befürchtet hatte. Oder?! Diese bundesweiten Denksportaufgaben in Sachen Staatsbürgerkunde, wie er – bei sich – das ganze Unterfangen, diesen Dienst am Staat, ein wenig geringschätzig zu bezeichnen pflegte und insgeheim als vermutlich wenig effektiv aburteilte. Und das jetzt schon, seit er vor einigen Wochen die Einberufungsaufforderung (das Wort Befehl verkniff man sich wohlweislich …) zugestellt bekommen hatte.

Klar, so interpretierte er es zumindest, hatte das ganze Unterfangen, zugegeben, auch einen möglichst breitgefassten Interessenten-Pool einigermaßen tauglich abzudecken. Außerdem sollte sich das da nicht nur an die paar Intellektuellen, an die sogenannten gebildeten Kreise wenden, sozusagen: um Verständnis buhlend, sondern auch an wenig bis gar nicht (Aus-)Gebildete, vielleicht auch an mehr oder weniger integrationswillige (Noch-)Ausländer und Asylanten, wer weiß.

Und das, was man hier anbot, durfte daher auch nicht bloß den für alle Experimente sozialer Art Empfänglichen offeriert werden. Nein, hier sollten, wenn möglich, auch weitestgehende Ignoranten, vielleicht sogar Gruppen von Leuten, die einerseits allem Staatlichen und Offiziellen, anderseits grundsätzlich jeglichem Wissen und jeder Erweiterung desselben gegenüber misstrauisch und insgesamt eher asozial eingestellt waren, etwas finden, womit sie was anfangen konnten … Auch die mussten, um es einmal im feinen Psychologen-Sprech zu sagen: abgeholt werden. Hier. Beim Dienst am Staat.

Es ging also auch um Leute, die man zumindest für einige Zeit – zugegeben: ein wenig unsanft – aus ihrer Träg- und Dummheit oder auch bloß aus der Arbeitslosigkeit führen wollte. Aus der Apathie. Aus einer Sphäre des Nichtstun, die fremd- oder selbstverschuldet sein und vielleicht sogar schicksalhafte Züge in sich tragen konnte. Wie auch immer.

Kismet und Vorsehung, Pech. Eine Art Hypothek, bedingt durch ein bereits in der Kindheit und in der Jugend eingeübtes Versagen. Womöglich sogar mit einer irrwitzigen Lust am eigenen Scheitern verbunden …

Daher: Keine zu hohen Ansprüche, bitte!

Gut: Hätte man sich dem Dienst am Staat vielleicht auf besonders gefinkelte Weise entziehen können, so wäre noch nicht viel gewonnen gewesen. Die Situation im Staat selbst nämlich begann – besonders, wenn man sich die Vorbereitung bestimmter politischer Gruppierungen genauer besah -, in Richtung Groß-Gefängnis zu gehen. Und wäre man auch aus einer Zelle geflüchtet – was hätte es in Wahrheit gebracht?

Die Situation erinnerte frappant an den bitteren Aphorismus des Stanisław Jerzy Lec (Das Große Buch der unfrisierten Gedanken, [München 1971]): „Du bist mit dem Kopf durch die Wand. Und was wirst du in der Nachbarzelle tun?“

Ja, die Einführung dieses kuriosen Dienstes am Staat war von der Regierung – nicht unbedingt begeistert, aber immerhin und auch nur auf massiven Druck der ständig wachsenden dritten Kraft in der innenpolitischen Landschaft, nämlich der Partei der Vaterlandsfreunde (PdV) – beschlossen und eingeführt worden. Und die trieb, angestachelt durch blendende Umfragewerte, die herrschende Koalitionsregierung zur Zeit ziemlich vor sich her.

Nicht gerade zähneknirschend zugestimmt hatten schließlich die betroffenen Ministerien; aber auch nicht unbedingt mit vor Freude hüpfenden Herzen. (Freilich, ein paar stramme Vertreter aus allen möglichen Bünden gab es beinahe in jedem der politischen Lager. Oft auch eher obskure Exemplare nicht selten reichlich verwirrter geistiger Deszendenz, die aus Gründen der angeblichen Ertüchtigung des Körpers, der Pflege des Gemeinschaftssinnes oder wegen sonst irgendwelcher obskurer Erweckungs-Gefühle des im Volk schlummernden Verlangens nach engerer Zusammengehörigkeit [bla, bla, bla et cetera] heraus vehement für solche Dienste, Semiare und patriotische Übungen eintraten. Voll durchaus glühender Überzeugung und im Feuer ihrer ach so hehren Gesinnung [oder aus Sadismus].)

Zum Dienst am Staat, wie die relativ neue Disziplin also offiziell hieß, konnte – so lautete das diesbezügliche Gesetz – jede Staatsbürgerin und jeder Staatsbürger jederzeit einberufen werden. Folglich nahm man auch nicht Rücksicht auf ein paar hochdotierte Experten oder teure Spezialisten wie ihn, Georg. (Wo nahm man auf Intelligenz überhaupt noch Rücksicht? Da machte der Dienst am Staat, der übrigens den Zivildienst abgelöst hatte und parallel zum Präsenzdienst [auch der war freilich längst schon für Männer wie Frauen vorgesehen] angeboten wurde, keine Ausnahme. [Immerhin wurde korrekt gegendert.])

Mit Uschi, einer ausnehmend hübschen, schwarzhaarigen und braunäugigen Studentin (Psychologie, Philosophie und Pädagogik oder so …), Mitte zwanzig, hatte er sich beim ersten Abendessen – nach der gleich obligaten wie überflüssigen Ansprache irgendeines Lagerleiters, der korrekterweise natürlich nicht so tituliert wurde – recht angeregt unterhalten. Die Rede war alsbald – warum auch immer – auf Jean-Jacques Rousseau und dessen (mögliche) geistige Verbindung zum Ideengut des immerhin um fast zwei Generationen älteren Gottfried Wilhelm Leibniz gekommen. Dabei streiften die Diskutanten auch bald schon die Rolle des hochgebildeten Staatsmanns und Feldherrn Eugen von Savoyen-Carignan. Und zwar in der Rolle des Chevalier de Soissons als auch an Philosophie interessierten Förderers der Künste.

Wobei allein schon die Erwähnung des Prinzen Eugen (1663 – 1736) die übrige Tischgesellschaft erst verstummen, dann langsam, aber sicher abbröckeln hatte lassen. Georg freilich musste sich – und vor allem: der aparten Gesprächspartnerin – eingestehen, dass Uschi durchaus beschlagen auf diesem, Georgs privatem Spezialgebiet war. (Ja, Donnerwetter!, sie schien ebenfalls ein wahres Faible für den gleich vielschichtigen wie immer wieder fehlinterpretierten Adeligen, Soldaten, Diplomaten und Mäzen zu haben, des Prinzen Eugen eben.)

Außerdem: Der hübschen Studentin eignete eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Frau Mama Eugens, mit der schönen, üppigen Olympia Mancini, wie sie besonders die frühen Gemälde der anmutigen Dame zeigten. (Olympia war, zur Erinnerung, eine Nichte des Kardinals Jules Mazarin, des leitenden Ministers Ludwigs XIV. [Sie war mit dem königlichen Bourbonen-Prinzen Louis sogar im Palais Royal gemeinsam aufgewachsen und später dann zu dessen {vermutlich} zeitlich erster Mätresse avanciert.])

Zunächst hatte besagte Olympia, gemeinsam mit ihren nicht minder flotten Schwestern und Cousinen, als eine der berüchtigten Mazarinetten den Hof im Louvre unsicher gemacht; bald jedoch wurde sie mit dem durchaus erfolgreichen Feldherrn Eugen Moritz von Savoyen Graf von Soissons-Carignan, einem Getreuen des Königs, verheiratet.

Für gut zwanzig Jahre bildete die unternehmungslustige, charmante – daneben leider auch überaus intrigante – Frau dann gleichsam das Zentrum der höfischen Gesellschaft und oblag zudem den Pflichten einer Obersthofmeisterin der Königin Marie Thérèse. Erst ihre Verstrickung in diverse Kabalen und Skandale führte schließlich Anfang 1680 dazu, dass die Schöne beim Sonnenkönig endgültig in Ungnade fiel und sogar Frankreich quasi fluchtartig und auf immer verlassen und ins Exil gehen musste.

Sie fachsimpelten denn also angeregt vor sich hin, Georg und Uschi. Und sie gefiel ihm mit ihren schwarzen Haaren, dem nicht zu großen Mund, den ausdrucksstarken (so hieß das doch, oder?!) dunklen, glanzvollen Augen … Zierlich war sie, doch keineswegs dünn. Durchaus fraulich, nein: weiblich. Ja, weiblich. Das Weib. Das lockende Weib. (Obwohl sie, so wollen wir annehmen, gar nicht auf das Verlocken aus war … Doch, Hand aufs Herz, welche Frau liebte es nicht – zumindest ein wenig –, dieses Spiel mit dem Feuer?!)

Schönheit. Was ist überhaupt Schönheit? So dachte sich Georg, locker über den Prinzen Eugen parlierend. (Übrigens, vielleicht dachte sich auch Uschi just dasselbe?!) Was ist Schönheit? Liegt sie, wie die alberne, allgemeine Ausrede lautet, tatsächlich im Auge des Betrachters? Oder, was ehrlicher klingt, ist sie nicht überhaupt bloß eine Illusion?

War, so dachte Georg (vielleicht dachte auch Uschi so), nicht alles eine Illusion? Allein schon angesichts der allgemeinen Verpflichtung, zufrieden zu sein, zu schuften, Kinder in die Welt zu setzen, Bäume zu pflanzen und/oder Häuser zu bauen sowie brav vor sich hin zu altern; und noch allgemeiner: zuletzt gehorsam abzukratzen …

Immerhin: Heute prunkte (und punktete) diese ausgesprochen aparte Uschi noch mit ihrem ansehnlichen Busen und dem knackigen Arsch. Und heute durfte auch Georg noch als durchaus stattlich durchgehen. Doch. Aber – wie lange noch?!

So dachte er (so dachte wohl auch sie), während sie angeregt plauderten. Nein: Sie sprachen, ja: sie diskutierten sogar. Und ein Satz – etwa zur Leibnizschen Abhandlung über die Thodizee oder zu Roussaus Gesellschaftsvertrag – ergab den anderen.

Wenig später landete man dann, von der überschaubaren, doch gar nicht schlecht bestückten Bar des recht hübsch eingerichteten Fortbildungsheims weg, erstmals gemeinsam im Bett. (In ihrem Zimmer. Monadenlehre hin oder her …)

Nach gehabten sexuellen Freuden, die ihm, dem fast doppelt so alten Liebhaber, zudem um einiges frischer und beachtlicher erschienen waren als das, zugegeben: in letzter Zeit eher seltene Vögeln mit seiner Frau Liane, gab es sogar ein erstaunlich ausgiebiges privates, somit endlich ein weniger wissenschaftliches Gespräch – statt der Zigarette danach, an die er sich, längst zum Nichtraucher geworden, aus lange vergangenen Tagen dunkel erinnern konnte.

Dass sie mit einander so viel sprachen, gefiel auch Uschi: Sie redete nämlich gern; und hörte auch gern zu. Beides. Reden und zuhören empfand sie als angenehm. Wenn es passte. Und jetzt passte es. (Wie die Zigarette danach, die sie indes nie hatte kennenlernen müssen, da dieses Laster von Haus aus an ihr vorüber gegangen war.)

Doch – was fand sie eigentlich an diesem, um einiges älteren Mann? Georg erschien ihr nicht einmal sonderlich attraktiv. Ja, gewiss, er war gepflegt – gepflegter als ihr Christian, daheim, allemal. Stattlich. Doch Georg fehlte einiges, um als wirklich toll oder als super gelten zu dürfen. Freilich, um wirklich hässlich zu sein, mangelte es ihm wiederum an Charme. Denn manche hässliche Männer verfügten nun einmal über jede Menge Charmes. (So war das eben.) Wie die Moschusochsen ihr Drüsensekret, so setzten manche der besonders hässlichen Männer ihren Charme ein. Versprühten ihn quasi literweise. (Fand sie, zumindest.)

Doch Georgs Augen, sein Blick …, o da war etwas. Etwas, das sie fesselte. Durchaus.

Ihren Christian, den hielt sie – oder am Anfang ihrer Beziehung war es zumindest so gewesen – durchaus für toll. Ja, Christian war ein toller Kerl. Gewesen. Sein Six-Pack-Bauch war inzwischen freilich auch nicht mehr so ganz perfekt. Und seine Muskeln. Eigentlich, wenn sie es recht betrachtete: damals schon nicht. Und sein Blick glich eher dem eines Ochsen.

Doch ansonsten: Ja, er war ein toller Bursche.

Ein in Maßen toller Bursche, immerhin.

Doch zurück zu Georg.

Uschi erzählte Georg gleich einmal zu Beginn (und um so alles zwischen ihnen abzustecken, wie einen frisch zu vermessenden Bauplatz) von ihrem Lebensgefährten Christian, 30. Zu dem sie natürlich auch nach diesem vom Staat gewollten und geförderten Bildungsurlaub beziehungsweise nach dem Seitensprung mit Georg – zurückzukehren vor habe.

Georg wiederum gab ein Weniges preis von seinen familiären Umständen. Von den Problemen, die ihm Liane, 42, mitunter bereitete, von Chantals Spinnereien und von Toms Extravaganzen (oder umgekehrt). Auch vom Stress bei der BRAVACHEM et cetera.

Sie konterte mit der leider immer stärker merkbaren Dumpfheit ihres (ochsenäugigen) Christian, der als wenig animierter Lehrer an einer Neuen Mittelschule arbeitete. Und dass diese Dumpfheit, also: seine nicht einmal im Ansatz feurige und befeuernde Art, dass die ihr verständlicherweise nicht unbedingt behagte. (Auch wenn er ihr zunächst, damals, recht toll erschienen war. Recht toll …)

Ja, früher, da war alles anders. Da hat er sogar noch mit Begeisterung Musik gemacht …“, erzählte sie, „in einer Hobby-Band, fast schon Heavy Metal und so … Die Four Devils haben Christian und die Kumpels sich genannt. Four Devils. E-Gitarre hat er da gespielt …“ Doch dann sei er immer verschossener geworden …, und auch eifersüchtig. Unleidlich …, dumpf.

So teigig-träge und weitestgehend empfindungs-gebremst vermochte er vielleicht als Lehrer ganz gut zu reüssieren, ihr Christian; als Liebhaber und Partner jedoch schon weit weniger. (Dass er obendrein Geheimpolizist war, wusste sie damals noch nicht.)

Georg hörte still zu. Als wenn er der Psychotherapeut wäre, dachte er kurz, und sie seine vertrauensvolle Klientin. Wie das Leben eben so spielte.

Nun ja, dieser kuriose Kurs da, dieser Dienst am Staat … Einmal abgesehen davon, dass sie sich hier kennengelernt hätten (was durchaus erfreulich sei und ihr große Freude bereite, ja, was ihr geradezu als eine Art von Fügung erscheine [vielleicht gerade: weil gleichsam mit einem Ablaufdatum versehen …!]), stinke die ganze Sache doch irgendwie.

Ihr, meinte Uschi, sehe das alles hier außerdem nach Arbeitsbeschaffung und Beschäftigungstherapie aus – in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Da hatte man ein paar hudert plus-minus sinnlose Posten geschaffen – für Pseudo-Lehrkräfte, sogenannte Referenten, für Trainer und Coaches …, was weiß ich! (Denn wofür wären denn, bitte, diese Pseudo-Lehrkräfte, Seminarleiter und Instruktoren ansonsten nütze?!) Und die staatseiegenen Unterkünfte? Das bisschen Personal? Also, ihr, als angehender Psychologin, stinke das, wie gesagt. Obschon der finanzielle Aufwand nicht allzu groß sein dürfte, auch angesichts der eher bescheidenen Entschädigungen und der bloß symbolischen Tagegelder, die man den unfreiwilligen Kursteilnehmern zu zahlen sich bereit erklärt hatte – aus Steuermitteln.

Wenngleich in seinem Fall, so hielt Georg (mit leichter Überlegenheit in der Stimme) dagegen, just sein Aufenthalt also, bedachte man seine Stellung und sein Gehalt, den Steuerzahler immerhin eine schöne Stange Geld koste …

Er, erzählte Georg, hätte, wenn schon, dann ohnedies lieber den guten alten Zivildienst absolviert. Doch, auch als älterer Herr, wie er, ein wenig Fishing for Compliments betreibend, hinzufügte. Das hatte ein jüngerer Bruder seines Vaters vor Jahren auch gemacht, als die Einberufung zum Bundesheer sowie die Ableistung des Grundwehrdienstes noch obligat und der Alternativdienst quasi eine Ausnahme gewesen seien. Oft recht farbenfroh geschildert hatte Onkel Viktor diese Zeit, damals, in den späten 1970er Jahren, und wie das in diesem, von einem geistlichen Orden geführten Jugendheim in Kärnten alles so gewesen sei.

Der Einführung dieses Zivildienstes (übrigens: während der Regierung von Kanzler Bruno Kreisky im Jahr 1975) waren nahezu Kabarett-reife innenpolitische Streitigkeiten vorangegangen. Von Gefährdung der Staatssicherheit war da immer wieder die Rede gewesen – man befand sich immerhin noch im sogenannten Kalten Krieg -, vom sinkenden Wehrwillen und von den gleichzeitig abnehmenden Zahlen an Jungmännern im Fall von Naturkatastrophen und ähnlichen Ereignissen … (Auch das Gespenst des furchtbaren Vietnamkriegs, der für die USA erst im Jahr 1973 desaströs geendet und ein wahres Trauma hinterlassen hatte, ging allenthalben noch um. Sogar hierorts waren die alten Militaristen verunsichert. Make love, not war!, so zischelte es noch in ihren übernervösen Ohren …)

Damals schien man in der Politik, so glaubte er den Erzählungen aus seiner Familie, in der Wehrdienst-Debatte immerhin ein lohnendes Thema gefunden zu haben, das vermutlich von anderen (freilich mit Sicherheit: gewichtigeren Problemen) ablenken sollte.

Und entsprechend scharfe Munition für die Schein-Diskussionen lieferten die gerade aufkommenden Pin-Doktoren in den Parteizentralen, die sich mit dem Thema Bundesheer versus Ersatzdienst gern und ausgiebig beschäftigten.

Könne sich der Staat, so lautete eine der Fragen, kaum zwanzig Jahre nach Erhalt des so sehr ersehnten Staatsvertrags (1955) und dem Bekenntnis zur immerwährenden Neutralität, einen solchen Einschnitt überhaupt leisten? (Denn dass es Engpässe geben würde im Zustrom zum Bundesheer, schien manchen [vor allem: militant-konservativen] Kräften a priori klar; und sie, die sich hier besonders sorgten, hatten immerhin zum großen Teil das Sagen.)

Dass es dann ganz anders kommen würde, nicht zuletzt, weil der Alternativdienst von Anfang an als gar kein solcher gedacht war, sondern die – meist jungen – Staatsbürger besagten Wehrersatzldienst im Allgemeinen unter (noch) weniger komfortablen Begleitumständen abzuleisten hätten als die Kollegen den Dienst mit der Waffe, konnte man ebenfalls noch nicht wissen. Immerhin mussten anfänglich (einem Wahlzuckerl entsprechend) die Präsenzdiener dem Staat sechs Monate, die Zivildienstpflichtigen jedoch acht Monate Lebenszeit opfern. Das Tagegeld der Zivildiener war zudem geringer bemessen als das der Kollegen im Grundwehrdienst, und auch Freifahrten auf der Eisenbahn und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gab es für sie nicht.

Später pendelte sich der Dienst ohne Waffe dann bei neun Monaten ein. Zudem kam nach einiger Zeit die Möglichkeit eines freiwilligen Umweltjahres als weitere Alternative hinzu.

Fazit: Jahrzehnte später waren sich dann alle Beteiligten darin einig, wie sinnhaft die Einführung des Zivildienstes doch gewesen sei … Und bald schon hatten sich die Zivildiener, allgemein fast liebevoll Zivis genannt, besonders bei den diversen Hilfsorganisationen praktisch unentbehrlich gemacht. Ihr Einsatzgebiet: in Krankenhäusern, Jungend- und Altenheimen, im Rettungsdienst, bei Krankentransporten, in der Behinderten- und in der Flüchtlingsbetreuung sowie in der Landwirtschaft. (Der Zivi als eine Art Staats-Praktikant …)

Wenn er diese Zeit aus den Erzählungen seines Onkels Viktor, des wesentlich jüngeren Bruders seines Vater Herbert, Revue passieren ließ, überkam ihn einerseits ein leichter Schauer; anderseits gefielen ihm die Anekdoten des Onkels wieder ganz gut. Etwa wenn Viktor von der unfreiwillig kabarettistischen Anhörung vor der sogenannten Gewissenskommission erzählte: Da hatte eine Reihe von Vertretern diverser Behörden, Stellen und Verbände darüber zu entscheiden, ob die Gründe, warum ein junger Mann nicht zum Bundesheer gehen wollte, stichhaltig seien oder nicht. „Wer eloquent war, ging eben leichter als Pazifist durch als vielleicht ein echter Friedensengel mit Sprachhemmung“, hatte Onkel Viktor pointiert gemeint. Aus verständlichen Gründen wurde die Prozedur später dann durch ein Formular ersetzt.

Gut. Sein Vater Herbert hatte anlässlich solcher Erzählungen Viktors bloß geschmunzelt. Hatte er doch, viel früher schon, kurz beim Bundesheer gedient, war bei einer Waffenübung leicht verletzt worden und galt fürderhin als vom Dienst freigestellt. Punkt um.

Wahrscheinlich war es Vater Herbert und Onkel Viktor nicht besonders unterschiedlich ergangen – als Präsenzdiener und als Zivi. Zumindest machten das ihre Erzählungen die anderen Familienmitglieder glauben. Anders mag es wiederum bei beider Vater Willi gewesen sein; und auch dieser liebe alte Herr mit dem weißen Bart, an den sich Georg noch gut erinnern konnte, hatte mitunter Anekdoten von sich gegeben. Opa-Erzählungen eben.

Freilich, Willi hatte noch den Zweiten Weltkrieg mitmachen müssen. Da war der Witz dann doch eher ernst gewesen. Von Geschützfeuer und Bombenhagel erfüllt und von Rauch.

Die Zeit. Sie hatte Georg immer schon fasziniert. Seit er sich erinnern konnte, eigentlich.

Dass man einen Teil seines eigenen Lebens immer mit anderen Zeitgenossen zusammen erlebte. (Wenn auch nicht immer tatsächlich genoss …) Und gleichsam ihre Zeit, ihr Leben, bis zu einem gewissen Grad – mitführte.

Als Kind erlebte man das Erwachsensein der Eltern mit und das Altsein der Großeltern – wenn man glücklicherweise über solche verfügte. Sogar die Erinnerungen der anderen wurden in die eigenen Reminiszenzen eingewoben. Sogar Urgroß-Reminiszenzen gab es mitunter.

Und als Erwachsener? Dann diente einem das eigene Erwachsenenleben – das Erwachsenwerden, das Erwachsensein – und auch das Erwachsenwerden der Kinder, das Altwerden der Eltern, das Sterben der Alten als Folie. Eine Folie, in die das eigene Weiterleben eingewickelt war. Das eigene Selbst. (Als wäre es die Jause.)

Und dieses eigene Selbst diente wiederum anderen jungen, erwachsenen und alten Mitmenschen zum Spielutensil. Unter anderen solchen Utensilien.

Doch irgendwie komisch …

Immer, wenn Georg an den Zivildienst seines Onkels dachte oder an den Vater beim Bundesheer, folgte unweigerlich der nächste Familiengedanke, bei dem selbstverständlich auch wieder die Eltern, also Vater Herbert und Mutter Ramona, eine wichtige Rolle spielten. Nämlich der an Feste und Familienfeiern, an die gemeinsamen Urlaube im Sommer. Ja, das formierte sich mitunter zu (sozusagen: phantasierten) Amateurfilmen im Acht-Millimeter-Format, aufgenommen auf Vatis handlicher Eumig-Kamera. (Nur, dass die echten Filme womöglich noch schlechter waren als die Erinnerungen an sie …). Und: an die Vanille-Kipferl zur Weihnachtszeit, die Kokos-Busserl, die geile Malakoff-Torte …

Georgs – im vorliegenden Fall der Kurzzeit-Geliebten, Uschi, gegenüber offen ausgesprochene – Reminiszenz reichte freilich nur bis einschließlich Mutter Ramona. Die Eumig-Erfahrungen sparte er bewusst aus. Und auch die Mehlspeisen. (Trotzdem überkam ihn mit einem Mal eine Riesenlust auf Süßes. Nun, immerhin gab es ja noch Uschi. Sogar in nächster Nähe …)

Uschi wiederum steuerte, auf das Thema bezogen, auch etwas bei; nämlich, dass es eigentlich schade um den Zivildienst sei, der diesem nicht so recht durchschaubaren Dienst am Staat hatte weichen müssen. (Außerdem kosteten die notwendigen Ersatzmaßnahmen letzten Endes wesentlich mehr, die notwendig waren, um den Einsatz der vergleichsweise preiswerten Zivildiener beim Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen zu ersetzen … Doch sei es nicht ihre Aufgabe, „sich um den Staat Sorgen zu machen und ihm womöglich noch beim Sparen zu helfen“. (Nun, das klang zwar ein bisschen schnippisch. Recht hatte sie indes damit.)

Außerdem, das zu betonen sei ihr wichtig, gehöre sie in Wahrheit nicht zu den Frauen, die so wahnsinnig darauf stünden, so ein Sozialjahr, wie diesen Dienst da eben, zu absolvieren.

Manche von uns Weibern sind leider immer noch bereit, für ein angebliches Zeichen von Gleichheit alle möglichen Entbehrungen auf sich zu nehmen …“, klang es ziemlich vernünftig (und systemkritisch) von ihrer Seite er. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – ja. Aber sonst?!“

Er sah ihr mit seinen blaugrauen in ihre dunkelbraunen Augen mit den langen Wimpern.

Er musste sie küssen. (Es kam doch noch und wieder zu Süßigkeiten …)

Bald darauf schlich er sich dann leise aus ihrem Zimmer und legte sich schließlich in sein kaltes Bett. Nein, da war kein fader Nachgeschmack. Auch wenn das alles hier natürlich nach den paar Wochen, die noch vor ihnen lagen, aus und vorbei sein würde. Aus und vorbei.

Georg war weder von der Midlifecrisis geschüttelt, noch ein romantischer Trottel. Man musste die Dinge sehen, wie sie nun einmal waren. Und er durfte von sich behaupten, ein guter Rechner zu sein, klar zu kalkulieren und zu wissen, wo er gerade stand.

Nicht zuletzt wäre ihn bei den ziemlich komplizierten Eigentumsverhältnissen, in denen seine Frau und er lebten (Liane hatte einiges an elterlichem Vermögen mit in die Ehe gebracht, worüber entsprechende Verträge bestanden), eine Scheidung ohnehin viel zu teuer gekommen. Na, eben. Und Uschi? Hatte die nicht ebenfalls vor, bei ihrem dumpfen Christian zu bleiben, diesem wenig interessanten Lehrerschnösel?! Also war alles irgendwie paletti.

Aber noch befand man sich im Kursprogramm. Noch dauerte der kuriose Dienst am Staat an. Und der machte für Georg und Uschi auch eine interessante, nicht nur sexuell erregende Zeit der Gemeinsamkeit aus. Da knisterte und funkte es nicht nur, da gab es mitunter erstaunliche Übereinstimmung. Auch in politischer und weltanschaulicher Hinsicht. (Das war, wie sich bald herausstellen sollte, nicht ganz ungefährlich. Exakter: Überhaupt nicht ungefährlich.)

Und so kam es, dass sie viel redeten und diskutierten.

Zuviel, bedenkt man, dass praktisch alles, was sich mit und zwischen ihnen begab und abspielte – da, in den recht angenehmen Kursgebäuden, im durchaus großzügig angelegten Speisesaal, im Saunabereich und in der kleinen Bar, da, in diesem hübschen Park, der in einen kleinen Mischwald überging, umgeben von Wiesen, Hügeln und neben dem hübschen See, und da, im Bett – mittels Kameras und Mikrofonen aufgenommen, digital erfasst und aufgezeichnet wurde. (Nicht nur Uschi und Georg, alle Teilnehmer. Konsequent.)

Sie waren längst Objekte, während sie sich immer noch als Entscheidungsträger (zumindest im eng umzirkelten Rahmen dieses Fortbildungsaufenthalts) und überhaupt als selbstverantwortliche, als sogenannte mündige Bürger vorkamen. (Und warum sollten sie das eigentlich nicht glauben?!)

Wie hätte sich auch die ganz Infamie dieser neuen, sich zudem geschickt getarnt an die Macht tastenden Kräfte dem Nichteingeweihten offenbaren sollen?! Immerhin, so keck, eine womöglich sich selbst dekuvrierende Kampf- und Hetzschrift à la Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vorweg schon abzusetzen, war man nicht gewesen. Doch schien so etwas im vorliegenden Fall auch gar nicht nötig zu sein.

Waren sich die Zukunftsmachthaber ihrer Sache doch auch so sicher.

Nur: Diese voreilige Sicherheit barg immerhin auch einige Gefahren in sich. (Was allerdings für die anderen wiederum sogar ein Glück sein mochte. Man wird noch sehen.)

Freilich, bald wurden Uschi, Georg und einige andere (etwas hellere) Kursteilnehmer denn doch misstrauisch. Denn in einem entscheidenden Punkt deckte der Staat – genauer: der in diesen Belangen federführende Verfassungsschutz – sukzessive seine ansonsten höchst geheimen Intentionen den hier Einberufenen gegenüber auf. Um so mehr an Wissen nämlich während der Instruktions- und Lehreinheiten (quasi notgedrungen) vermittelt wurde, umso deutlicher zeichnete sich alsbald die Zielrichtung des ganzes Unterfangens ab. Zumindest für Menschen, die des Denkens noch mächtig waren.

Denn so viel Begabung für raffinierte Spiegelfechterei brachten selbst die Vertreter der neuen Kräfte, die hier in erster Linie am Werk waren, nicht auf. (Und nicht wenige Mitglieder und Sympathisanten der Partei der Vaterlandsfreunde [PdV], von der weiter unten noch abgehandelt werden wird, waren nun einmal eher einfach gestrickt.)

Das beinahe eherne Gesetz der Spionage und der Geheimdienstarbeit lautete nun einmal: Keine Information bekommt man ohne Gegeninformation. (Und mag die noch so mickrig sein. So verhält sich das nun einmal.)

Was dem Staat nicht

alles einfällt! Und dabei

setzt er sich doch

angeblich aus lauter

solchen Leuten wie Ich

und Du zusammen …

Fortsetzung folgt!

Zweck und Ziel

Man kam also nicht drum herum: Wohin das alles führen sollte und worin der eigentliche Zweck dieses Dienstes am Staat liege, musste immerhin – wenn auch einigermaßen nebulös und schwammig – mitgeteilt werden. Wie gesagt, sehr wortreich umschrieben, mit diversen verbalen Blendgranaten ausgestattet und von ablenkenden Nebellichtern undeutlich gemacht.

Aber: Sonst hätte man sich das ganze Unterfangen ja gleich ersparen können.

Nun denn, zwischen wahrheitsgemäßer Erklärung, faustdicker Lüge und geschickter Ablenkung wurde da durchaus gekonnt changiert. Nur so viel preiszugeben, wie unbedingt notwendig war, darin lag schon ein Teil des quasi klassischen Agentengeschäfts. Und daran änderten auch die technische Aufrüstung ins schier Unvorstellbare (mit der damit verbundenen, oft bereits wieder entscheidend die Information behindernden Datenflut) nichts.

Wer freilich noch mitzudenken in der Lage war, der vermochte sich einiges über Sinn, Zweck und Ausrichtung nicht nur dieses ominösen Dienstes am Staat, sondern darüber hinaus über den (womöglich, wie es aussah: zu verändernden) Staat selbst zusammenzureimen …

So trat schließlich für die wenigen, die mitdachten, zumindest ein Teil der Niedertracht dieses offiziellen, (pseudo-)staatlichen Unterfangens zu Tage: Die Kursteilnehmer, nicht selten dazu in Gruppen unterteilt, sollten – wie es hieß: aus Schulungsgründen und quasi probeweise – Berichte über einander verfassen; auch müssten sie lernen, in Gesprächen und Diskussionen die jeweiligen Partner zu ergründen und zu durchschauen; etwaige Geheimnisse und dunkle Ecken aus der Vergangenheit der anderen aufzuspüren und zu erhellen … Wie gesagt: alles das ausschließlich zu Schulungszwecken und probeweise …

Dazu gab es selbstredend ein entsprechendes Coaching, um effiziente Methoden zu erlernen und zu trainieren; sich gängige wie brandneue Vorgangsweisen anzueignen und erstaunliche Tricks zu erlernen. Natürlich galt es auch, das alles zu verinnerlichen.

Es war indes – Spionage, nichts anderes. Pure Spionage.

Dass dabei in nur wenigen – etwa in Georg und auch in Uschi – starke Bedenken gegen dieses reichlich halbseidene (wenn nicht ohnedies kriminelle) Ansinnen aufstiegen, sprach eindeutig für den Verfall, der in diesem einst angeblich so aufstrebenden, nunmehr freilich einerseits Wohlstands-gesättigten und durch eine gravierende Wirtschaftskrise sowie mehrere Riesenskandale, anderseits durch eine aktuelle Flüchtlingswelle beachtlichen Ausmaßes ziemlich angeschlagenen Staat vorherrschte.

Die Nation war insgesamt daher auch nur zu anfällig für radikale, antidemokratische Kräfte. Das wurde Georg mit einem Mal klar. (Und auch darüber beriet er sich mit der Partnerin.)

Der Manager, als der er sich bisher, gleichsam im Privilegien-Pool seiner Stellung plantschend, recht wohl gefühlt hatte (wofür es für ihn schließlich auch haufenweise Stress und Verantwortungsdruck in Kauf zu nehmen galt!), kam jetzt mit einem Mal stark ins Grübeln.

Was hatte es mit diesem ziemlich fadenscheinigen neuen Verfassungsmodell eigentlich wirklich auf sich, von dem da immer wieder ansatzweise gesprochen wurde? Warum wurde diese ominöse Partei der Vaterlandsfreunde (PdV), wie sich die Gruppierung der möglichen neuen Staatsträger seit Jahren schon ziemlich schwülstig nannte, medial so besonders herausgestrichen und in ihrer Bedeutung hervorgehoben? Was hatte es mit den ziemlich gesichts- und profillosen Leuten an der Spitze dieser Bewegung tatsächlich auf sich? Und: Was prädestinierte überhaupt Franz Xaver Prumser zum neuen Kanzler? (Seine Inauguration sollte nach der bald erfolgenden Wahl, deren Ausgang ohnehin schon abzusehen sei, mit allem Pomp und Trara stattfinden. Dann würden auch die [intern so genannten] Volkszellen zu arbeiten beginnen. Ein Verfassungsschutz neu und die ebenfalls neuaufgestellte Geheimpolizei hätten sodann ihre umfassenden Aufgaben wahrzunehmen …)

Die Schulung gestaltete sich indes keineswegs uninteressant. So ging es zum Beispiel um diverse Techniken der Spionage und des Agentenwesens – einst und jetzt, um forensische Techniken wie die gute alte Daktyloskopie, um DNA-Tests und andere organisch-chemische Methoden von Gewebs- und Zellzuordnungen, um Computer-gestützte Spurensuche et cetera.

Auch verfügten die Vortragenden – zumindest, was ihre Skurrilität betraf – durchaus über Unterhaltungswert: leidlich gemütliche, weil lange schon pensionierte Cobra-Beamte, vermutlich trockengelegte Alkoholiker und clean gewordene Junkies, ein paar Damen und Herren, die ehedem mit einiger Sicherheit im Rot-Licht-Milieu zu Gange gewesen waren … Munter, munter. Dazu natürlich staatlich approbierte Hacker, junge IT-Spezialisten und Programmierer und ein paar echte Agenten, die indes recht originell getarnt auftraten: als joviale Märchenonkel und amüsante ehemalige Schönheitsköniginnen oder Filmsternchen. (Oder: Das waren die Hacker, IT-Spezialisten und Programmierer, während die aus dem Rot-licht-Milieu die Junkies waren und die Schönheitsköniginnen?! Es war mitunter verwirrend …)

Für Georg, den Prinz-Eugen-Forscher im Hobby-Status, gab es summa summarum und ohne Frage zudem interessante historische Zugänge, da hier – neben modernen Methoden der Dechiffrierung, der digitalen Computerüberwachung von Telefon und internationalem Internetverkehr et cetera – auch Paläographie, allgemeine Urkundenkunde und andere wichtige Hilfswissenschaften von gestern in der Praxis zur Anwendung kamen. Immerhin vermochte sich der Wirtschaftsmanager nun deutlicher als zuvor, in die Rolle des berühmten Heerführers und Diplomaten hineinzuversetzen, der da mit Juni 1703 zum Präsidenten des Hofkriegsrats ernannt worden war. Und Eugen von Savoyen-Carignan hatte erwiesenermaßen dieses hohe Amt mit strenger Hand und scharfem Verstand inne. Längst zu enormem Reichtum gelangt, galt der als genial beschriebene Heerführer und Stratege – dem Savoyer gelang es unter anderem bekanntlich, anno 1717 zu Belgrad die Türken (und somit den Islam) entscheidend und endgültig zu besiegen – auch als Bauherr und Kunstmäzen mit sicherem Geschmack.

Dass er mit den geistigen Größen seiner Zeit in regem Kontakt und echtem Ideenaustausch stand, hebt ihn zudem bis heute aus dem Gros seiner (in aller Regel wenig ambitionierten) aristokratischen Schicht hervor. Und: Für viele schien dieser außerordentlich populäre Prinz Eugen, dem das Volk nach Belgrad sogar das Lied vom edlen Ritter gewidmet hatte, dem Kaiser in Wien an Machtbefugnis weitgehend ebenbürtig.

Kein Wunder, dass die Tafelgesellschaft des allem Anschein nach eher zurückhaltenden Prinzen zu nicht geringem Teil aus Neidern bestand. Auffallend mag sein, dass über den Prinzen Eugen zumindest als Privatmann nur wenig bekannt ist; nicht einmal das hartnäckige Gerücht seiner homosexuellen Neigung verfügt über eine glaubwürdige Basis, sieht man von nebulösen Hinweisen in der Korrespondenz der Liselotte von der Pfalz, der als bissig bekannten Schwägerin Ludwigs XIV. (der zweiten Frau des Herzogs Philipp I. von Orleans), einmal ab. (Dazu: Max Braubach, Prinz Eugen. Wien 1963 ff.; Konrad Kramar/Georg Mayrhofer, Prinz Eugen. Heros und Neurose. St. Pölten – Salzburg – Wien 2013; Friedrich Weissensteiner, Klein und berühmt. Wien 2006.)

Obwohl man ihn also beneidete und gegen ihn intrigierte, schien sich der als Feldherr gefeierte und als Diplomat ständig umgarnte Mann immerhin in seiner Position durchaus sicher gefühlt haben. Dass dies nicht ohne eine Art von Geheimpolizei möglich gewesen war, darf angezweifelt werden. (Auch wenn die Agenden späterer Agenten damals noch von Gesandten und Botschaftern wahrgenommen wurden, die ihrerseits allerdings meist schon über ein vorzüglich funktionierendes Spitzelwesen und ein vergleichbares Spionagesystem verfügten.)

Kurz: Wenn schon Geheimdienst, dann fand es Georg am ehesten spannend, sich in die diesbezüglichen Usancen und Methoden zur Zeit Eugens hineinzuversetzen.

Geheimdienste und eine gleichsam rege diplomatische Gegenwelt zu den offiziellen staatlichen Strukturen blühten, wie gesagt, auch am Hof der Habsburger zu Wien, in London, Paris oder sonst irgendwo. Und im eigenen engeren Umfeld einer so wichtigen Persönlichkeit von europäischem Einfluss, wie Eugen ganz ohne jeden Zweifel eine war.

Der aktuelle Spionagezirkus bereitete Georg dagegen kaum Vergnügen, sah man von den in der Tat erstaunlichen technischen Möglichkeiten einmal ab. (Da konnte er sich allerdings auch gleich einen James-Bond-Film ansehen; und hatte Prickeln erste Reihe fußfrei.)

Übrigens sogar Uschi begann während ihrer gemeinsamen Schulungszeit daran Gefallen zu finden: am Prinzen Eugen und seiner Epoche. Doch, doch. (Sogar an Mutter Olympia!)

In einem Punkt waren sich Georg und Uschi bei ihren Gesprächen über die Erfahrungen, die sie jetzt schon durch Wochen bei der Ableistung des Dienstes am Staat tagtäglich machen mussten, freilich vollkommen einig: Es stand da viel auf dem Spiel. Für den Staat, für die Veranstalter – und wohl auch für sie selbst.

Doch worum ging es diesem quasi anonymen Staat? Oder besser: denen, die ihn lenkten? Oder noch besser: denen, die seine Lenkung allem Anschein nach zu übernehmen sich gerade anschickten?

Georg und seine hübsche Geliebte auf Zeit stellten ihre Thesen auf, verwarfen das eine und ergänzten das andere davon.

Und kamen, grob gesagt, zu einer erstaunlichen Liste. Etwa so:

. Hier sollte – die Anzeichen verdichteten sich zumindest – in absehbarer Zeit eine Diktatur errichtet werden.

. Die hier bevorstehende Diktatur musste schleichend und unauffällig installiert werden. Wie ja auch die Vorarbeiten bisher still, klamm-heimlich und leise vor sich gegangen waren.

. Für Terror nach innen wie nach außen wurden zwar vermutlich alle notwendigen Vorbereitungen getroffen, doch schreckte man vor seinem gezielten Einsatz (zumindest: noch) zurück. Der würde mit Sicherheit später irgendwann kommen.

. Die neuen Kräfte versuchten, aus früheren Staatsstreichen und Revolutionen zu lernen. Besonderes Augenmerk schien man darauf zu legen, vermeidbare Fehler auch tatsächlich zu vermeiden. (Das Image nach noch so geglückten Revolutionen war meist ein mieses …)

. Man musste, so das Kalkül der neuen Kräfte, versuchen, nach außen hin möglichst lange ein demokratisch deklarierter Staat zu bleiben. Und auch die Mitgliedschaft etwa bei der Europäischer Union und bei den Vereinten Nationen wollte man inzwischen – noch – aufrecht erhalten. Sollten sich freilich auch andere Organisationen, die im Ausland ähnlich gelagerte Interessen vertraten wie die Partei der Heimatfreunde, am gemeinsamen Weg beteiligen wollen, so spräche auch nichts gegen eine internationale (globale) Bewegung. Im Gegenteil.

. Dem Internet als Informationsträger musste noch mehr Bedeutung zukommen als bisher. Parallel dazu sollte eine weniger offensichtlich nationalistische Begrifflichkeit angestrebt werden: Auch das heimatverbundene Element hatte sich in Zukunft quasi international zu deklarieren, um der Zielvorstellung immer näher zu kommen: einer globalen Digital-Diktatur.

. Überhaupt: In der Nomenklatur wollte man vorsichtig sein. Für den angehimmelten Franz Xaver Prumser musste daher vorläufig der Titel Kanzler (vielleicht: Staatskanzler?) genügen. Als Führer der Herzen habe er sich, so glaubte man, ohnedies schon peu à peu etabliert …

. Die Spionage, der Verfassungsschutz und die Geheimpolizei sollten zu einer möglichst dicht vernetzten Basis der neuen Ordnung aufgebaut werden. Rigid, rigoros und unerbittlich.

. Die gegenseitige Bespitzelung der Bürgerinnen und Bürger freilich, die sollte stärker noch, als es so vorbildhafte Organisationen wie die GESTAPO der Nazis oder die diesbezüglich auch recht ordentlich funktionierende Staatssicherheit in der ehemaligen DDR das ohnedies schon vorexerziert hatten, perfektioniert werden. Die Mittel dafür waren vorhanden …

. Die Zielvorstellung, wie sie Georg und Uschi ihrer Schulungs-Behörde respektive deren obersten Auftraggebern unterstellten, war – hier kam das Zukunftsstreben der PdV zum Tragen – nichts weniger als eine gewaltige Aufrüstung für etwaige (überaus effektiv zu führende) Kriege und schließlich der (wahnsinnige) finale Wunsch nach der Weltherrschaft.

Georg, der taffe Manager mit durchaus starkem geistigen Hintergrund sowie einer tragfähigen Hirnbasis, und Uschi, die kluge und aktive Intellektuelle, schauderte es, wenn sie ihre Liste betrachteten.

Wäre das bloße literarische Utopie – es wäre gruselig genug … Aber so?!

Ja, das hatte einiges vom berühmten Menetekel an sich.

Uschis Freund Christian

wird den beiden aus

ihrer Affäre später den

berühmten Strick des

Henkers drehen.

So geht es eben.

Fortsetzung folgt!

Der optimale Staat

Natürlich gibt es den optimalen Staat nicht. Wie es auch den optimalen lieben Gott nicht gibt. Oder die optimale saure Milch. (Letztere noch am ehesten. Am besten als probiotisches Joghurt getarnt!) Die optimale Beziehung oder Partnerschaft ist ebenfalls eine Illusion. Und dass es mit Uschi ohnedies gleich nach Ableistung dieses ominösen Dienstes am Staat wieder aus sein würde, das kam ihm, schon während ihre kleine Affäre lief, dort: zwischen See, Kursgebäuden und Wäldchen, zwar einerseits bedauerlich vor (streng genommen, kam er sich dabei bedauernswert vor); anderseits schien es durchaus gut so zu sein.

Bitte schön, was sollte diese Verbindung denn auch auf Dauer bringen (außer Probleme und Zores zuhauf)? War diese Liebelei nicht just in ihrer Begrenztheit, auf die sich, sie voll akzeptierend, beide Beteiligten a priori eingelassen hatten, in ihrer Endlichkeit also, so angenehm und kompakt (gewesen)? Ein Beweis für Liebe auf Zeit noch dazu. Na eben.

So würde, das hatten sie sogleich erkannt, kein bitterer Nachgeschmack bleiben.

Und es gäbe keine Reste zu beseitigen, keinen seelischen Sondermüll, den man womöglich dann umständlich entsorgen müsste … (Das stand nämlich im Allgemeinen auf dem Programm, wenn etwas nicht mehr brauchbar war. Übrigens: auch in der Politik.)

Ja, doch! Wenn etwas partout nicht (mehr) funktionierte, hatte man die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, es gefälligst zu entfernen, zu eliminieren, wegzuschmeißen, zu entsorgen. Oder zu- respektive einzubetonieren. So war das eben einmal. (Ob das nun der political correctness entsprechen wollte oder bloß erfolgreich geübter Mafia-Brauch war.)

Auch Nordkorea oder China, Russland oder den IS, diesen selbsternannten Islamischen Staat mit seinen grauslichen Terrormilizen, müsse man entfernen, eliminieren, weghauen, ausmerzen, am besten: zubomben. Das sagte zumindest ein besonders schlauer Kollege, Egon, einer der leitenden Leute aus dem Verkauf. Und auch sonst ein Kretin. So viel Gottähnlichkeit müsse doch, verdammt noch mal, in uns immer noch vorhanden sein?! (Nein, schlummern, ja: schlummern, so hatte sich Egon ausgedrückt.)

So viel Gottähnlichkeit, dachte Georg, innerlich missbilligend seinen Kopf schüttelnd, gebühre sich – zumindest: für ihn – bestimmt nicht. Nicht für ihn, einen bemühten Atheisten, dachte er, der nach der Selbst-, Heimat- und Uschi-Findung anlässlich dieses ominösen Dienstes am Staat überhaupt noch um einiges Gedanken-intensiver unterwegs war als zuvor. (O Uschi …)

Immerhin half ihm sein Denken angesichts der immer scheußlicher werdenden innerstaatlichen Transformation, die er, nunmehr um einiges hellhöriger und klarsichtiger geworden, allenthalben wahrnahm und mitbekam.

Seine Wahrnehmung – besonders die der gezielt verbreiteten Lügen – war nun zudem quasi zugespitzt und verfeinert durch das, was er über brandneue Abhörmethoden, das punktgenaue Anzapfen digitaler Informationsquellen und all die guten alten wie die exzellenten neuen Möglichkeiten der Observanz und des Speicherns von Daten et cetera mitbekommen hatte.

Doch hätte es dieses Wissens (oder, streng genommen: Halbwissens) eigentlich gar nicht bedurft: Die Anzeichen des allgemeinen Rechtsrucks, wie er nicht nur hier im Land, sondern auf der ganzen westlichen Hemisphäre immer stärker spürbar wurde, hätte im Grunde genommen genügen müssen, in jedem mitdenkenden Menschen alle Alarmglocken schrillen zu lassen.

Ja, doch! Der gefährliche Rechtsruck durch diese PdV, die Partei der Vaterlandsfreunde. Rechtsruck. (Georg erschienen freilich so gut wie alle politischen Rucke gefährlich, auch solche nach Links hin.) Also, dieser Rechtsruck. Er ging zwar, wie so etwas in diesem Staat zu geschehen pflegte, kontinuierlich und eher schleichend vor sich. Getarnt und verhüllt, unter der Schminkschicht mancher ach so (pseudo-)demokratischen Camouflage und zu den verführerisch, versöhnlich und verbindlich tönenden Schalmeienklängen gestanden-bodenständiger Volksverdummung, so biederte sich die neue politische Intention den breiten Massen an.

Aber auch für die sogenannten Eliten hatte die Bewegung, als welche sich die PdV ja eigentlich sah, anfangs noch manches Zuckerl parat; sogar für die Intelligenz – wer immer sich aus dieser fragilen (und wohl auch fragwürdigen) Gruppe angesprochen fühlen mochte – sollte da etwas dabei sein; und seien es bloß schäbiger Mammon, wohl auch glitzernde Preziosen und diverses Geschmeide für die Eitelkeit oder die üblichen, in den Farben der bekannten Dreckkäfer leuchtenden hübschen Posten und Pfründen …

Immerhin konnten die Akteure und Agitatoren auf einige historische Erfahrung zurückgreifen. War doch die Kiste der diesbezüglichen Reminiszenzen vergleichsweise beruhigend voll gefüllt! (Die letzte echte Diktatur war bekanntlich erst knappe siebzig Jahre vorbei, und gewisse Ansätze in diese Richtung hatte es zwischendurch immer schon wieder gegeben; wenn auch weitgehend – noch – auf dem Terrain der Demokratie befindlich [etwa die höchst fragwürdige, sogenannte blau-schwarze Wende in Österreich, zelebriert am Beginn der 2000er Jahre.])

Ach ja! Diese unsägliche Partei der Vaterlandsfreunde, diese PdV! Mit ihrem, allerdings nur peripher an den Philosophen Immanuel Kant gemahnenden, immerhin schier kategorischen Imperativ: Du musst …!, Ihr habt zu …!, Man wird jedenfalls …!

Gäbe es die Naturgesetze oder die Zehn Gebote noch nicht, die PdV hätte sie mit Sicherheit erfunden und in Stein gemeißelt. (Dass der Dekalog ohnedies von Franz Xaver Prumser und seinen Vor- und Mitdenkern stammte, galt zumindest parteiintern als Stammwissen …)

So hielt man sowohl die dummdreisten und brutal-primitiven Glatzen in ihrem paramilitärischen Outfit bei Laune als auch die bieder-bürgerliche Anhängerschaft, die in krachledernen kurzen oder Knie-Hosen und im streng geschnürten Dirndl antanzte, um sodann an den Lippen der ihre altbekannten Phrasen dreschenden Funktionäre zu hängen; und am Bierhumpen.

Besonders, wenn es galt, den sogenannten Altparteien – als ob diese Formation, die sich, wie schon erwähnt, gern als Bewegung empfand, so viel jünger gewesen wäre! -, galt es also, den Altparteien eins am Zeug zu flicken, so gaben sich Franz Xaver Prumser und seine Mannen übrigens durchaus nicht mundfaul. Ganz im Gegenteil. Und just im Schwadronieren, da war man überhaupt groß! Zwischen Blasmusik und bierlallendem Geschunkel, versteht sich. Bei Brathendelduft, Gulaschsuppe und Frankfurter mit Senf und Semmel.

Sowohl, wenn es darum ging, das von den sogenannten Partei-Vordenkern (o welch ein Euphemismus!) offerierte Menü aus sinnleeren Worthülsenfrüchten unter die, wie es hieß: nach Parolen hungernden Leute zu bringen, als auch, wenn es nach erfüllter Pflicht für die Mandatare und Bierzeltrhetoriker an die beliebte Kür ging, ans freie Lügenverbreiten.

In der Tat, darin waren Prumsers Frauen und Männer einfach Spitze! (Da musste sich der rundlich-gedrungene Pseudo-Führer mit dem stechenden Blick bei seinen ausgewählten Auftritten nicht selten um eine quasi nachzureichende Steigerung des bereits vorgelegten und verschossenen Arsenals an Verunglimpfungen und Verleumdungen merkbar bemühen.)

So lange das Bieder-Bürgerliche unserer Bewegung dient“, so ließ intern ein sogenannter Partei-Stratege verlauten, „so lange wollen wir es auch für uns einsetzen und arbeiten lassen! Wenn es dann ausgedient hat, wird es ohnehin von selbst vor unserer elementaren Kraft die Flucht ergreifen!“

Mit elementarer Kraft war freilich nicht (nur) die Gewalt der brutalen PdV-Hooligans in ihren Springerstiefeln und der grimmig eindimensionale Blick der rechten Glatzen gemeint, sondern (auch) die ihrer um einiges feiner wirkenden Kollegenschaft, der neuen Elite der Quasi-Wallstreet-Jünglinge: alert, PR-konform grinsend und gehüllt in feine Designer-Klamotten. Sie waren es, die vom Computer aus die noch schönere neue Welt zu regieren sich anschickten.

Dass auch in dieser vorgeblichen Elite freilich bereits der Same der eigenen Vernichtung schlummerte, davon hatten die ihrerseits erstaunlich naiven Vaterlandsfreunde wiederum keinen blassen Schimmer …

Doch, wie die Geschichte es immer wieder in überzeugender Weise zeigt, die am glänzendsten geplanten und am üppigsten ausgemalten Zukunftsszenarien scheitern zuletzt erst recht immer wieder daran, in aller Regel arge geistige Fehlkonstruktionen zu sein.

Warum? – Weil nun einmal kein Plan so fies erdacht ist, als dass er das spätere Stolpern über die eigenen Füße (in Form der an ihm maßgeblich beteiligten Menschen nämlich) einkalkulieren könnte; geschweige denn, dass er womöglich sogar imstande wäre, dieses Stolpern zu verhindern.

Freilich: Hätte jemand die Hohlheit der Pseudo-Ideologie, die dem Programm der Partei der Vaterlandsfreunde zugrunde gelegt war, rechtzeitig und richtig erkannt, dem Staat wären einige Unbilden erspart geblieben. (Oder – er hätte sie durch andere ersetzen müssen …)

Doch der Geschichte – und mit ihr: den daran beteiligten Menschen – bleibt letztlich eben nichts erspart.

Sah man von den pseudo-theatralischen Auftritten der PdV, die einer gewissen unfreiwilligen Komik nicht entbehrten (nur dass seltsamerweise kaum jemand darüber lachte …), einmal ab, so stellte – zumindest in Georgs Augen – immer noch die penibel gepflegte Überwachung der Untertanen das tatsächliche Hauptärgernis dar. Und den Grund zu tiefer Besorgnis.

Das durfte doch nicht sein! Diese gegenseitige Observanz! Dieses dauernde Abhören, dieses Absaugen von Informationen, dieses permanente Bespitzeln und Ausspionieren. Noch dazu: das Belauschen und Herausfinden von ohnehin meist unsäglichen Nichtigkeiten. Himmel!

Doch, ja: Etwas ist faul, musste man mit William Shakespeares melancholischem Hamlet ausrufen. Oberfaul sogar. Und wahrscheinlich war das schon die längste Zeit so; nur – man hatte es nicht bemerkt; vielleicht auch nicht bemerken wollen. Nase zu – und durch!

Oder stank das politisch Faule da überhaupt schon von Anbeginn aller Zeiten her?

War Politik gar ein Synonym für Gestank?!

Im Ernst: War nicht überall etwas faul – nicht nur im literarischen Staate Dänemark?! Mussten nicht folglich über kurz oder lang alle Nationen (Staaten, Reiche, Hochkulturen …) von den Globen und aus den Atlanten verschwinden? Mussten sie dann nicht – wenn überhaupt – bloß als zum Teil zwar ambitionierte, indes zuletzt gescheiterte Versuche in die Annalen der Menschheitsgeschichte eingehen? Und mussten sie à la longe nicht – in den Mistkübeln des allgemeinen Vergessens landen…?

Ja, doch. Hatten die Nationen, Staaten und Völkerschaften, die Reiche also, nicht tatsächlich die Pflicht, irgendwann still und leise (oder unter Gewehrdonner und Geschützfeuer) zu Schatten zu werden, egal: wie groß, mächtig und wohl-funktionierend sie vielleicht dereinst einmal gewesen sein mochten (oder zumindest anderen so erschienen waren)?

Waren die Reiche, um mit Daron Acemoglu und James A. Robinson („Warum Nationen scheitern“, 2. Aufl. Frankfurt am Main 2014) zu sprechen, an ihren extraktiven Institutionen sowie am fehlenden Mut zu (zumindest teilweiser) Selbstzerstörung als Basis für künftige Innovationen zugrunde gegangen? Oder: Weil, etwa in dynastischen Belangen, die Söhne genialer Väter nicht selten bloß mittelmäßige Zeitgenossen oder gar Versager waren?

Noch etwas: War – die Geschichte belegte das immer wieder – den Regierungsformen nun einmal eben nur eine gewisse (mitunter, zugegeben: verhältnismäßig lange) Frist gegeben, bis sie begannen, sich im Sand zu verlaufen, sich aufzulösen, ins politische Koma zu fallen? War den Nationen, egal ob sie als Monarchien, Oligarchien, Plutokratien oder Demokratien gehandhabt wurden, war ihnen nicht von Haus aus quasi ein Ablaufdatum aufgedruckt oder eingebrannt? Waren sie nicht a priori auf Zeit ausgerichtet?

Und: Die Ignoranz der Herrscher gipfelte allem Anschein nach just darin, die Zeichen der Zeit eben nicht zu erkennen. Voller Verwunderung und viel zu spät sahen die altägyptischen Pharaonen ihre Macht und ihren schier grenzenlosen Einfluss schwinden. Der angeblich so große Alexander und auch die Perser staunten nicht schlecht, dass sie zwar nicht ans Ende der Welt gelangt waren, wohl aber alsbald an deren Regierbarkeit zu scheitern drohten. Da war es längst schon zu spät; und der Untergang eine beschlossene Sache … (Weniger übrigens als eine selbst-bestätigende Prophetie als vielmehr, weil anscheinend nicht anders möglich.)

Es war immer dasselbe. Das antike Griechenland und das alte Rom und sogar gigantische Reiche wie etwa China wurden irgendwann in den Grenzen ihrer gerade herrschenden (und gerade noch beherrschbaren) Staatsgebilde von neuen regionalen wie globalen Fakten überrascht. (Wobei beispielsweise den chinesischen Kaisern sogar ihre riesige Maueranlage nicht allzu viel nützte … Ein Zeichen für spätere Zeiten, da manche besonders engstirnige Staatenlenker glauben, mit Zäunen oder anderen hirnrissigen architektonischen Anlagen und obskuren Um- und Begrenzungen tatsächlich längerfristige Umwälzungen aufhalten zu können.)

Hier erst einmal angelangt, erinnerte Georg sich der – zugegeben: Jahre zurückliegenden – Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ (von 1762), worin der französische Philosoph durchaus bildhafte, griffige Vergleiche anstellt zwischen Staatsformationen und dem Menschen selbst. Etwa, wenn er sagt: „Es gibt für die Völker wie für die Menschen eine Zeit der Jugend oder, wenn man will, der Reife, die man abwarten muss, ehe man sich den Gesetzen unterwirft. (…) Das eine Volk ist schon beim Entstehen bildungsfähig, das andere noch nicht nach zehn Jahrhunderten.“

Während also manche Nationen (noch) zu Staatsgebilden geklitterte Primitiv-Konglomerate aus sozusagen: Körper gewordenen Träumen von Kindern oder jungen Erwachsenen wären, so dachte sich Georg die Sache, und andere sich im fortgeschrittenen Alter ihrer Ideen befänden, dämmerten wiederum andere, längst schon senil geworden, dem Verlöschen entgegen. Auf ähnliche Weise wie der vom Alter geplagte Mensch hätten dann auch die alten Staaten das Recht, kontinuierlich (oder mit Getöse, je nach Temperament und Laune) unterzugehen.

Und Georg kamen die gängigen – später, ab 1989/90 sozusagen: untergängigen – Thesen und Sprüche des Karl Marx („Kritik der politischen Ökonomie“ [1859], „Das Kapital“ [1867 ff.]), ausgehend von dessen Abkehr von der Lehrmeinung Georg Wilhelm Friedrich Hegels („Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Rechtswissenschaft im Grundrisse“ [1821]), in den Sinn. Und er dachte an das Ringen des aus Stuttgart stammenden Wahl-Berliners Hegel um ein System, in dessen Zentrum zwar das Absolute stand, das sich indes als subjektiver Geist im menschlichen Individuum, als objektiver in Familie, Gesellschaft und Staat sowie als absoluter Geist in Kunst, Religion und Philosophie manifestierte – im dialektischen Dreischritt von These, Antithese und Synthese. (Und er erinnerte sich nicht ohne Schaudern an sein eigenes, durchaus erhebliches Ringen mit der [ebenfalls schon Jahre zurückliegenden] ihm damals einigermaßen sperrig erscheinenden Lektüre dieses Großdenkers …)

Sogar zu Platons „Politeia“ („Der Staat“, um 390 vor Christus), darin enthalten: die These vom Staat als Urbild der Seele, schweiften seine Gedanken, wobei Georg sich an die Überlegungen des griechischen Denkers erinnerte, betreffend den gerechten Herrscher. Von da war die Verbindung eine rasch hergestellte – wenngleich auch eine reichlich divergierende – zu Niccolò Machiavelli und den ethisch zum Teil durchaus fragwürdigen Ratschlägen in dessen Hauptwerk „Il Principe“ (1513; deutsch: „Der Fürst“, 1532).

Dann, bevor er Gefahr lief, womöglich auch noch zu Baruch de Spinoza, René Descartes, John Locke und George Berkeley, zu Thomas Hobbes, Gottfried Wilhelm Leibniz und David Hume abzuschweifen, ließ er vom Lesen dieser alten Meister des Denkens wieder ab. Und fragte sich, im Studium der fremden Texte innehaltend, zur Abwechslung einmal selber (sozusagen: ein wenig anders), ob da nicht vielleicht am Ende ein ewiges Prinzip – vorausgesetzt, dass es so etwas überhaupt gab – gerade in einem kontinuierlicher Wechsel der Staatsformen liegen mochte? Ja, war das womöglich ähnlich wie bei der Fruchtfolge in der Landwirtschaft? Wie bei der notwendigen Abwechslung im Getreide-Anbau?

Aber – setzte eine solche Hypothese nicht noch etwas ganz anderes voraus? Nämlich, dass man an eine Art von Continuum über weit größere Zeit- und Menschheitsräume zu glauben bereit sein musste?

Das schien ihm, Georg, einzuleuchten.

Ja, variatio delectat!

Und: Das Alte, das Vorhandene musste immer wieder vergehen, Neues möglich werden et cetera …

Vielleicht wie in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“, worin es bekanntlich heißt: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, /Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ (IV, 2.) Auch in der Politik.

Indes – gerade im „Tell“ verhielt es sich in den zentralen Freiheitsfragen dann ja doch anders, spezieller: Der einzelgängerische Volksheld – o welch ein Widerspruch! (Oder doch nicht?!) -, der sich abseits der ihre alten Rechte (und Pflichten) gegenüber Reich und Kaiser neu bestärkenden Schweizer, aber stets zu ihrer Verfügung hält, dieser Tell tötet zwar den Geßner; doch er revoltiert mit dieser Tat nicht gegen das System. Der Mord am Vogt – zudem kein Tyrannenmord, sondern der an einem korrupten Knecht verübte! – erfolgt aus persönlicher Notwehr heraus. Doch ansonsten, wenn sich Kaiser und Reich wie auch die Schweizer an die Abmachungen halten, mag alles bleiben, wie es gewesen ist seit alters her. (Schiller hatte seine Lektion aus der realen Französischen Revolution und ihren Folgeerscheinungen gelernt!)

Zurück zum aktuellen Plan einer gewaltsam herbeigeführten Umwälzung. Der Glaube an den notwendigen, sachbedingten Wechsel in den Staats- und Regierungsformen, wie ihn die PdV allenthalben – und vorläufig natürlich noch intern – predigte, sollte naturgemäß keinen Zweifel an der Hinfälligkeit der aktuellen Staats- und Regierungsform aufkommen lassen. Die da regierten, mussten schlichtweg unfähige Idioten und arglistige Verbrecher sein! Und: Nur von Franz Xaver Prumser und seiner Riege konnte das Heil ausgehen!

Alles – Chimäre? Alles – Lüge? – Klar, doch.

Wie nun jedoch hatte man sich dann der vielgeschmähten, immer wieder indes als allemal noch am besten geeigneten politischen Daseinsform, der Demokratie, gegenüber zu verhalten? War daher eine schlecht funktionierende Demokratie – allein schon aus staatsphilosophischen Erwägungen heraus – anderen Möglichkeiten des Regierens uns Regiert-Werdens immer noch vorzuziehen? Oder? Und: Wenn ja – warum?! Außerdem: Was war denn gegen eine gepflegte Diktatur zu sagen? (Hier musste Georg lachen.)

Zudem: Hatten nicht auch diverse Diktaturen (Monarchien, Plutokratien, Oligarchien et cetera) in mancher Hinsicht zur Weiterentwicklung von Geist, Kultur und Kunst das Ihre beigetragen. Die Frage, ob altruistisch oder egoistisch, bleibe jetzt einmal ausgeblendet.

Womöglich wäre die Menschheit – zum Exempel – auf dem Gebiet der Musik lägst nicht so weit gekommen und gediehen, hätten die Komponisten ihre Genialität und ihren Einfallsreichtum nicht zunächst, quasi leibeigen, im Dienst irgendwelcher Religionen, später dann in dem des Adels einzusetzen gehabt. (Und noch später als Knechte der Platten- und CD-Industrie beziehungsweise der digitalen Tonträger-Mafia oder gar des World-Wide Web.)

Nicht viel anders sieht die Sache im Bereich der bildenden Kunst aus, die ohne Mäzenatentum kaum je über die Runden gekommen wäre; oder bei der Literatur, bei Theater und Film, die auf ihre spezifische Weise ebenfalls von Wohlhabenden und weniger von Wohlmeinenden abhängig waren und noch sind. Durchschnittsverdiener als Mäzene? Lächerlich!

Ein Staat, bestehend aus armen, minderbemittelten Bürgern hätte sich Kunst als schönen Aufputz oder kostenintensives Hobby mit Sicherheit nicht geleistet. Wie denn wohl auch?!

Allerdings: Das Märchen vom guten Tyrannen wollte er sich denn doch nicht auftischen lassen. Nein.

Dieses Märchen – ist eines. Schluss. Aus.

In einer schlecht funktionierenden Demokratie waren die Machthaber immerhin noch abwählbar. (Auch wenn die Alternativen mitunter nicht besonders attraktiv erscheinen mochten.) Aber korrupte Politiker, miese Funktionäre oder schwache Beamte, die ließen sich in einem demokratischen Staatsgefüge immerhin austauschen und absetzen, wenn es sein musste sogar: einsperren, verurteilen und zur Verantwortung ziehen. (Ob es etwas brachte oder nicht.)

Aber, so dachte Georg weiter, woran lag es denn dann, dass alles – quer durch die Geschichte – immer wieder so beschissen lief? War das die Analogie zum Kaufmannswesen, wie ihm ein noch relativ junger Cousin, der Benjamin hieß, einmal hatte einreden wollen. Benny, damals noch aufstrebender Volkswirt, der allerdings ein wenig über den Finanz-Tellerrand hinaus zu blicken gelernt, der sogar Niccolò Machiavelli, Karl Marx und Oswald Spengler gelesen und der wohl auch ein weniges über die Fugger und die Hanse intus hatte, Benny also wies ihn da auf einige Parallelen hin.

Nämlich, dass es um die in und an sich alles andere denn ungefährliche Einübung in die Macht gehe (was Georg allerdings längst selbst durchschaut hatte); Macht an sich sei in höchstem Grad korrumpierbar – und mache anfällig für Korruption.

Und Korruption ziehe, quasi: epidemisch, wiederum Korruption an. Und so weiter.

Bestechlichkeit. Bestechlichkeit habe, so Cousin Benny, schließlich immer mit Begehrlichkeit zu tun. Und zur Bestechung gehörten bekanntlich immer zwei: einer der besticht, und einer, der sich bestechen lässt … Und Begehrlichkeiten zu wecken, sei ebenfalls eine merkantile Fähigkeit; eng verwandt mit Marketing und Public Relation. Blutsverwandt sogar. Zuletzt sei die schlecht entlohnte Kassiererin im Supermarkt auf ihre Weise für Korruption ebenso anfällig wie der Minister. Was dabei variiere, seien lediglich die Höhe der Bestechungsgelder (oder sonstiger Zuckerln) sowie die Möglichkeiten, etwaiger Bestrafung zu entgehen …

Außerdem, noch so ein Gedanke, der auf Bennys Mist gewachsen war: War es in der Politik nicht genauso wie in den berühmten Dynastien der großen Kaufleute? Dass nämlich zunächst durchaus moralische Standpunkte und Maximen nach relativ kurzer Zeit ohne große Umstände verlassen werden konnten respektive keine Gültigkeit mehr hatten? Wenn sie lachhaft geworden waren, die Ideale Integritas, Taciturnitas und Libertas

Ließ sich damit vielleicht sogar erklären, dass oft bereits die Söhne mancher Kaufleute, die noch den dornigen Weg vom kleinen Hausierer zum erfolgreichen Handelsherren beschritten hatten, gleichsam den Dunst der Landstraße, auf der die Väter mit Handwagen und Umhängetasche unterwegs gewesen waren, nicht mehr kannten? Und eine Generation später: Dass die Enkel der vazierenden Händler nicht einmal mehr wussten, wie die Luft in den Kontoren ihrer immerhin schon zu einigem Wohlstand gelangten Väter schmeckte? Vom Geschmack der staubigen Landstraße, auf der Opa gewandert war, ganz zu schweigen …

Sie waren, zwei oder drei Generationen weiter, zwar längst zu überaus angesehenen (und oft auch gefürchteten) Großbürgern geworden, manche sogar zu Adeligen avancierte Entrepreneurs, aber dem unmittelbaren Eindruck des Merkantilen, dem Reiz von Ankauf und Verkauf, der schweißtreibenden Impression des Glücks beim günstigem Warenaustausch und des Unglücks etwa im Fall von Schiffskatastrophen, dem allen waren sie längst entwöhnt.

Zuletzt existierten sie, reich zwar (wenn in aller Regel auch, wie gesagt, nur auf Zeit und nicht selten in durchaus fragilen Balancen [abhängig von Börsen-Fortune, Wertpapier-Lage und Spekulationsschicksal] schwebend), bloß eingebettet in ihrer Klasse und deren Bequemlichkeit beziehungsweise Fährnissen sowie de facto weitgehend ausgeschlossen vom echten Leben und Streben, Weben und …, was weiß ich.

Oder aber: Der Mensch – ja, das war es! -, der Mensch wusste nicht mehr, wenn ein Staat einmal in die Jahre gekommen war, um die hohen Gaben, Begabungen und Talente, nämlich durch Wissen, Bildung sowie durch Arbeit und Fleiß, durch Kreativität und Kunstfertigkeit, durch Witz, Humor und Toleranz zu dem zu gelangen, was, hochtrabend und in dummem Psychologensprech, unter Selbstverwirklichung zu verstehen war?

Der Arbeit abhold, abgehoben und blasiert stand so mancher dann in der Weltgeschichte herum. Die ein wenig noch der Selbst-Reflexion mächtigen Exemplare erinnerten sich vielleicht des Weges, den der Ururopa noch als Kaufmann zurückgelegt hatte und der unter Uropa, Opa oder Papa dann schon zum Bankier oder Finanzier geführt hatte. Und in die Virtualität des Börsenwesens. Abseits längst schon der alten Ideale …

Schließlich, wie die großen Kaufmannshäuser (und hier fand der Gedanke schließlich sein alles knotendes Ende), mussten wohl auch die Staaten nach einer gewissen Frist – wie man früher so treffend zu sagen pflegte: fallieren. Untergehen. Erst von der Landkarte verschwinden und später dann sogar aus dem Gedächtnis der nachfolgenden Generationen weichen.

Dann war da, gleichsam als Brandbeschleuniger, noch die Kirche – insbesondere die katholische (Amts-)Kirche. Sie bot – fragwürdig genug, wie Georg meinte – Auswege, indem sie gerne auf (angebliche) Wunder verwies, besonders aber mit dem sogenannten ewigen Leben lockte. In altbewährter Manier. (So wie der deutsche Erzähler Stefan Andres den Maler El Greco fragen lässt: „Leben sie [die Gläubigen, Anm.] denn? [] Diese frommen Ameisen der Kirche haben nur das ewige Leben im Munde, um ihr nicht ewiges klug zu verlängern!“ [Stefan Andres, El Greco malt den Großinquisitor und andere Erzählungen. München 1992.])

Doch vom etwaigen ewigen Leben konnten sich die Unterdrückten, Entrechteten und Armen nichts kaufen. Sie litten. Und die Frist, die ihnen – von wem auch immer, von Gott, vom Universum, von der Natur – gegeben worden war, mochte ihnen in der unglücklichen Grundhaltung vielleicht tatsächlich ewig erscheinen. Ewige Unerquicklichkeit.

Sie hatten jedoch immerhin die dumpfe Angst (von der auch Georg mitunter ahnungsvoll beschlichen wurde), weil ihnen die Vertreter der Kirche, die Priester und andere Reisende in Sachen Seelen(un)heil, die vazierenden Höllenprediger und Furchteinflößer, eine solche einzureden gewusst hatten; einzuimpfen; zu verabreichen wie die anderen durchwegs zweischneidigen Gaben aus ihrem schier unerschöpflichen Fundus der Danaergeschenke.

Und diese – quasi: amorphe – Angst-Masse zog sie, dem berühmten, um den Hals gebundenen Mühlstein gleich, hinunter. Knödelige Angst-Masse. Furcht-Knete. Phobien-Plastilin …

Angst!

Angst, als stünde ihnen de facto eine Audienz bevor mit einem der gefürchteten Dominikaner, einem dieser zynisch-fanatischen Vertreter der (schein-)heiligen Inquisition; oder gar mit dem berüchtigten Bernard Gui! Oder mit dem kaum weniger furchtbaren Generalinquisitor Papst Clemens‘ VIII., Kardinal Niño de Guevara, dem Erzbischof von Sevilla im Spanien des kranken Königs Philipp II.

Da genügte schon eine billige Reproduktion des (weiter oben bereits angesprochenen) berühmten Öl-Gemäldes von Domenikos Theotokopoulos, alias El Greco (um 1600), um Angst und Schrecken zu verbreiten: Wenn man sich bloß den quasi in Teufels-Rot gekleideten, schwarz-bebrillten und düsteren Mann mit dem Birett auf dem bärtigen Schädel ansieht, überkommt einen bereits das große Grausen …

Insgesamt also: Abgründe, die sich da auftaten. Abgründe, die zugleich Gründe für jede Menge an Albträumen boten.

Ohne Ausweg alles. Ohne Licht.

Wäre es da nicht besser, dachte Georg mitunter, sich – wenn es schon sein müsste – an die Maxime des Philosophen und Mathematikers Blaise Pascal zu halten? (Auf ihn war er vor Jahren im Zuge von Nachforschungen zur Frage der Theodizee [beziehungsweise der Wahrscheinlichkeitsrechnung] gestoßen.) An das also, was der große Denker in den Pensées festgehalten hatte und in anderen seiner gescheiten Schriften?

Die Pascalsche Maxime versprach immerhin einigen Seelenfrieden; ging es doch darum, quasi auf gut Glück zu versuchen, ein einigermaßen moralisches und ethisch einwandfreies Leben zu führen. Und das – egal, ob dann tatsächlich die Seligkeit und der Himmel winkten oder alles aus sei. Hilft es nichts, so schadet es auch nichts. Außerdem: Ein in Maßen anständiges Leben zu führen, das wäre allemal weniger umständlich als (und kaum auf Dauer so unbequem wie) ein besonders ausschweifendes; und es sorgte zudem für ein gutes Gewissen …

O ja! Die Unsterblichkeit! Als Kind hatte Georg zum Beispiel geglaubt, seine Urgroßmutter Milla würde überhaupt nie sterben. (Der Umstand, dass sie, wie innerfamiliär hin und wieder erwähnt wurde, schon seit Jahrzehnten Witwe sei, störte ihn dabei nicht; seinen Uropa Raimund Friedrich hatte er ja nicht einmal als vagen Schatten gekannt. Ja, von diesem Ahnen hatte er sozusagen keine Ahnung …) Und doch, irgendwann segnete die alte Dame, besagte Milla, die in einem recht vornehmen Altenheim lebte, dann ja doch das Zeitliche, wie es hieß.

Überhaupt wollte es Georg so scheinen, als ob manche Witwen – seltener fiel ihm das Phänomen an Witwern auf – erst nach dem Tod des Gesponses so richtig zu leben begännen. Zumindest blühten mache förmlich auf. Vielleicht wirkte die Partnerschaft ähnlich wie ein System kommunizierender Gefäße? Und jetzt, nach dem Abgang des einen schwang sich der Flüssigkeitspegel im anderen Gefäß erst zu wahren Höhen auf?

Immerhin konnte die taffe Wittib den Gewesenen nunmehr, faustisch gefärbt und bildungsbürgerlich, „tot im Wochenblättchen lesen“. („Faust I“, in der Nachbarin Haus.) Das baut manche ältere Dame anscheinend auf und verhilft hier zu neuem Auf-Leben.

Übrigens: Auch der uralte Boxerrüde Agamemnon (genau, irgendjemand mit merkbar starkem Bezug zur griechischen Antike hatte ihn so benannt!), der den Großeltern gehörte, hatte bereits ein so biblisches Alter erreicht, dass an sein Ableben anscheinend ebenfalls nicht mehr so recht geglaubt wurde. Zudem war Agamemnon angeblich zwischendurch schon taub und blind; dann wiederum sah er jedoch und/oder hörte wieder… Jedenfalls fraß er recht brav und furzte, als wäre er eben erst einem Roman von John Irving entstiegen.

Die überaus attraktive Kartäuserkatze Lila, sie gehörte – nein: ihr gehörten – Tante Ilse und Onkel Freddy, war ein ähnlicher Fall. Auch sie lebte über zwanzig Jahre, und kaum jemand wollte es wahr haben, als das schöne und liebenswerte Tier dann doch noch verblich. R. I. P.!

Aber grundsätzlich – war das denn überhaupt so erstrebenswert, dieses ewige Leben? Georg graute irgendwie vor der Vorstellung, älter zu sein als notwendig … Freilich, vor der Frage, wie lange es denn notwendig sei zu leben, graute ihm noch um einiges mehr.

Grauen und Grausen.

Und wie automatisch kam ihm bei diesen Überlegungen Friedrich Schiller in den Sinn. (Georg bedurfte, damit ihm Schiller in den Sinn komme, übrigens keineswegs Goethes; Castor und Pollux des Bildungsbürgertums mussten für ihn nicht notwendigerweise immerzu als Paar auftreten. Gewiss nicht. Zwischendurch reichte ohne weiters auch einer der beiden allein.)

An Schiller also dachte er. Außerdem daran, dass der steinige Weg zur Freiheit, laut diesem durchaus hintergründigen Denker-Dichter, nun einmal im Allgemeinen über Vereinzelung und Vereinsamung führe.

Dann aber, irgendwann, mochte sich schließlich ja doch noch ein gutes Ende finden. (Oder sollte das Ende auch das sein, zu welchem das Leben überhaupt gelebt worden war, sein Zweck also? [In diesem Sinn verwendet Schiller das Wort ja auch im Titel seiner – übrigens damals unerhört erfolgreichen – Antrittsrede an der Universität zu Jena, „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ {abgedruckt im „Deutschen Merkur“, im November 1789.}])

Besagte Freiheit läge dann allerdings weniger im politischen als im philosophischen, genauer: im philosophisch-ästhetischen Bereich.

Kurz und gut: Zu finden war sie zuletzt im Idealismus.

Im deutschen Idealismus, genauer gesagt.

Ach! Schiller …

Keine Bange. Auch Schiller

fand erst durch Zweifel dort hin,

wohin er möglicherweise

gewollt hatte. Immerhin starb

er wesentlich früher als

Goethe. Hm.

Fortsetzung folgt!

Schiller

Seit der Ableistung der ersten Tranche dieses eigenartigen Dienstes am Staat mochten gerade einmal zwei Monate vergangen sein, als Georg, es war Sonntag, bei einer kurzen Nachschau in der von Vater Herbert und Mutter Ramona, die beide schon vor Jahren gestorben waren, wie auch von den Großeltern (Willibald und Babette) her ererbten Bibliothek auf die alte Schiller-Ausgabe (in 26 Bänden, Wien 1816 f.) stieß. Die Büchersammlung war durch den Vielleser und Manager selbst sukzessive erweitert worden, wobei beileibe nicht nur Fachliteratur die Wände der beiden großzügig bemessenen Räume füllte, sondern auch, den Vorlieben des Besitzers entsprechend, ausgesuchte Belletristik ihren gebührenden Platz fand.

Eigentlich hatte er die Amerikaner-Abteilung besuchen wollen, um in T. Coraghessan Boyles „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (2011) und „San Miguel“ (2012) etwas nachzublättern. Doch plötzlich hatte es ihn zu den Deutschen, und da fast magisch zu Friedrich Schiller, gezogen; und Georg hielt mit einem Mal Band 16 (in: Friedrich Schillers sämmtliche Werke), den zweiten Teil der „Kleinen Prosaischen Schriften, in Händen. Darin: Der Geisterseher. Aus den Papieren des Grafen von O**. aus den späten 1780er Jahren. (Mit dieser fragmentarischen Prosa wurde Schiller, mitten in der Arbeit an „Don Karlos“ steckend, übrigens zu einem Miterfinder eines recht speziellen Prosa-Genres, nämlich des Bundesromans. Dabei handelt es sich um damals bei der quasi bidungsbürgerlichen Leserschaft überaus begehrte Erzählwerke, in denen Geheimbünde und Orden – Jesuiten, Freimaurer, Rosenkreuzer und Illuminaten – eine wichtige Rolle spielten. Insgesamt begannen sich dem gegenüber allerdings manche Intellektuelle [etwa in Preußen unter dem stringenten König Friedrich Wilhelm II.], bereits wieder um die Früchte der Aufklärung zu sorgen … [Und nicht zu unrecht, leider.] Schiller selbst hört mit dem „Geisterseher“ daher auch 1789 recht abrupt auf, obwohl die Leserschaft der „Rheinischen Thalia“ vehement das Weiterführen der Handlung verlangt hatte … [Später wird er ihn nochmals zur Hand nehmen, doch eher lustlos daran weiterbasteln.] – Siehe dazu: Rüdiger Safranski, Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Frankfurt am Main 2016.)

Die Frage, warum Georg sich just diesem – quasi: ersten deutschen – Geisterroman näherte, der darüber hinaus freilich auch eine beachtliche philosophische Abhandlung birgt, wird kaum jemals zu beantworten sein. Immerhin ergriff er den Band, begab sich auf einen der bevorzugten Lese-Fauteuills und knipste, obwohl es erst später Herbstnachmittag war und noch einigermaßen hell, die recht hübsche Stehlampe an, die daneben stand.

Schiller – nach Selbstzeugnis: planlos – hatte für den „Geisterseher“ eine hochinteressante Konstellation an Personen in dem damals schon weitgehend als magisch geltenden Stadtstaat Venedig versammelt. Da war ein eigenartiger, leicht depressiver protestantischer Erbprinz, der durch einen charismatischen Armenier zur Konversion bewegt werden sollte; dann die quasi inquisitorisch agierende venezianische Stadtregierung; buntes Abenteurervolk aus aller Herren Ländern; und, nicht zu vergessen, ein deutscher Graf als Erzähler.

Mit schwungvollem Pinsel aquarellierte Schiller, obwohl er persönlich nie in Venedig gewesen war, nicht nur die Lagunenstadt. Auch die Personen und Charaktere warf er mit kräftigem Strich hin und kolorierte die Stimmungen üppig. Über den faszinierenden Armenier zum Beispiel schreibt er: „Die Physiognomie des letzteren (der eigenartige Mensch war als russischer Offizier ausstaffiert, Anm.) hatte etwas ganz Ungewöhnliches, das unsere Aufmerksamkeit an sich zog. Nie im Leben sah ich so viele Z ü g e und so wenig C h a r a k t e r , so viel anlockendes Wohlwollen mit so viel zurückstoßendem Frost in einem Menschengesichte beysammen wohnen. Die Leidenschaften schienen darin gewühlt und es wieder verlassen zu haben. Nichts war übrig, als der stille, durchdringende Blick eines vollendeten Menschenkenners, der jedes Auge verscheuchte, worauf er traf.“ (Weiteres bei Schiller selbst: Friedrich Schillers sämmtliche Werke. Sechzehnter Band [Kleinere prosaische Schriften. Zweyter Theil.] Wien 1817. – Siehe dazu auch Rüdiger Safranski, Schiller als Philosoph. Berlin 2005; ders., Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. a. a. O.)

Immerhin, Friedrich Schiller hatte die Lust am Weiterschreiben verloren. (Wobei es letztlich unerheblich ist, ob das, was er in der politischen Schwüle vor der unmittelbar dräuenden Französischen Revolution zu erahnen geglaubt, durch die blutige [und letztlich enttäuschende] Realität denn doch an Glanz gewaltig eingebüßt hatte, oder einfach der Gegenstand der Arbeit an Reiz gewaltig abnahm. Immerhin war Schiller, so Rüdiger Safranski, „der Enthusiast der Freiheit“ [in: Schiller/Idealismus, wie oben angegeben].)

Georg indes verlor keineswegs die Lust an der Lektüre.

Er erinnerte sich in diesem Zusammenhang auch an Schillers große Kette der empfindenden Wesen und überhaupt an die Liebesphilosophie des Dichters (bis hin zur Total-Idee), dieser Selbstbesinnung zugunsten eines individuellen Denkens und Fühlens (statt plumper ent-personifizierter Vermassung). Und er reminiszierte Schillers Ansichten über das Spielen. Ja, dass schließlich Politik wie Kunst eigentlich letztlich die Wirklichkeiten schufen …

Georg empfand mit einem Mal besonders die sich aktuell im Staat, in nächster politischer Nähe also, anbahnende Vergröberung; die sich als Verbesserung für alle tarnen mochte, so viel sie wollte. Er empfand sie mit einem Mal als das, was sie war: als enorme Gefahr!

Denn so viel Einblick in ihr Tun und Planen hatten die Veranstalter und Vortragenden anlässlich des eben absolvierten Kurses, dieser ersten Tranche des Dienstes am Staat, immerhin gewähren müssen, dass für ihn nunmehr fest stand: Bald schon würden die Uhren radikal anders gehen. Massenaufmärsche und ähnliche Machtdemonstrationen (einschließlich eines medialen Riesenaufgebots an diversen bauernfängerischen Propaganda-Maßnahmen [samt permanenter Volksfest-Atmosphäre!]) sollten dem weitestgehend enthirnten Pöbel noch mehr Gusto und Lust darauf machen, dem ohnedies als unnötig angesehenen Empfindsamen, auch dem aufklärerisch Individualistischen wieder einmal den Kampf anzusagen. (Denn auf alles, was man nicht verstand, ließ sich immerhin munter eindreschen … Und die Devise, auch die der Partei der Vaterlandsfreunde [PdV], lautete immer noch: Erst zusammenrotten, dann ausrotten!)

Es war schließlich egal, ob die allgemeine Observanz von den Jesuiten her kam oder von den in der Inquisition überaus geübten Dominikanern – erinnert sei hier nochmals etwa an den gräulichen Bernard Gui oder den nicht minder schrecklichen Kardial und Generalinquisitor Fernando Niño de Guevara, jenen gefürchteten Erzbischof von Sevilla (den, wie ausgeführt, El Greco um 1600 herum so teuflisch echt und angsterregend porträtiert hat). Egal war es auch, ob da die Freimaurer oder die Rosenkreuzer spionierten, die viel bestaunten Illuminaten oder die neuen Dummköpfe und Uninformierten in den Nicht-Uniformen der Geheimpolizei.

Übrigens: Auch ob der Auftraggeber solch obszönen Tuns nun Papst Clemens VIII., König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, ob Napoleon, Hitler, Stalin, Mao oder Franz Xaver Prumser hieß, war im Grunde genommen ohne Bedeutung. Tyrann war nun einmal Tyrann.

Apropos Prumser. Im Spiegel dieses unsäglichen Beispiels der Mittelmäßigkeit, dieses leider nun einmal als massentauglich erkannten (und solcherart von seinen Freunden [und Machern] als An-Führer instrumentalisierten Kasperls, dieses miesen Polit-Popanzes also, vermochte sich, wie es aussah, ein großer Teil des Volkes wiederzuerkennen. Schemenhaft vielleicht nur, aber immerhin. Hingegeben einer trickreichen und durch Entertainment-Momente aufgemotzten Spiegelfechterei der PdV sowie unter weitestgehendem Verzicht auf vergangene Unmittelbarkeit und geistige Größe (wenn die überhaupt jemals wirksam gewesen sein sollte), hingegeben also dieser abartigen Idioten-Verehrung, so suhlte sich die Masse im Zuber hohlen Ideologie-Zaubers. Ja: Der Zuber-Zauber, das war’s! Der Weisheit allerletzter Schluss!

Man kam sich gut vor dabei, gar eins zu sein mit Führer Prumser! (Sogar einer öffentlichen Prumser-Eucharistie wäre kaum noch etwas entgegen gestanden …)

Plötzlich war das Volk wieder einmal reduziert auf den sagenhaften Volkskörper. Da mochte der Kopf noch so mickrig sein. Der Hobbes’sche Leviathan feierte fröhliche Urständ‘.

Anteilnahme, Zuneigung und, wenn es sein musste auch: Fanatismus von Seiten der denkfaulen Plebs waren diesem neuen Führer, dieser Personifizierung des Mittelmaßes, somit allemal sicher. Besonders, wenn es darum ging, im Niedrigen, im Unscheinbaren, im Minderen so etwas wie Erfüllung zu finden. O da konnte man sich auf Prumser und seine Leute durchaus verlassen! Hundertprozentig. (Oder: Hundertpro, wie Georgs Sohn Tom sagen würde.)

Schiller, der just im „Don Karlos“ den idealistischen Marquis Posa zum Sprecher der individuellen Freiheit macht (wenn auch, politisch interpretiert, zunächst der Freiheit der von Spanien unterdrückten Niederländer), stellt seinen Gegen-Helden zu Karlos und Antipoden des Machtmenschen Philipp keineswegs weltfremd dar. Doch lässt ihn sein Idealismus zuletzt persönlich untergehen. Als Opfer für das Ganze. Für das Gute. Nein – für das Bessere.

Das mag idealistisch klingen; und vielleicht auch wirklich idealistisch sein. Aber – ist nicht jede Hoffnung besser als blindes Sich-in-alles-Fügen?!

Ja, Schiller. In den Räubern waren das persönliche Aufbegehren des Karl Moor gegen die traditionelle (Väter-)Gesellschaft, gegen das Establishment, und die Auflehnung seines Bruders Franz gegen vermeintliches Unrecht in der familiären Rangfolge und dadurch in der Liebe des Patriarchen die Angelpunkte einer allgemeinen Katastrophe.

In Kabale und Liebe nährten höfische Arroganz, bürgerliche Unterwürfigkeit und intrigantes Wüstlingsgehabe die verzehrende Flamme der Dramatik.

Im „republikanischen Trauerspiel“ Die Verschwörung des Fiesko zu Genua schließlich war es vor allem die – mehr oder minder freie – Abwägung des einzelnen zwischen Macht und Recht, die, Georgs Dafürhalten nach, das Geschehen bestimmte (nur teilweise der historischen Realität entsprechend, was indes nichts ausmachte).

Im Don Karlos trat der Dramatiker nun eindeutig dem für das Ideal (im vorliegenden Fall: der Freiheit) Kämpfenden, dem daher auch so idealistischen Marquis Posa, zur Seite. Freilich, solcherart gehen beide, der Autor wie die treibende Person der Handlung, nur scheinbar unter. Denn die Idee ist nun einmal artikuliert worden. Und die Idee ist zumindest weniger sterblich als der Mensch, der sie kreiert (oder auf den Welt-bedeutenden Brettern artikuliert).

Man könnte die Reihe der eminenten Schiller-Hervorbringungen noch länger fortsetzen, etwa mit der Jungfrau von Orleans und Wilhelm Tell; besonders mit seiner Wallenstein-Trilogie, diesem „Leidenswerk“ (wie den Bühnenkoloss Thomas Mann in Hinblick auf die Lebens- und vor allem auf die Krankengeschichte Schillers nannte); oder der Bürgschaft; bis hin zum unvollendet gebliebenen Demetrius mit dem Thema des Hochstaplers … Doch soll uns das hier genügen. Denn das Fazit sah für Georg, den Nicht-Helden, folgendermaßen aus: Wenn er schon nicht selbst offen gegen die kleingeistige Partei der Vaterlandsfreunde und ihre Exponenten – allen voran: Franz Xaver Prumser – auftreten konnte, so vermochte er zumindest in den geistigen Widerstand einzutreten.

Er hatte sich auch noch den Band 17 aus der Schiller-Reihe geholt, weil er glaubte, ihn vielleicht ebenfalls brauchen zu können (was sich alsbald dann auch als richtig herausstellen sollte). Immerhin: In einer Art von Reminiszenz an Schillers Liebesphilosophie ließe sich so die Kette der empfindsamen Wesen vielleicht bald einmal neu knüpfen, dachte Georg ziemlich versonnen, während er schon, wie zufällig, in der Vorrede zu der Geschichte des Maltheserordens nach Vertot von M. N. bearbeitet zu blättern begann.

Ja, Schiller. Dem Dichter, Mediziner, Historiker und Philosophen war der Morgenduft der Französischen Revolution, ihr Anfang also, nicht mehr als ein freundliches Riechen und Schmecken eines ersten hoffnungsfrohen Lüftchens erschienen. Nicht mehr.

Schiller war nämlich – anders als viele deutsche Dichterkollegen – zu klug, als dass er quasi ungebremst auf die sich hier zwar kraftvoll ankündigende politische Befreiungsbewegung gesetzt hätte, die jedoch letztlich zur nationalen Selbstverstümmelung und in der Folge gar zum Kaisertum Napoleons führen sollte.

Und tatsächlich verwandelte sich dieser epochale Umsturz, der dann ganz Europa (wenn auch in verschieden ausgeprägter Weise) erfasste, von seinen Anfängen, verkörpert etwa noch durch die Ideale und hohen Ziele eines Honoré-Gabriel de Riquetti Comte de Mirabeau, bis zum blutgetränkten Finale und der alles, was davor geschehen war, pervertierenden napoleonischen Coda, bald schon in ein permanent scheußliches Blutgericht. Die glorreiche Revolution führte so in der Folge zu grausamsten Ausschreitungen. (Wobei zuletzt gar nicht mehr maßgeblich war, ob sie durch den vermutlich psychopathischen Hass oder den die Nerven zerrüttenden Verfolgungswahn eines Maximilien de Robespierre und seiner nicht minder fanatisierten Genossen bedingt wurden, oder ob die Eigendynamik der nun einmal entfesselten Gewalt eines so umfassenden Aufstands allein ihr Auslöser war. Die Frage, ob es sich dabei überhaupt um einen Aufstand des Volkes oder vielmehr um einen der Intelligenz [und deren Eitelkeit] handeln mochte, soll hier besser pietätvoll ausgespart bleiben.)

Schiller also schwieg zunächst. Erst nachdem der neugewählte französische Nationalkonvent im Oktober 1792 begonnen hatte, König Ludwig XVI. den Prozess zu machen, meldete er sich dann doch mahnend zu Wort. Bereits im August desselben Jahres hatte man ihn (neben anderen prominenten Deutschen) mit dem Titel eines Citoyen français ausgezeichnet; am Rande vermerkt: Schiller, hier (einigermaßen schlampig) angesprochen als Le sieur Gille, Publiciste allemand, erhielt die zunächst unzustellbare Urkunde übrigens erst anno 1798 ausgehändigt (Safranski, a. a. O.). Als er von der Ehrung erfuhr, wollte er – angesichts der Schandtaten des Pöbels und der zunehmenden Brutalität selbst in den Reihen der Revolutionäre der ersten Stunde – jedoch nicht mehr mit seiner Kritik an sich halten.

Der bereits schwer Erkrankte, der sich mit Sicherheit als Republikaner gefühlt hatte – große Teile seines Werks drückten zumindest diese Haltung aus -, dachte sogar eine Zeit lang daran, in persona nach Paris zu reisen, um vor dem Nationalkonvent zu sprechen; und an der Seine mäßigend (und im Sinne der Menschenrechte) zu wirken. Immerhin stellte das Vorgehen der Volksversammlung gegen den König in Schillers Augen „ein Beispiel für die Tyrannei der Mehrheit“ (Safranski) dar. Schiller verspürte Angst. Angst um den Freiheitsgedanken.

Kein Wunder, dass auch Georg allmählich begann, Angst zu verspüren. Wenn auch weit weniger prinzipiell, sondern in erster Linie um seine eigene Person. Und außerdem kein Wunder, dass Georg Parallelen zog zu dem, was ihm an Gefahren – wie er glaubte: von Seiten der Partei der Vaterlandsfreunde – drohen könnte. Schien nicht auch hier bald einmal alles in einem Sumpf von Rohheit und Heimtücke zu versinken?

Die in den Medien genüsslich wiedergegebenen Verbalattacken zumindest gaben solche Intentionen des Mobs in deutlichster Weise wieder. Es war schlichtweg schandbar!

Da gab es kaum mehr Dezentes spürbar, im Gegenteil: Die grenzwertigen Randgruppen in der PdV orteten instinktiv, dass ihre große Stunde bald gekommen sein würde. Und es rumorte kräftiger noch als zuvor in der plebejischen Subkultur. Ja: Die Frage stellte sich mit einem Mal: Wie lange würde der schwache Verputz einer vorgetäuschten Bürgerlichkeit da überhaupt noch halten? Erste Sprünge taten sich immerhin schon auf, sogar fast bis zur Parteiführung hinauf reichend. (Und mancher primitive Krakeeler hatte da plötzlich das Sagen.)

Überdies: Konnte es gut gehen, wenn in einer Nation Spionage und private Bespitzelung sukzessive an die Stelle der allgemeinen Wohlfahrt und des sozialen Gewissens rückten? Waren Spionage und private Bespitzelung, aber auch das permanente Abhören und Absaugen von Daten sowie das emsige Sammeln von Dossiers et cetera, noch im Entferntesten mit einem auf den Bürger, das Individuum bezogenen, geordneten Staatswesen zu vereinbaren?

Nein!

Zudem schwante Georg, dass sich die politischen Kräfte, Berufs-Mandatare und Polit-Profis, womöglich, über sogenannte Parteigrenzen hinweg, irgendwann erst recht zusammenschlössen und solcherart dann gebündelt auf das endgültige Verderben des einzelnen Staatsbürgers, aber auch auf das des Staates als Rechtskörper hinarbeiten würden. Die Sache mit dem Dienst am Staat war immerhin schon ein deutliches Indiz gewesen und ein Beispiel für spielend Ideologien (wenn es solche überhaupt noch gab …) übergreifende Kooperationen.

Bei Schiller freilich stand noch die Sorge im Vordergrund – und sie wurde durch die synchron ablaufenden Ereignisse in Frankreich gespeist -, die Menschheit könnte zu einem bestimmten Zeitpunkt zwar kräftig genug sein, politische Veränderungen zu erzwingen, moralisch und ethisch indes womöglich (noch) zu schwach, die damit verbundene Freiheit überhaupt zu er-tragen. Diese mögliche Ungleichzeitigkeit von Vernunft und Vitalität – so nennt den Zwiespalt zumindest durchaus bildhaft der Schiller-Biograph Rüdiger Safranski – machte dem Dichter anscheinend auch als Philosoph und Historiker ziemlich zu schaffen.

Würde also die Kraft der Vernunft mit der Vitalität des Verändern-Wollens zeitgleich wirken? Oder wären womöglich die eine oder die andere schon verflogen oder noch nicht vorhanden, wenn es just darauf ankäme, beide zu bündeln? Könnte also „die späte Vernunft, die in der Revolution die geschichtliche Bühne betrat, den freien, starken Streiter nicht mehr oder noch nicht“ vorfinden? (So drückt es Safranski aus und weist in diesem Zusammenhang auf die oben schon erwähnte Vorrede Schillers zu Friedrich Philipp Immanuel Niethammers Bearbeitung der Geschichte des Malteserordens von René Aubert de Vertot d’Auboeuf [Jena 1792], worin es [hier nun zitiert nach der Schiller-Ausgabe, Band 17, Wien, 1817] heißt: „Die Herren des Mittelalters setzten an einen Wahn, den sie mit Weisheit verwechselten [] So schlecht ihre Vernunft belehrt war, so heldenmäßig gehorchten sie ihren höchsten Gesetzen – und können w i r , ihre verfeinerten Enkel, uns wohl rühmen, daß wir an unsere Weisheit nur halb so viel, als s i e an ihre Thorheit, wagen?“ [Bei Safranski steht übrigens Heroen, nicht Herren, Anm.])

Die Ungleichzeitigkeit. Das Verfehlen. Frühe Freiheit und späte Vernunft können einander womöglich nicht zur rechten Zeit treffen. Deshalb wohl hatte sich Schiller manche voreilige Äußerung zur gerade vor sich gehenden Französischen Revolution so lange verbissen.

Da hielt er sich denn doch lieber an Immanuel Kant und seine drei Kritiken („Kritik der reinen Vernunft“ [1781], „Kritik der praktischen Vernunft“ [1788] und „Kritik der Urteilskraft“ [1790]), was ihm immerhin manche Bestätigung seiner eigenen Philosophie brachte; und darüber hinaus sogar neue wertvolle Erkenntnisse. Als dass er da, erst schier atemlos staunend, dann voller Abscheu, die sich vom Ideal der Freiheit bald schon in ein immer ärger werdendes Blutbad verwandelnde Französische Revolution kommentierte.

In der Tat: Beim Kollegen Kant, der schon seit 1770 an der Universität seiner Heimatstadt, Königsberg, Logik und Metaphysik lehrte, hatte der Vielarbeiter Schiller, der sich als Theaterdichter gleichzeitig geistig bereits intensiv mit dem „Wallenstein“-Stoff auseinandersetzte, manchen eminenten Anhaltspunkt gefunden; manchen philosophischen Ankerpunkt, sozusagen. Die Natur (auch Gott, die Welt oder die Seele) mochte zwar als das ominöse Ding an sich weitgehend ausgespart bleiben in den Überlegungen; aber dass der Mensch selbst, so Kant, sich seine Kategorien schuf, das war auch Schiller überaus wichtig.

In Johann Gottlieb Fichte, dessen Professur in Jena Schiller selbst befürwortet hatte, erwuchs ihm dann ein weiterer Denkgenosse. Auch wenn Fichtes permanente Betonung des Ich (als Schöpfer aller Wirklichkeiten) auf Skepsis stieß – übrigens sogar bei Schiller selbst …

Als wenig später der Grundstein zur Freundschaft zwischen Schiller und Goethe gelegt war, sollten sich die beiden Olympier übrigens darin uneins bleiben, ob nun der Idee oder der Natur die größere Bedeutung zukäme.

Friedrich Schiller indes hatte bei seiner intensiven Kant-Lektüre nicht nur die Ideen der Philosophen-Kapazität verinnerlicht, er war zum Teil bald schon über den kategorischen Geber manchen Denkanstoßes hinausgewachsen. So fand er schließlich zur Freiheit der Ästhetik – und zum Idealismus.

Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung“, so machte er nunmehr die Begriffe gegenseitig an einander fest. In seiner Schrift „Über Anmut und Würde“ (1793) rundete sich dann quasi die Begriffslinie endgültig zum Gedanken-Kreis.

Ihm, Georg, fehlten größtenteils solche Sicherheiten in einer, knapp 230 Jahre später in einer nicht nur total materiell ausgerichteten Welt, die außerdem längst schon zum Spielball sogenannter (indes weitestgehend Intellekt-freier) Eliten geworden war. Zum Spielball von Polit-Popanzen, die ihrerseits an Roboter im Menschen-Design erinnerten, wie sie die Genres Science-Fiction-Literatur oder SF-Film kannten und allgemein bekannt gemacht hatten, von Golem und Doktor Frankensteins Monster bis Matrix. Sie wiederum waren inzwischen vermutlich längst schon zu Marionetten eines entmenschten Wirtschafts- und Finanzsystems mutiert und belebten quasi auf unbelebte Weise eine futuristische Börsen-Architektur.

Das alles in einer total auf das Materielle fokussierten Welt, die sich just des futuristischen Ambientes bedienen musste, weil es für sie eine echte Zukunft gar nicht (mehr) gab.

An eine solche Entwicklung hätten vermutlich nicht einmal die ganz Rigorosen unter den Aufklärern zu denken gewagt. (Besser: Sie hätten sie sich wohl erst gar nicht erträumt …)

Diese Einsicht entsetzte jetzt allerdings auch Georg. (Wie sie unter variierten Begleitumständen [und zeitverschoben] vermutlich auch Schiller entsetzt hätte. Doch Friedrich Schiller war tot. Während Georg – noch – lebte.)

Freilich: Georg fehlten die tiefen Einblicke eines Schiller in Kants Philosophie; auch wenn ihn das, was er gelesen und erfahren hatte, durchaus faszinierte. Sogar Schillers Denken war ihm – er musste das, freilich nur vor sich selbst (und zumindest umwunden) zugeben – viel zu wenig geläufig.

Nein, Georg war da zu wenig Theoretiker der Aufklärung, überdies kein geschulter Historiker; erst recht freilich kein Zukunftsforscher, als dass er so ohne weiters begriffen hätte, was ihn eigentlich bedrückte an den, sozusagen: als gravierend empfundenen politischen Veränderungen. Und an dem, was da noch im Anrollen sein musste. Das er quasi – roch …

Denn dass etwas im Busch war, daran bestand für ihn längst kein Zweifel mehr.

Und er dachte, bevor er die betreffenden Schiller-Bände an ihre angestammten Plätze zurückstellte und die Leselampe ausknipste, mit einer gewissen Wehmut an Uschi.

Ja, Georg lächelte sogar melancholisch. (Doch, doch, das konnte er: melancholisch lächeln.)

Natürlich wird davon,

was man gern täte,

noch längst nichts besser.

Aber ein Anfang mag es

immerhin sein.

Fortsetzung folgt!

Familie als Zelle

Wie genau und im Einzelnen sich die potenziellen neuen Lenker des Staates, die sich immerhin einige Zeit und mit Aussicht auf Erfolg schon als die zukünftigen Herren gesehen hatten, ihr hier zu errichtendes Nationalgebilde vorgestellt hatten, wird sich nicht mehr eruieren lassen. Obschon sie wie stinkende Baumpilze in modriger Umgebung aus (angeblich: ehrenwerten, immerhin: altvorderen) ewig-gestrigen Myzelien herangewachsen waren und eigentlich Bescheid hätten wissen können über die Usancen politischer Umstürze, scheiterte ihr im Grunde anmaßender und stümperhafter Versuch einer neuen Ordnung zuletzt doch noch. Übrigens: im Feuer einer ziemlich herkömmlichen mittel-kleinen Revolution.

Dass ihr Versuch mindestens so hochtrabend angelegt gewesen war wie schon viele ähnliche, ebenfalls gescheiterte Experimente in der Geschichte der Staaten, Nationen und Kulturen, ist gewiss. Und dass die eigene Hybris der selbsternannten Führer zuletzt den Fall des – im Einzelnen (wenn auch ziemlich infernalischen, so immerhin) durchdachten und bürokratisch funktionstüchtigen – Systems verschuldete, wurde schließlich immerhin augenscheinlich.

Freilich, wie ein Volk, das im Laufe der Geschichte, immerhin schon einiges miterlebt hatte (und folglich auch imstande gewesen wäre, daraus zu lernen), erneut und wie ein taumelnder, denkfauler Riese (oder ein kleines Kind) in diese – noch dazu gar nicht so besonders aufwendig getarnte – Falle getappt war, wird wohl wieder einmal schleierhaft bleiben.

Doch schon Österreichs Paradesatiriker (nicht nur des 19. Jahrhunderts) Johann Nepomuk Nestroy (1801 – 1862) äußert sich zur diesbezüglichen Unfähigkeit der Pleps wortgewandt und unwiderlegbar: „Das Volk is‘ ein Ries‘ in der Wiegen, der erwacht, aufsteht, herumtargelt, alles zusamm’tritt und am End‘ wo hineinfallt, wo er noch viel schlechter liegt als in der Wiegen.“ (Aus „Lady und Schneider“ [1849]. Zum Autor u. a.: Wendelin Schmidt-Dengler, Nestroy. Die Launen des Glückes. Wien 2001.)

Das Volk hat also auch sein Prokrustes-Bett. Nur dass diese Bettstatt, reziprok zur Antike, zu klein für es ist und nicht zu groß, wie die zwischen Athen und Korinth, wo der übellaunige Riese seine Wohnung hatte, in die er (ganz Politiker) die ahnungslosen Reisenden und Wanderer bat.

Oder hatte (wieder einmal) überhaupt nur ein Zufall den Ausgang dieses neuerlichen verheerenden nationalistischen Versuches mit Menschen und an Menschen bestimmt? War es nur durch glückliche Fügung noch einmal verhältnismäßig gut ausgegangen? Wäre alles anders gekommen, hätte nicht – – –

Ganz allgemein. Der Streit der Weltmächte und der Staaten untereinander fände, so heißt es, seine Entsprechung im tagtäglichen Zwist im Kleinen, in der Partnerschaft und im engem Kreis der Familie. Ob sich das tatsächlich so verhält, bleibe dahingestellt; zu viel vom Thomas Hobbes’schen Leviathan schwingt da mit, von diesem Staats-Körper, gebildet aus den Individuen, die ihrerseits wieder Mini-Ausführungen des Ganzen sind. Wie Ameisen, allesamt. Und zugleich wie der Ameisenhaufen, den sie bilden, quasi: als Mini-Staatsgefüge.

Doch dass die Familie, das engste Umfeld also, diese immer wieder hochgelobte – vermutlich: weil von der Staatsmacht optimal kontrollierbare – Urzelle, Born sowohl des Angenehmen als auch des Unangenehmen sein mag, steht wohl außer Frage.

Im Fall Georgs (und, wie schon weiter oben angedeutet, auch [in verminderter Form] in dem Uschis) lässt sich das zumindest recht gut illustrieren, ja: geradezu bildhaft belegen.

In der Tat, die Ehe zwischen Liane und Georg darf sogar als Paradebeispiel eines sozialen Phänomens in dieser Gesellschaft und in dieser Zeit gelten. Dass nämlich – und fast automatisch – das Äußere (und somit auch alles Äußerliche) an Bedeutung gewinnt, während das Innere, die eigentliche Beziehung zweier Individuen zueinander, sukzessive den Bach ‚runter geht.

Liane, 42, hatte ihr Studium der Kunstgeschichte und Archäologie damals zwar fast abgeschlossen gehabt, sich nach der Heirat mit Georg indes ohne allzu großes Bedauernd in die Funktionen der Hausfrau und Mutter gefügt. Dieses Funktionieren empfand sie eine Zeit lang, besonders während die Kinder noch klein waren, auch weitgehend ausfüllend. Dann, bald darauf, meinte sie, nun allerdings wohl schon ausgelastet zu sein; schließlich indes hielt sie sich in zunehmendem Maß bloß noch für belastet – durch Georg.

Immerhin lernte sie rasch, die gesellschaftliche Anerkennung, die ihr, proportional zu des Gatten Karriere, gezollt wurde, in vollen Zügen zu genießen. (Wenigstens etwas, bitte schön!, sollte auch sie davon haben, dass ihr Mann wer war und was darstellte!) Und als dann auch diverse karitative Agenden und zum Teil sogar einigermaßen glanzvolle Charity-Aufgaben für sie (und auf sie) hinzukamen, schien sie überhaupt in ihrem Element zu sein.

Gesellschaften, Partys, Empfänge – das hatte schon Flair. Ihre kunsthistorischen und archäologischen Kenntnisse halfen zudem, die zum Small-Talk nötigen Worthülsen mit ein wenig Leuchtkraft zu füllen; dann stiegen sie wie Mini-Leuchtraketen in den Nachthimmel der üblicherweise seichten Gespräche auf. Und gab Liane dann erst einmal Anekdoten aus der Zeit zum besten, da sie in Ephesus, Altamira oder in der Nähe von Kairo an Ausgrabungen und Exkursionen teilgenommen hatte, herrschte alsbald schieres Vergnügen ob so viel Gelehrsamkeit und Charme. Sie wurde schlichtweg beneidet, vor allem von Mitstreiterinnen, die sich bei weitem weniger illustren Tätigkeiten hingegeben hatten, bevor sie in die vergleichsweise beneidenswerten Positionen aufgestiegen waren, in deren karitativem Glanz sie sich jetzt zu sonnen vermochten. (Männer auf dem Charity-Sektor, die ihren Manager-Ehefrauen gesellschaftlich derart zur Hand zu gehen hatten, waren übrigens noch weitgehend Mangelware.)

O ja, Liane wusste sich zu bewegen auf all diesen gestelzten Empfängen und vor Fadesse schier glitzernden Feten! Sie genoss ihre kleinen und größeren Auftritte zwischen all den – in aller Regel grottendummen, indes gewaltig herausstaffierten (oder auf totales Understatement geschminkten) – Lemuren und Wohlstandsaffen, diesen Beluga-Löfflern, Austern-Schlürfern und Champagner-Schluckern, kurz: im Trubel der wohlfahrtsgeilen Charity-Comunity.

Ohne Frage, Liane stand gern im Mittelpunkt ihrer angeblich ausgewählt kleinen, aber ebenso angeblich feinen Prosecco-Runden und Cocktail-Kränzchen. Egal, ob es sich um mehr oder minder glanzvolle Vernissagen zum guten Zweck oder um Tombolas und Versteigerungen handelte, um halblustige Lesungen, biedere Konzerte oder pfiffige Chansonabende: Ergötzen für Auge und Herz sowie Erleichterung fürs Portemonnaie waren garantiert.

Auch wenn sie es weniger schön fand, dass sich ihr und Georgs Ehe-Dasein als nur mehr wenig attraktives Aneinander-Vorbei-Leben darstellte. Bestärkt wurde sie in ihrem Frust dadurch, dass sie seinen Sex – sie hatte die von ihnen praktizierte Sexualität immer schon in ihre und seine Hemisphäre geteilt – lägst schon als nur wenig aufregend empfand.

Im Kreis ihrer Szene-Freunde schien sie sich jedenfalls wohlzufühlen. Wohler als mit Georg zumindest. Außerdem musste sie mit niemandem von der eigenartigen Gesellschaft hier auf Tuchfüllung gehen; und wenn sie es dennoch tat (und das kam durchaus mitunter vor), war sogar ihre ansonsten ziemlich ausgeprägte Unlust – wir meiden das Wort Frigidität in diesem Zusammenhang wohlweislich – nicht selten im Nu verflogen. Nur bei Georg, ihrem Gatten, fühlte sie sich vorzugsweise unwohl. (Migräne und so.)

Ein wenig anders, um einiges schmerzlicher nämlich, empfand Liane allerdings die Entfremdung von Chantal. Die ältere Tochter hatte zwar schon vor einem Jahr, mit 18, eine eigene kleine Wohnung bezogen (die naturgemäß von den Eltern bezahlt wurde). Doch Chantals Umgang, besonders ein irgendwie obskur wirkender Bursche namens Helmut (oder: Heli), war Liane grosso modo suspekt. Dass die Tochter zudem die Studienfächer so oft wechselte wie andere die Leibwäsche, beunruhigte sie außerdem.

Tom begehrte hingegen bloß auf, wie es Eltern einem pubertierenden Fünfzehnjährigen nun einmal zuzugestehen hatten. Das musste so sein. Auch wenn er es – in puncto Alkohol, Mädchen und Drogen – ein wenig übertrieb, wie es der diesbezüglich mit dem Spürsinn eines Jagdhundes ausgestatteten Mutter vorkam. Ja, Tom war da eindeutig exzessiv.

Mit Georg darüber zu reden, dazu fehlte es im Allgemeinen an Zeit und Gelegenheit.

Ihr Mann hatte Stress. Und je mehr Geld er herankarrte, umso mehr Stress hatte er denn auch. (Was das alte Sprichwort Zeit ist Geld zu bestätigen schien: Denn in Konsequenz dieses Gedankens musste immer weniger an – für welche Leistung auch immer – erübrigter Zeit irgendwann ein nicht mehr näher zu bezeichnendes Vieles als Entschädigung nach sich ziehen … Wobei bald schon nicht mehr klar zu erkennen sein würde, was davon das andere bewirkte.)

Mit Georg, so sagten wir, konnte sie also kaum noch ordentlich reden. Denn wenn sie mit einander sprachen, quasi zwischen zwei Terminen oder zwischen Tür und Angel, dann lebte der Disput meist hauptsächlich von den imaginären Gedankenstrichen, von den lautlosen Minipausen und vom kurz Bitternis signalisierenden Stirnrunzeln.

Solche kleine Gebärden, das Spiel der – inzwischen das Vorhandensein hochexplosiver Minen symbolisierenden – Mienen hatte längst schon echte Anteilnahme an den Sorgen und Problemen des Partners oder der Partnerin zu ersetzen …

Andernfalls wäre ihm, Georg, vermutlich auch seine weitestgehende Zerrissenheit und Unzufriedenheit noch stärker zu Bewusstsein gekommen. Und ihr, Liane, die pure Oberflächlichkeit und geistige Leere, in die sie sich längst schon hinein-manövriert hatte, peu à peu.

Und dann noch diese paar seltsamen Wochen Dienst am Staat. Ihr werde, so hieß es, ein solcher Kurs übrigens auch noch bevorstehen. (Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.)

Das Verhältnis der durchaus denk-aktiven und auch einigermaßen fröhlichen Uschi und ihres dumpfen Christian war ein Abbild desselben Problems auf einer finanztechnisch zwar niedrigeren Stufe, doch ansonsten durchaus ähnlich gelagert. Uschi studierte Psychologie et cetera auch nach der Sex- und Gesprächs-Episode mit Georg weiter so intensiv (oder oberflächlich) wie bisher. Und dass ihr Lebensgefährte, der Lehrer Christian, Karriere beim Geheimdienst machte, war ihr nach wie vor nicht bekannt. (Hieß ja schließlich auch Geheimdienst …)

Ihr war indes auch nicht bekannt, dass ihre Teilnahme und ihr Aufenthalt bei besagtem Kurs im Dienst am Staat von Beginn an penibel dokumentiert worden war. In Wort und Bild, wobei die betreffende Behörde jedes Telefonat genauestens festgehalten und jeden noch so furzigen Internet-Eintrag (soweit er nicht ohnedies von vornherein hatte unterbleiben müssen nach schon erwähnter interner Regelung) dokumentiert hatte. Peinlich genau alles das.

Warum dieser an die Tätigkeiten der US-amerikanischen National Security Agency (NSA) gemahnende Überwachungsaufwand? Einerseits, weil man wissen wollte, wie sich die Partnerin eines durchaus hoffnungsfrohen Geheimagenten machte (als solcher galt Christian nämlich bezeichnenderweise bei seinen Vorgesetzten); anderseits, weil man auch mit Uschi selbst noch einiges vor hatte: Die scheinbar so wenig politischen Studien der philosophischen Richtung sollten im Gegenteil erheblich aufgemotzt werden, was ihr gesellschaftliches Potenzial betraf. Eine zukünftige Indoktrination und die intensive Beeinflussung von Kind auf standen nämlich ganz oben auf der Agenda der zukünftigen Machthaber und ihres willfährigen Apparats. Da war das Ausspionieren von jungen Leute wie Uschi durchaus hilfreich, konnte man so doch fast zeitgleich die Effizienz diverser Aktionen überprüfen. (Außerdem waren die Filme und Fotos ausgesprochen geil anzusehen, fanden die das Material Auswertenden.)

Und drittens: Man hatte auch testen wollen, wie sie, Uschi, diese hübsche, gescheite junge Frau, auf Georg reagierte. Wobei just dieses Exemplar eines Managers in höherer Verwendungsstufe ebenfalls peinlich genau überwacht wurde. (Bei ihm ging es hauptsächlich um seine Vertrauenswürdigkeit in Hinblick auf den von ihm demnächst einzunehmenden Chefposten und den bevorstehenden Sitz im Aufsichtsrat der BRAVACHEM. Und da sah es, nach dem, was Georg mit Uschi so alles besprochen hatte, eher düster für beide aus … Eigentlich, genau genommen, empfanden die Abhörenden und Beobachtenden da ihr Gebumse noch als das Harmlosere. [Bis auf Christian, der das, verständlicher Weise, etwas anders sah …])

Hier soll noch einmal kurz auf Friedrich Schiller hingewiesen werden, und zwar auf seine Abhandlung „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung“ (1788). Vergleichen wir, was durchaus naheliegend ist, die vom Freiheits-Dichter angeprangerte Inquisition, mit heutigen Geheimdiensten, befällt uns alsbald ein ähnliches Grauen. Die (spanische) Inquisition richtete sich zunächst gegen alte Religionen und deren Überreste. Laut Schiller wurde sie von Kardinal Ximenes gestiftet und vom Dominikanermönch Torquemada mit den entsprechenden Statuten versehen, bevor sie in volle furchtbare Blüte kam.

Dass sie – so Safranski – willkürliche Gewalt übte, mag schon schlimm gewesen sein; schlimmer freilich war, dass sie den gesamten Gesellschaftskörper auf diese Art sukzessive vergiftete. Dass sie alles in Angst und Schrecken versetzte, was mit dem (zunächst übrigens noch weltlichen) Inquisitor und seinen Priester-Gehilfen in Berührung kam.

Bei Schiller liest sich das unter anderem so: „Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde; ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens.“ Und er fährt fort: „Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freyheit gefesselt.“ (Zitiert nach Georgs Ausgabe der Schiller-Werke, Band 11. [Wien 1816.])

Sah Schiller hier den späteren Totalitarismus des 20. Jahrhunderts voraus? Die Verwandlung von Diplomatie (übrigens: auch der eines Prinzen Eugen im 17./18. Jahrhundert!) in Spionage? Die Bespitzelungen während des sogenannten Kalten Krieges? Schließlich die Cyber-Spionage des beginnenden 21. Jahrhunderts?

Können wir hier, bei Schiller, nicht schon fast das allgemeine Unbehagen herauslesen, wie es, besonders nach den Enthüllungen Edward Snowdens, eines ehemaligen Mitarbeiters des US-amerikanischen Nachrichtendienst NSA, ab dem Juni 2013 dann so penetrant spürbar wurde?

Anders gefragt: Waren diese und ähnliche Ängste auch ohne eine als solche deklarierte Inquisition und abseits des gemeinschaftlich geführten kirchlich-staatlichen Horrorbereiches möglich? Auch ohne die dominikanische Häretiker-Spürnase Bernard Gui oder ohne den Generalinquisitor Fernando Niño de Guevara? Ohne die späteren offiziellen Hexenjäger?

Ja, war Schiller – selbst ein Geisterseher?

Jedenfalls stellte er sich – und darin war er mindestens ein Vorausschauender und schaudervoll Ahnender – eindeutig gegen die Erniedrigung des Menschen durch Inquisition – oder, ganz allgemein, durch den anderen Menschen. (Egal übrigens, ob der nun mehr in dem von der Natur bestimmten Sinn Johann Gottfried Herders agierte oder nach der Auffassung Immanuel Kants, also von der Vernunft geleitet.)

Mit welchem Erfolg, steht hier freilich nicht zur Diskussion.

Und, übrigens, wie Martin Walser in seinem Roman „Ein sterbender Mann“ so treffend sagen lässt : „Man stirbt nicht nur einmal.“

Das Leben ist nun einmal

nicht das einfachste

Experiment. Und

am Ende ist es außerdem

nicht unbedingt aus.

Fortsetzung folgt!

Glaube

Die berühmten Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l’homme et l’origine du mal (1710; „Versuche in der Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels“) gelten als einziges größeres philosophisches Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716). Darin handelt der Universalgelehrte und Mathematiker – als solcher hat er etwa gleichzeitig mit Isaac Newton die Differenzial- und die Integralrechnung sowie das binäre Zahlensystem begründet – die Frage ab, inwieweit sich das Übel in der Welt mit der Existenz eines allwissenden, allmächtigen und allgütigen Wesens, das sie ja immerhin erschaffen hat, vereinbaren lässt. (Siehe. Lothar Kreimendahl, Hauptwerke der Philosophie. Rationalismus und Empirismus. Stuttgart 1994.)

Ein Gespräch zwischen Prinz Eugen von Savoyen und dem Philosophen anno 1713 war jedenfalls auf einem Stich festgehalten. (Übrigens: Jean-Jacques Rousseau wurde ein Jahr später geboren [und starb 1778].) Und auf uns ist in erster Linie die berühmte Leibnizsche Monadologie (1714) gekommen. Sie geht bekanntlich von seelischen Kraftzentren (Monaden) aus, die durch die sogenannte prästabilierte (vorherbestimmte) Harmonie verbunden sind und gemeinsam wirksam werden. Und zwar durch eine große Kunst (Gottes).

Nun, so weit vor- (oder zurück-)zudringen hatte Georg eigentlich gar nicht vor. Auch wenn ihn das Problem der Theodizee – naturgemäß: am Rande – interessierte. Er hätte sich selbst nämlich, wäre er gefragt worden, rundweg als bemühten Atheisten bezeichnet; auch wenn er, aus Respekt und Toleranz heraus, quasi trotzdem nichts für unmöglich halten wollte. Außerdem bliebe, so dachte er sich, von Menschen (aber auch von Tieren, ja, sogar von Pflanzen, ganz allgemein: von Erinnerungen) durchaus etwas bestehen und übrig, wenn jemand stürbe, verendet sei oder verwelkt. (Auch dass die Natur quasi alles in sich aufnehme und solcherart gewissermaßen konserviere, erschien ihm durchaus plausibel. Und tröstlich.)

Ob Gott das Übel in der Welt nun nicht verhindere, weil er das nicht zu tun vermochte und ergo nicht allmächtig sein konnte, oder ob er es einfach nicht vermeiden wollte, obwohl er das könnte, und deshalb nicht als allgütig anzusehen wäre, oder woher das Übel überhaupt stamme, obgleich Gott es verhindern wolle und könne, all das ließ Georg, sozusagen: kalt. Er nahm es hin, ohne deshalb das Übel oder Gott zu leugnen …

So gesehen, war Georgs Atheismus (allein schon wegen dieser, weiter oben geschilderten toleranten Haltung) nichts, vor dem jemand anderer sich hätte ängstigen müssen. (In ähnlicher Weise ließ er sogar ohne weiters ihm nicht-genehme politische Meinungen – zumindest als Gedanken-Konstrukte – gelten; wenn sie nicht zu Lasten anderer gingen oder zu blöd formuliert worden waren.) Ja, Georg war durchaus tolerant. (Na, ja …, in Maßen.)

Er hatte sich jedoch immer wieder gewundert über die törichte Angst der sogenannten Streng-Gläubigen, ein strikter Atheismus müsse stracks zum Verlust von Rechtsempfinden, Moral und Sitte führen oder ihn zumindest beschleunigen. (Dass die Priesterschaft dies befürchtete, mochte noch als berufsbedingte Überängstlichkeit begreiflich erscheinen, ging es doch immerhin um den potenziellen Verlust von Einfluss, Macht und Pfründen.)

Doch war seiner Meinung nach just das Gegenteil der Fall: So viel Unrecht, Unmoral und Unsitte, wie sie im Namen irgendwelcher Religionen geschehen waren quer durch die Menschheitsgeschichte, würde sich beim endgültigen Wegfall der verbliebenen Glaubensgemeinschaften kaum mehr toppen lassen.

Es war immer dasselbe Lied: Die Vertreter diverser Religionen und Sekten – ob nun Christen, Juden, Moslems oder Buddhisten – waren zwar jederzeit mit Feuer und Schwert zur Verteidigung irgendwelcher obskurer Gewohnheitsrechte bereit, die ihre Position in den betreffenden Staaten betrafen; die Vertreter des Islams taten sich noch leichter als etwa die Christen: Bei ihnen galten Religion und Staat nach wie vor weitgehend als identisch. (Was den [zumindest nach außen hin] ebenso weitgehend unverständlichen Kampf zwischen den so lange schon abgespaltenen Untergruppen der Schiiten und Sunniten ganz besonders verwirrend erscheinen ließ. Und was auch das Auftreten der Terrormilizen des ominösen IS [des {sogenannten und selbsternannten} Islamischen Staates] beziehungsweise die angeblich religiöse Legitimation dieses Gewaltsystems weitestgehend unbegreiflich machte.)

Doch immer, wenn es um den Schutz des Menschen in seiner – egal, ob von Gott, der Natur, ob von ihm selbst und seiner Vernunft oder von wem auch sonst immer – gegebenen Würde ging, dann versagten erstaunlicherweise die üblicherweise noch so effektiven Verteidigungssysteme; wie auch der grundsätzliche Wille der Staaten und Staatenbünde zum Schutz des Lebewesens Mensch mit einem Mal gänzlich ausblieb.

Just an die Stelle des Schutzes traten dann, quer durch die gesamte Geschichte, quer durch diese meist tragische Aneinanderreihung obskurer, erschütternder und beschämender Ereignisse und düsterer Vorkommnisse, die bizarrer Weise als Fortschritt missverstanden (und gepriesen) wurden, just an die Stelle seines Schutzes also traten mehr oder weniger skurrile, alberne, wundersam-phantastische, allemal aber auf ein nebulöses Vertrösten hin konzipierte Jenseitsvorstellungen: Himmel, Hölle oder das Nichts … als theologische Tranquilizer.

Und noch etwas. Akzeptierte man die weitverbreitete Meinung, die Menschen vermöchten in ihrer Tierähnlichkeit nicht anders, als sich gegenseitig nach dem Leben zu trachten, so könnte es damit auch schon sein Bewenden haben; dann wäre eben alles so, wie es nun einmal war: unabänderlich.

Es würde immer Kriege geben – egal, ob deshalb der Krieg „der Vater aller Dinge, aller Dinge König“ wäre (und „die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien“ machte), wie Heraklit gesagt haben soll -, und der Angriffs- wie der Wehrwille präsentierten sich quasi berechtigterweise als gleich stark wie der zum Überleben, zur Weitergabe der (noch so fragwürdigen) Begabungen und Anlagen, wie der Drang zur Fortpflanzung eben.

Und: Eine Besserung des Menschen in ethischer und moralischer Hinsicht sollte daher grundsätzlich erst gar nicht erhofft, geschweige denn erwartet werden.

Dem widersprechen allerdings eine sich immerhin ausgeprägter beweisende Individualität und ein inzwischen – proportional zum Erfahrungsschatz – um einiges größerer gewordener, da ständig angewachsener und weiterhin anwachsender Erfindungsreichtum des Menschen, der – im Unterschied zum Tier – bekanntlich, zumindest im Allgemeinen, nicht nur zu reagieren, sondern auch zu agieren vermag. Und außerdem der Sprache (als Reflexion über sein Handeln wie als Impuls dazu) mächtig ist; zumindest einigermaßen.

Ach ja, die Partei der Vaterladsfreunde, die PdV. Die – noch: hoffnungsvollen potenziellen – neuen Herren, sie zeichnete in der Tat eine wahre Meisterschaft im Zusammenflicken und Kombinieren alter, halbwegs ausrangierter Denkreste, politischer Pseudo-Philosophien und sonstigen weitgehend kompostierten Strukturenmülls, verquerer Allerwelts-Denkmodelle und diverser seichter Phantasmagorien aus. Sie setzten naturgemäß nicht nur auf den Krieg als Vater aller Dinge (um auch hier wieder an – ihrer Ansicht nach – Altbewährtes anzuschließen) und auf Revolution und Revolte, gleichsam auf seine kleinen Nachkommen, sondern ebenso naturgemäß auch auf die Religionen; hier vor allem auf die in ihrem Sold stehenden Rituale und Traditionen. Auf diese allzeit heranzuziehenden Helferlein, wenn es um rasch wirkende Verdummung und Verwirrung im Sinn der stets so wichtigen Propaganda ging.

Rituale und Traditionen dienten dabei als Katalysatoren, die sich bisher immer noch in verderbenbringender Verlässlichkeit bewährt hatten. (Besonders dort, wo man sie und ihre von Gold und Edelsteinen blinkenden Brimborien als äußeren, als barock-farbenfrohen und irritierend prunkenden Rahmen einsetzen konnte, um danach das so entstandene Traditionsgerippe wieder mit neuem trügerischen Pflanz und neuer wertloser Blendmasse aufzufüllen.)

Das wirkte in der Regel alles durchaus effektiv. Besonders, wenn von dem betreffenden Staat (oder der betreffenden Nation, dem betreffenden Reich) Bevölkerung und Bürgerschaft geistig bereits entsprechend konditioniert worden waren; und nach unten hin nivelliert: durch geschickt eingesetzte Entertainment-Elemente wie Gladiatorenspiele, Zirkusse oder Fernseh-Talkshows und ähnliche Hilfsmittel einer möglichst breitenwirksamen Verblödung.

Diese Verblödung hatte jedoch längst nicht nur von den Stammtischen der Vaterlandsfreunde, diesen Urzellen bierseliger Nationalberauschung, Besitz ergriffen. Vielmehr erfüllte weitestgehend gedankenleeres Geschwafel sehr wohl auch die Chefetage der Partei. (Und, nebenbei sei es erwähnt, just Franz Xaver Prumser erwies sich als besonders anfällig für den Bazillus der Ignoranz …) Kurz: Die angeblichen Polit-Profis bei der PdV büßten sukzessive ebenso an Realitätssinn ein wie ihre Brüder und Schwestern in den Bierzelten und an den Stammtischen. Wie die kleinkarierten, vom Alkohol und ihren politischen Ansichten gleich berauschten Herren Frosch, Brandner, Siebel und Altmayer (um hier der Stammmannschaft in Auerbachs Keller zu Leipzig [in Johann Wolfgang von Goethes „Faust, Teil I“ zu gedenken], verfielen die Anhänger der sonst so frisch wirkenden Bewegung schließlich in quasi bleierne Agonie.

Freilich, was ansonsten das Illusionistische betraf, hätten es manche Parteifreunde spielend mit ihren bier- und weinseligen Wirtshausbrüdern und -schwestern aufnehmen können. Aber die alte Erfahrung bestätigte sich, dass Alkohol-getränkte Volksnähe einerseits manche Polit-Laufbahn erst in Schwung brachte; dass sie anderseits in der Folge jedoch noch so schöne Aussichten gewaltig gefährden konnte. Und so stockte mancher PdV-ler bei den kraftraubenden, aber so wichtigen Klimmzügen, wenn er anderntags wieder unterwegs war an die potenzielle Karrierespitze. Zuletzt jedenfalls stürzte die gesamte Bewegung in den politischen Stillstand. Verbot und Bedeutungslosigkeit hießen die Endpunkte.

Doch noch war es nicht so weit. Noch herrschte allenthalben bloß die Hoffnung vor, erst einmal den politischen Sieg bei den anstehenden Wahlen zu erringen. Koste es, was es wolle!

Freilich, wer dauernd kämpft und kämpfend strebt, vernachlässigt eines mit Sicherheit: das Spiel! Das Spielerische! Und um nochmals Friedrich Schiller zu erwähnen: Der Dichter bekannte sich als Philosoph in seinen Ästhetischen Briefen (abgedruckt in den Horen von 1795) zum Spiel als kreativer, weitgehend dem Menschen vorbehaltener Möglichkeit, das Dasein – leichter – zu meistern. Dem Dasein seinen Stempel aufzudrücken. Zu sein.

Die Überlegungen, angeregt durch – im Übrigen bis heute unvermindert wirkende – (Kultur-)Errungenschaften wie Arbeitsteilung, Fragmentierung des einzelnen und grundsätzliches Diktat der Nützlichkeit, gipfeln in Schillers These: „Denn, um es endlich einmahl heraus zu sagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Zitiert nach: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“. 15. Brief, in: Friedrich Schillers sämmtliche Werke [26 Bde., Bd. 18; Wien 1817]; siehe auch: Rüdiger Safranski, Schiller/Idealismus, a. a. O.; ders. [Hg.], Schiller als Philosoph. Anthologie [Berlin 2005].)

Dabei bewirkt das Spiel, laut Schiller, unerhört viel Gutes. Es vermag Aggressionen abzuschwächen; wenn es die Sexualität in der Erotik menschlich macht; oder blutige Kriege in sportliche Wettkämpfe und Konkurrenzen umwandelt. „Ehre und Stolz, Ressentiment und Vorurteil können sich auf vergleichsweise ungefährlichem Gelände austoben.“ (Safranski, Schiller/Idealismus.)

Kurz: Durch das Spiel wird aus feindlicher Auseinandersetzung friedliches Miteinander.

Danach stand den Vaterlandsfreunden (bierernst, unversöhnlich und unerbittlich, wie sie nun einmal waren) freilich nicht der Sinn. Nein. Sie hätten die Schillersche Reverenz vor dem Spiel (und in der Folge auch die Friedrich Nietzsches und Christian Morgensterns) – wäre sie ihnen überhaupt bekannt gewesen – keineswegs goutiert.

Sie übten sich lieber weiterhin in übersteigertem Nationalismus, ärgster Fremdenfeindlichkeit und diversen rigorosen Ausgrenzungen. (Wie sie sich in der Sexualität verhielten, soll hier erst gar nicht untersucht werden.)

Also war die PdV überaus rege und aktiv bei der unheilvollen Sache. So erfanden die Neuen, die sich längst schon als Machthaber der Zukunft fühlten, zum Beispiel auch den – im Allgemeinen ohnehin immer noch landesweit stark ausgeprägten – Heimatgedanken neu und bekundeten bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit ihren tief verankerten Respekt und ihre unbeugsame Hochachtung beispielsweise vor alten Trachten und Gebräuchen, vor Brauchtum und (ohnedies meist nationalistisch gefärbter) Geschichtspflege.

Dabei bedienten sie sich bei Ständestaat, Faschismus und Hitlers Tausendjährigem Reich genauso wie etwa beim Ritual-Pomp der Sowjets, der Rotchinesen oder der Nordkoreaner. Überhaupt, der Zug zum Operettenhaften sowie zum Talmi-Glanz, er fiel an den zumeist von schlichter Mittelmäßigkeit und viel geistiger Bodenhaftung bestimmten Brüdern und Schwestern von der Partei der Vaterlandsfreunde und ihrem Führer Franz Xaver Prumser besonders stark auf. (Sie mochten das womöglich sogar für einen Ausdruck von Charme halten …)

Man klitterte sich, kurz gesagt, aus diversen Versatzstücken einen praktikablen Mythos made in Austria zusammen: aus der abenteuerlichen Geschichte ach so tollkühner illegaler Nazis aus der Zeit knapp vor dem Anschluss, aus Resten im Schongang ausgebleichter Austrofaschisten (die man vorsichtshalber bloß als einer Kanzlerdiktatur anhängend umdekoriert hatte) und sogar aus ein paar ausgesuchten Sozialdemokraten (denen man den Stachel des alten, ursprünglichen Sozialismus gezogen hatte).

Fehlte bloß noch der von den sogenannten Altparteien nostalgisch gepflegte Lagerpatriotismus (der Verklärung der von früheren schwarzen und roten Intimfeinden vor 1945 in den NS-Vernichtungslagern schnell noch beschlossenen bevorstehenden Wiedergeburt eines – mit einem Mal zum Wunschstaat – verkitteten Konglomerats), um auch ins Rundum-Wohlfühlpaket eingebunden zu werden …

Das roch zwar eindeutig nach aufgemotzter Polit-Wellness – vorwiegend für super-vergessliche Realitäts-Ignoranten und andere Dumpfbacken, für bierselige Moscheen-Stürmer, Ausländer-raus!-Brüller und vorgestrige Kleinhirne. Doch je mehr etwas stinkt, umso besser lässt es sich wohl verkaufen! O Schande!

Sogar einen ihrer Meinung nach durchaus erhebenden Zukunftsausblick hatten die Damen und Herren, die Schwestern und Brüder, Kolleginnen und Kollegen von der PdV parat: Bald schon, wenn die Massen der siegreichen Soldaten und die ruhmreichen Heeresverbände im Glanz ihres blank geputzten Outfits wieder paradieren würden, dann schepperte auch sicherlich wieder jede Menge Ordensmetall über den von ehrlichem Stolz geschwellten Heldenbrüsten. (Und hirnlose Chöre intonierten dann wieder hirnlose Lieder, dumpfbackige Blasmusikanten schmetterten Pseudo-Wagner- und Liszt-Klänge und ähnliche, nicht selten: Motiv-arme [aber nichts desto trotz überaus effektvolle arrangierte] Gebrauchsmusik. Ein Dauer-Fasching wäre nämlich das Mindeste, was man sich da erwarten durfte.)

Das klang verdammt ähnlich nach der Stimmung bei der Mobilmachung anno 1914. Und auch ein Untergangs-trächtiger Hauch von 1939 hing in der Luft. Doch die Ohren, Augen und Nasen waren verstopft von den neuen alten Parolen …

Ach ja, die Uniformen! Und die Symbole! Es war den Oberen dieser neuen Kräfte a priori klar gewesen, dass es icht opportun wäre, sich eins zu eins am alten Nazi-Inventar zu orientieren; so naheliegend der Griff in diesen Fundus zunächst auch erschienen war. Nein, nein! Etwa das Hakenkreuz und auch verwandte Kreuzformen galten denn doch als zu verdächtig, um einfach, vom historischen Duft der Mottenkugeln befreit, wieder eingesetzt zu werden. Frisch aufpoliert, allenthalben. Das gab womöglich Angriffsflächen.

Also musste neuer alter Plunder herhalten.

Und das Pseudo erfuhr so seine Steigerung zum Pseudo-Pseudo.

Dass sich das alles zuletzt, wie schon angedeutet, ein wenig operettenhaft ausnahm und reichlich gestelzt daherkam, tat der Pseudo-Würde des Unterfangens keinen Abbruch: Die Macht (vermutlich: nur die Macht!) darf sich nämlich einer durchaus lächerlichen Formensprache bedienen, wenn sie als Phänomen nur ausgiebig gefürchtet wird!

Es schadet dem Ansehen des Militärs daher auch nicht, wenn das Exerzieren, Paradieren und Ehrenbezeugen der uniform adjustierten, solcherart anonymisierten Massen nicht selten etwas an sich hat, was verdächtig an das Auftreten von Hampelmännern erinnert. Oder von Zinnsoldaten. Operettenhaft und ballettös, romantisch eingefärbt. Oszillierend zwischen E. T. A. Hoffmanns heiterem Berliner Märchen (so apostrophiert von Klaus Günzel [Die deutschen Romantiker; Düsseldorf 2008]) „Nussknacker und Mausekönig“ (1816) und der klangprächtig-ohrwurmigen, durchaus adäquaten Vertonung durch Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1892).

Und wie die Hampelmänner in der martialischen Formation gebärden sich schließlich klarerweise auch die Figuren droben, auf dem Feldherrenhügel. Eitle Gesellen, die sich im Spiegel der herumhampelnden Menge wiederfinden und aus dem törichten Ritual der Masse die Bestätigung der eigenen Torheit schöpfen. (Gut, den k.u.k.-Feldherrenhügel [um nur ein Beispiel zu nennen] hat man inzwischen abgeschafft und durch irgendwo in Atombomben-sicheren Bunkern untergebrachte Hauptquartiere und Gefechtszentralen ersetzt. Die weitgehend hermetische Denkweise jedoch ist immer noch die geblieben, die sie war.)

Auf eines übrigens konnten die Mannen der PdV getrost verzichten: auf bildungstechnischen Aufputz à la Nazizeit. Sie mussten sich, beim aktuellen Stand der Unbildung, erst gar nicht einen neu-überzogenen Partei-Goethe oder einen ebenso frisch-gestrichenen Ideologie-Schiller besorgen wie noch die echten Nationalsozialisten es, wenn auch mühsam und mit Ächzen und Stöhnen einigermaßen hinkriegten.

Folglich konnten sie auch darauf verzichten, den armen, ständig maladen Schiller noch über seinen Tod hinaus zu malträtieren, indem sie etwa die Verleumdungen einer gewissen Doktorin der Medizin Mathilde von Kemnitz-Ludendorff (in zweiter Ehe Gattin des berüchtigten Generals Erich Ludendorff) wieder-aufwärmten, dass nämlich die Freimaurer, Illuminaten und – wie denn auch anders: – Juden die Schuld am Tod Schillers trügen; einschließlich des falschen Freundes Goethe … (Näheres zu dieser traurigen Farce in: Rudolf A. Kühn [Hg.], Schillers Tod. [Jena 1992].)

Ach ja. Also: Heer, Priesterschaft, Schergen und Justiz – ein in aller Regel optimal auf einander eingespielter Hohlkörper. (Georg musste an einen [weiteren] Satz aus Martin Walsers Roman „Ein sterbender Mann“ denken: „Wen ich ein Gefäß wäre, wäre ich hohl. Hinschauend in ein anderes Nichts als das, aus dem ich schaue.“) Und ihm kam außerdem der kleine See – früher hätte man so etwas vielleicht Weiher genannt -, dort in der Nähe des Schulungslagers, wo es gegolten hatte den dubiosen Dienst am Vaterland abzuleisten. (Seltsam. Warum gerade der See? Und warum gerade jetzt?)

Noch etwas: Wenn die Führer, Feldherren und Henker, die Priester und Richter als unantastbare Träger aller Gewalt immer noch außer Frage stehen, können sie getrost auch noch so vertrottelte Frisuren und Bärte tragen, in noch so idiotischen Roben, mit dummen Mützen und seltsam antiquiert gepuderten Perücken erscheinen oder gar mit Weihnachtsbaumschmuck-ähnlichen Kordeln an den Schultern und viel zu breiten Lampassen an den Hosen: Am Gefürchteten wird sogar die Kasperlhaftigkeit exkulpiert.

Man möchte vielleicht einwenden (und Georg war sich dessen bewusst): Hätte es tatsächlich eine dem Demokratischen treu zugetane Bürgerschaft gegeben, hätte ihr, dieser Schar von Gesinnungs-Aufrechten, die kontinuierliche Veränderung im Staat allenfalls auffallen können; nicht zuletzt der bunten Äußerlichkeiten wegen, auf die just die neuen Kräfte so großen Wert legten. (Wenn die politisch Vorsichtigen und Skeptiker schon nicht die Gefahr der neuen [weitgehend freilich ohnedies alten] Ideologie mitbekommen hätte. Angesichts der durchaus geschickten Propaganda, die hier von den Meinungsmachern der PdV in Permanenz betrieben wurde, scheint das Übersehen der Anzeichen allerdings sogar irgendwie verständlich.)

Außerdem fehlt den direkt Beteiligten meist die Distanz, um dräuende Gefahren rechtzeitig zu bemerken. Auch deren Vorboten richtig einzuschätzen und dementsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen, alles das fällt nicht leicht. (Das lehrt zumindest die Geschichte der Menschheit, die schier andauernd und immer wieder unterminiert ist durch Fallen und Hinterhalte, zugedröhnt von Polit-Reklame sowie hohlen Parolen und umweht von sinnlosen Parteiprogrammen und anderen zu Wort gewordenen Beruhigungs- beziehungsweise Aufputschmitteln.)

Übrigens, wenn schon nicht als erstem Journalisten (und wortstarkem Kriker der Journaille) fiel es dem nervös-satirischen, spitzfedrigen Karl Kraus (181874 – 1936), sozusagen: im Licht seiner „Fackel“ (die Zeitschrift erschien ab 1899) auf, dass die in diesem Punkt immer wieder nur allzu willfährigen Medien – heute ist man beinahe schon versucht zu sagen: auf gewohnte Art – das Ihre dazu beitragen, die wahren Absichten der potenziellen Machtergreifer und Möchtegern-Herrscher (aber auch der konservativen, restaurativen und nimmersatten Machterhalter) zu vertuschen, zu beschönigen und zu tarnen; oder die Wahrheit eben sonst in irgendeiner obskuren Weise zu entstellen. Allemal aus der – an sich schon außerordentlich fragwürdigen, von Klatsch und Tratsch, von Fama, Gerücht und Hörensagen geprägten – öffentlichen Meinung schließlich eine veröffentlichte zu formen. Aus Dreck gleichsam einen gefährlichen Meinungs-Golem gerierend.

Freilich, sogar offene Hinweise potenzieller Umstürzler und Revolutionäre auf etwaige für später geplante Eingriffe in Demokratie, Menschenrechte und bestehende Verträge müssen nicht unbedingt irritierend wirken und somit den hernach Betroffenen vorher schon die Augen öffnen. Adolf Hitlers literarisch zudem letztklassige rassistische Hetzschrift „Mein Kampf“ (München 1925 ff.), belegt beispielhaft, dass sogar deutlichste Ankündigungen dessen, was jemand politisch vorhat, keineswegs beunruhigend oder gar abschreckend wirken müssen.

Entweder, weil die Leute – Deutsche wie Nichtdeutsche! – das zuletzt in mehrfacher Millionenauflage erschienene Machwerk ohnedies nicht gelesen hatten; oder weil sie zu dumm waren, zu kapieren, was da an Ungeheuerlichkeiten drinnen stand: immerhin die kaum verhohlene Kriegsdrohung an den Erzfeind Frankreich, der Hinweis auf die notwendige Raumbeschaffung durch die Verdrängung der Russen und – vor allem – die geplante Ausrottung der Juden.

Wie das prominente Beispiel „Mein Kampf“ zeigt, können jedoch allem Anschein nach auch die umgebenden Staaten oft völlig übersehen, was sich in einem Nachbarland anbahnt, das sich in Richtung Diktatur bewegt. Und dieses Übersehen geschieht trotz eines hochentwickelten Spionagesystems, trotz eines bestens ausgebildeten Geheimdienstes und trotz einer meist optimal funktionierenden Diplomatie … (Oder wollen die Nachbarstaaten manches womöglich sogar übersehen? Sei es aus falsch verstandener Diskretion heraus, sei es aus diplomatischem Unvermögen oder aus purer Dummheit? Aus wirtschaftlichen Erwägungen?)

Und wenn dann doch noch irgendwann Gegenmaßnahmen ergriffen werden, sind es entweder bloße Alibiaktionen – oder sie kommen schlicht und ergreifend zu spät.

Dann ist wieder einmal die Chance vertan, eine Katastrophe abzuwenden. (Wenn [siehe oben!] nicht sogar bestimmte Kreise etwa der Hochfinanz, der Waffenindustrie und ihrer Lobby gerade an den Katastrophen in Wahrheit ganz besonders interessiert sind …)

Was bleibt, ist bloß einmal mehr – Erinnerungsstoff. Und wo einmal die Erinnerung Platz greift, sind die geschickten Vergolder und Leichen-Camoufleure auch nicht mehr weit.

Wie die sonnendurchflutete Hügellandschaft, in der sich ein Weingarten an den anderen drängt, so strahlt irgendwann auch die Erinnerung goldige Sicherheit aus. Oder, wenn Ihnen das mehr behagt: Wo klare Schroffheit Respekt fordernder Gebirgszüge das Erinnerungsbild prägt. Oder der Eindruck von unendlichen Sanddünen, von ewiger Ebbe und Flut. Hügel, Meer, Wüste, Gebirgsmassiv, Weinberg – egal.

Denn Erinnerungspotenzial hat im Grund genommen alles.

Und Sicherheit strahlt es auch aus. Trügerische Sicherheit. (Zumindest die Sicherheit, von einer Zeit zu handeln, die, da sie vergangen ist, niemandem jemals mehr genommen werden kann. Und mag sie in Wirklichkeit noch so schaurig gewesen sein; jetzt glänzt sie und lächelt dem Rückblickenden freundlich zu. Als goldene Assekuranz mit Ewigkeitspotenzial.)

Es liegt Beruhigendes darin. Aber auch das Gift der falschen Verklärung.

Neue Mächte tarnen sich

nicht von ungefähr gern

mit den Erinnerungsfedern

eines verlorenen oder

versunkenen Gestern.

Fortsetzung folgt!

Finale

Es kam letztlich alles – fast – wie es hatte kommen müssen: Georg wurde unsanft aus dem Verkehr gezogen. Finanziell empfindlich gerupft, konnte er indes vom Glück sagen, nicht noch schlimmer bestraft zu werden. Denn es wurde ziemlich wild umstrukturiert in den Tagen und Wochen, die bald auf die Beendigung seines skurrilen Dienstes am Vaterland folgten.

Höhepunkt der erstaunlichen Säuberungsaktion, die nun einsetzte, war dann indes erst recht nicht der längst prophezeite Wahlsieg der PdV mit allen entsprechenden Folgen – immerhin wäre ein solcher (und auch die internen Meinungsumfragen hätten dafür gesprochen) durchaus zu erwarten gewesen -, sondern ein neuerliches Erstarken der bisher regierenden Kräfte. (Wobei der Ausdruck Kräfte manchen, auch Nicht-PdV-Freunden, durchaus als Euphemismus erschien: Das hatte schon eher dem legendären letzten Aufgebot geglichen …)

Ja, die längst als träge und saftlos erscheinenden Elemente, die bisher, schon ziemlich lendenschwach, lahmarschig und abgetakelt, nur mehr wie pro forma die Geschicke des Staates in welken Händen gehalten hatten – dieser Eindruck war zumindest in der Tat entstanden -, sie schienen wieder einigermaßen erstarkt. Warum auch immer. (Ob es Überläufer gegeben hatte, Drohungen und massive Einflussnahmen von außen – etwa von der Europäischen Union oder von den Vereinigten Staaten von Amerika, von China oder Russland, Nordkorea, Kuba oder vom Vatikan? Wer weiß es. Und in gewisser Weise mag es sogar egal sein. Jetzt, im Nachhinein. Fest stand jedenfalls wieder einmal: So konnte man sich irren in der Politik.)

Nein, es waren dann doch nicht die lausigen Brüder von der Partei der Vaterlandsfreunde, die es an die Herrschaft schafften. Keineswegs. Im Gegenteil: Diese reichlich unmanierlich daherkommende, ziemlich lautstark agierende Truppe fanatischer Idioten beziehungsweise: idiotischer Fanatiker, die da in primitiver Bierzelt-Manier, flankiert von erzkonservativen Trachtenträgern in Dirndl und Krachlederner, recht zielstrebig an die Macht gedrängt hatte, wurde in letzter Minute doch noch gestoppt. Und ihren schon recht weit gediehenen Umsturzplan mussten die strammen Mannen canceln, sozusagen: knapp vor zwölf.

Bei den Wahlen letztlich – auch welchen wunderlichen Gründen auch immer – doch erheblich abgeschlagen, verhedderten sich die Vaterandsfreunde außerdem noch im juristischen Gestrüpp der diversen Paragraphen. Denn plötzlich tauchte hinter einzelnen Punkten ihres Parteiprogramm das eine oder andere demokratiepolitische Fragezeichen auf. Und wenn sie nicht ohnedies die neuerliche Wende – für die PdV war es grosso modo freilich eher schon eine Ab-Wende … – in den Gully der innenpolitische Bedeutungslosigkeit gekehrt hätte wie ein Besen-bestücktes Räumfahrzeug es mit dem Alltagsschmutz tut, sie hätten den Verlust ihrer paar einigermaßen denkbereiten Köpfe und (viel entscheidender noch:) den der pekuniären Unterstützung durch einige Großfinanziers ohnedies nicht verkraftet.

Die Partei der Volksfreunde war Geschichte. (Paradoxerweise war ihnen just diese Kategorie ja ohnedies immer schon so besonders wichtig gewesen …)

Georg indes nutzte auch diese neuerliche Wende nicht viel. Seine ganz allgemein alles andere als konstruktive Haltung staatlichen Institutionen und deren Vertretern gegenüber, die im Übrigen nicht erst in letzter Zeit durchaus Elemente des Subversiven aufzuweisen begonnen hatte, war außerdem auch von Seiten der nunmehr erneut und wieder Herrschenden erkannt worden. Denn – man höre und staune! – sogar hier, in den alten verkrusteten Strukturen der angeblich so abgetakelten und schwachen politischen Kräfte, war man schon lange darauf verfallen, die Daten (auch die persönlichsten und intimen) wichtiger Bürger auszuspionieren.

Man hatte nämlich, von dieser unbemerkt, die brandneuen Methoden der opponierenden Partei der Vaterlandsfreunde ohne viel Federlesens kopiert. (Wie auch die Kenntnisse der neuen alten Kräfte ihrerseits längst schon von wiederum anderer Seite ausspioniert worden waren.)

Nun allerdings bewirkte die nachweislich geringe Loyalität Georgs praktisch allen staatlichen Stellen und ideologischen Gruppierungen gegenüber die umso raschere Abberufung von seinem hochdotierten Job bei der BRAVACHEM. Und auch aus dem früher in Aussicht gestellten Aufsichtsratsposten wurde jetzt klarerweise nichts mehr. (Leider. Man bedauere … Immerhin, so wurde ihm [recht diplomatisch umschrieben] mitgeteilt, ansonsten werde man ihn seiner früheren Verdienste wegen ungeschoren lassen.)

Also trennte man sich von Seiten der BRAVACHEM mit einem reichlich goldenen Handschlag vom früheren Mitarbeiter, auf den man vormals so große Stücke gesetzt hatte. (Und seiner Popularität war es wohl auch zu verdanken, dass man Georg nicht – wie so manchen anderen plötzlich zum politischen Gegner Gewordenen – stillschweigend in irgendeinem Abfluss versenkte oder in irgendeinem Fluss ertränkte, möglichst unauffällig.)

Nein. Man zeigte sich gnädig. Und man stellte ihn, bevor er die umfassende, juristisch penibel ausgearbeitete und formulierte Verzichtserklärung bei der BRAVACHEM unterschreiben durfte, lediglich vor die Wahl: totaler Rückzug ins Privatleben oder Sturz ins Bodenlose.

Damals konnte Georg freilich noch nicht ahnen, wem er diesen verhältnismäßig milden Umgang – im Vergleich zu wesentlich schlimmeren Schicksalen einiger Kollegen und Gesinnungsgenossen, die nicht einmal mit dem nackten Leben davongekommen waren – zu verdanken hatte: seinem Onkel Viktor. Ja, Viktor, der ehemalige Zivildiener, war in seiner Angelegenheit aktiv geworden.

Wie das? Viktor, von der Ausbildung her Pharmazeut und auch darin recht erfolgreich, war zwar selbst längere Zeit (zumindest: ideell) auf der neuen Seite und daher auch heimlich, still und leise Mitglied der Partei der Vaterlandsfreunde geworden. Nun, ja. Eben.

So hatte er durch seine Lebensgefährtin, eine gewisse Magistra Anita Hopfauf, einem überzeugten Mitglied der PdV und zudem Geheimpolizistin höheren Ranges, dann Wind von den traurigen Zukunftsaussichten seines Neffen bekommen, die, anhand der von den peniblen Agenten der Partei der Vaterlandsfreunde ausspionierten Daten, alsbald offenkundig waren …

Und der Onkel setzte alle Hebel in Bewegung, den zu erwartenden Aufprall des gerade in Ungnade fallenden Neffen wenigstens ein wenig abzufedern.

Viktor ging daher, entsprechend vorsichtig – und seine eigene, recht delikate Position berücksichtigend – daran, bei den potenziellen neuen Parteibonzen für Georg zu intervenieren. (Denn diesen Leuten traute er nun tatsächlich zu, die wahren Machthaber von Morgen zu sein) Er tat es übrigens erst, nachdem er allen verbliebenen Familiensinn zusammengekratzt hatte.

Doch viel würde da wohl nicht mehr zu machen sein. Das meinte sogar seine stramme Lebensgefährtin Anita. (Nicht ahnend, dass auch ihre Karriere bereits auf der Kippe stand.)

Dann freilich überschlugen sich die Ereignisse. Dreh um die Hand! Schwuppdiwupp! Nun waren wieder die alten Kräfte am Drücker. Ja, die, die zwischendurch, genau: als verkrustet, abgetakelt und überholt angesehen worden waren.

Und die groß angelegte und peinlichst genau geplante Revolte der PdV wurde glatt im Keim erstickt. (Nun: Auch glatt gleicht wieder einmal eher einem Euphemismus. Es gab naturgemäß gröbere Unruhen, und sogar Blutvergießen ließ sich nicht vermeiden.)

Onkel Viktor schaffte es als kluger Taktiker zwar erneut (wenn diesmal auch nur mehr mit letzter Kraft) auf die frühere Seite, also zu den Gegnern der PdV, zurückzuwechseln (ja, doch: zu den als verkrustet, abgetakelt und als überholt Angesehenen). Für seinen Neffen freilich konnte er kaum mehr etwas tun. (Das war ihm auch nicht mehr so wichtig, musste er jetzt doch erst einmal den Verlust seiner geliebten Anita verkraften. Denn die Frau Magistra Hopfauf gehörte eindeutig zu den Verlierern in dieser ganzen unappetilichen Polit-Farce.)

Liane, die Unglücke (oder war das alles etwa gar keines?) kommen bekanntlich selten allein, Liane verließ Georg quasi postwendend – mit einem Pianisten namens Edward Loewenstein. (Den hatte sie vor einiger Zeit bei irgendeinem Charity-Event kennen [und lieben?!] gelernt.)

Die Kinder? Chantal schien mit einem Mal in den Untergrund abgetaucht zu sein. Zumindest sollte Georg die längste Zeit nichts mehr von seiner Tochter hören.

Sohn Tom zog zur Mutter, die ihrerseits mit Loewenstein nach Australien auswanderte.

Da entsann sich Georg eines alten Freundes aus der gemeinsamen Gymnasialzeit, nämlich des Roderich Lachzahl, der seit Jahren als Bezirkshauptmann in der süd-westlichen Provinz lebte. Recht gut sogar und, abseits von jeglichem tagespolitischen Hickhack sogar annähernd beschaulich; weit weg vom Schuss, sozusagen. Na, und dieser gemütliche Dr. Lachzahl lud den alten Schulkameraden (und ehedem gemeinsamen Streiter gegen die Windmühlen der Mathematik) doch glatt ein, das weitgehend führerlose, doch hübsche Gut Schröckenstein, das zu seinem weit verzweigten Verwaltungsbereich gehörte, mit neuem Schwung zu beleben. Georg solle hier als eine Art Majordomus oder Verwalter wirken. Das Schlösschen mit Waldungen, Feldern und ein paar verstreuten Gehöften befand sich nämlich in Landesbesitz. Nach Lachzahls Vorstellungen könnte man es gut und gern (und mit Hilfe der Pachtbauern sowie einer landwirtschaftlichen Genossenschaft) zu einem florierenden Biohof umrüsten …

Er, Hofrat in spe Roderich Lachzahl, der nebenbei literarisch tätig war, lebte ebenfalls auf Gut Schröckenstein – gemeinsam mit der resoluten, drallen Katharina Blumauer und deren schöner, etwa 25jähriger Tochter Tanja. Tanja war zwar geistig auf dem Level eines zwölfjährigen Kindes stehen geblieben, wirkte indes wie eine voll-erblühte Schönheit.

Ja, noch etwas: Sie hätte bei raschem Hinsehen tatsächlich glatt als eineiige Zwillingsschwester Uschis durchgehen können … Zudem glich sie einem Porträt der letzten Schlossherrin, eines ebenfalls dunkelhaarigen und glutäugigen Wesens namens Aglaia Remos-Zierfein.

Dass die genannten Damen in Prinz Eugens schöner und begehrenswerter Mutter Olympia Mancini ihr Urbild hatten, erstaunte Georg denn doch. Die gleich rassige wie intrigante Olympia wirkte – wie weiter oben ausgeführt – als Obersthofmeisterin für die aus Spanien stammende, ansonsten als eher unscheinbar beschriebene französische Königsgattin Marie Thérèse und also im Dienst Ludwigs XIV, des Sonnenkönigs.

Diese frappanten Ähnlichkeiten waren in der Tat erstaunlich. (Auch wenn Georg solche Koinzidenzen in der Literatur [besonders in der Deutschen Romantik, etwa bei E. T. A. Hoffmann; aber auch bei Edgar Allan Poe, Oscar Wilde und Konsorten] durchaus schon untergekommen waren. Immerhin: Sachen gibt’s …)

Nun war Tanja zwar unbestätigten (aber ziemlich glaubhaft gemunkelten) Gerüchten nach die uneheliche Tochter der Katharina Blumauer und des verflossenen Schlossherrn Ehrenfried Remos-Zierfein von Plattau, eines ziemlich bizarren Lebemanns, Spielers und zudem hochbegabten Malers, dessen – angeblich täuschend echte – Fälschungen, so hieß es, in den angesehensten Museen weltweit zu bestaunen wären. (Freilich nur, wenn man sie als solche Meister-Falsifikate entschlüsseln hätte können. So bestaunte man eben die vorgeblichen Originale.)

Graf Ehrenfried, wie er allgemein genannt worden war, hatte sich, als Tanja circa fünf Jahre zählte, seiner immensen Spielschulden wegen im Casino von Monte Carlo das Leben genommen. Licht in das Werk des begnadeten Fälschers zu bringen und die diversen Verbindungen, die seine Bilder zu den tatsächlichen (allerdings verschwundenen) Originalen haben könnten, korrekt zuzuordnen, das war – neben der Literatur – eine weitere Herzensangelegenheit des Bezirkshauptmanns Dr. Roderich Lachzahl.

Du musst dir das so vorstellen, Georg: Kathi und Tanja sind meine schriftstellerische Reserve“, erklärte Roderich seinem Freund, „mein persönliches Ideen-Reservoire. Also, komm zu uns, zu uns ins paradiesische Exil! Denn“, meinte er lächelnd, „du passt zu uns da her …“

Dann fügte der Bezirkshauptmann ernst hinzu: „Nur – du musst uns so nehmen, wie wir sind: als Konstellation. – Ach, ja, vielleicht kannst du deine hübsche Studentin, diese Uschi, mitbringen, wenn es geht …“

Du weißt davon?!“, fragte Georg, eher rhetorisch.

Lachzahl nickte beim guten Rheinriesling. Eine verführerische Frühherbstsonne leuchtete mit einem Mal in den Gläsern auf. Und ein etwa abseits stehender Klapotetz, aufgestellt, um die naschhaften Vögel zu verscheuchen, klapperte im leichten, lauen Wind.

Das klang und wirkte insgesamt alles fast zu versöhnlich. Und doch, das Angebot war verlockend, fand Georg.

Und dass ihr dumpfer Christian seine/seine Uschi ziemlich zeitgleich und etwa zwei Wochen vor dem geplanten PdV-Putsch und dessen völliger Niederschlagung durch die – angeblich so verkrusteten, abgetakelten und überholten – Kräfte der Reaktion von einem Gedungenen erdrosseln hatte lassen, konnte Georg naturgemäß nicht ahnen. (Übrigens geschah das Verbrechen unter Zuhilfenahme der A-Saite eines Elektrobasses, die der Ex-Hobby-Musiker Christian einem befreundeten Kumpel entwendet hatte, samt den passenden Fingerabdrücken.)

Da saß Georg also an der wunderschönen Weinstraße. Er war Geschäftsführer eines im Aufbau begriffenen Bio-Musterhofs und betrieb das stilvolle Revitalisieren eines überaus hübschen Schlösschens.

Umgeben war er von besten Weinen und dem Klangteppich, gewebt aus dem munteren Vogelgezwitscher und dem unterschiedlich hellen oder eher gedämpften Klappern der Klapotetz genannten hölzernen Windräder.

Die Nachricht von Uschis Tod drang freilich bald auch zu ihm. Und diese Wendung stimmte ihn traurig. Auch wenn er an eine dauerhafte Beziehung mit der hübschen dunkelhaarigen und glutäugigen Studentin nie geglaubt hatte. (Was würde überhaupt schon Dauer haben?!)

Freilich, für ihn machte es in der Tat auch keinen nennenswerten Unterschied mehr, wie sich die Dinge in der Folge im Großen weiterentwickeln würden.

Diesbezüglich befand sich Georg eindeutig nicht mehr im Rennen; weil für ihn die Sache, wie es in solchen Fällen so schön heißt: gelaufen war.

Allerdings, einiges von Friedrich Schillers Gedankengut war in Georg immerhin noch virulent. Der Deutsche Idealismus – hier hatte deutsch ausnahmsweise einmal nichts mit Nationalismus zu tun – umblies ihn mitunter noch; doch hatte die Windstärke merklich nachgelassen.

Jetzt, da er seine Bibliothek mit der von Gut Schröckenstein fusioniert hatte, griff er allerdings erneut unverdrossen das eine oder andere Mal zu den Werken seiner verschiedenen Lieblingsautoren. Aber auch zu Büchern von Schreiberinnen und Schreibern, von Schreiberlingen, die er weniger oder gar nicht schätzte (und deren Lektüre ihm bloß als Stachel zum geistigen Widerspruch zu dienen vermochte).

Nur Werke, die Georg kalt ließen, weil sie ihn weder zur Bejahung und Billigung noch zur entschiedenen Verneinung und Ablehnung reizten, die ließ er links liegen. Denn für das, was er für Schund ansah, gab es kaum eine Rettung; solche Elaborate verschenkte er höchstens an Leute weiter, die er aus tiefster Seele verachtete oder mindestens nicht leiden konnte …

Schiller also in kleinen Dosen blieb ihm wichtig. Obwohl er – nach den Erfahrungen der letzten Monate – auch des hochgeschätzten Dichters, Dramatikers und Historikers Werk bei allem Respekt oftmals als zu optimistisch empfand.

Die Dinge waren nun einmal öfters erheblich schlimmer, als sie Friedrich Schiller schilderte. Und, zum Exempel: mit der finalen Versöhnung der beiden treuen Freunde mit dem herzlosen Tyrannen in der – ansonsten natürlich meisterlichen – Ballade „Die Bürgschaft“ (1798) konnte Georg partout nichts anfangen: Einen brutalen Diktator, der angesichts augenscheinlich wie selbstverständlich erbrachter gegenseitiger Freundesbeweise eine so grundlegende Verwandlung zum Guten erführe, den konnte es für ihn erst einmal gar nicht geben.

Entweder müsste dieser Knabe vorher schon ein bloß halbherziger Bösewicht gewesen sein; oder aber man dürfte seinen neuerwachten Ambitionen als Gutmensch erst recht nicht trauen. (Auch wenn er nun angeblich „ein menschliches Rühren“ gefühlt habe, das schließlich darin münden wird, dass die beiden, Möros und der anonym bleibende Freund, ihm „das Herz [] bezwungen“ hätten. Ja: Vielleicht wollte dieser Tyrann Dionys die Helden auch bloß aus taktischen Gründen auf seine Seite ziehen?!

So dachte sich Georg, der von diversen Beziehungstiefs und Polit-Bizarrerien Gebeutelte, mit Schaudern. Nein, Herrschaften!, so eine Ausgeburt durfte einfach nicht in irgend-wessen „Bunde der Dritte“ werden! [Siehe dazu: Friedrich Schiller, a. a. O., Band 10: Gedichte, zweyter Theil. Wien 1816.])

Ansonsten lobte Georg bei sich und Freund Roderich Lachzahl gegenüber nach wie vor den guten Willen, der seiner Meinung nach Schiller stets geleitet habe. Und auch er, Georg, schwor sich, weiterhin – in seinem bescheidenen Rahmen und eingedenk seiner gering bemessenen Möglichkeiten – in ehrlichem Streben für die Freiheit einzustehen. Auch wenn er das, wie angedeutet, zukünftig bloß im eher biedermeierlich-privaten, fast schon hermetischen Zirkel vollbringen würde können.

Noch einmal kurz zurück zu den politischen Geschehnissen vor, bei und nach der Wahl. Gewiss, im vorliegenden Fall hatten sich schließlich doch noch andere (und mit Erfolg!) den fast schon ans Ziel gelangten, den potenziellen neuen Machthabern, den beinahe schon siegreichen Dunkelmännern von der Partei der Vaterlandsfreunde, in den Weg gestellt; und hatten sich so gegen die von ihnen aktuell ausgehende Gefahr zur Wehr gesetzt. Sonst wären die Dumpfkräfte womöglich tatsächlich siegreich aus den – im Übrigen auch bloß mehr oder minder – demokratischen Wahlen hervorgegangen.

Eine erkleckliche Zahl von Patrioten war also doch noch erwacht, da die Zeitbombe längst schon am Ticken war. Sie hatten sich erhoben gegen Franz Xaver Prumser und seine Verbrecherbande, gegen die unsägliche PdV und gegen ihre mental wie geistig weitestgehend ignorante, längst allem Schönen, Guten und Humanen gegenüber abgestumpfte Anhängerschaft.

Kurz: Man hatte sich in letzter Minute gegen die Kräfte gestemmt, die – wieder einmal – frech und hinterlistig die Gewalt über den Staat hatten erringen wollen.

Eine zahlenmäßig kleine, indes wackere Gruppe von Menschen hatte sich da also mit den – früher als verkrustet, abgetakelt und überholt verschrieenen – anderen, alten politischen Kräften, den sogenannten Altparteien, verbündet. Die hatten zwar, zugegeben, auch genug Dreck am Stecken, stellten jedoch eindeutig das geringere Übel und die kleinere Gefahr für die Demokratie dar. Und war Politik nicht eben die Balance zwischen schlecht und ganz-schlecht?!

So hatte man den neuen Dunkelmännern doch noch gehörig in die Zügel gegriffen.

Und Georgs bange Frage, ob sich womöglich kein Theseus mehr fände, um gegen einen neuen Prokrustes aufzutreten, war – zumindest diesmal noch – positiv beantwortet worden: Ja, es fand sich einer. Doch. Ja!

Ein alter und, zugegeben: ein wenig verkrustet, abgetakelt und überholt wirkender … Aber immerhin – ein Theseus.

Und: einer mit Hammer.

Die schreckliche Brut ging unter in einer – zugegeben: auch nicht durchwegs gerade zimperlich exekutierten – Revolution (oder: Gegenrevolution). Das Blut, von dem die Vaterlandsfreunde, die Taten ihrer Vorfahren und Altvorderen reminiszierend, so gerne gesprochen hatten, spritzte endlich doch noch. Und auch auf ihrer Seite in nicht gerade geringem Maß. (Heraklit durfte wieder einmal [wenn auch nur kurz] triumphieren; obwohl es ihm, wie wir annehmen zu dürfen hoffen, darum in erster Linie ja gar nicht gegangen war. Egal.)

Es wurde gerungen. Gekämpft. Gestorben.

Denn nicht alle waren so flexibel wie Georgs Onkel Viktor, der sich inzwischen am einladend ausladenden Busen einer gewissen Olga, Sekretärin im Büro eines Häuptlings der konservativen Altparteien, von seinen Seelenstrapazen erholte (und von der längst im Untergrund verschwundenen Ex-Spionin Anita).

Freilich, die Niederringer und Bekämpfer der – nunmehr allgemein geächteten und auch in der öffentlichen Meinung als falsch, minderwertig und fadenscheinig in ihrer Einstellung wie in ihren Vorhaben abgeurteilten – Vaterlandsfreunde durften jedenfalls darauf pochen, im Recht gewesen zu sein. Allemal!

Auch Onkel Viktor pochte. Mit Erfolg. Und gemeinsam mit seiner Olga.

Die Niederringer und Bekämpfer der ekligen PdV waren zudem insgesamt stolz auf ihren Sieg. Und selbstverständlich auch darauf, dass sie im Recht waren. (Sie waren doch im Recht? Oder?!)

Jedenfalls, sagten sie, die Vaterlandsfreunde müssten wohl oder übel Unrecht haben. (Nicht nur, weil die Besiegten immer unrecht hätten, sondern weil das lobenswert energische Vorgehen der Regierung [und der Niederringer und Bekämpfer] gegen die aktuell niedergemachten fiesen Rotten der Partei der Vaterlandsfreunde nun einmal in der Tat berechtigt, ja: notwendig gewesen sei. Punkt um. („Die Geschichte wird über sie hinweggehen!“)

Nun, und das Volk, welcher Ansicht es früher auch immer gewesen sein mochte, jetzt jubelte es. Nämlich wieder den anderen zu. Den Siegreichen.

Man kennt das hinlänglich aus der Geschichte: Vulgus mobile … Ach ja. Und: Vox populi, vox Dei … Et cetera.

Schon Friedrich Schillers Dichterkollege und Freund Johann Wolfgang von Goethe formulierte bittere Sentenzen darüber, dass so viele nicht wüssten, was sie denken sollten, und sich daher drehten und wendeten. „Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren“, daher vermöchte er bloß „einfache, nahe, bestimmte Zwecke (…) einzusehen.“ und weiter: „Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlasst wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“ (Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre [erschienen 1829]; zitiert nach Safranski, Schiller/Idealismus, a. a. O.)

Ein Glück nur, dass dem armen Goethe die Bekanntschaft mit den Vaterlandsfreunden und ihren Führern erspart geblieben war!

Die (innerstaatliche) Schlacht war also geschlagen. Der PdV schien endgültig ein Riegel vorgeschoben zu sein. Und was die hochtrabenden außenpolitischen Intentionen betraf, musste sich sogar der zählebige, ausgesprochen dumpfhirnige Überrest der Partei der Vaterlandsfreunde, die nunmehr in die ihnen gebührenden Niederung der politischen Bedeutungslosigkeit verbannt waren, geschlagen geben.

Zumindest für eine gewisse Zeit konnte danach außerdem wieder einmal gelten, dass der Krieg – ab jetzt – nicht mehr der Vater aller Dinge sei. (Nicht aller Dinge und nicht immer …, immerhin.)

Heraklit war das indes, so kann vermutet werden, ziemlich egal.

Auch ein neuer Prokrustes regte sich mit Sicherheit schon irgendwo in seinem ewig dazu vorbereiteten Nest.

Nun ja.

E N D E

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Martin Walser, Ein sterbender Mann. Reinbek bei Hamburg 2016.

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Gero von Wilpert, Deutsches Dichterlexikon. Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch zur deutschen Literaturgeschichte. 3. Aufl. Stuttgart 1988.

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