Paganini

oder

In der Lage

Eine Betrachtung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2010 ff.

(ENDFASSUNG: 2014.)

Es gibt eine spanische Version des

Teufelsfingersatzes, die die Mauren

benutzten. Sie ist nur in einer für

Gitarre umgeschriebenen Form erhalten,

aber man vermag an ihr zu erkennen,

dass außer dem zehnten auch ein

elfter Finger benutzt wurde; nach der

Legende benutzte der Teufel an dieser

Stelle zusätzlich seinen Schwanz.

Milorad Pavic´, Das charsarische Wörterbuch.

*

Das Travestieren hängt mit dem Grund-

wesen des Teufels zusammen, was schon

die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte,

Justinus Martyr und Tertullian, andeu-

teten, denen das Streben des Teufels als

Nachäffen des Göttlichen und er selbst

als Affe Gottes erscheint.

Gustav Roskoff, Geschichte des Teufels.

*

Inhalt:

 

Großmutters Vergleiche

Verborgene Gefühle I

Der zu groß gewordene Gnom

Kaum ein Zurück

Das Blaue vom Himmel

Verborgene Gefühle II

Rufzeichen

1) Großmutters Vergleiche

Paganini, also, der große Niccolò Paganini, soll immer wieder, vor Konzertauftritten, seine Geige dergestalt präpariert haben, dass die Saiten, eine nach der anderen, rissen, exakter: reißen mussten. Eine Saite nach der anderen, wie gesagt, gab solcherart den Geist auf und riss. So gerissen war dieser geniale, aus Genua stammende Virtuose, der übrigens von 1782 bis 1840 lebte. Dann, nach dem geplanten (und exakt eingetretenen) Saitenriss, musste er in der Lage, also auf der entsprechend tieferen Saite, weiterspielen. (Mit Lage – französisch: position – wird bei den Streich- und Zupfinstrumenten ganz allgemein die Stellung der linken Hand auf dem Griffbrett bezeichnet.)

Auf die Spitze trieb der Künstler freilich sein Spiel, indem er, ohne vorher irgendwelche Saiten anzuritzen und solcherart zum Reißen zu bringen, a priori nur die tiefste, die g-Saite seiner Guarneri-Geige, aufzog und solcher Art einsaitig konzertierte …

Doch auch sonst ging er mehr als frei mit den damals herrschenden Regeln künstlerischen Auftritts und den Gepflogenheiten im Violinspiel um. So stand der großgewachsene, von Zeitgenossen als extrem mager geschilderte Virtuose schon einmal ganz anders, als es der konzertante Usus der Zeit eigentlich vorsah, auf dem Podium.

Ergo: Paganini stand nicht, er posierte.

Doch erst im Spiel selbst! Da ließ sich der Geiger, von katatonisch anmutenden Körperzuckungen, einer spastisch wirkenden Motorik und pseudo-epileptischen Verrenkungen begleitet, zu ekstatischen Klangerzeugungen hinreißen, wobei der – im Übrigen tatsächlich ein Leben lang kränkelnde – Maestro mit seinem Instrument zum Beispiel Tierstimmen imitierte, also seiner Violine geschickt und wirkungsvoll Vogelgezwitscher, Hundegebell und das Wiehern von Pferden entlockte. (Da er solche Eskapaden das erste Mal ausgerechnet in einer der Kirchen von Lucca vollführte, war er im Nu als blasphemischer Sonderling im Gerede; ja, er galt alsbald als mit dem Teufel selbst im Bunde!)

Da also bei Paganinis Auftritten in aller Regel zunächst immer die höchste, die e-Saite, riss, war die, auf der er die entsprechenden, an sich schon halsbrecherischen Passagen dann weiterspielte, die a-Saite. Also, ein Darmniveau tiefer, sozusagen. Diese Virtuosität allein schon wurde allgemein bewundert, sprach sie doch durchaus beredt für die außerordentliche Artistik und das stupende handwerkliche Können im Spiel des Italieners!

Dann ließ er jedoch auch diese, die a-Saite, reißen … wie auch die nächst tiefere, die d-Saite.

Oder, ein anders Mal, spielte der Meister auf der tiefen g- und auf der hohen e-Saite, quasi im Duett. Zusätzlich würzte der gewiefte Musiker seine Auftritte mit Flageolette und Doppelflageolette, unterstützte sein Bogenspiel mit Pizzicati in der linken, der Griffhand, und stimmte die Saiten nach Lust und Laune um, vollführte also die sogenannte Scodatura.

Übrigens: Der Genueser hatte als Kind schon Mandoline und Gitarre gelernt, sich das Geigenspiel indes großteils als Autodidakt beigebracht. (Wenn ihm nicht tatsächlich der Teufel dabei behilflich gewesen war … Nein, bleiben wir sachlich! Letztlich ging, wie es die Oma vermutlich ausgedrückt hätte, ja doch alles mit rechten Dingen zu.)

Niccolò Papanini, der ganz Europa entzückte (so geriet über sein Spiel und Auftreten zum Exempel Frédéric Chopin ins Schwärmen), hatte zunächst von Lucca aus über Livorno, Florenz, Bologna und Parma Mailand erobert, wo die Scala unter ihm – respektive den Ovationen für ihn – erbebte. Besonders das Motiv der Streghe, der Hexen, be- und verzauberte das Publikum; das freilich seine ganze Karriere hindurch ein zweigeteiltes blieb: Bejubelnde Fans und überzeugte Gegner trafen immer wieder lautstark aufeinander. Und nicht selten wurden schon im Vorfeld seiner Konzerte stürmische Rufe nach Auftrittsverbot und Polizeieinsatz laut … Gegebenheiten, die freilich Paganinis sinistren Glanz nur noch steigerten. Und die mit Raffinesse gepflegte Aura des Geheimnisvollen tat noch das Ihre dazu.

Mailand (und damit die Musikwelt Italiens) hatte der zaundürre Virtuose mit den überlangen Gliedmaßen und den Fingern wie Spinnenbeinen, dem düster-dramatischen Auftreten und der exaltierten Spielweise somit gewonnen.

Doch auch die Metropolen Wien (wo sogar Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und Franz Grillparzer gebannt seinem Auftritt folgten und er anno 1828 anlässlich des 55. Geburtstags von Haus-, Hof- und Staatskanzler Clemens Wenzel Lothar Fürst Metternich in dessen Villa am Rennweg aufspielte), Prag, Berlin, Paris, London und Dublin lagen dem Geigenheroen in der Folge anlässlich seiner Tourneen quer durch Europa zu Füßen. Seine Solo-Capricci etwa entzückten allenthalben und wo immer er sie (und anderes) zum Besten gab.

Seine wertvolle, vom berühmten Cremoneser Instrumentenbauer Giuseppe Antonio Guarneri (Guarneri del Gesù, 1698 – 1744) geschaffene Geige war übrigens das Geschenk eines reichen Bewunderers; sein ursprüngliches Instrument war Paganini nämlich in Livorno als Einsatz beim Hasardspiel abhanden gekommen …

Ja, sein Handwerk beherrschte dieser Niccolò Paganini quasi aus dem FF, und vor allem die Frauen warfen sich dem Ereignis Paganinimann dementsprechend zu Füßen. Respektive in die Betten. (Was dieser auch durchaus auszunützen wusste.)

Da zog er dann in der Folge vermutlich noch ganz andere Saiten auf.

Erstaunlich, dass nicht der eine oder andere im Zuge von Niccolòs amourösen Aktionen gehörnte Ehemann auch andere Saiten aufzuziehen sich entschloss; doch manche Männer reagieren, als fühlten sie sich sogar noch geehrt, wenn ihnen irgendwelche Promis in die Suppe spucken, auch wenn die in Wahrheit der Schoß ihrer Angetrauerten ist.

Heute freilich erscheint uns alles, was mit Niccolò Paganini, dem sogenannten Teufelsgeiger, zusammenhängt, ein unentwirrbar gewobenes Netzwerk zu sein – aus wenig Wahrheit und viel Fama, eben: Legende. Auch Paganini ist solcherart – ähnlich wie Liszt oder Chopin und wenig später Johann Strauß Sohn, die wie er zu den eigentlichen Begründern von Schlager und Pop gehören – zum zeitgeistigen Zitat einer heute mehr oder minder als bizarr empfundenen bürgerlichen Epoche geschrumpft. Die damalige (sicherlich durchaus übertriebene) Virtuosen-Verehrung wird von einer Epoche belächelt, die ihrerseits um nichts weniger zu dumpfem Fanatismus sowie zu blindblöder Idol-Bildung neigt und ihre genauso fragwürdigen Goldenen Kälber umhopst. Seien das nun Pop-Sternchen oder volksdümmliche Musikheinis.

Der Teufelsgeiger freilich ist beim Teufel – im übertragenen Sinn.

Und die schönen Frauen lagern sich, mit Duldung ihrer blödsinnigen Ehedolme und anderer hirnloser Durchschnittsgalane, neuen fragwürdigen (Musik-)Scharlatanen zu Füßen.

Dem Herrn André Rieu etwa oder sonst einem After-Genie.

*

Großmutters Vergleiche hätten sich, wenn ihr Niccolò Paganini sonderlich sympathisch gewesen oder als genug wichtig erschienen wäre, vermutlich auch auf ihn erstreckt. Aber Oma tendierte, was ihre musikalische Ausrichtung betraf, nicht besonders zum Klassischen hin.

Am ehesten hielt sie es noch mit dem Schrägen Otto, einem sehr populären Klavierinterpreten, der in Wahrheit Fritz Schulz-Reichel (1912 – 1990) hieß und in den 1930er und 1940er Jahren schon auf den Effekt des gezielt verstimmten Klaviers gekommen war.

Auch so ein vielseitiger Saiten-(Ver-)Gewaltiger also!

Der Schräge Otto vermittelte ein erstaunliches Hörvergnügen, das sich, besonders via Schallplatte oder Tonband, recht hübsch bei familiären Feiern und Partys in den 1950ern abrufen ließ; immer dann, wenn Tante Isabella schon einen in der Krone hatte, Onkel Robert ordinäre Witze zu erzählen anfing oder Opa auch nicht mehr so ganz standfest wirkte.

Inwieweit der Schräge Otto, der auch in den USA (als „Crazy Otto“) erfolgreich war, den aus Los Angeles stammenden, neutönenden und experimentell ausgerichteten Großkomponisten John Cage (1912 – 1992) beeinflusst haben könnte, der bekanntermaßen einiges und sehr effektvoll für präpariertes Klavier geschrieben hat, soll hier nicht weiter untersucht werden. (Übrigens, auch nicht die mögliche Beeinflussung Schulz-Reichels durch Cage nicht!) Immerhin verwendete John Cage, der bedeutende Vertreter der sogenannten aleatorischen Musik, mit Vorliebe – neben Tonband und diversen audiovisuellen Elementen, die er in seine Orchester- und Kammermusik mixte – durch Schrauben, Metallstücke und Ketten klanglich veränderte Pianos. Ähnlichkeiten bestanden also allemal zwischen den beiden Klaviervirtuosen, dem der sogenannten U- und dem der E-Musik, war Schulz-Reichel doch ursprünglich zudem Konzertpianist gewesen, bevor er sich dem Ragtime und dem Schlager zuwandte.

Beide, Cage wie Schulz-Reichel, dürften indes zumindest peripher vom Stil des sogenannten Barrelhouse-Pianos beeinflusst gewesen sein, einer Klavierspielweise des frühen Jazz, bei der unter anderem auch Papierstreifen auf die Klaviersaiten gespannt oder mit Vorliebe verstimmte Instrumente eingesetzt wurden. Der Stil zeichnete sich durch eher lauten, harten und kurzen Anschlag (staccato) aus, mussten sich die Pianisten in den Spelunken des Südens der USA, dort, wo – wie der Name sagt – die Getränke noch direkt aus den Fässern ausgeschenkt wurden, doch gegen den allgemeinen Lärm durchsetzen … Immerhin beeinflusste der Stil des Barrelhouse-Pianos später Ragtime und Boogie Woogie.

Warum mir jetzt und hier die Frau Pechatschek einfällt, weiß ich auch nicht. Vermutlich hat es aber weder etwas mit Paganini, noch mit Cage, dem Schrägen Otto und den diversen Barrelhouse-Pianisten zu tun. Am ehesten wohl noch mit meiner Großmutter, da die beiden einander als Beinahe-Nachbarinnen viele Jahrzehnte hindurch kannten. Oma und die alte Pechatschek haben unter anderem diversen Tratsch und interessante Kochrezepte ausgetauscht.

Mit mir – wer immer ich auch sein mag – hat die Frau Pechatschek hingegen nichts zu tun. (Glaube ich.)

Seltsam.

Immerhin, Omis Vergleiche waren familienbekannt und gefürchtet. Und dabei hatte, das muss man wissen, Großmutter bei uns eine ähnlich prominente Position inne wie etwa die legendäre „Tante Jolesch“ des österreichischen Schriftstellers Friedrich Torberg (1908 – 1979) in seiner literarischen Mischpoche. Und das will immerhin was heißen.

Großmutter hätte mit Sicherheit, wäre jemand aus der Familie auf die Idee verfallen, sie danach zu fragen, nämlich: was ihr lieber sei, das Klavier oder die Violine, das Piano vorgezogen. Als Grund hätte sie vermutlich verschmitzt lächelnd angegeben: „Es brennt länger …“

Und dennoch, bei aller bisweilen durchschimmernder Originalität, Omis Vergleiche waren und blieben gefürchtet. Da hätten nicht einmal Beipackzettel geholfen.

*

Freilich, das alles sagt uns noch kaum etwas (oder besser: gar nichts) über Großmutters Vergleiche an sich. Und gerade sie, also die in aller Regel skurrilen großmütterlichen Analogien, deren Qualität – egal, worum es sich handelte – in erster Linie in ihrer An-den-Haaren-Herbeigezogenheit lag, waren wiederum fast so gefürchtet wie die Punschkrapferln, die Omi zum Faschingsausklang herzustellen sich Jahr für Jahr nicht abhalten ließ.

Bei diesen speziellen Süßigkeiten war es schwer auszumachen, warum fast allen nach dem Genuss der mit einer rosafarbenen Tarnglasur überzogenen Dinger, nach dem meist ohnedies nur widerwillig erfolgten Verzehr dieser abartigen Grenzprodukte der Backwarenerzeugung also, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit totenübel wurde.

Die Familie war, was die Hintergründe des unausbleiblichen Magengrimmens, des über Tage andauernden Bauchschmerzes und der elementaren Dauerdurchfälle sowie der horriblen Speiattacken, Superkoliken und damit einhergehenden Nahtoderfahrungen betraf, sozusagen zweigeteilt: Die einen waren felsenfest davon überzeugt, ein Zuviel an Inländer-Rum verleihe dem aus diversem Altbackenem meist unklarer Deszendenz geklitterten Mehlspeisenabfall – also höchst obskuren Resten von Weihnachtsgebäck, missglückten Vanillekipferln, danebengegangenem Hart-Lebkuchen und im Ranzigwerden begriffenem Kletzenbrot – seine die Verdauung schädigende Brisanz; die anderen glaubten, just und ausschließlich die Zugabe des Alkohols hülfe überhaupt, noch viel gravierendere Gesundheitsschäden zu verhindern.

Kurz – neben ihren Redensarten waren es Omas Punschkrapfen, die ein Zusammentreffen mit der ansonsten so seelensguten und freundlichen alten Dame als so riskant erscheinen ließen.

Dabei hätte, ohne Spaß, ihre Unsitte, stets eine (meist un-)passende Redensart parat zu haben, ja allein schon genügt, äußerste Vorsicht im Umgang mit Großmutter als unbedingt ratsam erscheinen zu lassen! Ehrlich, das bedeutete gleichsam familiäres Grundwissen …

„Der gebärdet sich ja wie ein Floh im Postautobus“, sagte sie zum Beispiel, wenn es um die Beschreibung besonders affektierten und daher lächerlichen Tuns ging. Da stand einem nun wirklich das Hirn! Ja, und das legendäre Zitat „Lebe glücklich, lebe froh / Wie der Mops im Paletot!“ – das hatte sie aus einem Albumblatt des ausgehenden 19. Jahrhunderts herüber ins Heute gerettet – war noch eine vergleichsweise (sic!) tolerable Verbal-Entgleisung, durchaus.

Doch ansonsten konnten Omis Vergleiche, die meist so weit hergeholt waren, dass sie unterwegs sogar das Hinken verlernt hatten, dazu führen, dass sich die Verwandtschaft, bildlich gesprochen, auf dem Boden ringelte vor Missbehagen. Oder die ausgesprochen geschmacklosen Tapeten – wir befinden uns mitten in den 1950er Jahren! – hochzugehen begann.

Wie gesagt, die Wirkung war durchaus ähnlich wie nach dem unvorsichtigen Verzehr von Großmutters berüchtigten giftig-rosafarbenen Punschkrapferln zum Jahr für Jahr herbei-gefürchteten Faschingsausklang.

Großmutter war bei der Herstellung ihrer windschiefen Analogien zudem mit schlafwandlerischer Sicherheit zum Auffindung der verdrehtesten Bilder imstand. Etwas passe wie „der Faust aufs Gretchen“ klang da – abgesehen einmal vom Inhalt – vergleichsweise noch harmlos; und auch der Umstand, der „dem Fass die Krone ins Gesicht“ schlage, hätte wohl noch kaum jemanden wirklich schockiert. Aber was sich in Omis Arsenal sonst noch so alles an Inkompatiblem aus dem Reich von Semantik, Syntax und Stilistik fand, hatte es in der Tat in sich. Und drängte unablässig nach außen, dem bekannten Teufelchen in der Schachtel gleich.

Und wenn sie es zwischendurch als noch nicht genügend wirkungsvoll erachtete, uns mit deutschen Sprichwörtern, Bonmots und Kalauern mundtot zu machen, so griff sie beherzt in den Fundus fremdsprachiger Redewendungen und mixte, wenn es ihr danach war, sogar munter drauf los, zwischen den Idiomen und Jargons switchend wie ein kanalsüchtiger Fernseh-Junkie. „Eine hirondelle ne fait pas einen Sommer“, „The early bird est l’ami des Muses“ oder „La fortuna aiuta Gott“. Es war ein Graus!

Und unser aller Nervenkostüme? – Nun: Goutte à goutte l’eau creuse la pierre … La goccia scava la pietra … Constant dropping wears the stone … Steter Tropfen höhlt den Stein.

Da wendete sich irgendwann der geduldigste Gast mit Grausen. (Wenn er denn überhaupt noch irgendeine Wendung zu vollziehen vermochte …)

Doch Omi ging selbstredend einen Schritt weiter. Ja, die Gute hatte sozusagen immer noch etwas in petto, womit sie uns, die wir schon glaubten, uns könne eigentlich nichts mehr erschüttern, doch noch überraschte.

Perplex standen wir dann, dem (von ihr ebenfalls oft und oft zitierten) Ochs‘ vorm neuen Tor nicht unähnlich, da, wenn sich Großmutter zum Exempel ihres in der Jugend genossenen Unterrichts in der französischen Sprache entsann und freischnäbelig äußerte: „Man kann nicht zwei Herren dienen: Gott und Maman!“ (Aber vielleicht geht dieser feine Gedanke gar nicht auf Omi zurück, sondern auf eine ihrer Cousinen, Katharina aus Czernowitz, die in mondhellen Nächten lange noch als eine Art Halb-Vampir unsere Familiengeschichte durchpflügte.)

Wie auch immer: Großmutter schoss mit ihren hinkenden Vergleichen und hatschenden Verbal-Kompromissen, zwischen Ort, Zeit und Historie oszillierend, fast immer irgendeinen Vogel ab.

Sie verwirrte uns, obschon sie selbst – noch – nicht verwirrt schien.

Und dabei meinte Omi es doch nur gut mit uns!

2) Verborgene Gefühle I

Im Schatten des riesigen Radioapparats mit dem magischen Auge, dieses neben anderen Errungenschaften recht prominent das (zunächst bundesdeutsche) Wirtschaftswunder repräsentierenden Elektrogeräts, das, vermutlich in bewusster Abkehr vom braun-spartanischen Volksempfänger der NS-Zeit (eigentlich: Deutscher Kleinempfänger, DKE), so schön ausladend und luxuriös erschien, im Schatten dieses zauberischen Geräuscherzeugers also, der zugleich Möbelstück und Blickfang wie auch von mehr oder minder edlem Holz umhüllte Lärmquelle war, im Schatten des riesigen Radioapparats also zirkelte die (Groß-)Familie, besonders zu außergewöhnlichen Festanlässen. Die Zentralposition im familiären Wohnen, die wenige Jahre später der Fernsehapparat einnehmen würde (der dann dort, wo es ihn bis dato noch gegeben hatte, endgültig den Herrgottswinkel verdrängte und ersetzte), war unbestritten dem Ätherwellen hörbar machenden Mobiliar vorbehalten, bei dessen Ertönen im Allgemeinen die üblichen Gespräche ersterben mussten und untersagt waren. Das Radio stand übrigens von Haus aus auch, wie zuvor das Grammophon, als Konzertsaalersatz hoch im Kurs. Für andere bot wiederum die ohrenzentrierte Theatervariante des Hörspiels reiche und bereichernde Kunst- und Kultur-Momente. Die Sportliebhaber schließlich konnten sich an der – dank gewiefter Rundfunkreporter lebensnah vermittelten – Fußballstadion- oder Skirenn-Atmosphäre delektieren und erregen. Es gab Kinderfunk, Schulfunk und Hausfrauenfunk, somit für alle Interessenten im weitesten Sinn: maßgeschneidert, irgendetwas Hübsches, Sinnhaftes oder auch Überflüssiges; das freilich nichts desto trotz insgesamt Konfektionsware war.

Einen Löwenanteil hatte freilich stets die Musik zu bestreiten.

Weihnachten, Punschkrapfenfaschingsausklang, Ostern, Geburtstage et cetera wurden solcherart musikalisch umrahmt. Und das geschah besonders eindrucksvoll, wenn die imponierenden Radios mit entsprechenden Schallplattenspielern versehen waren. (Für das Lärmen im Freien oder im Urlaub wurden in den 1950ern die handlichen Transistorgeräte erfunden.)

Selbst ein Musikinstrument zu beherrschen oder zu erlernen, war jedoch in aller Regel nicht mehr üblich; außerdem war der alte Bösendorfer in der frühesten Nachkriegszeit gegen Erdäpfel eingetauscht worden. Und die rockige Ära, da die Jugend erneut zur Gitarre – jetzt naturgemäß elektrisch verstärkt – greifen würde, sollte erst noch anbrechen. Der Ziehharmonika haftete meistens ein eigentümlicher Mief an, den auch die hübsche Bezeichnung Akkordeon kaum restlos zu übertünchen half; und mit der meist schrecklich verblasenen Blockflöte verbanden vielleicht am ehesten noch ein paar ewig-gestrige, ehedem stramme Mitglieder des Bundes Deutscher Mädchen mehr oder minder rührselige Erinnerungen.

Übrigens: Kaum auszudenken, hätte der glühende Wagner-Fan Adolf Hitler tatsächlich die walkürliche Winifred geehelicht, was ja eine Zeit lang durchaus im Bereich des Möglichen gelegen war! Der Antisemitismus wäre zwar kaum noch unmenschlicher ausgefallen, als es ohnedies der Fall war; aber die Vorstellung entbehrt trotzdem nicht des Albtraumartigen.

Immerhin, ohne ihr Zutun waren auch die unschuldigen Musikinstrumente politisch entehrt worden durch diverse Zupfgeigen-Hanseln und Schifferklavier-Heinis. Arno Schmidt schreibt nicht von ungefähr (in seiner trefflich-bitteren Edelprosa „Aus dem Leben eines Fauns“, 1939): „Das Musikinstrument ist mir am meisten verhaßt : die Ziehharmonika des Volkes ! Mit ihren gedunsenen, verwaschenen, knopfigen Tönen.“ Nun, von den Pfeifern, Bläsern, Trommlern und Schellenbaum-Aktivisten wollen wir besser erst gar nicht reden, die knapp zuvor noch im Stechschritt die Gaue durchpflügt hatten – nein, von ihren zähhirnigen und großteils sogar – abseits der ansonsten frenetisch bejubelten Wagner’schen Klangfülle und ebensolchen Musikpomps – amusischen Führern dazu angestiftet worden waren.

Und wie die Karajans und Böhms erst mehr oder weniger mühsam entnazifiziert werden mussten, hatten auch die Musikinstrumente diverse rituelle Waschungen zu absolvieren. Denn wenigstens diesen kleinen Triumph wollten sich die vordem als entartet verfolgten Künstler der Töne nicht entgehen lassen, den gewesenen Größen des braunen Konzertsaals, Funks und Films beim Abbitteleisten und Asche-aufs-Haupt-Streuen zuzusehen. Vorausgesetzt, die Verfolgten hatten die Verfolgung überlebt …

Langsam sollte dann wohl auch die Hausmusik eine Renaissance erleben; doch sicherheitshalber griff man zunächst zur Tonkonserve.

Und der Schräge Otto hatte (wieder) Saison.

(Paganini naturgemäß auch, im Schallplattenformat. Wie übrigens bald auch wieder Strauss und Co. – unter Böhm und Karajan.)

*

Doch auch in der zweiten Ära des Schrägen Otto ging es um verborgene Gefühle.

Denn Gefühle offen zu zeigen, das wäre sogar im Getöse des Wirtschaftswunders, das in der Bundesrepublik Deutschland unter dem idianergesichtigen Kanzler Konrad Adenauer und seinem wohlbeleibten Wirtschaftsminister und Dauerzigarrenraucher Ludwig Erhard zur Blüte gekommen war (die sich auch auf Nachbarstaaten, etwa auf das arme Österreich, ausdehnte), also, Gefühle allzu offen zu zeigen, wäre sogar in den 1950er Jahren kaum toleriert worden.

Da mussten schon die Rock’n’Roll-Bewegung, als erstmals ein Tanz zu einer kraftvollen und mächtigen politischen Äußerung mutierte, später die Rhythmen der Beatles und der Rolling Stones her: Ein musikalisch zwar gar nicht so besonders neuer Wind, der sich dennoch als zum gesellschaftspolitischen Sturm aufblas- und entfachbar erwies, ermöglichte über Umwege (philosophisch-soziologischer Art sowie erst recht wieder konsumgestützt) eine Verwandlung, die zumindest nach Veränderung aussah. Da wurden sodann freie Liebe, Drogenkonsum und eine weniger profitgelenkte Vermenschlichung propagiert, und der Materialismus stand gleichsam kurz noch einmal auf dem Prüfstand, bevor er als perfide-perfekte Verdinglichung allen Lebensinhalts in den härtesten Kapitalismus hinein zu kulminieren begann. Diese kurze Besinnung auf sogar erotische und nicht-materielle Werte vollzog sich großteils, der Onanie nicht unähnlich: unter der Hand, kaum freilich offen. Immerhin ließen sich zum hämmernden Beat entsprechend disponierte und insgeheim wohl schon länger darauf hoffende Mädchen von nicht minder begierigen Burschen dann bereitwillig – nageln.

Was bald schon in Woodstock, Hippie– sowie Flower-Power-Wesen und den (Studenten-)Revolten von 1968 in Paris, Berlin, München und Wien kulminieren sollte – aber auch im weit weniger harmlosen Tun der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und den ausschließlich polit-terroristischen Aktivitäten von RAF et cetera -, es fand eigentlich hier, möglicherweise nicht zuletzt im Gefühl der Fadesse angesichts des Überflusses in der anscheinend schon ausgereizten, so völlig Konsum-zentrierten Wirtschaftswundergesellschaft, seine Basis.

Das magische Auge des Wohlstands-Radioapparats leuchtete somit gleich mysteriös wie – zumindest vom Standpunkt des Establishments aus – unheilverkündend durch die schlabbernden Nebel und üblen Miasmen einer vollkommen unklaren, im Wortsinn undurchschaubaren Zukunft. Es herrschte der kalte Krieg, und die Globalisierung machte, teils noch verborgen und unerkannt, ihre ersten, vergleichsweise zaghaften Fortschritte; und sogar die zunehmende Umweltverschmutzung, betrieben von einer in mancherlei Hinsicht von Einweg-Gedanken gelenkten Gesellschaft, begann wahrgenommen zu werden; und löste Irritationen aus.

Im Nachhinein wissen wir (was bekanntlich immer recht leicht ist!), dass es nicht allzu weit her war etwa mit der viel gepriesenen sexuellen Befreiung. Heute ist sie Teil einer geschichtlichen Entwicklung, wie zum Parallel-Exempel der Wiener Aktionismus innerhalb der Kunstgeschichte. Als museale Relikte, mal als Ruinen diverser Denkgebäude, deren motivische Ähnlichkeit mit dem legendären biblischen Turm zu Babel augenscheinlich sind, mal als Artefakte einer Denk-, Lebens- und Kunst-Utopie, beleben sie als Mini-Attraktionen zugegeben noch immer so manchen alltags-philosophischen Flohmarkt oder erzielen gar auf den mondänen Kunstverkaufsplätzen mit ihrem unfreiwillig komischen Society-Tetümmel erstaunliche Preise – bei Krethi und Plethi mit der dicken Brieftasche und dem dünnflüssigen Magerhirn.

Die Gefühle indes bleiben weiterhin zumeist subkutan. Und unsichtbar. So mag es auch schon zu Zeiten, da Oma noch nicht durch ihre irritierenden Vergleiche und die gefährlichen Punschkrapferln zum Faschingsausklang für Chaos sorgte, sondern als junges Mädchen just Opa, den damaligen jungen Mann, zur Initiation mehr oder minder keuscher Zärtlichkeiten ermunterte (oder sie zumindest zuließ), gewesen sein. Mit deklarierter Prüderie statt Oswald Kolle. Mit rigiden Verboten und ihren schlauen Umgehungsstrategien statt verlogener Versprechen von Freiheit und Veränderung … Das Leben war immer in erster Linie Idioten-affin.

Im Hintergrund: Paganinis Capricci, später der Schräge Otto oder noch später – – –

3) Der zu groß gewordene Gnom

Niccolò Paganini soll, so glaubte man lange Zeit, unter dem nach Antoine-Bernard Marfan (1858 – 1942) benannten Syndrom gelitten haben, einer genetisch bedingten Veränderung des Chromosoms 15, die eine Bindegewebeerkrankung verursacht und – unter Umständen – zu Verlängerungen des Habitus, zum sogenannten Riesenwuchs, führt. Besonders extrem lange Hände mit überaus schmalen Fingern können die Folge sein, wobei der Daumen sogar unter der Klammer der anderen Finger seitlich herauszuschauen vermag.

Doch auch mittels modernster Methoden der Forensik ließ sich die Theorie um Paganinis diesbezügliche gesundheitliche Disposition nicht eindeutig erhärten.

Wohl aber wurde wissenschaftlich geklärt, dass der Teufelsgeiger und Frauenverführer an Syphilis erkrankt gewesen sei, was sich in nachweisbaren, immer wieder angewandten Quecksilberkuren manifestierte. Die Verabreichung von Quecksilber galt bekanntlich durch Jahrhunderte als einzige – in der Tat: radikale – Madikation gegen Lues, wie die populäre und weitverbreitete Geschlechtskrankheit ebenso populär genannt wurde, bevor ihr via Penizillin von den nicht selten selbst davon betroffenen Medizinmännern energisch und effektiv entgegengetreten werden konnte …

Außerdem litt Paganini Jahre vor seinem Tod an Kehlkopf-Tuberkulose, so dass er nicht mehr sprechen konnte und seines geliebten Sohnes Antonio als Sprachrohr nach außen bedurfte.

In Nizza, wohin er sich zur Kur begeben hatte, starb der damals schon längst legendäre Geigenvirtuose schließlich im Jahr 1840.

Übrigens, weder hier noch in Genua oder in Parma ließ die klerikale Obrigkeit eine kirchliche Bestattung zu, da Paganini auf Grund seines Stimmverlustes und seiner allgemeinen Schwäche nicht mehr beichten hatte können …

Jahre später erfolgte dann doch noch das Plazet – gegen das Überlassen des beträchtlichen Vermögens aus dem Nachlass des Genies an die Kirchengewaltigen …

*

Paganini war indes mit Sicherheit kein Gnom.

Auch kein zu groß gewachsener.

Wobei man in Sachen Groß- wie Kleinwüchsigkeit ohnedies aufpassen muss, dass man sich nicht gleich in die Nesseln setzt. Denn gerade hier wurde in den letzten Jahrzehnten vieles an Originalität zugunsten einer blassen und blutleeren political correctness geopfert. Egal, ob es nun um Liliputaner und Zwerge geht, um Neger und Mohren (ob im oder ohne Hemd) oder um die Geige spielende Zigeuner.

Als ob es den besagten, früher so genannten Zigeunern nicht viel mehr um Achtung und selbstverständliche Akzeptanz getan gewesen wäre denn um die politisch korrekten Bezeichnungen Roma oder Sinti! Oder als ob die Liliputaner, nun großspurig als Kleinwüchsige bezeichnet, tatsächlich größer geworden wären dadurch! Quasi durch einen semantischen Anscheinwuchs …

Außerdem: Singen Sie doch einmal den hübschen Operettenrefrain „Komm, Roma, komm, Roma, spiel‘ mir was vor …“ (aus Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ von 1924). Da fehlt gegenüber dem politisch unkorrekten Original zwar keine Silbe, da mangelt es indes durchaus an Poesie! Ja, „Komm, Zigan“, klingt eben ganz anders, anheimelnd und hübsch …!

Wie uns auch der kleinwüchsige August im Zirkus kaum zur Heiterkeit anstachelt, während in der Bezeichnung Liliputaner noch all der Zauber der zirzensischen Welten mitgeschwungen hatte … Der, zugegeben: verlorenen Welten. Der Welten der Masken und des Scheins. Des Schweißes und des Kuriosen, weil Anderen.

Einem Anderen darf, ja muss man freilich Hochachtung und Respekt zollen.

Hochachtung und Respekt.

Zu Kálmáns Erfolgsoperette „Gräfin Mariza“ ist noch anzumerken, dass sie eine der vielen vitalen Beispiele dieser Gattung des Musiktheaters darstellt, die, seit Jahrzehnten totgesagt, immer noch munter vor sich hin lebt … Das Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald wartet zwar nicht eben mit literarischer Komplexität auf; die sowohl schwungvolle als auch nuancenreiche Musik des bedeutenden Komponisten Emmerich Kálmán (auch Emerich K., 1882 – 1953) hätte indes vermutlich sogar die Vertonung des Wiener Telefonbuchs zum (mindestens) kleinen Kunstwerk geadelt.

Ach ja: Mariza!

Dass der in seinem Ehrgefühl gekränkte Tassilo von Endrödy-Wittemburg zuletzt seine Gräfin ja doch noch bekommt, ist guter alter Operettenschmäh, geht aber hinein wie die im Lied angesprochene Roma-Weise …

Übrigens: Auch Paganini selbst wurde zur Titelfigur einer Operette, diesmal einer von Franz Lehár (1870 – 1948, aus dem Jahr 1925), zu der Paul Knepler und Béla Jenbach das Libretto beisteuerten. Aus diesem Opus stammen die bekannten Lieder „Liebe, du Himmel auf Erden“, „Niemand liebt dich so wie ich“ und der Ohrwurm „Gern hab‘ ich die Frau’n geküsst“. Geschildert wird in „Paganini“ auf hochdramatische und äußerst musikalische Weise die unglückliche Liebe des Geigenvirtuosen zu Maria Anna Elisa, Fürstin von Lucca. Und schöne Frauen waren auch dem realen Paganini zumindest ein paar angesägte Darmsaiten wert …

4) Kaum ein Zurück …

… gab es im Leben des Genueser Geigenvirtuosen und Komponisten Niccolò Paganini, denn wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, führte es der Teufelsgeiger, „der erste Virtuose im ,modernen‘ Sinn“, wie ihn Dietmar Holland im profunden Lesebuch zur Orchestermusik „Der Konzertführer“ nennt, auch konsequent zu Ende. Verständlich, denn auch seine Zeitgenossen standen dem Künstler zunächst, egal in welcher Gattung er zu wirken vorhatte und welches seine Ausrichtung sein sollte, nicht unbedingt geneigt gegenüber. Unterstützung war nicht selbstverständlich, und auch das Mäzenatentum war kein so leicht anzapfbares Riesenfass. Und wenn sich ein Musiker (oder Maler oder Literat) zu allem Überfluss auch noch als eigensinnig, widerspenstig und wenig handzahm erwies, waren seine Chancen a priori keine allzu großen.

Ein gewisses Maß an Extravaganz war indes mitunter auch wiederum hilfreich fürs Image. Und er, Paganini, hätte in der Tat einer Geschichte seines Kollegen E. T. A. Hoffmann (1776 – 1822), dieses unbändigen Mehrfachgenies, entsprungen sein können. Denn allein schon, dass man es allgemein sogar für möglich hielt, der Italiener stünde mit dem Teufel, ja: mit Satan selbst, im Bunde, war quasi ein Marketing-technischer Glücksfall.

Bevor Paganini durch seine Europatourneen allgemein zum Begriff rarer Musikalität und entsprechend frenetisch gefeierter Musikausübung geworden war, galt er indes schon in Fachkreisen durchaus viel. Bereits seine „Ventiquattro capricci per violino solo“ (op. 1) bewiesen sich als musikalische Grenzgänge ersten Ranges, waren genial und spieltechnisch innovativ. Holland zitiert den Opernkomponisten Giacomo Meyerbeer: „Wo unser Denken aufhört, da fängt Paganini an!“ Des Umstands, dass der Virtuose seine Konzerte bis ins Detail genauestens plante und dabei zirzensischen Auftritt mit ingeniöser Musikalität zu verbinden wusste, wurde sich das durchschnittliche Publikum vermutlich kaum bewusst; angesichts der fulminanten technischen Raffinesse, die er aufbot, war dies jedoch auch nicht weiter von Belang.

Es machen ihn, inzwischen längst unseren Paganini, viele Elemente aus: Seine gewagten Flageolette-Doppelgriffe, das Aufziehen extrem dünner Darmsaiten, seine durch die außerordentliche Spannweite der linken Hand ermöglichten Griffe und die stupende Springbogentechnik, all das gestaltete sich zum wahrem Feuerwerk intensivsten, mitreißenden Geigenspiels. Akustische Feuerwerke und Hörraketen, bunte Tonkaskaden und Klangfontänen entlockte da ein sich in jedem Moment verausgabender Liebender seinem meisterlichen Instrument. Ein Liebender der Musik. Der Frauen. Des Lebens. Des Teufels – warum eigentlich nicht?

Großmutter sagt –

Ach! Lass‘ mich doch mit Omi in Ruh!

Iss lieber dein Punschkrapferl!

Er also, P., er also – – –

Noch nie gehört und daher – unerhört!

Kein Wunder, wenn die beiden gedruckten Violinkonzerte und die Capricci bald schon als das Neue Testament aller späteren virtuosen Geiger galten; zum Unterschied zu den hochgeschätzten Sonaten und Partiten des Johann Sebastian Bach, also dem Alten Testament

Kein Wunder zudem, dass der Italiener gern in einem Atemzug mit seinem um einiges jüngeren Zeitgenossen, dem Komponisten und Klaviervirtuosen Franz Liszt (1811 – 1886, seit 1859 von L.), genannt wird. Verstand es der aus dem – damals ungarischen – Burgenland stammende Liszt doch ebenfalls, vergleichbar einem Pop-Star von heute, international Furore zu machen und, wie Kollege Paganini, im Zuge seiner rauschhaften Auftritte besonders die Frauenherzen höher schlagen zu lassen … Dass sich fast hundert Jahre nach der Entstehung seines populären Werkes „Les préludes“ die Nazis des Opus bemächtigten und es (zur Ankündigung von Sondermeldungen) via Volksempfänger durch die Ätherwellen quälten, beweist nur einmal mehr den Sinn für Effekte, der diese miese Mischpoche auf geradezu erstaunliche Weise auszeichnete, sowie das propagandistische Gespür von Joseph Goebbels & Cie.!

Ja, wie Paganini verstand es auch der vergleichsweise grazilere Liszt den Damen im konzertären Auditorium die Herzen förmlich aus den engen Korsagen zu pressen. Und neben manchem nach Freiheit durch Erotik und aus schier zur Explosion neigendem Dekolleté flog dem Ausnahmepianisten auch die eine oder andere neue Bettgeschichte zu.

*

Im Vergleich weit weniger spektakulär, wenn auch alles andere denn alltäglich, hört sich da die Musik auf dem Schrägen Otto an. Immerhin kennt jeder, der ein Klavier in seiner Umgebung hat – egal, ob er selber darauf spielt oder nur drunter leidet, dass es wer anderer tut -, die Tücken eines verstimmten solchen Geräts.

Regelrecht und absichtlich verstimmt, entfaltet es dann indes eine neue Qualität und wirkt zumindest originell im Klang. Ja, und es erinnert nicht unbedingt an das gute Tier, von dem uns Wilhelm Busch so freundlich etwas vorgereimt hat.

Unter dem Titel „Gemartert“ heißt es da:

Ein gutes Tier

Ist das Klavier,

Still, friedlich und bescheiden.

Und muss dabei

Doch vielerlei

Erdulden und erleiden.

Besonders der Virtuos geht schonungslos um mit dem armen Musikmöbel:

Er öffnet ihm

Voll Ungestüm

Den Leib, gleich der Hyäne …

Dabei ist nicht erwiesen, ob sich das Geklimper, das dem Instrument durch den nur ungern übenden Schüler oder die nicht minder desinteressierte Schülerin angetan wird, angenehmer auf dessen Gemütslage auswirkt; wenn wir dem etwas despektierlich auch gerne Drahtkommode genannten Musikgerät denn ein Gemüt zuerkennen wollen.

Naja, wer fragt schon nach der Befindlichkeit der Musikalien?! Eben. Den Klängen nach zu schließen, die diverse Instrumente nicht selten absondern, haben sie vermutlich oft gar Arges zu erleiden, wenn sie gequetscht, verblasen oder sonst wie gequält werden, die Ärmsten!

Nicht selten weigern sich manche aufmüpfige Lärmgeräte dann sogar, so hört (sic!) man, ihren Dienst weiterhin zu tun und ihre vorgebliche Pflicht zu erfüllen. Gewiefte Instrumente tun dies plötzlich sozusagen: stillschweigend, mithin – unhörbar …

Andere wiederum greifen zu den altbekannten (aber nichts desto weniger probaten) Mitteln, die den Dingen nun einmal seit Alters her, sollte es hart auf hart gehen, zur Verfügung stehen: Sie werden schlicht und ergreifend kaputt. Zerfallen. Lösen sich auf. Gehen aus dem Leim und überhaupt – ein. Verrenken sich an Kopf und Gliedern. Hauchen ihre musikalische Seele aus. Verrosten oder verrotten. Beginnen zu modern. Sie leisten sich Holzwurm- oder Mottenbefall. Sie gehen verloren in den staubigen Weiten eines unaufgeräumten wüsten Dachbodens oder versumpfen im schimmligen Dschungel eines halbfeuchten Kellers.

Kurze Zeit später erinnern kaum noch eine Faser von Stoff oder ein Span des Holzes an sie und ihren ehemaligen Glanz, als sie zum Exempel, bei der Weihnachtsbescherung aus dem bunten Geschenkpapier gewickelt, Kinderaugen froh, ungläubig rund und strahlend, im Anschluss meist indes Kinderfinger nicht talentierter machten …

Das kaum je wieder gespielte Klavier, durch Nichtbenutzung zu einer unfreiwilligen Art von Schrägem Otto mutierend, ist die Ausnahme: Auf Grund seiner räumlichen Ausdehnung bleibt es zumindest optisch im Familiengedächtnis. Diverses Kleinzeug wie Mundharmonikas, Maultrommeln, Glockenspiele und Blockflöten gehen in der Tat eher ganz verloren und fallen irgend einmal für immer durch die Ritzen der Zeit in einen mystischen dunklen Abstellraum; irgendwo neben der Abteilung für das allgemeine schlechte Gewissen und die Reste von gutem Geschmack.

5) Das Blaue vom Himmel

„Die ganze Welt ist Himmelblau“, dieses Lied steuerte (unter anderen) Robert Stolz (1880 – 1975) zu Ralph Benatzkys Singspiel „Im Weißen Rössl“ aus dem Jahr 1930 bei.

Die ganze Welt war damals zwar eher grau als blau, und von Himmel konnte aber schon so was von gar nicht die Rede sein. Doch halfen Robert Gilberts Text und vor allem die schwungvolle, Harmonie-selige Melodie Stolzens über die Sorgen und Nöte des Alltags hinweg. Arbeitslosigkeit und Armut, politische Unsicherheit im Vorfeld der Nazi-Diktatur, diverse Sinnkrisen (die man freilich damals noch längst nicht so nannte) – all das wurde kurzfristig ausgeblendet, wenn nur der Sigismund so schön war und nichts dafür konnte; und die ganze Welt himmelblau

Und deshalb strömten die Massen ja wohl auch in die Revuetheater und in die Operettenhäuser: Um wenigstens für ein paar Stunden ihr Elend vergessen zu können. Dazu hatte „Rössl“-Hauptkomponist Benatzky, gemeinsam mit Hans Müller-Einigen und Erik Charell, das Libretto zum Singspiel „Im Weißen Rössl“ (eigentlich war es eine Revue-Operette) verfasst, wobei die Alt-Berliner Komödie des Autorenduos Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg die literarische Grundlage abgab. Neben Benatzky und Stolz waren außerdem noch Liedtexter Gilbert und Bruno Granichstädten als Komponisten mit von der Partie. Seine Uraufführung erlebte das Werk am 8. November 1930 in Charells Großem Schauspielhaus in Berlin.

Viele Köche müssen also nicht automatisch den Brei verderben; obwohl sich Großmutter immer wieder gern dahingehend über ein Zuviel an Personen, die an einer Sache beteiligt waren, aussprach. Sie war eben inkonsequent. Denn beispielsweise die schon erwähnten Verderben bringenden Punschkrapferln zum Faschingsausklang waren ausschließlich und allein ihr Werk, Jahr für Jahr. Und auch ein Mehr an Köchen (oder besser: an Konditoren) hätte hier wohl kaum noch ein Mehr an Schaden anzurichten vermocht!

Sie hatte zudem noch eine Spruch-Variante in petto, die immerhin auch recht originell klang: Viele Knochen verderben das Beil. Doch weist dieser Spruch in eine andere Richtung.

In der Folge gab es dann allerdings immer weniger zu essen. Das hinderte Großmutter als junge Hausfrau und bald darauf als fürsorgliche Mutter nicht daran, weiterhin an ihrem zuletzt legendären Fundus von kuriosen Sprichwörtern und bizarren Vergleichen zu arbeiten. Man lebte dann alsbald nicht mehr so sehr von der Hand in den Mund, als vielmehr vom Hungertuch, das zu benagen ein Gebot der Stunde war.

Und ähnlich wie Großvater im Kleinen versprachen auch die neuen braunen Machthaber im Großen nicht weniger als Wohlstand, Sättigung und Glück.

Der Rest ist bekannt: Zwar wollte sich der Wohlstand (für alle) nicht so recht einstellen, und viele hatten es alsbald satt, immer wieder mit leeren Versprechen ihre ebenso leeren Töpfe gefüllt zu bekommen. Doch zu ihrem eigenen Glück sagten das nicht allzu viele zu laut, weil ihnen solches nämlich schlecht bekommen wäre …

*

Ohne Frage hatte es auch Opa verstanden, um Omi zu erobern, sozusagen das Blaue vom Himmel herunterzulügen; zumindest versuchte er, ihrer beider mögliche gemeinsame Zukunft ziemlich ausgiebig schönzufärben. Er glich die Wahrheit also nicht der bescheidenen Lage an, in der sie sich befanden, sondern Großvater schuf vielmehr eine neue Interpretation eben dieser Lage. Lage und Lüge, man versteht.

Nun hatte ihre Lage zwar wenig bis gar nichts mit der Paganinis zu tun, in der er, der Teufelsgeiger, nach gezieltem Reißen der höheren Saiten also auf den tieferen weiterfiedelte; doch wohnte Opas Lage-Interpretationen immerhin auch einiger Zauber inne. Und so ließ sich die spröde Blume, die unsere Großmutter damals noch gewesen sein musste, schließlich günstig stimmen, was die Pläne des Amanten in Richtung einer gemeinsamen, möglichst harmonischen Zukunft betraf. Einklang statt Missklang eben.

Die Zeiten waren, wir wiesen weiter oben schon gebührend darauf hin, schlecht und boten auch kaum reale Chancen auf Besserung. Doch auch nach Kriegsende anno 1945, Befreiung von Adolf Hitlers Schreckensherrschaft, vierfacher Sieger-Besatzung und Wiederaufbau wollte sich der so lang immer wieder versprochene Wohlstand eher nur zögerlich einstellen.

Grosso modo wartete Omi daher ein Leben lang weitgehend vergeblich auf die wolkenlos himmelblaue Aussicht, in der sich ihr die Welt endlich zeigen sollte – laut Opas denn doch wohl etwas übertriebener Prophezeiung.

Es ging irgendwann (war es tatsächlich in diesen ominösen 1950er Jahren?) fast allen fast gut. Und dass es ihnen fast gut ging, schien ihnen immerhin wesentlich besser als der Zustand, in dem sie zuvor gelebt hatten; und den sie notgedrungen überlebt hatten …

Nein, die ganze Welt wollte und wollte einfach nicht himmelblau werden.

Die musste man sich irgendwann in der Tat abschminken, die Hoffnung.

Da konnte Großmutter noch so tief in Großvaters Augen schauen. Womit sie übrigens eines Tages auch einigermaßen frustriert aufhörte.

Schließlich gab sich Omi ab nun mit dem Schrägen Otto als Geräuschkulisse zufrieden. Sie erfreute sich an der Herstellung gefährlicher Punschkrapferln zum Faschingsausklang. Und sie brachte weiterhin erstaunliche Vergleiche hervor.

Viele erstaunliche Vergleiche.

O ja.

All dies hellte Großmutters Stimmung immer wieder entscheidend auf und ließ in ihr zwischendurch sogar das Gefühl aufglosen (wie einen alten glühenden Schwamm auf einem Baumstrunk), es gehe ihnen ja im Grund ohnedies nicht so schlecht. Nicht so schlecht war zwar nicht himmelblau, jedoch besser als schlechter; und schlechter hätte es, das wusste man von früher, ohne weiters immerhin auch noch gut und gern sein können.

Dann hätte man erst den Scherben auf, unter den die andern ihr Licht stellten!

In dieser Form der Lebens-Improvisation war sie indes Spitze, die Omi.

                  1. Verborgene Gefühle II

Öffentlich Gefühle zu zeigen, führten wir früher schon einmal aus, gehörte sich zum Beispiel in den 1950er Jahren (noch) ganz und gar nicht. Das galt vielmehr als unanständig, und da war man in der Tat noch – genant. Ja, man kannte (noch) einen Genierer.

Gefühle hatten – wenn sie überhaupt vorhanden sein durften – zaghaft im stillen Kämmerlein zu erblühen; im Verborgenen, sozusagen zwischen vergilbenden Albumblättern. Und sie hatten alsbald dahinzuwelken wie die reichlich speziellen Miniherbarien in manchem überkandidelten Poesie-Büchlein des19. Jahrhunderts.

Viel später erst durfte frau sie, die Gefühle also, auch in aller Offenheit zeigen. (Aber nicht zu öffentlich und auch nicht zu häufig, damit sie nicht abgewetzt würden und unansehnlich!)

Man am besten gar nicht.

Und noch einmal viel später erst sollte es dann endlich sogar den weinenden Mann geben (und der wirke dann auch gar nicht mehr un-cool!). Den Mann durfte es geben, dem der in aller Öffentlichkeit stolz den Kinderwagen mit der zu umhätschelnden Brut chauffierende (Jung-)Vater einigermaßen mutig vorangegangen war – gleichsam als gesellschaftspolitische Avantgarde. Den Mann sah man also, der versprochen hatte, frei-willig gemeinsam mit der ebenfalls berufstätigen (zumindest teilzeitbeschäftigten) Ehefrau oder Partnerin halbe halbe den Haushalt zu führen und sich die diesbezüglich anfallenden Arbeiten gerecht zu teilen. Den Mann, der auch schon mal in Karenz ging, wenn es unbedingt sein musste. (Zu empfangen und zu gebären hat er allerdings bis jetzt trotzdem noch nicht gelernt, zugegeben; aber sonst vermochte er, sich zu einer Art Ersatzfrau von Ambition und Format zu entwickeln.)

Mann durfte – ja: sollte! – also Gefühle zeigen.

*

Vielleicht war diese Demonstration von Gefühl zunächst bloß ein oberflächliches sozio-politisches Symbol? Vielleicht war sie indes mehr, nämlich wichtiger Indikator echter Partnerschaft zwischen Frau und Mann? Als erster Schritt in diese gesellschaftliche Richtung konnten sie nämlich allemal durchgehen. Doch war sie deshalb quasi automatisch auch ein Beweis dafür, dass hier gerade ein gleich erstaunlicher wie bedeutsamer Paradigmenwechsel stattfand? Eine Art Gefühls-Mutation?

Wer kann das schon so genau wissen und sagen.

Vielleicht war die wunderliche Sache wesentlich profaner, und es ergriff den Mann angesichts der seit Mitte der 1960er Jahre nicht selten wild-entschlossen agierenden sogenannten Emanzen nur die nackte Angst; und so versuchte er, aus der neuen und noch ungewohnten Situation des Nicht-Mehr-Paschas noch das für ihn Beste herauszuholen, indem er sein Privilegien-Bündel geschickt (und öffentlichkeitswirksam) schmäler schnürte?

Immerhin, verborgene Gefühle wurden ab den 1980ern und in den 1990ern quasi offiziell. Es gab sie also. Sie waren nicht mehr ohne weiters wegzuleugnen. Da bissen sich sogar erzkonservative Machos und verstockte Patriarchen die noch verbliebenen Zähne daran aus.

Die Männer-Gefühle wurden offiziell.

Und – ruchbar.

Und waren – zumindest angeblich – außerdem nichts (mehr), dessen es sich zu schämen galt.

Männer beherrschten plötzlich das Ein-mal-Eins des Fläschchengebens nicht nur als bestaunter Ausnahmefall, und die Kunst des Windelwechsels trat nicht selten an die Stelle der des Ölwechsels … Der zukunftsfrohe Vater erwies sich mit einem Mal im Füttern des Nachwuchses und im Umgang mit adäquater Baby-Nahrung als durchaus kundig und achtete auch geflissentlich auf die optimal funktionierende Verdauung der Brut, auf wonnigliches Kinderrülpsen und die Wohltat des puerilen Furzens.

Die neue Sicht auf die Partnerschaft und das Erkennen nunmehr modifizierter Elternaufgaben sowie der Versuch einer bis dato unüblichen Teilung der wichtigen Verantwortung lenkte in der Folge auch den Blick in die Theorie vormals einfach als gegeben erachteter Normen. Und das bis hin in staatliche, ja, sogar in religiöse Bezirke. Also wandte man & frau sich vielerorts ab vom strengen, alles akzeptierenden Väterglauben, der allerdings ohnedies erstens kaum jemals irgendeine der brennenden Fragen zu beantworten imstand gewesen war, die ständig aufgetaucht waren in der langen Geschichte der Menschheit; der zweitens nunmehr jedoch sogar als überholt patriarchalisch und nach hinten gewandt kritisiert wurde, dementsprechend als reaktionär verdächtig erschien und alsbald als obsolet abgetan werden sollte.

Erstaunlicherweise züngelte die kecke Flamme der Liberalisierung nun auch an den lange Zeit strengstens gehüteten und bewachten Mauern kirchlicher Bastionen, zumal des katholischen Christentums. Also dort, wo man es partout kaum erwartet hätte.

Immerhin hatten sich immer wieder Schwierigkeiten bei der Akzeptanz diverser biblischer Schilderungen gezeigt – etwa der doch ziemlich vertrackten göttlichen Forderung nach der Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham (Genesis, 22,1 – 14). Wenn Gott zu diesem spricht: „Nimm deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, den Isaak, begib dich in das Land Moria und bringe ihn dort (…) zum Brandopfer dar“, wirkt diese Anstiftung zur Sohnesschlachtung (gelinde gesagt) befremdlich.

Denn: Wie krank mussten wohl Gehirne sein, die sich einen Gott – eine höhere Wesenheit also! – ausdachten und als etwas schilderten, das vom Menschen als Beweis unerschütterlicher Treue und uneingeschränkter Unterwerfung verlangte, er solle sein eigenes Kind opfern?!

Und: Wie krank mussten wohl Gehirne sein, die uns ein solches – gedachtes – (Un-)Wesen dann womöglich und zu allem Überfluss auch noch als liebenden Vatergott verkaufen und andrehen wollten?! (Ein in der Tat krasses Ansinnen!)

Dann wäre der solcherart als egomanisch enttarnte Gott wirklich ein Kotzbrocken. Und außerdem, in seiner Arroganz und abseits jeglicher Empathie, faktisch das nichtsnutzige Abbild seines inferioren Geschöpfes Mensch!

Es gehe ja bloß um Vergleiche, um Symbole auch, hört man (übrigens bis heute) von Seiten der amtskirchlichen Interpreten dieser und ähnlicher Fürchterlichkeiten aus dem Alten Testament, dass schier angemüllt ist mit gräulichem Geschehen. Es habe sich in besagten grauen (sic!) Vorzeiten – aus der jüdischen Geschichte – nicht zuletzt um den so dringend notwendigen Aufbau größerer Völkerschaften und Dynastien gehandelt; wie überhaupt das Entstehen der Religionen insgesamt mehr mit der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre zu tun zu haben scheint, als man landläufig annehmen wollte …

Zudem sei der, zugegeben: entsetzliche Brauch des Opfers des Erstgeborenen nun eben auch bei den frühen Israeliten im Schwange gewesen; außerdem habe Gott, so die um alles Bescheid wissenden (und deshalb vermutlich grosso modo als weise geltenden) Kirchenväter, in seiner unendlichen Güte dann auf das geforderte blutige Sohnesopfer ohnehin verzichtet, ja: es sogar abgelehnt! Kam es ihm bekanntlich doch nur auf den Beweis von Abrahams unbedingtem Gehorsam an.

War, mit anderen Worten, alles bloß Erprobung; wie eine Feuerwehrübung eben, ein Gottesmanöver, ein Probealarm. Ein Schein-Manöver.

Etwas primitiv könnte man einwenden, wozu es des bizarren Loyalitätsbeweises und des ganzen mehr als obskuren Aufwands dann überhaupt bedurft habe, da dieser kuriose Gott (zumindest nach Auffassung derselben Kirchenväter) ohnedies allwissend gewesen sein soll … Und pragmatisch ließe sich anmerken, ob es tatsächlich so geschickt gewesen sei, das Christentum just auf dem solcherart bekannt rigoros agierenden Judentum aufbauen zu lassen …

Freilich, bei den antiken Vielgötterreligionen – etwa bei der griechischen Vorstellung von Zeus, dem extraordinären olympischen Hurenbock, und seiner überaus kleinlich-menschlichen und in erster Linie von Eigennutz und Eitelkeit getriebenen Sippschaft -, hätte ein noch so geduldiger und ausdauernder Glaubensgärtner das Christentum auch nur mühsam aufpfropfen können. Und sogar der Schintoismus mit seiner molligen Amaterasu-o-mi-kami, die sich politisch-praktischer Weise auch gleich als Ahnherrin des japanischen Kaisergeschlechts gerierte, oder der Hinduismus mit dem Halbelefanten Ganesha oder dem Halbvogel Garuda wären kaum passende Urgründe für eine neu zu pflanzende monotheistische Religion gewesen. Da blieb dann eben, mit Nachsicht aller Taxen, nur das Judentum übrig …

Noch etwas: Schon die frühen christlichen Kirchentheoretiker und heiligen Väter dockten später mit Abrahams gräulicher Opfergeschichte zu allem Überfluss auch noch beim Kreuzesopfer Christi an (wohin bei diesen Brüdern eben einmal einfach zwangsläufig alles hinführt). Anders gesagt: Das Kreuzesopfer finde in Isaaks Fast-Opferung ein Vorbild, und beide Ereignisse stünden, klar doch, für die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, den Menschen.

Doch wird damit das Grässliche nicht minder grässlich, das Schauderhafte nicht minder schauderhaft. Und auch einige Kernfragen bleiben unbeantwortet: Warum muss sich der Mensch eigentlich dauernd rechtfertigen (und wofür)? Ist zu wenig Platz und würden die Leiber zu viel Raum in Anspruch nehmen, wenn dereinst tatsächlich alle Toten – man schätzt die Menschheit bisher auf etwa 110 Milliarden – auferstehen sollten? Muss deshalb ein bestimmter Prozentsatz ausgesondert werden? Oder ginge es sich verpflegungstechnisch sonst nicht aus? (Komisch, bei der Bergpredigt langten doch auch ein paar Brote und Fische …)

Das wären lohnende Untersuchungen für die Kirchenväter gewesen – und wären es noch. Und nicht den Herrn als Rächer- und Henkergott zu installieren, sondern ihn als Gott der Liebe zu verorten, ja, das wäre nützlich! Anstatt gegen die Onanie zu wettern, den Sex vor der Ehe zu verteufeln und die Empfängnisverhütung zu torpedieren (und damit bloß immer wieder die eigene Sexualfeindlichkeit zu bestätigen), sollten die kirchlichen Machthaber Caritas walten lassen, dem Krieg abschwören und die permanente Anspannung in der Vater/Sohn-Beziehung zu entschärfen versuchen.

Das täte der katholischen Kirche bitter Not.

„Der Gott der Väter ist nicht der Gott der Söhne“, heißt es denn auch in Uta Ranke-Heinemanns Buch „Nein und Amen“. Und weiter: „Der Gott des Alten Testaments nicht, falls er wirklich von Abraham verlangte, ihm seinen Sohn Isaak zu opfern, und der Gott des Neuen Testaments ganz bestimmt nicht“, indem er seinerseits den Gottes-Sohn hingab.

Die kritische Theologin Ranke-Heinemann geht davon aus, die „heidnische, d. h. allgemein menschliche, Vorstellung vom Neid der Götter“ setze „sich im Christentum fort. Nach wie vor soll man Gott möglichst sein Liebstes opfern.“

Nun, Abraham opfert zuletzt, da der von seiner Treue nunmehr restlos überzeugte Gott ihm gleichsam in die Hand mit dem Messer fährt, nicht den Isaak, sondern einen Widder. Im Neuen Testament freilich ist es laut Uta Ranke-Heinemann dann umgekehrt – und Gott „schlachtet (…) statt eines Lammes seinen eigenen Sohn.“ Abraham allerdings darf die zweifelhafte Ehre für sich beanspruchen, „als Vorläufer solcher Sohnesschlachtung gesehen“ zu werden. „Man sieht den Fortschritt vom Judentum zum Christentum“, merkt die Autorin bitter an.

Und noch etwas: Der rächende Gott wird außerdem und überdies als neidisch gezeichnet. Deshalb muss man ihn ja überhaupt erst durch diverse Opfer gnädig stimmen. In Schillers Ballade „Der Ring des Polykrates“ weist der zürnende (oder gelangweilte?) Gott das Geschenk, den in die Fluten geworfenen wertvollen Ring, bekanntlich zurück. Und der von bösen Ahnungen erfüllte Gast wendet sich – angesichts des später vom Koch im Fischleib wiedergefundenen Schmuckstücks – mit Grausen.

Übrigens, etwas anderes klärt sich nebenbei auch noch: Dieser allem Anschein nach vom Menschen entworfene Gott ist dem Menschen in seiner Niedertracht immerhin ebenbürtig.

7. Rufzeichen!

Ja, ja, der gute Ruf …

„Ist der Ruf erst ruiniert, / lebt es sich ganz ungeniert“, heißt es. Übrigens nicht, wie oft vermutet, nach Wilhelm Busch (der unter anderem auch ein Meister der konsequent trochäischen Dichtung war; weshalb der erste Vers bei ihm auch nicht so holpern würde, wie er es hier bedauerlicherweise tut). Besagter Zweizeiler stammt jedoch auch nicht von Bertolt Brecht, was laut Internet auch öfters angenommen werde. Er geht vielmehr auf den deutschen Kabarettisten, Parodisten sowie Stimmen- und Geräuschimitator Werner Kroll (1914 – 1982) zurück, der ihn kurz nach 1945 geprägt haben soll.

Doch das kann Paganini letzten Endes egal sein. (Übrigens: auch dem Abraham, seinem – dann doch nicht geopferten – Spössling Isaak und dem weinenden halbe-halbe-Mann. Und dem liebenden All-Gott, sogar wenn ihm wieder mal der Sinn nach einer Sohnesschlachtung stehen sollte. Er meint es ja nicht so! Oder den Mohammedanern mag es egal sein, wie verquer sie auch immer ihren Koran auslegen sollten. Sie meinen es ja nicht so …)

Es kann unserem Niccolò egal sein. Denn des Teufelsgeigers Ruf war beinahe zeit seines Lebens, wie wir dargelegt haben, kein allzu guter. Was indes seiner Beliebtheit (besonders beim weiblichen Geschlecht) kaum Abbruch getan hat; ganz im Gegenteil. Die Hautevolee riss sich um den Geigenvirtuosen, und zahlreiche enthusiasmierte Damen der Gesellschaft wollten unbedingt mit ihm ins Bett steigen und seine Dämonie anzapfen …

Egal in welcher Lage, egal auch, wie viele Saiten dabei rissen und welchen Fingersatz er anzuwenden gedenken würde.

Dass Paganini ein denkbar schlechter Ruf voraus eilte, war gleichsam sein Markenzeichen und gehörte vermutlich zu seinem ausgetüftelten Marketing-Konzept als um möglichst hohen Gewinn bemühter Star. Und ein absoluter Star war der zwischendurch so vampirisch-blutleer und krank wirkende Geiger mit der dämonischen, geisterhaften, skelettartigen und zaundürren Gestalt sowie mit den gespenstischen Händen, den an Spinnenbeine gemahnenden überlangen Fingern und dem irr-flackernden Blick ohne Frage.

Unirdisch, überhöht, vampiresk, irrlichternd und insgesamt – unwirklich.

Maßlos in seinem Karrierevorhaben und dem unbändigen Drang nach Anerkennung sowie in seinem gesamten anmaßenden Lebensstreben und sich selbst schonungslos aufreibend in der unbeirrbaren Verfolgung seiner extrem hohen musikalischen wie existentiellen Ziele.

Ein armer Teufel, der vom Teufel getrieben und doch nur solcherart himmlische Musik zu erzeugen imstande war.

In der Lage, eben.

Da hätte es vermutlich sogar unserer vielzitierten (und viel zitierenden) Großmutter an passenden wie unpassenden Vergleichen gemangelt.

Und auch der um den Reiz des ruinierten Rufs allem Anschein nach so gut Bescheid wissende Kabarettist Werner Kroll hätte passen müssen.

Abraham hätte sich vorsichtshalber überhaupt abgewandt. (Nach den Erfahrungen!)

Und sogar der charmante Schräge Otto hätte sich eines Kommentars enthalten.

Großvater ohnedies.

E N D E

Literatur (Auswahl):

Gerhard Aick, AB C der Musik. Komponisten, Dirigenten, Solisten, Musikinstrumente.Wien 1970.

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Michael Bruce/Steven Barbone (Hg.), Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Darmstadt 2013.

Wilhelm Busch, Gedichte. Kritik des Herzens. Zu guter Letzt. Reinbek bei Hamburg 1967.

Atila Csampai/Dietmar Holland (Hg.), Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Reinbek bei Hamburg 1987.

Duden-Redaktion (Hg.), DUDEN: Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. 2. Aufl. Mannheim 2002.

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Vinzenz Hamp/Meinrad Stenzel/Josef Kürzinger (Hg.), Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Augsburg 1994.

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Internet.

Ian Kershaw, Hitler 1889 – 1945. 3 Bde. Stuttgart/München 2001.

Leo Melitz, Führer durch die Operetten. 134 Operettentexte nach Angabe des Inhalts, des Personals und der Szenerie. Berlin 1912.

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Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Drei Bände, Bd. 2. Freiburg – Basel – Wien 1994.

Gustav Roskoff, Geschichte des Teufels. Eine kulturhistorische Satanologie von den Anfängen bis ins 18. Jahrhundert. Neu Isenburg 2003.

Peter Rühmkorf (Hg.), Arno Schmidt, „Lesen ist schrecklich“. Das Arno-Schmidt-Lesebuch. Zürich 1997.

Adolf Schaufelbüel, Treffende Redensarten, viersprachig. 3. Aufl. Wiesbaden o. J.

Friedrich Weissensteiner, Liebe in fremden Betten. Wien – Frankfurt am Main 2002.

Peter Wicke/Kai-Erik Ziegenrücker/Wieland Ziegenrücker, Handbuch der populären Musik.4. Aufl. O. J. 2001.

Günter Wöhe/Ulrich Döring (Hg.), Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 21. Aufl. München 2002.

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