Omas

Sidestep

Kleine Sauereien, betreffend

Nordic Walking im Alter,

Dadaismus, Kafka sowie

pikante Nebenaspekte.

Von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Ich gehe morgens früh nach Haus.

Die Uhr schlägt fünf, es wird schon hell,

Doch brennt das Licht noch im Hotel.

Das Cabaret ist endlich aus.

(…)

Emmy Hennings, Nach dem Cabaret

*

Nordic Walking

Es passte ganz gut ins Bild, das sich (im Grund genommen) ohnehin fast alle Nachbarn seit Monaten schon von Oma machten. Wenn sie, ihr keckes Mützchen auf dem blaugrauen Wuschelkopf und mit den Nordic Walking-Stöcken kühn bewaffnet, durch die morgendliche Landschaft der Vorgärten wetzte, unten herum selbstverständlich das optimale Laufschuhwerk von Nike, so konnte sie durchaus als eine etwas wunderliche Erscheinung gelten. Da passte es ganz gut ins Bild, dass Oma überdies seit einiger Zeit über einen eigenen Nordic-Stalker verfügte. Ja. Ü ber einen Nordic-Stalker.

Die alte Dame namens Emma Flurgast (eine geborene Balloner) hatte dich da in der Tat ein mehr oder minder lästiges Anhängsel eingefangen, das ihr, wann immer sie nordic-walkte, wie der berühmte Schatten anhing. Ihr gleichsam hinterher-hechelte. Und der Schatten war ebenfalls mit Stöcken bewährt. Und erfüllt von Sportsgeist. (Oder von seniler Geilheit. Denn dieser Schatten war ziemlich betagt. – Egal.)

Der (früher einmal angeblich so) fesche Edi Kronbichler, ein Nachbar, war es, der unserer Oma da hinterher-dackelte. Ein – allem Anschein nach (zumindest:) leicht verrückter – Verehrer, ebenfalls mit adäquater Ausrüstung fürs Nordic Walkig versehen, die er sich um den greisen Körper gezurrt hatte. Dazu mit passenden Stöcken und Smart Phone ausgerüstet.

Ein durchaus noch recht adretter Outdoor-Greis.

Doch der schon ziemlich vertrottelte Edi, voller herzlicher wie aus seinen Lenden gelenkter Begierden, Edi fühlte sich zu allem Überfluss auch noch zum Paparazzo spät-berufen, der Omas blaugrauem Schopf und ihren Spuren, wann immer sie, Stock-bewehrt, wanderte und wann immer es sich bei ihm ausging, sozusagen: errötend folgte. Und die alerte Seniorin, wann immer seine rasselnden Bronchien, die altersschwachen Augen, die angeschlagene Beinmuskulatur und die klammen Finger solche Verfolgungsjagden zuließen, per Smart-Phone fotografierte. Oder besser: schnapp-schoss, also knipste.

Hätte er das nur für den Eigenbedarf gemacht, so hätte man eventuell schmunzelnd darüber hinwegsehen können. Aber Kronbichler wuchs sich zu einer Landplage aus. Zu einem Störfaktor. Und sogar unsere an sich überaus gutmütige Oma Emma (die, nicht ganz un-eitel, ein wenig Publicity gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigt gewesen wäre) erwog bald schon ernstlich, wieder ihren dunkelbraunen Pintscher Max mitzunehmen auf ihre nordischen Wanderungen durch die Gegend. Doch Max litt unter Gicht, weshalb der alte Hundeherr auch vorwiegend sündteure kalorienreduzierte Hundekost zu sich nehmen musste. (Vor größeren Anstrengungen sollte man den Guten, so die Diagnose von Tierarzt Dr. Blasius Bernsteiner, außerdem wohl auch besser dispensieren.)

Also, Verfolger Edi, der charmante Entflammte. Er verfolgte Oma Emma nicht nur leibhaftig, sondern er müllte der alten Dame mit seinen Schmacht-Mails, ergänzt durch Schnappschüsse, die er von Oma unterwegs gemacht hatte, und unsinnige, jedenfalls weitgehend unsinnliche, nämlich halb-pornographische Selfies, auch noch den Laptop voll.

Und dabei musste der skurrile Liebhaber selbst auch schon gut und gern an die 80 Jahre zählen (war doch Oma immerhin 76)! Doch Alter schützt vor allem Möglichen nicht.

Oma Emma, das soll hier, um etwaige Fehlinterpretationen a priori auszuschließen, sogleich ergänzt werden, stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen, in denen stets sogar für eine Prise Liberalität Platz gewesen war (das natürlich erst nach 1945). Sie hätte übrigens auch sonst keine Veranlassung in sich gespürt, womöglich auf Eduard Kronbichler von oben herab zu blicken; stand der fesche Edi auch in einer – etwa noch in den Romanen des Charles Dickens anzutreffenden – gesellschaftlichen Rangordnung um einiges unter ihr. Und das, weil sein Vater ein einfacher, aber pflichtgetreuer Kanalräumer gewesen war; der indes seinem Sprössling immerhin unter Entbehrungen das Jura-Studium ermöglichte … (Hut ab!)

Allein – vielleicht fehlte Oma Emma noch die nötige Toleranz und Aufgeschlossenheit (oder auch bloß die Neugier ihrer Großtante Ursel [von der noch zu sprechen sein wird]). Und das, obschon ihre recht robusten Moralansichten sogar die rabiaten Gewissens-Attacken des in ihrer Jugend – als Oma Emma noch, wie es damals hieß, ein Backfisch war – sehr bekannten deutschen Jesuitenpaters und rhetorisch fulminanten Wanderpredigers Johannes Leppich überstanden hatten. (Was einiges heißen will, war dieser rigorose Priester und Kämpfer zumal gegen sexuelle Ausschweifung, der zum Beispiel katholische wiederverheiratete, geschiedene Frauen als Huren apostrophierte, mitunter sogar seinen Ordensoberen zu grob.)

Nein, es war zuletzt bloß Eduards unbändiger, überschießender Drang nach auszulebender Geschlechtlichkeit und sein – nicht selten auf billige Erotik bis hin zu schleimiger Pornographie fokussiertes – geil-gierig-schwüles Streben, die sie schockierten und ihren finalen Entschluss zur Trennung provozierten. (Doch wollen wir nicht vorgreifen.)

Zugegeben, allein schon Omas Vorliebe für Nordic Walking stieß manchem alten Mitbewohner im Viertel sauer auf. Sie habe nicht mehr alle Tassen im Schrank, lautete der Tenor der Meinungen aus der Nachbarschaft, drehte sich das Gespräch um Oma Emma, die ansonsten doch so wohlgelittene alte Dame. Aber – hatte sie die, die Tassen, überhaupt jemals alle im Schrank gehabt?, gaben einige alte Damen und Herren zu bedenken, die Emma Flurgast (eine geborene Balloner), die seit Langem schon ehrbare Witwe, über Jahrzehnte kannten, die man hier am östlichen Rand der Stadt in hübschen Reihenhäusern, Jugendstil-Villen und ein paar ebenfalls durchaus adretten Mietkasernen verlebt hatte.

Manche der insgesamt ziemlich zerknitterten Seniorinnen und Senioren waren sogar Schulkameraden unserer Oma Emma gewesen; andere kannten sie zumindest noch aus ihrer Zeit als taffe Sachbearbeiterin im Büro der Landesregierung, wo sie bis zu ihrer Pensionierung im Referat für Naturschutz und Gewässerregulierung angestellt gewesen war. Man hatte also eine beachtliche Strecke des Lebensweges, sozusagen: gemeinsam absolviert. (Aber eben ohne verwegene Sportbekleidung und Skistöcke.)

Die Kritiker hielten sich natürlich für weitestgehend im Vollbesitz ihrer Geisteskräfte. Auch ohne sich jetzt, im Alter und aus fragwürdigen medizinischen Gründen, in solchen auffälligen Bewegungsarten im Freien zu üben. (Eine Ausnahme bildete da nur Dr. Eduard Kronbichler, pensionierter Senatsrat im Magistrat der Landeshauptstadt und allem Anschein nach plötzlich sehr aktiver Verehrer unserer Oma Emma. [Doch der fesche Edi war den meisten ohnehin immer schon suspekt gewesen, dieser ewige Junggeselle, Lustmolch und Genussspecht.])

Kurz ein Unmutsentladungskommentar unsererseits: Jaja. Oma Emma und ihr Nordic-Stalker, der freche Edi, die geile Sau … Aber nix für ungut! Seien wir doch tolerant, Herrschaften!Und: Es ist doch alles im grünen Bereich … Gelt ja?! (Ach, die einen begeilen sich eben bloß an Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete oder an E. L. James‘ Trilogie Fifty Shadows of Grey. Und andere wollen es halt noch einmal in diesem alten Leben so richtig krachen lassen. Herrgott noch einmal! So ist das eben!)

Übrigens: Eine Großtante Omas, die legendäre Ursel Hammerschmied, soll damals, am 5. Februar 1916, bei der Eröffnung des Züricher Cabaret Voltaire im Gasthof Meierei in der Spiegelgasse dabei gewesen sein, als DADA Zürich aus der Kunsttaufe gehoben wurde. Großtante Ursel ist – angeblich – auch die Frau im Vordergrund, die das Plakat von Marcel Slodki ziert, das zum Besuch der Künstlerkneipe Voltaire animieren sollte (allabendlich, mit Ausnahme von Freitag). Versprochen wurden „Musik-Vorträge und Rezitationen“.

Ursels Mann, der durchaus gesetzte und bodenverhaftete (wenn auch kunstinteressierte) Matthias Rüdi Hammerschmied, war ein bekannter Schweizer Maître Chocolatier sowie Süßigkeitenhersteller – und entsprechend wohlhabend. Nun, Ursel hielt sich mindestens für eine begabte Chansonnier, und ihre DADA-Freunde verehrten sie immerhin als Muse …

Ursel selbst hatte Österreich mit Freuden verlassen – nicht zuletzt als Reaktion auf die allzu enge familiäre Umklammerung dort in Baden bei Wien, wo ihre Eltern einen großen Kolonialwarenhandel betrieben. Und um 1910 herum, also während der k.u.k.-Endzeit, mitten im Fast-schon-Finale dieser moribunden Doppelmonarchie mit dem uralten Beamten-Kaiser an der Spitze und mit jeder Menge Zores rundherum, beschloss sie, dem Land ihrer Ahnen den hübschen Rücken zu kehren: Nachdem sie kurz davor (anlässlich eines Winterurlaubs in Davos) ihren späteren Ehemann, Matthias Rüdi Hammerschmied, kennen und lieben gelernt hatte, folgte sie freudig seiner – mit enorm viel edler Schokolade und entsprechend reichlich glitzernden Geschenken verbrämten, überaus vielversprechenden – Werbung und nahm seinem wohl-formulierten Heiratsantrag an; verbunden mit dem Ruf in die Schweiz.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stammbaum. Nur – dass Oma Emma just jetzt, also relativ spät, die Lust an der Extravaganz der wilden Jahren in sich entdeckt zu haben schien und ihrem bereits verwelkenden Lebensfaden per Nordic Walking noch schnell einen quasi post-dadaistischen Anstrich verpassen wollte, ging uns allen, den Familienmitgliedern, dem Anhang und der ganzen alteingesessenen Nachbarschaft, nicht so recht ein.

Aber, immerhin: Eine schwache Ahnung gab es da noch innerhalb der Familie; eine vage Erinnerung zumindest … ans Cabaret Voltaire sowie an seinen vielseitig talentierten Gründer, den deutschen Schriftsteller Hugo Ball, und an seine Frau, Emmy Hennings – die Flensburger Dichter-Schauspielerin war auf einem kleinen Tingeltangel in Berlin von Karl Kraus entdeckt worden -, an Hans Arp, Richard Huelsenbeck oder Tristan Tzara und Marcel Janco. Von der erstaunlich vielseitigen, internationalen und kosmopolitischen Exilanten-Runde also (die, wenn die Anmerkung erlaubt ist, später, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in der Wiener Gruppe in gewisser Weise wiederaufleben sollte).

Überhaupt: DADA, Satire, Cabaret/Kabarett und die Kraft des Absurden. Dass sich diese antibürgerliche, durch und durch avantgardistische Richtung, eben DADA, zu nicht geringem Teil aus dem Brettl (= Kabarett, auch Cabaret im französischen Sinn) heraus entwickelt hat, steht außer Frage. Freilich, fußt das Kabarett wiederum nicht nur auf der antiken Satura (egal, ob damit nun [ursprünglich] die an Tischen bereitgestellte Fruchtschale gemeint ist, aus der man sich nach Lust und Laune bediene, die literarische Form der Satire oder gleich das durchaus verwandte Varieté), sondern wurzelt ebenso im literarischen Gelehrtentum des (Spät-)Mittelalters und der Renaissance; von Sebastian Brants Moralsatire „Das Narrenschiff“ (1494) bis Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ („Encomium morie“, auch „Laus stultitiae“, 1509 oder 1510) reichen da die Sporen und Spuren eines wahren Pilzgeflechts des Humors und des Witzes bis ins Heute. Sogar ein Zurückblinzeln zu Ovids „Metamorphosen“ (aus dem ersten vorchristliches Jahrhundert) ist durchaus empfehlenswert – und nicht minder ein Blick in die Zukunft, zum Absurden Theater. (Obgleich heute auch längst angegraut …)

Fest steht in diesem weitzufassenden Zusammenhang freilich, dass stets auch moralische Lockerungen und eine gewisse Freizügigkeit mit den jeweiligen kulturellen Umbrüchen einher zu gehen pflegten. Ob sie, wie noch später dann, nämlich im Zuge der Ereignisse von 1968 und danach, schließlich wieder mehr oder weniger versandeten, oder ob sie tatsächlich weiterhin prosperierten – das hing vermutlich mit noch viel tiefer-greifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen zusammen. (Oder das Pendel schlug mal wieder in die Gegenrichtung aus, wenn dummerweise irgendwelche Eiferer und [religiöse beziehungsweise politische] Fanatiker, in geistiger Verengung und mit Bierernst, ans Ruder kamen.)

Eine Spur von DADA Zürich war (womöglich sogar ein Hauch von DADA Berlin, denn auch dahin war Ursel Hammerschmied ihren Kunstidolen für kurze Zeit [und ihre Schweizer Ehe durchaus gefährdend] gefolgt), in Oma Emmas Gedankenwelt also noch vorhanden – wenn auch eher nebulös und wenig konturiert.

Was es da aus den Anfängen im Cabaret Voltaire in Zürich noch gab, hätte allerdings spielend ergänzt werden können eben durch Berliner Erinnerungen an andere, potente Dadaisten wie Walter Serner und Walter Mering oder an Raoul Hausmann; und besonders an den aussagestarken, wütend-pazifistischen Zeichner George Grosz. Ihn hielt der Schriftsteller und Kulturjournalist Kurt Tucholsky überhaupt für den (künstlerisch und von den Ideen her) Wichtigsten aus der ganzen, für ihn, Tucholsky, ansonsten zu sehr dem Bluff verpflichteten Revoluzzerschar. Über Grosz, der auf genial-böse Weise die Reichswehr aufs Korn nahm sowie gnadenlos den Militarismus anprangerte und bloßstellte, schreibt Tucholsky im Berliner Tageblatt vom 20. Juli 1920: „Die anderen ritzen. Der tötet. Die andern machen Witzchen. Dieser Ernst. (…) Das Boxmatch zwischen Grosz und dem Jahrhundert des Soldaten aber sollten Sie nicht versäumen zu betrachten.“

Ja, eine Spur führte natürlich auch, nicht zu vergessen, zu Kurt Schwitters.

DADA. Da klang noch etwas nach aus den (leider eher spärlich) tradierten Erzählungen der Großtante Ursel von den damals, 1916 in Zürich, schockierenden Sprachzertrümmerungen Huelsenbecks, die der Berliner zum Klang von Negertrommeln skandierte, zu den pseudo-liturgischen Gesängen Balls, der im blau-metallisch glänzenden Umhang aus Pappe auftrat … Dann gab es wiederum sogenannte bruitistische Konzerte und mehrsprachigen Sprechgesang, in dem ein Simultangedicht vorgetragen wurde; all das zum Erstaunen, zur Belustigung, aber auch zur Verunsicherung und schließlich: zur Empörung des bald schon ängstlich zur Flucht bereiten bürgerlichen Publikums. Erst im Cabaret Voltaire, dann in der Galerie Dada.

DADA – der an Kindergestammel erinnernde Ausruf entspricht im Rumänischen etwa Ja, ja, im Französischen dem kindlichen Begriff Steckenpferd. Laut Ball sei DADA für Deutsche „ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen“. (Zitiert nach Karl Riha/Jörgen Schäfer [Hg.], DADA total. Stuttgart 1994.) Und: Es war ein dem Zufall geschuldeter, doch durchaus origineller Silben-Fund …

Dann ich Berlin: noch radikaler, sich ideologisch zwar zum Kommunismus bekennend (obgleich dort auch wenig geliebt), hauptsächlich aber darauf ausgerichtet, den Spießbürger jeglicher politischer Couleur in Schrecken zu versetzen.

Eine Erinnerungsahnung daran und davon, immerhin, die war vorhanden in der stets ordentlich aufgeräumten, wenn auch nicht penibel auf irgendeinen fragwürdigen Hochglanz gebrachten Drei-Zimmer-Wohnung unserer Großmutter.

Ja, hier lag, wenn man nur genug Phantasie aufbrachte, immer noch ein wenig DADA in der Luft. Nicht nur von der Züricher Großtante Ursel Hammerschmied her (einer geborenen Groll, übrigens), sondern eben auch von Kurt Schwitters und den anderen.

Noch etwas: War es ein Wunder, dass ihr Mann, der relativ frühverstorbene städtische Oberbibliotheksrat, dem – bildlich gesprochen – sowohl das Aussehen als auch das Rascheln vergilbten Papiers anhaftete, sonst zwar enorm belesen (besonders im Bereich des französischen Romans der Voraufklärung), mit Oma Emmas DADA-Erinnerungen herzlich wenig anzufangen gewusst hatte? Ihm konnte seine Gattin und Mutter der drei Kinder gern vom Leib bleiben mit Schwitters, Arp und Huelsenbeck. Und meist überhaupt. Leider.

Kronbichlers Manie

Der ehedem angeblich so fesche Dr. Eduard Kronbichler und die Frauen. Das war ein Thema mit Variationen, sozusagen. (Einer der Nachbarn, der ehemalige Philharmoniker, ein verdienstvoller Geiger [und lange Zeit hindurch auch gefragter Spezialist für Streichquartette], Prof. August Silbermann, hätte hier ohne Zweifel ein kleines sachkundliches Referat zum Begriff Thema mit Variationen halten können; doch Silbermann war gerade vom Rheumatismus geplagt und hatte andere Sorgen. (Außerdem ahnte er nichts von Kronbichlers Sexbesessenheit, da er den umschweifigen Senatsrat gar nicht kannte.)

Edi Kronbichler waren – und das wohl zurecht – viele Jahre hindurch immer wieder mal kürzere, selten längere Amouren mit meist wesentlich jüngeren Damen nachgesagt worden. Und der aufrechte Junggeselle stand durchaus mit Stolz zu seinen Vorlieben, die sich kurz und bündig mit den Fachbegriffen jung, blond, vollbusig und bereitwillig umschreiben lassen.

Doch in Folge eines schweren Verkehrsunfalls vor einigen Jahren, der dem bis ins hohe Alter leidenschaftlichen Radfahrer einen langwierigen Aufenthalt in einem Sanatorium sowie eine nach-stationäre psychiatrisch-neurologische Therapie eingebracht hatte, sollte sich ein erstaunlicher Wandel besonders in Eduards Sexualverhalten einstellen: Ab nun stand der vormalige Genießer möglichst frischen Fleisches (jung, blond, vollbusig und bereitwillig) entschieden und ausschließlich auf ältere Damen.

Sein behandelnder Psychotherapeut mutmaßte, dass es sich hier um einen verspätet freigelegten Mutterkomplex oder auch einen sogenannten verschleppten Pseudo-Ödipus handle. Auslöst durch die Fahrräder. (Der Laster, mit dem der rüstige Radfahrer unterwegs war, hatte nämlich mit einem Lkw der Firma Laios touchiert, der seinerseits wiederum Fahrräder geladen hatte. Insgesamt habe – auch wenn der Patient das Firmenlogo vermutlich gar nicht gesehen habe – das Überrollt-Werden seines Ich-Rades durch die übermächtigen Vater-Räder das aufgetaute Trauma ausgelöst …)

Jedenfalls machte der körperlich einigermaßen wiederhergestellte Edi Kronbichler nunmehr sogleich allem, was mindestens 70 war, den Hof; vergessen waren Ansprüche wie blond, vollbusig und bereitwillig; und von jung sollte möglichst überhaupt nicht die Rede sein. Alt lautete die neue Devise. Alt war das neue Jung!

Und bald schon hatte der umgepolte Lustmolch unsere Oma Emma im Visier.

Ausgestattet mit dem exakten Wissen um ihre Nordic-Walking-Gewohnheiten sowie ausgerüstet ebenfalls mit entsprechendem Out-Door-Equipment harrte der alte Senatsrat tagtäglich frohen Mutes der Dinge, die da – etwa in Form unserer Oma Emma – kommen würden.

Und sie kamen.

Eduard Kronbichler hatte alle Hände voll zu tun. Bestrebt, auch auf Dauer eine nicht allzu schwache Figur abzugeben. Was er sich an (zum Teil durchaus bizarren) Hilfsmitteln pharmazeutischer wie sogar esoterisch-mentaler Art besorgen konnte, holte er sich in rauen Mengen, und auch seine ärztlichen Berater versuchten, ihn entsprechend zu unterstützen.

Sein Urologe, sein Psychotherapeut, seine Orthopädin und sei Sport-Coach, alle schossen sich zu diversen Konzilien zusammen. Immerhin hatten die Damen und Herren Mediziner, Heilpraktiker und Trainer einen Ruf zu verlieren: ihren.

Bei Edi läuteten zwar alle möglichen Alarmglocken, was seiner Lockerheit nicht unbedingt dienlich war. Doch angesichts der eben erst eroberten Großmutter wiegte sich der alte Womanizer irgendwie immer noch in (trügerischer) Sicherheit.

Man durfte gespannt sein, was sich da noch alles so ergeben würde.

(Oder eben nicht.)

So spannend war Eduard Kronbichlers Leben immerhin schon lange nicht mehr.

Doch sogar das schien der alte Schwerenöter irgendwie zu genießen.

Späte Liebesnächte

(zwischen Kafka und DADA)

Nein, der angeblich einst so fesche Eduard Kronbichler verfügte nicht über die krummen Beini des Onkel Heini (die sich, nebenbei gesagt, als recht praktisch erweisen sollten). Und wenn wir hier schon an den bizarren Onkel Heini-Schlager des Dadaisten Kurt Schwitters erinnern, tun wir das aus Lust am literarischen Vergnügen. Heißt es doch bei Schwitters schon am Beginn des Gedichtes (1927) vielversprechend:

Und wenn die Welten untergehn,

Bleibt Onkel Heini doch bestehn,

Denn unser braver Onkel Heini

Hat immer noch die krummsten Beini.

Denn Heini braucht sich nicht zu bücken,

Es kann ihn doch kein Stern erdrücken.

Denn Sterne sausen stets bei Heini

Hindurch durch seine krummen Beini.

Nein. Edi nannte keine krummen Beine sein Eigen. Er verfügte dafür indes über Überredungskunst. En masse. Und über Ausdauer.

So fiel denn schließlich auch das Bollwerk Oma Emma, durch Wochen belagert vom ausdauernden Senatsrat in Ruhe. Und es hätte aus dieser Sache vielleicht sogar eine ansehnliche Beziehung reifen können mit spätem Happy End et cetera. Eine kleine amüsante Affäre immerhin zwischen dem geile Ex-Beamten und unserer sportiven Großmama. Aber –

Es war nicht so sehr die besitzergreifende Art des feschen Edi, die der Großmutter zunehmend Angst bereitete. Und auch seine eher unappetitlichen, nicht nur im übertragenen Sinn handgemachten Porno-Selfies (mein Gott, was sollte daran wohl sexy oder gar geil sein?!) tangierten sie kaum. Nein, nach den vielen eintönigen Ehejahren mit ihrem summa summarum langweiligen Gatten Gerwin Flurgast und den darauffolgenden Jahrzehnten der weitestgehend zölibatär verlebten Witwenschaft – Opa, der, wie bereits angedeutet, als reichlich papieren wirkender Ober-Bibliotheksrat in der (damals noch stadteigenen) literarischen Entleihanstalt gearbeitet hatte, war relativ jung, jedenfalls noch vor Erreichen des Pensionsalters gestorben -, nein nach ihren diesbezüglich mittelmäßigen Erfahrungen in Sachen Sex hätte ihr der intime Umgang mit dem flotten Greisinnen-Beglücker Eduard Kronbichler durchaus guttun können. (Zumal auch wir, ihre Kinder und Enkel, uns nur sporadisch bei ihr blicken ließen.)

Leichtes Spiel also für den angeblich dereinst so feschen Edi.

Sogar mit Max, Oma Emmas schon ältlichen Hund, einem treuen, dunkelbraunen österreichischen Pinscher (mit weißem Brustlatz und ebensolcher aparter Gesichtszeichnung), verstand sich der geschickte Edi inzwischen schon einigermaßen. Doch der arme Hund war, wie schon einmal angedeutet, aus gesundheitlichen Gründen auf Diät gesetzt worden und ernährte sich hauptsächlich von Kalorien-reduzierten Spezialitäten; wie zum Beispiel: von entfetteten Schweinenasen, Lachscreme, von Zucker-freien bunten Kau-Sticks (wahlweise mit Hühnerfleisch- oder mit Käsegeschmack), auch von mageren Büffelfleisch-Würstchen, Laktose-reduziertem Quetsch-Joghurt, zudem von liebevoll per Hand gerollten Chicken-Wraps und – Maxens absoluter Lieblings-Snack – von handgemachten Apfeltrüffeln aus der Hundepralinen-Manufaktur DillDog.

Ja, Max duldete Edi zumindest. Und das, obwohl der halbwegs senile männliche Dauergast dem altgedienten Hund mitunter besonders verlockende Leckerbissen zu stibitzen trachtete …

Doch irgendetwas gab es da, was Oma Emma abstieß an diesem kuriosen Galan ihrer alten Tage. Ja, etwas, das sie in gewisser Weise erschaudern ließ bei dem Gedanken, in der wenigen ihr verbleibenden Zukunft nun womöglich ständig den gewesenen Schwerenöter und früher einmal ach so wüsten Brecher von Frauenherzen um sich haben zu sollen.

Es kulminierten diverse (anfänglich diffuse, später durchaus sich zu Bildern verdichtende) Ängste in ihren Albträumen, aus denen jedes Erwachen bloß eine fragwürdige Verbesserung ihrer durchlittenen Seelenpein bedeutete.

Der sexuelle Nutzen, den Oma Emma aus der Affäre mit dem angeblich ehedem so feschen Edi zu ziehen in der Lage war? Und die Lust, die das Quasi-Gehopse und Getue im Bett, das sogenannte Liebeswalten also, das hier vor sich ging, zu entwickeln vermochte – bedachte man Alter und Gesundheitszustand der beiden Koitierenden –, hielt sich zudem in Grenzen.

Großmutters Haltung – innerlich wie äußerlich – gewann zusehends etwas an Franz Kafka Geschultes. Etwas allenthalben literarhistorisch oder psycho-pathologisch Reizvolles. Doch nichts für die Betroffene Vorteilhaftes oder gar Faszinierendes. (Doch Oma Emma hatte nicht vor, als Fallstudie in die Literaturgeschichte einzugehen. Wie übrigens auch Großtante Ursel Hammerschmied, zwar bei der Gründung des Cabaret Voltaire anwesend, dann auch erst recht nicht zu anhaltenden DADA-Ehren gelangt war. [Der Post- oder Neo-DADAismus nimmt von der kessen Wahl-Schweizerin überhaupt kaum Notiz.])

Eine Verwandlung, wenn auch anders als in der gleichnamigen Kafka-Novelle (begonnen: Ende 1912), ging nun in Oma Emma allerdings tatsächlich vor sich. Wenn auch nichts, was mit Insektenartigkeit zu tun hatte, so kündigte sich allmählich immerhin eine Art Abkapselung an. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte. Fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt …“

Nein, so empfand sich die Großmutter nicht. Aber – irgendwie ausgeschlossen, das schon.

Um die von Furcht und von Tag- wie Albträumen geplagte alte Dame gestaltete sich auch nichts annähernd so, wie es Kafka am Beginn des Romanfragments „Das Schloß“ (1922) beschreibt: „Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an (…).“ Und dieser K. (den es ohnehin nicht gab) war mitnichten Eduard Kronbichler. Also, der Kalauer mag gestattet sein, hätte Oma Emma auch nicht gut kurzen Prozeß mit ihm machen können – selbst wenn sie darauf aus gewesen wäre.

Sie kapselte sich also immer stärker ein. Und ab.

(…) so gibt es Ordnung, wo keine Ordnung ist, / Platz, wo kein Platz ist“, wie es im Gedicht „Gesammelte Sätze“ des holländischen Dadaisten Evert Rinsema heißt.

Es war dieser Vorgang der Ein- oder Abkapselung indes einer, der dem reichlich senilen und a priori oberflächlichen Edi auf seinem vermutlich letzten halbwegs erotischen Ego-Trip erst gar nicht auffiel.

Dann aber. Eines schönen Tages fasste Oma Emma allen Mut, dessen sie habhaft werden konnte, leinten ihren (erfreulicherweise wieder weitgehend zum Spazierengehen fähigen) Pinscher Max an und verließ mit dem treuen, alten Hund still und leise ihre Wohnung, die sie nun schon seit einigen Wochen mit dem Scheusal Eduard Kronbichler geteilt hatte. (Dieses Ferkel, so dachte sie nicht einmal, weil es ihr erst gar nicht in den Sinn kam, würde vielleicht, ihre Abwesenheit bemerkend, ähnlich dem Landvermesser K. räsonieren: „Nun war es also doch geschehen, was vorauszusehen, aber nicht zu verhindern gewesen war. Frieda hatte ihn verlassen. Es mußte nichts endgiltiges sein, so schlimm war es nicht [].“

Wie gesagt, Oma Emma dachte nicht einmal an das Ferkel Kronbichler; und Kafkas Schankmagd Frieda war sie schon gar nicht. Was sollte das also?! Aber endgültig war ihre Entscheidung allemal.)

Oma Emma stapfte, gefolgt von Max (der dank gezielter [und teurer] Diät nun tatsächlich um einiges schlanker geworden war), durch den frühen Morgen. Vom Standpunkt Eduards aus (hätte er denn über einen solchen verfügt und es überhaupt darauf angelegt, die späte Geliebte und Bettgenossin zu beobachten; doch er schnarchte noch vor sich hin) wäre sie ein mittelgroßer Punkt – nein, samt Pinscher Max: zwei Punkte! – in der Landschaft, die bereits ein wenig nach Frühling zu riechen begann.

Kleine Punkte, der kontinuierlich immer noch kleiner und kleiner wurden.

Zwei Minipunkte also.

Und es hätte nicht einmal der krummen Beini des Onkel Heini bedurft, um sich da durchzuschwindeln durch das Irdische und Überirdische, das Hiesige und das Dortige, einer entspannten, angstfreien und frohen Nicht-Zukunft entgegen.

Dazu benötigte Oma Emma auch ihre blödsinnigen Nordic-Walking-Stöcke nicht mehr, wie sie ihr für das so ernsthafte Sportvergnügen dringlich empfohlen worden waren.

Die hatte sie, einer Eingebung folgend, daheim gelassen.

E N D E

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