Nur nicht

Holger,

bitte!

 

Ein Kuriosum

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

 

 

 

Es war einmal ein Mann, der gung

In des Flusses Niederung.

Der Tanz der grünlich krausen Wellen

Tat seines Geistes Licht erhellen.

 

Am Ufer gluckste es so hohl,

Wohl einmol, zwomol, hundertmol;

Und auf des Flusses Busen brannte

Ein Glanz, den jener Mann nicht kannte.

[…]

Kurt Schwitters, Die Nixe

*

 

Eins

Nein, diese Eheschließung stand unter keinem guten Stern. Und um das zu behaupten, brauchte man weder ein Astronom noch ein Astrologe zu sein. Und schon gar kein Astronaut.

Es reichte, sich die handelnden Personen bloß etwas genauer anzusehen; dann wusste man sofort Bescheid: Da konnte nun einmal kein Glück erwartet werden. Nein.

Zunächst war da einmal die Braut: Barbara, genannt Babsi (oder auch nur Babs), ein, zugegeben, einigermaßen aufgezwirbeltes junges Frauenzimmer, so Ende Zwanzig. Dann dieser unsägliche Bräutigam: Holger. Holger, nach gut zwanzig Semestern endlich promovierter Germanist (und Historiker); natürlich – wie es der Name Holger schon diskret andeutet – aus Germanien. Dreiunddreißig, aber immer noch strohdumm wie einer aus dem Gefolge Gunters, Hagens oder Kriemhildens … Dafür konnte er Bier trinken bis zum Umfallen aller anderen Saufkumpane.

Dann, bitte, die Zicke schlechthin, Guggi, eigentlich Gudrun (sic!), die jähblonde, 30-jährige Busenfreundin Barbaras und daher auch deren Trauzeugin. Busenfreundin? Also, Babsi hat ja eindeutig mehr aufzuweisen, diesbezüglich. Dann noch: Alexander oder Xandi, ein Cousin der Braut, 35 und juristischer Magister und Jung-Anwalt, der sich gegen Zahlung einer entsprechenden Maut bereit erklärt hatte, den Zeugen für diesen Hohlkopf Holger zu machen. (So ersparte man sich noch mehr Nibelungen beim Fest.) Und dann natürlich die Eltern Babsis, Baurat DI Clemens Zitzel (vom betreffenden Amt der Landesregierung), Mutter Hildegard Zitzel, eine geborene Föhrenzupf; außerdem der aus Dortmund angereiste Vater Holgers, Hadubrand Hummelschleinz, Witwer und Grundschullehrer in Vorpension. Und natürlich: die Clique; gut zwanzig unnötige Leute … Also der Willy, die Yvonne, die Ruth, dann der Bumsti (obwohl er einmal was gehabt hat mit der Barbara, aber schließlich glücklicherweise durch den Rost gefallen ist), der Iván, die Bretzl, der Schwopp und und und. Ja, und ich.

Und die Kohlmeise.

Das war nämlich so: Durch einen Spalt – eines der Fenster war vermutlich (wegen des schönen Frühsommertages) ein wenig geöffnet gewesen – hatte sich wohl eine Kohlmeise in den Trauungssaal verirrt. Und wenig später entdeckte sie die zickigige Guggi auf ihrem Zeuginnensessel. Jetzt war das Vöglein indes schon plattgedrückt und machte zurecht einen durchaus leblosen Eindruck.

Doch – wer, um Himmelswillen, wer hatte sich auf das blöde Tier gesetzt?

Der Standesbeamte schied sogleich aus. Erstens setzte der sich so gut wie nie hin; zweitens schon gar nicht unmittelbar vor, während oder nach einer Trauung. Sein Eheschließungsgeschäft duldete (zumindest in den kurzsichtigen Augen des Amtsinhabers) keine wie auch immer geartete Form von Bequemlichkeit oder gar von Schlamperei; da hatte, im Gegenteil, alles streng nach Vorschrift und in einer der Angelegenheit sozusagen adäquaten Steifheit vor sich zu gehen! Zudem tat besagter Standesbeamter Egon Windpichler alles, was er zu tun hatte, in fast schon vornehm zu nennender Zurückhaltung; er sprach salbungsvoll, ganz so, als ob seine Stimme ein Monokel trüge. Nein, so jemand wie Windpichler setzte sich nicht auf Piepmätze und zerquetschte auch sonst auf keine Art und Weise irgendwelche – wenn auch vielleicht ungebetene – gefiederte oder ungefiederte Gäste.

War es am Ende Bräutigam Holger gewesen, der widerliche Bier-Germane? Hatte ich nicht von Anfang an gewarnt vor diesem falschen Hagen von Tronje? Auch wenn er keine Augenklappe trug – ja, doch! – der hatte etwas Verschlagenes an sich! Holger, der Kohlmeisenkiller und Piepmatzmörder … Gut möglich, dass dieser Unhold –

„Nur nicht Holger, bitte!“ So hatte ich, in Anlehnung an das berühmte Ceterum Censeo des älteren Cato stets aufs Neue gemahnt. „Nur nicht Holger, bitte!“ Aber wer wollte schon auf mich hören? Auf einen der weniger bedeutsamen Onkel der Braut, auf den Halbbruder bloß vom Baurat Clemens Zitzel?!

Und jetzt, jetzt war es geschehen.

Der arme Vogel – tot, Guggi – hysterisch, die ganze traurige Trauung – beinahe am Kippen!

Später dann, im Restaurant „Zum Roten Zwerg“ und nach ein paar Schnäpsen hatte man die Kohlmeisensache endlich weitgehend vergessen; aber von fröhlicher Stimmung trennten die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft mindestens noch ein paar Liter Bier oder Wein. Am besten – pro Kopf und Hirn. (Und dann würde sich vermutlich die geballte Primitivität einiger ihrer Exponenten erst so richtig zeigen. Nebenwirkung und Kollateralschaden in einem.)

Jedenfalls achtete ich insgeheim darauf, dass nirgendwo ein Fenster offen stand in diesem wenig gemütlichen, eher trostlos und à la 08/15 eingerichteten Lokal; und sei es nur einen Spaltbreit.

Dann gab es wahlweise ziemlich zähe Wiener Schnitzel (angeblich vom Kalb) mit Erbsenreis und gemischtem Salat, weitgehend verschmorte Flugentenbrüstchen mit irgendwie aufgedunsen wirkenden Erdäpfelpuffern und Preiselbeeren sowie – kurioserweise – Spaghetti à la Ichhabsschonwiedervergessen. Und zum Trinken: Bier, Wein, Sekt und Schnäpse in allen Farben und Weißderteufelwasnochalles …

Ach ja, Nachtisch war auch noch im Angebot. Angeblich selbstgemachter Apfelstrudel; fragte sich nur: von wem selbstgemacht?! Außerdem: Mohr im Hemd. Nun ja … Und irgendeine Cremetorte mit Schlagobers.

Holger residierte inmitten seiner ausgeprägten Bierfahne als bumsfideler Germane, wie er im Buch der Klischees verzeichnet steht, und schwadronierte zünftig und nach Herzenslust vor sich hin. Sogar seinem Grundschul-pädagogischen Vater Hadubrand schien das allmählich dann doch peinlich zu werden. Doch der hielt sich schließlich an den Schnaps – und (leider auch) an die Bretzl. Ist wohl alles Geschmackssache.

Gut, dass die Stimmung eine ausgesprochen miese war, bis sie sich zur ausgesprochen besoffenen emporschwang, vermochte zumindest mich nicht weiter zu verwundern. Zudem blieb die Atmosphäre beinahe die ganze Zeit ziemlich angespannt.

Dass Guggi gegen Mitternacht zu kotzen begann, stellte da auch keinen ausgesprochenen Lichtblick dar. Und dass die Bretzl mit dem alten Hummelschleinz auf Teufel komm ‚raus herumschmuste, war zudem kein ausgesprochenes Highlight. Ja, dass partout niemand die Braut stehlen wollte, wie es der schöne alte Brauch hierzulande doch immerhin vorsieht, passte dann insgesamt ins ganze ziemlich schwache Bild dieses wenig glamourösen Festes.

Jedenfalls hatte man sogar im vergleichsweise witzlosen „Roten Zwerg“ schon des öfteren mehr gelacht.

Naja.

 

Zwei

Holger ist Geschichte! Halleluja!

Ja! Er ist – weg! Verschwunden. Pfutsch. Hat sich aufgelöst. Einfach so. Weg.

Holger ist weg – seit gut vierzehn Tagen schon. Weg! Verschwunden. Pfutsch.

Kein Holger mehr!

Holger ist Geschichte! Halleluja!

Erstaunlich sind, was das Verschwinden Holgers betrifft, gleich mehrere Dinge: Zum einen, dass er nicht einmal den quasi engsten Angehörigen weiters abzugehen schien. Gut, Babsi, die hatte ihn – allem Anschein nach (und man kann das durchaus nachvollziehen) – längere Zeit schon über. Das hatte im Grunde genommen bereits vor der Hochzeit begonnen.

Außerdem bahnte sich da auch schon, fast parallel, eine neue Geschichte an, die Hofstätter-Zeit, von der weiter unten zu berichten sein wird; also: die Ära der süßen Schnitten, der Schwarzwälder Kirsch, der Torten und Tiramisus, des formidablen Nusskonfekts und der superben Schokoriegel (dunkel, mit Edelmarzipanfüllung) und der delikaten Topfenstrudel …

Zum anderen, so erzählte man sich in der Clique, glaubte man, den Germanen – und zwar seltsamerweise: unabhängig von einander, doch fast synchron – an verschiedenen Orten in der Stadt oder in der mehr oder minder näheren Umgebung gesehen zu haben. (Mal alleine, dann wieder in Begleitung, etwa einer attraktiven, athletisch gebauten Afrikanerin … – Nein, doch einer Japanerin …? Oder gleich mehrerer Chinesinnen? – Blödsinn: Eine Thailänderin war’s! – Nein, der war ganz sicher zusammen mit einer Eskimofrau! (Oder wie man die jetzt politisch korrekt nennt.)

Da hatte Barbara ihren unnötigen Gatten längst schon bei der Polizei als abgängig gemeldet. (Von vermisst konnte wohl kaum die Rede sein.)

Dann hörte man wieder, Holger sei in der Nähe dieses oder jenes übel beleumundeten Nachtlokals beobachtet worden; andere hätten Stein und Bein schwören mögen, dass sie seiner – fast – auf der Aussichtswarte oben, am Rossberg, ansichtig geworden wären. Die Bretzl (die eigentlich Natalie hieß) wollte ihn gar in Richtung Hauptbahnhof schlendern gesehen haben – allerdings bloß von hinten; und ich selber glaubte, ich hätte zumindest seinen Schatten beim „Mohrenwirt“ vorbeihuschen wahrgenommen …

Das war alles wenig konkret.

Einige Tage drauf (oder war schon eine Woche verstrichen? Vielleicht sogar zwei Wochen? Wo die Zeit doch so rasch vergeht! – Egal …), einige Zeit später also, da tauchten dann diese schon leicht in Verwesung übergegangenen Leichenteile auf und gingen quasi durch die Lokalpresse, einschließlich Regional-Fernsehen. Doch da war unser aller Interesse an Holger, ich muss das jetzt ganz ungeschönt sagen, schon ziemlich abgeflaut; besonders das Babsis. Und wie die forensischen Untersuchungen alsbald ergaben, handelte es sich bei diesen menschlichen Relikten dann auch gar nicht um Körperteile von Dr. Holger Hummelschleinz. Fehlalarm. (Es handelte sich außerdem eindeutig um weibliche Leichenteile.)

Fazit: Holger hatte seine unverdiente Chance gehabt.

Schluss. Aus.

Nein, Holger, der ging wirklich niemandem ab.

Gut, der alte Hummelschleinz, der pädagogische Vater im fernen Dortmund, fragte irgendwann einmal anlässlich eines Anrufs bei der Bretzl unter anderem auch nach dem Befinden seines Sohnes. Und dann: Der kleine schmierige Verlag, bei dem der germanistische Germane seiner Tätigkeit als Lektor in Form eines schlecht bezahlten Teilzeitjobs gelegentlich nachzugehen pflegte, ließ kurz einmal von sich hören.

Holger war weg. Emil war da.

Wenn wir (und das sollte man in solchen und ähnlichen Fällen unbedingt tun!) das Ganze pragmatisch betrachteten und dabei auch Zeit und Raum miteinbezogen, frei nach der Devise: Wer zur Zeit Zeit sagt, muss auch dem Raum Raum geben!, dann freilich hatten wir geradezu zwingend auf die sogenannte Casablanca-These zurückzugreifen. Und die lautet bekanntlich, in Anlehnung an Herman Hupfelds Schlager aus dem Musical „Everybody’s Welcome“ (der Vorstufe zum Film „Casablanca“ von 1943), nun einmal: As Time Goes By.

Und Schluss. Und aus.

Ich persönlich bin ja über diese Entwicklung – über Holgers Wegentwicklung, sozusagen – sehr froh. Habe ich doch immer schon gesagt: „Nur nicht Holger, bitte!“ (Aber man wollte eben nicht auf mich hören. Nun ja.)

Babsi? Also, die hat sich längst völlig erholt. Entholgert, wie sie nunmehr ist.

Im Gegenteil, das Nichtmehrvorhandensein dieses Widerlings scheint ihr äußerst gut zu tun. Ja, sie ist richtig aufgeblüht! (Emils kalorienreiche Liebkosungen mittels Punsch-Krapferl und Linzerschnitten, edel-glasierten Lebkuchens und feiner Apfelstrudel-Variationen mit Schokoladen-Mousse [weiß beziehungsweise dunkel, mit hohem Kakao-Anteil!] taten das Ihre zur restlosen Wiederherstellung ihres früher vorherrschenden durchaus sanguinischen Gemütszustands.) Jaja, mein ach so romantisches Halbnichtchen hatte sich wieder ganz erfangen …

Neuerdings dehnt sie ihre süße Vorliebe auch auf die (übrigens: wirklich exzellenten) handgemachten Pralinen und Trüffeln sowie auf den himmlischen Rehrücken, die Schaumschnitten, Fruchtrollen, Sachertorten und das saisonale Kleingebäck des langjährigen Juniorchefs aus der Konditorei Hofstätter aus. Und, jetzt ist es auch kein Geheimnis mehr, auf den Emil Hofstätter selbst auch gleich. (Genau, Emil hat den Betrieb endlich, nach dem Tod des alten Hofstätter, übernommen; wurde aber auch langsam Zeit.)

Aus der bekannten Süßwaren-Dynastie stammend, hat der Emil einige Jahre in Belgien und dann in der Schweiz gelernt und praktiziert. Er wurde so zu einem echten, rechten Maître Chocolatier, in der Tat! Zu einem echten, rechten! Hoher Kakao-Anteil und so … Jetzt geht es ans Ernten der Früchte jahrelanger harter Arbeit unter der Aufsicht des strengen Vaters.

Ich kenne und schätze die Hofstätter-Produkte schon seit vielen Jahren und habe auch den alten Rudi Hofstätter persönlich recht gut gekannt. Auch er übrigens: ein Edel-Confiseur! Bodenständig vielleicht, ein bisschen; aber durchaus edel. (Meine Bekanntschaft mit dem Rudolf Hofstätter reicht ja noch in die gemeinsame Schulzeit zurück. Naja, die Zeit vergeht …)

Zwischen der Babsi und dem Emil Hofstätter scheint es wirklich gefunkt zu haben. Und jetzt bald einmal dürfte etwas Ernstes daraus werden. Wenn da nicht ohnehin schon –

Süß, einfach süß …

So sieht es zumindest aus. (Und wo der Holger, dieses Aas, allem Anschein nach, alles spricht dafür, ja tatsächlich [und hoffentlich] endgültig weg ist; pfutsch und verschwunden …)

Aber Babsi und Emil: eine süße Angelegenheit …

No, mir soll es recht sein. (Ich nasche immer noch gerne, besonders in dunkler Schokolade gehalten und mit hohem Kakao-Anteil. Ja …)

Auch die hysterische Guggi erwähnt den Holger kaum noch. (Aus den Augen, aus dem Sinn.) Und auch die plattgedrückte, so unglücklich zu Tode gekommene Kohlmeise ist längst kein Thema mehr.

Obwohl – so ein armes Vögelchen, das kann einem schon leidtun.

 

E N D E

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