Non scholae,

sed vitae

discimus

oder

Warum nicht gleich

die Prügelstrafe?

Kein Rondo von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2012.

(ENDFASSUNG: 2016.)

Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten

Schulbildung einen gesunden Menschenverstand

abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle

unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus,

so unser höchstes Gut, die Philosophie, an

überflüssige Fragen.

Seneca, Briefe an Lucilius 106, 12

*

Erregung.

Man hätte sich Senfbach auch mit dem berühmt-berüchtigten Rohrstab in den langfingrigen Händen (mit den wenig erbaulichen Altersflecken) vorstellen können. Oder sogar mit jederzeit griffbereiten Folterwerkzeugen ausgestattet. Doch Senfbachs Bösartigkeit lag nicht so sehr in den furchteinflößenden Geräten, deren er sich zur Maßregelung und Bestrafung zu bedienen pflegen hätte können – rein theoretisch; nein, seine Infamie schlummerte in seinen Augen. Tief drinnen war sie verborgen in ihnen: im rechten, dem braun-grünen, wie auch im linken, dem milchig-blauen Auge des selbstgefälligen Lehrerungeheuers. Schier Legionen von Jahrgängen und Klassen hatten schon innerlich gebebt vor seinen ungleichen Sehorganen; ganz so, als trüge Senfbach Rohstab oder Folterwerkzeug offen in seinen Händen zur Schau; als wäre Senfbach schlicht ein übler dumpfer Henkersknecht. (Und kein quasi gebildeter Magister-Doktor-Professor-Quatschkopf.)

An seinem äußeren Erscheinungsbild konnte man aufs erste Hinsehen kaum irgendetwas besonders tadeln. Gut, Senfbach war alles andere als eine schöne Erscheinung. Und der grauhaarige Endfünfziger mit den unmodernen Hornbrillen (er hätte ohne weiters auch einen noch altmodischeren Kneifer tragen können!) über der markanten Hakennase in einem teigigen Gesicht, das zwar von Falten durchfurcht war, indes jegliche Spur von Seele vermissen ließ, fiel auch sonst nicht durch besondere Eleganz auf. Und seine meist einfarbig dunklen, immer ein bisschen nach Mottenkugeln riechenden Anzüge, die wenig originellen Hemden und die in erster Linie bloß dezenten Krawatten zeigten nicht einmal den Ansatz von Schick. Nein, attraktiv war Senfbach in der Tat nicht, und auch die Stimme des Professors signalisierte in ihrer leicht nasalen Gelangweiltheit kaum besondere Emphase.

Außerdem: Senfbachs Diktion wirkte – den Schülern gegenüber – ziemlich herablassend; während er sich Höflichkeitsfloskeln eher für Direktor Hofrat Grillenberger oder für die ein paar älteren Kollegen aufsparte. (Auch der jüngeren Kollegenschaft gegenüber verhielt sich der alteingesessene Lehrer gerne reserviert. Man hatte eben seine Erfahrungen gemacht, nicht wahr? Und man genoss den in vielen Dienstjahren quasi ersessenen Respekt der anderen.)

Dass Senfbach leidlich gut (wenn auch wenig inspiriert) gekleidet war, verdankte er übrigens seiner Ehefrau, die es verstand, in zumindest darin, für ihn wohl beinahe unmerklich, zu beraten und zu leiten. (Vielleicht war tatsächlich Frau Senfbach die bessere Pädagogin?!)

Wobei eingeschränkt werden muss, dass auch die Frau des Latein- und Deutschprofessors überhaupt keine attraktive Erscheinung war. (Warum hätte sie sich sonst wohl auf einen weitgehend uninteressanten Typen wie Senfbach eingelassen?!) Nein, Senfbachs um etliches jüngere Frau war nicht einmal eine sozusagen: klassische graue Maus; sie war weitgehend nicht vorhanden. Und wie viele Frauen, die sich früh schon – verhärmt und unauffällig bis zur Farblosigkeit ja: Verwaschenheit hingewelkt – aufgegeben hatten, war vermutlich auch sie nur darauf aus gewesen, möglichst rasch noch Töchter in die Welt zu setzen, denen sie ihrerseits wiederum diese (aller Wahrscheinlichkeit nach) wenig erfolgversprechende anlagetechnische Grundausstattung mit auf den weiteren Lebensweg geben konnte. Genetische Rache.

So waren denn auch die Senfbach-Mädchen mit einer geradezu erstaunlichen Unscheinbarkeit gesegnet, die sie später freilich kaum zu besonders glücklichen jungen Frauen machen würde; doch dafür – wer weiß es? – vielleicht zu entsprechend frustrierten Geschöpfen mit einigem Aggressionspotential. Jedenfalls: Die Verwaschenheit wurde als eine Art Familien-Spezifikum weitergetragen, so viel war vorauszusehen. (Doch sagt dies alles, zugegebener Maßen, nichts über die inneren Werte Sonjas und Birgits aus. Ach, ja …)

Non scholae, sed vitae discimus, deklarierte Senfbach bei jeder sich nur irgendwie bietenden Gelegenheit, während er eine neue verderbliche Kerbe pädagogischer Art in die ach noch so formbaren, bildlich gesprochen: beinahe Wachs gleichenden Kinderseelen schnitt. Verbal, hier zwischendurch auch einmal zynisch gefärbt, oder einfach durch seinen fast diabolisch stechenden Blick aus den in ungleichen Farben vor sich hin stierenden Augen.

In der Tat, was Senfbach tat, war für das Leben getan und nicht bloß für die Schule.

Er hatte mit allem ja so recht.

Und wenn er sein Tagewerk beschloss, sah sich Senfbach in aller Regel wieder einmal mit sich selbst in Einklang.

Er hatte unterrichtet. Wissen vermittelt. Zumindest Grundzüge angelegt. Die Basis geschaffen. Den Grund ausgehoben. (Wofür? Das hatte ihn nicht zu interessieren.)

Und je mehr Grund Senfbach grundlos aushob, umso ungeschützter traten die verwundbaren Kinderseelen frei zu Tage. Nun waren sie den bösen Einflüssen, seinen bösen Einflüssen und denen anderer Senfbachs, unkontrolliert und ungehindert ausgesetzt. Entsetzlich so was!

Ja: Non scholae, sed

Senfbach hielt sich selbst klarerweise für einen guten Lehrer – insgeheim sogar für einen großartigen Pädagogen und weitgehend altruistischen Förderer der Jugend. Dieser armselige Kinderschinder (Kinderschänder war er keiner; dazu fehlte ihm erfreulicherweise die Veranlagung; doch immerhin Sadist in gerade noch rechtskonformer Ausprägung) liebte in Wirklichkeit ausschließlich sich. Das allerdings – über alles. Und auf dem barock ausgestatteten Altar seines Ego hatten ebenso exklusiv nur Bilder, Pokale, Siegeszeichen und Symbole ihren Platz, die auf ihn zeigten oder seine Person betrafen. Hier fand natürlich – ohne Ausnahme – nur seine Apotheose statt. Immer wieder. Opfer für Opfer. Unrecht für Unrecht.

Dass Senfbach überhaupt verheiratet und mit seiner Frau sogar zwei Kinder, zwei Töchter, zu zeugen imstande gewesen war, hätte bei seiner extremen Ichbezogenheit eigentlich verwundern müssen; schien indes ohnedies bloß jener Konformität geschuldet, der Leute seines Kalibers nun einmal allenthalben frönen – und die sie so dringend brauchen wie andere die Luft zum Atmen. Ob bloß als Tarnung ihrer tatsächlichen miesen und verkorksten Veranlagungen oder als naheliegende, zudem wohl auch noch äußerst bequeme Einrichtung im häuslichen Bereich (und somit in der Gesellschaft), mag dahingestellt sein.

Jedenfalls gehörte die Konformität genauso signifikant (welch ein Widerspruch in sich!) zum Gesamtbild Senfbachs wie sein innerer, bin zur Karikatur hin überdimensionierter Altar der Selbstbeweihräucherung, vor dem er sein Leben lang mit echter Hingabe kniete und opferte.

Senfbach glaubte, seinen Schülerinnen und Schülern alles nur Erdenkliche mitgegeben zu haben; schier überreiche Wissensfülle und außerdem profunde Charakterbildung.

In Wahrheit waren seine Bemühungen aus ihrer ganzen selbstsüchtigen Haltung heraus reiner Schrott gewesen. Und je länger sein Berufsleben dauerte, umso gewaltiger wurde die Menge des angesammelten Ballasts an unnötigem sogenannten Wissen, proportional zum Minus an seelischer Tiefe und wahrer Lebens-Weisheit. Denn der aufgeblasene Pädagogen-Popanz Senfbach war in Wahrheit ein Seelen-Zwerg. Mickrig und unscheinbar.

Non scholae, sed vitae discimus! So posaunte es Senfbach beinahe tagtäglich. Non scholae

Obschon: Wann und warum überhaupt dieser schon beinahe biedere, wohl gerade deshalb so unglaublich populäre Non-scholae-Spruch – in rhetorischer Umkehr von Senecas 106. Brief an Lucilius – aufgekommen ist, weiß man nicht mehr. Fest steht jedoch, dass die Äußerung vom „Nicht für das Leben, sondern für die Schule“-Lernen, wie sie der römische Denker und Philosoph voller Ironie getätigt hat, eigentlich die Untauglichkeit und Unanwendbarkeit schulisch erworbenen Wissens (auch und gerade in der Philosophie!) anprangern sollte, sich also gegen pure Gelehrsamkeit ohne praktischen Bezug stellte.

Warum sich allerdings der Satz (in der uns geläufigen Umkehrform), der zudem unverantwortlich plakativ Schule gegen Leben ausspielt, besonders oft im Vokabular gerade derjenigen Lehrer findet, die just im Verbreiten weitgehend unnützen Wissens ihre eigentliche Berufung sehen, ist das besonders Schleierhafte an der Sache …

Kurz gesagt, war es nicht Senfbachs Selbstliebe und Verkennung intellektueller Tatsachen, die den im Schuldienst unauffälligen, bis dato bei seinen Vorgesetzten durchaus fachlich anerkannten Lehrer für Deutsch und Latein und auch führungstechnisch Unbeanstandeten schließlich in die Bredouille brachte, sondern der Umstand, dass ihm, dem insgeheimen Prügler und Henkersknecht, einmal tatsächlich die Hand auskam. Und das in einer fünften Klasse des Albertus-Gymnasiums und dem Sohn eines hohen Landesbeamten gegenüber.

Unleugbar war Julius K. ein uninteressierter sowie in Summe ziemlich schlampiger Schüler, der sich zudem wenig diszipliniert betrug und sich allen möglichen Tücken des Gymnasiastenlebens mit der Leichtfertigkeit seiner fünfzehn Jahre näherte; überhaupt ging er kaum einer Konfrontation mit echten oder vorgeblichen Einschränkungen und Direktiven aus dem Weg, wie sie ein schulisches Ordnungssystem beinahe selbstverständlich bereit hält.

Weder Deutsch noch Latein, in welchen Fächern er den gestrengen Klassenvorstand Prof. Senfbach zum Lehrer hatte, bedeuteten Julius irgend etwas. Freilich auch die anderen Disziplinen waren ihm an sich egal. Lediglich der Mathematik gegenüber legte der 15jährige eine gewisse Aufgeschlossenheit an den Tag; oder besser gesagt: der neuen, erst seit diesem Schuljahr unterrichtenden Mathematikerin, einer jungen, sehr hübschen und recht engagierten Jung-Professorin, galt sein in erstaunlicher Weise und über Gebühr erwachtes Interesse …

Senfbach hatte einen grosso modo unerquicklichen Disput mit dem wieder einmal weitestgehend unvorbereiteten Schüler mittels einer saftigen Ohrfeige beendet, die ihn – zugegeben – selbst mehr überraschte als Julius und die anderen Mitschülerinnen und Mitschüler. Denn selbstredend war körperliche Bestrafung längst verboten! Nun, eine sogenannte Maulschelle konnte allerdings, besonders in der Unterstufe, schon mal durch das Klassenzimmer klatschen. Nicht freilich eine Ohrfeige in der Fünften, da die meisten Lehrpersonen ihre discipuli immerhin schon mit Sie anredeten!

Senfbach hatte bisher bloß so ausgesehen, als könnte er ausholen und zuschlagen. Sozusagen als Hand gewordenes Zeugnis der Kraft seiner verschiedenfarbigen Augen. Wirklich zugeschlagen hatte der Pädagoge jedoch in über dreißig Dienstjahren kein einziges Mal.

Fatale Verkettung

Nun, dass einem Lehrer (einem Professor gar) die Hand ausgekommen war, wäre an sich zwar peinlich gewesen; ungehörig und alles andere als gerechtfertigt. Doch noch nicht unbedingt eine Katastrophe. Aber die fatale Verkettung von Dummheit und das bis zur puren Nervenaufreibung des pädagogischen Gegenübers hin exerzierte Desinteresse auf Schülerseite hatte die prekäre Situation eben derartig hochgeschaukelt. Und wäre Senfbachs Ohrfeige im Gesicht irgendeines unbedeutenden Schüler gelandet, die ganze Angelegenheit hätte sich wohl auch kaum zu so einer Riesen-Affäre ausgeweitet (Oberstufe hin oder her). Mein Gott, die Sache hätte sich schon irgendwie herunterspielen lassen; so eine Tachtel, die wird das dumme Arbeiterkind (oder der Sohn vom Langzeit-Beschäftigungslosen oder der BILLA-Kassiererin) doch wohl noch wegstecken! Da würde ihn das Leben, später dann, noch ganz anders beuteln, nicht wahr?!

Doch Senfbach hatte seine langfingrige Rechte mit den Altersflecken ausgerechnet ins feist-dreiste Gesicht des Julius K. senken müssen. Und dieser rundum saublöde Schüler Julius K. musste ausgerechnet der Sohn eines der höchsten, einflussreichsten und penibelsten Landesbeamten sein! Und der Filius war, nicht zuletzt des Images und des guten Rufs wegen, von seinen gleich betulichen wie, was seine eindeutig fehlenden Begabungen sowie das Nichtvorhandensein auch nur von Spuren jedweder Intelligenz und irgendwelcher Talente betraf, uneinsichtigen Eltern in dieses als bestens beleumundet bekannte und durchaus renommierte Gymnasium geschickt worden.

Hofrat Julius K., senior, schäumte denn auch, als ihm von seiner (entsprechend aufgelösten) Gattin prompt die Kunde vom Geschehenen zugetragen wurde.

Der Hofrat hatte seinerseits – auch dies gehörte zur fatalen Verkettung sowie zur teuflischen Verquickung von verqueren Umständen und Gegebenheiten, die diesen Unglückstermin nun einmal zu bestimmen schienen – einen schlimmen Tag im Büro gehabt; mit delikaten Entscheidungen; Problemen mit MitarbeiterInnen und jeder Menge an Ärger mit vorgesetzten Politikern et cetera. Und Hofrat K. war denn also auch geladen wie eine alte Haubitze.

Das wird der mir büßen!“, knirschte der Beamte mit den Zähnen, dass die Füllungen zu wackeln begannen. „Dieses pädagogische Würstchen wird sieden“, fiel dem Feinschmecker auch sofort ein passender Vergleich aus der Sektion Kochen & Essen ein. „Ha!“ (K. war allem Anschein nach auch noch Schiller-Fan.)

Er schmierte – vielleicht um sich abzulenken, vielleicht aus fehlender pädagogischer Einsicht, wer weiß? – in der Zwischenzeit zunächst einmal seinem vor ihn befohlenen unbegabten Sohn seinerseits auch noch eine; denn das konnte schwerlich etwas schaden; obschon es wohl auch kaum etwas nützen würde. Dann griff der Hofrat zum Schnurlos-Telefon und ließ sich mit dem Direktor des Albertus-Gymnasiums verbinden. Hofrat Grillenberger war, erraten, ein Verbindungsbruder aus dem Cartell-Verband; und von CV-er zu CV-er redet es sich bekanntlich leichter.

Ja? Hier K., Julius K. Servus, lieber Freund Eberhard! Du – – -“

Was soll man sagen? Wäre Senfbach nicht längst pragmatisiert gewesen, er hätte sich im Nu in der Wüste wiedergefunden. Oder in der Kanalisation.

Doch auch so waren die Folgen schwerwiegend.

Professor Senfbach musste zunächst bei Hofrat Grillenberger antanzen. Und Senfbach war nicht beim CV.

Grillenberger, dem Senfbach, wie einige der intimeren Bekannten des Hofrats erfahren zu haben glaubten, den größten Gefallen getan hätte, wäre er beim Entwenden schuleigenen Silberbestecks oder Geldes aus der Schulkasse erwischt worden oder bei sonst etwas unerhört Ehrenrührigem, damit man ihn von vorgesetzter Dienststelle her trotz Fixanstellung hinauswerfen hätte können, Grillenberger machte beide Türen des Chefbüros fürsorglich zu. (Die eine war auf der Zimmer-Innenseite zum Glück gepolstert.) Dann brüllte der eigentlich als ruhig, beinahe schon als vornehm und zurückhaltend bekannte Direktor durchaus und in der Art, wie man sich etwa einen primitiven Unteroffizier vorstellt, der mit seinem dümmsten Rekruten schreit, um diesen so recht nach alter Soldatensitte zusammenzuscheißen. Es war ein akustischer Zirkus, eine Schimpforgie und so ziemlich das Böseste zudem, was sich der begossene Pudel Senfbach jemals hatte anhören müssen in seinem ganzen Leben!

Hofrat Grillenbergers Tiraden schlossen mit der Aufforderung, ihm, Hofrat Grillenberger, nicht nur aus dem Gesicht zu gehen, sondern Vorkehrungen für ein entsprechendes Ansuchen um Versetzung („Möglichst weit weg – wohin, ist mir egal! Am besten in die Hölle!“) zu treffen. Über das Disziplinarverfahren, das den Missetäter selbstverständlich erwarte, werde er, Senfbach, natürlich noch gesondert unterrichtet.

Der begossene Pudel war weiß im Gesicht, als er retirierte. Vorbei an der nervösen Bürokraft Frl. Hetzenbleich gab es nur eines für ihn: hinaus hinaus hinaus! Hinaus!

Nun müssen wir allerdings kurz auf eine menschliche Grundkomponente hinweisen, die leider allzu oft übersehen wird, wenn man geneigt ist, Verhaltensweisen anderer einfach als unverständlich zu bezeichnet. Es geht dabei um das hochbrisante Bewusstseinspärchen Ursache und Wirkung. Auch wenn die beiden in den meisten Fällen gar nicht offensichtlich zusammenzuhängen scheinen. Doch just dieser Schein kann trügen.

Also, einer bekommt eine auf den Deckel.

Wenn er dann seinerseits voll Schwung und Infamie wiederum austeilt, wissen die, denen nunmehr die Schläge gelten, meist zunächst gar nicht, warum ihnen geschieht, wie ihnen geschieht.

So auch im Fall des Zusammenschisses, den Prof. Senfbach mit den verschiedenfarbigen Augen eben durch seinen Vorgesetzten Hofrat Grillenberger erleiden hatte müssen. (Übrigens, trotz des weitgehend amikalen Tons, der am Vortag zwischen den beiden Bundesbrüdern Hofrat K. und Hofrat Grillenberger am Telefon geherrscht hatte, hatte natürlich auch Julius K. senior seinem Spezi Eberhard gehörig den Kopf gewaschen wegen der Senfbacher Maulschelle. Somit war auch die Grillenberger-Explosion schon eine Folgeerscheinung gewesen; eine Wirkung also, die nun ihrerseits darauf gierte und es nicht erwarten konnte, ebenfalls Ursache zu werden von etwas!)

Senfbach, der Oberarsch, verteilte seinen Frust zunächst einmal (ohne überhaupt auch nur ansatzweise Begründungen dafür zu formulieren) einigermaßen gerecht auf Weib und Töchter, bevor er seinen Hut nahm und erregt sowie eiligen Schritts das Haus verließ.

Dann lenkte der Herr Professor, immer noch begossener Pudel (oder schon wieder?), seine Schritte in eine ziemlich heruntergekommene Bar, wohin er sonst nie im Leben gegangen wäre. Dort ließ sich Senfbach nach allen Regeln der Kunst volllaufen, wobei ihm die Qualität der zu konsumierenden Alcoholica weitgehend egal war. Scheißegal, genau genommen.

Später fiel er noch in ein grindiges Bordell ein; obwohl bei ihm (insgesamt und besonders nach den gerade erst konsumierten Unmengen an miesen Gesöffen) sexuell ohnedies nichts mehr gehen würde. Immerhin, die an seinen letztlich fehlgeschlagenen Bemühungen beteiligte Dame (eine gewisse Ilona) machte ein ganz passables Geschäft, und auch der Umsatz des weitgehend heruntergekommen Lokals erfuhr durch ihn noch eine späte – oder besser: frühe – unerwartete Belebung.

Damit allerdings nicht genug, lief der schlagfreudige Pädagoge in den frühen Morgenstunden, randvoll immer noch mit einem unguten Mix aus neuem und Restalkohol sowie frisch aufgekochtem Ärger, vor einen ausladenden Postautobus, den er allem Anschein nach übersehen hatte, um solcherart, in ekeligem Frühnebel und auf dreckigem Asphalt, sein bisher wie insgesamt wenig aufregendes Leben auszuhauchen. Requiescat in pace!

Dies ersparte ihm immerhin das entwürdigende Verfassen eines Ansuchens um Versetzung sowie einige Wochen später die Zurkenntnisnahme des Ergebnisses seines peinlichen Disziplinarverfahrens, das seinerseits die traurige Folge der unsinnigen Ohrfeigengeschichte war. (Oder exakter: gewesen wäre.)

Katastrophe

War das nun tatsächlich eine Katastrophe?

Wir tun uns allein schon bei der Beurteilung der verschiedenen Standpunkte schwer.

Also, Eindeutigkeit sieht wohl anders aus …

Gut, einerseits war Senfbach ein im weitesten Sinn entbehrlicher Lehrer. Eine inferiore Erscheinung. Trotz seiner verschiedenen Augen. Ein Stinkstiefel und ein Arschloch dazu.

Aber, gleich vor einen Autobus zu laufen? Ob gewollt oder ungewollt – ist das eine befriedigende Lebens-Lösung?! War Senfbach nicht allein dadurch schon bestraft, dass er Senfbach war? Die Katastrophe Senfbach

Doch auf der anderen Seite: Dieser Schüler Julius K. war immerhin auch eine ziemlich miese Type. Wohl kein wie auch immer geartetes Ruhmesblatt war ihm zu prophezeien, von späterem Lorbeer, im Allgemeinen in Kranzform erwerbbar, einmal ganz zu schweigen. (Gut, wenn schon … Darauf kommt es ja nicht unbedingt an im Leben, nicht wahr? Aber ein bisschen Bemühung dürfte sich eine Um-Welt, die sich ihrerseits immerhin entsprechend rührend um den Trottel bemüht hat, doch erwarten, oder etwa nicht?!)

Julius K. war eine nichtige Niete, arrogant und aufgeblasen noch dazu, wie es bei solchen und vergleichbaren Geisteszwergen nicht selten der Fall ist, die zwar aus geordnet scheinenden, Ja, sogar gehobenen familiären Verhältnissen stammen, in Wahrheit jedoch ohne jegliche seelische Wärme sowie ohne die notwendige charakterliche Unterstützung aufwachsen und folgerichtig hauptsächlich bloß ihren reichlich oberflächlichen und abgeschmackten Vergnügungen huldigen. Wohl auch nichts anderes gelernt und gesehen haben, bei allem Luxus und aller durch diverse Surrogate erreichten Verzärtelung vonseiten ihrer Elterngeisteszwerge.

Was sind diese – gerne Kids genannten – Jugendlichen in vielen Fällen denn? Früh schon gut angepasste Exponenten einer sogenannten Spaßgesellschaft, denen zu wahrem Hedonismus einerseits die notwendige Allgemeinbildung, andererseits der gute Geschmack fehlen …

Und des uninteressanten Knaben überheblicher Beamtenvater? Dieser – es sich eine Laufbahn hindurch immer schön richtende – Macker, in aller Regel nach obenhin buckelnd und nach unten tretend! Karrieregeil und proportional dazu charakterschwach. So dass sich zuletzt die Frage stellt: Wer ist mehr zu verachten – Senfbach oder Hofrat K.?!

Ach, ja, dann noch dieser CV-verbrüderte Gymnasialdirektor Hofrat Grillenberger! Duckmäuserisch sowie kleinkariert und selbst Teil eines nur durch die reichliche Schmiere von Protektion und Freunderlwirtschaft am Laufen gehaltenen Getriebes! Wenig begabter Nutznießer irgendeiner bündischen Parallelwelt, an Talenten minderbemittelter Exponent einer Art Gesellschaft in der Gesellschaft, die sich zu allem Überfluss noch für etwas Besonderes, für etwas Großartiges, jedenfalls für etwas Besseres hält. Für etwas, das (entsprechend irgendwelchen, gleich obskuren wie seit alters her überlieferten, gleichsam ehernen Gesetzen, über deren Vorhandensein und Begründung naturgemäß erst gar nicht nachgedacht zu werden braucht) klarerweise sakrosankt über den anderen steht …

Sind das die Strahlefiguren schlechthin? Vorbilder und Beispiele, die Schule machen sollten? Sind sie diejenigen, von denen wir anderen uns eine Scheibe abschneiden könnten? Geben sie, ohne dass dies jemals ernstlich hinterfragt würde, tatsächlich den Ton an? Sind sie wirklich das Maß aller Dinge, diese schmarotzerischen Schmeißfliegen, dieses mediokre Hofratsgesindel und diese bizarre Beamtenmafia?! Dieses blasierte Lehrergezücht?! Diese weitgehend Intelligenz-freien, geistlosen Sklaventreiber?!

Himmel! Da könnte man in Rage kommen!

Überhaupt: Seneca! Lucius Annaeus Seneca, der Jüngere, um vier vor Christus in Córdoba geboren, 65 nach Christus durch Selbstmord in Rom gestorben, Politiker, stoischer Philosoph, Dichter sowie Lehrer und Berater des wirren Kaisers Nero. Der hätte doch wahrlich besser daran getan, diesen nichtsnutzigen Tyrannen anständig zu erziehen! Dann hätte Nero vielleicht Rom nicht anzünden lassen! Aber, nein – non scholae, sed … (oder besser, in seiner Diktion, non vitae, sed …)! Es ist zum Verrückt-Werden! Schreibt da großspurig seine „Epistulae morales“, dieser selbstgefällige Besserwisser! Ach Gott, die Leute tun doch immer das Falsche! Verdammt noch einmal! Ja, hat man denn diesen Seneca dafür bezahlt, dumme Reden zu schwingen?! (Oder, was noch ärger ist, angeblich gescheite …!)

Wie kommt dieser Bursche überhaupt dazu, ach so weise über das Leben, über die Schule und über die Philosophie zu spintisieren?! Ergo: Ist nicht am Ende Seneca an allem Schuld?! (Mit-schuld zumindest …)

Lassen wir Senflebens Frau, diese vergleichsweise arme graue Maus (und wenigstens einigermaßen stilsichere Modeberaterin ihres idiotischen Mannes), und seine nicht minder uninteressanten Töchter einmal beiseite. Die sind so schon vom Leben genug gestraft.

Aber – wo gibt es wirklich Lichtblicke?

Vielleicht ein paar Mitschüler des dummen Julius K.? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen des überheblichen Prof. Senfbach? Ein paar schwindlige Idealisten sonst irgendwo?

Oh, besser nicht! Denn von allen Gescheiterten sind die Idealisten meist die gefährlichsten …

Bei den Bösen, den Blöden und den Beamten weiß man in aller Regel wenigstens, woran man ist. Auch wenn das schlimm genug sein mag! Aber die Idealisten – sie entflammen erst für etwas, und später geht durch dieses Feuer dann die ganze Welt zugrunde!

Nein, lieber keine Idealisten!

Und keinen Seneca!

Epilog

Hm.

Man hätte sich Senfbach auch mit dem berühmt-berüchtigten Rohrstab in den langfingrigen Händen (mit den wenig erbaulichen Altersflecken) vorstellen können. Oder sogar mit jederzeit griffbereiten Folterwerkzeugen ausgestattet.“ So begannen wir dieses Traktätchen. Doch da wir es nicht zum Rondo auswalzen wollen, begnügen wir uns mit diesem kurzen Zitat und fügen die weiteren Gedanken an, als wären sie sozusagen: neu. Obschon sie (siehe die Anmerkungen zum Komplex von Ursache und Wirkung!) nicht neu sind, sondern sich quasi organisch aus dem schon Gesagten ergeben.

Die Haltung und die daraus resultierenden Handlungsweisen, die jemand die meiste Zeit an den Tag legt und folglich für seine Umgebung merk- und spürbar macht, scheinen nicht selten in irgendeinem unsichtbaren Gefäß aufbewahrt zu werden. Ja, so muss es wohl sein. Und irgendwann geht dieser Krug (dieses Fass, dieser Bottich …) dann eben über. Dann ist es so weit.

Entweder ist zu viel Druck im Kessel – oder zu viel Dreck.

So einfach ist das.

Kurioserweise spielt es dann kaum eine Rolle, ob die alles zur Explosion bringende finale Tat (der sogenannte Auslöser) so besonders böse ist oder nicht. Ob es ein veritables Verbrechen ist, ein mittel-arges Vergehen oder eine vergleichsweise Nichtigkeit.

Allerdings: Seine Schüler zu schlagen, ist in jedem Fall grundfalsch! Und das nicht nur, weil es ein für alle Mal als verboten gilt! Das körperliche Züchtigen (Züchtigen, welches Wort!), Gewaltanwendung an Schwächeren, womöglich an Wehrlosen – das riecht förmlich nach Schäbigkeit, nach Infamie sowie nach Feigheit und lässt sich nicht einmal durch Dummheit entschuldigen. (Von irgendeiner möglichen Rechtfertigung überhaupt zu schweigen!)

Doch wäre bei einem an sich gütigen und liebevollen Menschen ein solches Fehlverhalten, so bedauerlich und strafenswert es auch immer sein mag, vielleicht noch irgendwie entschuldbar.

Einem Kotzbrocken à la Senfbach kann indes rein gar nichts verziehen werden. (Ja, am ehesten vielleicht noch die Ungleichheit seiner Augen, dass er also ein braun-grünes rechtes und ein milchig-blaues linkes Sehorgan aufwies. Denn dafür konnte er in der Tat nichts.)

Nein, Senfbach geschieht es recht. Was immer ihm zuletzt geschieht.

Und doch: Irgendwie tut er mir auch wieder leid. Ein bisschen zumindest.

Ach, armer Senfbach.

Wir könnten ihm vielleicht eine zweite Chance geben …?!

(Auf die Gefahr hin, dass aus dieser recht linearen Geschichte dann doch noch ein Rondo würde … ein Rondo … ein …)

E N D E

Anmerkung zur titelgebenden „Non scholae …“-Sentenz:

Klaus Bartels (Hg.), Veni – Vidi – Vici. Geflügelte Worte aus dem Griechischen und Lateinischen. Zürich und München 1989, S. 118 f. – Auf den Spruch aus Senecas „Epistulae morales“, 106, 12, bezieht sich auch Georg Büchmann, Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. 40. Aufl. Frankfurt am Main – Berlin 1995, S. 337. Siehe zudem: Muriel Kasper, Reclams Lateinisches Zitaten-Lexikon. Stuttgart 2014, S. 237 bzw. 239. Die Autorin geht überhaupt nur genauer ein auf den Wortlaut des Seneca, „Non vitae …“. Auch: Stefan Link, Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens. 11. Aufl. Stuttgart 2002, S. 620.

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