Eine Geschichte von Bernd Schmidt © by Bernd Schmidt, Graz 2012. (ENDFASSUNG: 2015)  

 Da kommt der wilde Jägersmann

zuletzt beim tiefen Brünnchen an.

Er springt hinein. Die Not war groß;

es schießt der Has‘ die Flinte los.

 

Heinrich Hoffmann, Der Struwwelpeter

 *

  Fama  Wie es damals überhaupt zu diesem Gerücht kommen konnte, weiß heute vermutlich niemand mehr. Doch das haben Gerüchte eben einmal an sich, dass später dann kaum mehr irgendjemand weiß, wie sie zustande kommen konnten. Jedenfalls muss es ziemlich bald nach der Wiedervereinigung Deutschlands gewesen sein und nach dem Fall der Berliner Mauer. Woran ich mich – ich dürfte so auf die Zwanzig zugegangen sein – auf alle Fälle sehr gut erinnern kann, ist, dass Rechtsanwalt Friedrich Hummelshausen (wie viele andere Westdeutsche ja auch) zu der Zeit schon gute zehn, elf Jahre immer wieder mit seiner Familie aus Dortmund zu uns in die Pension auf Sommerfrische gekommen war. Man sagte kaum mehr Sommerfrische, denn seit die Landwirte rundherum ihre Fremdenzimmer für den Urlaub auf dem Bauernhof herzurichten begonnen hatten (und damit ein vergleichsweise gutes Geschäft machten), verwendete man in touristischen Kreisen diesen Ausdruck lieber nicht mehr. Urlaub klang wohl etwas moderner, Sommerfrische trug noch irgendwie den Mief der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert an sich. (Ja, im Salzkammergut oder um den Semmering herum, da setzten die selbsternannten Touristiker und Fremdenverkehrsexperten den Begriff wiederum just deshalb ein, weil er so antiquiert und ranzig klang.) Egal, wie auch immer: Hummelshausen kamen Sommer für Sommer, das weiß ich noch so genau, weil ich mit den drei Sprösslingen des Rechtsanwalts und seiner charmanten Frau, die etwa in meinem Alter waren, immer spielte beziehungsweise gemeinsam irgendwelchen Unfug trieb. Dabei war es Renate, Gregor und Klein-Fritz herzlich wurscht, ob das nun ein Urlaubs- oder ein Sommerfrischen-Unfug war. Abenteuerlich sollte es sein. Und abenteuerlich war es allemal. (Besonders zwischen mir und Renate …) Mein Vater, der gemeinsam mit meiner Mutter die Pension und das Wirtshaus zur „Alten Linde“ betrieb, verstand sich mit dem alten Hummelshausen, mit dem Fritz senior also, übrigens ganz ausgezeichnet. Und mein Vater war wohl auch einer der ersten, der dem lieben, verehrten Freund zu seiner ehrenvollen Wahl in den Landkreis (oder wie das in Deutschland heißt) und später dann in den Deutschen Bundestag gratulierte. „So was gehört sich eben!“, betonte er meiner Mutter gegenüber dezidiert. „Das und die paar Gratis-Schnapserln am Abend, wenn sie da sind im Sommer. Immerhin, wer weiß, vielleicht sind die Hummelshausens noch irgendeinmal so was wie ein Aushängeschild für unsere internationale Gastfreundschaft …“ Nicht dass mein Vater Alois so ein ausgefuchster Ökonom gewesen wäre, und an das potenzielle Tourismus-Geschäft mit China und Indien, wie es uns möglicherweise bald ins Haus stehen wird, hat er selbstverständlich auch noch nicht denken können, damals. Globalisierung kannte man noch nicht, und überhaupt steckte der steirische Fremdenverkehr noch ziemlich in den Kinderschuhen. Man beschränkte sich auf das Aufstellen von grün gestrichenen Bänken, das Renovieren halbverfallener Kreuzwegstationen und eine etwas modifizierte Speisekarte (die es als Karte freilich auch noch nicht gab) in den Gasthäusern. „Hab‘ ich nicht recht gehabt?!“, fragte gleich triumphierend wie rhetorisch Vater Alois meine Mutter Franziska, als sogar die regionalen Zeitungen groß vermerkten, dass Friedrich Hummelshausen, in der Gegend, exakt: im schmucken Biberfeld an der Tran, als treuer Sommergast bekannt, kürzlich für die CDU in den Deutschen Bundestag eingezogen sei. Und der schwarze Bürgermeister, Ökonomierat Robert Eichelberger, sowie der zuständige ÖVP-Abgeordnete zum Nationalrat, Emil Navratil, und sein Kollege Georg Habersatter, der im Landtag für die sozusagen Konservativen in der Region saß, ließen es sich nicht nehmen, dem „verdienstvollen langjährigen Besucher und lieben Freund“ sehr herzlich zu gratulieren. Ach ja: Auch unser Pfarrer, Anton Breitenauer, vergaß geflissentlich nicht, des Ereignisses bei seiner sonntäglichen Predigt in entsprechender Weise Erwähnung zu tun. Bei nächster sich bietender Gelegenheit wollte Bürgermeister Eichelberger außerdem die Ehrenbürgerschaft und eine vergoldete Nadel mit einem Karfunkel (oder Granat?) im Rahmen einer schlichten Feier an das frischgebackene Mitglied des Hohen Hauses übergeben. (Wen es interessiert: Der Deutsche Bundestag saß bis 1999 übrigens noch in Bonn am Rhein, bevor man in Richtung Reichshauptstadt Berlin weiterzog.) Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Denn bald nach der sogenannten Wende fanden sich auch schon angeblich unübersehbare Flecken an der politischen Weste Hummelshausens; und diese traurige Entdeckung bereitete seiner Karriere ein abruptes Ende. Vor dem Gefängnis (zumindest vor Untersuchungshaft) schützte ihn zwar noch eine Zeit lang sein neues, nur kurz innegehabtes Amt; vor hochnotpeinlicher Befragung indes nicht. Und auch die Presse – des In- wie des Auslands – fand ihr gefundenes Fressen; zumal im ehemaligen Westdeutschland hinter vorgehaltener Hand schon erste Zweifel laut wurden an der Sinnhaftigkeit der doch einigermaßen über das Knie gebrochenen und zudem sauteuren Wiedervereinigung, auf die sich Kanzler Helmut Kohl und Konsorten so viel einbildeten. Wie ich von der Hummelshausen-Tochter, von der Renate, weiß, mit der ich noch einige Zeit lang in Briefkontakt stand, tat dem Vater der Fall vom hohen politischen Ross alles andere als gut. Und sein Selbstmord zeugte schließlich beredt von der tiefen Depression, in die der sonst so lebensfrohe Tatmensch und tüchtige Anwalt (mit gutgehender Kanzlei) aus dem Ruhrpott gefallen sein musste. Da blieb es dann eigentlich unerheblich, ob die Anschuldigungen auf Tatsachen beruhten oder erfunden waren: Ob Hummelshausen de facto einer der raren westdeutschen Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen war oder nicht. Ob – und wenn ja, dann wie gut – er den DDR-Boss Erich Honecker, diesen rhetorisch ermüdenden, nach abgebrochener Dachdeckerlehre zum Berufspolitiker gewordenen Super-Kommunisten, überhaupt gekannt hatte. „Nein, Honecker hat mich nie zur Jagd eingeladen!“ So stand es, mit zittriger Hand auf einen gelblich-weißen Zettel gekritzelt, den man neben der Leiche unter dem Hochstand im Immenthaler Forst nahe Dortmund fand, wo der Kurzzeit-Abgeordnete seinem Leben zwar in weidmännischer Adjustierung und mittels Bärenbüchse, doch nicht unbedingt ehrenhaft ein Ende gesetzt hatte. Die fast vier Promille Alkohol, die sich in seinem Blut fanden, waren der finale Effekt einer Flasche vom Selbstgebrannten, die ihm mein Vater Alois ein paar Monate zuvor (zusammen mit dem Gratulationsschreiben aus Anlass seiner so ehrenvollen Ernennung zum Bundestagsabgeordneten) geschickte hatte – voll Dankbarkeit aus der Sommerheimat. Aber was bedeutet schon Ehre, wenn sie einem eben gerade abgesprochen worden ist? * Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED von 1976 bis 1989, krebskrank und allein schon deshalb haftunfähig, verlebte seine letzten Monate übrigens im Exil in Santiago de Chile, wohin er vom Gefängnis in Berlin-Moabit 1993 überstellt worden war. Er starb 1994 und überlebte seinen angeblichen früheren Jagdgast Hummelshausen somit um gute vier Jahre. (Naja, so gute vier Jahre werden es wohl auch nicht gewesen sein …)  Gut. (Oder nicht gut.) Hummelshausen war also tot. Seiner Witwe Gerda, einer Wienerin, wurde zwar nach Jahresfrist die Genugtuung seiner vollen Rehabilitierung zuteil. Doch davon konnte er sich in der Tat nichts mehr kaufen. Und ebenso Gerda (wie auch die seit den ersten Urlauben in Biberfeld längst erwachsenen Kinder) hatten kaum was davon; sieht man vom Gefühl einmal ab, stets im Recht gewesen zu sein, was die eigene Beurteilung des Ehemanns (beziehungsweise des Vaters) betraf. Ja, der deutsche Staat entschuldigte sich bei den Angehörigen durch einen mittelrangigen Regierungsbeamten und ein entsprechendes Dekret. Die Ehrenbürgerschaft von Biberfeld indes blieb Hummelshausen vorenthalten. Und auch die vergoldete Nadel mit dem Karfunkel (oder Granat?). Selbstgebrannt  Ich gehe eigentlich selten ins Revier, und wenn, dann eher gezwungenermaßen. Zwar bereitet es mir große Freude, in aller Früh und Einsamkeit durch den stillen Wald zu stapfen und das Wild bei seinem Tun zu beobachten, das je nach Jahreszeit ein ganz spezifisches ist. Das erinnert mich an meine Kindheit und Jugendzeit. Da bin ich, oft auch mit den Kindern der Sommergäste, in der Natur gewesen. Und wir haben unsere Abenteuer erlebt und manchen mehr oder weniger unschuldigen Unfug angestellt … Ja, da erinnere ich mich gern dran. Doch das Schießen macht mir keine Freude. Und außerdem verfügt unser regionaler Jagdverein ohnedies über entsprechendes Fachpersonal. Am wenigsten mag ich sogenannte offizielle Jagden, bei denen mitzumachen ich als neuer Bürgermeister allerdings beinah gezwungen bin. Ja, sogar: sie auszurichten, gehört zu meinen Obliegenheiten. (Was überdies ziemlich teuer ist und ins Gemeindebudget geht.) Aber die Stadtfräcke wollen es eben so. Und der eine oder andere Politiker muss mit einem Bock geködert werden, der eine oder andere Lobbyist fordert seinen Tribut. Und je mehr von Transparenz gesprochen wird, umso heimlicher (und effizienter!) wird eben unter der Bettdecke gemauschelt … Gab sich mancher früher mit einem Flascherl Selbstgebrannten zufrieden, so muss es heute schon ein dickes Kuvert sein. Und eine Einladung auf eine Pirsch da, ein gröberes Essen dort. Eine Hand wäscht die andere, heißt es immer noch. Zwar versuche ich, nicht in die selben Fallen zu tappen wie mein Vorgänger Eichelberger (was dann ja auch das Ende seiner politischen Karriere bedeutet hat); aber besonders wohl ist mir bei der ganzen Herumtuerei auch nicht. Und das macht mir gerade die Jagden verhasst! (Außerdem: Das Niveau der schießwütigen Idioten aus Industrie und Politik ist inzwischen schon kaum mehr zu unterbieten. Unerfreulich und eine Schande das!) Ich muss oft an den Rechtsanwalt Hummelshausen denken und an die Gerüchte, die seinem unsäglichen Selbstmord vorangegangen sind. Das war damals auch für meinen Vater ein Riesenschock; der hat ja von seinem Freund Fritz aus Dortmund so viel gehalten! Und überhaupt … (Mein Vater Alois ist jetzt auch schon seit fast fünfzehn Jahren tot. Ganz plötzlich ist es gekommen damals: Herzinfarkt. – Und die Mama? Seit drei Jahren. Ja, Krebs. War auch nicht schön …- Aber meiner Frau Maria und den Kindern geht es gut. Danke.) Jetzt habe ich einmal nach längerer Zeit wieder eine Karte bekommen von der Renate Jochbein, früher Hummelshausen. Ihr Mann ist nach einem Thailand-Aufenthalt, den er freilich ohne sie unternommen hatte, an irgendeiner heimtückischen Krankheit verschieden. Nein, nichts Sexuelles oder gar AIDS … Egal. Jedenfalls hat’s ihn erwischt, in Thailand, den Tassilo Jochbein. (Ich habe ihn nicht gekannt. Sie tut mir jedoch leid.) „Ja, Herr Kommerzialrat? Ein Schnapserl?! Kommt sofort, kommt sogleich!“ Der alte Trottel. Und morgen schießt er dann wieder einen der Treiber an. Ich hasse sie, diese Jagdignoranten und selbsternannten Nimrode! Und wenn sie schon einmal ein halbzahmes Reh treffen oder eine schwerhörige Wildsau, dann sind sie auch noch über alle Maßen stolz auf ihre fragwürdige Tat; wie dumme kleine böse Buben! Na, und erst, was ihre Geilheit betrifft! Alte Säcke meist schon, aber wenn sich irgendwo junges Weiberfleisch am Horizont zeigt, gerät ihr Bluthochdruck auch schon in die Krise … Da ist dann mit einem Mal ihr ganzes Gekröse allein ausgerichtet auf die letzten, ohnedies wenig imponierenden Reste ihrer Potenz! Da wollen sie sich und allen anderen noch einmal zeigen, was sie im Rohr haben … Und am ärgsten sind die mit den besseren Ehehälften im Schlepptau, mit den eigentlich längst schon abgehalfterten Erst-Schabracken, denen ihre obskuren plastischen Chirurgen ebenso längst schon um teures Geld zu faltenfreier Ausdruckslosigkeit verholfen haben. Oder gar diejenigen mit den wie zur Kirmes aufgetakelten Zweitfrauen! In Leder und Loden gehüllte Gänschen aus den Sekretariaten ihrer pseudo-weidmännischen Vormals-Chefs … Ein echter Schas! „Geh, Irmi, einen doppelten Selbstgebrannten für den Pischinger!“ – „Wirklich – noch einen?!“ – „Ja! Geht auf’s Haus! Klar doch!“ Der Hummelshausen hingegen. Das waren noch Zeiten. Das waren noch Sommergäste. Aber: Was, wenn ihn der Honecker wirklich zur Jagd eingeladen hätte?! Na, wenn schon! Diese depperte Wiedervereinigung wär‘ so oder so und über kurz oder lang zustande gekommen. Ah: Da hätte der Honecker auch gleich den Kohl einladen können …?! – Also, daran hab‘ ich ja noch gar nie gedacht! Wär‘ aber vielleicht eine gute Idee gewesen! Jaja, so passiert Geschichte … * Was war das?! – Ein Schuss?! „Herr Bürgermeister! Herr Bürgermeister!“ Die Irmi wirkt total echauffiert. „Was ist denn, Irmi? Sag schon!“ „Bitte!“ Die Kellnerin ist den Tränen nahe. „Der Herr Kommerzialrat Pischinger -“ „Ja?! Red‘ schon!“ „Allem Anschein nach, bitte, hat sich ein Schuss aus seinem Gewehr gelöst …“ „Das hat uns gerade noch gefehlt! – Ist er -?“ Jetzt wirke wohl auch ich etwas echauffiert, obwohl ich sonst doch eher die Ruhe in Person bin … Irmi nickt, weitgehend aufgelöst. Sie zittert schier vor sich hin. „Tot! Mausetot!“ Allerdings: Jetzt haben wir, denke ich (und das beruhigt mich), einen triftigen Grund, die blöde Treibjagd morgen abzusagen. Ich lächle böse und schenke mir einen großen Selbstgebrannten ein.   E N D E  

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