Mohrenhäuptchen

Doch kein Märchen

Von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, 2008

Mohrenhäuptchen war, ei, ja doch, nicht Othello. Aber schwarz. Mohrenhäuptchen, der Kater, Aufrührer und Anarchist, Dach-Akrobat und verwegener Durch-Messer nächtlicher Duell-Orte und „Orchestergräben“. Kein Verächter miezischer Reize, wenn seine Auserwählten auch meist Mizzi, Susi oder Maunzi hießen und nicht Desdemona. Arroganz und Stilsicherheit in der Auswahl kennzeichneten Mohrenhäuptchens Umgang mit dem anderen Katzengeschlecht jedenfalls. So war er: Mal stinksauer und überheblich, jedweden Streit suchend; mal zutiefst resignierend das Näschen rümpfend. Von Firsten besessen und ohne jegliche Höhenangst. Ritter ohne Furcht und Tadel. Kühn Erklimmender des schier Nicht-zu-Erklimmenden.

Hatte es mit ihm so enden müssen?

Kommissar Knilch nahm den Hut ab – angesichts des kleinen toten Katzenkörpers. Klein, tot, zerschunden, wie er so da lag im fahlen Neumondschein.

Und sogar Paulaner, Knilchs tölpeliger Assistent, spürte den berühmten Knödel im Hals.

Kusch, Paulaner!“, sagte Knilch scharf, einen – zurecht zu erwartenden – dummen Einwurf des weitestgehend unfähigen Mitarbeiters im Keim erstickend. „Schweigen Sie, und wahren Sie doch ein wenig Würde – im Angesicht des Todes …!“

No, so um zwölf, halb eins, schätze ich“, gab Polizeiarzt Anselmi unaufgefordert ersten Bescheid, den Todeszeitpunkt betreffend. Und leicht süffisant fügte er hinzu: „Seit wann hat unsereins eigentlich auch zu veterinieren …?! Kannst du mir das vielleicht verraten, Gerd?! War wohl ein hohes Tier, der Kater?!“ Der Mediziner grinste schäbig und schien irgendwie über sich selbst zu schweben.

Lass mich bitte zufrieden mit deinen blöden und unpassenden Witzen, Robert!“, fuhr Knilch ihn an. „Etwas Pietät wird man doch auch von einem Forensiker erwarten dürfen!“

Aber schau dir die Pfoten an“, war Anselmi wieder ganz im Dienst. Korrekt.

Da durchbrach ein Schuss die Stille der nachtdunklen Straße. Anselmi riss die Rechte reflexartig zu seinem Herzen. Es war die letzte Reaktion, zu der der Polizeiarzt fähig sein sollte.

Robert!“ Knilchs Schrei brach sich in einer architektonischen Leere von nie geahnter Last. „Robert, – o – bert …“, formierten sich die Schallwellen zu einem horriblen Echo.

Da schnellte Mohrenhäuptchen elastisch auf seine vier Pfoten, schaute die entsetzte Gruppe um den toten Gerichtsmediziner leicht verächtlich an und entschwand gereckten Schwanzes.

Knilch erwachte in Schweiß gebadet.

Jetzt hatte er wieder diesen absonderlichen Katzentraum.

Vorsichtig, damit er seine neben ihm schlafende Frau nicht wecke, schlug der Kommissar die Decke zurück und stieg aus dem Bett.

Knilchs Verhältnis zu Katzen war ein durchaus gutes. Schon als Kind war er Besitzer eines schwarzen Katers, ähnlich dem in seinem Wiederholungstraum, gewesen, der Mohrenhäuptchen geheißen hatte. Und jetzt machte er sich – sozusagen routinemäßig – auf, um nach Billie zu sehen, der hübschen Siamkatze, die gleichsam die Zier des übrigens kinderlosen Haushalts war. Auf einem ihrer Lieblingsplätze würde er sie finden. Dann ins Bad, ein Glas Mineral in der Küche und wieder ins Bett. Richtig, auf dem bequemen Drehstuhl vor dem Schreibtisch in Knilchs Arbeitszimmer schlief das schöne Tier, zusammengerollt in Frieden, Ruhe und Behaglichkeit. Doch Billie erwachte, gewahrte den nächtlichen Störenfried sogleich und sah ihn aus hellen Augen an. Mit leichtem Vorwurf.

„Entschuldige, Billie“, ich wollte nur sehen, ob alles in Ordnung ist“, beeilte sich Knilch, seinem Haustier – eigentlich gehörte die Siamesin ja Frau Knilch, doch nahm sie zwischendurch (wenn auch gnädig) sogar von ihm die frühmorgendliche Fleischration entgegen – die Situation zu erklären. Billie gähnte, wobei sie ihr kleines Maul weit aufriss, dass die spitzen Eckzähnchen blinkten, und rollte sich, verzeihend, wie es schien, erneut zusammen.

*

Der Tote, der da zu Füßen der Kriminalbeamten auf dem Pflaster lag, war kein Kater. Er hieß auch nicht Mohrenhäuptchen, sondern Boris Morovic und war Russe. Gewesen.

„Todesursache?“, fragte der Kommissar in Richtung Polizeiarzt.

„Genickbruch und Herzschuss“, lautete die erste Diagnose Dr. Anselmis.

„Reihenfolge?“, fragte Knilch den Pathologen.

„Schwer zu sagen, da muss ich ihn mir erst näher anschauen …“

„Klar. Also bis dann.“ Und Knilch fügte, was Anselmi denn doch etwas irritierte (und was Paulaner, Knilchs unfähiger Assistent, erst gar nicht mitbekam), hinzu: „Ich freu’ mich, dass es dir gut geht, Robert …“

Knilch wandte sich, während der Arzt achselzuckend den düstren Ort verließ, erneut dem toten Russen zu, aus dessen Ausweispapieren Paulaner zuvor den Namen entschlüsselt hatte. Mühsam genug. Zyrillisch und so …

„Ein hohes Tier – bei der Automafia …“, murmelte Knilch. „Ein sehr hohes sogar.“

„- ? –“ Paulaner wusste wieder einmal nichts.

„Morovic – das steht, buchstabenverkehrt, für „Civorom“, die dubiose Import-Export-Firma mit noch dubioseren Hintermännern aus St. Petersburg, Moskau und Kiew. Paulaner, Sie sollten die Kunst des Anagramms studieren …“, riet Knilch seinem in der Tat strohdummen Adlatus, dem seine Inkompetenz nicht nur aus dem Gesicht sah, sondern gleichsam aus allen Poren stieg, eine eigene Art von Aura bildend. „Aber, egal, wir werden den Fall vermutlich ohnedies nicht lösen, da diese ganze vorliegende Geschichte nicht geschrieben wird.“

Und auch damit hatte der erfahrene Kriminalist recht.

(…

Denn sonst wäre es jetzt bald an der Zeit gewesen, die neue junge Pathologin Marie-Thérèse Glucque aus Straßburg im Elsass, sozusagen eine „EU-Leihgabe“, die fürderhin im Büro von Dr. Anselmi – und in Robert Anselmis Privatleben – einigen Staub aufwirbeln sollte, einzuführen und vorzustellen. Auch dass sich nicht bloß der Forensiker, sondern auch Knilch höchstpersönlich ein wenig in die schmucke Dunkelbrünette verschauen, allerdings rechtzeitig – und eingedenk seiner wohlfunktionierenden langjährigen Ehe – die Notbremse ziehen würde, müsste erläutert werden. Dass Marie-Thérèse wie üblich ihre unnötige Cousine Paulette im Schlepptau mit sich führte, die sich, dumme Mädchen gibt es auch im Elsass, partout in Paulaner verknallen würde – und vice versa. Doch das alles ist mir, ehrlich gestanden, zuviel Aufwand für einen toten Gauner, ob der nun Morovic oder Civorom heißt. Und egal, ob es sich bei ihm um ein hohes Tier oder bloß um ein armes Würschtl innerhalb der Automafia handeln sollte … Daher lasse ich es. Diesmal.

bs…)

*

Mohrenhäuptchen? – Mohrenhäuptchen geht es gut. Dank der Nachfrage.

Er fühlt sich weiterhin als mehr oder weniger unumstrittener König seines Kater-Reviers, als Ritter ohne Furcht und Tadel. Und er ist nach wie vor der Augenstern beinahe aller Miezen des Bezirks zwischen sechs Monaten und 26 Jahren.

Der tollkühne First-Beherrscher und ausgefuchste Meister aller Winkelzüge.

Und so soll es schließlich auch bleiben.

Obschon da neuerdings ein zweiter, ganz junger, hübscher, ebenfalls schwarzer Busche nächtens herum schleicht, der möglicherweise das Zeug zu einem Nachfolger des Casanovas Mohrenhäuptchen in sich trüge.

Doch, die Erfahrung lehrt uns das, irgendwie schleicht ja immer irgendwo irgendeiner herum, der das Zeug zum Nachfolger –

F i n

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