Mercedes

am

Donnerstag

 

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

 

 

 

 

Aber Grauen des Orkus! Sterbegewimmer!

Grauen des Orkus! dort dem Felsen zu!

Wie? – so kenn ich diese Todestrümmer!

Wehe! wehe also siegtest du? –

Friedrich Hölderlin, Hero 

*

 

 

Mercedes

„Wie ich Mercedes überhaupt kennengelernt habe? Warten Sie, das war etwas kompliziert …“

Der graumelierte, immer noch recht stattliche Mann im dunkelblauen, gut geschnittenen Business-Anzug zündete sich mittels eines goldenen Feuerzeugs eine weitere Pall Mall an. Das Licht an der Wand in der Nische des – wenn schon nicht abgedunkelten, so doch eher sparsam beleuchteten – Altwiener Cafés, in dem die beiden einander gegenüber saßen, warf kurz seinen Schein auf den Brillantring, den er am kleinen Finger seiner rechten Hand trug. Und der Stein erwiderte, sozusagen beiläufig, die unbeabsichtigte Lichtmitteilung.

„Ja, meine Mitfinanziers und ich hatten damals gerade vor, es muss so um das Jahr 20… gewesen sein, ein exklusives Restaurant hier, in der Stadt, zu übernehmen und entsprechend adaptieren zu lassen. Mercedes arbeitete uns dabei zu; quasi als Anlageberaterin. Sie war bei einer entsprechenden und durchaus gut beleumundeten Agentur beschäftigt. Aus diesen geschäftlichen Gründen trafen wir zwei einander auch mehrmals die Woche zu Besprechungen.“

Der Mann mit der hohen faltigen Stirn – nein, er hatte keine Glatze! – machte eine kleine Pause, bevor er fortfuhr: „Mercedes mochte damals knapp über 40 sein, und es war mir stets eine Freude, sie zu sehen. Sie wirkte zwar durchaus selbstständig und taff, verfügte jedoch über einigen – ich möchte sagen: jugendlichen – Charme, der ihr Vermögen, sich durchzusetzen, quasi in vorteilhafter Weise bremste.“

Es folgte eine kleine Pause, während derer sich sein Blick ein wenig verdüsterte.

„Ihre Ehe sei lange schon geschieden, erzählte sie mir, erst einmal aufgetaut. Ach ja, ihre Tochter, die sie schon in sehr jungen Jahren bekommen habe, arbeite bei einer UN-Organisation in Wien. Auf aussichtsreichem Posten …“, fuhr er fort.

Der Mann nippte am Rest des schon kalten großen Braunen.

„Diese Frau verfügte – ich weiß nicht, ob Sie das verstehen? -, sie verfügte über das besondere Etwas …“

Es folgte, von einer weiteren Zigarette begleitet, eine beinahe liebevoll zu nennende Schilderung des allem Anschein nach wirklich außergewöhnlich hübschen Gesichts der zierlichen, doch, wie er sie (erstaunlich plastisch) darstellte, durchaus gestandenen Frauensperson; ihrer dunkelblonden Haare und der graublauen Augen … Dass sie über eine fast gerade Nase verfügte und über unerhört hübsche kleine Ohren, vergaß er nicht zu erwähnen … Auch dass weniger die Haut des Gesichts mit den paar Fältchen um die Augen und auf der hohen Stirn als vielmehr die der Hände am ehesten noch über ihr wahres Alter etwas hätten ausgesagt … Dass ihre Gestalt zwar von Schlankheit und einem sportiven (also nicht über-sportlichen) Habitus gekennzeichnet gewesen sei, indes weder dünn noch irgendwie eckig gewirkt habe …, im Gegenteil, da seien durchaus Rundungen angenehm aufgefallen …

„Und ihr Lächeln …, das war schlicht und ergreifend: umwerfend“, schwärmte der Graumelierte, jetzt die Zigarette abtötend, aber sogleich eine neue entflammend.

„Einfach umwerfend, ja!“

Ein alter Oberkellner schaute vorbei, ob alles passe. Und der Mann orderte für sich noch einen großen Kaffee; für sein Gegenüber, nach einem entsprechenden Blick, einen weiteren Campari-Orange.

Er sei damals, nach zwei nicht unerheblichen Erbschaften im Grunde aller finanziellen Sorgen enthoben, nur mehr Hobby-mäßig (und gleichsam: am Rande) an diversen, dafür allerdings exklusiven Geschäften interessiert gewesen, und seine Mitfinanziers hätten ihm diesbezüglich durchaus freie Hand gelassen; nur die Rechnung sollte auch für sie zuletzt stimmen …

Ja, und er habe damals außerdem noch zwischen zwei potenziellen Partnerschaften geschwankt (einer in St. Pölten, einer in Innsbruck), zwischen zwei, doch, ja: sehr attraktiven Damen übrigens … Und ob sich mit Mercedes da überhaupt etwas ergeben würde, das sei längst noch nicht abzusehen gewesen … Nein …

Der Kellner brachte den großen Braunen sowie den Campari-Orange und stellte die Getränke vor den beiden Männern ab. „Die Herren …“

Der Mann nickte, ohne etwas zu äußern. Dann fuhr er, sich erneut seinem Zuhörer zuwendend, in seiner ruhigen Erzählweise fort.

An einem Abend, einem Donnerstag, im Vivaldi, da habe er sie sozusagen außerplanmäßig, ja: zufällig, getroffen. Was ihn selbst wohl am meisten überrascht habe; sie weit weniger (zumindest nach ihrer gelassenen Reaktion zu schließen) … Da habe sie erstaunlicherweise als Barfrau gearbeitet. Barfrau, immerhin, im – an sich wohl auch recht noblen – Vivaldi. Und er sei, das könne ihm sein Gegenüber gerne glauben, ziemlich überrascht gewesen! Ja: Zunächst habe er die attraktive Frau sogar für eine Doppelgängerin ihrer selbst gehalten, aber dann … Nein, nein, sie war es schon, sie, Mercedes!

Sie arbeite jeden Donnerstagabend hier als Keeper …, hatte sie lächelnd gesagt. Und dass ihr das Spaß mache. (Das sollte wohl in erster Linie einmal ihm aus seiner Fassungslosigkeit helfen. Denn für Mercedes schien dies alles eher amüsant zu sein …)

Dann hätten sie sich unterhalten und sogar ein bisschen fachgesimpelt. Immerhin war er damals noch ein durchaus leidenschaftlicher Cocktail-Trinker (und Barbesucher) gewesen, sogar mit einigen Kenntnissen im Mixen, die über das rein Hobbymäßige hinausgingen.

Dieses Wissen fußte hauptsächlich auf den nächtelangen Gesprächen mit seinem LieblingsKeeper, Herrn Manfred, der damals in der zweiten tauglichen Bar der Stadt mixte.

Pall-Mall-Pause. Reminiszenz an den Herrn Manfred.

Ach ja, mit besagtem Herrn Manfred gemeinsam hatte er vor Jahren den Magnum .500 kreiert (wobei der Fachmann gemixt und er im Grund genommen bloß ausgiebig getestet habe). Ein ziemliches Höllengesöff sei das geworden, auf Tequila-Rum-Basis … Absolut tödlich, vorher jedoch einfach himmlisch! Wie die genaue Rezeptur ausgesehen habe? Nun, 2 Tequila, 1 Myers‘ und 1 Havana Rum, dazu Limettensaft, Zucker und Zimt (und Manfreds Geheimnis) … Erstaunlich, dass sie den Drink just nach dem größten Gerät der mit Trommeln ausgerüsteten Schusswaffen aus dem Hause Smith & Wesson, eben dem fünfschüssigen Double-Action-Revolver namens Magnum, genannt hatten, obwohl doch er wie auch Herr Manfred eingefleischte Pazifisten gewesen seien …

Er lächelte melancholisch, während er einen tiefen Zug von der Zigarette nahm.

Ja, den Magnum .500 habe Mercedes dann in der Regel immer für ihn (und sich selbst) mixen müssen. Und so seien die beiden einander auch näher gekommen. Magnum für Magnum

Nun, seine Finanzpartner hätten, warum auch immer, in der Folge versucht, ihn auszubooten, was jedoch schließlich zu deren eigenem Untergang geführt habe; übrigens, nicht zuletzt dank Mercedes und ihres Geschicks. Ja, stimmt: Sie war nicht nur als Barfrau ein Volltreffer (Magnum .500), auch als Geschäftsfrau war sie einfach unschlagbar.

Und so habe er bald, nicht zuletzt auf ihren Rat hin, das Vivaldi aufgekauft; während er auch sonst noch eine Reihe vergleichsweise hochkarätiger anderer Geschäfte abzuwickeln verstanden habe. Lukrativ, durchaus lukrativ das alles.

„Es lief, insgesamt gesehen, hervorragend …“

Neue Zigarette, altes Ritual.

„Wie sie sonst gewesen sei? Hm. Ein wenig kapriziert vielleicht, aber nicht sehr …, ein wenig eben … Und mit einem Schuss Ironie, zwischendurch, ja … Für eine taffe Anlageberaterin war möglicherweise auch ihre Lieblingslektüre nicht eben typisch. – Was sie so gelesen habe? Nun, Friedrich Hölderlin, zum Beispiel, oder Christoph Martin Wieland; auch Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal … – Ja, erstaunlich, irgendwie …“

Aber hätte man von ihr unbedingt Ken Follett, Nora Roberts oder Dan Brown erwarten sollen? Oder gar – Rosamunde Pilcher oder Donna Leon? Oder vielleicht Elfriede Jelinek oder gar Peter Handke? Und das alles – nur um sie irgendwie anders einordnen zu können?!

„Nein, nein“, sagte er laut, fast ein wenig ungehalten, „Hölderlin und Wieland und Hofmannsthal, die passten schon zu Mercedes!“

Kalkül

Vielleicht hatte es diese Frau am Ende gar nicht gegeben. Vielleicht war die strahlende Barfrau Mercedes im Vivaldi, trotz des blitzenden Sückchens von Zahngold am rechten Ort, tatsächlich bloß eine Doppelgängerin. Am Ende war auch die Anlageberaterin namens Mercedes bloß eine Fiktion gewesen. Alles Chimäre …

Nein: Sie musste sie sein! (Ja, was jetzt?!)

Ihre kleinen Ohren (Öhrchen, eigentlich), die schönen Augen, blaugrau, tief … Dann die Absplitterung, die kaum merkbare Absplitterung an ihrem Vierer, links oben, besagtes kleines absolut individuelles Kennzeichen. (Wenn sie lächelte, merkte man mitunter das minimale, mit ein klein-wenig Gold behobene Manko; und auch das nur bei ganz bestimmter Beleuchtung.) Ihre schlanken, dezent beringten Hände, die ihr wahres Alter andeuteten, aber nicht verrieten … Die stets um fünf Minuten vorgestellte goldene Uhr. Ja: An Mercedes war vieles ein Geheimnis (oder es schien zumindest eines zu sein). Ja.

Sie war, indem sie auftauchte, mal da, mal dort, Meisterin der Zeit und des Orts. Unberechenbar und zugleich außer jedem Zweifel. Und da man sich auf sie verlassen konnte, wirkte sogar ihr unvermutetes Erscheinen wie die Bestätigung einer Erwartung …

Mercedes als ätherisch zu bezeichnen, hätte weit an den Tatsachen vorbei gezielt. Ganz im Gegenteil: Sie schien nachgerade mit beiden Beinen durchaus gesund verwurzelt im Boden der Realitäten zu stehen; sie schien tatsächlich verankert zu sein im Jetzt, Hier und Heute. Herausgewachsen aus irgendwelchem natürlichem Urgrund. Fixiert bei aller Flexibilität, archetypisch, obgleich in so mancher Duplikation wieder erscheinend … Ja, ein Phänomen, das war sie ohne jeden Zweifel. Und eine Erscheinung.

Deshalb konnte sich die Frage, ob es sie denn tatsächlich gäbe, überhaupt erst stellen.

Ihr oft beinahe gleichzeitiges Erscheinen an verschiedenen Orten hätte ihr bei besseren Beobachtern womöglich wirklich noch den Ruf des Mysteriösen eingebracht.

Doch so – sie war nun mal Anlageberaterin. Und Barfrau. Und sie.

Was wollte Mercedes? Und was wollte sie ausgerechnet von ihm?

Ging es ihr um seine (zugegeben: nicht unbeträchtlichen) Finanzreserven? Um seine Tüchtigkeit, zu der er sich nach einigen beachtlichen Pleiten in seinem bisherigen Leben tatsächlich durchgerungen hatte? Um seine Position in der Gesellschaft? Oder: Liebte sie ihn womöglich? War er ein Spleen ihrerseits (wie sie einer seinerseits war)?

Schon möglich. Aber vielleicht auch nicht.

Es war, sagen wir es einmal so: mysteriös.

Und es dürfte zudem immerhin auch einiges an Kalkül mit ihrer Vorgehensweise verbunden gewesen sein.

Sonst wäre, was später passierte, wohl auch nicht passiert.

 

Finale

„Dann haben wir, wenige Wochen später, eines schönen Samstags im Frühjahr war es, geheiratet, Mercedes und ich“, erzählte der Graumelierte im halbhellen Schein der schmalbemessenen Beleuchtung im Altwiener Kaffeehaus. „Und so wäre eigentlich alles gut gewesen.“

Kleine Pause.

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber für einen ausgesprochenen Gegner der Institution Ehe, wie ich nie ein Hehl daraus gemacht hatte, einer zu sein, für so jemanden bedeutete allein schon die Entscheidung zu diesem Schritt einige Überwindung. Ich hatte es immerhin über Jahrzehnte geschafft, an diesem Punkt angelangt, immer wieder die Kurve zu kratzen. Aber bei Mercedes -“

Er ließ das Ende des Satzes offen.

„Die Verehelichung – jetzt … Es ging durchaus alles gut …, mit den Zeremonien, die mir bei anderen, wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, einmal (ausnahmsweise) bei einer Trauung anwesend sein musste (oder das zumindest glaubte), nicht selten gehörig auf die Nerven gingen … Nein, es war alles in Ordnung, wirklich. Und unser gemeinsames Leben – nunmehr mit Ehering – ließ sich durchaus vielversprechend an. Durchaus.“

Er schob erneut eine seiner Pall-Mall-Pausen ein. Und sein Ringbrillant blitzte nochmals im Funzelschein der Wandbeleuchtung auf.

„Nur, warum sie mich einige Monate später dann vergiftet hat, das müssen Sie sie schon selber fragen“, forderte er seinen Gesprächspartner indirekt auf. „Ja, doch. Das fragen Sie Mercedes am besten selbst …“

Pause.

„Wenn Sie sich trauen“, fügte er lächelnd hinzu.

Dann verschwand er.

 

E N D E

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