M e n ü

in mehreren

Abgängen

 

Eine Gourmet-Geschichte

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2011
(ENDFASSUNG: 2016)

 

Bewegung und Leben verursachen im lebenden Körper
einen täglichen Substanzverlust. Der menschliche Körper,
diese so complicirte Maschine, wäre bald außer Dienst,
wenn die Vorsehung nicht eine Feder hineingesetzt hätte,
welche ihn im Augenblicke benachrichtigt, wo die Kräfte
nicht mehr mit den Bedürfnissen im Gleichgewicht sind.
Der Appetit ist dieser Warner. Man versteht darunter die
erste Empfindung des Bedürfnisses nach Nahrung.
Jean Anthelme Brillat-Savarin, Physiologie des Geschmacks
 

*

 

 

1.

Er war zeitlebens unbeliebt gewesen. Nicht erst als Restaurantkritiker. Auch vorher schon, als Antoine Le Birque noch schlicht und einfach der Birkheimer Toni war und ein ziemlich schleimiger Altwagenverkäufer. Dann, so mit fünfunddreißig etwa, hatte er, man schrieb gerade die 1980er Jahre, dem Inhaber eines der ersten Haubenlokale der Stadt, einem ehemaligen Abgänger einer Salzburger Koch- und Tourismusakademie namens Mandy Steilzaun, einen unheimlich aufgemotzten kardinalroten Ford Thunderbird angedreht. Eine von diesen pastellfarbenen oder knalligen und chromblitzenden Benzinvernichtungsanlagen von enormer Kraftstoffgier sowie außergewöhnlicher Geschmacklosigkeit, wie sie damals besonders im kalifornischen Westen der USA Teil eines allgemeinen Nostalgieprogramms waren und, zumal in speziellen Werkstätten in San Francisco, in allen stilistischen Schattierungen käuflich erworben werden konnten – sogar verhältnismäßig günstig; für den Fachmann; auch aus Europa; und teuer weiterverkaufbar mit ihren attraktiven Haifischflossen, den in passenden Pastelltönen gehaltenen Ledersitzen, mit den glitzernden Retro-Armaturen und den kuriosen Chromgebissen ihrer wuchtigen Motorhauben: Fünfziger-Jahre pur … Und der Edelkoch hatte Birkheimer im Zuge des Geschäftsabschlusses zum üppigen Abendessen in seine Gourmet-Hütte eingeladen, ins sündteure „Péritoine“. Mehrgängig und mit entsprechend hochkarätiger Getränkebegleitung.

Damals hatte es „Klick!“ gemacht in Tonis ansonsten nicht besonders ansehnlicher Hirnwerkstatt. Und er hatte instinktiv begriffen, welchen Drall er seinem Leben nunmehr geben sollte. Er beschloss, in eine Branche zu wechseln, in der Essen und Trinken das Um und Auf bedeuten; nicht Klinkenputzen und potenziellen Kunden in den Hintern kriechen. Nein: Essen und Trinken. Genießen nach Herzenslust. Saufen bis zum Abwinken.

Brachte er dazu eigentlich irgendwelche Voraussetzungen mit? – Eher nicht. Beinahe bis zu seinem 18. Lebensjahr war er intensiver Nägelbeißer. Ja, die Onychophagie war in gewisser Hinsicht seine Passion. Was Mutter so kochte, tangierte Jung-Toni hingegen nur (wenn überhaupt) peripher. Viel sollte es sein. Fleischlich war ihm lieber als fischig. Und mit Saft. Oder kräftig paniert und frittiert.

Nun, so änderten sich eben die Zeiten.

 

Heute, über zwanzig Jahre und über zusätzlich sechzig Kilo später, ein schnaubendes Walross, schwitzend und übergewichtig, schweinsäugig über feisten Wangen hervorglotzend und Besitzer dreier imponierender Doppelkinne sowie einer Wampe, bei deren Anblick sich im Allgemeinen Ehrfurcht rasch in Ekel verwandelte, war Antoine eine Institution. Gourmetjournalist, Restaurantkritiker, Fachbuchautor; Fernseh-Talker; und insgesamt so korrupt wie drei EU-Angeordnete zusammen.

Ja, umsonst zu fressen und zu saufen, das war La Birques Metier. Für seine Berichte ließ er sich entsprechend – und mehrfach, nämlich von den jeweiligen Klienten aus der ach so gutgläubigen Kochgemeinde, von den Zeitungen und Magazinen, in deren Auftrag er fressend und saufend unterwegs war, und von der Lebensmittelindustrie – entlohnen. Und so watschelte er mehr, als dass er gegangen wäre, von Fresstempel zu Fresstempel. Ein rülpsendes und furzendes Ungeheuer, das schon etwas durchaus Außerirdisches an sich hatte. Ja, doch, Antoine La Birque erinnerte in gewisser Weise an die unappetitliche, einer Riesenpizza gleichende Figur „Pizzamampf“ in der „Star Wars“-Parodie des einfallsreichen US-Regisseurs Mel Brooks, „Spaceball“ von 1987. Er war, um es kurz zu sagen, zum Speiben.

Außerdem, durch präpotentes Auftreten und seine dummen Sprüche beinahe überall, wo es eine Küche und Gasträume gab, zum roten Tuch geworden, hatte er jede Menge an Feinden.

Kurz: Toni war wer.

Kein Wunder, dass ihm kaum jemand eine Träne nachweinte.

 

Indes – die Art und Weise, wie man ihn da in ein hoffentlich schöneres Jenseits befördert hatte, wies einiges an Brutalität auf; und zugleich auch ziemlichen Ideenreichtum. Kurz: Da musste sich ein grenzgenialer Mensch (oder waren es mehrere solche?) etwas ausgedacht haben. Einer, der unter anderem auch von der Küche und ihren Gebräuchen einiges verstand.

Es war bekannt, dass sich La Birque schon damals, in den frühen 1990ern, als erste zaghafte Versuche in die Richtung Molekularküche unternommen wurden, als leidenschaftlich polternder Gegner dieser recht speziellen, um geschmackliche Nuancen und aromatisches Raffinement bemühten kochtechnischen Experimente im Grenzbereich von Chemie und Geschmacksphysiologie zu erkennen gegeben hatte. Wo andere mit verwunderten Kinderaugen sowie mit voller Erstaunen aufgesperrten Nasenlöchern vor dem allgemeinen Brodeln, Rauchen, Dampfen und Zischen in Verzückung verfielen, lieferte der arrogante fette Fresssack seine vernichtenden Pauschalinterdikte und unflätigen Todesurteile mit der Abgebrühtheit eines Henkers ab. Ob aus näherer Kenntnis oder aus Kalkül – wer könnte das schon genau sagen. Vielleicht lebten auch noch Reste einer Erfahrungswelt in Toni, die geprägt war vom alten Sprichwort: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“? Denn in Wahrheit schlummerte in ihm all die Zeit viel von der Primitivität weiter, die ihn früher, in den Zeiten als Auto-Träuscher, ausgezeichnet hatte. Wahrscheinlich war es gar nicht weit her mit seinem Geschmack. (Wofür übrigens auch seine ziemlich scheußliche Garderobe und Kleiderzusammenstellung sprachen, besonders, was Hemden und Krawatten betraf …)

Also, in der Welt der Molekularküche, da machte er sich Gegner zusätzlich, die ihm lieber heute als morgen an die Wäsche wollten. Mächtige Gegner dazu, aus der Aroma-Sphäre, aus den Imperien dezenter Geschmacksverstärkung und diverser anderer Segnungen der allzeit wachen und umsatzgeilen Nahrungsmittelindustrie, deren in Marketingfragen sensiblen Repräsentanten er direkt oder indirekt ans Bein gepinkelt hatte.

 

Nun, Antoine war in seinem Landhaus hingerichtet worden, und zwar, richtig, in der geräumigen Küche, einem Saal von Ausmaßen, die sogar seiner Körperfülle allen Spielraum der Welt boten; wo modernste Gerätschaften aufgereiht und formiert standen wie zur großen Parade: Herde, Mixgarnituren, Eis- und Gefrierschränke sowie Geschirrspüler; und wo diverse computergesteuerte Apparaturen blinkten (wie ehedem die alten Chevrolets, Fords, Chryslers und Buicks); wo ein reiches Sortiment von Seihern, Schöpfern und Sieben, großen Löffeln und bestens geschliffenen Messern (vorzugsweise: japanischen) und andere (notwendige und wohl auch überflüssige) Accessoires förmlich nur mehr auf den jeden Moment einsetzenden Kochakt warteten; wo sich elegante Humidore, Weinablagen und Essigdepots, Wermut-, Sherry- sowie Portwein-Karaffen und Dekantiergefäße vorfanden und, in der Mitte unter der metallenen Abzugshaube situiert, eine riesige Arbeitsfläche zum Schneiden, Schnippeln, Hacken, Ausweiden, Tranchieren, Marinieren und Wasweißichnochalles einlud; dort also war er, nackt übrigens, an einen der hohen Stühle, die eleganten Barhockern ähnelten, gefesselt worden. Dann hatte man ihm einen Schlauch von einiger Dicke in das Arschloch eingeführt, durch den jede Menge Rauch in seinen Körper gepumpt wurde.

Noch Stunden nach dem von den Gerichtsmedizinern und Forensikern angenommenen Todeszeitpunkt glich La Birque einem glosenden Kohlenmeiler oder einer umgestürzten Selchkammer. Erst als sich die Nebelschwaden einigermaßen verzogen hatten, konnten die Einsatzkräfte ansatzweise sondieren, was hier überhaupt geschehen war.

Gleichzeitig zur Rektalattacke ließ der Mörder Antoines – waren es am Ende mehrere? war es vielleicht eine Mörderin? – eine wahre Kanonade an Megaaromen und Intensivgerüchen in die Mundhöhle des Opfers einströmen. Die Großküche, der ansonsten so appetitliche Tatort, glich olfaktorisch noch Tage nach dem tödlichen Anschlag einer Opiumhöhle mit diversen Geruchseinsprengseln von Röstaromen und Parfums, herben, süßen und säuerlich-scharfen Kräuterextrakten und Würzexplosionen, die den Polizeibeamten und den Kolleginnen und Kollegen von der Spurensicherung noch Stunden und Tage nach dem gräulichen Verbrechen die Tränen in die Augen trieben und ihre Schleimhäute reizten.

 

2.

 Die Sache mit der strohblond gefärbten Renate hatte damals (in den 1970ern) immerhin über drei Jahre gedauert. Dabei sollte man wissen: So lange hielten es die wenigsten Frauen mit Anton Birkheimer aus – sieht man einmal ab von der brünetten Dagmar, mit der er als Zwanzigjähriger sogar etwas über ein halbes Dezennium verlobt gewesen war, und von der rotblonden Isolde, die vier Jahre seiner Dreißiger weiblich dominiert hatte. Im Allgemeinen waren seine Amouren, wie gesagt, nicht von allzu langer Dauer; weshalb er es mit der Zeit dann auch vorzog, dem ohnedies bequemeren und auch ökonomisch vorteilhafteren Usus des One-Nigh-Stands zu huldigen. Mit der Entscheidung, sich und sein weiteres Leben hauptsächlich (ja: eigentlich ausschließlich dem gepflegten Fraß und Trunk zu weihen und zu widmen, war außerdem eine sukzessive Abkehr vom anderen Geschlecht Hand in Hand gegangen. Die permanent in Kau- und Schluckaktion befindliche Tonne namens Antoine Le Birque hatte, vornehm ausgedrückt, allein schon aus gewissen körpertechnischen Gründen fast jeden Bezug zum Ewig-Weiblichen verloren. (Und, zugegeben, die Erinnerungen, die aus den Erfahrungen mit Renate, Dagmar, Isolde und Co. resultierten, waren auch kaum dazu angetan, ihn das Ausbleiben diesbezüglicher Reize als so besonders schmerzlich empfinden zu lassen …)

 

Renate wiederum hatte sich kurz nach Tonis damaligem Abgang ziemlich bald mit einem Bauschlosser namens Engelbert eingelassen und war prompt von diesem zwar muskulösen, doch mit vergleichsweise wenig Hirn ausgestatteten Sport- und Bier-Fan schwanger geworden. Die Ehe mit dem Bauheini hielt indes nicht allzu lang, und die alleinerziehende Mutter eines eher zurückhaltenden und stillen Buben mit Namen Felix befand sich erneut auf freier Wildbahn, wo ihrer die vergleichsweise seriösen Herren Simon, Harald und Albert schon zu harren schienen. Doch auch dem Zusammensein mit dem Programmierer Simon, kurz darauf dann dem recht stürmischen Techtelmechtel mit dem Feinmechaniker Harald und später dann der Kurzzeit-Liaison mit dem ein wenig speziellen Friseurgehilfen Albert waren summa summarum keine Chancen auf bleibendes Glück beschieden. (Felix, der meistenteils bei ihren Eltern aufwuchs und ihren Freiheitsdrang kaum je merkbar beeinträchtigte, schlug später, Jurist geworden, die Karriere eines mittleren Referenten im Amt der Landesregierung ein.)

Doch dann, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, Renate näherte sich immerhin der – zumindest ihr magisch erscheinenden – Marke Vierzig, lernte sie Erich kennen. Was dieser ihr so faszinierend erscheinende Mitvierziger wirklich beruflich tat, wurde nie so ganz klar ersichtlich; ein Umstand, der das Faszinosum der letztlich schicksalhaften Begegnung womöglich noch erheblich erhöhte; doch kam es ihr auch gar nicht darauf an, zu wissen, aus welchen (womöglich obskuren) Quellen das Geld des neuen Freundes stammen mochte. Mit Erich Mondschilf lief es einfach himmlisch. Nicht zuletzt, weil ihr Verehrer, der bald schon zu ihrem Lebensgefährten avancierte, so gut wie alles tat, was Renate von ihm haben wollte.

 

Warum sie Mondschilf allerdings so ohne weiteres zu dem Mord an ihrem früheren Partner, an Anton Birkheimer, alias Antoine Le Birque also, animieren konnte, steht mehr oder weniger in den Sternen … Sicher ist, dass Erich mit Vor- und Umsicht und der notwendigen technischen Einsicht zu Werke ging. Auch war es durchaus im Sinn der Erfinderin – ob sie nun aus späten Rachegefühlen, paranoider Grundhaltung oder einfach aus Zerstörungstrieb die grosso modo ruchlose Tat in Auftrag gab -, dass alles unentdeckt blieb. So stocherten die ermittelnden Behörden, Polizei wie Gerichtsmedizin, denn auch in einem Terrain, das dem berühmten Heuhaufen glich; ohne freilich den geringsten Anhaltspunkt einer Nadel zu haben; geschweige denn, dass ein Motiv für diesen gräulichen, wenngleich handwerklich ordentlich ausgeführten Mord zu eruieren gewesen wäre. (Denn Theorien in Richtung Kollegenneid, allgemeine Missgunst oder einfach Hass aus Frustration hielten der näheren psychologischen Überprüfung nicht stand. Auch das Umfeld des Opfers gab, trotz aller zahlenmäßigen Umfänglichkeit und erstaunlicher Buntheit in soziologischer Hinsicht, diesbezüglich kaum etwas her. Zudem wurde nicht jedes Arschloch umgebracht, bloß weil es ein solches war …)

 

Erich Mondschilf, hier sei es verraten, der in der nebulösen und kaum so ganz fassbaren Branche der Konsulenten und speziellen Berater tätig war, verstand es in gewohnt perfekter Weise, seine Spuren (und die seiner Anstifterin und Komplizin) zu verwischen. Und auch seine – ebenfalls diffusen – Verbindungen hin zur globalen Lebensmittelindustrie und zur nicht minder international verzweigten Welt der Aromenhersteller blieben selbstredend unerkannt. Dass für den immerhin mit einigem Aufwand operierenden Verbrecher eine schöne Stange Geld bei der gleich ekel- wie aufsehenerregenden finalen Beseitigung des verhassten Gourmetkritikers und gesellschaftlichen Dreckschweins Antoine Le Birque heraussprang, darf als sicher angesehen werden. Zumindest reichte es, zusammen mit den aus früheren ähnlichen Aktionen stammenden nicht unerheblichen Finanzreserven, für eine wunderschöne Zukunft auf den Bahamas, wo das unsaubere Pärchen in Nassau seine feudalen Zelte aufschlug.

 

Das Ehepaar Renate und Erich Mondschilf machte alsbald auch die Bekanntschaft von zwei steinreichen, ein wenig schrillen Witwen, nämlich der blonden Helga Salbader-Berger (vormals: Mehrwald-Berger) und der schwarzhaarigen Anneliese Mehrwald-Dunkler (früher: Salbader-Dunkler). Die beiden unternehmungslustigen Damen aus Österreich – sie hatten vor einigen Jahren ihre Ehemänner, die reichlich spleenigen Promi-Juristen Heinz Mehrwald und Richard Salbader, getauscht und konnten dieser nicht unoriginellen Geschichte immer noch einiges an Unterhaltungswert abgewinnen – luden die Mondschilfs eines schönen Tages zu einem Ausflug in einem kleinen Sportflugzeug ein, doch da Renate unter unsagbarer Migräne litt, kam Erich allein der freundlichen Aufforderung zu dieser Spritztour nach, die durchaus amüsant zu werden versprach. Immerhin konnte er damit rechnen, einige Details über die Anschläge mit tödlichem Ausgang zu erfahren, denen die beiden Rechtsverdreher zum Opfer gefallen waren und die damals einigen Staub aufgewirbelt hatten …

Da Erich indes im Zuge des besagten Ausflugs – gemeinsam übrigens mit den beiden Advokaten-Witwen und dem Piloten – beim Absturz des Fliegers, dem eine Explosion vorausgegangen war, ums Leben kam, wurde schließlich Renate zur alleinigen (und, zugegeben: einsamen) Nutznießerin des nicht unbeträchtlichen Reichtums.

 

 

E N D E

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