Petrus Simonowitsch

und die

Katzenmörderin

Eine Erzählung von

Martin Czerwinka

© by Martin Czerwinka, 2016.

 

 

Als Petrus

Simonowitsch über die hölzerne Hintertür, von der der lindgrüne Lack leicht abblätterte, den Innenhof des Wohnhauses betrat, kamen sie wieder, jene missliebigen Stimmen, die sich gierig vom dritten Stock wie bluthungrige Wortmoskitos auf ihn herabzustürzen, um aus ihm die letzten Tropfen Anstand und Geduld herauszusaugen. Angewidert von den Streitigkeiten des Ehepaars Zeil, überlegte er kurz, umzudrehen und zurück in seine Wohnung zu gehen. Nur der dringliche Wunsch, sein Vorhaben zu Ende zu bringen, ließ ihn davon Abstand nehmen. Er kannte jene lichtscheuen Dialoge beinahe auswendig und wusste, in welche Phase des Streits er geraten war. Sie würde gleich rufen: „Hör auf zu drohen und verschwinde endlich!“. Er dann: „Das werde ich!“ Wieder sie: „Versprich nicht zu viel!“ Daraufhin er, in Rage: „Weißt du, was du bist?“ Sie provozierend: „ Ist dir etwas Neues eingefallen?“ Das war der Faustschlag, mit dem sie ihn zu Boden streckte. Innerhalb der nächsten Minute würde das Fenster zugeworfen und der Streit dorthin verlagert werden, wohin er auch gehörte. Er wartete auf jenen Moment, und ging dann langsamen Schrittes zur Mauer.

 

Über Petrus

Simonowitsch wussten die Leute in der Frank-Hillebrand-Straße wenig zu berichten. Was irgendwie verwundert. Wäre doch seine Kauzigkeit eine Quelle der Inspiration gewesen. Als Hochschulprofessor verfügte Petrus Simonowitsch mit seiner Liebe zu hellbraunen Trenchcoats über ein universitäres Erkennungsmerkmal. Weder Hitze noch Kälte, und schon gar nicht akademische Expertisen, wonach das Tragen von Mänteln im Sommer unpassend wäre, konnten ihn dazu bewegen, auf diese zu verzichten. Über drei Jahrzehnte schlenderte er so angezogen über die langen Gänge des Geologischen Instituts. Zu jener Zeit fand am Campus bei Studenten, die dem regelmäßigen Wechsel ihrer Bekleidung nichts abgewinnen konnten, der Stehsatz, einen Kleiderschrank wie Petrus Simonowitsch zu besitzen, häufig Anwendung. Man rätselte, wie viele gleicher Mäntel er wohl zu Hause hätte. Wie Zinnsoldaten würden sie sich aneinander reihen. Mit einem Schrank fände er mit Sicherheit nicht das Auslangen.

 

Nach der Pensionierung

hielt er weder der Universität noch ehemaligen Kollegen, die wenig Verständnis für sein praktisches Kleidungsstück aufgebracht hatten, die Treue, sondern ausschließlich den viel gescholtenen Mänteln, da sie ihm, wie er genussvoll zu erklären bereit war, in allen entscheidenden Lebensabschnitten, neben seiner Frau, stets am nächsten waren. Gerade sie wären es, und das machte sie für ihn noch wertvoller, die ihn, nun im Alter, der Verlockung widerstehen ließen, seine Vergangenheit zu verklären. Da nichts an ihr war, was verklärt werden sollte.

 

Während Petrus

Simonowitsch langsamen Schrittes über den kurz gemähten Rasen zur Mauer ging, stellte er in alter Gewohnheit den bereits seit Wochen gräulich-grün verschmutzten Kragen seines Mantels hoch.

 

Wie ein Skalpell

hatte die Mauer das schönste Stück des geräumigen Innenhofes, jenes mit dem großen, ausladenden Kastanienbaum, für einen Gastgarten herausgeschnitten. Als sollten Zechpreller an der Flucht gehindert werden. Die Längsseite maß an die dreißig Meter, die Breitseite ungefähr die Hälfte. Der verbleibende Teil der Abgrenzung wurde von zwei Häuserblöcken gebildet, von denen einer das Wirtshaus beherbergte. Der Gastgarten schmiegte sich, als ob ihn das alles nichts anginge, in jenes Eck des Innenhofes. Durch die zwei meistens gekippten Küchenfenster, die sich neben dem Torbogen befanden, der Wirtsstube und Garten verband, strömten zur Mittagszeit je nach Tagesmenü Schwaden von Küchendüften ins Freie. Freitags roch es seit Jahrzehnten nach gerösteter Leber, donnerstags nach faschierten Laibchen.

Petrus Simonowitsch

blieb auf der anderen Seite der Mauer vor jener stehen und blickte auf den nahen Kellerschacht, von dem das Metallgitter entfernt und an die Hausfassade gelehnt worden war. Er schüttelte verständnislos den Kopf, da der Schacht nicht gesichert war. Aufgebracht drehte er sich dann der Wand zu, und blickte aus den Augenwinkeln heraus auf die im Sonnenlicht glitzernde Längsseite der Mauer.

 

Es schien ihn nicht

zu stören, dass die obersten zwei Knöpfe seines Mantels seit Monaten fehlten. Er hatte sie, als die Fäden lange geworden waren, und die Knöpfe umherzubaumeln begonnen hatten, ausgerissen. Ein blaues Flanellhemd schob sich durch jene Lücke. Seine an den Fersen abgetretenen ledernen Halbschuhe waren geputzt und frisch poliert. Manche Stellen glänzten wie Lack in der warmen Maisonne. Die dunkelgrüne, zu lange Stoffhose hatte er an den Knöcheln schlampig aufgekrempelt, sodass sie beim Gehen am Boden streifte.

 

Vor ihm ragte die im

Februar desselben Jahres errichtete und in unterschiedlichen Grautönen verputzte Ziegelmauer drei Meter in die Höhe. Andächtig stand er davor, als wäre sie die Klagemauer und Graz nicht Graz, sondern Jerusalem. Plötzlich hob er seine Arne und begann mit seinen Händen an ihr ruckartig kleine, kreisende Bewegungen auszuführen. Nach wenigen Minuten wurden diese langsamer und rhythmisch. Aufmerksam betrachtete er die feinen, glitzernden Körner des Quarzes. Je länger er diese Tätigkeit ausführte, desto ruhiger wurde er.

„Der offene Schacht ist gefährlich!“, murmelte er. „Die armen Katzen!“

 

Jeremias Zeil war

nach dem Streit, der ebenso schnell, wie er gekommen auch gegangen war, zum Fenster geeilt und hatte es wieder zur Gänze geöffnet. Interessiert blickte er auf die aufgebrannte Glatze am Scheitel des Mitte-Siebzigers. Dessen Haar, kurz geschnitten und schlohweiß, lief von einer Seite der Schläfe über den Hinterkopf zur anderen.

„Der Simonowitsch steht wieder vor der Mauer. Es wird elf Uhr sein“, stellte er fest. Seine beleibte Frau, die hinter seinem Rücken am Boden kniete und die gedrechselten Beine des alten Biedermeiertisches abstaubte, hörte jene Worte, drehte ihren Kopf zur Seite, blickte zur Wanduhr und nickte.

 

Katharina Zeil war

eine attraktive Frau. Zwar mit einem kräftigen, nach vorne geschobenen Kinn, das ihren Hang zum Starrsinn andeutete, aber auch mit schönen, braunen Augen, welche diese Eigenschaft als Korrektur der Natur nach Belieben hinter einer Illusion verschwinden lassen konnten.

„Ich würde allzu gerne wissen, was er dort macht. Kommt täglich, zur selben Stunde, immer im selben Gewand. Nur um da zu stehen und mit den Armen herumzurudern. Vielleicht ist er Jude oder geistesgestört.“

Seine Frau griff zur Tischplatte, quälte sich hoch und trat zu ihm ans Fenster.

„Aber die Nazis waren die Katastrophe! Wann hinterfragst du endlich einmal kritisch?“

Sie machte eine kurze Sprechpause und versuchte an ihrem Mann vorbei in den Hof zu schauen.

 

„Auch jene Zeit hatte ihre guten Seiten. Niemand gab mir sonst eine Chance. Nicht die Schwarzen und nicht deine Roten. Petrus Simonowitsch ist kein Jude. Er hat ein anderes Problem. Bei ihm ist eine Schraube locker. Denkst du ab und zu noch an seine Frau? Das war ein Traumpaar! Diese Wahnsinnige hat das ganze Haus verrückt gemacht. Sie glaubte allen Ernstes, die Katzen würden verhungern, wenn gerade sie sie nicht füttere. Dieses nächtliche Gejammer! Die angepissten Blumentöpfe! Keine einzige meiner Pflanzen überlebte! Zwölf Jahre ist sie schon tot. Waren das zwei Irre! Zum Glück ist nur noch er übrig.“ Sie wandte sich ab und ging in ihrem leichten Entengang Richtung Küche.

„Dabei war er früher recht normal. Hat sich erst nach ihrem Tod so verändert“, ergänzte Jeremias Zeil.

Katharina Zeil blieb stehen und drehte sich um.

Ihm hat seine Frau allerdings etwas bedeutet. Wenn ich sterbe, wird das hier, in dieser Wohnung, niemand mitbekommen. Petrus Simonowitsch ist bei euch Männern eine Ausnahme. Der ist aus Kummer wegen des Todes seine Frau irre geworden!“

„Aber Kathi!“ kam es zäh über Jeremias Zeils Lippen. Er verabscheute jene Gefühlswallungen, die wie Schmelzwasser in regelmäßigen Abständen seine Täler fluteten.

„Hör auf, damit! Du liebst mich nicht. Früher hast du mich ganz anders angesehen. Du hast dich verändert. Deine Augen sprechen Bände. Bist oberflächlich und gefühllos geworden. Wann hast du das letzte Mal gesagt, du liebst mich? Vor zwanzig oder dreißig Jahren? Du stehst am Fenster und starrst den ganzen Tag in den Innenhof. Um mich kümmerst du dich nicht. Was heißt: um mich? Du beschäftigst dich nicht einmal mit dir selbst! Vielleicht sollte ich mir einen Liebhaber suchen!“

Jeremias Zeil blickte machtlos in den Vorwurf seiner betagten Frau und schwieg.

 

Er hatte sich sein

Leben in der Pension anders vorgestellt. Er, der sich so sehr auf jene neue Freiheit, fern jeglicher beruflicher Verpflichtungen, gefreut hatte, fühlte sich nicht in den Ruhestand, sondern in einen Käfig versetzt. Er hatte schleichend, über Jahrzehnte in der Berufswelt, verlernt, sich mit sich auseinanderzusetzen. Und seine Frau ergötzte sich dabei, ihm diesen Umstand täglich unter die Nase zu halten. Sie fummelte mit ihren Analysen wie mit einem Staubwedel vor ihm herum. Ihren Anteil an der Misere entdeckte sie nicht. Ein Umstand, der ihn auf die Palme brachte. War doch der Käfig, neben der Langeweile und der Eintönigkeit seines neuen Lebensabschnittes ausschließlich ihr Konstrukt. Sie gab vor, was zu tun war. Schaffte an. Wollte stets die erste Geige spielen. Jene nicht einmal goldenen Gitterstäbe erstickten jeden Willen, sich zu ändern. Stundenlang grübelte er, wie aus diesem Gefängnis zu entkommen wäre. Voller Leidenschaft arbeitete er an ausgeklügelten Fluchtplänen. An die klammerte er sich, da eine Flucht in der Realität nicht möglich schien. Sie stützten und ließen ihn sein Leben ertragen. Alle noch so misslichen Umstände bekamen bei jenen Gedanken sofort eine positive Ausrichtung.

 

Er kannte jede einzelne

jener Silben, die seine Frau so gerne hören wollte. Sie verfolgten ihn. Über Jahre hatte er sie bei Aufforderung wiedergegeben. Anfangs aus innerer Überzeugung, nach ein paar Jahren noch als brauchbarer Schauspieler und schließlich als versklavter Papagei. Und nun, nach über fünfunddreißig Ehejahren, blieben sie ihm im Hals stecken. Er sah zu seiner Frau, die in bedrohlicher Erwartungshaltung vor ihm stand, spürte jenen beklemmenden Druck im Brustbereich und den riesigen Unwillen, ihr auf Kommando etwas Liebevolles sagen zu wollen.

 

Zeitgleich, wie

Soldaten beim Exerzierdienst, drehten sie sich um. Schlugen scharf die Haken. Sie mit angewidertem Kopfschütteln, er mit der ängstlich aggressiven Miene eines misshandelten Hundes. Das Fenster zum Innenhof war zu seinem Vorhof der Freiheit geworden. Er beobachtete Petrus Simonowitsch, wie jener vor der Mauer stand und, nur Gott wusste was, mit seinen Händen tat. Konzentriert betrachte er den Alten, und fühlte wie seine Gedanken langsam wegglitten. Plötzlich sah er Elefanten, die jahrzehntelang angekettet, nun in Freiheit, weiterhin die gleichen Verrenkungen durchführten. Nicht anders konnten. Sie gingen einen Schritt nach vorn und einen Schritt zurück, nach vor und zurück. Dabei wiegten sie ihre Köpfe, als befänden sich noch schwere Eisenketten um die Hälse. War Petrus Simonowitsch ein hospitalisierter Elefant?

 

Jener wusste, dass er seit

Monaten von Jeremias Zeil beobachtet wurde. Er nahm sogar an, dass seine Tätigkeit weitere Pensionisten des Hauses auf den Plan gerufen hatte.

 

                                                            Besuchte er die Mauer anfangs

unregelmäßig ein zwei Mal pro Woche, so wandelten sich seine Besuche zu einem täglichen Ritual. Zum Leidwesen von Jeremias Zeil, der im Ausspionieren von Petrus Simonowitsch den spannendsten Teil des Tages gesehen hatte. Die Betrachtung seines undurchschaubaren Tuns erfüllte ihn zwar mit Interesse, aber das stundenlange Ausharren und die spannende Frage, ob und wann Petrus Simonowitsch wieder erscheinen würde, hatten ihn gefesselt. Er hatte sich wie ein Jäger auf dem Hochstand gefühlt. Die Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit mit der Petrus Simonowitsch seine Besuche nun zu versehen begann, degradierte Jeremias Zeil zum Sonntagsjäger in einem Dammwildgehege. Doch er zeigte sich flexibel, passte sich an. Stellte fest, dass die Besuche zwar monoton regelmäßig, aber die Dauer derselben wechselhafter geworden war. Und dass der Verbleib an der Mauer in keinem, wie anfangs vermutet, direkten Zusammenhang mit der Witterung stand. Früher, als kleiner Angestellter, hatte er mit Statistiken gearbeitet und einen Sinn für sie entwickelt. Er versuchte nun in einem Anflug von Leidenschaft in Erfahrung zu bringen, was den Alten bewog, plötzlich sein Tun zu beenden und ohne erkennbaren Grund den Innenhof zu verlassen.

 

                                                            Jeremias Zeil lebte gerne nach

Prinzipien. So wie er den Kellnern bei den seltenen Besuchen in den Wirtsstuben der Umgebung nie Trinkgeld überließ, da dies zu leicht verdientes Geld wäre, gab er die Hoffnung, seinem Gefängnis einmal zu entkommen, auch nicht auf. Die vielen Fäden, welche ein Netz von Abhängigkeiten geflochten hatten, könnten durchschnitten werden.

 

Er blickte vom

Fenster aus auf die Glatze des Petrus Simonowitsch und zeigte sich amüsiert, weil jener bei solch einer aggressiven Sonne keinen Hut trug. Aber gerade das liebte er an ihm. Jener passte sich nicht an. Blieb sich und seinen Eigenheiten treu. Er scherte sich keinen Deut, was rings um ihn passierte. Auch wenn er dafür Brandblasen am Kopf bekommen sollte. Jeremias Zeil sah in sich das genaue Gegenteil. Er stimmte sein Verhalten widerwillig auf die Wünsche seiner Frau ab und stieg dafür konsequent in deren Verachtung. Falls er sich jedoch nicht demütig durch die Gassen ihrer Launen schlängeln würde, dann gnade ihm Gott! Er würde jenen Krieg der Gehässigkeiten, falls überhaupt, nur als charakterlich gebrochener Obdachloser überleben! Aber halt! Jeremias Zeil hob stolz seinen Kopf. Jene Ängste waren nur augenscheinlich Ängste. In Wirklichkeit waren sie das Täuschungsmanöver, die listenreiche Vorhut eines stattlichen Heeres!

 

Eines großen Trosses,

der unbemerkt folgte, und die schwer bewaffneten Streitscharen wohl geordnet aufgestellt hatte. Würden diese zum Angriff schreiten, wäre die Niederlage seiner Frau in allen Bereichen besiegelt. Sie hätte nicht einmal in Ansätzen Aussicht auf Erfolg. Nur selten blitzte das unterdrückte Gehabe der Überlegenheit durch Ritzen seines angepassten Verhaltens. In solchen Momenten glaubte er, in ihren Augen Angst zu erkennen. Diese Bruchteile von Sekunden erfüllten ihn mit großer Genugtuung.

Gebannt beobachtete er

die Bewegungen des Petrus Simonowitsch. Wie jener nach Wochen endlich ein paar Schritte nach rechts setzte, wodurch sich der Blickwinkel verschob und bisher nicht einsehbare Bereiche offenbarte. Plötzlich waren die Armbewegungen von Petrus Simonowitsch nicht mehr durch dessen breite Schultern verdeckt. Wurden immer genauer erkennbar. Jeremias Zeil stand kurz davor, das Geheimnis zu entschlüsseln. Ein Ereignis, welches sich wie eine Sonnenfinsternis ankündigt hatte. Einmal hatte er eine solche erlebt. Damals bei den Hellbrunner Teichen. Als er seiner Frau die Sonnenbrillen weggenommen hatte. Sie musste jenes Ereignis mit geschlossenen Augen mitverfolgen. Aber was sollte er tun? Sie hatte vergessen, seine Brillen einzupacken. Deshalb war ihr Protest, wie ein Schuldbekenntnis, sehr gedämpft.

 

                                                            Angestrengt, weit aus dem

Fenster gebeugt, versuchte nun Jeremias Zeil dem Geschehen näher zu sein, um endlich zu entschlüsseln, was Petrus Simonowitsch mit den kreisenden Bewegungen seiner Hände bezweckte. Die anfängliche Freude steigerte sich zu einer Ekstase und ließ ihn alles um sich vergessen.

 

                                                            Seine Frau und die Wohnung,

welche seit jeher auf ihren Namen lief. Der seinerzeitige Mietvertrag. Er, der großzügige Gutmensch, war von ihr gekonnt in eine Falle gelockt worden. Sie hatte unter Tränen auf die existenzielle Gefährdung ihres Lebens verwiesen, falls sie nicht alleine im Mietvertrag stünde. Ungläubig wischte sie seine Beteuerungen vom Tisch, dass, würde auch er im Mietvertrag aufscheinen, weder ihm Vorteile, noch ihr Nachteil daraus erwachsen täten. Unter großem Seelenschmerz ließ sie ihn wissen, dass er dies nur leichtfertig dahin sage, wie alle Männer. Und im Augenblick der Entscheidung auf seine Versprechungen mit Sicherheit vergessen würde. Man bräuchte sich nur die Zeitschriften anzusehen. Dort würden ihre Befürchtungen bestätigt werden. Nach ein paar Jahren begännen sich die Männer in den Beziehungen zu langweilen und würden sich dann eine neue, viel jüngere Frau suchen. Diese würde dann gleich schwanger werden, denn die Männer wären viel zu dumm, um die Arglist jener Frauen zu durchschauen, die dann natürlich eine geräumigere Wohnung bräuchten, meistens jene, in der die alte Frau bisher wohnte. Das Kind sollte doch in einigermaßen sichere Umgebung großgezogen werden. Und die ausgediente Ehefrau könne dann das Weite suchen. Jeremias Zeils Einwände, nicht ein solch schlechter Ehemann zu sein, prallten an ihr ab wie an einem Felsen. Ihre Angst, vor dem Nichts zu stehen, ließ sie unerbittlich werden. Würde er darauf bestehen, auch im Mietvertrag aufscheinen zu müssen, wäre dies das Ende der Beziehung.

Andere Männer hätten bei solchen Bedingungen das Handtuch geworfen. Nicht Jeremias Zeil! Das war der richtige Griff. So wollte er gehalten werden. Er, der Dompteur, liebte die Gefahr. Spielte mit ihr. Denn sein Fluchttor, im Falle des Falles sich ohnedies eine andere Wohnung suchen zu können, stand weit offen. Großzügig ließ er ihr deshalb im Mietvertrag den Vortritt. Eine Entscheidung, die es wahrlich in sich hatte. Unzählige Male hatte sie danach gedroht, ihn hinauszuwerfen, falls er nicht das täte, was sie von ihm verlangte. Und er strafte sie mit Ignoranz. Unweigerlich sah er sich wieder als Kind in seinem Elternhaus. Dort hatte er nichts anderes gelernt, als zu entsprechen. Aber das war Vergangenheit. Mittlerweile war er stark geworden. Konnte alle Raubtiere der Welt bereits nach ein paar Jahren zähmen.

 

Nach dem

Abschluss des Mietsvertrages sollte nun die Wohnung eingerichtet werden. Katharina Zeil hatte in jungen Jahren die Schule abbrechen hatte müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Sie wollte ihr Dasein nicht in einem vergleichbaren Loch, in dem sie aufgewachsen war, fristen, sondern in Räumlichkeiten, die in Ansätzen einen gewissen Standard vermuten ließen. Wie konnte Jeremias Zeil ihren Tränen, welche die Kraft von Stromschnellen angenommen hatten, widerstehen?

 

So befanden sich

in ihrer Wohnung bald eine Küche, die jeden Vergleich mit der Gastronomie aufnehmen konnte, ein Wohnzimmer, das einem Salon aus dem achtzehnten Jahrhundert glich und ein Schlafzimmer, welches unbedingt von einem stadtbekannten Tischler unter viel Aufwand und Kosten angefertigt hatte werden müssen. All jene Anschaffungen wären aus der Portokasse eines kleinen Staatsdieners nie zu bewerkstelligen gewesen. Nur ein langfristig angesetzter Kredit machte diese Investition möglich. Hohe Raten banden ihn ab nun an Frau, Bank und Wohnung. Und jetzt, in der Pension, konnte er sich finanziell kaum noch bewegen. An Ausziehen und Anmietung einer neuen, kleineren Wohnung war nicht mehr zu denken. Die Pensionierung hatte ihm das Fluchttor versperrt. Aber er, der Dompteur aus Leib und Seele, genoss selbst vor seinem Untergang, wie sein Raubtier fauchte und die Zähne fletschte. Ein richtiger Vertreter seiner Zunft strapazierte gerade jetzt den seidenen Faden der Existenz. War für Sekunden die Essenz des Lebens näher, als je zuvor. In solchen überwältigenden Momenten fühlte Jeremias Zeil jedoch die geballte Kraft seiner Machtlosigkeit. Er musste bei dem Gedanken, dass eine Frau über ihn verfügen und ihn jederzeit aus der Wohnung jagen konnte, regelmäßig zum Fenster eilen, es aufreißen, und die frische Luft der Freiheit tief einatmen.

 

Das sollte sein

Lebensabend sein? Er wollte geliebt werden und lieben! Aber wen? Es gab keine Kinder. Er hatte sich nie für solche erwärmt. Aber nun hätte er sich mit dem Gedanken, ein gemütlicher Großvater zu sein, der es genießen würde, mit seinen Enkelkindern zu spielen, durchaus anfreunden können.

 

                                                Wie ein Segen wirkte da der Anblick

von Petrus Simonowitsch. Dieser hatte es um einiges besser. Dem war die Frau vor Jahren weggestorben. Dem würde niemand täglich das Messer an die Gurgel setzen und zu Handlungen zwingen, die er nicht mochte, wie staubzusaugen, Geschirr abzuwaschen oder den Müll zu den Container in den Innenhof zu tragen. Wie oft musste er sogar Zeitungen und Klopapier, das regelmäßig ausging, seiner Frau in die Toilette nachbringen. Er war ihr Haussklave geworden. Von Tag zu Tag wurde er dünner und sie, ihrer Gewichtigkeit entsprechend, dicker. Er spürte, wie sich das Kräfteverhältnis zwischen Dompteur und Raubtier auch in jenem Bereich verschoben hatte. Würde es zu einem körperlichen Kampf kommen, der Sieg wäre ihm nicht mehr sicher.

 

                                                            Ungeduldig beobachtete er

Petrus Simonowitsch. Von seinem Körper nicht mehr gedeckt schien jener mit den Fingernägeln am Verputz zu kratzen. Die Situation wirkte so seltsam, dass er sich nicht sicher war, ob er das, was er sah, sich nicht einbildete. Petrus Simonowitsch schien nicht nur am Verputz zu schaben, sondern auch jene losgelösten Teilchen aufzufangen.

„Der versucht glatt mit den Fingernägeln die Wand abzutragen!“, rief er erstaunt in Richtung Küche.

„Was tut er?“ Ihre Stimme kam näher. In solchen Momenten verstanden sie sich. Viel besser als zu anderen Zeiten, in denen nichts ihre gemeinsame Aufmerksamkeit gewinnen konnte.

„Der steckt die Mauerbrösel in die Manteltaschen! Er wird die nächsten tausend Jahre hier noch kratzen. Mein Gott, uns stört die Mauer doch auch.“

„Du solltest ihm das sagen. Vielleicht erhöht er sein Tempo und macht auf durch geknallten Roboter“, meinte sie und führte schnelle, abrupte, eckige Verrenkungen aus. Dann, außer Atem, legte sie ihren Arm um die Schultern ihres Mannes. Kopf an Kopf standen sie nebeneinander und blickten lächelnd in den schönen, einst großzügig geplanten Innenhof.

 

Nur die

Wenigsten vermuteten, wenn sie von der stark befahrenen Frank Hillebrandstraße auf den Häuserblock blickten, ein derartiges Kleinod hinter den verrußten Hausfassaden. Kaum einer von den zahlreichen Mietern verstand, warum dem Gastwirt Stefan Kulterer erlaubt worden war, seinen Gastgarten mit einer drei Meter hohen Mauer einzurahmen. Sie vermuteten, dass politische Kontakte, wahrscheinlich zu später Stunde in der Wirtsstube nach etliche Flaschen kostenlosen Weins geknüpft, dies möglich werden haben lassen. Sie erkannten folgerichtig auch die Machtlosigkeit, dagegen anzukämpfen und nahmen es so gut es ging hin.

„Sag dem Simonowitsch auch, er soll Hammer und Meißel verwenden. Du weißt, wie die Studierten sind. Haben alle zwei linke Hände.“ Sie stockte, zog sich vom Fenster zurück und meinte plötzlich abfällig: „So wie du. Aber du hast ja nicht studiert. Hattest die Möglichkeit, aber tatest es nicht. Und ich muss mich jetzt mit einem gelangweilten Mann und seiner kleinen Pension abkämpfen. Decke den Tisch! In einer halben Stunde essen wir.“

Sie schritt in die Küche und er blickte weiter in den Hof.

 

                                                In solch raren Momente fühlte er sich

trotz des beschwerlichen Lebens als Dompteur glücklich. Waren sie doch die besten in ihrem Zusammenleben. Sich über andere lustig zu machen, einte mehr als jede Eheberatung. Er wusste dies und seine Frau wusste dies. Als Jeremias Zeil auf die Glatze des Professors blickte, spürte er den Schalk in sich erwachen. Jener Augenblick war mit all seiner Frische zu einem Symbol des Friedens geworden.

 

In einem Anflug

von Heiterkeit stellte er sich vor, wie eine Krähe über Petrus Simonowitsch fliegen, und genau auf dessen Glatze ein großer Patzen fallen lassen würde. Wie es klatschen und Petrus Simonowitsch erstaunt aus seiner Trance gerissen werden würde. Das Bild, wie Petrus Simonowitsch sich verdutzt den Vogelkot von der rot angelaufenen Glatze wischt, löste bei ihm einen Lachanfall aus. Um das Objekt der Beobachtung nicht auf sich aufmerksam zu machen, wurde das Fenster schnell geschlossen und dahinter laut weiter gelacht. Als seine Frau nach dem Grund jener seltenen Emotion fragte, und er ihn ihr mitteilte, und dabei sich vor Lachen bog, konnte sie nicht anders, als ebenso mitzulachen. Tränen liefen über ihre Wangen.

 

                                                                        Als Jeremias Zeil sich

wieder dem Innenhof zuwandte und das Fenster öffnete, war Petrus Simonowitsch verschwunden.

„Jetzt ist er gegangen“, meinte er enttäuscht.

„Macht nichts!“, erwiderte seine Frau, „der kommt wieder. Morgen, um dieselbe Zeit.“

Während Jeremias Zeil Besteck, Geschirr und Servietten in gewohnter Weise arrangierte, ließ ihn der Gedanke an Petrus Simonowitsch nicht los. Als seine Frau ihn fragte, warum er seine Stirn in selten tiefe Falten lege und er dies mit seiner Suche nach dem Grund jener rätselhaften Betätigung erklärte, meinte sie herablassend:

„Der schärft sich die Krallen. Glaubt, als Katze wiedergeboren zu werden.“

Nach dem Essen legte sich Jeremias Zeil, nachdem er den Fernseher eingeschaltet hatte, auf die Couch und schlief bald ein. Als er unsanft nach einer halben Stunde von seiner Frau aus dem Schlaf gerissen wurde, die nun spazieren gehen wollte, waren die Gedanken an Petrus Simonowitsch wieder da. Sie umkreisten ihn. Tanzten mit ihm. Bauten um ihn ein Gefühl des Wohlbehagens. Derart unsympathisch wie seiner Frau war Petrus Simonowitsch ihm nicht. Er fand ihn zwar sonderbar, aber nicht unsympathisch. Das tat nur sie. Dies hatte jedoch keine Relevanz, da sie auch ihn für unausstehlich hielt. Und er war mit ihr verheiratet.

 

                                                            Während des ganzen

Spazierganges, der sie durch den nahe gelegenen Stadtpark und zurück führte, achtete er nicht wie sonst auf die zahlreichen Blumen, sondern dachte fortwährend an Petrus Simonowitsch und dessen eigentümliches Kratzen. Da sie sonst bei ihren Spaziergängen durch den Stadtpark kaum sprachen, fiel seiner Frau seine Versunkenheit nicht auf.

 

                                                            Jeremias Zeil hatte seit jeher

Petrus Simonowitsch als ernst zu nehmende Person geschätzt, ohne es seiner Frau anmerken zu lassen. Sie hätte dies als Verrat geahndet. Nicht mit dem Entzug körperlicher Zuneigung. Diese brachte sie schon lange nicht mehr ein. Sondern mit boshafter Nörgelei.

 

Der Respekt, dem das Ehepaar

Simonowitsch sich entgegengebracht hatte, erfüllte ihn mit Niedergeschlagenheit, und Katharina Zeil mit Aggression. Einer Aggression, die er sich nicht erklären konnte, da er ihr doch alle Trümpfe in die Hände gelegt hatte. Aber entsprach es nicht dem Wesen eines Raubtieres, sich als solches zu gebärden? Wild, ungestüm und fordernd? Gebe es kein Raubtier, welche Rolle bliebe dann dem Dompteur?

 

Der damals noch gar nicht

alte Mann, der auch noch nicht Professor war, lehrte als Dozent an der nahe gelegenen Universität. Jeremias Zeil sah des Öfteren, wie Petrus Simonowitsch seiner Frau galant die Autotüre öffnete, um jene nach ihrem Einsteigen wieder mit Gefühl zu schließen. Auch die vor den Wochenenden prall gefüllten Einkaufstaschen trug selbstverständlich er ihr in die Wohnung. Sie ging im Stiegenhaus voran und er keuchte nach. Manchmal traf man einander. Petrus Simonowitsch war ihm gegenüber fast gleich zuvorkommend wie seiner Frau, was ihn unweigerlich verdächtig machte, da Menschen, die sich nach außen überhöflich zeigen, es innerhalb ihrer vier Wände mit Sicherheit nicht sind. Vielleicht schlug er seine Frau. Die Hälfte des Einkaufes machten meistens Futterdosen aus. Jedes Mal, wenn Katharina Zeil Petrus Simonowitsch Katzenfutter das Stiegenhaus hinaufschleppen sah, rastete sie aus.

„Soll die alte Hexe doch endlich krepieren!“, zischte sie. „Und mit ihr das ganze Katzengesindel!“

 

Eigentlich stand die Familie Simonowitsch seit ihrem Einzug in jenes alte Mietshaus im Brennpunkt der Aufmerksamkeit der Familie Zeil. Obwohl Katharina Zeil anfangs versucht hatte, die Katzen mit schwarzem Pfeffer zu vertreiben, den sie in die Nähe der zahlreichen Futterschüsseln streute, was nicht im Geringsten gelang, da der Hunger den wild lebenden Katzen jene Barriere leichtfüßig zu überwinden half und sie eines Tages sogar von Frau Simowitsch dabei ertappt wurde, versuchte man, trotzdem freundlich zu bleiben. Man zeigte jene Art von Höflichkeit, welche boshaftere Auseinandersetzungen zu vermeiden trachtete und gerade deshalb den Gegner in seinem Tun bestärkte.

                                                Jeremias Zeil fühlte sich vom Ehepaar

Simonowitsch verstanden. Sie durchschauten die Gefährlichkeit seiner Frau und versuchten sie mit höflichen Worten auf Distanz zu halten. Wie auch er. Jedoch keinem gelang es. Er verlor von Tag zu Tag mehr an Terrain und die Katzen wurden mit tödlichen Giftködern gejagt. Niemand konnte sich die furchtbare Wut der Katzenmörderin erklären. Eine Wut, welche sich von gelegentlichen Anschlägen zu einer Orgie an Grausamkeit steigerte und jeglichen nachbarschaftlichen Friedenswillen zerstörte.

 

Als „Mondschein“, ein

von Frau Simonowitsch so getaufter großer, frei lebender Kater, dessen Fell silbergrau und der vielleicht ein Kartäuser war, des Gifttodes starb, standen Frau und Herr Simonowitsch zu allem entschlossen vor der Wohnungstüre der Zeil. Als Jeremias Zeil vorsichtig öffnete, wurde ihm aufgebracht das Recht aller Geschöpfe auf Leben entgegen geschleudert. Ohne auf die Ermordung des Katers einzugehen, teilte er emotionslos mit, dass seine Frau sich in ihrer nächtlichen Ruhe durch das aufreibende Katzengeschrei gestört fühle und obendrein ihre Blumen, welche sie in großen Töpfen in den Innenhof gestellt hatte, von den Katzen entweder ausgegraben oder durch deren Urin vernichtet worden wären. Er hörte dann den wütenden Beschwerden weiter zu, ohne darauf einzugehen. Selbst als Frau Simonowitsch den Herzklappenfehler ihres Gatten und seine Ruhebedürftigkeit erwähnte, schwieg er. Als dann Katharina Zeil durch die aufgebrachten Stimmen herbeigerufen, an der Türe erschien, verstummten die Simonowitsch. Jene Frau schob ein unsichtbares Schaudern vor sich her. Katharina Zeil, sich ihres Gewichtes bewusst, drängte ihren Mann zur Seite und stellte sich mit an die Hüften gestemmten Armen vor das Ehepaar Simonowitsch. Schweigend musterte sie beide mit überheblicher Miene. Frau Simonowitsch durch ihre Tierliebe angespornt, überwand die sprachliche Barriere und fragte, ob Frau Zeil wüsste, wer im Innenhof Giftköder auslegen würde. An einem jener Köder wäre der stolze Kater „Mondschein“ elendiglich zu Grunde gegangen. Frau Zeil bereitete die Seelennot der Simonowitsch Genugtuung. Sie ließ sich genau beschreiben, wo der Kater gefunden worden war. Außerdem wollte sie wissen, ob weitere Tiere dem Mörder zum Opfer gefallen wären. Frau Simonowitsch, die den Verlust von fünf Katzen in jenem Monat zu beklagen hatte, und nichts mehr als die Kaltherzigkeit von Katzenmördern fürchtete, log trocken, dass die anderen Katzen Gott sei Dank über einen gut ausgeprägten Instinkt verfügten und vergiftetes Fleisch sofort als solches erkennen würden. Sie wäre glücklich, keine weiteren Todesopfer beklagen zu müssen. Der Kater „Mondschein“ wäre eben schon sechzehn Jahre alt und nicht mehr Herr der vollen Sinne gewesen. Der Giftmord hätte jenem einen Lebensabend in Verwahrlosung und Verwirrtheit erspart. So betrachtet wäre der Mord bis auf die Schmerzen, welche ihm zugefügt worden waren, fast als Geschenk zu sehen.

Frau Zeil meinte kurz, sie hätte mit jenen Anschlägen nichts zu tun und wolle hinkünftig damit nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Nur weil sie einmal etwas Pfeffer gestreut hätte, mache sie das noch nicht zur Katzenmörderin! Die armen Tiere! Sie könne Katzen leiden. Wären doch elegante Geschöpfe! Solch erhabenen Tieren könne man doch kein Haar krümmen. Jeremias Zeil war sprachlos. Ihre brillante Art zu lügen, versiegelte seinen Mund mit abgrundtiefer Angst. Würde sie ihn auch mit Gift beseitigen? So wie er sich gegen ihre Vorgaben wehrte, wäre er mit Sicherheit das nächste Opfer. Die Polizei würde ihrer Version von Selbstmord bei dem sprachlichen Geschick ohne Zweifel Glauben schenken. Vielleicht sollte er ein Testament verfassen und Verdachtsmomente äußern. Irgendwer würde schon hellhörig werden. Er hatte seine Frau nie mit Gift hantieren gesehen, aber er gab den Simonowitsch uneingeschränkt Recht. Es konnte nur sie gewesen sein. Sie hatte das Gift im Keller versteckt. Wahrscheinlich im alten Holzregal, hinter den Spinnweben. Dort, wo kein Hausbewohner wegen all des Gerümpels freiwillig hingehen würde. Eine Frau, die ihren Mann derart zu knechten im Stande war, würde sogar die Liga der Katzenmörder dominieren.

 

                                                            Für Frau Simonowitsch, welche

elf Jahre älter als ihr Mann war und sich in die Zeit der Blockwarte während der Naziherrschaft zurückversetzt wähnte, erfüllte sich die Hoffnung, dass das Legen von Giftködern eingestellt werden würde. Wohlweislich hatte sie aber nach jenem Gespräch die Futterstellen aus dem Innenhof verlegt.

 

                                                                                               Am

nächsten Tag wartete Jeremias Zeil vergeblich auf Petrus Simonowitsch. Dauerregen hatte sich angekündigt. Die ersten Vorboten waren bereits eingetroffen. Schlecht für Petrus Simonowitsch, der keinen Putz kratzen konnte und besonders schlecht für das Ehepaar Zeil, das mürrischen Tagen entgegen blickte.

                                                            Jeremias Zeil überlegte

fieberhaft, über wen er Späße machen könnte, um dem drohenden Aufbegehren seiner Frau zu entkommen, aber es fiel ihm nichts ein. Die Fanggründe waren leer gefischt. Ihm, dem großen Dompteur, war das Raubtierfutter ausgegangen. Dem drohenden Untergang nahe, hoffte er inständig, dass Petrus Simonowitsch sich von einem kleinen Dauerregen doch nicht einschüchtern lassen würde. Wofür gab es Regenmäntel und Schirme? Jeremias Zeil spielte mit der Idee, Petrus Simonowitsch das Angebot zu machen, ihm den Schirm zu halten. Es würde nur eine mindere Form der Nachbarschaftshilfe sein. Beiden wäre geholfen. Aber damit würde er sich verraten. Und womöglich als das angesehen werden, was er nicht war. Ein Spanner. Jeremias Zeil stand am Fenster, blickte in den Regen und träumte von der Zeit, in welcher er seiner Frau noch nicht begegnet war.

 

                                                                                    Petrus

Simonowitsch lebte im selben Mietshaus, nur zwei Stockwerke tiefer, auf der entgegen gesetzten Seite des Ganges. Unruhe plagte ihn. Das Schlechtwetter hatte ihm den wichtigsten Termin aus der Tagesplanung gestrichen. Er stand am Fenster, sah auf die Gartenmauer, die unter ihm ihren Anfang nahm, drehte sich um und schritt zur Kommode im linken hinteren Eck des Zimmers. Sie war ein schlichtes, nussfurniertes Mobiliar aus den Sechzigern des 20. Jahrhunderts mit fünf Laden und dazugehörenden Messinggriffen. Auf ihr stand eine große Glasschüssel zur Hälfte mit Mauerputz befüllt. Sie wirkte wie ein Dekorgegenstand aus einem der großen Möbelhäuser der Stadt. Er blickte auf sie und seufzte. Dann setzte er sich in den Lehnstuhl, der ihr gegenüber stand, zog gelangweilt aus dem Zeitungsständer zu seiner Rechten das Mitteilungsblatt der Geologischen Gesellschaft, um es nach nicht einmal fünf Minuten zur Seite zu legen. Genervt schaute er aus dem Fenster in den dichten Regen. In alter Gewohnheit ließ er den Blick zum Regal neben der Kommode gleiten und betrachtete teilnahmslos die vielen Einbände seiner Fachbücher. Lustlos ließ er den Blick nach ein paar Sekunden auf den alten, verschlissenen Perserteppich vor ihm fallen. Früher, als seine Frau noch lebte, war jenes Zimmer das Wohnzimmer, aber nun nur noch Leseraum. Die braune Ledercouch hatte er nach dem Tod seiner Frau Studenten für deren Wohnung geschenkt.

 

                                                            Als es an der Wohnungstüre

läutete, hob er angenehm berührt den Kopf und war sich sicher, den Postboten gleich anzutreffen. Freudig erhob er sich und ging zur Eingangstüre. Bei den spärlichen Sozialkontakten war der Besuch des Briefträgers stets sehr willkommen. Als er die Türe öffnete, hätte er mit vielen, nur nicht mit Jeremias Zeil gerechnet. Dieser stand vor ihm mit zu Boden gesenktem Blick.

„Guten Tag, Herr Professor.“

„Sie?“ Petrus Simonowitsch schaute an Jeremias Zeil vorbei ins Stiegenhaus.

„Ich komme alleine.“

Petrus Simonowitsch nickte erleichtert. Seine Mimik wirkte nun wohlwollender und entspannter.

„Wie geht es Ihnen“, fragte er.

„Danke gut. Und Ihnen?“

„Schon lange nicht mehr geredet miteinander. Sind sie in Pension?“

„Schon seit drei Jahren. Ging mit sechzig.“

„Ich mit fünfundsechzig. Im selben Jahr starb meine Frau. Verzeihen Sie, was wollen Sie?“

Er blickte in ein Gesicht, das ihn an das von Studenten erinnerte, die bei Prüfungen mit den Augen um Gnade flehten. Petrus Simonowitsch war nie der strenge Professor gewesen.

„Kommen Sie doch herein. Sie müssen entschuldigen. Ich putze selbst.“

Jeremias Zeil folgte ins Foyer, zog seine Schuhe aus und schlüpfte in die ihm gereichten Filzpantoffeln.

„Die unnötigste Arbeit ist das Abstauben. Völlig umsonst. Ich habe ich sie aus meiner Liste gestrichen. Schon vor Jahren.“ Petrus Simonowitsch bat seinen Nachbarn in die Küche.

„Gut so. Man darf sich nicht zum Sklaven des Staubes machen lassen“, meinte Jeremias Zeil.

„Das ist der Vorteil bei Altbauwohnungen. Der Staub verschwindet. Keine Ahnung, wohin. Hauptsache, er ist weg. Setzen Sie sich bitte.“

Jeremias Zeil ließ seinen Blick umherstreifen, sah zahlreiche Katzendosen auf der Anrichte stehen und rief erstaunt:

„Sie füttern weiterhin?“

Petrus Simonowitsch war peinlich berührt.

„Ich kann die Katzen doch nicht verhungern lassen.“

„Aber das Katzengejammer hat aufgehört“, wunderte sich Jeremias Zeil.

„Ich füttere sie, wie meine Frau … woanders. Nicht im Innenhof.“

„Vor mir brauchen Sie doch keine Angst zu haben. Ich tue keiner Katze etwas zu Leide. Regen Sie sich bitte nicht auf! Ihr Herz! Wo füttern Sie?“ Jermias Zeil versuchte, ruhig zu wirken. Erst jetzt stellte er fest, wie bescheiden, nahezu spartanisch die Küche eingerichtet war.

„Tee, Kaffee? Was hätten sie gerne?“

Petrus Simonowitsch beobachtete, wie sich sein Gast die Küche näher ansah.

„Das ist solide Arbeit. Kein Furnier, keine Pressspannplatten. Vollholz. Als wir vor dreißig Jahren einzogen, war dieses Mobiliar schon hier und ist es jetzt auch noch. Gebaut für die Ewigkeit.“ Petrus Simonowitsch lachte und schaute Jeremias Zeil fragend an.

„Kaffee, bitte. Ich habe immer geglaubt, Sie leben wie ein Fürst. Sie als Professor an der Universität. Ihre Frau war doch auch eine Frau Doktor.“

„Die Geisteswissenschaft füllt den Geist und nicht die Tasche. Sie war Archäologin. Wir fanden damals die Einrichtung hübsch. Warum sollten wir sie austauschen?“

„Dann ist Ihnen wenigstens Geld zum Reisen geblieben.“

„Wir konnten nicht wegfahren, wegen der Katzen. Wir kauften mit dem Geld die Wohnung.“

Spannung machte sich zwischen beiden wie Nebel breit.

„Ich konnte meiner Frau nicht Einhalt gebieten. Ich bin… ich bin… ihr … ausgeliefert. Sie steht im Mietsvertrag. Alleine. Und ich im Kreditvertrag. Auch alleine.“

Petrus Simonowitsch, der neben der eingeschalteten Kaffeemaschine stand, blickte abwechselnd auf ihn und die gläserne Kanne, in welche die braune Brühe tropfte. Auf der Abwasch standen neben den Stapeln Katzenfutterdosen eine Unmenge benutzter Kaffeeschalen. Petrus Simonowitsch ging hin, nahm zwei davon, wusch sie mit Wasser aus, stellte sie auf den Tisch, zog dabei eine kleine Wasserstraße hinter sich her, holte aus dem Kühlschrank eine Packung Milch und aus dem weißen Küchenkasten den Zuckerstreuer. Als der Kaffee nicht mehr tropfte, nahm er vorsichtig die Kanne von der Heizplatte, stellte sie mit dem hölzernen Schneidbrett auf den Tisch und setzte sich.

„Wissen Sie, ich habe mich auch nie gegen den Willen meiner Frau gestellt. Das wäre nicht gegangen. Meine Güte! Das wäre wirklich nicht möglich gewesen!“ Er lachte und Jeremias Zeil nickte vorsichtig.

„Ihre Frau war etwas Besonderes.“

„Deshalb sind Sie wohl nicht gekommen, um mir das zu sagen, oder?“

Petrus Simonowitsch blickte sein Gegenüber forschend an. Seine alten Augen wirkten durchdringend und klar. Alles in seiner Körperhaltung ermutigte jedoch Jeremias Zeil, ihm den wahren Grund seines Kommens anzuvertrauen. Petrus Simonowitsch schenkte seinem Gast Kaffee und Milch ein. Als er zum Zuckerstreuer griff, schüttelte Jeremias Zeil den Kopf.

„Wissen Sie, Herr Professor, ich beobachte Sie schon eine geraume Zeit. Wie Sie täglich zur selben Zeit den Innenhof betreten. Wie Sie an der grauen Wand stehen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin kein Voyeur. Aber der Innenhof ist mein Tor zur Freiheit.“ Jeremias Zeil senkte den Kopf und blickte auf seine Kaffeetasse. Sie war an etlichen Stellen noch stark verschmutzt. Es ekelte ihn.

„Wir alle brauchen unsere Freiheit“, meinte Petrus Simonowitsch. „Da bin ich wohl in ihren Freiraum eingedrungen. Verzeihung!“

Jeremias Zeil spürte den Ernst hinter jenen Worten und war berührt.

„Nein, das taten Sie nicht“, sprach er leise.

„Wissen Sie, Herr Zeil, ich bewundere Sie. Ich bewundere Sie wirklich.“

„An mir gibt es nichts zu bewundern. Glauben Sie mir.“

„Oh doch.“

Jeremias Zeil hätte gerne erfahren, was sein Gegenüber an ihm bewundernswert fand, getraute sich jedoch nicht nachzufragen. Stattdessen meinte er:

„Meine Eltern hatten eine ähnliche Küche. Tiefe Laden. Da geht viel rein.“

Petrus Simonowitsch hörte ihm nicht zu. Wohlwollend stellte er fest: „Ich bewundere an Ihnen, dass Sie Ihr Mitleid für die Tiere bewahren konnten. Es hätte auch anders kommen können.“

Jeremias Zeil blickte Petrus Simonowitsch erstaunt an, ohne eine Miene zu verziehen.

„Was tun Sie an der Mauer?“, platzte es plötzlich aus ihm heraus. „Ich möchte nicht indiskret sein, aber … das würde mich wirklich interessieren.“

Petrus Simonowitsch machte eine kurze Pause und blickte zur Abwasch auf das verschmutzte Geschirr. „Ich sollte einmal abwaschen. Würde nicht schaden.“

Jeremia Zeil ärgerte sich, seine Neugier nicht im Griff gehabt zu haben.

„Das mit der Mauer ist so eine Sache. Aber trinken wir erst mal den Kaffee. Ich werde Ihnen dann etwas zeigen.“ Beide führten ihre Tassen an die Lippen, aber nur Petrus Simonowitsch trank den Kaffee.

„Auf wessen Namen lief diese Wohnung?“

„Auf unser beider.“

„Ein Idealfall.“

„Wissen Sie, warum Ihre Frau solche Angst hat, Sie in den Mietvertrag zu lassen?“

„Angst? Sie soll Angst haben? Meine Frau fürchtet sich vor niemandem. Sie sollten sie einmal erleben. “

Beide Männer schwiegen kurz.

„Nach dem Krieg hat sie alles verloren. In jener Zeit ging es ihr ziemlich dreckig. War sie doch eine Nationalsozialistin erster Güte gewesen. Hatte es bei denen wirklich zu etwas gebracht. Kam aus der untersten Schicht. Mir ging es im Vergleich zu ihr immer gut. Sie war ein kleines, schmutziges Mädchen, das nur kurz zur Schule gehen durfte. Musste dem kranken Vater beim Kohleschaufeln helfen. Der war Kleinunternehmer. Sie wohnte in einer Zweizimmerwohnung in einem Keller zusammen mit fünf Geschwistern. Und plötzlich besaß sie nur ein paar Jahre später eine über hundert Quadratmeter große Altbauwohnung. In bester Lage. In einem arisierten Haus. Nun, aus dem Tausendjährigen Reich wurde nichts. Und die Wohnung hat sie auch wieder hergeben müssen. Waren harte Jahre für meine Kathi. Sie wollte halt schon immer hoch hinaus.“

„Mit Ihnen hat sie es dann geschafft. Sie steht im Mietvertrag, und der Mann finanziert die Wohnung.“

„Alles ist letztendlich Vertrauenssache.“

„Meine Frau wollte nach Südamerika auswandern. War nahezu besessen von der Maya-Kultur. Und ich? Ich bin ja wie Kant. Sie kennen doch Kant? Der kam auch nicht aus Königsberg raus. Konsequent bekämpfte ich ihr Vorhaben und machte die Katzen zu Mitstreitern. Ich gestehe das wirklich ungern. Was sollte ich tun? Sie zeigte sich so gefährlich entschlussfreudig. Menschen äußern öfters Wünsche. Sie hingegen interessierte sich ausschließlich für deren Umsetzung. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Was sollte ich in Südamerika? Können Sie mir das verraten? Ich bin hier zuhause. Manchmal denke ich, es wäre doch besser gewesen, ihrem Wunsch zu entsprechen. Vielleicht würde sie jetzt noch leben. So schenkte sie ihre Zuwendung dann den Katzen.“

„Und Sie, welche Rolle spielten Sie?“

„War bloß der Kajütenjunge mit einem sehr schlechten Gewissen.“

„Ihnen gehörte wenigstens die halbe Wohnung.“

„Was kann ich mir davon abschneiden? Meine Frau verstarb, als ich endlich Zeit für sie hatte. Deshalb sollten Sie das mit dem Mietvertrag nicht überbewerten. Schließlich beziehen Sie die Pension und nicht Ihre Frau. Sie hätten auch Ihr Druckmittel.“

„Und was für eins! Ich wäre ihr gegenüber unterhaltspflichtig. Sie war ja nie erwerbstätig.“

Petrus Simonowitsch begann ungeduldig mit dem Fingernagel seines rechten Zeigefingers auf der Tischplatte zu klopfen.

„Für einen Gefangenen sehen Sie ziemlich akzeptabel aus. Vielleicht etwas frustriert, aber akzeptabel. Sie sind in Rente! Genießen Sie doch das Leben!“

 

Jeremias Zeil blickte Petrus Simonowitsch an und schwieg.

„Herr Zeil, ich bin Geologe. Ich gehe Dingen gerne auf den Grund. Sie muss etwas an sich haben, sonst wäre ein Mann wie Sie schon längst gegangen. Trotz finanzieller Knebelung. Ihre Frau ist eine starke Persönlichkeit. Vielleicht hat sie Angst, Sie zu verlieren. Und schränkt sie Sie deshalb ein. Oder es ist wirklich nur die Wohnung … Aber seien wir ehrlich, solange man streiten kann, versteht man sich. Ihre Frau ist mutig. Eine Kämpferin. Stellt sich in die erste Reihe und … kriegt den ganzen Dreck ab.“

In diesem Moment schien Petrus Simonowitsch etwas klar geworden zu sein. Sein Finger hörte auf zu klopfen und seine Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde.

„Was lässt solch einen Menschen zur Katzenmörderin werden?“, meinte er ernst und machte eine kurze Pause. „Aber jetzt heißt es aufstehen!“

Er breitete seine langen, dünnen Arme wie ein Conferencier eines Magiers aus. „Ich verrate Ihnen nun das große Geheimnis. Kommen Sie!“

 

Petrus Simonowitsch führte seinen Gast ins Nebenzimmer und stellte sich neben die Glasschüssel.

„Bitte setzen Sie sich doch in den Schaukelstuhl! Das, was ich Ihnen jetzt erzähle, könnte Sie glatt umhauen.“

Jeremias Zeil folgte der Aufforderung und ließ sich langsam in den Stuhl gleiten.

„Damit die Sonnenstrahlen die Asche meiner Frau berühren“, begann Petrus Simonowitsch, „wollte ich die Urne heuer im Februar auf das Brett vor das geöffnete Fenster stellen.“ Petrus Simonowitsch seufzte und berichtete weiter. Er hätte jene aus dem Schlafzimmer geholt, auf gemacht und wäre damit durch die finstere Wohnung in Richtung Fenster gegangen. Kurz davor stolperte er über den alten Perserteppich. Die Urne kippte nach vorne, die anfangs bedächtigen, feierlichen Schritte wurden zu Laufschritten. Alles bewegte sich im rasend schnell in Richtung Fenster. Er, aus dem Gleichgewicht, kurz vor dem Sturz und die Urne, gefährlich nach vorne geneigt.

„Ich stürzte mit meinem Brustkorb auf den Fensterrahmen. Ein brennender Schmerz durchfuhr mich. Aber ich ließ nicht los. Hielt die Urne umklammert. Die Rippen brannten wie Feuer, aber ich hätte sie nie fallengelassen. Die Arme waren ausgestreckt. Ich starrte auf die Urne. Ich hatte sie zwar vor den Absturz bewahrt, aber die Asche war aus der Urne geschleudert worden.“

Petrus Simonowitsch sah zum Fenster, auf dessen Scheiben der Regen klatschte.

„Ich beugte mich aus dem Fenster und sah, dass der Großteil der Asche in einen der Bottiche der Baufirma gefallen war. Wie Sie wissen, befindet sich der Wasseranschluss unterhalb des Fensters. Deshalb rührten die Lehrlinge dort den Mauerputz an. Um den Anstrich dezent zu gestalten, hatte sich der Bauherr zu allem Überfluss für ein Grau entschieden. Ich schaute den Burschen, ohne nur ein Wort sagen zu können, zu, wie sie die Asche, in die Masse rührten. Wenn die geschaut hätten, wäre es ihnen aufgefallen! Ich war ja auch mal jung. Da sind die Gedanken woanders. Der Putz mit meiner Frau wurde in Kübel gefüllt und aufgetragen. Als ich meine Worte wieder fand, war es längst zu spät. Jetzt wissen Sie, weshalb diese Seite der Mauer ein wenig dunkler als die andere ist.“

„Und, warum Sie dort stehen und kratzen.“

„Ich sammle täglich ein bisschen von der Asche und denke dabei an meine Frau. Anfangs hielt ich es kaum aus. Aber mittlerweile ist jener Ort zu meiner Kirche geworden. Wenn es Sie nicht stört, werde ich es weiterhin so halten.“

Petrus Simonowitsch war ans Fenster getreten und blickte auf die Mauer. „Ich habe noch andere Schätze in meiner Wohnung.

 

Ein großes Zimmer gefüllt mit Schachteln voller Gesteinsproben. Über viertausend. Die meisten habe ich von Mineraliensuchern geschenkt bekommen, etliche jedoch selbst gesammelt. Ich wollte sie anlässlich der Pensionierung dem Institut schenken. Aber wer trennt sich schon von seinen Kindern? Ein Drittel ist erst beschrieben und nummeriert. Vielleicht haben Sie Interesse, mir zu helfen. Wir könnten dann auch zu den Fundstätten fahren, um selbst nach Mineralien zu suchen. Mein Gott, ich überfordere Sie. Aber wen das Mineralienfieber einmal gepackt hat, den lässt es nicht mehr los. Es ist eine Sucht. Eine gefährliche. Sie macht dauerhaft glücklich. Ein Zustand, mit dem unsere Gesellschaft nicht umzugehen wüsste.“

Jeremias Zeil blickte ihn überrascht an und stimmte, ohne überlegen zu müssen, zu.

 

Schon am nächsten Tag kam er, da es noch regnete, um elf Uhr und half Petrus Simonowitsch, Ansätze von Ordnung in sein Archiv zu bringen. Interessiert hörte er den geologischen Unterweisungen zu. Petrus Simonowitsch war überzeugt, dass sich das Ehepaar Zeil lieben musste. Die Situation wäre nur etwas verfahren gewesen.

„Verfahren“, meinte Jeremias Zeil, „ist eine gute Beschreibung für eine versteinerte Situation.“

Petrus Simonowitsch lächelte.

„Dann ist wohl ein Geologe der Mann der Stunde.“

 

Am folgenden Tag, es hatte bereits in der Nacht aufgehört zu regnen, ging er nicht zur Mauer, sondern stattete dem Ehepaar Zeil einen Besuch ab. Höflich wurde er in die Wohnung gebeten. Angetan blickte er auf die Einrichtung.

„Sie haben es hier so schön, warum denn flüchten?“, flüsterte er seinem neuen Freund zu, der ihn ins Wohnzimmer führte und bat, sich auf das Biedermeier-Sofa zu setzen. Katharina Zeil war ihnen gefolgt und fragte Petrus Simonowitsch argwöhnisch, warum er gekommen wäre. Petrus Simonowitsch entgegnete ihr, dass er ihre unverblümte Art zu sprechen durchaus schätze. Er wolle ihr ein Angebot unterbreiten. Neugierig nahm sie an seine Seite Platz.

 

                                                Er erzählte ihr von den Katzen, die er

heimlich füttere und von seinem Wunsch, dass weiterhin für sie gesorgt werde. Er spürte, wie sich ihr Zorn von Satz zu Satz steigerte. Wie sich alles in ihr verkrampfte.

„Ich verstehe nicht“, rief sie plötzlich, „ warum alle mich für die verdammte Katzenmörderin halten! Die ganze Hausgemeinschaft verdächtigt mich!“

Dabei blickte sie vorwurfsvoll auf den Gast und traurig zu ihrem Mann, der ihnen gegenüber saß und betreten zur Seite schaute.

„Ich halte Sie nicht für die Katzenmörderin. Dazu sind sie zu gerade.“

„Nein? Wirklich nicht? Seit wann?“ Der Sarkasmus spülte all ihre Verbitterung an die Oberfläche.

Petrus Simonowitsch ließ sich nicht beirren und setzte fort, dass er sehr alt wäre, ein krankes Herz besäße und jemanden für eine Leibrente suche. Er hätte dabei an sie gedacht.

„Falls Sie bereit wären, die täglichen Katzenfütterungen zu übernehmen“, meinte er scharf akzentuiert, „falls Sie bereit wären, das zu tun, dann … überschreibe ich Ihnen meinen gesamten Besitz.“

Petrus Simonowitsch schaute Katharina Zeil streng, wie ein Hochschulprofessor seinem Prüfling, in die Augen. Sie hielt seinem energischen Blick stand, spürte berührt, dass er es ernst meinte, suchte nach Worten, sah zu ihrem Mann, der beide fassungslos anstarrte, kämpfte mit den Tränen, senkte ihren Blick und meinte leise: „ Ich werde es tun.“

Petrus Simonowitsch ergänzte, dass man weitere Details bei einem Notar im Beisein eines seriösen Tierschutzvereins vereinbaren würde. Langsam stand er auf und verabschiedete sich. Er wolle noch kurz zur Mauer gehen.

                                                            Katharina Zeil blieb im

Wohnzimmer sitzen, während ihr Mann den Gast stumm zur Tür begleitete. Als er zu ihr zurückkehrte, sah er sie neidvoll an, ging zum Fenster und wartete, bis Petrus Simonowitsch bei der Mauer eintraf.

„Würde er mich für die Katzenmörderin halten, dann hätte er mir dieses Angebot nie gemacht“, sprach sie. Sie blickte auf die Maserung der Tischplatte, um sich kurz in ihr zu verlieren. Tränen füllten ihre Augen. Ihr Mann stand am Fenster und sah verwirrt zu ihr. Ihr Kopf hob sich.

„Kannst du nicht einmal im Leben das Richtige tun und zu mir kommen? Mich in die Arme nehmen und drücken? Du brauchst auch nicht zu sprechen.“

Jeremias Zeil ging langsamen Schrittes zu seiner Frau, setzte sich an ihre Seite und umarmte sie unbeholfen.

 

„Der Professor hält mich nicht für die Katzenmörderin!“, schluchzte sie. „Nicht für die Katzenmörderin…!“ Jeremias Zeil streichelte schweigsam die Schultern seiner Frau. Langsam beruhigte sie sich wieder.

„Was meinst du?“, fragte sie ihren Mann, der seine üble Laune nicht mehr verbergen konnte.

„Ich? Ich verstehe die Welt nicht mehr!“

„Aber Schatz!“

 

Eine Woche später traf man sich beim Notar, um den Vertrag abzuschließen. Jeremias Zeil betrachtete Petrus Simonowitsch und seine Frau, wie sie ihre Unterschriften auf das Dokument setzten und fragte nachdenklich:

„Und wer ist nun der Katzenmörder?“

Petrus Simonowitsch hob den Kopf und sprach aus tiefer Überzeugung: „Keine Ahnung. “

 

Jeremias Zeil besuchte fast jeden Tag seinen Freund, um sich auszusprechen und entdeckte dabei die Liebe für Mineralien. Währenddessen betreute seine Frau die Futterstellen der Katzen in der näheren Umgebung. Und den Katzenmörder? Den fing man nie.

 

E N D E

 

 

 

 

 

 

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