Languste, Languste,

ich lös‘ dir die

Kruste

Eine seltsame Geschichte von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDFASSUNG: 2014)

Du darfst mir das, was war, nicht übelnehmen.

Ich sag es dir, obwohl du mich nicht fragst.

Sieh mich dabei nicht an! Ich will mich schämen

und tun, als ob die Toten wiederkämen.

Ich glaube nicht, dass du mich dann noch magst.

(…)

Erich Kästner, Plädoyer einer Frau

*

I

Als er sie das erste Mal sah und – kurz nur, zu kurz, viel zu kurz! – traf, zunächst freilich lediglich mit seinen Augen …, damals, in den beginnenden 1980er Jahren in Murcia an der Costa Blanca, da war sie an einem Nebentisch in diesem gar nicht so kleinen, gar nicht so besonders gemütlichen Restaurant gesessen; und mit einigen anderen jungen Leuten.

Alexander am Nebentisch, ebenfalls in einer Runde. Junge Musikerinnen und Musiker. Man aß Paella und andere köstliche Sachen, meist in lokaler Rezeptur.

Er konnte sich Jahrzehnte danach an den Spanien-Trip immer noch gut erinnern. Auch daran, dass er ein totes, mariniertes und gebratenes Schalentier vom Teller gehoben, wie Hamlet den berühmten Totenschädel angesehen und parodistisch-theatralisch (sogar ein wenig bedrohlich vielleicht) angesprochen hatte, leicht schon vom großartigen Roséwein der Region geistig umwölkt: „Languste, Languste, ich lös‘ dir die Kruste!“

Dann, zwei, drei Jahre später, traf er sie auf Vulcano wieder – allein. Sie (wie er) war allein.

Man stelle sich vor: auf Vulcano, auf einer der Liparischen Inseln! (Die nordöstlich von Sizilien gelegene malerische Gruppe von vulkanischen Eilanden wird auch, irgendwie doch poetischer, als Äolische Inseln bezeichnet. Ein auch historisch interessantes Gebiet, immerhin strategisch von Bedeutung; daher wohl auch im Jahr 252 vor Christus von den Karthagern den Römern entrissen.)

Also – Vulcano. (Nicht so bekannt vielleicht wie die Nachbarinsel Stromboli, aber immerhin: pittoresk; und auch kulinarisch von Reiz.)

Man trifft einander (schon gar, wenn man einander schon einmal fast getroffen hat) doch nicht so ohne weiters auf den Liparischen Inseln!

Ja, o. k., auf dem Roten Platz in Moskau, direkt neben der Kremelmauer mit dem Erlösertorturm und mit Blick auf die so märchenhaft-verspielt wirkende Basilius-Kathedrale; oder auf dem Petersplatz im vatikanischen Rom, wo in beängstigender Dichte die Pilgerströme dahinbrausen, verklärten Blicks; oder vor dem von Abertausenden Menschen schier umfluteten und umwogten Rockefeller Center in Manhattan. Vielleicht auch: nahe der hoch-aufragenden Nelson-Säule auf dem lauten Trafalgar Square in London; oder gleich vor dem (in seinen Augen immer noch skurril wirkenden) Eiffelturm in Paris? In Havannas Altstadt vielleicht, der Havanna-Vieja, etwas verwegener: gleich in der Bodeguita del Medio, wo sich der gute alte Ernest Hemingway nicht nur einmal ausgiebig dem Trunk ergeben hat; oder vor dem vergleichsweise nüchternen Brandenburger Tor in Berlin – – -, was weiß ich: bei der Weikhard-Uhr auf dem Grazer Hauptplatz?

Aber – Vulcano …?!

Und auch da hätte er sich längst nicht träumen lassen, dass sie einmal (wiederum Jahrzehnte später freilich erst) in seinem Wohnzimmer – dem von Freundinnen und Bekannten eine durchaus gemütliche Atmosphäre attestiert wurde; eine andere jedenfalls als die, die in dieser zu groß geratenen Bodega in Murcia, damals, geherrscht hatte -, kurz, dass sie in Form einer durchaus gelungenen Arbeit der Taxidermie, eines wahren Kunstwerks also, stehen würde. Ein mit merkbarer Kreativität, viel artifiziellem Wollen und enormem handwerklichen Können gestaltetes ausgestopftes Wesen; eine Haut, Haar und Kunst gewordene Skulptur. Sie.

Ja, da hatte Ehrenfried, sein – zugegeben: eher windiger – Freund aus Jugendtagen, wieder einmal ganze Arbeit geleistet. (Auch wenn er diesem grottenhässlichen Leichen-Manipulanten, diesem berüchtigten Nekrophilen und weitestgehend sodomitischen Liebhaber vor allem – oder besser: ausschließlich? – toten Fleisches in weiblich-menschlicher, aber auch in weiblich-tierischer Gestalt verfallenen Taxidermisten ansonsten kaum über den Weg traute; außer, wenn sie sich wieder einmal einträchtig und so richtig nach alter Vätersitte die Rest-Ganglien aus dem Hirn zu saufen vorhatten und die verbliebenen Leberzellen aufzufetten. Doch das passierte auch nur mehr alle heiligen Zeiten einmal. Man blieb eben nicht ewig dreißig, vierzig, fünfzig … Von zwanzig gar nicht erst zu reden!)

Als Extrem-Präparator, als Beherrscher der überaus diffizilen Kunst des Ausstopfens, der überaus artifiziellen Methodik der Taxidermie, freilich war Ehrenfried in der Tat (und das musste ihm jeglicher Neid lassen) ein Meister. Und der Schönen im vorliegenden Fall hatte sich der zweifelhafte Freund zudem mit Hingabe – und ohne auf Materialkosten oder Zeitaufwand zu achten – gewidmet. (Ein Wunder schier, dass Alexander selbst die hübsche Frau hatte umbringen dürfen und beim Entbeinen et cetera behilflich sein! (Alex drängte jedoch auf rasches Tun, da er nebenbei befürchtete, der geile Präparator würde sich sonst noch öfter, als es so schon vermutlich der Fall war, an dem toten Körper vergehen. Beim Preis kam Ehrenfried ihm dann ziemlich entgegen, was freilich nicht unverdächtig war …)

Jaja, dieser Ehrenfried. Alexander wusste einiges über ihn. Daher vermochte er den an sich, und wie schon angedeutet, wenig integren Freund (und trinkfesten Kumpel) naturgemäß auch leicht unter Druck zu setzen. Zudem waren ihm längst die außerordentlichen Fähigkeiten, ja: Kunstfertigkeiten des begnadeten Taxidermisten wohl bekannt. So hatte Ehrenfried etwa für die über den Tod ihrer Perserkatze Minka von Teheran schier untröstlichen Nachbarskindern Guggi und Ulla (Meyer-Lohstein) auf sensible Weise Gutes und Großes geleistet und das geliebte Tier auf meisterliche Art und Weise in luxuriöses Interieur verwandelt. Auch um den alten, verschrobenen Medizinalrat Dr. Nürnberger hatte er sich verdient gemacht, indem er dessen verstorbenen Rottweiler Burli, der gegen Ende zu schon ziemlich räudig ausgesehen hatte, posthum dann noch zum respektablen Hingucker aufwertete. Nicht zu vergessen: Emil Brombergers Mini-Schwertfisch Nebukadnezar (vom Neuner-Haus). Ja, auch vom kleinen Ferdinand, dem an Asthma und seinen Allergien allzu früh verstorbenen Sohn der Familie Feuerfux, und dessen wundersamer Verwandlung in ein stilechtes Telefontischchen wusste Alexander. Und damit, eben mit seinem Wissen, hatte er Ehrenfried auch beim Taxidermie-Auftrag in Sachen toter Freundin entsprechend gefügig gemacht. (Und mittels Alkohols.)

O ja, Alexander liebte seine ausgestopfte Hübsche. Marie-Louise hieß sie. Und ursprünglich war sie Französin gewesen, damals …, in Murcia … und auch auf Vulcano dann, später, in diesem kleinen Espresso, das der höllisch behaarte dicke Anselmo und seine zierliche Frau Susanna führten. (Oder hieß sie Giovanna? Egal.)

Marie-Louise. Die blondgelockte Marie-Lousie. Keine dreißig. (Und er, Alexander, vielleicht um fünf, sechs Jahre älter. Beide noch so jung. Jung! O so jung!)

Sie hatten einander getroffen. Wie durch Zufall. (Gab es den?!) Und beide hatten sie gerade einmal genügend Geld gehabt und – Zeit.

Erstaunlich.

Keine vierzehn Tage hatte der gemeinsame Aufenthalt gedauert auf der schwarz-felsigen Insel, vis à vis gelegen von Messina (doch alles liegt ja irgendwie vis à vis von Messina, wenn man so will. Und sie wollten. Immer!)

Ach, war das ein Gevögel gewesen! Ein Gebumse und Geficke …! Genug, genug davon! Denn dann war es vorbei mit Vulcano.

Ab ins Luftkissenboot und weg von der so angenehmen schwarzen Insel mit den schwarzen Steinen, dem schwarzen Sand und dem dunkelroten Wein. Und der elementaren Liebe. Vulkanisch eben. Eruptiv.

Zurück in Messina. (Von hier waren sie, knapp zwei Wochen zuvor, getrennt und nichts ahnend von ihrem bevorstehenden Treffen, das eigentlich ein Wiedertreffen war, ebenfalls per Hovercraft nach Vulcano gelangt.) Dann die lange Zugfahrt, gemeinsam noch …, bis Mailand. Da stieg sie aus, nicht ohne zuvor noch und vor einem flüchtigen Kuss auf die rechte Wange, gleich eilig wie sachlich, angemerkt zu haben: „So, das war’s dann. Ciao!“

Er sah noch ihre blonden Locken und – seltsamer Weise – ihre leicht angerauten Fersen, die von den goldenen, jetzt, mit einem Mal, ein wenig billig wirkenden Verschnürungen ihrer Sandaletten freigegeben wurden. Weder, dass ihre Fersen rau waren, noch dass ihr Schuhwerk ihn einmal an billige Imitate der schier unerschwinglichen Modelle des André Perugia, dieses begnadeten Designers der 1930-er, 1940-er oder 1950-er aus Nice, erinnern würde, wäre ihm zuvor in den Sinn gekommen; doch nun gaben diese durchbrochenen, filigranen Sandalen, ein wenig ordinär beinahe, diese rauen Fersen eben frei. (Es war wie ein zu intimer Blick, der ihm mit einem Mal nicht mehr zustünde.)

Ja, sie gaben frei. Und auch er hatte sie, Marie-Louise, gefälligst freizugeben.

Denn so hatten sie es – nach außerordentlich wohlschmeckendem Fisch und bei viel schwerem vulkanischen Rotwein in einer lauschigen Schenke – schon am ersten Abend auf der wunderlichen Insel ausgemacht: Nur das Wichtigste (also am besten so gut wie gar nichts …) von einander wissen zu wollen, keine überflüssigen Fragen zu stellen, somit die paar Tage (und Nächte!) ausschließlich zu genießen! Und dann – ?!

Und – Ciao!

Diese ihre – in der Direktheit und Unumstößlichkeit schon wieder irgendwie bizarr wirkende – Abschieds-Attitüde jetzt, hier im Zug, in Mailand, war ihm durchaus männlich erschienen; zumindest nicht sehr feminin … (Während sie die ganze Zeit über alles andere als männliche Züge zur Schau gestellt hatte. Im Gegenteil: Sie bestand weitestgehend aus Sex-Appeal, ja, sie war Sex-Appeal pur! Überaus weiblicher Sex! Sie wollte, wenn immer er wollte und konnte. Und er wollte folgerichtig immer, wenn sie wollte und konnte …) Also, ihre Art von Schlussmachen trug merkbar maskuline Züge an sich. So machte gegebenenfalls er Schluss! So beendete er eine Beziehung – egal, ob eine, die bloß knapp vierzehn Urlaubstage (und -nächte) gedauert hatte oder Jahre … Aber eine Frau, tat die das?

Marie-Louise tat. Sie tat. Offensichtlich. Und offenbar mit geübter Grandezza.

Mit einer Leichtigkeit, die fraglos auf Routine schießen ließ …

Nein, das jetzt, das war eindeutig die Handschrift eines Macho. Ja, diese Form des Umgangs entsprach nicht dem, was man sich im herkömmlichen Sinn unter weiblich hätte vorgestellt: das war vielmehr durchaus intensiv verstandener und gelebter Machismo!

Doch Alexander grollte nicht.

Es hatte ihn nun einmal nach Vulcano verschlagen gehabt. Wie einen, der mit geschlossenen Augen und mittels Nadel oder Finger, wie auch immer, blind jedenfalls, auf einen geographischen Ort hinweist und sagt: Dort fahre ich hin!

Ein Ziel, ohne zu zielen, sozusagen.

Und bei ihr war es vermutlich ebenso oder zumindest ähnlich gewesen.

(Vielleicht aber auch ganz anders, wer weiß?!)

Wieder daheim machte Alexander sich möglichst wenig Gedanken über das Vulcano-Erlebnis. Und auch Marie-Louise entglitt ziemlich unaufregend und rasch seinem diesbezüglich (metaphorisch) ohnehin nicht allzu sehr mit irgendwelchen Haftmitteln beschichteten oder gar imprägnierten Gedächtnis.

Doch eines schönen Tages läutete das Telefon.

II

Ein Gulasch soll, so sagt man, durch mehrfaches Wiedererwärmen an Qualität gewinnen. Auch dem Sauerkraut wird eine ähnliche Eigenschaft zugesprochen. Bei anderen Dingen verhält es sich indes eindeutig anders. Besonders in Sachen Liebe gilt: Vorsicht! Hände weg vorm Aufwärmen! Und vorm Aufgewärmten schon gar!

Aufgewärmte Gefühle wirken nicht selten bald schon fast ebenso arg wie abgestandene.

Doch Marie-Louise hatte ihn angerufen. Und Alexander war just schon wieder einmal ohne Weib. (Ohne weibliche Gesellschaft; exakter: ohne besondere weibliche Gesellschaft. Also, da war nichts, was sich nicht leicht wieder abschieben ließe, wenn es darauf ankäme.)

Wo?

Diesmal endlich und ausgemachter Weise: bei der Weikhard-Uhr auf dem Grazer Hauptplatz. (Ach, ja, Alex ist Grazer.)

Weikhard-Uhr. Nicht Roter Platz, Trafalgar Square oder Rockefeller Center …

Sie küssten sich, als wäre Mailand gestern gewesen (oder besser: niemals, nämlich als Endpunkt ihrer Beziehung). Er führte die Nicht-Grazerin in den Landhaus-Keller, gelegen hinter dem Rathaus, ein paar Schritte also nur von ihrem Treffpunkt entfernt. (Da kannte man ihn seit Jahren, und das Wirts-Ehepaar schätzte ihn als Stammgast, was zusätzlich kulinarische Qualität versprach, die hierorts indes ohnedies gewährleistet war.)

Und er trug ihre leichte Reisetasche. Und er gestand sich dabei ein – es war allerdings Spätherbst und drei, vier Jahre nach Vulcano -, froh darüber zu sein, dass sie keine goldfarbenen Perugia-Imitate an den Füßen trug. (Ob ihre Fersen immer noch rau seien, fragte er sich immerhin per Blitzgedanken. Egal.)

Dann: Ein Morgen wie jeder andere der fünf, sechs davor. Kuss und Frühstück. Doch dann: „Ich fahre heute. Also, dann – Ciao!“

Jetzt aber war es so weit: Er musste Marie-Louise töten. Ob er wollte oder nicht.

Nein! Nochmals würde er ein so nonchalant dahingesagtes Ciao! nicht so einfach akzeptieren und hinnehmen!

Es handelte sich bei ihm, so bildete es sich Alexander zumindest ein, dabei keineswegs um gekränkte Eitelkeit. Aber nein, doch! Nein! Es ginge vielmehr – oh, welch saudummer Gemeinplatz! – ums Prinzip! (Da lachen ja die Hühner! Da kichern die Langusten …)

Wie auch immer. Sie ließ ihm, dachte er ziemlich frustriert, keine Wahl.

Und: Selber schuld …

Übrigens, auch ihre Fersen waren (wieder) rau gewesen. Auch ohne die an André Perugia erinnernde Sandaletten, in Gold gehalten.

III

Alexander hatte alles wohl geplant, exakt und weitgehend emotionslos ausgeführt. Wie? Das wollen wir hier der Phantasie der Leserin und des Lesers überlassen; zudem bieten die tagtäglichen Nachrichten in den diversen Medien sowie in den meist einschlägigen Fernseh-Krimis diesbezüglich genügend Material. Außerdem kann sich das auch jeder ausmalen. So viel sei verraten: In Hinblick darauf, was Alexander mit der nunmehr toten Ex-Freundin noch vorhatte, war er bei der Ermordung entsprechend schonend und beinahe behutsam vorgegangen.

Dann hatte Alexander sich mit Ehrenfried getroffen und den Freund in sein Vorhaben der Taxidermie eingeweiht. Denn (bei allen Vorbehalten, die er dem Ausstopf-Künstler gegenüber hegte) wenn jemand, dann war wohl Ehrenfried der Mann für dieses im weitesten Sinn komplexe Unterfangen.

Immerhin bedarf es beim Bereiten eines kunstvollen Präparats einer ganzen Reihe von Kenntnissen und Kunstfertigkeiten, deren glückliches Zusammenspiel erst ein befriedigendes Endprodukt garantierte (oder zumindest ein solches erhoffen und erwarten ließ). Da mussten Fähigkeiten bilogisch-zoologischer, auch medizinischer Kenntnisse mit solchen künstlerisch-formgebender Art zusammenspielen, da durften kein Zuviel und kein Zuwenig vorherrschen; da sollte freilich auch nicht das erreichbare neue Idealbild womöglich den natürlichen und somit gewohnten Eindruck übertrumpfen. Nein, just höchste und größtmögliche Natürlichkeit adelte erst das im eigentlichen Sinn doch ziemlich aberwitzige Unterfangen. Doch eben diese handwerklich-wissenschaftliche Anmaßung durfte keinesfalls ruchbar werden. Zumindest aufs erste Hinsehen nicht. Ja, erahnbare Camouflage war sogar durchaus erstrebenswert; und eine (freilich mehr mental wirksame) Spielart der Demut vor dem realen Vorkommen in der Natur, in der freien Wildbahn, der hier künstlich arrangierten und überhöhten Wesen …

Fassen wir zusammen. Alexander hatte Marie-Louise getötet und anschließend daran ausstopfen lassen. Nach einer Woche mit Tafelspitz und Weißwein im „Landhaus-Keller“, gerösteter Leber beim „Mohrenwirt“, diversen Spießchen und anderen kulinarischen Feinheiten irgendwo anders, mit ausgiebigem Gevögel (wann ist Gevögel auch schon ausgiebig?! Na, lassen wir das lieber!) und den üblichen Tändeleien, nach so einer Woche wollte er sie nicht schon wieder verlieren. Auch wenn er, zugegebenermaßen, grundsätzlich lieber allein war …

Ja, solche gleichsam antipodische und durchaus widersprüchliche Wünsche gibt es eben.

Zudem war ihm ihr Ciao! beim zweiten Treffen dann doch gegen den Strich gegangen. Was dachte sich die Dame, bitte sehr?! Wer war sie?! (Und wer war er?!)

Ausgestopft, als Kunstwerk, als unwirklich wirkliche Wieder-Schöpfung mittels der Kunstfertigkeiten angewandter Taxidermie jedoch würde sie ihm bleiben. Unaufgeregt und jedenfalls ohne die Möglichkeit erneuten Entweichens und saloppen Entschwindens. Und stumm.

Ja, sogar – weit entfernt von jeglicher Chance zur Widerrede.

Fabelhaft, irgendwie. Ja. Ganz ausgezeichnet und fabelhaft.

Liebe, die bleiben soll auf immer, die hat, so dachte Alexander bei sich, nun einmal stets auch mit dem Tod zu tun. Eros und Thánatos. Denn das Leben war nun einmal flüchtig und irgendwie ungewiss; während der Tod zumindest gewiss war …

Eros und Thánatos. Sie waren quasi verschwistert. Ohne alle Schwermut. Und: Dazu musste man weder ein Freudianer sein noch ein Wiener.

Das Orpheus-Motiv und die Lust, sich in ein taximetrisches Kunstwerk hineinzuversetzen, diese Momente des Wünschens und Wollens, hatten viel gemeinsam mit einander. Außerdem schwebte Alexander nicht im Entferntesten vor, in die Unterwelt abzutauchen; bei aller Wertschätzung, die er zwischendurch für Marie-Louise (und ihre rauen Fersen) auch empfinden mochte, nein, das wäre zu viel verlangt!

Ehrenfried? Der würde sich vielleicht, als prototypischer Weiberheld und in sein Kunstwerk verliebter Pygmalion, auf solchen Firlefanz einlassen und womöglich sogar bereit sein, in die untersten und angeblich finstersten Gefilde des Todes zu steigen. (Zudem war ihm Marie-Louise im präparierten Format durchaus gelungen! Bravo, bravissimo!)

Sollte der doch die Reise antreten. Als Pygmalion im Bonsai-Format, sozusagen! Als Pygmalion-Pygmäe … Ihm, Alexander, sollte das egal sein. Er verfügte immerhin über die ausgestopfte Marie-Louise. Wehrlos und ohne Widerspruchsgeist, wie sie nun einmal war. Ideal …

(Aber mit rauen Fersen, wie er es sich beim Freund ausbedungen hatte.)

Selber hinabsteigen (oder hinauf oder hinüber)? Er, Alexander?! Keinesfalls!

Wozu auch?!

Nein.

Eros und Thánatos.

Und eine ausgestopfte Marie-Louise, die von allen, die sie sahen, bestaunt wurde.

Ja, sie war ein Meisterwerk. Fraglos.

Und wenn sich das nicht so saudumm gefügt hätte mit der internationalen Fahndung nach der jungen hübschen Frau, wer weiß, vielleicht wäre sie ihm sogar auf immer erhalten geblieben?

Und er – uns …

Nun, ja. Eros und Thánatos.

E N D E

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