In Stollbergs

Bilderwelten

oder

Über die Vermischung

der Künste, ihre

Ausübenden und

ihre Klienten.

Eine Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2004 ff.

(ENDFASSUNG 2014)

Wenn sich das Schaf (ein von einem Künstler in Formaldehyd

eingelegter und zur Kunst erklärter Tierkadaver, Anm.) also

nicht als Eintagsfliege entpuppt und die Preisentwicklung des

Künstlers über zwei Dekaden einigermaßen stabil bleibt, dann

ist der Kunststatus des Tieres endgültig “Gesetz”- selbst wenn

das Werk durch einen dummen Zufall zerstört werden sollte.

Christian Saehrendt/Steen T. Kittl, Das kann ich auch

*

Eins.

Es war einiges nach 23:00 Uhr. Vorsichtig betrat der junge Mann das Atelier durch die dem hohen, weiten und saalartigen Raum angeschlossenen verwinkelten Lagerräumlichkeiten. Da hingen sie also (soweit sie nicht schon verkauft und abgeholt waren, gerade für irgendwelche internationale Ausstellungen verliehen oder angekauft von diversen Museen), die Bilder des über die Grenzen hinaus bekannten und gern als eine Art Genie bezeichneten Björn Xavier Rorschach. (Nein, keine Angst: Es bestand mit dem berühmten Schweizer Psychiater und Erfinder des nach ihm benannten Psycho-Tests weder eine Verwandtschaft, noch gab es eine Verschwägerung. Und schon gar nicht war er ident mit diesem Namensvetter.)

Unser junger Mann, der da gerade Rorschachs Räumlichkeiten betrat, hieß übrigens Rüdiger Brockenhorst, war gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alt und frohgemuter Abbrecher mehrerer Studienenrichtungen, die ihn wohl nicht sonderlich zu fesseln imstande gewesen waren; unter anderem hatte er auch mit Kunstgeschichte begonnen. Ein Intermezzo.

Jetzt richtete er den kalten Strahl seiner Taschenlampe auf die zunächst stehenden oder hängenden Exponate. Und aus dem allgemeinen Dunkel lösten sich langsam, denn er litt unter einer (wahrscheinlich vom Vater ererbten) leidigen Nachtblindheit, schemenhaft und zunächst wie unbestimmt die ersten Motive:

,,Letzte Gedanken an Italien/Fragment”, 2004, Acryl/Textil/Mischtechnik auf Leinwand, 80 cm x 80 cm.

Das schöne Vampaar – Extrem festlich“, 2004, Acryl/Textil/Sepia-Tusche/

Mischtechnik auf Leinwand, 80 cm x 80 cm.

Gerüstet ist auch M. (gegen die Kälte)“, 2004, Sepia-Tusche/Rötel et cetera/

Textil/Mischtechnik auf Papier; gerahmt, verglast, 50 cm x 60 cm.

Nachtstück“, 2007, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Ein Lufthauch. Ihn schauderte. Nicht wegen der Bilder oder ihres womöglich gruseligen Inhalts, nein, sondern, weil er doch besser am nächsten Morgen wiederkommen sollte. Ja … Warum hatte er sich auch ausgerechnet heute verspäten müssen? Das war doch sonst nicht seine Art! Genau, das Verkehrschaos wegen der zwei Großdemonstrationen: Gegen das Bettelverbot und Für mehr Menschlichkeit in der City … Dann gerieten die beiden Gruppen auch noch in und an einander, und die Proponenten begannen, unter Beteiligung der stets schlagbereiten Polizei, sich lautstark und durchaus heftig zu streiten. Und schließlich prügelte man tatsächlich aufeinander ein! Deshalb dauerte auch alles so lang …

Als er dann, statt um 19 Uhr endlich um 23 Uhr, vor dem riesenhaften Haus Björn Xavier Rorschachs angekommen war, hatte er den Maler vermutlich prompt verfehlt. Der auffallend große Jugendstil-Bau, der Atelier, Lager und Wohnung in einem zu beherbergen schien, lag, malerisch und von alten Bäumen gesäumt, im Villenviertel (im Osten der Stadt).

„Der Schlüssel ist immer im Blumentopf aufbewahrt, der auf dem Gesims des ersten rechten Fensters neben der Eingangstür steht.“ Das hatte Rorschach am Telefon gesagt. „Im Blumentopf, neben der leicht zerfledderten Grünpflanze. Schlüssel im Blumentopf – wie in schlechten Kriminalfilmen … Also, gehen Sie gleich rein, wenn ich nicht da sein sollte!“

„Aber -“

„Nein, nein, mein Lieber! Ich hab‘ da keinerlei Bedenken! Wirklich nicht! Schauen Sie, ich hab‘ ja noch Ihren Herrn Vater gut gekannt … Lebt der Anatol eigentlich noch?“

„Nein, der ist leider schon tot, seit fünf Jahren …“

„Hm. – Also: im Blumentopf!“

Kahloderma Seife“ (Reklame-Zyklus), 2006, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Non Cheri“, 2006, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 60 cm.

Tod in Türkis“ (Todes-Zyklus), 2006, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm.

Ab nun sollte es ihnen an nichts mangeln“ (Scheiß-Zyklus), 2007, Acryl auf Leinwand,

120 cm x 30 cm.

Weingegend“ (Südsteiermark), 2006, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 60 cm.

Nein, dachte Rüdiger Brockenhorst, lieber unter Tag! (Wobei unter Tag nicht der optimale Ausdruck ist und vielleicht zu sehr an die Arbeit in einem Bergwerk erinnerte! Also besser: am Tag!) Und Rüdiger machte sich auf den Rückweg, indem er sich im Schein seiner Stablampe (gut, dass er sie mit hatte!) wieder hinausschlich. Fast schon beim Ausgang angelangt, streifte der Strahl des handlichen Scheinwerfers eines der Großformate im Hintergrund („Inferno“, 2013, Acryl/Kohle/Sepia-Tusche, auf Leinwand, 130 cm x 170 cm). Und Rüdiger war es kurz so, als bewege sich auf dem Bild etwas – genauer: in der linken unteren Ecke! Ja (er ging zurück und besah sich das Detail im Detail), tatsächlich, da war eine kleine, nein, eigentlich: eine winzige Figur unter vielen – es handelte sich nämlich um so eine Art riesiges Wimmelbild, fast schon um ein Diorama -, und diese Figur wies in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm auf …! Blödsinn, dachte er, du spinnst doch! Erstens kannte ihn dieser Maler, Prof. Björn Xavier Rorschach, doch gar nicht persönlich; und zweitens – – –

(Vielleicht gestikulierte das Männchen als Nächstes dann auch noch wild vor sich hin?! Oder rief zur Revolte auf! „Revolution! Liberté! Egalité! Fraternité!“ – Blödmann! Idiot!)

Endlich erreichte Rüdiger die Tür.

Er atmete auf, als ihn draußen die nächtliche Sommerluft umfing; obwohl die absolut nichts Erfrischendes oder gar Abkühlendes an sich hatte, im Gegenteil. (Seine Nerven … Er brauchte dringend ein Bier oder vielleicht sogar etwas Stärkeres!)

Er würde morgen wiederkommen. Aber anrufen zuvor. Sicherheitshalber.

Und pünktlich würde er sein.

*

Am nächsten Tag, so gegen elf Uhr.

Ja, jetzt sah alles ganz anders aus! Und Björn Xavier Rorschach – „Nein, ich bin weder verwandt noch verschwägert mit Dr. Hermann Rorschach, diesem Psychiater aus der Schweiz, der den kuriosen Psycho-Test mit den Bildern erfunden hat … Nein, keine Angst!“ Wie oft hatte er diese Äußerung in seinem weit über sechzigjährigen Leben wohl schon getan?! -, Rorschach stellte sich als eher unprätentiös, ja, sogar: als leutselig heraus. Schon einigermaßen verschroben, klar doch, sowie auch mit Sicherheit ziemlich egozentrisch und von sich eingenommen; wenngleich Rüdiger auch ein gewisser (gebremster) Hang zur Selbstironie nicht entging, der den alten Herrn sogar noch sympathischer erscheinen ließ. (Sympathischer vielleicht, als er in Wahrheit war? – Egal …)

Ein Künstler eben; natürlich, ein bisschen verrückt; aber nicht unangenehm. Und schon gar nicht diabolisch oder dämonisch! Ganz im Gegenteil: Mit dem leicht gewellten, weißen, gescheitelten Haar, den randlosen Brillen und dem ziemlich sauberen Malermantel sieht er für ein Künstlergenie fast zu normal aus, fand Brockenhorst. Da der Pinselgewaltige gerade ein Großformat mit viel roter Farbe malträtierte, hätte man ihn aufs erste Hinsehen vielleicht auch für einen Aufseher oder Vorarbeiter in einem Schlachthof halten können …

„Das ist er also, der junge Brockenhorst!“ Gerade dass Prof. Rorschach, die Pinsel und Spachteln, mit denen er gerade hantiert hatte, rasch beiseite legend, den jungen Mann nicht umarmte. „Das freut mich! Sie müssen wissen, dass Ihr Vater und ich durchaus gute Freunde waren …, damals …“

„Ach -“, blieb Rüdiger ein wenig unbestimmt. Höflich und leicht lächelnd zwar, aber so, als ob er dem Frieden nicht traute. (Immerhin, er wusste nicht, was der Ältere am Ende im Schilde führte. Und Künstler sind bekanntlich unberechenbar, sagt man. Und dann auch noch die viele rote, blutrote Farbe …)

„Aber nehmen Sie doch Platz, Rüdiger! – Auch einen Malt?“ Rorschach wies mit der ziemlich befleckten rechten Hand auf die Flasche Lagavulin, die in der Nähe auf einem der Tische im geräumigen Atelier stand. Auch ein paar (anscheinend sogar reine) Gläser gab es da.

„Also …, ja bitte“, disponierte Rüdiger, der sich auf einen einigermaßen sicher wirkenden Sessel gesetzt hatte, blitzschnell um, „warum eigentlich nicht?!“

„Genau!“, meinte Prof. Rorschach. „Auf Anatol! Auf ihren Herrn Vater selig!“ Der Maler schenkte ein, und die beiden tranken.

„Und – Ursula, ich meine, Ihre verehrte Frau Mama? Wie geht es ihr …?“, wollte das Genie wissen. Rorschach hatte rasch nachgeschenkt und sich seinem Gast gegenüber hingesetzt.

„Meine Mutter? Sie lebt bei meiner Schwester Heidi und deren Familie in Deutschland, in München, um genauer zu sein. Ich sehe sie freilich alle eher nur selten …“, antworte der junge Mann. Und der Maler merkte das Zögern in den Worten und glaubte da, eine gewisse unbestimmte Trauer oder zumindest: Beklemmung herauszuhören. Doch wollte er – zumindest vorerst einmal – seinen potenziellen zukünftigen Mitarbeiter (oder Angestellten) nicht verschrecken oder mit allzu vielen Fragen löchern. Sie würden das ohnedies noch alles in Ruhe besprechen können. Zeit hätten sie zumindest genug …

Rorschach schenkte erneut nach, und die beiden Männer tranken.

Rüdiger sah offensichtlich neugierig zu den vielen, anscheinend schon fertig-gemalten Bildern an den Wänden und auch zu denen, die offensichtlich noch in Arbeit waren und auf mehreren Staffeleien im Raum verteilt standen. Wie viele andere Maler, schien also auch Rorschach, an mehreren Werken zugleich zu arbeiten.

„Ja, Sie sollten sich ein wenig umsehen, wenn Sie wollen“, meinte der Künstler. „Und schauen Sie am besten doch auch in die Lagerräume – da hinten!“ Und, irgendwie lauernd, wie es Rüdiger vorkam: „In der Nacht werden Sie vermutlich nicht mehr allzu viel erkannt haben von den Bildern …?! – Dann, später, können Sie mit Magister Waltenzuber das Organisatorische besprechen und auch den Dienstvertrag unterzeichnen.“

Auf einen fragenden Blick seines Besuchers hin: „Magister Florian Waltenzuber ist mein Galerist und zugleich mein Rechtsberater.“ Dann, ein wenig nachdenklich: „Und er ist zudem ein guter Freund, auf den ich mich verlassen kann. Ja. Florian kommt dann so gegen Mittag. – Aber jetzt muss ich weitermachen. Wir haben, wie Sie ja wissen, in ein paar Wochen schon Vernissage, und ich bin wieder einmal fast ein wenig in Verzug …“

Er wandte sich abrupt vom Whisky weg und einer der Staffeleien zu.

Pilze? stand am linken Bildrand. Rechts: BXR, die Signatur für Björn Xavier Rorschach, sowie 2011, das Entstehungsjahr des Bildes. „Ja, da muss ich noch etwas dran verändern …“

„Ach?“ Rüdiger wusste nicht, was er erwidern sollte. (Immerhin irritierte es ihn, dass der Künstler an schon signierten Werken später noch herummalte … Auch dass er allem Anschein nach Bescheid wusste, über Rüdigers nächtlichen Kurzbesuch, kam ihm doch irgendwie erstaunlich vor … Nun, er würde sich noch über so manches wundern mit der Zeit. Und irgendwann, dann, endlich, auch nicht mehr …)

„Hat man Ihnen das nicht gesagt?“ Der Maler schien Rüdigers Überraschung bemerkt zu haben, obwohl sein Interesse eigentlich schon ganz der Arbeit gelten sollte, an der er gerade weiterzumachen vorhatte. Und er drehte sich nochmals zu seinem Gast um. „Ich meine: Wussten Sie nichts von meinem Fimmel, immer wieder neu zu beginnen, auch mit angeblich längst abgeschlossenen Sachen?! Haben Sie das nicht gelesen über mich …, auf meiner Homepage im Internet? In den Journalen und Kunstmagazinen? Ja, ich verändere meine Bilder – auch wenn sie anderen als fertig (vielleicht sogar als perfekt … ) erscheinen mögen – im Allgemeinen praktisch permanent! Wenn Sie wollen, so ist das wohl ein Spleen von mir! Oder besser – einer meiner zahlreichen Ticks … Ach, was – wir spinnen ja doch alle, nicht wahr?! Wir haben doch alle eine Meise, wir Kreativen! Oder etwa nicht?!“

Rüdiger nahm die Frage als das, was sie mit Sicherheit war: rhetorisch. Unter dem Bild hing ein Zettel: Acryl/Textil/Mischtechnik auf Leinwand, 80 cm x 80 cm.

*

Der junge Mann machte also einen ausgedehnten Rundgang, der in selbstverständlich auch an den Platz mit dem Hochformat führte, das er nachts betrachtet hatte – mit sich selbst als kleinem Bildteil … Doch es hing jetzt überhaupt etwas ganz anderes an dieser Stelle.

Wahrscheinlich veränderte Rorschach nicht nur die Inhalte seiner Bildwerke permanent, sondern der kuriose Kauz hängte zudem sein Oeuvre dauernd um. Warum? Na, der Originalität wegen …, oder …?!, dachte Rüdiger Brockenhorst und musste lächeln. Wir spinnen ja doch alle, wir Kreativen! Wie wahr, wie wahr!

Also machte er weiter mit seiner kleinen intimen Promenade, mit diesem durchaus amüsanten und wohl auch beeindruckenden Rundgang durchs Atelier. (Außerdem: Es gab da noch mehr Räume.) Ja, doch: Die Sache war in der Tat nicht uninteressant. Nein, ganz gewiss nicht.

Eigentlich hätte er noch ganz gern einen weiteren Whisky gehabt, doch getraute er sich nicht, darum zu bitten. (Er wollte nicht unbedingt als Säufer gelten, schon jetzt, am Beginn …)

„Noch einen Whisky?“, rief Rorschach von weiter weg. Der Maler schien seinen Wunsch wohl erraten zu haben. (Oder dachte er überhaupt auch für die anderen gleich mit?!)

„Ja, bitte, gerne …“ Rüdiger Brockenhorst ging zurück zu Rorschach an die Staffelei.

Der alte Künstler füllte die Gläser (kräftig) nach. („Ganz wie Anatol, sein Vater …“, ging es ihm dabei durch den Kopf, als er denk Blick des Jungen sah, wie er erwartungsvoll auf dem Glas ruhte. Und er lächelte irgendwie befriedigt.) „Prost!“

Auch Rüdiger lächelte, dem Maler zuprostend, und trank.

Rüdiger machte sich erneut auf seinen Rundgang. Diese seine Spur durch das Atelier und die Lagerräume war, so könnte man sagen, bisher eher ein tastendes Mäandern, als dass dem etwas wie systematische Suche zugrunde gelegen wäre. Wie auch – und warum?!

Jetzt erst, mit einem Mal, bemerkte er die grau-weiß-schwarz getigerte Katze neben sich (die ihm vielleicht schon seit geraumer Zeit gefolgt war). Sie kam näher und umstrich, anmutig schnurrend, seine Hosenbeine. Na, dachte er: Bist wohl hungrig? Oder – du hast Durst?

Er beugte sich zu dem schönen Tier hinunter. Doch schon war sie wieder weg, die Katze.

„Sie heißt Ulla und ist eine vornehme Streunerin“, hörte er neben sich einen etwa acht, neun Jahre alten Buben sagen, der zwar ziemlich stark hinkte, dessen besonderes Kennzeichen jedoch allem Anschein nach nicht seine Behinderung war (dazu schien er zu forsch), sondern vielmehr eine kleine Mundharmonika, die er an einem Kettchen aus Silber um den Hals trug.

„Ach, ja …, Ulla, die vornehme Streunerin … Und du? Du bist -“

„Ich bin der kleine Bub mit der Mundharmonika …“, antwortete der kleine Bub mit der Mundharmonika.

„Das sehe ich …“, sagte Rüdiger belustigt. „Aber du hast doch sicher auch einen Namen, kleiner Bub mit der Mundharmonika?!“

„Ja, klar. Ich heiße Sebastian“, antwortete der dunkelblonde Knabe, „Sebastian, der kleine Bub mit der Mundharmonika …“

Das eben, das hatte doch schon beinahe was von einem Ritualan sich. Und wenn er jetzt eventuell, so als Ritual-Draufgabe, die Kennung aus Sergio Leones C’era una volta il west (Spiel mir das Lied vom Tod) anstimmt, dann werde ich vielleicht doch noch verrückt, dachte der junge Brockenhorst, irgendwie belustigt und irritiert zugleich, ja: aufgedreht.

Doch der Kleine blies nichts dergleichen auf seinem Instrument; schon gar nicht die berühmte Melodie von Ennio Morricone. Nein, er sagte vielmehr: „Ciao!“ und ging seiner Wege.

„Du, hör‘ einmal! Kleiner Bub mit der –

„Ja?“, fragte der hinkende Knabe und wandte sich, dabei kurz stehenbleibend und in seinem Humpeln innehaltend, zu Rüdiger um. „Was gibt’s noch?!“

„Warum ist Ulla, die streunende Katze, eigentlich eine vornehme streunende Katze?!“, wollte Brockenhorst wissen.

„Na, schau sie doch an! Die ist eben vornehm …! Vornehm. Einfach so!“ Und der kleine Bub mit der Mundharmonika hinkte fröhlich von dannen.

Hm, dachte Rüdiger,

die vornehme Streunerkatze Ulla, der kleine Sebastian,

Spiel mir das Lied vom Tod

Lila“, 2006, Acryl auf Leinwand, 120 cm x 150 cm.

Was haben Sie eigentlich gegen Vampire?!“, 2004, Acryl/Textil/Papier/Buntstifte/

Mischtechnik auf Leinwand, 80 cm x 80 cm.

Drei rechte Hände. Amen“ (Todes-Zyklus), 2006, Acryl/Gold/Mischtechnik auf Leinwand, 50 cm x 60 cm.

Hatschi! – Zum Wohlsein!“, 2007, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 80 cm.

Doch plötzlich: Da!“, 2010, Acryl auf Leinwand, 80 cm x 110 cm.

Doch plötzlich: Da!

Konnte das sein?!

Am linken Rand des letzten Bildes, das er eben betrachtet hatte („Doch plötzlich: Da!“, 2010, Acryl auf Leinwand, 80 cm x 110 cm) gewahrte er, ganz klein, eine Figur (wenn es kein Fliegenschiss war?!), ähnlich der vom Vorabend oder besser: der Vornacht!

Genauer hinsehend, erschrak Rüdiger: Tatsächlich – das war er, im Kleinstformat, sozusagen! Ein schier mikroskopischer Gnom, ein Nano-Fremdling, ein mehrmals geschrumpfter Gulliver, ein buntes Häufchen Nichts …, auf unbekanntem, vielleicht feindlichem, insulanischem Mega-Terrain, das möglicherweise sogar von bösen Riesen, irgendwelchen blutrünstigen Zyklopen oder mindestens von renitenten Chatch-Weltmeistern bewohnt und bewacht wurde …?! (Felsenfestung, unterirdisches Laboratorium – James-Bond-mäßig alles! Und dann, zu allem Überdruss: Chips ins Hirn, Ortung allüberall. Ständige Überwachung!)

Nur die Ruhe! Keine Überreaktion! Aber – kein Zweifel: Der kleine Kerl hatte wirklich ein Gesicht, nämlich: sein Gesicht!

Er schien nicht ganz klar ausgearbeitet, der Brockenhorst-Zwerg auf dem Bild; zudem in der Malweise Rorschachs, die oft mehr andeutete, als dass der alte Fuschs und Pinselartist alles akkurat und penibel durch- und ausführte; und die von Naturalismus ohnehin meist wohltuend weit entfernt war. Nicht ganz klar ausgearbeitet, wie gesagt, was zudem verständlich schien – bei der geringen Größe! Also, der kleine Kerl war eher verschwommen … Immerhin jedoch: Er war da! Und er war da … Und obschon er, Rüdiger Brockenhorst, einerseits über all das, was sich hier allem Anschein nach abspielte, ganz und gar nicht im Bild war, war er, Rüdiger Brockenhorst, hier anderseits ganz und gar im Bild …! Und noch etwas: Vor circa einer Viertelstunde, als er sich die Werke Rorschachs in der nämlichen Ecke des Lagerraums schon einmal angesehen hatte, gab es das Männchen, das hätte er schwören können, mit Sicherheit noch nicht da, nämlich da im Bild!

Rüdiger schwitzte schon merkbar.

Zwei, drei Whiskys – mehr war da doch nicht gewesen, oder?! Und es fröstelte ihn.

Das mochte ja noch heiter werden …

Fortsetzung folgt!

Zwei.

Mag. Florian Waltenzuber stellte sich als nicht einmal so unangenehmer Zeitgenosse heraus, wie ihn sich Brockenhorst – warum auch immer – eigentlich vorgestellt hatte. Der in feines mittelgraues Tuch gekleidete, gut 1,90 cm große Anfang-Vierziger (ein Hochformat also, wie Brockenhorst sogleich taxierend feststellte) mochte als Jurist wie als Galerist sein, was und wie immer er wollte; im Umgang jedenfalls war er zumindest nicht unangenehm. Nein, gar nicht. Sogar Spuren eines eigenwilligen Humors konnte man, erst einmal mit dem kahlgeschorenen Träger dunkler Hornbrillen (mit dicken Gläsern, die sich über eher verwaschen wirkenden blauen Augen wölbten) und mit etwas vorstehenden oberen Vorderzähnen Ausgestatteten warmgeworden, an Florian Waltenzuber gewahr werden.

Sonderbar fand Rüdiger allerdings, dass sich Rorschach da seinen speziellen Galeristen gleich selber hielt; ähnlich, dachte er, wie manche Wirte ihre Seiblinge oder Forellen, das Schlachtvieh im Stall oder das Wild in der Eigenjagd in den nahegelegenen Waldungen. Doch Künstler, die so gut im Geschäft waren wie Björn Xavier Rorschach, erlaubten sich eben die eine oder andere Eigenheit. (Zudem stellte der Galerist im Sold des Malers möglicherweise sogar die finanziell wesentlich günstigere Lösung dar, als es für gewöhnlich war, wenn die Kreativen nicht selten über 50 Prozent des Verkaufserlöses ihrer Kunst an den Besitzer der Galerien zu berappen hatten. Zudem fungierte dieser Mag. Waltenzuber auch noch als Rorschachs Rechtsberater. Zwei teure Fliegen wurden so mit nur einer Klappe geschlagen!)

Ja, der Bursche ist mit Sicherheit smart, dachte Rüdiger schon beim Begrüßungshandschlag, der entsprechend kräftig ausfiel. (Der Jurist war trainiert, spielte Squash und Tennis und betrieb Golf und Marathonlauf; außerdem war er Anhänger irgendeiner ausgefallenen asiatischen Verteidigungsart, die sogar als Kunst bezeichnet wurde …)

„Servus, Björn“, sagte der Jurist zu seinem Arbeitgeber Rorschach, ihm, trotz merkbaren Respekts, fast kameradschaftlich leicht die Schulter beklopfend. Dann, zum neuen Famulus gewandt: „Sie sind also der Glückliche?! Herr – Rüdiger Brockenhorst?“

„Ja“, erwiderte Rüdiger und vermochte sich den Zusatz nicht zu verkneifen: „Nur – ob ich ein Glücklicher bin, weiß ich noch nicht so recht …“

„Ja, das wird sich in der Tat erst weisen müssen“, räsonierte Waltenzuber mit – wie es Rüdiger schien – einem leisen, spöttischem Lächeln um den Mund, das ein wenig Bewegung in das ansonsten eher fade, glattrasierte Antlitz brachte.

„Es wird sein Glück sein, davon wollen wir zumindest einmal ausgehen“, entschärfte Rorschach diplomatisch die leicht angespannte Situation. Er war gerade damit beschäftigt, eine Flasche guten toskanischen Weines, eines ganz vorzüglichen Chianti classico aus dem Gut Ricasoli bei Florenz, zu entkorken, um sie anschließend in ein entsprechendes, schönes Glasgefäß zu dekantieren. Er bat die beiden Herren zu Tisch, wo er schon – er musste das, während Rüdiger in erste Einblicke in des Künstlers umfängliches Werk vertieft gewesen war, gemacht haben – einen runden Porzellan-Teller mit Schinken aus San Daniele, Schälchen mit Kapernbeeren, Oliven und geschälten harten Eiern, dazu noch Weißbrot und eine überaus appetitlich aussehende, vielsortige Käseplatte mit diversen Brotarten, mit entsprechenden Tellern, mit Besteck und Gläsern sowie einer Karaffe Wasser vorbereitet hatte.

Man setzte sich, und Mag. Waltenzuber öffnete seine elegante Aktentasche aus schwarzem Leder und entnahm ihr mehrere Schriftstücke.

„Ihr Aufgabe, Herr Brockenhorst, wird es sein, für unseren Meistermaler“, er machte eine leicht theatralisch (und daher auch eher lächerlich) wirkende Bewegung mit der Rechten in Richtung Rorschach, „diverse Aufträge zu erfüllen. Als da zum Exempel sind: das Besorgen von Farben oder Pinseln, natürlich auch von Federn und Tuschen, von Bunt- und Bleistiften et cetera. Dann werden Sie auch für größere Bestellungen von Leinwänden und anderen Materialien zuständig sein et cetera, et cetera … Und mir werden Sie, bitte, bei Marketing und PR-Maßnahmen in der Galerie zur Hand gehen, so weit sie sich auf Björn Xavier Rorschach und sein Oeuvre beziehen. Wie ich gehört (beziehungsweise gelesen) habe, lieber Rüdiger Brockenhorst, hatten Sie ohnedies kurz einmal auch das Fach Kunstgeschichte belegt gehabt. Ja, und außerdem sind sie der Sohn von Björns altem Freund -“

„- das ist ja das Glück, von dem wir früher gesprochen habe“, unterbrach der Maler gutgelaunt den, wie Rüdiger zu bemerken glaubte, zu Abschweifungen neigenden Juristen.

„Aber jetzt erst einmal Prost, die Herren!“

Man aß und trank, lobte dabei und wies auf besonders Treffliches hin, und schließlich unterschrieb Rüdiger den durchaus seriös wirkenden Vertrag, der ihm ein, wie es schien, mehr als bloß angemessenes Gehalt versprach und außerdem eine interessante Arbeit, bei der er sich, summa summarum keinen Fuß ausreißen würde müssen.

Sie diskutierten recht animiert über die Kunst, die Kolleginnen und Kollegen Künstler sowie über den Kunstmarkt, der – so formulierte es Mag. Waltenzuber salopp – „zur Zeit, wie alles andere auch, ziemlich am Arsch“ sei. „Die Reichen, die es sich leisten können – und nur die Reichen können es sich leisten! -, die Reichen also horten die Bilder in geheimen Depots. Und zeigen sie niemandem. Und dann setzten sie sich nachts vor die Meisterwerke des Barock, vor die Bilder der Impressionisten oder die Arbeiten der Zeitgenossen und – Padon! – holen sich vielleicht einen ‚runter beim Anblick der prächtigen Erzeugnisse des schöpferischen Geistes anderer … Oder auch nicht. Aber sie besitzen nun mal einen erklecklichen Anteil an allem, was je geschaffen wurde, künstlerisch, und noch geschaffen wird … Zudem scheren sie sich, warum auch?, kein bisschen um irgendwelche vormalige Besitzverhältnisse. Nein, nein! Das ist ihnen alles scheißegal! Ob Werke, die früher, in der Nazi-Zeit als Entartete Kunst bezeichnet worden waren, ob ehemals sowjetische, heutige russische oder vielleicht chinesische Dissidenten-Kunst – egal, sie sammeln alles an geheimen Orten, wo sie sich dann daran begeilen können …“ Mag. Waltenzuber war in Fahrt.

Erstaunlich scharf blickend, dachte Brockenhorst, für einen Juristen …

Und sogar Björn Xavier Rorschach sah anerkennend zu seinem Mitarbeiter hin und hob das Glas.

„Gut gebrüllt, Florian!“, fügte er seinem Weinglasgruß an und fuhr fort: „Unser Magister Waltenzuber sieht die Zusammenhänge völlig richtig! Prost nochmals!“

Der Angesprochene schien sogar leicht, irgendwie beinahe: bubenhaft, zu erröten (oder war das der Weinkonsum?) und setzte zu einer finanz- wie sozialwissenschaftlichen Coda an: „Wir dürfen den Umstand nicht außer Acht lassen, dass ausschließlich ganz Reiche und ganz Arme in weitestgehender Kongruenz zwischen Beruf und Existenz, also Arbeit und Leben existieren; wobei die Arbeitslosen durchaus eingeschlossen sind, da bei ihnen Beruf eben durch ihren (unerquicklichen) Zustand des Keine-Arbeit-Habens substituiert wird.“

„Genau“, sagte der alte Maler, dem sein Mitarbeiter anscheinend schon genug Erhellendes geäußert hatte, „nur der unermesslich Reiche vermag sich völlig auf seine Existenz zu besinnen – und darauf, sie möglichst prächtig auszugestalten. Und der Bitterarme, der gar nichts besitzt und dem es folglich an allem mangelt. Dahingestellt bleibe, bei wem von beiden tatsächlich Klarheit darüber besteht, wie fragil das überhaupt ist, was wir da Existenz nennen: dieses Raum-Zeit-Spatium zwischen Gestern und Morgen, zwischen Gewesen-Sein und möglicherweise Noch-Sein …“

Nach einer kurzen Nachdenkpause, die Rorschach auch gleich als Nachschenkpause zu nützten wusste, trank man noch ein wenig weiter, um schließlich einen kleinen Themenschwenk vorzunehmen: Björn Xavier Rorschach begann (wieder einmal, doch das konnte Brockenhorst noch nicht wissen) nämlich, eine seiner gerne vorgebrachten Analogien zwischen Künstlern und Minderheiten, zwischen sich sowie der Kollegenschaft und, was weiß ich, den Roma oder Sinti, Ausländern, Apartheid, geistig und/oder körperlich Behinderten, Zuwanderern zum einen und dem ewigen, unausrottbaren, stets aufs Neue so gefährlichen Übermenschenglauben zum anderen (…) zu ziehen.

Und so weiter, und so fort …

Dann steuerte Mag. Waltenzuber jedoch durchaus Amüsantes (weil Anekdotisches) sogar zu dem grosso modo denn doch eher traurigen Thema bei. „Die schöne Angelique“ – er wandte sich an den Maler: „du kennst sie, glaube ich, die junge Angela aus dem Fünfer-Haus in der nahen Plattenbau-Siedlung?!“, und Rorschach nickte kurz – „die hat man, natürlich hinter ihrem Rücken und auch da nur hinter vorgehaltener Hand, des öfteren schon als Araber-Hur‘ tituliert! Und das bloß, weil ihr kleiner unehelicher Sohn, der Raffi, so kehlig gesprochen hat, anfangs …“

„Genau, der kleine Raphael!“, stieg der Maler interessiert ins Gespräch ein. „Und was weiter?“

„Nun ja, das mit der Heiserkeit hat sich gelegt. Er hat nämlich Keuchhusten gehabt, der Kleine. Und unser Dr. Siebenzeh hat ihn im Handumdrehen wieder kuriert …“

„Der Raphael – der könnte glatt vom Raphael gemalt sein“, räsonierte Rorschach vor sich hin. Dann aufblicken: „Keine Angst, ich mache mir nichts aus Knaben! Aber ich mag sie einfach, höre ihnen gern zu, wenn sie miteinander diskutieren, ganz altklug; oder wenn sie interessiert sind an der Welt – und an meiner Malerei; und besonders wenn sie dabei auch noch nett aussehen und höflich sind. So wie der Sebastian, der kleine Bub mit der Mundharmonika -“

„- und der vornehmen Streunerin namens Ulla“, ergänzte Brockenhorst.

„Ah, Sie haben die beiden schon kennen gelernt …“, sagte Rorschach. „Ein hübsches Paar!“

Dann, den Gedanken über die Intoleranz von vorhin wieder aufnehmend, fügte er ernst hinzu: „Jaja, die Menschen wollen einfach immer das Schlechteste von den anderen glauben und annehmen.“

Mag. Waltenzuber nickte, und auch Rüdiger äußerte ein kurzes „Genau!“

„Zum Exempel“, fuhr Rorschach fort, „die gestohlenen Dreiheiligenkönige -“

„Du meinst: die Heiligen Drei Könige aus der Dreieinfaltskirche?“, warf Waltenzuber vorsichtig korrigierend, doch selbst ein wenig fehlerhaft ein.

„Nein, lieber Florian, aus der Dreifaltigkeitskirche natürlich!“, stellte nun wiederum der Maler lächelnd richtig. Und zu Rüdiger gewandt: „Also, die barocke Skulpturengruppe, die war gestohlen worden. Und wen hat man spontan des Diebstahls geziehen? No -?“

Brockenhorst zuckte mit den Schultern, und Waltenzuber wollte dem Freund und Dienstherrn anscheinend aus Loyalität heraus die Pointe überlassen. Der Magister schwieg daher.

„Man verdächtigte drei stadtbekannte Tippelbrüder und Penner. Nur weil sie Bartatlas, Kaspüle und Melchmajor heißen …! Sie waren selbstredend nicht die Kirchendiebe. Nebenbei: Wir kennen sie, diese drei Burschen. Das sind ganz freundliche, gesellige und durchaus zutrauliche Typen! Sind oft da, nicht wahr, Florian?!“

Mag. Waltenzuber nickte bestätigend. „Ja, mit dem vierten Gesellen im Bunde, mit dem Rudi mit der Flasche … Lauter harmlose Penner. Immer durstig, aber harmlos …“

„Sie waren es natürlich nicht, die den Skulpturen-Diebstahl begangen hatten“, wiederholte Rorschach und fuhr fort: „Aber das hat sich dann alles erst später herausgestellt …“

Rüdiger war sich nicht sicher, was er von der doch eher hanebüchenen Geschichte um die Heiligendreikönige (oder so ähnlich) halten sollte. Oder ob er den exquisiten toskanische Rotwein nicht doch ein wenig zu rasch getrunken hatte? Jedenfalls war er froh darüber, als man sich schließlich einem anderen Thema zuwendete. (Was allerdings mit einer nächsten Flasche verbunden war.)

*

Auch dieser Mag. Waltenzuber war ein recht gewiegter Fabulierer – für einen Juristen, dachte Rüdiger bei sich, immerhin fast schon erstaunlich. Nach seinen – zugegeben: wenigen einschlägigen – Erfahrungen mit ein paar Kommilitoninnen und Kommilitonen der sogenannten Jurisprudenz (und ihrer seit Jahren schon schier Schwammerl-artig sprießenden Schwester-Wissenschaften Volks- und Betriebswirtschaftslehre und anderer Wirtschafts-Bastarde) zu schließen, mussten das wohl eher windige Studienrichtungen sein. Aber, immerhin, dieser Florian Waltenzuber war entweder eine rühmliche Ausnahme seines obskuren Faches oder ein schlauer Bursche und Camoufleur … Egal, was sollte es? Er, Rüdiger, hatte seinen Job. Und sowohl der alte Björn Xavier Rorschach als auch der smarte Magister hatten ihm, dem Jüngsten in der Runde, dann bald schon, noch beim toskanischen Rotwein (und einigen folgenden Gläsern Grappa), das Du-Wort angeboten. Allem Anschein nach konnte er hier mit einem angenehmen Betriebsklima rechnen. Was wollte man mehr?!

So war sein Vater Anatol, von dem er – zumindest wissentlich – nicht allzu viel vererbt bekommen und ergo übernommen hatte an allfälligen Talenten und Begabungen, doch zu etwas gut gewesen (in seinem eigenen wie im Leben des Sohnes): Die Freundschaft des alten Brockenhorst brachte dem jungen Brockenhorst für das, was er in Zukunft noch leisten würde, vorweg schon schöne Zinsen und beinahe so etwas wie Vorschusslorbeeren ein beim Meistermaler Björn Xavier Rorschach. Hätte er sich überhaupt mehr erhoffen dürfen als das? Nein! Und über einen gutdotierten Job konnte er sich obendrein noch freuen.

Egal, was da zwischen seinem Vater und dem Maler auch gewesen sein sollte (an Freundschaft, Kameraderie, gemeinsamen Streichen …), Björn Xavier Rorschach hatte sozusagen das Herz des jungen Mannes erobert. Denn der Alte schien ein humanistisch gebildeter, hedonistisch ausgerichteter Mensch von einigem Charakter zu sein. (Abgesehen vom guten Wein und Schnaps!)

Was Rorschach zum Beispiel über Verbote, die besser nicht erfolgen sollten, sagte, rührte Rüdiger Brockenhorst sehr an. Der Maler vertrat nämlich die Meinung, die Staatsführungen und die Regierungen demokratischer Länder sollten auch extreme politische Strömungen nicht sogleich verbieten. Sie möchten vielmehr darauf sehen, dass sich die Basis, also das Volk in all seinen sozialen Schichtungen und Sektionen, arm und reich, alt und jung, politisch und ideologisch entsprechend gesichert empfände; dass die sogenannten Untertanen allesamt überzeugt sein könnten, wertvoll zu sein. Dann wäre ein immerhin ziemlich befriedigender Status im Zwischenmenschlichen erreicht. Wäre, denn – das müsse er, Rorschach, leider zugeben – da hapere es bei weitem noch! Aber, gäbe es einmal den mit viel Einsatz zu erstrebenden breiten Konsens und waltete dazu eine entsprechend humane Grundeinstellung, so reichte auch gesamtstaatlich die politische Stabilität dafür doch wohl aus, auch Extremstandpunkte und Antieinstellungen ohne weiteres zu verkraften! (Wenn sie nicht ohnedies angesichts einleuchtender Argumentation und mittels gelebter Toleranz von selbst aufhörten und also verschwanden, wie der Maler, quasi in Klammern, hinzufügte.)

Irgendwann freilich ist auch das schönste Einstellungsbesäufnis zu Ende. Der Künstler musste weiterarbeiten, und auch Mag. Waltenzuber rief sein Pensum ins angeschlossene Büro. Also machte sich auch Rüdiger auf, und er schlenderte wieder und weiter durch die Lagerräume.

Er solle sich heute erst einmal einen Überblick verschaffen.

Ausrotten! Ausrotten!“, 2007, Acryl auf Leinwand, 70 cm x 50 cm.

Prof. Dr. Sigmund Freud“, 2008, Acryl auf Leinwand, 120 cm x 150 cm. Auftragswerk: VERKAUFT.

,,Osterhase und Huhn“, 2008, Acryl/Filzstift/Mischtechnik auf lackierter Holzfaserplatte, 56 cm x 67,5 cm.

Spiegelbild I“, 2007, Acryl/Filzstift/Spiegelfolie/Mischtechnik auf Leinwand, 60 cm x 90 cm.

Peter Altenberg fährt Autodrom“, 2007, Rötel/Kohle, Mischtechnik auf Papier, verglast, 30 cm x 40 cm.

Gespräch am nächtlichen Stammfisch“, 2007, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Kein sibirischer Königstiger springt durch eine eben erst geröstete Weißbrotscheibe. Freiwillig“, 2006/2007, Acryl auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Hampelmann, verletzlich, den Löffel abgebend“, 2007, Acryl auf Leinwand,

100 cm x 100 cm.

Haare“, 2006, Acryl/Haare/Goldfarbe/Mischtechnik auf Holz/Papier, 39 cm x 52 cm.

Die Blindverkostung der Buchstabensuppe/Mag(g)i(e)“, 2006, Acryl auf Leinwand, 120 cm x 160 cm.

Rüdiger vertiefte sich zum Teil auch – und soweit das in der Geschwindigkeit beziehungsweise nach der doch recht opulenten Jause möglich war – in die Bilder und in ihre Inhalte. Zusammen mit dem inhalierten Malt-Whisky, den drei Flaschen superben toskanischen Edelweins, den Prof. Björn Xavier Rorschach, Mag. Forian Waltenzuber und er, der gewesene Student beziehungsweise überzeugte Studienabbrecher sowie nunmehrige Künstler-Administrator oder Kreativ-Gehilfe, wie auch immer, zum wirklich vorzüglichen Käse und Schinken genossen hatten, und dem ausgiebigen Grappa-Finale ergab das alles eine seltsame Wirkung: Rüdiger Brockenhorst fühlte sich zwar hellwach, hätte jedoch durchaus auch ziemlich betrunken sein können oder high

Es fühlte sich in ihm alles irgendwie wattiert an.

Doch Rüdiger hatte immerhin einen Vertrag in der Tasche! Die Arbeit würde überschaubar – welch lustiges Wort im Angesicht so vieler Kunstwerke! -, also, überschaubar sein und nicht besonders aufwendig oder anstrengend. Zudem hatte sich auch dieser Mag. Florian Waltenzuber in der Tat als ein recht witziger Bursche entpuppt; besonders, wenn er einen Kleinen in der Krone hatte.

Da erzählte er beinahe so fesselnd wie Rorschach selbst. Na, und der war ohnedies super!

Fast automatisch untersuchte Rüdiger ein Bild nach dem anderen darauf hin, ob sich etwa wieder irgendwelche kuriose Veränderungen feststellen ließen. Anders gesagt: Ob nicht vielleicht wieder irgendwo er, Rüdiger Brockenhorst, in einem der Rorschach-Werke auftauchte …; inzwischen womöglich zum Helden wider Willen in einer der bizarren Geschehnisse dieser Maldramen avanciert, die den nicht selten reichlich irren und (zumindest für ihn) weitestgehend undeutbaren Bilderwelten Rorschachs ihr Innenleben verliehen.

Es gingen hier immerhin, so schien es ihm, eigenartige Dinge vor sich, die aus den meist großformatigen Wimmelbildern, aber auch aus zuvor noch weitgehend klar strukturierten Stillleben oder aus den sonstigen grotesken Szenarien beklemmende Dioramen machten.

Und tatsächlich: Da! Da waren kurioserweise wieder ein paar Veränderungen zu bemerken („Kein sibirischer Königstiger springt durch eine eben erst geröstete Weißbrotscheibe. Freiwillig“ …) Just bei diesem Riesenschinken bemerkte er, wieder links unten, wieder klein, seine Figur! Ohne Zweifel, ja, das war er, Rüdiger! Und, angedeutet, auch die Figur Rorschachs und die eines zwergenhaften Mag. Waltenzuber! Etwa so, wie sie gerade vorhin beim Gespräch zusammengesessen waren, nur jetzt – aufrecht stehend! Zwergenhaft? Nein – mit einem Mal größer werdend! Viel größer! Riesig! Ja!

Und jetzt: Auf einmal schienen sich der Meistermaler und er irgendwie auf skurrile, auf bizarre Weise zu vereinigen! Sie wurden quasi zweigesichtig, hatten indes zusammen nur einen Körper! Eine ganz obskure Metamorphose war das – beklemmend, furchterregend, ja: Dieses Bild und diese Vorstellung ließen ihm schier das Blut in den Adern gefrieren!

War er ein Doppelgänger Rorschachs? War Rorschach ein Alter Ego seiner Person? Waren sie gemeinsam bloß einer? Eine – Chimäre? Ja – was nun?!

Fest stand, dass der kleine, früher noch zwergenhafte, inzwischen jedoch auch schon gewaltig angewachsene, ja: angeschwollene Mag. Waltenzuber eifersüchtig zu sein schien … Der wollte doch nicht am Ende auch mitmachen? Oh, doch! Dieser Kerl versuchte ebenfalls, sich mit der an sich schon reichlich perversen Doppelfigur zu vereinigen?! Das war ja mehr als teuflisch! Oh, Himmel! Das da …, das war eine regelrechte Phantasmagorie!

Plötzlich gab es da jedoch auch noch andere Figuren, die Rüdiger (noch?) gar nicht kannte, und alles veränderte sich hin zu einem langsam immer gewaltiger ausufernden Wimmelbild, ja, zu einem erschreckenden, schier stratigrafischen Groß-Diorama, das jetzt sogar seine Dimensionen sprengte! (Das Bild musste gut und gern vier, fünf Meter lang und mindestens drei Meter hoch sein, wobei dem Tiger – eigentlich waren es zwei Tiger – längst nicht mehr die zentrale Bedeutung innerhalb der Riesenmalerei wie kurz zuvor noch zukam … Und auch dem silbrig glänzenden Toaster und der Weißbrotscheibe nicht.)

Gut, Wimmelbilder hatten ihn früh schon, als Kind, fasziniert und zugleich geängstigt. Ein wohliger Grusel war es, der ihn immer wieder überfiel bei ihrem Anblick. Dabei waren die Wimmelbilder – besonders bei Comics-Zeichnern und Karikaturisten, also bei den Satirikern mit Pinsel und Stift, ein überaus beliebtes Ausdrucksmittel. Mancher leistete in diesem Sujet ganz Großes, etwa der wunderbare Cartoonist (und Mitbegründer von „Pardon“ und „Titanic“) Chlodwig Poth. Und die Gestalter solcher, im Wortsinn das Auge fesselnder Wimmelbilder ihrerseits waren zudem meist bestens geschult an superben Vorgängern im Malen beklemmender Pandämonien, nämlich an wahren Koryphäen des Magischen wie Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel dem Älteren. (Man denke doch bloß an dessen bekanntes Bild „Die niederländischen Sprichwörter“!)

Doch nun hier, im Atelier und in den weitverzweigten Lagerräumen Rorschachs: Da wimmelte es richtig – nicht nur vor Rüdigers Augen! Nein, auf der Leinwand, dem bevorzugten Material für die Bilder des Meistermalers. Er sah sich, Rüdiger, klar doch! Aber er sah auch Rorschach, den Maler selbst, dessen Blick ihn mit einem Mal an den alten Maurits Cornelis Escher erinnerte, wenn der, eine spiegelnde Glaskugel in seiner Hand mit den gespreizten Spinnenfingern balancierend, dem Betrachter sein ebenfalls elegant gespiegeltes Antlitz offerierte … Ja, an Escher, diesen genialen Gestalter unheimlicher, skurriler und überaus suggestiv wirkender magisch-bizarrer Bild-Welten wie auch raffinierter optischer Täuschungen; dann schwenkte sein Blick wieder zum Dritten im Bunde, zum böse kichernden Mag. Waltenzuber. Ja, auch dessen Gesichtsausdruck, in dem sich Eifersucht und Neid spiegelten, konnte er untrüglich erkennen. Und da, jetzt: Ulla, die vornehme Streunerkatze, und Sebastian, der kleine hinkende Bub mit der Mundharmonika …

Doch da kamen noch andere kleine Figuren dazu, die, immer größer werdend und anschwellend, ihn allesamt giftig anfeixten. (Übrigens, was Rüdiger zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, weil er ihre persönliche Bekanntschaft noch nicht gemacht hatte: Es handelte sich unter anderen um die meist betrunkenen, aber harmlosen Tippelbrüder und um den durch und durch ehrbaren, hochgebildeten Hofrat Prof. Dr. Anton Adalbert Galthür. Außerdem waren da noch die nicht unbedingt sehr erfolgreichen, aber durchaus gemütlichen Jazzmusiker der Band „The Old Abscesses“ anwesend und die Meisterin an der Singenden Säge, Roberta Gaisbach-Drohbusch, mit einigen Fans sowie Rorschachs treue Zugehfrau, die grauhaarige alte Mathilde Moorsalz; außerdem der ständig betrunkene Philosoph Rudi mit der Flasche, der eigentlich zu den fidelen Sandlern gehörte, und noch ein paar andere nicht weniger lustige Typen, die alle irgendwie zu Rorschachs Bekanntenkreis zu zählen waren …)

Das ging Rüdiger alles gewaltig an die Nieren, irgendwie.

Wer jetzt – und – mit wem?“, 2004, Acryl/Textil/Kohle/Mischtechnik auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Mythos“, 2006, Acryl auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Der bekackte Vampir“, 2004, Acryl/Textil/Mischtechnik auf Papier, 50 cm x 65 cm.

Als Wagner einmal den Papageno singen wollte“, 2004, Acryl/Textil/Papier/

Mischtechnik auf Papier, 50 cm x 65 cm.

Kelche“, 2007, Acryl auf Leinwand, 6 Arbeiten zwischen 10 cm x 15 cm und 50 cm x 70 cm.

Meine Katze Lila“, 2006, Acryl/Holz/Mischtechnik auf Leinwand, 50 cm x 50 cm.

Die Entscheidung von Paris erwartend (I), 2007, Acryl auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Entscheidung (II)“, 2009, Acryl auf Leinwand, 120 cm x 120 cm.

Hitler und Napoleon“, 2004, Aquarell/Filzstift/div. Materialien/Mischtechnik auf Papier, 76 cm x 56 cm.

Es ist angerichtet …“, 2005, Acryl/Stoff/Spiegelfolie/Mischtechnik auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Jeep! Go“, 2007, Acryl auf Naturleinwand, 60 cm x 100 cm.

Nullgari“, 2007, Acryl auf Naturleinwand, 50 cm x 50 cm.

Vivienne Eastwood’s Boudoir“, 2006, Acryl auf Naturleinwand, 40 cm x 50 cm.

Bitt(ralon)“, 2007, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 120 cm.

Fahrenheit 451“, 2008, Acryl auf Leinwand, 20 cm x 100 cm.

Also, die letztgenannten fünfzehn Bilder besah er sich ziemlich unbeteiligt, weil innerlich weitestgehend abgelenkt, und nur sehr oberflächlich. Doch wer wollte ihm das verdenken?! Da stritten immerhin verschiedenste Regungen in Rüdiger mit voller Gewalt und Wucht mit einander. Von den gegensätzlichsten Gefühlswallungen gar nicht zu reden.

Er war fertig. Er war parterre. Er war kaputt.

Was wollte man noch von ihm?

Er jedenfalls wollte nur eines – seine Ruhe.

Fortsetzung folgt!

Drei.

Im Atelier war anscheinend fast immer etwas los. Da gab es ein permanentes Kommen und Gehen. Der Trubel war zwischendurch riesig! Rüdiger, der sich so ziemlich alles, was mit seiner neuen Tätigkeit zusammenhing, anders (oder vielleicht auch gar nicht) vorgestellt hatte, fragte sich da in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder aufs Neu, verwundert und irritiert, wie das der alte Rorschach überhaupt aushielt – bei der Arbeit!

Doch der schien die Ruhe in Person zu sein. Ein geborener Fels in jeder Brandung …

Wenn es einmal tatsächlich zu laut zu werden drohte rings um den schier unermüdlich schaffenden Maler (oder wenn er just an einem Akt arbeitete und zum Beispiel die schöne Maria Magdalena Sittich ihm nackt Modell stand, saß oder lag – oder ihre Zwillingsschwester Ruth; welche es gerade war, wusste man nie so genau …), wenn es also zu laut wurde und zu hektisch oder die Arbeit, mit der er gerade beschäftigt war, dann doch einen gewissen Grad an Intimität erreichte und daher Ruhe angesagt gewesen wäre, so oblag Rüdiger die Aufgabe, etwaige besonders hartnäckige Gäste in den sogenannten Roten Salon zu bitten.

Das war ein recht gemütlicher Raum, rechts neben den Lagerhallen, ausgestattet mit ein paar kleinen Kaffeehaustischen, einer schmucken Theke und einer langen gespiegelten Vitrinenwand mit Schnaps- und Likörflaschen, Gläsern und anderem Zubehör, die es Mag. Waltenzuber gelungen war (vor einiger Zeit, als er noch als Masseverwalter tätig gewesen war), aus den Restbeständen eines alten und recht urtümlichen Cafés für Rorschach günstig abzuzweigen. Alles original 1950er Jahre, bitte sehr! Sogar einen alten, aber gepflegten Billardtisch gab es da (noch wesentlich älteren Datums) und ein paar durchaus brauchbare Queus sowie tatsächlich noch echt elfenbeinerne Bälle.

Wie man zum Raubbau an den edlen Spendern, den unschuldigen Elefanten, auch immer stehen mochte, allein der Klang dieser Billardkugeln, wenn sie einander sanft berührten oder heftig trafen nach ihren – allesamt physikalischen Gesetzen folgenden – kürzeren wie längeren Wegen über das feine grüne Tuch, allein dieses Klick war ein Genuss! (Klick-Glück hätte ein poetischer begabter Rüdiger Brockenhorst dieses Geräusch beim Carambol oder Karambolage-Spiel vielleicht augenzwinkernd genannt.) Nichts dagegen die üblichen Kunststoff-Dinger oder gar die billig wirkenden US-amerikanischen Import-Kugeln fürs Pool-Billard! Pure Blasphemie …

Im roten Salon. Da saßen dann die Gäste Rorschachs. Solche, die sich zuvor telefonisch angesagt hatten, wie auch zufällig hereingeschneite; Freunde oder auch nur Bekannte oder, nicht selten, bloß Bekannte von Bekannten von Bekannten … Und die diskutierten dann alle über Gott und die Welt, über die Kunst, die Künstler und das liebe Geld, sogar über das Leben – und über die Kunst des Lebens wohl auch. Je nachdem.

Oder einer spielte Klavier, denn auch ein (mindestens hundertzwanzig Jahre alter, aber gepflegter und gut gestimmter) Stutzflügel der Wiener Marke Ittypfel stand da. Und mitunter kamen dann sogar ganz besondere echte Freunde Rorschachs zu Besuch: die alten Herren von der grosso modo nicht so besonders erfolgreichen Jazzband „The Old Abscesses“. Lauter in anderen Berufen längst zu Karriere und Geld gelangte Gentlemen, die sich jedoch als Musiker nie vom gehobenen Amateurstatus hinweg aufschwingen hatten können (oder wollen) in die angeblich so lichten Höhen des Virtuosentums oder gar in die des internationalen Show-Business; die nichts desto trotz überaus gern zusammen spielten seit je her und immer wieder ihr der ehrlichen Begeisterung durchaus fähiges Publikum fanden. „The Old Abscesses“ legten einen engagierten Dixieland– oder Old Time-Jazz hin, warteten indes auch mit recht eigenwilligen Um-Arrangements von sozusagen klassischer Bigband-Musik der 1940er und 1950er Jahre auf – von Glenn Alton Miller bis Kurt Edelhagen.

Da wirkten also der Augenfacharzt Dr. Emmerich „Emmi“ Quartzschopf als gewiefter Pianist und umsichtiger Bandleader, der pensionierte Oberamtsrat Eugen „Burli“ Haarschleim mit viel Animo an Klarinette, Alt- oder Tenorsaxophon, dann der Industrielle (aus der Elektronik-Branche) Widukind „Holzbein“ Wickler mit Ambition an der Gitarre. Die Trompete (und manchmal das Cornett) blies beherzt der AHS-Musik-Professor Egon „Filzy“ Filzmayer, der sich auch meist um die Arrangements kümmerte, und an der Posaune war der rundliche Senatsrat Dr. Wilhelm Spreitzer mit Verve aktiv. Dann gab es natürlich auch noch den einfallsreichen Dr. Theophil A. Ruckenzaucher, genannt „Lichtenberg“, der hauptberuflich als geschäftsführender Verlagsleiter wirkte, am Kontrabass und, last but not least, den verlässlichen und Takt-sicheren Drummer Dipl.-Ing. Reinhard Kurt Kreiskrasser, der auch am Schlagzeug den Techniker (er war langgedienter und ergo hochrangiger Beamter im Baureferat der Landesregierung) nicht verleugnen wollte und bei den Kollegen für seine Exaktheit bekannt – und gefürchtet – war.

Übrigens, Ruckenzaucher wurde Lichtenberg gerufen, weil er stets treffende Aphorismen (meist aus den Sudelbüchern) des berühmten Göttinger Experimentalphysikers, Philosophen und pointiert-spitzen Formulierers auf Lager hatte; manchmal, zugegeben, zu viele und zu andauernd. Und Widukind Wickler, der hieß Holzbein, weil er schlicht und ergreifend über ein solches verfügte; was seiner Quirligkeit indes keinen wesentlichen Abbruch tat.)

Im Schlepptau der angegrauten, indes überaus ambitionierten Jazzer tauchte nicht selten die Virtuosin an der Singenden Säge, Roberta Gaisblatt-Drohbusch, auf, die ihr kurioses Instrument zwar in Perfektion beherrschte, aber aus anderen Gründen von den Kollegen gern als Singende Nervensäge tituliert wurde. Zu ihren apartesten Kreationen gehörte eine reichlich bizarre Fassung des bekannten Standards „Smoke gets in your eyes“ aus dem Musical „Roberta“ (!) von Jerome Kern (aus dem Jahr 1933). Noch auffallender freilich als diese Nummer und der Umstand, dass die muntere Sägerin mit ihren gut 75 Jahren immer noch als Kettenraucherin schlotete, was das Zeug hergab, war die Tatsache, dass sie sich weiterhin standhaft weigerte, unter ihrer Transparent-Bluse einen Büstenhalter zu tragen …

Lange Zeit war Roberta Gaisblatt-Drohbusch im Schatten ihrer (leider schon vor vielen Jahren verstorbenen) Cousine gestanden, der sogar international bekannten Kunstpfeiferin Pauline „Mercy“ Schirlingshausen. Besagte Dame hatte es zu einigem Ruhm gebracht, da sie in den 1970er Jahren einige Male gemeinsam mit Joe Zawinul und einer seiner kultigen Formationen unter anderem in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgetreten war; seither galt sie weltweit als einzige ernstzunehmende Jazz-Kunstpfeiferin. (Ihr Jugendfreund aus Wiener Nachkriegstagen verhalf ihr anno dazumal übrigens auch zu einem überaus erfolgreichen Engagement in Las Vegas – und zum Kosenamen, in Anspielung auf seinen Welt-Hit „Mercy, Mercy, Mercy“.)

*

Da, im gemütlichen Roten Salon, saß freilich zum Beispiel auch hin und wieder ein anderer echter Freund des Malers (denn es gab natürlich auch jede Menge Arschlöcher, Mitläufer, Speichellecker und Kunstidioten – sogar hier, im Roten Salon!), nämlich der schon uralte Hofrat Prof. Dr. Anton Adalbert Galthür, seines Zeichens verdienstvoller und längst pensionierter Gymnasialdirektor; und außerdem ein Hedoniker durch und durch. Doch er war auch ein zeit seines langen Lehrerdaseins immer engagierter Pädagoge mit Gefühl und wahrem, ungekünsteltem Interesse für die Belange, Sorgen und Nöte der Jugend. Galthür vermittelte Rüdiger zum Beispiel (bei gutem schottischem Whisky, aber auch bei urtümlichem Bauernschnaps und anderen, oft sogar selbst mitgebrachten alkoholischen Köstlichkeiten!) manchen Einblick in das Schulwesen; wie es war – Rüdiger hatte es selbst noch vor wenigen Jahren, zudem eher schmerzlich am eigenen Leib erfahren müssen -, und wie es hätte sein können. Ja, wie es eigentlich zu sein gehabt hätte, verdammt noch mal!

Hofrat Galthür legte Rüdiger die Idee der Bildung im Sinne Wilhelm von Humboldts nahe; dabei vergaß der alte Praktiker der Pädagogik, der lange Jahre hindurch selbst die Fächer Deutsch, Geographie und Geschichte unterrichtet hatte, auch nicht, auf die doch bedeutenden Unterschiede zwischen diesem Humboldt und seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Alexander hinzuweisen, dem berühmten Naturforscher und Weltreisenden. Denn, so der alte Hofrat Galthür: „Das Bild vom Menschen mochte beide Brüder ja durchaus verbunden und geeint haben; doch wie man etwas zu seiner bestmöglichen Bildung – eben als Gesamtwesen Mensch und weniger bloß zweckgebunden und auf den schnellen Schulerfolg hin – beitragen könnte, hörte sich im Detail bei den beiden Preußen dann doch sehr unterschiedlich an.“ Und, fast vertraulich zu Rüdiger gewandt, „Sie wissen vielleicht, junger Freund, dass die Humboldts, gemeinsam mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, im Dezember 1794 zu Jena quasi die deutsche Klassik aus der Taufe gehoben haben?! Summa summarum waren das schon Burschen …“

Rüdiger Brockenhorst nickte halbherzig (er wusste natürlich nicht) und lächelte daher bloß möglichst verbindlich, während sie munter weiter tranken.

Nun ja, die Klassik … Der Epoche selbst, wie wir sie heute zu kennen glauben und wie sie uns hauptsächlich vom Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts tradiert wurde, waren sich naturgemäß die Menschen ihrer Zeit selbst kaum bewusst.“ Und der alte Hofrat grinste ein wenig schelmisch: „Ich meine, die alten Römer, knapp vor ihrem Untergang, haben ja auch nicht gewusst, sie seien die alten Römer …. knapp vor ihrem Untergang!“

Man schwieg kirchernd.

Ach ja, die Bildung“, fand der Hofrat nach ein paar guten Schlucken Whisky (Lagavulin), wieder ernst, zum alten Faden zurück. „Wilhelms diesbezüglicher Plan, der eindeutig vom Menschenbild des großen Immanuel Kant und auch von dem Goethes geprägt war, mag uns heute vielleicht utopisch erscheinen. Wahrscheinlich galt er damals schon als wunderlich. Und das, was er da vorschlug, klang für die Zeitgenossen als kaum realisierbar; damals, als sich der ältere Humboldt, auf ausdrücklichen königlich-preußischen Befehl hin und an maßgeblicher Stelle stehend, an die Neuordnung des Schulwesens machte, versehen mit den Vollmachten und dem Titel eines Geheimen Staatsrats und Direktors der Sektion für Kultus und Unterricht im preußischen Ministerium des Inneren …“

Pause zum Nachgießen und Trinken.

Nach der furchtbaren Niederlage der Preußen gegen das weitaus überlegene Heer Napoleons bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 beziehungsweise nach dem nicht minder folgenreichen Friedensschluss von Tilsit, ein Jahr später, der bedeutende Landverluste und finanzielle Belastungen von schier Existenz-bedrohendem Ausmaß für König Friedrich Wilhelm III. und sein Land gebracht hatte, wollte man zumindest mit einem möglichst florierenden Bildungssystem Terrain aufholen, das auf militärisch-politischem Gebiet unwiederbringlich verloren gegangen war“, erläuterte Galthür, sich in gute alte Lehrer-Rhetorik und entsprechenden Schwung redend, mit roten Backen und funkelndem Blick unter den leicht getönten Brillengläsern.

Humboldts Plan war im Grund einfach“, fuhr er fort, „wenngleich der Gelehrte – er war seit Jahren in Rom als eine Art preußischer Gesandter in Ministerrang, ansonsten für die Wissenschaft eigenverantwortlich als Privatier tätig gewesen –, vielleicht zu wenig mit den diversen Ränken und Kabalen in der Bürokratie über, neben und unter sich rechnend, wohl zu sehr von Idealvorstellungen ausging; und weniger vom Normalfall Ämter-hierarchischer Durchsetzbarkeit. Kurz: Ihm schwebte ein völlig neues Bildungssystem vor, das eingeteilt werden sollte in Elementarunterricht, Schulunterricht und Universitätsunterricht.“

Darauf musste getrunken werden. Unbedingt. Und man tat dies auch entsprechend.

Ich zitiere Manfred Geier aus seiner gescheiten Biographie ,Die Brüder Humboldt‘ (Reinbek bei Hamburg 2013)“, fuhr Galthür in seiner Suada fort, während er aus einer alten abgewetzten, dereinst vermutlich mittelbraunen Aktentasche ein Buch herausnahm, aufschlug und daraus vorzulesen begann. „Also: ,Im Elementarunterricht soll der Schüler lernen, Gedanken zu äußern und zu verstehen, sie schriftlich zu fixieren und zu entziffern. (…) Im Schulunterricht geht es vor allem um den Erwerb sprachlicher, mathematischer und geschichtlicher Kenntnisse, wobei zugleich das Lernen des Lernens geübt wird. Sein Ziel ist, den Lehrer überflüssig zu machen. Denn am Ende des Schulunterrichts ist der Schüler in der Lage, nun für sich selbst zu lernen. Während also der Elementarunterricht den Lehrer möglich macht, wird er durch den erfolgreichen Schulunterricht schließlich entbehrlich. Damit ist dritte Stufe erreichbar: der Universitätsunterricht. Er ist für Humboldt die Krönung eines ganzheitlichen Bildungsprozesses, in dem der wahre Zweck des Menschen seine höchste Gestaltung finden kann.’“

Der Hofrat klappte das famose Buch Geiers wieder zu und verstaute es in seiner alten Tasche. „Sie sehen, mit dem profunden Rüstzeug des Elementar-und Schulunterrichts wohl versehen, sollten die jungen ambitionierten Menschen dann den universitären Unterricht beginnen … Zugegeben: eine Utopie! Aber – eine hübsche! Besonders heute, wo es, wenn man sich hierzulande zum Exempel die peinliche Diskussionen um ein neues Lehrerdienstrecht anschaut, im Schul- und Bildungssystem allem Anschein nach ausschließlich um die Zahlen der Wochenstunden und um möglicherweise abflachende Lebensgehaltskurven oder um die Antritts- und Endgehälter der Lehrkräfte zu gehen scheint, um die adäquate Bezahlung von Überstunden, um Entgelte für Korrekturleistungen in Fächern mit Schularbeiten, um durchaus entbehrliche Querelen zwischen den einzelnen Schultypen mit ihren entsprechenden Ausbildungsgraden, dann (und vor allem) um jede Menge an Zwist und Hader zwischen den zuständigen Ministerien und den Gewerkschaften … und so weiter, und so fort – nur nicht um die Bildung!“

Er nahm einen großen Schluck. Und Rüdiger beeilte sich nachzuschenken.

Also geht es nicht um die Schüler, die Eltern und die Lehrerschaft?“, fragte Rüdiger Brockenhorst ein wenig naiv. Er hatte den Lehrern im übrigen ohnedies immer schon die langen Ferien geneidet … (Obschon zwischendurch gerade die vielen Urlaubswochen sogar ein Grund für ihn gewesen waren, eine Zeit lang zumindest mit dem Gedanken zu spielen, selbst ein Lehramtsstudium zu ergreifen. Er hatte indes alsbald Abstand davon genommen.)

Leider nur peripher“, antwortete Hofrat Galthür. „Wobei ich ausdrücklich auf die vielen guten und fleißigen Lehrerinnen und Lehrer hinweisen möchte, die sehr viel Zeit in die Vor- wie in die Nachbereitung ihres Unterrichts hineinstecken und sich tatsächlich auch ständig und sorgfältig weiterbilden. Und überhaupt – bilden. Aber, es gibt halt leider auch andere …“

Das Gespräch hätte allerdings nach grundsätzlicher Vertiefung verlangt, etwa in politischer Hinsicht, also, was die Grenzen der Sozialpartnerschaft in Fragen der Schule betraf; und welch eminenter Stellenwert der so erstrebenswerten, ja: längst überfälligen Entpolitisierung des gesamten Bildungssektors zukomme. „Denn“, so der Hofrat, „der ist in Wahrheit schon jahrzehntelang durch Proporz-Denken und Parteibuch-Wurschtlerei lahm gelegt! Und gerade die Schule im Sinne praktischer Bildung, wie sie sich Wilhelm von Humboldt vorgestellt hatte, und Effizienz neu und zeitgemäß auszurichten, wäre wohl die wichtigste Aufgabe!“

Dieser Aufgabe widmete man dann noch das eine oder andere Glas, wobei die Getränke mindestens so hochprozentig waren wie das Gespräch geistvoll. Alsbald schwappte, zugegeben, ein bisschen von der Fülle an Wein-Geist auch zurück ins Bewusstsein der Diskutanten und machte zunächst einmal ihre Sinne froh, dann allerdings ihre Zungen schwer und den Gedankenfluss zuletzt ganz allgemein etwas zäh und konturlos. Auslöschung lag in der Luft. (Doch, was soll es? Erhellung tut bekanntlich immer gut. Ob mit oder ohne Kontur.)

*

Vielleicht wären die eifrigen Diskutanten der aktuellen und der historischen Schulfrage, Rüdiger Brockenhorst und Hofrat Anton Adalbert Galthür, trotz leichter Alkohol-abhängiger Beeinträchtigungen noch länger beim spannenden Thema verblieben, hätte sich da nicht auch noch der Filmemacher und manische Kulturpessimist Manfred A. Immerrain eingeschaltet, der vor einiger Zeit schon, von den beiden Herren unbemerkt, zur Runde gestoßen war.

Immerrain, ein nervöser Mittfünfziger mit grauer Künstlermähne (die, mühsam genug, seine weit mehr als bloß aufkeimende Glatze zu verdecken die Aufgabe gehabt hätte, diese indes nur zu eher geringem Teil erfüllte), Immerrain also, der ansonsten ständig bei irgendwelchen potenziellen Geldgebern privater wie öffentlicher Art antichambrierte und so die meiste Zeit auf Schnorrtour unterwegs war, schilderte in der für ihn typischen, larmoyanten Art seine Befindlichkeit, die, wie zu erwarten, eine wenig gute war. Dabei hätten rechtens schon ganze Beamtengenerationen, die in den mit der Filmförderung betrauten Institutionen tätig waren, in ihm längst die Mensch gewordene Rechtfertigung ihres Daseins erblicken müssen! (Noch ein paar von seiner Art, und sie hätten tatsächlich was zu tun gehabt, diese Schlafmützen!)

Er tue und tue, doch man verhalte sich ihm gegenüber fast immer schmafu wie nur, beklagte er wieder einmal lautstark sein Schicksal. Immerhin wisse er, fuhr er pfiffig fort, über diverse pikante Interna Bescheid, „was dann nicht selten so manche lange Zeit hartnäckig verschlossen gehaltene Tür doch noch zu öffnen hilft …“ Also hoffe er „auch diesmal auf letztlich einigermaßen ersprießliche Bedingungen“, unter denen seine „aktuellen Vorhaben zum guten Schluss, gegen alle anderslautenden Prophezeiungen, Gestalt annehmen“ sollten.

Da Immerrain einmal als Regisseur, dann wieder als Produzent, im dritten Fall in beiden Funktionen agierte und auftrat, hatte der gelernte Kameramann bei allem Gejammere seine Finger ohnedies immer irgendwo drinnen. (Er hätte zudem ohne Zweifel auch sonst so und nicht anders geredet; so freilich tat er es mit einer gewissen Berechtigung.)

Manfred A. Immerrain kannte Rorschach („mein alter Freund“) schon seit Jahrzehnten recht gut, und so traktierte er den bildenden Künstler in Abständen immer aufs Neu – besonders, seit der zum Meistermaler avanciert und, wie man wusste, ziemlich wohlhabend (wenn nicht gar unverschämt reich) geworden war – mit der Idee einer einmaligen, ganz großen TV-Dokumentation! Ihm schwebe da als Titel so was Knalliges wie Im Schatten des Pinsels vor!

Doch Prof. Björn Xavier Rorschach weigerte sich standhaft, in dieses angeblich so verlockende Projekt einzusteigen (und sei es bloß als Inhalt-spendendes Objekt der Immerrain’schen Begierde).

Und Rorschach tat gut daran. Durchaus.

Ansonsten ließ er den aufgedrehten Filmemacher als Original gelten. Auch wenn er die meisten der Immerrain-Produkte eher bloß gedämpft goutierte; eben, weil er den Gestalter so gut kannte. Aber man müsse Toleranz üben, äußerte sich Rorschach, dazu befragt. Man durfte schließlich auch die Musik Antonio Vivaldis mögen, obwohl der Venezianer angeblich ein Lieblingskomponist des prominenten NS-Philosophen Martin Heidegger war. Ja, sogar Richard Wagners Werke mit Freude zu hören, war gestattet; obgleich Adolf Hitler selbst –

Doch war das alles, wie das Ende der Geschichte zeigen wird, letztlich ohnehin egal.

Fortsetzung folgt!

Vier.

Rorschachs Liebestest, wie der Maler sein sexuelles Interagieren früher gerne genannt hatte, als er noch knusprig, frisch und unternehmungslustig gewesen war – jetzt fühlte er sich eher faltig, runzelig und rundum lädiert; aus der Buntheit von damals war sukzessive Moribundheit geworden, wie er gerne, zwischen aparter Selbstironie und weniger aparter Larmoyanz vor sich hin kalauerte -, also, Rorschachs Liebestest hatte in der Mehrzahl der Fälle darin bestanden, dass er den schönen Frauen (denn es handelte fast ausschließlich um solche), denen er innerlich gerade Avancen machte (oder die ihm entsprechend aufgefallen waren, weil sie ihm Avancen machten), zunächst nach außen hin mit – möglicherweise: gespieltem – weitestgehendem Desinteresse begegnete.

Doch wenn sie, die Damen, gleichsam die Fische in diesem Spiel, ihm dann – trotzdem oder vielleicht just deshalb – den Anschein vermittelten, angebissen zu haben, dann verwandelte er sich in eine von Potenz wie von Minne strotzende Mischung aus Superman und spätmittelalterlichem Troubadour. Oh, ja: Harter Männercharme und Liebeslyrik, strömend aus einer weidwunden Seele, die in der eigenen Empfindsamkeit geradezu zu köcheln schien (wie Kalbsherz im wohlschmeckenden Gewürzsud), Männercharme und weichzeichnendes Verseschmieden troffen dann schier um die Wette, und aus allen Poren strömten, halbwegs elektrisierend, abwechselnd Testosteron oder Sanftmut. Fazit: Sein ganzes, solcherart zartbitteres Auftreten nahm mit einem Mal durchaus phallische Züge an.

Und diese erstaunliche Mixtur wirkte.

Ja, Rorschach kam bei den Weibern an damit.

Egal, ob ansonsten ach so kühle intellektuelle Kostümträgerinnen und Business-Ladys (Nadelstreif) oder Kunst-affine Gender-Demonstrantinnen (Schlabberhosen und BH-lose Oberteile), ob überbordende Gefühlsgänse (à la Biedermeier) oder raffinierte, ein wenig verspätet wirkende Schulmädchen (1970er Jahre), ob mies verheiratete und deshalb gelangweilte Hausfrauen (Ewig-Look), gestrenge Lehrerinnen (mit beinahe schon Domina-haft apartem Haarknödel im verwelkenden Nacken), ob kecke Operetten-Soubretten (hauptsächlich Wasserstoff-blond und grell) oder sektierende Sekt-Tussen (beinahe noch greller) – alle, zumindest beinahe alle verfielen dem Meistermaler binnen kürzester Zeit!

Und was das Schönste daran war: So sie überhaupt viel dachten, waren sie zu allem Überfluss noch davon überzeugt, nicht Beute sondern Jägerin (oder besser: Fischerin) gewesen zu sein!

Björn Xavier Rorschach konnte diesbezüglich durch Jahrzehnte weitgehend aus dem Vollen schöpfen. Es funktionierte, und das Jagd- oder Fischereiglück blieb ihm hold. Und sieht man einmal ab von seinen drei geschiedenen, alles andere denn glücklichen Ehen – Resümee: von den Gefühlen her durchwachsen, absolut freilich für ihn jedes Mal im mittleren Finanzdebakel endend – , so hatte er durchwegs immer jemand Weiblichen um sich und bei der Hand gehabt, wenn ihm danach gewesen war. Und es war ihm sehr oft danach. Gewesen.

Übrigens: Für die kurze Zeit, da ihn seine Begleiterinnen tatsächlich interessierten oder gar zu fesseln vermochten, hatten auch die – meistens wesentlich jüngeren – Damen über ihn und seine Leistungen nicht zu klagen gehabt. Früher.

Maria Magdalena und ihre Zwillingsschwester Ruth, die beiden Sittiche, wie er sie meist zärtlich-burschikos und in Hinblick auf das im Allgemeinen später dann ja doch (trotz aller selbstkritischen Anmerkungen betreffend die Hinfälligkeit allen Fleisches et cetera) bald wieder von Neuem angestrebte Gevögel nannte, schienen optimal als Gefährtinnen für seine späte Reifezeit geeignet. (Außerdem, sie hießen ja wirklich Sittich.)

Zunächst schon als seine hübschen Modelle überaus tauglich, vollzogen die gelehrigen und durchaus anpassungsfähigen Geschwister dann auch gern den Schritt hin zu noch intimerer Zusammenarbeit. Das geschah, sozusagen, ganz organisch und gestaltete sich auch vom finanziellen Aufwand her mehr oder minder günstig für ihn. Und das Ganze war unkompliziert; so unkompliziert, wie die beiden jungen Frauen nun einmal waren. Und außerdem verlief es zur vollsten Zufriedenheit aller daran Beteiligten.

Natürlich wusste Rorschach um sein, um der Gefühle und hiermit um dieser Beziehung Ablaufdatum genau Bescheid. Nein, er gab sich keinen Illusionen hin. (Auch hätte er jeden Gedanken als illusorisch abgetan, der sich womöglich darauf hätte beziehen können, wie schön es gewesen wäre, die beiden vor Jahrzehnten schon kennengelernt zu haben … Erstens waren die zwei Schönen vor Jahrzehnten noch gar nicht auf der Welt gewesen; zweitens hatte er sich damals permanent in anderen offenen Armen befunden; drittens konnte ihm der Irrealis gestohlen bleiben. Und auf den Konjunktiv schiss er, viertens, ohnedies und überhaupt.)

Allerdings kam ihm angesichts der jungen Frauen immer wieder einmal (und leider nur mehr bruchstückhaft) ein hübsches Gedicht des galanten schlesischen Barockdichters Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616 – 1679) in den Sinn, das er allerdings nur mehr fragmentarisch zusammenbrachte, wenn er sich bemühte:

Wo sind die Stunden

der süßen Zeit,

da ich zuerst empfunden,

wie deine Lieblichkeit

mich dir verbunden?

Sie sind verrauscht. / Es bleibet doch dabey,

dass alle Lust vergänglich sei …

Ja, die Vergänglichkeit … Fazit (laut Hoffmannswaldau): Was man geschmeckt und nicht mehr schmecken soll, / ist freudenleer und jammervoll.

Und zuletzt schließt der Dichter zu allem Überfluss messerscharf: Ich wein itzund, dass Lieb und Sonnenschein / stets voller Angst und Wolken sein.

Sicherlich ganz im Geist des sinnenfreudigen Hoffmannswaldau freilich fand Rorschach stets neue Quellen seiner Erquickung: Was unsern Geist erfreut / entspringt aus Gegenwärtigkeit.

(Übrigens hätte Björn Xavier Rorschach bloß googeln zu müssen, er hätte den vollen Wortlaut des anmutigen Gedichts sogleich wieder parat gehabt – etwa unter: www.rec.org/lieder/get_text.html?TextId=24117.)

Für einen Künstler möchte uns Rorschach diesbezüglich, also, was den Umgang mit dem schönen Geschlecht betrifft, das Erobern, Genießen und Ablegen diverser Minne-Blumen, dann doch erstaunlich kaltschnäuzig, wenig sensibel und unsentimental erscheinen. Doch so war er eben einmal. Und nur so hatte er vermutlich die Ups and Downs seines bewegten (Künstler-)Lebens überhaupt überstehen können. Denn auch sein Weg, vom unbekannten, oftmals abgelehnten, dauernd missverstandenen und im besten Fall ignorierten (wenn nicht sogar oft genug in Grund und Boden kritisierten und arg rezensierten) jungen Idealisten zum – in der Tat reichlich abgebrühten – bestens verdienenden und durchwegs akzeptierten, ja: angehimmelten Künstler, Meistermaler und absolut Arrivierten, der war durchaus steinig gewesen und von manchen Niederlagen gesäumt. Hart und ungemütlich. O ja.

Durchwachsen eben.

Im Visier I, II und III“ (Triptychon), 2008, Acryl auf Leinwand , 80 cm x 100 cm;

50 cm x 70 cm; 50 cm x 70 cm.

„Abstrakt“, 2006, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 50 cm.

Tod mit Sense“, 2006, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 60 cm.

Tod vor Wand“, 2006, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm.

Wandspiegel II“, 2008, Acryl auf lackiertem Grund/Spiegel,

Mischtechnik, 73 cm x 73 cm.

Zwei Zitronen ohne Anspruch “, 2007, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 60 cm.

Unklar der Weg“, 2006, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 50 cm.

*

Björn Xavier Rorschachs (oder Rüdiger Brockenhorsts?) Traum und die imaginäre Frage an den Schulfreund von damals, später dann geäußert. Ach, ja.

Er sei, so träumte ihm, eben aus einem Traum erwacht (oh!) und das halb nur. Ja, vermutlich. Zumindest … Erwacht also, weil ihn wohl die Traumbilder selbst geweckt hatten. Es sei bei dieser Traumsequenz, so weit er sich zu entsinnen vermochte, um eine Imagination gegangen, die ihrerseits, wenn schon nicht ausgelöst, so doch sehr stark beeinflusst gewesen sei von der dem Schlaf (=Traum) vorausgegangenen Lektüre, nämlich der von Daniel Kehlmanns Quasi-Doppelbiographie „Die Vermessung der Welt“ (28. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2013), handelnd also vom berühmten Naturforscher, Weltreisenden und universell wissenschaftlich aktiven Alexander von Humboldt (1769 – 1859) und vom mathematicorum principi, dem ebenfalls berühmten und vielseitigen Mathematiker, Astronomen, Geodäten und Physiker Johann Carl Friedrich Gauß (1777 – 1855), der unter anderem die nicht-euklidische Geometrie begründete sowie dem darin zitierten (vielleicht fiktiven?) Verlangen des greisen, zerknittert wirkenden Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804), Lampe (Kants Diener, Anm.) möge Wurst und Sterne zur Bewirtung der Gäste besorgen. Zuvor nämlich, bei Björns (oder Rüdigers?) Lektüre des Kehlmann-Romans, habe die von Gauß verehrte Johanna – des in der Folge zum Universitätsprofessor, Sternwartedirektor und Landvermesser Avancierten spätere erste Frau, Johanna Elisabeth Rosina Osthoff – auf die räumlich ebenfalls weitgehend zerknittert wirkende Dreiecksüberstülpung hingewiesen und die damit nötigenfalls verbundene Aufhebung des gleichsam ehernen Gesetzes der Winkelsumme von 180 Grad, die für sämtliche Dreiecke gelte; eine Art Ausnahme dieser Regel müsse ins Auge gefasst werden bei etwaigen Faltungen, wenn also irgendwelche Dreiecke räumlich über Gebirge und Schluchten, Berge und Täler, Höhenzüge und Tiefeneinschnitte gelegt oder gebreitet würden, welche Faltvorgänge ihn wiederum an die amüsante Geschichte „Die Karte des Reiches im Maßstab 1:1“ von Umberto Eco erinnert habe, die ihm dereinst schon in dessen Sammlung „Platon im Striptease-Lokal“ (in: „Sämtliche Glossen und Parodien“, München 2002) besonders aufgefallen war. In eben diesem Zusammenhang sähe er sich nun genötigt, einen alten Schulfreund zu molestieren, da dieser Mathematiker sei, es ihm, Björn (oder Rüdiger?), indes am entsprechenden mathematischen beziehungsweise geometrischen Wissen und Rüstzeug mangle, obschon er zwar als zumindest leidlich guter Zeichner gelte, aber im Unterrichtsgegenstand Darstellende Geometrie eine Niete gewesen sei, was freilich verwundern müsse; einerseits eben, weil er – trotz seines nachweislichen Defizits, was das räumliche Vorstellungsvermögen beträfe – sich dennoch früh schon als ein gewiegter Grafiker entpuppt habe, andererseits das DG-Manko gerade seine diesbezügliche Begabung im sogenannten perspektivischen Freihandzeichnen als höchst fragwürdig erscheinen hätte lassen müssen (zumindest objektiv); ja, dass die Behauptung seines allenthalben gerühmten diesbezüglichen Könnens, die angeblich von anderen immer wieder geäußert werde, paradoxerweise sein Talent womöglich ins Reich des Fabulösen verweise, dorthin also, wo eher Schmeichelei und berechnende Schönfärberei vorherrschten denn um Wahrheit bemühtes Beurteilen aufgrund sachlicher Gegebenheiten. Er müsse denn um Aufklärung des gesamten Sachverhalts bitten, wie es bei – er nenne sie völlig laienhaft – räumlich gefalteten Dreiecken tatsächlich mit der korrekten Berechnung, Bestimmung oder der einer (ihm womöglich unbekannten) Gesetzmäßigkeit entsprechenden Festlegung der Winkelsumme verhielte; ja, ob es so etwas überhaupt gäbe – allein schon eingedenk der mehr oder weniger zufälligen Zer- und Verknitterungen besagter Dreiecke im Raum. In diesem Zusammenhang sei er (wenn auch, zugegeben, etwas unwillig) bereit, anzuerkennen, dass besagter Freund ohne Frage der Gescheitere von ihnen beiden sei. (Obgleich er wisse, dass dies alles weniger mit irgendeiner Gescheitheit, sondern vermutlich mit Wissen zu tun habe und zusammen hinge. Und von Wissen wisse er, wiederum zugegeben, in diesen Belangen nichts oder zumindest eindeutig zu wenig …)

Freilich, das Problem sei keines von denen, die ihm unter den Nägeln brannten, wie man so bildhaft zu sagen pflege; nein, er empfinde das Ganze eher als eine weitgehend nebensächliche Sache von peripherer Bedeutung; immerhin erschiene sie ihm jedoch durchaus interessant; ja, wenn sein Vorrat an Lebenszeit reichhaltiger wäre, würde er sich vielleicht sogar selbst um eine – zumindest für ihn, Rüdiger (oder Björn?), befriedigende – Lösung bemühen; aber unter den obwaltenden Umständen stünden da nicht minder aktuelle Fragen an, bei deren Lösung er seinerseits ebenfalls anstünde … Also möge ihm doch bitte der mathematisch und geometrisch begabte Freund aus fernen Schultagen (und überhaupt) diesbezüglich zur Seite stehen. Ansonsten müsse er, dies solle jedoch keineswegs als Drohung falsch interpretiert oder missverstanden werden!, die vermutlich für den kuriosen Traum (mit-)verantwortliche aktuelle Lektüre von Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“, aber auch die kürzlich erst erfolgte von Manfred Geiers Biographie „Die Brüder Humboldt“, dazu das vor Jahren schon gehabte Lesevergnügen an Umberto Ecos Erzählung „Die Karte des Reiches im Maßstab 1:1“ und andere frühere oder spätere Beschäftigungen mit etwaigen Protagonisten – Alexander und Wilhelm von Humboldt, Carl Friedrich Gauß, natürlich Johann Wolfgang von Goethe (unter anderem via Rüdiger Safranskis neuer Biographie „Goethe. Kunstwerk des Lebens“, München 2013) und Konsorten – besser einstellen. Und das wäre vielleicht überhaupt nicht das Schlechteste, was er in diesem Fall tun könnte; obwohl sich das Lesen für ihn immer als wichtige Quelle von Ideen und Anregungen, sowie nicht selten als wahrer Born geistiger Bereicherung oder zumindest als überaus tauglicher Zeitvertreib in hohem Ansehen befunden habe … Die just aus der Lektüre entstandenen (und weiter entstehenden, ja, sich anscheinend sogar noch verstärkenden!) Probleme einer astralen Geometrie, wie beispielsweise die rund um die – im Raum dann vielleicht doch nicht mehr – konstante Dreieckswinkelsumme, wären freilich vermutlich bloß dem an sich traurigen Lauf der Zeit adäquat. Und zudem hole ihn sein Unvermögen, was die Darstellende Geometrie – insbesondere hinsichtlich der räumlich zerknitterten Dreiecke – beträfe, nun doch noch ein; was er allerdings vermutlich ohnedies die ganze Zeit, unbestimmt und dunkel, geahnt habe. Doch so verhielte es sich eben mit den Ängsten und Phobien ganz allgemein. Da sei ihm der Konjunktiv allemal lieber: Bei diesem grammatikalischen Burschen wisse man wenigstens, dass man nicht wisse, woran man bei ihm sei!

Dann erwachte Björn Xavier Rorschach (oder Rüdiger Brockenhorst?) sozusagen ein zweites Mal nach ein und demselben Traum … Und er (welcher auch immer) war verwirrt.

Übrigens, irritiert hatte ihn auch ein schreib-technisches Detailproblem, dass nämlich Daniel Kehlmann in seiner „Vermessung“ keinerlei Quellen (etwa die Humboldt-Briefe, andere Biographien und Autoren et cetera) zitierte. Doch fühlte der sich möglicherweise eben ganz als Romancier und folglich in erster Linie dem Fiktiven verpflichtet; nicht als Rechercheur und somit verantwortlich fürs Faktische. Einen prominenten Kollegen für diese seine Haltung fände Kehlmann in Bertolt Brecht, dessen Anmerkung, er neige grundsätzlich zur „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums,“ immerhin originell wirke. Und wer, wenn nicht Brecht, hätte genau gewusst, wovon er da sprach, ging es um Plagiatsvorwürfe, unterschlagene Quellenangaben et cetera … (Siehe dazu: Detlef Bluhm. „Von Autoren, Büchern und Piraten. Kleine Geschichte der Buchkultur“, Düsseldorf 2009.)

Jedenfalls, das konnte er (egal, ob jetzt Björn Xavier Rorschach oder Rüdiger Brockenhorst) aus der ganzen Geschichte lernen: Auch das Träumen war nicht mehr das, was es angeblich einmal gewesen war. Und schon gar nicht ungefährlich!

Fortsetzung folgt!

Fünf.

Beim Herumspazieren im Atelier und beim Durchstreifen der Lagerräumen (und wenn ihn nicht gerade sein Wimmelbild-Alter-Ego und die anderen, meist nicht minder beunruhigenden Figuren und Darstellungen in Rorschachs Bildern irritierten) fielen Rüdiger Brockenhorst auch immer wieder die durchaus satirischen Ausflüge des Meistermalers auf.

Der fleißige Professor beschäftigte sich, seinem Naturell entsprechend, nämlich zum Exempel gern mit Politik, Wirtschaft, Umwelt und Tagesgeschehen – auch wenn ihm das insgesamt oft genug gegen den Strich und auf die Nerven ging. Sein Ärger über die Dummheit, die Eitelkeit und die Inkompetenz der sogenannten Eliten, handelte es sich dabei nun um Politiker, Banker, Wirtschaftsbosse oder um andere Bankrotteure, seine Verstimmtheit über die Arroganz der meist mittelmäßigen Denker und Philosophen sowie sein Ekel über die Oberflächlichkeit und das Fehlen jeglichen Tiefgangs, wie er sie in der Welt der Kunst und Kreativität – von sogenannter Hoch- und Subkultur bis hinein ins volksdümmliche Gedudel – feststellen zu müssen glaubte, entluden sich regelmäßig in meist großformatigen, durchwegs überaus treffenden, nachgerade bissigen und allemal enttarnenden Karikaturen. Der Umstand, dass diese überhöhenden, die Laster, Schwächen und Blödheiten der Dargestellten lustvoll dekuvrierenden Riesengemälde auch optimal in der Wahl der Mittel und der Technik sowie handwerklich meisterlich auf die Leinwände gebannt waren, steigerte die enorme Wirkung dieser zum puren pointierten Angriff gewordenen Kunst noch erheblich.

Um in Rorschachs gefinkelten Pandämonien einen Platz an der Sonne zu ergattern, bedurfte es übrigens gar keiner besonderen (Un-)Fähigkeiten; eine durchschnittliche Politiker-Laufbahn sollte im Allgemeinen genug Motive dafür bieten, hier prominent zu Abbildungsehren zu gelangen … Und wenn es auch nicht unbedingt für die Integrität der dargestellten Mächtigen sprach (oder gar für ihr einwandfreies Amtsverständnis oder ihre untadelige Humanitas), so galt es beinahe als Makel, noch nicht in die Rorschach-Sammlung der ausgewiesenen Dunkelmänner (und -frauen) aufgenommen worden zu sein. (Dabei ist es so einfach: Ein mittlerer Finanz-Skandal, ein bisschen Korruption – und Sie sind dabei!)

Rorschach tat, was er tat, nicht nur aus Lust am Aufdecken. Nein, da war auch Angst im Spiel. Vor der Dummheit seiner Opfer fürchtete er sich berechtigterweise am meisten; mehr noch als vor eklatantem Machtmissbrauch, zum Himmel stinkender Bestechlichkeit oder nachgewiesenem sonstigem Fehlverhalten; denn der Meistermaler nahm mit einiger Berechtigung an, diese unselige Dummheit wüchse beständig. Immer noch, immer weiter. Und darin stimmte er weitestgehend mit dem weiter oben erwähnten vielseitigen Mathematiker Johann Carl Friedrich Gauß überein, den schon, gut dreihundert Jahre früher, eben dieser Gedanke bedrückt hatte. (Deshalb veröffentlichte Gauß längst nicht alles, worauf er gekommen und was ihm eingefallen oder denkend zugeflogen war; und das war enorm viel!) Der Autor der bei ihrem Erscheinen schon in Fachkreisen hochangesehenen Disquisitiones Arithmeticae musste immer wieder erleben, dass von ihm längst Erfundenes nun von anderen als Novität mit viel Trara vorgestellt wurde. (Einige prägnante Beispiele dazu bietet just Daniel Kehlmanns origineller Roman „Die Vermessung der Welt“.)

Gut, Rorschach entwickelte sich – nicht zuletzt vielleicht tatsächlich aus Angst vor der galoppierenden Dummheit – zum satirischen Betrachter und überzeichnenden Darsteller seiner Zeit und ihrer Ungereimtheiten. Wobei er langsam aber sicher mit einiger Besorgnis gewahr wurde, dass die Zielobjekte seines Spottes, also die meist dummen Leute, die Inhalt seiner Bilder waren, sukzessive schon von selbst zu Karikaturen wurden; und das Verspotten, wie er es betrieb, somit erst recht wieder einem möglichst genauen Porträtieren gleich kam und entsprach …

Rorschach dachte in diesem Zusammenhang an den geschätzten Kollegen Manfred Deix, der den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim in den 1980er Jahren – in Hinblick auf seine ziemlich unverschämt geschönte braune Vergangenheit – solange karikierte, bis das darob leidende Malobjekt den meisterlichen Karikaturen beinahe schon an Echtheit voraus war … Übrigens: Gemeinsam mit dem passionierten SA-Reiter und Offizier glaubte sich ein beträchtlicher Teil der betreffenden Generation von Soldaten des Zweiten Weltkriegs aus der Ostmark ohnedies (weil doch, um Gottes Willen, treue Befehlsempfänger und -erfüller!) längst exkulpiert; nunmehr gar in die Rolle von Märtyrern versetzt …

Immerhin gab dieses Sujet immer wieder zu galliger Heiterkeit Anlass.

Und die Dinger verkauften sich in der Tat blendend. Ja, nicht selten erwarben die Opfer seiner Pinsel-Attacken sogar selber die meist teuren Werke. (Ob zum Schmuck ihrer Wohnungen und Paläste gedacht, oder um sie in den unermesslichen Tresoren ihrer Atombomben-sicheren Kellern möglichst gut vor fremden Blicken zu verstecken, sei dahingestellt …)

Sie waren aber auch zu possierlich, diese Lemuren des politischen Alltags. Von ganz oben bis ganz unten strahlten sie für Rorschach das rechte Maß an Infamie, Impertinenz und Inkompetenz aus, was sie für den sezierend scharf blickenden Künstler zu entlarvenden Bildinhalten geradezu prädestinierte. Und da herrschte keinerlei Mangel! Ja, Gauß hatte Recht gehabt! Fürwahr, der erfolgreiche und anerkannte Maler konnte aus dem Vollen der Dummheit und Überheblichkeit, der Blasiertheit und Vertrottelung schöpfen – wie aus einem wohl niemals versiegenden Brunnen, in dem praktisch nie endende Massen als Nachschub qualitativ ebenso miesen (ihm freilich hochwillkommenen) Bild-Materials sickerten, sprudelten und flossen, sich wälzten und über die Menschheit insgesamt hinwegrauschten …

Was den streitbaren Mathematiker empört hatte, nämlich die enervierende Langsamkeit seiner Mitmenschen, ihre noch dazu ohne jegliche Scheu, im Gegenteil, sogar: stolz zur Schau getragene Dummheit, dann ihre lähmende Zähheit, ihre durch geringes und verlangsamtes, ja: weitestgehend begriffsstutziges Sammeln von Eindrücken und entsprechend Zeit-gedehntes Formulieren selbst von simplen Aussagen bedingte Sturheit – all das geriet dem Maler zum Vorteil, ging es ihm darum, eben die Repräsentanten der an- und vorgeblichen Eliten als hirnlose, eitle, mehr oder weniger unnütze und letztlich gar nicht so ungefährliche Popanze zu dekuvrieren. Ja, das war ein gefundenes Fressen für den Gourmand in Rorschach!

Ob Entertainment oder sogenannte Information in elektronischen wie Print-Medien, ob Dokumentation oder Fiktion – besonders in dem Bereich, den man mit dem längst schon zum Schimpfwort verkommenen Begriff Politik zu umschreiben sich angewöhnt hatte, gab es tagtäglich neues Altes oder altes Neues, das zum Ärger und in der Folge zur kreativen Abreaktion Anlass bot. Egal, ob es der beinahe schon ekelerregende Blick ins Plenum des Parlaments war, die Arbeit des Ministerrats oder der tägliche Kleinkram der angeblich Großen, ob es um die Situation bei Fernseh-Diskussionen oder Interviews ging, immer gaben sich die Damen und Herren VolksvertreterInnen die zu erwartenden Blößen.

Und dann erst der Freizeitbereich, etwa das Fernsehprogramm! Ob sogenannte Talkshow oder angebliches Kabarett, in dem nicht selten ganz ungeniert der Un-Witz regierte, sowie die Krimi-Überflutung oder der alle Kanäle (sic!) zumüllende Serien-Mist, vor Rorschachs spitzer Feder oder, metaphorisch, in Säure getauchtem Pinsel war nichts und niemand sicher.

Da gab es kein Entrinnen!

Der junge Famulus Rüdiger Brockenhorst stieß da, gleichsam zum Beweis des eben Ausgeführten, auf einen charakteristischen Zyklus unter dem Titel Viribus unitis. Darin tummelten sich die durchwegs zeitgeistig aufgemascherlten, ansonsten vorwiegend verwirrt in Salons, Sälen, Hallen und in der freien Natur, wo sie eben eine Straße zu eröffnen, einen Tattergreis zu beglückwünschen oder irgendeine andere Flasche zu entkorken hatten, herumstehenden Polit-Popanze aller möglichen Couleurs (mit Entourage und übrigem Begleit-Gesindel, einschließlich martialisch dreinschauenden Bodyguards); und diese Nichtigkeitswesen ritterten gleichsam um den Lorbeer der Nicht-Inspiration oder des Nicht-Charismas. Kaum ein anderer Titel wäre so treffend gewesen wie die längst schon reichlich abgegriffene Parole des weitgehend kleingeistigen und kleinkarierten Habsburger-Kaisers Franz Joseph I., der sich – nota bene – ohne Frage diesbezüglich ganz hervorragend zum Schutzpatron einer bissigen Karikaturen-Sammlung geeignet hätte: Viribus unitis!

Gut dreißig Bilder waren es, die da förmlich von Ironie troffen und aus denen satirische Treffsicherheit strahlte. Nur, anhand des fragwürdigen Objekts, nämlich der Politik, trafen sie leider erst recht ins Leere; allein schon, weil etwas so Verzerrendes kaum mehr weiter verzerrt werden konnte! Und: Watte verspürt keine Schläge.

Viribus unitis!“, 2007, Acryl und Mischtechniken auf Leinwand

und anderen Materialien in diversen Formaten.

Daneben gabe es freilich auch anderes, nicht minder spitz vom gedanklichen Ansatz her und entsprechend ausgeführt, dass es eine Freude war, die Sujets genauer zu untersuchen:

Die Hammerzehe des Kardinals“, 2007, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 80 cm.

Lissabon“, 2007, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Bergwärts“, 2007, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Petri Heil!“, 2007, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Tantenlos“, 2007, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Stillleben mit Rufzeichen“, 2008, Acryl auf Hartfaserplatte, 40 cm x 60 cm.

Träumerei“, 2009, Acryl/Farbstift auf Hartfaserplatte/Mischtechnik, 40 cm x 60 cm.

Geflickte Relikte“, 2009, Acryl/Jeans-Stoff auf Hartfaserplatte/Mischtechnik, 40 x 60 cm.

Guter (?) Anblick“, 2008, Farbstifte auf Papier/Keramik-Fliese/Acryl/Pappe/Mischtechnik, 50 cm x 60 cm.

Frohe Fahrt! (Ins Multi-Kulti)“, 2007, Buntstifte auf Papier, 30 cm x 40 cm.

Sonderpaar I – VII“ (Siebener-Serie), 2008, Mischtechniken auf Papier, diverse Größen.

Menschen und Gläser“ (Zwölfer-Serie), 2009, (Bierrauch; Wein, Weib & Würfelspiel; Japanisches Bier; Triodiliö; Oh!; Nein! Ich bin es nicht!; Das doppelte Lottchen, betrunken;

Aus Granit; Doppelt(e); Sonnenuntergang; Grün wird Blau; Ceterum censeo …)

Alle in Mischtechnik, als Collagen auf Papier, meist 40 cm x 50 cm.

*

Anschließend war freilich wieder Rüdigers solistischer nächtlicher Gang durch die Lagerräume und das Atelier fällig. Denn der gehörte nun einmal zu seinen Obliegenheiten. (Obwohl es da, er war sich inzwischen sicher, eine bestens bestückte und außerdem voll funktionstüchtige Alarmanlage gab. Die Sache mit dem Schlüssel im Blumentopf und seinem so halb illegalen Betreten des Hauses am ersten späten Abend war folglich ohnedies ein abgekartetes Spiel gewesen; ja, das war eindeutig ein Fake …! Da lachten wahrscheinlich ein paar Leute heute noch über ihn, den naiven Idioten! Und wer da lachte, konnte er sich durchaus mit Leichtigkeit ausmalen …)

Aber was würde ihn, Rüdiger, diesmal wieder erwarten? Hätten sich die Figuren erneut befreit von jeglichem gestalterischen Zwang, und wären sie von Neuem auf ihren eigen Trip gegangen? Oder war vielmehr auch das alles eine längst zuvor schon abgemachte Sache, bewusst so arrangiert und ausgerichtet, nein: zielgerichtet auf seinen Untergang? War alles Weitere, das noch folgen würde, womöglich ohnehin den anderen schon bekannt? Und nur er wusste es nicht? Nur er tappte wie ein Volldepp im Dunkeln? Nur er würde zuletzt womöglich verrückt werden wegen ein paar kurios-makabrer Wimmelbilder – oder, soll sein: Riesen-Dioramen, die ihm ein vermutlich auch schon einigermaßen dekadent gewordener, ein zumindest ziemlich übergeschnappter Malkünstler da metaphorisch vor die Füße warf? (Doppelt metaphorisch, sozusagen, diese ganze vertrackte Sache!)

Es war beängstigend, äußerst beängstigend. Er merkte förmlich, wie seine Nerven beinahe schon zum Zerreißen angespannt waren. Ja, es war beängstigend! (Oder doch auch: belustigend?! – Nein, beängstigend! Von Belustigung keine Spur! Sehr beängstigend sogar war das alles! Unwirklich und über-real zugleich. Abstoßend anziehend. Quasi süß-sauer, allerdings war der interpretatorische Begriff hier eindeutig auf Stimmungslagen, nicht auf die Zunge als Geschmacks-Oszellograph des Feinschmeckers bezogen. Scheiße also.)

Jetzt hätte bloß auch ihn noch – bei seinem Chef Rorschach war er sich da aufgrund dessen eigener Angaben und Versicherungen sogar gewiss – eine gegenseitige Beeinflussung der Sinneseindrücke übermannen müssen: Wahnsinnig zu werden, wäre bloß noch eine Frage der Zeit gewesen! Ein final mit Sicherheit verderbliches Konglomerat von Farben, Formen, Geräuschen, Geschmäckern, Gerüchen und Berührungseindrücken würde ihn umfangen!

Gut, das Phänomen der Synästhesie, also der Miterregung eines Sinnesorgans bei der Reizung eines anderen, ist hinlänglich bekannt. So empfinden manche Musiker zum Exempel verschiedene Farben quasi in Symbiose mit bestimmten Tönen; der finnische Komponist Jean Sibelius etwa erlebte im Zusammenhang mit der Tonart F Farbeindrücke von Grün. Rorschach hatte, sah er (oder verwendete er selber gar) die Farbe Türkis, sofort Musik von Johann Strauß Sohn im Ohr! Umgekehrt lösten schon wenige exponierte Klänge oder gar eine ganze Akkordfolge eines x-beliebigen Werkes, das einen russischen Tondichter aus der Reihe Die Fünf (genannt auch Das mächtige Häuflein) – etwa Nikolaj A. Rimski-Korsakow oder Alexander Borodin – zum Komponisten hatte, einen kaum zu zügelnden Rot-Impuls in ihm aus. Dann musste auf den Leinwänden Blut fließen, echauffierte Krieger rollten mit ihren rot-unterlaufenen Augen, und Feuergarben schossen aus roten Hausdächern in die von verschiedensten, vermutlich überaus ungesunden Rottönen durchschienene Nacht empor. Und insgesamt gischteten da wahre Farbfontänen und wogten gefährlich in einem unentrinnbaren Tremolo der Optik vor dem mondlos schwarzen Hintergrund, während rechts und links ununterbrochen giftig-gelbgrüne Blitze zuckten. Rot-gewandete Feuerwehrleute löschten mit Rotwein aus ihren roten Schläuchen, und zwar im Verhältnis eins zu fünf: die Brünste und ihren Durst. Oh, wie war das alles furios!

Sogenannte volksdümmliche Musik oder Schlager hingegen, interpretiert zum Beispiel von solchen Koryphäen wie Hansi Hinterseer, DJ Ötzi, Monika Martin oder Udo Wenders, initiierten beim Meistermaler bloß Kotzgelüste.

*

Er, Rüdiger Brockenhorst, hatte es im Gegensatz dazu mit den Farben (beziehungsweise: Formen) und Gerüchen. So stieg ihm bei überwuchernden Grüntönen (in sogenannten Grasstücken, bei Abbildungen von Gebüsch oder Wald und Flur), sah er solches auf einem Bild vor sich, sogleich der Duft von sämigem Spinat, von Petersilie, Schnittlauch, Zwiebel und Knoblauch in die Nase – oder er musste überhaupt gleich an das Gesamtkunstwerk einer würzigen Gemüsesuppe, an appetitliche Salatplatten oder gar an süße Marzipan-Schweinchen natürlich in Rosa gehalten!) mit sanft-grünem Glücksklee im kleinen Rüssel denken. Stets (oder zumindest sehr oft) ging es also um Stillleben im doppelten Sinn des Wortes: um solche nämlich, die künstlerisch wie kulinarisch den Hunger zu stillen imstand waren!

Üppige Dachlandschaften führten – im Gegensatz dazu und die ganze Synästhesie quasi umkehrend – beinahe unweigerlich zu intensiven Assoziationen mit dem unverwechselbaren Duft von köstlicher Mousse au Chocolat oder dem von hübschen Nougat-Pralinen; aber auch an solche mit duftendem Fladenbrot oder knuspriger Bauernbrotrinde; und Nudeln wurden, sah man einmal von typischen Darstellungen in italienischen Osterien und Restaurants einmal ab, erfreulicherweise bloß selten auf Gemälden abgebildet …

Jaja, verdammt noch einmal!, er war sich seiner eigenartigen (vielleicht: tatsächlich durch Irrationales bedingt, überhaupt aussichtslosen) Lage durchaus bewusst. Und nicht nur die Aussichtslosigkeit, nämlich, in den Bildern Björn Xavier Rorschachs gefangen zu sein für immer (was dieser eher verschwommene Begriff auch alles an Zeit umfassen mochte), schmetterte ihn nieder, sodass ein Weiterleben für ihn ohnedies kaum mehr denkbar schien; nein, sogar und eben dieses Bewusstsein der Situation wirkte sich zusätzlich verstärkend, sozusagen: strafverschärfend aus.

Himmel, wenn es eine Hölle gab, dann war sie hier! In ihm und um ihn herum!

So brütete er vermutlich Minuten-lang vor sich hin. Oder, waren es keine Minuten? Wie lange dauert etwas überhaupt – in Traumdimensionen? Waren das dann bloß … Sekunden? Oder vielmehr Stunden, Tage und Wochen, Monate, ja: Jahre? Ein Leben?

Es waren in Wirklichkeit nur Sekunden. Doch hätten es in der Tat auch Stunden sein können oder noch längere Zeiteinheiten. Warum denn auch nicht?!

Gefühlter Weise waren es – Ewigkeiten …

Übrigens, Rüdiger, war er schon irr? Oder noch nicht irr ?(Oder: schon irr …, noch nicht irr? Oder aber, was, zugegeben, auch nicht gerade unlustig sein könnte: War er unbewusst irr?!)

Er sah keinerlei Möglichkeiten irgendeines Auswegs aus dem gewaltigen Schlamassel, in dem er sich da befand. Keinen Ausweg. Weder im Jetzt; oder in der Zukunft; noch in der Vergangenheit; selbst, wenn er es vermöchte, möglicherweise sogar dorthin zu reisen … Aber, dass es offensichtlich in der Tat keinen Ausweg gab aus diesem Gefängnis der Gedanken, Reflexionen und Gefühle, keinen Ausweg besonders im Jetzt, im Heute (gerade im Heute), machte ihm am meisten zu schaffen und setzte ihm über alle Maßen zu …

Es war hoffnungslos. Oder: Sein weiteres Schicksal hing ausschließlich vom Wollen oder von der kreativen Fertigkeit, von Gunst und Kunst, des Meistermalers Rorschach ab.

So einfach war das.

Und er wusste, dass auch Rorschach das wusste …

Fortsetzung folgt!

Sechs.

Im Allgemeinen referierten der praktizierende Philosoph und Alkoholiker Rudi mit der Flasche und die von ihm gleichsam angeführten fidelen Tippelbrüder, also Ferdinand Bartatlas, Richard Erwin Kaspüle und Ignaz Melchmajor, als treue Gäste im Roten Salon durchaus gern gesehen, lustvoll die diversen Probleme des Tages. Doch konnten die Gespräche durchaus auch intensiverer Natur sein. Dann ging es, sozusagen, ans Eingemachte. Denn just diese Penner, Sandler und summa summarum längst schon heruntergekommenen Trinker, denen ihr Platz, wie es schien, ansonsten eher am Rande der Lebensstraße zugewiesen worden war, schwangen sich mitunter zu durchaus antiker Dramatik auf und bewiesen so, dass in ihnen, wenn es sein musste, das Zeug zu gigantischen Gefühlswallungen einerseits und zu unvorhersehbarer Denkintensität anderseits schlummere.

Ja, Ferdinand Bartatlas, Richard E. Kaspüle und Ignaz Melchmajor, die zu Unrecht im Zusammenhang mit der leidigen Diebstahlsgeschichte in der Dreifaltigkeitskirche verdächtigt worden waren (wir erwähnten das weiter oben) – und das auch nur, weil sie der, sieht man vom verpflichtenden Genuss des Messweins innerhalb der Eucharistie einmal ab, abstinente Kaplan Eugen Fürnschuss nicht leiden konnte -, ja, der Bartatlas, der Kaspüle und der Melchmajor hatten schon was drauf. Und auf sie konnte sich Rudi mit der Flasche blind, verlassen. Er war, ummit Alexandre Dumas Pere zu sprechen, irgendwie der d’Artagnan seiner drei Musketiere, der ständig halböligen Herren Porthos, Athos und Aramis …

Diesmal eröffnete Ferry Bartatlas den Disput: „Glaubt ihr, liebe Freunde, dass ein Urologe allein am Schwanz eines Patienten erkennen kann, ob der verheiratet ist oder freischaffend vögelt?“

Schweigen.

Hm“, sagte Rudi, nach einem tiefen Zug aus der Flasche und wiegte den Kopf hin und her. „Kommt drauf an …“ (Das war, wie ihm jetzt mühsam gegenwärtig wurde, doch schon so lange her, dass er -)

Worauf? Worauf kommt das an?“, hakte Richie Kaspüle listig nach, „auf den Schwanz oder auf den Patienten? Oder am Ende auf den Urologen?!“

Man lachte.

Was soll an einem fremdgehenden Schwanz anders sein als an einem monogamen?“, warf Ignaz Melchmajor ein. „Schließlich ist Schwanz doch Schwanz …“

Hm“, wiederholte Rudi diese kurze und prägnante Äußerung seiner Ungewissheit. „Ein guter Urologe erkennt das, glaubt mir …“

Ein guter Urologe“, schloss Kaspüle das Thema vorläufig ab, das sich als weniger ergiebig herausgestellt hatte, als erwartet, „sieht alles. Der liest dir dein Leben vom Schwanz ab! Ja, mehr noch: deine geheimsten Wünsche, heißesten Begierden, traurigsten Hoffnungen … Einfach alles! Und sicherheitshalber fährt er dir mit dem Finger in den Arsch …“

Woher willst ausgerechnet du das wissen, Richie?!“ Ignaz Melchmajor hatte schon was Aggressives in seiner Stimme; bei ihm war das Zweikommafünf-Liter-Rotwein- und Einliter-Schnaps-Stadium erreicht. Und das konnte immerhin gefährlich werden.

Ach, lassen wir das blöde Gerede“, schlug Rudi mit der Flasche vor. Und er hob sein Markenzeichen und prostete den anderen Kumpanen zu.

Doch nach einiger Zeit mehr oder minder stillen Zechens lieferten sich Rudi und seine Getreuen dann einen beinahe als geschliffen zu bezeichnenden Diskurs zum Thema Väter und Söhne; wobei die anwesenden Herren vermutlich eigene traurige Fakten und negative Erfahrungen, somit Selbst-Erlebtes und Katastrophen aus intimer Sicht, beisteuern konnten. (Angemerkt sei, dass sich Rudi nicht so gerne zum Thema Väter und Töchter äußerte. Doch dieses Geheimnis wird nicht mehr lange eines sein … Soviel nur schon hier und jetzt dazu.)

Wovon Rudi so gut wie nie sprach? Von seiner eigenen Vergangenheit. Und die verband ihn auf seltsame Weise und sehr eng mit Rorschach; so viel wusste man. Nein, da mussten sich Dinge abgespielt haben, an die Rudi nicht erinnert werden wollte und an denen der Schwerst-Alkoholiker um alles in der Welt auch gar nicht rütteln wollte. Nie mehr!

Und der alte Penner, so eloquent er ansonsten sein mochte im Suff und im Philosophieren (was indes meist eins war), wusste vermutlich ganz genau, warum er da einen Bogen herum machte. Ja, der schlaue alte Fuchs wandte schier jegliche List an, um diesbezüglichen Fragen auszuweichen; er legte falsche Fährten und versuchte, alle nur erdenklichen Tricks des Tarnens und Täuschens in sein vom Alkohol größtenteils zerstörtes, sozusagen: zum Sieb gewordenes Gedächtnis zurückzurufen und zu vergegenwärtigen, bloß um sich die Tatsachen von damals eben nicht zurückrufen und vergegenwärtigen zu müssen!

Rüdiger, dem in der lustigen, aufgeweckten und trinkfreudigen Runde meist jüngsten Mitglied, also dem Benjamin im „Verband der vom Schicksal Gestraften, der Getupften und Gerupften“, wie es Rudi gern ausdrückte, Rüdiger also kam zwar nicht alles bekannt und schon gar nicht nachvollziehbar vor, was er da sah und vernahm; doch in manche Episode, die hier abgehandelt wurde, und in mache Rolle, die der eine oder andere zu spielen hatte, vermochte er sich ohne weiters hineinzuversetzen.

Immerhin: Auch das Verhältnis zu seinem Vater Anatol, der gleichzeitig (angeblich) Rorschachs Jugendfreund gewesen war, schien ihm im Nachhinein oft alles andere denn unproblematisch … Doch hätte man fraglos etwa auch bei Sigmund Freud ansetzen können, um da zum delikaten Thema nicht nur prägnante allgemein-psychoanalytische Erklärungsversuche, sondern auch das eine oder andere, letzten Endes wohl überzeugende persönliche (interfamiliäre) Fallbeispiel abzurufen.

*

Als äußerst komplex erwiesen sich im Dunstkreis des Vater-Sohn-Themas auch Mehr-Generationen-Exempel, wie etwa bei Johann Wolfgang von Goethe oder Wolfgang Amadé Mozart, um hier partout zwei Genies heranzuziehen.

Immerhin war das Verhältnis zwischen dem späteren Dichterfürsten, Juristen, Minister, Theaterintendanten, Bergwerksdirektor und (Amateur-)Wissenschaftler auf allen möglichen Gebieten und seinem alten Herren, nicht so ganz konfliktfrei verlaufen. Dass beide zunächst unter anderem in Leipzig studiert hatten, schien in der Bilanz dann womöglich die einzige Übereinstimmung zu sein; ach ja, die Statur, / des Lebens ernstes Führen habe er vom Vater, gab Goethe später in den Sprüchen zu Protokoll; doch vom Mütterchen die Frohnatur / und Lust zu fabulieren … (Erich Trunz (Hg.), „Goethe. Gedichte“München 1999.)

Johann Wolfgang von Goethes Spross, des alten Johann Caspar Goethes Enkel also, August, der war wiederum in erster Linie – Sohn. August hatte indes allein schon darunter genug zu leiden. Obwohl vom Weimarer Olympier überliefert ist, dass er seinen Sprössling keineswegs zu überschatten vorhatte, sondern ihn „von selbst das werden lassen (wollte), wozu die Anlage ihn“ triebe (Friedemann Bedürftig, „Taschenlexikon Goethe“, München 1999), tat sich der Knabe anfänglich schwer – und er sollte es auch später nicht allzu leicht haben. Dass er es immerhin zum herzöglichen Kammerherrn brachte, dass er zudem später in korrekter Weise Goethes Geschäfte führte und sein Vermögen verwaltete, hätte sich bei einem anderen als Karriere vielleicht gar nicht so schlecht dargestellt; doch für den eher trockenen, künstlerisch weitgehend unbedarften Juristen August erwies sich jeglicher Anspruch nun einmal allein durch seinen Familiennamen schon als zu groß. Die spätere Alkoholabhängigkeit, die auch nach der Eheschließung mit Ottilie von Pogwisch nicht geringer wurde, ließ sein unglückliches Leben sich früh vollenden. Und – wie sein Vater – eine Italienreise zu unternehmen, darf auch als keine so besonders gute Idee bezeichnet werden: Mit 41 Jahren starb er, anno 1830 in Rom, vermutlich an einer Meningitis, verbunden mit der fortgeschrittenen Leberzirrhose. „Den Grabstein Augusts auf dem römischen Friedhof nahe der Cestius-Pyramide ziert eine von Goethe ausgesuchte lateinische Inschrift: ,Goethes Sohn, dem Vater vorausgehend.’“ (F. Bedürftig, „Taschenlexikon Goethe“.)

Um nochmals kurz auf den Experimentalphysiker und genialen Wissenschafts-Universalisten Carl Friedrich Gauß (und zumindest indirekt auch auf seinen literarischen Schilderer Daniel Kehlmann) aus der leicht verrückten, allemal bizarren Traumsequenz von weiter oben zurückzukommen, sei ergänzend angemerkt, dass auch das Mathematikgenie Gauß aus Braunschweig unter der, wie er glaubte, geringen Begabung seines Sohnes Eugen (aus zweiter Ehe, mit Friederica Wilhelmina „Minna“ Waldeck, der besten Freundin seiner ersten Frau, Johanna) litt; hielt der Vater den Sprössling doch für langsam im Geist, weitgehend unbegabt und untüchtig. Der junge Gauß jedoch, politisch auffällig geworden, emanzipierte sich vom Vater und machte schließlich als (zunächst unfreiwilliger) Auswanderer später in den Vereinigten Staaten doch noch sein Glück …

Ähnlich wie bei Goethes Sohn August verlief die Sache in einer anderen Künstler-Familie: Aus ihren immerhin vorhandenen musikalischen Begabungen vermochten nämlich auch die beiden Söhne Mozarts nicht allzu viel zu machen. Und so wurde sowohl die Karriere von Carl Thomas als die von Franz Xaver Wolfgang bis zu beider Tod (und darüber hinaus) vom übergroßen Genie des Vaters nicht bloß überschattet, sondern weitgehend verdeckt.

Anders war es da bei Wolfgang Amadé selbst und seinem Vater Leopold Mozart gewesen: Der durchaus anerkannte Salzburger Musiker mochte im Verlauf der Entwicklung zwar mache unangenehme private Überraschung mit seinem unberechenbaren Sohn Wolferl erlebt haben, musikalisch hatte indes fast immer weitgehendes Einverständnis geherrscht. Zudem war von dem aus Augsburg stammenden Vater Leopold Mozart und seiner rührigen Frau Anna Maria, einer geborenen Pertl aus St. Gilgen, schon der (zugegeben, nicht einfache) Weg des Wunderkindes nach Kräften geebnet worden. (Siehe: Wolfgang Fingerhut/Hannes Scheutz, „Wolfgang Amadeus Mozart. Leben und Werk“, Salzburg 2005.)

Seinen begabten Söhnen – um die Töchter ging es da vermutlich nicht so sehr – eine musikalisch ersprießliche Laufbahn zu bereiten, war wohl auch schon das Bestreben Johann Sebastian Bachs gewesen. Und eine Reihe seiner Sprösslinge – freilich nicht alle für die Nachwelt gleich stark wahrnehmbar – wussten durchaus, das Angebot zu nutzen.

Ob nun die Söhne über die Väter hinauswachsen, ihnen ähnlich werden oder an ihnen scheitern, dafür tragen allerdings in Wahrheit weder die einen noch die anderen die volle Verantwortung. Und grundsätzlich ließe sich das Problem der talentierten Väter und Söhne überhaupt auf die pointierte Kurzformel bringen: Talent ist relativ, Genie indes absolut.

*

Wie Sandler Rudi mit der Flasche und die Tippelbrüder ihren Senf zu Problemen, Fragen und Ereignissen des Tages dazu und zum besten gaben, so referierte auf seine Weise Hofrat Anton Adabert Galthür mit Vorliebe über seine Lieblingsthemen, etwa die Gefahren seiner Meinung nach nur zu oft falsch angewandten Fortschritts und der daraus resultierenden Leichtgläubigkeit in einem Zeitalter, da in erster Linie gekonntes Übers-Ohr-Hauen gefragt sei, oder in dem der geplanten Obsoleszenz (bei elektrischen und elektronischen Geräten) größte Bedeutung zukomme; in einem Zeitalter auch, das von einem weitgehend korrupten Banken- und Versicherungswesen und einem schier mafios funktionierenden Börsenverbrechertum bestimmt werde. Ja, Galthür, der alte Schulmann und geistige Nachfolger Wilhelm von Humboldts – nur ohne jegliche preußische Färbung! – hatte zwar eine weitgehend konservative Einstellung, etwa was die sogenannten (moralischen) Werte betraf, war jedoch, wenn auch als vorsichtiger Bewahrer der früheren Geistesglut bekannt, so keinesfalls ein blinder Hüter der meist wertlosen, weil inhaltsleer gewordenen Asche. Er verwendete – wie viele andere einigermaßen gebildete Menschen natürlich auch – dieses hier angesprochene Zitat, dessen tatsächlicher Ursprung (wie es sich bei vielen ähnlichen Dingen, etwa auch bei guten Witzen, verhält) wohl für immer im Dunkeln bleiben wird.

Stammt das Wort „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme“ nun vom französischen Politiker und Philosophen Jean Jaurès? Oder war es lange vor ihm schon der englische Philosoph Thomas Morus, der den Aphorismus (der hier deutsch wiedergegeben wird) als erster ablieferte: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“? Oder formulierte, wiederum lange davor, schon Konfuzius den Satz auf seine Weise? Auch der Komponist Gustav Mahler und die Dichterin Ricarda Huch werden mit ihren durchaus ähnlich klingenden treffenden Überlegungen mitunter als Hervorbringer der Sentenz bemüht, und die entsprechenden Internet-Seiten über Google führen sogar die famosen Münsteraner „Tatort“-Ermittler, Hauptkommissar Thiel beziehungsweise Gerichtsmediziner Prof. Boerne, als Erfinder des wackeren Spruchs an …

Wie auch immer, Hofrat Galthür war es in der Tat ernst mit seiner Ermahnung. Denn er war sich drüber im Klaren, dass es ohne das Neue keinen Fortschritt und ohne Fortschritt keine Weiterentwicklung geben könne. Doch blindem Fortschrittsglauben gegenüber riet er zu größtmöglicher Vorsicht. Und: Nicht alles sei schon gut, bloß weil es neu sei …

Wirklich durch und durch Traditionalist war der Hofrat allerdings beim geliebten schottischen Whisky. Und sein Lagavulin dankte es ihm. (Mehr über diesen köstlichen Malt, über die Talsenke mit der Mühle und die Whisky-Insel Islay bei Walter Schobert, „Das Whisky Lexikon“, Augsburg 2001.)

Nein, Galthür war Neuem gegenüber durchaus aufgeschlossen; nur wurde er nicht müde, vor wertlosem Schnickschnack in den Gedankengängen wie im angeblich modebedingten Konsumverhalten mit stylishem Wahnwitz und eklatantem Marken-Schwachsinn zu warnen. Talmiglanz, Glitzertand und besonders auf intellektuell hin dressierte Pseudo-Genialität roch er schon auf Kilometer, sozusagen: gegen den Wind; und jeglicher mieser Geschäftemacherei erklärte er immer aufs Neu den Krieg; auch wenn er wusste, dass sein Kampf dabei frappant dem des Don Quijote gegen die Windmühlen ähnelte … Dem Anlass entsprechend, setzte der unbeirrbare Hofrat nicht nur die altbekannte und bewährte Rhetorik des Pädagogen (und Volksbildners) ein, nein, Galthür vermochte zudem oft auf geistvolle Weise witzig zu sein und allein dadurch schon seine Zuhörerschaft auf hohem Niveau zu unterhalten; auch wenn, zugegeben, nicht immer alle verstanden, worum es denn da eigentlich gehe.

Klar doch, man vermochte vielen Fehlentscheidungen nicht auszuweichen; es sei denn, man verzichtete überhaupt auf jegliche Weiterentwicklung. Denn letzten Endes ist in der Tat nur derjenige vor jedem Irrtum gefeit, der gar nichts tut und beginnt … Doch eine solche, weitgehend defätistische Haltung wäre für den alten Schulmann naturgemäß ohnedies nicht in Frage gekommen. Vielmehr war der betagte Hofrat ein Freund sehr wohl auch verstiegener Ideen, wenn am Ende eines vielleicht zwischendurch nebulösen Weges nur ein echtes Ziel winkte. Der Pfad mochte verschlungen sein, wie er nur wolle; das Erreichbare aber musste der Anstrengungen wert sein! So lautete sein Credo.

Gegen Blenden und Lavieren war er allergisch, gegen Blender und Lavierer nicht minder.

Darin sah er sich in gewisser Weise mit den Tippelbrüdern unter der Führung von Rudi mit der Flasche, aber auch mit den Jazzern „The Old Abscesses“ eines Sinnes.

Und auch das sprach zweifelsfrei für Björn Xavier Rorschachs Roten Salon (beziehungsweise dafür, dass der Maler diese Institution überhaupt ermöglichte); aber auch für sein florierendes Atelier sprach das; und insgesamt – für seine Kunst.

Denn die Umgebung bestimmt nicht selten Inhalt – und Gehalt – der Dinge mit.

Freilich, das galt überhaupt für Rorschachs Kunst, die er versuchte, weitgehend in Übereinstimmung, in Kongruenz also, mit seinem Leben zu bringen. Und wenn er auch (zumindest im Alter) um Toleranz bemüht war, so hegte er manchen Dingen gegenüber nun einmal eine ausgesprochene Abneigung, die sogar in Parteilichkeit umschlagen konnte. So hatte er sich auch diversen Ismen immer verschlossen, und er ignorierte – sozusagen, leicht paradoxer Weise: mit peinlich genauer Bedachtnahme verschiedene Strömungen. (Nicht selten auch solche, auf denen namhafte Kollegen aus der internationalen Kunstszene erfolgreich surften.) Außerdem: Wenn ihm etwas suspekt war oder gar seinen Abscheu erregte, hielt er sich fast schon instinktiv fern davon.

Wenig bis gar nichts konnte Rotschach beispielsweise mit der von Daniel Spoerri, dem durchaus genialen Schweizer mit rumänischen Wurzeln (eigentlich Daniel Isaac Feinstein) begründeten Eat-Art anfangen; um damit zu spielen, galten ihm früh schon mögliche (oder zumindest: erhoffte) kulinarische Genüsse einfach zu viel! Nein, das war nicht Seines, einen Esstisch samt Speisen, Tellern und Besteck, Gläsern und Flaschen, um neunzig Grad gekippt an die Wand zu pappen. Und auch auf Schreibmaschinen oder Violinen in Brotteig konnte er gut und gern verzichten; auch wenn er sonst das Spiel mit der Alltagswirklichkeit mochte.

Übrigens, das kunstvolle Arrangieren verderblicher Substanzen oder menschlicher Körperausscheidungen, wie es der von ihm – sonst durchaus – geschätzte Cornelius Kolig betrieb, missfiel ihm ebenfalls mehr, als es ihn beglücken hätte können …

Doch auch die Video-Kunst der späten 1960er und 1970er Jahre fand vor Björn Xavier Rorschach wenig Gnade. „Wenn es darum geht, schlechtes Fernsehen zu machen, lasse ich das lieber den dafür verantwortlichen Fachleuten; die sind zwar meist auch nicht in der Lage, ein aufrüttelndes oder wenigstens ansprechendes Programm zu produzieren, doch immerhin verfügen sie zumindest über die technischen und handwerklichen Fähigkeiten dazu.“ So lautete seine knapp und bissig formulierte Kritik. Er war nun einmal in erster Linie und mit ganzer Seele Maler und Grafiker. Die Holzschnitzkunst sollte ihn später dann noch zusätzlich faszinieren, weshalb er er auch anfing, sie auf durchaus originelle Weise auszuüben. Und manche seiner ins Collagen-Hafte gehenden Gemälde mochten vielleicht eine Art von Post-Dadaismus streifen – warum auch nicht? Aber bei allem Tun blieb er grosso modo dem Tafelbild treu; wenngleich er auch diese Kunstform, das Malen und malerische Gestalten, auf seine ganz eigene Weise hinterfragte; oder sogar mitunter überhaupt in Frage stellte.

Und der Aktionismus?

Also für den Aktionismus war Rorschach gerade mal um ein gutes Jahrzehnt zu jung gewesen. Pech? – Nein, eher Glück. (Glaubte er.)

Und Nachahmung lag ihm nie.

Außerdem: Der Meistermaler war, bei aller Toleranz, die sich mit der Zeit dann ja doch eingestellt hatte, in seinem Leben an sich stets dem Skeptizismus nahegestanden. Etwas nur der Wirkung wegen zu tun – und sei es auch noch so politisch wichtig und soziologisch vertretbar -, wäre ihm die ganze Lebenszeit hindurch eindeutig zu wenig gewesen. Seine Skepsis schützte ihn dabei auch vor zwar originellen, doch letztlich läppischen Experimenten. Zu Dingen, über die andere womöglich, badend im allgemeinen Kritiker- wie Käuferlob, in euphorische Selbstbeweihräucherung und verzückte Erstarrung vor dem eigenen Genie verfallen wären … Nein, zur Euphorie gäbe es kaum Grund, lautete einer seiner nicht ausgesprochenen, aber dafür umso stärker verinnerlichten Wahl- (und Wahr-)Sprüche.

Schade, dass der Untergang nunmehr gleichsam programmiert war.

Noch ein’n? – Ach ja, doch.“, 2009, Sepia/Farbstift/Acryl/Mischtechnik auf Papier, 39 cm x 40 cm.

Echt elegant …“, 2009, Mischtechnik auf Papier, 57 cm x 77 cm.

… und legte kein Ei …“, 2009, Mischtechnik. 57 cm x 67 cm.

Golfer“, 2007, Acryl/Golfball/Mischtechnik auf Leinwand, 39 cm x 80 cm.

Vampir in der Nacht“, 2006, Acryl/Goldfarbe/Mischtechnik auf Leinwand, gerahmt. 50 cm x 50 cm.

Distroying Conductor“, 2006, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 60 cm.

Mann mit Ballon“, 2008, Mischtechnik auf Papier, 40 cm x 57 cm.

Die besitzgierige Ruine und der dumme Makler“, 2008, Mischtechnik auf Pappe, 24 cm x 32 cm.

6 Fliesen“, 2008, Acryl auf Keramikfliesen, 14,5 cm x 19,5 cm.

Weihnachts-Lila“, 2008, Acryl auf Papier, 40 cm x 50 cm.

Betrachten wir …“, 2008, Michtechnik auf Papier, 54 cm x 78 cm.

Rest’l-König“, 2008, Mischtechnik auf Pappe, 31,5 cm x 41 cm.

Zettelwirtschaft“, 2009, Collage auf Leinwand, 40 cm x 100 cm.

Die drei Grazien (Paris-Urteil III), 2009. Acryl auf Leinwand, 120 cm x 120 cm.

Spielregel …“, 2009, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm.

Flugschwierigkeiten der Elster“, 2009, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm.

Hoffmann und Poe in Angst“, 2009, Acryl/Tusche/Mischtechnik auf Papier/Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Schon wieder du?“, 2009, Acryl/Kohle/Porzellan/Mischtechnik auf Leinwand, 70 cm x 50 cm.

Fortsetzung folgt!  

Sieben.

Sie hatten mit Religion im landläufigen Sinn kaum etwas am Hut, der bekannte Maler Prof. Björn Xavier Rorschach und sein neuer, grosso modo wackerer Adlatus und junger Freund Rüdiger Brockenhorst. Doch spielten Gott und die Welt (und der Teufel) bei beiden sonst so verschiedenen Menschen eine große Rolle. Immerhin bereitete Rüdiger just die Pflege des Katholischen (mit Sonntags-Kirchgang, Sakramenten-Empfang, schlechtem Gewissen et cetera), wie es besonders seine Kindheit stark mitbestimmt hatte, sein ganzes späteres Leben lang manche Qual und Seelenpein. Doch auch der wesentlich ältere (und insgesamt von Haus aus liberaler disponierte) Rorschach, dies brachten viele recht offen geführte und durchaus amikale Gespräch der beiden zu Tage, fühlte sich ganz ohne Frage durchaus ähnlich gezeichnet durch einen früh und wohl in viel zu starken Dosen eingenommenen, Alltag und ideologische Ausrichtung weitgehend determinierenden Katholizismus. Und die Folgen dieses – wie er es nannte – Katholenzwangs (oder insgesamt seine Strafbefrömmelung) hatte er erst langsam abzustreifen gelernt. Und ähnlich wie Rüdiger musste auch er später immer wieder mit den diesbezüglich verbliebenen Schatten arge Kämpfe ausfechten. Wie gesagt, da man seine seelisch-geistige Grundausstattung wohl um einiges liberaler angelegt hatte, als dies beim jungen Brockenhorst allem Anschein nach der Fall war, vermochte der Künstler später manches leichter zu nehmen. Während sein gelehriger Adept nicht selten noch unter den wuchtigen Klerikal-Albträumen zu stöhnen hatte, weitestgehend gepeinigt durch die späte Knute des Katholischen; als wäre das alles womöglich ein Vorgeschmack auf die unter Umständen noch zu erwartenden höllischen Martern

Rorschach war auch insofern schneller der Knopf aufgegangen, als er das – weltliche wie kirchliche – Obrigkeitsgefasel alsbald als weitgehend hohlen Schmonz enttarnen lernte. Im wurde nämlich rasch klar, dass sowohl Staat als auch Kirche die meiste Zeit sozusagen 150 Prozent forderten, um wenigstens annähernd 50 zu bekommen. Wie auch die Ärzte stets gut waren darin, etwaige Folgen falscher Ernährung oder eines Zuviels an Alkohol in den düstersten Farben zu schildern, und daher immer wieder fürchterliche gesundheitliche Spätwirkungen androhten; hoffend, dass der dumme Patient, solcherart in Angst und Schrecken versetzt, künftig wenigstens ein bisschen aufpasste beim Sündigen

Doch auch die penetrante Hinwendung zu hierarchischen Systemen war der säkularen und der klerikalen Ordnung weitestgehend gemein. Mit Demokratie hatte just eine Religion so überhaupt nichts am Hut, die sich angeblich die Gleichwertigkeit sowie die Schwester- und Brüderlichkeit der Menschen aufs (leider ohnedies blutige) Banner geheftet hatte. Was war sie in Wahrheit, diese Religion? Zu tiefst reaktionär und stock-patriarchalisch!

Und der Staat stand de facto seiner Kirche diesbezüglich absolut nicht nach. Nur blendete er eben auf andere Weise, wässerte das ohnedies schon anfällige Pflänzchen Demokratie nach allen Regeln der politisch-pragmatischen Kunst zu Tode oder ließ es, schöne, doch hohle Sprüche klopfend, verdorren; die Gießkanne scheinheilig schwenkend, ohne sie zu verwenden. Und schützte, mit vor Eifer roten Ohren, nach außen hin die intensivsten Versuche der Heilung vor, die er ihm angedeihen zu lassen sich bemühe. Vielleicht auch gleich unter Zuhilfenahme seiner untauglichen Wissenschaftler, dieser großteils miesen Büttel der Wirtschaft, die möglicherweise tatsächlich taugliche Erkenntnis – in globaler Absprache – zurückhielten und schädliche forcierten … Nicht nur in der Pharmasparte.

Nein. Für Rorschach gab es keine äußere Obrigkeit. Er akzeptierte lediglich das Primat des Wissens, der Information und der Kreativität. Naturgemäß musste er sich arrangieren – mit Politik und potenziellen Gebern, die er bei Laune zu halten gelernt hatte. (Eine schwere Lektion für einen Mann seines Naturells, für wahr!) Ansonsten konnten ihn die Regelaufsteller und Systemausklügler gestohlen bleiben, allesamt. Scheinheiliges Pack. Meist zudem Wasserprediger und Weintrinker! Er hasste sie – nein, er verachtete sie.

Rüdiger? Der war geistig und vom Stand seiner Lebenserfahrung her noch nicht ganz so weit. Doch er dachte durchaus schon ähnlich, und er befürchtete wie Rorschach die allgegenwärtige Bevormundung. Zudem hatte er ein feines Sensorium für Glattheit und oberflächliches Getue. Kurz: Auch er vermochte, meist hinter die Fassaden der Dinge zu blicken.

Kein Wunder, dass sich beide Männer, so weit und so bald dies möglich war, frei machten von kleinkarierten Zwängen. Um sich, zum Exempel, auch weiterhin vor dem Moloch Amtskirche zu schützen, waren indes beide ängstlich darauf bedacht, die hinterlistigen, rachsüchtigen Räuber ihrer kindlichen Ruhe und die zielstrebig-vermaledeiten Vergifter ihrer weitgehend unschuldigen Jugendjahre nie so ganz aus dem Auge zu verlieren.

Man konnte eben nicht wissen …

*

Am Ärgsten empfanden beide – und auch durchaus unabhängig von einander – in diesem Zusammenhang den Umstand, dass sich Kirche und Staat immer wieder und nur allzu gern in der selbstgefälligen Art zweier dick gewordener Kompagnons, sanierter Firmenchefs oder saturierter Industrie-Tycoons gerierten und sich das, was andere im Schweiß ihres Angesichts erarbeiteten, mit geradezu penetranter Selbstverständlichkeit (schier in Zuhälter-Manier) unter den Nagel rissen. Ja, sie reklamierten die Leistung der arbeitenden Massen, die letztlich erst den allgemeinen Wohlstand (und im Besonderen das Luxusleben der fetten, ständig absahnenden Bosse) ermöglicht hatten, zuletzt noch frech für sich: für ihre so überaus kluge Geschäftsführung, für ihr schon ans Geniale grenzende Beherrschung der Marketing- und Management-Tricks und für ihr schier geniales Entrepreneurship. Als einen quasi mentalen Mehrwert zu all dem, was sie sich ohnedies schon an Privilegien herausnahmen.

Von Bildung und Förderung wurde da zwar in mancher fein-formulierten, von Gemeinplätzen beinahe platzenden Sonntagsrede vorgeblich tiefsinnig geschwafelt, und auch manchen notwendigen finanziellen Ausgleich stellte man in Gönnerlaune in Aussicht. Und man beschwor zum Drüberstreuen nichts Geringeres als die allgemeine Wohlfahrt. (Hört, hört!) Doch, und das war abzusehen, nachher ging es immer wieder bloß um strahlende Bilanzen und um fette Boni, um Vorteile in der Chefetage und um manchen persönlichen Zuwachs sowie um die Perpetuierung der Macht derer, die nun einmal am Drücker waren.

Drücken und Gedrückt-Werden lautet nämlich das Prinzip seit Alters her, und in Unterdrücktheit, ja: in einer Art von Sklaverei, endete es unweigerlich – nämlich für die gottergebene Schafherde der blinden Gefolgsleute und der ewig-dumm ans einmal von einem nebulösen Oben versprochene Gute glaubenden Masse.

Mit geschickten Hinhalte-Manövern ließen sich solcherart spielend Jahrhunderte überbrücken. Per saecula saeculorum … Und erstaunlicher Weise: Das galt für beide Hemisphären – hier für die der Kirche mit ihren feisten Oberen, die Wasser predigten und Wein soffen, dort für die des Staats und seiner mit einander in diversen Grauzonen aufs Ärgste verbandelten Vollstrecker. Im Grund genommen, spielt es keine Rolle, ob da ein geifernder Bischof predigte, der vor lauter Verfressenheit kaum mehr schnaufen konnte, aber zur Mäßigung mahnte, oder ein politisches Flachhirn, irgendein Vielfach-Funktionär, Ämterkommulierer und Geistesgnom von Raiffeisen oder Hypo Alpe Adria … Sie machten schlichtweg alles kaputt, mit dem sie bloß in Berührung kamen, sodass man den Exemplaren schon dankbar sein musste, die sich wenigstens in einer Art von Untätigkeit einigermaßen heraushielten aus den Dingen und nicht noch mehr Schaden anrichteten als ihre noch habsüchtigeren und gierigeren Kollegen. (Die sie dann freilich eines unschönen Tages überrollen würden, platt machen und sich einverleiben … Denn der Moloch hört nicht mehr auf zu mahlen und zu zermalmen, zu fressenund auszusaugen, wenn er einmal angeworfen ist. Und nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder – auch das Kapital!)

*

Dass sich die Parteien der (wohl-)habenden Schichten, die der Wirtschaft bis ins Büttelhafte verpflichtet sind und solcherart krampfhaft ihre – fragwürdige – Kompetenz wie ihre – ebenso nicht belegbare – Lebensberechtigung zu sichern suchen, dass sich diese Parteien, äußerst nervös auf alle Veränderungen reagierend, an die internationalen Machtzentren andienern, wirkt an sich, wenn es auch nicht gut zu heißen ist, so doch immerhin verständlich. Doch dass sich auch die angeblich dem Arbeiterstand verpflichteten Fraktionen kaum um eben diesen kümmern, empört beinahe noch mehr.

Ein Kapitel für sich sind daher diese (pseudo-)sozialdemokratischen Polit-Funktionäre. Handelte es sich dabei um Relikte aus der Ära vor dem legendären Bundeskanzler Bruno Kreisky, also brav-gediente Inkassanten des Parteimitgliedsbeitrags, zu dessen Requirierung sie die Lysol-geschwängerten Gänge der alten Gemeindebauten durchlatschten auf schief-getretenen Schuhsohlen, oder gar irgendwelche beinahe rührend anmutende Alt-Kommunisten, die einem vor lauter Richtungslosigkeit allein schon leid taten, mochte man ihre Haltung immerhin noch irgendwie begreifen. Warfen sich die linken Brüder indes – wie ihre rechten Vorbilder auch in den Nadelstreif des Bankers oder Lobbyisten und spielten BAWAG-Roulette, machten plötzlich in Waffen oder schwafelten von Hedge-Fonds und Fremdwährungskrediten, Investitionen oder Renditen, dann war Feuer auf dem Dach! (Doch: Wir wissen es, auch Karl Marx war letztlich – und bei allem Respekt vor seiner Philosophie – auch nur ein gescheiterter Kleinbürger. Was soll es?!)

Im Allgemeinen lieber erst gar nicht angesprochen wollten sowohl Rorschach als auch Brockenhorst auf das Gesindel ganz rechts außen werden. Diese Sippschaft, die da zwischen Alt-Braun und Neu-Blau changierte, war, so schien es ihnen, den Aufwand nicht wert, sich mit ihr überhaupt genauer auseinanderzusetzen. Zudem, hier teilten sie die früher schon einmal zitierte Meinung von Hofrat Anton Adalbert Galthür, dass eine funktionierende, tatsächlich gelebte Demokratie mit ein paar extremen Idioten – übrigens rechts wie links! – doch wohl noch zurecht kommen müsse! Verdammt!

Doch die Geschäftemacher und Schönfärber. Dass diese Verbrecherhorde sich dann noch weitgehend schamlos als hehre Vereinigung von Wohltätern feiern ließ (oder sogar, noch penetranter: selber feierte), im besten Fall jedoch eine Räuberbande von Wohlnehmern war, müsste das Fass in der Tat zum Überlaufen bringen, ginge es mit rechten Dingen zu!

Aber – es ging wohl nicht.

Und noch etwas: Alles dies, im Kleinen gleichsam, im Österreichischen, fand seine Entsprechung im Größeren, Umfassenderen, in der EU. So sehr man sich über die Möglichkeit, zukünftige Kriege innerhalb des Kontinents weitgehend ausschließen zu dürfen, freuen mochte, die Brüsseler Kleinkarierte stank einen an! Außerdem gerierten sich die Einzelstaaten mit ihren Sonderinteressen unverschämt wie bisher: Die Deutschen übten sich erneut, typisch für sie, in einer Art Übermenschentun, die Franzosen waren arrogant wie bisher, England hielt sich immer noch für eine koloniale Weltmacht und die ehemaligen Sowjet-Sateliten kreisten wenn schon nicht um den Kremel, dann eben um den Euro …

Mies ist der Mensch. Egal, ob er nun auch noch dem Mitmenschen ein Wolf ist oder bloß ein solcher, ein lupus in fabula nämlich, im Schafspelz … Hauptsache: mies!

*

Anton Adalbert Galthür konnte, summa summarum, als ein konzilianter Mensch gelten. Ja. Entgegenkommend, hilfsbereit, fürsorglich. Durchaus. Er hatte für jeden ein offenes Ohr, der Herr Hofrat, und auch eine offene, zum Geben wie geschaffene Hand – nein, besser gleich zwei Hände! Hofrat Galthür war allzeit bereit, Gutes zu tun. Ein Verschwender im positiven Sinn des Wortes, ein Gutes-Tuer. Obwohl selbst nie bei den Pfadfindern, war er dennoch diesbezüglich gleichsam ein solcher honoris causa.

Und er war zudem weitestgehend tolerant. Oh, ja. Seine Toleranz schloss beinahe nichts aus, und sie machte fast um nichts einen Bogen. Eine Ausnahme – die Juristen und die Juristerei! Da sah der sonst so manierliche und zurückhaltende pensionierte Gymnasialdirektor, Goethe- und Humboldt-Kenner, aber auch Fachmann für Johann Nepomuk Nestroy, Karl Kraus und Thomas Bernhardt sowie – erstaunlicherweise – für einige zeitgenössische Amerikaner (John Irving, Raymond Carver, John Cheever, Philip Roth, T. C. Boyle et cetera), rot wie Charles Bronson in einigen einschlägigen und von Blut triefenden US-Rache-Streifen.

Zu viel hatte ihm dieses Unrechts-privilegierte Gesindel (O-Ton Galthür) in seinem Leben angetan. Und er ließ, selbstredend und mit Nachdruck, auch den jungen Brockenhorst an dieser, seiner Aversion bereitwillig teilhaben.

Sehen Sie, Rüdiger, es gibt echte Verbrecher und Juristen“, meinte der Hofrat beim Whisky (oder Rotwein).Vor den echten Verbrechern muss man sich natürlich in Acht nehmen. Aber noch viel mehr fürchten sollte man die Juristen! Denn sie sind es in Wahrheit, die schuld daran sind, dass sich unsere Welt schon so weit zum Rand des Abgrunds vorgearbeitet hat und sich jetzt dort befindet, wie sie es tut! Diese raffgierigen Experten fürs Unrecht! Diese Nichtsnutze, diese Paragraphen-geschulten Schlitzohren, diese gemeinen Gauner in Nadelstreif und Talar!“ Er schüttelte voller Abscheu den Kopf mit den weißen Haaren.

Dann fuhr er grantig fort: „Die schlechten Psychiater erkennt man wenigstens am weißen Arztkittel, um sie von ihren bemitleidenswerten Patienten zu unterscheiden; aber die Rechtsanwälte? Sie heben sich überhaupt nicht ab von ihren sogenannten Klienten; von ausgekochten Verbrechern, wenn die bloß einen gewissen Grad gesellschaftlichen Aufstiegs erreicht hatten, bevor sie moralisch abgesackt sind! Beinah schon ident sind sie, die Herren Advokaten, mit den Gaunern, die sie zu vertreten haben! Später dann tragen die feinen Rechtsanwälte vielleicht die besseren Anzüge; aber die Klienten müssen dafür nicht sitzen …“

Und wie zur Bestärkung des eben Gesagten: „Es sei denn, sie haben zu wenig gezahlt …“

Ist es wirklich so schlimm?“, getraute sich Rüdiger, schüchtern einzuwerfen.

Schlimm?! Noch schlimmer! – Schauen Sie, ich trage vorsichtshalber stets meinen Goethe mit mir herum … ,Faust‘, natürlich …“, sagte Galthür, und es klang irgendwie verschwörerisch. „Da!“ Und er zog eine schöne alte Ausgabe (Karl Heinemann, „Goethes Werke“, Band 5, Leipzig und Wien ohne Jahr) aus der abgewetzten Aktentasche, die wir als Beförderungsmittel von Manfred Geiers famoser Biographie der „Brüder Humboldt“ schon kennen. „Da, Studierstube, Auftritt des Schülers, Mephisto gibt sich für Faust aus und kritisiert scharf die diversen Studienrichtungen und Wissenschaften.“ Der alte Hofrat war sichtlich in seinem Element. Er zitierte:

Es erben sich Gesetz‘ und Rechte

Wie eine ew’ge Krankheit fort;

Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte

Und rücken sacht von Ort zu Ort.

Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;

Weh dir, dass du ein Enkel bist!

Vom Rechte, das mit uns geboren ist,

Von dem ist leider nie die Frage.

Ja, so ist es“, setzte der Hofrat zu einer Coda an: „Nicht um Recht geht es, sondern – bestenfalls – um die Gesetze. Meist jedoch auch bloß um deren geschickte Beugung oder möglichst kreative Umgehung! Goethe hat schon gewusst, wovon er sprach. Er war ja schließlich selbst Jurist …“

Rüdiger hatte die Gläser nachgefüllt, und die beiden tranken.

Goethe hat übrigens – und vermutlich nicht zur Freude seines Vaters – das Studium der Rechte in Straßburg, das er einige Jahre lang betrieben hatte, nicht mit dem Doktorat abgeschlossen. Unter anderem, weil das Thema seiner Dissertation abgelehnt wurde, wie Rüdiger Safranski sinnreich ausführt.“ Und Galthür langte erneut in die Tiefen seiner alten Aktentasche und kramte die besagte Goethe-Biographie („Goethe. Meisterwerk des Lebens“, München 2013) hervor. Dann las er vor: „,Er wählte als Thema die Frage nach dem rechten Verhältnis zwischen Staat und Kirche, er wollte Antwort geben auf die Frage, ob der Staat die Religion seiner Untertanen bestimmen dürfe.‘ – Nun, Goethe sprach sich wohl – der Text der Dissertation ist verloren gegangen – im Sinne weitgehender Selbstentscheidung des einzelnen aus, was besonders ,bei den Straßburger Theologen als skandalös empfunden wurde.‘ – Kurz: Goethe begnügte sich nach dem Scheitern seiner Bemühung ,mit der Prüfung zum Lizentiat‘; und das sehr zum Missfallen seines Vaters, wie Safranski schreibt …“

Mithin also nichts mehr mit ,Heiße Magister, heiße Doktor gar“ …!“, versuchte Rüdiger Brockenhorst, seine Kompetenz in Sachen Goethe ins rechte Licht zu rücken.

Ja, da reichte es dann bloß zum Lizentiat und zu diversen Advokatenarbeiten. Fürs erste und zunächst“, ergänzte Galthür, „denn dann warteten ohnehin noch die höheren und höchsten Aufgaben am Hof des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar und Eisenach auf Goethe.“ Fast ein wenig despektierlich fügte der Hofrat hinzu: „Und der Alte hat sich erstaunlicherweise recht gut zum Untertanen geeignet …“ (Er dachte dabei nicht zuletzt an Goethes eigenartig ambivalente Haltung Napoleon gegenüber, dessen Orden er immerhin – und sehr zum Unwillen seines Brötchengebers, des Herzogs – stets in Ehren hielt; und dies vermutlich nicht nur der Anerkennung wegen, die der Tyrann im Kaisergewand dem Geheimrat anlässlich einer Audienz in Hinblick auf seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ angedeihen hatte lassen …)

Und wie kommt es zu Ihrer Ablehnung des Juristenhandwerks und der Rechtsverdreher selber?“, fragte Rüdiger nach einer Trinkpause.

Ach, junger Freund …“, der Hofrat seufzte, „das ist ist eine lange Geschichte … Kurz nur so viel: In mehreren Angelegenheiten, in denen ich des juristischen Rats und Rechtsbeistands bedurft hatte, wäre ich am Ende zumindest finanziell besser gefahren, irgendwelche Idioten von der Straße oder unbedarfte Kinder um ihre Meinung zu fragen als meine Anwälte … In einer Causa ging es um Geld, das ich unsinniger Weise in ein wackeliges Unternehmen gesteckt hatte, in einer anderen um eine arbeitsrechtliche Auseinandersetzung. Was soll ich sagen: Ohne Anwalt wäre es im ersteren Fall für mich mit Sicherheit wesentlich billiger gelaufen; und auch im zweiten hätte sich ohne ihn eine bessere Lösung gefunden. Nein, ich habe genug davon! Lassen wir die Juristen, bitte!“

Klar, Rüdiger wollte das Thema auch nicht länger beackern. Von seinem Vater Anatol immerhin hätte er von ähnlichen Erfahrungen berichten können. Jaja, vom Recht, das mit uns geboren ist, war wohl in der Tat nie die Rede … Freilich, neben den Anwälten könnte man ruhig auch gleich die ach so human-humanistischen alten Philosophen tadeln, dachte Rüdiger, die zum Beispiel nichts gegen die Sklaverei unternommen hatten; sie, im Gegenteil, für die natürlichste Sache der Welt ansahen; oder die abend- wie morgenländischen Herrscher sowie die jeweilige Kirchenführung und ihr durchwegs schäbiges Verhalten gegenüber den Juden; das Schüren von Zwist und Zwietracht, die sich schließlich in den unsäglichen Kreuzzügen entluden; die Eroberung fremder Erdteile; die angeblich heilige Inquisition (da lachen ja die Hühner!) oder die unmenschlichen Hexenprozesse …

Hofrat Anton Adalbert Galthür, der anscheinend wieder einmal Rüdiger Brockenhorsts Gedanken erraten hatte, griff sie auf und vervollständigte gleichsam die Liste: „Sie haben ja Recht, Rüdiger! Auch die Mediziner,die Pharmazeuten, die Nahrungsmittelerzeuger und die Politiker und die – – – Ach was!“

Nach kurzer Pause fügte der Hofrat dennoch an: „Vielleicht ist die Anlage zum Bösen ohnedies in uns allen, sozusagen: programmiert? Gut, auch das würde uns nicht daran hindern, etwas dagegen zu unternehmen! Es zumindest zu versuchen! Und zu einem nicht geringen Teil, glaube ich, ist das Böse in unseren Vorurteilen (die man nun wirklich schwer mit dem Überlebenstrieb allein rechtfertigen kann) begründet, über deren Ursprung wir meist nichts oder nur Nebulöses,Schemenhaftes wissen …“

Hm“, machte Rüdiger Brockenhorst ein wenig geistesabwesend.

Wissen Sie, Rüdiger, besonders heutzutage, da wir unsere Meinung nur allzu oft mehr oder weniger unkontrolliert aus Fernsehen, Radio, Printmedien und Internet beziehen, laufen wir alle – auch diejenigen, die sich als durchaus kritisch und vielleicht sogar als intellektuell gerieren – Gefahr, nur zu leichtgläubig zu sein. Weil es auch zu bequem erscheint, sich der alten Denkmuster zu bedienen und die erwähnten, lange schon vorgekauten Vorurteile immer wieder wirken zu lassen, kommen wir in Sachen Toleranz nicht und nicht vom Fleck.“

Hm“, machte Brockenhorst nochmals, während er jetzt immerhin die Argumentation des Älteren erwog. Und er nickte schließlich bedächtig, bevor er trank und nachschenkte.

Man tut sich im Westen nun einmal leichter, wenn man beispielsweise die Syrer, die Ägypter und die Libyer, die Marokkaner et cetera als heruntergekommene, reichlich abgerissen wirkende Beduinen-Nachfahren oder sonst irgendwelche morgenländische Proleten in zusammengestohlenen Uniformen betrachtet; mit denen man im besten Fall Ölgeschäfte tätigt, sie ansonsten indes weitgehend verachtet! Und wir vergessen den zweifelsfrei unerhört hohen intellektuellen Standard und die wissenschaftliche Stellung der Araber in der Geschichte und überhaupt die Gelehrsamkeit der alten Orientalen! Auch die ohne Frage im Islam vorhandene blenden wir gerne aus in unseren meist wehleidigen Überlegungen, die sich – einseitig informiert, wie wir nun einmal sind – aus bloß den uns genehmen Quellen speisen! Oder die Afrikaner: Wir halten sie am liebsten für zurückgebliebene, vielleicht: steinzeitliche Eingeborene, für irgendwelche Untermenschen oder Halbaffen, für Geschöpfe allemal, die sich da weit unter unserem Niveau tummeln! Ja, wir sind immer noch geprägt von den verderblichen kolonialen und missionarischen Ideen früherer Jahrhunderte! Denn es sind letztlich Hochmut und Hoffart, die uns unsere längst unglaubwürdig gewordene, hohle Überheblichkeit quasi als Schutzschild aus Dummheit vor diesbezüglichen wahren Einsichten und richtigen Argumenten der Menschlichkeit aufrecht halten lässt!“

Jetzt waren jedoch auch dem engagierten Hofrat, der sich in der Tat ziemlich in Rage geredet hatte, die vielen Rufzeichen zu viel geworden; er war richtiggehend außer Atem. Und die wackeren Diskutanten beschlossen daher, lieber noch einen zu heben. Vorsichtshalber und aus Gründen der geistigen Desinfektion …

Ausschnitte/Hase, Schwäne, Ente“, 2009, Acryl auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Die Abrechung oder Der Tod und … das Mädchen auf dem Mignonflügel“, 2009,

Acryl/diverse Materialien/Collage auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

O. T. (Abstrakt)“, 2009, Acryl auf Papier, 80 cm x 108 cm.

Inigo Jones oder Das Gelbe vom verlorenen Ei“, 2009, Tusche/Feder

auf Papier, 40 cm x 50 cm.

Henkers Mahlzeit“, 2005, Acryl auf Papier, 50 cm x 65 cm.

Die einigermaßen missglückte Himmelfahrt“, 2005, Acryl/Feder (Tusche)/

Bleistift/Mischtechnik, 50 cm x 65 cm.

Nicht ganz gesund“, 2009, Acryl auf Papier, 54 cm x 79 cm.

Betrachten wir es doch …“, 2009, Acryl/Kohle/Buntstifte/Mischtechnik, 54 cm x 80 cm.

Dahin … Alles dahin …“, 2009, Acryl/Kohle/Buntstifte/Mischtechnik, 40 cm x 41 cm.

Freizeit I“, 2009, Collage auf Papier, 40 cm x 40 cm.

Freizeit II“, 2009, Tusche/Buntstifte/Mischtechnik, 39 cm x 40 cm.

Fortsetzung folgt!

Acht.

Jaja, stimmt! Sie waren in der Tat ein pittoreskes Paar, der kleine Bub mit der Mundharmonika und die vornehme Streunerkatze Ulla. Auch ihr aktueller Auftritt im Hause Rorschach bewies das wieder eindrücklich. Aber – wer waren die beiden wirklich? Denn allein der Umstand, ein pittoreskes Paar zu sein, ist noch nicht abendfüllend.

Nun, Sebastian, wie der Bub angeblich hieß (viel wusste man in der Tat nicht über ihn), begab sich tagtäglich auf ausgedehnte Streifzüge durch die Villengegend, hier im Osten der Stadt. Und die vornehme Streunerkatze, die getigerte Ulla also, begleitete ihn dabei. (In Wahrheit ließ sie es bloß gnädig zu, dass er sie begleite; so weit dies eine Katze in ihrer zumeist an den Tag gelegten Arroganz à la longe überhaupt zulassen konnte …) Die zwei Geschöpfe ergaben dabei ein in der Tat malerisches Bild. Doch die beiden ergänzten einander auch akustisch, denn Ulla fügte ihre melodiöse Stimme, einen ausgesprochen wohltemperierten Katzen-Mezzo, seinem ein wenig heiser wirkenden Mundharmonika-Klang gekonnt bei. Es war ein Duo von Format, eine musikalische Einmaligkeit schlechthin, ein Genuss für Kenner und akustische Feinschmecker! Weitgehend unmusikalische Menschen empfanden, hörten sie die beiden, echte Trauer darüber, unmusikalisch zu sein: Es musste einem geradezu etwas Himmlisches entgehen, dachten sie zurecht, konnte man diesen Klängen nichts direkt in die Seele Strömendes, nichts Großartiges, nichts Überirdisches abgewinnen! Ach, wir Armen!

Ulla und Sebastian interpretierten mit Vorliebe (und Hingabe) Filmmusiken, vor allem die großartigen Werke von Nino Rota zu bekannten Streifen von Meisterregisseur Federico Fellini, wie „La strada“ („Das Lied der Straße“) oder „Amarcord“. Aber auch „Lara’s Theme“ des Franzosen Maurice Jarre aus dem Film „Dr. Schiwago“ und, ja doch, Ennio Morricones so typische Piecen aus Sergio Leones „C’era una volta il west“ … Aber auch Anton Karas‘ berühmte Zithermusik zu Carol Reeds „The Third Man“ nach Graham Greenes Erzählung und Drehbuch erfuhr durch Ulla, die vornehme Streunerkatze, und Sebastian, den kleinen Buben mit der Mundharmonika, eine „durchaus exemplarisch zu nennende Interpretation“, wie sich Emmerich „Emmi“ Quarzschopf, der Pianist und Leader der unverwüstlichen „Old Abscesses“ schon einmal in ehrlicher kollegialer Bewunderung geäußert hatte.

Das Außergewöhnliche am Zusammenspiel von Ulla, der vornehmen Streunerkatze, und Sebastian, dem kleinen Buben mit der Mundharmonika, war in erster Linie auf die Harmonie der Klänge zurückzuführen und lag im merkbaren Umstand begründet, dass da nicht einer den anderen bloß ergänzte, weil ansonsten das solistische Tongemälde womöglich zu wenig Farbe gehabt hätte; nein, da ergab sich vielmehr eine ungeheure Steigerung der Effekte durch das Zusammenwirken der beiden Künstler. Hier waren eindeutig zwei Könner ihres Faches am Werk! Die Konzerte der beiden musikalischen Ausnahmeerscheinungen wurden nicht selten zu Ereignissen im ganzen Grätzel, von denen man später noch gerne sprach …

Doch wer war dieser kleine hinkende Bursche namens Sebastian? Wer war dieser kleine Bub mit der Mundharmonika und der vornehmen Streunerkatze? Manche Leute sagten, er sei ein armer Waisenknabe, der irgendwann einfach aufgetaucht sei in der Gegend …, quasi aus heiterem Himmel. Andere wiederum hielten Sebastian und Ulla für ein urbanes Phänomen, für Wesen aus einer sozialen Parallelwelt, sozusagen. Und schwärmerisch Veranlagte sahen in Ulla, der vornehmen Streunerkatze, und Sebastian, dem kleinen Buben mit der Mundharmonika, überhaupt ein Vorzeichen des nahenden Weltenendes; immerhin ein sympathisches. So unter der Devise: Apocalypse light. Nun ja.

Dass er, Sebastian, eine Reinkarnation des Dichters Rainer Maria Rilke sei, darüber herrsche kein Zweifel, behauptete eine leicht überkandidelte Nachbarin aus einer der umgebenden Villen, eine gewisse Irmengart Vogelgrund. Sie lud die beiden Musiker zwischendurch immer wieder zu Kuchen, Sheba und Kakao ein und traktierte ihre Gäste bei diesen Meetings mit Rilke-Gedichten, bevorzugter Weise aus dem Zyklus der „Duineser Elegegien“. Auch eine Form von Apokalypse. Nun ja.

Fest stand, das Bild, in dem sich die ganze Gegend zeigte, wäre unvollständig gewesen ohne Ulla und Sebastian. Ja, sie gehörten ganz einfach dazu, gaben eine besondere Note ab, sorgten für Flair und für einen Hauch von ironischer Unwirklichkeit …

Zu den ausgesprochenen Fans der beiden ein wenig bizarren Figuren gehörten verständlicherweise auch der nun ja auch nicht unoriginelle Meistermaler Björn Xavier Rorschach, der leicht verhuschte alte Hofrat Anton Adalbert Galthür, auch Mag. Florian Waltenzuber und – seit er zur Gruppe gestoßen war – natürlich auch Rüdiger Borkenhorst. Die allesamt ein wenig aus der Art Geratenen hatten da auch die entsprechenden Sensoren für ihresgleichen … Es war wie bei den alten romantischen Geschichten vom Zirkus; da fanden doch auch immer die fein-gezeichneten Randexistenzen optimal zueinander: der immens schielende Messerwerfer, die zottelig behaarte Dame (durchaus mit Unterleib!), der dreiäugige Zwerg oder die stumme Ballerina mit den grünen Glashaaren …

Jedes Mal, wenn Ulla, die vornehme Streunerkatze, und ihr Begleiter, Sebastian, der kleine Bub mit der Mundharmonika, auftauchten, hielt die Zeit zwar nicht wirklich inne; doch schien es den meisten Anwesenden zumindest so. (Und: Wer weiß …?!)

Für Rüdiger Brockenhorst war das, als die nächtlichen Schauerdinge im Zusammenhang mit den Veränderungen, die sich in den riesigen Wimmelbildern und in den sphärischen Dioramen Björn Xavier Rorschachs abspielten (wobei die betreffenden Bilder wunderbarer- und erstaunlicherweise am nächsten Morgen aussahen, als wäre nie etwas Zauberisches geschehen in oder mit ihnen!), für Rüdiger in seinen Ängsten also waren die Auftritte der beiden beliebten Stadtteil-Entertainer tatsächlich fast schon so etwas wie eine Therapie. Ja, gleichsam mehrere Behandlungen, zu einer kombiniert: Tier-, Musik- und Wohlfühl-Therapie in einer Anwendung, sozusagen! Und er genoss das wie ein Klassepatient, den die hübschen, jungen Krankenschwestern umwuseln …

Freilich, so wie die Auftritte bald vorüber waren, kehrte auch der Schrecken der Nacht Stunden später erneut wieder.

Diesmal allerdings schien den Gig von Ulla, der vornehmen Streunerkatze, und ihrem Partner, Sebastian, dem kleinen Buben mit der Mundharmonika, ein zusätzliches Flair zu umhauchen: Rüdiger ahnte, dass es – womöglich – das letzte Mal sein würde. Es zerriss ihm schier das Herz und schnürte ihm (naturgemäß nur im übertragenen Sinn) die Kehle zu, durch die notwendigerweise jetzt noch mehr Lagavulin floss, ja: fließen musste, als es gewöhnlich der Fall war. (Und auch gewöhnlich war es viel, viel zu viel …)

Dann, als schließlich alle anderen gegangen waren, kam die Nacht. Und ihr Griff war hart und intensiv wie kaum je zuvor … Der junge Mann hätte, wenn es ihm nicht schon längst beigebracht worden wäre, diesmal bestimmt das zumindest aus dem Märchen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm bekannte Fürchten gelernt.

Doch dazu war er eigentlich nicht ausgezogen.

G. E. Lessing – fast cool“ (Kleine Dichter-Serie), 2009, Kohle und Buntstifte auf Papier, 54 cm x 79 cm.

Goethe, als er bemerkte …“, 2009, Acryl auf Papier, 54 cm x 79 cm.

Friedrich Schiller, auf einen längst schon toten Kollegen anstoßend“, 2009,

Acryl/Buntstifte/Bleistift/Mischtechnik auf Papier, 54 cm x 79 cm.

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner …“, 2009, Rötel/Buntstifte/

Mischtechnik auf Papier, 54 cm x 79 cm.

Oh!“, 2009, Rohrfeder (Tusche)/Buntstifte/Aquarellfarben/Mischtechnik auf Papier, 30 cm x 40 cm.

Überraschende Abkehr“, 2009, Rohrfeder (Tusche)/Buntstifte/

Bleistift/Acryl/Mischtechnik auf Papier, 30 cm x 40 cm.

Observationen“, 2009, Acryl/Buntstifte/Tusche (Feder, Pinsel)/

Mischtechnik auf Papier, 47 cm x 59 cm.

Waidmanns Dank! (Hinterglas)“, 2009,

Kohle/Rötel/Acryl/Tusche/Sepia (Pinsel)/Mischtechnik, 79 cm x 60 cm.

Goldene Nase, stinkendes Ei“, 2009, Acryl auf Leinwand, 70 cm x 100 cm.

Was will der Frosch von Cechov?“, 2009, Acryl auf Leinwand, 70 cm x 100 cm.

Traumsplitter“, 2009, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

… und kehrte notre dame endgültig den rücken zu“, 2009,

Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Schutzes Engel“, 2009, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

A. Cechov mit Hund Aleksej“, 2009, Acryl, Feder (Sepia-Tusche)/

Mischtechnik auf Leinwand, 30 cm x 90 cm.

Fortsetzung folgt!

Neun.

Naturgemäß blieben Diskussionen, auch ziemlich heftige, zwischen den Exponenten der diversen Gruppierungen an Rorschachs Hof, wenn wir das offene Atelier salopp so bezeichnen wollen, nicht aus. Der honorige Hofrat Anton Adalbert Galthür zum Exempel und Dr. Emmerich „Emmi“ Quarzschopf, der im Allgemeinen so umsichtige Bandleader der „Old Abscesses“, gerieten nicht selten in den verschiedensten Fachfragen an einander. Was ist Musik, wenn sie nicht gerade Freude bereitet? Das war so ein beliebter Zankapfel. Ist sie, unverstanden, automatisch Scheiße?

Nun, Galthür, der Philosoph, sah das eindeutig pragmatisch: Um Musik zu beurteilen, musste man sie zwangsläufig hören (von unentwegten Partiturlesern einmal abgesehen) und hoffentlich auch einigermaßen verstehen. Gut, der Hofrat ließ sehr wohl anstandslos gelten, dass man Musik nur bedingt intellektuell verstehen könne; aber im landläufigen Sinn kapierte ein normaler Mensch, ausgestattet mit einiger Anlage zur Empathie und also auch den künstlerischen Äußerungen gegenüber aufgeschlossen, Musik doch – oder etwa nicht?! Wenn sie ihn nicht anspräche, würde er sie eventuell ablehnen, gefiele sie ihm, so hätte er automatisch Lust auf mehr davon … Diese Art von Verständnis meine er, Galthür, sagte Galthür. Zunächst zumindest nur diese Art.

Anders der Mediziner und Musiker Quarzschopf (der sich selbst, bescheiden, einen Musikanten nannte und auch als solcher angesehen werden wolle, nicht mehr, bitte sehr!): Jede Musik bereite Freude, würde sie nur mit entsprechendem Animo dargeboten. Davon war der Boss der „Old Abscesses“ überzeugt. (Und seine Mitstreiter stärkten ihm dabei den Rücken.) So gesehen, konzidierte er, könne sogar Scheiß-Musik – denn auch die gebe es, in der Tat und nicht zu schmal! – zumindest akzeptiert werden! Punkt.

Gut, Galthür und Quarzschopf konnten sich nicht einigen, doch beim Whisky oder beim Wein fanden der Emmi und der Toni ja doch wieder zu freundschaftlicher Harmonie. Und offerierten die beiden Standpunkte, jeder für sich, nicht tatsächlich einiges an Bedenkenswertem?!

Stören darf sie mich nicht, die Musik, wenn ich sie irgendwo höre; dann ist sie mir schon recht“, steuerte Rorschach, gerade eine kleine Mal-Pause einlegend bei. „Und bei der Arbeit brauche ich absolute Ruhe! Nein, da habe ich manche Kolleginnen und Kollegen nie verstehen können, die anscheinend nur mit Kopfhörern auf den Ohren ihrer Kunst zu frönen vermochten … Und, zugegeben, so … Geräusch-abhängig sahen ihre Werke dann ja meist auch aus. Geräusch-abhängig und innerlich arm …“

Außerdem: Wie käme Beethoven dazu, einem letztklassigen Pinselartisten als Inspirationsquelle zu dienen?!“, warf Rüdiger ein.

Genau! Gerade Beethoven …“, stimmte Dr. Quarzschopf zu. „Dieser Musiktitan wäre schon allein aus Gründen der eigenen gesundheitlichen Situation (und beeinträchtigt durch sein früh ausgebrochenes Ohrenleiden beziehungsweise durch seine Taubheit) vom Begriff Kopfhörer nicht besonders angetan gewesen!“ Und nach einer kurzen Nachdenkpause: „Obwohl gerade Beethoven uns auf eine ganz andere Art des Hörens bringt, als es die rein physiologische sein möchte … Ein inneres Hören …“

Ja, in der Tat hat Beethoven, auch schon total ertaubt, immer gewusst, was er komponiert“, meinte der Hofrat ernsthaft. „Egal, ob seine Zuhörer in der Lage waren, es zu verstehen oder nicht … Und wir wissen nicht: War es zuletzt womöglich noch intensiver als zuvor?!“

Ach, manchen Scheiß, Pardon!, kann man vielleicht tatsächlich nur malen und dergestalt auf Leinwand bringen, wenn man innerohrlich berauscht von den Paldauern oder den Edelseeern ist!“, gab voller Ironie Mag. Waltenzuber zu bedenken.

Da magst du durchaus richtig liegen, lieber Florian“, bestätigte Rorschach das von seinem Galeristen und Rechtsberater eben Geäußerte. „Ich jedenfalls geh‘ weitermalen – ganz ohne musikalischen Lärm …“ Und Rorschach machte sich lachend und guter Dinge davon, aus dem Roten Salon zurück ins Atelier. Zu den zum Teil noch nackten Leinwänden.

Ja, unser Meistermaler hat vermutlich Recht“, meinte der alte Hofrat.

Und sie bewegt sich doch“, beharrte Quarzschopf.

Und alle lachten. Und tranken.

Zwei krasse Vögel“, 2009,Acryl/Papier/Filzstift/Mischtechnik, 30 cm x 90 cm.

Traum des hl. Franciscus“, 2009, Acryl/Rötel/Aquarell/Mischtechnik auf Tonpapier, 36 cm x 50 cm.

Pop!“/(Die Bremer Stadtmusikanten), 2009, Acryl/Notenpapier/Bleistift/

Mischtechnik auf Leinwand, 120 cm x 160 cm.

Sitz!“, 2009, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Vor Waterloo (Napoleon)“, 2009, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Schach dem Truthahn!“, 2010, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Bunter Vogel“, 2010, Acryl auf Pappendeckel, 34 cm x 40 cm.

Schneeblind“, 2009, Acryl auf Tonapier, 50 cm x 66 cm.

Dichter und Schokolade“ (12er-Zyklus), 2009, Zeichnungen

(schwarzer Kugelschreiber) auf Papier, DIN A 4.

Autos, die man nicht braucht“ (10er-Zyklus), 2009/10, 25 farbige

Tuschezeichnungen auf Papier, DIN A 4 (Hochformate).

Der nächste Schwan …“, 2010, Zeichnung (verschiedene Tuschen, Acryl) auf Papier, 30 cm x 41 cm.

Mutabor/Ist der aber riesig!“, 2010, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 80 cm.

Lila und die Comics“, 2010, Mischtechnik (Acryl, Aquarell, Folie, Stoff, Kohle, Rötel, Bleistift)

auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Lila, Rudi und Ball”, 2010, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Missbrauch“, 2010, Acryl auf Leinwand, 60 cm x 80 cm.

Skepsis“, 2010, Acryl auf Pappendeckel, 45 cm x 58 cm.

Howgh!“, 2010, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Feine Leute, semi-synthetisch“, 2010, Acryl/Mischtechnik (Folie, Schmuck, Stoff,

Papier, Kunststoff) auf Leinwand, 100 cm x 160 cm.

Die Absprache“, 2010, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 120 cm.

Williams Birne“, 2010, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 70 cm.

Rüdiger machte auch heute am späten Abend seinen obligaten, ihm längst zum gefürchteten Ritual gewordenen Rundgang durch Atelier und Lagerräumlichkeiten, den er schon in gewohnter Weise mit der gehörigen inneren Unruhe herankommen gefürchtet hatte. Er war längst schon mehr Spießrutenlauf als Kontrollgang, dieser Marsch durch die Bilderwelten und ihre permanenten Metamorphosen.

Eigentlich hätte ihn längst nichts mehr erschüttern sollen, glaubte er doch schon alles nur Erdenkliche gesehen zu haben, was sich in die Formate riesiger Leinwände zwingen ließ – und sie dennoch immer aufs Neu überwucherte, entgrenzte und zur räumlichen Farce erklärte. Es war eine Art allnächtlicher Erschaffung neuer Bildwelten, ein Schöpfungsakt ohne sichtbaren Schöpfer (somit, wenn man will, eine weitere Analogie zu unserer Welt und ihrer Entstehung). Sehgewohnheiten wurden umgeworfen und mussten überhaupt zu existieren aufhören. Der Betrachter, der zugleich Involvierter, ja: Opfer war, Involvierter all dieser Phantasmagorien, die längst nicht mehr in Björn Xavier Rorschach ihren Produzenten (oder mindestens ihren einzigen Produzenten) und Kreator haben konnten. Zumal das, was sich in den Riesengemälden, den Wimmelbildern und Dioramen, abspielte, ereignete und zutrug in dauerndem Wechsel und in dauernder Veränderung befand. Der Zustand des Unsteten definierte das Geschehen, dessen Auflösung und Neu-Konstruktion eine – wie es Rüdiger vorkam – schier ewige Wiederholung war; vergleichbar einer Zellverschmelzung oder einer Zellwucherung, der eine Destruktion folgte, die ihrerseits erneut in einen scheußlichen Geburtsvorgang mündete … So gesehen glich das, was auf Rorschachs Bildern vor sich ging, in der Tat dem Entstehen, Wachsen, Altern und Sterben, wie es uns das, was wir Natur zu nennen pflegen, dauernd vormacht; meist unsichtbar, oft spürbar, mitunter merkbar – doch immer weiterlaufend. Und der Zweck des Ganzen war – das Ganze.

Nicht mehr und nicht weniger.

Mehr brauchte es nicht.

Oder doch?!

Es konnte freilich auch ein Traum sein, wenn er, Rüdiger, ihm, Rüdiger, als gemaltes Männchen aus dem Bild entgegenfeixte im Taschenformat. Ein Traum, den wer träumte? Er oder ein seinerseits geträumtes Er? Ein Nicht-Er aus einem Nicht-Traum … Nichts …

Doch auch diesen Traum, wenn es denn einer wäre, kennzeichnete die Schleife, die Endlosschleife nämlich, als gedankliche (oder unbewusste) Darstellungsform. Dieser immer wieder – leicht verändert vielleicht – auftauchende Motiv-Verbund, diese krause Kausalkette (wenn es im Traum tatsächlich Kausalität geben sollte …), die zur Fessel wurde.

Da stritt sich Mona Lisa, aufgespaltet in Mona und Lisa, wie ein in früheren Zeiten vielleicht einmal annähernd souveräner Archetyp, den das Border-Line-Syndrom zwei-geteilt (oder, noch besser: mehr-geteilt …) hatte, mit sich selbst – oder doch nicht selbst (das war hier die Frage …); da ließ sich die Metropole Rom vom völlig durchgedrehten Kaiser Nero bereitwillig in Schutt und Asche legen und schob, wie ihr närrischer Herrscher, die Schuld auf die frühen Christen – und auf die Historiker; da gab Karl der Große Barbarossa den Reichsapfel und eine Ohrfeige; da eroberte Konstantinopel sich selbst, sozusagen und personifiziert in irgendeinem fünfköpfigen Osmanen-Führer katholisch-mohammedanischen Einschlags, dessen asiatisch geschnittene Schrägaugen (angebracht an allen fünf Schädeln, versteht sich!) an die einer Königskobra erinnerten – oder an die Sehorgane eines liebestollen Zitterrochens, der sich als Klavierspieler versuchte; während der Mona-Teil (oder doch die Schokoladen-seitige Lisa-Hälfte? – Egal!) ungeduldig, doch voller im Moment durchaus angebrachter Unterwürfigkeit, darauf wartete, endlich von einem großen Orchester (bestehend aus lauter lauten, aber kopflosen Musikerinnen und Musikern, gekleidet in prunkvolle Gewänder aus verschiedensten Stilen und Epochen) begleitet zu werden; wobei der elitäre Klangkörper seinerseits sehnsüchtigst des längst schon überfälligen, in überirdischem Glanz funkelnden Doppelgestirns der beiden Meister-Dirigenten harrte, die alternierend die Taktstöcke zu schwingen gewohnt waren, in Spähren-Stereo … Da prasselten auch schon in reichlicher Menge Regentropfen, von den Indianern auf ihren edlen Rössern (die wiederum von einer Überzahl ziemlich dreckiger Pioniere der Frühzeiten des nordamerikanischen Wilden Westens verfolgt wurden) im Übereifer leider übersehen, auf ein orientalisches Zeltdach zur Zeit der Zweiten Türkenbelagerung Wiens; während Prinz Eugen mittels Zaubertranks seine Körpergröße verfünffachte! (Was angesichts seiner geringen Maße indes immer noch nicht besonders viel war …) Hitler grinste sein faulend-unaufrichtiges Diktatoren-Lächeln und kniff Stalins Augen zusammen (das musste aber schon ein ziemlich rarer Zaubertrick sein!), während Herodes, ohne auch nur mit einer seiner beiden ihm von Philippi her noch verbliebenen Wimpern zu zucken, den penetranten Kindermord von Bethlehem befahl … Napoleon (oder war es Arnold Schwarzenegger?!) biss in Maos Lieblingsteppich, während Statisten und Komparsen rasch die Ortstafeln von Waterloo wegtrugen; und der alte Kaiser Franz Joseph I. meinte lapidar zu seiner Freundin, der Frau Hofschauspielerin Katharina Schratt: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut …“

Nein!

Es wurde mit einem Mal licht.

„Ach, da treibst du dich herum“, sagte Rorschach nicht unfreundlich. „Weißt du, wie spät es ist? Halb zwei Uhr nachts, Rüdiger! Geh schlafen! Ich werde das Licht wieder ausdrehen, wenn du gegangen bist.“

„Danke!“, stöhnt der Adlatus, in Schweiß gebadet.

„Schon gut“, lächelte Rorschach und ließ seinen Blick über die Bilder schweifen.

Nachdem Brockenhorst gegangen war, drehte er den Lichtschalter aus und ging ebenfalls in Richtung Stiegenhaus, um seine Räumlichkeiten im ersten Stock aufzusuchen.

Wir arbeiten wohl alle zu viel in letzter Zeit, dachte der Maler.

Fortsetzung folgt!

Zehn.

Endlich bezogen dann auch einmal die Frauen Stellung, in diesem Fall Maria Magdalena und Ruth Sittich. Sonst eher bloß gern gesehener Aufputz im Roten Salon, von den Männern hofiert und allemal mit Komplimenten überhäuft, indes letztlich kaum aktiv in die Diskussionen eingebunden, machte sich ihr Unmut schließlich einmal doch Luft. Wen es traf? Ihren armen Vater, den ohnedies so schon genug gestraften Rudi mit der Flasche! Ja, er war ihr Zeuger! (Da waren alle überrascht – zumindest fast alle.)

Immerhin also outete sich Rudi in seiner Not als ihr Vater, als der alte Sittich. Und das beschämte die jungen Frauen dann doch.

Aber, Vater, du hast uns damals schmählich im Stich gelassen“, flennte Maria Magdalena (oder war es Ruth?).

Genau! Das war schäbig von dir! So schäbig, wie du jetzt selber bist … Oh, armer Papa!“ Nun schluchzte auch Ruth kurz auf (oder war es Maria Magdalena? – Egal!) und schmiegte sich, neben ihrer Zwillingsschwester, an den Penner.

Und Rudi war gerührt.

Ja, er war Rudi mit der Flasche; doch in der Flasche, da saß – bildlich gesprochen – seine verstorbene Frau Griselda und soufflierte schweigend.

Man muss sich deren Szenen einer Ehe so vorstellen:

(Das Frühstücksgeschirr steht noch auf dem Tisch, man sieht diverse Überreste von Kipferln, Marmelade und früher noch obwaltender Liebe sowie ehelicher Zuneigung.)

GRISELDA: Du Lump!

RUDI: (Von der Zeitung aufblickend) Ja, Liebes! Was gibt es?

GRISELDA: Du hast mich betrogen …!

RUDI: Aber – ich doch nicht …! Wie –

GRISELDA: Schweig! Du hast mich um mein Leben betrogen!

RUDI: Also, hör‘ mal –

GRISELDA: Oh, was hätte alles aus uns werden können! Ich meine aus mir ohne dich …! Aber du, du hattest mich ja umgarnen müssen mit aller Kraft, deren du in deiner Schwäche überhaupt fähig warst!

RUDI: Also – (Er legt die Zeitung vor sich hin, sieht, unfähig, etwas zu tun, zu Griselda und hat Angst, sie zu umfassen. Dennoch steht er auf und nähert sich ihr.)

GRISELDA: (Fuchtig) Rüh‘ mich nicht an! Oder –

RUDI: Aber, ich hab‘ dich doch gar nicht angerührt! Da –

GRISELDA: Du Lump! Nie rührst du mich an! Nicht einmal das! Keine –

Genug! Nein, es war wie aus einem Altwiender Volksstück; aber aus keinem von den besonders guten Volksstücken. Kein Nestroy war das …, und auch kein Raimund … Es war – Griselda! Und doch hatte sie ihm, nachdem sie schließlich doch tatsächlich gegangen war, solche Töchter hinterlassen! Prachtweiber! Ach!

Ja, Rudi liebte nicht nur die Flasche. Er liebte auch Maria Magdalena und Ruth. Schlechtweg – abgöttisch! Und insofern war er sogar recht froh, dass sie sich zu Lieblingsmodellen Björn Xavier Rorschachs entwickelt hatten. Sogar, dass sie vermutlich auch längst die Bettgenossinnen des alten Meistermalers waren, nahm er dabei in Kauf. (Das mochte noch so schmuddelig sein,was sollte es? Wäre es nicht der alte Rorschach gewesen, so wäre es eben wer anderer … Das ist der Lauf der Welt, dachte Rudi mit der Flasche.)

Nein, für die Zukunft der beiden schönen Töchter schien gesorgt zu sein. Sie hatten sozusagen und sogar ausgesorgt … Und er? Nun, ein warmes Plätzchen für seine letzten Lebensjahre, das würde sich im Umfeld des Roten Salons, hier irgendwo in der großen Malervilla und in der Huld des alten Rorschach immer noch finden …

Rudi grunzte zufrieden und nahm einen Schluck. „Aufs Wohlsein!“

Einfalt“, 2010, Acryl/Breitpinsel (Collage) auf Leinwand, 80 cm x 80 cm.

Eben mäßig“, 2010, Acryl auf Leinwand, 100 x 140 cm.

,In einem kleinen Café …’(Poststation)“, 2010, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm.

Wo ist Schneewittchen?“, 2010, Acryl + Leder auf Leinwand (Mischtechnik), 30 cm x 150 cm.

Neid“, 2010, Acryl auf Leinwand, 40 x 120 cm.

Salomes Lust“, 2011, Acryl auf Leinwand, 70 cm x 100 cm.

M. L. an der Bar“, 2011, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 100 cm.

Vielfaltsesel“, 2011, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 100 cm.

Fortsetzung folgt!

Elf.

Die Vernissage zu Björn Xavier Rorschachs Ausstellung mit dem vielversprechenden Titel „Inferno“, die von einigen echten Enthusiasten schon mit großer Neugier erwartet wurde (ein paar Neider motzten im Vorfeld, die übrigen Idioten machten mehr oder minder unverhohlen ihre Missgunst deutlich), die Eröffnung stand also ins Haus, und Rüdiger Brockenhorst war schon bei einem seiner letzten nächtlichen Rundgänge, bevor – – – doch davon später.

Wie gesagt, man fieberte in Kunst- und Künstlerkreisen dem Ereignis entgegen (wenn etwas, das so scheintot ist, wie Kunst- und Künstlerkreise überhaupt zu fiebern imstande sind …), auch die Neuigkeiten- und Indiskretionen-Börse war in schon höchst quirligem Zustand; und die Gerüchteküche dampfte beinahe gar schon über – in Form einer Gerüchtegarküche also.

Merkantil war die Sache zweifelsfrei schon im Vorfeld ein Erfolg: Der Marktwert der Rorschach-Bilder stieg nämlich merklich; auch wenn sich offiziell alles diesbezüglich in Schweigen hüllte. Doch so sollte es ja auch sein – das eine wie das andere. Immerhin bedingten sich nicht zuletzt auch Preis und Neugier gegenseitig …

Ja, Mag. Florian Waltenzuber hatte alle Register gezogen, dabei jedoch auch die entsprechende Diskretion walten lassen. Eben ganz so, wie man es von einem gefinkelten Galeristen (und Juristen, Betriebswirt, kurz: von einem ökonomisch denkenden Menschen) erwarten durfte. Immerhin war ja auch sein potenzielles Geld drinnen in diesem Sack, den aufzutun es erst am Tag der Ausstellungseröffnung Gelegenheit und Anlass gäbe. (Dann aber wie nur! Hier würde nicht gekleckert werden, sondern ordentlich geklotzt!)

Die Einladungen zur Vernissage waren verschickt, und auch die neidigen Konkurrenten hatten sich längst auf Touren gebracht. Immerhin hatte jeder – auch nur am Rande – Beteiligte vor, bei diesem Event sein Süppchen mit-zukochen; und sei es noch so dünn.

Besonders neugierig war man natürlich auf die angeblich neuen, ganz anderen Arbeiten Rorschachs. Und auf die Reaktion der übrigen angeblichen Fachleute, die ebenfalls eine Reaktion wieder anderer Erwartender erwarteten … Freilich, dass der bis dato immer so einfallsreiche Mittsechziger auch diesmal für jede mögliche Überraschung gut war, durfte als bekannt vorausgesetzt werden. Und dass auch diesmal mehr zu sehen sein würden als skurril-geschmackige Akte (besonders solche, die Maria Magdalena Sittich und ihre haargleiche Zwillingsschwester Ruth darstellten, die nach wie vor höchstens ihr Maler, väterlicher Freund und Liebhaber Björn sowie vielleicht noch ihr Gynäkologe, der allseits angesehene Primarius Dr. Ernst Theodor Zwerch, zweifelsfrei zu unterscheiden vermochten; nicht einmal Vater Rudi mit der Flasche), stand auch fest. Da würde es manch ausgefallenes Stillleben, manche abstrakte Komposition und manche kuriose Skulptur geben; denn, wie man hörte, widmete sich der Meistermaler diesmal auch stark dem Bildhauerischen.

Oh, ja, Rorschach hatte sicherlich noch einiges in seinem unergründlichen Kunstköcher!

An sich mochte der Meistermaler große Gesellschaft überhaupt nicht. Da hatte er auch keine Lust, sich über irgendwelche Dinge zu äußern, wie er es zum Beispiel bei den oft hitzigen Diskussionen im Roten Salon so gerne tat. Besonders Tagesgeschehen, Gesellschaftstratsch und auch die Politik (und die Kritik an ihr) waren dann gar nicht sein Ding. Nur mitunter konnte er sich, klar doch!, auch auf diesem Gebiet vor Leuten sarkastisch äußern.

„Gut, dass wir die Europäische Union haben!“, sagte er zum Beispiel, gespielt euphorisch. „Jetzt können wir viel effektiver und weltweit die Kolonisation betreiben! Fast wie die US-Amerikaner … Wir schicken zwangsverpflichtete Soldaten in die Zentralafrikanische Republik, schlechte Bücher in die Südsee und abgehalfterte EU-Politiker zu den Vereinten Nationen. Bravo!“

Oder: „Die Amerikaner können uns tatsächlich in vielem als Vorbild dienen: Noch bevor der Kampf zwischen den sogenannten Nord– und Süd-Staaten beendet war und sie ihre ach so grandiose Verfassung formuliert hatten, war es ihnen Stück für Stück gelungen, die Ureinwohner und die Bisons auszurotten. In Neu Amsterdam, später New York genannt, sogar die Biber … Und den übriggebliebenen Indianern überließen sie als Gegengeschäft – Glasperlen! Welch hübsches Bild … Das erinnert mich direkt an die spanischen und portugiesischen Eroberer! Jaja, manchmal lernen die Leute eben aus der Geschichte …“

Aber, wie gesagt, des Meistermalers bissige Exkurse in die Politik (und schon gar in die österreichische Innenpolitik!) waren eher selten. Und Rorschach entwickelte sich vielmehr sukzessive zum philosophierenden Künstler hin. „Ein gutes Bild, eine treffende Zeichnung, eine bedeutende Skulptur, sie müssen auch – nein: vor allem! – Gedanken auslösen. Gedanken – beim Betrachter. Davor beim Kreativen selbst, das wollen wir doch voraussetzen, oder?! Dazu jedoch müssen die Gedanken quasi schon in den Inhalten selbst leben, vorgefertigt, angeregt zumindest, vielleicht schon in statu nascendi“, sagte er. „Ja, die Werke entwickeln sich dann immer noch weiter, wenn sie überhaupt etwas taugen sollen! Sie machen Fortschritte! Drum seid nicht verwundert, wenn euch manches Bild, von dem ihr geglaubt habt, es schon gut zu kennen, plötzlich ganz neu vorkommt …“

Nun, wer dass hörte, verstand es nicht ganz. Dunkel schien vielen die Rede. Rüdiger indes glaubte, hier läge der mögliche Schlüssel für die eine oder andere Metamorphose. Ja, dieses Wort war quasi der Blumentopf (mit dem Schlüssel) beim Eingang – für ihn …

Doch alle, auch die Nicht-alles-Kapierenden, mussten, ob sie wollten oder nicht, anerkennen, dass der Meistermaler immer entschiedener eine Richtung der Körperlichkeit vertrat in seinem Schaffen. Dies schloss ein, dass er sich parallel dazu immer stärker der Veränderlichkeit, ja: der Vergänglichkeit gegenüber öffnete (notwendigerweise sogar der eigenen!); der Veränderlichkeit auch, bei aller damit verbundenen Bitternis, bis hin zum Verfall und zur Zerstörung. Und letztlich zu der zu erwartenden Auslöschung seiner selbst. (Und das in mancherlei Hinsicht!)

Dabei hatte er, so schien es zumindest nach außen hin, seine frühere Beklemmung (um nicht Angst zu sagen …) weitgehend aufgegeben; er vermittelte glaubhaft den Eindruck, als habe er sich sogar mit der – ohnedies nicht aufzuhaltenden – Alterung, den diversen Abnützungs-Erscheinungen, den Beschwernissen und Krankheiten, kurz all diesen üblen Molesten, abzufinden begonnen. Ohne Protest. Oder zumindest ohne lauten Protest …

Seine neue Maxime lautete nun: „Der Verfall des Reizes entspricht dem Reiz des Verfalls!“

Dabei hatte ihm das Altern noch vor Jahren, als es seine ersten, nichts desto weniger unerbittlichen Boten aussandte, keine geringe Sorge bereitet. Ja, es umdüsterte sein Gemüt durchaus und wirkte sich nicht immer positiv auf sein Schaffen aus.

Rorschach sah sich mitunter sogar veranlasst, im Alter eine Art Strafe zu sehen; wobei ihm allerdings unklar blieb, von wem diese Strafe ausgehe und wofür sie denn nun zu gewärtigen sei … (Oder wurde einfach im Leben immer munter drauf los gestraft?!)

Fest stand für ihn: Wenn man das Alter als Strafe ansah, wirkte es sich auf mehrfache und verschiedenartige Weise aus. Zunächst einmal für die, denen es bisher (insbesondere in ihrer Jugend!) um möglichst exzessives Er-Leben gegangen war, entstand nun zumindest der (vermutlich ohnedies mehr als lächerliche) Eindruck, ihre Forschheit müsse nunmehr gesühnt werden – etwa durch Siechtum oder Hinfälligkeit, durch Impotenz, Schwerhörigkeit oder Blindheit … Sie laborierten – quasi zu recht und als Strafe – an den Folgen ihrer übermäßigen Genüsse. (Eine kuriose Frage stellte sich allerdings: Warum bloß die einen, und andere, die nicht weniger gesündigt hatten, hingegen nicht?! – Egal!)

Als Strafe trat indes das Alter mit seinen diversen unangenehmen Begleiterscheinungen auch bei denen ungebeten durch die Tür, die dereinst gar nicht (oder nur mäßig) über die Stränge geschlagen hatten! Sie traf das Los doppelt so hart: Denn nun war es eindeutig zu spät, früher versäumte Exzesse nachzuholen, da es schlicht und ergreifend nicht mehr ging – aus Mangel an Kräften, Gelegenheiten und Ressourcen. Schicksal. (Strafe also ohne Tat …)

Wie auch immer, das Alter musste einem zwangsläufig als Strafe erscheinen.

Und auch, dass gleichsam als Ausgleich mehr Weisheit winkte, entpuppte sich nicht selten als leider leeres Versprechen.

Oh, er kannte da viele, die ein Leben lang vergeblich darauf gewartet zu haben schienen, irgend einmal /zumindest ein bisschen) weise zu werden; und der Zustand wollte sich partout nicht einstellen.

„Wo sind die Stunden der süßen Zeit …“, wie Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau gleich resigniert wie rhetorisch gefragt hat. Oder: „Gaudemus igitur, iuvenes dum sumus“, wie es das uralte Studentenlied verklärend erklärt.

„Gaudeamus igitur“ … Jaja …

Doch wie Hoffmann von Hoffmannswaldau zugibt, dass die schönen Stunden eben dahin seien, so weiß auch das Lied der Studiosi von der Vergänglichkeit des Irdischen, wenn es in der zweiten Strophe dann heißt: „Vita nostra brevis est, brevi finietur, / venit mors velociter, rapit nos atrociter, / nemini parcetur.“

Doch Jetzt war – Jetzt. Und auch, von den Molesten seiner Jahre und den diversen Krankheiten (nicht einmal noch den ganz großen, bedeutenden) beeinträchtigt, nahm sein künstlerischer Drang keineswegs ab; ganz im Gegenteil: Björn Xavier Rorschach stand schier unermüdlich vor einer seiner Staffeleien, saß vor Zeichenblöcken oder den diversen Materialien für Collagen und Skulpturen aller Art. Nur unterbrochen durch kurze Trinkpausen oder zum Essen, so war das, so gestaltete sich des Meistermalers Tagesablauf.

Man hätte beinahe befürchten können, Rorschach stünde unter Zeitdruck: Just weil er die Ruhe in Person zu sein schien … War das eine Form von Camouflage? Vielleicht …

Nun, in Hinsicht auf die bevorstehende Ausstellung hatte er allerdings in der Tat viel zu tun.

*

Doch auch in seinem Schaffen hatte sich (wieder einmal) eine Veränderung ergeben.

Ja, Rorschach ging es in zunehmendem Maße um Tieferes, als mit meisterlichem Pinselzug, mit geübtem Strich, mit sicherem Griffel oder mit elegant gehandhabtem Meißel Leinwand, Papier oder Holz zu malträtieren, auf dass sich die genannten Materialien in Kunst verwandelten. Er war meistens, auch wenn er malte, zeichnete oder schnitzte, geistig ganz wo anders, nämlich bei finalen Gedanken. (Oder war er nicht gerade dadurch ganz bei der Sache? Träufelte er seine Gedanken nicht just so in sein Werk, auf dass sie wirkten und wucherten?)

Ja, es musste einmal ein Ende gemacht werden. Und was, wenn nicht eine Inferno betitelte Schau hätte das passende Ambiente dazu geboten?!

Auch wenn es weiter, so dachte Rorschach unter anderem, auch wenn es vorgeblich weiterginge und etwaige Katastrophen ausblieben (diesmal), der Untergang stünde dennoch unausweichlich fest.

Der Grund: Aller Fortschritt trüge schon, so der denkende Maler (oder malende Denker), den abschließenden Kollaps in sich; der Gedanke, alles fließe – egal, ob er nun von Heraklit stammte oder von Microsoft, Lady Gaga, Apple oder Google -, beinhaltete unweigerlich das Streben eben nach einem allumfassenden Abfluss!

Im Werden, im Vergehen und im erneuten Entstehen (wodurch das Sein gleichsam zu einem vorübergehenden Zustand wird), im Kreislauf also, der als eine Art Schleife, ohne Anfang wie ohne Ende gesehen werden sollte, in diesem Werden, Vergehen und Neuentstehen lägen deshalb Hoffnung wie Angst; in beiden Fällen auf die beziehungsweise vor der unweigerlichen Perpetuierung eines jeweils und an sich unhaltbaren Zustands.

Existenzialisten (und Existenz-Realisten!) – die also, etwa in Jean Paul Sartres Sinn, jeder des anderen und alle aller Hölle zu sein akzeptierten -, aber auch Religionsschwärmer gelangten solcherart spielend in Kongruenz; sie würden also harmonisch ineinander fallen! (Und endlich einmal nicht über einander her!)

Zudem träfen sich einerseits Fatalismus (beziehungsweise Pessimismus) und anderseits Optimismus in einer Art Meta- oder Schein-Existenz, deren Realität oder Irrealität sich im Grund als ein und dasselbe Ziel herausstellten, allerdings: erreicht von verschiedenen Ausgangspunkten her. Schöner gesagt: Ausgehend von der Vorstellung eines quasi natürlichen Gegensatzpaars als notwendiger Voraussetzung aller Existenz/Nichtexistenz, höben sich somit sogar Belohnung respektive Bestrafung auf, was die Religionen substanziell um ihren Inhalt brächte. (Wir fügen es bloß der Vollständigkeit halber an, um hier quasi auch zugleich religiös-transzendente Implikationen einzuführen …)

Das Dasein, das strenggenommen überhaupt mit keinem Hiersein verbunden sein müsste, vermöchte auf diese (Denk-)Weise, weil es solcherart außerdem völlig wertneutral erschiene, final weder Probleme zu lösen noch zu vermehren.

Zudem könnte es in Hinkunft auch kaum selbst je (wieder) zu einem werden.

Übrigens, wollte man die Erlösung, dieses geradezu sinnstiftende und daher unerhört wichtige Regulativ in religiösen Bereichen, interpretieren als rückwirkende (!) Begründung der vorangegangenen Schrecklichkeiten (göttliche Bestrafung und Liebesentzug auf Zeit als gerechte Folge von Ausschweifung und Sünde), so erschiene sie mit einem Schlag ihrer Heilsfunktion entkleidet! (Hier drängt sich geradezu die Assoziation mit Karl Kraus und seiner sarkastisch-treffenden, auf die Psychoanalyse bezogenen Sentenz auf: Diese halte sich fälschlicher Weise für die Therapie der Krankheit, die sie selbst in Wahrheit sei …! Wir bleiben hier vorsichtshalber sehr konjunktivisch – und das in alle Richtungen hin.)

Zum unweigerlich erfolgenden Untergang sollte, so Björn Xavier Rorschach, noch angemerkt werden, dass er selbstredend nichts mit Gerechtigkeit zu tun hätte, die für sich wiederum ein völlig überholtes, antiquiertes und unnötiges Ritual von Bestrafung oder Belohnung (und damit verbundenen Anforderungen und zu erfüllenden Bedingungen) darstelle.

Die Effekte am Rand des Untergangs, die Blitze und das Donnerrollen, überhaupt die Begleitmusik und Geräuschkulisse, bestehend aus Kreischen, Krachen und Stinken, seien quasi der Kollateralschadens-Kommentar in akustischer, optischer und olfaktorischer Hinsicht. Das gehöre nun einmal zu einem richtigen Barocktheater in High Definition einfach dazu! Man wolle doch auch etwas haben für sein Geld!

Letzte Frage: Offerieren die so definierten (siehe oben!) Untergänge wohl auch brav das Gefühl von Zufriedenheit?! – Wohl kaum.

Doch das ist auch nicht ihre Aufgabe. (Denn wahrscheinlich haben sie – als Systeme und Ordnungen sprengende Ereignisse – überhaupt keine solche zu erfüllen. Ja, Untergänge dürfen gleichsam l’art pour l’art vor sich gehen. Geschehen. Passieren. Sich ereignen. Stattfinden. Irgendwas muss wohl auch noch sein, was ein bisschen Eindruck schindet!)

*

Rüdiger Brockenhorst? Bemerkte er denn nicht des Malers (und Freundes) Zerrissenheit und seine allgemeine Unzufriedenheit? Nun, der Adlatus hatte selber so seine Probleme; und die wären nachgerade nicht als geringfügig zu bezeichnen gewesen, hätte sie irgendwer überhaupt bezeichnen wollen … Doch weiterhin war Brockenhorst in seinen Bildwelten (die ihrerseits wiederum die Rorschachs waren!) befangen. Und diese Welten waren nun einmal sein Problem; besonders – und, wie es ihm schien, immer stärker werdend – die Wimmelbilder und Dioramen; sowie die damit verbundenen Ängste. Ängste! Ängste!

Unverdrossen freilich (und das, obschon es ihn sehr wohl verdross!) oblag er seinen Aufgaben durchaus penibel und zog seine nächtlichen Rundgänge. Innerlich längst infiziert – wie ein von einer heimtückischen Krankheit, von bisher unbekannten Viren, von neuartigen Bakterien oder anderen unbesiegbaren Krankheitserregern angesteckter Todgeweihter …

Auch wenn ihm just diese Patrouillen alles andere als gemütlich erschienen, er erledigte sie mit Todesverachtung und apathischer Ergebenheit in die ausweglose, trostlose Situation …. Nein, gesund konnte diese dauernde Anspannung, verbunden mit einem entsprechenden Mehr an Sauferei, auch nicht sein.

Rüdiger kam, sah und litt.

Don Emilio“, 2011, Acryl auf Leinwand, 50 cm x 100 cm.

Aussichten“, 2011, Acryl auf Leinwand; Leder,

transparente Plastikfolie /Mischtechnik, 100 cm x 50 cm.

Mona Lisas Lächeln“, 2011, Acryl; Aquarell, Tusche,

Filzstift/Mischtechnik auf Leinwand, 100 cm x 100 cm.

Der Eber als Keiler“, 2011, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 80 cm.

Die Katze als Börsenguru“, 2011,

Acryl; Tusche auf Leinwand/Mischtechnik, 40 cm x 80 cm.

Der Hund als Jäger“, 2011, Acryl auf Leinwand + Aquarell

auf Papier/Mischtechnik, 40 cm x 80 cm.

Der Vogel als Gelehrter“, 2011, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 80 cm.

Die Stute mit Schmuck und Zeitung“, 2011,

Acryl + Zeitungspapier auf Leinwand/Mischtechnik, 40 cm x 80 cm.

Der Affe als Wohltäter“, 2011, Acryl auf Leinwand, 40 cm x 80 cm.

Die Leitern und Stufen des Clowns, 2011,

Acryl auf Leinwand, 120 cm x 150 cm.

Ja, das sah Rüdiger alles – wie schon so oft.

Über die neuen Arbeiten, allesamt riesig, über drei, vier Meter im Quadrat und größer, Hoch- wie Querformate, sowie ein paar unförmige, zumindest jetzt noch, unter den weitgebauschten Planen, gestaltlos und düster-geheimnisvoll wirkende Skulpturen, über deren Materialien, Art der Bearbeitung, endgültige Beschaffenheit und erhoffte Wirkung Rorschach kaum etwas angedeutet hatte (außer höchst nebulösem Geschwafel, das die Rätselhaftigkeit der Werke wohl noch zusätzlich steigern sollte), wussten auch Mag. Waltenzuber und klarerweise auch Brockenhorst kaum etwas Genaues; Rüdiger vielleicht insofern, als er die umfangreichen Ausgangsmaterialien zu besorgen beauftragt gewesen war.

Doch die durchaus enorm zu nennende Einkaufsliste hätte sowohl auf die geplante Einrichtung eines mittelprächtigen Fertigteilhauses als auch auf die Ausrichtung eines opulenten Zeltlagers oder auf die Vorbereitungen für ein größeres Sommernachtsfest hinweisen können; das war alles ziemlich unbestimmt und unbestimmbar.

Dachte man an die zu erwartenden Gäste, so passten dann auch wieder sowohl Fertigteilhaus als auch Zeltlager oder Sommernachtsfest nahezu perfekt; hatten sich doch – auszugsweise – der hohlköpfig-blasierte Kulturlandesrat mit adäquatem Gefolge, der Karriere-geile Bürgermeister samt strohdummer Entourage, die sogenannte hohe Geistlichkeit, die mehr oder weniger inkompetenten Vertreter einiger weitestgehend überflüssiger Kultur-Holdings und die Vorstandmitglieder diverser ebenso unersprießlicher Kunstvereinigungen (mit den üblichen Vorkostern und Nachtrinkern, also den berüchtigten Vernissagen-Essern und anderen hungrigen wie durstigen Kunstparasiten im Schlepptau) angesagt; dann natürlich auch noch die selbstgefällige Kulturjournaille und noch einige personifizierte Unnötigkeiten aus der Sektion Gesellschaft & Klatsch verschiedener Printmedien, ebenso natürlich die Ignoranten von Funk und Fernsehen, dann, quasi selbstredend, die Sammler aus Beruf und ihre krankhaften Kollegen, nämlich die aus Leidenschaft, ein Haufen missgünstiger Kolleginnen und Kollegen Rorschachs und jede Menge Adabeis … Also alles, was mit Messer, Gabel und Glas einigermaßen umzugehen wusste und – dank äußerst geringer Fähigkeit zur Selbstkritik – unverschämt genug war, sich dort überall hineinzuquetschen, wo es voraussichtlich etwas gratis gab; wo man motzen konnte und die anderen ausrichten; kurz, wo eine solche Ausstellungseröffnung eben noch so nach Herzenslust zelebriert wurde!

Sie waren, wenn schon nichts anderes, dann immer noch von einigem Unterhaltungswert, diese Vernissagen. Zumindest Rüdiger Brockenhorst fand zunächst Gefallen an der Vorstellung der durch Atelier, Lagerräume und Roten Salon wuselnden Menschenmassen; auch wenn er gleichzeitig furchteinflößende Gedanken an seine höchst eigenen, quasi inneren Wimmelbilder und Dioramen verdrängen musste …

*

Die Vernissage: Sinnentleerter Auftrieb der Eitelkeiten?! Fast schon krankhafte Selbstüberschätzung des Inferioren?! Vielleicht auch bloß pure gesellschaftliche Infamie?! Letzte Stufe des geistigen Kollapses?! Auf jeden Fall: Reaktion und Konvention in ihren scheußlichsten Gewändern – nämlich verkleidet als Protest und Gegenströmung! Schludrig und amateurhaft gespielte Un-Uniformiertheit! Schier ins Krankhafte hin verzerrter Pseudo-Individualität! Kurz: Angebliches Interesse heuchelnde, dafür umso echtere Angabe …

Björn Xavier Rorschach hatte in seinem langen Künstlerleben schon vor Zeiten beinah jegliches Interesse daran verloren; besonders an den mit Ausstellungseröffnungen verbundenen Menschenansammlungen. Ja, er kannte den sogenannten Kunstbetrieb längst in- und auswendig, und auch seine nachgerade irritierenden, oft genug obskuren Regeln und bizarren Rituale hatte er längst durchschaut. Und sie standen ihm beim Hals heraus.

Rorschach war ein alter Hase, besonders auch in diesem weitestgehend auf Blenden und Täuschen ausgerichteten, insgesamt höchst fragwürdigen Teilbereich der Arbeit eines Kreativen, sagen wir: im Geschäftszweig Public Relations. Und er war, notgedrungen, auch zum zynischen Kenner des hier wirksamen (im weitesten Sinn sogar) geistigen Überbaues geworden, nämlich der angewandten Soziologie der Massen, der mehr oder minder tiefschürfenden Psychologie des Kapitals und der damit verbundenen, mehr oder minder effektiven Ideen (halb-)künstlerischer Art, die man immerhin noch für notwendig erachtete – in Hinblick auf letzten Endes dann verkaufbares, ergo merkantil auszuwertendes Material. Denn alles das war nun einmal zwingend nötig für die folgenden Schritte der möglichst grenzenlosen Vermarktung, die zudem ohne viel Reibungsverlust auszukommen versuchte … (Deshalb hatte er sich auch seinen Freund Florian Waltenzuber herange- und erzogen. Und dem – ursprünglich und in der Hauptsache nur juristisch und betriebswirtschaftlich denkenden und entsprechend agierenden – jungen Magister war von ihm in Sachen Marketing und Public Relations ohne Zweifel einiges zu lernen und aufzuholen aufgebürdet worden! Waltenzuber seinerseits lieferte allerdings davon wieder an den Chef ein nicht geringes Pensum retour!)

Gut denn, Rorschach mochte sie nicht, die meisten der Gäste. Wer etwas wollte – egal, ob Kunst erwerben oder über Kunst sprechen, sich informieren oder auch bloß gemütlich reden in angenehmer Runde -, der kam ohnedies zu ihm, quasi privatim, in den stilvollen und gemütlichen Roten Salon, in dem sozusagen permanent Tag der offenen Tür herrschte.

Aber die Atmosphäre eines Almauftriebs, wie sie Vernissagen nun einmal eignete? Sie ödete ihn regelrecht an! Wusste der gewiefte Künstler doch, dass es den meisten der Besucher und Gäste ohnedies nur ums Sehen und ums Gesehenwerden ging; ums Tratschen auch und um die kleinen Indiskretionen, Schweinereien und Winkelzüge (der Konkurrenz). Bei einigen waren die Gelüste, wie oben auch schon angerissen, zudem ohnedies aufs Gratis-Fressen und -Saufen fokussiert. Und das war’s dann auch schon.

Kaum jemand jedoch würde sein Interesse tatsächlich auf die Rorschach-Kunst richten, auf die Exponate des Künstlers also; und – auf ihn, auf den Menschen Björn Xavier Rorschach (oder wie er in Wahrheit auch immer heißen mochte).

Im Grunde stanken sie ihn alle an, die Prominenten und die Pseudo-Prominenten, die Politiker, Medienleute und Künstler. Aber am meisten verachtete er immer noch die Vernissagen-Fresser! Sie waren ihm schon damals ein Dorn im Auge, als er selbst noch wusste, was Hunger war und wie weh er tun konnte … Etwas (und vor allem: viel) zu essen, gratis, wenn man es sich leicht selber leisten konnte … Warum bloß?! Schmeckten die Sachen tatsächlich besser, wenn der Verzehr nichts kostete? (Oder, um es im Zeit-Sprech auszudrücken: Wurden die kulinarischen Wunderdinge leckerer, bloß weil sie gratis waren?!)

Überhaupt, sie blieb ihm, früher schon und auch heute zu Tage, unverständlich, diese Lust an der kulinarischen Ablenkung! Beluga und Veuve Cliquot, getrüffelte Spaghetti und teurer piemontesischer Rotwein oder Chianti aus der Toskana – aber die Kunst auf der Leinwand? Nicht des Anschauens wert. Ja, die darf gern verblassen daneben.

Es war wohl so ähnlich wie bei den ganz Reichen, die nicht mehr wussten, was ihnen überhaupt gehörte und welchen Wert manche Dinge (oder Gedanken oder Augenblicke) hatten oder haben konnten, wenn man bloß über das Sensorium verfügte, sie in sich aufzunehmen, zu inhalieren und tatsächlich zu rezipieren …

Es kotzte ihn an.

Rorschach sah sich da durchaus in Übereinstimmung mit den Autoren Christian Saehrendt und Steen T. Kittl, die in ihrem nur zu wahren, deshalb wohl auch durchaus ironisch geschriebenen Buch Das kann ich auch eine unterhaltsame Gebrauchsanweisung für moderne Kunst geben (3. Aufl., Köln 2007); und naturgemäß auch das Wesen oder Unwesen der von Gegenwartskunst umrahmten Besäufnisse und Befressnisse kritisch betrachten.

Freilich, auch „Schalen voller Chips und Flips“ können unbeachtet vergammeln, wenn zum Beispiel ein Unerwartetes ein- oder auftritt und sich sogleich zum bestaunten Vernissagen-Mittelpunkt aufplustert. Ob ein neues Gesicht oder ein neuer nackter Arsch (früher nachgerade die Attraktion!), ist dabei unwesentlich.

Wo waren die Zeiten, als Kunst für sich selbst Grund der Erregung war?!

Überhaupt dürfte die Aufmerksamkeit, der unleugbar ein hoher Stellenwert im ganzen Kunstgeschehen und -geschäft zukommt, wohl das Wichtigste bei einer erfolgreichen Ausstellungseröffnung sein; gilt sie nun einer zu bemalenden nackten Schönen oder einem gestern noch unbekannten Talent, das da, womöglich pickelig und verlegen an seinen Nägeln kauend, in einer dunklen Ecke lungert, morgen indes schon durch die Kultur- und Gesellschaftsspalten der Printmedien geistern sowie durch die Indiskretionskanäle diverser TV-Stationen gequält werden wird. (Und dem es vielleicht tatsächlich beschieden ist, mehr als bloß die Viertelstunde des Star-Seins zu genießen, von der Andy Warhol leicht aphoristisch gesprochen hat.)

*

Dann, je nach Stimmung, in der er sich gerade befand, sah Rorschach das Phänomen Vernissage allerdings auch wieder weniger aufgebracht und eher belustigt. Als eine Art Rundgang durch einen Vergnügungspark, unter besonderer Berücksichtigung des Abnormitäten-Kabinetts … Absonderlichkeiten, Purzelbäume der Natur und Un-Natur, tragikomische Auswüchse einer im schier unendlichen Vorrat der auch abstrusesten Möglichkeiten delirierenden Gesellschaft.

Und so – zumindest ließ er das kolportieren – hatte er in Hinblick auf die fress- und sauflustige Vernissagen-Gesellschaft schon an die Stiftung eines Preises oder Ordens gedacht – etwa das Goldene Brötchen -, auf dass in Zukunft die Leute ausschließlich das Angebot der kostenfrei abgegebenen Atzung und der gratis unter das Volk geschütteten Alkoholika beurteilten, nicht jedoch die nebenbei ausgestellte Kunst. Irgendwelche spendierfreudige, Kultur-affine Mäzene (Bund, Land, Stadt oder Sponsoren aus Wirtschaft und Industrie) sollten statt der Kreativität die Speisen, Getränke und das Catering subventionieren; alle wären dann glücklich – und die künstlerischen Erzeugnisse könnten, solcherart vor den gaffenden und plötzlich Kunst-geilen Massen geschützt, in den Ateliers und Depots bleiben. Dort wären sie dann weiterhin sicher vor Ignoranten, Kleingeistern und Banausen, die nunmehr mit ihrem Pseudo-Wissen auf den Gebieten angeblicher Weinkennerschaft und – allein schon durch ihre Fettleibigkeit auch optisch ausgewiesener und überprüfbarer – Gourmet-Tauglichkeit brillieren und miteinander diesbezüglich wetteifern könnten …

Übrigens, man sollte unbedingt auch wieder vermehrt auf die passende musikalische Umrahmung setzen (statt auf die Gourmet-, Gourmand- und Kalorienkarte). Oder? Doch dann entsann sich Rorschach diesbezüglicher schlechter Erfahrungen aus den 1980er Jahren, da er – wie auch andere Kollegen – klassische Musik zur aufwändigen Verbrämung der vorzustellenden neuesten bildenden Kunst aus seiner Produktion bemüht hatte. Zum Exempel, einmal, Felix Mendelssohn Bartholdys beliebtes Violinkonzert! Sauteuer war das gewesen, zudem beinahe raumsprengend – und die Leute hatten erst recht nach den Häppchen, den Austern und dem Champagner gefragt, mehr oder weniger ungeniert!

Dann hatte er Instrumentalsolisten respektive kleinere Besetzungen gewählt und war es überhaupt puristischer angegangen: mit durchwegs originellen Stücken für Blechbläser von Erik Satie zu Soletti mit burgenländischem Uhudler oder leidlich Experimentellem für zwei präparierte Flügel von John Cage mit Selchfleisch und Bauernbrot oder auch mit gerade noch Überschaubarem von Karlheinz Stockhausen zu weißen beziehungsweise roten Mischungen und Brioche. Der Effekt war ähnlich, und die Freude der Besucher eher verhalten. Bloß ein bisschen erfolgreicher dünkte ihm die Verschmelzung einiger Walzer und Polkas von Johann Strauß Sohn in Salonorchester-Besetzung mit neuseeländischem Fingerfood, die er bei einigen späteren Vernissagen in den 1990ern offerierte.

Da war Minimalismus gerade wieder in.

Doch verglichen mit den Beschwernissen des Herzens und den enormen Seelennöten, in denen sich sein Assistent Rüdiger Brockenhorst gegenwärtig zu befinden schien, konnten Rorschachs vergangene Querelen und die dunklen Schatten mancher miesen Vernissagen-Erfahrung von früher lediglich verschwindend kleine Probleme bedeuten. Wimpernschläge des Vergessens, um es, zugegeben, ziemlich dumm auszudrücken.

*

Ja, Rüdiger. Für ihn stellte sich alsbald fast schon alles als verwirrend dar … Das, was ihm noch bevorstehen sollte, aber auch das, was schon hinter ihm lag. So war die Situation im Vorfeld des „Inferno“, wie die anstehende große Ausstellung Rorschachs heißen sollte.

Den Beschaffer und Zulieferer, also Brockenhorst, verwirrten allein schon die außerordentlichen Massen an Eimern voll Acryl- und anderen Farben, die Unmengen von Riesenpinseln, Spachteln und unförmigen Bürsten sowie außerdem noch die Zahl an erstaunlichem Werkzeug, mit dem man ohne weiters ein ganzes Seitental Grödens holzschnitztechnisch ausstatten hätte können. Dann die verschiedenartigen Hölzer selbst in ihren vielerlei Formen, die er heranzukarren den Auftrag hatte. Es handelte sich dabei um durch viele Jahre gelagerte und entsprechend getrocknete, knorrige Bergtannen, tibetanische Bambusstämme, dann leichte Balserhölzer, urtümliche grün-grau gemaserte Schachtelhalme und (illegal eingeführtes) Teak-Holz …

Zum Glück fehlten Eisen, Bronze und sonstiges Metall oder gar gewichtiger Stein!

Immerhin, es gab da in der Villa und ihren Kellergewölben, in den Atelier-Nebenräumen und auf dem Dachboden jede Menge an Verstecken, Zwischenräumen und dunklen Ecken. Und das war gut für Rüdigers (und Rorschachs) Vorhaben.

Das ungleich Schwierigere am ganzen Unterfangen war freilich logistischer Art.

Wie sollte er – und das möglichst unbemerkt – die Zündsätze, die raffinierten Spengfallen und die Vorrichtungen mit dem Brand-Beschleuniger anbringen, dann das gute alte Nitroglyzerin sowie die fast ein wenig nostalgisch anmutenden Dynamitstäbe verstauen? Und wie konnte er überhaupt noch rechtzeitig bis zur Vernissage alle die Feuerlöscher durch Attrappen ersetzen, die vorher mit Benzin befüllt worden waren?

Gut, Rorschach hatte es auch verstanden, sein Tun – sowohl beim Malen der Riesenformate als auch beim Herstellen der bildhauerischen Großobjekte – weitestgehend geheim zu halten. Also musste eben auch er findig sein. Doch: Rorschach galt immerhin als Genie … Aber er, Rüdiger – war er auch ein Genie?! Nein. Und schon gar nicht zerstörerisch veranlagt … Nicht einmal irgendetwas so recht Pyromanisches gab es in seiner bisherigen Biographie, musste er sich eingestehen … Eigentlich auch gar nichts Aggressives … Kurz: wenig gute Voraussetzungen für das Handwerk des Anarchisten oder Berufschaoten, der da etwas von nicht geringem Umfang in die Luft jagen sollte! (Doch dass es zumindest ein schönes Feuerwerk geben sollte, das war er Björn immerhin schuldig.)

Wenn er wenigstens Pionier beim Bundesheer gewesen wäre, nach der Matura, und nicht Zivildiener beim Roten Kreuz! Dann hätte er jetzt zumindest über ein paar Grundkenntnisse mehr verfügt, die nötig wären zum Zerstören von Vorhandenem, als über das Wissen, das ihm nunmehr per Internet zur Verfügung stand. Im Schnellwaschgang, sozusagen.

Mehr als die ihm aufgetragenen Tätigkeiten, die allesamt die möglichst vollständige Zerstörung von Atelier, Lagerräumen und Villa Rorschachs sowie die Vernichtung seiner Kunstwerke zum Ziel hatten (warum auch immer, was ging das Brockenhorst an?!), mehr also als das „Inferno“-Inferno machten Rüdiger freilich weiterhin die sich ständig verändernden Bilder Rorschachs zu schaffen. Und damit verbunden: die unheimlichen Darstellungen auf den nächtlichen Wimmelbildern und Dioramen, bildeten sie doch immer wieder ihn selbst (und die Leute um ihn und Rorschach) ab. Obschon sie die Natur verzerrten und überhöhten, machten sie ihn fast wahnsinnig vor Furcht. Er fühlte sich zurückversetzt in die Kinderzeit mit ihren nächtlichen Ängsten im Dunklen, wenn er sich vor dem Teufel (oder vor dem mit einem Mal gar nicht mehr so lieben Gott) fürchtete!

Er wandte sich an Rorschach, einerseits, weil er endlich Gewissheit erlangen wollte über sich und die sich dauernd verwandelnden, erweiternden und verändernden Bilder des Meistermalers; andererseits, weil er wissen wollte, wie Björn nun eigentlich zu Gott und der ganzen Metaphysik stehe … Waren die nächtlichen Wimmel-Attacken bloß Äußerungen eines überreizten Geistes, nämlich seines, Rüdigers, überreizten Geistes? In Folge dieser völlig neuen, derart überintensiven Flut der künstlerischen Eindrücke, wie er sie bisher noch nie gekannt und erlebt hatte? Oder gab es womöglich eine natürliche Erklärung für alles das? Narrten ihn Björn Xavier Rorschach und Mag. Waltenzuber? Machten sie ihm des Spaßes halber ein X für ein U vor? War es ein abgekartetes Spiel? (Freilich, dessen war sich Rüdiger Brockenhorst gleichzeitig voll bewusst: Wie wichtig müsste er dann wohl sein, dass man einen derartigen Aufwand betrieb rund um ihn und seinen ohnedies schon angeschlagenen Seelen- und Geisteszustand sowie sein längst gehörig angeknackstes Nervenkostüm?!)

„Lieber Freund Rüdiger, ich dächte eigentlich, du und deine Generation“, sagte Rorschach, mit einem Patzen Ironie, doch auch mit Sympathie in der Stimme, „ihr hättet neue, zeitgemäßere Götter, die ihr fürchten zu müssen glaubtet – nicht unseren rächenden, angeblich lieben Gott, der uns trotz seiner famosen Allwissenheit, unüberschaubaren Gnadenfülle und permanent wirksamen Verzeihungsbereitschaft regelmäßig mit der Hölle droht und uns auch sonst unsere Träume verdunkelt! Ihr wäret besser beraten, endlich am schrankenlosen Fortschrittsglauben zu zweifeln und am Dogma, man solle ja auch alles schön brav machen, was angeblich machbar sei! Ihr solltet lieber den Glauben an den vermeintlich überall und für jedes Problem einsetzbaren Computer, an das als Heiligtum verehrte Internet mit seinen schier allumfassenden Möglichkeiten und an andere hauptsächlich elektronisch-digitale Surrogate der Daten- und Unterhaltungswelt hinterfragen, um hier ein hohles Lieblingswort aus der heute üblichen pseudo-psychologischen Terminologie zu verwenden!“

Rorschach hatte sich merkbar in Rage geredet. Doch er setzte noch hinzu: „Denn dieser Glaube ist nicht weniger naiv als der, den die damals sogenannten Wilden den Eroberern (und in deren Gefolge dann den Missionaren und anderen merkantil bestens bewanderten Händlern mit allem und jedem) entgegengebracht haben, bevor sie ihr Land für Glasperlen und ihre Seelen für papierene Phrasen eintauschten.“

Dann läutete sein Mobiltelefon, wie zum Hohn. Und auch der Maler musste lächeln. Dann drehte der die Wiedergabe auf Mithören. Es war Rudi mit der Flasche, der sein Kommen für den nächsten Tag ankündigte – wohl in Sorge, dass vielleicht nicht genug Alkohol vorrätig sein könnte, wenn er mit den anderen Tippelbrüdern auftauchen zu Besuch kommen werde.

„Und dann noch die Sache mit den Wimmelbildern -“, versuchte Rüdiger auf seinen zweiten Angstpunkt hinzuweisen. „Du malst doch deine Bilder ständig neu und veränderst sie …“

„Ja, aber ich habe es dir schon unlängst gesagt, ich denke gar nicht daran, dich oder mich oder sonst wen Bekannten hinein-zumalen! Glaub‘ mir, du verrennst dich da in eine fixe Idee!“ Rorschachs Gegenargument klang plausibel. Und doch –

„Aber -“

„Außerdem, Rüdiger, wann hast du jemals so viel Malerei und Ähnliches auf einen Haufen gesehen – tagtäglich noch dazu?!“ Die Frage des Malers hatte etwas für sich. „Und wenn manches dir auch schon vertraut vorkommen mag – lebt da nicht immer noch eine gewisse Furcht in dir, dem Betrachter? Die Furcht, doch noch etwas zu schauen, worauf du eben nicht vorbereitet bist?!“ Rorschach sah ihn scharf an. „Merk‘ dir, Künstler und Rezipient sind immer auch Duellanten …, Duellanten auf dem Schlachtfeld der Kunst …“

Rüdiger setzte erneut zu einer Entgegnung an. „A-“

Doch der Meistermaler machte eine wenig konziliante Handbewegung und fuhr fort: „Außerdem, vielleicht sollten wir alle unseren Alkoholkonsum ein wenig mäßigen …“

Das sollte eindeutig ein – noch dazu ziemlich vernünftiger – Vorschlag zur Güte sein, weder Tadel noch sonst sonst Böses beinhaltend. Und mit einem entwaffnenden Lächeln: „Dann wird es vielleicht nicht mehr so stark wimmeln in meinen Bildern …“

Björn Xavier Rorschach hob, während er sich zum Gehen wandte, grüßend die Hand; oder schwang da vielleicht Resignation mit – angesichts der Horror-Szenarien, von denen ihm sein Adlatus da unlängst (und heute erneut, andeutend) erzählt hatte? Dann bewegte er sich langsam und ein wenig so, als ob es ihn schwer ankäme, in Richtung Stiege und zu seinen eigenen Räumlichkeiten im ersten Stock der Villa.

*

Brockenhorst sah dem Alten nachdenklich nach.

Dann begab er sich auf einen – für heute letzten – Rundgang. Und wieder zogen ihn die Bildabschnitte der Großformate, links unten, fast magisch an … Tatsächlich! Wieder fand er sich selber und Rorschach, den Mag. Waltenzuber, natürlich die geliebten Zwillingsschwestern Maria Magdalena und Ruth Sittich, dann Rudi mit der Flasche und die Tippelbrüder, auch Ulla, die vornehme Streunerkatze, und Sebastian, den hinkenden Buben mit der Mundharmonika, sowie noch andere Personen aus seinem Umfeld im Bild vor. Heute war es das Hochformat „Lila“, 2006, eine Acrylarbeit, 120 cm x 150 cm.

Die Metamorphose in ein Wimmelbild war, so schien es, gerade in vollem Gange. Es wirkte, als würde hier, dominiert von der titelgebenden Kartäuserkatze Lila (eigentlich, so hatte Rorschach es ihm vor einiger Zeit erläutert, einer schönen British blue) etwas ähnlich Gigantisches wie die Völkerschlacht von Leipzig (fast ganz Europa gegen Napoleon, im Jahr 1813) entstehen. Furchtbar schaurig und schön im Duktus der wogenden, sich hin und her bewegenden Leiber und ihrer Schatten! Blutig einerseits und wüst, zum anderen von Lichtstrahlen durchmischtem Halbdunkel dominiert, ganz im Bann der aufreißenden Gewitterwolken und zuckenden Blitze! So schön und verrückt, wie nur zu tiefst menschliches Leid in unmittelbarer Todesnähe sein konnte; kräftigst verbrämt von der vollkommenen Unsinnigkeit des scheußlichen Krieges und des daraus abgeleiteten Wahnwitzes von wegen Ehre, Vaterland und Schollenkraft (abgeleitet naturgemäß von den Überlebenden solcher blödsinniger Stahlgewitter …).

Nicht zu vergessen, die permanente Fabrikation von Feinden und Feindbildern – als symbolische und als tatsächliche Aufstockung der Material-Ressourcen für Kriege und andere bewaffnete Katastrophen. Man kann dazu Nützliches unter anderem nachlesen bei Michael Walzer, „Erklärte Kriege – Kriegserklärungen“ (Hamburg 2003), oder, in gewohnt charmanter, geistreicher und fundierter Weise, bei Umberto Eco, „Die Fabrikation des Feindes und andere Gelegenheitsschriften“ (München 2014).

Gut, dachte Brockenhorst, nicht zuletzt eingedenk des vorhin von Rorschach Geäußerten, ihm war nun in der Tat niemals in seinem Leben so viel Bildnerisches vorgesetzt worden wie in den vergangenen Wochen! Tag für Tag diese Unmengen von Leinwand, Farbe, Pinselstrich und Spachtelschwung! Alle diese leicht vertrackten Motive! Schwankend zwischen Post-Surrealismus und Neo-Dada! Irreal und beklemmend, witzig und scheinbar naiv … Ja, das musste sein Hirn wohl erst einmal verarbeiten (und gewohnt werden)! Außerdem, auch da hatte Rorschach ganz recht, der viele Alkohol … Auch wenn er, Rüdiger, früher öfter einmal etwas getrunken hatte – er konnte sich an so manches mittleres Besäufnis mit Freunden, Kollegen und Kommilitonen erinnern (verschwommen …) -, so viel wie in letzter Zeit (und so kontinuierlich vor allem!), nein, so war das noch nie gewesen.

Also misstraute er seinen Augen. Wollte ihnen zumindest misstrauen.

Klar doch, Björn Xavier Rorschach veränderte an seinen Werken ständig etwas, arbeitete um und korrigierte. Darin schien er unerbittlich. Täglich kamen Nuancen dazu, wurden die Bilder durch Farbabstufungen und sogar sozusagen strukturelle Schattierungen bereichert, erweiterte sich der Inhalt, gewannen die Dimensionen, steigerte sich die Intensität.

Manchmal fürchtete Rüdiger schon, sein verehrter Meistermaler gliche dem berühmten Juwelier und Schmuckkünstler Cardillac in Enst Theodor Amadeus Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“: Eines schönen Tages würde Rorschach dann womöglich die Besitzer der Bilder, denen er sie gerade erst um teures Geld verkauft hatte, einfach umbringen (oder zumindest zu Boden stoßen), um so wieder an seine Kunst gewordenen Kinder heranzukommen; kurz, er würde sich seine Werke zurückholen …!

Doch, nein, so weit ginge er doch nicht! (Oder?!)

Allerdings, wäre es um die Wahrheit gegangen, so hätte das oben wiedergegebene Gespräch zwischen Rüdiger Brockenhorst und Björn Xavier Rorschach wohl eine andere Wendung genommen. So hätte der Meistermaler beispielsweise gesagt: „Ich bin längst noch nicht der Dompteur meiner Ängste! Und doch – immerhin kann ich sie seit einigen Jahren schon mehr oder minder gut kanalisieren …“

„Wie meinst du das, Björn?“, hätte Rüdiger, nun einmal zusätzlich in Aufregung versetzt, gefragt. „Und vor allem: Wie machst du das?!“

„Nun“, hätte der Meister seinem Gesellen erklärt, „Die Ängste entstehen dort, wo sich Fiktion, Illusion und Realität überschneiden. Da kommen sie her, und ich kann sie nicht verbannen; also banne ich sie auf Leinwand! Ich vermag nicht, sie abzustellen; also stelle ich sie dar … Zwar bin ich nicht mehr ihr unmündiger, ihnen hilflos ausgelieferter Knecht; aber nichts desto weniger mache ich sie mir dienstbar …“

Wenn das so einfach wäre, hätte Rüdiger gedacht.

Und Rorschach, als wäre er in der Lage, die Gedanken des anderen zu lesen: „Es ist nicht einfach, aber letztlich sowohl erträglich wie – einträglich!“

Alter Fuchs, hätte Rüdiger gedacht.

Danke für das Kompliment, hätte Rorschach gedacht.

Fortsetzung folgt!

Zwölf.

Es mag typisch für Rüdiger Brockenhorst sein (so genau kennen wir ihn jedoch nicht, um das als gesichert bezeichnen zu dürfen), dass er glaubte, sich ausgerechnet jetzt an die erste der wenigen Liebesnächte mit Maria Magdalena Sittich zurückerinnern zu sollen. Doch, was soll’s, er erinnerte sich nun einmal. (Oder war es eine mit Ruth? – Egal, fast egal.)

Ja, es war Liebe auf den ersten Blick; nimmt man beide Zwillingsschwestern her: auf den ersten und auf den zweiten Blick, nach einander. Doch welche der beiden welche sei, sollte ihm (und uns) ein Rätsel bleiben …

Maria Magdalena oder Ruth? Ruth oder Maria Magdalena? Wer weiß, wer weiß … Sie glichen zwei Chimären, ja, das trifft es wohl am ehesten und am besten. Sie glichen zwei Chimären. So musste das wohl sein. Genau.

Ach ja: Zudem waren sie die Geliebten seines Chefs, denn auch der alte Meistermaler Björn pflegte das sexuelle Terrain hin und wieder zu beackern, das er sich hier – verkörpert durch diese beiden Schönheiten, die immerhin auch seine aktuellen Lieblingsmodelle waren – vor einigen Monaten aufzubereiten die optimalen Vorarbeiten (wir vermeiden den doch ziemlich billigen Ausdruck Rodungen lieber!) begonnen hatte.

Der junge Adept graste somit in den privaten Gefilden des Malers höchst persönlich.

Das konnte nun kaum lang gut gehen. Selbst wenn man Meister Björns eher phlegmatisches Naturell (und sein Alter) in Betracht zog; sowie die weitgehende Unerfahrenheit des Famulus als Milderungsgrund ins Treffen führen mochte.

Nein, wären die Mädchen etwa der Wasserjungfrau Undine des deutschen Romantikers Friedrich Baron de la Motte Fouqué ähnlich gewesen, sie hätten gut daran getan, im wahrsten Sinn des Wortes rasch wieder unterzutauchen …! Doch sie waren nicht -, und somit hätte sich für sie auch kein letzter tauglicher Ausweg ins angeblich ewige Nass geöffnet.

Und für Rüdiger gab es überhaupt keinen solchen. Nass oder trocken.

(Anders der Fouqésche Held, Herr Huldbrand von Ringstetten, der in der Tat in die kühlen Fluten hätte tauchen können, wie Undine es ihm ja angeboten hatte … Doch: Auch wenn der Dichter in seiner reizenden Erzählung „Undine“ das unterirdische Reich der Nixen und Wassergeister auf so besonders schöne und einprägsame Weise schildert, dass man förmlich den Fischgeschmack auf der Zunge zu verspüren meint, als Menschenmann dorthin?! Hm.)

Ohne hier auf das Bettgeschehen näher einzugehen, das sich da zwischen Rüdiger Brockenhorst und Maria Magdalena beziehungsweise Ruth (oder beiden, oder besser: allen dreien) abgespielte, Rorschach war denn doch erzürnt, als er, den Geräuschen, durch sie misstrauisch geworden, folgend, die Tür in den an das Atelier anschließenden Raum mit dem umfänglichen Sofa aufgerissen hatte.

Die beiden Damen flüchteten kreischend, wie es sich bei solchen Gelegenheiten – zumindest in den besseren Kreisen – vermutlich gehört, sammelten zuvor freilich noch rasch die wichtigsten ihrer Kleidungsstücke zusammen und suchten erfolgreich das Weite.

Rüdiger schien versteinert; nur seine Erektion ließ relativ rasch nach.

Der junge Mann war ziemlich konsterniert. Doch zuletzt war es dann Rorschachs fast schon im barschen Befehlston gehaltene Aufforderung, die ihn aufs Höchste erboste: „Aber jetzt – weitermachen! Bitte, Herrschaften! Frohe Verrichtung!“

(Wer, bitte, sollte da weitermachen? Die beiden Frauen waren doch nicht mehr in Reichweite! Und überhaupt – …! Schöne Scheiße!)

Und, dem US-Fernseh-Inspektor Colombo nicht unähnlich, in der Tür sich umwendend, warf Rorschach dem Assistenten noch einen Satz von Tragweite an den Kopf, der ihn völlig niederschmetterte: „Übrigens, nicht dein Vater Anatol hat dich gezeugt! Das war ich …“

Dunkel. Obwohl es schon hell wurde, draußen, vor den halbgeschlossenen Fensterläden. Dunkel. Denn dieser Hieb saß.

Dass sich der erboste Künstler unter wirkungsvollem, wenn auch ein wenig boulevardeskem und eher zu einem derben Lustspiel passendem Türengeknalle längst schon davon gemacht und seine privaten Räumlichkeiten im ersten Stock der Villa aufgesucht hatte, merkte Rüdiger daher auch lange Zeit gar nicht. Dumpf im Kopf und körperlich – bildlich gesprochen – vor sich hin schlotternd lag der junge Mann, eben erst um eine nicht unbedeutende Erkenntnis, seine Herkunft betreffend, reicher, die Decke fest um seinen nackten Leib geschlungen, in dem auf einmal so einsamen Lotterbett. Ja, er blieb benommen zurück, hier, in diesem nunmehr so ungastlichen Raum hinter dem Atelier, mit Sofa und Tischchen, der sonst als durchaus praktikable Umkleide verwendet wurde.

Schließlich zog er sich verstört an – und zurück.

Ja, wie nun?! Was nun?! War das wieder so eine Vertreibung aus einem fragwürdigen Paradies? Und der Meistermaler, verkleidet als Baum der Erkenntnis oder als siebenfacher Zwerg, wer weiß das schon so genau?!, der Meistermaler also rülpste los – so à la: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“/„Wer hat aus meinem Gläschen getrunken?“/„Wer hat mit meinen Mädchen gefickt?!“ – und ballte die Faust gegen die Obwaltung junger Liebe … Und eröffnete einem dann, als Draufgabe quasi und zwischen Tür und Angel, dass man übrigens sein Sohn sei! Alle Achtung!

*

Später dann, am nächsten Morgen, als sie einander wieder trafen, Rüdiger und seine Chefs, wirkte Rorschach irgendwie gekränkt; zumindest war er ziemlich einsilbig, was sogar dem sonst wenig dünnhäutigen Mag. Waltenzuber aufzufallen schien und bei ihm zumindest zum Runzeln seiner sonst eher faltenfreien Juristenstirn führte.

Um elf herum bat Rorschach dann Rüdiger, mit ihm in den Roten Salon zu kommen.

Er goss beiden ordentlich (sehr ordentlich …) vom Lagavulin ein, und sie tranken, einander gegenüber sitzend.

Hör mal, Rüdiger, was geschehen ist, ist geschehen. Schwamm drüber! Schnapp dir deine Maria Magdalena und am besten auch gleich ihre Zwillingsschwester Ruth! Und – man kriegt heutzutage nichts mehr so ohne weiters geschenkt, ohne dass da nicht ein Pferdefuß an der Sache wäre! – nimm am besten auch gleich den Branntweintrinker Rudi dazu; denn der ist ja nun einmal der Vater der beiden Schönen; ob man es für möglich halten will oder nicht …“

Rorschach fuhr sich unwillkürlich mit der Zunge über die Lippen. „Ja, doch! Aber, dass ich dein Vater bin, also das hätte ich dir besser zu einem anderen, passenderen Zeitpunkt sagen und beibringen sollen …, und auf schonende Weise, nicht wahr …?!“

Während Rüdiger über das, was der Maler da sagte und auch über das merkbare Einlenken Rorschachs staunte, goss der alte Herr – sein alter Herr! – die Gläser erneut fast voll. Er stand auf und umarmte den sich Nicht-Wehrenden, dem nun jedoch nicht ganz klar war, ob er ein verloren geglaubter, ein zurückgekommener oder ein überflüssiger Sohn sei?! Er beschloss, sich zumindest vorläufig überhaupt nicht auszukennen … Und das gelang ihm sehr gut.

Dann fuhr Rorschach fort: „Mich kotzt jedoch das alles – hier und summa summarum wie auch grosso modo – längst schon an! Hörst du? Es kotzt mich an! Der ganze Kunstbetrieb, der Sex, das Saufen sogar und das Leben überhaupt … Am besten wäre es, alles das läge schon weit hinter mir! Ganz weit, weit weg …! Ja, am liebsten würde ich den ganzen Krempel da“, er wies mit großer, theatralischer Handbewegung hinter sich, meinte freilich mit Sicherheit (und nach dem eben angedeuteten) nicht bloß den Roten Salon, sondern wohl auch das Atelier, die Lagerräume und die ganze Villa, „nicht mehr sehen müssen!“

Aber -“, versuchte Rüdiger einen schüchternen Einwurf.

Nichts da! Hör‘ lieber zu!“, unterbrach ihn schroff der aufgebrachte Maler. „Vielleicht ist es ganz gut, dass ich euch erwischt habe … Da habe ich nämlich die Sinnlosigkeit des ganzen Getues erst begriffen! So alt habe ich werden müssen, damit mir was aufgeht …“

Sie tranken. Der Meistermaler goss, auf Rüdigers leisen Protest erst gar nicht eingehend, nach mit der ihm eigenen Großzügigkeit.

Und du, Rüdiger, wirst daher alles für mich erledigen! Dann hat zudem jeder das bekommen, was er verdient …“

Fortsetzung folgt!

Dreizehn.

Der atomare Wickeltisch und das Retortenkind“, 2011, Acryl auf Leinwand/Textil/Kohle

und Sepia-Tusche auf Papier (Mischtechnik), 150 cm x 130 cm.

Adolf Hitler. Der Aufstieg des Ungeistes braucht keine Flasche, aus der er steigt“, 2010,

Acryl auf Leinwand, 170 cm x 240 cm.

Romy oder Es lebe der Habsburg-Kitsch“, 2012, Acryl/Leinwand/Papier/Übermalte Filmplakate/Tusche/

Filzstifte/Tomatenketchup (Mischtechnik, 160 cm x 130 cm.

Fanny“, 2011, Acryl auf Leinwand, 120 cm x 180 cm.

Grüß Gott!“, 2010, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 180 cm.

Wenn Rüdiger Tage später an die Auseinandersetzung mit Björn Xavier Rorschach zurückdachte, kam ihm kurioserweise das nämliche Bild in den Sinn, wie es auch im Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ immer so nebulös auftaucht: vom kleinen Buben, auf dessen Schultern der erwachsene Mann steht, die Schlinge um den Hals. Und der Bub mit der Mundharmonika merkt, wie ihm die Kräfte mehr und mehr schwinden …

Ja, er war dieser Bub mit der Mundharmonika (abgesehen von Sebastian, der natürlich auch ein Bub mit einer Mundharmonika war, und der, hinkend doch frohgemut, mit der vornehmen Streunerkatze Ulla neben sich, herumzog). Oder so wie dieser Bub – wenn auch nicht hinkend. Zu schwach allemal indes, die Last des Vaters zu tragen …

Wie war das damals zugegangen?

Die Nebel lichteten sich … Es muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, Rüdiger war vier, fünf Jahre alt … Da überraschte er im elterlichen Schlafzimmer seine Mutter und einen fremden Mann … Später dann sah er ihn, diesen Mann, zwar wieder, aber es gab keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen dem, den er mit seiner Mutter im Bett erwischt hatte – unschuldig, als er damals (weil er wieder einmal nicht schlafen konnte wegen der Ängste, die ihn quälten) zu ihr kriechen wollte … und zu seinem Vater … Der Vater? Der war nicht da, aber dafür dieser fremde Mann … -, es gab also keinen Zusammenhang zwischen diesem Mann und dem neuen, der da als Vaters guter alter Freund Björn in Erscheinung trat. Und später dann, wie gesagt, ohne dass es ihm dämmerte, dass es ein und der derselbe Mann war, später dann gab es den Onkel Björn öfters am Familientisch (vielleicht auch im Familienbett?), und der sei, so hieß es nach wie vor, ein guter alter Freund von Vater Anatol. Und auch von Mutti Ursula … Ja, die mochten sich alle sehr und hatten einander lieb …

Björn Xavier Rorschach (der damals allerdings noch anders geheißen hatte) war Jahre zuvor gemeinsam mit Anatol Brockenhorst und noch vier anderen Burschen, mit einer sogenannten Clique also, nächtelang herumgezogen. Von Lokal zu Lokal, von Künstlerklub zu Künstlerklub, von Jazzhöhle zu Jazzhöhle … Wenn die jungen Männer nicht gerade in irgend einem halbseidenen Schuppen abhingen (eine Form der Untätigkeit, die damals jedoch noch nicht so genannt wurde), stellten sie allerlei mehr oder minder harmlose Sachen an; was es eben so anzustellen galt in den 1970ern; auch leicht schräge Unternehmungen, vielleicht sogar ein wenig unanständige … Kriminell? – Nun, ja …, streng genommen …

Und die schöne Ursula? Die ging von Hand zu Hand (und von Bett zu Bett), ja, das muss man wohl so sagen. Rorschach hatte sie schon gekannt, dann kam Anatol Brockenhorst, der sie immerhin im Jahr 1980 dann auch heiratete – als Rüdigers älterer Bruder, Alexander, schon unterwegs war, wie man damals zu sagen pflegte. (Schwester Heidi kam 1985, Rüdiger selbst anno 1988 zur Welt.)

Zur Clique gehörte außerdem noch Ursulas älterer Bruder Jürgen Knilch; der jüngere Bruder, Gerd, wandte sich übrigens, was die Berufswahl betraf, zur Kriminal-Polizei und war später sozusagen federführend an der Aufklärung zum Teil sogar spektakulärer Verbrechen beteiligt; man denke nur an die aufsehenerregende „Melkfett“-Mordserie von St. Pankrazen (an der Salm). Mitgemacht bei diversen durchaus gewagten Streichen und practical jokes hatten auch noch der damals junge AHS-Lehrer Dr. Paul Kronsteiner, ein sogenannter Weiberer, ewig auf Aufriss aus, außerdem ein schon etwas angegrauter Geschäftsmann und Spezialist für eher dunkle Machenschaften, der auf den Namen Ernesto Pfisterer hörte, und natürlich der spätere Stadtstreicher (und Freund Rorschachs seit ewigen Zeiten) Rudi Sittich – ja, genau, der Vater der schönen Zwillingsschwestern Maria Magdalena und Ruth …

Rudi, das muss hier wohl oder übel erläuternd eingefügt werden, Rudi war – und das sehr zum Leidwesen seiner Freundin Griselda – die rechte Hand eines gewissen (ziemlich gewissenlosen!) Maximilian Maxime Immenforst, eines angeblichen Playboys (wenn es denn so was in Graz überhaupt jemals gegeben hätte …) und hauptberuflichen Erben, dessen gleich undurchsichtiges wie unappetitliches Imperium allerdings später, in den 1990er Jahren, dann endgültig unterging. (Manche meinten damals, aufatmend: Endlich! Andere waren verwundert, weil sie wieder einmal nichts, aber schon rein gar nichts von alle dem mitbekommen hatten …)

Ach, ja: Der als Krimineller wie als Idol der Halbwelt gescheiterte Maxime beging in der Folge, genauer: am Beginn des Prozesses, der schließlich gegen ihn angestrengt worden war, noch in der Untersuchungshaft Selbstmord. Und sein früherer Adlatus Rudi entging dem Gefängnis nur durch ein umfassendes Geständnis, wobei er seinen Boss zugegebenermaßen nach allen Regeln der Kunst eintunkte. Ja, er tat es gründlich.

Worum es ging? Um gewerbsmäßige Hehlerei (Schmuck, Gold, Gemälde …), dann um das Dealen mit Kokain, Heroin und Marihuana, aber auch um verbotenes Glücksspiel und um Geheimprostitution und damit verbunden um Menschenhandel. Volle Länge also. Involviert waren, wie das nun einmal so üblich war und ist, auch Kreise der sogenannten besseren Gesellschaft der Stadt (wenn es so etwas in Graz überhaupt jemals gegeben hatte und gab), bis hinein in die Lokalpolitik sowie in die höheren Ränge der Polizei und der Richterschaft …

Der spektakuläre Tod seines Brötchengebers und Förderers ging Rudi Sittich nachgerade gewaltig an die Nieren, und die Vorwürfe, die sich der gewesene Gehilfe bei so manchem der ruchlosen Verbrechen deshalb später machte, ließen ihn noch öfter als bisher zur Flasche greifen; bis er schließlich völlig abstürzte und dem Alkohol verfiel … Seine Freundin und nachmalige Frau, Griselda, war zwar eine kurzfristige Blüte der Nacht gewesen, stammte jedoch aus erstaunlich gutem Haus. Nicht zuletzt wohl deshalb verließ sie ihn letztlich; und auch seine beiden Töchter, die hübschen Zwillingsschwestern Maria Magadalena und Ruth, wollten, obwohl eigentlich er sie in der Folge großgezogen hatte, zu seinem Leidwesen bald nichts mehr von ihm wissen, geschweige denn mit ihm zu tun haben.

Erst als die beiden zu ausgesprochenen Lieblingsmodellen des nun auch schon längerer Zeit als berühmt geltenden Malers (und Rudis alten Freundes) Björn Xavier Rorschach geworden waren, sollte es, wie wir wissen, wieder zu einer zaghaften Annäherung kommen.

*

Zu fast jedem bekannten bildenden Künstler gehört – und wenn aus keinem anderen Grund, als um die ansonsten womöglich fade Biographie ein wenig aufzupeppen – der Hinweis auf Vorbilder und Idole oder zumindest auf einen wichtigen (möglichst prominenten) Maler-Lehrer; oder, noch besser, gleich auf mehrere solche. Rorschach, der auf solchen Usus zwar im Allgemeinen keinen gesteigerten Werk legte, hatte unter anderem kurz in Wien bei Adolf Frohner und Oswald Oberhuber studiert und gelernt, wie er es lieber ausdrückte; obwohl sein Oeuvre auch damals schon ein ganz anderes und eigenständiges war und er bereits über eine Schar von Bewunderern (und Käufern) verfügte, vielleicht gerade weil er abseits aller möglichen Ismen und Modeströmungen wirkte. Ja, Rorschach war originell.

Dass er einerseits kurz mit den eben auch nicht ganz unoriginellen Darstellungsformen der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, also mit Arbeiten von Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Anton Lehmden, Arik Brauer und Wolfgang Hutter sowie mit dem Werk ihres Übervaters, des großartigen und vielseitigen Albert Paris Gütersloh, geliebäugelt hatte, verschwieg er später gern; und dass er andererseits zu den Aktionisten wie Hermann Nitsch, Günter Brus oder Otto Mühl kaum jemals irgendwelche Gemeinsamkeiten in sich aufkeimen hatte gefühlt, ebenso. Warum die Konkurrenten überhaupt erwähnen? Er wies ja auch nicht dauernd auf Vincent van Gogh, Roy Lichtenstein, Rembrandt oder Joseph Beuys hin … Und dass ihm der selbsternannte Maitre Helmut Leherb(auer) samt blauer Taube und malender Ehefrau Lotte Profohs egal war, bedurfte nicht einmal des Vergessenwerdens.

In Graz frequentierte Rorschach, eben erst von Wien retour, am Anfang der 1970er Jahre mitunter den damals noch jungen Künstlerverein „Odysseus in Domino“, den der (wie seine Seidenwesten) buntschillernde Kulturjournalist Karl-Hans Charly Haysen und der Poet Herwig von Kreutzbruck gegründet hatten. Hier und bei seinen steirischen Kurzzeitlehrern von früher, Alexander Silveri, Franz Felfer und Adolf Anton Osterider, hielt er sich zwischendurch ganz gern auf. Der „Sauf- und Tratschklub“, so die Eigendefinition des Vereins „Odysseus in Domino“, der nach der Reihe in diversen Cafés und Gaststätten seinen Stammtisch hatte, wartete mit hitzigen Kunstgesprächen, der Reflexion der zeitgenössischen Kunst und ihrer mehr oder weniger provinziellen Ausläufer an die Mur hin sowie mit beruhigend viel Alkohol auf. Im Kreise von Haysen, Kreutzbruck, Gottfried Höfler, Edith Temmel, Josef Fink, Ludwig Freidinger & Co. war es zumindest lustig. Und künstlerisch tat Rorschach ohnedies längst, was er für richtig fand.

Der wirkliche Durchbruch sollte freilich noch etwas auf sich warten lassen.

Erst nach einem längeren Aufenthalt in München – dort lernte Rorschach unter anderen den Österreicher Max Liebermann (nein, natürlich nicht den, einen anderen Liebermann!) kennen, der seine Bilder im Suff zu bepinkeln pflegte – und in Paris kam der Maler, schon einigermaßen prominent, aber längst noch nicht der Meistermaler, wie wir ihn jetzt allmählich kennengelernt haben, wieder zurück hierher. Es war die Erbschaft der Gründerzeitvilla nach der jüngst verstorbenen Mutter, die gegen Ende des Jahrtausends den äußeren Anlass dazu bot. Und da Rorschach genug Geld hatte, den Ausbau des Hauses samt Atelier und Lagerräumlichkeiten in Angriff zu nehmen, ließ er die nächste künstlerische Phase anbrechen.

Björn Xavier Rorschach machte Nägel mit Köpfen. Er engagierte sich seinen eigenen Galeristen und Rechtsberater, erraten: den jungen Mag. Florian Waltenzuber, und ging das ganze Geschäft tatsächlich professionell an. Mit Dauerausstellungen, Vernissagenschmähs, Merchandicing et cetera. (Wenn sich potente Sponsoren fanden, ließ er sich – obwohl er das eigentlich auf den Tod nicht mochte – sogar zu Prominenten-Dinners ersteigern!)

Zurück an der Mur, malte Rorschach zunächst eine Reihe von Riesenformaten im Stil von Albin Egger Lienz, betitelt „Arnim, der Jodel-Dodl“. Es handelte sich dabei um eine inhaltliche wie formale Erweiterung der skriptoralen Elemente einer satirischen Novelle von Bernd Schmidt (einem alten Bekannten Rorschachs, der nebenbei auch als Autor der vorliegenden Geschichte firmiert). Furore machte der Meistermaler damit nicht zuletzt, weil viele halbgebildete Idioten die von ihm angestrebte Paraphrase auf Egger Lienz mit einer Parodie verwechselten … Sie glaubten, hier verarsche einer den knorrigen Darsteller nicht minder knorriger Bauern und Holzknechte, desillusionierter Krieger und ausgemergelter Bauersfrauen, armer geschundener Mütter und Witwen und des mehr oder minder katholischen Jahrlaufs. Auf diese Weise gelang Rorschach nebenbei, wenn schon keine AEL-Renaissance, so doch immerhin, dass man den Maler aus Osttirol erneut fehlinterpretierte!

Rorschach freilich stand endlich im Focus des Kunstinteresses und im Rampenlicht.

Und: Er konnte auch frühere (und später entstandene) Werke im Sog der überaus begehrten „Arnim“-Bilder an die kauffreudige Frau und den kunstgeilen Mann bringen. Dass er an allen seinen Werken ständig, auch nach der sogenannten Fertigstellung noch, herum-malte und sie ausbesserte in einem dauernden Getriebensein, blieb indes weiterhin sein Markenzeichen.

Arnim, der Jodel-Dodel“, 2012, Acryl auf Leinwand, 150 cm x 200 cm.

Goethe? Iffland? Albers? Wer …?“, 2012, Acrly und Hinterglasfarben auf Leinwand

und Glas (Mischtechnik), 150 cm x 180 cm.

Idioten. Die Familie von Thurn-Throndorff“, 2012, Acryl auf Leinwand; sechs Bilder

im Format 60 cm x 80 cm.

Der Vater, wenn er sich donnerstags von einem Stubenmädchen einen blasen lässt“,

2012, Acryl auf Leinwand, 30 cm x 170 cm.

Arabella Holzapfels Mondschleimsonate“, 2013, Acryl auf Leinwand + Ittypfel-Stutzflügel,

Batist-Vorhang und fragmentarischem Leibstuhl, 170 cm x 120 cm.

Hans, der einäugige Holzschnitzer“, 2012, Acryl auf Hartfaserplatte plus Frottee/Tusche/

Limonade/Haarlack auf zerbrochenem Glas (Mischtechnik), 130 cm x 200 cm.

Lorenz Ferm oder die Orgel als gebremstes Lustobjekt“, 2012, Acryl

auf Leinwand, 150 cm x 120 cm.

Gabrieles Busen oder Brüste der Lüste“, 2013, Acryl auf Leinwand,

130 cm x 160 cm.

Preinsackl und Trübenstrahler. Zwei Arschjuristen“, 2012, Acryl und Brandschutzfarbe

auf Holz, Stahlblech und Leinwand, 160 cm x 160 cm.

Hias I. bis VI.“, 2012, Acryl und Goldfarbe auf Leinwand; sechs Bilder

im Format 170 cm x 250 cm.

*

Kehren wir zurück zum Gespräch zwischen Rorschach und Brockenhorst, dem neuen Vater-Sohn-Gespann, das nunmehr, da auch der Jüngere von seiner tatsächlich engen verwandtschaftlichen Beziehung zum Älteren wusste, erst so recht zu prosperieren begann. (Denn die Sache mit den Sittich-Zwillingsschwestern trat da unvermeidlich in den Hintergrund.) Und kehren wir zugleich zurück zum infernalischen Plan des Meistermalers, der alles in der Tat finalisieren sollte.

Aber -“. Wieder startete Brockenhorst einen lahmen Versuch, den verehrten Freund zu stoppen, dessen endgültige und vollständige Verzeihung wegen der leidigen Bettgeschichte mit Maria Magadlena und/oder Ruth Sittich er zudem schließlich noch zu erringen hoffte. War Rorschach doch zudem sein leiblicher Vater! Himmel auch!

Doch der Versuch misslang erwartungsgemäß.

Nein! Trachte erst gar nicht danach, mich von meinem Entschluss abzubringen! Und sag‘ dem Florian nichts von dem, was Vorgefallen ist, hörst du?! Der soll weiter an den Vorbereitungen zur Vernissage von „Inferno“ basteln. Da hat er dann genug zu tunund ist beschäftigt. Das ist gut so. Und die Ausstellungseröffnung wollen wir auch noch zelebrieren. Wir alle! Und mit allem Pipapo, hörst du?! – Prost!“

Dann erklärte Rorschach dem Sohn und Freund, was bis dahin, dann und später noch so alles zu tun sein würde. (Und das war nicht gerade wenig!)

Doch das wissen Sie ohnehin schon, da wir aus skriptoralen Gründen (oder aus Schlamperei) ein wenig vorgegriffen und die mannigfaltigen pyrotechnischen Vorbereitungen et cetera schon weiter oben umrissen haben.

Übrigens: Was Björn Xavier Rorschach auch Rüdiger Brockenhorst (und Mag. Florian Waltenzuber) nicht verriet: Die Befürchtungen seines Hausraztes, des beliebten Medizinalrats Dr. Frieder Siebenzeh, der bei ihm leider eine Krebserkrankung diagnostizieren zu müssen glaubte, bestätigte sich tatsächlich nach eingehenden ziemlich aufwendigen Untersuchungen wie Computertomografie und Magnetresonanz; und auch ein umfangreiches Blutbild, das man erstellte, und noch etliche mehr oder weniger strapaziöse Abklärungsversuche brachten das nämliche niederschmetternde Ergebnis: Björn Xavier Rorschachs ominöse Geschwulst stellte sich somit als mit höchster Wahrscheinlichkeit inoperabel heraus, und seine Aussichten, so die übereinstimmende Mediziner-Meinung, seien dementsprechend eher düster.

Kurz: Rorschach war ein Todeskandidat.

Ein halbes Jahr gab ihm der umgängliche Dr. Siebenzeh, der ansonsten ebenfalls sehr freundliche Onkologe Prof. Dr. Moritz Kreuzstrasser wollte die Lebensdauer des Patienten („Ein schöner Fall, in der Tat!“) gar nur auf drei Monate einigermaßen sicher eingrenzen. Seine Kollegin, die durchaus aparte Radiologin Dr. Roberta Knorr-Felsensteig, plädierte für ein knappes Dreivierteljahr. Und Ehrenfried Lauffer, Filialleiter bei BILLA und ein alter Schulfreund von Rorschachs jüngerer Schwester Trude, der in der Freizeit recht erfolgreich als Heilmasseur, Pendler, Kartenleger und Kaffeesudleser praktizierte, hätte immerhin auf zehn Monate und fünf Tage gewettet. (Doch man wettete nicht, weil man das denn doch für pietätlos erachtete. Banker war zudem keiner anwesend, der daraus vielleicht eine Art Swap-Deal deichseln hätte können.)

*

Das Ende. Es war verhalten.

Ob sich überhaupt jemand hatte retten können, war mehr als ungewiss. (Wenn etwas überhaupt mehr als ungewiss sein konnte …) Fest stand: Auch nachdem man die vermutlich letzten Verletzten und Toten gefunden und abtransportiert hatte, fehlte von Björn Xavier Rorschach, von Mag. Florian Waltenzuber und von ihm, Rüdiger Brockenhorst, immer noch jegliche Spur. Auch sonst waren einige der (vermutlichen) Anwesenden wie vom Erdboden verschluckt. (Ob sie nun vielleicht unter den verkohlten Leichen waren, um die sich die Forensiker, Spurensicherer und Gerichtsmediziner weiter kümmern würden, oder ob sich ihr Schicksal nie aufklären sollte, sei dahin gestellt, hieß es in Ermittlerkreisen. Das werde sich erst weisen. Oder auch nicht.)

Das Ende war, wie angedeutet, verhalten.

Als sich der Tumult gelegt hatte – ähnlich den Rauchschwaden -, die Leichen eingesammelt sowie diverse Identitäten verifiziert waren, soweit man dies in der Geschwindigkeit überhaupt tun und sich somit ein erstes gröberes Bild der Zerstörung machen konnte, wurde das Atelier Rorschachs (oder was davon noch übrig war) entsprechend inventarisiert.

Dass man Björn Xavier Rorschach tot unter den Trümmern vermutete, hatte vermutlich mit der überkommenen Vorstellung von ehrenhaften Hochsee-Kapitänen zu tun, die, so hieß es (und war in einschlägigen Romanen nachzulesen), ja auch mit ihren lecken Kähnen unterzugehen hatten. Bis zuletzt auf der Kommandobrücke ausharrend. Et cetera.

Doch auch nach Wochen sollten weder der Meistermaler, noch sein Adlatus Rüdiger Brockenhorst, auch nicht Mag. Florian Waltenzuber und die Zwillingsschwestern Maria Magdalena und Ruth Sittich wieder auftauchen.

Sie blieben wie vom Erdboden verschluckt.

Hofrat Anton Adalbert Galthür und Rudi mit seinen munteren Sandlern sowie die Jazzmusiker „The Old Abscesses“ mit ihrer betagten Solistin fanden sich mehr oder minder wohl auf. Geschockt freilich, aber immerhin am Leben und unverletzt.

Ach ja, auf einem der weniger angebrannten Großformate glaubten die Freunde Rorschachs etwas später dann sogar den Maler, Rüdiger, Florian sowie Maria Magdalena und Ruth, ganz klein abgebildet, vorgefunden zu haben. Aber es mochte sich dabei wohl um eine optische Täuschung handeln. Vielleicht war bei ihnen auch, so meinte Rudi sinnend, der Wunsch der Vater des Gedankens …

Kurz: Die Bilder, Objekte, auch die neuen riesigen Holzskulpturen, und die übrige Einrichtung des Ateliers und der Lagerhallen samt rotem Salon, somit die aktuelle und die Lagerhallenkunst, alles das war perdu. Doch hinderte ihr mutmaßlicher Endzustand die Dinge nicht daran, längere Zeit hindurch noch ausgiebig zu stinken, zu qualmen und teilweise sogar vermutlich giftige Dämpfe abzusondern.

Ein Großteil des Vernissagen-Publikums hatte sich ohnedies aus eigener Kraft retten können; andere waren vorsichtshalber daheim geblieben. Sie hatten just irgendwelche gewichtige Fußballspiele im Fernsehen, erotische Versprechungen oder noch günstigere Fress- und Saufangebote und -möglichkeiten vom Besuch der Ausstellungseröffnung abgehalten.

Bei denen, die der Explosion quasi hautnah beigewohnt und sie überlebt hatten, saß der Schock nachher tief. Zudem war das kulinarische Angebot just diesmal weitestgehend erstklassig gewesen! Die Austern, eingeflogen direkt von der Cote d’Azur, waren durchwegs frisch, wie man sich’s nur hätte wünschen können, und der Moet-Chandon mundete – ein ums andere Glas. Auch der russische Beluga war vorzüglich, und der norwegische Lachs, die französische Gänseleberpastete und diverse Edel-Aufstriche aus dem Elsass harmonierten zu den verschiedenen Brotsorten – von Weizen bis Roggen, von weiß und dunkel bis rosa und violett (irgendein wiederentdecktes Bio-Urkorn). Nicht zu vergessen: der Ochsenmaulsalat vom tibetanischen Gnu und die Wombats-Schenkel, geräuchert! Ein Gedicht!

Und auch bei Wein, Bier und Hochprozentigem hatte Rorschach noch einmal auffahren lassen, was gut und vor allem teuer war.

Gut, viele der Gäste waren ohnedies an Rorschachs Kunst kaum interessiert.

Doch zum Beispiel die fast immer leicht angetrunkenen Tippelbrüder und Sandler, allen voran der alte abgerissene Rudi mit der Flasche (der in Wahrheit, wie wir wissen, der Vater der bildhübschen Sittich-Zwillinge war), denen Rorschachs Sympathie übrigens in weitaus stärkerem Maß galt, als manchem Schnösel und vornehmem Kunstidioten in teurem Zwirn und mit den Genagelten aus London, hätten ihm auch weiterhin die Treue gehalten, wären ihnen beispielsweise statt Kaviar, Flusskrebsen und bizarrem Pastetenzauber nur einige rasch gestrichene Verhackertbrote und harte Eier, statt französischem Champagner ein paar Gläser Schilcher oder zwei, drei Stamperln Enzian aufgewartet worden … Noch dazu, wo die quirlige Zugehfrau Mathilde Mohrsalz, die ansonsten stets für Ordnung und Sauberkeit im Atelier (samt Rotem Salon), in der Villa selbst und im Lager zu sorgen hatte, das Verhackert nach einer speziellen steirischen Rezeptur verfertigte, sodass sich diesem Genuss kaum jemand verschließen konnte! (Sogar die vornehmen Ärsche, wie Björn Xavier Rorschach die betuchten Damen und Herren insgeheim und in kleiner Runde nannte, schlichen sich in Momenten, da sie sich unbeobachtet wähnten und ungeachtet des angeblich so fürchterlichen Cholesterins, an diese üppigen Schüsseln der volkstümlichen Fresslust heran …)

Oh, wie der Maler seine neureiche Klientel verachtete! Und weil bekanntlich der Kontrast wichtig ist, liebte er seine Penner desto mehr. Besonders Rudi, auch wenn er ihn ja halbwegs an Rüdiger Brockenhorst weitergegeben hatte. Schließlich aßen die sich mit Freuden an und besoffen sich sogar in Maßen manierlich; und pinkelten überdies kaum jemals auf oder hinter seine Großformate. (Gut, sie kannten ja Max Liebermann II. nicht, und die Bilder hingen zumeist sehr hoch oben an den Wänden.)

*

Ein immer noch brenzliger Geruch lag in der Luft, obschon die Polizei und die Feuerwehr, Forensiker und Ermittler ihre Untersuchungen, so weit das möglich war, abgeschlossen hatten. Inzwischen galt es zumindest für die Stimmung, wie man so schön sagt, zwischen Hoffen und Bangen zu schwanken. Also schwankte sie. – Doch das hielt nicht allzu lange an; und man ging, auch wie man so schön zu sagen pflegt, zur Tagesordnung über.

Die halbverbrannte, weitgehend zerstörte Villa galt zwar bald als architektonisches (oder gar städtebauliches) Ärgernis, doch musste der Magistrat mit dem Abriss warten, bis die Vermögensangelegenheiten – mühsam genug – geregelt waren. Immerhin hatte man erst einmal etwaige Erben Björn Xavier Rorschachs ausfindig zu machen, was sich allein schon deshalb äußerst schwierig gestaltete, da der Name des Künstlers, wie sich irgendwann (vermutlich durch einen Fehler des betreffenden unfähigen Beamten oder durch einen anderen lichtvollen Zufall) herausstellte, als Pseudonym entpuppte. Und wie Björn Xavier Rorschach tatsächlich hieß, ließ sich nicht eruieren … Vielleicht war das Ganze ein später Scherz des verehrten, freilich nicht unumstrittenen Malers?

Vielleicht auch bloß Schlamperei?

Wer weiß …

Jedenfalls sollte Monate, vielleicht sogar Jahre später im Stadtsenat eines schönen Tages dann ein ganz besonders schlauer Mensch (ja, so etwas gibt es sogar in solchen Gremien; kaum zu glauben!) einen erstaunlichen Antrag einbringen: Man möge – würde es ihm (oder ihr, so viel Gendermainstreaming braucht es nun mal!) gelungen sein, seine (oder ihre) Fraktion zu überreden, der er (oder sie … oder es) eben angehörte, den Ort zu einer Art Gedenkstätte oder Rorschach-Museum oder Wasweißich aus-, nein: besser noch:: umbauen lassen zu wollen, das auch beschließen (und tun)! Allerdings, dass es allemal ein Stein des Anstoßes werden und in der Folge auch bleiben müsse, würde damals schon allen klar gewesen sein. Aber man hätte just einen solchen – quasi: wurfbereit – frei, würde es geheißen haben … Und so möge es dann auch gekommen sein. (Der Konjunktiv im Futurum ist fast so kompliziert wie der im Futurum exactum …)

Doch noch sind wir um einiges früher, klar?

*

Ein immer noch brenzliger Geruch, wie gesagt, lag in der Luft. Doch ansonsten war auch über den Trümmern der Villa und des Ateliers mit den Lagerräumen und dem Roten Salon so etwas wie Ruhe eingekehrt. Aber – es roch.

Daher war es auch weiter nicht verwunderlich, dass Ulla, die vornehme Streunerkatze, ihr Näschen rümpfte, als sie vorsichtigen Tatzengangs zwischen den Artefakten umher schlich.

Sie schien nichts Besonderes zu suchen. Und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) fand sie etwas: die verlorengegangene Mundharmonika am silbernen Kettchen, die unter einem halb-zerstörten Großformat – „Sodom und kein Ende“, 2013, Acryl/Sägespäne/Parfum/Sepia-Tusche (Mischtechnik auf Leinwand), 250 cm mal 180 cm – hervorlugte.

Das Kätzchen schien ein trauriges Gesicht zu machen.

Von Sebastian, dem kleinen Buben, der üblicherweise zur Mundharmonika gehört hatte wie das Amen zum Gebet, war indes weit und breit nichts zu sehen.

Nein, er kam nicht wieder.

Eine Frage allerdings blieb bestehen: Wer war Stollberg?

E N D E

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