Im Schatten

des Vibrators

Eine schelmische

Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

Wohl selten verlässt ein Ehefahrzeug den Hafen,

auf dem nicht der Klabautermann früher oder

später im Takelwerk gesehen wird. Und, genau

genommen, hat dies noch recht wenig zu sagen,

sonderlich wenn man erwägt, dass ja die Ehe selbst

nichts anderes ist als eine Reihe von verwickelten

Gleichgewichtszuständen und Schwebungen

zwischen ihrem ständigen, ja, zur stehenden

Einrichtung gewordenen Ende und den periodischen

Rückläufen ihrer Fortsetzbarkeit.

Heimito von Doderer, Ein Mord

den jeder begeht

*

Das Genie ist Weltbürger, seinem Weltbürgertum

gibt das engere Vaterland nur die Nuance.

Alfred Polgar, Schubert-Glosse

*

Der Fund

Fundsachen. Angeschwemmtes. Sedimente.

Im Grund ist sein bisheriges Leben eine Ansammlung von mehr oder weniger unnützem Geröll. Und er: ein beim dauernden Dahinfließen allmählich träge gewordener Fluss. Nein, vielmehr: ein ehemaliger Strom. Faul. Breit geworden. Unnütz. Und dieser Strom hat nun mal nichts Reißendes mehr an sich; geschweige denn: etwas Reißerisches …, zumindest zwischendurch … Oder gar etwas Hinreißendes, etwas Mitreißendes.

Ein altgewordenes stehendes Gewässer, das ist er. Breit. Brackig. Trüb. Faulig. Stinkig.

Bestenfalls ein Riesen-Rinnsal noch, stagnierend jedenfalls.

Ein recht gern aufgesuchter Tummelplatz für verschlammte Kleinlebewesen.

Fundsachen. Angeschwemmtes. Sedimente.

Das gilt in ganz besonderem Maß für seine Ehe.

Jetzt sind Siggi Leodolter, 47, und seine Frau Betty, 42, immerhin schon zwanzig Jahre verheiratet. Zwanzig Jahre.

Ja, der älteste Sohn, Harry, wird in einem Monat 19, denkt er. Ronnie? Der ist erst unlängst 16 geworden, und Sarah ist auch schon acht …

Er schenkt sich, während er in der Wohnung weiter nach dem saublöden, irgendwo verlegten, verschlampten Dokument, dieser Bestätigung für die Versicherung sucht, zwischendurch einen Lagavulin ein.

Und die Arbeit in der Werbeagentur, in Ronald Schwarzkopfs „InterSpot“, die hängt Siggi Leodolter allmählich ebenfalls beim Hals heraus.

O. Er stutzt. Ebenfalls? Eben-

Also hängen ihm seine Frau und die Kinder am Ende tatsächlich beim Hals heraus? Hat er sie über (so wie den Job)?

Nein! Nein! Nein! Und er schüttelt energisch den Kopf, bevor er hastig austrinkt und sich nachschenkt. Obwohl –

Nun …Vieeleicht: allmählich ebenfalls?

Irgendwie ist eben alles Routine geworden. Oder – fast alles.

(Einen Grad munterer:) Aber, so ist das eben … Ganz allgemein, nicht wahr?! Ist doch so …! – Und: Allmählich? – Nein, längst schon …!

Er fühlt sich alt und ausgebrannt. Ja: Breit. Brackig. Trüb. Faulig. Stinkig.

Denn die Zeiten haben sich nun einmal gründlich gewandelt. Tatsache!

Ja, vor zwanzig (oder auch noch vor fünfzehn oder zehn Jahren), da schien das alles immerhin noch Sinn zu haben … Und es hat Spaß gemacht, zudem.

Er erinnert sich an einen seiner ersten knalligen Werbeslogans: Fishes swim to Moskow. Für eine Kaviarpaste. (Oder hat es Fishes fly to Moscow geheißen? Na, ist ja egal.)

Da ist Ronnie förmlich aus seinem Chef-Kabuff in den großen Raum gehüpft, in dem er, Siggi, und die anderen Kreativen herumhängen (und die Ideen ausbrüten). „Das ist es! Hört mal! Das ist es!“, hat er posaunt, der Ronald Schwarzkopf. Und ein anerkennendes Raunen ist da sogleich durch die Nikotin-gelbe und total vernebelte Halle gegangen. Dann ist eine Flasche Schampus geköpft worden! Und die damals schon übernervöse Sarah Wurz hat fast überventiliert, ihm dann jedoch einen ziemlich feuchten Kuss auf die Wange gedrückt. (Immerhin, irgendwann, Jahre zuvor, hatten sie doch miteinander geschlafen, nach einem Fest oder so.) Und sein Freund Harry Kleindienst hat ihm auf die Schulter gehaut, so fest, dass beide fast von ihren Drehstühlen gefallen sind. „Na, siehst du, du kannst es ja!“, hatte er gebrüllt. „Klasse!“ Und: „Mensch, Siggi, du bist ein Genie!“

Nur der Vorgänger von Fips Prösl, der Computermensch und IT-Spezialist Gustav Krummbein (damals nannte man die Brüder noch etwas abwertend Programmierer; was sie schließlich ja auch waren), nur Krummbein hat säuerlich geglotzt aus seinen Froschaugen heraus. (Der ist genau so sein Arsch gewesen wie jetzt sein Nachfolger, Fips. Na, vielleicht doch eine Spur angenehmer und ein bisschen sympathischer noch. Wenigstens hat der Un-Gustl keine rot-weiß-rot geringelten Socken und keine ungarischen Genagelten getragen, wie es Fips tat!)

Dann hat man den Benjamin der Runde (denn der Ausbeutung wegen gehaltene Praktikanten sind noch nicht en vogue gewesen), einen gewissen Werner Meischberger, zum Frankowitsch geschickt: um noch mehr Sekt und um ein paar Fuhren Brötchen.

Ja, so sind zündende Ideen damals noch gefeiert worden. (Die Campagne des Kaviarpasten-Herstellers ist leider, nichts desto trotz, ein Flop geworden; außerdem ist der betreffende Import-Export-Heini in Konkurs gegangen und musste sogar eine Zeit lang sitzen. Später hat er sich dann, glaubt Siggi, sogar zu allem Überfluss aufgehängt.)

Er schenkt sich noch einen doppelten Malt ein und trinkt ihn ex.

Und die Komödienschreiberei?

Ich meine, denkt er mit einem Mal, diese Stückchen, jedes Jahr wieder, für diesen senilen alten Arsch, für Sebastian Klunk, pardon! Natürlich: Professor Sebastian Klunk, der sich als ein auf ewige Zeiten konserviertes Abbild des hochberühmten Cabaret-Barden und Chansonniers Aristide Bruant vorkommt, mit schwarzem Schlapphut und blutrotem Schal à la Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec, für Klunk, den Prinzipal des „Lustspieltheaters Mur-Bühnen“, dieser Schmierenklitsche? Eine einzige Scheiße – nur leider ausgewalzt auf inzwischen gut und gern fünfzehn, sechzehn abendfüllende Stücke …

Er denkt weiter: Muss ein Lustspiel automatisch wie ein Topfenstrudel sein: ein paar Rosinen-Pointen, Unmengen von gezuckertem Topfen und eine sukzessive ausgewalzte Teigscheiße? Und das alles mit zuletzt säuerlichem Aroma aus der Phiole mit Zitronensäure versehen?

Und vor allem: Wer sagt denn, dass immer wieder i c h , ausgerechnet ich, Sigmund Leodolter, diesen Schwachsinn verfassen muss?!

In den Augen Prof. Klunks hat ein wirkungsvolles Lustspiel in erster Linien aus möglichst vielen Türen zu bestehen; aus Türen, die dauernd zuzuknallen sind. Dauernd zuknallbereite Türen also. Die Türen haben sich à la longe zudem als wesentlich billiger erwiesen als die Darsteller, die es daher möglichst zu reduzieren gilt. Den maximal zwei zum Knallen fähigen Männern und den ebenso maximal zwei zum Geknallt-Werden bereiten Frauen stehen im Normalfall gut und gern fünf zuzuknallende Türen gegenüber. Zudem eventuell noch ein vertrottelter Alter und/oder ein philosophisch angehauchtes Zimmermädchen, möglichst mit blauen oder grünen Haaren (oder, neuerdings, eine Putzfrau mit Migrationshintergrund). Maximal zwei Umbauten – am besten durch billige Projektionen ersetzt, wenig Kostüme. Schleißige Musik, die südliche Schwüle intoniert oder US-amerikanischen Dutzendklang aus den Lautsprechern bläst. Dann: ein großes Bett als Zentrum (optimal: in einem Hotel, wegen der vielen Zimmertüren!). Klangtapetenwechsel: nun auch noch stark parfümierte Musik (vielleicht – französisch?) vom Band. Sparsam das Licht. Hauptsache: Türen!

Bist du’s, Liebling?“

Siggi hört Betty aus dem Vorzimmer flöten. Sie klimpert mit den Schlüsseln, bevor sie diese in die kitschige Schale aus Muranoglas wirft. (Hoffentlich zerstört sie das unästhetische Gerät endlich einmal, denkt er.)

Er hat eben einen erstaunlichen Fund gemacht, als er, auf der Suche nach dem blöden Dokument, endlich (und, es spricht für ihn: nach einigem Zögern) auch unter Bettys Wäsche nachgeschaut hat. (Warum ausgerechnet dort? – Egal.) Und da: Ein ziemlich riesenhafter, zugegeben: sehr ausgeprägt gestalteter hautfarbener Kunststoff-Dildo! Ein Prachtstück, sozusagen. Ein Godemiché mit allem Drum und Dran. Ja, anscheinend ein super-moderner Vibrator (wenn auch mit schon recht deutlichen Gebrauchsspuren), offerierte sich ihm plötzlich ziemlich unverfroren, ja: ungehemmt zwischen all den seidenen Dessous, spinnennetzigen Nachthemden, feinen Seidenhöschen und spitzenbesetzten Büstenhaltern. Geil. Mittendrin in diesem Osternest sexueller Anmache – ein praller Olisbos. Und daneben ein Bündel von Briefen, zusammengehalten mittels einer blau-goldenen Schleife.

Schöne Scheiße!, denkt Siggi, und: Wer ist der Verfasser dieser Briefe?!

Er ist wie gelähmt.

Gibt es da einen Vorwurf, den er sich zu machen hätte, seine (und Lisbeths) Ehe betreffend? Ja, hat er sich am Ende gar etwas Gravierendes vorzuwerfen? Oder: Hat er just Gravierendes zu tun unterlassen? Nun, die tadellos vollzogenen Geschlechtsakte, ja: auch die (mindestens) dreimaligen Zeugungseffekte, die in ohne Komplikationen durchgestandene Schwangerschaften gemündet hatten, auf die er und vor allem seine Frau Betty verweisen konnten, ihre drei – zumindest äußerlich – wohlgeratenen Kinder (Harry, Sarah und Ronnie), das alles sah immerhin nach einer gewissen Normalität aus; da gab es kaum etwas zu mäkeln daran …

Und sonst, seine Art (um es nicht Methode zu nennen), mit Betty (sexuell) zu verkehren …?! Erstens ging das niemanden anderen etwas an, und zweitens: Hatte er sich nicht sogar lederne Unterhosen angeschafft, schwarz und mit Nieten? dazu noch ein Halsband …? und überdies Handschellen besorgt? das Knöpfen komplizierter Knoten gelernt? – Na, eben! Alles das stellte ihrer Ehe doch, bitte sehr, in jeglicher Hinsicht (zumindest, was das betraf) ein durchaus befriedigendes Zeugnis aus; vielleicht sogar – eine Zwei bis Drei!

Aber, Spaß bei Seite: Hat er wirklich irgendwie – versagt?! Ja: Ist er letztlich doch – ein Versager?! Ein Schwachmatikus?! Ist er ein – Schlappschwanz?!

Wie wäre es sonst zu erklären, dass ihn da ein blöder Dildo mühelos von rechts im Bett überholt hat?!

Ihm kommt (er weiß nicht, warum) Arthur Schnitzlers Novelle „Casanovas Heimfahrt“ in den Sinn. Er hat sie vor nicht allzu langer Zeit wieder einmal gelesen, übrigens, wegen eines Werbe-Sujets. Also: älterer und jüngerer Liebhaber …, nach der Bettgeschichte, also nach dem Fick des Alten mit der schönen jungen Frau: Duell der beiden Männer im Morgengrauen (Schnitzler und das Morgengrauen, o ja, …!) …, Erfahrung versus Kraft …, Routine gegen Jungen-Charme et cetera …

Und das alles im Zusammenhang mit einem Duschgel; schäumend wie Casanova oder so ähnlich. Ist allerdings dann von seinem Chef, diesem kaum literarisierten Ronnie Schwarzkopf, dem Hohlkopf, nicht angenommen, im Gegenteil: kopfschüttelnd zurückgewiesen worden. Man hat schließlich für die betreffende Scheißlotion zu Harry Kleindiensts reichlich biederer Parole: Steh deinen Mann! gegriffen. Steh deinen Mann! Pah!

Casanovas, des alternden Meisterliebhabers, Duell. Mit dem aufgeweckten Jungspund.

Wer wäre da eigentlich er, er, Siggi Leodolter, mit seinen 47 Jahren, bei diesem Duell? Der junge, vermutlich überaus potente Liebhaber Lorenzi? Wohl kaum. Schon eher der langsam in die Jahre gekommene Weiberheld Casanova. Und sie, die knackige Marcolina, wie würde sie – in diesem Fall, also in die Gegenwart übertragen – reagieren, nachdem sie des Betrugs an ihr gewahr geworden wäre? Erkennend, dass man sie aufs Ärgste hintergangen und getäuscht hatte? Dass sie den Geliebten im schon ziemlich verwelkten Fremden vermutet, dem sie sich im Dunkel der Nacht geöffnet hatte? Himmel auch! Schäumend wie Casanova

Aber: Steht nun auch ihm ein Duell bevor? Wenn ja, dann: mit wem? Am Ende vielleicht – mit einem Godemiché?! Mit einem steifen, erigierten künstlichen Penis?! Ein hochnotpeinlicher Zweikampf mit einem wohlgestalteten Olisbos?! Mit einem übergeilen Plastik-Dildo, bedeckt über und über mit angeschwollenen Kunstadern wie ein öliger Bodybuilder?!

Wenn schon …

Aber, bitte schön, von wem sind dann die Liebesbriefe? (Denn um solche muss es sich doch wohl handeln, in diesem ordentlichen Bündel, das da zusammengehalten wird von der hübschen blau-goldenen Schleife …)

Wo bist du denn?“, fragt seine Angetraute in aller nur aufbietbaren Unschuld. (Oder legte Siggi diesen Verdacht der gespielten Unschuld, nämlich dass sich Betty verstelle, bloß als sozusagen: zusätzliches Timbre in die Stimme seiner Frau hinein?! Jetzt, nach der Entdeckung dieses geilen Corpus delicti [samt den dazugehörenden Briefen]?!)

Ja, äh“, antwortet Siggi, zugegeben: einigermaßen diffus (und außerdem: völlig unpassend) auf die Vorzimmer-Frage seiner Frau nach einer Pause endlich, „bin schon da …“ Und er öffnet, immer noch ziemlich verwirrt, die Tür des Wohnzimmers, in das er rasch durch den gemeinsamen Schlafraum gelang ist.

Wer? Ja, wer wohl?

Wer? Ja, wer wohl war Bettys Geliebter? (Denn dass ihn seine Frau hinterschlief [weil von Hintergehen konnte da schwerlich die Rede sein], stand für Siggi außer jeder Frage!) Wer war derjenige, der ihn da offensichtlich zum Hahnrei machte (oder besser: gemacht hatte und immer noch machte, in einer Tour)? Wer? Himmel, Arsch und Zwirn! Verdammt noch mal! Wer von seinen Freunden bumste Betty? (Denn davon, dass der Unhold aus dem engeren Bekanntenkreis kommen müsse, ging der mit einem Mal so eifersüchtige Siggi einfach einmal aus.) Und doch: Erstaunlich eigentlich, dass er quasi ohne jede Einschränkung (bedenkt man, dass es an die Dreidreiviertel Milliarden Männer weltweit gibt …) an einen Kerl aus der nächsten Umgebung dachte. Ja, er war felsenfest davon überzeugt, Betty triebe es mit einem seiner engsten Kumpel! Die Frage war nur: mit welchem?!

Kommt irgendwo (weitgehend egal, in welchem Belang) ein Verdacht auf, schon schrumpft die Welt auf die Größe eines Kegelklubs zusammen. Geht dein Portemonnaie verloren, waren es die nächsten Kollegen, die es geklaut haben. Hat jemand die Luft aus deinen Autoreifen gelassen, sind es unter Garantie irgendwelche Nachbarn gewesen. Hat dir deine Frau Hörner aufgesetzt, dann auf alle Fälle mit einem von deinen Freunden. So schlecht sind wir gewohnt, von unserer engsten Umgebung zu denken. Ein Wunder direkt, dass wir uns nicht gleich selbst der Täterschaft zeihen; was im Fall der Hörnung, zugegeben, eine gewisse Schizophrenie voraussetzte … Aber, was soll es?! (Krankhafte Ängste benötigen keine Logik; im Gegenteil: Logik könnte ihrer Ausbreitung bloß hinderlich sein …)

Also: wer? Mit wem betrog ihn, Siggi, den Einfältigen, seine Betty, diese Messalina?

Mit Harry, seinem engsten und liebsten Freund seit Jahren schon? Seinem Busenfreund, vorausgesetzt, sie verfügten über so etwas? Spezi Harry Kleingasser? Kaum zu glauben! Harry war zudem, und wie es schien, glücklich verheiratet mit seiner Mia; gut, aber was besagte das auch schon?! (Was die am Ende für einen Gewalt-Phallus daheim im Kasten hat?!)

Betrog ihn Lisbeth vielleicht mit Fips Prösel?! Mit diesem IT-Schnösel Prösel mitsamt seinen rot-weiß-rot geringelten Socken und den genagelten Schuhen, die er angeblich aus Budapest bezog?! Mit Prösel, dem Nachfolger des Un-Gustl Krummbein?! Denn dass dieser Nemos selbst, Krummbein, dass also Prösels Vorgänger sein, Siggis, Konkurrent sein sollte, schloss sogar der nun vor Eifersucht innerlich einem Brennstab gleich glühende Sigmund Leodolter (obschon weitestgehend vom einigermaßen klaren Denken abgeschnitten) entschieden aus. Nein, weder Prösel noch Krummbein! (Was sollte Betty mit diesen IT-Eierköpfen anfangen? Sie tut sich ja allein schon mit ihrem Smartphone schwer genug, wenn es gilt, einen neuen scheußlichen Klingelton einzustellen …)

Am Ende war es – Hadubrand Xerxes Isenblohm? Dieser so über-nobel tuende, eingebildete Fatzke? Isenblohm? Der ach so tolle Werbefuzzi aus Germanien?! – Nein, der war zu arrogant für so etwas. (Außerdem hielt ihn Siggi insgeheim für schwul. Gut, soll er sein, wie und was er will; Hauptsache, er lässt Betty in Ruhe!, hatte er immer gedacht. Denn immerhin sah Hadubrand nicht eben schlecht aus mit der permanenten Bräune aus dem Sonnenstudio, mit seinen pechschwarzen gegelten Haaren und dem leicht verhangenen Blick …)

Oder – Ronald Schwarzkopf?! Der, zugegeben strohdumme Ronnie? Ronnie, die schwache Goldberg-Variation?! So nannte Siggi den Boss der Werbeagentur „InterSpot“ nicht nur insgeheim gern, sondern auch in intimer Freundesrunde – wenn der so Abgeurteilte nicht anwesend war, versteht sich.

Wie es zu diesem Spitznamen gekommen war? Nun, Ronnies Vater, der alte Hagen Schwarzkopf, hatte sich in der NS-Zeit ein beträchtliches Vermögen (das später dann den Grundstock für die Agentur des Sohnes bilden sollte) erworben, wobei dem SA-Mann und lange schon illegalen Nazi der gleich nach dem Anschluss im Jahr 1938 arisierte, nicht unerhebliche Besitz eines gewissen Aaron Goldberg als finanzielle Ausgangsbasis diente. Genau, der Familie Goldberg hatte die Privatbank „Goldberg & Fiala“ gehört, damals … Und deshalb war Ronnie durch den Kalauer Siggis zur schwachen Goldberg-Variation avanciert. (Im Volltext: die schwache Goldberg-Variation, die den Bach hinuntergeht. Freilich verstand kaum jemand, was damit gemeint sei; wer dieser [andere] Goldberg gewesen sein sollte; und schon gar nicht, wer dieser Bach … Nun ja.)

Ronnie, dessen schmutziges Lachen ihn allerdings mitunter fast dazu brachte, ein Desinfektionsmittel zu ordern, wenn der um gute Laune bemühte Dummkopf einen seiner schlechten Witze abzusondern für unerlässlich hielt. (Was viel zu oft der Fall war.)

Aber –

Nein! Nicht Ronnie! Immerhin war der doch der Taufpate von Siggis und Bettys zweitem Sohn, von Ronnie. Gut, auch der erstgeborene Harry hieß Harry nach Freund Harry. Und Tochter Sarah war der Täufling von Kollegin Sarah Wurz … Doch um Sarah ging es nicht, auch nicht um die Wurz, die war ja angeblich in ihn, in Siggi immer noch verliebt, munkelte man, und ihm war das ziemlich egal, Hauptsache, er musste nichts (mehr) mit ihr haben, denn sie war ihm eigentlich einigermaßen zuwider, doch auch Betty und Sarah hatten selbstredend nichts miteinander … (O Gott, welch ein Satz! Und welche Vorstellung!)

Es half alles nichts, so sehr sich Siggi auch sein Hirn zermarterte, er kam auf keinen grünen Zweig. Auch diverse Kollegen aus der Volkshochschule, in der Lisbeth dreimal die Woche Vorlesungen hielt, kamen kaum in Frage; lauter alte Säcke, langweilig, mühsam und grottenhässlich. Und die Klientel in ihrem Erstjob, in dieser Agentur „Sonnenrad“? Esoterische Sumpfpflanzen, alle auf irgendwelchen Ego- oder Grün-Trips.

Und der Chef dort, ein gewisser Dr. Anastasius Linnenpfad, der aussah wie eine missglückte Werbung für vegane Produkte? – Um Gottes Willen! Nein! Niemals! (Selbst wenn der gesamte übrige männliche Anteil an der Menschheit ausgestorben wäre, käme der nicht für den Austausch exklusiver Körpersäfte in Betracht!)

Nein, nein. Da gab es ebenfalls kaum einen passenden Amanten für Betty.

Oder sollte er den Briefträger, den man ohnedies nur selten sah, verdächtigen? Vielleicht gar jemand vom Reinigungsdienst, der sie einmal wöchentlich und meist wenig effektiv heimsuchte, die Burschen von den getrennten Müllabfuhren?

Vorderhand blieb es beim großen Unbekannten, der hier Liebesbriefe an Betty verfasste. Und beim großen Godemiché.

Intermezzo: Die Briefe

Eines erstaunte Siggi (den alsbald kaum mehr irgendetwas verwundern konnte): Der Stil, in dem die Briefe abgefasst waren, erinnerte ihn bei aller Herzlichkeit (haha!) irgendwie und letzten Endes an ziemlich oberflächliche Werbesprüche. (Und da kannte er sich nun in der Tat aus.) Ja, sie ließen Siggi an die Syntax, Wortwahl und formale Durchführung denken, wie man sie zum Beispiel von einem bekannten schwedischen Innenausstatter her kannte. Das begann schon beim Saloppheit suggerierenden Du der Anrede. (Gut, warum sollte der intime Sexualhelfer seiner Frau mit ihr eigentlich per Sie verkehren?!)

Und in dieser werbetechnisch bewährten Tour ging es weiter, wobei das semantisch-semiotische Niveau, zugegebener Maßen, nicht besonders hoch war. Da gab es direkt marktschreierische Passagen, die zum Beispiel ungeniert die Verlässlichkeit dieser verliebten Sex-Maschine ansprachen; die immer wieder den schmucken Apparat und seine Leistungsfähigkeit hervorhoben; seine Quasi-Immunität gegen Obsoleszenz und sonstigen Verschleiß …

Kurz: Dieser schreckliche Teufel in Schwanzgestalt prahlte richtiggehend mit seiner unbedingten Leistungsorientiertheit und Dauerbereitschaft, die jegliche Materialermüdung oder sonstige Kraftreduktion – aus welchen Gründen auch immer – kategorisch ausschloss. (Gerade, dass er nicht auf das [wenn auch beschränkte] Rückgaberecht während der noch laufenden Garantiezeit hinwies oder dezent einen stets [wenn möglich …] besonnenen und strikt der Gebrauchsanweisung entsprechenden Einsatz einmahnte.)

Ja, die Briefe hatten diesbezüglich etwas von neo-kapitalistischen Kampfbroschüren, wie man sie etwa aus Banker- oder Versicherer-Kreisen kennt, an sich; gepaart mit der Überredungskunst eines Hochglanz-Werbefolders für irgendein teures, ansonsten freilich mit größter Wahrscheinlichkeit sinnloses Luxusprodukt. (Gerade, dass nicht Oscar Wildes berühmter Spruch dabeistand: It is the spectator, and not life, that art really mirrors [In Wahrheit ist der Betrachter, nicht aber das Leben ein Spiegel], aus „The Picture of Dorian Gray“.)

Alle Achtung! Das war schon Marktschreien auf höchstem Niveau!

Doch nicht nur Textierung und sozusagen: ziemlich geschwollene Sprachwerdung all der schönen Versprechungen, Produktillusionen und himmlischen In-Aussicht-Stellungen, die der Super-Olisbos da so selbstgefällig und siegessicher absonderte, waren erstaunlich genug. Dem Gerät schien es – wenn man den maschinell, aber immerhin in einer quasi intimen, da Handschrift-ähnlichen Computer-Type und in hellblauer Farbe auf licht-violettem Büttenpapier (sic!) gedruckten, zudem reichlich parfümierten Schriftstücken (nochmals sic!!) glauben hätte wollen – tatsächlich ernst zu sein mit dem, was es da so mehr oder weniger elegant zusammenphantasierte, quasi liebestrunken.

Ja – war dieser imponierende Riesen-Dildo eine Maschine, die tatsächlich über Gefühl verfügte? Oder was verbarg sich hinter dem faulen Zauber sonst?

Die Schlussfolgerung, dass der fabelhafte Godemiché nicht nur seiner Berufung als Sexapparat (und das anscheinend tadellos, ungerügt und beschwerdefrei) nachging, sondern – wohl im Verbund mit Computer und Drucker et cetera – auch quasi schriftstellerisch aktiv war, hätte Siggi Leodolter vermutlich noch mehr irritiert; wäre da eine zusätzliche Irritation überhaupt noch möglich gewesen. Oder eine diesbezügliche Schlussfolgerung.

Indes kam Siggi, dem ziemlich belesenen Werbefuzzi und Komödienschreiber, in diesem doch recht delikaten, obschon so sehr von Maschinellem bestimmten Zusammenhang der französische Arzt, Philosoph und Autor, Zeitgenosse Voltaires und wie dieser Gast am Hof Friedrichs des Großen zu Berlin, nämlich Julien Offray de La Mettrie, in den Sinn, der mit seinem Werk L’homme machine von 1748 einen Meilenstein auf dem Weg zu einem materialistischen Menschenbild gesetzt hatte. Indem er, satirisch, dennoch seine bierernsten Zeitgenossen zum wildesten Widerspruch reizend, den Menschen als Maschine (als Roboter) zu sehen und zu erkennen empfahl. (Und der Werbemann gedachte des eher skurrilen Todes des erst 42jährigen nach dem Genuss einer [vergifteten?] Pastete auf Schloss Sanssouci.)

O ja: Das Thema hatte es in sich.

Verlöschender Hoffnungsschimmer

Gut. Immerhin glomm noch ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht, so fieberte Siggi vor sich hin, dabei den einen oder anderen Lagavulin zu viel kippend, vielleicht ist es ein Versehen, ein Irrtum, eine Verkettung widriger Umstände?!

Nein. Siggi beraubte sich, sozusagen im nächsten Atemzug, dieser letzten Hoffnung: Der reichlich abgebrauchte Zustand des allem Anschein nach überaus fleißig eingesetzten Dildos sprach da in der Tat eine ganz andere Sprache. Ja, hier herrschte eindeutig – Werbe-Liebesbriefe in penetrantem Stil und fragwürdigen Inhalts hin oder her –, hier herrschte eindeutig Vertrautheit; nämlich zwischen seiner Ehefrau Betty und diesem Superschwanz!

Und dass sie, jetzt, wo sich Lisbeth an den phänomenalen Plastik-Kameraden schon einmal so gut gewöhnt hatte, wieder zu ihm, zu einem vergleichsweise schwachen Flachwichser, ja, einem längst überholten und ausgedienten Relikt von früher, zurückkehren würde in ehelichem Zutrauen und in kuscheliger Liebe (oder auch bloß zu irgendeiner Form des mehr oder weniger obskuren Eiertanzes der seelisch-körperlichen Harmonie): Das kam ihm nachgerade eher unmöglich vor. Zumindest war es alles andere als wahrscheinlich …

Nein, die Zeiten gemeinsam erlebter amouröser Höhenflüge waren endgültig Vergangenheit. Und, zugegeben, die Ära der ganz großen Liebe schimmerte in der Tat bloß noch nebulös zwischen den diversen abgenutzten Versatzstücken und sukzessive vergammelnden Kulissen ihrer ansonsten doch eher mittelmäßigen und wenig ereignisreichen Ehe durch. Sah man ihr gemeinsames Liebestreiben auf eine Bühne projiziert, so spielte sich, was sich abspielte, wenig pointiert ab. Ja, Siggi musste sich eingestehen, sogar seine schwachbrüstigen und wenig witzigen Lustspiele waren vergleichsweise erregender als diese triste Realität auf dem Bettgestell. In seinen (zugegeben: unbedeutenden) Komödien-Surrogaten wurde wenigstens zwischendurch und hin und wieder ordentlich mit den Türen geknallt. Aber das hier …

Sigmund, ganz im Ernst, hätte nur allzu gern die ganze Dildo-Episode ungeschehen gemacht. Er hätte sie liebend gern in den dunkelsten Winkel des ehelichen Kulissen-Depots verbannt; dorthin, wo kaum jemals ein Strahl des Erinnerns hingelangte.

Aber – das war nun einmal nicht möglich.

Er hatte eine Indiskretion begangen.

Und die blöde Sache mit dem blöden verlegten Zahlschein für die blöde Versicherung, die wollte ihm Betty klarerweise nicht um die Burg glauben. (Obwohl da überhaupt nirgends eine Burg war.)

Er sei grob und ohne jedes Gespür in ihr Reich, ihr souveränes Reich eingedrungen. (So selten er, wie sie ihm an den Kopf warf, in letzter Zeit in sie eingedrungen sei …) Er habe ihr ein Geheimnis entreißen wollen, dessen Existenz doch erst Folge seiner andauernden Vernachlässigung gewesen wäre. Nie hätte sie an so etwas auch nur im Entferntesten gedacht, wenn er das Seine, wie es sich gehörte, immer ordentlich vollzogen hätte! Aber so –

Hätte und wäre und sollte! Wer immer die Schuld daran trüge, er verlöre, weil ganz einfach niemand dabei gewönne! Sei das klar?!

Nein! Es war nie gut, wenn sich Lisbeth und Sigmund auf einen sprachlichen Schlagabtausch einließen, der dann notgedrungen hauptsächlich auf konjunktivischer Ebene ablaufen musste; so auch jetzt. Am Ende waren dann in aller Regel beide auf einander derartig böse, dass sogar die letzten Brückenpfeiler (das wären wohl die Kinder [oder zumindest deren Erwähnung] gewesen) abgebrochen zu sein schienen; zumindest für die nächste Zeit.

Was blieb, war eine Handvoll Konjunktiv und jede Menge Groll.

Dass sich da in naher Zukunft noch etwas tun und zum Positiven hin verändern würde, war äußerst unwahrscheinlich. Ja, der letzte Hoffnungsschimmer schien erloschen zu sein.

Die Epiphanie des Dildo

An diesem Dildo, an diesem Olisbos da, an diesem Superexemplar eines Godemiché, diesem künstlichen Phallus und Edel-Penis, an ihm musste in der Tat etwas dran sein (außer den imponierenden Eiern, die am unteren Ende des riesigen Geräts protzten, aderndurchzogen wie auch der ganze, auf Dauer erigierte Superschwanz.

Es war etwas Selbstverständliches an dieser standhaften Porno-Plastik, die ihre Handlichkeit mit einer spielerischen Geste der Überlegenheit zu verbinden imstande war: Als wäre sich der Kerl seiner relativ leichten Benutzbarkeit genauso bewusst wie seiner metaphysischen Qualität – als ein die diversen Genusswelten verbindendes Instrument. Geschaffen, nicht nur, um einem zwischendurch auftretenden Notstand der potenziellen (!) Anwenderin abzuhelfen, sondern sogar in der Lage, sie gleichzeitig und ständig an die Vorteile zu erinnern, die er, der prächtige Dildo hier, nachweislich einem menschlichen Partner gegenüber ins Treffen zu führen vermochte; sei das nun ein Ehemann, Geliebter oder flüchtiger Freund, Genosse vielleicht eines schalen One-Night-Stand. (Abgesehen vom psychologisch-faktischen Vorteil: Der Kunststoff-Phallus konnte immer [war ergo, pfadfindertechnisch gesehen, allzeit bereit], kannte keinerlei psychische Probleme oder Hemmnisse; und er erzählte nicht dauernd von der Angst vor dem vermutlich knapp bevorstehenden Burn-out. Kurz: der Kerl war robust.)

Ja, solche Dinge sollte man kreieren, dachte Siggi, plötzlich wieder ganz Werbemensch. Aber just diese Schlager gab es leider fast immer schon. Wie überhaupt alles, womit man Geld machen und Ruhm erwerben hätte können, leider schon da war.

Da musste der technisch wenig bis gar nicht Begabte nicht einmal zu solchen Höhenflügen ansetzen wie etwa dem, einen Computer, MP 3-Player oder Eierschalen-Sollbruchstellen-Auslöser zu erfinden; nein, es ging durchaus auch ein paar Stufen drunter. Auch keine Einweg-Wärmebildkamera musste es sein oder der abwaschbare Tischbelag mit Gummi-Bärli-Geschmack fürs Kinderzimmer.

Nein, sogar ganz primitive Geräte waren allesamt schon patentiert.

Geschweige denn ein Hightech-Dildo.

Man konnte, besonders als Werbemensch noch so findig sein. (Ja, wenn es ums Vermarkten ging, da kam ihm schon manche grenz-geniale Idee. Oder eben auch nicht.)

Kurz: Es gab eben fast schon alles. (Und auch die PR-Schienen waren ausgeleiert wie nur.)

Es gab eben schon alles.

So auch den Dildo.

Showtime! (Auch wenn es klang wie die neue Männer-Kosmetikserie, für die sie von „InterSpot“ eben für Ronnie Schwarzkopf eine Campagne ausarbeiten sollten.) Showtime Preshave-Lotion, Showtime Aftershave, Shwotime Haarshampoo (plus Pflegebalsam), Showtime Deodorant, Showtime Eau de Toilette. Ganzes Programm. Alles für den Mann, der was darstellt, weil er was ist … Oder sein will; oder sein Würstel-Dasein satt hat und jetzt endlich auf den Putz zu hauen vor hat! Showtime!

Das war noch ärger als die Casanova-Schaumschlägerei.

Oder die zuckrige, an Mattels sattsam bekannte Barbie-Puppen erinnernde Make-Up-Reihe für Magermodels und solche, die es noch werden wollten, namens Young Impulsive. (Besonders geeignet für an Bulimie-erkrankte Teenager zur Teint-Reparatur.)

Oder –

Und am Ende – auch wieder so ein Rohrkrepierer …

Egal. Das war Beruf. Eine andere Baustelle.

Hier ging es um ihn als den gehörnten Ehemann. Allem Anschein nach von einem Apparat gehörnten Ehemann!

Was sollte es? Ihm blieb nicht anders zu tun übrig, als –

Oder sich selbst … Das wäre die logische Alternative.

Oder – beides. Sicherheitshalber …

Aber erst den Olisbos, den Dildo, den Godemiché, den Kunst(stoff)phallus.

War es um Sexualität und Erotik, um das (zugegeben: ein wenig verkorkste) Verhältnis zu seinen Eltern oder zu seinen weiblichen Bekannten und den diversen Geliebten (aber schließlich auch das zu seiner Ehefrau Betty!) gegangen, so war für Siggi sein Leben lang die Lektüre mancher Schrift aus dem umfänglichen Werk des Dr. Sigmund Freund meist einigermaßen hilfreich gewesen. Ja, bei den mannigfaltigen Problemen, die auf ihn besonders als junger Mensch eingestürmt waren, hatte ihn manches Freud-Wort sogar, quasi: seelen-nautisch gelenkt oder zumindest mit-bestimmt. Ob er nun dauernd an Freuds Lehrmeinungen dachte oder nicht, sie verinnerlichte (immer und immer wieder) oder bald wieder – sozusagen – verdrängt (sic!) hatte; auch das bei annähernd gutem Wind, um sein Lebensschiffchen irgendwie ohne gröbere Blessuren zwischen den gefährlichen Felsen, rauen Eilanden und unberechenbaren Strömungen hindurch zu navigieren.

Was nicht immer leicht war, ganz im Gegenteil: oft und oft sogar saumäßig schwer. Und was ihn, den durchaus zum Selbstmitleid Tendierenden, an die berühmten antiken Fahrten des nicht minder antiken Odysseus erinnerte … Und von Odysseus war der Weg gar nicht mehr so weit hin zu – Ödipus. Auch wenn dieser, nach der gleichsam unbeabsichtigten Beseitigung des Vaters (Laios), unschuldig-frevlerisch die eigene Mutter (Jokaste) geehelicht hatte, jener, selbst andauernd untreu, jedoch auf die unverbrüchliche Treue seiner Vorbild-Gattin Penelope stets hatte setzen können …

Ja, Siggi war sehr wohl – besonders im Zusammenhang mit dem berühmten Ödipus (und dem nach ihm benannten Komplex) – die von Freud identifizierte überaus enge Verbindung zwischen der zuletzt vollzogenen Blendung des Mutter-Geliebten, Geschwister-Zeugers und Vater-Mörders mit der für seine (wenn auch ohne sein Zutun, weil vom Orakelspruch initiierten) Verbrechen eigentlich geziemenden Kastration einsichtig (!); und er hätte sich womöglich auch (und nicht nur in der Person des Sphinx-Besiegers) damit abgefunden.

Doch die Frage nach solcher Sühne hatte sich noch nie gestellt. Und stellte sich auch jetzt nicht; denn der da, dieser Riesen-Phallus, das wahrlich übermächtige Gemächt, der Super-Dildo, dieser herrliche Godemiché und Olisbos, war es ja, der sich zu verantworten hatte für seine Untaten. (Oder Betty, wenn man von einer seelenlosen Maschine ausging bei Herrn Schwanz; wogegen indes wiederum die Briefe sprachen …)

Es drehte sich hier – Freud hin, Freud her – indes nicht um Bestrafung durch Selbstblendung und schon gar nicht durch Selbstkastration! Es handelte sich lediglich darum, dieses Zeug da, diesen Renommier-Beutel samt Riesen-Speer zu vernichten! Dieses Mannes-Symbol ohne Mann seiner Männlichkeit – ergo seines Wesens und seines Ich – zu berauben! Ja, er, Siggi, würde an ihm, dem Scheiß-Dildo da, tun, wie Heloisens Onkel und Vormund Fulbert den Knechten geboten hatte, mit dem sündigen Abälard zu verfahren! (Dass dieser Kerl da just ein schon zirzensisch zu nennendes Prachtexemplar von einem Penis darstellte [ja, beinahe schon eine Positiv-Karikatur!], machte die Sache nicht besser. Nein.)

Der Super-Dildo musste, sozusagen: ontologisch, mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden!

Außerdem: Was dachte sich dieser maschinelle Trottel da (bei seinen imponierenden Ausmaßen, immerhin)? Was durchglühte womöglich diesen Goetheschen Meister Iste in allen seinen Prachten (wie es im berüchtigten, lange unterdrückten Tagebuch heißt)?

Und noch etwas: Woher kam dieses Weltmännische? Dieses Sexual-Geniale? Siggi (wie schon erwähnt), literarisch durchaus bewandert, erinnerte sich an ein Wort Alfred Polgars: „Das Genie ist Weltbürger, seinem Weltbürgertum gibt das engere Vaterland nur die Nuance.“ (Aus: „Schubert-Glosse“.)

Doch ging es hier ja weniger um Vaterland denn um Mutterland. Um fremdes Land zudem, wenn schon: erobertes Land! Jedenfalls um – Bettyland!

So machte sich Siggi Leodolter also auf, den Pracht-Dildo, diesen beinahe Ehrfurcht- (oder doch Neid-, allemal Respekt-) gebietenden Plastik-Penis, auch wenn seine Dauer-Erektion eine im wahrsten Wortsinn künstliche war, zu kastrieren. Ja, der Werbefachmann traf Anstalten zur peinlichen Operation (wozu er sich auch einiges an Mut angetrunken hatte, wie der mickrige Flüssigkeitsstand in der Lagavulin-Flasche bewies, die in Reichweite stand).

Außerdem hatte er sich auch ein entsprechendes medizinisches Besteck besorgt und wusste, wie er alles anstellen würde, wie er, in der Abgeschiedenheit seines geliebten Bastelraums, kurz: seines Allerheiligsten, hier, im Keller des Hauses, operieren würde … Denn obschon Sigmund Leodolter kein besonders geschickter Heimwerker war, sein Refugium mit all den Werkzeugen und Geräten (und Alkoholvorräten) war für die Familie tabu. Hier, im Keller, hatte er mit keinerlei Eindringen Unbefugter zu rechnen. Hier war er sicher. Deswegen zog er sich mitunter hierher zurück, auch wenn er bloß seine Ruhe haben oder sich ein paar edle Jazzplatten auf der alten Stereoanlage anhören wollte. Oder Chansons von Georg Kreisler oder Franz Josef Degenhardt. Mitunter begab er sich auch bloß in den Keller, um in der Abgeschiedenheit einige Gläser seines edlen Malt zu genießen, genug weit weg von Betty, den Kindern und der übrigen Welt. Egal, ob die ihm nun feindlich gesonnen war oder nicht.

Das Skalpell war scharf. Ging durch alles durch – wie durch Butter. Egal, ob Fleisch, Fisch, Knorpel, Sehnen, Adern, echt oder aus Kunststoff. O ja: Auch dieses, zugegeben: imposante Plastik-Gemächt würde der rostfreien, super-starken Klinge nicht widerstehen.

Doch, auch wenn Siggi mit allem gerechnet hätte (etwa, dass Betty plötzlich hereingestürmt käme in den Heimwerkerraum im Keller, wohin es sie so gut wie nie verschlug, oder dass sich etwas ähnlich Unvorhergesehenes ereignete), damit nicht: Der blöde Dildo wuchs sich, plötzlich begann das, sukzessive zu einem Monument aus! Ja, der künstliche Penis wurde, schier wie in Zeitlupe vollzog sich das, zu einer Art Epiphanie eines Plastik-Lustgemächts und wuchs und wuchs und erzeugte in gewisser Weise so etwas wie eine Riesenaura um sich, einen apotheotischen Strahlenkranz! (Gerade, dass nicht auch noch die Glocken zu läuten beginnen, dachte Siggi, als mit einem Mal die Glocken zu läuten begannen.)

Orgelmusik. Weihrauch. Konfettiregen, in Blattgold gehalten.

Und eine Stimme ertönte (wie aus einem Riesenlautsprecher, leicht verzerrt, aber der Inhalt der Botschaft klang quasi Kirchenfenster-glasklar): Dies ist mein Ding, an dem ich mein Wohlgefallen habe!

Wieder: Orgelmusik. Weihrauch. Konfettiregen in Blattgold.

Nackte weibliche (und/oder androgyne) Engel schwebten aus allen Ecken hervor, andere, noch aufreizendere, ebenfalls gefiederte Nackedeis stiegen, den bekannten Play Boy-Bunnies ähnlich, aus riesigen Creme-Torten und überdimensionalen Schaumschalen; im Zentrum posierte sogar eine rot-gold-haarige Schöne, einer riesigen Muschel entsteigend, ganz in Sandro Botticellis Geburt der Venus-Attitüde. Ein paar Putten segelten zudem vom Schnürboden dieses Imaginationstheaters herunter, unter Sirren und Surren, als wenn – was weiß ich – eine vielzüngige Mundharmonika-Kapelle den „Hummelflug“ von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow intonierte! Von ganz weit, fern – zugleich jedoch auch hautnah – sah er sich als eine Art Märtyrer, als ein geschundenes und gepeinigtes Doppelwesen immerhin …

Da fiel Sigmund Leodolter das Skalpell aus der Hand, während dem eifersüchtigen Werbemann gleichzeitig die Sinne schwanden. Im Umsinken rissen er und er außerdem das Tischtuch, darauf die Flasche mit dem schottischen Whisky und das fast leere Glas, zu Boden, wo das, was zerbrechlich war, auch prompt zerbrach.

Siggi war hinüber. Zumindest für einige Zeit umfing ihn eine tiefe Bewusstlosigkeit wie ein schwerer, pelziger, alles, sogar (und besonders) seine Kehle einengender Mantel.

Finale

Als der durch einen – zugegeben: recht imponierenden – Dildo ausgestochene Ehemann im Krankenhaus erwachte, wusste er zunächst einmal rein gar nichts; nicht wer er sei, noch was er hier solle. Langsam erst stellten sich ein paar Erinnerungsfetzen ein, auch betreffend das Monster-Glied aus Plastik und sein Hightech-Innenleben (einschließlich offensichtlicher Programmierung zum Schreiben von Liebesbriefen – wenn es denn so wäre …).

Doch die Erinnerungsfetzen, die sich bei Sigmund Leodolter da einfanden, die waren schon schaurig genug. Und so beschloss er, in eine nächste Bewusstlosigkeit hineinzusinken.

Aber – wie war das alles wirklich vor sich gegangen?

Wie sich anhand ihrer Aussage bei der Polizei herausstellte, hatte Betty ihren weitgehend dem Wahnsinn verfallenen, über die Maßen eifersüchtigen Mann an jenem Nachmittag im Bastelraum dabei überrascht, als er gerade daranging, ihren Godemiché auf brutalste Art und Weise zu zerstören. (Es entspricht übrigens nicht der Wahrheit, Lisbeth hätte gesagt: meinen vielgeliebten Dildo; aber es war als Gerücht allemal tauglich.)

Wenn sie Siggis Reaktion auch irgendwie verstehen konnte, so schien sie ihr 1) denn doch ziemlich überzogen (schließlich war der Dildo – ein Dildo!) und 2) auch anmaßend: Das Gerät gehörte immerhin ihr und nicht Siggi (leider …).

Und – die Briefe?

Nun, gerade für so einen Werbegag hätte einer, der selbst aus der Branche kam, doch eigentlich Verständnis aufbringen können … Aber so waren sie, diese Schlümpfe! Keinen Humor, keinen Geist!

Ach ja, erinnerte sich Betty, ihre Eltern, Ing. Ernst August und Margarethe Panzierer, hätten sie ohnedies damals, vor Zeiten also, gewarnt vor dieser so überstürzten Hochzeit! Du weißt ja nicht, was hinter dieser Fassade schläft, hatte Mutter Margarethe in guter alter Pythia-Manier halbdunkel orakelt. Und der Vater, der Ingenieur Ernst August: Werbemenschen? Mehr Schein als Sein, liebes Kind! Glaub mir, einem nüchternen Techniker! Und hör auf uns!

Aber sie? Sie hatte die Warnungen in sämtliche Winde geschlagen, die irgendwo geweht hatten zu der Zeit der übergroßen Verliebtheit in diesen angeblich so fulminanten Sigmund Leodolter. (Obwohl sie, Lisbeth, in der Tat durchaus Anwert gehabt hatte zur selben Zeit, Anwert bei ganz anderen Kalibern …! [An einen Juristen namens Isidor Blockwahn konnte sie sich noch dunkel erinnern … {oder hatte der Bleckwall geheißen? Brinkmann? Nein: Blaumann!}; und an einen Jungarzt, Dr. Fritz Mathes … Dann hatte es noch diesen blonden und blauäugigen Juniorchef des Autohauses Dunkel gegeben …, oder?! – Ja, wie gesagt: Leodolter war mit Sicherheit nicht Spitze gewesen!] Aber die Liebe …, die Liebe … Und außerdem: Sohn Harry war da ja auch schon unterwegs.)

Also, sie war – was sie kaum jemals tat – in den Bastelraum gegangen. Und hatte ihren Mann (übrigens: einen bloß mittelprächtigen Heimwerker …) dabei überrascht, als er gerade Hand anlegen wollte an den imponierenden Vibrator. Und als sie dann auch noch die Briefe des mechanischen, teilweise sogar digitalen Freundes intimer Stunden gelungener Zweisamkeit auf dem Tisch ausgebreitet entdeckt hatte, da kam gleich die Entrüstung über diese Indiskretion hinzu, die das Fass schließlich zum Überschwappen brachte. Erst in schöner Regelmäßigkeit zu versagen bei der Erfüllung seiner Aufgaben im Bett und sich dann noch groß aufzuregen, wenn frau nach Abhilfe suchte; und solche glücklicherweise auch fand! Das seien noch ihre harmloseren Gedanken gewesen, sagte Betty aus, als man sie später zur Causa befragte.

Sigmund Leodolter wurde nach drei Monaten im Nervensanatorium nach Hause entlassen, da die behandelnden Ärzte zum Schluss kamen, die Suizidgefahr habe sich auf ein erträgliches (ergo: normales) Maß reduziert. (Umbringen kann sich schließlich jeder, hatte Prof. Florian Langenscheidt schmunzelnd gemeint.)

Immerhin, Siggi hatte die Zeit nützen können, um sein anstehendes Lustspiel für Prof. Sebastian Klunk und die Theaterrunde „Thespis 55“ fertig zu schreiben. „Traurig – aber wahr“ …, nein, so hieß das Stück. (Ursprünglich hatte ihm als Titel das wortspielende Trauring vorgeschwebt, „Trauring – aber wahr“; doch das gab es schon irgendwo.)

Betty war weg. Das hatte er in all seiner Dumpfheit und trotz der Abwesenheit sämtlicher anderer Eindrücke – außer dem der Schmach, der Schande und des so elementaren Unglücks – mitbekommen. Betty war weg. Abgetaucht. Abgerauscht. Unter Mitnahme der jüngsten Tochter, Sarah – Harry würde bei den Großeltern Panzierer unterkommen und dort auf sich und den kleineren Bruder Ronnie schon zu schauen wissen! – sowie des Familiensilbers, des alten Schmucks, der paar tatsächlich wertvollen Gemälde von den Großeltern her, der Sparbücher, der Aktien und des Bargeldes. Auch den Flügel – er stammte ebenfalls aus altem Familienbesitz, nämlich von Siggis Großeltern her, und war ziemlich verstimmt (wenn auch aus dem Hause Ittypfel) – hatte sie abholen und wegführen lassen. Und, seltsamer Weise, ein paar Flaschen von Siggis Lagavulin … (Obwohl, hatte er sie je mehr als ein halbes Glas vom exquisiten Malt trinken gesehen?! Und: Hätte sie jemals, irgendwann – Klavier gespielt?! Bosheit das! Ordinärste Bosheit! Und: ohne jede Eleganz, die Betty sonst doch angeblich immer so wichtig gewesen war, bitte sehr!)

Nur die Liebesbriefe und den Dildo hatte sie – fast provokant – wieder an die Stelle geräumt und dort liegen lassen, wo er sie Wochen zuvor gefunden hatte; zufällig, dort in ihrem Schrank. Soll er sich weiden an der eigenen Schmach, dieser fiese Flachmann! So mag ihre Losung wohl gelautet haben, maßte Siggi später mut.

Und so hatte sich Sigmund Leodolter denn also in sein Schicksal zu fügen. Als sei er eine Figur aus seiner letzten schwachen Komödie, die, wie oben bereits erwähnt „Traurig – aber wahr“ hieß. Traurig, aber wahr.

Es war ein komödienhaftes Finale. Oder?

Nein! Nein: Sein Fall war tiefer, sein Sturz unmittelbarer gewesen, sein Los daher noch viel trauriger, als er einer Komödien-Figur jemals hätte beschieden sein können.

Kein Lustspiel mit knallenden Türen, tiefen Dekolletés und lauen Scherzchen! Nein: Sein Schicksal war – so schien es zumindest ihm selbst -, was das Ausmaß betraf, von durchaus klassischer Tragik geprägt.

In einer Reihe stehend, so kam er sich selbst zumindest vor, in einer ziemlich erlesenen Reihe mit den großen tragischen Gestalten der Antike: mit Ödipus und mit Sisyphos …, oder mit Prometheus … (Er übertrieb, auch jetzt, jetzt, wo alles dem Ende entgegen ging, übertrieb Siggi, der ewige Werbefuzzi und Image-Schlumpf, maßlos und schamlos. Verdammt!)

Gut, er hatte Pech gehabt. Aber musste er seine Unbill gleich mit den Qualen vergleichen, die manche der Protagonisten in Dantes „Inferno“ zu erleiden hatten? oder mit den Zores, die den Figuren aus einem mittleren Shakespeare-Drama im Allgemeinen widerfuhren? oder mit den dürren Ergebnissen der Weltklima-Konferenz? (Man sieht es wieder einmal, die Werbebranche mit ihrem ständigen Drang zum Superlativ, mit ihrer permanenten Anpreise-Taktik und mit ihrer zwanghaften und maßlosen Übertreiberei hatte sogar ihre besseren Exemplare über kurz oder lang fest in den nach Effekt und nach Effekten gierenden Klauen!)

Siggi musste sich in sein Schicksal fügen. Wie Ödipus war es nun an ihm, sich die Augen auszustechen (zumindest sinnbildlich), um den Frevel, den er, den Orakelsprüchen in die falsche Richtung folgend, begangen hatte, und dessen Konsequenzen nicht weiterhin vor sich sehen zu müssen. Als armseliger Schwellfuß und somit – anderen ordentlichen Schwellkörpern gegenüber – arg im Nachteil, als ein dauerndes Mahnmal der eigenen Mickrigkeit; als mehr als bloß nur schmachvolles Bild von Ausweglosigkeit und traurigem Fatum. (Der Schwellfuß hemmt den Schritt, während die gezielte Schwellung im Schritt manche Dinge durchaus zu beschleunigen in der Lage ist …)

Ihm blieb rein gar nichts anders zu tun übrig, als sich zu blenden; welche Blendung ein anderer, berühmterer und prominenterer Siggi bekanntlich ohnedies mit der Kastration in enge Beziehung gesetzt hatte (worauf ja schon weiter oben hingewiesen worden ist).

Obwohl, er könnte sich, sozusagen: sicherheitshalber auch zusätzlich noch tatsächlich kastrieren! Sein Untergang war ohnedies längst besiegelt. Mit Eiern oder ohne.

Und Betty war weg.

Siggi blendete sich indes nicht selbst. Nein, er stach sich die Augen nicht aus. Und er beließ es auch, was die Kastration betraf, beim Wunsch nach ihr. (Auch Freud ließ er, sozusagen, außen vor. Wozu wohl auch sollte der ihm jetzt noch nützen?!)

Siggi resignierte.

Er ging sogar noch weiter und vertraute, was bei seinem Naturell eigentlich weiters nicht besonders verwundert, auf den nächsten Tag.

Ja, er spielte auf Zeit.

Wer weiß, vielleicht wird alles wieder beim Alten sein, dachte er; alles wieder beim Alten, würde er bloß die Augen am nächsten Morgen wieder öffnen. (Und solches würde ihm, also sprach es gegen eine Blendung, ohne dieselben entschieden schwer fallen …)

Zumindest nach dem ausgiebigen Duschen (schäumend wie Casanova oder mit Showtime) und spätestens beim Frühstück (Fishes swim [Variante: fly] to Moscow …) wäre dann alles wieder paletti. Die Kinder wären da, und auch Betty … Er striche ihnen Nutella auf den Toast und ihr Honig ums Maul …

Er schenkte sich, ungeachtet der frühen Stunde einen großen Malt ein. Nummer fünf.

Und Siggi prostete dem übermannshohen Plastik-Dildo zu, der ihm vis à vis am Frühstückstisch lehnte.

Prost, alter Junge!“

Prost, auch!“

Wenige Wochen später legte sich Siggi zum Sterben ins Bett.

*

Nein, Leute!“, warf Prof. Sebastian Klunk, der Prinzipal der grottenschlechten Amateurtheatergruppe „Thespis 55“, sich zu flammender Rede hochschraubend, stimmstark (und entsprechend gestützt) in die erwartungsfrohe Runde nach dem durchaus mundenden Leichenschmaus im Gasthof „Zur Eberesche“.

Kolossal, wie er so da steht, der stämmige Mann mit dem schlohweißen Haar, dem schwarzen Schlapphut und dem blutroten Schal, ganz in der Manier des legendären Cabaret-Barden des ausgehenden 19. Jahrhunderts, des großen Aristide Bruant, dachte Olga, eine eher mittelmäßige zweite Soubrette, als heimliche Verehrerin des Klunk freilich eins A (und das seit gut dreißig Jahren schon)! Und sie errötete leicht. (Sie konnte so gut wie alles nur leicht.)

Nein!“ Pause. „Nein, er hätte es nicht tun dürfen!“, fuhr der schon leicht verblödete Schmieren-Prinzipal mit der Bruant-Attitüde fort: „Lieber den Kampf gegen die Windmühlen weiter ausfechten, auf noch so verloren scheinendem Posten! Aber, hört ihr, nicht sich mit den Mächten der Finsternis anlegen! Nein! Das tut nicht gut!“

Pause. Dann fortfahrend: „,De mortuis nil nisi bene!‘, haben angeblich schon die Altvorderen gesagt. Und auch ich werde mich hüten, etwas Schlechtes über unseren dahingegangenen Freund Sigmund zu sagen. Es gäbe ja auch kaum etwas … Allerdings – mit den Mächten der Finsternis, mit denen hätte auch Siggi sich nicht anlegen sollen!“

Einige rutschten unsicher auf ihren Stühlen herum, andere schauten gespielt (es war nun einmal eine Theatergruppe!) interessiert zu ihrem Chef; oder ins Bier-, Wein- oder Schnapsglas. Was jedoch aufs Gleiche hinauslief, denn auch vom Grund des Gefäßes, egal welchen Inhalts, leuchtete für sie keinerlei Erkenntnis herauf.

Ja, doch, Siggi Leodolter, der wahre Leodolter, unser verehrter Freund Simund, er hätte uns wieder eine gestandene Boulevardkomödie schreiben sollen, mit gewohnt lustigen Dialogen, mit ein paar zugeschmissenen Türen, mit ein paar untergriffigen Anspielungen und mit ein paar gewohnt maroden Situations-Pointen. Wir haben seine mittelprächtigen Lazzi ja längst schon alle gekannt – und geliebt! Und, seien wir ehrlich: Was gibt es schon Neues unter der Sonne?!“ Der weiß-beschopfte Theatermann sah unter buschigen Brauen in die Runde der schwarzgekleideten Freundinnen und Freunde von der Theaterrunde „Thespis 55“, zwischen denen sich Siggis Kinder (Harry, Esther und Ronnie) sowie die verwitwete Mutter Maria-Theresia Leodolter und sogar die Schwiegereltern, Ing. Ernst August und Mathilde Panzierer (eine geborene Fromml), befanden, außerdem – quasi als eine Reihe bunter Farbtupfer – Ronald Schwarzkopf und die ganze „InterSpot“-Crew.

Nur Betty war nicht zur Beerdigung (und zum Leichenschmaus) erschienen.

Doch mit ihr hatte man, ehrlich gestanden, auch nicht gerechnet.

Er hätte sich mit der lichten Mittellage des Lustspiels begnügen sollen, dann wäre alles so weit gutgegangen. Gut, was sage ich? Blendend, wie bisher! Aber – nein! Er musste ja unbedingt das Tragische auszuloten beginnen! Auf Friedrich Schillers Spuren noch dazu. Und wie dieser es in seinem Essay „Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“ von 1792 ausdrückt.“ Kunstpause. Ein Schluck aus dem Weinglas.

Dann weiter: „Im Zwiespalt gefangen – ja, schier zerquetscht – zwischen Lust und Leiden, so müssen wir uns unseren toten Freund Siggi da wohl vorstellen, als er kürzlich erst sein letztes Theaterstück für uns verfasste. Ein Werk, dem er den erstaunlichen Titel „Traurig – aber wahr“ gab. Nach der gleich überraschenden wie herben Trennung von seiner verehrten Frau Betty … Und es drehte sich bei diesem Stück um Rührung, die er zum Anlass nahm und von der Schiller sagt, sie ,bezeichnet die gemischte Empfindung des Leidens und der Lust an dem Leiden‘.

Kunstpause. Trinkpause.

Rührung, ein Vibrato der Rührung, sozusagen …“

Kurzes theatralisches Innehalten.

Und es geht schon wieder weiter mit unserem Schiller: ,Rührung kann man also nur dann über eigenes Unglück empfinden, wenn der Schmerz über dasselbe gemäßigt genug ist, um der Lust Raum zu lassen, die etwa ein mitleidender Zuschauer dabey empfindet.’“

Längere Pause. Längeres Trinken. Leises Rülpsen.

Dann: „,Der Schwache ist jederzeit ein Raub seines Schmerzens, der Held und der Weise werden vom höchsten eigenen Unglück nur gerührt.’“

Jetzt war die Verwirrung sozusagen perfekt.

Alles schwieg, und der alte Prof. Sebastian Klunk nahm das ergriffene Schweigen als tosenden Applaus wahr. Seine schwabbeligen Altmänner-Wangen glühten und er wuchs innerlich immer noch. Auch wenn er längst wieder saß. Auf seinen vier alten Buchstaben.

Insofern glich er ein wenig dem Riesen-Dildo, der Siggis Fall wenn schon nicht ausgelöst, so doch immerhin entscheidend beschleunigt hatte.

E N D E

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