Hygiene

oder

Man muss

nicht alles

Sieben Kapitel

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2014.

(ENDFASSUNG: 2016.)

Er kannte die schwarzweiß gescheckte

Schlange der Dominikanermönche, diesen

psalmodierenden Tausendfüßler; (…) aber

der Tausendfüßler wird hungrig in seinen

eigenen Schwanz beißen, aus dem Vorrat der

neugierigen Frommen wird er sich neue

Bewegung schaffen.

Stefan Andres, El Greco malt den Großinquisitor

*

PREMIER:

Kabinett, Senat und Volk – das heißt, alle außer

einem – bitten ihren Präsidenten – und das heißt,

eben diesen Einen – bitten und bestürmen ihn, den

Neugestalter unseres Staates, sein schweres Amt

auf Lebenszeit ausüben zu wollen.

Erich Kästner, Die Schule der Diktatoren

*

 

Binsenweisheiten & Ammenmärchen.

Hinter den raumgreifenden Gebärden und den pompösen Gesten verbergen sich nicht selten die nichtigsten Wichte“, stellte Raumkrüger in einer Art und Weise fest, die man bei fast jedem anderen für sachlich (und daher: glaubhaft) gehalten und ohne Widerspruch akzeptiert hätte. Nicht so indes verhielt es bei ihm; war er doch als recht oberflächliche Plaudertasche bekannt: Viel Gerede, doch wenig Tiefgang – so hätte sein Motto lauten können, wenn er im Besitz eines solchen gewesen wäre. Daher hielt man im Allgemeinen nichts von seinen Ansagen.

So ist das nun einmal, meine Herren.“

Seltsam genug, der Sermon. Doch – er musste sogar dieses Gewäsch irgendwo gelesen haben; obwohl es kaum denkbar schien, dass just Raumkrüger einmal freiwillig las. (Gelernt mochte er es wohl haben, irgendwann, in seiner Kindheit, die nun freilich auch schon einige Jahrzehnte zurücklag, gelernt in irgendeiner Schule … Gut, Anklageschriften las er vermutlich, wenn man sie ihm überhaupt aushändigte; unser System war da nicht sonderlich penibel …)

Himmel, Raumkrüger! Sie und Ihre blödsinnigen Kalendersprüche!“, reagierte Ellmayer daher, für uns andere nicht überraschend, gewohnt aggressiv auf die Rede des Älteren. „Lassen Sie uns gefälligst in Ruhe mit Ihren Binsenweisheiten und Ammenmärchen!“

Und, Nachsatz: „Das haben Sie seltsamerweise wohl irgendwo gelesen, was Raumkrüger?!“

Hahaha“, feixte Klohn aus dem dunklen Hintergrund der dreckigen, stickigen und wenig geräumigen Zelle heraus: „Ammenweisheiten und Binsenmärchen?! Hat die Frau Mama wohl zu wenig Milch der frommen Denkungsart aus ihren hübschen Drüsen gequetscht?! Hahaha!“

Auch Klohn konnte, wenn es darauf ankam, einigen Sarkasmus aufbieten. Und es kam oft darauf an. Jetzt freilich, nachdem er seinen bodenlosen Unsinn losgeworden war, duckte er sich instinktiv; zu gut bekannt waren ihm Raumkrügers Fäuste und die Kraft, die ihnen innewohnte. Ja, der feiste Raumkrüger war sich seiner körperlichen Überlegenheit, ohne sie erst lange zu hinterfragen, sozusagen: durch oft-erprobte Praxis bewusst. Und er konnte sich auf seine Fäuste verlassen.

Noch so ein Kretin!“, stöhnte Dr. Amminger. „Ich halte das nicht mehr aus: Umzingelt von lauter Idioten …“ Und er griff sich seinen Flachmann, der – niemand hätte zu sagen gewusst, wie das geschah und überhaupt, hier, im Kerker, möglich war – stets wieder gefüllt und ihm seltsamerweise niemals abgenommen wurde von den sonst so rigorosen und brutalen Wächtern, Wärtern und Henkersknechten … Komisch, Amminger verfügte immer über seinen Alkohol …

Womit nur habe ich das verdient“, stöhnte er weidwund und theatralisch auf. „Idioten!“ Der Arzt und Trinker nahm einen Riesenschluck, worauf hin sich sein Gesicht, so weit man das erkennen konnte, ein wenig aufhellte. Oder zumindest seine Stimme: „Ahhh!“

Ich war zwar der Jüngste hier in der unhygienischen Enge dieses scheußlichen Gefängnisses. Und wenn ich vermutlich – zumindest im Vergleich zu den um einiges älteren Zellengenossen, Dr. Amminger, Klohn oder Raumkrüger (Ellmayer war, was sein Alter betraf, schwer einzuschätzen) – auch längst noch nicht so viel im Leben erfahren hatte wie sie, so begeisterten mich diese andauernden Dispute schon geraume Zeit nicht mehr. Auch wenn ich sie anfangs, zugegeben, sogar als recht amüsant empfunden hatte, diese verbalen Scheingefechte und mit patzig-protzigen Injurien dekorierten Sophistereien; stellten sie doch eine rare Abwechslung dar im täglichen Einerlei unseres enervierenden Aufenthalts in diesem dreckigen Kerker, in trister Abgeschiedenheit und fern von irgendwelcher Information, geschweige denn: von echter Kommunikation. (Und eine solche hätte, zugegeben, mit Raumkrüger und Konsorten auch irgendwo anders kaum zu etwas geführt …)

Nun, wir waren in der Tat ein bunt zusammengewürfelter Haufen, hier, in dieser eigenartigen Haft, über deren Grund wir außerdem zu keiner Zeit unterrichtet worden waren. Wären die optischen und akustischen Eindrücke in dieser furchterregenden Zelle nicht so real gewesen, die Gerüche nicht so penetrant und das übrige Drumherum des Gefängnisalltags nicht so entwürdigend und beschämend, man hätte womöglich geglaubt zu träumen. Gerne sogar.

Raumkrüger war ein Hohlkopf, in der Tat, auch wenn er über ein fast unheimlich gutes Gedächtnis verfügte. Das hätte eigentlich seinen runden, haarlosen, vermutlich Beton-harten Schädel sprengen müssen, dachte ich mitunter. Und dann wären alle die Eindrücke, Bilder und Gesprächsfetzen, die er jemals aufgesogen hatte und in sich hineingestopft wie ein Lumpensammler den Müll in seine Säcke, herausgefallen, nein: explodiert förmlich! Ein Lexikon, das es wie eine Granate zerfetzt …

Ellmayer, der zwergwüchsige, hinkende Zyniker mit dem verschlagenen Blick und der scheußlichen Goebbels-Visage, hielt sich, allem Anschein nach, für den Größten; zumindest kam er sich, wollte man seinen diesbezüglichen angeberischen Erzählungen glauben, die er hin und wieder absonderte, als 1-A-Demagoge und überzeugender Volkstribun vor. Ellmayer wirkte, da ihm hier, im Gefängnis, aus verständlichen Gründen keine mobilisierbaren Massen zur Verfügung standen, denen er irgendwelche politische, ideologische (oder zumindest religiöse) Parolen einbläuen, ja: einpeitschen konnte, eindeutig unterfordert und war schon deshalb gegen alles eingestellt und meist schlecht aufgelegt den anderen gegenüber. Dieses zaundürre und dabei irgendwie konturlose, verwischte, schier gespenstische Wesen, mehr Insekt als Säugetier, horngepanzert womöglich und chitingestählt, grinste seltsamerweise fast bei allem, was es sagte oder tat, so schlimm dies auch immer sein mochte; wobei es diabolisch seine spitzen Zähne bleckte.

Klohn? Der konnte zwischendurch sogar ganz witzig sein. Der kleine, rundliche Brillenträger mit den Mini-Würstelfingern, dem rötlich-blonden Resthaar um die veritable Glatze und dem schwabbeligen Mehrfachkinn unter dem lüsternen Froschmaul. Zum Feind sollte man ihn allerdings lieber nicht haben: Zwar schien sein Gedächtnis nicht ganz so vorzüglich wie das Raumkrügers zu funktionieren, doch konnte auch er recht nachtragend sein. Und, wenn man nicht damit rechnete, quasi aus heiterem Himmel, blitzte und donnerte es dann, ehe man es sich versah …

Dann – Dr. Amminger, der versoffene Mediziner. Er war in Wahrheit – ich spürte das eher, als dass ich es wusste oder hätte beweisen können – nicht so sehr bösartig, destruktiv und zersetzend oder gegen alles eingestellt (wie man aufs erste Hinsehen hätte annehmen können), als vielmehr ein depressiver Querulant. Außerdem durfte man ihn als ausgesprochenen Verschwörungstheoretiker bezeichnen. Einer jedoch von der Sorte, denen sukzessive die Basis ihrer abstrusen Szenarien von Umstürzen und Untergängen abhanden gekommen war. (Was allerdings von ihm selbst unbemerkt geschehen sein musste.) Die traurige Tatsache blieb zwar bestehen, dass die Verschwörungstheorien und ihre Grundlagen wie die diversen Anzeichen dafür nunmehr weitestgehend fehlten. Die Absenz der aberwitzigen Konstrukte, die ihn zuvor beschäftigt und gepeinigt hatten bis zum Exzess, hinderte ihn indes nicht, auch in Zukunft von Furcht erfüllt zu sein; was er freilich genauso beklagte wie zuvor, als er von den verderblichen Verknotungen der Macht (und ihrer unweigerlich negativen Auswirkung auf ihn, auf uns alle) noch sozusagen real ausgegangen war … Ja, im Lauf der Zeit schienen dann sogar ihm selber die verlorengegangenen wahnwitzig abartigen Ideenkonstrukte langsam aber sicher (wie vom Wind der Geschichte) verweht worden zu sein. Und was doch noch davon übrig war, rudimentär, entstellt, weitgehend ohne Sinn, entpuppte sich als Konglomerat neuer, allerdings gleich intensiverer Ängste, Sorgen und Ahnungen. Geblieben war von dem dereinst womöglich sogar einigermaßen von Intelligenz durchdrungenen Menschen und Mediziner Dr. Amminger bloß ein trauriger Rest, der seinerseits gleichsam reduziert und komprimiert zu sein schien auf eine Essenz intellektueller Anmaßung sowie einen Haufen alter Befürchtungen der übelsten Art. Und vermutlich eine kaputte Leber.

Und – ich. Wer war ich, was war mit mir?

Ich – – –

Jeder belauscht und beobachtet jeden, beschnüffelt und betastet ihn, späht seine Umgebung aus und prägt sich alles über jeden anderen ein …“, referierte Klohn zwischendurch und ereiferte sich dabei gehörig, wenn er ernst wurde (und hungrig). „Die uns fangen haben lassen und uns hier eingesperrt halten, unmenschlich genug und auf engstem Raum, wie man’s nicht einmal mit Vieh tun würde, die wissen zwar alles über jeden einzelnen von uns; weil wir nun einmal Dateikarten sind oder besser: Computer-Chiffren unserer persönlichen Daten. Doch – sie wollen darüber hinaus, dass auch wir selber alles über einander wissen, indem wir Fakten ausfindig machen, Geheimnisse ausbaldowern, einander belauschen, beobachten, irgendwas Neues herausfinden, erschnüffeln und ertasten. Und das, obwohl wir rein gar nichts mit diesem Wissen anfangen können! Nichts!“ Und direkt an uns gewandt: „Hört ihr, ich interessiere mich einen Furz für euch! Ihr geht mich nichts an! Nicht so viel -“ Er ließ plötzlich die Hosen hinunter und drehte uns ostentativ den nackten, faltigen Arsch zu, um solcherart einen gelassenen Wind zu demonstrieren.

Dann hielt Klohn kurz inne, als sei er sich mit sich selbst nicht einig, ob er jetzt weinen solle oder lachen. Hierauf fügte er noch, fast schon verzweifelt, doch mit einem Anflug von Ironie an: „Jeder Tag kann unser letzter sein. Erst wenn es dunkel geworden ist, wird klar: Heute ist es noch nicht passiert! Aber vielleicht geschieht es morgen, das Ende …“

Sehr aufbauend …“, knurrte der diabolische Zwerg Ellmayer, jetzt einem gereizten, zu allem Überfluss auch noch hinkenden Rattler gleich, böse in die Runde grinsend. „Wer weiß -“

Was aber das Schönste ist“, steuerte Raumkrüger (wie er meinte:) Gewichtiges bei, „wie in einem Turnus stecken sie uns dann zwischendurch in die Kleider der Wachmannschaft. Und wir haben auf unsere früheren Kerkermeister, die jetzt die Gefangenen sind, aufzupassen; wir müssen sie mit etwas zu essen und zu trinken versorgen. Doch, und das ist in der Tat das Beste daran, wir dürfen sie auch schlagen und misshandeln, meine Herren, und überhaupt: Angst und Schrecken unter ihnen verbreiten …“ Er schien mit einem Mal in eine ungesunde Euphorie entrückt.

Dann, wie resümierend: „Was du heute kannst besorgen …“

Ja“, pflichtete Klohn, dessen Gesicht sich mit einem Schlag aufhellte, dem anderen bei (obwohl er gerade mit Raumkrüger selten einer Meinung war). „Und angenommen, wir verhalten uns den Peinigern von früher gegenüber menschlich – in der Hoffnung, sie würden nach dem nächsten Kleider-Wechsel dann Gutes mit Gutem vergelten -, so kann auch das gehörig daneben gehen: Vielleicht sind sie dann sogar noch brutaler zu uns als sonst?! Wer weiß?!“

Allgemeines Nicken.

In der Tat, dieses Spiel der Macht, nämlich dass wir mit den Wärtern für eine gewisse Zeit, für den Turnus eben, Gewand und Stellung zu wechseln hatten, war vermutlich das Perfideste an unserem ganzen Gefangenen-Dasein überhaupt: Der plötzliche, unbegründete Gewinn an Macht (auf die Henkersknechte musste es ähnlich verunsichernd wirken, vielleicht sogar noch stärker, nämlich ihre Machtstellung im Gegenzug einzubüßen und abgeben zu müssen!) irritierte uns unerhört.

Denn auch als Gefangener, als geschundener, ständig in Angst lebender Delinquent, dessen letzte Stunde jederzeit schon geschlagen haben konnte, entwickelt man langsam ein gewisses Gefühl für die Situation, in der man sich befindet; und das vermittelt wenigstens ein bisschen Sicherheit. Die jedoch wird just durch solche haarsträubende, grausame Spielereien mit einem Mal wieder zunichte gemacht … (Ganz abgesehen von der oben angesprochenen und überaus verlockenden Versuchung, die darin liegt, die Möglichkeiten voll auszuschöpfen und seinen Peinigern zumindest für kurze Zeit alles das heimzuzahlen, was sie einem aus ihrer quasi legitimen Machtfülle heraus zuvor angetan haben. Das ist in der Tat moralische Korruption!)

Dieses Wechselspiel zwischen Gefangenen und Aufsehern ging angeblich auf einen Zeitgenossen und guten Bekannten des berühmt-berüchtigten französischen Literaten und Ur-Sadisten Donatien Alphonse Françoise Marquis de Sade zurück: auf einen gewissen Jean-Jacques Nierrodier, der als recht erfolgreicher Ingenieur im Festungsbau (und später dann als strammer Jakobiner) wirkte, mit einigen durchaus Praxis-nahen Gedanken jedoch nicht nur zur Fortifikation, sondern auch zur Gefängnis-Praxis aufhorchen ließ; zu einer Zeit, wo man solche Überlegungen besonders gut gebrauchen konnte …

Nierrodier überlebte allerdings die späteren Phasen der Französischen Revolution selbst auch nicht. Sein Kopf fiel in den allgemeinen Wirren schließlich unter der bewährten Guillotine, diesem Segen bringenden Apparat, den der menschenfreundliche Arzt Joseph Ignace Guillotin erfunden hatte und der seit 1792 das offizielle Hinrichtungsgerät der Revolution war …

Nun ja …, das mit dem Wechsel, diese famose Art von Gewalten-Austausch, das ist, zugegeben, schon recht fies! Aber auf Dauer ist es doch auch eher nur ein langweiliges, böses Spiel …“, schloss Raumkrüger an seine frühere Äußerung an. Dann, eine neue, beinahe diabolische Überlegung, wie sie eher zu Ellmayer gepasst hätte: „Freilich, wenn wir sie so richtig schlecht, so schön grausam und besonders brutal behandelten, unsere vormaligen und nachmaligen Henkersknechte, dann hätten wir wenigstens eine kleine Genugtuung, von der wir später, wenn das Leiden wieder an uns wäre, zehren könnten …“

Raumkrüger, Raumkrüger!“ Ellmayer ballte die Faust gegen den Mitgefangenen. Doch grinste er dabei ziemlich teuflisch. (Waren sie in diesem Moment – Komplizen?!)

Genau! Eigentlich ist dieser Uniform-Wechsel enervierend!“

Ich warf das erhitzt ein und angespannt durch den dauernden Stress in unserer Scheißzelle. „Abgesehen von der hygienischen Komponente … Mischt sich doch der stinkende Gefangenen-Schweiß, der in unseren Klamotten sitzt, mit dem der Bewacher … Und dann: Kaum haben wir uns eine kurze Zeit als Henkersknechte versucht, schon sind wir wieder, was wir vorher gewesen waren: die Gefangenen, die zum Tode Bestimmten, die Unrettbaren. Und wir werden wieder geschlagen, malträtiert und misshandelt! Nach allen Regeln der Kunst!“ Ich wandte mich zornig und mir meiner Schwäche bewusst ab.

Doch unser Verbrechen, das also, weswegen wir hier eingesperrt sind? Was ist es überhaupt …?“ Ich stieß meine Worte jetzt noch heftiger hervor, nicht zuletzt, weil ich stets versuchte, stärker zu wirken, als ich tatsächlich war. Und dabei fühlte ich vor allem Ohnmacht in mir, Ohnmacht und pure Schwäche. Und innerlich, da empfand ich bloß Angst, schier unermessliche, niederdrückende Angst. (Immerhin hatte ich es als der Jüngste hier auch so schon schwer genug – unter diesen vergleichsweise abgebrühten Schmeißfliegen der Gesellschaft; unter diesen ungewaschenen, stinkenden und verlausten Individuen, die längst schon als bloß grenzwertig gelten durften, ging es um irgendwelche menschliche Rangordnungen. Denn, Hand aufs Herz: Was sollte es mir da schon groß bringen, mit noch irgendwelchen anderen ungewaschenen, stinkenden und verlausten Individuen meine Kleider zu tauschen?!)

Warum wir hier eingesperrt sind, möglicherweise auf den Tod warten und langsam verrotten? Ich sage es euch, ihr beschissene Idiotenbande: Weil wir das System durchschauen!“, äußerte der Doktor ruhig und mit geradezu furchteinflößender Bestimmtheit, die eigentlich gar nicht mehr zu ihm passte, so weinerlich und depressiv, wie er sich in letzter Zeit immer wieder gegeben hatte. „Ja, Herrschaften, wir sind, so gesehen, um einiges weiter …“

Ach, hören Sie doch auf, Amminger! Verdammt! Ich bitte Sie!“ Jetzt war Klohn wütend. Und wenn er nicht so rundlich, klein und harmlos ausgesehen hätte, er wäre jetzt womöglich zum Fürchten gewesen. Er glich fast einem Kugelfisch, einem giftigen Kugelfisch. Er steuerte jedenfalls, so wirkte es, auf seine eigene Explosion zu.

Ihre Monologe helfen doch niemandem! Egal, ob sie depressiv oder ausnahmsweise von einem saudummen Optimismus geprägt sind! Oder von Größenwahn …“ Und wie zur Bekräftigung: „Wir sollten Sie am besten wieder einmal verprügeln, Doktor!“ Und zu uns anderen gewandt: „Was meinen die Herren?“

Man grinste, und nur Klohn selbst lachte laut und grob.

Dr. Amminger wirkte seltsam unbeteiligt, als hätte er die Drohung des Mithäftlings gar nicht vernommen. Er sah viel mehr ungerührt auf den dicken kleinen Klohn hinunter, als wäre der ein schlimmes, ein ungezogenes Kind, das bloß hoffen durfte, ungestraft davon zu kommen.

Dann lachten auch Ellmayer und Raumkrüger, doch eher zurückhaltend, ja: wie gezwungen. Und zu einem nicht geringen Teil wirkte dieses Lachen wie von Angst durchzogen. Ein Selchfleisch-Lachen, nahe an der Schwarte. Ein Lachen, das jeden Moment wieder umschwenken konnte in stumpfsinnige Verhaltenheit.

Ich? Ich erstarrte innerlich. Dann fasste ich mich und lachte auch, heftig, laut, wie, um etwas zu beweisen: Meine Zugehörigkeit. (Doch wohin gehörte ich? Doch nicht zu Klohn, Ellmayer oder Raumkrüger … Aber auch nicht zum ständig besoffenen Doktor. Nein, auch Amminger war keine Person, der man vertrauen konnte; auch wenn er zumeist am wenigsten brutal zuschlug, wenn es ans Verdreschen ging. Ans Großreinemachen, wie es der scheußliche Zwerg Ellmayer nannte. Großreinemachen. Oder Kehraus.

Amminger, der zuvor schon und ohne jede Hast ein paar Schritte in die Richtung der dunkelsten Ecke der Zelle zurückgewichen war, holte – wir sahen es nicht, vermuteten es jedoch – seinen Flachmann heraus und nuckelte daran. Doch nicht (wie in letzter Zeit so oft) ähnlich einem Kleinkind, das am Fläschchen saugt; nein, offensichtlich ganz guter Dinge. Ja.

Wenn Amminger zur Flasche griff, war das – unausgesprochen – ein Zeichen für Kampfpause. Eine Art Selbsterhaltungstrieb machte, dass dann alle körperlichen (und geistigen) Aggressionen, kurz zumindest, eingestellt wurden. Einen Schluck lang eben. Dann mochte der Disput, der Streit, das Verhauen wieder weitergehen in beinahe froher Eintracht.

Dann der Umschwung, eigentlich ganz so, wie er zu erwarten gewesen war.

Na, na, Klohn! Nur keinen Intellektuellen-Hass in unserer bescheidenen Hütte, wenn ich bitten darf!“ Raumkrüger haute dem dicken Klohn unversehens eine herunter, dass es nur so knallte. Und der Geschlagene fiel, purzelte, lag schließlich da; er blutete aus Nase und Mund. Klohn fluchte still in sich hinein, tränenerstickt, beschämt. Er ballte in blinder Wut die kleinen Fäuste.

Das Bäumchen-wechle-dich-Spiel setzte ein: neues Feindbild, neue Lust am Niedermachen. Neue Destruktion.

Mitläufer!“, stieß der Geschlagene wütend hervor, indem er sich erhob. „Blöde Arschgeige!“

Schon gut, wir wissen, dass Kollege Raumkrüger kein großes Kirchenlicht ist“, schaltete sich der immer noch (oder schon wieder) grinsende Ellmayer ein. „Fast so dumm wie Sie, Klohn …“

Und zu mir gewandt: „Was denken eigentlich Sie? Hat der Doktor ausnahmsweise einmal Recht mit seiner Diagnose? Sind wir wirklich hier, weil wir das System durchschaut haben? Oder – sind wir nicht vielmehr selbst das System? Na?!“

Sophist! Teuflischer Sophist!“, zischte Klohn in Richtung des mephistophelischen Hinkefußes.

Maul halten!“, fuhr der Teufels-Wicht den dicken, nach der Attacke von vorhin allem Anschein nach total gekränkten Klohn an.

Dann bestand Ellmayer jedoch mir gegenüber auf der Beantwortung seiner Frage: „Also …?“

Und seine dunklen Augen blitzten teuflisch.

(Denn, das war klar, jede Antwort würde falsch sein.)

Ich wusste nicht, wie ich mich aus der Affäre ziehen könnte. Also versuchte ich abzulenken.

Sehen Sie doch, die Amarylis! Wie sie aufgeblüht ist …, seit gestern!“ Ich wies auf den Blumenstock, der allem Anschein nach Raumkrügers ganzer Stolz war. Vielleicht konnte ich so den Gedächtnis-starken, feisten und gewalttätigen Hohlkopf, der sich immerhin stets noch als der körperlich Dominierende unter uns erwiesen hatte, auf meine schwache Seite bringen.

Doch sogar der stupide Raumkrüger schien meine Finte zu durchschauen. (Oder sah er aus anderen Gründen bloß blöde aus der Wäsche?!)

Nur der besoffene Doktor vermittelte für kurze Zeit einen entspannten Eindruck. Zumindest glaubte ich, dass seine weitgehend unschöne Visage ein dankbares Lächeln in meine Richtung absondere.

Gut“, sagte Ellmayer, „Waffenstillstand – für heute.“

Man verteilte sich im Raum, etwas verlegen die einen, ziemlich aufgeblasen und überheblich die übrigen.

Ich atmete – fast – befreit durch.

Fortsetzung folgt!

 

Die Leichen im Keller.

Jeder, fast jeder, hat so seine Leichen im Keller. Oder er ist nun tatsächlich ein sogenannter guter Mensch. Oder gleich ein Heiliger. (Doch auch unter denen gibt es nicht wenige Wendehälse, die bloß dank eines einschneidenden persönlichen Erlebnisses zu – angeblich – besserer Einsicht gelang sind und sich in der Folge damit wichtig machen. Doch so ein Damaskus hat nicht jeder, wie ja auch nicht jeder früher der böse Saulus geheißen hat und anschließend zum guten Paulus nobilitiert worden ist.)

Warum sollte das bei mir nicht anders sein?

Zwar hatte ich, zumindest wissentlich, keine allzu krummen Dinger gedreht; kaum Anverwandte (und auch keine Fremden) wesentlich geschädigt; selten nur die Freunde arglistig hinters Licht geführt, um unbedeutenden Gewinn zu erzielen aus solchem Unterschleif; überhaupt keine nennenswerten Hinterziehungen, Malversationen oder kriminelle Geschäfte getätigt.

Nein. Das wäre mir alles zu kompliziert gewesen und zu gefährlich. Außerdem lag mir nichts daran, besonders reich, egal ob an Vermögen oder an Einfluss, zu sein; oder als etwas Außergewöhnliches zu gelten. Wenngleich – natürlich juckte es auch mich mitunter, besonders, wenn ich vernahm oder davon erfuhr, auf welch schamlose Art und Weise andere ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihre Reputation zu mehren verstanden hätten, während unsereins brav vor sich hin dümpelte sein weitgehend schnödes, mittelmäßiges Dasein lang; ordentlich (so weit das nur überhaupt möglich war) und anständig; aber stets unbedankt blieb in seinen Bestrebungen und außerdem: so gut wie anonym und unbekannt, in der Masse ebensolcher grauer Mäuse verborgen, unbedeutend

Die anderen? Sie glänzten wie die Paradiesvögel und plusterten sich auf wie die Pfauen. Sie sonnten sich in ihrem (bestimmt nicht immer auf anständige Weise erworbenen) Reichtum und erfreuten sich ihres (meist unverdienten) Glücks. Die verstanden es eben, aus sich und ihren Machenschaften etwas Großartiges, zumindest etwas Gefälliges zu deichseln. Der Rauch, der von ihren Opfergaben emporstieg, war weiß und schraubte sich himmelwärts (wenn wir hier schon mal den hübschen biblischen Abel-Kain-Vergleich bemühen wollen); während unsere mickrigen Sakralstätten verkommen wirkten und unansehnlich, zudem die Opfergaben, die wir uns vom Mund abgespart hatten, hauptsächlich aus Secondhand-Ware, billigem Plunder, stinkendem Fleisch und unschönem, halb-verwelktem Gemüse bestanden und bloß schwärzlichen Rauch und entsprechend viel Ruß erzeugten und absonderten. (Als ob der Allmächtige CO² liebte …! Nein, darüber konnte sich kein Gott freuen; und sei er noch so bescheiden! Und zur Bescheidenheit neigen unsere diesbezüglichen Geisteskonstrukte, unsere angeblich anbetungswürdigen Wesen da oben nun einmal nicht!)

Ja, Ellmayer, Dr. Amminger, Raumkrüger und Klohn – und ineinem gewissen Maß sicherlich auch ich -, wir taugten nicht zum guten Abel. Zum herzeigbaren Gottessohn (oder quasi: Gottesenkel …), zum demütigen Gottesgeschöpf. Nein. Wir waren die Kains in der Geschichte. Punktum. Unser Opferrauch war schwefelig oder ölhaltig, rußig und dreckig wie eine Fabrik aus dem ehemaligen Ostblock. Unser Opferrauch qualmte dunkel vor sich hin, wie beschämt zu Boden gedrückt. Während die weißen Rauch-Fontainen der diversen Abels, uns wie zum Hohn, flott und äußerst ansehnlich himmelwärts fuhren; noch dazu weihrauchig duftend wie parfümiert …! Hübsche Kaskaden des praktizierten Opferglaubens! Das war nun in der Tat eine Freude!

Da musste man doch depressiv werden. Als Dauer-Abel.

Aber gleich zum Verbrecher mutieren? War das notwendig?! Und: Was stempelte, zum Exempel mich und meine Genossen im einzelnen letztlich zu Tunichtguten, zu Unholden und zu Abschaum?

Nun, Raumkrüger hätte man aufgrund seines meistens recht idiotischen Auftretens leicht unterschätzen können. Doch hatte der lesefaule Gedächtnismeister immerhin eine Metzgerlehre absolviert und war zudem ausgebildeter Football-Spieler; außerdem konnte er sogar auf eine recht ansehnliche Karriere als Mittelgewichtsboxer verweisen. Die permanenten Schläge auf sein unschönes Haupt dürften sich allerdings eher negativ auf sein Gehirn-Rayon und in der Folge auch auf seinen Intelligenz-Quotienten ausgewirkt haben. Doch Griffe in den Fundus seines Erinnerungsschatzes, der vorwiegend aus alten Volksweisheiten, durchmengt mit ein paar populären Goethe-Zitaten, einigen Shakespeare-Splittern und passenden wie unpassenden Luther-Aussprüchen bestand, erweckten mitunter durchaus Anerkennung; obschon das meiste davon letztlich ziemlich abgeschmackt war.

Was ihm an Gewandtheit des Geistes und der Sprache sowie überhaupt an Eleganz in der Konversation mangelte, ersetzte Raumkrüger jedoch auf überzeugende Weise durch jederzeit abrufbereite, geballte Muskelkraft und den gezielten Einsatz seiner wuchtigen Fäuste.

Der Mediziner Amminger? Der war ein besonderer Vogel.

Dr. Amminger zog das Unrecht regelrecht an, obwohl er, was er tat und verbrach, fast immer mit einer Art Saum von Wohltätigkeit und Humanität zu verbrämen wusste. Außerdem war er in all seinen Unternehmungen (seien sie medizinischer Art oder sonst irgendwie unanständig gewesen) seiner Zeit immer um einen Schritt hinten nach: Während er (noch) etwas Verbotenes tat oder zumindest eine fragwürdige medizinische Therapie anwendete, wurden diese Methoden nicht selten wenig später legalisiert … So trieb Amminger beispielsweise in durchaus großem Stil ab, als solches noch verboten war und nicht selten streng geahndet wurde. Dann hörte er gezwungenermaßen, weil schon mehrmals einschlägig verurteilt, damit auf – und siehe da: Der Schwangerschaftsabbruch wurde wenig später in bestimmten Fällen erlaubt! Dann warf sich Amminger, längst schon zu einem (zumindest in seinen Kreisen) offenkundigen Säufer geworden, auf das sensible Gebiet der Sterbehilfe. Und prompt traf ihn erneut der Arm des Gesetzes mit voller Wucht! Ein Leben lang zwischen Pionier und Nachzügler schwankend, war er letztlich nirgendwo zuhause. Er war depressiv und vom Alkoholismus längst gezeichnet. Und so weiter, und so fort.

Allerdings war an diesem reichlich bizarren Medizinmann mehr als bloß ein recht passabler Diplomat verloren gegangen, was man allein schon aus der Tatsache schließen konnte, dass es ihm die ganze Zeit in der Haft gelungen war, sich seine tägliche Alkoholration zu sichern. Da hatte er Mittel und Wege gefunden, sich bei der Wachmannschaft einzuschleimen. Ob mittels Abtreibungen, Sterbehilfe oder bloß durch Einsatz von tauglichen Anti-Schnupfen-Mitteln, das sei dahingestellt …

Dann der diabolische, hinkende Zwerg Ellmayer.

Ellmayer war es – als studierter Jurist – gewohnt, stets geschickt mit dem Strom zu schwimmen; worin er es im übrigen längst schon zu absoluter Perfektion gebracht hatte. Es hieß, dass er dort, wo es zufällig einmal keinen allgemeinen Strom zum Mit-Schwimmen gab, durch blendende Agitation und geschickte Propaganda sogar einen solchen zu erzeugen imstande gewesen sei! Ellmayer stampfte (trotz Klumpfuß) imübertragenen Sinn Kohorten aus dem Nichts und Armeen aus dem Boden – wortgewandt, zynisch und allgemein verständlich wie das amtliche Telefonbuch. Seine Kernkompetenz freilich war und blieb stets – die Intrige. In Klatsch und Tratsch, in der Fama und in der üblen Nachrede war er Meister! Da befand sich des hämischen Zwergs ureigenster Humus, aus dem heraus er Maulwurf-gleich seine sagenhaften Häufen aufwarf; eben mittels der Schnauze …

Das agitative und propagandistische Handwerk verstand Ellmayer tatsächlich aus dem FF, und sein Wirken in politischer, ideologischer und – was diverse Randgebieten betraf – sogar in philosophischer Hinsicht konnte sich sehen lassen. Zudem meisterte der furchtbare Zwerg auch noch recht passabel den Lebensalltag, indem er sich, trotz seines unübersehbaren Kleinwuchses und der Behinderung durch den Hinkefuß, den Anforderungen ohne zu zögern stellte.

Doch auch in Wirtschaftsfragen kam dem kleingeratenen Bösewicht sein Talent fürs Kriminelle immer wieder zupass. Er ließ nicht nur Mutterkonzerne errichten, die ihrerseits beinahe schon krebsartig Tochterfirmen gebaren, bei ihm gerierten auch Töchter ihre eigenen Mütter! Und diverse Schwesterunternehmen betrieben finanziell hübscheste, weil gewinnbringende Unzucht mit- und untereinander … Und das alles selbstverständlich bloß auf dem Papier (oder auf den Börsen-Bildschirmen). Fast wie in der diesbezüglich beispielgebenden Baubranche oder bei der FIFA.

Dr. iur. Ellmayer war ein intrigantes Arschloch, und als solches hatte er seinen Weg gemacht, den jede Menge von Leichen (seiner Konkurrenten) pflasterten … Seine Kompetenz lag im Abseitigen, im gewinnbringenden Halbseidenen; im regelrecht alle Regeln brechenden Abzocken fand er seinen Lustgewinn, im Ausbooten und schließlich darin, potenzielle Gegner ein für alle Mal zu vernichten. Ellmayer genoss es zudem, von allen als Abschaum bezeichnet und dementsprechend gefürchtet zu werden. Vermutlich hätte es ihn sogar verunsichert, wäre ihm plötzlich Sympathie entgegengeschlagen. Ja, das hätte ihn mit größter Wahrscheinlichkeit nur misstrauisch gemacht …

Der kleinwüchsige, an den verbrecherischen Ober-Nazi Dr. Joseph Goebbels erinnernde Ellmayer hatte vor Jahren sogar an den Richtlinien der insgeheim vom Großinquisitor in Auftrag gegeben Verfassung mitgearbeitet. Und Hadubrand von Kirchstättens diesbezügliches Machwerk hatte es schon in sich gehabt; auch wenn es Hadubrands Nachfolger auf dem Inquisitorenstuhl, dem noch ärgeren, zudem unberechenbaren, weil magenkranken Dr. Wunibert Runk, vorbehalten sein sollte, den betreffenden Codex noch weiter zu verschärfen. Bis das beinahe alle Lebensbereiche restriktiv einschränkende und massiv in die Grundrechte der Bürger eingreifende, im Wortsinn umfassende, viele Tausend Seiten zählende Schriftwerk am Ende zu einem nie zuvor noch dagewesenen, tatsächlich einmalig scheußlichen Beispiel von in Paragraphen verpackter unmenschlicher Machtzentrierung, ja: zu einer Sammlung wahrer After-Gesetze, inhumaner Verordnungen, Richtlinien und Interdikte pervertiert war. Schandbar, doch effektiv! Fürwahr!

Ironie am Rande: Der Endredaktion des teuflischen Konvoluts pseudo-juristischer Art war dann schließlich auch Ellmayer selbst (neben anderen verbrecherischen Mitakteuren, Juristen wie Nichtjuristen) zum Opfer gefallen. Doch solches kennt man ja – etwa von Revolutionen, Umstürzen und anderen politischen Lustbarkeiten her, bei denen zuletzt die einmal angestachelte Mordlust des Mobs gerade auch vor den früher frenetisch akklamierten Führern und den ach so bewunderten Idolen der Massen nicht Halt macht. (Wobei der so gern angewandte Satz Die Revolution frisst ihre Kinder besser Das Volk frisst sich selbst heißen sollte …)

Klohn? Na, der kleine, rundliche Klohn hatte ebenfalls genug Dreck am Stecken; auch wenn er aufs erste Hinsehen durchaus keinen furchterregenden Eindruck vermittelte, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Klohn hielt es im Umgang mit den anderen im Allgemeinen mit der – diesbezüglichen durchaus erfolgreich angewandten – Verhaltensweise wadelbeißerischer Rattler. Er verstand es zudem sehr gut, aus dem Hinterhalt heraus zu agieren; zunächst zu hetzen, verbal zu zündeln und dann erst tatsächlich zuzuschlagen. Und das immer gerade dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Seine zur Schau gestellte, vorgebliche Gemütlichkeit diente ihm dabei zur hervorragenden Tarnung und Camouflage seines miesen Charakters, der ihn ständig voller Niedertracht auf den Untergang (zumindest auf den Schaden) anderer sinnen ließ. In gewisser Weise war Klohn die Volksausgabe des diabolischen Ellmayer, doch gleichsam mit Zuckerglasur und harmlos wirkender Schminke.

Dem dicken, kleinen Klohn, dieser Dreckkugel, kamen die durch Jahrzehnte erworbenen Erfahrungen als bauernschlauer, überaus gewiefter Reisender in allen möglichen, durchaus auch absonderlichen Artikeln aus recht unterschiedlichen Branchen zu gute. Er hatte gelernt, seine Kunden (und andere potenzielle Gegner) auf den ersten Blick richtig einzuschätzen und zu taxieren. Dass er sich gegenüber Ellmayer und sogar angesichts des körperlich wesentlich stärkeren Raumkrüger nicht selten provokant und saublöd benahm, brachte ihm immer wieder eine blutige Nase oder sonst eine Blessur ein. Doch resultierten aus solchen -nach außen hin: vermeintlichen – Niederlagen mitunter sogar einige Pluspunkte für sein Ego. Und das alles bewies gleichzeitig, in welch hochkarätiger Verbrecherbande wir uns hier befanden …

*

Ja, dagegen nahm ich mich – gut, ich war nun einmal der Jüngste in der desolaten Runde der Zellenbewohner – ziemlich unschuldig aus; obwohl auch ich längst schon kein unbeschriebenes Blatt mehr war. Nein, längst nicht mehr. Wenn ich da nur an die mehr als bloß leidige Geschichte mit der wunderschönen blonden Aorta und ihrer strengen Mutter, der überaus wachsamen Frau Argus, denke, könnte ich immer noch rot werden vor Scham! Sie war eine Katastrophe, diese Frau. Und zu allem Überfluss auch noch eine Kettenraucherin, die es schaffte, wenn es darauf ankam, ohne viel Federlesens drei Zigaretten zugleich zu vernichten: Die eine hatte sie dabei im Mund und die zweite zwischen den Fingern, während die dritte im Aschenbecher vor sich hin glühte …

Trotzdem, diese unnötige und permanent störende Frau Argus einfach umzubringen, das war mit Sicherheit ein Fehler. Zudem wäre vermutlich für jeden vorsichtigeren und klügeren Menschen mit ein wenig mehr Lebenserfahrung, als ich es war und ich sie hatte, abzusehen gewesen, dass solch eine inhumane Untat einen ganzen Rattenschwanz an bösen Folgen nach sich ziehen würde! Und welch böse Folgen das sein könnten, sollte sich bald schon zeigen …

Nein! Morden – so etwas tut man einfach nicht!

Freilich: Meine Motive waren beinahe hehre, verglichen mit denen anderer. Aber – Mord ist nun einmal indiskutabel.

Zu meiner Entschuldigung darf ich freilich sagen, dass Frau Argus in der Tat eine Plage darstellte; ja, sie trat als eine der großen Strafen schier biblischen Ausmaßes auf. Sie gerierte sich als ein Scheusal ersten Ranges. Und so gesehen, war die Alte – unter uns gesagt – nicht einmal das Pulver wert, die Kugel oder das Benzin, die ich dazu benötigte, ihr den Garaus zu machen … Und dennoch halte ich meine Tat im Nachhinein, ich wiederhole mich, für indiskutabel.

Gut – nein: nicht gut! -, die schier alles durchschauende Frau Argus war nun einmal eine alleinerziehende Alt-Achtundsechzigerin; da ließ sich eben nichts machen. Sie war Jahre schon als tüchtige, penible Arzthelferin bei einem renommierten Röntgenologen (sic!) angestellt (dem es übrigens auch nicht gelang, sie vom Rauchen abzubringen.) Und Frau Argus hielt es durchaus mit der Transparenz. Ja, sie hatte stets den Durchblick, den Röntgenblick, sozusagen!

Der Zeuger der schönen Aorta, ein für einige Zeit am Opernhaus der Stadt engagierter Tenor, der vor allem in Wagner-Partien brillierte, hatte sich, weniger heldenhaft als die von ihm verkörperten Rollen, nach Beendigung seines mehrjährigen Engagements, wieder von Frau Argus losgesagt; vermutlich nicht zuletzt, weil er sich nicht dauernd in die Karten blicken lassen wollte (und zudem unter der Beobachtung seiner Frau litt). Er beschränkte sich, was Aortens Entwicklung betraf, fürderhin auf briefliche und telefonische Anfragen; etwa nach ihrem schulischen Werdegang und Fortkommen. Immerhin, seinen Unterhaltszahlungen kam er unaufgefordert und pünktlich nach. Der Mann war nun mal Deutscher.

Ja, der Mord, den ich an der argen Frau Argus beging, er war in der Tat eine unentschuldbare und indiskutable Aktion. Aber damals, als junger, verliebter Gockel, hatte ich eben noch keine rechte Distanz zu den Dingen. Mir fehlten da noch Maß und Ziel; und ich vermochte mich, mit negativen Gegebenheiten – und Frau Argus war eindeutig eine solche! – noch nicht abzufinden und zu arrangieren. Also reagierte ich, wie es dann eben passierte. Außerdem: Ohne mich besser machen zu wollen, als ich bin, alles geschah schließlich – auch, ich betone auch – zum (vermeintlichen) Wohl meiner Angebeteten. Denn das blonde Mädchen litt ohne Zweifel. Erst in die Kerkerstrukturen des Internats gezwängt, das einer streng und antiquiert, ja: völlig rückwärtsgewandten Klosterschule angeschlossen war, deren erzkonservative Ausrichtung die Auswüchse der später bald schon folgenden (quasi dritten) Inquisition (wenn man die spanische des Spätmittelalters als erste zählen möchte und die anschließende Roms als zweite) vorwegnahm, erst also in ein pädagogisches Gefängnis ersten Ranges gesteckt, dürstete Aorta, nun durch die Matura gleichsam für reif erklärt, selbstredend nach Freiheit! Nach viel Freiheit! Nach aller Freiheit, die es nur geben konnte!

Mit der Freiheit war es leider auch im universitären Bereich längst nicht mehr so hoch her, wie es einmal geheißen hatte. Und so schmachteten wir irgendwie alle nach einer seit Jahren schon nur mehr nostalgisch und wehmütig besungenen Liberalität. Wir, also die herrliche Aorta und ich, wir studierten Sprachen und Philosophie. Doch erwies sich das Studium bald schon ebenfalls als ziemlich schlauchende, weil weitestgehend fremdbestimmte und strikt von oben gelenkte Angelegenheit. Außerdem entpuppten sich die gewählten Fächer als längst nicht annähernd so interessant, wie wir uns das erhofft hatten in unserer diesbezüglichen Unschuld und Naivität.

Übrigens: Auch mit den studentischen Freiheiten, die immer noch gerne und bierselig besungen wurden, war es seit langem schon nicht mehr so weit her, wie wir uns das erträumt hatten. Im Gegenteil: Ein stupid einschränkendes Lehr- und Lernsystem harrte da in den überfüllten und ungemütlichen Hörsälen unser; mit aller nur denkbaren Ineffizienz und Borniertheit.

Dennoch: Wir dürsteten eben alle nach Freiheit! Zumindest nach so viel davon, wie sie unsere Eltern angeblich aus dem ominösen Jahr 1968 lukrieren hatten können. Auch wenn es damit, wie sich bald zeigen sollte, gar nicht so weit her war; besonders auf dem Gebiet der ach so freien Sexualität hatte sich damals schon und schnell vieles als leere Ankündigung, inhaltsflaue Parole und matte Errungenschaft ohne Nachhaltigkeit herausgestellt … (Wie ich von meiner diesbezüglich recht auskunftsfreudigen Mutter – mein Vater war leider zu früh gestorben – immerhin des öfteren in anregenden Gesprächen und so aus erster Hand erfahren musste.)

Ja, ich wollte der schönen Aorta heraushelfen aus ihrem peinlichen neuen Kerker, den die junge Frau, nun ganz in der Obhut der ständig qualmenden gestrengen Mutterhenne, tagtäglich zu erleben hatte. Nicht ohne Eigennutz, klar!, das gebe ich unumwunden zu. Aber immerhin, ich wollte etwas beitragen zu einem Mehr an Freiheit für meine Angebetete! Zumal mir das holde Töchterlein der penetranten Frau Argus, die ach so herrliche Aorta, mit ihren wunderschönen Augen wunderschöne Augen machte und mir solcherart den Gedanken förmlich suggerierte, ihr die hinderliche Gluckenmutter oder Mutterglucke vom Hals und vom Bett zu schaffen. Ein für alle Mal. Denn diese fürchterlich misstrauische und grässliche Kerkermeisterin ihrer hübschen Brut, dieses Scheusal pflegte, ihre überaus schöne Tochter, ganz so wie der klassische Zerberus aus der Antike, strengstens und mit aller ihr nur möglichen Konsequenz zu bewachen und gefangen zu halten. Der gemeinsame häusliche Festnetzanschluss, Aortens Mobiltelefon und Notizbuch, sogar ihre private Korrespondenz und bald auch schon ihr Mailing – alles wurde kontrolliert! Ja, Frau Argus war auf ihre Weise effektiver als alle Geheimdienste der Welt zusammen; die schon bestehenden wie die alsbald, nach der Machtübernahme durch die Inquisition, einzurichtenden. Frau Argus übertraf an Gründlichkeit vermutlich sogar noch die Aktivitäten der US-amerikanischen NSA, der berüchtigten National Security Agency.

Diese von Neugier (und dem ständigen Zwang, rauchen zu müssen) schier zerfressene Frau Argus, die, so vermute ich, selbst gar nicht wusste, was sie da und warum sie es tat, diese furchtbare Megäre also erwies sich zu allem Überfluss irgendwelchen Schmeicheleien – noch so gefinkelten oder gar geistreichen, aber auch primitiven – gegenüber als immun. Und so schien es unmöglich, das allzu strenge Band wenigstens ein bisschen zu lockern, das sie um die zarten Fesseln Aortens gelegt hatte wie ein rauer Henkersknecht seine Fußeisen. Was sich dieser unbestechliche Wachposten in Muttergestalt auch immer bei ihrem restriktiven, gegen alle Menschenrechte verstoßenden, bei diesem unwürdigen Tun und überhaupt, nämlich Aortens Zukunft betreffend, gedacht haben mochte, ist mir bis heute schleierhaft. (Wollte sie die wunderhübsche Tochter konservieren, vielleicht gar für den vielzitierten Märchenprinzen)? Oder für sich allein behalten?

Womöglich wusste sie einfach nicht, was sie wollte?! – Egal.

Zwar ohne ihn zu verbalisieren, doch immerhin, sozusagen, unübersehbar deutete mir, dem schüchternen Verehrer und darbenden Amanten, das herrliche Mädchen daher den Wunsch an, ich solle doch bitte (und: ehest möglich!) die quälende Alte beseitigen. Ja, wie eine einzulösende Bedingung für innigst verheißene schwül-erotische Köstlichkeiten danach wirkte dieses unausgesprochene, lediglich tief drinnen in den wunderschönen Augen Aortens liegende, sich in ihrer Iris (oder in ihren Pupillen, wie auch immer) spiegelnde Sehnen nach Befreiung von der lästigen Mutterhenne. Dann im Gegenzug, sozusagen, würde sie sich revanchieren; dann endlich würde sie sich von mir erhören lassen, von mir, diesem liebestollen Trottel … (So dachte ich, der vor Verlangen blinde Irre, der liebestolle Trottel.)

Klar doch, später ging es mir schlagartig auf: Aorta war bei alle dem an mir und an meiner Person kaum etwas gelegen gewesen. In ihrem Wünschen und Sehnen drehte es sich einzig und allein um Freiheit; um Freiheit für sich! Die schöne Aorta war nämlich – durch das teuflische System, das sie so restriktiv von jeglicher Liberalität ferngehalten und abgeschottet hatte, oder qua genetische Anlage? Wer weiß – zur Egomanin ersten Ranges herangereift. Ja, für Aorta, diese Egoistin der speziellen Art und Ausprägung zählte lediglich – Aorta!

Und warum ausgerechnet ich? Was prädestinierte just mich, den eher zurückhaltenden, stillen und in Anbetung des Objekts meiner Verehrung befangenen Burschen, der ich mich sogar selbst mehr als den stets zagenden Cunctator als einen wilden, tollkühnen Torero sah, was prädestinierte also ausgerechnet mich Schlumpf zum Katalysator von Aortens Freiheitsdrang?

Nun, von allen ihren vielen, größtenteils total dumpfen und geistesarmen Verehrern war ich vermutlich der einzige, der eine Pistole sein Eigen nennen durfte – ein Erbstück von meinem armen Vater her, das von mir in der Wohnung meiner Mutter (wo noch ein paar Sachen von mir lagerten) versteckt worden war. Und von dieser Waffe hatte ich Aorta, blöderweise und prahlerisch wie ein junger Dummkopf eben, erzählt. Und von meinen Schießkünsten (mit denen es, weiß Gott, längst nicht so weit her war; ganz im Gegenteil) natürlich auch. Damit hatte ich gleichzeitig wohl auch schon mein Todesurteil – und nicht nur das über die Nikotin-abhängige Frau Argus – gesprochen …

Also beseitigte ich bei gutem Wind Frau Argus – übrigens ohne Zuhilfenahme des Revolvers. Und da ich das im Grund genommen recht einfache Vorhaben in der ohnedies längst schon baufälligen Garage, wo die misstrauische alte Schachtel ihren museumsreifen VW-Käfer (erzeugt im mexikanischen Puebla, Entwicklungsstand: sinnigerweise anno 1968 …) unterzustellen pflegte, und unter Zuhilfenahme von Benzin und Brandbeschleuniger in die Wege leitete, gab es sogar noch ein kleines Feuerwerk zum Lebensende der Frau Argus.

Fortsetzung folgt!

 

Eine Nacht mit Aorta.

Eine Nacht? Nein, es waren zum Glück mehrere Nächte, die ich mit Aorta verbringen durfte. Ein ganzer Strauß von Sex-trunkenen und ekstatischen Leibesineinanderfügungen … Großes Gefühlskino und stille Momente der Erschlaffung, die auf das erregte, pulsierende Miteinander geiler Sinnenwaltung unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Körpersäfte folgten. Das Spiel zweier junger Organismen, die sich da von Orgasmus zu Orgasmus steigerten; sinnlich wie auch sinnentleert, vorwärtsweisend schon in ein schier tragisches Erwachsenwerden bis hin zum Tod und zurückfallend in eine Art kindlichen Spiels mit allem, was man dazu nun einmal an zwei Individuen suchen und finden kann; mit allem, was sich da als Höhle verbirgt und erforschen lässt, was absteht, was sich vergrößert oder verkleinert, was sich verändert, was anschwillt und sich verhärtet oder was zuletzt in seliger Müdigkeit erschlafft …

Es waren Nächte (Abende und Vor- wie Nachmittage), die nur uns gehörten; Nächte, von denen Aortens bösartige Mutter, die wachsame Frau Argus, unter keinen Umständen etwas mitgekommen hätte dürfen – vorausgesetzt, sie wäre noch am Leben gewesen … Die alte Glucke war jedoch hinüber. Hinüber mitsamt Handtäschchen, Zigarettenetui und VW-Käfer aus Mexiko …

So waren wir also vor ihr sicher, vor dieser alten Schreckschraube, die nunmehr – wenn überhaupt dann – als Asche oder Rußpartikel ätherisch und weitgehend universell im Umlauf war.

So sicher wir vor Frau Argus (oder ihrem Geist, wenn sie denn jetzt, nach ihrem Hinscheiden, endlich einen solchen entwickeln sollte) waren, so sicher war – so schien es mir zumindest – unser Liebesglück. Einerseits war die wunderschöne blonde Aorta in der Tat ein großartig gebautes Frauenzimmer, zum anderen verfügte ich über alle Kraft meiner jugendlichen Lenden. Ach, es war ein dauerndes Großereignis, eine Fete aus sexueller Lust, Liebe (oder dem, was wir dafür gehalten haben mochten) und Tollerei! Ständig Party zu zweit! Es war ein Gevögel und Gebumse und Geficke, das insofern außerhalb jeglichen Rahmens vor sich ging, als wir ohnedies keine Schranken zuließen, keine Obrigkeit anerkannten und keine Grenzen akzeptierten!

Wir waren jung – und uns damit genug!

Und: Wir waren uns unser immer sicher, seit wir für immer vor Frau Argus sicher sein konnten.

Nicht sicher aber waren wir vor Emil. Dieser Emil spielte den stets hilfsbereiten, lustigen Kommilitonen. Trank mit uns Bier, schwärmte von seiner hübschen Verlobten, die er uns jedoch (und aus welchen Gründen auch immer) nie vorstellen konnte, und tätigte manche Unternehmung gemeinsam mit uns, mit Aorta und mir. Gemeinsam, wie gesagt. Zu dritt.

Sei es, dass wir eine Vorstellung in irgend einem Kino besuchten, Tennis spielten, Karten oder Billard; oder dass wir in ein Konzert oder sogar in die Oper (Aorta war erstaunlicherweise [?!] schwerer Wagner-Fan!) gingen: Immer stand uns Emil treu zur Seite. Und mir im Weg herum.

Bis mir endlich ein Licht aufging. Doch da kamen die beiden auch schon bei mir angedackelt und gestanden in schweißnasser Zerknirschung, vor gar nicht allzu langer Zeit erst die große Liebe zu einander entdeckt zu haben! Ich möge nicht böse sein. Zudem fänden es die beiden schön, sich weiterhin mit mir, hin und wieder zumindest, treffen zu können.

Ich war konsterniert. Am Boden zerstört. Quasi tödlich getroffen. Hingestreckt. Blattschuss.

Ja, ich war zutiefst in meiner Ehre (haha!) und in meiner Männlichkeit verletzt. Voll. Ich hätte einen Dreifachmord begehen können; über die Reihenfolge war ich mir allerdings nicht ganz im Klaren; nur: Dass ich mich als Letzten umbringen würde, stand für mich immerhin fest …

Kurz: Meine Liebesfähigkeit und Empfindungsbereitschaft – ich wusste das! – würden ab nun und für immer dahin sein. Ein für alle Mal.

Ich betrank mich unsäglich, ausgiebig und mit übelstem Fusel. Ich kotzte und würgte – und kam mir vor wie das, was ich da würgte und kotzte. Kurz: Ich wusste nicht ein noch aus.

Ich dachte an den in einem Wäschekasten in der Wohnung meiner Mutter verwahrten Revolver. Aber ich schreckte, warum auch immer, davor zurück, ihn zu holen und entsprechend einzusetzen.

Ich wollte mich tatsächlich in Zukunft lieber sukzessive zu Tode saufen. Sukzessive. Zu Tode.

Bis mich, ich hatte noch zu keiner endgültigen Entscheidung über den Verlauf meines weiteren Lebens (oder Sterbens?) gefunden, eine Handvoll schnüffelnder Polizeibeamten schließlich doch noch verhaftete. Man hatte mich ausgeforscht, da man am Argus-Tatort einen angeblich: entscheidenden Hinweis gefunden hatte. Es handelte sich um ein an mich adressiertes Kuvert, darin ein weißer Zettel mit Aortens handschriftlichem Gruß: Mein Schatz! Ich liebe dich … Für immer … Deine A. Abgerundet, gleichsam, durch ein gezeichnetes Herz.

Selbstverständlich hatte ich solche oder ähnliche Liebesnachrichten nie von Aorta erhalten; sie war nämlich nicht der so ganz romantische Typ. Aber da sich die Schrift nun einmal eindeutig meiner ehemaligen Angebeteten zuordnen ließ und sich zudem die Fingerabdrücke Aortens auf dem nunmehr inkriminierenden Stück Papier befanden, kamen den erhebenden Beamten die Zusammenhänge durchaus evident vor. Immerhin gab es in der Garagenruine ja auch noch rudimentäre Faserspuren vom Gewand der Frau Argus, ein paar Zigarettenstummel der toten Kettenraucherin sowie einen halben Kugelschreiber der Marke Bic. Außerdem die Reste des weitgehend verkohlten mexikanischen Volkswagens. (An den längst schon klapprigen Vocho war Frau Argus übrigens durch einen Bekannten ihres Chefs, des renommierten Radiologen, in den späten 1990ern gekommen.)

Die Indizien sprachen gegen mich. Für meine sofortige Inhaftierung genügten sie allemal.

Ja, ich musste wohl oder übel der Mörder sein!

Außerdem gab meine ehemalige Geliebte, die herrliche Aorta, im Zuge der Zeugenbefragung an, dass es immer wieder Schwierigkeiten zwischen mir und ihrer Mutter, Frau Argus, gegeben habe. Und auch der Brief sei selbstverständlich von ihr, also von Aorta, geschrieben worden. Auch zum Inhalt stehe sie – im Nachhinein, auch wenn wir bekanntlich seit einiger Zeit schon getrennte Wege gingen. Das roch förmlich nach Emil, dachte ich. (Oder zumindest Aorta und Emil …)

Da hatte ich also einen – zugegeben: wenig beliebten – Menschen auf dem Gewissen, meine angebetete, wunderbare blonde und blauäugige Aorta (auch wenn sie, allem Anschein nach, ein ziemliches Luder war) an einen hinterhältigen Idioten verloren; und saß noch dazu im Kerker. Zu allem Überfluss: in einer Zelle mit dem halbirren, diabolischen Zwerg Ellmayer, zusammen mit dem gewalttätigen, dummen Raumkrüger, mit dem dicklichen, verschlagenen Klohn und dem ständig besoffenen Mediziner Dr. Amminger.

Ein bisschen viel für ein paar Mal bumsen. Nun ja.

Allerdings: Auch die wunderschöne blonde Aorta mit den herrlichen blauen Augen sollte es wenig später voll erwischen; mitsamt ihrem dummdreisten Galan und Bettgenossen Emil, diesem Arsch. Die berüchtigte und gefürchtete Geheimpolizei der Großinquisition fand nämlich anlässlich einer flächendeckend gelegten Razzia bei den beiden eine gewaltige Anzahl subversiver Flugblätter mit Regierungs-feindlichen Parolen, äußerst böse, kritische Pamphlete also, gerichtet gegen die heiligmäßige Inquisition und ihren aktuellen Chef.

Die beiden, Aorta und Emil, wurden ohne viel Federlesens standrechtlich hingerichtet.

(Ich hatte damals, nach dem dramatischen Ende der Beziehung zu Aorta, aus einer Laune heraus oder aus Bosheit, wer weiß?, bei verschiedenen Bekannten solche Flugblätter deponiert; vielleicht bloß, weil ich sehen wollte, was da so geschehen würde, wenn die Behörden davon Wind kriegten … Und – sie kriegten Wind! In der Folge kamen, heute kann ich sagen, dass ich mich dafür sogar schäme, einige meiner ehemaligen Freunde zum Handkuss. Die meisten wurden, wie die schöne Aorta und der blöde Emil, nach in der Tat kurzem Prozess füsiliert; so auch Irene und Felicitas. Und um die beiden jungen Frauen war es eigentlich schade. Nun denn …)

*

Sie verfolgen mich, die Erinnerungen an die schöne, wunderbare Aorta. Und da die Zeit im Allgemeinen das Vergangene zu vergolden pflegt und wir uns irgendwann einmal ausschließlich an die schönen Dinge erinnern (bis vermutlich auch das eines Tages vergehen wird …), während wir die unangenehmen ausblenden und vergessen (bis wir eines Tages alles vergessen …), treten Aortens Bösartigkeiten, alle die hässlichen Dinge, die sie mir angetan hat, tatsächlich langsam zurück in den Schatten. Auch ihre weitgehende Charakterlosigkeit, insbesondere ihre billigen Winkelzüge sowie die Ruchlosigkeit, mit der sie – gemeinsam mit diesem Idioten Emil – meine unerschütterliche Treue vergolten hat, und ihr beinahe unfassbarer Egoismus, sie verschwinden …

Dennoch verfolgen mich die Erinnerungen. Und zwischendurch holen sie mich auch ein. Dann sehe ich die Frau Argus, an ihrer letzten Zigarette nuckelnd (oder an der vorletzten?), aber wie immer: alles überblickend; später dann sehe ich sie als Tote, als langsam verbrennendes gräuliches Etwas, in den Wrackteilen des alten mexikanischen VW-Käfers 1300, Baujahr 1968 aus Puebla. So wie ich sie damals ja gar nie hätte sehen können, da ich die Sprengfalle immerhin so eingerichtet hatte, dass für mich und meine Person keine unmittelbare Gefahr bei der indiskutablen Aktion bestand.

Als ob ich mich wie ein Kameraobjektiv heranzoomte an sie, sehe ich sogar den überraschten Ausdruck im Gesicht der penetranten Schnüfflerin. Dann ihre Todesangst, da sie bemerkt hatte, dass es ihr an den Kragen gehen würde. Ihre vor Schreck aufgerissenen Augen.

Ich sehe all das, was ich real natürlich gar nicht hatte sehen können.

Und ich merke das Lächeln im schönen Gesicht Aortens. Ihre Befriedigung über die jetzt möglich werdende Freiheit. Ihre Freiheit. (Die nur zu ganz geringem Teil etwas mit mir zu haben würde.)

Und ich sehe Emil, den idiotischen Nebenbuhler, diesen verfluchten Grottenolm, wie er sich schäbig grinsend die Hände reibt und über mich, den dummen Erfüller letztlich auch seiner geilen Wünsche, in schier höllisches Lachen ausbricht.

Es ist ein grässliches hohles Lachen – wie aus unwirklichen, anderen Sphären. Von einem Ort, nicht in unserem denkbaren Umfeld.

Und ich erinnere mich erneut der unbeschreiblichen Genüsse, erlebt mit der wunderschönen Aorta, dieser Schlampe.

Und ich merke, wie ich mich dabei selber auflöse: Ja, ich krieche als suppiger Nebel durch die Spalten alter, rissiger Türen und durch die im Lauf der Zeit (wegen der ständigen Temperaturschwankungen) längst total verzogenen Fensterrahmen …

Dann hause ich endlich in vermoderten Stofffalten und zwischen vergammelten schweren Decken, die auf kleinere und größere Papierhäufen und Pyramiden von alten Schachteln und Paketen geworfen worden sind …

Und alles das auf düsteren Dachböden, die, wegen der unzureichenden Beleuchtung durch flackernde Kerzen, wie nach Verwesung riechende marmorne Grüfte aussehen …

Ich fahre hoch aus meinen Albträumen. Und sehe – die reale Kerkerzelle.

Die tote rauchende Frau Argus hat sich zurückverwandelt und vervierfacht: in den feist-dummen, gewalttätigen Raumkrüger, in den diabolischen Zwerg Ellmayer, in Klohn, den mickrigen, Ballon-förmigen Krakeeler, und in den dauernd besoffenen Mediziner Amminger.

Es ist alles in Ordnung.

Fortsetzung folgt!

 

Der magenkranke Großinquisitor.

Großinquisitoren gelten, allein schon, weil sie relativ weit oben in der kirchlichen Hierarchie stehen, von Haus aus nicht unbedingt als sympathische, leutselige und so besonders umgängliche Leute. Friedrich Schiller hat schon gewusst, warum er das Grauen just der Inquisition in seiner „Geschichte des Abfalls der Niederlande von der Spanischen Regierung“ (erschienen 1788) so intensiv geschildert hat. Nicht nur ihre Willkür ist es, die er anprangert; als noch ärger empfindet er, „dass sie den ganzen Gesellschaftskörper vergiftet“: Indem sie Zweitracht und Spitzeltum fördert.(Siehe dazu: Friedrich Schillers sämmtliche Werke, 26 Bände. Wien 1816 f.; Rüdiger Safranski, Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Frankfurt am Main 2016.)

Nein, sie sind kaum als handzahm zu bezeichnen, die Inquisitoren, diese sogenannten Würdenträger, die – was weiß ich – gesalbten, geölten, gepuderten Oberhoheiten in ihren bizarren Talaren. Diese Popanze in ihren skurrilen, bloß eine im Grunde genommen lachhaft-vorgetäuschte Würde ausstrahlenden Priesterroben; diese in den teuer aussehenden, womöglich völlig unnötig mit Zobelpelz verbrämten steifen Gewändern, noch dazu meist gleichsam in einem Phantasie-Raum der Ikonographie lustwandelnden und sich in einer insgesamt in merkwürdiger Nähe am Parodistischen liegenden, gleich einfallslosen wie an Rüschen reichen Prachtentfaltung suhlenden Käuze; in ihren pseudo-barocken komischen Kinkerlitz-Kostümen, beringt und umkreuzt sowie geschult im Umgang mit wertvollen Paramenten und ähnlichem klerikalem Zierrat. Sie haben etwas von der gepflegten Langeweile längst überholter Straßenkreuzer an sich: Fahrbereit, doch zu wertvoll für den täglichen Verkehr. Zur Arroganz neigend, selbst wenn sie die Protzringe zum Kuss durch das Volk hinstrecken – mit innerem Widerwillen und womöglich gar mit Abscheu. Abscheulich sind sie allein schon, finden sie sich bloß auf einer Reproduktion des meisterlichen Ölgemäldes von Domenikos Theotokopopoulos wieder, der sich El Greco nannte und um 1600 den gefürchteten Generalinquisitor und Erzbischof von Sevilla, den düsteren, bebrillten und in Höllenrot gewandeten Fernando Niño de Guevara (1541 – 1609) im Format von170 x 108 Zentimetern in Öl verewigte.

Nein, sie als handzahm zu bezeichnen, entspräche keinesfalls der Wahrheit – so weit man dieselbe auch immer auslegen wollte; oder gar verbiegen.

Ihr Ruf ist, ganz allgemein und salopp gesagt, auch kein guter. Zurecht. Und auch, was ihr Tun anlangt, können wir (wenn wir diesbezüglich überhaupt genauer unterrichtet sind) kaum viel Ergötzliches oder Erbauendes finden.

Eher scheinen sie uns verbissen, verbiestert und von Fanatismus geprägt; heißt es doch, sie, die Vertreter dieser – erfreulicherweise – raren Profession also, verfolgten im Allgemeinen ihre (angeblich: hohen und hehren) Ziele mit einer Konsequenz und Verbissenheit, die keinerlei Abweichung oder gar Lockerheit duldenden dürfe. Weitab von jeglicher Caritas und Huld. Nachgerade gnaden- wie humorlos und seelisch tiefgekühlt.

Ja: Sie gingen dabei ohne weiters über Leichen, die sie selbst verschuldeten.

Einerseits wirklichkeitsfremd (wenn auch in aller Regel die politischen Chancen durchaus richtig einschätzend), anderseits taff im Umgang selbst mit den modernsten propagandistischen Mitteln und überhaupt firm, was die optimal einzusetzenden Medien betrifft, ganz auf dem Stand der Zeit also: So verstanden und verstehen diese fürchterlichen Kirchenmänner, die aktuellen Schwächen der insgesamt maroden staatlichen Strukturen auszunützen; und so bereiteten sie einmal schon den Boden vor für die sukzessive Übernahme der ganzen Macht.

Obschon um nichts weniger ausschließlich extraktiven Wirtschaftsformen frönend als ihre weltlichen Vorgänger in den betreffenden Führungspositionen in den Staaten und Nationen und an den entsprechenden Hebeln der Macht, ebenso ängstlich, was allein schon eine potenzielle schöpferische Zerstörung, diese Voraussetzung aller Innovation, betrifft, wenn sie sich denn überhaupt zaghaft zeigen würde, so scheren sie sich kein bisschen um Umwelt, Klima und Ressourcen (einschließlich des sogenannten Menschenmaterials). Sie sind Kapitalisten, die sich den Anschein einer Art Gesalbtheit geben, weil sie sich als Vertreter einer höheren Idee gerieren. Doch in Wahrheit Diener des Götzen Kapital. (Zum erwähnten extraktiven Wirtschaften siehe: Daron Acemoglu/James A. Robinson, „Warum Nationen scheitern“, Frankfurt am Main ²2014.)

Dazu kommen ihre durch Jahrhunderte geübte Konsequenz, etwa der optimale Umgang mit dem Faktor Zeit, ihre Rhetorik und ihre ausgeklügelte Dialektik. Außerdem – die immer noch und immer wieder aufs Neue funktionierende Vernetzung zwischen den in ihrer zwar abgezirkelten, doch unbenommenen Bedeutung nicht zu unterschätzenden Sympathisanten und Befehlsempfängern in allen Schichten und Altersklassen der Bevölkerung. Bald schon kann so jede Gegenmeinung, nicht selten: gemeinsam mit denen, die sie auch bloß zu äußern wagen, im Keim erstickt werden.

Doch – das Jetzt? Auch aktuell vermochten die Großinquisitoren hierorts bequem an die historischen Gegebenheiten anzuknüpfen: Befördert durch die Schwäche der grosso modo wenig glücklich agierenden sogenannten linken Parteien und im Wissen, sich auf die sogenannten konservativen Kräfte und ihre nationalen Ausläufer, den vielzitierten rechten Rand also, immer noch zu hundert Prozent verlassen zu können, ging bei uns sogar der Übergang der letzten Machtmerkmale (etwa in Exekutive, Militär und Legislative) an die Großinquisition beinahe geräuschlos und außenpolitisch quasi sauber und problemlos über die politische Bühne.

Und das Volk? Das schien die Veränderung beinahe gar nicht zu bemerken; so eingelullt in die bereits längst vorherrschende allgemeine Verdummung war es schon. Durch übelsten Fernsehschrott in Dauerberieselung, durch fragwürdige Internetbelustigungen, durch zwar (erstaunlicherweise) durchaus militant ausgerichtete, in Summe indes bloß der Unterhaltung dienende Computerspiele et cetera; durch Gewohnheiten letztlich, die durch die Jahre schon zu einer Art von Alltagsritus und somit zur unbewusst geübten Tradition geworden waren. Zudem fielen die angeblich unabhängigen Zeitungen und Magazine um, ein Blatt nach dem anderen, ging es darum, objektiv über die Riesenschweinerei zu berichten, die sich da abspielte. Und die paar Mahner, die dennoch dagegen auftraten und den Leuten ins Gewissen zu reden versuchten? Sie wurden in gewohnter Weise erst observiert, dann abserviert; erst desavouiert, dann eingesperrt und schließlich liquidiert …

O ja! Sie beherrschten ihr Metier, die Großinquisitoren und ihr Gefolge! Sie mussten sich zudem nur in das von ihren schwachen Vorgängern, den politischen Lahmärschen, die in den vergangenen Jahrzehnten geherrscht hatten, bereitete luxuriöse Bett legen. Und fertig.

Die Großinquisitoren, diese Ratten! Sie waren die nichtsnutzigen Nutznießer ihrer Religionen

Indes sind diese Religionen noch gar nicht das Hauptübel; und da können die in Koran, Talmud, Bibel oder im Kursbuch der ÖBB verzeichneten und überlieferten Geschehnisse so haarsträubend, abstrus, skurril oder bizarr sein, wie man sie sich nur, ausgestattet mit jeglicher Phantasie der Welt, kühn erträumen wollte! Nein, noch viel schlimmer als die Religionen per se sind die Traditionen und Rituale! Und besonders arg ist es, dass diese nicht selten mit jenen verwechselt werden; dass ergo Tradition und Ritual für das herhalten und genommen werden, was die Anhänger und Gläubigen in den absoluten Religionen womöglich gar nicht (mehr) finden würden, wenn sie suchten. Weil es vielleicht gar nicht vorkommt, obwohl sie es darin vermuten. In ihrer schier grenzenlosen Gutgläubigkeit, ihrer enormen Dummheit oder in ihrer – in der Tat elenden, durch die Zeiten sukzessive imprägnierten – Riesenangst! Eigentlich arme Viecher …

So komplex ist das letzten Endes alles.

Nur: Den diversen politischen Anführern – meist sind das brutale, indes überaus konsequente Verfolger ihrer eigenen Interessen (ob die nun überhaupt etwas mit Spiritualität, Ritus und Gott zu tun haben oder nicht, ist dabei unerheblich) -, diesen wüsten Leitfiguren in abstruse Bezirke hinein also, ihnen kommt eben die unselige Verquickung von Religion, Ritus und Brauch, Glaube und Tradition, Dogma, Doktrin und Devotionalienmarkt naturgemäß in optimaler Art und Weise zupass. Ja, damit sind dieser unseligen Exekutive des Weltgeschehens die Schlüssel zu unser aller Verderben ohnehin schon in die gierigen Klauen gedrückt!

Übrigens geht es diesen Führern diverser Schreckensregimenter ganz allgemein ja nicht um die geistige Bildung und um die Vervollkommnung des Glaubens; auch nicht um das – an sich so wichtige – soziale Fortkommen ihrer Anhängerschaft, sondern viel mehr um das Erreichen ihrer höchst-egoistischen Ziele (beziehungsweise der Ziele ihrer engeren Gruppe und ihres Klüngels). Ergo dreht es sich um Macht, um Einfluss, um Bedeutung und um Ruhm! Diese fiesen Widerlinge weisen in ihrem Vorgehen und in ihrem Auftreten erstaunlich ähnliche Züge auf wie manche bekannte Wallstreet-Giganten; vielleicht, weil die Beweggründe so ähnlich sind?!

Sollten diese schurkischen An-Führer jedoch tatsächlich von – sozusagen: ehrlichen – religiösen oder ideologischen Überzeugungen geleitet werden und geprägt sein, so wäre das nicht minder schlimm: Denn dann müsste man sie für herzlose Fundamentalisten oder für verrückt halten; und auch das würfe kein allzu gutes Licht auf die von ihnen angeblich vertretenen Glaubensansichten …

Mein Gott, was wird da nicht alles an üblen Dingen verbrochen im Namen Allahs, Jehovas oder Vitzliputzlis! Kein Unrecht und kein Verbrechen gegen die Menschenwürde wird da ausgelassen. Weil es angeblich in ein religiöses Schema passt. Oder weil es Brauch ist (oder Vätersitte) von Alters her. Was wird da nicht gemordet, geschändet, geköpft, abgehackt, ausgepeitscht, geschoren, geteert, verheiratet und sonst wie verheert! Und, mein Gott, alles das in Gottes Namen!

Gehenkt, erschossen, gepfählt, gevierteilt, ans Rad geflochten, gezüchtigt, verbrannt, vergast, vergiftet, verstümmelt … Dem lieben Gott zum Gefallen! (Nebenbei zeugt das eigentlich auch von der üblen Meinung, die man von ihm [und seinem Geschmack] hat!)

Kaum zu glauben, aber wahr: Die jeweiligen Religionsgeschichten, die amüsanten Anekdoten und gleich heiligen wie obskuren Episoden, sie mögen noch so verworren, weitestgehend an den Haaren herbeigezogen, hanebüchen und unglaubwürdig oder mindestens höchst irritierend sein – das ist noch längst nichts gegen die Traditionen, die das alles nicht nur noch zusätzlich gehörig verbrämen und entsprechend verbreitern; nein, Sitten, Gebräuche und Rituale verfälschen den eigentlichen Glaubensinhalt (wie gesagt: unabhängig davon, wie skurril der auch so schon sein mag!) zusätzlich, bauschen den ursprünglichen (vielleicht irgendwie noch verständlichen oder nachvollziehbaren) Gegenstand ungehörig auf und verwandeln das ganze Glaubens-Ragout zuletzt in eine ungenießbare, ekelhafte Seelenspeise. Dazu kommen dann noch besondere Gewürze – etwa Ehrenmord, Zwangsverheiratung, Blutrache sowie Fehde – und eine Handvoll Ingredienzien rassistischer oder kultureller Arroganz. Und fertig ist das ungenießbare Gericht.

Und dann, nicht zu vergessen, die Rituale, die unter Einsatz von Weihrauch, diversen olfaktorischen Reizen, optischem Blendwerk und akustischer Illusion noch mannigfaltige Stimmungen zusätzlich auslösen und gleichsam Scheinwelten und Glückszustände vorgaukeln. Alles zusammen nicht selten üble Tricks, die es einem ermöglichen sollen, sich dem desaströsen Dasein, wie es draußen, in der Welt, herrscht, zumindest vorübergehend zu entziehen; die einem dabei helfen, high zu werden und weitestgehend unfähig zu irgendeiner Gegenwehr; die einen um den letzten Rest von Verstand bringen und so in den Zustand völliger geistiger Auflösung und Willfährigkeit versetzen.

Kurz: Machenschaften, die Gefühle, Haltungen und Geisteszustände evozieren oder verstärken, die dazu allein schon angetan wären, durch Ausschaltung jeglicher Verstandes- wie Willenskraft verletzliche, ungeschützte und zum Widerstand unfähige Wesen aus uns zu machen. Menschen, die wie automatisch den Schalter in sich selber umlegen können: von Frieden-stiftendem, quasi diplomatischem Verhalten zu aggressiver, kriegslüsterner Mordbereitschaft.

Sehr treffend beschreibt Heinrich Steinfest das Überschreiten der Grenze zwischen Ritual und Spiel (auch mit Waffen, wie etwa im ritterlichen Turnier des Mittelalters) einerseits und dem todernsten Waffengang des Krieges anderseits, für den es eines Konflikts bedürfe, den beide Seiten anerkennen: „Im Krieg ist alles möglich, jeder Raub, jede Verwüstung, jede Tötung Teil eines legalen Konzepts. Ohne Krieg wäre es Mord und ehrlos.“ Und weiter: „Der Krieg ist ja nicht bloß die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln, sondern die Verwandlung des Verbrechens in eine Heldentat.“ (Heinrich Steinfest/Robert de Rijn, „Der Nibelungen Untergang“, Stuttgart 2014.)

Nicht unerwähnt soll hier freilich auch der permanente Einsatz der Lüge und der verzerrten respektive der geschönten Wiedergabe der Tatsachen bleiben, den besonders Diktatoren mit Vorliebe pflegten und pflegen. Denken wir doch als prominentes Beispiel an Adolf Hitlers absolutes Bubenstück, an die unwahre Behauptung nämlich, polnische Truppen hätten die deutschen angegriffen; und seine im Kausal-Bereich völlig erlogene Begründung der militärischen Reaktion vom 1. September 1939: „Seit 4.45 Uhr wird zurückgeschossen!“ Die Verantwortung für den Krieg liege daher allein in Warschau. (Zitiert nach Manfred Oberesch: „Das Dritte Reich. 1933 – 1939. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur“. Augsburg 1991; Hitler im Originalton: „Meine Friedensliebe und meine endlose Langmut soll man nicht mit Schwäche oder gar Feigheit verwechseln.“ Will sagen: Seid froh, ich wir erst jetzt zu morden beginnen …!)

Dann sind da freilich auch noch die meist unseligen Traditionen.

Denn eben die Traditionen übernehmen nur zu gerne (und quasi: der Einfachheit halber und als besonderes Entgegenkommen den heiligen Institutionen gegenüber!) die Funktionen der betreffenden Religionen selbst mit. Als gut bezahlten und überdies das Image fördernden Nebenjob … So wird etwa in islamistischen Staaten ohne viel Federlesens die – zugegeben: eher unklar und schwammig formulierte – Scharia, also das islamische Recht, herangezogen, um in Bausch und Bogen zu urteilen; auch in durchaus diesseitigen Belangen. (Und das sogar in nicht-islamischen Staaten.) So wird treu-katholisch (und längst nicht nur auf Sizilien) munter zur Blutfehde animiert. So wird im Namen aller möglichen Gottheiten allenthalben zum heiligen Krieg gerüstet; auch wenn es einen solchen naturgemäß gar nicht gibt und geben kann. Außerdem werden – und damit befinden wir uns wieder im Bereich des Islam – keck, auch hier den Koran nach Gut- (oder besser: Schlecht-)Dünken und völlig ungeachtet der historischen beziehungsweise global-ideologischen Gegebenheiten und Kontexte auslegend, Gottesstaaten oder Kalifate ausgerufen. Ob diese durchaus irdischen, zumindest sehr weltlichen Aktionen überhaupt mit religiösen Vorstellungen kompatibel seien, sollte man wohl besser erst gar nicht hinterfragen! (Jedenfalls rümpfen auch fanatische Glaubensvertreter kaum die Nase angesichts höchst irdisch-politischer Gebietsgewinne oder des Erwerbs von eindeutig diesseitigen Reichtümern. Nota bene, da die meisten Religionen, besonders während ihrer Aufbau-und Konsolidierungsphase nachweislich aggressiv im verbalen Ausdruck und in den [militärischen] Aktionen der Landnahme waren.)

Die Verunsicherung ist allenthalben groß. Nämlich auch die, wie sich dereinst kolonisierende Mächte später den vormaligen Untertanen gegenüber richtig verhalten sollten. Wie es auch offen bleibt, inwieweit im Falle der Immigration (und einer später möglichen Integration) der Transport eigener tradierter (Rechts-)Auffassungen – und mögen sich die im Ursprungsland auch durch Jahrhunderte bewährt haben – in ein Gastland, überhaupt zulässig sein kann.

Tatsächlich ist das Gastrecht, auch außerhalb etwaiger religiöser Regelungen, ein elementares, teures Gut der ganzen Menschheit, das sowohl die zuwandernden Gäste als auch die eben diese Gastfreundschaft anbietenden Gastgeber sorgsam hüten sollten! Die Fragen lauten: Wo wird die Intimsphäre des Immigranten gestört? Wo hört die Toleranz des Gastwirts auf? Wie lässt sich eine beide Seiten befriedigende Balance zwischen den oft widersprüchlichen Vorstellungen herstellen – zum Wohl aller daran Beteiligten und davon Betroffenen?

Nun, in Hinblick auf manche erwiesenen Widersinnigkeiten im Bereich von Tradition und Ritual könnte eigentlich alles (nehmen wir hier als Beispiel das christliche Kirchengefüge her) sehr wohl ohne Großinquisitoren bewerkstelligt werden, was man glaubt, unbedingt bewerkstelligen zu sollen. Doch allein in der abendländischen Geschichte, die nun einmal unleugbar eine weitestgehend vom Christentum geprägte ist, hinterließen die Repräsentanten dieser fragwürdigen Institution – man denke in diesem Zusammenhang nur an die Hexenverbrennungen, an diverse pompös arrangierte Schau-Prozesse gegen prominente Wissenschaftler und Gelehrte, die gegen die tradierten Vorstellungen angeschrieben hatten und aufgetreten waren, et cetera – unübersehbare Wunden. Und das: quer durch die Epochen und durch die ganze Historie!

Kein Wunder übrigens, dass sich die konservativen Kräfte im Vatikan nicht so recht wohl fühlen angesichts eines recht werbewirksam um Liberalisierungen bemühten Papstes Franziskus. Auch wenn es da um die vergleichsweise periphere Frage der Eucharistie-Spende an wiederverheiratete Katholikinnen und Katholiken geht. Wie werden die Aasgeier-gleich rund um den Stuhl Petri harrenden Kurien-Hardliner erst reagieren, wenn womöglich bald einmal etwa auch Fragen zur Empfängnisverhütung angesprochen werden? Wie aufgescheuchte Hühner … (Und: Lebte der forsche Italo-Argentinier Jorge Mario Bergoglio vielleicht in der Tat gefährlich? Ja, müssten wir uns um ihn ernstliche Sorgen machen, wenn nicht ohnedies alles – – -)

Noch etwas: Auch die Einrichtung sogenannter Gottesstaaten, Kalifate und islamischer Republiken – etwa des Iran nach dem Sturz von Schah Mohammed Resa Pahlewi (1979) – bedurfte neben religiösen Führern sehr wohl auch laizistischer Spitzenpolitiker; im Iran zum Beispiel war das, als Vollstrecker des Willens des Staatsoberhauptes und Revolutionsführers Ajatollah Sayed Ali Khamenei (des Nachfolgers von Ajatollah Ruhollah Mussawi Khomeini), bis 2013 der besonders verbal-aggressive Staats- und Regierungschef Mahmud Ahmadinedschad. Ein Fanatiker, der unter anderem Israels Verschwinden von der Karte der Welt forderte und sich mit dem (angeblich friedlichen) Atom-Programm des Iran zum Buhmann und Erzfeind der USA hinauf-profilierte.

Doch das stramme Marschieren im Gleichschritt, vollzogen von geistlicher und staatlicher Führung, funktioniert immer noch und immer wieder optimal. Ein besonders scheußliches Beispiel aus dem Irak, 2014: das ekelerregend inhumane Vorgehen der ultra-aggressiven, doch überaus effizient agierenden Terror-Milizen des selbsternannten Islamischen Staats (IS), der sich, klar doch!, ausgestattet wähnt mit dem alleinigen Vertretungsanspruch des wahren Glaubens und solcherart gestärkt, mit äußerster Brutalität besonders gegen Schiiten, aber auch gegen Christen und Jesiden vorgeht. Die IS-Terroristen massakrieren ihre zumeist wehrlosen Opfer, besonders die kurdisch-sprachige Minderheit der Jesiden, die einige Hunderttausend Vertreter zählt und einer neuzeitlichen monotheistischen Misch-Religion angehört. (Die Jesiden hängen einem synkretistischen Glauben an, der aus jüdischen, islamischen und christlichen Elementen besteht und zum Beispiel nur Gott, aber keinen Teufel kennt. Sie verehren die Lehre ihres Reformators Scheich Malek Taus Adī ibn Mūsāfir, aus dem 12. Jahrhundert] verfügen über keine Heilige Schrift und missionieren nicht.)

Um einerseits die rabiaten Islamisten des IS am zu erwartenden Genozit an den zu jeglichem Widerstand unfähigen Jesiden zu hindern und nachdem anderseits sogar gefangengenommene Staatsbürger der USA und Englands geköpft und diese Morde per Internet veröffentlicht worden waren, mussten die USA (wieder einmal) im irakischen Luftraum eingreifen und Angriffe fliegen.

Bei ihren Eingreifmaßnahmen waren die amerikanischen Piloten dann nicht wenig überrascht, nunmehr ihr eigenes, US-amerikanisches schweres Kriegsgerät, das zuvor an die irakische Armee geliefert worden war, vernichten zu sollen: Die Soldaten des ineffizienten Regimes in Bagdad (unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki, dem es bis dahin noch immer nicht gelungen war, die Streitparteien Schiiten und Sunniten zu versöhnen) hatten nämlich großteils vor der entfesselten IS-Soldateska das Weite gesucht, die das moderne Kriegsgerät sodann für ihre Zwecke einsetzte.

Kurdische Truppen übernahmen schließlich die Verteidigung der syrischen Grenzgebiete gegen die Türkei hin, besonders rund um die Stadt Kobane; und der türkische Präsident Erdoğan musste nach langem Hin und Her einlenken und einigen Hundert irakischen Kurden-Kämpfern den Zugang zu den mit dem Mut der Verzweiflung ausharrenden Verteidigern gegen die IS-Milizen erlauben …

Außerdem zogen gerade hier, in diesem längst schon politisch wie militärisch höchst brisanten Ambiente die Schatten einer durchwegs ungeschickten, inhumanen und grundsätzlich verfehlten Machtpolitik, wie sie die Vereinigten Staaten einige Jahre zuvor im Irak (erst in den Golfkriegen, dann im ziemlich bizarren Kampf gegen Diktator Saddam Hussein) betrieben hatten, wieder machtvoll auf. Doch kann man den USA leider – nicht erst seit Vietnam – grosso modo überhaupt nicht nachsagen, dass sie bei kriegerischen Konflikten irgendwo außerhalb ihres Territoriums eine besonders gute Figur machten. (Von der Figur, die der Amerikaner selbst in Amerika abgibt, sei hier lieber vornehm geschwiegen …)

Doch die Gier nach Macht und Einfluss erweist sich immer wieder als zu groß, als dass man den Möglichkeiten zu irgendwelchen militärischen Interventionen tatsächlich widerstehen könnte. Und an denen haben selbstredend auch die alles beherrschende internationale Waffenindustrie und ihre krakenartige Lobby sowie die global agierenden Börsen ihr Wohlgefallen! Kein Wunder, dass rund um den Erdball das Kriegsfeuer zumindest stetig glost, zum Teil indes sogar heftig lodert.

Es zeigen zudem andauernd diplomatische wie militärische Missgriffe und Fehleinschätzungen der Großmächte ihre für die betroffene (Zivil-)Bevölkerung, egal wo, so fatalen Folgen: Ob in Afghanistan, das in der Vergangenheit noch die Sowjet-Union, dann die Amerikaner in ihre jeweilige Einfluss-Spähre ziehen und sich solcherart unter den Nagel reißen hatten wollen; wobei oft genug allein schon die unklare Haltung der USA den radikal-islamistischen Taliban gegenüber den Anstoß zu neuen Konflikten gegeben haben mag; ob in Syrien; ob im Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern, die beide die längste Zeit schon den Großteil ihrer Energien in den Endlos-Streit um den Gaza-Streifen investieren (der vermutlich ohnedies von keiner der unversöhnlichen Konflikt-Parteien für sich entschieden werden wird können); oder ob in Teilen Afrikas: Überall stellt sich langsam aber sicher heraus, dass die gravierenden Fehler von früher die Großmächte heute immer wieder einholen. Die oben erwähnten Missgriffe und Fehleinschätzungen, vor denen damals schon eine Handvoll besonnener Politiker, auf verlorenem Posten agierend, gebetsmühlenartig gewarnt hatten, vermochten jedoch lediglich die Sünden der Vergangenheit, die Schuld der Kolonialherren von Gestern, mühsam und teilweise zu verdecken …

Aus alten Waffengängen entwickelten sich in vielen Fällen neue; und dass alle die Fehden immer noch (und auch in alle Zukunft) ausschließlich auf dem Rücken der weitgehend unschuldigen Zivilbevölkerung ausgetragen werden, gehört längst zu den Regeln dieses unwürdigen Spieles.

Ein nicht unbedeutender Aspekt scheint dabei die falsche Toleranz in Hinblick auf die mannigfaltigen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sein. Hier nämlich müsste die internationale Diplomatie (einschließlich UNO und EU) endlich tätig werden und endlich einmal neue Prioritäten setzen!

Zum Beispiel: Spät, aber doch den Mut auch zu unbequemen Maßnahmen aufbringen und mit ihrem obszönen Kalkül der Arschkriecherei gegenüber undemokratischen, tyrannischen und semi-diktatorischen Regierungen brechen; auch wenn angeblich so vitale Wirtschaftsinteressen im Zuge der unweigerlichen auf Sanktionen folgenden Gegenmaßnahmen leiden könnten.

Das (Schein-)Argument, nämlich dass die Wirtschaft, dass Handel und Industrie immer auch auf das Geschäft mit mehr oder minder dubiosen Leuten – seien es die bösen Diktatoren und Tyrannen selbst oder ihre nicht minder dunklen Mittelsmänner – angewiesen seien und mit ihnen merkantilistische Arrangements zu treffen hätten, ist hinlänglich bekannt; wie auch klar ist, dass zumindest beträchtliche Teile der Wirtschaft (egal welcher Nation und welchen Landes) durchaus von Gaunern, korrupten Kräften und echten Falotten gehandhabt werden. Doch sollte man in diesem Punkt graduelle Unterschiede nicht außer Acht lassen: Es läuft schließlich nicht auf dasselbe hinaus, ob man mit bekennenden Antidemokraten und bornierten Ignoranten der Menschenrechte aus China, Russland oder, neuerdings: aus Erdoğans Türkei zusammenarbeitet oder es bloß mit – zumindest vergleichsweise – kleinen Gaunern aus Österreich, der Schweiz oder Deutschland zu tun hat. Und dass die vielzitierten Menschenrechte irgendwo (etwa im EU-Raum) vollkommen korrekt eingehalten würden, gehört wohl auch ins Reich der schönen Märchen …

Also sollten Staaten, die sich selbst demokratisch nennen (und womöglich auch als solches empfindend), nicht länger Handlanger der ausschließlich an der Mehrung von Macht, Geldmitteln und Einfluss interessierten, durchwegs aalglatten und gefühlskalten Demagogen, Ver-Führer und Ausbeuter schlimmster Sorte sein.

Aber lassen wir die frommen Wünsche. Realität ist, dass oft genug eine eklige Balance herrscht zwischen Dummheit und böser Absicht, die dann politische Zustände hervorruft und bedingt (oder zumindest begünstigt und toleriert), die zwar grotesk für Außenstehende wirken, für die unglücklichen Betroffenen jedoch blutige Realität sind. Wie etwa im Konflikt der Großmacht Russlands mit dem ehemaligen Bruderstaat Ukraine: Da befahl die machthungrige russische Führung im Jahr 2014 per Annexion der Halbinsel Krim, immerhin gleich brutal wie effektiv verbrieftes Völkerrecht brechen. Und die UNO, die USA und die EU? Die sahen staunend zu.

Ebenfalls Realität ist, dass der ultra-konservative, endlich zum Staatspräsidenten aufgestiegene frühere Regierungschef der nominell – noch – laizistischen Republik Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, sein Land zusehends zum islamischen Religionsstaat umwandelt, indem er die Bevölkerung mit Hass-Parolen (gegen Ungläubige und diffus als innere Feinde der Demokratie [sic!] bezeichnete Kräfte) indoktriniert; und sich zu einer Art Über-Sultan aufzuschwingen anschickt. Das mag ganz naiven Außenstehenden zunächst bloß bizarr erschienen sein; doch der rasch niedergeschlagene Militärputsch gegen ihn von Sommer 2016 veranlasste den schon gefährlich von Attitüden der Allmacht und des Größenwahns Gezeichneten dann außerdem dazu, noch ganz andere Türen der Restriktion und der Willkür aufschließen. Und da graute dann langsam auch sogenannten Außenstehenden. (Übrigens: Wer ist eigentlich überhaupt noch Außenstehender in dieser global vernetzten Welt? Wer darf sich in Sicherheit wiegen, wenn ringsum schon die Lunten glühen?)

Erschwerend kommt dazu, dass sich namhafte Vertreter der Europäischen Union zu willfährigen Gehilfen des mit Allmachtsansprüchen Spielenden machten, indem sie Erdoğan entsprechend hofierten und ihm einen Beitrtitt zur EU in Aussicht stellten. (Über die Sinnhaftigkeit, einer Nation, die zu größtem Teil zu Asien gehört und folgerichtig über eine weitgehend außereuropäische Kultur [und die entsprechend orientalische Tradition] verfügt, den Beitritt in die Brüsseler Vereinigung schmackhaft zu machen, sei hier erst gar nicht gemutmaßt. Es mag genügen, darauf hinzuweisen, wie stark sich Recep Tayyip Erdoğan in den letzten Jahren vom Weg des Gründers der neuen, laizistischen Türkei, Mustafa Kemal Pascha Atatürk weg bewegte. Hatte Atatürk doch ab 1923 einen Nationalstaat nach westeuropäischem Muster geformt.)

Ist es, eingedenk dieser Entwicklungen, nicht verständlich, dass ein paar von den Einsichtigeren unter den Politikern und Diplomaten Europas vor weiterem diplomatischen Terrain-Verlust gegenüber der Türkei warnen? Und sich, vor allem, vehement gegen neuerliche Waffenlieferungen in die internationalen Brandherde aussprechen? Mit dem Argument, diese Waffen könnten später einmal (siehe Irak versus Islamischer Staat!) in die falschen Hände geraten? Nur: Es gibt schlicht und ergreifend keine anderen als falsche Hände, in die Waffen geraten können. (Und wenn sich die internationale Waffenlobby [samt dem untergriffigen, moralisch wie geistig grenzwertigen, unflätig polternden US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump] auf den Kopf stellt!)

Fazit: Ewig lebe die Idiotie des Menschen! Dass nämlich zum Exempel viele spätere Krisengebiete in Asien und Afrika vor einigen Jahren durch das Eingreifen der USA oder Russlands (beziehungsweise der Sowjetunion) erst zu geopolitischen Sprengfallen geworden sind, ist längst bekannt; die Einsicht hilft uns indes heute kaum weiter. Und dass nicht wenige der (auch von vielen westlichen Anhängern und Sympathisanten, weil es so besonders apart schien, so gerne mit-gebrüllten) Parolen des grundsätzlich leider total überschätzten chinesischen Oberkommunisten Mao Zedongs zum Großteil hanebüchen und unsinnig waren, erwies sich erst nach Jahrzehnten. Die Wunden, die der vermeintliche Wundertäter schlug, sind heute noch spürbar; und seine Nachfolger vermochten, das Hanebüchene und das Unsinnige Maos weiter zu etablieren und noch zu vertiefen.

Eigentlich sollte die Menschheit all denen mit äußerster Wachsamkeit, ja: mit Misstrauen begegnen, die zuvor schon hohe politische Ämter (aber auch militärische oder solche in der Wirtschaft) einzunehmen imstand gewesen waren und nun nach noch höheren oder gar nach den höchsten streben; allein schon, dass sie es auf den weitgehend Minenfeldern gleichenden Terrains bisher soweit gebracht haben, müsste, ihren Charakter, ihre Begabungen und ihre Anlagen betreffend, bei den anderen alle Alarmglocken läuten lassen!

Doch Vertrauen (und der Mensch dürstet anscheinend geradezu die ganze Weltgeschichte hindurch nach solchem!) hat leider immer auch etwas mit Schwäche und Idiotie zu tun.

Freilich: Über alle möglichen Theorien und Thesen lässt sich trefflich streiten. Mathematische Systeme können plötzlich als falsch bezeichnet werden, lange als alleingültig angesehene Lehrmeinungen dürfen schwanken und sogar untergehen. Kunsttheorien mögen (und sollen) ruhig gestürzt werden. Doch die Idiotie ist nur äußerst selten reversibel. (Und wenn, dann meist durch Zufall – oder durch eine noch größere …) Denn: Nur die politische Idiotie verfügt – auch wenn die Herrscherhäuser und die verschiedenen vorgeblichen Sinnstifter der Tyrannis, nämlich die inhumanen Diktatoren und die maßlosen Parteiführer, schließlich einmal abtreten (erwürgt oder mindestens abgesetzt werden), untergehen oder verschwinden –, nur die politische Idiotie verfügt über die besten Voraussetzungen, wenn es sein müsste, sogar ewig zu existieren. Existiert sie doch beinahe ausschließlich aus der trügerischen Hoffnung des Menschen nach Sicherheit heraus. (Als ob es die – mit dem Menschen oder ohne ihn – jemals geben könnte!)

Man folgt ihnen (mit Vorliebe: blind und begeistert) nach, den angeblich Großen: von Alexander bis Erdoğan, von Cleopatra bis Orban; nicht bemerkend, dass es in Wahrheit, zugegeben: nicht selten tatsächlich hochbegabte – Gestörte sind; charakterlich missgebildete, von ihrer Anlage zur Humanitas her überhaupt minderbemittelte geistige Randerscheinungen. Und nichts anderes.

Die blinde Gefolgschaft, die allein im 20. Jahrhundert Millionen Menschen an Dunkelmänner wie Hitler, Stalin, Mao et cetera band, die in Wahrheit geistig wie charakterlich meist völlig inferiore Popanze der Macht waren, sie beweist es eindrücklich. In der Nachfolge dieser quasi glänzenden Tyrannen-Vorbilder und unvergesslichen Super-Verbrecher versuchte (und versucht immer noch) eine erkleckliche Zahl kleinerer Mordbuben und Verbrecher – bis hin zu beinahe unerheblichen Mieslingen, läppischen Defraudanten und anderem billigen Gesocks -, ihr Süppchen zu kochen. Alles, versteht sich, auf der Sparflamme ihrer ethischen und moralischen Möglichkeiten.

Zudem führten die Arroganz im politischen Betsreben, ein unbeugsamer Fortschrittsglaube (gegen alles besseres Wissen) und die schier unendliche pekuniäre Habgier sowie die stets mit all dem verbundene Verführung durch das Faszinosum Macht – lange noch vor den diversen modernen Weltwirtschaftskrisen – zu weltweiten Miseren; zum Exempel, zur Kolonisation, dieser – noch dazu rassistisch entsprechend ausgestalteten – Woge der Unmenschlichkeit, die zu allem Überfluss in der Entdeckerlust des Menschen und überdies, weil die Eroberungen neuer Ländereien und Kontinente stets ad maiorem Dei gloriam exekutiert worden waren, ein taugliches, weil pseudo-religiöses Feigenblatt fand. Hier übten Staat und Kirche wieder einmal und erfolgreich den Parallelschwung.

Ja, auch wie oft und warum zum Exempel Polen geteilt wurde, ohne dass es die übrigen europäischen Nationen sonderlich gestört hätte; warum es die übrige Welt den Türken erlaubte, im Jahr 1915 dreist den Genozid an den Armeniern zu vollstrecken; wie Europa Adolf Hitler dabei weitgehend ungerührt zusah, wie er seine Macht auf- und ausbauen (und damit in der Folge Deutschlands Kriegsbestrebungen forcieren) konnte; wie es bis heute möglich sein kann, dass sich junge afrikanische Staaten in Bürgerkriegen ausbluten, mit denen brutale selbsternannte Eliten Land und Leute überziehen: Alles das fällt haarscharf in diese Kategorie der menschenverachtenden Machenschaften aus nationalistischen, wirtschaftlichen sowie global-strategischen Überlegungen. Überlegungen, die letztlich allesamt in ausschließlich egoistischen Kausalitäten gründen.

Daher sollten diesen neuen (nicht nur afrikanischen) Tyrannen, die etwa nach missglückten Bürgerkriegen, die zudem kaum nennenswerte Entscheidungen bringen, nicht etwa internationaler Prozess, Gefängnis oder Hinrichtung drohen, sondern besser die psychiatrische Behandlung. (Nicht zuletzt zum eigenen Nutzen. [Wenn ein solcher überhaupt zu erwarten sein kann.])

Nur, die Kausalität kümmert später und unabhängig vom Ausgang der blutigen Ereignisse niemanden mehr. Wenn es überhaupt so spezielle, differenzierte Überlegungen waren, die zu den scheußlichen Verbrechen an Leib und Leben anderer geführt hatten und nicht alles, was die kriminellen Kräfte unternommen haben, ohnedies bloß aus blinder Machtgier heraus geschehen ist. (Hatte es eben wieder einmal den Charakter-Müll an die Staatsspitze gespült …)

Die blutige Spur zieht sich von Sparta, Athen und dem legendären Troja über Rom und Konstantinopel, von Peru bis zur Krim, vom Neandertal bis ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten; und nicht nur das Blut ist es, das durchwegs vergeblich vergossen wurde (und wird), sondern die Hoffnungen der Menschheit selbst sind es, die, seit es den Menschen gibt, durch ihn selbst gefährdet werden.

Nicht nur, weil der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, wie man sagt. Sondern – obwohl! Denn als Wolf hätte er zumindest nichts vordergründig Menschliches aufzuweisen; ergo auch kein Versprechen abzugeben, dessen Einhaltung ihn im Gegenzug und immer aufs Neu zu irgendetwas Gewalttätigem legitimierte. Es bestünde für ihn keinerlei Notwendigkeit, dieses einmal gegebene Versprechen einzuhalten und die in ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Als Wolf müsste der solcherart moralisch reduzierte Mensch auch keine wackeligen Prophezeiungen konstruieren, sich keinen Messias (plus bizarrer Glaubensgeschichte und skurriler Entourage) ausdenken und kein üppiges Jenseits auf das Prächtigste zurechtmalen. Er wäre einfach Wolf, weder gut noch böse.

Noch etwas: Ließe die Menschheit endlich das verhängnisvolle Knüpfen der diversen Gordischen Knoten erst gar nicht zu, könnte sie sich nachher auch die halbseidenen Schwert-gewaltigen Retter à la Alexander ersparen, die einmal geknüpften Fäden wieder auseinanderzudividieren … So freilich gleicht der Mensch seiner eigenen, sich selbst bestätigenden Prophezeiung.

Und das wirkt trübe, äußerst trübe sogar.

Aber: Egal, ob wir die längst in Staub versunkenen Reiche besagten Alexanders des Großen oder Hammurapis, das letztlich untergegangene antike Rom, das gewesene, zuvor längst schon kontinuierlich dahinsiechende russische Zarenreich, Karthagos Größe, die angeblich so goldenen Hochkulturen der Mayas und Azteken, die sukzessive abgehalfterte Weltmacht Großbritannien oder die an der eigenen Morschheit zerfallene Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hernehmen: Zwar ließen sich Macht, Einfluss und Reichtum immer wieder und durch alle Zeitalter, Ären und Epochen zunächst (und gegen alle Widerstände von ringsumher) kontinuierlich aufbauen oder sonst wie – meist ohnedies räuberisch – erwerben; der Erhalt dieser eifersüchtig gehüteten Errungenschaften gestaltete sich dann jedoch meist schon wesentlich schwieriger.

So gingen die Reiche denn auch unter, so versiegten die Herrschergeschlechter und so wurden die meist ohnedies in se ipso hinfälligen Dynastien schließlich ausgelöscht. (Und durch neue, meist nicht weniger hinfällige ersetzt in einem schier ewigen Perpetuum mobile der Irrtümer.)

Die Kartenhäuser fielen in sich zusammen und begruben die Kartenmenschen unter sich.

Und so folgten auf untergegangene Reiche eben neue, die wiederum von anderen abgelöst wurden – als es so weit war. Nur: Es verwundert im Nachhinein doch sehr, dass sich manche dieser Imperien überhaupt so lange hatten halten können; besieht man sich nur einige der daran maßgeblich Beteiligten in ihrer Durchschnittlichkeit, Dummheit und erschreckenden Inferiorität etwas genauer!

O ja, das alles funktioniert optimal – und bis heute; wobei die im Getriebe und in den Mühlrädern der Geschichte zermalmten Menschen der Einfachheit halber als Kollateralschäden bezeichnet und ihr Verderben billigend in Kauf genommen werden. Ansonsten jedoch fallen sie nicht weiter auf. Sie müssen nicht einmal erwähnt werden. (Höchstens in Schlachten-Statistiken, in den Datensammlungen der Herrscher und in den Sammelsurien der Historiker und Aerchivare.)

Deshalb bilden auch immer wieder die goldumglänzten Heerführer und die mit Lorbeer bekränzten siegreichen Imperatoren das Zentrum der sattsam bekannten Schlachtenbilder. Obschon den eigentlichen Löwenanteil an maltechnischem Aufwand in der mehr oder weniger genialen Linienführung und im ausgeklügelten Licht-Dunkel der raffinierten Verherrlichungsgemälde, dieser penetrant in Öl erstarrten Lobhudeleien, dann erst recht die dicken Pferdeärsche ausmachen.

Auch die Inquisition, von der hier – zugegeben: lang und breit – die Rede war und ist, kann durchaus als Exempel des Grauens gesehen werden. Als Zeichen des Ewig-Gestrigen, des Widerstands gegen alle bessere Einsicht und als Menetekel für sämtliche noch kommenden Formen imperialen Irrsinns. Menetekel – unter der absurden Voraussicht, erst recht nicht als Warnung verstanden zu werden; geschweige denn entsprechend beachtet.

Denn jede Diktatur, Fehlherrschaft und politische Idiotie wird schließlich irgendwann überwunden. Nur: Es bleibt kein Vakuum, es kann kein Vakuum bleiben. Und hinter der nächsten historischen Ecke harrt schon der nächste nichtsnutzige Tyrann – vielleicht, wie gewohnt, ein Wolf im Schafspelz, vielleicht aber diesmal, aparter Weise, ein Schaf, als Wolf verkleidet?!

Grauen paralysiert. Und die Großinquisitoren trugen allenthalben das Ihre zur allgemeinen Paralyse bei. Dabei schienen sie immer wieder selber durchwegs einigermaßen paralysiert gewesen zu sein oder paralytisch; zumindest so eingenommen von sich selbst, von ihrem Tun und Lassen, von ihrer Allmacht, von ihrem zweifelhaften Glanz, dass ihr Tätigkeitsfeld, ihr Spielraum, sich durch sie selbst enorm einengte. Ja, sie wurden alsbald zu aufgeblähten Nullen innerhalb eines völlig funktionsunfähigen Systems. Und, wie schon Stanisław Jerzy Lec richtig sagt: „Aus einer Reihe von Nullen macht man leicht eine Kette.“ Das wiederum bekamen (und bekommen, vielleicht unter anderen Vorzeichen und in anderen Teilen der Welt) die sogenannten Untertanen zu spüren. (Siehe: S. J. Lec, „Das große Buch der unfriesierten Gedanken“ [Hg.: Karl Dedecius], München 1971.)

Die angeblich Großen verbreiteten mit ihren formal durchaus einleuchtenden Insignien der Macht und den für eine dumpfe Masse von Geknechteten (und für das Knecht-Sein quasi Auserwählten) weitgehend überzeugenden Zeichen dafür, zum Führen auserkoren zu sein, jenen Nimbus um sich, der in der Folge dann übrigens nicht nur die quasi einfach Gestrickten, eben die Knechte und das geistig wenig wendige Fußvolk, schier überwältigte. Nein, kurioserweise, erlagen auch ansonsten durchaus zu den Intellektuellen zu zählende Leute, Menschen, die bisher angeblich mit Verstand und Menschenkenntnis gesegnet zu sein schienen, dieser gefährlichen Ausstrahlung. Abgesehen davon, dass so mancher unter den Klügeren wohl die Chance witterte, im Fahrwasser der (zudem so honorig wirkenden, schier entrückten) neuen Kapazitäten selbst Karriere zu machen.

Ja, diese Brüder, egal, ob Großinquisitoren oder bloß ihre Handlanger, sie seien, so sagt man, gänzlich durchdrungen von einer (nämlich: von ihrer) Pseudo-Gerechtigkeit; die wiederum zu einem guten Teil eigener Selbstgefälligkeit, Überschätzung und Arroganz entspringt. Sie seien somit quasi von einer Selbst-Gerechtigkeit stigmatisiert und von einer aus ihr folgerichtig resultierenden Uneinsicht bestimmt, die sie – beide – reichlich abgehoben erscheinen ließen und außerdem sukzessive allen noch so gut gemeinten Argumenten gegenüber blind und taub machten. Nicht zuletzt fürchteten diese mehr als bloß zweifelhaften an die Staatsspitze gelangten Schlaumeier naturgemäß zudem instinktiv um ihre Macht (und um ihr Leben), um ihren Einfluss und um ihr – in Wahrheit recht bescheidenes – Charisma. Unvorstellbar wäre es daher für sie selbst gewesen, erschienen sie plötzlich bloß als das, was sie in Wahrheit waren: nämlich mittelmäßige, womöglich sogar ziemlich armselige Vertreter dieses (summa summarum ohnedies nur allzu zweifelhaften) Menschengeschlechts.

Nicht mehr und nicht weniger.

Ja, doch, sie, die Großinquisitoren, ließen, kurz gesagt, meist erst gar keine anderen Haltungen, Meinungen und Überzeugungen zu als diejenigen, von denen sie glaubten, es seien die richtigen (weil es die ihnen genehmen waren).

*

Vermutlich sogar guten Gewissens unterdrückten manche Großinquisitoren alle anderen nur irgendwie denkbaren Alternativen, Denkansätze oder Thesen und ließen absolut nichts gelten, was von der unantastbaren Lehre (ihrer Lehre nämlich) vielleicht auch nur marginal hätte abweichen können; oder gar, was in der Lage gewesen wäre, auch nur einen Teilaspekt ihrer Funktion und ihres Amtes, ihres Prinzips oder ihrer – noch so mediokren – Persönlichkeit in Frage zu stellen.

Alles musste buchstabengetreu erfolgen. Vielleicht, weil sie selbst es ausschließlich so, also: buchstabengetreu, verstanden.

Nun, dieser Wesenszug verband sie elementar mit den Kirchenvätern. Die hatten da vermutlich ohnedies Pate gestanden und fürsorglich die Wiege der Finsterlinge geschaukelt von Anfang an. Die Kirchenväter, nebulöse Gestalten, in aller Regel griesgrämige, lebensverneinende und rückwärts gewandte Greise, die, durchdrungen von starrsinnig praktizierten Dogmen und erfüllt von blindem Glauben an die Alleingültigkeit ihrer hanebüchenen Überzeugungen, die in selbstgefälliger Gönnerhaftigkeit ihre Führungspositionen in Strenge und Unnachgiebigkeit ausfüllen. Auch lange über ihr irdisches Ablaufdatum hinaus, angehimmelt und andauernd erinnert als heiliger Born von Weisheit und nützlicher Schlüssel zur Verkündigung göttlichen Ratsschlusses. (Eigentlich traurig und ein Armutszeugnis für jeden potenziellen Gott, bedürfte er just solcher Mittler!)

Es verwundert daher auch nicht weiter, dass sich sogar Wahrheit und Gerechtigkeit durch diese Form der Übersetzung in pure Drohungen verwandeln.

Die meisten Gegner der Großinquisitoren, um die es hier geht – und es gab derer zumindest im Geheimen einige im Land! – sowie die Mehrzahl der durch die Machthaber an Körper, Geist und Vermögen Geschädigten waren davon überzeugt, diese miesen Säcke mit ihrem prächtigen, pseudo-katholisch klerikalen Anstrich und dem, dazu kontrastierenden: oft geradezu asketisch wirkenden Aussehen ihrer in falschem Gottesdienst ausgemergelten Körper und fahl-knochigen Antlitze müssten wohl zu recht als Geißel der Menschheit gelten! Freilich, es gab auch ausgesprochen fette und unförmige, auf den ersten Blick als verfressen und versoffen wirkende Verführer an der Spitze und im engsten Führungskreis, ja, sogar ordentlich verhurte und auch sonst in ungebremster Lebensgier möglichst allen Untugenden auf einmal frönende Exemplare waren unter ihnen. Das wussten zumindest Eingeweihte zu sagen – hinter vorgehaltener Hand.

Die dem Luxus und dem Wohlleben ergebenen Landesväter entpuppten sich indes nach kurzer Zeit meist als um nichts besser, was ihre Amtsführung betraf, als ihre dürren und ausgezehrten, mit großen stumpfen Augen aus dunklen Höhlen gen Himmel stierenden Kollegen. Auch sie konnte man ehrlicherweise nur als üble Gewaltherren bezeichnen. (Übrigens: Dass die Großinquisitoren selbst, darin manchen ähnlich ausgerichteten islamistischen Potentaten gleichend, die von ihnen installierte Staatsform bescheiden als Präsidialrepublik bezeichneten, stellte unser Land diesbezüglich auf eine Stufe mit Burkina Faso, dem Jemen, Tadschikistan oder Brunei Darussalam … Nur, dass dort nicht so viel gemordet wurde wie hier und die Willkür weniger arg vorherrschte.)

Wie auch immer: Das Wort des jeweiligen Großinquisitors galt, sein Urteil war entscheidend, seine Meinung war unumstößlich. Er war der allmächtige Herrscher, Führer und – Götze.

Durch den (zunächst nicht recht verständlich wirkenden politischen Schachzug, sie mit gleichsam absoluter Machtfülle auszustatten, erfüllten die Großinquisitoren ihre zusätzliche Funktion optimal: Sie taugten ganz hervorragend als Gleichmacher-Schablonen, als Leisten, über den sich so ziemlich alles spannen ließ, wollte es vor dem gestrengen Auge irgendeiner nächsthöheren Obrigkeit (des Papstes, eines noch mächtigeren weltlichen Herrschers, der plötzlich womöglich wider Erwarten erstarkenden UNO, der Geschichte oder des lieben Gottes …) bestehen. Realiter waren sie am Ende tatsächlich das – zugegeben: höchst unerquickliche, weil höchst gefährliche und überdies für alle anders Denkenden äußerst unbequeme – Maß aller Dinge. (Oder: das Muss aller Dinge …)

Das war zwar die allgemeine Meinung. Doch die schiss die da oben erfahrungsgemäß nichts.

Der aktuelle Großinquisitor hieß Wunibert und machte seiner Profession, sozusagen, alle Ehre … Ja, Dr. Wunibert Runk, seines Zeichens von Ehrgeiz zerfressener katholischer Theologe, magenkrank (was ihn und sein Verhalten nicht unwesentlich beeinflusst haben dürfte), früher zwar mehrmals wegen Kirchen-kritischer Aussagen und grenzwertiger Auftritte abgemahnt und mit diversen Predigt-Verboten und allerlei Lehr-Einschränkungen belegt, Pater Wunibert, der hagere Fanatiker mit seiner fast schon gefährlich verzückt wirkenden Märtyrer-Visage, erschien seinen vielen unterdrückten Gegnern schlichtweg als das Letzte. „Oh“, stöhnte mancher von ihnen, „oh, gäbe es eine Vorsehung, in diesem satanischen Wunibert Runk manifestierte sich ihre Erfüllung auf das Überzeugendste! Doch – möge sie ihn dereinst (nein: möglichst bald) auch wieder dahinraffen!“

Ein Anstoß für seine schäbige Haltung mochte übrigens im Umstand zu suchen sein, dass gerade er, der Magen-malade Wunibert Runk, seinem Vorgänger, dem fetten und (im Wortsinn:) rundum verderbten Hadubrand von Kirchstätten, als Vorkoster hatte dienen müssen … (So finden nicht selten spätere böse Taten ihren Mit-Grund in vormals erlittenem Ungemach. [Siehe: Joachim Bauer, Schmerzgrenzen. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München ³2011.])

Nun, steile innerkirchliche Karrieren beginnen oft auf eine eher krause Weise. Schließlich war auch Runks Vorgänger erst durch geschickte Intrigen, optimale Vernetzung, teuflisch-geniale, überaus gefinkelte diplomatische Manöver, durch drastische Nötigung, wirkungsvolle Erpressung und einen gewaltigen Batzen Glück zur Machtposition des Großinquisitors aufgestiegen. Den fetten Hadubrand von Kirchstätten hätte man im Nachhinein dann sogar für einen fast noch ärgeren Drecksack halten mögen, als Runk es bald darauf sein würde. Ärger deshalb, weil er nach außen hin zwar den Tugendsamen mimte, in Wahrheit indes eher ein Trunkenbold, zudem ein ausgemachter Fresssack und ein Hurenbock erster Güte war. Dass just dieser hinterhältige Fleischberg mit seinen gut und gern 150 Kilo Lebensgewicht den egomanischen, doch damals schon scheinheilig bescheiden tuenden Duckmäuser Wunibert zum Vorkoster und Mundschenk haben musste, war für sich ein – nicht zuletzt – kulinarischer Witz.

Allerdings sollten dem übergewichtigen Hadubrand final dann nicht seine kalorienreichen und Promille-haltigen Fress- und Sauf-Eskapaden den Garaus machen, sondern seine Vorliebe für geschmeidige, am besten: noch minderjährige Jungfrauen und meist leicht desolate Trampoline. Diese Mischung, die er zur sexuellen Stimulation respektive zur diesbezüglichen Befriedigung seiner reichlich obskuren Lüste bevorzugte, raffte den widerlichen und äußerst ungustiösen Haufen in nur mehr annähernd Menschen-ähnlicher Gestalt, zu dem er sich sukzessive entwickelt hatte, schließlich dahin: als eine Art scheußliches Sandwich, nämlich eingeklemmt zwischen zwei mageren, doch widerstandsfähigen Mädchen und auf Basis eines halb-kaputten Sprunggeräts.

Ja, ja: Der Großinquisitor ist tot.

Es lebe der Großinquisitor.

Dr. theol. Wunibert Runk war kaum in der für ihn doch neuen, alles andere freilich als ehrenhaften Funktion des Großinquisitors installiert, da prasselten schon die Todesurteile im Stundentakt auf das wehrlose Volk ein und herunter. Ja, der spindeldürre, zudem immer irgendwie jesuitisch wirkende Wunibert beherrschte, man kann sagen: nach kürzester Zeit, sein, metaphorisch ausgedrückt: blutiges Handwerk, dem er durchaus mit Hingabe oblag. Er machte dabei auch vor ehemaligen Weggenossen und Mitbrüdern nicht Halt – im Gegenteil: Je näher ihm jemand früher einmal gestanden war (wenn so etwas wie Freundschaft mit diesem Unhold überhaupt möglich gewesen wäre!), als umso gefährdeter musste der sich nun fühlen … So gesehen, war es eigentlich egal, ob man ein gutes oder ein schlechtes Verhältnis zu Runk hatte: Man befand sich auf alle Fälle in ständiger Gefahr, verhaftet, eingesperrt oder auch sofort liquidiert zu werden.

Da er jedoch nicht durch Fressen, Saufen und auch nicht durch den unziemlichen Gebrauch von ziemlich vielen Weibern (aber auch nicht durch den von Knaben!) abgelenkt wurde, wie es bei seinem Vorgänger in einer schon an den legendären Papst Alexander VI. aus dem Hause Borgia erinnernden Art und Weise der Fall gewesen war, zeichneten seine kurze Schreckensherrschaft wesentlich mehr Konsequenz und Pragmatik aus. Konsequenz und Pragmatik im Bösen, selbstredend. Durch geschickte politische Winkelzügen festigte Runk seine Position in Permanenz; und mittels seiner abgrundtief hässlichen, durch und durch schäbigen Gesinnung ermöglichte er eine Abkehr gleichsam von aller bisher – zumindest rudimentär – noch geltenden Humanität. (Im künstlerischen Beiwerk, wenn man so sagen will, und darin, was die Grausamkeit seiner Aktionen, die Armseligkeit und Hinterhältigkeit seiner Vorgangsweise und die Blutrünstigkeit der Methoden betraf, mit denen er zu Werke ging, hätte Runk seinem Vorgänger, Hadubrand von Kirchstätten, jederzeit nicht nur das Wasser reichen können (das der vermutlich ohnehin verschmäht hätte …); nein, der magenkranke Eiferer setzte völlig neue Maßstäbe im Bereich unmenschlicher Gewaltherrschaft. Dafür nahm er allerdings auch in Kauf, selbst seiner engsten Umgebung stets misstrauisch begegnen zu müssen. Denn auch Großinquisitoren haben, wenn es darauf ankommt, Feinde. Viele Feinde. Und, wenn sie einigermaßen klug sind, wissen sie das auch.

Außerdem: Runk war, wie schon gesagt, magenkrank.

Ja, jetzt floss das Blut Hektoliter-weise. Und besonders Wuniberts Feinde von vordem und diverse Gegner seiner früher geäußerten Thesen waren jetzt dran, da nützte ihnen nichts und niemand. Ja, doch! Es ging ans große Abrechnen! Allerdings, wie schon ausgeführt, auch frühere treue Mitstreiter hatten allen Grund, um ihr Leben zu bangen, denn Runk war schlichtweg unberechenbar. Sogar Ferdinand Müllwarther, den sie den Sanftmütigen nannten, Müllwarther, der einzige ernstzunehmende Oppositionelle im Land, musste sich quasi in letzter Sekunde ins Ausland retten. Von dort begann er jedoch sogleich, gegen den so überaus gefährlichen, längst schon übergeschnappten und eindeutig wahnsinnigen Großinquisitor Wunibert Wunk zu agieren und schließlich den so notwendigen politischen Umschwung vorzubereiten, zu dem es dann auch fast gekommen wäre, wenn nicht – – – (Doch halt! Greifen wir der Entwicklung nicht vor!)

Wer nicht hingerichtet wurde, was ohnedies in der Regel aus eher fadenscheinigen Gründen und unter tatkräftiger, devoter Mithilfe der sogenannten Rechtsprechung sowie der üblicherweise zur Brutalität neigenden Exekutive – und begleitet von entsprechenden Lobhudeleien, die von den gleichgeschalteten Medien in Permanenz zur Ehre der Staatsführung verbreitet wurden -, versuchte sich in Sicherheit zu bringen. Viele gingen, so lange es noch möglich war, in den Untergrund, oder sie flohen außer Landes. Mancher versah sich auch mit einer neuen Identität; oder, übrigens keine schlechte Idee, ließ sich pro forma für ein anderes, geringes Vergehen einsperren, das er gar nicht begangen hatte, bloß um so ärgerer Bestrafung zu entgehen. Doch alles in allem gelang es nur wenigen, sich vor Wuniberts Rache und seiner nach Blut gierenden Mordlust in Sicherheit zu bringen.

Am Rande: Erstaunlicherweise besserte sich des Großinquisitors Magenleiden keineswegs, trotz der neuen Möglichkeiten, sich Labsal und Erleichterung allein schon durch das endgültige Ausschalten diverser Gegner zu verschaffen, wie und wann immer Runk es wollte und ihm solches gefiel …

Fast so gefürchtet wie Wuniberts Urteile selbst sowie seine äußerst krude Vorgangsweise den kleinen, unbedeutenden wir den großen und tatsächlich gefährlichen internen Feinden und Gegnern gegenüber und sein ganzer menschenverachtender Stil (nämlich insgesamt der eines im Irrsinn des unberechenbaren Diktators befangenen Kleingeists) waren seine wöchentlichen Fernseh- und Radioansprachen sowie seine Appelle über Facebook, Twitter und andere Internet-Foren in den sogenannten Sozialen Netzwerke beziehungsweise in den altgewohnten Medien, in Zeitungen und Magazinen. Es hieß, leicht übertrieben, doch den Horror trefflich schildernd, allein ihm zusehen (oder zuhören) zu müssen, ersetze unter Umständen die Folter, wenn nicht gar die Todesstrafe …

So ließ Wunibert Runk – für sich genommen vermutlich auch nur ein Getriebener, ein krankhaft Darstellungssüchtiger und ein eitler, verblendeter, sadistischer und brutaler Narr, der es mit manchem der islamistischen Aufrüster in Syrien, im Irak und anderswo in Asien oder in Afrika, drehte es sich nur um den diesbezüglichen religiös-ideologischen Basis-Wahnsinn, durchaus und jederzeit aufnehmen hätte können -, so ließ Großinquisitor Runk zu allem Überfluss also die Welt freigebig Anteil nehmen an seinen krausen Vorstellungen und unausgegorenen, skurrilen und weitgehend bizarren Weltherrschaftsideen, deren Kern in der Formel lag: Jeder solle – am besten schon als verwesendes Relikt und als vor sich hin modernde Leiche – des anderen Grundlage sein; die Scheiße also, auf der die Nachfolgenden später ihre Existenz aufbauen dürften (vielleicht sogar in mehr oder minder dankbarem Angedenken an ihre Scheiß-Vorgänger); der Kitt zwischen den freischwingenden Elementen aus Blut, Kot, Urin, aus Samen- und Eizellen sowie diversen anderen Säften und Exkrementen; die Grund-Ausscheidung der in der Folge dann darüberzulegenden, darauf aufzuschichtenden, frischen Kompostierungsstoffe aus Jauche, Gülle und Bio-Müll …

Ja, wie Taubenscheiße (zum Exempel) oder Guano müsse das Menschenmaterial herhalten und außerdem: ständig verfügbar sein – als Grundstock für neue, quasi über-menschliche (sic!) Entwicklungsstufen und Daseinsformen … Und, man möge ihm darin nur vertrauen, er würde sich diesbezüglich noch einiges einfallen lassen! Oh, ja! Ganz bestimmt! (Kreuzzeichen.)

Diese Evolution jedenfalls, so Dr. Runk weiter, sei lange noch nicht an ihrem Endpunkt angelangt, die Entwicklung ergo längst noch nicht abgeschlossen! „Das verspreche ich euch!, schloss Dr. Runk, der übergeschnappte, magenkranke Großinquisitor, regelmäßig seine Ansprachen.

Akustisch ließ er zuletzt immer starken Hall hinzufügen, um die Wirkung seiner belämmerten Drohung, denn als nicht anderes musste sein Versprechen doch wohl interpretiert werden!, noch zu steigern. Dann schlossen sich bedrohlich-symphonische Orchesterklänge zum enervierenden Finale solcher Auftritte an, oszillierend zwischen Franz Liszts „Les Préludes“ und ähnlichem Getöse (egal, ob von Richard Wagner, Richard Strauss oder André Rieu).

Mitunter hätte man meinen können, hier schwinge einiges von Ellmayer, unserem dauernd böse vor-sich-hin-grinsenden Mini-Exemplar einer nur entfernt menschenähnlichen Zellanhäufung mit; einiges vom teuflischen Ellmayer, diesem penetranten Pseudo-Nazi, Zyniker und Zwerg.

Vielleicht. (Nein: Dazu war Ellmayer denn doch zu inferior!)

Doch dann: Erst erstickte der verhasste magenkranke Großinquisitor Dr. theol. Wunibert Runk an einem der 5.788 echten (sogar vom Vatikan zertifizierten!) heiligen Nägel aus dem Kreuz Jesu Christi. Mit seinem geliebten Kaiserschmarren (mit Zwetschgen-Röstern), einer der wenigen Speisen, die der magenleidende Runk überhaupt noch vertrug, hatte er die renommierte Reliquie versehentlich konsumiert. Das sollte somit sein letztes Abendmahl sein. Exitus.

Natürlich hatte man für allfällige Notsituationen vorgesorgt. Ganz im Sinn Wunibert Runks galt schon seit Längerem einer aus dem engsten, aus dem inneren Kreis der Inquisitoren, nämlich der nicht minder ehrgeizige Prälat Theophil Ratzbold, als sein dezidierter Wunschnachfolger. Wie Runk entstammte auch Ratzbold der mönchischen Kaderschmiede eines Ordens. Doch richtete sich sein Streben nun tatsächlich kaum auf irdischen Genuss: Er lechzte ausschließlich nach Macht, nach Macht pur. Er war nun tatsächlich der rare Wassertrinker unter den üblichen Säufern, der rundum Keusche unter den ausgesprochenen Lustmolchen. Ihm ging es um die Macht allein, deren enormer Faszination der nach außen fast scheu und blass wirkende Exponent einer fundamentalistischen Glaubensauffassung dafür zur Gänze erlegen war undhuldigte. (Vielleicht wäre er deshalb der Gefährlichste geworden in dieser bizarren Reihe von machtbesessenen Sonderlingen und inhumanen Herrschertypen, diesen nur im weitesten Sinn noch menschlichen Wesen im Gewand der Gewalt und im matten Glanz teuflischer Infamie, ausgestattet lediglich mit einem rudimentären Minimum an Empathie; doch geleitet im Gegenzug von einem übersteigerten Ich-Wert.)

Doch dann ging es Schlag auf Schlag: Eine vom selbstgefälligen und stets siegessicheren Inquisitions-Klüngel bisher völlig unterschätzte Opposition im In- wie im Ausland gewann, durch die Vakanz an der Spitze des verbrecherischen Regimes ermutigt, binnen kürzester Zeit die Oberhand. Und die Opposition hatte auch einen Namen: Ferdinand Müllwarther!

Binnen kürzester Zeit tauchten, wie es für solche brenzliche politische Situationen nicht untypisch ist, von überall angeblich echte Feinde des bisherigen Regimes, aber auch diverse Wendehälse und Opportunisten auf und gaben sich nun (mehr oder minder überzeugend) als alte Freunde oder zumindest als herzinnigste Sympathisanten Ferdinand Müllwarthers aus.

Fazit: Man holte binnen kürzester Zeit, nämlich innerhalb von nur wenigen Stunden, Ferdinand den Sanftmütigen und seine Entourage, sozusagen: stante pede, aus ihrem Londoner Exil zurück; und der neue erste Mann im Staat wurde unverzüglich inthronisiert mit allem üblichen Pipapo.

Im Nu, so war, noch im Flugzeug, neben vielen anderen wichtigen Dingen auch beschlossen worden, dass die berüchtigten Gefängnisse allesamt sogleich geöffnet werden sollten. Eine wichtige Amtshandlung! Und: Allenthalben war Eile geboten.

Hatte man uns zuvor nichts von dem, was sich rund um uns (die wir ja weg- und eingesperrt waren und weitgehend ohne Informationen) alles so ereignete, mitgeteilt, so sollte jetzt endlich größtmögliche Transparenz herrschen!

Man wollte uns also einweihen in die Pläne, die der Sanftmütige und seine Führungsriege hegten. Und auch Sie, geschätzter Leser, verehrte Leserin, sollen sogleich davon unterrichtet werden.

Doch dann – – –

Fortsetzung folgt!

 

Hygiene.

Die Hygiene ist ein Phänomen, das seltsamer Weise meist erst auffällt, wenn es fehlt.

Zwar spricht man gern von angenehmen Düften oder starken Aromen, die uns auf ihre Weise allerdings auch schier den Atem nehmen können; doch weit mehr dreht es sich im Zusammenhang mit Hygiene gerade um das Fehlen von Geruch und Geschmack. Ja, Hygiene wird solcherart sogar zu einem Reizwort in geruchs- wie geschmacksfernem Umfeld.

Man könnte daher beinahe meinen, das Olfaktorische wirke überhaupt mehr und stärker, wenn es nicht vorhanden wäre … Eine Überlegung, die besonders den Parfumeuren, den Herstellern von Geruchswässerchen und den Kosmetikfachleuten zu denken geben sollte …

Bei der Reinlichkeit verhält es sich übrigens ähnlich: Erst, wenn es merkbar an ihr mangelt, fällt sie uns so recht auf.

Schon der fette, hurenböckige Großinquisitor Hadubrand von Kirchstätten hatte sich, wie alle Diktatoren, die etwas auf sich halten, intensiv um die persönlichen Lebensumstände, also auch um die hygienischen Verhältnisse der Untertanen bekümmert. (Nicht zuletzt in der Hoffnung, auf diesem Gebiet eventuell die eine oder andere angeblich notwendige staatliche Zuwendung einsparen zu können.) Seine Geheimpolizisten und Agenten in den verschiedenen Abteilungen der diversen dazu eingerichteten und erweiterten Polizei-Institutionen und Ämtern hatten nicht nur in natura ihre Augen und Ohren offen zu halten, sondern auch per Internet-Überwachung und mit den modernsten Mitteln der Cyber-Spionage jedes noch so uninteressante Detail zu erfassen, zu dokumentieren und zu speichern. Sie nahmen sozusagen jedes Dreckfragment aufs Korn.

Es hieß, die Geheimdienste der Großinquisition arbeiteten mindestens so effektiv wie die vergleichbaren US-amerikanischen, die russischen, britischen, deutschen oder israelischen Organisationen. Ja, schon unter Hadubrand von Kirchstätten stand dem Staat (sprich: der Inquisition) in Sachen Spionage ein Apparat von der Qualität etwa der CIA oder der NSA zur Verfügung. Im Einsatz zwar ebenso wenig effizient – denn was ergeben schon Milliarden von sinnlosen (Gestanks-)Daten? -, aber die Verantwortlichen mit Stolz erfüllend.

So war in größtmöglichem Rahmen und mit Riesenaufwand auch alles die Hygiene Betreffende unverzüglich aufgenommen und registriert worden; wie man überhaupt das Privatleben, etwa auch Gewaltbereitschaft, musische Talente, körperliche Defekte und Defizite, naturgemäß die Sexualität und die diesbezügliche Orientierung et cetera, bis in die geheimsten Ecken hinein erfolgreich auszuleuchten und zu erschnüffeln strebte. Apropos – erschnüffeln: Bei der Hygiene ging man mittels Geruchssensoren und ähnlichen topmodernen und brandneuen Technologien noch wesentlich weiter, als man sich so etwas jemals zuvor hätte vorstellen können.

Der Nachfolger des penetranten Hadubrand von Kirchstätten, der magenkranke Dr. Wunibert Runk, hatte, wie überall, so auch hier die Daumenschrauben dann noch etwas fester angezogen.

*

Aus ganz anderem Holz geschnitzt schien da allerdings Ferdinand Müllwarther zu sein, den seine eingefleischten Anhänger bald schon den Sanftmütigen nannten. Der weitgehend liebevoll gemeinte Spitzname umriss einen Charakterzug des durchaus idealistisch gesinnten Mannes, dem es indes auch nicht an Strenge und Konsequenz im Durchsetzen der einmal ins Auge gefassten Ziele gebrach. So viel Divergentes vermochte in Müllwarther immerhin Platz zu finden …

Freilich musste der Messias der unterdrückten Massen, wie ihn seine engeren Gefolgsleute aus dem Kreis der Oppositionellen gerne (und wohl ein wenig übertrieben propagandistisch) nannten, noch einige Zeit lang im Exil in London (wen es interessiert: in der Brompton Road, unweit dem legendenumwobenen Konsumtempel Harrods, gleichzeitig aber auch in der Nähe des Hyde Park Corner gelegen) ausharren, bis ihn schließlich dann der überzeugend laute Ruf an die Spitze des längst schon desolaten Staates ereilte, dem das schaurige Intermezzo der Großinquisition eindeutig den Rest gegeben hatte.

Dass Müllwarther nicht nur die unbedingt sogleich wiederzuerrichtende Demokratie ein Herzensanliegen sein würde, sondern – damit einhergehend – auch die Hygiene, das war seinen vielen Anhängern a priori klar gewesen. Und als dieser Messias Ferdinand schließlich die Grenzezu seinem Vaterland, von Nordwesten kommend, per Äther passierte, waren sich alle, die es live oder über die – plötzlich erstaunlicherweise wieder einigermaßen liberalen – Medien miterlebten oder zeitversetzt erfuhren, einig im Glauben daran, dass nun endlich eine bessere Zukunft beginnen werde. (Dass die Euphorie nur kurz anhalten und alsbald die nächste, die finale Katastrophe über das Land, ja: über die Welt hereinbrechen würde, lag letztlich wirklich nicht in Ferdinand Müllwarthers Verantwortung. Und der schon in üppiger Weise – sowohl von vielen Zeitungen, vom staatlichen Rundfunk und den diversen privaten TV-Stationen als auch von den Stammtischen – zum Wohltäter hochstilisierte und allgemein Gepriesene hätte sich auch alles, nur das nicht, erhofft!)

Ferdinand Müllwarther hatte zwar final keine Wohltaten ausführen müssen, doch er wäre fraglos dazu bereit gewesen. Alle seine Human-Anlagen sprechen dafür. Immerhin war der Sanftmütige unbestritten ein von Toleranz bestimmter, weitgehend multikulturell orientierter Mann. Einer, der es schon früh verstanden (oder intuitiv gefühlt?) hatte, aus möglichst vielen seiner von weit her in ihm zusammenlaufenden Wurzeln positive Energien zu saugen: Da waren die altösterreichischen Vorfahren aus Galizien und der Bukowina, besonders ein Zweig, der in und um Czernowitz seinen Ursprung gehabt hatte; andere Ahnen hatte es aus Süddeutschland hierher geweht; wieder andere aus Oberitalien; eine (ein wenig abgekapselte) Sippe stammte aus der französischen Schweiz; ein Seitenstamm des wuchtigen Familienbaums wurzelte ursprünglich in der Gegend um Brünn …

Die Beweggründe, aus denen heraus sie ausgewandert waren, reichten von persönlichen Wunschvorstellungen eines besseren Lebens oder der unwiderstehlichen Macht der Liebe als Triebfeder ihres Handels über wirtschaftliche Gegebenheiten und merkantilistische Hoffnungen bis zu nacktem Überlebenswillen und Angst vor politische bedingten Repressalien.

Doch ob Müllwarthers Vorfahren nun wegen eines geliebten Wesens, aus Opportunismus oder aus Furcht vor Unterdrückung ausgewandert waren (und woher immer), sie hatten sich schließlich zum größten Teil in Wien und in der Steiermark niedergelassen, wobei die früher Gekommenen den später Nachfolgenden meist schon als Quartiermacher dienten. Denn die Sippe hielt zusammen.

Ferdinand Müllwarther war natürlich schon in Wien geboren worden, wo er mit seinen Eltern und Geschwistern ein Haus draußen in Döbling bewohnte. Das vornehme Anwesen hatte dem jüngeren Bruder seines Vaters gehört, nämlich dem reichen Onkel Raimund Friedrich Müllwarther, einem Schlossermeister, der speziell im Tresor- und Safewesen sowie später dann auf dem Gebiet der Alarmanlagen und – das war mindestens gleich wichtig – in der Wirtschaftskammer sehr erfolgreich zugange gewesen war, beziehungsweise dessen späterer Witwe, der Tante Waltraud.

Hier wuchs der in den 1960ern geborene Sanftmütige wohlbehütet auf und wurde von seinen Eltern, DI Franz Ferdinand und Gertrude (einer geborenen Hopfauff), in seinen Talenten und Begabungen, die sich früh schon zu zeigen begannen, entsprechend gefördert. (Franz Ferdinand Müllwarther, der strenge, doch auch liebevolle Vater, hatte zwar, seiner Neigung folgend, nebenbei auch Musik studiert, später jedoch, familiär bedingt auf Technik umgesattelt. Mutter Gertrude war zwar ausgebildete Pianistin, sah sich indes veranlasst, ihren Beruf so lange der Familie wegen hintanzusetzen, bis sie Karriere-technisch die Überfuhr versäumt hatte; traurig aber wahr.)

Der kleine Ferry war folgerichtig hoch-musikalisch, doch er zeichnete auch mehr als bloß passabel. Dass er – obwohl das seinen Intentionen weit weniger entsprach – letztlich Pharmazie studierte, war in erster Linie durch das Sicherheitsstreben seiner Eltern bedingt gewesen. Und die waren, wie er nur zu gut wusste, beide selbst gebrannte Kinder der Kunst …

Seine eigentliche Berufung tangierte das alles freilich nicht weiter.

Ein europäisches Konglomerat also, das war der Sanftmütige. Dabei vielseitig interessiert, gebildet und umsichtig. Zwar humanistisch (und human!) ausgerichtet, galt Mag. Ferdinand Müllwarther durchaus als Realist, der, wenn es darauf ankam, bereit und willens war, auch schockierenden Wahrheiten mutig ins Auge zu sehen und die entsprechenden Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Aus Eigenschutz zunächst, aber letztlich durchaus zum Wohl der Allgemeinheit.

Der studierte Pharmazeut hatte sich darüber hinaus schon in verschiedenen Unternehmungen an führender Position als durchaus fähig erwiesen. Seinen abschließenden Gang in die Politik begründeten weder eigene Eitelkeit noch Gier nach Macht oder Geld: Der Sanftmütige wollte einfach zur Besserung der (kontinuierlich auch allgemein als beängstigend empfundenen und, sagen wir es salopp: äußerst miesen) Lage im Land beitragen. Selbst etwas tun. Helfen.

Besonders mit der Einführung der unseligen Inquisition, dieser, wie er es nannte: Machtergreifung der Dummheit und Infamie, war, so schien es ihm und seinen engsten Gefolgsleuten und Anhängern, das Fass nunmehr tatsächlich am Überlaufen! Jetzt galt es, rasch und gezielt etwas zu tun! Etwas Entscheidendes, etwas Großes, etwas für die Allgemeinheit Gutes!

So nahm er auch die Beschwernis des Exils in London auf sich. (London bewies in der Geschichte immer wieder seine hervorragende Eignung für Exilanten; nur nicht für englische.)

Und das Wenige, das trotz rigider Zensur, penibel exekutierter Nachrichtensperre und einer weitgehend hermetischen Abschirmung von irgend einer möglichen Information von außen zu den Menschen in unserem diktatorisch geführten leidenden Staat (und schließlich über tatsächlich bizarr anmutende, verschlungene Umwege und weitgehend obskure Kanäle auch zu uns, die wir in den Gefängnissen darben mussten) durchdrang, ließ uns wieder hoffen. Hoffen auf einen Befreier!

Ja, bald schon würde es einen neuen Staatschef geben, nämlich den allgemein als sanftmütig eingeschätzten und auch sonst in den schönsten Farben beschriebenen Ferdinand Müllwarther! Er habe vor, so sickerte es allmählich durch, die Schreckensherrschaft der diabolischen Inquisition zu beenden. Und, so hörte man: Er sei der Richtige für diese wahrhafte Herkules-Aufgabe!

Dass der notwendige Umbau des Staates nicht ohne riesige Mühen und Anstrengungen vor sich gehen werde, war allen klar. Auch würde es nicht genügen, in gewohnter Weise nun seinen Hass an den (jetzt also: ehemaligen) Henkern und Henkersknechten auszulassen; so schön das für manche auch sein mochte, die sich nun gern, vom Gefühl der frisch übernommenen Macht erfüllt, bei allem, was sie tun würden, schon auf Seiten des neuen Rechts sahen … Nein, es musste Besonnenheit herrschen. Besonnenheit, Maß und Ziel – auch bei Verurteilung und Bestrafung.

Müllwarther würde selbstverständlich die unrechtmäßigen Machthaber – besonders den verruchten Klüngel rund um Wunibert Runk, den abstoßenden, magenkranken Großinquisitor, der den verhängnisvollen Nagel von Jesu Christi Kreuz verschluckt hatte und daran krepiert war -, zur Rechenschaft ziehen lassen. Aber auch Runks designierten Nachfolger, diesen nicht weniger obskuren Prälaten Theophil Ratzbold, wollte er ehest möglich in die Schranken weisen – und natürlich auch vor die Schranken des Gerichts bringen. Doch alles sollte in Legalität erfolgen!

Nun, so viel stand fest (obwohl, es muss hier wiederholt werden, dann bekanntlich alles anders kam, als es vorgesehen gewesen war), der neue Staatschef hatte auch vor, das so wichtige Hygienewesen neu organisieren und vor allem liberalisieren zu lassen. Bei allen durchaus populären Innovationen – wie etwa: Leistbares Wasser für alle!, Unser Wasser muss rein in unsere Gläser ‚rein!, Finger weg von unserem Wasser! – sollten freilich wieder die überaus hohen Standards aus den vor-inquisitorischen Zeiten (etwa bei der Wasserqualität und auf dem Sektor der Seifen und Spülmittel, Zahnpasten, Gels und Shampoos) eingehalten und dort, wo es nottun würde, sogar noch erhebliche Verbesserungen vorgenommen werden.

*

Just den – zugegeben, als Leiter seines Zirkusunternehmens „Sambabesi“ (Motto: „Menschen, Tiere, Akrobaten“) eher schon wenig erfolgreichen – Enrico Annibale Struzzi, einen aus Florenz stammenden studierten Meeresbiologen und ehemaligen angesehenen Professor zu Padua, mit der Restrukturierung des Gesundheitswesens und der Hygienestandards zu betrauen, war in erster Linie die Idee Müllwarthers. Und der neue Messias erhoffte sich von Struzzis Kompetenz als Kapazität auf dem Gebiet des Wasserwesens in der Tat einiges. Des Italieners reiches Wissen als Aquarier sollte endlich den allgemeinen Niedergang auf dem Sektor Reinlichkeit stoppen und, damit verbunden, helfen, das gesamte Gesundheitswesen wieder funktionsfähig zu machen. (Denn zugunsten sinnloser interner Spionage und sündteurer Daten-Absaug- und Speichermaßnahmen hatten die beiden Großinquisitoren von Kirchstätten und Runk letztlich in äußerst kurzsichtiger wie auch durchaus frevelhafter Weise viel zu geringe Mittel für diesen so wichtigen sozialen Bereich zur Verfügung stellen lassen. Ja, das Gesundheitswesen lag allgemein im Argen!)

Freilich, Prof. Enrico Annibale Struzzi war ein Träumer. Deshalb wohl hatte den tüchtigen Biologen auch früh schon der Zirkus in all seinen bizarren Ausformungen fasziniert! Tierdressur, Akrobatik am Boden und in luftiger Höhe, auch Clownerie, Zauberei und Ventriloquistik, dann natürlich die Kuriositäten-Kabinette …, alles das, historisch wie aktuell, war die eigentliche Welt des vielseitigen Gelehrten aus Florenz. Und seine Seelöwen Polly, Lolly, Jolly und Fixy galten ihm – neben seiner Familie und den alten Lateinern, seinen Lesefavoriten, – unbestritten als Lebensmittelpunkte.

Aber – Struzzi war ein Träumer und ein gescheiterter Geschäftsmann zudem. Hatte ihn doch letztlich die traurige Insolvenz seines mit so viel Optimismus gestarteten Unternehmens dazu bewogen, Italien zu verlassen und in London auf ein Comeback hinzuarbeiten. Bisher deuteten seine Bemühungen allerdings nicht eben auf eine glanzvolle Finalisierung seines diesbezüglichen Strebens hin. Nein, wirklich nicht. (Selbst seine Seelöwen Polly, Lolly, Jolly und Fixy schienen das, gescheit wie sie nun einmal waren, zu spüren. Zumindest wirkten sie nicht selten ein wenig traurig.)

Struzzis Vorbild in Sachen Zirkus war der (allerdings als Unternehmer wesentlich erfolgreichere) US-Amerikaner Phineas Taylor Barnum aus Connecticut, auch König Humbug genannt. Der spätere Politiker, der zweimal dem Repräsentantenhaus seines Heimat-Bundesstaates angehörte und anno 1876 Bürgermeister von Bridgeport wurde, erwarb in seinem langen Leben (1810 – 1891) unter anderem das American Museum in New York und gestaltete es zu einer Stätte sensationeller (freilich leider auch durchaus halbseidener und äußerst zweifelhafter) Attraktionen um, die sogar international Aufsehen erregten. In der Folge fusionierte sein florierendes Zirkus- und Kuriositäten-Unternehmen mit James A. Bailey zu Barnum & Bailey Limited. Im Jahr 1907, weiß Wikipedia, ging der Millionen-schwere Trust schließlich an die ebenfalls im Zirkus-Business sehr rührigen Ringling Brothers. Rigling Bros. and Barnum & Baileys Circus firmierten zudem als The Greatest Show on Earth. Die Nachfahren verkauften an Irvin Feld, der das Mega-Unternehmen zwischenzeitlich an Mattel weitergab. Sohn Kenneth Feld kaufte den Zirkus schließlich 1982 zurück; und seine Töchter, Nicole und Alana, führen, laut Google, die Geschäfte seit 2010.

Die eigentliche Wiege der neuzeitlichen Zirkuskultur stand allerdings in England: Hier waren es die Kunstreiter des 18. Jahrhunderts, die gleichsam den Startschuss abgaben.

Mit Prof. Enrico Annibale Struzzi schloss sich wiederum der Kreis – in London …

Allerdings: Wäre Enrico A. Struzzi überhaupt der Geeignete für die Aufgabe als oberster Wächter über Wasserqualität und Hygiene gewesen? War er tatsächlich der passende Anwärter auf diesen durchaus verantwortungsvollen Posten? Diese Frage musste sich wie von selbst stellen – weniger, weil etwa an Prof. Struzzis Zuverlässigkeit zu zweifeln gewesen wäre, als vielmehr wegen dessen fachlicher Ausrichtung. Denn weder seine meeresbiologischen noch seine zirzensischen Erfahrungen prädestinierten ihn, genau genommen, so unbedingt dafür, ein so wichtiges Ressort im Bereich der allgemeinen Wohlfahrt umzustrukturieren, die Reinlichkeitsgebote im Land neu zu formulieren und in Zukunft als diesbezüglich höchster Repräsentant des Staates für Hygiene und Sauberkeit zu sorgen. (Denn da ging es um mehr als bloß um das Reinheitsgebot für Bier.)

Als Mister Pur Water hätte Prof. Struzzi womöglich in der Tat nicht so recht reüssiert. Er konnte sich indes, durch die allgemeine Entwicklung bedingt und angesichts der sich nähernden Katastrophe, die Probe aufs Exempel letztlich sparen.

Doch – nochmals halt! – wir wollten ja nicht vorgreifen!

Bleibt die Frage, was überhaupt für Enrico Annibale Struzzi als Hygiene-Obersten gesprochen habe? Waren es tatsächlich seine profunden Publikationen und seine durchwegs hochgelobten wissenschaftlichen Arbeiten als Meeresforscher? Seine eher wenig überzeugenden Leistungen als Seelöwen-Dompteur und Aushilfs-Ventriloquist in seinem Zirkus „Sambabesi“? Oder war letztlich der Umstand ausschlaggebend gewesen, dass sein Vater, Enrico Amilcare Struzzi, und der Vater Müllwarthers dereinst gemeinsam ein paar Semester (in Bologna) studiert hatten, also Kommilitonen gewesen waren? Woraus sich im übrigen später dann eine engere familiäre Verbindung ergeben sollte: Des Sanftmütigen Frau, Sophia, war die jüngere Schwester Struzzis …

Enrico Annibale Struzzi entstammte einer durchaus angesehenen Florentiner Familie, die sich immerhin einiges zugute halten durfte auf ihre Bedeutung in der Geschichte der Stadt und der ganzen Toskana. Man logierte zwar längst nicht mehr im vor Zeiten schon verkauften Palais in der Via de Neri, doch immerhin ebenfalls in der Nähe des Ponte Vecchio, in der Via degli Strozzi an der Piazza della Repubblica. Sie nannten sich, kam die Rede bei Familienzusammenkünften auf die Vergangenheit (was unweigerlich zu geschehen pflegte), mit leiser Selbstironie die Struzzis in der Strozzi-Straße … Das war ja nun auch eine feine Adresse, durchaus. (Auch wenn Enricos Vater, Prof. Enrico Amilcare Strozzi, ein anerkannter Privatgelehrter und gefragter Musikologe, bis zu seinem Tod in den 1980ern immer noch bedauert hatte, dass die schönen Besitzungen, die er aus seiner Kindheit noch so gut in Erinnerung hatte, so lange schon dahin seien; vor allem dem besagten stattlichen Palazzo in der Via de Neri weinte der tüchtige Biograph Ottorino Respighis zeitlebens manche heiße Träne nach …)

Durch Jahrhunderte hatte man – außer dem schmucken Stadtpalais – natürlich auch ausgedehnte Latifundien und Fattorien besessen im Gebiet des Chianti Classico. Doch auch die waren längst dahin; vom einstigen Reichtum zeugte nur mehr (und auch das bloß ansatzweise) der schon reichlich verblasste Ruhm, wie er sich in einer Ahnengalerie mit mäßig inspirierenden Ölschinken und in Alben mit vergilbten Photographien manifestierte.

Nun, ja. Ernrico Annibale Struzzis Vorfahren waren zwar nicht so direkt im Banne des Zirkus gestanden wie Prof. Struzzi, der Meeresbiologe, aber es hatten sich stets auch für sie diverse Möglichkeiten ergeben, ihre nicht unbeträchtlichen Vorräte an Geld und Vermögen zu verspielen, auszugeben, zu verlieren. Da hatten das Glücksspiel und teure Frauen gelockt, gab es riskante Geldtransaktionen oder missratene Kinder …

Die Struzzis waren selbstredend verwandt mit anderen bekannten Familien der Toskana, etwa den Ricasoli oder den Biondi-Santi; deren Namen bis heute auch den Liebhabern guter toskanischer Weine auf Schritt und Tritt begegnen, wenn sie einmal auf der Fährte des Brunello sind und vielleicht sogar das malerische Winzerstädtchen Montalcino ins Visier genommen haben …

Die Struzzis hatten sich sogar mit den Medici – wenn auch nur recht weitschichtig – gekreuzt (um es einmal biologisch auszudrücken); nur wurde darüber ungern gesprochen, da sich diese Verbindung mehr auf dem Terrain einer Liaison oder Mesalliance vollzogen hatte.

Enrico jedenfalls war zum Studium der Zoologie nach Padua gegangen, wo er Jahre später dann kurz selbst als akademischer Lehrer wirken sollte. Doch stets in seiner Karriere funkte dem durchaus ambitionierten Meeresbiologen seine heimliche (oder besser: unheimliche) Leidenschaft dazwischen, nämlich die unbezähmbare Liebe zum Zirkus.

So kam es, wie oben ausgeführt; bis sich nach einem finanziellen Fiasko der Herr Direktor mit seinen Seelöwen Polly, Lolly, Jolly und Fixy nach London absetzen musste. Und hier traf er nach kurzer Zeit seine spätere Ehefrau Sarah, einen an Meeresbiologie überaus interessierten Seelöwen-Fan (und eine langjährige Freundin Lady Dianas, der im Jahr 1997 leider so tragisch zu Tode gekommenen, unvergessenen unglücklichen Ex-Frau von Prinz Charles). Das Paar Enrico und Sarah heiratete und frönte ab nun all den Neigungen, für deren Bezahlung fürderhin in erster Linie (mit Tendenz hin zu ausschließlich) Sarahs Eltern, ein steinreicher Immobilien-Unternehmer und seine spleenige, blaublütige Gattin, ohne zu murren aufkamen. Lag der begüterten Familie doch vor allem das Glück ihrer geliebten Tochter am Herzen. Und – die Familie Winterbottom hatte es ja.

So logierte man seit mehr als einem Jahrzehnt schon recht vornehm in der pulsierenden Themse-Metropole, und zwar in der Pimlico Road. (Übrigens gar nicht weit entfernt vom späteren Kurzzeit-Exil Ferdinand Müllwarthers in der Bromton Road; die Welt war nun einmal klein.)

Und die Familie Struzzi, bestehend aus Enrico Annibale, seiner Frau Sarah, den beiden beinahe schon erwachsenen Töchtern Dorothee und Patricia sowie Nachzügler Robert (genannt Bobby), genoss das Leben, so weit dies in Londons Wetterlage nur möglich war.

*

Hier, in London, kreuzten sich nun, kurz bevor bei uns die Schreckensherrschaft der Inquisition beendet wurde, Struzzis Wege mit denen eines anderen Exilanten, den er lange schon und gut kannte und zu dem es sogar enge familiäre Beziehungen gab: Richtig, er traf auf seinen Schwager, den sanftmütigen Ferdinand Müllwarther, und dessen familiären wie politischen Anhang.

Der leutselige Exilant Müllwarther seinerseits war ebenfalls aufrichtig froh, den Bruder seiner Frau Sophia wohlbehalten an der Themse anzutreffen. (Auch wenn die Zusammenkunft natürlich keine zufällige war und im Gegenteil von Müllwarthers Entourage penibel geplant und quasi auf die Minute genau arrangiert worden war.) Und der neue Messias lächelte über sein ganzes länglich-ovales, nicht besonders ausdrucksstarkes Gesicht mit dem kecken graumelierten Spitzbart, der sogar für sich schon Sanftmut ausstrahlte (wenn Bärte das überhaupt können). Und Güte.

Doch auch dem rührigen Fünfziger, dieser politischen Hoffnung der positiven Kräfte, wie er allgemein (in Oppositionskreisen) genannt wurde, hatten sich die Sorgen ins Antlitz gegraben. Seine hohe Stirn trug wieder ein paar Falten und Fältchen mehr. Und in die früher einmal dunkelbraunen Haare hatte sich reichlich Weiß gemischt. Die Augen freilich hinter den Gold-gefassten Brillen schauten immer noch unternehmungslustig und, wie man interpretieren konnte, zum Staunen fähig in die Welt. (Sie schienen sogar im meist regnerischen London zielstrebig nach Sonnenstrahlen Ausschau zu halten; und dabei fündig zu werden – mit Müllwarther-Optimismus!)

Ja, der Sanftmütige hatte sich gleichsam ein bisschen Kindlichkeit bewahrt …

Da lag man sich denn ein paar Minuten ergriffen in den Armen: Ferdinand Müllwarther, seine Frau Sophia (richtig, Enrico Annibale Struzzis Schwester), dann Struzzi selbst und seine englische Frau Sarah (eine, wir haben es vorhin erwähnt, geborene Winterbottom); dann noch ein Schwager (Eugenio, wenn ich nicht irre) von der Struzzi-Seite, eine Cousine namens Erna (von irgendwem); und sogar Müllwarthers Bodyguards, seine Sekretäre, Referentinnen und Berater, außerdem und wie immer irgendwelche diskrete Leute von der erweiterten Security und zwei Mitarbeiterinnen Prof. Struzzis. Auch sie schienen sich, zumindest für kurze Zeit, in die Großfamilie einzuklinken.

Dann suchte man ein nahes Hotel auf, in dem schon ein Seminarraum reserviert war. (Und da dämmerte es sogar Enrico Annibale Struzzi, dem Seelöwenfreund und renommierten Meeresbiologen, dass dieses Treffen tatsächlich kein schöner Zufall gewesen sein konnte! Doch an diese neuen Gegebenheiten würde er sich wohl noch gewöhnen müssen, der Herr Ex-Zirkusdirektor. [Oder eben auch nicht – – –].)

Wie auch immer, nun also war Struzzi für den verantwortungsvollen Posten des obersten Hygienikers vorgesehen. Und wollte man dem neuen, dem designierten Staatsoberhaupt, dem Sanftmütigen, also Ferdinand Müllwarther, wegen dieser seiner Personalentscheidung (und auch andere ähnlich gelagerte Fälle betreffend) tatsächlich einen Vorwurf machen? War es nicht vielmehr naheliegend, dass seine Wahl, ging es um wichtige und die Zukunft elementar betreffende Positionen wie die Hygiene und das Gesundheitswesen, auf jemanden aus seinem Umfeld fiel, auf den er sich immerhin verlassen zu können glauben durfte?! – Eben.

Enrico Annibale Struzzi, der gewiefte Wissenschaftler und eher nur gedämpft erfolgreiche Zirkusmanager, hatte die vergangenen Jahre hindurch im Exil, hier in London, beinahe ausschließlich mit Seehunden (und mit den dazu passenden Fischen, die diesen klugen und zur Dressur bereiten Tieren als Nahrung dienten) zu tun gehabt. Oh, ja, Struzzi investierte viel Herzblut in immer neue Tricks, die er gemeinsam mit seinen sympathischen und erstaunlich lernfähigen tierischen Partnern, mit Polly, Lolly und Jolly sowie mit dem kleinen herzigen Fixy, erarbeitete.

Nach den traurigen Erfahrungen, die der tierliebende Professor in seiner italienischen Heimat hatte machen müssen, gebot ihm freilich der Rest an Vernunft, der auch einem idealistisch eingestellten Tiernarren geblieben war, seine (also: seines Schwiegervaters) wirtschaftliche Kraft nicht in ein neuerliches, riskantes, womöglich desaströses Zirkusunternehmen zu investieren.

Also arbeitete Struzzi sicherheitshalber für offizielle Stellen Expertisen zu meeresbiologischen Fragen aus; und die betrafen besonders die globale Erwärmung sowie überhaupt den Klimawandel und dessen zu erwartende Auswirkungen auf die englischen Küstengebiete. Diese recht diffizilen Arbeiten waren zwar zu tiefst deprimierend, doch war damit immerhin auch einiges zu verdienen. Und wichtig waren sie zudem, weshalb Struzzi seine Aktivitäten auch nach der Verheiratung mit Sarah Winterbottom beibehielt – in geringerem Ausmaß zwar, aber immerhin.

Denn Prof. Enrico Annibale Struzzi hatte sich ein beachtlich engmaschiges Netz mit wichtigen Schnittstellen innerhalb öffentlicher und privater Institutionen, Behörden und Non-Governmental Organizations (NGOs oder Nichtregierungsorganisationen) sowie mit quasi ambulanten Informanten auf diesem heiklen naturwissenschaftlichen Gebiet von hoher politischer Brisanz geschaffen; ohne aktuelles Wissen über die klimatische Entwicklung, sowohl lokal als auch global, war nun einmal nichts zu holen für ihn und seine Arbeit. Und für die ganze Welt. Ob es überhaupt noch etwas würde nützen können oder nicht, das sollte sich allerdings erst noch zeigen – – –

In seiner kargen Freizeit beschäftigte sich der überhaupt allgemein recht gebildete Italiener hauptsächlich mit der Lektüre lateinischer Klassiker der Philosophie, Politik, Poesie und Rhetorik; vor allem mit Cicero, Catull, Ovid, Properz und Seneca. Dies half ihm, nach eigener Angabe, die Schrecknisse der Jetztzeit leichter zu ertragen, da doch fast alles schon einmal da gewesen sei …

Mit der Hygiene hatte Struzzi sich bisher, zugegebenermaßen, abgesehen vom täglichen Duschen, kaum explizit abgegeben. Parfüm zum Beispiel war just auch nicht das Seine, da es seine geliebten Robben, die erwiesenermaßen überaus empfindlich auf zu intensiven Gerüchen reagierten, gar nicht mochten. Außerdem: Etwa ein Aftershave oder eine deodorierende Lotion mit Fischaroma war leider noch nicht auf dem englischen Markt anzutreffen; übrigens auch kein entsprechender Intim-Spray. Nicht einmal bei Harrods.

Doch nun, kurz nachdem einander Müllwarther und sein Schwager Struzzi in London getroffen hatten, trat die Exilregierung im Auftrag des designierten Staatsoberhauptes an den italienischen Meeresbiologen, Robben- und Rhetorik-Fachmann auch ganz offiziell heran, um ihn mit der ehrenvollen, sicherlich schwierigen und arbeitsintensiven Aufgabe zu betrauen. Ja, Struzzi wolle doch, bitte, die Oberaufsicht über das neu zu strukturierende Hygiene- und Gesundheitswesen in unserem Land übernehmen.

Also machte sich der vielseitige Meeresbiologe, Seelöwen-Intimus und Zirkus-Liebhaber mit Latein-Ambitionen auch gewissenhaft an die Vorbereitungen für das schwer Amt.

Doch …

doch …

doch – wir kennen das Ende – – –

Fortsetzung folgt!

 

Am Busen der Natur.

Die große Dürre, die nun schon über drei Monate geherrscht hatte, was uns freilich wie eine Ewigkeit vorgekommen war, hatte endlich aufgehört. Endlich! Wir fühlten uns zwischendurch, wenn die Hitze fast schon unerträglich zu sein schien, wie gerädert. Wir schwammen in uns selbst, brodelten und sotten förmlich … Es war uns zwischendurch schon so vorgekommen, als zerflössen wir! Ja, es war schlicht und ergreifend furchtbar gewesen! (Zudem wussten wir kaum Bescheid über die Gründe unserer Pein: Die allgemeine Nachrichtensperre in den Gefängnissen nährte zwar die Gerüchte; Genaues indes wusste man selbstverständlich nicht. Wie denn auch?!)

Und auf einmal, so, wie sie eingetreten war, ohne Ankündigung oder Vorzeichen, übergangslos aus lauem, unbeständigem Frühlingswetter, schien sie sich auch wieder davongemacht zu haben, die furchtbare Hitze; heimlich, still und leise … Und wieder kehrte so etwas wie Frühlingswetter ein. Vermutlich trog der Frieden, aber – wer konnte das schon mit Bestimmtheit sagen?!

Wir freilich sahen weit weniger vom allenthalben erneut ansetzenden Knospen und vom wiederaufgenommenen Sprießen; denn der minimale Ausschnitt, den unser Gefängnisfenster uns bot, ließ mehr erahnen von den Jahreszeiten, als er tatsächlich über sie verriet. (Außerdem befand sich die Luke in Übermannnshöhe, weit oben. Wir hätten uns – was wir einmal sogar versucht hatten – aufeinander türmen müssen, um wirklich etwas zu sehen. (Beziehungsweise: Der oberste dieser womöglich auch noch an die Bremer Stadtmusikanten erinnernden skurrilen Gruppierung hätte vielleicht einen Blick erhascht; doch hätten ihm die misstrauischen Gefährten seine Schilderung überhaupt geglaubt?!)

Das hatte also nicht funktioniert, weil sich der massive Raumkrüger mit aller ihm zur Verfügung stehenden Energie dagegen gewehrt hatte, den untersten Mann zu machen. Er wollte partout nicht, dass ihm der diabolische Ellmayer oder der dicke kleine Klohn, der besoffene Dr. Amminger oder ich auf den Schultern stünden. Und auch Amminger lehnte dankend ab. Nun, ich war nach einer Prügelattacke noch zu schwach; und Ellmayer oder Klohn? Die konnten glaubhaft ins Treffen führen, befürchten zu müssen, zerquetscht zu werden, würden sie die Basis bilden …

Doch dass es brütend heiß und höllisch schwül gewesen war, das stand sogar für uns fest; für uns, die hier Inhaftierten, die Unglücklichen. Die nichts von draußen mitbekamen. Oder kaum etwas.

Nun, den Wetterumschwung, den merkten wir selbstredend auch gleich. Ja, die Veränderung offenbarte sich uns sogar durch die außerordentlich kompakten Wände dieser furchtbaren Gefängnisanlage hindurch. Und wahrscheinlich fiel sie sogar den Kolleginnen und Kollegen unten auf, in den im Keller, eine Etage tiefer noch gelegenen Verliesen, die durch meterdicken Beton von allem beinah abgeschirmt waren, was man mit Draußen hätte bezeichnen können.

Die Hitze war nachgerade unerträglich gewesen, und auch nachts verlor sie kaum merkbar an Intensität. „Das ist die Hölle“, hatte Dr. Amminger in einem halbwegs nüchternen Moment einmal gesagt. „Das ist die Hölle!“ – „Dann warten Sie mal auf die Flut, Doktor“, hatte Ellmayer entgegnet; mit einem dünnlippigen, diabolischen Grinsen, das seine Zähne dennoch zum Teil sehen ließ. – „Auch wieder wahr“, setzte Raumkrüger hinzu. – Nur Klohn und ich hatten ängstlich geschwiegen, von einem zum anderen schauend; als seien das unsere Eltern oder zumindest die größeren Geschwister …

Und doch, unerträglich hin oder her, wir hatten sie ertragen und ausgehalten.

Die Hitze wartete übrigens mit einem besonderen Phänomen auf: Sie suggerierte, ähnlich einer Fata Morgana, im Zelleninneren alle möglichen Schönheiten der Natur, sprießende Wiesen, schattige Wälder, murmelnde Bäche und stille, kühle Seen … Ein Blumenmeer … Das Insektengeflirre und Vogelgezwitscher einer schönen Sommerlandschaft, die längst nicht so heiß war, wie die Wirklichkeit. (Es musste sich dabei wohl um eine Mischung aus Autosuggestion, Überlebenswillen und Wahnsinn handeln.)

Doch nun würde, das spürten wir mehr, als wir es gewusst hätten (man sagte uns außerdem so gut wie nichts), die Flut kommen. Ja, die Flut!

Weil nämlich immer die Flut kam, wenn die Dürre gegangen war.

Dieses Spiel kannten die Älteren unter uns schon, von denen einige sowohl Dürren als auch Fluten überlebt hatten; nun aber ihr Lied davon singen konnten.

Draußen musste sich indes politisch einiges getan haben. Und, wie es langsam durchsickerte, war in der Tat ein Umsturz – ob zum Besseren oder nicht, würde sich erst weisen müssen – vor sich gegangen. Wie es schien, hatte sich die Partei Ferdinand Müllwarthers, durchgesetzt, den sie immer noch den Sanftmütigen nannten. Also musste er es wohl auch sein. Immer noch …

Jetzt also herrschte zunächst wieder Frühlingswetter. Wir konnten uns die früher, während der beinahe unerträglichen Dürre, halluzinierten blühenden Matten und bunten Wiesen mit ihrem Bienen-Gesumm und Hummel-Gebrumm zwar wieder vorstellen; das ganze satte Grün, den murmelnden Bach, die ziehenden Federwolken … Die milde (und doch allmählich sommerlich kräftiger werdende) Sonne … Aber sie war dennoch vorüber. Und nun –

Ja, es war alles viel leichter zu ertragen (so schwer es auch weiterhin schien), weit weniger qualvoll, als von Durst gepeinigt und schweißnass. Aussichtslos.

Ja, es gab wieder Aussichten. Wenn auch, zugegeben: triste …

Denn ob sich tatsächlich an unserer Lage etwas ändern würde? Ob – sollte der Sanftmütige tatsächlich an die Macht kommen – für uns überhaupt an einen Umschwung zu denken war? Immerhin, so ganz unschuldig waren wir nun wohl auch nicht. Der gewalttätige Raumkrüger, der aufwieglerische Ellmayer, dieser hinkefüßige Teufel, dann der Trunkenbold Dr. Amminger, der stets mit irgendeinem Gesetz im Konflikt stand, weil er etwas zu früh oder zu spät getan hatte, oder Klohn, der blöde Intrigant; und ich … Ein Mörder immerhin, Denunziant dazu und Verhetzer …

Wir stellten zumindest nicht eben die glorreichen Beispiele aufrechter Bürger dar, die bloß unter die Räder eines teuflischen Unrechtsregimes geraten waren; auch wenn wir, zugegeben, tatsächlich unter die Räder eines teuflischen Unrechtsregims geraten waren.

Die Fragen blieben nicht lang unbeantwortet.

Finale.

Ihr seid frei!“ So schallte es, durch hochgezüchtete Lautsprecher-Frequenzen verzerrt, quengelnd fast wie die Bahnsteig-Durchsage eines Provinzbahnhofs, doch immerhin einigermaßen verständlich noch, über den wenig einladenden Appellplatz, die desolaten Sportanlagen und durch die vergitterten, dreckigen Zellenfenster. Und die Botschaft, dieses erlösende Ihr seid frei!, musste sogar in den tiefer gelegenen Kellerverliesen noch zu hören gewesen sein. Jedenfalls brandeten besonders von dort unten, wo angeblich die als extrem gefährlich und subversiv eingestuften politischen Gefangenen unter zum Teil furchtbaren Bedingungen untergebracht waren (wie einige Mitsträflinge bei seltenen Gelegenheiten zu erzählen wussten), unbeschreiblicher Jubel und wahre Freudenchöre auf. Gedämpft durch die dicken Schichten von Beton und Zement.

Ihr seid frei!“ Die verzerrte Stimme mochte zu Ferdinand Müllwarther, dem Sanftmütigen, gehören; oder sprach da einer seiner engsten Mitstreiter? Egal, der Inhalt war wichtig; und der stimmte froh! Ja, der Sanftmütige hatte die Herrschaft übernommen! So viel hatten wir alle sogar in unserer misslichen Lage – weitgehend ausgesperrt von jeglicher Öffentlichkeit und abgeschnitten von aller Kommunikation – mitbekommen, hier, als Gefangene in dieser so überaus streng geführten und rigoros organisierten Strafkolonie, in dieser unmenschlichen Hermetik der Ein- wie Ausgeschlossenheit, so viel hatten wir mitbekommen: Der Sanftmütige musste in der Tat endlich im unerbittlichen Ringen mit der inferioren und unnötigen Großinquisition, mit diesem geistlosen Geistlichen-Klüngel, die Oberhand gewonnen haben! Auch die Kämpfe der Revolutionäre unter einander (wie sie vermutlich seit geraumer Zeit schon getobt hatten, sollten nun vorbei sein, und auch sie kannten nur einen Sieger – Ferdinand Müllwarther, den Sanftmütigen. Denn Flügel- und Sektenstreitigkeiten gehörten nun einmal zu großen politischen Veränderungen.

Aber auch das Volk hatte vermutlich zuletzt sein Machtwort gesprochen; respektive: dreingehauen nach Noten! Sicher sogar. (Nur wir, die Eingekerkerten, hatten wieder einmal nichts davon mitbekommen …, oder eben einmal mehr nur ein paar Auserwählte.) Und, wie heißt es so treffend bei Gustave Le Bon – in „Die Psychologie der Massen“ von 1895 (9. Aufl. Hamburg 2014) -: „Je weniger die Masse vernünftiger Überlegung fähig ist, umso mehr ist sie zur Tat bereit.“

Auf denkbar eigenwilligen Wegen übrigens war die frohe Kunde dann doch auch zu uns gedrungen, über Informationskanäle, die ihre Bezeichnung, nämlich Kanal, durchaus zurecht trugen; mal mechanisch (durch Morsen, also: rhythmisches Schlagen auf freiliegende Installationsröhren und Heizkörper), mal analog (über alte versteckte Radioapparate und Transistoren), mal sogar digital (per Mobiltelefon, Laptop und Computer, durch Geräte, die allerdings nur den ganz besonders Auserwählten unter uns Inhaftierten, Eingesperrten, unter uns weggesperrten gesellschaftlichen Abweichlern zur Verfügung standen).

Ihr seid frei!“ Die im Grund scheußliche, noch dazu von diversen sehr eigenartigen Reibelauten und von anderen äußerst irritierenden akustischen Verwüstungen gleichsam verletzte Stimme des Sanftmütigen (wenn er es denn war, der da zu uns sprach; doch wer sonst sollte es sonst sein?) vermochte uns dennoch aufzurichten – wie eine unverhoffte Medizin, eine unerwartete Wunderdroge. Die Stimme des Sanftmütigen ließ gleichsam andere, lange schon verstummt geglaubte (beinahe vergessene) Resonanz-Stimmen in uns erklingen; leise noch, doch kontinuierlich anschwellend. Ja, sie vermochte, uns nicht nur bloß einen Funken Hoffnung einzublasen – sie entfachte vielmehr das langsam aufflackernde Feuer in uns, das man wohl empfinden mag, wenn nach langer Dunkelheit die Hoffnung wiedergekehrt ist; die Hoffnung, alsbald Anteil am gerechten Sieg nehmen zu dürfen. Egal, ob man dafür würdig ist oder nicht … Und die scheppernde, zwischendurch arg zerrissene Stimme brachte nach langer Zeit wieder etwas wie Zuversicht in unsere qualvolle Düsternis.

Ihr seid frei!“, wiederholte die quengelnde Stimme ihre Frohbotschaft, „doch, bitte, verschwindet! Verschwindet sogleich, wenn sich nun die Türen zu Euren Zellen und die Tore der ganzen Gefängnisanlage öffnen werden! Verschwindet! Seid weg! Seid unsichtbar! Ihr habt nur diese eine Chance …“ Dann gurgelten die Lautsprecher verdächtig, als ob sie jeden Moment zu erbrechen beginnen wollten. (In Wirklichkeit gaben sie nur ihren Geist auf.)

Jubel brach los. Zum unterirdischen, der aus dem Keller herauf drang, gesellte sich der sozusagen: überirdische, den unsere Zellennachbaren und letztlich alle Gefangenen im diesem Riesenkomplex anstimmten. Zaghaft erst, dann lauter werdend, anschwellend, schließlich sich zu einer Symphonie vermeintlicher Freiheit fügend. Erstaunlich, wie musikalisch, wie harmonisch eine mehrere Hundert (an sich weitgehend unmusikalischer) Menschen umfassende Horde klingen konnte! Erstaunlich!

Nur bei uns, in unserer verdreckten Gemeinschaftszelle, war es naturgemäß – wieder einmal – anders. Komplizierter. Hirnrissiger. Beschissener.

Mir wäre an sich schon zum Jubeln zumute gewesen; obwohl ich nicht leicht empfänglich bin für große Gefühle und ähnlichen Unsinn. Nein, ich halte mich selber für keinen sehr emotionalen Menschen. Das mag mitunter sogar von Vorteil sein, weil auch das Unangenehme nicht quasi ungebremst auf mein seelisches Flechtwerk trifft; ich vermag, glaube ich, deshalb manchen physischen Schmerz oder manche psychische Verwundung leichter zu ertragen. Ja, doch.

Frei? Was soll denn das …?!“, ätzte der hinkende Ellmayer, diabolisch grinsend wie üblich.

Frei sind wir?“, fragte ungläubig der dumme, feiste, riesenhafte Raumkrüger und spuckte in weitem Bogen auf den dreckigen Boden vor sich aus. „Verdammt – frei?!“

Und der dicke, kleine Klohn, während er wie verrückt durch die Zelle wieselte: „Nein so was! Nein so was! – Hab‘ ich’s nicht immer gewusst?! Hab‘ ich’s nicht immer gesagt?!“

Mach‘ dir nicht ins Hemd, Klohn!“, riet sarkastisch Dr. Amminger, der – wie meistens – einen in der Krone hatte. „Noch ist Polen nicht verloren …“ (Er merkte nicht einmal, welchen Stuss er zusammen-brabbelte, unser hirnmalader Mediziner im Daueröl.)

Frei?! – Das dürft ihr uns nicht antun!“, schrie plötzlich mit sich beinahe überschlagender Stimme Ellmayer, der böse Gnom, in Richtung Lautsprecher! „Nicht jetzt! Wo doch in zwei, drei Tagen der neue Turnus beginnt! Wo wir wieder in die Rollen und in die Anzüge der brutalen Henkersknechte, der strengen Wächter und ungerechten Wärter schlüpfen werden! Das kann doch -“

Jetzt?! Wo unsererseits endlich wieder mal die anderen malträtieren und quälen darf nach Herzenslust! Genau!“, stimmte Raumkrüger in seiner ganzen Stärke, Dummheit und schier den Raum sprengenden Körperlichkeit dem nichtsnutzigen Giftzwerg ausnahmsweise einmal dröhnend zu. „Nicht jetzt! Keine Freiheit, jetzt! Dann …, ja, …, später! Später dann, …, wenn unsere Herrschaft wieder vorbei ist! Dann gern …“

Lasst uns noch unsere Freude! Bitte! Der Turnus …!“ Der kleine dicke Klohn weinte beinahe.

Auch der besoffene Doktor stimmte nach kurzem, aber sinnlosem Nachdenken lallend zu. „Ja, nein …, jetzt nicht! Dann erst … Bitte!“ (Er nahm den letzten verbliebenen Schluck aus dem metallenen Flachmann und schleuderte das nun unnütz gewordene Gefäß an die Wand.)

Aber, hört doch -“ Mein Einwurf erstarb unter dem Gejohle der um Freiheits-Aufschub flehenden Zellengenossen. Klohn gab mir sogar eine Ohrfeige, um mein Ausscheren-Wollen aus dem Verband zu bestrafen. Dann setzte er sich wie ein trotziges Kind auf den dreckigen Boden und flennte leise vor sich hin. Der Teufelszwerg Ellmayer grinste aufs Grässlichste zu mir her, diese kleine gräuliche Witzfigur. Raumkrüger fletschte missmutig die gelben Zähne: „Jetzt halt‘ gefälligst dein vorlautes Maul, blöder Grünschnabel!“ Und Dr. Amminger schüttelte missmutig den Schädel.

Aber: Konnte es so bodenlos dumme Menschen geben? War solche Idiotie überhaupt denkbar?!

Die Freiheit, Leute -“, rief ich erregt. „Man verkündet uns das Ende unserer Gefangenschaft! Wir sind frei! Und ihr wollt das aufs Spiel setzen?!“

Ich sag’s dir nochmals: Halt‘ gefälligst dein dummes Maul! Der Turnus wird durchgezogen!“ Raumkrüger sprach’s und drehte sich, mit geballten Fäusten, abrupt von mir weg. „Du Trottel!“

Aber – es gibt keinen Turnus mehr, du Idiot!“ Ich wusste, damit war ich zu weit gegangen; doch was sollte ich tun? Es war nun einmal geschehen. Also fuhr ich, meine Furcht überspielend, erregt fort: „Es gibt nämlich auch keine Wachmannschaft mehr, keine Henkersknechte, keine Wärter! Niemanden, mit dem wir unsere Kleider tauschen könnten …“

Sie stutzten. Alle.

Hört nur! Was hört ihr – draußen? – Nichts!“

Keine Wachmannschaften …“ Als erster kapierte es Ellmayer, der diabolische Ellmayer.

Sie sind – weg … Abgezogen, abkommandiert …“ Was Dr. Amminger, plötzlich merkbar ernüchtert, da sagte, war wohl die Wahrheit.

Dann lasst uns also gehen!“, schlug der wieder quirlig gewordene dicke Klohn vor. Und er zupfte an seinem verschlissenen Sträflingsgewand herum, als ob er es auf diese Art verschönern wollte.

Schnell!“, rief ich. Und sogar der massige, große Raumkrüger folgte meiner Aufforderung.

Die Tür war tatsächlich nur angelehnt.

Im Nu waren wir draußen, wo einander schon Hunderte von den anderen Gefangenen in unbeschreiblichem Freiheitstaumel in den Armen lagen.

Dann erst bemerkten wir die Fluten, wie sie mit der Kraft eines Tsunamis auf uns zuschossen.

Es war zu spät.

E N D E

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