Herr Ober,

bitte zahlen!

oder

Anatol in Barcelona

Eine Kaffeehaus-Begebenheit von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2013.

(ENDREDAKTION: 2016.)

Immer sind diese Frauenzimmer uns untreu.

Es ist ihnen ganz natürlich … sie wissen es

gar nicht … So wie ich zwei oder drei Bücher

zugleich lesen muss, müssen diese Weiber

zwei oder drei Liebschaften haben.“

Arthur Schnitzler, Anatol:

Die Frage an das Schicksal

*

Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist,

Ihr heiterer Gottesdienst ließ mich zwei

Jahrtausende vergessen.“

Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“

Nun, was das betrifft -“

Undankbarer!“

Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen,

Sie sind zwar ein göttliches Weib, aber doch

ein Weib, und in der Liebe grausam wie

jedes Weib.“

Leopold Sacher-Masoch, Venus im Pelz

*

Im „Café Ohrenfrost“, I

Es ist noch eines von den wenigen Kaffeehäusern mit Stil, das „Café Ohrenfrost“. Die Tische sind, wie man es von früher kennt, klein und übersichtlich; und die Auswahl an Zeitungen will erst gar nicht weltstädtisch wirken. Zudem gibt es zwar guten Kaffee („Illy“), doch er heißt Schwarzer, Brauner (jeweils groß oder klein), Einspänner oder Melange; vergleichsweise Modisches wie Cappuccino und Caffè Latte findet wo anders statt. Und auch das Tee-Sortiment ist überschaubar: russisch, Pfefferminze oder grün, alles freilich aus den Beutelchen. Und wenn im Sommer der Schanigarten geöffnet hat, teilt der Gast meist sein knuspriges Nussbeugerl mit frechen, ein wenig dicklich wirkenden Spatzen.

Neben jungen, noch recht frisch aussehenden Servierkräften, die alle freundlich grüßen, schlurft beinahe schon wieder würdevoll ein ergrauter Oberkellner plattfüßig durch die Räumlichkeiten. Kein Wunder, dass er Carl (mit C) heißt; und über eine hohe kahle Stirn verfügt, die er meist in Runzeln trägt.

Es ist noch früh; für einen Besuch im Kaffeehaus zumindest. So gegen zehn Uhr. Im Radioapparat ist ein Klassik-Sender eingestellt, und es erklingt – dezent, doch mit etwas Mühe verfolgbar – die Ballettmusik „Tanz der Stunden“ aus Amilcare Ponchiellis Oper „La Gioconda“. Die Musik wird indes leiser, als verschwände sie bald einmal irgendwo im – Äther …

Die Sonne scheint frühsommerlich, doch sitzen Raoul und Fred, der schon etwas ältere und der im Vergleich dazu jüngere Schriftsteller, deren beider Stamm-Café das „Ohrenfrost“ seit Jahren schon ist, drinnen, wo wohliges Halbdunkel, das von der Holztäfelung herrührt, nicht nur die Optik dämpft, sondern sogar die akustische Wahrnehmung eine Spur zurückzudrehen vermag. Zwar darf hier geraucht werden, doch tun das beide nicht. Mehr. Vor ihnen stehen je ein Kännchen mit ungesüßtem Milchkaffee beziehungsweise mit russischem Tee (mit Zitrone und einem Stück Zucker) und zwei Tassen.

Der Ältere, Raoul, fährt gerade fort zu erzählen: „Also, es handelt sich um eine typische Dreiecksgeschichte, und dabei geht es um einen ziemlich alten, mittel-berühmten Filmregisseur -“

– mittel-berühmt?“, wirft Fred fragend ein, „was ist -“

Naja, eben nicht Spielberg, Scorsese oder Bogdanovich …“, erwidert Raoul, die Stirn runzelnd, wodurch er einen Augenblick lang ein wenig an den Ober Carl erinnert; obwohl er längst keine so kahle Platte hat und immerhin noch mehr Haare. Noch, wie gesagt.

Hm. Entschuldige, ich hab‘ dich unterbrochen -“

Also“, fährt Raoul fort, „Dreiecksgeschichte. Der Hauptdarsteller seines neuesten Filmes, an dem die internationale Crew gerade in Spanien dreht, in Barcelona genauer, das ist ein ebenfalls mittel-berühmter Bursche -“

Burton, Richard Burton?!“, wirft Fred gespannt ein.

Burton ist tot“, erwidert Raoul kurz angebunden. „Hörst du: tot! Außerdem: Der war ja nun in der Tat – berühmt …! – Und seine Frau spielt die weibliche Hauptrolle.“

Die Liz Taylor?!“ Fred ist verblüfft.

Die Taylor ist auch schon tot, lieber Fred!“ Jetzt wirkt Raoul ein wenig amüsiert. – „Egal. – Also, der mittel-berühmte Regisseur dreht mit dem mittel-berühmten Paar in Barcelona einen mittelmäßigen Film nach Motiven von Arthur Schnitzlers ,Anatol‘.“

Aha“, entfährt es Fred. „,Anatol‘, dieser leicht blasiert-gelangweilte Fin de Siècle-Typ, jung noch an Jahren, aber innerlich uralt und belastet von allem, was schon geschehen ist … Immer ein bisserl melancholisch, seelisch zerknautscht, sozusagen …, unverstanden … Ständig mit irgendwelchen Weibergeschichten belastet …, in ewiger mentaler Katerstimmung …“

,Anatol‘, ja, die Figur, die von sich selbst einmal so treffend sagt, er sei ein leichtsinniger Melancholiker …“, nimmt Raoul den Faden bereitwillig auf.

Also, der passt dann in der Tat gut zum Antoní Gaudí“, ist Fred von der Vorstellung angetan, „und zu seinen irgendwie traurig schwingenden Jugendstil-Fassaden. Traurig, trotz der gespielten Munterkeit der wippenden Flächen und gebrochenen Linien. Ja, doch: Der gehört durchaus auch dahin, nach Barcelona – fast so gut wie nach Wien. – Naja, der Wiener Jugendstil ist ohnedies viel zu vegetativ! Zu floral! Das hat immer so was Obstschaliges an sich …“

Aus dem (unsichtbaren) Radio erklingt – aus welchen Gründen wohl immer – erneut (oder schon wieder …, vielleicht auch: noch immer …) Ponchiellis „Tanz der Stunden“. Komisch; aber – man könnte es schlechter getroffen haben.

Raoul hält kurz inne, nippt am Kaffee, der gerade kalt zu werden beginnt. „Ponchielli, ,Tanz der Stunden‘, schon zum zweiten Mal heute … – Wiener Jugendstil und Obstschaliges, wie du das zu nennen beliebst … Daran hab‘ ich noch gar nicht gedacht, an diese Parallelen – nämlich an die zwischen Wien und Barcelona; und die Parallelen zwischen dem Anatol als Figur und nicht nur seiner Zeit, sondern einmal auch (und besonders) zu der ihn umgebenden Architektur …“ Und er notiert sich mittels seines silbernen Kugelschreibers der Marke Graf von Faber-Castell etwas in sein schwarzes Moleskine-Büchlein, das er zuvor aus der linken Außentasche seines dezent-karierten Jacketts genommen und dessen ebenfalls schwarzes Gummiband er erst sorgfältig bei Seite geschoben hat.

Jedenfalls“, fährt er fort, „verliebt sich der alternde Regisseur in die auch nicht mehr ganz so junge Schauspielerin -“

– was ihr ebenfalls schon angejahrter Ehemann natürlich bemerkt! Oder?!“, wirft Fred neugierig ein.

Ja. Natürlich merkt er es. Zwar ist er die meiste Zeit besoffen und hat gerade was mit einer jungen Kollegin am Laufen, aber das merkt er … Denn der mittel-berühmte Regiemensch bemüht sich ja auch gar nicht besonders um Diskretion. Im Gegenteil! Und die Schauspielerin ihrerseits ist die Launen und Eskapaden ihres Mannes auch längst schon wieder leid -“

längst schon wieder leid …?! Ja, hat es da denn vielleicht schon einmal eine Trennung gegeben?! Deine Formulierung, dass sie seine Eskapaden längst schon wieder leid sei, spricht doch wohl dafür?!“ Fred ist gespannt auf Raouls Antwort.

Klar doch! Trennung – Versöhnung – rein – raus … Eheschließung – Scheidung – Wiederverheiratung … Kurz: ein alter Hut!“, sagt der eher beiläufig.

Also doch – Burton und Taylor?!“, wirft der Jüngere triumphierend ein.

Nein. Die beiden haben auf diese spezielle Art von Ablauf zwischenmenschlichen Fehlverhaltens kein Abo, bitte sehr! So was passiert auch bei anderen. Außerdem: Er säuft Unmengen, sie nimmt Psychopharmaka … Das übliche Lied eben …“

Hm“, macht Fred. „Schade – obwohl: Mit wem, wenn nicht mit Burton und Taylor sollte man die Rollen von Burton und Taylor denn besetzen?! Und die -“

– sind tot! Genau!“ Raoul erhebt sich, um zu den Klosett-Anlagen zu gehen. „Bestellst du mir bitte noch einen Kaffee? Danke!“

Während sich Raoul vom Tisch weg in Richtung WC entfernt hat und Fred nach dem Ober Carl Ausschau hält, fällt ihm der dritte Schriftsteller im Café auf, der etwas weiter hinten sitzt; im Schatten des Schattens, sozusagen. Und unentwegt etwas in sein Notebook hackt. Ein dürrer, blasser und froschmäuliger Kerl in einem grün-braunen Samtanzug. Vielleicht Anfang, Mitte der Vierzig. Mit unattraktiver Nickelbrille. Vor sich – neben dem Notebook – ein Glas Campari-Orange. Rauchend die ganze Zeit. Zigarillos.

Endlich. Carl watschelt mit Würde in die Richtung des Tisches der beiden Schriftsteller, und Fred bekommt Gelegenheit, sich seines Auftrags zu entledigen: „Nochmals Kaffee mit ein wenig Milch. Ja …, und Tee mit Zitrone, mit einem Stück Zucker, bitte, Carl.“

Kaffee, Tee, kommt alles sogleich.“ Carl entfernt sich schlurfenden Schritts.

Raoul ist inzwischen vom Klosett zurückgekommen.

Hast du den Burschen da drüben gesehen?“, fragt Fred den Freund. „Ich glaub‘, der schreibt alles mit, was wir da reden … Ist das nicht der -?“

Raoul schaut dezent hinüber und ist sich sogleich sicher. „Ja, ich kenne ihn. Gott sei Dank, nur vom Übersehen …“ Und er setzt bissig hinzu: Hans, der Froschmäulige …“

Aha?! – Egal“, sagt Fred, „aber – erzähl‘! Wie geht es weiter mit deinem Plot?“ Der Autorenkollege scheint ehrlich neugierig darauf zu sein. (Sie beschließen, dem Froschmäuligen und dessen Anwesenheit von nun an keine Bedeutung mehr beizumessen.)

Und während Raoul sich in Gedanken nach Barcelona versetzten lässt, tauscht Carl, der schon seit einiger Zeit mit der Bestellung auf dem Weg zum Tisch war, nunmehr hier angelangt, den neuen dampfenden Kaffee und Tee gegen die alten Getränke beziehungsweise ihre traurigen Reste ein und fegt mit dem weißen Geschirrtuch ein paar imaginäre Brösel von der grau-gesprenkelten Marmorplatte des Tisches.

 

Anatol in Barcelona

Sie ist gereizt. Nicht nur Ivans wegen und seiner Saufereien, die wieder einmal unerträglich zu werden scheinen. Und, bei Gott, der angeblich in der Sagrada Familia sitzt, sie ist da schon einiges gewöhnt … im ständigen Auf und Ab ihrer Ehen; immerhin haben sie sich zwischendurch sogar scheiden lassen, aber wieder geheiratet … Na, ja. Jedenfalls ist sie gereizt.

Nein, auch ihre Medikamente taugen allem Anschein nach nichts mehr. Sie wirft, wie zur Bestätigung des eben Gedachten, eine leere Pillenschachtel in weitem Bogen auf den Teppichboden, und sie fällt, fast geräuschlos, neben den kleinen goldfarbenen Sessel, der dort steht.

Und Brunó ist – ja, wo ist er denn? Wo denn? Dieser elende Quacksalber! Wenn man die Ärzte einmal braucht, sind sie unter Garantie bei einem ihrer piekfeinen Kongresse … Oder sie machen Urlaub … Nein, Davos. Stimmt. Er sei in Davos, hat ihr Brigitte gesagt. Und sogar für sie unerreichbar, also für Brigitte, sein Eheweib! Da lasse sich eben nichts machen.

Ja, am nächsten Mittwoch komme er bestimmt wieder zurück.

Oder zumindest – voraussichtlich.

Natürlich werde sie es ihm ausrichten! Garantiert!

Ja, doch meine liebste Estelle!“ (Originalton.)

Kuh. Dickbusige Kuh. Euterkuh. Botox-gespritzte, brustvergrößerte Kuh.

So denkt die genervte Leinwand-Heroine.

Was Brunó nur an dieser Schlampe findet?! Jung, gewiss, sie ist jung. Aber das wird vergehen. Darauf können sie alle schon mal Gift nehmen. Auch Brigitte wird zu wabern beginnen, hautmäßig; und schlaffe Oberarme kriegen; einen enormen Hängebusen, auf alle Fälle. Oh, und wie der hängen wird! Phänomenal, denkt Estelle.

Gedämpftes Frühlicht fällt, durch den gelben Vorhang gebremst, ins Hotelzimmer.

Estelle langt sich das Glas mit dem Champagner, das neben dem Bett steht. (Von der Nacht noch.) Fade. Wie Ivan. Wie Brunó. Wie – alle. Oh, sie hat die Männer satt. Am sattesten freilich – Ivan. Dieses ewig besoffene Mannsschwein.

Da schnaubt Ivan wie aufs Stichwort im Morgenschlaf. Und wirkt dabei wie ein Nilpferd. (Schnauben Nilpferde überhaupt? Sie wird das bei Gelegenheit einmal googeln …)

Dann schlägt ihr Mobiltelefon an: ein paar Takte des Ponchielli-Ohrwurms „Tanz der Stunden“. Und sie wirft das halbvolle Champagner-Glas um, sodass schnell eine kleine Pfütze auf dem Teppichboden entsteht. Eine Morgenpfütze.

Wie spät ist es? Oh, schon sieben …! Um zehn soll heute der Dreh beginnen … Außen. Wegen des Lichts um zehn …, um zehn erst, … eigentlich spät … Gut aber, denkt sie, dass Enrique sich meldet! (Sie hat sein Bild auf dem Display des Apparats aufleuchten sehen.) Der Regisseur als Weckdienst, hahaha! Nein, im Ernst: ein Gentleman der alten Schule, das. Und so lieb … Und so fürsorglich … Ein Schatz …

Ja, mein Lieber“, flötet Estelle in den Apparat, „was gibt es?!“

Hör zu!“, Enrique flüstert mehr, als dass er spricht. Und was er sagt, stößt er fast keuchend hervor: „Ein Hochhaus mit tausenden Appartements und einem Lift, der dauernd – fast schon Paternoster-mäßig, aber viel eleganter, verplüscht und vermessingt – rauf- und runterfährt. Überall wird Party gefeiert, wo man auch aussteigt und eintritt. Es sind lauter Lokale, die man da passiert, doch alle ein wenig unterschiedlich eingerichtet; nicht ungemütlich, doch auch bei weitem nicht heimelig. Durchwegs adrette junge Kellnerinnen und Kellner bieten Getränke an, Leute schwatzen, blöd zwar, vermutlich (denn so genau versteht man das nicht, was sie so reden), doch nicht direkt unangenehm; und ein paar äußerst gewagt gekleidete Frauen fallen da gar nicht weiter auf. Ein paar Besoffene ebenfalls nicht.

Vielleicht sind da auch Wohnungen? Suiten? Wahrscheinlich: hinten, irgendwo, an verwinkelten Gängen. Zumindest – Zimmer.

Überall bemerkt er Leute mit Gläsern in der Hand; manche glaubt er zu kennen. Und einige Typen haben wohl auch schon einen in der Krone. Er nimmt sich ein Glas Champagner von einem Tablett. Die junge Serviererin lächelt ihn freundlich an. Ist sie blond? Oder sind ihre Haare gar grün? Vielleicht: blaugefärbt? Egal. Der Champagner schmeckt gut, glaubt er. Zumindest ist das Gesöff kühl, eiskalt sogar, das er da trinkt. Oder kommt es ihm nur so vor, als tränke er?! Ein Spiegel – darin er oder vielleicht auch wer anderer?! (Es ist alles etwas verschwommen …), immerhin: jemand mit einem Glas in der Hand. Dahinter: ein Spiegel, der Jemand, das Glas in der Hand, ein weiterer Spiegel …, ein Spiegel im Spiegel … Das Glas ist voll. Er stellt es ab. Besser: Der Spiegel stellt es ab. Er schaut nur zu und wundert sich. Und schaut sich dabei zu, wie er sich wundert … Und er schaut …

Im Hintergrund ertönt – sehr leise, doch immerhin hörbar – der „Tanz der Stunden“, die Balletteinlage aus dem 3. Akt der Oper „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli. Auch das erinnert ihn an eine Erinnerung. Erinnerungen sind Spiegelungen … Genau.

Er weiß nicht, wo die Gesellschaft stattfindet, zu der er geladen ist; er steigt daher immer wieder in den Aufzug, verlässt ihn wieder; sieht erneut Gruppen von anderen Leuten …, auch Kellnerinnen und Kellner mit Tabletts, kleine Happen und Getränke darauf. Er betritt von Neuem eine Liftkabine und verlässt sie bald darauf wieder. Er steigt aus – und ist anscheinend immer und immer und immer falsch. Oder nur: noch nicht am Ziel … Doch gerät er deshalb keineswegs in Panik, er ist vielmehr belustigt über sich und die reichlich abgefahrene Situation. Es gefällt ihm irgendwie – alles, so wie es eben ist …

Obwohl das Hochhaus enorm viele Etagen haben muss, könnte er auf den jeweiligen, den einzelnen Ebenen ohne weiteres hinaus auf die Straße treten, wo es allerdings ein wenig regnet (oder geregnet hat?), wo es Nacht ist (oder zumindest später Abend) und nur wenige Autos fahren … Die Lichtkegel der meist schwarzen, auf alle Fälle dunklen Limousinen haben sogar etwa Beruhigendes an sich. Und die Regentropfen scheinen schwarz zu sein, ja: schwarz und leuchtend; glitzernd. Die Wassertropfen, die überall auf dem optimal gepflegten Lack und dem Chrom und Glas liegen, wirken fast frisch und haben etwas von Morgentau an sich. Obwohl es noch lange vor Mitternacht sein müsste. Oder – es ist überhaupt dauernd Nacht … Und die Regentropfen sind aus Blut? Und sie sind nicht schwarz – sondern blutrot …?! Blutrot … Blut ….

Auch Menschen gehen, allein oder paarweise und auch in Gruppen vorbei … Und neue Menschen kommen.Von irgendwo her. Und sie gehen gehen gehen irgendwo hin. Verlaufen sich.

Er hätte, wie gesagt, die Möglichkeit, hinaus zu gehen auf die regennasse Straße. Zur Metro oder zur Tramway. Doch er geht nicht hinaus. Denn er fürchtet, die Türen könnten doch verschlossen sein! Und er möchte nicht an verschlossenen Türen rütteln wie ein Idiot und am Ende doch noch die Panik bekommen! Um Himmels Willen! Bloß keine Panik!

Da fährt er lieber mit dem Aufzug weiter – hinunter, hinauf, hinauf, hinunter …

Er steigt, aus dem Lift heraus, also übergangslos, von Neuem in eines der bizarren Feste ein. Ein ehemaliger Wirtschaftslandesrat aus der österreichischen Provinz (woher mag er wohl diesen lästigen Kerl nur kennen?!) begrüßt ihn jovial und steckt ihm ein Säckchen aus Leder mit alten, vermutlich längst ungültigen Münzen zu, was er jedoch erst merkt (nämlich die Wertlosigkeit dieses Geldes als aktuelles Zahlungsmittel), als sich der Ex-Politiker in einer Rauch-oder Alkoholwolke verflüchtigt hat. Den Umstehenden scheint die Episode jedoch erst gar nicht weiter aufzufallen; man zelebriert gekonnt Small Talk und trinkt einander zu …

Er sieht auf seine Armbanduhr und bemerkt dabei, dass er nicht dem Abendempfang entsprechend, zu dem man ihn allem Anschein nach geladen hat, gekleidet ist; vielmehr scheint er nackt zu sein, eingeschlagen bloß in ein – immerhin reich-besticktes – weißes Leintuch. (Warum ist ihm das vorhin, in der Spiegelszene, nicht aufgefallen?!) Noch könnte er vielleicht sogar heim gehen oder fahren und sich rasch umziehen. Oder – wohnt er ohnedies auch in diesem seltsamen Hochhaus (Hotel), dessen einzelne Etagen hinaus führen (würden), da sie allesamt auf Straßenniveau liegen?!“

Enrique hält mit einem Mal inne in seiner minutenlangen Suada, merkbar erschöpft.

Nach einer Pause sagt Estelle: „Was soll ich damit anfangen?!“ Sie weiß nicht, wie ihr wird und was sie davon halten soll. Ist Enrique am Ende auch schon besoffen? Nein! Der doch nicht! – „Ein neuer Film?! Ich meine, ist das, was du da erzählst, vielleicht ein neuer Filmstoff?! Enrique, lass uns doch besser erst mal den alten fertig drehen!“

Weck‘ Ivan auf! Sofort!“, unterbricht sie der alte Regisseur in beinahe scharfem Tonfall, ohne auf ihren Einwand auch nur im Geringsten einzugehen. „Los! Weck‘ ihn auf!“

Bitte, nein! Er schläft ja noch seinen Rausch aus … Sei doch, bitte, froh, dass er in einer Stunde einigermaßen fit sein wird …“ (Estelle fände es äußerst unbehaglich, ihren Mann jetzt aufwecken zu müssen.)

Weck‘ ihn endlich! Mach schon!“ Enrique kennt kein Erbarmen.

Also rüttelt Estelle an Ivans Schultern, bis er sich verschluckt und, verwirrt zwar, doch immerhin halbwegs zur Besinnung kommt.

W- was -?“ Ivan schaut aus rotumränderten Säuferaugen in die Richtung seiner Frau. „W- wie spät – ist es … oder – besser: Wie früh?!“

Enrique will was von dir!“ Und sie hält ihm das Mobiltelefon hin.

 

Tapas und Fabergé-Eier

Meist trinkt er seinen Kaffee beim Frühstück im Hotel, wenn Aufnahmen anstehen, geht es auch gar nicht anders. Sonst aber besucht Enrique eines seiner Lieblingslokale. Wenn er in Barcelona ist, geht er am liebsten in ein kleines, fast intimes Café in der Nähe der Placa de Catalunya. Das ist zwar an der – auch um seine bevorzugte Frühstückszeit, so um neun Uhr herum, schon ziemlich bevölkerten – Rambla gelegen, doch kein ausgesprochener Touristenmagnet. Dort, wie gesagt, trinkt er seinen Kaffee, den ihm der (wie er, ja doch!) allmählich in die Jahre gekommene Wirt namens Pablo außerdem meist selbst brüht; so auch heute. Und da kann er dann, wie er es nennt, Einkehr halten.

Ein Bäckerjunge von dem uralten kleinen Laden nebenan kommt und bringt neue Backwaren. Er pfeift (ziemlich ungeniert) durch die Zähne. Ach ja, denkt Enrique: Amilcare Ponchielli, „Tanz der Stunden“ aus seiner Oper „La Gioconda“. Und er denkt weiter: Ponchielli – 1834 bis 1886; Uraufführung des Werks: anno 1876 im Teatro alla Scala in Mailand … Den Stoff hat Librettist Arrigo Boito übrigens von Victor Hugo übernommen …

Er ist aber nicht in Mailand, sondern in Barcelona. Und Barcelona findet er immer noch aufregend. Nach all den Jahren. Äußerst aufregend sogar.

Deshalb auch so gut geeignet für sein aktuelles Filmprojekt …

Man muss wissen, dass für jemanden, der zwar aus der Nähe, aber nicht direkt aus Barcelona stammt, diese Stadt vermutlich ein ganzes Leben lang ihr geheimnisvolles Flair noch stärker beibehält, als das bei echten Einheimischen im Allgemeinen der Fall ist. (Von Touristen wollen wir erst gar nicht reden …)

Enrique stammt übrigens aus dem Städtchen Tarragona im Süd-Westen, an der Costa Daurada gelegen. Tarraco, wie die Kommune in alter Zeit geheißen hat, ist das Zentrum der römischen Provinz Hispania Citerior gewesen; und hier hat Publius Cornelius Scipio anno 218 vor Christus, im Zweiten Punischen Krieg also, ein Militärlager errichtet, von dem aus die Römer dann die iberische Halbinsel erobert haben. (Danke, setzen!)

Ach ja, Enriques tarragonensischer Großvater, mit Namen Juan und als Schiffs-Zimmermann weit herumgekommen in der Welt, hat sich just aus Wien eine junge Frau geholt, die später Enriques Oma werden würde. Und Maria, an der Donau üblicherweise Mizzi genannt, hatte doch als kleines Mädchen tatsächlich, im ausklingenden 19. Jahrhundert, noch den Herrn Dr. Arthur Schnitzler kennengelernt … So ein Zufall auch!

An der Theke vor sich sieht Enrique die bunten Flaschen mit Spirituosen und die dunklen mit Wein vor einem langen, rechteckigen Spiegel. Dann, auf einer Seite der Theke, die appetitlichen Tapas; daneben Oliven, kleine frittierte Fische und das helle Fladenbrot mit den dunklen Backflecken. Im Rücken spürt er den schrägen Blick eines Habsburgers auf einer der scheußlichen Reproduktionen: nicht Kaiser Karl V. (oder als Spanier: I.) ist es, der ihn fixiert, und auch nicht König Philipp II. oder III., sondern Philipp IV., seinem Dafürhalten nach: der mit Abstand Hässlichste unter den allesamt Hässlichen. Egal.

Der heutige Tag ist von Haus aus als drehfrei vorgesehen gewesen, und am Nachmittag will er sich nochmals genauer die Aufzeichnungen von gestern ansehen. Nach dem Kaffee hier, bei Pablo, wird er wieder einmal den Park und die Wohnsiedlung Guell durchstreifen, Antoní Gaudís (1852 – 1926), wie so vieles dieses außergewöhnlichen Genies unvollendet gebliebene Anlage, die der Architekt und Designer für den namensgebenden Industriellen und Kunstförderer Eusebi Guell ab 1900 errichten hatte wollen. Ein Fragment, das, hätte es seine endgültige Ausführung erlebt, wohl eine Art vorweggenommenes Disney-Land in Barcelona geworden wäre. (Wenngleich auch auf höherem künstlerischen Niveau als die US-amerikanischen Mega-Vergnügungsparks.) Gedacht als ein Wohngebiet für Wohlhabende, damit sie hier unter sich hätten sein können. Doch der hochtrabende Plan ist eben nicht aufgegangen. Übrigens hat sich Gaudí selbst auch hier eingekauft …

Jaja, Gaudí, der große Einenbrötler und ingeniöse katalanische Baukünstler Antoní Gaudí y Cornet, wird im Jahr 1926 von einer Sraßenbahn-Garnitur erfasst; was in der Folge zum Tod des betagten Architekten, Stadtgestalters und Designers führt. Und auch die bizarre Sagrada Familia bleibt ein Torso. Auf ewig.

Ach ja, Gaudí, dieser so exzentrische, in sich versponnen anmutende Vertreter des sogenannten Modernisme; beeinflusst von der Gotik und den maurischen Bauelementen seiner Heimat, stets streng auf die Natur und ihre Formen achtend, konsequent und verspielt zugleich; von ernster Strenge und doch so humoristisch im Ausdruck … Ihm, Enrique, schwebt schon seit geraumer Zeit eine riesige Installation zu Ehren Gaudís vor – nämlich die Sagrada Familia, diese einmalige, obskure und bombastische Ewigbaustelle, dieser lebensbejahend-parodistische Kompromiss zwischen Zeit und Material, gebannt in ein riesenhaftes, halb-durchbrochenes Fabergé-Ei! Oder zumindest als origineller Film oder als prägnante Szene in einem solchen … Gesponsert am besten vom internationalen Konzern Ferrero, dem Produzenten der beliebten schokoladenen Eier mit Namen Kinder-Überraschung. (Warum nicht?!)

Fabergé. Die vergleichsweise kleinen, ja, zierlichen, nichts desto weniger sündteuren Meisterwerke der Schmuck-Manufaktur, die sich der St. Petersburger Goldschmied und Juwelier Carl Peter Fabergé da zum Ausklang des 19. Jahrhunderts, besser: zwischen 1885 und 1917, hatte einfallen lassen (und die als Ostergeschenke in der Zarenfamilie die ovale Runde machten), faszinieren Enrique im Übrigen kaum weniger als die im Wortsinn himmelstürmenden, mal kurvig schwingenden, mal flächig klotzenden, immer indes hinreißend unwirklichen Architekturen seines katalanischen Landsmanns Gaudí. Wie auch Arthur Schnitzler, um dessen so beinahe hysterisch-gebrochenes Ur-Mannsbild Anatol es in seinem künstlerischen Schaffen gerade geht, sind sie allesamt Kinder des so erstaunlichen Fin de Siècle gewesen. Dieser Epoche, geprägt von der Sehsucht nach möglichst stilechtem Absterben – und zugleich begierig auf faulig-blühendes Weiterleben; umrankt am besten von moribunden, aber pausbäckigen, naiv-lasziven Putten in makabrer, ungesund-giftiger Frühlingsstimmung …

Anatol. Erpicht zwar scheinbar bloß auf ausschließlich flüchtige Liebesabenteuer, dennoch in melancholischer Fadesse schmorend und beinahe schon in schmerzhafter Blasiertheit erstarrt, angeekelt darüber, eben diesen Ekel nicht noch stärker auskosten zu können … Hingegeben an den Augenblick und von Trauer just über dessen Vergänglichkeit merkbar bis zum seelischen Siechtum hin geschwächt … Ach Gott!

Und dabei, im Schnitzlerschen Original, noch so unverschämt jung! Anatol, der affektierte Jüngling, der mutwillig sein Leben hinzuwerfen bereit ist in seiner Melancholie und Langeweile. Der es jedoch nicht einmal zu einem geplanten Suizid bringt (geschweige denn zur Ausführung desselben!) wie sein Kollege, der Leutnant Gustl; der sich auch nicht tatsächlich erschießt wie der andere Schnitzler-Leutnant, Wilhelm, im Spiel im Morgengrauen.

So gesehen, das weiß auch Enrique, ist Ivan übrigens kein optimaler Anatol. Allein schon altersmäßig. Doch das zwirbelt den raffinierten Regisseur irgendwie an wie einen Kreisel: Den Schauspieler seinerseits zum Ausreizen der eigenen Grenzen zu bringen. Und außerdem: Machen nicht just der Lebensekel und die Fadesse den Jüngling alt vor der Zeit?!

Freilich, die Figur dieses Ramon, so heißt er im Film (wird er heißen, besser gesagt), also, freilich, Ramon ist auch kein spanischer Macho, wie es sich gehört: erfüllt von Machismo und eingedenk seiner einzigen Berufung: Ich oder der Stier! Nein, er ist und bleibt ein kleines Arschloch, das sich für was Besseres hält. Einer von denen, die gefühlt innen größer sind, als sie von außen der umgebenden Welt mitteilen und signalisieren können zu sein …

Soll sich Ivan nur abplagen damit! Er gönnt es ihm.

Doch sonst sind Enriques Ecken und Kanten längst abgerundet, und er selbst entspricht völlig dem Bild des weltmännischen Mitläufers – noch dazu: in seiner Profession! Daher kann es für ihn – und seine Geldgeber – auch ohne Schwierigkeiten und Verrenkungen einen katalanischen Anatol (Anatol in Barcelona) geben. Einen mit Falten, Hängebacken, Tränensäcken, Gewichtsproblemen und aufgedunsener Säufervisage. Und das Fin de Siècle herrscht nun einmal auch am Beginn des 21. Jahrhunderts vor, verdammt noch mal! Und in Barcelona.

Da hört er mit einem Mal das Klirren von metallischen Armbändern neben sich an der Theke. Klar, Estelle.

Du hättest Ivan gestern nicht so verschrecken sollen, Enrique! Wirklich …!“ Sie schmollt. Sie ist nur dezent geschminkt, und man merkt ihr durchaus an, dass sie nicht mehr so ganz taufrisch ist. Doch hat sie sich für ihren Lebenswandel erstaunlich gut gehalten – äußerlich, denkt der Regisseur, indem er sie küsst und ihr verliebt durchs geblondete Haar streicht.

Unsinn! Er muss den Tatsachen ins Auge sehen, Dein immer versoffener werdender Versoffener!“ Enrique ordert durch ein Kopfnicken noch einen Kaffee für sich. Und auch Estelle bestellt sich ein Tässchen bei Pablo.

Sein Sarkasmus hat sich auch schon besser angehört, denkt sie.

Aber – in der Früh … Das war ein Schock für Ivan!“ Sie schmollt immer noch. Gespielt. Schlecht gespielt, wie er amüsiert feststellt. „Wegnehmen … Wer sagt denn so was! Noch dazu dem Ehemann der Frau, dem man sie wegnehmen will! Ist das Charmant?!“

Ich bin Spanier! Besser gesagt: Katalane!“ Enrique stellt das so sachlich fest, als würde er vor einer Amtsperson irgendeine Frage beantworten, seine Personalien betreffend.

Du bist ein Idiot!“, sagt sie, ebenfalls nicht allzu charmant. Dann ordert sie bei Pablo ein Glas Weißwein und ein paar kleine, frittierte Fische und dazu schwarze Oliven, Brot.

Jedenfalls ist er total durcheinander gewesen“, beschließt sie das Kapitel. „Und der gestrige Tag war eine Katastrophe …“

Ich hab’s bemerkt“, fügt Enrique seinerseits süffisant grinsend hinzu. „Dein Ivan ist nicht nur betrunken gewesen (damit kann er ja erfreulicherweise recht gut umgehen), er hat es geschafft, – zumindest gestern – der denkbar schlechteste Anatol dieser ganzen beschissenen Produktion zu sein!“

Aber -“ Estelle hält inne.

Ja, es war ein Fehler, ihn zu besetzen. Ja, Scheiße! Die ganze Idee Anatol in Barcelona war ein Fehler …“ Enrique geht nun auch zu Wein über – früh hin, früh her. Und er nimmt einen kräftigen Schluck aus dem ohnedies klein-bemessenen Glas. „Da hätte ich – was weiß ich – gleich eine Dokumentation über Gaudí in Wien drehen können …, oder vielleicht etwas über (er schaut hinter sich und zeigt Estelle die hässlichen Habsburger) Philipp IV., … oder -“

Das wäre vielleicht wirklich besser gewesen …“, gibt sie zu, bevor sie bei Pablo erneut auch Wein für sich bestellt. „Aber – warum hast du Ivan sagen müssen, dass du mich liebst? Und dass ich ihn verlassen sollte?! Ich meine, das ist doch wohl -“

Ich weiß, das ist eure Sache, deine und seine … Aber, verdammt nochmal!“ Enrique wechselt den Tonfall, er wird zudem leiser. „Ich habe vorgestern von Ernesto aus Madrid den Befund zugeschickt bekommen, und er hat mich zudem angerufen -“

Im „Café Ohrenfrost“, II

Also“, Fred hat einen Schluck vom Tee genommen und sich den Mund verbrannt, ist aber bestrebt, sich das nicht anmerken zu lassen, „der alternde Regisseur hat was mit der Filmdiva?!“

Ja“, bestätigt Raoul, der vorsichtiger ist in Bezug auf den brühheißen Kaffee vor sich. „Nennen wir den Regisseur Enrique. Er ist Spanier – besser: Katalane, aus Tarragona, einer alten Hafenstadt ganz in der Nähe Barcelonas. Er hat ein paar bekannte Filme gemacht und auch einige bedeutende Preise dafür bekommen, zwei Nominierungen, aber noch keinen Oscar … Sie, die Schauspielerin, heißt … Estelle. Ja, Estelle, eine Französin. Hat auch schon international viel gedreht, das meiste davon mit ihrem Lebensgefährten, Ehemann, geschiedenen Ehemann und (später dann) mit ihr wiederverheirateten Ehemann, mit Ivan, der ebenfalls aus Frankreich kommt. Warum sich Enrique, der mit den beiden schon zweimal gearbeitet hat, gerade jetzt unsterblich in die auch nicht mehr ganz taufrische Heroine verliebt hat, bleibt vorderhand noch offen …“

Hm“, macht Fred und versucht, erneut einen Schluck Tee zu sich zu nehmen, vorsichtig diesmal, sehr vorsichtig. „Und Ivan? Wie reagiert der auf die – anscheinend doch ziemlich heftigen – Avancen des Regiealtmeisters?“

Wenn man genau hinhört (nein: hin-lauscht), glaubt man, Ponchiellis „Tanz der Stunden“ zu hören. Oder ist es tatsächlich schon zu unserem Ohrwurm geworden, das Stück?!

Ja, Ivan ist naturgemäß empört“, erläutert Raoul die Situation. „Einerseits ist er in seinem Stolz und in seiner Mannesehre gekränkt – er ist zwar nicht Spanier, schon gar nicht Katalane, aber immerhin Franzose …! Zum anderen freilich plagt ihn ein zusätzliches Problem: Er hat gerade etwas mit einer Nebendarstellerin des aktuellen Filmprojekts am Laufen; nennen wir sie Isabella, eine junge begabte Italienerin. Und sehr willig und rassig und so …“

Aha, da kann er den Othello nicht so ganz ungebremst ‚raushängen lassen, wie er vielleicht gern möchte“, wirft Fred ein. Er nimmt unbedacht einen großen Schluck vom Tee und verbrennt sich erneut den Mund.

Genau. Er will sich ja nicht den Mund verbrennen“, fügt Raoul bei – zugegeben, mit einem etwas schadenfrohen Lächeln zum Schriftsteller-Kollegen hinsehend. „Immerhin vermag er, einiges aus der unersprießlichen Situation und den seelisch-körperlichen Verwicklungen dieser Dreier- beziehungsweise Vierer-Konstellation in die Interpretation seines katalanischen Anatol zu legen. Außerdem ahnt er instinktiv, dass diese Rolle nicht unbedingt die seine ist … Schon vom Alter her. Und da ist ihm jeder Strohhalm wichtig, an dem er sich darstellerisch vielleicht doch noch klammern kann …

Ohne dir nahetreten zu wollen, aber was ich gar nicht verstehe: Warum überhaupt ein Anatol in Barcelona? Ist dieser Typ nicht einer von ausgesprochen wienerischer Provenienz?!“, fragt Fred interessiert. Und zweifelnd.

Ja – und nein.“ Raoul nimmt einen Schluck vom Kaffee. „Anatol, dieser ewig suchende, zugegeben: blasierte und oft genug auch oberflächlich wirkende Tagträumer, der, stets seines Unglücks eigener Schmied, gern die ganze Welt für seinen Schmerz verantwortlich macht (ohne den er freilich nicht minder unglücklich wäre), dieser Anatol ist naturgemäß so ganz ein Geschöpf des Wiener Fin de Siècle, dieser kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Endphase des 19. Jahrhundert. Doch steigt sein Typus irgendwie auch aus der Zeit heraus …“

Vom Typus zum Topos …“, versucht Fred eine hübsche Verallgemeinerung.

No ja“, schwächt der Ältere den Einwurf vom Bonmot zum Kalauer ab. „Immerhin: Auch in Barcelona – und heute – gibt es genug junge Männer, denen es saumäßig langweilig ist, die nicht wissen, was sie tun sollen und wie …, die träumen und zweifeln …“

Aber doch auch – Frauen?!“, wirft Fred ein. „Oder?“

Richtig. Die Sache ist längst nicht mehr so auf den Jüngling zentriert, wie zu Schnitzlers Zeiten. Er, sein Erfinder (oder klassifizierender Einordner, sozusagen), nennt den Anatol einen virtuosen ,Hypochonder der Liebe‘ …“ Und Raoul fährt nach kurzer Pause fort: „Fred, du darfst nicht vergessen: Damals erlaubt die Gesellschaft es zwar den heranwachsenden jungen Männern, ihre sexuellen Erfahrungen zu sammeln; ja, der stillschweigende Konsens legt ein solches Verhalten sogar nahe. Den Mädchen und jungen Frauen, so sie als moralisch integer gelten wollen (und welche von ihnen will das nicht?!), sind solche Expeditionen in ein für sie weitestgehend unbekanntes Reich indes noch strikt verboten. Ja, sie scheinen rundweg undenkbar zu sein.“

Er greift zum Kaffee und sinniert schweigend.

Exkurs

Je strenger reglementiert und sogenannten guten Sitten unterworfen das Leben im Fin de Siècle ist, je übertriebener die (Schein-)Moral, je schwülstiger bald darauf zum Exempel der angeblich so natürliche Jugendstil – hier geht es in erster Linie um den an der Donau angesiedelten – oder, nicht viel anders, das Macho-Dasein in der katholisch-spanischen bürgerlichen Gesellschaft (egal ob sie sich nun künstlerisch dem Modernisme hingibt oder nicht), es brechen jedenfalls immer stärker weitgehende, unüberbrückbar scheinende Widersprüche zwischen angestrebter Tugend und dem eher kümmerlichen moralischen Ist-Zustand auf.

Auch zwischen männlicher und weiblicher Position, übrigens.

Und dies scheint verständlich, da sich letztere einigermaßen rasch (und für manche Männer durchaus bedrohlich) vorwärts zu entwickeln vermag; nach einer Jahrhunderte lang andauernden Stagnation.

Auch zwischen den starren politischen Gegebenheiten in Europa tun sich schier unüberwindbare Schluchten auf. Nämlich zwischen dem längst zur reinen Fassade gewordenen, weitgehend toten, doch immer noch künstlich beatmeten Absolutismus, einer mehr als fragwürdigen Restauration nach der verpatzten blutigen Revolte von 1848, einem wieder (wenn auch vermutlich zum letzten Mal) erstarkten Feudalsytem sowie ganz allgemein althergebrachten Traditionen, die einer grundsätzlichen Überprüfung längst nicht mehr standhalten würden, auf der einen Seite; und etwaigen aufkeimenden Illusionen, etwas noch nebulös Neues betreffend, das sie sogar befördern könnten, auf der anderen. Und, ob es nun genehm ist oder nicht, sogar die Position der Kirche bleibt nicht länger unangetastet. Zudem geraten die Schichten (wieder einmal, man erinnere Paris 1789!) gehörig ungehörig in Vermengung.

Im Fin de Siècle brodelt es – bei aller nach außen hin vorgetäuschten Saturation.

Und die Sexualität? Auch abseits des hoch-politischen Roulette-Tisches rollt die sozialrevolutionäre Kugel, und nicht nur auf dem Black Jack-Tuch häufen sich die Einsätze und meist miesen Karten der gläubigen Dummköpfe; auch das Heer der Einarmigen Banditen rasselt längst schon sein verführerisches Lied vom schnellen Geld, von (na, wenn schon: unverdientem) Einfluss und (kaum gebührender) Position, von (warum nicht gar:) Image und (hohlem) Adabei-Sein.

Doch, der Zeichen ungeachtet, die allenthalben auf Sturm stehen, sieht es so aus, als habe sich der sogenannten bürgerlichen Gesellschaft eine Art sexueller Idiosynkrasie bemächtigt. (Was Schnitzlers „Reigen“ überzeugend belegt.) Oder: Das Kaninchen hat der Schlange zu lange ins hypnotisierende Auge geschaut, was nicht ohne Folgen bleiben wird …

*

Anatol bedarf (allein schon, um seiner blasierten Berufung gerecht werden zu können) zur geschlechtlichen Erprobung neben den (meist jungen) Damen seines gesellschaftlichen Niveaus naturgemäß auch der Vertreterinnen aus niedrigeren Ständen; seien es nun gleich die Prostituierte, dann die Schauspielerin oder das legendäre süße Mädel. Und dass dies so ist, kann zum Beispiel besonders den sukzessive erwachenden und erstarkenden Sozialisten oder den in ihrem Stolz und in ihrem politischen Selbstvertrauen stetig zunehmenden Arbeitern und Werktätigen keinesfalls egal sein. Hier geht es den Männern, die als unselbstständige Handwerker, als Hilfskräfte und kleine Beamte gegen miese Entlohnung werkeln, allerdings nicht nur darum, dass sie letztlich nicht so besonders gern eine junge Frau zur Gattin nehmen, an der sich zuvor schon junge Männer aus gutem Haus zuhauf erprobt haben. Wie es übrigens auch für den Typus Anatol sehr wohl von Belang ist, was er über das Vorleben seiner aktuellen Geliebten (egal sogar, welchen Standes sie sei) weiß oder von ihr selbst erfährt.

Schnitzler behandelt das augenfällig in seinen „Anatol Skizzen“, darin heißt es, quasi parodistisch: „Er ist eifersüchtig auf den siebenten Geliebten und ganz beruhigt über die sechs, von denen er weiß.“

Doch auch die Frauen erlangen immer stärkere Mitsprache-Rechte – im familiären Bereich, aber auch und sogar politisch. Und vor allem: wortwörtlich. Die Kampfzone für den Mann tut sich jedoch nicht erst in den literarischen Arbeiten Schnitzlers (1862 – 1931) gefährlich auf; zum Exempel schon bei Leopold von Sacher-Masoch (1836 – 1895) hat sich, wenn auch überspitzt noch und quasi unter der Hand (und vermutlich Themen-bedingt: unterm Ladentisch weitergereicht) konsumierbar, ein beachtlicher Rollenwechsel vollzogen: Die Frau (das Weib) nimmt schon mal die Peitsche zur Hand und wird zur männlichen Sex-Obsession, indem sie mithilft, für sich und für den Liebhaber, der sich zuvor (und womöglich sogar vertraglich festgelegt!) freiwillig zu ihrem Sklaven gemacht hat, den auf- und erregenden Raum zwischen Lust und Schmerz auszuloten. Denken wir nur an Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ (und seinen gesamten geplanten Roman-Zyklus in sechs Teilen „Das Vermächtnis Kains“, worin er die Liebe, das Eigentum, den Staat, den Krieg, die Arbeit und den Tod thematisieren will).

Leopold von Sacher-Masoch, der zwar seine ganze literarische Karriere hindurch dem erotischen Sujet (durchaus auch dem frivol-oberflächlichen, indes gut verkaufbaren) verpflichtet ist, lebt seine eigenen sexuellen Leidenschaften jedoch nach Möglichkeit auch realiter aus; was bekanntlich bis heute in der Bezeichnung Masochismus weiterlebt, die auf den Psychiater Richard Krafft-Ebing (1840 – 1902) zurückgeht. In seinem Standardwerk „Psychopathia sexualis“ (1886) beschreibt Krafft-Ebing dieses abweichende Sexualverhalten (Paraphilie) erstmals wissenschaftlich; übrigens auch den Sadismus. Somit versteht man unter Masochismus die sexuelle Erregung (und gegebenenfalls auch Befriedigung), wenn sie überwiegend durch Submission sowie das Erleiden von Schmerzen und Erniedrigung erreicht wird.

Autor Sacher-Masoch schätzt die Wechselbeziehung zwischen Lust und Schmerz jedoch auch – neben ihrer thematischen Tauglichkeit in seiner literarischen Produktion – durchaus wissenschaftlich ein, nämlich paläontologisch, und schreibt dazu dezidiert: „Die Verwandtschaft zwischen Grausamkeit und Wollust ist daher wohl ein atavistischer Zug. Die Bienen töten die Männchen nach der Begattung. Ebenso erzählt uns die Legende, dass die fetischen Amazonen die Männchen wie Sklaven behandelten und sie nach dem Beischlafe töteten.“

Sigmund Freud (1856 – 1939) schließlich sieht den Masochismus in direktem Konnex mit dem Todestrieb und interpretiert ihn zudem als „unbewusstes Schuldgefühl“ und „als Strafbedürfnis von Seiten einer elterlichen Macht. Nun wissen wir, dass der in Phantasien so häufige Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden, dem anderen sehr nahesteht, in passive (femine) sexuelle Beziehung zu ihm zu treten, und nur eine regressive Entstellung desselben ist.“

Damit ist auch die homoerotische Seite des Phänomens angesprochen, wie sie in „Venus im Pelz“ übrigens in der Figur des Griechen deutlich zu Tage tritt … (Zu Sacher-Masoch, seiner Biographie, seinem literarischen Vorhaben und Freuds Stellungnahme: Helmut Strutzmann in seinem Nachwort zu „Venus in Seide“, Wien – München 1985; „Pschyrembel, Wörterbuch Sexualität“, Berlin 2002.)

Am Rande: Wollten Erotiker der Literatur wie Arthur Schnitzler oder Leopold von Sacher-Masoch – respektive ihre Figuren – gegebenenfalls der aktiv (übermäßig) betriebenen Sexualität abschwören, sie könnten a) auf den Traum, b) aufs Märchen und c) aufs Lesen ganz allgemein ausweichen. Ist der Traum schon für Sigmund Freud ein eminent wichtiges Ventil (und quasi ein bedeutender Nebenschauplatz des vitalen Lebens-Geschehens!), so können wir auch in vielen Märchen durchaus noch Relikte menschlicher Frühentwicklung erkennen, sie somit also atavistisch deuten. Das Lesen ganz allgemein schließlich wird sukzessive anerkannt als (übrigens: auch intellektuell befriedigende) Form der Unterhaltung, die sogar zur Lösung von Lebensproblemen tauglich scheint. (Stefan Bollmann, „Warum Lesen glücklich macht“, Berlin 2013; Detlef Bluhm, „Von Autoren, Büchern und Piraten. Kleine Geschichte der Buchkultur“, Düsseldorf 2009.)

Im „Café Ohrenfrost“, II, Fortsetzung

Doch die Strafe folgt bekanntlich auf weiblichem Fuß“, reißt Fred, ein hübsches Wortspiel drechselnd, den Kollegen aus seinen Überlegungen, die dieser just (in Sekundenschnelle) für sich getätigt hat. Und die sich nicht bloß auf realer (und skriptoraler) Ebene abgespielt haben, sondern auch gleichsam in lese-theoretische Gefilde abgeglitten sind.

Man könnte, wenn man wollte, ganz leise Amilcare Ponchiellis „Tanz der Stunden“ aus dem Radioapparat vernehmen, der über der Theke angebracht ist und in einer durchaus schonungsvollen gedrosselten Lautstärke ertönt.

Deine Estelle – sie treibt es doch mit dem Regisseur?“ Fred schaut erwartungsvoll.

Natürlich, ja“, sagt Raoul, „wenn auch mit schlechtem Gewissen.“

Und Ivan?“, bohrt der Jüngere weiter, „wie zieht sich der alte Säufer aus der Affäre?“

Nun, Ivan wird das alles irgendwie zu viel …“, antwortet Raoul gedehnt. „Ja, er hat die Nase voll. Estelle kotzt ihn an. Enrique kotzt ihn an. Und Anatol in Barcelona kotzt ihn ganz besonders an. Am liebsten ließe er sich volllaufen. Immer nur volllaufen. Und irgendwie kann man das vielleicht sogar verstehen und nachfühlen, nicht wahr?!“

Während Fred nickt, fährt der ältere Autor fort. „Isabella ist ihm naturgemäß keine Stütze – wie denn auch? Und hierin entspricht sie von ihrer seelischen Anlage her in der Tat den meisten der Anatol-Gefährtinnen; die sind ja eben auch nicht prädestiniert zu Seelentrösterinnen, wenn es hart auf hart geht. Denn in diesem Fall wäre statt ihrer Kompatibilität in Sachen Oberflächlichkeit, die sie sonst so angenehm macht, echtes Mitgefühl weit eher gefragt …“ Dann reagiert er auf Freds Blick, der kurz auf seine Armbanduhr gesehen hat. „Ich glaube, du musst gehen? – Ja, dann werde ich mich wohl am besten auch nach Haus begeben.“

Kann ich dich ein Stück im Auto mitnehmen?“, fragt Fred entgegenkommend.

Das wäre sehr fein. Dann werde ich später noch was besorgen. – Herr Ober, bitte zahlen!“

Du, kennst du das Stück, das die da dauernd im Radio spielen?“, fragt Fred seinen Kollegen beim Hinausgehen.

Ja“, antwortet Raoul, „das ist -“

Dann sind sie auch schon bei der Tür draußen.

 

Am Strand vor Barcelona. Nacht. Außen

Nein, nicht irgendwo am Boulevard Passeig de Gràcia, wo sie – Nacht hin, Nacht her – die Monumentalbauten des Modernisme erdrücken hätten können; nicht bei Gaudís Parc Guell; mitnichten an der gigantischen Placa d’Espanya und ihren irgendwie venezianisch angehauchten Backsteintürmen; schließlich auch nicht am Placa Reial und seinen Palmen. Nein, in der Anonymität des Meeresstrands, der ganz nah seinen leicht brackigen Geruch ausströmt, irgendwo neben dem Hospitalet de Llobregat, da stehen sie also beisammen. Von fern klingt ganz leise Ponchiellis „Tanz der Stunden“ herüber. (Estelle greift kurz zum Mobiltelefon, merkt jedoch sogleich, dass die Melodie aus einer anderen Quelle kommt.)

Ivan raucht nervös. Er hält ein Glas mit Malt-Whisky (Lagavulin) in der Rechten. Gut eine halbe Flasche vom selben Getränk hat er schon intus. Estelle schaut niedergeschlagen aus. Leicht verschmiert das Augen-Make-up, ohne Kontur beinahe der Mund. Auch sie ist nervös. Enrique glotzt ziemlich gedankenkarg zu dem zu einem Viertel geschmolzenen Mond hinauf, der in der Tat käsig wirkt. Nicht minder krank schaut allerdings der alte Regisseur aus. Später gesellt sich ihnen noch Isabella zu, was die Laune indes nicht allzu sehr steigern wird.

Also“, sagt Ivan, schon ziemlich voll, „Enrique, da … nimm sie dir …, von mir aus … Du kannst sie haben!“ Er weist am Glas vorbei auf seine Frau. Dann trinkt er ex. Schenkt sich aus der fast leeren Falsche nach, die er in der Linken schlenkern lässt, und sieht leicht blöd gegen den Mond, der heute überhaupt ziemlich viel aushalten muss an dummem Geschaue.

Denn jetzt tritt die kleine Isabella auf und in Erscheinung.

Sie hat sich – im Unterschied zu Estelle – bewusst aufgebrezelt. Ihr Ausdruck gleicht einem Sommerfest der Gewöhnlichkeit; doch da sie Italienerin (wenn auch bloß aus Tarvisio) ist, gleicht er eben einem italienischen Sommerfest. Man versteht … Sie schmiegt sich an den leicht schwankenden Ivan und gibt dadurch nonverbal kund und zu wissen, dass sie ihrem Geliebten ab nun auch öffentlich beizustehen vor hat, was da auch immer komme. (Noch zumindest genießt er immerhin den Status einer Mittel-Berühmtheit, eines Stars.)

Estelle sinkt noch mehr in sich zusammen. Bestätigt sich doch, was ihr die guten Freundinnen längst zugeflüstert haben am Set. („Du weißt schon, dass dein Göttergatte Ivan mit diesem komischen Huhn …, ja, mit der kleinen Isabella …“ – „Du, ich weiß nicht, ob ich es dir überhaupt sagen soll …, aber, da läuft was zwischen deinem Ivan und der kleinen Schlampe, dieser Isabella …“)

Enrique ist indigniert. Und außerdem hat er Schmerzen.

Er denkt an Schnitzlers Anatol. Und ein Gefühl des Weltekels packt ihn. Hat er sich das alles so gedacht? Hätte er nicht viel mehr ganz anders vorgehen können all die Tage? In der Kunst und im Leben? Mit den Frauen und überhaupt?

Aus welchem Grund auch immer kommen ihm die hässlichen Habsburger in den Sinn, dort in Pablos Bar. Diese schlechten, schon halb-vergilbten Reproduktionen an sich vermutlich weitgehend wertloser Gemälde, deren Bedeutung höchstens vom Standpunkt des Historikers oder vielleicht noch von dem des Kunsthistorikers her gerechtfertigt sein mag.

Diese breitlippigen und durch die hervorquellenden Augen fast schon zu Karikaturen verzerrten Gesichter. Und doch – der eine, Kaiser Karl V. (als Spanier: I.), konnte von sich sagen, dass in seinem Riesenreich die Sonne nie untergehe. Da nimmt man vermutlich auch einen gewaltigen Vorbiss ganz gern in Kauf! (Gut, König Karl II., der Verhexte, sieht ziemlich beängstigend aus. Er ist ja auch der letzte spanische Habsburger …)

Aber, was zum Teufel, hat er denn mit den hässlichen Habsburgern zu schaffen?!

Er hat Schmerzen.

Er braucht seine Medizin. Seine Injektionen. Nein – bald schon seine Chemotherapie.

Er braucht wahrscheinlich den Tod. (Zuvor noch – und auch ganz für sich – Estelle …)

Den Tod.

So sieht es aus.

Ivan, sich schon zum Gehen wendend, hält Enrique – wie spürt er bloß, dass der jetzt einen Whisky nötig hat? – die Flasche hin. Er geht, die kleine Isabella im Schlepptau.

Estelle umschlingt mit der Rechten, an der leise ein Metallkettchen klingelt, die Hüften des alten todkranken Regisseurs. Der nimmt einen Schluck Lagavulin.

Die Gruppe hat sich gleichsam in neue Formationen aufgelöst.

Auch ein zweites Dreiergrüppchen, bestehend aus den Regieassistenten Jens-Olav von Muhrstätt sowie Helge-Christian Uwe Hagedorn aus Deutschland und dem US-amerikanischen Kameramann John W. Brunchfather, beschließt, den Ort dieser hochdramatischen Zusammenkunft zu verlassen. Die drei Männer aus Enriques Film-Crew hatten sich, gut getarnt und in Deckung, auf Hagedorns Geheiß hierher aufgemacht, um etwas Material am Rande der Dreharbeiten hier in Barcelona zu sammeln; für alle Fälle. (Man munkelte, dass des mittel-berühmten Regisseurs Exitus wohl in nicht allzu ferner Zukunft zu erwarten sei …)

Ach ja, der Mond: Wenn ihm eine zur Verfügung stünde, zöge der käsige Trabant vermutlich eine dunkle Wolke vor sein verhärmtes Angesicht.

Aber da ist keine.

Im „Café Ohrenfrost“, III

Ich bin schon gespannt, wie es mit deiner Geschichte weitergeht“, sagt Fred, vor sich den obligaten heißen Tee mit Zitrone und mit einem Stück Zucker dezent gesüßt.

Raoul, an seinem Kaffee (wenig Milch, kein Zucker) nippend, nickt. „Unser Spion ist auch zur Stelle, habe ich gesehen …“, und er weist mit dem Kopf in Richtung des dritten Mannes mit dem Notebook. „Also -“

Während aus dem Radio – man hält es kaum für möglich – wieder dezent Amilcare Ponchiellis „Tanz der Stunden“ aus seiner Oper „La Gioconda“ erklingt, tippt der froschmäulige Kollege mit der Nickelbrille in der Tat wieder flott in die Tasten. Er raucht Zigarillos, hat einen Campari-Orange vor sich stehen und schreibt (oder besser: schreibt mit). Und zwar:

– der Rest ist rasch erzählt. Ivan verlässt noch in derselben Nacht Barcelona. In seiner Begleitung: natürlich seine neue Flamme Isabella. Sein Schnaps-Konsum steigt noch beträchtlich. Bis zum Kollaps. Dann hört er mit einem Mal zu trinken auf und ist fürderhin trocken.“

Na, so was auch …“, entfährt es Fred. (Das löscht der dritte Mann jedoch gleich wieder.)

Estelle steht dem auf den Tod erkrankten Enrique die nächsten Wochen in der Krebsklinik nach Kräften bei. Ja, sie opfert sich während der Chemotherapie förmlich auf und hält ihren Geliebten sogar bis zuletzt bei Laune. Was ihren Konsum an Psychopharmaka ziemlich in die Höhe treibt; was wiederum ihren Leibmediziner, den leicht flapsigen Brunó, irritiert.“

Also – stirbt der mittel-berühmte Regisseur?“, fragt Fred fast ein wenig zaghaft.

Hm“, nickt Raoul. „Ja, der alte Katalane geht final ab.“

Und der Film? Ich meine: Der ist doch fast fertig gewesen, oder?!“

Ja, das ist jetzt interessant“, erklärt der ältere Schriftsteller dem jüngeren, „also, Ivan, der nunmehr trockene, cleane Ivan, der erklärt sich bereit, das Celluloid-Opus (gemeinsam mit den beiden Regieassistenten und der Chef-Cutterin) fertig zu stellen. Auch Estelle hilft mit, so weit sie dazu in der Lage ist. Überhaupt nähern sich die beiden einander wieder …“

Und – Isabella, was ist mit der?“, wirft Fred fragend ein.

Die Kleine aus Tarvisio? Die hat sich längst schon wieder abgeseilt … Immerhin hat ihr Ivan zu ein paar Castings und in der Folge sogar zu einem recht lukrativen Vertrag in der Schweiz verholfen. – Also macht das Team unter der Leitung des nunmehr tatsächlich voll animierten und engagierten Ivan den Film rund um Anatol in Barcelona zügig fertig. Estelle und Ivan versöhnen sich – und heiraten medienwirksam ein drittes Mal. Der Film wird ein Jahr später im Rahmen einer Enrique gewidmeten Retrospektive in Cannes gezeigt und sogar mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.“

Schön“, sagt Fred, seinen Tee austrinkend. „Irgendwie sogar fast noch ein Happy End …“

Nun ja, wie man’s nimmt. Beim Rückflug von Cannes in ihr Domizil in der Schweiz stürzen Estelle, Ivan, außerdem Isabella und noch ein paar aus der prämierten Film-Produktion sowie die gesamte Besatzung ab, nachdem der Jet in Turbulenzen geraten ist. Es heißt, der Blitz hat ins Cockpit eingeschlagen …“ Raoul sieht nachdenklich in seine leere Kaffeetasse. „Herr Ober, bitte zahlen!“

Dann lösen sich Raoul und Fred jedoch in Luft auf.

Der dritte Mann (das Froschmaul) ruft, mit Blick auf den nunmehr leeren Tisch der beiden (wenn man ausgetrunkene Schalen, leere Kannen und halbvolle Wassergläser nicht zählt): „Herr Ober, bitte zahlen!“ Dann löst er sich ebenfalls auf.

Der alte Ober Carl watschelt (nicht ohne Würde, wir wissen es) durch’s Bild. Er bleibt in der Mitte des in fahles Frühsommer-Nachmittagslicht getauchten Lokals stehen und sagt: „Herr Ober, bitte zahlen!“

Er pfeift, so gut er es vermag (also nicht sehr gut), Ponchiellis „Tanz der Stunden“-Motiv durch die verbliebenen Zähne.

Dann löst auch er sich auf.

E N D E

Quellen und Literatur (Auswahl):

Biographisches Institut (Hg.), Weltbild: Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Detlef Bluhm, Von Autoren, Büchern und Piraten. Kleine Geschichte der Buchkultur. Düsseldorf 2009.

Stefan Bollmann, Warum Lesen glücklich macht. Berlin 2013.

Sigmund Freud, Gesammelte Werke. Köln 2014.

Internet.

Hildegard Kretschmer, Barcelona. München 2013.

Cornelia Niedermeier/Karl Wagner (Hg.), Literatur um 1900. Texte der Jahrhundertwende neu gelesen. Köln 2001.

Pschyrembel, Wörterbuch Sexualität. (Bearbeitet von Stephan Dressler und Christoph Zink.) Berlin 2002.

Arthur Schnitzler, Anatol. Dramen 1889 – 1891. Frankfurt am Main 2004.

Walter Schobert, Das Whisky Lexikon. Augsburg 2001.

Helmut Strutzmann (Hg.), Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz. Wien – München 1985.

Gotthart Wunberg u. a. (Hg.), Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 2013.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentar
Name*
Email*