Handke

aufs Herz

Ein Essay über den

Second-Hand-Goethe

und anderes von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Der Schall trifft ein, schlägt von allen Wänden

dieses Zimmers zurück, und auf diese Geräusche

hin setzen wir uns wieder.

Ror Wolf, Fortsetzung des Berichts

*

Trotzdem schien es mir ratsam, einen

Rückzugsort zu suchen, für den Fall, dass

die Dinge bald ausarteten.

Michael Houellebecq, Unterwerfung

*

Niemand sieht mir mehr ähnlich (im

Vergleich zu früher) – immerhin

Peter Handke, Vor der Baumschattenwand

nachts.

*

Erste Überlegung: Die Schmähung

Nicht etwa, weil sich heutzutage Schmähreden (wieder) als gefährlich entpuppen und herausstellen – man denke bloß an TV-Satiriker Jan Böhmermann und dessen (aus mancherlei Perspektive betrachtet: peinliche) Kontroverse mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und an den politisch-diplomatisch-juristischen Eiertanz in der Folge dieser Beschimpfung des autokratischen Regierungschefs im Fernsehen! -, nicht deshalb also versucht der vorliegende Essay, keine solche Majestätsbeleidigung gegenüber dem Großliteraten Peter Handke zu sein; sondern aus prinzipiellen Überlegungen heraus.

Etwa diesen: Wo ist da eine Majestät? Wo ein Großliterat? Und überhaupt: Warum sollte ich Peter Handke beschimpfen oder gar schmähen?

Außerdem: Lohnte es sich denn, diesen bereits seit längerer Zeit in eine Art unirdischer Verklärung gefallenen Second-Hand-Goethe und notorischen Weltengrübler zu beflegeln, den es immerhin und lägst schon aus der provinziellen Kärntner in die weltstädtische Pariser Engstirnigkeit verschlagen hat? Bringt es überhaupt (und wem) etwas, am vormaligen Liebkind des deutschsprachigen Groß-Feuilletons herumzumäkeln? Sollte man also den alten Knaben, der lange Zeit hindurch als gerngesehener Gast in den mit heißem Bemühen als intellektuell gelten wollenden Kreisen zu Gange gewesen, verbal tatsächlich irgendwie bekleckern? Nein.

Freilich, auch nicht, weil ich, der ich diesen Essay verfasse und zu Computer bringe, etwa schon einer Art Altersmilde anheimgefallen wäre (einer Altersmilde allerdings, von der ich erfreulicherweise sogar noch selbst etwas bemerkte, wäre sie denn bereits eingetreten). Nein.

Vielmehr ist es ein Artikel im österreichischen Wochenmagazin Profil (Gottes Grollen. [Nr. 10, 47. Jg., 7. März 2016]) – nämlich die halbwegs servile Annäherung des Schriftstellers, Übersetzers und Universitätslektors in Hiroschima namens Leopold Federmair -, der in mir die Lust zum vorliegenden Essay ausgelöst hat. Zu einer Prosa, die zum einen Teil auf persönlichen Reminiszenzen, zum anderen auf allgemeinem Erinnerungsschutt aufbaut; drittens, zugegeben, auch auf ein paar Buchhinweisen und dem Internet; folglich (es sei hiermit eingestanden!) auf nicht allzu festem Fundament ruht.

Und auch entsprechend subjektiv ausfällt.

Doch ist es nun einmal das Recht des Souveräns, des Lesers und Mitdenkers, auszuwählen, womit er sich beschäftigt und geistig auseinandersetzt. Und: Ob ich Peter Sloterdijk und Hans Peter Duerr für Kapazitäten halte oder den einen oder anderen für einen wirren Zausel, ob ich Michel Houellebecq für ein mittelmäßiges Schreibgestell, Jonathan Franzen hingegen für ein literarisches Genie oder John Irving für den skriptoralen Überflieger for ever halte, obliegt ausschließlich mir. Auch wenn ich dächte, nach dem Tod Umberto Ecos zahle sich Lesen überhaupt nicht mehr aus, wäre das meine Sache. (Nur denke ich, bei allem Bedauern über den Hingang dieses so wichtigen Denkers und Schriftstellers, nicht so.)

Übrigens, sogar wenn ich überzeugt davon wäre, seit der Lektüre von Sigmund Freuds Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ sei mir erst wieder aktuell in Maxim Billers freudvoll das (dabei nicht selten peinigende) Sexuelle betonendem Roman „Biografie“ so viel originär Jüdisches und vor allem: so treffender jüdischer Witz untergekommen, wäre das meine Sache. (Dass es bei Billers bizarrem Schelmenroman ganz allgemein um menschliches Scheitern [nicht nur bei Onanie und Kopulation], um allerhand Vergangenheitsbeschwörungen plus Trauerarbeiten geht, macht das pfiffige Buch noch interessanter.)

Aber retour zu Peter Handke.

Da entsteht in mir erneut das durchaus freundliche Bild aus früher Grazer Studentenzeit, da just dieser Peter Handke, der 1942 im Kärntner Griffen geborene Jungautor, engumschlungen mit seiner späteren Frau Libgart Schwarz (die damals am hiesigen Schauspielhaus engagiert war) durch den Grazer Stadtpark flaniert; und das Paar eine – durch allzu intellektuelles Gehabe, wie es scheint, kaum getrübte – Neigung zu einander signalisiert. (Der damaligen Haarmode geschuldet, ist von hinten gar nicht leicht zu eruieren, wer denn hier wer sei.)

Auch entsinne ich mich eines intensiven Literatur-Gesprächs mit einer hübschen Bekannten, die später unter anderem als Sachbuch-Autorin und freie Journalistin (zum Beispiel bei GEO) reüssieren sollte und die ich wenige Jahre zuvor im gemeinsamen Tanzkurs (ja, so etwas gab es in den 1960ern noch!) kennengelernt hatte. Sie legte mir, ausgestattet mit einiger Überzeugungskraft, Handkes kürzlich (nämlich im Jahr 1966) erschienenen Roman „Die Hornissen“ ans Herz. (Zugegeben: mit wenig Erfolg.)

Ich erinnere mich auch an ein Bewerbungsgespräch meinerseits um einen Dramaturgenposten beim Salzburger Landestheater unter Intendant Federik Mirdita) Anfang der 1980er Jahre, dem ein im Vorfeld zu erstellendes Referat über Handkes „Die Unvernünftigen sterben aus“ (und des Autors Nähe zu Adalbert Stifter) vorausgegangen war. (Das Referat fiel mir, dem gewesenen Germanistik-Studenten, weiter nicht schwer, den Posten bekam schließlich ein Salzburger Kollege.)

Ich entsinne mich indes auch des reichlich komplizierten Großdichters, mit dem ich es anno 1987 – als ORF-Journalist – anlässlich der Verleihung des Literaturpreises von Vilenica anno 1987 an ihn zu tun bekam. Da verweigerte er ein wenige Stunden zuvor fix zugesagtes Fernsehinterview, was mir in der Folge einige Malaisen mit den vorgesetzten Stellen in Wien einbrachte.

Die internationale Literaturauszeichnung im slowenischen Vilenica, das in der Nähe von Sežana und dem Lipizzaner-Urgestüt Lipica gelegen ist, war ein Jahr zuvor erstmals vergeben worden, und zwar an den Italiener Fulvio Tomizza (1988 ging der Preis an den Ungarn Peter Eszterházy). Sie galt und gilt weiterhin dem Mitteleuropa-Gedanken in der Literatur.

Auffallend an Handkes Betragen war damals zweierlei. Einerseits betonte er bei der Pressekonferenz anlässlich der Preisverleihung, die von einigen internationalen TV-Stationen mitgeschnitten wurde, gleich mehrmals, mit dem Begriff Mitteleuropa nichts anfangen zu können.

Zum anderen gewährte er anschließend zwar den Kollegen vom Fernsehen aus Laibach bereitwillig ein stundenlanges Interview (wozu meine ORF-Crew ihnen sogar noch zusätzliche Scheinwerfer für die dunkle Karst-Grotte lieh, in der das stattfand), bat mich jedoch im Anschluss daran, wohl aus Erschöpfung, auf den zugesagten Termin zu verzichten …

Wir konnten allerdings, anstelle des geplatzten Handke-Interviews, vom Kameramann sehr hübsch eingefangene Eindrücke munterer Lipizzaner sowie der pittoreske Karsthöhle in den Kulturbeitrag einfügen, der in üblicher Wiener ORF-Manier ohnedies mit kaum mehr als zwei Minuten (damals für die abendliche Zeit im Bild) nicht eben üppig bemessen war.

Doch – wie schreibt Handke in seinem aktuellen Journal (Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007 – 2015. [Salzburg und Wien 2016]) so zutreffend (und gewohnt punktlos):

Als „Erfolgsmensch“ ist man nicht „gut“ – in jedem Sinn

Ach ja, ach ja.

Zweite Überlegung: Die Ambivalenz

Was dadurch (die Einbeziehung von Bewusstseins-Geschehnissen in die Beschreibung, Anm.) an Erfassbarkeit und, wie man sagt, Geradlinigkeit abhanden kommt, wird aufgewogen durch den vielschichtigen und dichten Eindruck, den der Bericht im ganzen hinterlässt.“ So urteilt Peter Handke, kurzfristig in die Rolle des Rezensenten (Wort in der Zeit. [März 1965]) geschlüpft, über Ror Wolfs formal seltsame, durchaus innovative Prosaarbeit „Fortsetzung des Berichts“. In der Folge moniert er, „zu deutlich“ seien „die Nahtstellen sichtbar, zu deutlich“ würden „die Ursachen der Assoziation beschrieben, sodass dem Lesenden zum Mitdenken zu wenig Spielraum bleibt und er durch unnütze Erklärung sozusagen befangen wird, während an den gelungensten Stellen diese Erklärungen – oder die Möglichkeiten für eine Erklärung – in dem, der liest, von selber“ entstünden. Jaja, Spielraum, Erklärungen, Assoziationen, Mitdenken, Mäandrieren …

Um Erfassbarkeit und Geradlinigkeit war und ist allem Anschein nach auch Peter Handke nicht allzu sehr bemüht. Und das, obschon just einige seiner epischen Werke, aber auch seiner Dramen durchaus über stringente Argumentation und entsprechende Eindrücklichkeit verfügen. Da ist längst nicht alles bloß Schall und Rauch, mitnichten.

Bei den Theaterarbeiten geht es dem Schriftsteller merkbar (egal, ob in der gewollten Nachfolge von Bertolt Brecht, ähnlich wie Friedrich Dürrenmatt und anderen Kollegen oder ausschließlich handkeisch) in aller Regel um aktuelle Irritation und um Überwindung formaler, als verkrustet empfundener alter Strukturen; die legendäre „Publikumsbeschimpfung“ von 1966 oder der exemplarische „Kaspar“ können da als Beispiele gelten.

Apropos: Die echte Beschimpfung, die der junge, noch weitgehend unbekannte Poet in Princeton über die Mitglieder der (zugegeben: auch schon ein wenig selbstgefälligen und saturierten) Gruppe 47, die ihn zwecks Vortrag eingeladen hatten, niederprasseln ließ, war auch nicht ohne. Warf Handke den neuen Kollegen – darunter Günter Grass, Hans Werner Richter, Wolfdietrich Schnurre und anderen Prominenten – immerhin Beschreibungsimpotenz vor und bezichtigte, weil es in einem ging, die deutschsprachigen Rezensenten rundweg der Unfähigkeit, „andere als die abgedroschene Beschreibungsliteratur zu beurteilen“ (zitiert nach Kurt Rothmann, Deutschsprachige Schriftsteller seit 1945 in Einzeldarstellungen. [Stuttgart 1985]).

Die sachlich nicht unbegründete, aber als vorlaut empfundene Unbotmäßigkeit des Neulings“, schreibt Rothmann weiter, „verhalf der experimentellen und konkreten Literatur zu größerer Beachtung und weckte zugleich die Erwartungen für das, was Handke selbst zu bieten hatte.“

Die mittleren 1960er Jahre sind lang vorbei. Handkes Name war alsbald ein gefestigter (wobei die Gründe dazu freilich im spekulativen Bereich liegen mögen), wie auch die Netzwerke optimal gesponnen waren.

In der Prosa kreiste der – im übrigen äußerst fleißige und schaffensfrohe Schriftsteller und prominent in Szene gesetzte Dramatiker – freilich, mit nicht unwichtigen Ausnahmen – weiterhin gern um sich selbst und seine alles bestimmende Befindlichkeit. Hier macht sich dann wohl für den weniger geduldigen Leser nicht selten Langeweile breit. Doch spielt das zweifelsfrei in die Sphäre des Geschmacks, über den man bekanntlich streiten kann (aber eher nicht streiten soll).

Die an sich löbliche Konsequenz im Verfolgen der höchstpersönlichen, eigenen Meinung vermag Handke mitunter, besonders wenn seine Überlegungen politisch-ideologische Wege beschreiten, durchaus auch in die Bredouille zu bringen. So eckt er ab 1996, als er seine äußerst Serben-freundliche Prosa „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ veröffentlicht, mit seiner offen zur Schau gestellten Sympathie für den mehr als bloß umstrittenen serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milošević international ziemlich an. Dass er im Jahr 2004 den wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Angeklagten außerdem in Den Haag besucht, wo der Politiker vor dem UN-Kriegsverbrecher-Tribual steht, stößt weitgehend auf Unverständnis. Im Jahr 2006 wird Handke dann die Grabrede für den umstrittenen Milošević halten …

Manche nennen Handkes Intervention töricht. Dass es seine persönliche Sache ist, wie er auf den Balkankrieg und dessen Folgen reagiert hat, steht außer jedem Zweifel.

Nun haben auch andere namhafte Schriftsteller (und Handke ist nun zweifelsfrei einmal ein solcher) Dinge verfasst und veröffentlicht, die auf Unverständnis oder sogar auf Ablehnung gestoßen sind. Die diesbezügliche Liste ist lang und, wie gesagt, durchaus prominent.

Auch stellt sich die Frage, wer das Recht für sich beanspruchen dürfte, jemand anderen bekehren oder korrigieren zu wollen – auch den Bekehrer und Korrektor wohl nicht!

Auf wenig Verständnis freilich stießen die Unerbittlichkeit und der Trotz in seiner diesbezüglichen Haltung, deren Einseitigkeit eigentlich klar auf der Hand liegen musste.

Übrigens wurde Peter Handke schon vor dem Serbien-Rundumschlag rasch auch zum Objekt der internationalen Klatschspalten und der Yellow-Press. Da fanden seine diversen Liebessachen mit durchwegs prominenten (und durchaus ansehnlichen) Schauspielerinnen, aber auch seine familiären Veränderungen Erwähnung. So hatte die Ehe mit Libgart Schwarz nur bis 1973 gehalten, Handke war mit der im Jahr 1969 geborenen Tochter Anima wieder nach Paris und 1979 nach Salzburg gezogen. Seit 1995 ist der Autor (laut Wikipedia) mit Sophie Semin verheiratet. Insgesamt hat Handke zwei Töchter.

Allerdings: Auch der klassische Vor-Handke, nämlich Johann Wolfgang von Goethe, hatte sich in seiner Zeit schon optimal als Objekt für Klatsch und Tratsch in der Literatur-Kommune Weimar geeignet, wo ihn zumal der vorweggenommene Regenbogen-Journalist, Altphilologe, Gymnasial-Rektor und Verleger Karl August Böttiger nicht selten: sehr bissig, porträtierte und schilderte. (Klaus Gerlach und René Sternke [Hg.], Karl August Böttiger: Literarische Zustände und Zeitgenossen.[… 3. Aufl. Berlin 1998].)

Was nun den Inhalt der aktuellen handkeschen Tagebuch-Notizen betrifft, so werde ich als kritischer Leser den Eindruck nicht los, viele der reichlich überflüssigen Furznotate, die da aus dem Großdichterarsch pullern, imitieren lediglich Weisheiten, die selbst die Binse besser verschwiege (stießen sie ihr denn überhaupt auf).

Da drängen nämlich oftmals pure Nichtigkeiten penetrant ins Scheinwerferlicht, und Pseudo-Erkenntnisse bleiben einem wie eklige Kaugummi-Reste an den schiefgetretenen Schuhsohlen kleben. Doch der Weg geht unerbittlich weiter, immer an der Baumschattenwand ‚lang. (Wobei die permanente Reise durchs Irdische [oder: durchs Unirdische?] in der Tat eine gefährliche ist …)

Es findet sich hier denn auch viel Gewäsch, durchmischt mit dürren Schilderungen zweifelhafter Aha-Erlebnisse, die indes allesamt einen Vorteil aufweisen, nämlich durchwegs kurz zu sein.

Doch birgt Kürze allein noch keine Garantie für Würze.

Dritte Überlegung: Der Witz

Zwar kann man sich seine Lektüre aussuchen und muss die skriptoralen Hervorbringungen eines anderen nicht zur Kenntnis nehmen. Doch bleibt die Beschäftigung – zumindest periphär – nicht aus. Und wenn ich (obwohl nicht mehr journalistisch tätig und somit auch weitestgehend jeglicher Pflicht enthoben, Buchrezensionen zu verfassen) dann auf irgendwelchen Umwegen doch auf etwas stoße, was mich eigentlich lange schon nicht mehr interessieren müsste, kommt es eben zu gedanklichen Auseinandersetzungen.

Wie hier mit Peter Handke – beziehungsweise mit seinem Bewunderer Leopold Federmair, anhand des jüngsten Journals des Meisters. Zwar fällt die Lobeshymne des Exegeten nicht ganz so penetrant aus wie die wirklich nervige Rühmerei im Klappentext zu „Baumschattenwand nachts“, wo von den Verlegern Jung und Jung ihre hübsche Edition gleich als „ein weiterer Band in der Reihe der großartigen, welterschließenden Tagebucheintragungen Peter Handkes“ gepriesen wird, dennoch kräuselt es mir stellenweise schon bei der Federmair-Lektüre durchaus die Zehennägel.

Hier manifestieren sich in aller Penetranz schier grenzenlose Verehrung und uneingeschränkte Liebe eines treuen Adepten zum – für alle anderen unerreichbar in Wolkenhöhen thronenden – Olympier. Solche kritiklos-kindliche Zuneigung müsste zumindest dereinst mit göttlicher Nähe und immerhin teilweiser Geheimnisteilung belohnt werden. Irgendwann. Hier oder anderswo (.)

Da stehen an das von Überwältigung zeugende Gestammel angesichts einer Erscheinung des Christkinds erinnernde Ehrfurchtsbezeugungen schon delirierenden Ausmaßes, etwa: „Der geduldige (sic!) Leser wird bei Handke, besonders in den Aufzeichnungsbüchern, Anregungen für eine Lebenskunst finden.“

Oder: „Die Handke’sche Zeitkritik ist auf höchst konsequente Weise von Anbeginn (der Welt? unserer Ära? Handkes literarischem Schaffen? Anm.) und bis heute Sprachkritik, als solche dann auch Medienkritik, und sie fließt zurück in eine Wirklichkeits- bzw. Unwirklichkeitskritik, denn ihren Wirklichkeitsanspruch bestreitet er in den Medien unermüdlich.“ (Gut, diesen Satz verstehe ich schlicht und ergreifend nicht.)

Fazit: „Denn das Immer-Noch des alt-jungen, täglich auferstehenden Autors zeugt auch und vor allem von seinem nicht nachlassenden Bestreben, sich selbst und damit sein Werk zu bilden, zu formen, zu ändern, zu erneuern. Handke wandelt auch insofern auf den Spuren Goethes, des sich in aller Gelassenheit bildenden Humanisten, also des Mensch-Werdenden.“

Unklar bleibt übrigens, ob nun die kleinen, herzerfrischend dilettantischen Kugelschreiber-Zeichnungen, die das aktuelle Quasi-Diarium als Illustrationen mitliefert, als eigene – und eigentliche – Kunst oder bloß als putzig-verspieltes Beiwerk zur ehernen Spontan-Literatur des stets neugierigen, kindlich-staunenden Alles-Beobachters H. gedacht sind. Immerhin trüge manches bunte Bildchen durchaus das Zeug in sich, die dazugehörigen Anmerkungen zu ersetzen; besonders in den (nicht gerade raren) Fällen, da die punktlosen Denk-Spuren wenig pointiert sind.

Federmeier/Eckermann. Ja, doch! Die Federmaier-Darstellung des zu feiernden Autors gemahnt in mancher – metaphorisch: in jedes womöglich störende Geräusch stoppenden Filzpantoffeln erfolgenden – Annäherung an den Großdichter in der Tat an Johann Peter Eckermanns hinlänglich bekannte, von serviler Verehrung triefende Goethe-Apotheose. Und, um mir kurz den Untertitel von Rüdiger Safranskis gewohnt fundierter Goethe-Biographie von 2013, nämlich Kunstwerk des Lebens, auszuborgen: Hier wird krampfhaft versucht, aus Handke jetzt schon den Unsterblichen zu machen, den man nun einmal – wer und warum auch immer – gerne in ihm personifiziert sehen möchte. Wozu ihm allerdings nicht nur das vollzogene Ableben fehlt. (Um Himmels Willen! Handke möge [uns] noch möglichst lang erhalten bleiben!)

Bei all diesen Überlegungen möchte ich nicht außer Acht lassen, dass die weitgehende Humorlosigkeit Handkes immerhin in starkem Kontrast steht zu den möglichen Erquickungen durch Humor, Witz und Komik, wie sie etwa Sigmund Freud – wir erwähnten ihn und seine Abhandlung über den Witz weiter oben schon einmal – dem Ich (in dessen ständigem Kampf mit dem rigiden Es) offeriert. Beim Vater der Psychoanalyse heißt es (im Referat über den Humor [1927]): „Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhabenes, welche Züge an beiden andern Arten des Lustgewinns aus intellektueller Tätigkeit nicht gefunden werden.“ Und weiter: „Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narzissmus, in der siegreich behaupteten Unverletztlichkeit des Ichs.“ (Oder sollten wir uns, was den Narzissmus betrifft, in Peter Handke tatsächlich getäuscht haben?!)

Aber noch etwas: Die Leserin und der Leser dürfen, meiner Meinung nach, von der Literatur durchaus Unterhaltung erwarten. Und das nicht nur, weil Unterhaltung a priori nichts Schlechtes ist; sondern weil Lektüre – neben Wissensvermittlung, Aufrüttelung, Neugierbefriedigung und (meinetwegen:) Erbauung – eben auch Vergnügen bereiten soll.

Dazu bedarf sie, so mehrdeutig der Begriff auch sein mag, des Witzes.

Ohne hier gleich noch einmal Sigmund Freud bemühen zu wollen (an dessen grundlegender Abhandlung Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten von 1905 man in diesem Zusammenhang allerdings ohnedies nicht vorbeikommt), soll ganz allgemein festgehalten werden, dass Humor, humour, esprit, insgesamt: Witz nun einmal ein probates Mittel zur Unterhaltung ist. Punkt um.

Wir wollen uns hier nicht ex denso mit der potenziellen Schwierigkeit gerade der deutschen Literatur (zumindest seit Sebastian Brandt, Andreas Gryphius, Jean Paul et cetera) einlassen und auseinandersetzen, was das Komische und dessen Bedeutung wie Bewertung – besonders durch die Sprachwissenschaft – betrifft, müssen allerdings so viel festhalten: Um den Witz scheint es hierbei nicht allzu gut bestellt zu sein; zumindest obsiegt die meiste Zeit der mehr oder weniger flächendeckende Bierernst. Und fördert – vermutlich ungewollt – dadurch das Derbe, Untergriffige, den vulgären, zotigen Schmuddel-Spaß. Und diese Form von Witz wird dann leicht missverstanden als typisches Paradigma schlechthin.)

Als wesentlich aufgeschlossener erscheinen mir hierin längst schon die englischen Sprachwissenschaftler zu sein: Ihre komischen Götter – etwa Lawrence Sterne oder Lewis Carroll – dürfen sich ohne Schaudern als gleichberechtigte Verwandte von Christopher Marlowe, Ben Jonson oder William Shakespeare fühlen; greifen doch just auch die Großen gern und ausgiebig in die literarische Trickkiste des Kuriosen, Humorigen und der Komik.

In deutschsprachigen Ländern versuchte bis vor kurzem die maßgebliche Germanistik immer noch etwa Wilhelm Busch auf seinen Reim-gewordenen Pessimismus schopenhauerscher Prägung zu reduzieren; während man seine geniale Grafik ohnedies in eine andere Kunstdisziplin abschob (und in ihm überhaupt am liebsten den Schöpfer riesengroßer Ölschinken sah). Als eminenter Mit-Erfinder der Bildgeschichte nahm ihn die ach so hehre Sprachwissenschaft – wenig verwunderlich angesichts ihres verqueren Selbstverständnisses – so gut wie gar nicht wahr.

Und dass man in diesen bornierten Kreisen gerade noch bereit war, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und eventuell die Dadaisten quasi gnadenhalber gelten zu lassen, unterstreicht nur die Arroganz und zudem die bestürzende wissenschaftliche Weltfremdheit.

Die deutsche (auch und besonders die österreichische) Sprachwissenschaft setzte lange Zeit, sollte sie sich der un-ernsten Dichtung überhaupt (am Rande und entsprechend widerwillig) angenommen haben, rigoros auf die – warum auch immer – als weitgehend gesichert angesehenen Qualitäten antiker Komödienschreiber. Nun ja: William Shakespeare (in seinen Lustspielen) und Molière (recte: Jean-Baptiste Poquelin) ließ man zähneknirschend gerade noch gelten. Eventuell auch das komische Moment bei Cervantes.

Das hat sich erst in jüngster Zeit geändert, und man hält es mit einem Mal sogar zu denkmöglich, dass zum Beispiel auch Franz Kafkas Werk komische Elemente innewohnen könnten …

Zugegeben, auch in der sogenannten humoristischen Literatur liegen das Kraut und die Rüben ziemlich wirrwarr neben- und durcheinander; was indes dem Thema adäquat erscheint. So bedauert Eckhard Henscheid (in: E. H./Gerhard Henschel/Brigitte Kronauer [Hg.], Kulturgeschichte der Missverständnisse. [Stuttgart 1997]), speziell in seinem Artikel Humor. Ein Trauerspiel etwa die permanente Missdeutung Fjodor M. Dostojewskis – trotz intensiver Ermahnung beispielsweise schon durch Thomas Mann und Franz Kafka – als todernsten Dichter: „In Wahrheit handelt Dostojewskis Epik von Lautheit, Geschwätzigkeit, Disparatheit und Geistlosigkeit ad infinitum.“

Und in der Tat sind die Grenzen zwischen den Unterabteilungen des Spaßigen nicht selten schwer auszumachen. Allein schon die Begriffe Humor, Komik, Satire (plus Kabarett!), Parodie, Travestie et cetra verfließen oft ineinander wie Landschaftsfragmente in schwachen Aquarellen. Was bleibt, ist allenfalls das Horazsche Diktum Difficile est saturam non scribere.

Doch der Umstand, dass etwas schwierig einzuordnen, zu begrenzen oder zu definieren ist, sollte für eine gestandene Wissenschaft längst noch kein Grund sein, es zu leugnen. Im Gegenteil! Mehr Bemühung, meine Damen und Herren! Mehr Beschäftigung mit Witz und Satire!

Vielleicht so, wie es ansatzweise der leider früh-verschiedene österreichische Germanist Wendelin Schmidt-Dengler im Zusammenhang mit Johann Nepomuk Nestroy (Nestroy. Die Launen des Glückes. [Wien 2001] durchaus erfolgreich versucht hat.

Kurz retour zur Satura als (mit Pointen angefüllter Fruchtschale). Wir wollen hier zwar nicht auf Kurt Tucholskys mutig-aufwieglerischem Wort zur Sache herumreiten, was denn Satire dürfe oder nicht. Denn dann wären wir womöglich erstrecht wieder bei Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Ministerpräsidenten Rcep Tayyip Erdoğan vom April 2016 und beim diplomatischen Eiertanz um eine etwaige Strafverfolgung des TV-Satirikers. Doch sei es gestattet, allein schon den psycho-hygienischen Wert der Sache zu rekapitulieren. (Womit sich der Kreis zu Sigmund Freud geschlossen hat.)

Jetzt aber endgültig retour zu Peter Handke; sonst geht er uns bei so viel wirklich wichtigen (und unterhaltsamen) Aspekten am Ende noch verloren.

Wer glaubt, bei Peter Handke im Allgemeinen zu wenig Amüsantes gefunden zu haben (trotz intensiver Suche), um den Schriftsteller ein für allemal unter die unterhaltsamen seiner Profession zählen zu wollen, mag dies halten, wie er will. Und wem der Kärntner Weltdichter als zu langatmig oder zu egozentriert auf die Beschau des eigenen Bauchnabels beschränkt erscheinen mag, als dass er tatsächlich allgemein Gültiges zu formulieren hätte, der wird (es sei denn, er ist Rezensent oder sonst beruflich dazu verpflichtet) ohnedies nicht gezwungen, sich mit dem Werk des langsam in Erwartung sich endlich einstellender Altersweisheit zum verklärt-verklärenden Betrachter seines höchst-eigenen Universums Entrückten weiterhin auseinanderzusetzen.

So einfach ist das.

Der muss sich dann mit fragwürdigen Weisheiten, bei deren Anblick sogar die Binse sich abwendet, oder schlicht und ergreifend abstruse Notizen nicht weiter beachten wie: „So, wie ich mich kenne, kenne ich mich nicht“, „Schauen bis zum ersten Spatzen“, „Es ist nicht alles schön, was blüht“, „Ich ein ,Profi‘? Ein P. Bin ich höchstens in dem, was ich nicht tue; was ich sein lasse. Und nicht einmal da“ oder „Niemand sieht mir mehr ähnlich (im Vergleich zu früher) – immerhin“

Die wahrlich komfortable Freiheit des Schriftstellers besteht darin, auf-schreiben zu dürfen, was und worüber er möchte (und die des Verlegers, es gegebenenfalls [und auf eigenes Risiko] zu edieren); der Leser seinerseits verfügt über die nicht zu unterschätzende Macht, lesen zu können, was er will und wonach ihm der Sinn steht. (Ich habe hier bewusst nicht gegendert.)

Und das ist gut so. Handke aufs Herz.

E N D E

Literatur & Quellen (Auswahl):

Gottlieb Amsel (Hg.), Goethes schlechteste Gedichte. Salzburg und Wien 1999.

Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina. Eine Chronik aus Višegrad. 4. Aufl. München 2015.

Maxim Biller, Biografie. Köln 2016.

Stefan Bollmann, Warum Lesen glücklich macht. Berlin 2013.

Leopold Federmair, Gottes Grollen. In: Profil. Das unabhängige Nachrichtenmagazin Österreichs. Nr. 10, 47. Jg., 7. März 2016.

Sigmund Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Der Humor. 5. Aufl. Frankfurt am Main 1999.

Klaus Gerlach/René Sternke (Hg.), Karl August Böttiger: Literarische Zustände und Zeitgenossen. Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar. 3. Aufl. Berlin 1998.

Mary Gerold-Tucholsky/Fritz J. Raddatz (Hg.), Kurt Tucholsky: Gesmmelte Werke in 10 Bänden. Reinbek bei Hamburg 1975.

Peter Handke, Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007 – 2015. Salzburg und Wien 2016.

Eckhard Henscheid/Gerhard Henschel/Brigitte Kronauer, Kulturgeschichte der Missverständnisse. Studien zum Geistesleben. Stuttgart 1997.

Heinrich Hubert Houben (Hg.), Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Leipzig 1939.

Michael Houellebecq, Unterwerfung. 5. Aufl. Köln 2015.

Internet.

Peter Köhler (Hg.), Das Nonsens-Buch. Stuttgart 1990.

Ders. (Hg.), Das Nonsens-Buch. Stuttgart 2007.

Karl Kraus (Hg.), Die Fackel. (Zweitausendeins.) 12 Bde. München 1968 ff.

Kurt Rothmann, Deutschsprachige Schriftsteller seit 1945 in Einzeldarstellungen. Stuttgart 1985.

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. München 2013.

Ders., Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft. 3. Aufl. Frankfurt am Main 2015.

Ders., Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Frankfurt am Main 2016.

Wendelin Schmidt-Dengler, Nestroy. Die Launen des Glückes.Wien 2001.

Günter Stolzenberger (Hg.), Der komische Kafka. Eine Anthologie. Wiesbaden 2015.

Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur. 7. Aufl. Stuttgart 1989.

Ror Wolf, Fortsetzung des Berichts. (1959 – 64.) Frankfurt am Main 2014.

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