Gummibärlis

Wiederkehr

 

Ein Märchen

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, 2009

 

Verwundert hob der Greif die Tatzen.

Was! Hat noch nie von Muli-plissieren

gehört!“, rief er aus. „Aber du weißt

doch bestimmt, was plissieren ist?“

Ja“, erinnerte sich Alice mühsam,

es bedeutet – etwas-in-Falten-legen.“

Nun, also“, fuhr der Greif fort, „und

wenn du jetzt nicht weißt, was Muli-

plissieren ist, dann bist du schlicht

ein Simpel.“

Lewis Carroll, Alice im Wunderland.

*

Als Benno, 8, das angelutschte Gummibärli auf dem Gehsteig (auf der Höhe von Hausnummer 27 der Hartenaugasse) übersah, waren längst schon Staub, Dreck und Verwesung über den ehemaligen ersten Magier des Königs der Elfen, Ritter und Hundeköpfe gekommen. Gummibärli freilich hatte den aufgeweckten Buben – trotz des bemitleidenswerten Zustandes, in dem sich der einst glänzende Spross aus dem Hause Haribo nunmehr selbst befand – sogleich entdeckt.

Und schon am selben Abend, zu später Stunde, war der alte Gummirecke, adrett (so weit sich dies hatte bewerkstelligen lassen in der kurzen Zeit) zurecht gemacht, zur Stelle und läutete bei Familie Kalbsaug. Bennos ältere Schwester, Hildegunde, 16, öffnete, da sie ihren Freund Herwig, 18, erwartet hatte. Sie ließ Gummibärli jedoch – zugegeben, etwas mürrisch (wegen des nicht erschienenen Herwig) – ein und wies ihm den Weg zum Zimmer Bennos.

„Besuch für dich, Benno!“, rief sie, während ihre Rechte die Tür öffnete. „Da ist es“, ließ sie ihren Blick, jetzt ein wenig belustigt, auf Gummibärli fallen.

„Danke“, antwortete die gewesene Süßigkeit.

Als Benno ihnen, Tage später, von der leidigen Gummibärli-Sache erzählte, sagten die Eltern unisono: „Papperlapapp!“ (Das hatten deren Eltern, also Bennos und Hildegundes zwei Paar Großeltern, ihren Kindern, Bennos und Hildegundes Eltern also, auch schon gesagt. „Papperlapapp!“ Und unisono heißt soviel wie einstimmig.)

Doch bei seiner Schulfreundin, Pippi Heldentodt, auch 8, rannte der Bub gleichsam offene Türen ein mit der Schilderung des spätabendlichen Gummibärli-Besuchs. (Das mit den offenen Türen, die einer oder eine einrennt, ist so eine Redensart und bedeutet: Jemandem mit Eifer von etwas überzeugen wollen, was ohnehin auch dessen Anliegen ist.) Die Heldentodt sprang aufgeregt von der Couch und ließ ihr Computerspiel sausen, dass die final zu erledigenden Römer nur so durcheinander purzelten, von den Christen-Gladiatoren ganz zu schweigen. (Gladiatoren waren Kämpfer in den Arenen bei den alten Römern, als zumindest einige von denen durchaus noch jung waren. Besonders Christen eigneten sich gut für diese Unterhaltungsvariante, wenn man sie nicht ohnedies den Löwen zum Fraß vorwarf. Die Gladiatorenkämpfe hatten mit dem Tod der Gladiatoren zu enden; wenn nicht der Kaiser einen der Zweikämpfer, in aller Regel: den Sieger, begnadigte. Manche oftmals siegreiche Gladiatoren wurden verehrt wie heute Popstars, Super-Modells oder Leinwandhelden.)

„Erzähl!“, forderte Pippi Heldentodt ihren Freund Benno, fast außer Atem vor lauter Neugier, auf. Und Benno erzählte von seinem spätabendlichen Abenteuer mit Gummibärli.

*

Nun, Gummibärli gehöre, so schilderte Benno seiner Freundin Pippi, zu einer Eliteeinheit. „Eliteeinheit? Das ist doch was Militärisches …?!“, fragte das Mädchen.

„Genau! Aber hör’ weiter zu!“, erwiderte Benno aufgeregt. „Also, diese Eliteeinheit, der Gummibärli angehört, hat den Befehl, die Welt zu erobern. Möglichst geräuschlos.“

„Geräuschlos?“, fragte die blondhaarige Pippi, die von ihren Computerkampfspielen ganz Anderes gewohnt war.

„Ja, möglichst geräuschlos … Wie im Dschungel, verstehst du?“ Bennos Wangen glühten vor Aufregung.

Im weiteren Gespräch erläuterte er, das Gummibärli schon mehrmals im stillen Kampf der Gummibärchen-Kohorten verletzt worden sei. Doch so arg wie am Vortag habe es ihn noch nie erwischt.

„Und jetzt? Was ist mit Gummibärli?“, fragte Pippi, die plötzlich Züge der legendären Florence Nightingale zu tragen schien. (Florence Nightingale lebte von 1820 bis 1910 und wirkte vorbildlich als britische Krankenpflegerin im Krimkrieg, wo sie sich der Verwundeten in der Türkei und auf der Krim annahm.)

„Keine Angst!“, beruhigte Benno die Freundin, „ihm geht es schon wieder besser. Er befindet sich im regionalen Gummibärchen-Lazarett. Da wird er mit verschiedenen Pflanzensäften und Baumharzen gepflegt. Bald wird er wieder fit sein …“

„Und dann —?“ Pippi wagte nicht weiterzusprechen.

„Dann geht es allerdings wieder an die Front. ,The Show must go on!’“, kratzte Benno seine wenigen Englischkenntnisse, die er bisher im Kindergarten-Förderkurs und in der Volksschule erworben hatte, recht tauglich zusammen. „Sie müssen ja die Welt erobern!“

Pippi nickte bloß stumm. „Magst du eine Cola?“, fragte sie ihren Schulfreund.

„Ja, bitte!“, sagte Benno mit trockenem Mund.

*

Der (oder auch das) Gummi ist die Abkürzung für Gummiharze, also luftgetrocknete Säfte verschiedener Pflanzen, die in Wasser quellfähig sind, sich aber zum Beispiel in Alkohol nicht auflösen lassen. Gummi steht auch für Radiergummi, fälschlich auch für Kautschuk sowie für Präservativ. Aber das gehört nicht hierher, sondern eher zu Bennos Schwester Hildegunde, wenn ihr Freund Herwig doch und zur Sache kommt.

Gummi arabicum (E 414), auch Akaziengummi, Arabisches Gummi, Sudan- oder Senegalgummi genannt, ist die harzartige Ausscheidung aus dem Holz einer vor allem im Sudan heimischen Akazienart und wird für Geleezuckerwaren, Gummibonbons und Tortengüsse verwendet.

Die Gummibärchen-Soldaten gelten als besonders tapfer, nur sollen sie möglichst nicht mit Wasser in Berührung kommen. Anders als sonstigen Militärkräften kann ihnen jedoch Alkohol nichts anhaben. Deshalb wohl griffen die neuen potenziellen Eroberer der Welt auf die Gummibärchen zurück, um den Planeten endgültig in ihre Gewalt zu bekommen.

Wollt Ihr wissen, wie es mit Gummibärli weitergeht?

Wie schön für Euch.

 

E n d e

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