Goethe &

Schiller

Eine nebulöse

Geschichte von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Goethe spielt Flöte

auf Schiller sein‘ Piller

Friedrich Karl Waechter,

Volkstümlicher Denkmals-Entwurf

*

Der Theaterdirektor:

Aber hier ist kein Autor, wir

proben kein neues Stück.

Die Stieftochter:

Um so besser, um so besser,

Herr Direktor! Dann können

wir Ihr neues Theaterstück

sein.

Luigi Pirandello, Sechs Personen

suchen einen Autor

*

I

Ach ja, dachte Sauerbach. Schon wieder. Schon wieder dachte Sauerbach: schon wieder.

Es war wenige Minuten vor sechs Uhr in der Früh, und das Bett war müde. Da ging der Radiowecker an: Ö 1. Peter Iljitsch Tschaikowski, Blumenwalzer aus der „Nussknacker-Suite“. Vor sechs Uhr in der Früh schon – Vegetarisches … Fastenzeit!

Schon wieder.

Jetzt – exakter, in den letzter Wochen und Monaten –, da musste Sauerbach immer öfter denken: schon wieder.

Und überhaupt. So viel wie jetzt hat Sauerbach, seit Februar auch schon stramme 77, in den langen Jahren seiner beruflichen Tätigkeit als Strom-Inkassant und später in der Lohnverrechnung bei Gertenstroh & Bense, Immobilien, Bau- und Handelsgesellschaft mbH, nicht gedacht. Zumindest nicht am Stück.

Und in den Jahren seiner Pension schon gar nicht.

Nein, früher hat er viel weniger gedacht.

Aber da war er auch noch nicht überzeugt davon, eine Reinkarnation (oder, noch schlimmer: ein Wiedergänger) Johann Wolfgang von Goethes zu sein. Von Goethe. Man stelle sich das einmal vor: von Goethe!

Im Gegenteil. Er war dem allzu vielen, grüblerischen Denken stets abhold gewesen. (Wozu hätte es wohl auch führen sollen?! Und – überhaupt …)

Ferdinand Sauerbach war nun einmal kein faustischer Typ. Nein, Sauerbach hatte quasi absolut nichts Faustisches an sich. (Notabene: mit dem flachen Kopf! – Die Fäuste? Ja, vielleicht die Fäuste … Aber auch nur im geballten Zustand.)

Außerdem: Er war sein Lebtag lang seinem Eigensinn verpflichtet gewesen. Deshalb war auch der Kelch des Ehestandes an ihm vorübergegangen. Vorübergegangen, ohne dass er auch nur einen Gedanken der Reue daran verschwenden hätte wollen. Nein, nein! Dafür hätte er nie und nimmer getaugt.

Ja, ein bisschen herumfliegen, wie ein buntschillernder flachköpfiger Schmetterling. Das schon. Wie gesagt: ohne Fäuste und so. Blumenanbeter und Blütenbestäuber (vielleicht). Das ja. Aber besser keine Verantwortung. Keine Scherereien. Nein.

Ganz woanders stand zur selben Zeit August Bisam vor dem Spiegel in seinem Badezimmer, um sich mit dem Bic-Rasierer den Bart zu schaben. Er zog, seit er sich erinnern konnte, die Nassrasur der elektrischen vor. Und mit Schrecken gedachte er einer kurzen Phase, so mit 35, 40, da er einen Elektrorasierer der Marke Remington geschenkt bekommen hatte – von Paula, seiner damaligen Ehefrau. Mit diesem Teufelsgerät (dem Rasierapparat, nicht der Ehefrau) hatte er sich gleich einmal einen Gutteil seines Schnurrbarts weggehobelt.

Nie mehr Elektrorasur! Nie mehr! Das hatte er sich damals geschworen. (Obwohl das Pitrell recht angenehm geprickelt und gerochen hatte, nachher.) Nachher hatte ihn bald auch seine Gattin verlassen. Und die Kinder mit ihr.

Dann war ihm Schrundi über den Weg gelaufen. Sie hieß eigentlich Radgundis, doch alle nannten die rothaarige, vollbusige Frau: Schrundi. Warum auch immer. Dann hatten sie geheiratet. Nach kurzer Zeit schon. Auf Schrundi folgten bald Ehefrau Nummer 3 (Hildegard) und 4 (Emma). Ja, er brauchte eben ziemlich lange Zeit, bis er kapierte, eigentlich für die traute Zweisamkeit weniger geeignet zu sein. Schade, schade.

Da war er freilich längst schon wieder überzeugter Nassrasierer gewesen.

Bisam hatte bis vor elf Jahren in der Speditionsfirma Rothkorn & Bluhm AG & Co. KG gearbeitet. Erst als stets belobigter Fahrer im Außendienst, auch mit internationalen Frachten. Dann, nach dem dummen Unfall, hatte man ihn unter Berücksichtigung des Umstands, dass er eigentlich nichts dafür gekonnt hatte, in den Innendienst versetzt. Als Stapelfahrer. (Wer hätte es schon mit einem unangekündigt und auf der selben Spur der Autobahn entgegenkommenden Eisenbahnzug aufnehmen können? Noch dazu mit einem ICE? – Na, eben.)

Als Stapelfahrer war er dann vor elf Jahren, mit 65 in Pension gegangen.

Jetzt – seit ein paar Wochen – hielt er sich, quasi aus heiterem Himmel, für Friedrich Schiller. Schiller! Von dem kannte er außer drei Zeilen der Glocke keine Silbe. Bisher.

Irene Höstöwösiy saß vor ihrer Kristallkugel und rauchte. Vor sich einen zur Hälfte ausgetrunkenen Schwenker mit Cognac der Marke Martell.

Dann erblickte sie zwischen Gauloise-Kringeln die beiden Pensionisten. Ganz klein waren sie, in der Kugel gefangen. Gestikulierend. In Maßen gestikulierend. Alles – in Maßen.

Eng umschlungene Seelen. Ein Anhauch bereits von Castor und Pollux. Wer sich Anstößiges denken wollte, der sollte ruhig. Ja. Vielleicht war da mehr. Männerfreundschaften implizierten nicht direkt Männerliebe, doch schlossen sie eine solche auch nicht aus.

Sie leerte das Glas energisch.

Und nicht alle Fußballer, so schloss Irene an ihre vorigen Gedanken an, nicht alle Fußballer, die sich gegenseitig nach einem gefinkelten Torschuss aus schier unmöglicher Lage oder sonst nach irgendeiner extremen Heldentat umhalsten bis zum Coitus hin, waren tatsächlich schwul. Nicht alle Skirennläuferinnen lesbisch. Nicht alle Kugelstoßer Zwitter. (Wie auch nicht alle Balletteusen tatsächlich androgyn waren, nur weil sie so aussahen.)

O ja, sie, Irene Höstöwösiy, gefiel das Geturtel der alten kleinen Herren da, in ihrer Kugel, die – weiß Gott! – schon allerhand hatte mitansehen müssen.

Ja, das hatte etwas. Anmut. Liebenswürdigkeit. Spiel …

Auch Irenes zwei Pudeldamen, Rosi und Resi, schienen sich zu amüsieren.

In der Kugel eingeschlossen: Sie. Sie beiden. Sauerbach und Bisam – alias Goethe und Schiller. Eingeschlossen auf engstem Raum gefangen. Und doch in so lichten Weiten …

Ja, sie waren es! In der Tat: Johann Wolfgang und sein Friedrich! Freunde schon – also Horen-Zeit, Mitte der 1790er Jahre. Ja, Freunde. Gute Freunde. Intime Freunde.

Schwul vielleicht? Oder besser: bisexuell? (Immerhin die Freundschaft zwischen Goethe und dem Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach soll ja – in beider jungen Jahren – auch nicht so ohne gewesen sein … Warum also nicht Goethe und Schiller?! Und Irene erinnert sich des köstlichen Cartoons von Meister Friedrich Karl Waechter, betitelt Volkstümlicher Denkmals-Entwurf. Da bläst der Geheimrat und Minister – anscheinend gekonnt und spielerisch – dem Dichter und Philosophen einen. Bildunterschrift: Goethe spielt Flöte / auf Schiller sein‘ Piller.)

Ach, Leute! Seid doch tolerant! So dachte die weiß-schwarz-grau-haarige Irene, die sich ihrerseits wieder energisch ins Bild schob. Feurige Blicke der Erregung blitzend sowie eine neue Gauloise entzündend, sah sie unverwandt auf und in die Kugel aus Kristall. Während die zwei Pudel, Rosi und Resi, die alten Beine der gewieften Kartenlegerin und routinierten Weis- wie Wahrsagerin samtfellig umspielten.

Zwei charmante Züngler, die … Verwunschene Prinzessinnen waren es, Zauberwesen selbst, in die Gestalt kleiner, liebestoller Hündinnen versetzt durch vor langer Zeit schon angewandte Magie. Putzig und auch wieder streng, zwischendurch. Dominant. Aber zutiefst treu und anhänglich. Putzig eben.

Dann goss sich Irene Höstöwösiy noch einen Cognac ein. Doppelt. Einen quasi für Rosi, und einen für Resi.

Prost!

II

Adrian schüttelte missbilligend den Lockenkopf. Adrian Hauenpfurz schüttelte immer missbilligend seinen Kopf mit den rötlich-blonden Locken, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Er trank den letzten Schluck vom Kaffee. Hmhm. Grummelnd unterstrich er sein Schütteln mit gerunzelter Stirn. Hmhm. Er stierte missmutig in die leere Tasse. Sudbrösel.

Die Küche sah insgesamt so träge aus, wie sich das Ticken der Uhr an der Wand anhörte.

Ach, sagte Esther Wickel, um sich sogleich wieder ihrer Illustrierten (Focus) zuzuwenden. Lasst es doch.

Was?, schnauzte sie da Gisela Schwaar an, die abrupt aus ihren dunklen Gedanken, Friedrich Hölderlin betreffend, hoch fuhr. Was denn?! Und sie griff sich in die rotgefärbte Besenfrisur.

Eine matte, resignierende Handbewegung war alles, was Esther der Mitbewohnerin als Antwort gönnte.

Du, Adrian, du meinst – – – ? Gregor Heinrich Schrumperl ließ den Satz irgendwo zwischen drei halbverdorrten Kakteen hängen, wo er noch einige Zeit in Fensternähe oszillierte.

Scheiße, sagte Gisela. Im Geist klappte sie die Ausgabe von Hölderlins Hyperion zu. Zu laut das da hier. Zu laut. Und überhaupt … Scheiße!

Da gab man ihr durch Kopfnicken Recht. Zu mehr konnte sich niemand aufraffen.

Man gab –

Adrian fuhr fort, ärgerlich zu grummeln. Gisela sann irgendeinem Eindruck hinterher. Und Esther? Die las in ihrem Magazin.

Gregor Heinrich sah zweifelnd seinem letzten ausgesprochenen Halbsatz nach …

man gab –

sich und einander überhaupt nach kurzen Diskussionen gern Recht. Denn so wirklich gefestigt waren die Standpunkte der vier angehenden Sprachwissenschaftler ohnedies längst noch nicht. (Und wer weiß, ob sie es jemals sein würden … Vermutlich nicht. Waren doch eher postmoderne Typen das, nicht wahr?!)

Sogar, um das alles spielerisch zu nehmen, reichte ihre sprachliche wie menschliche Souveränität längst nicht aus. Nein.

Friedrich Schillers Spiel-These – „(…) der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – hatte sich in den Jung-Germanisten freilich auch noch nicht gefestigt. Besonders der Passus wo er spielt musste ihnen, die des Spieles – sieht man von ein paar dummen Computer-Games einmal ab – weitestgehend entwöhnt waren, womöglich für immer fremd bleiben.

Auch wenn es Schiller klarerweise weniger um Mensch, ärgere dich nicht!, um Schach oder um Mau-Mau als vielmehr um das Spielerische im gedanklichen Umgang mit der Philosophie (und als Basis zur Ästhetik) gegangen war, änderte das nichts daran: Adrian, Gisela, Gregor Heinrich und Esther taugten nun einmal nicht zum Spiel.

Und auch nicht zu der darin symbolisierten Freiheit.

Der deutsche Philosoph und Autor Rüdiger Safranski verwendet in seiner Biographie Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus (Frankfurt am Main 2016) in diesem Zusammenhang das schöne Bild vom Spiel, über das ein Rad verfügen muss in seiner Verankerung, um laufen zu können …

Freilich, hier, in dieser skurrilen Germanisten-Wohngemeinschaft, hatte das Spiel keinen Platz. Da drehte man, wenn es schon sein sollte, sozusagen, gezielt durch. Wenn schon, denn schon. Und inmitten einer Inflation der Werte, die vermutlich der Zeitgeist verschuldet hatte; wie Alpenrock, i-Phone und Laktose-Intoleranz.

Ach Gott! Sie waren eben bierernst, auch wenn Adrian eigentlich Rotwein und Gregor Wodka vorzogen, Gisela es auch in puncto Alkohol vorwiegend mit der Abstinenz hielt und Esther sich neuerdings auf Smoothies mit Tequilla festgelegt hatte.

Sie erkannten deshalb die ungeheure Ausweitung der „Dimension des Spiels (…) im Zeitalter der elektronischen Massenmedien“ nicht, von der Safranski (in oben erwähnter Schiller-Biographie, aber auch in seiner Anthologie Schiller als Philosoph [Berlin 2005]) spricht.

Und ihnen entging folglich auch, „dass sich Schillers Utopie der spielenden Gesellschaft (darin) auf überraschend banale Weise verwirklicht“ hatte.

Nämlich gut 200 Jahre nach Schillers diesbezüglichem Aufsatz „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“ (im Jahr 1795 in den Horen veröffentlicht).

Die vier studiosi standen indes auch, dem bekannten Ochsen vorm neuen Tor ähnlich, der Inflation aller Werte nicht einmal überrascht gegenüber: Sie sahen nämlich weder den Ochsen, noch das Tor, geschweige denn die tatsächliche Werte-Inflation.

Sie waren ziemlich hermetisch in ihrem Denken, was allerdings bei dem Studium, dem sie oblagen, weiter nicht verwundern konnte. Gefangene in der Hermetik der Worte und Zeichen.

Auch dass sie sich zu einer Art Kommune zusammengefunden hatten, einer vielleicht in den 1970er oder 1980er Jahren noch aktuellen Sozialform also, wirkte einigermaßen verwunderlich. Doch ihre großteils wohlhabenden Eltern waren allem Anschein nach heilfroh, sie aus dem Haus zu haben; bei einigermaßen gutem Wind … Sollten sie doch das Leben in einer gehobenen WG genießen, das man ihnen ohnedies ohne Murren finanzierte. Aber, bitte – möglichst weit weg von daheim …

Ach, das Studieren? – Nun, mit einem irgendwann dereinst einmal abgeschlossenen Germanistik-Studium ließ sich wahrscheinlich genauso viel oder genauso wenig anfangen wie mit irgendetwas anderem in dieser Preisklasse. Bachelor, Master, Magister oder Meister, Doktor, Professor irgendeines Orchideen-Studiums eben …

Man würde die Sprösslinge, so sah es immerhin aus, zumindest finanziell ohnedies ein Leben lang an der Backe haben …

Im Fall Esther Wickels lagen die Dinge allerdings etwas anders; nämlich noch etwas verwickelter. Da sie, was freilich niemand wissen durfte, die Tochter des Hausbesitzers war, musste sie zugleich auch auf Papas Eigentum aufpassen. Unauffällig.

Denn der alte Erich Wickel war ein stiller, aber nichts desto trotz: der wichtigste Teilhaber an der Immobilienfirma GEBAUFAST, die ihrerseits wieder eine Hundertprozent-Tochter des Transport- und Bauunternehmens Gertenstroh & Bense war. Und der uralte, längst verstorbene Firmengründer Emil Gertenstroh war zudem der Patenonkel des alten Opa Isidor Wickel gewesen. (Die Familie hatte irgendwann im 19. Jahrhundert den Weg aus der Gegend um Stuttgart nach Österreich gefunden. Aus Salzburg war dann Nikolaus Bense dazugestoßen, dessen Ahnen es wiederum aus Frankfurt am Main an die Salzach verschlagen hatte. Angeblich komponierte dereinst sogar der junge Wolfgang Amadé Mozart einmal einen Hymnus auf die Familie Bense. Doch das war nicht erwiesen.)

Ach ja, ein Verwandter aus einer weiblichen Nebenlinie von Esther Wickels Sippschaft war außerdem Goethes Zeitgenosse Friedrich Johann Justin Bertuch gewesen. Bertuch, Privatgelehrter, Autor und rühriger Verwalter der Privatschatulle des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, hatte es als Übersetzer des „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes zu einigem Geld und zu entsprechendem Ansehen gebracht. Doch auch als Verleger und Herausgeber mehrerer Zeitschriften (Allgemeine Literaturzeitung, Journal des Luxus und der Moden) reüssierte der Vielseitige. Zudem avancierte Bertuch als Hersteller von Galanteriewaren mit seiner Seidenblumenproduktion zu einem der potentesten Weimarer Arbeitgeber zur Zeit der Klassik. Ab ihrem 16. Lebensjahr befand sich auch Goethes spätere Lebensgefährtin und noch spätere Gattin Christiane Vulpius unter seinen Arbeiterinnen. (Karl August Böttiger, Chronist des Weimarer [Hof-]Lebens zur Goethe-Zeit, dokumentiert die Stellung des Vielseitigen im Weimarschen Geniewesen wie folgt: „Dieß kann niemand mit so viel Laune und Sachkunde schildern, als der Leg[agtions] Rath Bertuch, der als Chatouiller des Herzogs die Genies kleiden und füttern mußte. Es lassen sich in dem Weimarschen Geniewesen mehrere Epochen fixieren. Die erste, wo der Geniedrang am heftigsten und der Herzog selbst am stärksten dafür eingenommen war, fängt bald nach Göthes Ankunft in Weimar und Verbrüderung mit dem Herzog an.“ (Klaus Gerlach/René Sternke [Hg.], Karl August Böttiger: Literarische Zustände und Zeitgenossen Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar. [3. Aufl. Berlin 1998])

Esther und ihre Mitbewohner zeichneten sich, wie schon angedeutet, durch wenig Sinn für Humor als umso mehr pseudo-intellektuelle Arroganz und eine, sozusagen: nicht unerhebliche Abgehobenheit aus. Dass ihnen alles Lustvoll-Lustige eher unwichtig (vielleicht sogar: ablehnenswert) erschien, bestimmte selbstredend auch ihre Haltung der Satire gegenüber.

Die Komödie, sollte sie ihnen (und ihren akademischen Lehrern) der Beschäftigung wert erscheinen, musste mindestens von Molière oder am besten aus der griechischen oder römischen Antike sein. Witz, Satire und Ironie zogen jedenfalls gegenüber der angeblichen tieferen Bedeutung allemal den Kürzeren.

Im Gegenzug dazu war die Langeweile bei ihnen bestens aufgehoben, und an Adalbert Stifter, Ingeborg Bachmann oder Peter Handke vermochten sie sich noch am ehesten zu delektieren. Hauptsache, die Sprache floss ruhig dahin, unerregt und unerregend, ewiggültig oder solches zumindest vortäuschend … Denn gepflegte Langeweile sollte der wahre Intellektuelle ihrer Meinung nach geistvoll-saftigem Witz allemal vorziehen.

Die Lust am (Schillerschen) Spiel, wie gesagt, war ihnen weitestgehend fremd.

Die Vier, geistig in Wahrheit eher schwachbrüstigen jungen Damen und Herren waren möglicherweise Reinkarnationen „einige[r] „neuere[r] Ästhetiker“, die Friedrich Schiller – vermutlich in Anspielung auf die Brüder August Wilhelm und Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel – in seinem Aufsatz „Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“ (im Jahr 1792 im ersten Stück der Neuen Thalia erstmals erschienen) eingangs gleich attackiert. Der Grund? Sie hätten versucht, „die Künste der Phantasie und Empfindung gegen den allgemeinen Glauben, daß sie auf Vergnügen abzweckten, wie gegen einen herabsetzenden Vorwurf zu vertheidigen“. (Zitiert nach Friedrich Schillers sämmtliche Werke, Kleinere prosaische Schriften. Vierter Theil, Wien 1817.)

Anders ausgedrückt: Die todernsten Ästhetiker wollten das Vergnügen in der Kunst beschneiden. Und da war Friedrich Schiller, der spätere Schutzpatron des Spiels und seiner Bedeutung in der Kunst (und sogar in der Philosophie; vielleicht sogar in der Politik[?]) grundsätzlich dagegen. (In Friedrich Nietzsche und in Christian Morgenstern sollte er später legitime Nachfolger finden. Spieler, die sich geistvoll dem Spiel näherten – und spielerisch dem Geist.)

Doch hilft unseren vier Kleingeistern solche späte/frühe Beförderung zu Negativbeispielen durch den Dichter-Philosophen vermutlich auch nicht entscheidend weiter. Nein.

Ob Ästhetiker oder nicht, sie bleiben, was sie sind: trübe Tassen.

III

Dann gewahrte Irene mit einem Mal, dass die beiden alten Herren ihren bereits angestammten Platz in der Kristallkugel verlassen hatten. Sie waren weg. Weg! Noch schlimmer: Sie waren allem Anschein nach nie da gewesen. Konnten gar nicht dagewesen sein, vorhin, so plötzlich und punktuell; wie sie jetzt plötzlich und punktuell verschwunden waren.

Das sollte sich einer erklären können … (Nach drei, vier doppelten Cognac noch dazu.)

Auch Rosi und Resi waren sprachlos. Das da verschlug ihnen das Bellen.

Dann begriff Irene Höstöwösiy endlich (nach mehreren wiederum Cognac-unterstützten und außerdem Gauloise-verbremten Schrecksekunden): Goethe und Schiller gab es nicht mehr. Und ob es sie jemals tatsächlich gegeben hatte – abseits der Bücherregale und Bibliotheken, der Institute universitärer Sprachforschung und besonders der trockenen, spielunlustigen und weitgehend spaßfremden Germanistik -, nun, das müsste erst einmal untersucht werden. (Allerdings – von wem?! Auf keinen Fall von der spielunlustigen und weitgehend spaßfremden Germanistik.)

Aber – (o vielleicht doch?!)

Wenn – (wenn man allen Mut zusammen nähme …? Vielleicht …, dass … dann …?!)

Nein!

Und sie, Irene? (Und Rosi und Resi?) War sie (und waren ihre beiden Schoßhündchen) auch nur Illusionen gewesen?

Diesen Gedanken hielt sie schlechterdings für horribel!

Sie fasste sich an den Kopf. Dann griff sie die kleinen Tierkörper ab.

Also: Noch zumindest schienen sie vorhanden zu sein. Und lebendig. Quick. Lustig.

Wie auch ihr Kopf (um den es ihr indes weit weniger ging).

Gut. Aber – wie lange noch?!

Was würde sich womöglich in der Folge noch alles herausstellen? Etwa – dass sich die senile Irene Höstöwösiy sogar sich selbst nur imaginiert hatte?! Ja, dass die alte Wahrsagerin bloß eine alte Wahrsage war?

Da goss sich Irene, ohne erst viel zu überlegen, noch einen dreifachen Martell hinter die alte Binde.

Wie nebulös, sozusagen: halbverdunkelt erscheinen Schriftzeichen in der Kugel. (Oder aber die Alte ist jetzt schon komplett gaga und bildet sich diese Erscheinungen bloß ein?! Egal …, eigentlich egal.) Jedenfalls sind es Bruchstücke aus Schillers Brief an Goethe vom 2. Juli 1796, die Irene Höstowösiy da zu sehen glaubt. Bruchstücke aus einem Schreiben, das der Dichter nach Erhalt der Druckfahnen zu Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre nach Weimar schickt.

Nun notiert Schiller, aufgewühlt vom Opus Goethes, wie mit dem Freund ausgemacht, Anmerkungen, kleine Verbesserungsvorschläge und Ähnliches. Ja, er ist tatsächlich aufgewühlt von Goethes Erzählweise; wohl auch vom durchaus überbordenden Inhalt; von der klugen Schürzung der Erzählstränge sowie vom geschickten Fortgang der Handlung; von den diversen skriptoralen Effekten et cetera. Hier freilich wünscht er sich eine kleine Straffung, dort ein wenig Futter in Form einer etwas üppigereren Behandlung einer originellen Nebenperson …

Die intensive Lektüre, die der gerade stark mit dem Wallenstein (und mit seiner Verdauung sowie den Bronchien) ringende Schiller dennoch mit merkbar großem Vergnügen betreibt, offenbart indes auch die innige Freundschaft der beiden Genies. (Wir halten uns hier an Rüdiger Safranski, Goethe & Schiller, a. a. O.; ders., Schiller, a. a. O., sowie an R. Boxberger [Hg.], Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. 2 Bde, 1. Bd. Stuttgart o. J. [1882])

Und so schreibt Schiller an besagtem 2. Juli 1796 unter anderem: „(…) Ich werde ihr (der Lektüre, Anm.) die nächsten vier Monate widmen, und mit Freude.“ Dann, ziemlich überschwänglich und durchaus aufgeräumt; vielleicht sogar ein wenig verschämt: „Ohnehin gehört es zu dem schönsten Glück meines Daseins, daß ich die Vollendung dieses Produkts erlebe (…), daß ich aus dieser Quelle noch schöpfen kann (…)“

Dann kommt es, bricht es gleichsam aus ihm heraus: „Und das schöne Verhältnis, das unter uns ist, macht es mir zu einer gewissen Religion, Ihre Sache hierin zu der meinigen zu machen (…) und so in einem höheren Sinne des Worts, den Namen Ihres Freundes zu verdienen. (…)“ – „Leben Sie jetzt wohl, mein geliebter, mein verehrter Freund! (…)

Sch.“

Goethe antwortet am 5. Juli 1796 aus Weimar unter anderem:

Fahren Sie fort, mich zu erquicken und aufzumuntern! (…) Ihre Briefe sind jetzt meine einzige Unterhaltung (…).

G.“

Doch schon am 31. August 1794 hatte Schiller dem – damals noch neuen Freund seine Person in einer Art Skizze eröffnet. „Weil mein Gedankenkreis kleiner ist (als der Goethes, Anm.), so durchlaufe ich ihn ebendarum schneller und öfter, und kann ebendarum meine kleine Barschaft besser nutzen, und eine Mannigfaltigkeit, die dem Inhalte fehlt, durch die Form erzeugen.“ Bei Goethe, so glaubt Schiller, verhalte es sich freilich anders: „Sie bestreben sich Ihre große Innenwelt zu simplificieren.“ Und weiter: „Ich suche Varietät für meine kleinen Besitzungen. Sie haben ein Königreich zu regieren, ich nur eine etwas zahlreiche Familie von Begriffen, die ich herzlich gern zu einer kleinen Welt erweitern möchte.“

Schiller hält zudem den Geist des neugewonnenen Spezi für „in einm außergewöhnlichen Grad intuitiv“, während sein Verstand „eigentlich mehr symbolisierend“ wirke. Fazit: „Und so schwebe ich, als eine Zwitterart, zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie.“ (R. Boxberger, Briefwechsel, a. a. O.)

Zwar war sich Schiller, der oft tatsächlich von Zweifel geplagte Dichter, Denker und Philosoph, letztlich seiner Fähigkeiten sicher; doch imponierte ihm nun einmal das Naturgie Goethe. Und letztlich begründete ihre diesbezügliche Unterschiedlichkeit wohl auch die Chance ihrer intensiven Zusammenarbeit. Und die ihrer freundschaftlichen Zuneigung.

August Bisam und Ferdinand Sauerbach wälzen, zugegeben (und als Bisam und Sauerbach), weit weniger schwerwiegende Probleme. Denn ihre so plötzlich entflammte Liebe war etwas, was ihnen ohnedies weitgehend unverständlich bleiben musste (wie ihr Status als Reinkarnationen von Schiller und Goethe).

Noch etwas: So wie das alles gekommen war, konte – ja würde – es bald auch wieder vergehen. Abhängig immer von der alkoholischen Disposition der alten Hexe mit der Krsitallkugel und den zwei Hundedamen. Das Cognac- und Gauloises-verstärkte Trio Irene, Resi und Rosi zog, den Parzen keineswegs so unähnlich, in Wahrheit die Schicksalsfäden der beiden Wiedergänger.

Da waren Kalamitäten beinahe schon programmiert.

IV

Traumsequenz, die erste: Demolierte Kaffeehäuser, besonders eines, in besagtem Traum nun in biedermeierlichem Altrosa gehalten, mit weißer Stuck-Schrift Caffeehaus & Conditorey. Harter Film/Schnitt: Wagner-Musik-Fetzen. Dann ein zittriger Schriftzug, Fraktur: In Schutt und Asche gelegte Kultur.

Grunzlaute, wie aus einer Bettengruft: Schon wieder (einmal): Kaputtgemacht. Demoliert … Himmel, auch!

Demoliert, synchron, oder diese Demolage sogar begründend, zu einer – wie Karl Kraus sie pessimistisch nannte: – „demolirte(n) Literatur“. („Unsere Literatur sieht einer Periode der Obdachlosigkeit entgegen, der Faden der dichterischen Production wird grausam abgeschnitten“, unkte der Unerbittliche bitter, angesichts der bevorstehenden Dem-Boden-Gleichmachung des hochberühmten Café Griensteidl anno 1896).

Nun, im Fall Goethes und Schillers spielte sich der literarische Akt in aller Regel nicht im Kaffeehaus ab, obschon es derlei Etablissements schon längst in Orient, woher sie kamen, und Okzident gab. Im Abendland hatte (angeblich) Venedig den Anfang gemacht, anno 1647; es folgte London (1652). Im deutschen Sprachraum waren Bremen (1673), Hamburg (1677) und schließlich Wien (1685) Vorreiter. Hier wandelte sich das Publikum, ursprünglich Kaufleute und Matrosen zu Land, dann wohl auch zu Literaten, Studenten und Künstlern.

Und – jetzt wollte man denen ihr Griensteidl nehmen?! Da sei Kraus davor!

Traumsequenz, die zweite: Eine alte Chansonnière kramt nervös in antiken Resten nach einem brandneuen Sujet (und einem ebenso brandneuen, blutjungen pianistischen Begleiter feingliedriger Körperlichkeit) für ihr just nicht un-erotisches Varieté-Vorhaben.

Dritte Traumsequenz: Fünf Kröten versuchen, eine stark-befahrene Straße zu überqueren … Und ein entflogener Kanarienvogel besingt das allgemeine Desaster. Er tut das in gewagten Trillern und schwierigen Zwitscher-Tiraden von geradezu zungenbrecherischer Kunstfertigkeit …

Nummer vier: Ein wogendes Kornfeld, richtiggehend ordinär, prall und van-goghisch. Und mitten drinnen: Goethe & Schiller. Wie Felsen. Felsen in der Brandung – auch ohne Felsen und Brandung; nur so. Gebildet, innovativ und energisch …

Daneben (in ihrem Schatten): die vier geistigen Niemande. Adrian – Gregor Heinrich – Gisela – Esther; die grenzhirnigen Schmalspur-Germanisten, die sich jeglicher nicht-intellektueller Lust weitestgehend zu versagen angewöhnt haben. (Auch wenn sogar das Intellektuelle allein schon ihrer Dummheit wegen sogleich und zwangsläufig zum Pseudo-Intellektuellen gefriert.)

Abgehoben, blöde und befangen in längst überholtem Materialismus, wirken sie sogar in existentialistischen Denkgefilden deplatziert; ja, sie erstarren selbst angesichts von Jean-Paul Sartres Nichts (und erst recht beim Anblick von Martin Heideggers Super-Nichts) zu Salzsäulen der Unbrauchbarkeit und finden noch nicht einmal im Johann Gottlieb Fichteschen Sinn irgendeines Noch-nicht-einmal-Ichs (ach, Herr Je!) zu irgendetwas!

Kurz: obsoletes Gelichter, schon irrelevant geschlüpft aus faulen Schnabeltier-Eiern, irrelevant auch später und weiterhin. Irrelevant. Fatale Geschöpfe einer mehr oder minder selbst-verschuldeten Dekreation; desaströse Daseins-Abbilder einer weitestgehenden nachträglichen Entwertung zuvor schon beinahe wertloser Personal-Gegebenheiten. Nichtse eben …

Traumsequenz, die fünfte: Hurra! Die Kröten haben es geschafft. Sie sind alle platt gefahren worden. Und der Kanarienvogel tiriliert in Moll.

V

Das war vielleicht ein Schock. Für beinahe alle Beteiligten. (Nicht freilich für das geistig niederflurige Quartett von Sprachwissenschaftlern, für Adrian Hauenpfurz, Gregor Heinrich Schumperl, für Gisela Schwaar und Esther Wickel. Denn die bierernsten Germanisten-Banausen bemerkten kaum etwas davon. Aber für die übrigen Protagonisten war es einer.)

Zunächst für Ferdinand Sauerbach, alias Johann Wolfgang von Goethe. In der Folge jedoch (und endlich in durchaus vergleichbarem Ausmaß) für August Bisam, der sich immerhin auch längst daran gewöhnt hatte, Friedrich Schiller zu sein – wie der Freund nun einmal Goethe war. (Immerhin hatte da eine erstaunliche Metamorphose [hin zur Literatur!] stattgefunden – für zwei allem Literarischen bis dato weitgehend fern stehende, ja: abweisende Wesen … Zudem musste man befürchten, dass mit dem Verlust der so spät erworbenen [zusätzlichen] Identität auch der ihrer Beziehung einhergehen werde.)

Nun würde es wohl vorbei sein mit der Liebe. Mit mein liebster Johann Wolfi und ach du mein Fritz! (Respektive: Liebster Ferdl! Und mit: Gustl, du!) Aus und vorbei mit dem halbwegs geselligen Geschmuse und dem geilen Geschmiege der gealterten, weitestgehend vergilbten Körper in mühsam ächzenden Lustresten. (Noch dazu, wo sich Bisam mit Mühe und Not ein wenig von Schillers kruppöser Pneumonie, begleitet von trockener Rippenfellentzündung eingeübt hatte und sich in Hustenanfällen zu winden sowie unter Verstopfung zu leiden angewöhnt hatte!) Denn die Freundschaft, ja: die Liebe zwischen den beiden alten Männern, sie musste nunmehr unweigerlich dahin sein und der weitestgehend faden und uninteressanten Rentner-Realität weichen.

Was vermutlich zur Folge haben würde: Bloße Langeweile und stickige Einsamkeit. Denn man hätte sich nun in der Tat nichts mehr zu sagen – wie ein altes Ehepaar. (Wenn man einander überhaupt noch kannte und zur Kenntnis nahm.)

Die Stimmung würde eine öde sein. Vergleichbar der unattraktiven Gefühlswüste, die es oft zu durchqueren galt nach einem schönen Traum; wenn alles vordem so Helle den Träumenden auf den harten Boden der dunklen Realität zurückwarf. Gleichzeitig mit dem Verschwinden ihrer beider späten Erscheinung – und Wiederkehr auf diese Welt – ging der nun wohl unwiderrufliche, der endgültige Verlust ihrer Persönlichkeiten vonstatten. Und das: sowohl als Goethe und Schiller als auch als Sauerbach und Bisam …

Denn Wiedergängertum war nun einmal keine Tätigkeit mit Garantie auf ewige Dauer. Auch Neuschöpfung konnte erschöpfend sein. Und Fristen gab es allemal.

Traurig indes war das schon.

Jetzt hatten sich die beiden Männer in ein so spezielles Freundschaftsverhältnis zusammengefügt, das im Grunde ja tatsächlich eine Liebesbeziehung war. (Und das hatte sich ohnehin schon kompliziert genug gestaltet.) Und nun? Aus und vorbei das alles …

Übrigens: Wie tief die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller war, geht aus manchem schriftlichem Beweis sowie aus mancher Überlieferung hervor. Rüdiger Safranski zitiert etwa Goethes Aussage, nach Erhalt der Todesnachricht des Freundes, in einem Brief an den Vertrauten [und Musiker] Karl Friedrich Zelter, in welchem er unter anderem schreibt: „Ich dachte mich selbst zu verlieren (fast zeitgleich mit Schillers letztem Krankheitsausbruch war auch Goethe schwer erkrankt, Anm.), und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.“ [R. Safranski, Goethe & Schiller. ³Frankfurt am Main 2015.]

Immerhin war Ferdinand Sauerbach von seinen ursprünglichen – sagen wir: der Freiheit zuneigenden – Anlagen her gar nicht so besonders erpicht darauf gewesen, womöglich mit einem Mann gemeinsam und in Intimität die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen.

Mit einem alten Mann noch dazu. (Ihm wäre, zugegeben, sogar eine knusprige junge Frau schon zu anstrengend gewesen.)

Zwar hatte er in jungen Jahren als einschlägig beleumundeter Weiberfreund kaum etwas anbrennen lassen (wenn er auch den Verlockungen und Fallen der Ehe immer wieder erfolgreich aus dem Weg gegangen war). Aber das glich nun in der Tat Schnee von gestern.

Bei August Bisam standen die Dinge da eindeutig anders: Der mehrmals wenig glücklich verheiratete Fern- und spätere Stapelfahrer war zwar lange Zeit hindurch immer wieder mit Ehefrauen gesegnet gewesen. Doch nach dem auch schon längere Zeit zurückliegenden Tod der letzten Gefährtin – die vorhergegangenen hatten sich per Scheidung abgeschuppt – war er indes auch schon durchaus eingeübt in die Einsamkeit des leidigen Alterns. (Bisams Meinung nach reichte für den wenig erquicklichen Alterungsprozess, der einem nun einmal aufgebürdet war [und nicht erspart zu bleiben schien] durchaus eine Person; nämlich man selbst. Da bedurfte es keiner Begleitung. Höchstens final, wenn es schon sein würde müssen, entsprechender Rundum- und Ganztagspflege durch fachkundige Kräfte. Und just die würde man von einem lieben, besonders nahen Menschen schon gar nicht verlangen wollen …)

Umso erstaunlicher war August Bisam die aufflammende Liebe zu Freund Ferdinand Sauerbach, dem Goethe seiner alten Tage, zunächst erschienen. Aber warum nicht? Er gewöhnte sich indes recht rasch daran. (Und: Es konnte wohl auch nicht jeder auf Anhieb ein wiedererstandener Friedrich Schiller sein; dazu brauchte es ein wenig Zeit und Einübung. Doch als ein solcher, als ein Schiller redivivus, empfand er sich bald schon. Und die neuen Gegebenheiten faszinierten ihn, durchaus. O gewiss!)

Die beiden alten Männer waren nun einmal wiedergeboren worden. Möglicherweise bloß als stimmbandgelähmte ehemalige Belcanto-Tenöre, vielleicht in einem romantischen Opernsujet; aber immerhin. Und selbst, wenn sie nur verlorene (ehemals venezianische) Masken in der Zierat-Galerie eines vergessenen Traumes sein sollten, der unbestimmt zwischen abgewetzten Versatzstücken der weitgehend missglückten Opera seria Ellena brava et immaculata sive Mulier aculeata von Christoph Willibald Gluck und einer skurrilen Konzertreihe am Hof der Esterházy von Galántha zu Eisenstadt oszillierte. Mit bloß – ungern, aber nolens, volens dann doch – erteilter Erlaubnis Joseph Haydns höchstpersönlich.

Oder sonst als irgendein Schmonz.

Doch sie waren tatsächlich (?!) als Goethe und Schiller wiederauferstanden!

(Als Johann Wolfgang von Goethe und als Friedrich von Schiller, um exakt zu sein; denn der Geheimrat und Dichter war von Herzog Karl August von Sachen-Weimar und Eisenach im Jahr 1782 nobilitiert, der Theaterautor und Wissenschaftler anno 1802 [nach Intervention des Herzogs] vom Wiener Hof in den erblichen Reichsadel erhoben worden.)

Dabei war es gar nicht so einfach gewesen für Ferdinand Sauerbach und August Bisam, tatsächlich freundschaftlich zu einander zu finden. Freilich, längst nicht so kompliziert wie Jahrhunderte zuvor für Goethe und Schiller; doch eben auch nicht gerade einfach …

So hielt Sturschädel Sauerbach seinen neuen Gefährten Bisam anfangs für einen rechten alten Zausel (auch wenn sie in Wahrheit altersmäßig kaum ein Jahr auseinanderlagen). Dem um zehn Jahre jüngeren Schiller galt Goethe, der da im Gefolge seines Herzogs Karl August im Jahr 1779 zu Besuch an der hohen Karlsschule weilte (an der sein späterer Dichterkollege und intimer Freund noch Jura beziehungsweise Medizin studierte), immerhin als Idol. War Goethe, auch wenn seine Sturm und Drang-Phase bereits ein paar Jahre zurück lag doch immer noch der umschwärmte Dichter des „Götz von Berlichingen“ und des „Werther“ …

Der sich bei solchen Gelegenheiten stets staatsmännisch gebende Goethe übersah den Jungspund indes. Erst das Jahr 1794 brachte die glückhafte nähere Bekanntschaft. Und während Goethe später dann für Schiller dem Inbegriff der Natur und des Körperhaften entsprach, war dieser für jenen das Symbol von Vernunft und Freiheit. Goethe hatte, gottlob, endlich sein lange gesuchtes, heißgeliebtes os intermaxillare, den berühmten Zwischenkieferknochen, gefunden; Schiller war nach wie vor der ominösen Mittelkraft auf der Spur, um mit deren Hilfe die Wesenskette in seiner Liebesphilosophie zu vervollständigen.

Es passte also. Und anlässlich eines umfänglichen Schnapsbesäufnisses beim Leo, beim Wirt des Gasthauses „Zur Linde“, ganz in der Nähe, funkte es dann so richtig zwischen dem Ferdinand und dem August.

Wie am legendären 20. Juli 1794 zwischen Goethe und Schiller zu Jena. (Übrigens: auf den Tag exakt 150 Jahre vor dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler im Jahr 1944 …)

Allein der Briefwechsel, der sich – unerhört höflich und dennoch mitunter fast innig – zwischen den Dioskuren Goethe und Schiller daraufhin entspann, dann ihre fruchtbare Zusammenarbeit (in den Horen, dieser legendären literarischen Monatsschrift, später in den bissigen Xenien [quasi gegen die übrige literarische Welt] et cetera), all das ist Kulturerbe geworden. (Siehe Rüdiger Safranski, besonders: Goethe & Schiller. 3. Aufl. Frankfurt am Main 2915.) Doch Ferdinand und August bedurften solcher literarischer Anstrengungen erfreulicherweise erst gar nicht. Ihnen genügte ihre Zuneigung. Und ein bisschen Alkohol …

Ja, sie hatten es bald herausgefunden, die beiden Alten: Sie passten zusammen wie Topf und Deckel; Salz und Pfeffer; ,Statler & Waldorf; Oliver Hardy und Stan Laurel. Der eine, der quasi längst schon (und aus Überzeugung!) für die Natur und das Genialische eintrat, und der andere, der sich eher auf dem Weg zum Geistesmenschen und nach Freiheit suchenden Ästhetiker befand; wenn auch nicht selten strauchelnd dabei und vor sich hin tapsend.

Im Falle Ferdinand Sauerbachs und August Bibers waren es eben der gewiegte Ex-Weiberheld, gefürchtete Karten-Dippler und exorbitante Biertrinker beziehungsweise der weitgehend durch Frauen Verunsicherte, nicht selten in sich gekehrte Rotweinliebhaber … (Doch hatten es nicht auch Goethe und Schiller – so oder so, einmal mit mehr, ein anderes Mal mit weniger Glück – mit dem schönen Geschlecht gehabt? Waren geritten, hatten das Eislaufen und das Kegeln betrieben? Hatten getrunken, einmal mehr, dann wieder noch mehr?!)

Nur jetzt, eben hier hatte sich das Schicksal erneut erfüllt; wenn auch in der Kristallkugel der Irene Höstöwösiy, der Cognac-Säuferin und Gauloires-Kettenraucherin mit den beiden reizenden Hundedamen Resi und Rosi … Denn die gläserne Kugel umfasste eben alles: die Welt, das Universum, die Natur und den Geist, Ästhetik und Freiheit … Alles. Einfach alles.

Und das, was da einige Wochen und Monate schließlich dann mit und zwischen Ferdinand und August, unerwartet und doch so angenehm, vor sich gegangen war, es sollte nun abrupt und wenig elegant vorbei sein?! Aus und vorüber?!

Ja – warum denn nur?!

Nur weil es nicht mehr in den halbwegs verwirrten Kopf einer alten ungarisch-stämmigen Wahrsagerin passte? (Oder in die Vorstellungswelt eines nicht minder übergeschnappten Autors, je nachdem?!)

Sauerbach kamen die Vorkommnisse mit dem Trollbau-Quartett in den Sinn. Die hatten sich freilich schon vor vielen Jahren zugetragen. Im Haus, in dem er seit Jahrzehnten wohnte.

Die große Wohnung über seiner, um einiges kleineren, die gehörte einem gewissen Prof. Hugo Trollbau, den die Freunde seltsamerweise auch im Alter noch Bubi nannten. Prof. Hugo Bubi Trollbau war Berufsmusiker und als solcher bei den städtischen Philharmonikern und im Opernorchester beschäftigt. Außerdem hatte Hugo Bubi Trollbau die Funktion des ersten Violinisten in dem nach ihm benannten Trollbau-Streichquartetts inne. Waren allesamt nette Leutchen, diese Streicher vom Trollbau-Quartett, die da mindestens einmal in der Woche zum Probieren in Trollbaus Wohnung zusammenkamen. Nette Leutchen. Ja.

Er, Hugo Bubi Trollbau selber, war zwar ein ziemlich muffiger, wenig sympathischer Mensch, aber seine Mitspieler schienen allesamt angenehme Zeitgenossen zu sein.

Mag. theol. Axel Rahminger spielte die zweite Geige, ein selbstloser, stiller und freundlicher älterer Herr. Ganz toller Musiker auch, wie es allgemein hieß. Ja. Humanist mit religiösem Touch – aber kein Eiferer und schon gar kein Missionar! (Gott sei es gedankt …)

Dann war da noch DI Dr. techn. Georg Klinckhardt, der vorzüglich die Viola zu betätigen wusste. Ein Dilettant zwar, wie er selber gelegentlich und augenzwinkernd von sich behauptete; aber hochbegabt. Durchaus. (So hätte sich wohl auch Sauerbach als unmittelbar akustisch Betroffener geäußert, wenn ihn wer gefragt hätte. Durchaus.)

Noch etwas: Klinckhardt war zudem ausgesprochen witzig, sprühte vor Einfällen (auch abseits des Quartett-Spiels) und warte nicht selten mit durchaus drolligen Ideen und Späßen auf.

Frau Prof. Ernestine Albertine Rühr-Himberg, die das Violoncello strich, vervollständigte das Quartett. (Dass die beiden letztgenannten Leutchen, der Klinckhardt und die Rühr-Himberg, seit vielen Jahren schon etwas miteinander hatten, war allerdings lange Zeit hindurch weitgehend ein wohlgehütetes Geheimnis geblieben.)

Eines Tages war es dann für Ferdinand Sauerbach aus mit der gewohnten Streichquartett-Untermalung von oben. Der Grund? Wie man alsbald erfuhr, war der so sympathische wie verlässliche Bratscher Georg Klinckhardt durch einen mysteriösen Unglücksfall dahingerafft worden.

Suizid? Mord? Unfall? So ganz genau ließ sich das wohl nicht eruieren …

Auch beim Leichenschmaus im Gasthaus „Zur Linde“ des fast immer besoffenen Wirts Leo Hopf, wo es recht gute Backhendl oder eine formidable geröstete Leber gab, auf deren fachgerechte Zubereitung Koch Ignaz Immenrauch spezialisiert war, kam kaum Licht in die Sache. Sogar Kellnerin Grete schien diesmal nichts zu wissen. Oder nichts ausplaudern zu wollen. (So genau war das bei der geschwätzigen Alten nie zu sagen …)

Sauerbach immerhin musste künftig auf den Klassiksender Ö 1 umsteigen, da es galt, der wöchentlichen Live-Musik durch das formidable Trollbau-Quartett ab nun zu entraten. Und da er an die schöne Musikuntermalung nun einmal so gewöhnt war. Nein, von Techno, Pop, volkstümlicher oder Schlager-Musik konnte und wollte er sich nicht akustisch zumüllen lassen.

Schon wieder. Schon wieder, dachte Sauerbach. Immer öfter musste Sauerbach in letzter Zeit wieder denken: Schon wieder –

Und jetzt –

Jetzt also auch das noch: Kein Goethe mehr, kein Schiller – – –

Lediglich vom Goethe-Imitat Peter Handke irgend eine höchstpersönliche, freilich: in Hirnhöhe angebrachte Fußnote. Eine, wie für seine Journal-Notation üblich: pointierte, obschon ohne abschließenden Punkt, quasi weltläufig geäußert.

P. H.: Immer wieder in aller Herrgottsfrühe das Rotkehlchen; als das andere Morgenrot

VI

Schiller an Goethe ([eine frühe Botschaft, nämlich:] Jena, den 13. September 1795):

Nur ein kleines Lebenszeichen. Ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, Ihnen acht Tage nichts zu sagen und nichts von Ihnen zu hören. (…)

Sch.“

Ferdinand Sauerbach an August Bisam (Graz, Mittwoch, den 15. April 2015, 14:46 Uhr, per SMS):

Mein August, Du! Du fehlst mir, Gustl! Bis bald!

Ferdl :-)“

E N D E

Literatur & Quellen (Auswahl):

Friedemann Bedürftig, Taschenlexikon Goethe. München – Zürich 1999.

R. Boxberger (Hg.), Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. Stuttgart o. J.

Martin Broszat/Norbert Frei (Hg.), Ploetz. Das Dritte Reich. Ursprünge, Ereignisse, Wirkungen. Freiburg im Breisgau o. J.

Richard Dobel (Hg.), Lexikon der Goethe-Zitate. 4. Aufl. München 1995.

Klaus Gerlach/René Sernke (Hg.), Karl August Böttiger: Literarische Zustände und Zeitgenossen. Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar. 3. Aufl. Berlin 1998.

Peter Handke, Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007 – 2015. Salzburg und Wien 2016.

Karl Heinemann (Hg.), Goethes Werke. 15 Bde. Leipzig und Wien o. J.

Heinrich Hubert Houben (Hg.), Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Leipzig 1939.

Internet.

Karl Kraus (Hg.), Die Fackel. 12 Bde. München 1968 ff.

Hanspeter Plocher (Hg.), Luigi Pirandello: Sechs Personen suchen einen Autor. Stuttgart 1995.

Johann Prossliner (Hg.), Kleines Lexikon der Schiller-Zitate. München 2004.

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München 2013.

Ders., Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft. 3. Aufl. Frankfurt am Main 2015.

Ders, Romantik. Eine deutsche Affäre. 5. Aufl. Frankfurt am Main 2013.

Ders. (Hg.), Schiller als Philosoph. Eine Anthologie. Berlin 2005.

Ders., Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Biographie. München – Wien 2004 / Frankfurt am Main 2016.

Friedrich Schillers sämmtliche Werke. Wien 1816 f.

Walter Schmiele (Hg.), Jean-Paul Sartre: Drei Essays. West-Berlin 1965.

Hans Herbert Schulze, Lexikon Computerwissen. Fachbegriffe schlüssig erklärt.2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2002.

Gudrun Schury, Goethe A B C. Leipzig 1997.

Erich Trunz (Hg.), Goethe. Faust, der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. München 1999.

Hans Veigl (Hg.), Karl Kraus: Die demolirte Literatur. (Allotria 1.) Graz 2016.

Friedrich Karl Waechter, Die Geschichte vom albernen Hans. Zürich 2000.

Ders., Volkstümlicher Denkmals-Entwurf. In: Männer auf verlorenem Posten. Zürich 1983.

Gero von Wilpert, Deutsches Dichterlexikon. Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch zur deutschen Literaturgeschichte. 3. Aufl. Stuttgart 1988.

Peter V. Zima, Moderne/Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. 3. Aufl. Tübingen 2014.

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