Gespannt

Eine eher traumhafte

Angelegenheit von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2016.

Als Dolores zum Ende der Himmelsleiter kam,

griff sie mit beiden Händen nach den Holmen

und ließ die langen Beine nach unten schwingen;

ihre nackten mitgenommenen Füße waren

jetzt nur noch wenige Zentimeter über dem

Boden, als sie die Leiter losließ und sich auf

den Sandboden des Zeltes fallen ließ.

John Irving, Die Straße der Wunder

*

Die Kunst des Erzählens ist ein Modus, in

dem die Sprache sich in der Fabulierfunktion

übt, die nicht im Artikulieren von Worten

besteht, sondern im Skizzieren eines Musters

zur Interpretation der Erfahrung.

Umberto Eco, Schulen des Lebens.

*

Entree

Nein. Sie ist natürlich keine Seiltänzerin. Und sie heißt auch nicht Esmeralda.

Nein. Vanessa ist jung, durchaus hübsch und Verkäuferin in der Schuhabteilung eines großen Warenhauses. Und sie fühlt sich inmitten all der Köstlichkeiten, die Schuhe nun einmal für fast alle Frauen bedeuten, auch durchaus wohl.

Doch sie träumt. Oft. Und Gern. Und ausgiebig.

Nicht im Geschäft und während der Arbeitszeit. Natürlich nicht. Nein. Daheim, da träumt sie, in der Nacht. Und in ihren Träumen, da ist sie immer wieder – Seiltänzerin. Und dann heißt sie – Esmeralda.

Das ist eine überaus spannende Sache. Auf dem straff gespannten Seil, oben, ganz oben, in der Kuppel, unter dem Zirkuszelt. Direkt magisch ist das. Unwirklich und super-realistisch in einem.

Erst werden die Lichter eingezogen – dann der Trommelwirbel – das Halbdunkel rings um mit einem Mal, nur der eine gleißende Scheinwerfer, auf sie gerichtet. Auf Esmeralda.

Die Strass-Steine auf ihrem hautengen Trikot funkeln auf wie auch die kleinen Schweißperlen an ihrem jungen Körper. Am Schlüsselbein etwa oder um den Nabel herum.

Atemlose Stille. Nicht einmal eine Stecknadel –

Ja, gnädige Frau? Dieser da, mit den goldenen Steppnähten und dem Pyramiden-Absatz? Ein sehr hübsches Modell, gewiss! In 42 – da haben wir ihn ja schon!

Und Vanessa hilft der korpulenten blondierten Fünfzigjährigen, die inzwischen schnaufend in einem der bequemen Probiersessel Platz genommen hat, in das Modell mit den goldenen Steppnähten.

Danke, seufzt die dickliche Dame und transpiriert. Vanessa lächelt nur. Verbindlich.

Die dicke Frau strahlt (auch wenn das ziemlich anstrengend ist). Alles strahlt. Auch die Steppnähte. Der Schuh strahlt förmlich mit sich selbst um die Wette. Und der Pyramiden-Absatz erst: ein wahrer Meister im Strahlen!

Aber besonders die dicke blondierte Frau mit den angeschwollenen Beinen strahlt. Wenn auch ein wenig verbissen. Immerhin, sie hat sich einigermaßen hineinquetschen lassen ins superbe Schuhwerk. Tadellos. Bis zu einem der Spiegel geht es sogar ohne nennenswerte Schmerzen. Und für die Schönheit ist doch angeblich jede Frau bereit zu leiden. Auch die fetteste.

Schönheit ist Eingewöhnung in Leid. Von nichts kommt nichts. Wer bewundert werden will, der muss etwas dafür tun. Wie gesagt: Von nichts kommt nichts.

Das Leben bedeutet nun einmal Einübung in Leid weitgehend jeglicher Art. Jeden Tag wieder und aufs Neu. Und was sind die Beschwernisse eines neuen schönen Schuhs gegen eine schwere Geburt? (Die Frage ist mehr als bloß theoretisch oder rhetorisch; sie ist dumm.)

Die fette Dame dreht und wendet sich (unter erheblichem körperlichem Aufwand). Doch sichtlich angetan von den Schuhen mit den goldenen Steppnähten. Sie möchte sie am liebsten gar nicht mehr ausziehen – aber weniger aus ästhetischen als aus Gründen des Schmerzes. Denn der hat inzwischen etwas nachgelassen.

Doch sie schwankt zurück zum Sessel, und ihr Lächeln hat bereits etwas merkbar Gezwungenes an sich. Vanessa kennt das.

Ja, ich nehme sie, haucht die schwergewichtige Dame, als wenn das ihr letzter Seufzer sein sollte.

Das Schöne an allen solchen Prozeduren ist vermutlich, dass sie gewöhnlich irgendwann einmal wieder vorbei sind. Auch die – in gewisser Weise in Masochismus hinüber-spielende – Anprobe neuer Schuhe. (Doch auch Kriege hören zwischendurch auf, Krankheiten oder Ansprachen. Das ist tröstlich.)

Schönheit ist Eingewöhnung ins Leid. (Es sei denn, man ist von Haus aus schön. Doch wer hat schon das Glück, von Haus aus schön zu sein? [Glück?! Schönheit kann immerhin auch ganz schön {sic!} anstrengend sein; etwa deren Erhaltung oder womöglich notwendig gewordene weitgehende Wiederherstellung nach etwaigen Abnützungen …])

Die blondierte schwitzende übergewichtige alte Schachtel verlässt, die eminenten Schuhe mit den goldenen Steppnähten und den Pyramiden-Absätzen in einer neuen Schachtel und diese in einem eleganten Sack, der mit dem Aufdruck des Warenhauses versehen ist, hinkend, aber befriedigt und halbwegs guter Dinge die Schuhabteilung des Warentempels.

In der Mittagspause bummelt Vanessa mit Irene (aus der Herrenbekleidung) durch die elegante Einkaufsstraße. Die Coffee to Go-Becher in den Händen, machen sich die jungen Damen gegenseitig auf besonders ausgefallene Stücke aufmerksam, die ihnen aus den üppig gestalteten Auslagen entgegenzulachen scheinen. Und belächeln manch edlen Scheiß.

Köstlichkeiten gibt es hier. O ja! Ganz tolle Sachen. Luxus pur.

Wahre Köstlichkeiten.

Vanessa zwängt manches vom Gesehenen, Bewunderten, Angebeteten zwischen Zeigefinger und Daumen ihrer beiden kleinen Händen, die Finger zu einem windschiefen Parallelogramm formend, wie es – angeblich – berühmte Regisseure oder Kameramänner beim Film gern tun, wenn sie was sehen … Dann hat sie das Schöne quasi in Hand und Auge – gebannt.

Sie lächelt und ist aufgekratzt.

Irgendwann sieht sie dabei Manuel, den Aufreißer.

 

Zirkuskuppel

Die Musik schwenkt um in eine schwül-orientalische Stimmung. Das Altsaxophon ist um einen einigermaßen geilen Ton bemüht. Die Tom-Toms dämpfen ein wenig die allzu hohen Erwartungen. Dann – das Licht ist inzwischen gedimmt bis auf die zwei Scheinwerfer, rechts und links, die auf sie allein gerichtet sind -, dann der Trommelwirbel.

Meine Damen und Herren! Nun bitten wie sie um vollständige Ruhe und um Ihre ganze Aufmerksamkeit! Die Attraktion auf dem Hochseil knapp unter der Zirkuskuppel, die ich nunmehr ankündigen kann, bedarf nämlich auch bei unserer großartigen Esmeralda vollkommene Konzentration! Sie sehen, das Seil in der Mitte, es hängt herab …

Das Trapez schwingt, ein, zwei, drei Mal leer durch – dann – – –

Ein Tusch! Alle Lichter gehen wieder an, und die Zirkusmusik intoniert eine flotte Melodie.

Doch so weit kommt Vanessa in ihren Träumen meist gar nicht, bevor sie aufwacht. Mitunter ist der schöne Traum schon vorbei, wenn der Saxophonist seine erotische Melodie bläst. Oder wenn der Zirkusdirektor seine Rede beginnt. Oder wenn ihr die Schweißtropfen auf dem Schlüsselbein und um den Nabel herum stehen …

Einmal, so hofft sie, erwachend, wird sie den ganzen Traum sehen und erleben. Oder?!

(Ihr längst toter Vater nickt in den Kulissen, aber das sieht sie natürlich nicht.)

 

Vater & Co.

Vanessa verbindet nicht viele einigermaßen klar-konturierte Erinnerungen mit der Gestalt ihres früh-verstorbenen Vaters. (Sie war drei oder vier, als er – – -.) Deshalb vermutlich kommt Papi auch eher selten – und nur schemenhaft – in ihren Träumen vor. Nie übrigens als Zirkusdirektor im roten Frack mit goldenen Bordüren auf den breiten Schultern und Quasten, die von der Phantasieuniform hängen, und einem hohen Zylinderhut. Stets nur am Rand.

Bruno Flensberger, besagter Vater, ist damals ein Schuhband abgerissen, was den Filialleiter einer großen Handelskette – in der Früh und so knapp vor Dienstbeginn – derart aus der Fassung bringt, dass er sich spontan auf dem Dachboden des längst noch nicht abbezahlten Einfamilienhauses erhängt. Das Seil, das er dazu verwendet, ist erfreulicherweise stabiler als der Schnürsenkel davor. Und so gelingt ihm immerhin sein finales Unterfangen.

Seither bevölkert Papi bloß die Erzählungen von Vanessas Mutter, Alice. Auch da nur selten, und wenn, dann wird er in eher abwertender Weise beschrieben: als Versager, als Drückeberger oder als Schwächling … Nein, Heldenhaftes gesteht die Mutter ihrem ehemaligen Gatten nichts zu. Keinesfalls. Dem doch nicht …! Außerdem wird Alice ihrem Mann, der ohnedies die ganze Zeit schon als labil gegolten hat, seine Dachbodenaktion nie wirklich verzeihen.

Nach dem Selbstmord des Vaters versucht Mutter Alice unter Schwierigkeiten, sich selbst sowie Vanessa und deren älteren Bruder, Michael, der weitgehend nach dem Vater zu geraten scheint, über Wasser zu halten. Und das gelingt ihr auch, der allgemeinen wirtschaftlichen Lage entsprechend: mehr schlecht als recht. Mit dem geringen Gehalt einer Kassiererin in einer der Filialen besagter Handelskette ist das alles andere als leicht. Und von ihrer Familie ist ohnehin kein Rückhalt zu erwarten. Keine Unterstützung. Nein.

Doch dann lernt Alice Mario kennen – und lieben. Mario, den Traummann. Traumtänzer. Traumarsch.

Mario kommt auch in Vanessas Träumen meist nur kurz und auf entsprechend unsympathische Weise vor. Mini-Auftritte sind das. Als hinkender Stallbursche oder als falsch-spielender Zirkusmusikant. Ein Mal sogar als – allerdings leicht desolater, einigermaßen verdreckter – Weißclown. Fast schon zum Fürchten ist er da …

Kein Wunder, dass sich das Mädchen weigert, dem Kleinkriminellen – das ist er in der Wirklichkeit leider tatsächlich – andere, sozusagen: strahlende Rollen in ihren Träumen zuzugestehen. Nein, Mario darf nicht als Trapez-Partner in glanzvolle Erscheinung treten; nicht einmal als lustiger Clown oder dümmlicher August. Hat er sie immerhin – das freilich außerhalb ihrer Träume, real also – zu unzüchtigen Handlungen verführt (wie es später, reichlich gespreizt, im Polizeiprotokoll heißt). Und das, als sie noch keine sieben Jahre alt ist. Schließlich vergewaltigt er sie sogar. Da ist sie zwölf.

Ihre Mutter trennt sich daraufhin zwar von Mario. Böse ist sie indes auf Vanessa.

Und so bleibt das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter auch weiterhin ein gespanntes.

Dann verunglückt der knapp 18jährige Bruder Michael bei einem pharmazeutischen Selbstversuch tödlich. Darauf hin kommen Tochter und Mutter einander zwar allmählich wieder näher. (Befürchtet Alice immerhin, auch noch Vanessa an die Drogen [oder an sonst wen] zu verlieren …) Doch bleibt die familiäre Situation daheim weitgehend unerfreulich. Spannend, gespannt.

Die finanzielle allerdings verbessert sich, seit Vanessa, nach abgeschlossener Lehre als Kauffrau, einiges von ihrem monatlichen Salär zum Haushalt beiträgt. Jetzt kann sich auch Mutter Alice hin und wieder etwas leisten. (Etwa einen jungen Lover, mit dem sie es dann, vorsichtshalber, meist außerhalb des Hauses treibt …)

Und Vanessa? Die flüchtet sich in ihre Musik, in ihre Bücher und in ihre Träume.

 

Manuel

Er ist einfach hinreißend. Und käme er nicht aus der westlichen Vorstadt und gäbe er sich nicht jedes Mal, wenn er auch bloß den Mund aufmacht, als waschechter Einheimischer zu erkennen, dieser Manuel ginge glatt als Latin Lover durch! Das findet freilich nicht nur die ziemlich unerfahrene Vanessa. (Denn vergewaltigt worden zu sein mit zwölf macht dich vielleicht hart, aber nicht erfahren.)

Er ist der Schwarm aller Teenies wie auch der verheirateten Frauen im Viertel, der jungen Mädchen wie der verwelkten Mittelalterlichen. Sogar Irene, die schüchterne Kollegin Irene, könnte sich, meint sie, vorstellen, mit ihm was zu haben …

Vanessa muss lachen. Denn: Wen hat er angeblitzt mit seinen dunklen Augen? Wem sein Lächeln geschenkt, sein leicht verächtliches (aber immerhin)? – Na, also.

Es geht alles ganz leicht. Schnell. Erstaunlich leicht und schnell sogar. Und im Nu erhebt er sich wieder von ihrem Bett, zieht sich an und geht. Ciao.

Nun fällt Vanessa zwar nicht in Depressionen. Aber – anders hat sie sich das schon vorgestellt. Irgendwie …

Dann kommt ihre Mutter heim. Wieder einmal leicht derangiert und abgeliebt.

Vanessa zieht sich ins Bett zurück. Was tut sie? Sie träumt.

Im Traum ist Manuel ein von allen bewunderter Trapez-Künstler. Er ist charmant, allerdings auch zu den anderen Weibern. Freilich – das weiß sie: lieben kann er nur sie, nur Esmeralda! Seinen Smaragd … (Nur seine Vanessa! Klar doch …)

Er ist zuvorkommend, er legt ihr die Welt – nämlich: den Zirkus – zu Füßen.

Die Clowns müssen sie bedienen, und die dummen Auguste im Gefolge, alles wuselt um sie herum. Und: Manuel liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Er ist zärtlich. Großzügig. Direkt generös. Zuvorkommend.

Der ehedem so geile Altsaxophonist hat ausgespielt. Er wird in eine Ecke geworfen – im übertragenen Sinn. Da kringelt er sich neben desolaten Kasperl-Figuren, einem alten Kontrabassisten, dem zahnlosen Greis an der Posaune und anderen, allesamt namenlosen Puppen in der Kiste, wo auch die kleinen Hunde und die Kätzchen, wo Egon (der Feuersalamander) sowie Felix und Fridolin (das uralte Schildkrötenbrüderpaar mit den traurigen Augen) einem möglichen neuen Auftritt entgegen-dämmern zwischen angegilbten Salatblättern …

Jetzt ist eben Manuel ihr Fixstern! Und alles dreht sich um ihn. (Der tote Vater, in einer anderen dunklen Ecke des Dachbodens abgelegt, lächelt leicht vertrottelt vor sich hin, den Strick immer noch [oder schon wieder?!] um den faltigen Hals.)

… … … O ja! (Trommelwirbel!)

Manuel schwingt ihr, hoch droben in der Zirkuskuppel, entgegen!

Sie liegen – für Sekunden – fast übereinander … in der Luft!

Dann der Absturz.

 

Der Absturz

Sie stürzen. Nein – sie stürzt: Esmeralda/Vanessa/der Smaragd … Manuel? Der schwingt sich, seillos, in wunderbare Höhen, mitten hinein ins unerwartet Helle, hinein ins Licht, das da, sonnenähnlich, gleißt!

Sie stürzt.

Wie freilich vermag man real zu stürzen, während man den Sturz nur träumt? Und welche junge Frau, Anfang der 20, bricht sich das Genick, wenn sie – warum auch immer – nun einmal … aus dem Bett fällt?

Es sehe aus wie ein gröberer Unfall, ein Sturz aus gut zwanzig Meter Höhe, erklärt der Pathologe. Er, der Mediziner selbst, habe etwas Ähnliches vor Jahren, noch als junger Forensiker, in einem Zirkus gesehen. Damals ist eine Artistin von ganz oben, von direkt unter der Zirkuskuppel, vom Trapez gestürzt.

Auch Träume sind kein Netz.

E N D E

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1 Kommentar

  • chriswallner says:

    Sehr tragisch und witzig und komisch zugleich.. ein Potpourri des Alltäglich – Verrückten – Entrückten – eines jungen Mädchens ….wobei ich beim Namen „Vanessa“ schon stutzig wurde…
    Toll zu lesen !

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