Gaukeln

unter

Lampions

Eine heitere Episode

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

(ENDFASSUNG 2016.)

Der Teich ist klein. Aber wenn man,

die Handflächen als Scheuklappen um

die Augen wölbend, das Gesichtsfeld

verengt und so die Ufer wegschneidet,

kann man träumen, er sei unendlich groß.

Auf das Träumen allein kommt es an.

Am klügsten wäre vielleicht, die Augen

ganz zu bedecken.

Alfred Polgar, Teich

*

1

Gaukeln. Einfach so. Laue Luft. Kerzenschein. Lampions.

Und – Gaukeln. Schmetterlingsgleich.

Wie ist schmetterlingsgleich eigentlich? (Und schreibt man das überhaupt zusammen [… und: klein]? – Egal. Hier wird nicht geschrieben! Hier wird gegaukelt! Verstanden?!)

Leises Gläserklirren. Gedämpfte Gespräche. Ein Kichern. Ein Glucksen. Kaum hörbare Musik im Hintergrund. Leicht noch der Geruch in der Luft, der herüberweht vom Grill. Rußpartikel. Funkenflug. Barbecue. BBC.

Würstchen aus Württemberg oder aus Nürnberg oder sonst wo her – namentlich; in Wahrheit freilich vom Fleischhauer aus der Nachbarschaft. Ja, vom Markus Hollerer, dem dicken, rötlich-blonden Burschen mit den feist-rosigen Backen, mit der Igelfrisur, den Schweineborstenwimpern und dem leichten Silberblick.

Jetzt: Frauen lachen auf. Indes immer noch einigermaßen dezent.

Und einige aufgekratzte Kinder tanzen einen ungeordneten Ringelreihen.

Alles ganz locker.

Ein paar Erwachsene stehen, anscheinend gutgelaunt und Gläser in den Händen haltend, um das kleine Biotop herum. Hier segeln, allerdings nur, solange die Sonne scheint, die blaugrünen Libellen umher und präsentieren sich als elegante Flugkünstler.

Der hübsche Teich. Wenn man das Gesichtsfeld entsprechend einschränkt, „kann man träumen, er sei unendlich groß“ (wie Alfred Polgar behauptet).

Wenn es dämmert, wird das Mini-Meer zum Ort der Schatten – wie alles andere auch.

Die Lampions, etwas entfernt, bei der ausladenden Terrasse, schaffen ovale Lichthöfe.

Ausladend? Eigentlich – einladend, die mit Windleuchten zusätzlich aufgeputzte Anhöhe hinter dem weitläufigen Haus.

Aber die Lichthöfe gaukeln Helligkeit mehr vor, als dass sie tatsächlich hell wären. Dazu sind die bunten Lampions zu klein, zu filigran, zu schwach. Klein und filigran und schwach, wie es sich eben geziemt für einen Kindergeburtstag. (Nur dass die Großen immer gleich ein bier-, wein- und schnapsseliges Grillfest daraus machen müssen … Ein Barbecue. BBC.)

„… wie Motten das Licht“ … Licht und Feuer und Wehr. Lichtwehr Feuerwehr wer wehrt …

Ein Gedanke Gegenwehr und Abwehr sind zwecklos der Körper schlaff und ohne Widerstand wird ins Gebüsch gezerrt aus dem Oval des Lampionscheins ein spitzer Schrei Messerspitz (eine Messerspitze Safran „Safran macht den Kuchen gelb“ [Safran sei ein Krokusgewächs, sagen Lexikon und Internet])

2

So ein Glück auch! So eine Sau!

Der Metzger züngelt sich über die Lippen und blickt silbern.

Entborsten und enthaaren. Epilieren, so heißt das in eleganten Kreisen. Vielleicht auch noch – depilieren.

Dann, später, geht es ans Tranchieren.

Erst die feinen Sachen, Lungenbraten (Fischerl genannt), Koteletts und verschiedene Gustostücke. Dann das, was für die Würste bestimmt ist.

Auch das Hirn, die Augen und die Ohren. Das Herz.

Das Blut, nicht vergessen, das Blut. Und den Schwanz, auch den Schwanz nicht übersehen!

Und die Haxen.

Mit Herz, Hirn und Hand fürs Vaterland.

Das Messer fräst sich ein ins Fettgewebe.

Speck Speck Speck – morgen ist alles weg.

Der aufgeringelte Schwanz. Die breite Schnauze. Steckdosenartig.

Ihm, Hollerer, geht ein Licht auf.

Er steht unter Strom.

Die Ökosau.

3

Die beiden kleinen Mädchen unterdrücken ein Kichern. Noch.

Ein Hüpfspiel für Aufhüpfige. Für aufmüpfige Aufhüpfige.

Nach der Torte – eine wahre Magentortur.

… fällt er in den Graben …“

Mit der Zeit – und sie haben, so scheint es zumindest, noch – jede Menge davon, mit der Zeit also werden ihr Spiel und ihr Gehopse, werden ihr Gekreische und ihre kindliche (haha, dass wir nicht lachen: von wegen kindlich …!) Ekstase kontinuierlich immer penetranter. Was sich da artikuliert, erreicht spielend schon den Qualitätspegel der Schrillheit!

Ja, Geburtstagskind Susanna und ihre Lieblings-Cousine (heute …), Verena, haben ihre laute Freude vor lauter Freude.

Verschwitzt sind ihre Gesichter (und wenn sie Make-Up trügen, verschwömme es und verschmierte sich längst sukzessive übers ganze Gesicht – wie bei ihren Müttern, wenn die einmal ihre Männer über sich drüber lassen). Keuchend und stoßweise (sic!) geht ihr Atem.

Doch es ist ja alles Spiel. Und gut so, sagen Schiller wie Morgenstern.

Schließlich aber –

4

Der Schmetterling gaukelt vor sich hin. Von Licht durchdrungen. Als wäre Licht sein Lebensstoff. Aber – ist es das nicht ohnedies? Lichtakku …, Lichtbatterie … Stromversorgung …

Er rüsselt wie im Vorübergaukeln. Hinunter mit dem langen Rüssel in den Blütenkelch.

Du verwegener Blütenstecher, du …!

Doch da – plötzlich ein dunkler Falter, ein großer dunkler, ein ernster Falter zwischen all den hellen, munteren Faltern. Manch heller Falter, der sich unter eines dunklen Genossen Fittiche begeben hatte, ward später nie mehr gesehen. Wie vom dunklen Erdboden verschluckt.

Das verkünden so (oder ähnlich) zumindest die alten Mythen.

Man hört freilich unter Schmetterlingen nur ungern auf Unkenrufe dunkler Art; und glaubt ihnen auch nicht gern. Nein.

Erst nachher dann, wenn es ohnedies zu spät sein wird, übermorgen oder vorgestern, nachher also, wenn die verwischten Spuren längst vor den begangenen Taten gegangen sein werden und die Fluchten von den Flüchtigen ein- und überholt, erst da bleibt der Moment (mit großen Augen, verfügte er über solche) gebannt stehen. Nicht etwa, weil irgendwer, faustisch angehaucht und goethisch impulsiert, etwas von „Werd ich zum Augenblicke sagen -“ sagt, sondern aus prinzipiellen Erwägungen; oder aus Atemnot heraus. Wie auch immer.

Die dunklen Falter, die Totenkopf-Signatur auf den Flügeln, wie Piratenschiffe und Korsarenschaluppen sie für gewöhnlich stolz tragen, in einem anderen Medium (das Fluidum als Medium! Aufgepasst!), die dunklen Schmetterlinge also, sie haben es herausgefunden: Es bringt nichts, ins Licht, ins Feuer zu fliegen! Ganz im Gegenteil, es ist verderblich!

Deshalb haben sie sich auf die sichere Position zurückgezogen, Symbol zu sein und Vorzeichen, Hinweis und Mahnung.

Doch die Mahnungen kommen (was ihnen selbst allmählich zu schaffen machen müsste) im Allgemeinen zu spät.

Wenn sie nicht von Haus aus ignoriert werden wurden geworden sein werden geworden sein werden werden.

5

Da ein kleiner Schuh und etwas Blut ein paar blonde Haarsträhnen unter Blattwerk ein paar Leichenkäfer und wieder Blut die Socken hinuntergezogen ein Schuh etwas weiter weg verloren eine Krümmung in einer Lebensbahn kein Knotenpunkt ein Endpunkt ein abruptes vorweggenommenes Finale zu früh für jeglichen Applaus

Nein nein nein!

Wir wollen uns den Appetit nicht verderben lassen. Hier, im Licht.

6

Er gaukelt weiter, heiter, der helle Falter.

Über duftende Blumen und geruchlose hinweg …

Zwischendurch faltert er über Bierpfützen und Cola-Lacken, über ein paar abgenagte Hühnerknochen und vergammelte Kotelett-Fettränder und Senf aus Dijon oder von Mautner-Markhof und gebrauchte bunte Servietten.

Er gaukelt.

Es ist alles halb so wild: Dem kleinen Mädchen, es heißt Susanna, war bloß schlecht von den vielen scheußlichen Süßigkeiten: Torten, Schnitten, Gugelhupfen, Gummibärlis, Smarties, Nimm 2s; Coca Colas, Almdudlers, Gröbis.

Und das Blut? – Das war rote Johannisbeer-Marmelade.

Jaja, Kindergeburtstage mit Erwachsenen-Grill, die haben es schon in sich …!

Susannas Cousine Verena hat ihr, ungeschickt, aber mit Hingabe, beim Speiben den blonden Kopf gehalten (und dabei, unversehens, ein paar Haare ausgerissen). Jetzt ist alles wieder gut.

Und Mutti schaut alle paar Minuten nach dem Kind im hochaufgepolsterten Bettchen.

Ja, und der Markus Hollerer wird wieder einmal allgemein gelobt – für die überzeugende Qualität seiner Fleisch- und Wurstwaren. (Aber erst sein Osterschinken … Hm! Eins A!)

Ja, der Fleischhauer Hollerer, der gilt wohl zurecht als eine Koryphäe.

E N D E

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