Fast keine

Augenzeugen

Eine eher seltsame

Erzählung von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2015.

so ersuch ich weniger den Leser mit

Verstand als den anderen, dass er zuweilen

einen Unterschied mache zwischen den

Meinungen des Luftfahrers Giannozzo

und meinen eigenen.

Jean Paul, Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

*

Während der vielen Jahre beobachtet der

Mann den Türhüter fast ununterbrochen.

Er vergisst die anderen Türhüter, und dieser

erste scheint ihm das einzige Hindernis

für den Eintritt in das Gesetz.

Franz Kafka, Vor dem Gesetz

*

Bandini

Der alte Mario Bandini war ein – ja, was? Was eigentlich?

Also, sein Eis, das er den Sommer über, genauer: von Mai bis Anfang September, rührte und patzte, wurde von ihm zwar angeblich nach italienischem Rezept hergestellt; so wie er selbst, der alte Mario Bandini, dessen Vorfahren es irgendwann, noch zu Habsburgs Zeiten, aus dem Piemont hierher verschlagen hatte, nach italienischem Rezept hergestellt worden war.

So zumindest pflegte er es, wenn er gut aufgelegt war, selbst auszudrücken.

Dabei legte er seiner Zunge den Zaum des Zirkusgauls an: Denn wenn er ein wenig mitte ítalienisse Akzente sprach, lachte man; und hielt ihn für molto simpatico.

Zudem: Sein Eis war durchaus genießbar.

Aber auch die herbstlichen und winterlichen Maroni des Italieners (der ohnedies hier, in Österreich, geboren worden war, ganz so wie schon sein Vater, übrigens), die Maroni, sie rochen für ganz Feinnasige, die von der Abstammung des Kastanienmeisters wussten, schon irgendwie nach – Trüffel. (Nach weißer Trüffel von Alba, klarerweise, die dort traditionell von schlauen Trüffelhunden erschnüffelt und von noch schlaueren Trüffelhändlern zu Horrorpreisen unter die Gourmets [oder solche, die sich dafür halten] gebracht werden.)

Bandini gehörte jedenfalls dazu. Zu diesem Grätzel. Wie der Billa, die dm-Filiale und das Autohaus Wrbalek; wie die Wohnsiedlungen und Mietshäuser; oder das imposante Blindeninstitut. Und vis à vis von dieser „Anstalt für Blinde und Sehbehinderte“ stand Bandinis Kiosk. Etwa acht Quadratmeter. Für Eis im Sommer, adaptiert für heiße Kastanien im Winter.

Und jetzt hatte jemand den alten Mario Bandini erschossen. („Sehr präzise, aus knapp zwanzig Metern Entfernung und vermutlich mit einem großkalibrigen Gewehr …“, wie es schon im ersten mündlichen Bericht geheißen hatte.)

Das mag aufs erste Hinsehen oder Hinhören tragisch wirken. Doch – war Mario Bandini tatsächlich der im Grund genommen: unscheinbare, quirlige und manchmal ein wenig aufbrausende Typ? Ein unauffälliger Mitfünfziger, schon mit ziemlicher Glatze, rundherum noch ein bisschen ehemals schwarzes, jetzt graues Lockenhaar und so total harmlos wirkend, wie einer nur harmlos wirken kann?

War Bandini tatsächlich der kreuzbrave Familienvater? Wie stand es wirklich um die Ehe mit seiner leicht fülligen Frau Gina, mit der er seit über dreißig Jahren zusammenlebte? Und wie sahen die drei längst erwachsenen Töchter – Pia, Teresa und Maria – und ihre Familien das Leben und die Karriere ihres Vaters? War Mario Bandini in ihren Augen tatsächlich der treusorgende Familienmensch, als der er sich so gern darstellte? Oder trog der Schein am Ende?

Der Schein trog.

Da gab es nämlich diese andere, dunkle Seite am angeblich so braven Familienmenschen Mario Bandini. Da zeigte sich oft genug der jähzornige, aufbrausende und brutale Bursche: der eiskalte Eis-Mann und der höllisch heiße Maroni-Mensch.

Wenn ihm etwas zuwider war, wenn es Stunk gegeben hatte im Geschäft (und bei der Art von Geschäften, wie sie Bandini meistens tätigte, gab es fast immer Stunk), konnte er nur zu leicht die Geduld verlieren. Dann schlug der sanfte Mario rauere Töne an – und schon mal zu. Da kam ihm auch hin und wieder die Hand aus. O ja.

Seine Frau und die Töchter hätten davon ein Lied singen können. Sie unterließen das jedoch und versuchten, auf ihre Weise mit den Launen des ziemlich unausgeglichenen Vaters fertig zu werden. Sie hatten sich im Laufe der Zeit durchaus taugliche Abwehrmechanismen zugelegt. Und sie gaben sich letztlich keinen Illusionen mehr hin, was die Eigenschaften des Familienoberhaupts betraf. Denn als solches sah sich der kleine Tyrann ohne Frage.

Bandinis stille Frau Gina allerdings wurde immer verschlossener. Der Glanz wich sukzessive aus ihren dunklen Augen. Im Gegenzug wuchs sie förmlich in sich hinein und zusammen … Gina verpuppte sich innerlich; während sie nach außen hin verwelkte. Vergilbte. Glanzlos wurde und stumpf.

Die Töchter, Pia, Teresa und Maria? Die warfen sich seltsamerweise früh schon und nach der Reihe Männern an die Brust und in die Arme, die gleichsam etwas jüngere Kopien ihres Vaters Mario waren: brutal, billig, aber leider ohne den Rest-Charme des erfolgreichen Eis-Mischers und Maroni-Rösters; und heimlichen Wettkönigs. Es waren bloß plumpe Abbilder dieses Spiele-Gottes und unbestrittenen Unterweltbosses (zumindest auf Bezirksebene).

Ihren Männern freilich kamen auch die Töchter erst nach und nach auf die Schliche. Denn eine ordentliche Portion an Naivität hatten sie von der Frau Mama mitbekommen.

Oder sie hielten es so, wie ihre Mutter es gehalten hatte: Sie litten stumm. Welkten dann sukzessive dahin und vergilbten. (Doch so weit war es noch nicht …) Und sie trösteten sich womöglich damit, dass man von Anfang an leider nicht gut wissen kann, wie der feine Herr Partner tatsächlich tickt. Oder? – Na, eben.

Denn die Nach- und Umwelt kommt meist erst, wenn jemand gestorben ist, langsam dahinter (oder auch nicht), was da eigentlich los war mit dem angeblich so vortrefflichen Kerl. Dann erst fügt sich eines zum anderen, bis es klar ist: Dieser Griff war einer in den Kanal.

Nun, wir wollen nicht länger um den heißen Brei herumreden: Mario Bandini verfügte allem Anschein nach über recht ausgeprägte Schattenseiten. Ja, er war in der Tat mehr als bloß ein kriminelles Element. Oder ein Schlitzohr. Bandini war ein Verbrecher.

Und noch etwas: Dieser Bursche verfügte über eine Reihe gut-gehüteter Geheimnisse. Jetzt, da er tot war, kristallisierte sich langsam heraus – wie sich bei einem Puzzle zuletzt alle Teilchen zu einem Bild zusammenfügen (oder irgendetwas ist faul daran, und einige Mosaiksteinchen fehlen) -, es zeigte sich also, dass der erfolgreiche saisonale Eis- respektive Kastanien-Zubereiter auch sonst so etwas wie ein Doppelleben geführt hatte. Und das zweite Bandini-Leben kontrastierte zum ersten, zum so bieder-bürgerlichen, schon recht stark.

Wobei der Umstand, dass er seine Frau des öfteren betrog (und dabei meist nicht einmal besonders um Diskretion bemüht war), dem schillernden Geschäftsmann und Geschäftemacher auch nicht unbedingt zum Ruhmesblatt gereichen mochte.

Was indes noch schwerer wog: Mario Bandini hatte es verstanden, im Laufe der Zeit ein kriminelles Netz aufzuziehen, in dessen Zentrum er nun thronte und seiner Opfer harrte. Ja, der schlaue Fuchs hatte, quasi als Spinne getarnt, aus kleinen Anfängen heraus ein dichtes, mafios gefügtes Gewebe geschaffen. Sukzessive war es dem gewieften Geschäftsmann solcherart gelungen, die Fäden diverser illegaler Machenschaften in seiner Hand zu vereinigen.

Nein, die Prostitution überließ er anderen; wie auch das Drogengeschäft. Nicht aus moralischen Gründen; denn dann hätte er das beinharte Geschäft der Gewinnspiele auch nicht betreiben dürfen! Nein, das Rotlichtmileu war ihm zu wenig spannend. Und das Drogengeschäft? Dafür, das merkte Bandini, der erfahrene Gauner und Menschenkenner (in Personalunion), sehr schnell, dafür war er nun einmal nicht geschaffen. Dazu war er damals schlicht schon zu alt gewesen, als er vor fast zwanzig Jahren in den durchaus dunklen Bereich der illegalen Gewinnspiele und Wettkonstrukte ein- oder besser: abgetaucht war.

Ja, das Drogengeschäft war etwas für abgebrühte Burschen, für Jünglinge, die auch härtere Bandagen nicht scheuten; für Draufgänger eben. Aber nicht für kriminelle Formate, wie er eines war. Er, der hauptsächlich mit Köpfchen zu arbeiten verstand … Nein, Rauschgift – dafür fühlte er sich nicht geschaffen. (Doch im Geschäftsführer Martin „Burli“ Machatsch vom benachbarten Autohaus Wrbalek hatte er seit langem schon quasi einen Kompagnon für diese ergiebigen Sparten gefunden. Und das Terrain warf genug für zwei Bosse ab. Bei vergleichsweise wenig Risiko für den geheimen Geldgeber und Sponsor Bandini.)

Nein, nicht Prostitution und Drogen. Dafür jedoch Glücksspiel in seinen vielen reizvollen Facetten. Zwar gab es im Umkreis der Stadt keine ernstzunehmende Pferderennbahn; damit fiel die Buchmacherei mehr oder weniger aus. Aber sonst öffneten sich – von diversen obskuren Kartenspielen bis zum königlichen Roulette, von pikanten Fußballwetten bis zur riskanten Beschäftigung mit den verpönten Spielautomaten – alle Tore ganz weit, zu höchster Freude und jämmerlichem Verlust seiner treuen, weil spielsüchtigen Klientel.

Und diese Bandini’sche Klientel war so bunt wie die Krawatten, die Mario zu festlichen Anlässen überzustreifen pflegte.

Zum Kundenstamm des nach außen hin immer so bieder wirkenden sommerlichen Eismannes und winterlichen Kastanienrösters gehörten sogenannte seriöse Geschäftsleute genauso wie ewige Versager und Verlierer; angesehene Persönlichkeiten, Beamte und Lehrer; Ärzte, Rechtsanwälte und Diplomingenieure; Studenten und auch ihre Professoren; brave Handwerksmeister und gewiefte Diplomaten; und mehr oder weniger schillernde Damen, leichte Mädchen und schwere Hausfrauen; vorwitzige Studentinnen und taffe Sekretärinnen.

Aber auch Penner und Sandler, denn für Mario zählte einfach jeder Euro, jeder Cent.

Da war Bandini durchaus Demokrat.

Doch jetzt war er tot.

Heuberger

Er war unangenehm berührt. Ja, Oberst Ferdinand Heuberger war unangenehm berührt. Fast unglücklich. So unglücklich – wie ein pubertierender 16jähriger über den Anblick eines prächtig blühenden eitrigen Pickels in seinem Gesicht. Und das nach einer trügerischen kurzen Phase mehr oder weniger reiner Haut.

So fühlte sich Heuberger angesichts dieses reichlich obskuren Mordes an diesem alten Bandini, diesem Eis-Spezialisten beziehungsweise Maroni-Unternehmer, je nach Saison.

Aber: War nicht jedes Verbrechen obskur? (Oder waren das bloß die Begründungen dafür?!) Vielleicht lag die unangenehme Berührtheit Heubergers diesmal bloß im Umstand seiner, also Heubergers, in Kürze bevorstehender Pensionierung begründet? Denn in knapp einer Woche würde er seinen Platz nach fast 40jährigem, stets korrektem, oft auch von höchster Stelle entsprechend belobigtem Wirken als Kriminalbeamter, über fünfzehn davon als Chef der Abteilung, ein für alle Mal beenden. (Zumindest war es so geplant gewesen.)

Pensionierungen hatten etwas so Endgültiges an sich. Fast wie Tode. Fast wie Morde oder Selbstmorde. Das Aus einte alle diese Begriffe, immerhin.

Jetzt fühlte sich Heuberger indes unangenehm berührt.

Der erfolgreiche Oberst der Kriminalpolizei mit einer Aufklärungsquote, die sich durchaus sehen lassen konnte, hatte nämlich durchaus (und wie er meinte) berechtigte Bedenken, dass der – gleich hinterhältige wie freche – Mord an Mario Bandini zumindest in der ihm, Heuberger, noch auf seinem Posten als Chef-Ermittler verbleibenden Zeit nicht aufgeklärt werden könne. Fühlte er sich also quasi um eine Pointe betrogen?

Und dass sein potenzieller Nachfolger, Major Georg Birnstingl, das Zeug dazu haben würde, den Mordfall Bandini aufzulösen, bezweifelte Heuberger nach all den leidigen Erfahrungen mit dem zumeist wenig animierten, dafür eitlen Kollegen, in dem er weniger Begabung als ein umfassendes Defizit einer solchen ortete.

Also befürchtete der Instinkt-sichere Kriminalpolizist stark, dass der jüngere Kollege auch hier bei Weitem überfordert sein werde.

Ja, Ferdinand Heuberger hatte Angst – um im Bild zu bleiben – , er werde um eine Pointe umfallen; wie etwa bei einem spannenden Fernsehfilm oder bei einem interessanten Buch, wenn ihn plötzlich ein unerwünschter Anruf (in dem es dann um irgendeine Banalität ging) weg von der Couch, von den Salz- und Käse-Crakers und weg von der Flasche Bier oder Wein rief.

So fühlte sich der alte Kriminalbeamte insgesamt bald schon mehr als bloß unangenehm berührt, dachte er an Mario Bandini, an dessen Eis- respektive Maroni-Kiosk, aber auch an die Billa- und die dm-Filiale und die obskure Gestalten, die sich nicht selten im Umkreis des Blindeninstituts herumtrieben.

Seine Befürchtungen konturierten sich immer stärker, bis er nach langem Hin und Her vom Polizeidirektor, Hofrat Gunnar Siebenstössl, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband, die Erlaubnis erhielt noch – maximal ein halbes Jahr – weiter-ermitteln zu dürfen. (Was schließlich, nicht zuletzt wegen einer gravierenden Grippewelle die im Führungsstab wütete, und mehrerer Disziplinarverfahren im Anschluss an dubiose Vorgänge ermöglicht wurde.)

Übrigens: Wie recht Ferdinand Heuberger mit der Einschätzung der Fähigkeiten seines langjährigen Mitarbeiters Georg Birnstingl gehabt hatte, erwies sich, als bald darauf die Handschellen um die Gelenke des Majors klickten. Das, womit kaum jemand rechnen hatte können, war eingetreten: Mit einem Mal stand Birnstingl als Tatverdächtiger im Fokus der Ermittlungen! Ein bis dato unbescholtener, ja: bestens beleumundeter hoher Beamter der Kriminalpolizei stand mit einem Mal im dringenden Verdacht, einem – übrigens, erst im Zusammenhang mit dem eigenen Ableben enttarnten – Unterweltkönig das Lebenslicht ausgeblasen zu haben!

Donnerwetter, das war starker Tobak. So dachte sich auch Oberst Heuberger.

Na, so was!

Birnstingls Schwester

Im Zuge dieser unerwarteten Entwicklung entsann Heuberger sich, von Birnstingl vor Zeiten schon eher beiläufig und in einem der eher seltenen privaten Gespräche, die zwischen den beiden Polizisten stattfanden, erfahren zu haben, dass der Kollege fast jede Woche einmal seine ältere Schwester Esther zu besuchen pflegte, die seit Jahren ohne Augenlicht und daher Insassin der renommierten Anstalt für Sehbehinderte und Blinde war.

Hätte früher die Frage bloß gelautet, ob Birnstingls Verwandte etwas von dem mörderischen Geschehen rund um den vis à vis gelegenen Eis- beziehungsweise Maroni-Stand mitbekommen habe, so ging es jetzt darum, ob sie womöglich gar eingeweiht sein konnte in die Machenschaften ihres jüngeren Bruders. Denn auf dem eitlen und arroganten Major Birnstingl lag nun einmal der Hauptverdacht in der ganzen leidigen Sache.

Also unterhielt sich der Oberst mit Esther Birnstingl. Und er kam aus dem Staunen schier nicht mehr heraus.

Die circa 60jährige unverheiratete Dame wirkte auf ihn sogar recht aufgeweckt; ja, sie schien direkt taff (wesentlich taffer zumindest als der fade Birnstingl-Bruder) zu sein. Resolut direkt, obschon auch, auf eine etwas strenge Weise vielleicht: charmant. Ja, durchaus einnehmend. Und gepflegt. Ihre weißblond getönten Haare, das dezente Make-up … Und Esther Birnstingl schien zudem auch klug zu sein (wie sich noch herausstellen sollte).

Oberst Heuberger stellte sich vor und entschuldigte sein Eindringen in die Ruhe des Instituts.

Das macht doch nichts. Im Gegenteil: Ein bisschen Abwechslung tut mir durchaus gut“, erwiderte Esther Birnstingl mit feinem Lächeln. Und, fast ein wenig verschwörerisch: „Wissen Sie, Pfleger Max, der mich meist umsorgen sollte, wenn er das überhaupt zusammenbrächte, Max ist auf Dauer kein echter Ersatz für interessante Gesprächspartner …“

Wie war das Verhältnis zu ihrem Bruder Georg, gnädige Frau?“, fragte der Oberst und überging den Tadel an der Hilfskraft, die er zuvor schon kurz am Gang gesehen zu haben glaubte.

Ach …, wissen Sie …“ Esther Birnstingl hielt inmitten der Antwort inne.

Pause.

Ja, er hat mich besucht“, fuhr Esther fort. „Aber eine Hilfe, eine echte Hilfe war er mir nicht. Nie. Schon damals, als wir noch Kinder waren, nicht. Wissen Sie: Georg war und ist ein ausgesprochener Egoist. Außerdem – spielsüchtig und eitel. Ein nichtsnutziger Pfau!“

Oho, dachte Heuberger.

Nicht, dass ich etwas gegen diese schönen Tiere hätte – auch wenn ich sie leider nicht mehr sehen kann“, fuhr die Schwester Birnstingls fort. „Nein, aber menschliche Pfauen kann ich nicht leiden. Und ein solcher war Georg gleichsam – immer schon … Sein Aussehen, sein Auftreten und seine Erscheinung, seine Gewandtheit, das alles ging ihm schon als kleiner Bub über alles! Das war ihm wichtiger, als Süßigkeiten oder Zärtlichkeiten durch die Mutter. Und später, da wurde das immer noch ärger mit seinem Geltungsdrang und seiner Arroganz …“

Aha, dachte Heuberger.

Und dann erst dieser Fimmel, die Schießerei! Schon Vater war ja ein ziemlich ausgeprägter Waffenliebhaber gewesen, auch ein in Maßen begeisterter Jäger. Übrigens, eine Vorliebe, die ich nie verstehen und akzeptieren, schon gar nicht bewundern konnte … Aber, was soll es? Als ein – auf welchen verschlungenen Wegen des Schicksals auch immer – zum Gutsherrn avancierter Normalbürger, da hatte er eben auch die entsprechende Attitüde übernommen. – Egal.“ Sie machte eine der kleinen Pausen, wie sie Oberst Ferdinand Heuberger schon gewöhnt war; trotz ihrer erst kurzen Bekanntschaft.

Die durchaus eloquente Esther Birnstingl fuhr indes fort: „Immer noch teurere Gewehre oder Pistolen, was weiß ich …, ich kenne mich da nicht so aus! Jedenfalls, für Georg mussten es immer wertvollere Geräte sein. Ja, seine ganze Ambition galt seiner aufwendigen Ausrüstung für Jagd und Schießsport. Und dann noch das dauernde Getue in diesem sogenannten Sportschützenverein! Da trafen einander doch lauter Spinner und Machos. Ja, ein Haufen von Waffen-Paranoikern. Das war doch schon krankhaft!“

Da blickte Heuberger nun tatsächlich auf. Zwar wusste man auch bei der Polizei schon längst, dass Major Georg Birnstingl ein hervorragender Schütze war. Auch davon, dass er sich vor Zeiten angewöhnt hatte, seine martialischen Ambitionen auch extern, in einem Sportschützenverein, auszuleben, hörte der Oberst natürlich nicht zum ersten Mal. Aber, dass Birnstingls Faible für teure Waffen längst die Ausmaße einer Sucht angenommen haben musste, das überraschte Heuberger dann doch. Teufel auch!

Also, hat er viel Geld in sein Hobby gesteckt?“, fragte der Oberst die blonde Blinde.

,Hobby‘?! Dass ich nicht lache! ,Hobby‘! Also, das ist in der Tat der verfehlte Ausdruck, Pardon: Seine Waffen waren ebenso eine Sucht wie sein Spielen. Und beides hat ihn jetzt zu Fall gebracht!“ Frau Birnstingl querte, sich mit dem eleganten weißen Stab des gewohnten, kleinen Weges vergewissernd, das Zimmer, vom Fenster hin zum Sofa. Und sie setzte sich.

Eine junge Pflegeschwester klopfte an die Tür, öffnete sie, trat ein und stellte eine Kanne Tee, zwei Schalen und etwas Gebäck auf dem hübschen Tischchen nieder.

Das ist Schwester Mary. – Sie müssen wissen, ich erkenne sie alle am Gang …“, machte Esther Birnstingl den Oberst mit der jungen schwarzhaarigen Frau bekannt. „Oberst Heuberger“, sagte sie, zur Krankenschwester gewandt, und zeigte auf den Gast.

Mary nickte brav und lächelte scheu. Dann verließ sie das Zimmer wieder.

Als die Hilfe verschwunden war, lüpfte die weiß-blonde Blinde ein wenig den Schleier der innerfamiliären Umstände im Hause Birnstingl in den letzten paar Jahrzehnten. Sie gab ein wenig Einblick in Kindheit und Jugend im (überdurchschnittlich) wohlhabenden Elternhaus. Bis zu dem Tag, da sie, Esther, durch einen bösen Reitunfall ihr Augenlicht und die Beweglichkeit ihres linken Arms einbüßte. Worauf hin sie, die übrigens bis dahin als überaus begabte Jung-Pianistin gegolten hatte, in das Institut übersiedeln musste. Sie streifte natürlich auch die Polizeiausbildung des jüngeren Bruders; dann den Tod der Mutter, die, damals schon als Witwe, durch Jahre das weitläufige Anwesen mit all den Wirtschaftsgebäuden, das umfängliche Gestüt und die Stallungen geleitet hatte; und den Riesengrund, die Forste und Äcker …Alles habe sie in fester weiblicher Hand gehalten. Ja.

Und Ihr Bruder -“, setzte Heuberger zu einer Frage an. Doch Esther Birnstingl kam ihm mit der Antwort zuvor.

– war schuld an meinem Unfall, ja! Denn er war mit mir damals ausgeritten, hatte bei einer kurzen Rast in einer Lichtung eine seiner Pistolen gezogen und in die Luft geschossen! Mein ahnungsloser Rappe, Prince of Wales, erschrak total, stieg in die Höhe – und ich landete unsant in den Sträuchern. So unglücklich, dass mein Augenlicht wie auch der linke Arm irreparabel verletzt wurden …“

Das tut ir leid, gnädige Frau“, beeilte sich Heuberger der alten Dame zu versichern.

Indes, als ob sie seinen Einwurf gar nicht gehört hätte, fuhr Esther Birnstingl fort: „Und außerdem hat er mich auch noch um mein Erbe gebracht. Später dann. Doch das weiß auch Dr. Bleiberger, unser Rechtsanwalt. Nur – wie er es gemacht hat, dass wissen die Götter …“

Was, Major Birnstingl hat Ihr Erbe unterschlagen?!“ Heuberger war irritiert.

Ja, er hat mein Erbe unterschlagen. Aber, wie gesagt, das wird Ihnen Engelbert, also Dr. Bleiberger, bestätigen. Wenn der nicht ohnedies -“ Esther hielt inne und blickte aus Augen, denen man ihre Blindheit gar nicht angesehen hätte, zu ihrem Gegenüber.

Und seinen Anteil, den hat er verzockt …, so sagt man doch, nicht wahr?“ Esther Birnstingl lächelte wieder charmant (und ein wenig schüchtern) zugleich.

Verstehe. Er hat seinen Anteil durchgebracht“, fasste der Oberst zusammen.

– und meinen gestohlen, ja“, fügte die Blinde als rhetorische Floskel hinzu, als verstärkende Reprise sozusagen. „Doch das habe ich in seiner ganzen Tragweite erst etwa eine Woche vor dem Mord an Mario Bandini herausgefunden.“ Sie schwieg.

Ja?“ Heuberger sah über die Teeschale hinweg aufmerksam zu ihr.

Ja. Da hat sich nämlich Max, dieser Tölpel, verplappert …“

In Heuberger, der sich erhoben und fast automatisch die ihm freundlich zum Abschied hingestreckte Rechte der Esther Birnstingls ergriffen hatte, trugen sehr unterschiedliche Gedanken mit einander erstaunliche Scharmützel aus: Will mich die Alte verarschen? Ist die gerissen oder doch naiv und unschuldig? Was hat es mit dieser komischen Freundschaft zwischen dem Major Birnstingl und dem Hilfspfleger Max Fügesam auf sich? Was mit dem skurrilen Sportschützenverein? Mit der paranoiden Leidenschaft für Waffen des Kollegen und dessen angeblicher Spielsucht? Und: War dieser Anwalt, Dr. Engelbert Bleiburger, nun tatsächlich nebenbei ein willfähriger Büttel Georg Birnstingls? (Oder womöglich ein Handlanger Mario Bandinis?!) Hatte also vieleicht auch noch ein geringer, aber geldgieriger Knecht Justitias seine schmutzigen Hände im unschönen Spiel, in der Annahme, die Göttin sei ohnedies bind …?! Oh, Pardon!

Jedenfalls hatte sich, so kam es zumindest Ferdinand Heuberger vor, der Besuch bei Birnstingls Schwester Esther, der bloden Blinden, durchaus gelohnt …

Helfer Max

Max Fügesam war ein Waffennarr und ein Kenner der Materie. Denn so gut wie ausschließlich Waffen waren das Seine. Das dafür umfassend. Für Waffen hätte Max, wäre sie noch am Leben gewesen, ohne weiteres und im Tausch seine Großmutter hergegeben; oder aber, hätte er über welche verfügt, seine Kinder.

Für den Erwerb und Gebrauch von Waffen war er überhaupt zu allem bereit. Zu allem.

Außerdem war Fügesam ein passionierter Bastler und Tüftler.

Und er verkehrte seit Jahren schon als Mitglied im selben Sportschützenverein wie Major Georg Birnstingl (sein Förderer von Jugend auf).

Max Fügesam war, um es nochmals darzutun, der Sohn des alten Fügesam, der vor vielen Jahren, als noch die Eltern von Esther und Georg Birnstingl gelebt hatten, als recht umsichtiger Verwalter dem riesengroßen Gut, dem exquisiten Gestüt und den ausgedehnten Forsten vorgestanden war. Der alte Fügesam, wie sein ältester Sohn auf den Vornamen Maximilian hörend, hatte schon bald nach dem Erwerb des Gutes durch Anatol Birnstingl hier seinen verantwortungsvollen Dienst angefangen.

Und im Schatten der reichen Birnstingls hatte die weit weniger gestopfte Familie Fügesam also ihre Zelte aufgeschlagen. Dort ging es, wie man sich denken kann, bei Weitem bescheidener zu als im Schloss mit seinem glanzvollen Interieur, wo trotz aller Birnstingl-Nüchternheit noch ein wenig vom leicht morbiden Charme des Vorbesitzers, des alten Spielers und überdrehten Blaubluts Giselbrecht Sachtstätten-Ehrenfels, präsent war.

Hier also, im villenartigen Gesindehaus, hatte der verhältnismäßig junge Verwalter seine Wohnung bezogen. Erst Max senior allein. Dann kam seine Frau Sieglinde hinzu. Später die rasch auf einander folgenden Kinder Max, Erika und Gernot.

Das war in der Zeit knapp nach Kriegsende gewesen, als der alte Anatol Birnstingl mit viel (wie und wo auch immer erworbenem) Geld das Gut, die Waldungen und Gründe am südwestlichen Ausläufer der Stadt erworben hatte. Vom (oben kurz erwähnten) alten Grafen Giselbrecht von Sachtstätten-Ehrenfels. Der wurde freilich nur intern Graf und von genannt, wegen der Habsburger-Gesetze und entsprechend der schon nach Ende des Ersten Weltkriegs erfolgten Abschaffung des Adels. Doch darum ging es auch gar nicht. (Außerdem hatte die Menschheit inzwischen sogar einen zweiten mörderischen Weltkrieg hinter sich gebracht …)

Der alte Giselbrecht war ein Spieler. Ein Besessener. Süchtig. Süchtig – durch und durch. Und: ein ebenso durch und durch verarmter Spieler. Kurz: Er konnte für das Schloss, den Forst und das große Gestüt samt allem Drum und Dran deshalb auch längst nicht mehr aufkommen.

Der Besitz war verschuldet, und Giselbrecht Sachtstätten-Ehrenfels war am Ende.

Da kamen ihm die paar Millionen Schilling vom alten Anatol Birnstingl gerade recht. Der abgebrannte Schlossbesitzer und Gutsherr, es war, wie gesagt, Ende der 1940er Jahre, nahm die Marie, sagte Adieu (oder auch nicht) und fuhr mit den in einem hübschen Lederköfferchen verstauten Millionen nach Monte Carlo. Dort verspielte Giselbrecht das Geld, wie es zu erwarten gewesen war, innerhalb relativ kurzer Zeit.

Dann erschoss er sich im Hotelzimmer.

Dass mit ihm leider auch das dereinst ach so blühende Geschlecht der Sachtstätten-Ehrenfels wenig ehrenhaft zu Ende ging, musste wohl als eine Art genealogischer Kollateralschaden verbucht werden.

Max junior hätte vielleicht in die Fußstapfen seines Vaters treten können, der als Verwalter der Birnstingl’schen Güter durchaus erfolgreich agierte. Und auch Max, der Sohn, wäre vielleicht in der Lage gewesen, es letzten Endes auf dem weitverzweigten Anwesen, im Gestüt und in den Forsten der Birnstingls zu einer schönen Position zu bringen. Doch der junge Mensch, der wahrscheinlich damals schon mit durchaus kriminellem Potenzial ausgestattet gewesen sein dürfte, führte anderes im Schild. Und das, was er alles tun wollte, hatte in erster Linie mit Waffen zu tun. Denn Waffen hatten es ihm früh schon angetan.

Wie seinem weit vornehmeren Freund Georg, dem Sohn der strengen Herrschaften.

Dann kam der unerwartete Tod des alten Birnstingl. Und bald darauf schon der Reitunfall der zu dieser Zeit etwa 25jährigen Birnstingl-Tochter Esther.

Gleich eine Handvoll Hoffnungen mussten darauf hin begraben werden. Zum Beispiel: Esther Birnstingls Karriere als Pianistin – weniger auf Grund der Erblindung als der (ebenfalls irreparablen) Verletzung ihres linken Armes wegen.

Überhaupt die Aussichten der hübschen jungen Frau.

Was freilich blieb, waren diverse Vorlieben: Sowohl Max Fügesam junior als auch Georg Birnstingl entwickelten sich nämlich zu echten Waffennarren.

Und als Max dann in seine erste kriminelle Sache verwickelt war – in ein vergleichsweise eher inferiores Vergehen im Bereich der Wilderei -, war es Georg, der junge, aufstrebende Polizist, der dem Freund aus der Patsche half. Und ihn sich dadurch für immer verpflichtete. Denn die Hilfestellung durch den angehenden Polizeibeamten wurde für Fügsam junior Ausgangspunkt einer im Laufe der Zeit an Debilität grenzenden Idolatrie: Im Grund beherrschte alles, was Georg Birnstingl tat oder zumindest tun wollte, was er anfing oder womit er aufhörte, die an sich ohnedies nur bescheiden ausgestatteten Gedankengänge Max Fügesams. Ja, Georg war sein Idol! Der junge arrogante Polizist und sein Umgang mit Waffen aller Art!

Dann, nachdem ihn der Jugendfreund aus der leidigen Wilderer-Sache herausgeboxt hatte, passte, wie es so bildhaft heißt, überhaupt kein Blatt mehr zwischen die beiden Waffennarren.

Georg Birnstingl hatte dem inzwischen leider doch schon halbwegs Gestrandeten dann auch den Posten eines Hilfspflegers in der Anstalt für Blinde und Sehbehinderte verschaffen können, deren damaliger ärztlicher Leiter, der angegraute Primarius Dr. Jonathan Panholzer, zudem ein alter Freund von Birnstingl senior und ein fürsorglicher Waffenkamerad der beiden noch jungen Männer im Schützenverein war.

Der Ballonfahrer

Gesehen? Klar, man sieht schon einiges von da oben …“

Der junge Luftschiffer, er hieß Kevin Stablehner, wurde im Freundeskreis allerdings meist Hardy genannt, schien etwas verwirrt durch Heubergers Frage, ob er etwas gesehen habe bei seiner Ballonfahrt. „Was? – Na, die Stadt, so Details eben …, die Kreuzungen … und die Straßen und Parks …“ Plötzlich, leicht aggressiv: „Aber ich finde das irgendwie unfair! Wie soll ich mich, nur weil ich gerade mit meinem Ballon über die ganze Szene gefahren bin, wie soll ich mich an jede Kleinigkeit erinnern, die während dessen da unten passiert ist?!“

Nein. Insgesamt fühlte sich Kevin nicht so recht wohl in seiner Haut. Der knapp 30jährige Bursche mit den gegelten dunkelblonden Haaren, die in der Mitte büschelig über der Stirn aufstanden, mit der markanten Nase, dem auffälligen Piercing im linken Ohr und dem unsteten Blick aus hellblauen Augen hatte nämlich bisher kaum wesentliche Erfahrungen sammeln müssen mit der Polizei. Daher behagte ihm die Situation nicht so recht.

Seine um ein paar Jahre jüngere Begleiterin, Chantal Wimmer mit Namen, sie trug ihr Piercing in Form eines Nasenrings, saß im Wortsinn daneben. „Ja, doch“, auch sie hatte, glaubte sie sich zumindest schwach erinnern zu können, „die schöne Aussicht bewundert …, und so …“ Aber – Einzelheiten? Naja: „Nein, Genaueres gesehen habe ich nicht …“

Doch!“, entfuhr es da dem Luftschiffer Hardy plötzlich. „Da war was! Ja, jetzt kommt es mir wieder! Da war ein Lichtschein …, eine Reflexion vielleicht! Von weit unten … Wie wenn ein Sonnenstrahl auf Metall trifft …“

Ein Gewehr?“, kombinierte Heuberger. „Könnte man das aus der Entfernung denn sehen?“

Ihm schien das nämlich eher unwahrscheinlich.

Nein, ein Gewehr sieht man von da oben natürlich nicht! Und auch die Menschen sind viel zu klein, als dass man sie wirklich erkennen könnte. Aber: eine Reflexion! Ja, die merkt man …“ Hardy blieb dabei.

Hm, dachte der Oberst. Ein Gewehr. Das passt mit den Überlegungen der Balistiker und Forensiker überein.

Das war es auch schon, Herr Stablehner, Frau Wimmer. Und danke auch schön.“

Und wie von einer Eingebung geleitet, fügte der Polizeibeamte recht beiläufig hinzu: „Ich hoffe, Sie haben unser Gespräch nicht als irgendwie unfair empfunden, oder?!“

Er wandte sich wieder seinen Unterlagen und seinem Schreibtisch zu.

Dann indes, schon im Abgehen (und als habe er so etwas im Fernsehen gesehen) wandte sich nun seinerseits der Ballonfahrer nochmals dem Oberst zu: „Doch! Ich finde es ziemlich unfair, dass man diese Geschichte quasi mit einem Cliffhanger ausklingen lässt. – Ansonsten? Nein, irgendwie unfair behandelt fühle ich mich nicht …, also direkt unfair …“ Und an seine Freundin gewandt: „Oder? Was meinst du, Chantal?“

Doch die Angesprochene schaute nur irgendwie unterbelichtet und grinste.

Eben“, sagte der Ballonfahrer abschließend und machte endgültig einen Abgang.

Das Mädchen dackelte brav hinter ihm drein.

Jean-Pierre

Es gibt immer wieder verstockte Klienten. Menschen die partout nichts oder nur Blödsinn mitbekommen haben. Augenzeugen, die (in diesem Zusammenhang und angesichts einer Anstalt für Blinde und Sehbehinderte in nächster Nähe einer Mordtat mag das Wort unpassend erscheinen:) blind sind in Bezug auf alles, was um sie herum geschieht.

Wenig taugen freilich auch sogenannte Zeugen (Augen- wie Ohren oder Nasenzeugen, übrigens), die zwar einen durchaus willigen Eindruck vermitteln, sich in der Folge dann jedoch leider als zu jeglicher Hilfeleistung in höchstem Grad als unfähig erweisen.

Wenn ein solcher dann zu allem Überfluss auch noch als notorischer Trinker bekannt ist, so kommt sogar bei einem Kriminalbeamten, der als weitestgehend konziliant gilt – wie Oberst Heuberger -, kaum besonders viel Freude auf.

Einer von dieser speziellen Sorte war der grosso modo tatsächlich ständig betrunkene Jean-Pierre. Und auch jetzt, da man den Penner vor Oberst Heuberger gebracht hatte, bestätigte sich das oben Ausgeführte in schönster und überzeugendster Weise wieder einmal aufs Neu.

O Jean-Pierre!

Und doch, man konnte ihm alles mögliche nachsagen (und das meiste davon lag quasi auf der Hand, wie etwa seine Trunksucht, sein unlauterer Charakter und seine Unverlässlichkeit), aber über eine recht kuriose Art von Ehre verfügte Jean-Pierre, dieser Stadt-Streuner und Sandler angeblich französischer Herkunft, tatsächlich. Ja, die war ihm geblieben.

Seine Herkunft freilich war keineswegs eine irgendwie oder im Entferntesten französische. Vielmehr stammte Hanspeter Finkle aus Kötzschenbroda im Landkreis Meißen, diesem hübschen sächsischen Flecken, der anno 1935 mit Radebeul fusioniert worden war und sich bis heute mit dem Namen eines seiner – zugereisten – Einwohner schmückt: mit dem des in mancherlei Hinsicht nicht unumstrittenen Bestsellerautors Karl May (1842 – 1912).

Hanspeter Finkles Großmutter Emma, eine geborene Isenbarth, hatte einen jungen verwitweten Fleischhauermeister namens Gundolf Finkle geheiratet. Und Emma selbst war die Enkeltochter der Elsa Francke gewesen; und die wiederum hatte den aus Dresden stammenden Büchsenmacher Oskar Max Fuchs (1873 – 1954) zum Vater, der seinerseits für Karl May im Jahr 1896 die legendären Gewehre Silberbüchse und Bärentöter angefertigt hatte, die längst literarische Berühmtheit erlangt haben. Übrigens sollten auf die erste Bestellung noch mehrere folgen, da auch Duplikate der kuriosen Schießeisen erforderlich wurden …

Im Jahr 1902 importierte Fuchs für den Schriftsteller – angeblich aus der Schweiz – auch noch eine Winchester-Rifle ’66, die ab nun für einen der raren Henrystutzen ausgegeben wurde, von denen es – laut Karl May – überhaupt insgesamt nur zwölf Stück gegeben habe.

Das vom Amerikaner Benjamin Tyler Henry aus St. Louis konstruierte Mehr-Schuss-Gewehr konnte, so schwadronierte zumindest der Erfinder von Winnetou, Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi und Konsorten munter vor sich hin, sage und schreibe 25 Schuss hintereinander abgeben, bevor es wieder geladen werden musste!

In Wahrheit freilich hatte Henry dieses (immerhin 16-schüssige) Unterhebel-Repetiergewehr, eine Weiterentwicklung der Volcanis-Pistole der Waffen-Hersteller Horace Smith und Daniel Bairde Wesson, im Auftrag Oliver Winchesters perfektioniert und um 1860 auf den amerikanischen Markt gebracht. (Smiss und Wesson beschäftigten sich nämlich schon wieder intensiv mit der Weiterentwicklung ihrer Revolver und hatten das Patent dem Kollegen Winchester überlassen.) Von dem mit Randfeuerpatronen vom Kaliber .44 mit Kupferhülsen ausgestatteten Gewehr, das über einen Achtkantlauf verfügt, wurden allein für den US-Bürgerkrieg bis zum Jahr 1865 nicht weniger als 8.600 Stück hergestellt.

Von allerlei Mythen umrankt stellt sich indes auch der berühmte Bärentöter dar. Die heute im May-Museum zu Radebeul ausgestellte Waffe verfügt über zwei Läufe, wiegt circa 10,5 Kilogramm und dürfte aus der Dresdner Artilleriewerkstatt stammen. Die Inschrift Burton 1855, Kent ist vermutlich gefälscht. Der Doppel-Vorderlader soll laut Karl May über eine Treffsicherheit von 1800 Metern verfügen. (Der gefinkelte Autor gibt als Hersteller eine Firma M. Flirr, San Francisco an …) Fest steht indes, dass dieses wenig handliche, schwere Gerät nicht nur für den 1,62-Mater-Mann May kaum als probate Waffe geeignet war. (Für sein Alter Ego Old Shatterhand, aber auch für das Zweit-Ich Kara ben Nemsi, wohl ebenso wenig.)

Aber abgesehen davon, dass die drei von Legenden umranken Gewehre kaum betriebsfähig waren (und wenn, dann wahrscheinlich nur unter höchster Gefahr für jeden potenziellen Schützen selbst), besaß der geschäftstüchtige Schriftsteller auch gar keine Munition dafür: Sie wäre ihm wegen seiner Vorstrafen ohne Zweifel verweigert worden.

Die Familie Fuchs war dann ab 1916 auch selbst in Kötzschenbroda ansässig; wie auch die Finkles. Doch Oskar Max Fuchs, der angesehene Büchsenmacher, sorgte zuvor, noch zu Lebzeiten Dr. Karl Mays, für einen Neubeschlag der Silberbüchse, dieses Vorderladers also aus seiner Werkstatt aus dem Jahr 1896, der zumindest literarisch die Waffe des Apachen-Häuptlings Winnetou gewesen war; diesmal mit echt-silbernen Nägeln …

Darüber, wie – irgendwann in den späten 1980er Jahren – die weithin silbrig strahlende Waffe der edlen Rothaut aus Karl Mays Romanen dann in die diebischen Hände Hanspeter Finkles, alias Jean-Pierres, gelangt sein könnte, herrscht nach wie vor allgemein Unklarheit. (Vermutlich hat er das teure Stück entwendet; wobei nicht klar ist, um welche der Varianten und Duplikate es sich dabei gehandelt haben mag …)

Fest steht nur, dass in der längst zur musealen Kultstätte gewordenen Karl-May-Villa zu Radebeul den Besuchern bloß ein neuerlicher Fake präsentiert wird. Umgeben von zwei anderen hochkarätigen Imitaten: dem Bärentöter und der Winchester-Rifle, alias Henrystutzen, die, wie Fuchs aus Anlass seines 50-Jahr-Jubiläums als Büchsenmacher schließlich offenbarte, er allesamt ebenfalls selbst fabriziert hatte. (So steht es zumindest in Rolf-Bernhard Essigs und Gudrun Schurys „Karl-May-ABC“ [Leipzig 1999].)

Alle drei Kultwaffen sind also – made in Germany.

Zurück zur Silberbüchse. Dabei handelt es sich – trotz der Varitäten im Bereich der Beschläge und des Kolbens – grundsätzlich um ein doppelläufiges Perkussionsgewehr. Die von Oskar Max Fuchs angefertigte Waffe von 1896 war also ein gewöhnlicher Vorderlader, allerdings ohne Ladestock; somit handelte es sich lediglich um eine Dekorationswaffe, die Dr. May für seine Autogrammfotos benötigte.

Kolben und Schaft der Silberbüchse waren zunächst mit Messingnägeln beschlagen. Wie weiter oben angedeutet, wurden diese einfachen Verzierungen später durch Silbernägel ersetzt, wobei auf der einen Seite ein W, auf der anderen ein NS auffallen, Buchstaben, zu denen die Metallstifte formiert sind und die – wie wäre es im Umfeld Dr. Karl Mays auch anders möglich? – ebenfalls zu manchen spitzfindigen Interpretationen einladen.

So könnte das W am ehesten für Winnetou stehen; doch vermöchte es sich dabei auch um zwei V handeln, wobei die Auflösung dann sinnigerweise Virgo Virginum (also Jungfrau der Jungfrauen) hieße. Und das wäre wiederum fast naheliegend, stünde das NS nicht für Nonton Shis inte (= Häuptling der Apachen), sondern für Nuestra Senora, also: Unsere Herrin. (Bekanntlich setzte der findige Autor [warum auch immer] alles daran, seiner Fangemeinde den edlen und mutigen Apachen-Häuptling als einen in seinem Innersten längst schon christlichen Menschen, einen Bekehrten quasi, zu verkaufen; als solcher musste der doch geradezu die Anrufungen an die Heilige Jungfrau auf der todbringenden Schusswaffe appliziert haben!)

Wann genau und wie Hanspeter Finkle aus Kötzschenbroda sich eine der Silberbüchsen – welche nun exakt, wird immer ein des großen Schwadroneurs und Märchenerzählers Karl May würdiges Rätsel bleiben – unter den gierigen Nagel gerissen hat, bleibt, wie gesagt unklar. Doch nun war sie ihm leider, so beschwor es Jean-Pierre zumindest beim Augenlicht seiner ungeborenen Kinder, beim Leben seiner toten Mutter und beim Ruhm des Dichters Karl May, seit einiger Zeit abhanden gekommen. Und das just einige Wochen vor dem Mord an Mario Bandini!

Die Wahrheit war (wieder einmal) wesentlich simpler: Da auch der Penner hin und wieder zum Kunden des zwielichtigen Spielsalon-Betreibers, als welcher sich der ansonsten so bieder und seriös wirkende, saisonal als Eis-Hersteller oder Maroni-Röster firmierende Mario Bandini betätigte, war Finkles Prunkstück letzten Endes im Fundus des gewieften Italieners gelandet. Dort, wo sich Krempel und Wertvolles, Gelumpe und Preziosen auftürmten, eine ganze Halle füllend. Zum schier unermesslichen Kummer des längst abgetakelten Säufers, wie man sich vorstellen kann (auch ohne die Empathie allzu sehr überstrapazieren zu müssen).

Doch wer hatte Bandini erschossen? Und war die Tat wirklich mit der alten Silberbüchse durchgeführt worden? Mit der metallen verzierten Waffe, deren Schein – besser: ein Reflex eines Sonnenstrahls, der auf die silbernen Nägel gefallen war – ganz kurz den Luftschiffer Kevin Stablehner geblendet hatte? Wer hatte das Kultgerät dem geschäftstüchtigen Eis- beziehungsweise Maroni-Budenbesitzer Bandini entwendet, um es final gegen den vormaligen Kurzzeitbesitzer selbst einzusetzen? Und wer hatte das hübsche Dekorationsstück derartig präpariert, dass es überhaupt funktionstüchtig war (immerhin fehlten bei den Varianten in Radebeul die Ladestöcke beziehungsweise Zündkanäle!)? Und noch etwas: Wo war das ominöse Gerät nach dem Mord geblieben? (Dass es verschwunden war, stand immerhin fest.)

Fragen über Fragen.

Fassen wir zusammen, was wir wissen: Die Mordwaffe könnte in der Tat auch ein altmodischer, inzwischen entsprechend aufwendig hergerichteter Vorderlader gewesen sein. Denn das hielten sogar die Ballistiker und die übrigen forensischen Fachleute für wahrscheinlich.

Als Mörder wäre Jean-Pierre, der sich praktisch im Daueröl befand, alle Mal ausgeschieden, auch wenn er sich zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz des teuren Stückes befunden hätte.

Und: Die Tat war am hellen Nachmittag verübt worden, auf der recht belebten Straße und an diesem ziemlich zentralen Ort, in der Nähe der imposanten Anstalt für Blinde und Sehbehinderte.

Außerdem stand an besagtem Tag ein spätabendliches Flutlichtspiel der beiden örtlichen, konkurrierenden Fußballvereine im benachbarten Stadium am Programm. Und zum Derby strömten schon Stunden zuvor die Fans am Blindeninstitut (ergo: auch an Bandinis Kiosk) vorbei; entsprechend bemalt, Parolen grölend, alkoholisiert und zum Teil sogar – kostümiert! Außerdem hatte der umtriebige Budenbesitzer doch selbstredend seine Hände auch bei so wichtigen Sportveranstaltungen mit im Spiel … Denn hier gab es immer etwas zusätzlich abzusahnen.

Die Sache schien nicht eben einfach zu sein.

Himmel! Wer verfügte über das Schwert, diesen gordischen Knoten zu zerschlagen? So dachte der einigermaßen klassisch gebildete Oberst Heuberger.

Nochmals Helfer Max

Sein Gewissen lasse ihm keine andere Wahl. Er wolle sich endlich alles von der Seele reden. Und wo doch, an sich, sowieso die Frau Birnstingl an allem die Schuld tragen täte.

So stammelte der Angestellte Max Fügesam, der, wie wir schon wissen, als Helfer im Blindeninstitut beschäftigt war, vor sich hin, als er plötzlich, spätabends, und wie aus heiterem Himmel, völlig verwirrt und total aufgelöst, wie es schien, in der kriminalpolizeilichen Abteilung auftauchte.

Oder aber: Man solle ihn sofort zu Major Birnstingl führen! Zu Major Birnstingl!

Der Herr Major ist nicht im Haus“, beschied ihm Kollege Manfred Mückinger, der Diensthabende. Aber, bitte: Was er sich denn von der Seele reden wolle und woran die Frau Birnstingl (wer war denn das wieder?!) angeblich die Schuld trüge, das alles möge er doch am besten ihm, Bezirksinspektor Manfred Mückinger, anvertrauen.

Dann wurde erst langsam klar, dass es sich um den Mordfall Bandini handle und dass er, Fügesam, ohnedies schon einmal da gewesen sei und eine Aussage gemacht habe. Ja, und dass mit der Frau Birnstingl nicht die Gattin des Major Georg Birnstingl, Sonja, sondern die mindestens halbblinde Birnstingl-Schwester gemeint war: die Frau Esther.

Anders, als Fügesam es vor Tagen zu Protokoll gegeben hatte, war ihm ja doch einiges aufgefallen. „Ich bin ja nicht blind! Bitte!“, meinte der reuige Mittäter, „und das, was die Esther Birnstingl da gemeinsam mit ihrem feinen Herrn Bruder durchziehen will, beinhart, das ist nicht mehr Meines!“

An einem Punkt angelangt, plauderte er dann einiges aus, wohl aus dem Stolz des meisterlichen Handwerkers heraus, der nicht schon wieder im Dunklen und im Hintergrund bleiben wollte: „Ja, die alte Silberbüchse, die hab‘ ich auffrisiert. War ein schönes Stück Arbeit, das können Sie mir glauben …!“

Doch dann brach er zusammen: „Und der Dank? Georg hat mich verhöhnt! Verhöhnt, weil ich das blöde Kostüm von Old Shatterhand nicht anziehen wollte! Außerdem habe ich mich geweigert, diesen verdammten Blutsauger Bandini zu erschießen!“

Wie hatte Major Birnstingl da reagiert, fragte Mückinger.

Ausgespottet hat er mich! Ausgespottet“, greinte Fügesam, zum zerknirschten Häuflein Elend geschrumpft. „Ausgespottet! Mich, seinen alten Freund!“

Da Max also ausgefallen war, hatte Birnstingl selbst – nolens volens – als Trapper in Erscheinung treten müssen und als Scharfschütze. Von einem Kellerfenster aus, vor dem ein Vorgarten zusätzlichen Schutz bot, etwa zwanzig Meter von Bandinis Kiosk entfernt, von hier aus hatte er auf den richtigen Moment für die Mordtat gewartet. Und als er gerade den Lauf der Silberbüchse Zentimeter für Zentimeter aus dem Kellerfenster schob, traf ein nachmittäglicher Sonnenstrahl auf den silbernen Lauf der Waffe.

Dann hatte Birnstingl abgedrückt.

So fügten sich also die Puzzle-Teilchen im Fall Bandini langsam ineinander. (Und Oberst Heubergers Bauchgefühl hatte sich letzten Endes wieder einmal als richtig erwiesen. Kein Wunder, dass der Kriminalbeamte längst schon unter entsprechenden psychosomatischen Erkrankungen litt …)

Als nämlich am nächsten Tag von Bezirksinspektor Mückingers Glücksfall erfuhr, als welcher sich das Verhör mit Max Fügesam letztlich erwiesen hatte, saß der Pflegehelfer schon seit einigen Stunden in Untersuchungshaft. Und auch die Fahndung nach dem flüchtigen, bereits seit zwei Tagen abgängigen Major Georg Birnstingl lief zügig an. Natürlich hatte man außerdem Esther Birnstingl ins Präsidium geholt.

Also: Esther Birnstingl, die raffgierige und herrschsüchtige ältere Schwester – was die blonde Blinde betraf musste Oberst Heuberger am Schluss seine positive Enschätzung denn doch ein wenig korrigieren -, Esther Birnstingl hatte lange schon auf eine entscheidende Verbesserung ihrer finanziellen Situation hingearbeitet. Sie wollte ihren (Bären-)Anteil am herrschaftlichen Anwesen ihrer Kinderzeit mit dem umfangreichen Grundbesitz, dem schönen Gestüt, den ordentlichen Stallungen und den grünenden Forsten, also alles, was den längst verstorbenen Eltern gehört hatte und was Vater Anatol Birnstingl dem spielsüchtigen Grafen Giselbrecht abgeluchst hatte, zurück haben. Denn auch Esther litt unter einer speziellen Sucht: Sie war bestrebt, mittels Geld bei den Mitbewohnern und beim Personal in der Blindenanstalt ihr Renommee zu steigern. Außerdem unterstützte sie in großzügigster Weise diverse Vereinigungen und Einrichtungen zum Gemeinwohl – von Tierschutzverein und Vier Pfoten über Schmetterlingskinder und Roten Nasen bis zu nichtstaatlichen Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International. Und das alles, noch nicht ahnend, dass ihr hochgradig spielsüchtiger Bruder Georg, der unverbesserliche Waffennarr, das Anwesen, sowohl seinen als auch ihren Anteil – den er nebenbei eigentlich treuhänderisch zu verwalten gehabt hätte -, längst schon an Bandini verloren hatte … Folglich machte auch sie Schulden en masse.

Als die blinde alte Frau, die Birnstingls Ausflüchten nicht länger Glauben schenken wollte, ihrem Bruder nun mit dem Rechtsanwalt Dr. Bleiburger und – an sich ein wenig paradox anmutend: sogar mit der Polizei! – gedroht hatte, war Georg mehr oder weniger zum Handeln gezwungen gewesen.

Den spontanen Gedanken, die rabiate Schwester umzubringen, verwarf der Polizeimajor sofort wieder. Nein, das wäre zu auffällig gewesen. Aus dieser Nummer wäre er kaum mehr herausgekommen. Aber –

Da stellte sich zufällig (und durch eine Unachtsamkeit von Georg Birnstingls Ehefrau) heraus, dass der alte Bandini, immerhin auch auf diesem Sektor noch einigermaßen wacker unterwegs, mit Sonja Birnstingl seit Monaten ein Verhältnis unterhielt. Donnerwetter!

Nun, so fügte sich Motiv an Motiv.

Freilich, Birnstingl hätte sich mit Mario Bandini auch auf der Ebene erpresserischen Tuns und gemeinsamer krimineller Aktivitäten einigen können – unter Ehrenmännern, sozusagen. Doch das war dem gewiegten Polizisten denn doch zu unsicher. (Außerdem war nun einmal auch seine männliche Ehre gleich verletzt wie erschüttert.) Und da er nach so manchem Deal mit dem Eis- und Maroni-Mann über Bandinis erhebliche finanzielle Ausstattung und sogar über die geheimen Aufbewahrungsorte diverser Schätze Bescheid wusste, die der feine Geschäftsmann so zu horten pflegte (bevor er die Sachen in aller Regel zu Geld machte), war ihm auch Jean-Pierres alias Hanspeter Finkles kultische Karl-May-Büchse nicht unbekannt, die im Lager des alten Italieners seit einiger Zeit schon quasi einen Ehrenplatz einnahm.

Major Birnstingl brach also – durchaus fachmännisch – in Bandinis Lager ein und stahl die Silberbüchse. Von seinem waffenkundigen Freund Max Fügesam ließ er das akkurate Gerät unter einem glaubwürdigen Vorwand eingehend überprüfen und entsprechend penibel reparieren. Auch an die passende Munition kam der umsichtige Birnstingl über verschlungene Kanäle heran: Ein ihm gut bekannter Theater-Requisiteur, seines Zeichens Waffenmeister, mit Namen Franz Xaver Blumenkron, ein ehemaliger Mitschüler Birnstingls im Jesuitengymasium, mischte ihm das entsprechende Zeug zusammen und füllte alles in die passenden Patronen …

Übrigens: Seine wie auch die Fingerabdrücke Georg Birnstingls fanden sich schließlich an der Waffe. Der Major hatte die Silberbüchse, gemeinsam mit dem geschmacklosen Winnetou-Kostüm, just in der alten, halbverfallenen Jagdhütte der Birnstingls versteckt. Auf dem Gerät waren auch Spuren von Jean-Pierre, von Mario Bandini, natürlich auch welche von Max Fügesam; vielleicht sogar Fingerabdrücke von Karl May und dem Waffenhersteller Oskar Max Fuchs aus Kötzschenbroda … Nein, natürlich von den beiden nicht (mehr).

Ach ja, auch von Franz Xaver Blumenkron und von Esther Birnstingl. – Wie? Von der blonden Blinden?! – Na, so was!

So ausgerüstet – – –

Birnstingl ging den Kollegen, die nunmehr als geballte Polizeimacht auftraten, bald schon in eine Straßenfalle. Später dann, im Verhör, brach der plötzlich ziemlich kleinlaute Major dann beinahe noch schneller zusammen, als Oberst Heuberger es erwartet gehabt hätte. (Birnstingl erfüllte charakterlich und überhaupt somit auch final die Erwartungen seines Chefs. [Erfüllte? Er unterbot sie schier …]) Fazit: Der Ex-Kollege erwies sich als weitgehend geständig. Allerdings fiel die Beweiskette, mit der Heuberger den früheren Untergebenen konfrontierte, entsprechend überzeugend aus.

Birnstingl war Sportschütze, das war bekannt. Auch seine enge Verbindung zum Waffennarren und -kenner Max, der in ihm – wir haben auch darauf schon eingehend hingewiesen – sein Idol sah, war bereits offenkundig geworden.

Auf den Zusammenbruch Birnstingls folgte eine Phase der Ruhe. Vielleicht auch einer Art geistiger Absenz. Ja, der Major schien tatsächlich hirntechnisch abwesend zu sein. Oder: Er war derart erleichtert? – Ja, doch – erleichtert.

Zwar nicht so wie der reuige Sünder, der nach dem erniedrigenden Ritual der peinlichen Beichte das erlösende, das finale Ego te absolvo erwarten zu dürfen hofft. Aber immerhin erleichtert, das war der ehemalige Major Georg Birnstingl.

Nein, voller Reue war er nicht. Nur: Die Spannung, die über Jahre Birnstingls verbrecherisches Tun – hier taten sich nunmehr noch ganz andere Abgründe auf! – begleitet hatte, die wich jetzt sukzessive von ihm. Das glich einem länger schon ersehnten, nunmehr weitgehend erlösenden Entleeren des Verdauungstraktes nach Tagen peinigender Verstopfung.

Freilich, das Unrecht an sich scherte ihn dabei kaum.

Und das Unrecht, in das er seiner Schwester gegenüber geraten war (auch wenn die ihn ihrerseits, zugegebenermaßen, fast ein Leben lang aufs Schlimmste dominiert hatte? Ja, Esther, die war – so schien es jetzt – in ihrer Blindheit hellsichtig genug gewesen, ihren kriminellen Bruder [womöglich von Anfang an] zu durchschauen! Die ganze Zeit hindurch. Nicht zuletzt aus recht materiell fundierter Sorge um ihr Erbe.)

Aber auch das Unrecht, das er an der Allgemeinheit begangen hatte, tangierte Birnstingl, den gefallenen Major, kaum. Das Unrecht der Gesellschaft gegenüber, in deren Dienst er sich quasi per Eid zu stellen verpflichtet hatte.

Auch das Unrecht zuletzt, das er diesem Bandini gegenüber beging, diesem prononcierten Gauner und Verbrecher, dadurch, dass er ihn beseitigte, ihm die Kugel gab, feige und aus dem Hinterhalt heraus – es war ihm ziemlich egal. Dieser Ganove hatte ohnedies nichts anderes verdient. (Irgendwann einmal wäre der gerissene Galgenstrick eben von jemand anderem weggeputzt worden, wenn nicht er, Birnstingl, sich zur erlösenden Tat entschlossen hätte.)

Ja, der Ex-Major war insgesamt erleichtert.

Doch auch die Rolle der blinden Schwester wurde Schritt für Schritt transparenter: Zwar hatte Esther den ins Kriminelle abgedrifteten Major natürlich nicht angestiftet zum Mord am Eis- und Maroni-Mann Bandini. (Wie auch und warum?!) Allerdings waren ihre immer dringlicher werdenden Forderungen finanzieller Art, mit denen sie ihren jüngeren Bruder aufs Peinlichste konfrontierte, wohl alles andere denn dazu angetan, ihn vor einer Wahnsinnstat abzuhalten. (Egal, was immer er geplant haben mochte.)

Im Gegenteil: Esther Birnstingl, die blinde gestrenge ältere Schwester, ließ nicht locker. Mit Vehemenz und – man verzeihe das Wort im Zusammenhang mit der sehunfähigen weiß-blonden Frau – ohne jede Einsicht pochte sie auf ihre Rechte. Wie er es auch immer anstelle, das sei ihr egal, nur auftreiben müsse er das Geld. Viel Geld –

Und so kam es, wie es hatte kommen müssen.

Das Ende

Der ruhmlose Ex-Major sitzt weiterhin in Untersuchungshaft. Auch Max Fügesam wird zumindest kurzfristig eingebuchtet: wegen Verdunkelungsgefahr. (Immerhin muss erst Licht in das ganze Bandini-Netzwerk gebracht werden, bevor der Akt ganz geschlossen wird.) Und außerdem harrt beispielsweise auch noch die Frage einer Beantwortung, welche Rolle Rechtsanwalt Dr. Engelbert Bleiburger in der leidigen Angelegenheit rund um die Erbschaft von Esther und Georg Birnstingl gespielt hat … (Sogar eine Komplizenschaft Bleiburgers bei den dubiosen Geschäften des gefallenen Majors erscheint nicht ganz ausgeschlossen.)

Oberst Ferdinand Heuberger hat seinen letzten Fall indes gelöst. (Was den Mord an Mario Bandini betrifft, zumindest.) Und Heuberger darf durchaus mit sich zufrieden sein.

Freilich: Es gibt schönere Dinge, als einen seiner langjährigen Mitarbeiter des Mordes überführen zu müssen. Aber auch schlimmere …, denkt sich Oberst Heuberger, als der schließlich, circa ein halbes Jahr nachdem eigentlich vorgesehenen Termin seiner Pensionierung endlich im Kreise der Kolleginnen und Kollegen das Sektglas hebt.

Mach es Dir möglichst gemütlich, alter Freund!“, spielt der nicht minder pensionsreife Polizeidirektor Hofrat Gunnar Siebenstössl auf den neuen Lebensabschnitt an, in den der Oberst nun glücklich überwechseln werde.

‚tschuldigung, aber das hier scheint wichtig zu sein“, unterbricht der schusselige Bezirksinspektor Joachim Kleinschmidt das Gespräch und überreicht seinem Ex-Chef einen Zettel.

Heuberger liest und runzelt die Stirn.

Geben Sie das besser gleich an den Kollegen Mückinger weiter, Kleinschmidt. Der Mückinger ist jetzt immerhin interimistisch der Leiter der Abteilung, nicht wahr?“

Und Heuberger widmet sich wieder dem unterbrochenen Gespräch mit Hofrat Siebenstössl und seinem Sekt. „Ich bin endgültig aus dem Spiel …“

Ja, jetzt wäre es natürlich schön, zu wissen, was auf dem Notizzettel Kleinschmidts zu lesen steht. Aber Heuberger bleibt hart: Pension ist Pension. Und der Mord an Bandini ist nun einmal sein finaler Fall. Gewesen.

Prost!“, sagt der Hofrat.

E N D E

Literatur und Quellen (Auswahl):

Bibliographisches Institut (Hg.), Weltbild Taschenlexikon in 10 Bänden. Mannheim 2006.

Rolf-Bernhard Essig/Gudrun Schury, Karl-May-ABC. Leipzig 1999.

Roger Hermes (Hg.), Franz Kafka: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. 11. Aufl. Frankfurt am Main 2010.

Internet.

Karl Kraus (Hg.), Die Fackel. 12 Bde. (München 1968 ff.) Frankfurt am Main o. J.

Dieter Mank/Nik Ebert, Das ultimative Karl-May-Fanbuch. Bamberg 1999.

Paul Stapf (Hg.), Jean Paul: Werke. 2 Bde. (Die Tempel-Klassiker, Sonderausgabe.) Wiesbaden o. J.

Hermann Wiedenroth/Hans Wollschläger (Hg.), Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur. Nr. 27. Zürich 1989.

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