F a l s c h …

v e r b u n d e n

Eine Kriminalgeschichte

von Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2008

(Endfassung: 2011)

 

Wieder mussten alle lachen.

Hertha schrie „Hurra!“ Und dann

riefen sie von neuem lauter

sehr berühmte Männer an.

Erich Kästner, „Das
verhexte Telefon“

*

Du musst verstehn!

Aus Eins mach’ Zehn,

Und Zwei lass gehen,

Und Drei mach’ gleich,

So bist du reich.

Verlier’ die Vier!

Aus Fünf mach Sechs,

So sagt die Hex’,

Mach’ Sieben und Acht,

So ist’s vollbracht:

Und Neun ist Eins,

Und Zehn ist keins.

Das ist das Hexen-Einmaleins!

J. W. von Goethe, „Faust I“

*

Wenn das Telefon plötzlich ganz stumm bleibt, ist es dir nicht recht, dachte er. Und klingelt es, passt es dir auch nicht. Nein, klingeln sollte es schon. Um einen freundlichen Anruf eines freundlichen Kollegen anzukündigen oder einer freundlichen Kollegin oder eines Freundes, einer Freundin, eines „geliebten Wesens“ (unter Anführungszeichen) gar …

Aber das, was sich da seit ein paar Wochen abspielte, ging ihm denn doch über die Hutschnur. Auch wenn Harry längst keinen Hut mehr trug; obwohl seine Hüte dereinst sein Markenzeichen gewesen waren. Eines seiner Markenzeichen. Neben dem, praktisch jeden Fall, den man dem Kriminalbeamten übertragen hatte, zu lösen. Und obwohl die Methoden von Harald Moll im Allgemeinen keineswegs im Gegensatz zu geltenden Gesetzen standen, war ihm irgendwann, im Zug einer Clint-Eastwood-Welle, der Beiname Dirty Harry verpasst worden. Zum Hut-Harry der früheren Tage. Seine Hütesammlung war Legende – von Panama- bis Steirerhut war da alles vertreten. Eine Marotte. Wie die ein Leben lang anhaltende Begeisterung für Numerik sowie für die Mystik und Magie der Ziffern und Zahlen.

Dann war die Sache in der Kommerz-Bank gewesen. Der Schuss ins rechte Bein. Und die weitere Berufs-Lauf-Bahn als humpelnder Beamter im Innendienst. (Bloß: Seinen Partner, Christoph Hauberisser, hatte es wesentlich schwerer erwischt, nämlich letal.)

Praktisch jeden Fall gelöst. Bis dato. (Bis auf diese Sache damals – – -)

Also, da rief doch immer wieder – in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus, der ihm schon wie ein Ziffern- oder Zahlen-Code vorkam – ein Jemand an, nein: der Stimme nach zu urteilen, war es eher eine Jemandin. (Sah man von der Möglichkeit des Einsatzes eines Sprachverzerrers einmal ab.) Und stets, wenn er zum Apparat gehumpelt war und endlich abgehoben hatte, hieß es, von weiblicher Stimme, „Entschuldigung, falsch verbunden!“ Dann wurde regelmäßig aufgelegt.

Wäre der Anrufer (oder Falschverbinder) ein Mann gewesen, es hätte Harry weit weniger irritiert. Aber die Frauenstimme.

Nun mit den Frauen gab es für ihn ein Leben, nämlich sein Leben lang, so schien es ihm zumindest jetzt, in der Pension, quasi: im Nachhinein, immer Probleme. Drei Ehen hatte er immerhin hinter sich gebracht. Absolviert, wie er gerne – in Anlehnung an die katholische Beichte – zu sagen pflegte. („Die Frauen – sie halten dich auf Trab, indem sie dich zum Stillstand zähmen …!“, wie Kollege Otto, der allseits gefürchtete Witzekönig und Alleinunterhalter, immer wieder mal schlau und listig auszuführen sich bemüßigt fühlte.)

Gut, Vera, die Nummer eins und quasi so etwas wie Sandkastengespielin und Jugendliebe von Kindertagen an, hatte es vorgezogen, nach fünf Ehejahren – er war jüngst erst zum Hauptkommissar befördert worden -, zu sterben. Nach der Geburt von Bruno, seinem einzigen Sohn; diesem Ekel. (Ein Glück, der lebte mit seiner australischen Frau und den australischen Kindern in Australien.)

Mit Emma hatte er es zwar auf elf Ehejahre gebracht; doch als er dahinter kam, dass sie ihn seit geraumer Zeit mit seinem Spezi und Kollegen Hannes beschiss, war die Ehe dort, wo sie in Wahrheit ohnedies schon längere Zeit gewesen war – im Eimer.

Ja, Lilly. Die hatte er, drei Jahre später, geheiratet. Oder sie ihn. Lilly reimte sich so schön auf Illy. Und was die an Kaffee zusammentrinken konnte, das war allerhand. Im trauten Kreis der Freundinnen. Es herrschte eigentlich immerzu Full-House. Nur, der Gewinn für ihn blieb aus dabei. Und als dann Emil, das Rührei von der Finanz, auftauchte, war Lilly ihrerseits hin und weg. Weg. Unter Hinterlassung einer ziemlich hohen Kaffeerechnung.

No, und die diversen Affären und One-Night-Stands – man war ja schließlich auch noch Mann! Ah, da war eigentlich nichts Richtiges dabei gewesen. Durch die Bank. Ja, doch …, Sandra vielleicht, die rothaarige Bardame aus dem „Chez Marie“ …, die hätte ihm zu mehr getaugt, als bloß hin und wieder das Bettzeug mit ihr zu teilen oder die Zahnbürste in ihren Becher zu stellen … Aber – – –

*

Die Alte am Telefon wollte ihm einfach nicht aus dem Sinn.

Also, Harry hatte sich – unter anderen Ticks, die jeder bessere Mensch im Leben nun einmal zu entwickeln hat, bitte schön! – in seinen knapp fünfundsechzig Jahren Daseins auch den des dauernden Notierens von Zeit, Ort et cetera angewöhnt. Er war immerhin fast vierzig Jahre Beamter gewesen, noch dazu Kriminalbeamter … Also notierte er (neben dem Telefonapparat lagen selbstredend Stöße von unbeschriebenen Zetteln sowie eine erkleckliche Anzahl von funktionsbereiten Kugelschreibern) alle eingehenden Anrufe, als wäre er noch im Dienst. Und merkte solcherart freilich noch stärker, wie selten sein Telefonapparat klingelte … Wie wenig wichtig Kommissar i. R. Harry Moll allem Anschein nach war. (Ganz im Gegensatz zu früher, wo im Dienst, daheim und unterwegs die Festnetze glühten und die Mobiltelefone funkten, dass es einen Stressfaktor mehr bedeutete zur übrigen Anspannung des Berufs.)

Also, die Stimme (die weibliche Stimme) hatte erstmals am 31. 3. um 14:33 Uhr ihr „Entschuldigung, falsch verbunden!“ geäußert. In ruhiger Art, ohne nennenswertes Timbre. (Oh, da musste er an die Kaffee trinkende Lilly denken, deren tremolierendes Timbre er einmal sogar, als sie sich, leicht angetrunken, in Gesellschaft nicht enthalten konnte, ein Lied vorzutragen, danach als gefährlich bezeichnet hatte. Natürlich war daraus ein veritabler Streit entstanden; noch dazu, da Lillys Stimme ansonsten durchaus Reiz ausstrahlte und sie selbst über einige Musikalität verfügte. Aber dieses Timbre …!)

Der zweite Anruf erfolgte am 1. 4. um 10: 24.

Der dritte wiederum am darauf folgenden Tag, also am 2. 4., um 19:05.

Und da machte Harry etwas daran stutzig. Die Quersummen nämlich – – –

*

Der 18. Dezember 1998 war ein recht ruhiger Vorweihnachtstag gewesen, bis um 21:00 Uhr die Alarmanlage alles von sich gab, was sie in sich hatte. Sie kotzte sich förmlich aus. Und das Dezernat stand im Nu Kopf, was selten genug vor kam. Und Harry griff zu seinem Hut, bevor er sich mit Christoph, seinem Partner, aufmachte, um den Einsatzort so schnell wie möglich zu erreichen: die Kommerz-Bank am Hahnreiplatz. Einbruch. Vier bewaffnete Maskierte. Möglicherweise Geiselnahme. Eventuell Forderungen.

Was dann ablief, hatte sich Harry in allen den vielen folgenden Jahren x-Mal von seinem inneren Filmvorführer, der da, gemütlich Popcorn mampfend, im Hirn sitzt, hinter sich ganze Stapel von Filmrollen, vor sich den riesigen Vorführapparat, zeigen lassen. Immer und immer wieder. Eines ums andere Mal. Mit Stops, Zooms und Slow Motion. Und schon die Meldung hatte mehr Fragen aufgeworfen, als sie mittels ihrer dürren Angaben beantworten konnte. Das Faktum, nämlich der Bankeinbruch, war klar, auch der Ort. Gut, vier bewaffnete Maskierte, O. K. Aber – Geiselnahme, mögliche Geiselnahme um 21:00 Uhr?! Da schlurfte höchstens der alte gichtige Wachmann, der Grübinger-Karl, er kannte ihn von früher, übers Terrain; und der war nachgerade keiner, der sich so schnell als Geisel nehmen ließ. Ja, vielleicht arbeitete noch ein übereifriger Yuppie in einer der Büroetagen im nicht eben übersichtlichen Häuserkomplex. Oder ein Manager bumste seine Sekretärin. Das mit den Geiseln klang – unglaubwürdig.

Immerhin startete man mit vier Einsatzfahrzeugen. Er und Christoph schwangen sich in ihren Wagen, er chauffierte. Das Blaulicht und die Sirene taten ihren Dienst. Ausgiebig. Christoph schien wortkarg wie meist, wenn es um die Wurst ging. Daher irritierte es Harry auch nicht, dass er auf dessen „Wo wollen die denn um die Zeit Geiseln hernehmen?!“ nicht reagierte. Er war überhaupt kein Schwätzer. Pflichteifrig, kollegial, aber keiner, der öfter mal auf ein Bier mit ging nach Dienstschluss. Vielleicht ein bisschen eitel – Christoph musste einen Großteil seines Gehalts in Kleidung investieren, dachte sich Harry manchmal. Immer im feinen Tuch. O. K., Erni, Christophs Frau, arbeitete in recht guter Position in einer Werbeagentur – nein, Public Relation, so sagte Christoph. „Meine Erni macht in PR.“ Und stolz sagte er es. Das meine Erni und auch das PR.

An besagtem 18. Dezember 1998 trug Christoph Hauberisser eine dunkle Cord-Hose von Armani, ein in sich gemustertes Sakko, Boss, und ein gedämpft gemustertes Hemd, Joop!, mit feiner Seidenkrawatte von Kenzo. Alles spielte sich in Brauntönen ab, von gebrannter Umbra bis Anthrazit. Dunkelbraune Reiter-Schuhe und ein ebenfalls dunkler Mantel, Toni Gard. Perfekt, durchaus perfekt.

Sie waren vor der Kommerz-Bank angekommen, sprangen aus dem Fahrzeug. Ruhe. Ruhe vor dem Sturm?!

Da – zwei Schüsse aus dem Gebäude. Harry griff sich ans Bein, aus dem ein Blutschwall schoss. Christoph indes drehte die Augen über, kippte wie in Zeitlupe um, fiel und lag tot an der Bordsteinkante. Sein Hemd, sein Sakko und sein Mantel tränkten sich kontinuierlich mit dem hinlänglich bekannten, viel besungenen roten Saft.

Was folgte, war Routine.

Und die war mit einigen Fragezeichen versehen:

  1. Wer hatte geschossen?

  2. Warum hatte der (oder hatten die) Täter das Feuer eröffnet, obgleich der Bankraub an sich ohnedies geglückt war? (Es hatte nämlich, entgegen ersten Vermutungen, keine Geiselnahme und auch keinerlei Forderungen gegeben.)

  3. Wohin waren sie anschließend mit der Beute entkommen?

Was rasch fest stand, war, dass

  1. Christoph Hauberisser tot war;

  2. Harry Moll allem Anschein nach nichts dafür konnte;

  3. das Geld weg war.

Harry und die Mannschaft trauerten um den toten Kollegen und sprachen Witwe Erni, ganz in Chanel, geziemend das tief empfundene Mitgefühl aus. Der Fall wurde nach kurzer Zeit zu den Akten gelegt, Harry Moll – seiner nunmehrigen Invalidität wegen – in den Innendienst versetzt und das Geld von der Bank als Minusbetrag abgebucht sowie in Form irgendwelcher Schikan-Gebühren an die Kunden weitergegeben.

*

Jetzt die Anrufe. Die Ziffernsumme des ersten Anrufes (31. 3., 14:33) ergab 18; die des zweiten (1.4., 10:24) 12; die des dritten (2.4., 19:05) 21. Für Zahlen- und Ziffernkenner Harry war das ein klarer Hinweis auf den 18. 12., 21:00 Uhr, also Tag, Monat und Uhrzeit der Meldung vom Banküberfall. Damals, im Jahr 1998.

Übrigens: 1998, das ergab eine Ziffernsumme von 27. Also 3 x 9. Und 9 entsprach seinerseits dreimal der „heiligen“ Zahl 3, also 3 + 3 + 3. (Oder stand 27 für drei mal die 3 zum Quadrat oder auch als Äquivalent für 3 zur dritten Potenz …) Allerdings verfügte die Sache über einen Haken, über einen gewaltigen Haken sogar. Für fast alle Beteiligten, allen voran für Christoph Hauberisser, hatte 1998 nämlich wenig bis gar nichts Heiliges an sich; sieht man einmal davon ab, dass er, Hauberisser, in die Ewigen Jagdgründe abberufen wurde an jenem denkwürdigen 18. 12. 1998 (Ziffernsumme: 39; verdammt!, schon wieder die 3 und die 9!).

Angenommen, auch die unbekannte Anruferin war eine Freundin der Numerik? Und wollte ihm, Kommissar a. D. Harry Moll, mit dem Anruf etwas sagen?

Die Botschaft („Entschuldigung, falsch verbunden!“) – wenn es denn tatsächlich eine war –repräsentierte laut seiner Tabelle die Ziffernsumme 129. Und 129 Millionen Schilling (die Währung galt damals in Österreich) betrug die Summe, die aus der Bank geraubt worden war …

Vier bewaffnete Maskierte, ein Fluchtauto mit Fahrer …, das ergab die in diesem Zusammenhang eher wenig aussagekräftige 5.

Was Harry zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: Der Fahrer war in Wahrheit eine Fahrerin. Doch änderte das numerisch auch nichts an der Geschichte.

Das Telefon schrillte. Harry humpelte zum Apparat. „Ja, Moll?“

„Hauberisser, Erni Hauberisser. Sie erinnern sich vielleicht noch an mich, die Witwe nach dem Christoph, Ihrem Kollegen und Partner, Herr Kommissar Moll?“

Harry musste schlucken. „Ja, natürlich, gnädige Frau!“

„Ich wollte Sie nur einladen – zu einer kleinen Gedenkfeier … Heuer sind es ja zehn Jahre, dass mein Mann —“ Die PR-Fachfrau ließ den Satz im akustischen Mittelbereich hängen.

„Ja, zehn Jahre …“, wiederholte Harry mechanisch. Sein Verstand ratterte indes auf Hochtouren. Da ist was im Busch, flüsterte das Unterbewusstsein. Er fühlte es. Da war was im Busch.

„Also, ich plane da eine kleine Feier für meinen Christoph, und da wäre es schön, wenn auch Sie uns die Ehre Ihres Erscheinens geben wollten, Herr Kommissar!“

„Ja, sehr gerne, selbstverständlich! – Und wann und wo soll die Gedenkfeier statt finden?“, erkundigte sich Harry geflissentlich, den Kugelschreiber in der Rechten, der schon über dem Zettel kreiste, auf dem bis jetzt Datum und Uhrzeit des Anrufs vermerkt waren: 19.10.2008, 20:46 Uhr (Ziffernquersumme: 33 …).

„Am 18.12. um 21:00 Uhr im Wintergarten im Palaishotel ,Erzherzog Maximilian’. Ich habe schon alles reservieren lassen. Vor Weihnachten ist das bekanntlich nicht so einfach, da muss man rasch sein …“, erläuterte Erni Hauberisser, die Werbefachfrau, nein: PR-Expertin, klar doch. „Ich darf also mit Ihrem Kommen rechnen?“

„Ich komme sehr gerne, Frau Hauberisser“, sagte Harry. „Besten Dank für die Einladung.“

„Bis dann, Herr Kommissar“, schloss die PR-Lady ihrerseits das Gespräch ab.

Knacksen in der Leitung.

Dann Stille.

20:50 Uhr (Ziffernsumme: 7).

*

Ja, die Ziffern und Zahlen, sie bestimmten Harrys Denken und Handeln zu nicht geringem Teil; auch wenn der Kriminalbeamte in Ruhe ein durchaus besonnener und realitätsbewusster Mensch war, spielten numerische Konstellationen doch eine nicht unbedeutende Rolle bei allen seinen Entscheidungen. (Wenngleich etwa die Auswahl dessen, was er da tagtäglich im nahen Supermarkt erstand, weit weniger von magischen Zahlen und wundersamen Ziffern bestimmt wurde, als von seiner in der Tat nicht eben üppigen Pension. Doch ging es indirekt erst wieder um Zahlen und Ziffern, nämlich um die auf den Preisschildern …)

Albrecht Dürers Stich „Melancholia I“ hing – ein goldgerahmter Druck – im Vorzimmer von Molls Wohnung:

16 3 2 13

5 10 11 8

9 6 7 12

4 15 14 1

Das berühmte Zahlen-„Spiel“ besticht dadurch, dass jede Zeile für sich, waagrecht wie senkrecht, und die Diagonalen die Summe 34 ergeben; außerdem verweisen die beiden mittleren Felder der untersten Zeile auf das Entstehungsdatum: 1514.

Harry Moll war übrigens auch einer der ersten hierzulande gewesen, die sich vom „Sudoku“-Fieber anstecken ließen und gern über den aus Japan importierten 81 Feldern mit den neun Quadraten, den symmetrisch angeordneten, vorgegebenen Ziffern saßen und sich im Ertüffteln der animierenden Kombinationsmöglichkeiten der übrigen übten. Auch kannte er die magische Zahl in der modernen Computertechnik: 256; auch wenn er mit Informatik wenig am Hut hatte. Ach ja, seine Hüte. Zur Erinnerungsfeier an seinen Kollegen und Partner Christoph Hauberisser würde er seinen eleganten Homburg nehmen, das passte.

Etwas erkannte Harry Moll: Jetzt, je näher der Termin rückte, griff das Magische der Ziffern umso elementarer in sein Leben ein. Die Anrufe und ihre Zeitbezüge, die Zahlensummen und schließlich das Telefonat mit Erni Hauberisser – denn das stand in einem Zusammenhang mit den vorherigen Anrufen („Entschuldigung, falsch verbunden!“), das spürte Harry instinktiv -, all das trug zu einer nie gekannten Anspannung bei. Es galt somit, sich zu wappnen … wogegen auch immer, nur das dieses Unbekannte, ob von Vorteil für ihn oder zu seinem Schaden, ihn bereichernd oder vernichtend und auslöschend, mit großer Sicherheit am 18.12.2008 um 21:00 Uhr eintreten würde.

Soviel stand fest.

*

„Du hast Sie wohl nicht mehr alle! Eine Frau am Steuer des Fluchtwagens?!“ Der dicke Schränker-Poldl ächzte unter seinen 200 Kilo Lebensgewicht. Schienen-Theo, Sarg-Leo und Karl, das Triefauge, murmelten beifällig („Nicht alle …“).

„Und es bleibt dabei“, fuhr Hauberisser die Gang an. „Meine Frau Erni fährt! Schluss!

„Auf Deine Verantwortung, Christoph. Du bist der Bulle von uns …“

„Noch einmal zum Ablauf: Wenn Ihr vier Mann in der Bank seid, habt Ihr genau fünf Minuten für den Tresor und die Schalter, dann erst löst der Alarm aus. Du, Poldl, musst den Safe geknackt haben, und innerhalb der nächsten drei Minuten müsst Ihr weg sein.

Zu seiner Gattin gewandt: „Erni, du checkst den Wagen, hast die Umgebung im Auge und achtest darauf, dass die Burschen da ihre Nerven bewahren!“ Er küsste seine Frau.

Es ist 22:35 Uhr, morgen um 21:00 Uhr sind wir unserem neuen Leben einen bedeutenden Schritt näher, Leute!“

Das Echo war gedämpft. Und während die Hauberissers ihren roten Golf bestiegen, verteilte sich die Gang in die vier Windrichtungen. Denn: Privat war man sich nicht so recht grün. (Das änderte sich auch nicht, als Poldl, Theo, Leo und Karl innerhalb der nächsten drei Jahre ihre eher unsanften Abgänge zelebrierten und für immer von der halbdunklen Bildfläche verschwanden – teils kamen sie bei obskuren Verkehrsunfällen, teils bei kleinen Anschlägen ums unbedeutende Leben … Unauffällig, wie sie – sieht man von den paar Straftaten ab, für die man sie dereinst eingebuchtet hatte – immer schon gewesen waren.)

Übrigens, auch das mit der gegenseitigen Aversion hatten Erni und Christoph Hauberisser so einkalkuliert.

So einfach der Plan – immerhin hatte Hauberisser in seinem Cousin Emil, der – wer sagt es denn? – einer der wenigen noch verbliebenen Kassiere in der Filiale der Kommerz-Bank auf dem Hahnreiplatz war, einen zusätzlichen Verbündeten, von dem indes niemand, nicht einmal Erni, wie er glaubte, etwas wusste, so einfach also der Plan, so unheilvoll die kleinste Abweichung von ihm.

Emil Schweinzerl, besagter Cousin (eigentlich war der Hugo-Onkel, Emils dauernd besoffener Stiefvater, bloß ein sogenannter Onkel Hauberissers, den die Eltern aus Sommerfrischentagen in den 1950er Jahren auf dem Land her kannten), Emil Schweinzerl war dem Kriminalbeamten und Verwandten gegenüber immer sehr loyal gewesen, ging es um Kontenüberziehungen, um einen wackeligen Fremdwährungskredit und ähnliches. Als Buben hatten sie zusammen auf die Kühe aufgepasst – Küh’ halten hatte man das genannt; und wenn die Karla oder die Cora einmal wirklich in den nahen Wald abgehauen waren, hatten sich beide Buben mit rotglühenden Ohren auf die Pirsch nach dem ansonsten pflegeleichten Milchvieh gemacht. Von der großen weiten Welt hatten sie geträumt, wenn sie im Gras lagen und über ihnen die Wolken dahinzogen und die unsagbare Stille herrschte, die es damals noch gab … Wie Fernando, Alfredo und José, die von „Santo Domingo“ träumten im gleichnamigen Schlager, den die frühere Elvis-Presley-Partnerin Wanda Jackson – allerdings erst gute zehn Jahre später, nämlich um 1965 – mit ihrem kaum imitierbaren amerikanisch-deutschen Akzent so herzergreifend interpretierte. Von der großen weiten Welt und vom großen Geld …

Warum Emil dann am 18. 12. 1998 um 21:00 Uhr nicht auf seinem Posten war, um zum Beispiel den Alarm, wie angesprochen, zunächst zurückzuhalten, bis der Einbruch durchgeführt worden sein würde? Warum er sich vielmehr in der Früh krank gemeldet hatte und dem Geldinstitut offiziell ferngeblieben war? Warum er seinen Wahl-Cousin aus dem Hinterhalt heraus erschossen und nach der Tat sofort unbemerkt zurück in seine Wohnung gefahren war?

*

Wir lüften hier das Geheimnis, da Harry Moll allem Anschein nach doch nicht dazu in der Lage ist. (So viel Verderbtheit übersteigt nämlich sogar seine Vorstellungskraft!)

Also: Erni Hauberisser war seit Jahren schon und unter optimal funktionierender Geheimhaltung mit Emil Schweinzerl liiert. Den Plan, das – zumindest relativ – große Geld zu machen und gleichzeitig ihren schnöseligen Ehemann, den langweiligen Träger von Designer-Klamotten Christoph, der sich allem Anschein nach zu allem Überfluss in eine junge Juristin von der Innenrevision verschaut hatte, loszuwerden, den hatte sie schon vor Jahren geschmiedet. Nun, als Familie Hauberisser die Schulden bis zur Hutkrempe – Pizza-Hut, haha! – standen, war der goldrichtige Zeitpunkt gekommen.

Erni und Emil, der mit seiner getürkten Meldung über die zu erwartenden 129 Millionen Schilling Bankguthaben den Einbruchstermin quasi festgelegt hatte (in Wahrheit waren es weit mehr als 250 Millionen gewesen), sind längst auf der Dominikanischen Republik ansässig; und nun soll auch noch Moll liquidiert werden, weil er nach Ernis Meinung immer noch eine intellektuelle Restgefahr bedeutete. Frau Dr. Bea Grünzweig, die ihre schmalen Finger nach Christoph ausgestreckt hatte, der schönen Ordnung halber am besten auch gleich …

*

Der 18. Dezember 2008 war gekommen, und Harald Moll, Kommissar i. R., hatte ein schlechtes Gefühl, dachte er an den Abend. Er hatte die letzten Wochen hindurch erneut den alten Fall recherchiert und nebenbei herausgefunden, dass niemand im Verein etwas von einer Gedenkfeier für den vor zehn Jahren im Dienst zu Tode gekommenen Kollegen Christoph Hauberisser wusste. Ein Anruf im Palaishotel „Erzherzog Maximilian“ ergab zudem, dass unter dem Namen Erni Hauberisser lediglich ein Tisch für vier Personen im „Salon Charlotte“ reserviert worden war. Man wollte also unter sich sein.

20:58 Uhr (Quersumme: 15 = 5 x 3!). Kommissar Moll drückte der jungen Frau an der Garderobe seinen schwarzen Mantel in die Hand und überreichte ihr vorsichtig den sensiblen Homburg. Dann wandte er sich in Richtung „Salon Charlotte“, der, richtig!, nach der – Gattin (und späteren Witwe) des Erzherzogs Maximilian so hieß. Ferdinand Maximilian, der um zwei Jahre jüngere Bruder Kaiser Franz Josephs, hatte von 1864 bis zu seiner Hinrichtung kurz und glücklos (von Frankreichs Gnaden) als Kaiser von Mexiko regiert; der ambitionierte Habsburger wurde in dieser Funktion von den Aufständischen unter Benito Juárez am 19. Juni 1867 in Querétaro zum Tode befördert. Charlotte, eine belgische Prinzessin, soll übrigens, längst in geistiger Umnachtung lebend, bis zu ihrem Tod im Jahr 1927 davon geträumt haben, ihr Gemahl herrsche über die gesamte Welt …

Erni Hauberisser erhob sich und ging ein paar Schritte auf den Kollegen ihres verstorbenen Mannes zu. Auch der Mann in ihrer Begleitung, den sie später als ihren Finanzberater Emil Schweinzerl vorstellen würde, stand vom Tisch auf. Eine blasse junge Frau, die irgendwie nicht dazuzugehören schien, blieb sitzen, streckte indes, als man in der Begrüßung so weit war, dem gestressten Kriminalpensionisten Moll die Rechte entgegen. Sie heiße Grünzweig, erklärte Erni Hauberisser alles und nichts in einem. „Frau Bea Grünzweig, eine Freundin.“

Man setzte sich, und die Gastgeberin orderte einen Aperitif. „Trockener Sherry? Sandeman? Ist gut”, lobte die Witwe Molls eben forsch getroffene Wahl. Dann wählte man aus der formidablen Karte aus, schwankend etwa zwischen Wahtelbrüstchen an Wacholder-Sauße, Flugentenkeulen über Ananas-Mousse oder Straußenpürzel mit Berner Nöckeli und Hirschenhirn in Heidelbeer-Schmore. Moll hatte beim Aperitif sicherheitshalber auch gleich ein Bier geordert und merkte nun, dass er die Toilette aufsuchen müsse. Er entschuldigte sich.

Am Klosett erinnerte er sich an die Ähnlichkeit: Natürlich, die kleine Grünzweig! Die war damals, vor zehn Jahren frische Juristin und gerade in die Innenrevision gekommen. Und sein Partner Christoph Hauberisser schien an der eher unscheinbaren jungen Frau irgendetwas Besonderes zu finden … Denn sich anbahnende oder gar schon im Verborgenen blühende Verbindungen und Verhältnisse entgingen dem auf weiblichem Sektor, wie erwähnt, eher leidgeprüften Kommissar kaum jemals!

Tatsache war indes, dass Moll seine klein bemessene Blase das Leben rettete.

Denn gerade als sich der pensionierte Kriminalbeamte den Reißverschluss der Hose wieder hinaufzog, explodierte die Bombe unter dem Tisch im „Salon Charlotte“. Frau Dr. Grünzweig, der Bombe am nächsten platziert, hauchte als erste von allen ihr ohnedies weitgehend verwelktes Leben aus.

Zahlen- und zifferntechnisch sah das so aus: 1 Bombe; 1 Zeitzünder; 1 letztlich noch immer leicht frustrierter Kommissar i. R. = 3, die heilige Zahl …

Zu bilanzieren gab es vierzehn Tote – darunter Erni Hauberisser und Emil Schweinzerl, die sich nicht rechtzeitig, wie eigentlich geplant (nämlich nach dem Hauptgang), aus dem Staub gemacht hatten, und Frau Dr. Grünzweig, die allem Anschein nach die Uhr des Zeitzünders verstellt hatte. (Oder: War sie Ende sogar eingeweiht und stellte sich als aufopferungsvolle Selbstmordkandidatin zur Verfügung?! Immerhin – sie hatte den Modeschnösel Christoph Hauberisser geliebt …). Dann waren da noch einige zum Teil Schwerverletzte, ein halbwegs demoliertes Innenstadthotel und ein vormals sensibler Homburg et cetera.

Als sich Moll, nachdem er in korrektester Weise seine Aussage im zuständigen Kommissariat gemacht hatte, auf den Heimweg begab, schwenkte er doch noch kurz in Richtung „Chez Marie“ ein. Und siehe da, Sandra begrüßte den in letzter Zeit eher seltenen Gast mit Überschwang.

Ein Drink mündete unweigerlich in den nächsten, und die rothaarige Bardame gab Harry Moll zu verstehen, dass da ja noch eine einsame Männerzahnbürste in ihrem Zahnputzbecher wartete.

Und fürs Warten ist das Leben doch zu kurz, nicht wahr?!

E N D E

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