E v a

oder

Aller Anfang ist leicht

Ein einigermaßen abgeschmacktes Histörchen

von

Bernd Schmidt

© by Bernd Schmidt, Graz 2012

(ENDFASSUNG: 2016.)

An besonders schönen Tagen

ist der Himmel sozusagen

wie aus blauem Porzellan.

Und die Federwolken gleichen

weißen, zart getuschten Zeichen,

wie wir sie auf Schalen sahn.

Erich Kästner, Im Auto über Land.

*

Auf dem nächtlichen Heimweg

fiel mir ein, was mir einmal

ein Zauberer nach seiner von mir

glückselig genossenen Darbietung

erklärt hatte. „Zaubern besteht

aus drei Elementen: Man lässt Dinge

erscheinen, verschwinden oder sich

verwandeln.“

Werner Schneyder, Von Zauberern lernen.

*

I

Man musste erst gar nicht Scheherezade sein mit der Aussicht, womöglich nach dieser Nacht geköpft zu werden, um die nachfolgende Geschichte ganz gerne erzählt zu haben. Denn das Histörchen verfügte über so ziemlich alle wichtigen Ingredienzen, die eine bloße Begebenheit in die Höhen der besonderen Mitteilung zu erheben vermögen. Da gab es immerhin durchaus schier über Gebühr Sex and Crime; auch wenn die zu erwartende Pointe dann gar nicht so besonders witzig ausfallen sollte. Indes – die Story war rundum resch, fesch und knusprig wie eine frische Semmel.

Also versemmeln wir’s nicht, nämlich das Erzählen dieser Geschichte, die wir zuvor (der Ordnung halber) mit dem Titel „Eva oder Aller Anfang ist leicht“ versehen wollen.

So. Auf geht’s.

*

Wenn man von der, seit Menschengedenken Rosenkogel genannten Anhöhe auf den Ort, der eine mittelgroße Stadt ist, hinüber schaut, gewahrt man – für passionierte Geographen mag die nähere Bestimmung womöglich interessant sein: im Norden – ein Basaltmassiv, das Teufelshorn heißt und bewaldet ist. Die Sternwarte, die sich darauf befindet, sieht man kaum – wegen der Bäume. Von der Sternwarte aus sieht man wiederum zwar die Bäume nicht, wohl aber, mit etwas Glück, nachts die Sterne.

Nicht sieht man indes Eva, von der diese Geschichte angeblich handelt.

Auch vom Westen – dort erhebt sich ein weiterer Basalthügel, mit Namen Röhrling – und vom Osten her, wo kein Berg die Aussicht behindert, ist Eva nur selten zu sehen. Dafür aber die Lurach, ein braun-grün-gelber und ziemlich verschmutzter Fluss, der nur in sehr optimistischen Volksweisen als blaue Lurach besungen wird. Auch in einem Studentenlied aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert kommt dieses träge-brackige Gewässer vor. (Am Hange, grün, wo Blümlein sprießt, / Wo Sonnenstrahl sich gold ergießt … Dada dada / dada dada …)

Ach ja: Zwischen Norden, Süden, Osten und Westen in diesem ovalen Becken liegt, am Fuß des weitgehend unerheblichen kalkigen Rossbergs mit seiner längst desolaten ehemaligen Befestigungsanlage, just Cruxstätten, die kleine Universitätsstadt, in der sich – wenn überhaupt – ein Großteil der Geschichte rund um Eva abspielt.

Einige kleinere Teile, Nebenelemente und Erzählstränge zweiten wie dritten Grades, stammen aus der Historie, aus Journalismus, Filmkunst, Alkohol, Agentenunwesen und Kulinarik. Und – eine altehrwürdige Stiftsbibliothek spielt ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle.

Ach ja: Da ist auch noch die Liebe! Klar doch!

Und da sind wir auch schon in der „Schaluppe“, einem in all den Jahren seines Bestands ziemlich derangierten Studentenlokal untermittelprächtigen Zuschnitts, das nicht einmal diesen verhatschten genitivus partitivus verdienen würde, arbeitete hier nicht – Achtung! Jetzt kommt’s! Traraaa! Tetereteee! – unsere Eva seit einigen Wochen als weitgehend schnuckelige Aushilfsservierkraft.

So. Bisserl viel für eine kurze Einleitung, oder?!

*

Der Bertl, eigentlich Robert Bählamm (ja, so wie der verhinderte Dichter bei Wilhelm Busch), studiert Germanistik und ähnliches Zeug, wenn er nicht gerade, was allerdings zumeist der Fall ist, einen seiner kapitalen Räusche ausschläft oder seinen, daraus resultierenden aktuellen Kater pflegt. Wie auch immer. Der Bertl, von seinen – erfreulicherweise nicht ganz armen – Eltern einigermaßen finanziell unterstützt, ist ein bloß mittelmäßig glanzvoller studiosus, der es jedoch vermutlich als Dichter allein auch zu nichts bringen würde. Er verträgt ziemlich viel Bier, und beim Jägermeister-Vernichten macht ihm auch kaum ein anderer was vor. Ansonsten arbeitet der Bertl daran, die statistisch durchschnittliche Studiendauer ein wenig zu heben, frei nach der Losung: Schön ist das Studentenleben! Er hat auch einmal (im Rausch) einen gar nicht so üblen Text für ein entsprechendes Studentenliedlein geschrieben, worin zumindest die Lurach, der Rosenkogel, das Teufelshorn, der Röhrling und Cruxstätten samt Rossberg vorgekommen sind. Ja, und natürlich auch die Alma Mater Francisco-Rudolphina Universitas Litterarum (Letztgenanntes mit zwei t, wie es von der historisierenden Fassade des protzigen Gebäudes prangt). Da jedoch Verse mit „Alma Mater Francisco-Rudolphina Universitas Litterarum“ (mit zwei t) schwer zu vertonen sind und außerdem ohnedies kein Komponist anwesend war, der dazu, nüchtern oder betrunken, fähig gewesen wäre, blieb sein Studentenliedtext (zumindest vorderhand) unvertont. Später ging er überdies verloren. (Und eine Rekonstruktion scheint wenig ersprießlich.)

Ja, also verloren. Ob leider oder Gott sei Dank, bleibe dahingestellt.

Auf dem Rossberg selbst, einer ehemaligen Befestigungsanlage, die sich da, wie gesagt, über der Stadt erhebt, befindet sich ein leidlich gern aufgesuchtes Höhenrestaurant mittleren kulinarischen Niveaus. Und auf den zum Teil steilen Stegen und gewundenen Wegen, die den Berg begehbar machen, und hier wiederum in dem sie säumenden und mitunter (zumal im Lenz und im lauen Frühsommer) ziemlich dichten Gebüsch wurde im Lauf der Historie manche Cruxstätter Jungfernschaft verloren und sogar mancher neue Cruxstätter Erdenbürger gezeugt. So auch Bertl, unser Dichter-Student, dermalen; und nicht anders Eva, wenige Jahre später, in einem Mai. (Freilich, unter Einsatz und Beteiligung jeweils ganz anderer Sexualakteure.)

Immerhin, ihre Deszendenzen hatten somit etwas Gemeinsames.

Kriegst wirklich noch ein Bier, Bertl?“, fragte die Schankmaid den ohnedies schon ziemlich bedient ausschauenden Studiosus zweifelnd, der ihr da mit dem Zeigefinger seiner Rechten dauernd, wenn sie gerade in seiner Gegend vorbeilief, vor der Nase herumfuchtelte. Und Bertl nickte stumm. Also holte sie ihm gezielt einen Krug vom Zapfhahn, der sinnigerweise und neben zwei, drei anderen, an der Theke installiert war. Sich neben den Illuminierten zu setzen, lehnte sie indes und unter dem Hinweis: „Ich bin noch im Dienst!“ entschieden aber freundlich ab.

Geh‘, mir auch noch eines“, schloss sich Bertls Begleiter, der hünenhafte Bruno (das Fass), nach kurzer Überlegung an.

Jede Menge Bier! – Und eine Runde Jägermeister! – Aber fix!“, erschallte vom Nebentisch die forsche Bestellung aus rauen, durstigen Studentenkehlen und enthob das blonde Mädchen weiterer Erwägungen hinsichtlich etwaiger Zwischenrast.

Aus der uralten Musikbox tönten kaum definierbare Klangfetzen durch den Bier-, Wein-, Gulasch- und Schnapsschwall, der das miefige Lokal durchwabbelte, dabei in harte Konkurrenz tretend mit dem nicht weniger hartnäckigen Tabakqualm, der sich aus dem Raucherreservoire emporkringelte. Vermutlich waren es die digitalen Reste eines Rainhard-Fendrich-Titels, die vom Wurlitzer her zur zusätzlichen akustischen Verunreinigung beitrugen.

Euer Bier“, sagte Eva und platzierte die Krügelgläser vor Bertl und Bruno. Dann balancierte sie ihre weitere schwere Fracht zum Nebentisch, an dem Erik Kuchel seinen Bachelor of Arts in froher Runde feierte, den er am späten Vormittag endlich doch noch zugesprochen bekommen hatte.

Niemand ahnte – auch Eva und Erik nicht -, dass sie beide heute noch mit einander vögeln würden. Später dann. Und schon gar nicht Bertl, der zu diesem Zeitpunkt längst stockbesoffen irgendwo in der eigenen Kotze liegen würde.

Doch bald darauf würden sie ein Paar sein, Eva und Bertl. Das war sozusagen vorbestimmt.

Und: Das war Cruxstätten an der Lurach.

II

Im Wald, da sind die Räuber. Und im Wirtshaus sind die Zecher. Wenn aber, was sich besser niemand wünschen sollte, einmal just die Räuber im Wirtshaus und die Zecher im Wald wären?

Für Bertl erwies sich (zur Zeit zumindest) der weitere Gedankengang als zu kompliziert. Er war schon zufrieden, dass sich sein morgendliches Bier einigermaßen unfallfrei in die Speiseröhre hinein bugsieren ließ. Man sollte es nicht übertreiben. Fürs Denken war noch nicht die Zeit.

Hätte er geahnt, dass Eva, auf die er immerhin seit Wochen ein Auge geworfen hatte, just zur nämlichen Zeit mit dem frischgebackenen Bachelor Erik nach einer einigermaßen erfolgreich durchbumsten Restnacht in engster Umarmung in einen – den just vorherrschenden klimatischen Begleitumständen entsprechend sonnigen – Vormittag hineinschlummerte, sein Morgenbier hätte womöglich knapp vor dem Pförtner kehrt gemacht. Aber so.

Da erschien Bruno, auch nicht gerade das Bild eines allzu frischen Jünglings abgebend, im Türrahmen, den der einigermaßen zerknautschte Zweimetermann so ziemlich ausfüllte.

Morgen! Ein Bier!“, wandte er sich zum rotblonden Kellner, der den Spitznamen Absolut trug.

Bruno gehörte, zumindest vor elf Uhr, zu den eher Einsilbigen. Und Mor-gen-ein-bier, das waren ohnehin schon vier Silben! Fast zu viel, wenn man ihn gefragt hätte. Aber man fragte nicht.

Filmriss“, äußerte er als zweisilbige Begrüßung mit schiefem Lächeln zu Bertl hin, während er sich ziemlich behutsam niedersetzte.

Der Freund gab zu diesem Stichwort bloß ein schwaches Nicken von sich. Es entstand eine Pause.

Bertl nahm erneut einen Schluck, ihn quasi auf die Goldwaage seiner morgendlichen magentechnischen Befindlichkeit legend. Bei weitgehend psychosomatischen Übungen galt es, vorsichtig zu sein. Und alte Räusche der Vornacht mittels des – früher einmal als billiger Jakob bezeichneten – Auffüllens durch ein paar Morgenbiere in neue Vitalität zu versetzen, war so eine weitgehend psychosomatische, immerhin nicht ganz ungefährliche Übung …

Da brachte Absolut (der, es sei hier kurz angedeutet, nur nach außen hin so sanft wirkte, wie er wirkte, in Wahrheit jedoch dunkelste Pläne von horrender Perspektive wälzte) auch schon den schaumbegupften Krug für Bruno, der das Gerät mit schlaffer Hand zum Mund führte.

Ohne ein Déjà-vu-Erlebnis zu sein, wiederholte sich in nächster Zeit das Ritual der Bierbestellung und -lieferung in entsprechendem Rhythmus. Und die Floskel „Mir bringst du bitte auch so was“, von Bruno als dringliches Anliegen an Absolut gerichtet, erging, vom großen Kopf in luftiger Höh‘ aus ungefähr in die Richtung von Roberts Krügel weisend, an den dienstbaren Schankgeist.

Absolut kam und entfernte sich, stumm nickend, immer wieder. Insgesamt: ein Zeitfenster.

*

An einem der Nebentische saß der Geiger István Krnczic´, der als unbestrittene Koryphäe auf seinem Gebiet galt: der sogenannten (und politisch naturgemäß gar nicht korrekt so bezeichneten) Zigeunermusik. Doch dachte in Wahrheit niemand ernstlich daran, von Sinti- oder Romamusik zu sprechen. Außerdem konnten sich diese einschmeichelnden Melodienbögen und die durch süße Melancholie wie auch die oft genug perfekt gelingende Imitation von durchaus an „Tristan und Isolde“ erinnernden Liebeschmerz auszeichnenden Klänge – sowie die sie Hervorbringenden – ohnedies weitestgehender Beliebtheit sicher sein; political correctness hin oder her!

Da war es schon wesentlich wichtiger, den struppigen Mittzwanziger, den feschen István Krnczic´, immer wieder im Brustton der Überzeugung als Koryphäe zu apostrophieren; nämlich in einer weitgehend respektlos gewordenen Zeit, die schon längst an allen möglichen Denkmalen ungehörig herumzurücken und sogar an goldumrahmten Bildern, ohne irgendeinen Genierer zu kennen, herumzukratzen begonnen hatte; bis letztlich überall der Lack ab sein würde …

Ja, und dass der schwarze Geigenteufel István als ein Virtuose à la Niccolò Paganini bezeichnet wurde, steigerte den Marktwert des superben Violinisten in der Tat noch um einiges. Und war zu allem Überfluss gar nicht besonders übertrieben oder gar gelogen.

Krnczic´, der selber zwar gehörig viel Roma-Blut in sich pulsieren fühlte (und in Maßen sogar auf seine zigeunerische Abstammung stolz war), hatte zudem das Geigenspiel von der Pike auf gelernt und hätte, schon einige Male als Substitut im Städtisch-Philharmonischen Orchester an der Oper tätig, auch alle Chancen gehabt, dort auf Dauer eine Anstellung als Musiker zu erlgattern. Doch der schwarzhaarige wie schwarzäugige Weiberfreund und Teufelsgeiger stand, eigensinnig und stolz, wie er nun einmal war, mehr auf das freie Dasein (merke: Lustig ist das Zigeunerleben …!). So gastierte er mit seiner famosen Banda allenthalben ringsum im Land, wo er zwischendurch und so nebenbei zudem für die Vermehrung des musikalisch hochbegabten Nachwuchses sorgte. Richtig: Liebling der Frauen, war er auch ein mehrfacher zärtlicher Vater – so weit seine karge Freizeit es zuließ. Und auch hierin hielt er es quasi mit der Auffassung des Substituten und ging festen Bindungen folglich lieber aus dem Weg.

Jetzt gerade wollte er mit einem der Chefs der „Schaluppe“ einen Auftritt seiner Band anlässlich des ins Haus stehenden großen Festes aus Anlass des 125-jährigen Bestands der Gastwirtschaft (früher: „Zur blauen Gans“) in gut fünf, sechs Wochen besprechen. Doch der Zuständige, ein gewisser Egon Schwabl, war, wie ihn Absolut vorhin schon informiert hatte, noch nicht im Haus gesichtet worden.

*

Ich gehe sonst kaum in diese Lokale“, entschuldigte sich Schmoll, der gerade erst eingetreten war und mit den zwei Fremden ein paar Tische entfernt Platz genommen hatte, „aber man ist hier weitgehend ungestört und außerdem praktisch immer unter Leuten …“

Fox, der blonde, hagere, circa fünfzigjährige Mann zu seiner Linken, nickte. Der andere, ein eher dicklicher, dunkelhaariger Mittvierziger mit leichtem Basedow-Blick, schien unbeteiligt.

Sie bestellten bei Absolut drei große Biere.

Die Sache ist die …“, begann der Blonde.

*

Gesetzt den Fall, der Opa da …, da drüben, und die zwei Typen, also, das wären Spione oder Agenten oder so was“, flüsterte Bruno, beim dritten Bier schon wieder merkbar animierter und wesentlich mehrsilbiger als zuvor, seinem Spezi Bertl halblaut zu, „das wäre doch eine tolle Ausgangssituation für einen Film …“

Was, bitte sehr, wäre daran so toll? Und warum glaubst du, dass der Alte und seine Begleiter Spione -“

– oder Agenten -“, ergänzte Bruno das Fass penibel.

– sein könnten?!“ Bertl vermochte, sich über die dauernden Film-Assoziationen seines Freundes in letzter Zeit nicht mehr so recht zu amüsieren. Der Umstand, dass Bruno vor gut einem Jahr von der Filmhochschule in Wien bei der Aufnahmeprüfung abgelehnt worden war, musste in der Tat seine Zelluloid-Obsession in einer derart krankhaften Weise verstärkt haben, dass er womöglich bald einmal ins Paranoide zu kippen Gefahr lief. Oder -?

In der vergangenen Woche (oder war es noch früher gewesen?) hatte ihnen ein halbfertiges Exposee für eine Art Italo-Western mit Science-Fiction-Elementen, das da vom Fass unvorsichtigerweise relativ lautstark im Lokal abgesondert wurde, beinahe ein paar Ohrfeigen eingebracht. Und in der Woche davor war schon ein etwas überspitzter Krimi (so recht in der Nachfolge des film noir) fast ins Auge gegangen … Insgeheim hoffte Bertl, der Freund würde seine pseudo-cinematographische Phase möglichst bald wieder hinter sich gebracht haben – wie zum Beispiel die intensiv musikalische vor bald zwei Jahren, die es ebenfalls in sich gehabt hatte! – und wieder nur ganz normal gestört sein und auch so auftreten. (Doch, ganz im Gegenteil: Neuerdings hüllte sich Bruno mit Vorliebe in schwarze Kutscher-Pelerinen oder in ausgestellte Doktor-Mäntel, wie sie in diversen im Western-Milieu spielenden B-Movies üblich waren; oder er erschien, was auch gefährlich wirkte, im Trenchcoat à la Humphrey Bogart – mit hochgeklapptem Kragen und Schlapphut …)

Gesetzt den Fall -“, blieb das Fass unerbittlich.

Aber, denk doch nur an Deine Idee unlängst mit der internationalen Käseverschwörung! Die war doch, zugegeben, Käse! Oder?!“, warf Bertl genervt ein.

Ja, gut“, ließ sich Bruno erweichen. „Die Geschichte rund um den griechischen Käse-Mafioso Perikles Feta, diesen global agierenden, sinistren Ziegenmilch-Fuzzy, und seinen nicht minder dunklen Kompagnon Flavius Mozarella aus der Toscana …, sie war noch nicht ausgereift -“

Und deshalb hättest du sie erst gar nicht vor zwei Griechen und einem Italiener erzählen sollen, verdammt!“ Bertl trank jetzt auch schon etwas zügiger. Und die beiden jungen Männer beschlossen daher, bei Absolut entsprechenden Bier-Nachschub zu bestellen.

Aber es blieb doch ohnehin bei den angedrohten Schlägen“, gab das Fass kleinlaut zu bedenken.

Ein Glück“, schloss Robert das unselige Käsekapitel. „Ich will nämlich nicht eines unschönen Tages mit einem Messer im Rücken mein ach so aussichtsreiches Leben verhauchen …“

Du, ich hab‘ Hunger“, schlug Brunos Stimmung nun gänzlich profan ins Positive um.

Iss am besten einen Käse-Toast …“, schlug Bertl dem Freund vor, immerhin mit einem leicht ironischen Lächeln um den Mund.

Da ging die Tür des Lokals mit Schwung auf, und drei Burschen, so zwischen Anfang und Mitte zwanzig, betraten den hohen Schankraum. Hugo, Emil und Peter suchten allem Anschein nach etwas oder nach jemandem.

Der längste der drei jungen Männer, Hugo, wandte sich auch schon an Absolut: „Ist die Eva da?“

Die hat frei … heute am Vormittag“, gab ihm der rötlich-blonde Aushilfskellner höflich Auskunft.

Hm“, machte es aus Hugo heraus. Und auch seine Brüder hmten vor sich hin.

Und am Nachmittag?“, stieß Hugo wenig freundlich hervor.

Da müsste sie ab 17 Uhr wieder da sein“, sagte Absolut, wie zur Bekräftigung kurz auf seine gelbe Swatch schauend.

Die drei sahen einander kurz und düsteren Blicks an und machten, sozusagen auf den Absätzen, kehrt und verließen die „Schaluppe“.

Aha“, sagte Bruno, der die Szene gebannt verfolgt hatte.

Auch Spione, griechische?! Oder italienische Käseagenten?!“ Bertls ironische Frage war rein rhetorischer Natur. Nein, eigentlich war sie durchaus sarkastisch gemeint gewesen.

Ich weiß nicht … Nein, eher doch Westernhelden …“, antwortete das Fass kryptisch. „Wären es vier, dächte ich doch glatt an die Dalton-Brüder mit ihren verknautschten Stetsons.“

Die Anspielung auf die kuriosen Banditen, die ihren Weg posthum aus dem realen Wilden Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts in die Comics-Geschichten des französisch-belgischen Zeichners Morris (Maurice de Bévère) rund um „Lucky Luke“ (übrigens später in Szenarien des „Asterix“-Texters René Groscinny) gefunden haben, wo sie als Joe, Jack, William und Averell – beziehungsweise als deren Vettern – ihr Unwesen treiben (was indes meist a priori an ihrer Unbedarftheit scheitert), hatte schon was für sich. Und dass die historischen vier Daltons, Söhne von Adeline Younger und Lewis Dalton, eigentlich fünf waren, nämlich Gratton Hanley (Grat), William Marion (Bill), Robert Remick (Bob), Emmett und der erstgeborene Frank (der allerdings Marshal war), sollte uns auch nicht weiter stören … Die hier waren für Bruno, der die komischen Vögel übrigens aus Neugier auch schon ausführlich gegoogelt hatte, nun einmal die Daltons! Und mit denen ließ sich doch filmisch was machen, oder?!

Noch ganz in Gedanken, wandte sich das Fass an den herumeilenden Absolut und bestellte flüssigen Nachschub: „Geh, bitte noch zwei Biere für uns!“

Oh, Gott!, dachte Bertl. Schon wieder ein Western-Stoff! Und sein Blick verfinsterte sich erneut.

Fortsetzung folgt!

III

Eva fuhr dem jungen Mann durchs in Resten noch gegelte schwarze Haar. Dann erhob sie sich vom gemeinsamen Lager, schlüpfte in ihren BH und zog sie sich den Pullover über.

Sehen wir uns heute am Nachmittag wieder in der ,Schaluppe‘?“, fragte Erik, sich eine Zigarette anzündend und einen tiefen Zug daraus tuend.

Klar, doch. Ich habe jedenfalls ab 17 Uhr Dienst.“

Sie beugte sich über die stattliche nackte Männergestalt, die da im schwarz-weiß-braun-karierten Bettzeug vor ihr lag. Und Eva küsste Erik auf den Mund, der ihr ein wenig schelmisch entgegen zu grinsen schien. Dann entschwebte sie.

Nachdem er seine Morgenzigarette in Ruhe zu Ende geraucht hatte, griff sich der frischgebackene Bachelor das auf dem Nachttisch liegende Mobiltelefon und drückte ein paar Tasten.

Ja, ich bin’s. Wann? – Um 15 Uhr? Geht in Ordnung! Um 15 Uhr im ,Café Mikado‘!“

Er deponierte den Apparat auf dem weißen IKEA-Nachtkästchen, schlug die zerknautschte Decke zurück und machte sich vorsichtig, weil bloßfüßig, auf den Weg ins nahe Bad unter die Dusche.

Schmoll und seine zwei Gefährten warteten indes um 15 Uhr vergebens im „Café Mikado“.

So was auch, dass der frisch graduierte Bachelor of Arts just heute ein von links kommendes dickes schwarz-violettes Auto in der so gut wie verkehrsberuhigten kleinen Seitengasse übersehen hatte müssen! Mit Höllentempo war die stattliche Limousine dahergekommen. So was auch, dass der Fahrer allem Anschein erst gar nicht zu hupen gedacht hatte!

Der Anprall war heftig gewesen – zu heftig für einen menschlichen Körper, der nicht unbedingt geschaffen scheint für solch eine extreme physikalische Belastung.

Erik war – tot. Das bestätigten wenig später auch der Notarzt und die Einsatzkräfte des Roten Kreuzes. Und in ihrem Gefolge die Beamten der Polizeistreife. Vermutlich war er das sogar auf der Stelle gewesen, hieß es später vom Forensiker her (der eigentlich, und korrekterweise sei es angemerkt, eine dunkelblonde Forensikerin mit hübscher Brille war).

Bremsspuren fanden sich keine, wie die polizeiliche Spurensicherung dann auch eindeutig ergab.

Fahrerflucht.

Du siehst so traurig drein“, wandte sich Bertl an Eva, die in der Tat ziemlich derangiert wirkte. Dabei war der Abend noch jung, und der Arbeitsstress würde erst so richtig einsetzen.

Er entflammte seine Zigarette. „Auch -?“, fragte er Eva, auf den Glimmstängel weisend.

Nein, danke. – Es ist nichts …“, erwiderte das Mädchen und hantierte fahrig mit ein paar schäbigen Bierfilzen, mit dem Salz- und Pfefferstreuer sowie mit dem Glas, worin sich die hygienisch in Zellophan original-verpackten Zahnstocher befanden. (Was ihr jetzt, da, so im Nebel ihrer Gedanken – wen wundert es wohl? – bloß irgendwie schemenhaft und gleichsam halbwegs zu Bewusstsein kam …)

Doch hatten auch einige der Gäste die tragische Geschichte schon einer kurzen Meldung des frühabendlichen lokalen Fernsehens (oder dem regionalen Radioprogramm) entnommen: Junger Akademiker von Auto gerammt. Fahrerflucht. Tot. Blut. Scheußlich.

Da beim Landesstudio des ORF anscheinend niemand der korrekten Aussprache des noch relativ neuen, besser: wiedereingeführten akademischen Begriffs Bachelor mächtig war, hatte sich der diensthabende Redakteur schließlich mit sich selbst auf die Floskel junger Akademiker geeinigt; was allerdings ziemlich gespreizt klang. Doch – was sollte es. Es war passiert.

Erik war nun einmal tot.

Erik würde nie mehr in die „Schaluppe“ kommen.

Erik war tot.

Da ritten die Brüder vom Vortag im Lokal ein, die zugleich die Brüder Evas waren.

Aha, doch Western“, raunte das Fass, rechts von Bertl hockend, über den Rand seines halbvollen Bierkrugs hinweg dem Freund zu. „Bin gespannt, wie das jetzt weiter geht …“

Ja, aber halt‘ bitte den Mund!“, flehte der verschreckte, erstaunlicherweise noch verhältnismäßig nüchterne Germanist mit nebulösen Dichterambitionen.

Klar, doch!“ Bruno leerte seinen Bottich mit einem Zug. „Noch eines, bitte!“ Er sah sich nach Eva um, die nunmehr ein paar Tische weiter zerstreut die Bierfilze sowie die Salz- und Pfefferstreuer ordnete und über der Zahnstocherhygiene zu wachen schien; in Wahrheit aber mit ihren Gedanken bei Erik weilte, der nun also tot war, und bei der vergangenen Nacht. Bei einem der eher seltenen One-Night-Stands, deren Freundin sie eigentlich nicht war, nicht wahr … Doch dann sah sie ihn, Bruno das Fass, und sein um Biernachschub bemühtes Deuten, dort neben Bertl.

Und Eva gewahrte ihre drei Brüder: Hugo, Emil und Peter.

*

Erik hatte sein Ziel erreicht. Und sein Ende gefunden.

Warum Bertl Bählamm ausgerechnet jetzt, da er des ihm nur flüchtig bekannten frischgebackenen Bachelor (und ebenso frischgebackenen Toten) gedachte, sein Dichterkollege aus Anfangszeiten, der kuriose Anselm Rosenkalk, einfallen musste?! Rosenkalk hatte zwar unter den schreibenden Vertretern der kreativen Szene von Cruxstätten an der Lurach für längere Zeit als durchaus begabt gegolten und war sogar in den Genuss mehrerer (zugegeben: geringfügiger) Stipendien gekommen; er verschwand jedoch sukzessive wieder von der Bildfläche und hinterließ grosso modo kaum allzu viel schreiberischen Restmüll. Das Letzte, was Bertl über ihn gehört hatte, war zudem wenig erfreulich: Der vormals allenthalben zum literarischen Hoffnungsträger hochstilisierte Rosenkalk hielt sich nun schon fast ein Jahr lang in einem Nerven-Sanatorium (für aussichtslose Fälle) auf. Seine noch relativ junge Schriftsteller-Karriere war eingeknickt wie ein lebensuntüchtiger Bambusstängel. (Oder so ähnlich.)

Dabei hatte Rosenkalk durchaus über Witz verfügt – mitunter. Und über Ideen – zwischendurch. Und war sogar originell gewesen – wenn auch bloß selten.

Ihn, den blondmähnigen Barden des Finsteren – Anselm wandelte merkbar auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns, Charles Baudelaires und Edgar Allan Poes, wenn er auch wesentlich weniger soff -, hatte schließlich seine Vorliebe für Prosa-Schlüsse ein- und überholt. Ja, deshalb machte Bertl die Erinnerung an Rosenkalk auch immer wieder, wenn sie schon einmal aufkam, so verstört und unsicher. (Und das führte unweigerlich zu Schreibunlust, fast schon zu Schreibhemmung!)

Stets, wenn er sich überhaupt zum Schreiben setzen wollte (von Eingebungen, von Intentionen also, hielt der Biertrinker ohnedies kaum etwas), kam ihm die Macht der skriptoralen Gegegebenheiten, der hermeneutischen Inhalte, literarischen Motive, kunstfertigen Fomulierungen, unabdingbaren Techniken und mehr oder minder schlüssigen Methoden, in den Sinn. Und das alles beeinflusste sofort sein Tun; ließ ihn lieber gleich (und quasi ausschließlich) zu Krug und Becher greifen. Denn im Zweifelsfall war es immer noch besser und ungefährlicher, zu saufen als zu schreiben …

Anselm Rosenkalk hatte zunächst sozusagen normale Prosa geschrieben, also Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen; doch auch Längeres; all das brav mit Anfang, Mittelteil und Ende. Sogar von einem in Arbeit begriffenen Roman war dann und wann die Rede gewesen, betitelt „Elfenbein, getürmt und eingestürzt“ … Doch irgendwann begann er, fast ausschließlich Schlüsse zu produzieren. Man stelle sich vor: Da saß einer vor seinem Laptop und stieß ohne Ausnahme Abschlüsse hervor! Gebar ohne Unterlass Finale! Setzte exklusiv literarische Enden in die Welt!

Seine früh schon festgelegte und sich immer weiter (und alles andere ausschaltend) herausbildende Vorliebe für Prosa-Schlüsse wurde in der Tat sukzessive zur Obsession. Und die zog ihn, wie ein grässlicher, seine zu gefährlichen, unentrinnbaren Hauern angewachsenen Gelbzähne fletschender Moloch, final hinunter in jenen tiefen See der künstlerischen Unfähigkeit, der nunmehr den Poeten und seine Möglichkeit, den Beruf als Schriftsteller auszuüben, ein für allemal umgab als dunkle, als ewig bedrohliche Brühe. Das ergab Poes Wassergrube und Pendel, die hoffmannesken Wieder- und Doppelgänger und Baudelaires böse Blumen in einem, wenn’s gefällig ist. Armer Anselm!

Ein Beispiel aus Rosenkalks letzter Produktionsphase, bevor seine Feder, ein wenig überkandidelt ausgedrückt, für immer ruhen sollte:

Also war auch sie dahin. Ja, Amanda war nicht mehr. Er (der Held der Geschichte, Anm.) wischte sich mit leicht zitternder Hand über die tränenden Augen.

,O Amanda! Dass es so hat kommen müssen!‘

Mehr war wohl nicht zu sagen. Zudem konnten die von ihm da so larmoyant angesprochenen Reste vermutlich ohnedies nichts mehr vernehmen. Die Adressatin seines Schmerzes war hinüber.

Dass er mit Sicherheit nie mehr weibliche Beine, früher wohlgeformter und vielversprechender Ausdruck allen noch zu erwartenden Lebensglücks, neben sich in seinem ab nun einsamen und kalten Bett spüren würde, ängstigte ihn nicht. Mit diesem Verlust, der ihm doch bloß als ein ausbleibender Zugewinn galt, vermochte er durchaus umzugehen.

Nur: Da war dann noch die Kreissäge.“

Dies erinnernd, verwarf der Dichter Robert Bählamm den Gedanken, etwas zu schreiben, zumindest für jetzt. Ja, er würde vielleicht seinen erfahrenen Onkel Hans Schutt nächstes Mal, wenn sie einander wieder trafen, auf die Rosenkalk-Problematik ansprechen. Hans wusste mit Sicherheit einen Rat; gothic-affin, wie er war (unter anderem). Vielleicht wusste er sogar einen anwendbaren.

Außerdem saß es sich gut mit dem trinkfreudigen Oheim (dem Schwager der Mutter).

Bertls Züge hellten sich wieder auf.

IV

Du darfst mich nicht missverstehen.“ Dann schwieg sie kurz.

?“ Bertl wusste nicht, was er seinerseits darauf erwidern sollte.

Ich steige im Allgemeinen nicht gleich mit jedem ins Bett“, formulierte Eva nun etwas genauer, was zu sagen sie ein paar Gedankengänge früher vorgehabt hatte. „Verstehst du …, das … mit Erik …, gestern …, ich meine …“

?!“ Bertl wusste noch immer nicht, was er sagen sollte. Also zündete er sich eine Zigarette an.

Eva bedeutete ihm auf eine entsprechende Geste seinerseits hin, keine zu wollen. (Ach ja, richtig! Sie rauchte ja nicht.) Und er hustete, da er seit gut zwei Monaten schon vor hatte, sich das Rauchen ganz abzugewöhnen. Also rauchte er seltener; dafür aber mit schlechtem Gewissen.

(Doch das alles jetzt und hier, in seiner Wohnung, mit Eva zu thematisieren, wäre vermutlich auch nicht sonderlich sinnvoll gewesen. Freilich, auch darüber, dass er streng genommen nicht die ganze Wohnung, sondern nur das Zimmer als seines betrachten durfte, da die Behausung insgesamt ja als Wohn-Gemeinschaft, als WG, geführt wurde, dass jedoch Petra und Albert, der andere Teil der die Miete Berappenden und ihres Zeichens Geographie-Studierende also, just für eine Woche auf Exkursion gefahren waren, schien ihm nicht wirklich des Erzählens wert, wie ihm auch die beiden Nebensätze, die hier jeweils mit dass eingeleitet wurden und daher Kausalsätze waren, nicht allzu elegant vorkamen – – – da sollte man vielleicht noch etwas daran feilen?! Also -)

Weißt du?! Ich steh‘ nicht so sehr auf One-Night-Stands …“ Eva sah ihn von der Seite her an und wartete anscheinend auf eine Reaktion des vor kurzem erst wieder aus ihr Gekommenen, nun neben ihr Liegenden und an seiner Zigarette Saugenden.

Du magst an sich keine One-Night-Stands“, fasste Bertl das von ihr gerade Formulierte zusammen. „Nun, mit Erik wird es ohnedies keinen mehr geben … In zweifacher Hinsicht nicht.“

,In zweifacher Hinsicht nicht‘?“, wiederholte das Mädchen mit fragendem Blick aus nunmehr doch etwas neugierig blickenden blauen Augen.

Ja, in zweifacher Hinsicht nicht“, wiederholte Bertl das schon einmal Wiederholte. „Denn erstens wäre es, würdest du, gesetzt den Fall, mit Erik nochmals vögeln, ja kein One-Night-Stand mehr. Und zweitens ist Erik tot. Ergo kannst du kaum jemals mehr mit ihm vögeln …“

Da wären nun mehrere Arten der Reaktion möglich gewesen. Eva hätte beispielsweise beleidigt aufstehen können und gehen. Sie hätte Bertl auch eine Ohrfeige verpassen können. Oder –

Doch Eva entschied sich dafür, einfach zu lachen (oder besser: es passierte ihr eben). Sie lachte, dass sich ihr schöner Körper bog und ihre hübschen, mittelgroßen Brüste hüpften!

Sie lachte so ungezähmt und unzähmbar, wie nun einmal nur ein junges Mädchen lachen kann.

Sie lachte, bis Bertl mit einstimmte in ihr Gelächter. Beide lachten alsbald unbändig. Sie umarmten einander dabei. Er schleuderte die fast zu Ende gepaffte Zigarette auf den Boden. Die Lampe fiel hinterdrein und klirrte, als sie schließlich auf dem Boden landete (wobei das Licht verlöschte), final ziemlich laut. Das Geräusch war, erraten, dem Bersten des wenig hübschen Schirms aus Glas und der Glühlampe (mit Energiespar-Effekt!) geschuldet. Und die beiden nackten jungen Leute lachten, lachten, lachten in der Dunkelheit.

Sie lachten, weil sie lebten.

Und sie liebten einander aufs Neu.

Und sie lachten aufs Neu.

Und erst als sie gewahrten, dass der alte Flicken-Teppich wohl vor einiger Zeit schon zu glosen begonnen hatte, hielten sie im Lieben inne. Nicht aber im Lachen.

Mit dem Bier aus der einen, halbleeren Flasche neben dem Bett versuchten sie, den Brand des ohnedies längst schon ziemlich unansehnlichen Bettvorlegers zu löschen. Dann schwang sich Bertl aus der Schlafstätte und holte, vorsichtig durch die Räumlichkeiten tappend, zwei weitere Flaschen aus dem Eisschrank in der nahen Küche. Und sie löschten, tranken und lachten.

Prost!“, rief Bertl.

Prost!“, rief Eva.

Prost, Erik!“, rief Bertl.

Und sogar da lachte Eva hell auf.

Ach, ja! Leben! Leben!

Was haben denn die drei Burschen gestern am Abend von dir gewollt“, fragte Bertl Eva später, als sie sich schon wieder herrichtete, um fortzugehen.

Ach …, das waren meine blöden Brüder“, gab sie merkbar ungern Auskunft. „Hugo, Emil und Peter … Die haben mir nur erzählt, dass es mit unserem Vater wieder besonders schlimm ist.“

Schlimm?“, fragte Bertl, seinen löslichen Cappuccino schlürfend.

Ja. Der Alte säuft … Ich meine, viele saufen …“, schwächte Eva das eben Gesagte wieder ab.

Ich weiß“, gab Robert mit breitem Lächeln zu. „Ich weiß …“

Aber mein Vater, der schlägt dann leider unsere Mutter. Bei meinen dummen Brüdern traut er sich nicht mehr, seit ihm der Hugo eine ordentliche Tracht Prügel verpasst hat. Und ich lebe, Gott sei Dank!, nicht mehr in der Wohnung meiner Eltern. Aber Irene, also meine Mutter, die traut sich nichts gegen Papa zu unternehmen … Hat ja niemanden, glaubt sie, außer ihrem Ferdinand …“

Das Mädchen biss sich auf die Unterlippe. Dann trank sie ihren Kaffee aus, küsste Bertl auf den Mund und sagte, während sie die Küche verließ: „Wir sehen uns heute am Nachmittag in der ,Schaluppe‘, Schatz?“

Klar, doch, Schatz!“

Die Tür fiel ins Schloss.

Bertls Mobiltelefon furzte.

Ah, Bruno -“

Fortsetzung folgt!

V

Ich denke, Herrschaften, den können wir vergessen“, sagte Schmoll und kratzte sich das unrasierte Kinn, wo einige grau-blond-weiße Stoppel standen. „Was glauben Sie, waren das die -“

Der hagere Blonde legte, seine hohe Stirn runzelnd, symbolisch den ebenfalls hageren, langen Zeigefinger der Rechten an die Lippen, um Schmoll Schweigen zu signalisieren. Dann blickte er vorsichtig um sich. „Ich bin mir sogar sicher …“ Und er trank wortlos seinen Espresso aus.

Der dunkle Dicke sagte, wie gewöhnlich, gar nichts. (Wozu der den wohl braucht?, dachte der pensionierte Schildermaler. Komischer Vogel. Vogel? Eine flugunfähige Gattung, allem Anschein nach. Eine Trappe vielleicht. Oder: eine Trappen-Atrappe …) Schmoll grinste vor sich hin.

Tja“, machte der Hagere missmutig. „Sie hören von uns.“

Er legte einen Zehn-Euro-Schein auf den Tisch. Dann erhob er sich.

In seinem Schatten der fette flugunfähige Vogel.

Schmoll nickte kurz.

Als die beiden anderen Männer das „Café Mikado“ verlassen hatten, griff der gewesene Schildermaler und mehr oder minder aktive CIA-Agent zu seinem Mobiltelefon. „Sie sind wieder weg“, sagte er, nachdem die Verbindung hergestellt worden war und sich eine unwillige Männerstimme mit einem barschen „Ja?“ gemeldet hatte.

Gut, dann kannst auch du jetzt gehen. Du hörst von mir. Und vergiss nicht, die Kamera zu besorgen!“ Schmoll atmete direkt auf, als er es in der Leitung knacksen hörte.

An alles musste man selber denken, dachte Schmoll. Und alles war so furchtbar kompliziert, waren erst einmal andere daran beteiligt. Aber anscheinend war es von ganz oben so gewollt und bestimmt worden. Und er, Schmoll, hütete sich, den Draht zu den Auftraggebern zu verlieren. Und somit den – zum Geld. Denn das Geld war immerhin der Angelpunkt bei der ganzen Sache.

Schmoll hatte nämlich nicht länger vor, für ein Butterbrot da und ein Butterbrot dort seine Haut zu Markt zu tragen oder weiterhin immer für andere Nutznießer die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Er war es leid, als billiger Brat’lgeiger auf fremden Hochzeiten zu konzertieren. Im Gegenteil: Endlich sollte da die Musik spielen, wo er, Engelbert Cyriak Schmoll, sie sich aussuchte und, bitte sehr, was er für sich bestellte!

Indes – das Ziel, nämlich endlich tatsächlich was sagen zu dürfen und selbst zu bestimmen, wohin der legendäre Hase zu laufen habe, das lag in Wahrheit immer noch weit außerhalb seines Einflussbereichs. Ob er es überhaupt je erreichen würde?! Das war alles mehr als unsicher …

Schmoll erhob sich langsam, bedächtig, vorsichtig schier, wie mit vollen Hosen (o welches Bild!). Und er lauschte ahnungsvoll auf die diversen Schmerzen in seinem Inneren. Nein, überlegte er kurz, das Leben gestaltete sich längst nicht mehr annähernd so lustig, wie es schon einmal gewesen war. (Oder wie es ihm zumindest erschienen war … Denn: Wer weiß, ob es überhaupt je so besonders toll gewesen war?!)

Maientag hat Sang im Haar …“, kam ihm ein blödsinniges altes Lied aus besseren Zeiten in den Sinn. „Zupft die Leier, wunderbar!“ So oder so ähnlich ging es wohl weiter. Und dann, als ziemlich hämischer Refrain, sozusagen, und überdies mit einem ziemlich problematischen Endreim: „Lass es bleiben, alter Narr …“

Dann hörte die Lied-Reminiszenz in seinem Inneren plötzlich ganz auf. Er, der sich Erinnernde also, verstummte, inwendig,

Doch Schmoll setzte sich, wie automatisch, in Richtung „Schaluppe“ in Bewegung.

Die drei Burschen auf der anderen Straßenseite gewahrte er mehr routinemäßig, als dass sie etwas getan (oder unterlassen) hätten, wodurch seine Aufmerksamkeit erregt worden wäre. Er musste die irgendwo schon einmal gesehen haben. Hm. Wie die Orgelpfeifen. Gehende Orgelpfeifen. Im Gespräch, im eher dünnflüssigen und wenig temperamentvollen Gespräch, wie es ihm schien.

Wenn es vier gewesen wären, hätten sie glatt die Dalton-Brüder imitieren können, schoss es Schmoll durch den Kopf, und er musste lächeln. (Und das, obwohl man ihn wohl kaum als einen Kenner auf dem Gebiet der Comics hätte bezeichnen können …)

Ja, mit Stetsons auf den dummen Köpfen und Colts im Halfter, in schlabbrige schwarze Mäntel gehüllt, mit Sporen an den Stiefeln. Das hätte was hergegeben und dargestellt, ohne Frage!

Doch die da verfügten weder über Cowboy-Hüte oder über Pistolenhalfter; noch über Mäntel, Sporen und Stiefel.

Genau, jetzt fiel es ihm wieder ein: In der „Schaluppe“ hatte er sie schon einmal gesehen. Erst kürzlich sogar. Die drei Burschen.

Aber eigentlich war es egal.

VI

Keine Ahnung, warum Robert Bählamm gerade jetzt wieder die alten Geschichten aus dem sogenannten Kulturleben von Cruxstätten einfielen.

Keine Ahnung, dachte er, warum mir gerade jetzt wieder die alten Geschichten aus dem sogenannten Kulturleben von Cruxstätten einfallen.

Geschichten, in denen Pseudogenies und selbsternannte Kunstgrößen, dazwischen, zugegeben, sogar ein paar echte Könnerinnen und Könner aus allen möglichen Kreativ-Disziplinen, eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielten. Geschichten schließlich, die eines gemeinsam hatten, nämlich dass er bei den meisten von ihnen selbst gar nicht dabei gewesen war, als sie sich abspielten und ereigneten. Aus dem simplen Grund, noch nicht auf der Welt beziehungsweise noch zu klein gewesen zu sein, um sie selbst mitzuerleben.

So bezog er sein Wissen über die 1950er, 1960er und 1970er Jahre etwa in erster Linie, zumindest was die kulturelle Regsamkeit (oder Verschlafenheit) dieser Stadt betraf, von seinem Onkel Hans. Und der, Hans Schutt also, wiederum war der ältere Bruder von Bählamms Mutter Rosa. Hans hatte Rosa angeblich, so wurde es innerhalb der Familie (= von ihm selbst) zumindest kolportiert, zu Balduin, also zu Roberts späterem Vater, sogar ausdrücklich geraten, weil er im Namen Bählamm ein gutes Omen zu erblicken glaubte: „Der heißt wenigstens wie eine Figur bei Wilhelm Busch. Besser, du nimmst den, Rosa, als du wartest auf irgendeine – was weiß ich -, vielleicht von Shakespeares skurrilen Männerfiguren …“

Er, Hans Schutt, hatte übrigens weniger Glück in Liebessachen gehabt. Und das, im Grund, sein Leben lang. Seine drei Ehen waren allesamt im Sand verlaufen, in dem sich abschließend auch stets aufs Neu sein kontinuierlich kleiner werdendes Vermögen befand … Und auch die sonstigen sexuellen Beziehungen waren zumeist nur von kurzer Dauer gewesen. Dies führte Hans selbst in erster Linie auf seinen zeitintensiven Beruf zurück, in zweiter Linie auf die Frauen und ihre Flatterhaftigkeit. Drittens dachte er mitunter auch an die Tücken des Geschicks schlechthin. (Doch die kann ja bald wer beschuldigen, hat es einmal irgendwo und irgendwie nicht geklappt!)

Besagter Onkel, selbst ein leidlich anerkannter Erzähler und Prosaautor sowie auch als Kabarett-Texter mit Rundfunk- und TV-Angeboten angeblich einige Zeit lang ganz gut im Geschäft, hatte einen großen Teil seines Berufsleben als Kulturjournalist verbracht und zuletzt in leitender Position für eines der größeren lokalen Blätter gearbeitet. Onkel Hans war, sozusagen, besonders als Rezensent und Kunstkritiker mit einem seiner Finger beinah ständig am so gerne zitierten Puls der Zeit gewesen; soweit die beiden, also Puls und Zeit, sich in Cruxstätten überhaupt bemerkbar gemacht hatten; und der Rhythmus des Lebens sich an der Lurach irgendwie niederschlug. Was man, zugegeben, nicht eben häufig zu konstatieren hatte … (Immerhin, die Provinz verfügte hierorts über Engagement.)

Ja, der Onkel Hans hatte sie noch fast alle persönlich gekannt, die Dichter und Autoren, Schriftstellerinnen und mehr oder minder erfolgreichen Dramatiker; die Bildhauer und Malerinnen; die Musikerinnen und Komponisten; kurz: das Künstlervolk des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Und neben den Kreativen auch eine Reihe von Wiedergebenden: Schauspielerinnen,Tänzer, Sängerinnen und Regisseure, Musikanten. Lemuren …, Lemuren, so meinte Onkel Hans, seien sie letztlich ohnehin fast alle durch die Bank (gewesen). Und naturgemäß meist weit schwächer, als sie vorgaben zu sein. Manche schlichtweg unbegabt.

Andere wiederum gab es – und nicht nur Weiber! -, die sich über diverse Betten (oder Besetzungssofas) ins Licht der Scheinwerfer hocharbeiteten. Damen (und Herren), deren Karriere somit in erster Linie ficktechnisch vonstatten ging. Doch das sei wohl eine schlechthin genuine Sache bei den sogenannten Künstlern; das mit der Selbstüberschätzung, nicht unbedingt das mit dem Hinaufvögeln. Nein, das käme anderswo genauso vor.

So und ähnlich maulte Hans Schutt ein wenig sarkastisch, wenn einander Onkel und Neffe hin und wieder zu einem kühlen Bier oder einem gepflegten Glas Wein trafen. Übrigens konnte das durchaus auch in der „Schaluppe“ sein, da der ehemalige Student der Germanistik und Geschichte auch als Mittsechtziger noch ganz gern seine Zeit unter jungen Leuten zubrachte, mit ihnen diskutierte und herumalberte. Und dabei seine immer noch einigermaßen geschliffenen Bonmots unters Volk brachte. (Nur dass die anderen nicht alles davon auf Anhieb verstanden. Ja, das beschissene Bildungssystem …)

Oh, die holde Kunst! Fiel der Ausdruck Kunst, dann konnte es vorkommen, dass Hans Schutt zum veritablen Kulturpessimisten auflief, den Schwarzseher heraushängen ließ und nicht mehr zu bremsen war in seiner Suada der Düsternis, was die Zukunft der Kultur betraf. „Ohne Selbstüberschätzung geht da gar nichts, und ohne Selbstüberschätzung wird da auch weiterhin nichts gehen“, brachte es der alte Onkel quasi auf den Punkt, bevor er unweigerlich noch ein Getränk orderte. Meist hochprozentiger Art.

Doch schien, nach des Oheims Schilderungen, damals (mithin: früher) immerhin noch was los gewesen zu sein in der sogenannten Szene von Cruxstätten an der Lurach. Womöglich sogar etwas, was heute gänzlich fehlte. (Oder glaubte man das immer, wenn von anderen, vergangenen Zeiten, wenn von anderen, ebenso vergangenen Gegebenheiten die Rede war? Als es auf der einen Seite angeblich noch Persönlichkeiten gab, deren Auftauchen und Vorhandensein heute kaum mehr möglich schien; zum anderen freilich auch Gedanken zumindest nicht ausgeschlossen waren, die heute mit Sicherheit nicht mehr gedacht würden. Und natürlich Ideen, zu denen sich vermutlich niemand mehr zu versteigen getraute …)

Zumindest langsamer als heute scheint manches früher gegangen zu sein. So viel stand fest, und so sprach er es auch an und aus: „Wie wohl auch die Probleme andere waren als später dann. Doch sogar daran hat sich bis heute nichts geändert. Und es wird sich auch künftig nichts ändern. Jetzt und später … Warum? Weil die Probleme eben ewig sind!“ Hans Schutt hielt diesen Gedanken kurz für eine Königsidee, eine profunde Erkenntnis mindestens. Bis er sich des wein- beziehungsweise bierseligen Denk-Ambientes dieser seiner schier aus einem Götterhirn gekrochenen Überlegung bewusst wurde. (Schmonz. Binsenblödsinn. Scheiß. Ach – was soll’s?!)

*

Also: Die in mancherlei Hinsicht ramponierte Stadt an der Lurach war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur damit beschäftigt, sich mit ihrer wenig rühmlichen Rolle während des nationalsozialistischen Regimes, des sogenannten Dritten Reiches, auseinanderzusetzen, es galt vielmehr auch Lücken zu schließen, ganz allgemein aufzuholen und Anschluss zu finden – indes natürlich ganz anders, als dies anno 1938 der Fall gewesen war! (Möge Gott es verhüten!)

Cruxstätten an der Lurach tat dies – wie viele vergleichbare Kommunen – teils durch bewährtes Vertuschen und Unter-den-Teppich-Kehren, teils durch tatsächlich einigermaßen forsches Modern-Sein-Wollen als Kontrast zu früher, den man einfach bemerken musste (was immer das Moderne auch bedeuten mochte …). Immerhin fiel es nicht leicht, zumal in der sogenannten Kulturpolitik, neue Wege mit den beinahe identischen Akteuren von Gestern zu beschreiten. (Doch hier wirkte sich letzten Endes, und darauf war Verlass, der biologische Abbau zugunsten der Stadt aus.)

Und siehe da: Schon Mitte der 1960er Jahre war Cruxstätten, wie man noch später dann gleich stereotyp wie hirnlos zu sagen pflegen würde: ganz gut aufgestellt. Die alten Abonnenten (und/oder ihre Erben) im Musikverein wandten sich, wie gehabt, wieder ihren mehr oder minder unverfänglichen Konzertzyklen zu, rümpften über die sogenannte Klassische Moderne (deren Zugang ihnen die Nazis wenige Jahrzehnte zuvor unmöglich gemacht hatten) erst einmal die Nase; um danach die aktuellen Zeitgenossen gehörig als ungehörig zu beschimpfen oder schlicht und ergreifend als fad abzutun (was sie möglicherweise mitunter ja auch wirklich waren).

Die Musikfreunde schnupperten außerdem am Angebot, das, zumeist ebenso verbindlich, Oper und Operette, situiert im großen städtischen Musentempel, offerierten. Oder man versuchte sich am – mit Zeitgenössischem ebenfalls bewusst nur vorsichtig und in homöopathischen Dosen durchsetzten – klassischen Sprechtheater (plus immer grünendem Boulevard) im Schauspielhaus.

Das vor allem junge und/oder angesichts der lang genug oktroyierten braunen Polit-, Blut-&- Boden- wie Hirn-Scheiße ausgehungerte und tatsächlich an angeblich Neuerem interessierte Publikum schuf sich – meist selbst – abseits des konservativen Mainstream eine Art Kellertheater-Szene, die allerdings peu à peu den aparten Souterrain-Geruch verlor, bis sie über kurz oder lang fast gleich steril roch und gleich gelackt und gefirnisst wirkte wie die sogenannte Hochkultur. (Allenthalben ein nicht untypisches Schicksal der sogenannten Subkultur.)

Kurz: Cuxstätten fiel weiters nicht aus dem Rahmen.

Just der freilich, der Rahmen, sei laut Onkel Hans, besonders in den späten 1960ern und in den 1970er Jahren, immerhin mit Vorliebe durchbrochen worden.

Als die Jungen in den europäischen Metropolen – und wie ich meine, durchaus berechtigt! – gegen das Establishment revoltierten, boten ihnen Bühne, Literatur, Musik und bildende Kunst die optimalen Darstellungsräume zum Abarbeiten ihrer Frustrationen!“ Er trank. Und mit maliziösem Lächeln fügte er an: „Da hättest du diese verschlafene Stadt erleben sollen!“

Schutt nahm erneut einen großen Schluck vom Bier.

Ah“, warf Bertl sinnend ein, „da war also was los in Cruxstätten?“ Auch er trank jetzt kräftig.

Nein. Aber die Tagträume hatten wenigstens etwas mehr Power als sonst …“, schwächte der Onkel (mit von fern ein wenig an Heinrich Heine gemahnender romantischer Ironie) durchaus ernüchternd ab. „Revolution war der Cruxstättener Sache nicht. Gut, es gab ein paar Gesprächs-Foren – Jazz-Klubs, auch Diskussionsrunden, anno 1968 dann sogar ein bisschen Empörung im Uni-Bereich … Aber sonst?!“

Der Onkel nahm erneut einen kräftigen Schluck und trank sein Krügelglas aus, bevor er bei Absolut (man befand sich, erraten, in der „Schaluppe“) noch zwei Biere bestellte.

Gut, es bestanden ein paar konkurrierende Kunstvereinigungen. Bei einem dieser Zirkel war ich selber eine Zeit lang als Mitglied dabei. Wir nannten den kuriosen Verein intern unseren ,Sauf- und Tratschklub‘ – und das war er wohl auch …, in erster Linie … Übrigens mussten wir immer wieder die Lokale wechseln. Als Klientel waren wir nämlich nicht so recht handzahm …, fanden zumindest die Wirtinnen und Wirte und ihr geplagtes Personal.“

Robert stellte sich, nicht ohne Amusement, seinen (damals ja noch) jungen Onkel Hans vor, wie er da in einer Runde leicht beschwipster Künstlerinnen und illuminierter Künstler saß und sich mit den anderen Kreativ-Heroen in heißen Debatten maß.

Absolut stellte die beiden Krügel vor Bertl und seinen Onkel ab.

Zum Wohl!“, sagte er etwas gestresst, während er die obligaten Striche auf die Bierfilze zeichnete.

Und auch eine quasi avantgardistische Literaturzeitschrift war schon ein halbes Jahrzehnt zuvor aus der Taufe gehoben worden. Ach, ja: In einem Kellertheater spielte man Ionesco, Beckett, Arrabal und Mrozek. Da gab es einmal sogar die Uraufführung eines frühen Stücks von Wolfgang Bauer, mit dem wir uns übrigens auch persönlich (wenn er zufällig einmal unter uns weilte) recht gut verstanden haben. Der Bursche war ja immerhin auch gerade en vogue …“

Und euer ,Tratsch- und Saufverein’“, fragte Bertl neugierig, „was war mit dem los?“ Die beiden prosteten einander still zu und tranken.

Ja, der Künstlerklub … Da war es mitunter sogar recht witzig. Wenn sich die Bildhauer gegenseitig im Suff beschimpften, dass man – jetzt und jetzt – schon mit Tätlichkeiten rechnen musste! Oder wenn einer der schon etwas angejahrten Jungliteraten in eine der geschmacklosen hohen Bodenvasen kotzte … Oh, es herrschte da eine einmalige Atmosphäre vor! Ja, Spannung lag in der Luft!“

Kann ich mir lebhaft vorstellen“, warf Bertl erheitert ein. „Und verfügte der großartige Klub auch über einen Namen?“

Natürlich!“ Und der Onkel tat nur kurz geheimnisvoll. „Man nannte sich Hades, und das hatte durchaus etwas Programmatisches an sich …“

Da der alte Schutt nun einmal merkbar in Erinnerungen schwelgte, fügte er noch hinzu: „Dabei gab es natürlich auch verschiedene Künstlergruppen in verschiedenen Gasthäusern. Oder die Lokalitäten mussten, wie angedeutet, aus bestimmten Gründen gewechselt werden …“

Zu intensives Dichter-Gekotze?“, fragte Bertl belustigt.

Nein. Das war noch das Wenigste. Aber manche Wirte sprachen hin und wieder gegen irgendjemanden ein Lokalverbot aus …“, antwortete Onkel Hans. „Meist zwar nur halbherzig und nur, um sich selbst in ihrer Position zu bestätigen, mitunter aber führte das dann tatsächlich zum Exodus – zumindest einer Untergruppe.“ Kleine Pause. – Weißt du“, fügte er ernst hinzu, „je weniger sich in einem Kunstverein tatsächlich Künstlerisches tut, umso wichtiger sind die Regeln, Rituale und Statuten, eben die Äußerlichkeiten … Ganz wie in der wirklichen Gesellschaft!“

Sie tranken, und Hans erzählte weiter.

Da gab es zum Beispiel einen in der Tat hochbegabten Dichter. Einen echten Poeten. Einen poeta laureatus, sozusagen. Er war zwar weitestgehend lebensuntüchtig, der Gute, aber eben ein Dichter – ein Dichter durch und durch … Noch dazu: aus einem, wenn ich mich recht erinnere, adeligen Geschlecht stammend … Ja, niederer Adel …, Beamtenadel, vermutlich … Der Vater: ehemals hoher Landesbeamter. Die Mutter: in bedeutender Position bei irgendeiner militant-katholischen Vereinigung! Und er, Thorwald? Die Mensch gewordene Sprachmelodie! Tatsächlich zu Haus in allen klassischen Metren! Ein selbst- wie wortverliebter Silbenbaumeister und Verbalarchitekt, der sich von Jambus zu Jambus und von Trochäus zu Trochäus schwang wie ein lyrischer Tarzan! Seine Sonette stimmten, klar, doch!, seine Alexandriner hatten Charme, auch seine Knittelverse und Terzinen: Sie flossen ihm aus dem Kugelschreiber auf die gebrauchten Servietten, die ihm zumeist als Schreibunterlage dienen mussten und solcherart noch ein Klischee erfüllen halfen in ihrer Besudeltheit durch Rotwein oder Kaffee! In noch stärkerem Ausmaß freilich als seine poetische Weise flossen Wein und Schnaps … Und seine Karriere, die rann ihm dabei wie Sand zwischen den Fingern dahin. Und sein Leben nicht minder.“

Hans Schutt schwieg ein wenig bedrückt, wie es Robert Bählamm schien.

Der Neffe räusperte sich. „Also, ist er schon gestorben?!“

Ja. Den Thorwald von Kautzburg gibt es nicht mehr. Und der einzige Lyrikband, der zu seinen Lebzeiten erschienen ist, der dürfte wohl längst vergriffen sein … Vergriffen – wie das klingt bei einer Sache, die doch kaum jemals einer zur Hand genommen hat!“

Der Onkel war merkbar wieder auf dem Weg zum Sarkasmus. Ja, es ging ihm wieder gut! Er trank wieder und würde daher in absehbarer Zeit wieder etwas bestellen. Immer wieder. Wieder.

Bertl war erleichtert.

Und weißt du, wie das schmale Bändchen hieß? – Na, wie solltest du auch. – Also: ,Meistens nur Gras‘!“

Bertl schaute blöd.

Das sollte vermutlich eine Anspielung sein. Wir waren damals immerhin in den 1970er und 1980er Jahren, und Thorwald von Kautzburg liebte es nun einmal, hin und wieder ein wenig zu haschen, du verstehst? Marihuana, Cannabis, Gras …“ Hans grinste.

Dann tranken sie noch ein wenig weiter. Und das eine oder andere Bier war Thorwald, dem Hascher, gewidmet. Und seiner durchaus beachtlichen Lyrik.

Fortsetzung folgt!

VII

Jedenfalls nicht mit mir, dachte Yvonne, die – nur für kurz, so hatte sie zumindest zunächst vorgehabt – aus einer anderen Geschichte hier hereinschaute. Grund: Um Eva zu treffen.

(Ihre Schwester Iris und Eva hatten denselben Kindergarten besucht, sich danach, wie das eben so ist, allerdings weitgehend aus den Augen verloren. Yvonne, die, als die um gut sieben, acht Jahre Ältere, ihr Schwesterchen meist in den Kindergarten zu bringen oder von dort abzuholen verpflichtet gewesen war, kannte Eva naturgemäß überhaupt bloß vom Sehen her. Erst kürzlich, hier in der „Schaluppe“, hatten sich die jungen Frauen jedoch ihrer früheren Nachbarschaft aus Kinderzeiten erinnert. Und so war vereinbart worden, sich bald einmal zum ausgiebigen Plaudern und auf ein Getränk zusammenzusetzen. Just dies wollte Yvonne, da man in der Eile blöder Weise keine Mobiltelefonnummern ausgetauscht hatte, nunmehr fixieren …)

Jedenfalls nicht mit mir, wiederholte Yvonnes Hirn das gerade eben erst Gedachte mechanisch.

Dann sah sie sich den alten Herren jedoch genauer an, der ihr soeben und so freundlich zugeprostet hatte mit seinem Achtelglas voll Rotweins. Hm. Der alte Anzug wirkte zwar einigermaßen abgetragen, doch handelte es sich ohne Zweifel um ein Gerät nach Maß. Hatte eben schon ein paar Jährchen drauf, aber Topschnitt, Topqualität und Topdesign! (Sie verstand ein wenig davon. Warum, tut nichts zur Sache.) Und, das leicht abgewetzte Tuch war vor Zeiten einmal ohne Frage für den Herren da, der es noch heute trug, nach Maß gefertigt worden.

Der Anzug musste dem Alten folglich einmal um einiges besser gepasst haben, als es jetzt der Fall war, da der ehemals mit Sicherheit sauteure Stoff sich faltig um das nunmehr magere Gestell wand. Und ihm, dem weißhaarigen Endsechziger selbst, war es vermutlich zumindest finanziell ebenfalls um einiges besser gegangen, überlegte Yvonne weiter. Zumindest ließ das sein heutiger Zustand auf ziemlich melancholische Weise immer noch erahnen.

So ändern sich die Fasson und das Design des Lebens, dachte es in Yvonne beinah poetisch.

Dann gab sie sich einen Ruck und setzte sich doch noch an den Tisch des potenziellen Gastgebers. (Von wegen Jedenfalls nicht mit mir …!)

*

Der Alte, nennen wir ihn Leander Glasmann (warum auch nicht?), war seit geraumer Zeit schon mit sich selbst dahin gehend ins Reine gekommen, dass es opportun sei, die Nacht am besten zu negieren. Ja, er hatte beschlossen, möglichst gar nicht mehr zu schlafen und zu liegen. So war er nächtens die meiste Zeit unterwegs. Und das hatte seinen Grund. Ihm war nämlich der ruhende Zustand, wie er ihn nannte, seit geraumer Zeit schon (und in zunehmendem Maß) suspekt. Er hielt seine eigene Stimmung zumindest im Liegen für pessimistischer, als sie zu sein schien, wenn er selbst auf war, wie man so sagt. Im Liegen überkamen ihn sogar leichter dunkle Stimmungen, die durchaus an Depressionen gemahnten, und er hielt sich dann für melancholischer als üblich; lediglich seine ins Satirische spielende Kritikfähigkeit litt vergleichsweise am wenigsten darunter, obschon auch sie ihm irgendwie gebremst vorkam, hatte er sich notgedrungen einmal hingelegt.

Die sogenannten alten Römer aßen und soffen zwar mit Vorliebe im Liegen“, dozierte er (wenn schon mal die Rede darauf kam) in Anspielung auf die antike Tischsitte, die wir mit accubare zu umreißen pflegen. „Sie führten allerdings beispielsweise im Stehen und im Rennen, im Reiten oder im Hüpfen ihre Kriege. Und auch die Senatssitzungen hielten sie nicht liegend ab.“

Leanders stetig wachsende Furcht (oder war es gar – Abscheu?) vor dem Zustand des Liegens, des Ruhens und letztlich natürlich auch des Schlafs korrespondierte mit seinen für ihn selbst wenig glücklichen Hörgewohnheiten. Da er nämlich in aller Regel einen Radiosender mit Klassikprogramm auf seiner digitalen Weckuhr eingestellt hatte, erwachte er quasi – je nachdem und wie es sich die verantwortlichen Programmgestalter just hatten einfallen lassen, also ihren obwaltenden Stimmungen, Vorlieben oder bloß ihrer kruden Menschenfeindlichkeit entsprechend – mit Mozart, Haydn, Webern oder Cage, mit Hummel, Millöcker, Ellington oder Zykan. Und auf diese Weise versetzten ihn Werkausschnitte der genannten Komponisten, aber auch Sachen von Ligeti, den diversen Bachs, von Händel, Liszt, Schubert und Mendelssohn, schließlich sogar von Strauß und Strauss (eigentlich von allen Sträußen – mit s, ss und ß!), letzten Endes in eine pessimistische Stimmung. Dabei vermochten ihn die Werke der haargleichen Tondichter – und dazu auch Boccherinis, Spohrs, Ziehrers, Chopins und Barbers – in die sanguinischste Laune, ja: in schieres Glücksgefühl zu befördern, wenn er saß oder ging (schritt, ja: marschierte!) oder hockte.

Gut, als nicht besonders schätzenswert empfand er zumeist die Aufstückelung in der (zweifelsfrei zumindest durchwegs hochkarätigen) Musikberieselung, wie sie auch den Tag über anhielt. Da wurden nun einmal fast immer und am laufenden Band nur einzelne Sätze, Mini-Piecen und Ausschnittchen serviert. Das hatte etwas von einem kalten Buffet an sich; Kanapees von Paganini, Minibrötchen von Menotti, Fingerfood von Helmesberger … Freilich – es handelte sich durchwegs um Preziosen, um Musik-Kulinarik gehobener Art und klangliche Haut Cousine. Nicht zuletzt sei all die Form der zerstückelten Darbietung wohl merkbar der Notwendigkeit des programmatischen Tagesablaufs geschuldet, räumte er ein, der sich nun einmal weitgehend nach Terminen wie Nachrichten-Eckpunkten, diversen Information-Verkündungs-Marterln, auch sogenannten Journalen, Interviews, Features, Talk-Runden und populärwissenschaftlichen Blabla-Sendungen zu richten hatte. Musik werde ihm, so fand er, wie in der Art eines Dauer-Pasticcio serviert, bunt- gemischt und pastetenartig, dann wieder wie ein Gulasch oder als Ragout in einer durchaus gefälligen, auf leichten Verzehr und ebensolche Verdaulichkeit ausgerichteten musikalischen Konsistenz. Von Saucen bestimmt. Halbflüssig und kauleicht. Mit Obers-Häubchen. Nur lieber nicht all zu al dente. Der nächste Schritt wäre übrigens dann wohl tatsächlich die akustische Infusion und künstlische Musik-Ernährung nach allen Regeln des Quintenzirkels …

Egal, all das erschien ihm immer noch unvergleichlich besser, als man hätte sein Trommelfell schon frühmorgens mit Techno, Heavy Metal oder Hip-Hop gereizt; oder gar mit volkstümlicher Musik oder mit Schlager-Gewäsch. Leander Glasmann graute vor solcher akustischer Zumüllung aufrichtig. Als wäre das Liegen nicht schon unangenehm genug gewesen!

So galt es für ihn endlich, da ihm der Zustand als weitgehend unerträglich erschien, einen Ausgleich herzustellen, eine Art neutraler Lage: eine Form der Lebenshocke vielleicht; wie beim Scheißen.

Yvonne verstand zwar längst nicht alles von dem, was ihr Leander Glasmann da erzählte, unterhielt sich immerhin (zumindest eine Zeit lang) einigermaßen gut dabei. Und genoss den Gratis-Wein. Also folgte sie den bizarren Thesen über die quasi unausweichliche Korrespondenz zwischen Musik und Körperhaltung einerseits, Existenz und akustischer Befindlichkeit andererseits, in kontinuierlich schwindender Intensität, bis sie irgendwann den Faden vollends verlor. Zudem sprachen die beiden dem Roten in ebenso kontinuierlicher Weise zu (hier hatten sich zwei Menschen tatsächlich zu einem Tun gefunden, nämlich zum Saufen!), was bald schon Wirkung in durchaus spürbarem Ausmaß zeitigte. Harmonie im Sitzen – bis hin zum Einen-Sitzen-Haben.

Indes hatte sich, wie schon erwähnt, der Pegel von Yvonnes Aufmerksamkeit längst merkbar gesenkt. Ja, Leander hätte ihr auch die – zugegeben, sogar für ihn selbst reichlich ominöse – Corioliskraft verständlich zu machen versuchen können, die Wirkung wäre eine ähnliche gewesen. Und auch wenn der vielseitig gebildete Glasmann daran gegangen wäre, ihr die grundlegenden Unterschiede zwischen dem sogenannten Hochzeitsmarsch (aus Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“) und dem Brautchor aus Richard Wagners Oper „Lohengrin“ aufzuzeigen, wäre sein Scheitern gleichsam programmiert gewesen.

Überdies war die junge Frau sehr rasch dessen gewahr geworden, dass Eva an diesem Tag ohnedies nicht Dienst hatte, da Absolut ihre Rotweinbestellungen abwickelte. Ihr Vorhaben, mit der wiedergefundenen Jugendfreundin zu plauschen, konnte sie also diesmal nicht verwirklichen. Und so verabschiedete sie sich alsbald (also nach drei, vier Stunden), um noch einigermaßen aufrecht von dannen zu kommen.

Was ihr auch, cum grano salis, gelang.

Leander sah ihr – er hatte, mühsam genug (sowohl motorisch, was die Münzklauberei betraf, als auch finanziell), die Zeche beglichen und war nun ebenfalls im Aufbruch begriffen – nicht unfreundlich nach; nein, nicht unfreundlich; sondern durchaus animiert. Wohlgefällig, genau.

Dann ließ er sich jedoch, leicht erschöpft, nochmals auf die Bank zurück plumpsen und bestellte erneut ein Achtel – for the road.

Weißt du, eigentlich bliebe ich am liebsten dauernd zu Hause“, sagte er (ganz so, als säße Yvonne noch am Tisch). „Und auch da optimal – am Klosett. In der Scheißhocke. Dort, wo alles seinen finalen Weg nimmt. Ja! Da möchte ich sitzen und essen und trinken. Musik anhören. Und früher, als mir das noch wichtig war, hätte ich auch das Vögeln am besten auf dem WC erledigt. Die Liebe aufs Klo verlegen, ja. Das Wasserklosett als Ort und Symbol für Wandel, Vergänglichkeit – und Wiederkehr. Vielleicht könnte man sogar generell die Zeugungen auf dem Abort absolvieren … Da wäre dann quasi alles – also Sein, Gewesen-Sein und Wieder-Werden – durchaus Orts-affin. An ein und derselbem Stelle eben. An einem Ort, der uns wohl auch nicht gerade durch die Tapete der Hoffnung verschönt erscheint, sondern eher als zweckmäßig und funktionell … Ehrlich …“

So brabbelte der schon merkbar betrunkene Leander Glasmann fast ein bisschen gebetsmühlenartig vor sich hin. Vermutlich im Glauben, die rotblonde, vollbusige noch recht junge Frau, die er eben erst getroffen hatte – wie hieß sie doch gleich? na, egal -, säße immer noch an seinem Tisch und tränke mit ihm gemeinsam vom süffigen roten Wein.

Dann nahm Glasmann alle verbliebenen Kräfte zusammen, erhob sich (sozusagen: energisch) und verließ, vom finalen Achtel jetzt doch merkbar mehr geschwächt als gestärkt, den an sich und eigentlich durchaus wirtlichen Ort.

Hieß sie nun zu Recht oder zu Unrecht Wegzehrung, die Wegzehrung?! Bot sie überhaupt Stärkung für unterwegs? Oder ging es in Wahrheit dabei auch wieder bloß um ein trügerisches Hoffen?

Wegzehrung als Auszehrung.

Ver-Zerrung. Jaja. Er kicherte leicht läppisch vor sich hin.

In der Tür wäre er fast mit Engelbert Cyriak Schmoll zusammengestoßen.

Pardon!“, sagte der ehemalige Schildermaler und grosso modo wenig effiziente CIA-Mann zum leicht schwankenden Leander.

Auch so viel …“, knurrte der ehemalige Wirtschaftsjournalist unfreundlich zwischen den dritten Zähnen hervor, während er sich durch die noch geöffnete Tür zu winden bemühte.

Dann umfing ihn der späte urbane Abend mit dem üblichen gedämpften Getöse, mit den Auspuffgasen und den Neonlichtern und mit dem schalen Geruch eines abgelebten Tages, der schon in die Nacht hinein zu stinken begann. Wie etwas zu lang abgehangenes Wildbret.

VIII

Bertl und Eva. Eva und Bertl. Eva & Bertl. E & B: Klang das nicht schon wie ein Großkaufhaus? Eine international agierende Speditionsfirma (pardon: ein globales Logistikunternehmen!)? Ein Pharmariese? Ein Mobil-Funknetzbetreiber?

Sie waren zwar rudimentär immer noch zwei einzelne Persönlichkeiten, aber weitgehend in einer Gemeinsamkeit vereint. Sie traten als Unität in Erscheinung. Und das längst nicht nur körperlich, was anhand der Häufigkeit ihres Bumsens (sie vögelten schier ohne Unterlass!) durchaus verständlich schien, sondern auch geistig. Und das ist, ob seiner Komplexität, noch gefährlicher.

Sie traten nach außen hin nur mehr selten solistisch in Erscheinung. Und auch nach innen hin schob sich das Wir sukzessive vor ihre beiden Iche.

Es verdrängte sie gleichsam; und mit ziemlicher Brutalität. Das solcherart aufgeblasene Wir ergriff immer stärker Besitz von ihnen. Ja, es überlagerte glattweg die vormaligen beiden Selbste.

(Formen, die von der offiziellen Rechtschreibung nur widerstrebend akzeptiert werden; der Duden erkennt sogar die Pluralbildung Ichs nur ungern an. Und auch vor dem „Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch“ haben die Iche und Selbste naturgemäß kaum Chancen; da reiben sich dann die betreffenden Juristen selbstgefällig die Hände und lächeln wieder einmal süffisant.)

Die beiden, von denen hier die Rede ist, Eva & Bertl, mussten erst gar nicht in die Natur hinaus fahren, wie die Familie in Erich Kästners starkfarbigem und eindrücklichem Gedicht „Im Auto über Land“, aus dem förmlich schon der Geruch von Blumen (und Benzin) strömt.

An besonders schönen Tagen

ist der Himmel sozusagen

wie aus blauem Porzellan …

Nein, ihre Tage waren ganz einfach schön … Da mussten keine Federwolken weißen, zart getuschten Zeichengleichen, … wie wir sie auf Schalen sahn. Und auch Vater konnte es unterlassen, direkt verwegen … auszurufen: „’n Wetter, glatt zum Eierlegen!“ Nein, da brauchte niemand ohne Fehler / über Hügel und durch Täler … zu chauffieren. Und Tante Paula konnte es solcherart auch gar nicht erst schlecht werden! Es entfiel zudem, ersatzlos gestrichen, die (an sich so hübsche) Anmerkung:

Den Gesang nach Kräften pflegend

und sich rhythmisch fortbewegend

strömt die Menschheit durchs Revier.

Immer rascher jagt der Wagen.

Und wir hören Vatern sagen:

Dauernd Wald, und nirgends Bier.“

Ja, doch, ein Bier zwischendurch gönnten sich die beiden Liebenden. Ab und zu.

Sie empfanden sich zu zweit als genug. Und eigentlich eben als eins. Und waren zufrieden. Nein – was reden wir da: Sie waren selig! Und schissen auf die übrige Welt.

Es gab in dieser fast verzweifelt perfekten und überschönen Art und Weise nur sie!

Es gab sie als zusammengezählte zwei Einen. Eine nicht einmal potenzielle Bruchrechnung …

Kurz: Eva und Bertl waren summa summarum nur im Doppelpack zu haben.

Tat sie Dienst in der „Schaluppe“, hockte er die allermeiste Zeit in ihrer Nähe; musste er doch einmal einer Lehrveranstaltung oder Vorlesung oder eines Seminars wegen die nahe Universität aufsuchen, so war, sozusagen, zumindest seine Seele bei ihr. Und wenn die lästigen Obliegenheiten erledigt waren, trafen die beiden einander ohnedies erneut in ihrer Kuschelecke unter der Kuscheldecke, wo sie sich alsbald erneut – metaphorisch – gegenseitig die Flöhe aus dem Pelz lausten (um hier ein besonders schräges, schier beängstigend treuherziges Bild zu verwenden).

Sie glichen siamesischen Zwillingen und hatten längst tatsächlich auch schon ein und dasselbe leicht blödsinnig-selige Lächeln um die in Permanenz hinauf gerutschten Mundwinkel.

Dabei galten sie in ihrer Umgebung sogar als das optimale Paar! Kaum jemand vermochte sich vorzustellen, was den beiden gewesenen Einzelwesen vor ein paar Wochen überhaupt die zum Existieren nötige Kraft verliehen haben konnte! Ja, waren Eva & Bertl nicht ohnedies immer schon Eva & Bertl gewesen?!

Sogar Bruno, dem verständlicherweise nunmehr bloß ein Bruchteil von Robert Bählamms Aufmerksamkeit galt, sah das Unabänderliche dieser Entwicklung in freundschaftlichem Licht. Er soff die meiste Zeit mit anderen Kumpanen und ging in Zukunft eben denen mit seinen a priori zum Scheitern verurteilten Filmprojekten auf die Nerven. Er dachte sogar daran, sich wieder einmal eine weibliche Begleitung anzulachen; nur wollte sich, zumindest auf die Schnelle, so schien es, kein einigermaßen geeignetes Opfer für die Art finden, in der sich das Fass Zweisamkeit eben so vorstellte. Die meisten Mädchen verfügten einfach nicht über soviel Zuhör-Altruismus, der sie erst – und quasi als Voraussetzung – zu potenziellen Gefährtinnen des cineastischen Monsters und seiner monologischen Sprech- wie Lebensweise tauglich gemacht hätte. Also soff Bruno das Fass vorwiegend allein, manchmal jedoch sogar mit reichlich obskuren neuerworbenen Gefährten oder mit Leuten, deren Sprache er nicht verstand und umgekehrt; und in anderen Lokalen; dies (freilich, ohne es sich einzugestehen) vermutlich, um dem augenscheinlichen Glück zwischen Eva & Bertl nicht als ein zu aufdringlicher Beobachter ständig ausgeliefert zu sein …

Und Eva und Bertl? – Nun, ihre Beziehung reifte durch Übung. Und wo langsam Abnützung und Verschleiß sich einzustellen drohten, setzten sie instinktiv zu neuen Liebesattacken an, kreierten ungewöhnliche Attitüden des Aufeinander-Abfahrens und erfanden gleich aus der Reihe fallende, ja: bizarre und schräge wie überraschende Formen gegenseitiger Liebkosungs-Überschüttung.

Es war eine schier grauenvolle Wonne anzusehen, wie sie sich mit Liebesbeweisen und beinahe schon zwanghafter Zärtlichkeit gegenseitig zumüllten. Wie diesbezüglich Kranke, wie Süchtige, wie zwei hemmungslose Zuneigungs-Messies, sozusagen.

Ohne Zweifel. Und für die beiden daran Beteiligten auch keinesfalls irgendwie besorgniserregend oder gar von Angst-einflößender Besonderheit. Aber irgendwie schon krass!

Indes – so ist eben die Liebe, nicht wahr?!

Und, wissen wir es nicht (oder ahnen es zumindest), wie es schon der (angeblich) heilige Paulus so einmalig schön in seinem 1. Brief an die Korinther beschreibt, dass nämlich, wenn nur „Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“ blieben, „am größten unter ihnen … die Liebe“ sei!

Und so einmalig war das dann eben bei den beiden. Wie nun einmal jede Liebe ist: einmalig …

*

Wenn man der Liebe (unter gewissen Umständen) ihre biblisch verbürgte Einmaligkeit zugestehen will, in anderen und auch nicht eben unbedeutenden Belangen lässt sich der Zug zum dauernden und immer rascher werdenden Wechsel indes nicht übersehen. Ohne sofort auf das große Kling-Wort Wertewandel zu verfallen, das übrigens leider auch längst zu einer eher hohl tönenden Glocke (sic!) geworden ist und meist missverständlich eingesetzt wird, darf festgehalten werden, dass sich in den vergangenen fünfzig, sechzig Jahren ein auffallender Verlust an Wahrhaftigkeit breitgemacht hat. Nicht nur in der Werbung, wie sie uns durch Druck-Medien, Internet, Rundfunk und Fernsehen ständig berieselt. Der Hang zur Unverschämtheit macht sich da durchaus bemerkbar, wie Bertl auch in den Gesprächen mit seinem Onkel Hans Schutt von diesem, dem Älteren und Erfahreneren, lebhaft bestätigt bekam. Egal, wie gesagt, ob per Print-Erzeugnis, Radio, TV oder Netz.

So erinnerte Schutt mit Freude an die ein wenig kindische Werbewirksamkeit (und im Vergleich zu späteren Kampagnen fast schon an Harmlosigkeit grenzende Plattitüde), die etwa vom Slogan Mach mal Pause! Coca Cola der frühen und mittleren 1950er Jahre ausging. „Damals und fürderhin“, pflegte der pensionierte Kulturjournalist zu sagen, „als wir noch an die gleich ein- und erleuchtenden – wie naturgemäß wohl auch simplifizierenden – Erklärungen der Welt und des Weltgeschehens durch den Bildschirm-Genius Hugo Portisch in der ,Zeit im Bild‘ geglaubt haben, zweifelten wir auch kaum daran, dass der Weiße Riese mit der Riesenwaschkraft tatsächlich weißer wasche als ein vergleichbares Waschmittel. Fünfzig Jahre später empfahl Unilever sein Deo-Duschgel AXE 2012 großspurig gleich so: Don’t leave anything to chance! If the world is ending nothing should be left undone. Make your last days happy ones with AXE 2012-final edition …

Doch für Hans Schutts Dafürhalten war ohnedies längst schon Identität an die Stelle von Ähnlichkeit getreten, ging es um die Auslaufmodelle Welt, Menschheit, Coca Cola und Duschgel. Es war daher in der Tat egal, ob man eine fragwürdige Philosophie oder eine entsprechend marode Lebensweisheit mit der Beendigung eines uralten Maya-Kalenders oder der Geruchsnote des modisch wirkenden Körperwaschmittels zu untermauern versuchte …

Macht mal Pause für die Ewigkeit!“, riet Onkel Hans nicht ohne Sarkasmus.

Fortsetzung folgt!

IX

Leander Glasmann sah sich selbst mitunter (und wenn er just das rechte Maß an Alkohol zu sich genommen hatte) gern in der Rolle eines neuzeitlichen, aufklärerischen Philosophen. Oder eines Alchemisten. Vielleicht auch eines Künstlers. Oder einer Mixtur aus all diesen Elementen … Ja, er wäre zum Beispiel recht gern in die Rolle des legendären Grafen von Saint-Germain geschlüpft, um wie dieser an den diversen europäischen Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts, in London oder in Paris oder St. Petersburg sein (Un-)Wesen zu treiben – je nachdem: als bestaunter Alchemist, geachteter Stofffärber, verabscheuter Scharlatan und ingeniöser Künstler, von Mythen umrankt und ein bisschen gaga, populär und unnahbar zugleich …

Doch sein eigener Lebensweg war die meiste Zeit eher prosaischer verlaufen. Glasmann war als Wirtschaftsjournalist nach außen hin zwar durchaus Realist gewesen (und geblieben); im Innersten freilich hatte da stets ein quasi romantisches Feuer geflackert. Und er hatte sich nicht selten in anderen, durchaus pittoresken Sujets gesehen; die ihm zudem mehr behagt hätten. Als so etwas wie einen Freiheitskämpfer etwa; einen Robin Hood vielleicht oder gar einen Garibaldi. Zugegeben, insgesamt alles nicht unbedingt mit seiner Profession als ordentlicher Wirtschaftsjournalist (und als solcher wohl zu gewissem Grad auch geduldiger Knecht der Interessenvereinigungen sowie treuer Büttel der diversen Kammern und Lobbys) kompatible Wunschvorstellungen!

Ohne gleich in Tagträume zu verfallen, transferierte Leander sich immerhin zwischendurch (und beflügelt durch den Genuss einiger guter Flaschen teuren Rotweins oder alten Cognacs) in angenehmere Gefilde, als sie ihm die Realitäten der Wirtschaft, der Zahlen, der Börsenberichte und des sukzessive dauernd penetranter und aufdringlicher werdenden Kapitalismus suggerierten. Sein Befinden litt schon merkbar, hatte er nicht genug Alkoholisches in Reichweite, und seine psychosomatische Verfassung signalisierte längst eine Warnung nach der anderen.

Nein. Sollte sie es jemals getan haben, nunmehr befriedigte ihn seine Profession längst nicht mehr. Indes: Sich vom einmal gewählten Beruf, in dem er überdies nach außen hin durchaus erfolgreich zu sein schien, endgültig (und somit auch wieder nach außen hin sichtbar!) abzuwenden, kam ihm alles andere als leicht an. Zu lange hatte er die Vorteile seiner Position ausgekostet. Und auch ohne ausgesprochen korrupt zu sein, war immerhin die eine oder andere Bonität abgefallen und von ihm auch nicht ungern akzeptiert worden. (Und einmal ehrlich: Wer wollte es dem Ochsen wohl auch verübeln, zu saufen, so lange er da so bequem vor dem Brunnentrog stand?!)

Seine gesundheitlichen Probleme nahmen allerdings stetig zu.

Seine Lebensqualität verringerte sich beinahe proportional dazu. Und dies, obwohl seine finanzielle Situation weiterhin rein gar nichts zu wünschen übrig ließ. Wirklich nicht. Im Gegenteil, die Quellen sprudelten. Und auch so manches skriptorale Nebengeschäft galt es zu absolvieren – zu gutem Preis, versteht sich. Seine Auftraggeber hatten es ja.

Es ging Leander Glasmann, nach außen hin, durchaus gut.

Er war weiterhin der eloquente Aufputz so mancher hochkarätigen Journalistenrunde. Und auch seine Gastkommentare in anderen Medien, also außerhalb des „Wirtschaftskuriers“, kamen blendend an. Man konnte sich auf ihn zudem verlassen. Denn irgendwie schaffte es der gewiefte Experte, auch trotz Schlafmangels und Dauersuffs immer noch, seine Leistung auf erstaunlich hohem Niveau zu erbringen und zu halten. Des öfteren setzte er, mit nicht geringen ironischen und satirischen Fähigkeiten gesegnet, seine Glanzpunkte. Und er ließ dabei andere Kollegen buchstäblich weit hinter sich, ging es um Eleganz in den Formulierungen, Treffsicherheit in den Prognosen oder grundsätzlich um akkurate journalistische Einschätzung. So genossen nicht nur ausgesprochene Wirtschafts-Freaks seine Glossen, sondern auch andere, an guter Schreibe interessierte Leser nahmen die Elaborate gern zur Hand. (Noch dazu in einer Zeit, da gute Stilisten immer rarer zu werden begannen …)

Doch gesundheitlich ging es eines Tages schlicht und ergreifend nicht mehr. Und so sah sich Leander Glasmann veranlasst, mit Mitte Fünfzig und als sein Alkoholismus schon – zumindest für ihn selbst – beängstigende Form anzunehmen begonnen hatte, seinen gleichsam gewaltsamen Abgang von der Bühne des inzwischen in höchstem Grad ungeliebten, ja: belastenden Brotberufs zu inszenieren. Dabei kamen ihm zwei Dinge durchaus zupass: einerseits die schwelende Feindschaft, die ihn mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten gleichsam (so kontradiktorisch das klingen mag:) verband, nämlich mit dem wenig profilierten Chefredakteur seines Blattes, einem journalistischen Kleinkaliber namens Theobald M. Kurtz; zum anderen der fehlende Rückhalt, den er beim ebenfalls laschen Herausgeber des „Wirtschaftskuriers“ spürte. Denn auch Kommerzialrat Egon Braunschweiger, ein nicht eben von Geist sprühender ehemaliger inferiorer Exponent der Werkzeug-Industrie, war ihm keineswegs eine Stütze, in welcher Hinsicht auch immer. (Außerdem empfand Glasmann sowohl Kurtz als auch Braunschweiger gegenüber längst schon so etwas wie körperliche Abneigung. Sie galten ihm als schlitzohrige Banausen. Das war’s auch schon.)

Also arrangierte Glasmann einen mittleren Eklat, der seinen Abgang – immerhin auf einigermaßen elegante Art! – mehr oder weniger unumgänglich erscheinen ließ; und ihn, auch daran hatte er nämlich schon gedacht, von der Notwendigkeit entband, seinem Chef mittels gezielter Verbalinjurien (oder sogar in Form von körperlicher Gewalt) nahezutreten und so der Geschäftsführung seine Eliminierung als unausweichlich nahezulegen. Kurz: Leander Glasmann lancierte über Wochen geschickt Gerüchte, die alle einen kurz bevorstehenden elementaren Kurseinbruch bei Katzenstreu signalisierten. So verunsicherte er die Leser, die Anzeigenkunden und, was naturgemäß am schwersten wog, auch die in Aktien förmlich schwimmenden Anleger in diesem wichtigen Segment des überaus florierenden Zweigs der Tiernahrungs- und Accessoires-Herstellung, in dem es global längst um Milliarden Euro-Summen ging, auf hinterhältigste Weise!

Der Coup wurde denn auch alsbald ruchbar. Chefredakteur Kurtz machte einmal seinem Namen alle Ehre und nahm kurzentschlossen den teuren Hut (plus horrender Abfertigung), und auch der unbrauchbare Kommerzialrat Braunschweiger gelangte in den wenig verdienten Vorruhestand. Leander Glasmann aber wurde frank und frei zum Buhmann der Zunft erklärt. Und das war es schließlich auch, was er angestrebt hatte. Er wurde mit Bomben und Granaten gefeuert. Der Häme war kein Ende, und die liebe Kollegenschaft wand sich vor Lachen auf dem Redaktions-Boden.

Doch bald krähte kein Hahn mehr nach ihm – besser: keine Katze miaute ihm ein Gute-Nacht-Lied hinterher … (Katzenstreu hin oder her! Charivari …)

Gut. Seine finanzielle Situation hatte sich mit einem Schlag gewaltig verschlechtert, denn die Pension, die er sich nunmehr erwarten durfte, fiel eher mager aus.

Doch seinem Magen ging es wieder erstaunlich gut.

Und seine sauteuren Maßanzüge sollten für eine Zeit – eine Lebenszeit, sozusagen – vorhalten.

So hatte er sich das immerhin ausgemalt.

Als Journalist war Glasmann übrigens ein Kollege von Bertls Onkel Hans Schutt gewesen, und wenn die beiden auch nie für das selbe Blatt gearbeitet hatten, kannten sie einander doch recht gut. Die zwei Ironiker hegten durchaus beiderseitig Sympathien für den jeweils anderen; was in dieser Profession übrigens, wie man weiß, nicht selbstverständlich ist.

Hätten sie sich jetzt nicht um einen Tag in der „Schaluppe“ verfehlt, so wäre hier und jetzt vielleicht von einem feuchtfröhlichen Wiedersehen zu erzählen gewesen. (Dann hätte vermutlich Hans Schutt die Zeche beglichen; wir hätten allerdings womöglich Yvonne nicht zu Gesicht bekommen, die rotblonde Endzwanzigerin mit den grünblauen Augen, den durchaus ansprechenden weiblichen Formen und der ausgesprochenen Neigung zu gutem Rotwein.)

Leander Glasmann hatte kürzlich erst vom ziemlich ominösen Tod eines weiteren Bekannten erfahren, nämlich vom höchst eigenartigen Ableben des Dr. Georg Anatol Atlas. Und – hier schließt sich zumindest ein Kreis – Atlas, eigentlich pensionierter Beamter an der hiesigen Pfandleihanstalt, unbestrittener Kunstexperte und besonders als renommierter Vasen-Fachmann sozusagen eine Koryphäe, war angeblich durch Jahre als Hobby-Alchemist tätig gewesen.

Und noch etwas: Wie Glasmann war auch Atlas zeitlebens unverheiratet geblieben. Zwar – sogar darin unterschieden sich die Lebensläufe der beiden ziemlich gleich alten Herren kaum – hatte er immer wieder (und meist kostspielige) Beziehungen unterhalten, doch traf ihn der Tod letzten Endes als Hagestolz an.

Da hatte Glasmann wieder einmal an die picksüß-sentimentale Sache mit dem hellen Kinderlachen, das ans Greisenohr dringt, und mit den großen runden Kinderkulleraugen und den kleinen ungeschickten Babyhändchen denken müssen. Auch daran, ob er tatsächlich richtig damit getan hatte, ledig zu bleiben all die Jahre und sich nicht zu reproduzieren … Naja.

Also, Leander Glasmann strahlte zwar rein gar nichts vom eigenartigen Glamour eines Alessandro di Cagliostro oder eines Grafen von Saint-Germain aus; umso stärker jedoch hatte er sich ein Leben lang zu diesen Typen hingezogen gefühlt. Besonders der schillernde Saint-Germain hatte es Glasmann angetan! Saint-Germain, von dem die Mär ging, er sei, mehr oder minder, unsterblich (gewesen …) und habe sogar schon als Ehrengast einem Abendessen an der Tafel des damaligen römischen Statthalters in Judäa, des prominenten Pontius Pilatus beigewohnt. Ja, ja, genau: zur Zeit des peinlichen Prozesses um den angeblichen Aufwiegler Jesus von Nazareth. Donnerwetter!

Immerhin war der legendäre Alchemist und Lebenskünstler Saint-Germain in den verschiedensten Rollen in Erscheinung getreten: als hochbegabter Sänger, Geiger und Komponist in London; dann als gewiefter Chemiker und Stofffärber in diversen deutschen Fürstentümern; als Diplomat und verhinderter Friedensvermittler im Dienste (oder zumindest mit Duldung) der langjährigen Haupt-Meträsse König Ludwigs XV., Madame de Pompadour; als Experte für Juwelen und Kenner verschiedener Lebenselixiere et cetera. Das alles unter vielen Namen und als Angehöriger mannigfaltiger Nationalitäten … Mal als Spross des siebenbürgischen Fürstengeschlechts der Rákoczy; dann wieder als Chevalier Welldone; als Marquis de Montferrat; Graf Tzarogy oder Conte de Belmar; mal als Chevalier Schöning oder als Offizier Soltikow …

Dabei spielte es nun wirklich kaum mehr eine Rolle, ob der vielseitige Scharlatan den Namen, unter dem er meist agierte und operierte und unter dem er letztlich in die Geschichte eingehen sollte, bloß von seinem Geburtsort, dem piemontesischen Städtchen San Germano, entlehnt hatte, oder nicht. Fest steht, dass es dem überaus geschickten Saint-Germain gelang, höchste Hofkreise in London und Paris, eine Hand voll deutscher Fürsten und sogar den bevollmächtigten Minister in den österreichischen Niederlanden, Graf Karl von Cobenzl, sowie etliche europäische Bankiers mindestens um erkleckliche Summen und nicht selten um ihre Reputation zu bringen. Und wenn auch ein paar klügere Köpfe, so der nüchterne Preußenkönig Friedrich II. oder Maria Theresias misstrauischer Kanzler, Wenzel Anton Graf Kaunitz, nicht auf den smarten Hochstapler hineinfielen – die Gesellschaft (oder was sich dafür hielt) in ganz Europa schien sukzessive dem Charme, dem Charisma und der enormen Ausstrahlung dieses Mannes erlegen zu sein. Alle schmolzen dahin!

Gewiss, das Ende ist wenig glamourös; abgehalftert, krank, alt (von wegen unsterblich!) und auf die – immerhin gern und großzügig gewährte – Unterstützung seines letzten Förderers, des Prinzen Karl von Hessen-Kassel, angewiesen, stirbt der so vielseitig begabte Magier anno 1784 im schleswig-holsteinischen Eckernförde an der Ostsee, wo ihm sein Dienstherr eine Tuchfärberei eingerichtet hatte. Der bis zum Schluss von Saint-Germains überragenden Fähigkeiten überzeugte Gönner hat sich von seiner Residenz in Gottorf aus familiären Gründen (um in Erbschafts-Angelegenheiten zu sondieren) nach Kassel und Hanau begeben müssen und kann nach seiner Rückkehr lediglich noch die Begräbniskosten für den Freund und Lehrmeister begleichen, die in der St. Nikolai-Kirche angefallen sind, in der die Beisetzung in aller Stille schon vor sich gegangen ist. R. I. P.

X

Es grenzte an alles Mögliche, nur nicht an ein Wunder, dass sich Leander Glasmann und Yvonne einige Tage später erneut in der „Schaluppe“ über den Weg liefen. (Das Bild vom Über-den-Weg-Laufen ist, zugegeben, reichlich schief. Einerseits ist die „Schaluppe“ nicht groß genug, als dass man darin herumlaufen könnte; zum anderen haben es Wirtshäuser nun einmal an sich, dass Leute in ihnen beinahe zwangsläufig auf einander treffen. Doch was soll’s.)

Ja, zugegeben, sie hatte ihn beeindruckt, diese Yvonne. Ihren Blick aus grün-braunen, mitunter ins Blau-Graue changierenden Augen zeichnete etwas aus, was er bisher ansonsten nur an Hochschwangeren wahrgenommen hatte (und das ihm, nahm er es wahr, fast ein wenig Furcht einflößte): eine Form von Stolz, ja: von Selbstsicherheit, die schon eindeutig in Arroganz hinüber spielte. (Doch Yvonne, das kann ich Ihnen hier versichern, war nicht schwanger. Und sie würde es, zumindest in dieser Geschichte auch nicht werden.)

Glasmann war auf alle Fälle fasziniert von der herb-hübschen Frau im dunkelgrünen Kostüm.

Yvonne setzte sich diesmal ohne zu zögern an Leanders Tisch, und der alte Zausel eröffnete das Gespräch grinsend mit der Bemerkung: „Kein Meister ohne Margarita …“ Doch da die junge Frau weder den russischen Schriftsteller Michail Bulgakow noch seinen Roman „Meister und Margarita“ kannte, zündete die Pointe bei ihr, die ja nicht einmal Margarita hieß, schlicht und ergreifend nicht. Außerdem verfügte Yvonne – trotz allen diversen anderen Begabungen – kaum über spezielle Kenntnisse in der Herstellung von Cocktails. Und auch den Trinkgenuss einer Margarita, die in der „Schaluppe“ notabene gar nicht zubereitet worden wäre, hätte sie vermutlich eher abgelehnt. Sie war nun einmal von Kopf bis Fuß auf Rotwein eingestellt. Daher lauschte sie den peniblen Ausführungen ihres Tischnachbarn bezüglich des Tequila-Cointreau-Mixgetränks nur peripher interessiert. (Das wäre indes auch der Fall gewesen, hätte ihr der gewesene Charmeur eine Vorlesung über die Entstehungsgeschichte von Manhattan [übrigens: einer Erfindung von Winston Churchills US-amerikanischer Mutter, Jennie Jerome, Lady Randolph Churchill, aus dem Jahr 1874], Bloody Mary oder Pina Colada gehalten. Yvonne mochte Mischgetränke nun einmal nicht.)

Sie gedachte diesmal auch, nicht allzu lang dem Geschwafel des (nehmt alles nur in allem: ja doch ziemlich) heruntergekommenen Maßanzugträgers Leander Glasmann zu lauschen. Denn sie hatte Eva schon beim Entern des Lokals erspäht und mit ihr einen Gruß auf Entfernung ausgetauscht. Und da sich die junge Servierkraft nunmehr dem Tisch näherte, war das Gespräch mit dem alten Rotweintrinker ohnedies mit einem Ablaufdatum versehen.

Die beiden Frauen begrüßten einander mit Küsschen und Umarmung, und der mehr als bloß angegraute und faltige Galan mit den goldenen Brillengläsern hatte Mühe, angesichts solcher Vertrautheit überhaupt mit seiner Bestellung durchzukommen. Gnädig ließ sich Yvonne immerhin – galt es doch noch gut eine Stunde von Evas Dienst hinter sich zu bringen – auf einen Roten einladen. Und so bestellte Leander eben einen halben Liter Zweigelt. Fürs Erste. Ja, doch.

Immerhin war er mit dem Hintergedanken in die „Schaluppe“ gekommen, irgendeinem Menschen – am besten, käme auch sie, natürlich Yvonne! – seine Gedanken über den Verlust des Charmes im Leben und andere wertvolle Erkenntnisse mitzuteilen. Denn Leander Glasmann war davon überzeugt, dass sich die Qualität des Daseins empfindlich vermindert hätte (und sukzessive weiterhin vermindere) allein schon dadurch, dass es in zunehmendem Maß der Kindheit an Frohsinn, der Jugend an Aufgeschlossenheit und dem Alter an Würde gebrach. Ja, und dem nicht unerheblichen Lebensteil zwischen Jugend und Alter – an élégance. (Er bestand, auch wenn er es nur dachte oder aussprach, also gar nicht erst schriftlich niederlegte, auf dieser Schreibung! Nein, nicht Eleganz, sondern eben élégance … Das beinhaltete für ihn nämlich beauté, distinction, délicatesse – und noch mehr, noch viel mehr; Lebensart, Lebenslust, Distinktion …)

Doch so, wie nun einmal üblich, so gedankenlos meist und hohlhirnig, blieben den Kindern bloß die Dummheit und ein durchwegs blödes Verhalten, den Jungen die Oberflächlichkeit, die vielleicht gerade noch (und mit Nachsicht aller Taxen) die Mutation hin zu sinnleerer Arroganz schaffte, und den Alten höchstens ihre Molesten; läppischer Gesprächsstoff und echte Belastung, je nach dem. Dem Mittelalter war der stumpfsinnige Kampf um die sogenannte Existenz, in Wahrheit: um tagtägliche Anerkennung, erreicht durch diverse Verrenkungen und Biegungen sowohl des Charakters als auch der Seele, vorbehalten … Das waren sie, die Aussichten, in Wahrheit!

Dann, der hübschen Frau wieder ansichtig geworden, entschied er er sich indes für die andere Gesprächsvariante und breitete also lieber seine beiden Verschwörungstheorien, die ihm sozusagen noch unerhörter am alten Herzen lagen, vor Yvonne aus. Und kurioser Weise: Wie viele nicht besonders gescheite Menschen war auch die junge Rotblonde äußerst empfänglich für Kabalen und dunkle Botschaften, für Okkultes, leicht Übernatürliches und diverse (meist unbeweisbare) Bizarritäten und obskure Ränke … Leander hatte also sein Publikum. Sein reizendes Publikum.

Und er war durchaus und mit Leidenschaft bei der Sache – ja, in seinem Element.

Glasmanns weitschweifige Hirngespinste (deren reale Unter- und Hintergründe sich indes nur allzu bald und blutigst als ernst erweisen sollten) suchten ihren Ursprung – wie könnte es wohl auch anders sein? genau – im Schoß der heiligsten Mutter Kirche. In diesem Fall war es Stift Emendat, ein altehrwürdiges Zisterzienserkloster und somit quasi eine Filiale der ecclesia sanctissima in einem Cruxstätten nahe gelegenen kleinen Ort. Und dort wiederum – wie könnte es wohl auch anders sein? genau – in der aufs Reichste bestückten Stiftsbibliothek.

Deren langjähriger Vorsteher und Pater Bibliothekar war, bis zu seinem tragischen Tod vor circa einem Jahr, ein gewisser Randolph gewesen. Dieser wiederum, ein ganz außergewöhnlicher Ordensmann, exquisiter Büchernarr und extraordinärer Weinkenner, gehörte durch Jahrzehnte als Freund – sozusagen: echter – intimus des Leander Glasmann (übrigens: noch aus Kindertagen) zum quasi innersten Bekanntenkreis des überaus firmen Wirtschaftsjournalisten, späteren Empfängers einer schmalen Invaliditätsrente und Trägers vormals überaus ansprechender Maßanzüge.

Pater Randolph war, tragisch genug, in der Tat an seine geliebten Bücher verloren gegangen: Er kam nämlich anlässlich eines katastrophalen Wassereinbruchs zu Tode. Eines Unglücks somit, dem auch größte Teile der unschätzbaren Bibliothek zum Opfer fielen. Und der heldenmütige Pater Bibliothekar hatte bis zuletzt vergeblich versucht, das Wertvollste vom Wertvollen zu retten, was an unwiederbringlichen Inkunabeln, uralten Pergamenten, fast schon vergilbten Papyri und unitären frühen Drucken durch all die Jahrhunderte hier gelagert worden war. Ein Märtyrer des Wissens, der Gelehrsamkeit und der puren Lust an der Schönheit wider die blind wütende Naturgewalt – und wohl auch wider die menschliche Unzulänglichkeit und Arroganz.

Immerhin hatte er immer wieder und schier unermüdlich gewarnt vor der jährlich wiederkehrenden Gefahr einer Überflutung des Bibliotheksbereichs durch den nahe gelegenen ehemaligen Mühlbach, der in verderbenbringendem Rhythmus (auch die Kloster-Chronik vermerkte dies!) und sogar schon bei eher geringem Hochwasser, etwa im Zuge der Schneeschmelze im Frühjahr nach einem etwas intensiveren Winter mit entsprechendem Schneefall, nur allzu leicht zu einem jegliche Absperrung sprengenden reißenden Strom zu werden drohte. Alles vernichtend mit unbändiger Wuscht.

Aber seine Cassandra-Rufe waren ungehört verhallt; ja, sogar kühle merkantile Überlegungen schlugen der Bangigkeit des Randolphschen Herzens in Form von Spott und Hohn entgegen. Und nicht zuletzt der Umstand, dass die Bestände der Bibliothek ohnedies hoch versichert seien, wurde fast unverhohlen hämisch von der Leitung des durchaus florierenden Stifts ins Treffen geführt, ließ der unermüdliche Mahner wieder einmal seine Stimme pro domo laut werden.

Kein Wunder, dass sich der sensible Pater Bibliothekar, schließlich resignierend, immer mehr seinem zweiten Lieblingsgebiet zuwandte, nämlich dem Wein – in der Theorie und (vor allem) im praktischen Genuss. Hier, in maßloser Hingabe, in Kenner- wie Genießerschaft, gingen er und seine darob einigermaßen fett gewordene Mönchs-Leber die letzten Jahre sozusagen völlig auf.

Für sein finales Hinweggerafft-Werden hätte es des gräulichen Hochwassers, das die Buchbestände aufs Ärgste dezimierte, folglich eigentlich gar nicht bedurft; um sein Dasein als zweiter (und weit weniger erfolgreicher) Cato zu krönen, passte es indes ganz gut ins Bild: Die Klosterleitung hatte auf sein Ceterum Censeo nichts gegeben – nun hatte sie es. Punkt um.

*

Mit dem eifrigen bibliothecarius, wie Leander Glasmann den Freund gern titulierte, aufs Engste verbunden waren nun jedoch auch die beiden in Rede stehenden Verschwörungstheorien, „Aorta“ und „Pürzel“. Und auch zu Stift Emendat bestand eine starke Affintät.

Nun, hier, im Namen des Klosters, Emendat, liegt wohl auch ein gewichtiger Teil des Anstoßes zu Leanders Verschwörungstheorien. Verfolgt man nämlich die Herleitung dieses Worts, Emendat, aus dem Lateinischen, so kommt man zum Begriff rein. Emendat(-us 3) ist nämlich das Perfekt-Partizip des Verbums emendo 1. und bedeutet unter anderem fehlerfrei, korrekt; auch tadellos, also, im übertragenen Wortsinn: rein. (Das verwandte Zeitwort ementior 4, ein Deponens, steht sinnigerweise für lügen, erdichten.)

Der geübte (Wort-)Spieler – der er ohne Zweifel war – fand von rein ziemlich rasch zu rien; und von da zu dem speziell aus den weiten Bereichen des Glücksspiels, zumal denen des Roulettes, bekannten Ausdruck Rien ne va plus war es dann nur mehr ein Schritt!

Dann war Glasmann freilich nicht mehr zu halten.

Also: Rein – rien ne va plus – rein – ne va – Newa! Bingo! Und – plus oder mehr …!

Grigorij Jefimowitsch Nowych, genannt Rasputin, der faszinierende, wie es hieß: wundertätige russische Mönch und Günstling des letzten Zarenpaares! Rasputin, der vorgab, den an der Bluterkrankheit leidenden kleinen Zarewitsch heilen zu wollen … Und den ein paar adelige Offiziere zu ermorden planen, anno 1916 … Das makabre Spiel im Morgengrauen endet in der zugefrorenen Newa, in die seine Mörder den (angeblich) gleich schändlichen wie charismatischen Kraftlackel final stoßen! Waren doch zuvor alle Versuche gescheitert, das überaus zählebige und anscheinend unverwundbare menschliche Monster, diesen gegen Gift und Co. resistenten Naturburschen und riesenhaften Kerl mit den übermenschlichen Kräften, irgendwie zu killen – durch Tritte und Pistolenkugeln. Dann schwimmt der (halbtote) Rasputin noch mit im Todeskampf aufgerissenen Augen unter der Eisdecke der Newa und starrt auf seine Peiniger! Furchtbar!

Newa: Sankt Petersburgs Aorta! Die Lebensader. Die Newa ist die Lebensader Sankt Petersburgs, wie es die Lurach im Fall von Cruxstätten ist! Aorta! Daher auch dieser Name für die erste der beiden Verschwörungstheorien, wie sie eines der geheimen Papiere aus Stift Emendat enthält und dem Eingeweihten (freilich: nur dem Eingeweihten …) offenbart!

Die Bezeichnung der zweiten Theorie lautet schlicht Pürzel und stammt aus der selben papierenen (oder pergamentenen?) Quelle – „glaub mir, Yvonne! Das stimmt! Ich habe das von meinem leider verstorbenen Freund Pater Randolph, dem Bibliothekar!“

Warum ausgerechnet Pürzel: Da spielt jetzt kurioserweise der deutsche Dichter Jean Paul, ein eigentümlicher Gourmet und leicht obskur-bizarrer Genießer, hinein …, Jean Paul (eigentlich Johann Paul Friedrich Richter), mit seiner skurrilen Vorliebe für den Hühnersteiß – gebacken, gebraten, wie auch immer. Jean Paul, der absonderliche Romancier und Theoretiker des Humors, der es nun einmal mit dieser eigenwilligen Delikatesse hatte, die jeglichen Genuss sozusagen von hinten aufzäumt. Fresslust a tergo, im übertragenen Sinn – und in übertragener Sinnlichkeit. Pürzel, o du meine Wonne! Bestes Stück vom gebratenen (oder gebackenen) Federvieh! O Pürzel!

Und, stell dir vor, im Grund ist der Pürzel bloß der Arsch! Nichts weiter!“, sagte Leander an Yvonne gewandt, die jedoch geistig schon längst ziemlich abwesend war und ein bisschen krampfhaft, zugegeben, nach Eva Ausschau hielt. „Der Arsch, ergo: Cruxstätten!“

Yvonne, ich bin so weit“, erlöste Eva ihre Freundin, in dem sie, nun in Zivil, zum Tisch trat.

Ja, dann also danke, Leander“, wandte die Angesprochene sich dem alten Wirtschaftsjournalisten und Plauderer zu. „Danke für den famosen Wein! Und bis bald wieder einmal!“

Leander beeilte sich aufzustehen und küsste der jungen Frau in charmanter Andeutung die Hand, ganz Kavalier der alten Schule. Dann, als die beiden Frauen kudernd und kichernd davongestoben waren wie die Hühner, ließ er sich ermattet wieder auf die Bank sinken.

Ein Viertel, bitte! Zweigelt!“, bestellte er bei Absolut, der eben vorbeihuschte.

Da saß Leander also mit seinen zwei angefangenen Verschwörungstheorien. Und seinem Rotwein.

Naja. Besser als gar nichts, dachte er.

Fortsetzung folgt!

XI

Man konnte zu deftiger Kost stehen, wie man wollte, die Krautrouladen der Küchengehilfin Gertrude Haberfellner nach Omas Art in der „Schaluppe“ waren einfach perfekt. Die Säure des dazu herangezogenen Krauts, das Mischungsverhältnis des zur Füllung dienenden Faschierten von Rind und Schwein sowie der optimale Gar-Grad, den der Langkornreis erreicht haben musste – alles das stimmte aufs beste, wenn Frau Gertrude ans Zelebrieren der Krautrollen ging. Wenn es dabei überhaupt ein Geheimnis geben sollte, dann war es wohl dieses: Sie liebte ihre (eigentlich: ihrer Großmutter) Kreation auch selbst über die Maßen. Und je öfter sie diese Götterspeise zubereitete, umso mehr Gold fiel – im übertragenen Sinn – auf die geniale Köchin zurück.

Man muss indes wissen, auch Frau Gertrudes geröstete Schweinsleber, ihre Faschierten Leibchen, das Gabackene (wiederum Leber, dann Huhn oder Wiener-Schnitzel, wahlweise mit Kalb-, Schwein- oder Putenfleisch), auch ihr Beuschel, ihr Altsteirisches Wurzelfleisch, aber auch ihre grenzgenialen Salate, die Kalten Platten und last but not least ihre superben Mehlspeisen und Torten wiesen die Mittfünfzigerin als überaus gewiefte Meisterköchin aus. Dabei hatte sie es als junges Mädchen bloß ein halbes Jahr lang in einer halbwegs renommierten Hotelfachschule ausgehalten, bevor sie ihr Küchenglück als Freelancerin zu machen sich anschickte. Mit vollem Erfolg.

Der Gerechtigkeit halber muss angemerkt werden, dass ein – bei aller Gemütlichkeit – doch ziemlich inferiores Lokal wie die „Schaluppe“ eigentlich nicht der adäquate Ort für Frau Gertrudes kulinarisches Schalten und Walten war. Ihr küchentechnischer Auftritt wirkte da durchaus overdressed. Aber da sie als Cousine (recte: Base vom Land) des ehemaligen Besitzers, eines gewissen Ludwig Schönhaupt, schon durch ein paar Jahrzehnte hier gewirkt hatte, war sie quasi mit übernommen worden; wie das schon reichlich abgewetzte Mobiliar, die merkbar angejahrte Theke und die ebenfalls unübersehbar abgenutzte Gerätschaft ihres unmittelbaren Reiches, der Küche.

Doch Frau Gertrude wog diese unleugbaren Schwächen allesamt auf. Und wenn sich auch, zugegeben, viele der Gäste weniger der exquisiten Speisen, sondern mehr des Saufens wegen hierorts einfanden, ihr genügte es, zu wissen, wozu sie in der Lage war und was sie konnte.

Kam freilich jemand und zeigte tieferes Verständnis für ihre Kunst, so blühte die Fachfrau der Essensgenüsse förmlich auf im Schweiß ihres rundlichen Angesichts und im Hitzeschwall des Schauplatzes ihrer kulinarischen Taten, der von Fettspritzern (zugegeben: auch von allerlei Miasmen organischen wie anorganischen Ursprungs) und von Ölgischt geprägten Küche. Ihres Reiches also, wo sich tagtäglich die überbordenden Talente Frau Gertrudes in der Herstellung der wohlschmeckendsten Kreationen auf den Gebieten des Salzigen und Aromatischen, des Süßen, Herben und Säuerlichen entfalteten; wo ihr Genie auf dem weiten Terrain des delikat Fleischlichen, superb Fischigen und des appetitlich Gemüsigen aufloderte; wo sie rundweg Erstaunliches in den Gefilden der nicht minder originellen Beilagen oder überzeugende Beispiele delikater Nudelgerichte, spannende Aufläufe und erstaunliche Suppenvariationen sowie eine wahre Vielfalt aus der überreich bestückten, hauptsächlich auf gestandener altösterreichischer Tradition basierenden Mehlspeisen-Palette wie mit Leichtigkeit zu zaubern vermochte …

Dann wusste Frau Gertrude, wofür ihr das Schicksal just den Platz zugewiesen hatte, den sie nun einmal in mehrfacher Hinsicht unübersehbar einnahm und ausfüllte.

Ja, Frau Haberfellner war eine gewichtige Magierin im Reich der kulinarischen Köstlichkeiten.

Sie verstand es – im ausgewogenen Umgang mit den Elementen und Materialien des Wohlgeschmacks – aufs Beste, Dinge erscheinen zu lassen, verschwinden zu machen oder zu verwandeln. Und was wollte man mehr verlangen von der Kunst einer wahren Zauberin?! (Um hier Werner Schneyders treffende Definition der raren Fertigkeit aufzugreifen, die er in seiner eleganten Prosa „Von Zauberern lernen“ verrät.)

Hans Schutt war einer der wenigen um gutes Essen wissenden Bewunderer von Frau Haberfellners gastronomischer Könnerschaft. Und nicht nur einmal holte er zu wahren Lobeshymnen aus, ging es etwa darum, ihre meisterlich geröstete Leber zu honorieren oder der von ihr dann und wann unter großem Einsatz zubereiteten (schier Geheimnis-umwoben gefüllten) Spezialhenne zu huldigen! Oder gar ihren Palatschinken nach Erdödi-Art – einer Variante der wesentlich bekannteren, nach ihrem Erfinder, dem ungarischen Koch Károly Gundel benannten Gundel palacsinta (mit ihrer wohlschmeckenden Nuss-Rum-Füllung) – gehörig Tribut zu zollen!

Schutt war ein ehrlicher Verehrer von Frau Gertrudes Küchenkünsten, und auch der Köchin schmeichelte das ihr übermittelte Lob aus des Kenners Mund allemal.

*

Die Lust des ehemaligen Kulturjournalisten Schutt an gutem Essen speiste (sic!) sich nicht zuletzt aus seiner früher recht deutlich ausgeprägten Reiselust. Besonders Dienstreisen hatten es dem weitgehend gestrengen, aber gerechten Rezensenten über viele Jahre beruflichen Tuns angetan. Und das nicht nur, weil sie gratis waren, sondern auch, weil sie gratis waren. Soll heißen, dass Hans auch bei privaten Urlauben auf einen gewissen Komfort (nicht zuletzt im Bereich der Feinschmeckerei) achtete und dafür auch gern bereit war, entsprechend viel Geld auszugeben. Aber Dienstreisen boten den nicht zu unterschätzenden Vorteil einer meist optimalen Unterbringung, eines zuvorkommenden Services und insgesamt des sinnvollen Verhältnisses zwischen Arbeit und Freizeit. Solcherart hatte er nicht nur viele Metropolen – von London, Moskau, Paris, Athen, Istanbul, Lissabon und New York bis Berlin, Hamburg, Prag, Budapest, St. Petersburg, Rom und Havanna – kennen (und schätzen) gelernt; auch diverse Gourmet-Hochburgen, Geschmacks-Tempel sowie überhaupt viele vorzügliche Fress-Lokationen (und oft zunächst obskur wirkende Örtlichkeiten ausgiebigster Völlerei auf höchstem Niveau) waren von ihm zu besten Bedingungen aufgesucht worden.

Oh, ja, es hat schon was für sich, Borschtsch oder Kaviar und Plinis (mit Unmengen vorzüglichen Wodkas) in einem kaum bekannten kleinen Moskauer Edel-Lokal zu verzehren; oder wunderliche Wurstspezialitäten zu Roséwein und paradiesische Süßspeisen zu Kaffee und Brandy und Fado-Klängen in der Altstadt von Porto zu konsumieren; in Venedig nicht nur sündteuren Bellini bei Floriani oder in Harry’s Bar zu schlürfen, sondern Pasta in einem schummrigen Beisl abseits vom Canal Grande zu genießen; oder sich an einem echten Gulyás in Szombathely zu delektieren!

Irgendwann – nein: früh schon, erinnerte er sich – hatte Hans Schutt auch die eine oder andere der vielen griechischen Inseln besucht und (war es auf Korfu? Santorin? Kreta? Lesbos?) seine diesbezüglichen sehr divergenten, doch stets spannenden, ja: abenteuerlichen kulinarischen Erfahrungen gemacht. Die Erinnerung an die vergleichsweise einfache, doch meist überaus wohlschmeckende griechische Küche – mit ihren mannigfaltigen Einflüssen aus antiken, venezianischen, britischen oder türkisch-orientalischen (Besatzungs-)Zeiten – schwang in ihm weiter. Ja, die Geschmackserinnerungen ließen sich ohne großen Gedächtnisaufwand jederzeit evozieren, sie lagen nämlich quasi zungenbereit da zur freien Erinnerungsentnahme!

Dies bestimmte auch Schutts vergleichsweise nachsichtige Einstellung zu Griechenland, während die sogenannte Wirtschaftskrise, längst zur Krise der Europäischen Union aufgedunsen, den Kontinent wieder einmal in beinahe schon feindliche politische Lager zu spalten begonnen hatte. Und Schutt sah sich durchaus als (zwar kritischer, doch einigermaßen) überzeugter Europäer.

Zugegeben, das mit dem Beitritt zur EU, circa zwanzig Jahre zuvor, hatte in seiner verdächtigen Halbaufklärung durch die das Für und Wider grosso modo äußerst salopp analysierenden und noch stümperhafter kommunizierenden Politiker schon etwas beklemmend Vertreterhaftes an sich gehabt; und beileibe nicht alle Schuhe, die da so reflexartig in die (zugegeben, unvorsichtigerweise und ein wenig vorwitzig geöffneten) Türen der umworbenen reichlich naiven Zukunfts-Europäer gestellt wurden, gehörten zu den Füßen wahrer Ehrenmänner! Ja, es war letzten Endes größtenteils eine Husch-Pfusch-Aktion gewesen, getragen von erstaunlicher Chuzpe!

Oh, ja: Das war Schutt naturgemäß aufgefallen, hatte ihn verärgert und wohl auch irritiert.

Dennoch konnte er dem Grundsätzliches dieses europäischen Gedankens auch weiterhin durchaus viel Gutes abgewinnen.

Immerhin gab es keine gröberen kriegerischen Auseinandersetzungen mehr auf diesem früher als Kontinent der eingefleischten Nationalstaaten (und der naturgemäß sowie damit verbunden: eingefleischten Nationalisten!) bekannten und verschrieenen Erdteil; ein Zustand, der auch für die Zukunft vergleichsweise große Chancen des Überlebens versprach; einer, der mit etwas Glück und Geschick womöglich überhaupt zum permanenten werden könnte …

Also schienen Schutt, dem Kritiker, pensionierten Kulturjournalisten und satirischen Schriftsteller, zumindest vorderhand einmal immer noch die Positiva in Sachen EU zu überwiegen. (Auch wenn ihm bei so viel dauernder Bankenrettung und dem unverschämten Prolongieren zumindest indirekter Spekulationsgeschäfte in größtem Stil mitunter die Luft weg blieb …)

Ohne jede Frage“, so belehrte Onkel Hans seinen Neffen Bertl anlässlich eines neuerlichen biergemütlichen Zusammensitzens in der „Schaluppe“, „wollen wir an einer Organisation wie der Europäischen Union, die sich quasi genuin (er, Schutt, liebte, so schien es zumindest seinem jungen Verwandten, dieses gespreizte Wort: genuin! Anm.) der Friedenssicherung verschrieben hat, nicht alles runtermachen, was ohne Frage runterzumachen wäre. Aber -“

Aber?“, fragte Bertl, nun doch einigermaßen gespannt.

Aber so was ganz Besonderes ist diese Europäische Union auch wieder nicht.“

Nicht …“, wiederholte der Neffe, ein wenig dumm dreinblickend, über sein Krügelglas hinweg.

Nein“, fuhr Onkel Hans zu dozieren fort, „Nimm zum Exempel – Griechenland. Gut. In seiner sprichwörtlichen Schlitzohrigkeit seit der Antike optimal geübt, hätte dieser im Allgemeinen überaus gemächlich agierende Staat – auch so ein typisches Völkerkonglomerat übrigens! -, der sich immer schon (zwar fälschlicherweise, aber anstandslos und gern) als die Wiege der Demokratie feiern ließ, vermutlich ohne Europäische Union diese sogenannte (oder echte) Wirtschaftskrise auch und vielleicht sogar besser überstanden als so.“

Bertl verstand nicht ganz, worauf der Onkel hinaus wollte. Er nahm vorsichtshalber einen großen Schluck vom Bier. Und schmatzte dezent.

Besser noch: Nicht auf Teufel komm ‚raus – und unter Vortäuschen von wesentlich mehr Prosperität in seiner (in Wahrheit und traditionell weitgehend maroden) Wirtschaft – in die a priori schon einigermaßen skurrile Formation EU hineingetrickst, hätte es Griechenland, so der Onkel, sogar mit Sicherheit leichter gehabt!

Auf jeden Fall indes wäre der traditionsreichen Nation die Schmach des Schmuddelkindes und Armutschkerls der insgesamt doch ziemlich hochnäsigen Staatengemeinschaft erspart geblieben. Vermutlich hätte das den Griechen gut getan. Gut gefallen hätte es ihnen allemal …“

XII

Die Explosionen: Elementar! Unerwartet! Erschütternd! Ja, just die Jubiläumsfeier der „Schaluppe“ – das beliebte Lokal war, wie schon erwähnt, vor nunmehr 125 Jahren als Gastwirtschaft „Zur blauen Gans“ gegründet worden – hätte man sich wohl anders vorgestellt! Ganz anders!

Um, bei allem Widerstreben dagegen, die reichlich abgeschmackte Floskel zu verwenden: Die Katastrophe kam aus heiterem Himmel. Und sie steigerte sich zur Kettenreaktion von unvorstellbarer Wucht. Die Explosionen waren – in Wahrheit – unbeschreiblich. Weil sich der Deskription solcher schier elementaren Ereignisse die Worte buchstäblich verweigern! Sie verweigern sich. Und sie verweigern dabei dem, der sie zu Papier (oder zu Computer) zu bringen versucht, in gleichsam karitativem Ungehorsam den Dienst.

Es sträubt sich – vom Schreibenden einmal abgesehen! – in den Verben selbst schon alles, angesichts der fürchterlichen Bilder des Schreckens, die durch die freiwerdenden negativen Kräfte ausgelöst worden zu sein scheinen. Zusätzlich zu dem hier den unmittelbar und den mittelbar Betroffenen widerfahrenden Unglück wirken nämlich sogleich (und oft nachhaltiger noch als das real Eingetretene) die Imaginationen eben dieser verheerenden Geschehnisse. Und dies auf Beteiligte wie auf bloße Beobachter und sogar auf weitgehend Außenstehende.

Wenn wahre Wogen von Blut und Staub die Luft erfüllen, wenn Schutt und Asche auf einen Schlag, der in Wirklichkeit aus vielen einzelnen Schlägen besteht, beinahe alles Leben auslöschen, wenn die Kakophonie der Zerstörung auch akustisch einsetzt, dann hört zuletzt sogar die Sprache auf, so zu funktionieren, wie es der Sprechende eigentlich von ihr gewohnt ist und es von ihr verlangen zu dürfen meint. Ja, auch das beschreibende Wort tritt stumm zurück hinter die übermächtigen Kräfte der Zerstörung, Verletzung und Auslöschung. Und der Trauer. Des unsäglichen Schmerzes.

Doch erzählen, ein wenig erzählen …, andeuten, ja: andeuten, muss man es …, immerhin … Dazu sind Geschichten doch da. Also.

Vermutlich wird sich in der Tat nie erklären lassen, wie sich das alles, was sich da abspielte, wirklich ereignet hat. Und das beginnt schon damit, dass nicht mit Sicherheit zu eruieren ist (und auch zukünftig nicht zu eruieren sein wird), wer nun tatsächlich die Verantwortung zu tragen hätte für diese Katastrophe, wenn jemand überhaupt sie tragen wollte (oder dafür einstehen könnte).

So viel freilich steht fest: Absolut wird als das Mastermind des furchtbaren Anschlags anlässlich der Jubiläumsfeier des Lokals angenommen. Ja, so sehr das auch erstaunen mag. Doch auch er wird immer noch unter den Todesopfern vermutet. Oder, eine Variante: Er ist rechtzeitig abgehauen …

Übrigens sind längst noch nicht alle der beklagenswerten, durch die Sprengsätze und Bomben Hingemeuchelten identifiziert. Auf Grund des jämmerlichen Zustands all dieser menschlichen Reste – Organe, Gliedmaßen, Köpfe et cetera können nur schwer bestimmten Personen zugeordnet werden – tappen die Behörden leider weiterhin mehr oder minder im Dunkel. Doch das bezieht sich letztlich nicht nur auf die Beteiligten (und somit auf die zu Schaden Gekommenen oder gar auf die Toten), sondern auch auf den Hergang des ganzen widerwärtigen Anschlags.

Immerhin liegen den Ermittlern von Polizei, Armee und Geheimdiensten zwar Unterlagen vor, die mit größter Wahrscheinlichkeit auf Absolut als Fadenzieher der unvorstellbaren und gleich unmenschlichen wie sinnlosen Terror-Aktion hindeuten. Auch dass er, sollte er denn tatsächlich der große Unbekannte gewesen sein, über eine vermutlich gar nicht so geringe Anzahl von Helfern und Mitwissern verfügt haben dürfte, steht wohl weitgehend außer Zweifel. Doch –

Absolut – wer hätte das gedacht? Der eher unscheinbare, stets freundliche (fast schon servile) Absolut, der in Wahrheit Alexander Wurzinger heißt (oder geheißen hat), als ziemlicher Eigenbrötler beschrieben wird und sogar einen Abschiedsbrief hinterlassen haben soll. In diesem Schreiben beruft er sich (angeblich, dicitur!) auf ein zweites, vermutlich umfangreicheres Schriftstück, in dem Genaues Über unser großes Abschiedsfest vermerkt sei … Dieser Brief bleibt indes unauffindbar – wie so manches andere auch in der ganzen gleich delikaten wie bösen und von Ungereimtheiten nur so strotzenden Angelegenheit … Wie hier überhaupt schon das Terrain der gröberen Spekulationen beginnt, da die wenigen wirklich auswertbaren Spuren in durchaus divergente Richtungen weisen. (Doch sogar diese eben getätigte eher dürre Angabe ist durch nichts bestätigt. Und die Polizei schweigt sich aus – oder die Ermittler wissen tatsächlich nichts.)

Eine Sub-Theorie besagt, dass Absolut, wenn er schon der große Finsterling in der ganzen traurigen Sache sein soll, die sogenannten Cowboys mit einem Bombenanschlag auf die „Schaluppe“ beauftragt habe; wobei diese Cowboys als eine eher obskure Kleingruppe von drei jungen Männern beschrieben werden. Bisher seien die Burschen allerdings noch nicht besonders in Erscheinung getreten. Ob allerdings Hugo, Emil und Peter Gluntsch, ja, genau: die ziemlich übel beleumundeten Brüder der „Schaluppe“-Kellnerin Eva, tatsächlich die Attentäter gewesen sind, wird ohnehin kaum zu klären sein – bei der verheerenden Spurenlage. Immerhin sind auch die drei Cowboys, die, aus welchem Grund auch immer, so genannt werden, seither verschwunden. Wie vom berühmten Erdboden verschluckt oder von der halbverdorrten Prärie aufgesogen …

Ach ja, Eva ist an besagtem Tag nicht zum Dienst erschienen, was sich später allerdings rasch aufgeklärt hat, und auch Bertl fehlt von der Stammkundschaft; wir wissen: Eva & Bertl …

Dann gibt es noch den Hinweis auf einen gewissen Engelbert Cyriak Schmoll und auf dessen erwiesene Verbindung zum CIA. Er soll – auch das ist bloß angeblich (obschon wir es wissen) – in den vergangenen Wochen, knapp vor der Katastrophe, und mit zwei bisher noch unbekannten Männern einige Male in der „Schaluppe“ aufgetaucht sein. Wie konspirativ die Besprechungen anlässlich dieser Besuche gewesen sein und welchem Zweck sie gedient haben könnten, ist derzeit allerdings ebenfalls immer noch nicht evident. Zudem fehlt auch von Schmoll jede Spur.

Von (reichlich ominöser) Informantenseite – irgendwelche Ratten, die vorgeben, von etwas etwas gewusst zu haben, schlüpfen ja bekanntermaßen nach Unglücksfällen, Katastrophen, Börsenstürzen, ausgebliebenen Weltuntergängen und auch nach solchen Terroranschlägen wie eben diesem gern aus ihren angestammten Löchern, um sich wichtig zu machen oder irgendeine potenzielle Belohnung einzuheimsen! -, von Informantenseite also wurde außerdem auf den Roma-Musiker István Knczic´ und seine Band hingewiesen; deren Mitglied, nämlich der an sich (angeblich) grandiose Zimbal-Spieler, ein gewisser Áttila Horty, soll schon einmal als Falschparker aufgefallen sein … Doch da auch die Mitglieder der superben Zigeunerkapelle, die (wir haben es früher schon einmal angedeutet) eigentlich zum Fest hätten aufspielen sollen, dem scheußlichen Anschlag zum Opfer gefallen sind, führt diese Spur nicht weiter und wird daher auch nicht mehr ernsthaft verfolgt.

Was bleibt, ist zunächst ein riesiges Loch im Ausmaß von mindestens einem Häuserblock in der Straße sowie beträchtliche Schäden an den umliegenden Gebäuden und denen vis à vis, dann vereinzelte tagelang noch glosende Mauerreste, Treppenaufgänge, zerstörtes Mobiliar, zwei ramponierte Klaviere (ein „Ehrbar“-Pianino aus dem Lokal und ein Stutzflügel der Marke „Ittypffel“ aus dem ehemaligen dritten Stock), Einrichtungsteile und in ihrem Formenreichtum erstaunliche Relikte der Sanitäranlagen und der wirtshauseigenen Küchenelektrik. Dazu noch jede Menge an Fragen über das Wer, Woher und Warum … Und die alles überlagernde Ungewissheit.

Ja, und: Wut. Ohnmacht. Ekel. Rauch. Gestank. Schatten von Toten und Gerüchten … Trauer.

Nur Eva und Bertl blieben davon verschont. Und sie waren die einzigen von all den Bekannten, die von dieser Katastrophe in der Tat nicht betroffen waren.

Nicht dass sie nicht betroffen waren, als sie davon vernahmen! Nein, sie waren naturgemäß erschüttert! Und auch sie vermochten sich keinen Reim darauf zu machen, was da (und in welchem größeren Zusammenhang) überhaupt und wie es passieren hatte können.

Aber – ihnen zumindest war nichts geschehen bei all dem Unglück, dessen Ausmaß, wie es erste Berichte schon andeuteten, in der Tat enorm gewesen war; und dessen Folgen unabsehbar, sodass sich Schallwellen und Rauschwaden, Brandgeruch und die gellenden Schreie der Opfer praktisch über das ganze Stadtgebiet von Cruxstätten hinweg ausgebreitet hatten.

Tagelang glommen die Glutnester vereinzelt noch. Bis zur Unkenntlichkeit zerfetzte Leichen und eine Vielzahl von schwer wie leicht Verletzten waren die menschliche Bilanz. Staub und Rußpartikel hingen viele Tage lang über dem Ort des feigen Bombenanschlags und über den benachbarten Straßenzügen. Und noch etwas: Obschon die Aufräumarbeiten durchaus in geziemender Geschwindigkeit durchgeführt wurden, lähmte das, was hier geschehen war, im übertragenen Sinn auf längere Zeit das gesamte Leben an der Lurach.

Eva und Bertl blieben davon verschont.

Denn die Liebe hatte sie vor dem Untergang bewahrt. So wie es Paulus (1. Korinther, 13. Kapitel) beschreibt: „Die Liebe übt Nachsicht; in Güte handelt die Liebe. Sie eifert nicht; die Liebe macht sich nicht groß, sie bläht sich nicht auf. Sie benimmt sich nicht ungehörig; sie sieht nicht das Ihre; sie lässt sich nicht verbittern; sie rechnet das Böse nicht an. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Und Paulus fügt final an: „Die Liebe hört niemals auf.“

Das stimmt allerdings in diesem Fall nur bedingt.

Der Eva Gluntsch, die eine Zeit lang sozusagen wunschlos glücklich gewesen zu sein schien, ging nach und nach seltsamer Weise zwar nicht gleich die ganze Zuneigung und ach so große Liebe zu ihrem Bertl verloren; nein, gewiss nicht; aber …, immerhin stumpfte beider so inniges Verhältnis peu à peu doch ab. Und da Eva immer noch einigermaßen konsequent war, verließ sie ihren Liebhaber schließlich und wandte sich einem aufstrebenden Architekten namens Georg Wibaral zu.

Bertl Bählamm war zunächst am Boden zerstört.

Er soff noch mehr als zuvor (wenn dies überhaupt möglich war). Und aus dem alten Dauerrausch im Angedenken an den dahingegangenen Cinesasten-Freund Bruno sowie der Trauer, geschuldet dem Verlust seines charmanten und generösen Onkels, Hans Schutt, und der ganzen „Schaluppe“ – inklusive vieler Freunde und des unvergessenen Küchengenies Gertrude -, entstand in seinem neuen Stammlokal, „Zum grünen Espenlaub“, sukzessive ein ebenso neuer Dauerrausch.

Ein neuer Dauerrausch – sozusagen aus Weltschmerz heraus, der eigentlich und in Wahrheit (zumindest zum größten Teil) ein Eva-Rausch war. Und einer aus Eva-Schmerz heraus.

Doch auch so was hält nicht ewig an.

Nein, besonders der Weltschmerz erweist sich immer wieder als nicht recht abendfüllend.

Bertl lernte in einem der, zugegeben: wenigen hellen, also weitgehend alkoholfreien Momente, die er, sei es aus finanziellen Rücksichten heraus, sei es wegen des inzwischen schon bedenklichen Zustands seiner Leber wegen, doch hin und wieder einlegte, eine gewisse Sonja Zweiß kennen. Und die beiden fanden auf Anhieb (und eben in aller Nüchternheit!) Gefallen aneinander.

Zwar entzündete das Paar in seiner primären Nacht keinen schäbigen Teppich, den es sodann mittels Bieres zu löschen gegolten hätte; aber mit der Liebe haute es dann doch ganz gut hin.

Die Frage, ob sie denn wirklich niemals aufhöre, diese ominöse Liebe, lassen wir hier freilich lieber unbeantwortet.

Vielleicht besteht zwischen ihr und den Börsenkursen für Katzenstreu doch eine Beziehung.

Oder aber: Der Mensch ist eben einmal so, wie er ist.

In Cruxstätten an der Lurach und anderswo.

E N D E

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